Sir John Retcliffe: Um die Weltherrschaft! Zweiter Band
Biarritz.
Von
Sir John Retcliffe.
(Verfasser des Romans »Sebastopol.«)
Zweite Abtheilung:
Um die Weltherrschaft!
Zweiter Band.
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Berlin!
(Fortsetzung.)
»Ich bin ermächtigt, Ihnen dies Honorar für Briefe und Manuscript zu bieten, - oder stellen Sie selbst Ihre Forderung.«
»Es genügt - auf meine Bedingungen hin. Der Handel ist abgeschlossen und hier sind die Papiere.«
Der Doctor schloß das Seitenfach auf und holte das kleine Päckchen Briefe und Blätter hervor, denen er vorhin die Probe entnommen, deren Einsicht den Besucher so sehr aufgeregt hatte. »Nehmen Sie - ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich nicht das Geringste zurückbehalten habe. Aber sehen Sie selbst nach, wenn Sie wissen, um welche, wahrscheinlich der Schreiberin entwendete Papiere es sich handelt. - Hier ist auch das bereits fertige Manuscript - dort im Kamin glühen noch Kohlen genug.«
Der Fremde schleuderte das kleine Heft, als hätte er glühendes Eisen zwischen die Finger genommen, in den Kamin, wo es alsbald ankohlte und in Flammen aufging. Dann sah er sorgfältig die Papiere nach und band sie mit
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einem tiefen Seufzer wieder zusammen. »Arme Amalie! - Ich kann nicht wissen, was jener Dame entwendet worden und muß mich auf Ihr Wort verlassen. Nur sprach man mir von einem Tauf- und Todtenschein ...?«
»Sie müssen meiner Versicherung glauben - es war Alles, was die Leute mir gaben, - so viel ich sah, was sie überhaupt hatten. Von den beiden Scheinen war unbedingt Nichts dabei. - Noch einen freundlichen Rath - Sie hatten vorhin auf der Treppe ein Rencontre mit einem Herrn?«
»Ja - er rannte mich fast um,« sagte der Fremde zerstreut.
»Nun wohl - Sie haben nicht für gut gehalten, mir Ihren Namen zu sagen - aber, wenn ich recht gesehen, waren Sie so - so unvorsichtig, jenem Menschen Ihre Karte zu geben.«
»Er glaubte sich durch meine ausgesprochene Meinung beleidigt. Es war allerdings unvorsichtig - auf diesem Gange! Es läßt sich indeß nicht ändern.«
»Nun - die Sache geht ja eigentlich mich und unsern Verkehr Nichts an - aber ich möchte Sie vor dem Mann warnen, er ist einer jener polnischen Gurgelabschneider, die wieder stark ihr Wesen zu treiben beginnen und eine Ehre darin suchen, jedem Deutschen einen Streich zu spielen.«
»Es wird seine Sache sein, ob er von sich hören läßt oder nicht. Ich weiß nicht einmal seinen Namen. - Leben Sie wohl Herr und - halten Sie Ihr Wort!«
Er hatte seinen Hut genommen, der Redacteur hielt
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höflich die Thür der Barrière geöffnet - der Fremde hatte bereits die Hand auf den Griff der Thüre gelegt - aber er öffnete sie nicht, er blieb stehen, und wandte sich nach kurzem Besinnen wieder zu dem Journalisten.
»Mein Herr,« sagte er - »mein Benehmen hat Sie wahrscheinlich beleidigt - ich gestehe es, ich hatte Unrecht, ich kam mit einer vorgefaßten Meinung hierher. Verzeihen Sie, was Sie verletzen konnte; - ich muß Ihnen wie ein von schwerer Schuld Belasteter oder wie ein Tollhäusler vorgekommen sein, und dennoch ist Beides nicht der Fall. Ich fühle mich nur darüber unglücklich, daß ich mit meinem Leben nicht den zerstörten Frieden eines andern Lebens zurückkaufen kann.«
»Ich bedauere Sie!«
»Ich kann nur denken, daß ein Mann wie Sie sich aus der Kenntniß jener Schriftstücke das ganze Leben zweier durch die Verhältnisse um ihr Lebensglück betrogener und getrennter Menschen klar gelegt hat. Sie wissen also auch - daß ein Zweifel über die Existenz jenes armen unglücklichen Wesens nahe liegt, das allerdings einer Schuld sein Dasein verdankt, dessen Leben aber doch vielleicht unser Schicksal geändert hätte, auf dem sich wenigstens die Sorge zweier Herzen, die der Aberwitz der Menschen von einander gerissen, begegnet hätte. - Vielleicht wäre es möglich durch Sie eine Spur der Wahrheit zu erhalten.«
»Erklären Sie sich näher - ich bin gern bereit, Ihnen zu dienen, so viel ich kann.«
Der Fremde hatte dem Journalisten die Hand
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entgegengestreckt, dieser schlug ein und zeigte ihm mit warmem Druck, daß sein Anerbieten aufrichtig sei.
»Wie sind Sie in den Besitz der Papiere gekommen?«
»Ich habe Ihnen bereits die Wahrheit gesagt.«
»Kennen Sie die Personen, welche Ihnen die Papiere verkauften?«
»Nein. Ich habe wenigstens das Frauenzimmer, welches die Papiere besaß, nur einmal gesehen und nicht nach ihren Verhältnissen geforscht. Es schien eine gewisse Dankbarkeit, vielleicht auch die Besorgniß, daß man sie ihr bei erster Gelegenheit abnehmen würde, daß sie mir die Papiere anbot, weil ich ihrem Zuhälter durch meinen Rath und die Bekanntschaft mit unseren Criminal-Commissarien aus einer argen Klemme geholfen hatte. Er ist ein Herumtreiber und Lüderjahn der schlimmsten Art, und doch dabei eigentlich ein Genie, freilich ein verkommenes.«
»Kennen Sie ihn, wissen Sie seinen Namen?«
»Ich kenne ihn nur unter dem Spitznamen bei seinen Genossen, einer Gesellschaft von Gaunern und Vagabonden. Er heißt: der schwarze Springer! - Möglich, daß er wirklich Springer heißt, oder daß es von seinem Gewerbe kommt, denn der Mensch soll Schauspieler, Kunstreiter, Seiltänzer, Gaukler, kurz alles Mögliche gewesen sein, und ist in der That ein Bursche, der wohl bei Frauen gewisser Stände eine wahnwitzige Leidenschaft erwecken kann, und eine solche Anziehungskraft scheint er auf das Frauenzimmer geübt zu haben, die jetzt seine Geliebte oder Zuhälterin macht, denn ich glaube schwerlich, daß sie verheirathet sind.«
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»Erinnern Sie sich vielleicht des Weibes, können Sie mir dasselbe etwas näher beschreiben?«
»Es ist eine große blasse Person mit röthlichem Haar. Sie mag vielleicht 27 oder 28 Jahre zählen, obschon sie durch Kummer und Elend, wahrscheinlich auch durch Eifersucht und Mißhandlungen angegriffen älter aussieht. Selbst in den fast möchte ich sagen Lumpen, mit denen sie bekleidet war, sprach sich eine gewisse Koketterie, eine Sucht mehr zu scheinen aus. Auffallend war mir der Ausdruck ihrer großen grünlichleuchtenden Augen!«
»Kein Zweifel - sie ist es - die ehemalige Kammerjungfer der - der Dame, die ich meine!«
»In ihrem Gesicht,« fuhr der Doctor fort, liegt etwas Intriguantes, ich erinnere mich als eines Kennzeichens, das mir auffiel, eines schwarzen Flecks oder Muttermals, das sie auf der linken Seite des Kinns hatte, und das sie trotz ihres kläglichen Zustandes mit dem Band ihrer alten elenden Haube zu verdecken suchte, auch daß sie schöne spitze Zähne hatte und eine eigentlich sehr angenehme Stimme.«
»Es ist so - sie sang sogar gut. Es ist die Person, welche jene Papiere entwendet hat, - wahrscheinlich, um später eine Erpressung darauf zu gründen. Zugleich mit ihr verschwand - oder starb das Kind - sie allein - außer einer Person, die unseren Fragen entrückt ist - kann die Wahrheit wissen. Wann haben Sie jene Person gesehen und die Papiere ihr abgekauft?«
»Ich erinnere mich - am Tage nach dem Begräbniß des Königs kam sie zu mir. Der schwarze Springer ist
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freilich oft in den Händen der Polizei und auch im Gefängniß gewesen, aber er hat es immer meisterlich verstanden, sich vor dem Zuchthaus zu salviren. Diesmal ist er ihm nur mit Mühe und einem glücklichen Zufall, den ich ihm zu benutzen rieth, entgangen. Daher die fast leidenschaftliche Dankbarkeit des Weibes.«
»Und können Sie mir nicht auf die Spur dieser Leute helfen? Ich sage Ihnen offen, - ich könnte die Erreichung meines Zweckes, die Gewißheit über das Schicksal des Kindes - es müßte jeht sechs Jahre zählen - mit einer gleichen Summe honoriren, wie - die Unterdrückung des Romans.«
»Wie ich Ihnen sage - ich habe Nichts wieder von ihnen gesehen und gehört - sie werden sicher Berlin verlassen haben. Von dem Geld, das ich ihnen aus Mitleid für jene Papiere zahlte, wollte der Vagabond, wie ich mich erinnere, einen Leierkasten kaufen.«
»Auch für diese Spur bin ich Ihnen dankbar! Leben Sie wohl, Herr Doctor und - am Besten! - vergessen Sie meinen Besuch!«
Der Fremde öffnete die Thür und entfernte sich, jede Begleitung durch eine energische Vewegung der Hand zurückweisend. Als der Doctor die äußere Thür schließen wollte, sah er draußen vor derselben auf dem Treppenflur einen kleinen verwachsenen, aber mit der den Verwachsenen gewöhnlich eigenen Eitelkeit, anständig und modern gekleideten Mann stehen, der sehr devot den Hut in der Hand hielt.
»Wollen Sie zu mir?«
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»Wenn Sie erlauben, geehrter Herr Chef-Redacteur - ich möchte in einer wichtigen Angelegenheit Sie wohl um eine kurze Unterredung bitten.«
Der Doctor sah etwas geringschätzig auf den kleinen Mann, und überschlug in Gedanken, ob es wohl der Mühe lohne, ihn noch zu empfangen.
»Ich komme in einer Börsen-Angelegenheit, wegen einer Eisenbahnfrage,« flüsterte der kleine Meier, denn dieser war es; »wollten der Herr Doctor nicht die Güte haben, mich anzuhören? - Sie würden das Haus Röder und Compagnie sehr verbinden.«
»Treten Sie ein.«
Eine Stunde darauf verließ der kleine Meier sehr vergnügt das Bureau des Redacteure, der sogleich zur Druckerei schickte und dem Factor sagen ließ - die ›Oeffentlichkeit‹ war ein Morgenblatt, - der bereits gesetzte Leitartikel müsse zurückgestellt werden, er werde anderes Manuscript senden. -
In dem Salon, das heißt im großen Vorderzimmer der Geheimräthin begannen schon die Theetassen zu klirren, - die Gesellschaft hatte sich eingefunden; selbst der große Kritikus war erschienen, freilich etwas spät - doch das gehört zum guten Ton, - und bereits etwas angeheitert, was jedenfalls dem Trauerspiel Fräulein Adelaiden's zu Gute kommen mußte, die an einem besondern kleinen Boudoirtisch von Rosenholz saß, das Manuscript von ›Ewald und Theodolinde‹ vor sich, zur Seite zwei Doppelleuchter mit brennenden Wachskerzen trotz der ganz guten Gasbeleuchtung des ›Salons‹, und einen höchst
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mißbilligenden Blick nach dem ›Speisesaal‹ warf, von woher die unästhetische Schwester noch mit Gläsern und Tellern klapperte, damit sie endlich die große Vorlesung, Act IV., in dem das Unglück der beiden durch die Hand des Fatums in Eifersucht und Verläumdung getrennten Liebenden bis zum, wie die Geheimräthin zu behaupten pflegte, Unerträglichen sich steigerte, beginnen könnte. Ja bis zum Unerträglichen; denn der große Kritikus und selbst die beiden Gardelieutenants schienen es kaum noch ertragen zu können, so unruhig rückten sie in den Fauteuils, und so sehnlichst durstige Blicke sandten sie von den Erquickungen des geheimderäthlichen Thees - und in diesem Artikel sind die Berliner Geheimräthinnen bekannt und gefürchtet, wie die Sachsen mit der Sauce zum Kalbsbraten und dem Blümchenkaffee! - nach den Thüren, hinter denen hoffentlich etwas Substantielleres geboten wurde, als das unglückliche von den Intriguen des Hülsenschen Lesecomité's verschmähte Trauerspiel.
Nebenan aber im Cabinet des Geheimraths Görling saß dieser und schrieb an dem großen Schlußreferat über die ...Eisenbahn und spickte es mit solchen Zahlen und scharfsinnigen Bemerkungen aus, daß dem entscheidenden Minister gewiß ganz blümerant um den Kopf wurde und er nicht anders sagen konnte, als: diese oder keine! und wieder nebenan, im Redactionsbureau der ›Oeffentlichkeit‹ saß der Doctor Heitel und seine Stahlfeder flog über das Papier, daß die auf die einzelnen Streifen harrenden - und so wie einer herunter war, mit diesem davon zum Setzersaal fliegenden - Druckerjungen einen wahrhaft
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heiligen Respect vor der Gelahrtheit des gefürchteten Chefredacteurs kriegten, und am andern Tag sicher kein Hund in Berlin einen Bissen Brod und noch viel weniger eine Actie aus der Hand des eigennützigen, jedes staatsökonomischen Blickes entbehrenden Consortiums genommen hätte, das es versucht, gegen eine so klar vortheilhafte und wichtige Linie, wie die des Kommerzienraths Röder und seiner Gesellschaft in die Schranken zu treten, und daß Bankier X. und Baurath Y. und Geheimrath Weber und wie sie Alle hießen, die der Artikel systematisch zerfleischt hatte, kaum wagten, sich auf der Börse oder auf der Straße blicken zu lassen!
Also geschah es, daß der Geheime Rath Görling in den Verwaltungsrath der ...Eisenbahn kopfüber kopfunter gestürzt wurde und später in den Kammern unter allerlei bissigen und unlautern Bemerkungen der Opposition die staatliche Zinsgarantie mit vierundeinhalb Procent zu vertreten hatte.
Wir haben den Fremden, der sich dem Redacteur der ›Oeffentlichkeit‹ gegenüber als Lieutenant oder Hauptmann Hermann, kurz als Offizier bekannt, das Redactionsbureau verlassen sehen und begleiten ihn noch einige Augenblicke auf dem Wege durch die Straßen.
Er ging in der Richtung nach dem Dönhofsplatz und hatte auf dem Trottoir noch keine zweihundert Schritte gemacht, als er auf einen Herrn im Paletot traf, der ihn hier erwartet zu haben schien; denn derselbe trat sofort an seine Seite und ging neben ihm her, ohne daß Beide sich weiter
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unterhielten. Erst als sie an der Ecke des Platzes angelangt waren und nun quer über den weiten ziemlich menschenleeren Raum schritten, wandte sich der Zweite - ein Mann in den Vierzigern, mittelgroß, von kräftiger Gestalt, an den Officier.
»Nun mein Herr - welches Resultat?«
»Ein günstiges, wenigstens in einer Beziehung. Es war, wie wir gefürchtet, - es handelte sich in der That um die Personen und die Verhältnisse, die Sie kennen.«
»Und nun?«
»Ich bin im Besitz sämtlicher Papiere, - wenigstens hat mir Ihr Kollege sein Ehrenwort gegeben, daß es alle sind, die er selbst zu Gesicht bekommen hat, und nach der eigenthümlichen Scene, die zwischen uns der Auslieferung dieser Papiere voranging, glaube ich seinem Wort.«
»Erlaubt es der Vorgang, daß Sie mir Näheres erzählen?«
»Warum nicht? Ueberdies müssen Sie die freilich geringen Auskünfte erfahren, die er mir geben konnte.«
Sie gingen auf dem Platz auf und nieder, und der Offizier erzählte dem aufmerksam Zuhörenden Wort für Wort den Hergang.
»Ich sagte es Ihnen ja im Voraus, daß Sie mit Drohungen bei ihm Nichts ausrichten würden.«
»Es waren keine Drohungen! Nachdem ich mich von dem Dasein der Papiere überzeugt, hätte ich sie nur mit dem Leben in seinen Händen gelassen.«
»Desto besser, daß es jetzt so gekommen ist, und die Fürstin, als sie Sie herüberrief, das leichtere Mittel zu
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unserer Disposition stellte. Sie wird glücklich sein, die Papiere, wenn auch um die hohe Summe, zurück zu erhalten. Sie wird bedauern, nicht mehr hier zu sein, um sie selbst in Empfang nehmen zu können.«
»Schreiben Sie ihr,« sprach der Officier mit dumpfer Stimme, »daß sie jeden Augenblick zu ihrer Disposition stehen - bis dahin sollen sie nicht von meinem Herzen kommen. Leider muß ich Ihnen die weiteren Nachforschungen überlassen, da ich noch mit dem Nachtzuge zurück muß - ich bin ohne Urlaub abwesend.«
»Seien Sie und die Frau Fürstin versichert, daß ich alles Mögliche aufbieten werde. Der Fingerzeig, den Doctor Heitel Ihnen gegeben, so gering er ist, ist doch von Wichtigkeit, da er mit dem Resultat meiner eigenen Ermittelungen zusammenstimmt, und vielleicht ist es möglich, noch diesen Abend Gewißheit darüber zu erhalten und zu erfahren, wo jenes Paar jetzt zu finden ist.«
»Wie so?«
»Ich werde noch heute Abend - in einer Stunde - einen jener Orte besuchen, wo der Auswurf Berlins zu verkehren pflegt und man solche Dinge am Ersten erfährt. Ein Mensch, wie Sie den ›schwarzen Springer‹ beschrieben, kann seinen Genossen nicht leicht aus den Augen kommen.«
»Aber begeben Sie sich nicht selbst unnütz in Gefahr!«
»Keine Besorgniß - ich gehe in Begleitung eines Polizei-Commissairs, der mich zu dem Gange durch diese Nachthöhlen Berlins abholen wird - und eigenthümlicher Weise zunächst an einen solchen Ort, der grade in dem Hause gelegen sein soll, das Sie eben verlassen haben. Er
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will mich um halb zehn Uhr bei Becker abholen. Trinken Sie bis dahin ein Glas Wein dort mit mir?«
»Entschuldigen Sie mich - ich muß noch nach dem Hôtel zurück, um mich zu der Fahrt fertig zu machen. Gott gebe Ihnen einen günstigen Erfolg. Sie wissen jetzt meine Adresse - und wenn ich Ihre Güte nochmals in Anspruch nehmen darf, so schreiben Sie mir davon zugleich mit dem Brief an die Fürstin.«
Der Andere versprach es, und so schieden die beiden Männer.
Die bürgerliche Gesellschaft hat ihre Cloaken, so gut wie das Haus, die Straße! Solche Cloaken der Gesellschaft sind in den großen Städten gewisse Tabagien und Kneipen der untersten Art - in Berlin, das sich durch seine inhumane Bauart auszeichnet, gewöhnlich Kellerlocale der obscursten Art, in der Volkssprache als ›Bum's‹ oder ›Verbrecherkeller‹ bezeichnet. Etwas höher stehen die ›nächtlichen Konditoreien‹. Die neuere Zeit hat in dieser Beziehung etwas aufgeräumt - aber die höchst moralische Gewerbefreiheit der Tingeltangels in unserer gesitteten Culturepoche hat dafür andere Sousterrain-Kreise geschaffen, ohne die alten ganz zu verdrängen.
Gewissermaßen ist es der Polizei eine Nothwendigkeit, solche Locale bestehen zu lassen, in welchen sich der gefährliche Theil der Bevölkerung zusammen findet: Verbrecher aller Art, Hehler und Vagabonden beiderlei Geschlechts, um bei einer nothwendig gewordenen Razzia oder Suche
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das Wild gleich auf dem Sammelplatz zu finden. In allen Hauptstädten der Welt wird diese Nothwendigkeit anerkannt.
Zur Periode, in welcher die gegenwärtigen Scenen unseres Buches spielen, gaben die Berliner ›Verbrecherkeller‹ in der Mannigfaltigkeit und den Eigenschaften ihres Publikums kaum Etwas den berüchtigsten Höhlen von Paris, London und New-York nach, bis auf das Contingent der brutalen Mörder und Räuber, das an jenen Orten stärker vertreten ist. Dafür blickt in den Berliner Localen dieser Art ein gewisser pikanter Zug durch, der den unteren Volksklassen Berlins überhaupt eigen ist, und sie unterscheiden sich von jenen auch dadurch, wahrscheinlich in Folge der verschiedenen Localität, daß hier nicht blos die absolute Domaine der Verbrecher und Taugenichtse ist, sondern auch oft ein ganz ehrliches Publikum aus der untersten Klasse seine Erholung sucht, freilich grade nicht zum besondern Gewinn seiner Moralität.
Solche Locale gab es nicht blos vor den Thoren, in den vorzugsweise von den untern Volksklassen bewohnten Straßen und Stadttheilen, sondern auch mehrfach im Herzen der Stadt selbst, meist der Polizei wohlbekannt - andere ihr oft gänzlich unbekannt, bis irgend ein Vorkommniß ihren Charakter enthüllt.
Der ›Bum's‹, in welchen wir den Leser, der in unserem Buch sich schon oft genug in den höchsten Kreisen der Gesellschaft oder in den abenteuerlichsten Scenen bewegt hat, jetzt führen wollen, - befand sich, wie schon angedeutet, in demselben Hause, in welchem bereits so
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verschiedene Scenen dieses Capitels gespielt haben. Aus der Einleitung desselben weiß ferner der Leser, daß der öffentliche Eingang dieser Keller-Boutique von einer engen Seitenstraße her stattfand.
Der Berliner sogenannte Boutiker, das heißt die Wirthe der gewöhnlichen kleinen Keller-Restaurationen, bildet eine ganz eigenthümliche, im Allgemeinen sehr strebsame und rechtschaffene Bewohnerklasse, die es häufig eben durch Fleiß und Sparsamkeit zu Vermögen und nament-zum Hausbesitz bringt. Dazu hilft ihm besonders auch die Frau, meist aus der dienenden Klasse hervorgegangen, die sich ganz vorzüglich zu diesem Geschäft eignet.
Es giebt aber unter diesem sonst ganz achtbaren Stand auch der räudigen Schaafe nicht wenige, und diese eben sind es, die solche Kellerkneipen halten, in welchen die Verbrecher- und Vagabondenwelt verkehrt.
Wir führen also den Leser in diesen Keller, der - wohlgemerkt - noch keiner der schlimmsten seiner Art war.
Eine sehr düstere durch die staubüberzogenen seit lange nicht gereinigten rothen Scheiben leuchtende Gaslaterne verkündigte am Abend nach Außen die Restauration »Kalt und warm gespeist, einheimische und fremde Biere«, während bei Tage die beiden von äußerst kunstfertiger Hand eines Stubenmaler-Lehrlings gefertigten Seitenschilder der Thür mit dem saftigen Schinken, der angeschnittenen Preßwurst und der schaumgefüllten Weißen nebst der rothen Rosoglioflasche wunderbare Herrlichkeiten den Hungernden und Durstenden verhießen. Zehn Stufen führten hinab zu der mit rothen Gardinen vor den Scheiben für
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gewöhnlich verhüllten Glasthür, deren Anblick überdies um diese Stunde bereits durch die wenigstens an einander gelegten äußeren hölzernen Ladenthüren den weniger eingeweihten Besuchern entzogen war. Eine der mittleren Stufen vor der Glasthür war übrigens so eingerichtet, daß wenn der Fuß sie betrat, ein Mechanismus im Innern des Ladens eine Klingel ertönen ließ.
Hatte man die Glasthür geöffnet, so befand man sich zunächst in dem Verkaufsladen, dem ›Buffet‹, das mit dem nächsten Zimmer wieder durch eine Glasthür in Verbindung stand. Aber auch der Laden enthielt für die flüchtiger verweilenden Gäste schon rechts und links ein Paar Tische, wo jene sich zum ›Stehseidel‹ oder der ›kleinen Weißen‹ niederlassen konnten.
Quer über die Mitte des Ladens lief der Tisch, der vorn mit einem etwa anderthalb Fuß hohen Holzgitter zum Schutz der hinter ihm aufgestellten Herrlichkeiten versehen war.
Da stand zunächst auf einer Schüssel schon halb aufgeschnitten in natura der große rosig und saftig aussehende Schinken und neben ihm eine große Schüssel mit Kartoffelsalat. Teller mit kalten Coteletts, allerlei angeschnittener Wurst, hartgekochten Eiern, ein Tönnchen mit marinirten Heringen und Rollaal vervollständigten dies Büffet, während an dem Säulenbogen darüber und von der Decke noch ein ganzer Vorrath von Würsten, Speck, Schinken, Zwiebelreihen und dergleichen niederhing, und an der Hinterwand, rechts und links von der Thür zu einer Schlafhöhle - wir brauchen absichtlich dies Wort,
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da hier hinein sich niemals das Tageslicht verlor, hölzerne Regale mit Gläsern und Flaschen aller Art sich befanden, unter denen Kümmel, Spanisch Bitter, grüne Pommeranzen, Parfait d'Amour und das wahrhaft furchtbare chemische Gemisch, das jene Locale ›Cognac‹ zu nennen belieben.
Hinter dem Schanktisch handthierte Madame Nowak, die Gattin des Boutikers, an deren Schürze zwei Jöhren von vier und sieben Jahren hingen.
Madame - es ist eine Eigenthümlichkeit der Berliner der unteren Stände, die französische Benennung statt des einfachen edlen deutschen Ausdrucks ›Frau‹ zu brauchen! - Madame Nowak war, ganz im Gegensatz des Ehepaars zu seinen Kollegen in dem Gartenlocal des Quergebäudes, das wir früher dem Leser vorgeführt - eine fast kolossale Frau, von Formen, gegen welche die Venus vulgivaga im Museo Bourbonico zu Neapel bloße Andeutungen gab, mit schwarzen Haaren, einem ziemlich stark ausgeprägten Schnurbart, und einem sehr energischen Willen. Warum sollen wir es hier, im vertrauten Kreise unserer Leser - auf Leserinnen rechnen wir ohnehin nicht!! - verschweigen: Madame Nowak war eine Dame, deren Vergangenheit allerdings nicht ganz vorwurfsfrei war, kurz, die Manches erlebt und manchen Sturm über sich hatte ergehen lassen. Aber seit sie der ehemalige Hausdiener Nowak in dem sehr zweifelhaften Hôtel ihres Verweilens in den fünfziger Jahren zu seiner Gattin erkoren hatte, war sie in Bezug auf die eheliche Treue und Diskretion, wie man es sehr häufig in solchen Verhältnissen findet, eine ganz makellose, ja musterhafte Gattin gewesen, in Folge dessen sie es auch nach
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und nach glücklich zu zwei ehelichen Sprößlingen gebracht hatte. Thatsache - und zwar eine unter den Besuchern des Bums sehr bekannte und gefürchtete - war, daß Madame Nowak nicht blos über Gatten und Kinder eine äußerst handfeste Controlle übte, sondern ebenso in dem ganzen Local, wenn ihr etwa die Ungenirtheit der Gesellschaft zu arg oder zu gefährlich wurde.
Madame Nowak trug ein hoch hinaufgehendes dunkelgrünes Wollenkleid und einen quer über den sehr stark ausgeprägten Busen geschlungenen und auf dem Rücken gebundenen gelben Shawl, was mit den flatternden hochrothen Bändern ihrer Haube einen sehr genialen Eindruck machte, und war eben beschäftigt für einen der Gäste des Ladens, nach dem Rock und Abzeichen ein Mitglied der Scabel'schen Straßenreinigungs-Compagnie, eine Weiße einzuschenken, wobei der zurückgekrämpelte Aermel die Kraft ihrer Gelenke und den breiten Bau ihrer Hand zur Genüge zeigte.
Aus dem Laden führte die erwähnte, jetzt halb offenstehende Glasthür in ein größeres niedriges Zimmer, in dem ein altes sehr abgenutztes Billard stand, das von zwei darüber angebrachten Gaslampen erleuchtet wurde. Die Gesellschaft schien hier bereits eine gemischte, das heißt aus noch ehrlichen oder halb ehrlichen Leuten und ausgeprägten Spitzbuben zusammengesetzte, denn es befanden sich außer einigen Arbeitern ein Paar sehr junge Burschen mit ziemlich guten Röcken - wie Commis irgend eines größeren Geschäftes aussehend - und ein Mann dort, der der Packer oder Austräger in demselben Geschäft zu sein
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schien nach ihrer gelegentlichen Unterhaltung. Diese Drei spielten einen Kegelboule mit einem langen Menschen von etwa sechs- bis siebenundzwanzig Jahren in outrirt aufgeputzter Garderobe, dessen Gesicht einmal hübsch gewesen sein mußte, jetzt aber in den tief liegenden verschmitzt und frech blickenden Augen, in den hagern Wangen und den Falten um den Mund, die der blonde Schnurbart nicht verdecken konnte, alle Spuren eines ausschweifenden lüderlichen Lebenswandels trug.
Der lange Bursche hatte einen abgeschabten grünen Jagdfrack an und dazu trotz der noch immer sehr rauhen Jahreszeit, lange helle Beinkleider von Sommerstoff. Dazu trug er einen hohen grauen Hut flott auf das linke Ohr gestülpt und schwang das Queue mit einer gewissen barbiermäßigen Grazie, während die Linke die Hosentasche nur verließ, wenn sie den Bock beim Stoß machen sollte oder die Cigarre aus dem Munde entfernte, welches Letztere jedoch nur ausnahmsweise geschah, da er den Glimmstengel selbst während des Redens zwischen den Zähnen behielt, was seiner Sprache etwas Schnarrendes gab. Die beiden Ladendiener und der Austräger hörten übrigens seinem sehr geläufigen Discours mit einer gewissen Bewunderung zu, wobei alle Drei häufig sehr sehnsüchtige Blicke nach der Thür warfen, welche der erwähnten Glasthür des Ladens gegenüber zu einem dritten Raume führte, aus dem her ein gedämpftes Durcheinander von Stimmen, die Töne eines Leierkastens und einer Ziehharmonika und das Stampfen eines bacchanalischen Tanzes herüberdrangen, wenn die Thür, über welcher die große Inschrift hing:
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›Garderobe‹ geöffnet wurde, was übrigens häufig geschah, da fortwährend Personen nach dem Billardzimmer ab und zu gingen.
Jedesmal, wenn die Thür geöffnet wurde, konnte man in den Raum hinunter sehen, der noch einige Stufen tiefer zu liegen schien, als die anderen Keller-Localitäten. Es war dies ebenfalls nur ein Durchgangszimmer von schmalen Dimensionen, aus dem links ein Zugang nach der Küche zu führen schien, wie der ranzige Geruch bratender Butter und schmorenden Fleisches andeutete. Der Thür zum Billardzimmer gegenüber befand sich eine zweite, an deren Seite hinter einem kleinen Tischchen ein kurzer stämmiger Mensch saß, der zwar nur ein Auge hatte, da das andere ihm wahrscheinlich, wie die verwachsenen Narben andeuteten, bei irgend einer Gelegenheit ausgeschlagen oder ausgedrückt worden war, - der aber mit dem zweiten desto mehr zu sehen schien, denn es funkelte wie das eines Luchses. Der Kerl hatte eine merkwürdige Kopfbildung, indem fast das ganze Gesicht nur aus der kolossalen Nase bestand, die, ein wahres Monstrum, wenigstens drei Viertel der Visage füllte und in Blau, Violet und Roth schimmerte, auch, sei es in Folge der Spirituosen, sei es durch die Gewohnheit des ewigen Kratzens daran, eine Menge kleiner Näschen und sonstiger Auswüchse zeigte. Der Besitz dieses ausgezeichneten Gliedes hatte ihm unter seinen Freunden den Kriegsnamen »Gurkenwilhelm« verschafft. Er streckte seine Beine quer über die Thürschwelle wie ein Cerberus, der den Eingang zur Unterwelt bewacht, und schwerlich hätte selbst ein Orpheus einen solchen
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Wächter mit der Leier bestochen, wenn er sein entlaufenes Weib aus diesem Tartarus hätte zurückholen wollen.
Eben öffnete sich die Küchenthür, ein etwas struppiger Kopf streckte sich herein und lugte umher. Als er den Kassirer, denn diesen Titel pflegte sich der Cerberus beizulegen, allein sah, kam der ganze Körper herein.
»Guten Abend, Gurkenwilhelm,« sagte er mit heiserer Stimme, indem er mit dem Daumen nach der Thür wies, - »Alles sicher drinnen oder giebts Bosser-Ische1 da?«
Der Kassirer schüttelte den Kopf. »Kannst herein kommen - 'sist kein Schauter da, Zigeunerfritz, der Dich anzeigen könnte. Die jofe2 Amande ist schon lange da, tanzt mit dem ›Todtschläger‹ und hat schon drei Mal gefragt, wo Du wärst?«
Die Nachricht von dem Mädchen schien aus Eifersucht sofort jedes Bedenken des Verbrechers zu beseitigen, denn ein solcher der gefährlichsten Art war der Eintretende. Es war [ein] großer schlanker Bursche von 27 oder 28 Jahren, seiner Abstammung oder seiner braunen Hautfarbe wegen der ›Zigeuner-Fritz‹ genannt. Ein leichter Accent, wenn er nicht das Gemisch der Diebssprache redete, wie das schmale schön geformte Gesicht mit den dunklen melancholischen Augen, den blendend weißen Zähnen und dem pechschwarzen Haar, bewies allerdings, daß er slavischer oder magyarischer Abstammung war, und in der That hatte er - bis er eine höhere Carrière begonnen, - zu der Gesellschaft der jungen slavonischen Kesselflickerburschen
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gehört, die vor den Thoren Berlins eine förmliche Kolonie unter einem bestimmten Vorstand bilden.
»Ich will dem Todschläger einmal sein Dam3 abzapfen, wenn er das Schönthun mit dem Mädchen nicht läßt. Ich fürchte mich nicht vor ihm und vor Keinem. Laß mich hinein. Gurken-Wilhelm!«
»Nicht eher, als bis Du das Dalled-gedaulim-chatiche4 bezahlt hast, es ist heute Bal paré drinnen!«
»Die Pille soll Dich bestieben,5 Mann! - ich habe keinen Groschen mehr in der Tasche, die Amande wird für mich bezahlen - oder da, nimm das und gieb mir heraus, was Du denkst, damit ich drinnen den Feinen rauskehren kann!«
Er griff in die Tasche des alten braunen Paletots, den er trug und warf dem Kassirer eine goldene Uhr auf den kleinen Zahltisch, an der noch ein Stück mit einer jener scharfen Drathscheeren abgeschnittener Kette hing, deren sich eine gewisse Sorte von Taschendieben zu bedienen pflegt, um Uhrketten oder Berlocques Unaufmerksamer im Gedränge oder bei sonst günstiger Gelegenheit abzuschneiden.
Der Gurken-Wilhelm warf einen gierigen Blick auf die Uhr und seine Hand zuckte danach - indeß er überwand sich. »Du bist ein kecker Bursche, Zigeunerfritz und machst gute Geschäfte. Schon wieder einen solchen Fund und wirst noch gesucht wegen des Einbruchs in der Behrenstraße. Die Uhr« - und er wog sie
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taxirend in der Hand, »ist ihre sechzig Dill werth - aber Du weißt, ich darf Nichts kaufen, das ganze Geschäft könnte darüber zu Grunde gehn, wenn man die Nowaks oder mich dabei erwischte! - Du findest den Leimsieder drinnen, der immer Geld in der Tasche hat, und ich werde Dir das Entrée vorschießen. Schade um das schöne Geschäft!«
Er zog die Beine zurück und der Zigeuner-Fritz stürzte sich in die Oeffnung, aus der ein wahrer Brodem von heißem Dampf, fetten Gerüchen und Lärmen hervorquoll, denn durch die Thür der Billardstube kam ein anderer Gast.
Es war ein noch ziemlich junger hübscher Mann, nur etwas unförmlich durch die dicke Figur. Das Geheimniß entpuppte sich jedoch sogleich, als er den ganz neuen Ueberzieher ablegte und unter diesem noch ein zweiter zum Vorschein kam, sodaß, als auch dieser an den Nagel gehangen war, die Gestalt sich als eine sehr schlanke erwies.
»Zwei Garderobe-Marken, Herr Kassirer,« sagte lächelnd der Bursche. »Stark besucht heute?«
»Sich da, schöner Ludwig,« meinte satyrisch der Cerberus. »Hast ja doppelte Häute wie die Schlangen.«
»Eben darum will ich hier ablegen - s'ist bequemer und sicherer!«
»Dacht ich mir wohl! Man wird doch hierher keinen Verdacht tragen?«
»Gott bewahre, aus ganz verschiedenen Stadttheilen. Wenn ich sie hier nicht gleich verkaufen kann, laß ich sie
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in Verwahr. Hier Ihre vier Gute, und da vier andere Garderoben-Geld!«
»Scheinst ja verteufelt bei Kasse! Na - Wenn's Geschäft nur lange dauert. Wirst Dich bald nach was Anderem umsehen müssen! wenn's warm wird, tragen die Leute keine Paletots mehr.«
»Dann geh ich mit dem langen Hake in die Spielbäder, zunächst nach Homburg und Wiesbaden. Er will ein ganz neues System erfunden haben, das gewinnen muß! - Na, ich verlaß mich mehr auf die Geschwindigkeit und die fünf Finger. In Wiesbaden verdirbt kein gescheutes Menschenkind.«
»Aber die Franzosen sind da, und ich hab' mir sagen lassen, denen könntet Ihr doch kein Wasser reichen. Aber macht, daß Ihr hinein kommt, die Studenten-Claire ist heute hier.«
»Teufel! Das ist ein Weibsstück! Sie kennen doch die Geschichte mit den Sechundsechszig?«
»Nein - was ist's?«
Das saubere Histörchen mußte unerzählt bleiben, denn die Thür öffnete sich und Herr Nowak selbst streckte den Kopf herein.
Es war dies ein höchst eigenthümlicher Kopf, den man so leicht nicht wieder vergaß. Der Kellerwirth war im Gegensatz zu seiner Frau und seinem Kollegen in der Parterre-Etage ein kleines sehr mageres Männchen, und der Kopf, der zu dieser Statur gehörte, hatte eigentlich zwei Stockwerke, dessen ersteres von dem spitzen Kinn bis zu den überaus hohen Augenbrauen ging, während das
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zweite, aus Stirn und Schädel bestehend, schmal wie der Thurm einer Dorfkirche sich aus dem an und für sich schon nicht breiten Unterbau erhob. Das Gebäude war von einem sehr blondem spärlichem Haarwuchs bedeckt, unter dem ein Paar wässerig bläuliche Augen für gewöhnlich äußerst nichtssagend blickten. Aber hinter dieser Gleichgültigkeit lag ein schlimmer tückischer Geist verborgen, der manchmal in einem bösen Blick wie eine Natter aus dem Grase hervorzüngelte und dann den wahren Charakter des kleinen Mannes verrieth. Dieser Charakter bestand aus einem merkwürdigen Gemisch von Habsucht, Bosheit und Vorsicht. Die Polizei wußte sehr gut, welche Sorte von Gesellschaft in dem Nowak'schen Keller verkehrte, aber eines Theils hatte sie ihm trotz häufiger, mit der größten Genauigkeit betriebener Haussuchungen nach gestohlenem und spurlos verschwundenem Gut nie etwas anhaben können, denn sie hatte nie etwas gefunden, was eine Anklage auf Hehlerei gerechtfertigt hätte, andern Theils leistete er ihr ganz erkleckliche Dienste, denn es gab keinen Dieb und Vagabonden in Berlin, den er nicht gekannt und dessen Schlupfwinkel er nicht hätte verrathen können, wenn er nur wollte. Aber freilich wollte er nicht, so lange es nicht etwa galt, durch einen guten Verrath sich wieder einmal bei der Polizei in Gunst zu setzen, oder sich an einem der Strolche zu rächen. Denn der kleine Kneipenwirth war außerdem ein sehr rachsüchtiger Mensch und duldete es nicht, daß einer seiner Gäste sich seinem Einfluß und seiner Oberherrschaft entzog.
Niemand - selbst die hohe Obrigkeit nicht, -
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- konnte daher eigentlich sagen, woher Nowak sein Vermögen gewonnen; denn daß er vermögend und zwar recht vermögend war, daran zweifelte man nicht, nachdem es durch einen Boten vom Stadtgericht bekannt geworden, daß er durch seinen Advokaten in der Kochstraße ein ansehnliches Haus hatte kaufen lassen und auf einigen anderen in verschiedenen Stadttheilen Hypotheken stehen hatte. Die Gesellschaft in der Kneipe mußte freilich ganz anständig bezahlen, namentlich den naumburger und grüneberger Champagner, den irgend ein leichtsinniger Bursche nach einem veritablen Streich zum Besten gab; denn ›wie gewonnen, so zer[r]onnen!‹ gilt nicht bloß von einer gewissen Sorte Frauenzimmer, sondern auch von ihrer gewöhnlichen männlichen Gesellschaft. Auch die ›Kluft‹ der Frau Nowak, obschon sie an den Tagen der Bälle im Orpheum, Colosseum, im Ballhause und dergleichen ein ganz Erkleckliches abwarf, konnte unmöglich die bedeutende Erwerbsquelle sein. Aber man zerbrach sich vergeblich den Kopf über diese, und Nowak war schlau und seine Helfershelfer treu oder klug genug, daß keine Vermuthung darüber zur Gewißheit werden konnte, und so mußte man denn die Enthüllung dem Zufall überlassen, der schließlich selten ausbleibt.
»Nun Wilm,« frug der Wirth, »hat der Schaum-Polde sie noch nicht in der Tasche?«
»Es geht nicht so rasch, Spitzkopp« - dies war der Spottname des Wirths, den er sich jedoch nur bei sehr guter Laune und nur von Seiten seiner Vertrautesten
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gefallen ließ, - »sie sind zu grün noch, und müssen erst gehörig eingeseift werden.«
»Nun ich dächte, der Leopold verstände das!« Er beugte sich zu seinem Vertrauten und sagte flüsternd: »Hoffentlich hat er etwas Gutes ausbaldovert, - es ist ein Bursche drinnen, der direkt von Moabit entsprungen ist und mir zu Allem fähig scheint, wenn sie ihn nicht vorher erwischen.«
»Wer ist's?«
»Der Louis Grothe - er sitzt auf vier Jahre wegen schweren Diebstahls. Aber er ist ein schlauer Fuchs und bereits zum zweiten Mal ausgebrochen.«
»Aber er ist hier nicht durchgekommen!«
»Nein, dazu ist er zu gescheut. Hinten durch den Garten - er hat bloß eine Begegniß mit seiner Alten, die ihm Geld schaffen soll.«
»Die Quinche? ja, sie kam mit ihrem Taugenichts von Jungen, der aber gleich von ihr ging.«
»Wahrscheinlich Schmiere stehn! Mir ist der ganze Besuch nicht nach der Mütze - ich mag den Louis nicht leiden und hätt' es nicht gern, daß heute Lärmen hier wird. Einstweilen ist er wie verrückt auf das Guitarremädel, das mit dem Springer gekommen ist.«
»Und darum meinst Du, daß der Louis zu was Verzweifeltem gut wäre?«
Der Wirth lächelte boshaft. »Er hat keinen Groschen in der Tasche und so viel Brunst, daß er einen Mord begehen könnte. Gieb dem Schaumpolde einen Wink, daß
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er die Drei einbringt oder für heute laufen läßt, denn sie schreien schon wieder nach mir!«
Herr Nowak verschwand und der Gurken-Wilm erhob sich, in das Billardzimmer zu gehen, nachdem er die Kassette verschlossen hatte, um gegen jeden Liebeseingriff seiner guten Freunde gesichert zu sein.
Ein günstiger Zufall überhob ihn der Mühe, denn eben als er in die Vorderstube getreten war, hatte die Gesellschaft ihre Boule beendigt und war an der Berechnung. Wie gewöhnlich hatte die Handfertigkeit und das routinirte Auge des Barbiers den Sieg über die unbeholfenen Sonntagsspieler davon getragen. In dem Augenblicks wo er das Geld einstrich, traten zwei Frauenzimmer ein, an deren Toilette und geschminkten Wangen ein Kundiger gleich ihr Handwerk erkennen mochte, beide aber noch ziemlich jung und hübsch und in den Künsten der Verführung wohl erfahren, wie ihr koketter Blick, den sie sogleich auf die beiden Handlungslehrlinge warfen, und das herausfordernde Lächeln bewiesen. Der Schaum-Leopold schien sie vortrefflich zu kennen: denn er hatte sie nicht sobald erblickt, als er mit unnachahmlicher Barbier-Grazie sämtliches auf das Billard gelegte Geld zusammenstrich und in die Hosentasche schob, ohne sich mit Herausgeben und Wechseln weiter zu bemühen und im Polkaschritt auf die Damen zuchassirte.
»Ah, Fräulein Wanda und die schöne Eleonore, sehr obligirt, Sie hier zu sehen! Hütte kaum noch auf das Enchantement gehofft. Um so glücklicher werden meine beiden jungen Freunde hier sein, eine so angenehme
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Bekanntschaft zu machen! - Zwei Gimpel erster Sorte, die Ihr rupfen könnt!« fügte er im Flüsterton bei, und fuhr dann fort: »erlauben Sie, meine Herren, daß ich Sie vorstelle. Herr Hahnebusch, Fräulein Wanda von Poninska, Herr Bohnemann und Compagnie, so heißt ja wohl Ihre väterliche Firma in Treuenbrietzen? Fräulein Leonore von Bürger, dramatische Künstlerin, künftig sicher noch einmal ein Komet unserer Hofbühne - die beiden Herren volontairisiren zu ihrem Vergnügen, da ihre elterlichen Häuser sehr begütert sind, in einer unserer ersten Modehandlungen. Verzeihen Sie, bester Freund,« fuhr er zu dem Hausdiener fort, »daß ich Sie nicht besonders vorstelle, aber ich darf unseren jungen Freunden keinen Rival geben und bewahre für Sie etwas Anderes auf. - Ist es also den Herrschaften gefällig, uns in den Saal zu begeben? Bitte, Herr Hahnebusch, haben Sie die Güte, dem gnädigen Fräulein Ihren Arm zu reichen; Herr Bohnemann, weiß ich, ist ein Protektor der Kunst, da ich die Ehre hatte, ihn bei Callenbachen kennen zu lernen!«
Die beiden jungen Bengel, die von den mütterlichen Ermahnungen oder einer Ahnung bewahrt, doch vielleicht noch gezaudert hätten, den Ort ihres moralischen Untergangs zu betreten, glaubten sich durch Zögerung in den Augen der beiden Schönen nicht compromittiren zu dürfen und führten die sich schleunig an ihre Arme hängenden Polkamamsells, die einander verständigende Blicke zuwarfen, durch die Garderobe, wo ihnen der Gurken-Wilm das Entrée für die ganze Gesellschaft abnahm, in den Tanzsaal, wohin wir ihnen leider alsbald folgen müssen.
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In einer Ecke des Billardzimmers saß ein Mann von schlichtem Aeußeren bei seiner Weißen und einer Schinkenstulle. Er hatte sich so wenig bemerklich gemacht, daß er selbst dem Scharfblick der Frau Nowak entgangen war, die doch sonst ihre Gäste sehr genau zu visiren pflegte, und deshalb auch nicht bemerkte, daß noch zwei eben in den Keller tretende und sofort sich des Billards bemächtigende Mitglieder in der Uniform, das heißt in dem Theerrocke der honorablen Gilde der städtischen Straßen-Reinigung gekleidet, einen Wink und später sogar im Vorübergehen einige Worte mit ihm wechselten.
Treten wir nun auch in den ›Polkasaal‹ und gewöhnen wir uns an die Atmosphäre desselben, deren Charakter wir bereits vorhin andeuteten.
Der Ball war im vollen Gange, und es gehörte wirklich eine wahre Todesverachtung, wenigstens eine gänzliche Gleichgültigkeit gegen Rippenstöße und Fußtritte dazu, um sich in diesen bacchantischen Reigen zu werfen, wo jedes Paar auf sein Bestes vorwärts stampfte, unbekümmert um Regel und Ordnung, die Tänzerinnen in einer wahren Musterkarte hingebender Attitüden, bald auf Brust und Achsel des Tänzers mit dem erhitzten Gesicht liegend, bald die rechte Hand in seine linke Hüfte gepreßt oder wie der Arm eines Wegweisers hinaus ins Gedränge gestreckt. Der schöne Ludwig tanzte eben mit der Studenten-Claire, einem jungen Frauenzimmer, dessen früher sehr hübsches Gesicht zwar jetzt bereits alle Spuren eines langjährigen, in wahrhaft fabelhaften Strapatzen der Lüderlichkeit zugebrachten Lebenswandels zeigte, aber trotzdem noch so
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viel Pikantes hatte, daß es wohl zu erklären war, wie sie unter Männern dieses Kreises, ja vielleicht noch ganz anderer Kreise nicht wenige Freunde und Liebhaber zählte. Ihr Ruf war noch wenige Jahre vorher in ganz Berlin wohlbekannt, und es gab wohl wenige junge Männer, die in jener Zeit in Berlin verweilten, die nicht mindestens ihren Namen und ihre kolossalen Leistungen in dem Reiche der Venus vulgivaga gehört und so ihren Ruf auch außerhalb Berlins verbreitet hätten. Man erzählte in der That die tollsten Geschichten von ihr. Aus dem Umgang ihrer Glanzzeit mochte es auch kommen, daß ihr Benehmen und ihre Sprache etwas Ungewöhnliches und Pikantes behalten hatte. Für die Bälle des Salon Nowak war sie daher die Primadonna oder Ballerina.
Der Zigeuner-Fritz stand an dem Büffet und stürzte ein Glas des starken schlechten Punsches nach dem anderen hinunter, während er mit wüthenden Blicken ein tanzendes Paar durch den Wirbel verfolgte.
Der Barbier hatte kaum den Tanzsaal betreten, als er eine Dirne ergriff, die eben athemlos von dem wilden Tanze vor ihm stehen blieb und sich mit ihr auf's Neue in den Wirbel stürzte, »Linksum Doppeltritt, schönste Aurora - meine Herren, versäumen Sie die Polka nicht!«
»Aufgepaßt - der Schaumpolde tanzt Doppel-Schottischen! - Der Taglioni könnts nicht besser machen, seht nur, wie der Schwerenöther die Beine schmeißt!«
»Nun, Herr von Hahnebusch, ist's gefällig?« sagte das polnische Edelfräulein, »sehen Sie nicht, daß meine Freundin schon mit der Firma Bohnemann oder Boonekamp
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und Compagnie mitten mank sind! Oder wollen Sie mir erst an's Büffet führen? Dann erlaube ich mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß ich gewöhnlich einen Vanille in den Punsch gieße.«
»Wie Sie befehlen, Fräulein von Poninska, - ich fürchte nur, es dürfte sich nicht sonderlich gut tanzen - es sind zu viel Paare und ich sehe keinen Tanzordner!«
»Ach, was, det kommt später! Allons, schöner Jüngling und dann wollen wir Eins trinken!« Sie zog ihn mit Gewalt in den Reigen - halb zog sie ihn, halb sank er hin, - ein neuer Hylas in diesem Meer des Verderbens, das ihn gleichfalls verschlingen sollte, nur daß die Nymphen nicht so verlockend waren, als auf dem schönen Sonderland'schen Bilde.
An einem Tisch in der Nähe des Orchesters saß ein Paar, eine starke, etwa fünfzigjährige Frau von massiven Gesichtszügen, die vielleicht einmal hübsch gewesen waren. Es giebt unter den Frauen Körper und Gesichter, die nicht blos dem Elend, sondern selbst dem ausschweifendsten Leben ohne allzusichtbare Einwirkung widerstehen zu können scheinen und sich das robuste, kräftige Aeußere bis in das spätere Lebensalter erhalten. Zu diesen Personen gehörte die Wittwe, die hier an dem Tisch saß und mit ihrem Sohne in leisem, emsig geführten Gespräch an einer Weißen und dem dazugehörigen Kümmel trank. Dieser Sohn stand im Anfang der zwanziger Jahre. Er war ein Mensch von schlanker Statur und nicht unangenehmem, große Energie aussprechendem Gesicht, das jedoch die blasse Farbe des Gefängnißlebens zeigte. Er trug ein altes
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schwarzes Tuch über das eine Auge gebunden, was wahrscheinlich bei einem Faustkampf übel zugerichtet sein mochte, denn die Spuren davon erstreckten sich über den Nasenrücken. Ein breiter rother Wollenshawl verbarg trotz der in dem Lokal herrschenden Hitze den unteren Theil des Gesichts, während ein langer, offenbar nicht für ihn gemachter alter Ueberrock die Gestalt einhüllte. Ueber das dunkle, sehr kurz abgeschnittene Haupthaar war eine graue Mütze mit breitem Schirm, wie sie die Maurer und Handlanger zu tragen pflegen, gebreitet.
Das gesunde Auge des Burschen war fortwährend, selbst während des Gesprächs, auf das seltsame Orchester gerichtet, das dieser Gesellschaft zum Tanz aufspielte, oder vielmehr auf eine bestimmte Person dieser Musikbande.
Dieselbe bestand aus einem Invaliden, oder einem Mann, der ein solcher zu sein schien, denn er trug ein Stelzbein unter einer alten, grauen Soldaten-Kapotte, von der jedoch die militärischen Abzeichen abgetrennt waren; doch war er keineswegs alt, sondern höchstens fünf- bis sechsunddreißig Jahre, und aus dem dunklen, das Antlitz umrahmenden Bart schaute ein keckes, scharf geschnittenes schwarzes Gesicht mit funkelnden Augen, weißen Zähnen und schmaler, kühn vorspringender Nase. In dem ganzen Mann lag, trotz seiner Verstümmelung und der armseligen Kleidung, die durch eine österreichische oder französische Fouragirmütze auf dem lockigen schwarzen Haar vervollständigt wurde, etwas Gewandtes, Keckes, fast Geniales in jener besonderen Bedeutung, wie man es unter den sogenannten vagabondirenden Künstlern findet, die mit irgend einem
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dahin einschlagenden Gewerbe, wie Scheerenschleifen, Akrobatik, Bärenführen oder dergleichen im Lande umherziehen zu großer Plage der Polizei und zum Gaudium der guten Dörfler, der Dienstmädchen und der lieben Jugend, aber durch die strengere Controlle der Gewerbescheine immer mehr in Norddeutschland verschwinden.
Zur Linken des Stelzbeines, der mit wahrer Meisterschaft eine große Ziehharmonika handhabte, saß eine hagere, blasse Frau von schlanker Figur, trotz der ärmlichen Kleidung doch mit einer gewissen Koketterie geputzt, denn sie hatte bei ihrer Beschäftigung, dem Drehen eines Leierkastens, das große orangegelbe Umschlagetuch auf die nach dem Takt gewiegten Hüften herabfallen lassen, so daß das ausgeschnittene, mit falschen Silberketten in Schweizermanier besetzte Mieder von schäbigem, schwarzem Manchester ihre hagere Büste zeigte und in dem weiten Ausschnitt unter einem sehr durchsichtigen Mullhemdchen den noch magerern Busen ahnen ließ. Auf dem röthlichen Haar trug sie einen abgegriffenen Tyrolerhut mit schwarz gewordenen Quasten. Die Augen der Frau hatten ein eigenthümliches, fast grünlich leuchtendes Aussehen.
Auf der anderen Seite des Harmonikaspielers saß ein viel jüngeres Mädchen von kleiner, derber Figur, und einem recht hübschen und noch ziemlich frischem Gesicht mit großen blauen Augen, die einen frechen Ausdruck hatten. Sie spielte zu Harmonika und Orgel mit großer Gewandtheit die Guitarre, und wenn einmal Tänzer und Tänzerinnen allzusehr ermüdet schienen und die Musik eine Pause machte, dann trat sie an den Rand der Rampe
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und sang mit nicht unangenehmer Stimme irgend einen zotigen Gassenhauer, wie sie damals durch die Offenbachsche Richtung der Theater begünstigt, immer mehr in öffentlichen Lokalen an die Tages- oder besser die Abendordnung kamen, oder sie wechselte sich mit der blassen Frau in dem Einsammeln der Tanzgroschen ab.
Diese Person war es, welche der junge Mensch mit der Binde um das Auge permanent anstarrte, und das Mädchen hätte ihr Handwerk nicht verstehen müssen, wenn sie den Bewunderer nicht längst bemerkt hätte. Als sie wieder die Runde mit dem Teller machte, blieb sie vor der Gruppe am Tische zuletzt stehen, machte einen Knix und hielt dem jungen Mann den Teller hin. »Nun schöner Herr, zeigt Euch einmal recht generös!«
»Aber der Louis hat ja gar nicht getanzt. Pack Dich fort!«
»Ah, also Louis heißt er -« sagte das Mädchen. »Ein recht hübscher Name und ich brauchte gerade einen. Ich hoffe, wir werden noch ganz gute Freunde werden, wenn er auch jetzt auf dem Trockenen zu sitzen scheint. Sie müssen ihn nicht zu kurz halten Madamchen!«
Der junge Bursche hatte sich zu der Alten gewendet. »Einen Groschen Mutter! Wie heißt Du, Kind? -« Er kneipte das Mädchen am Kinn.
»Marie Fischer,« sagte dieses frech. »Ich spiele alle Donnerstage bei Nowaks seit ich in Berlin bin, habe Dich aber noch nicht gesehen, mein Junge!«
»Glaub's wohl!« murmelte der Bursche. »Der Teufel
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hol' es, daß ich gerade kahl bin. Mutter, ich muß was thun, um Geld zu kriegen. Du mußt mir dazu helfen!«
»Du bist ein Narr, Louis,« entgegnete die Frau, obschon das Mädchen längst weiter gegangen war und sie nicht mehr hören konnte. »Halte Dich vor Allem jetzt ruhig, damit die Polizei Dir nicht auf die Spur kommt. Es ist überhaupt nicht gut, daß Du mich hierher bestellt hast. Es muß heute Abend etwas gegeben haben, ich hörte davon flüstern, aber ich weiß noch nicht was. Wenn der Hermann nicht bald zurückkommt, der den Ring versetzen soll beim Lumpenbalzer - so thun wir am besten zu gehen. Auf der Straße ist's immer noch sicherer.«
»Ich geh' nicht von der Stelle, eh' ich Geld habe« meinte trotzig der Bursche. »Wie sollt ich's anders machen, als daß ich Euch hierher bestellen ließ? Zu Euch nach der Krausnickstraße konnte ich doch unmöglich kommen, da hätten sie mich zuerst gesucht.«
»Bei Leibe nicht, und es wird auch nicht lange dauern, da werden sie morgen dort sein, - zu mir darfst Du unmöglich kommen. Es ist nur unglücklich, daß ich gerade auch kein Geld habe, um Dir zu helfen!«
»Schwerenoth, was soll ich da thun - ich war froh, daß ich von dem Semmelnante hier die alten Kleider gekriegt habe, aber ich habe versprochen, sie ihm zu bezahlen, sonst darf ich mich nicht wieder bei ihm blicken lassen. Wär's nicht so kalt, so logirte ich bei Mutter Grün im Thiergarten und wollte schon irgend ein Geschäft machen, bei dem ich ein paar Thaler erwischte, denn es treiben sich immer alte Sünder dort herum nach dem
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Schlage von Eurem alten Liebhaber. Apropos, könnt Ihr dem nicht was abzwacken?«
»Der Professor ist lange nicht bei uns gewesen, er weiß wahrscheinlich unsere neue Wohnung nicht einmal!«
»Hol' ihn der Teufel! Warum habt Ihr den Ring nicht beim Vater Nowack versetzt? Da hätte ich doch Geld.«
»Du weißt, daß er sich nicht mit solchen Sachen einläßt, - wenigstens hier nicht!«
»Aber ich muß Geld haben - ich muß dem Fratz dort einmal einschenken lassen, sie sieht mich gar zu verliebt an, und der Sonef, der ein Jahr lang in Groß Makum oder Moabit hat fasten müssen, dem ist's egal und müßte man drum gradezu dem Taljen6 in die Arme rennen.«
»Geh, geh, mit all' dem unsinnigen Reden kommt Nichts heraus! Hier sind die letzten vier Gute, die ich habe - ich will einmal horchen, was denn gewesen ist!« Sie erhob sich, während der Bursche ein Glas Punsch bestellte und die Guitarrenspielerin zu sich winkte, denn der Stelzfuß hatte eine Pause gemacht.
Auch an dem Büffet des Herrn Nowack war die Rede von einem Ereigniß gewesen, das am andern Morgen ganz Berlin in Erstaunen setzte und eben keinen besonderen Begriff von der Sicherheit der Straßen gab; denn es war in der Abendstunde und zwar bald nach 7 Uhr bei Mondschein auf einem Platz in Mitten der Stadt, hinter dem alten französischen Thurm nach der französischen Straße zu, der Kassenbote eines großen in der Nähe wohnenden
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Banquierhauses, als er aus dem Comtoir kommend einen Beutel mit Courant zur Post tragen wollte, zu Boden geschlagen und beraubt worden, ohne daß sich eine Spur der Thäter fand und bis auf den heutigen Tag gefunden hat. Die freche That war mit einem Raffinement und einer Kühnheit verübt worden, die an die damals sehr coursirenden Erzählungen von den Angriffen der londoner Garottiers erinnerte und wahrscheinlich auch aus solchen Belehrungen stammte.
»Nun Zigeunerfritz - ich möchte doch wissen, wer der kluge Kerl gewesen ist, der so fünfhundert Ratt mit einem Ruck in die Tasche gesteckt hat!«
»Also fünfhundert sind's gewesen?« frug in gleichgültigem Ton der Vagabund, indeß seine Augen dabei doch den Nebenbuhler nicht verließen.
»Ich denke, wenigstens haben sie's vorhin erzählt« meinte dagegen mit einem scharfen Blick auf seinen Gast der Wirth. »Na - was geht's mich an. Wenn der Bursche nur so gescheut ist, und bringt das Geld in sichern Verwahr und giebt kein Stück aus davon bis Gras über die Geschichte gewachsen ist. Das zu zeitige Prahlen mit dem Gelde hat schon Manchen in's Unglück gebracht.«
»Möglich! - Willst Du mir Credit geben, Nowack? Ich kann's nicht länger ansehn, daß der Lump die Amande mir vor der Nase allein herumdreht!«
»Unter der Bedingung, daß Du keinen Lärm anfängst, Du weißt, Du hast schon drei Glas getrunken, und ich leide keine Händel, die mein Lokal in schlechten Ruf bringen und die Polizei herbeirufen. Nehmt Euch
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überhaupt in Acht heute, - ich weiß nicht, aber mir liegt's wie in den Gliedern.[«]
»Nicht Ursach - seit die Staatsanwaltschaft die Polizei greift, greift die Polizei keinen Andern. Ich habe mit ihr Nichts zu thun, schon lange nicht mehr.«
»Bist am Ende gar unter die Vigilanten gegangen.«
»Nimm Dich in Acht Spitzkopf - ich verbitte mir dergleichen.«
Der Wirth verzog das Gesicht. »Wirst doch Spaß verstehn - weit eher traut ich's Deinem Nebenbuhler zu. Aber ich sage Dir, fang keinen Lärm an - Du bist ein Hitzkopf!«
»Heute gewiß nicht - ich finde schon eine andere Gelegenheit. Wer ist denn das da?«
»Kenn' ihn nicht - der Spielmann hat ihn vielleicht herbestellt. Du siehst, daß er sich zu ihm setzt.«
In der That hatte der Stelzfuß gleichfalls seinen Platz verlassen und sich zu einem Tisch zur andern Seite der Estrade gewendet, an dem sich zwei Männer niedergelassen, die kurz vorher in den Saal getreten waren. Dieser Tisch befand sich dem grade gegenüber, an dem der Bursche mit dem verbundenen Auge und die Guitarrespielerin tranken und mit einander bald sehr vertraulich thaten.
Das scharfe listige Auge des Schankwirths schweifte mißtrauisch häufig hinüber nach den beiden Tischen, aber er schien doch keinen rechten Anhalt zu gewinnen, oder gewinnen zu wollen.
Der Schaumpolde, der seine Tänzerin zur Ruhe
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gebracht, hatte sich zu ihm gesellt. »Wißt Ihr was Neues, Spitzkopf?«
»Was willst Du Schlingel?«
»Als ich heute den ersten Schreiber beim Justizrath Licht rasirte, hab ich's gehört. Euer Haus soll verkauft werden.«
»Welches?« fuhr der Wirth unbesonnen heraus.
»Aha - die Frage hat's verrathen, daß die Leute Recht haben, wenn sie erzählen, Ihr hättet ein paar eigene Häuser.«
»Unsinn!«
»Na, was geht's mich an, es thut mir nur leid, daß es nicht meine eigenen sind! Ich würde mich wahrhaftig nicht mit den alten Baracken quälen und mich von den Miethern schinden lassen! Teufel, was für ein lustiges Leben wollt ich führen. Höre Spitzkopf - die beiden jungen Laffen da sind ganz im Garne der Mädchen und ich wette darauf, ehe sie drei Tage älter sind, haben die Dirnen ihre neuen seidenen Kleider wie eine Gräfin! Wenn sie nur erst wissen, wie sie Geld dafür machen können.«
Der Wirth begnügte sich mit einem kurzen Nicken: »Aber was ist's mit dem Hause, was meintest Du damit?«
»Nun hier Eure alte Chaluppe, wo wir drin tanzen und trinken. Es sollte mir leid thun, wenn Ihr heraus müßtet - das Lokal hat doch mancherlei Annehmlichkeiten.«
Das fahle Gesicht des Schenkwirths war noch fahler, fast grünlich geworden. Seine Finger krampften sich wie Krallen in den Arm des lüderlichen Barbiers.
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»Schaumpolde - sprich die Wahrheit! Du kennst mich, und eine Lüge könnte Dir übel zu stehen kommen. Wer will das Haus verkaufen? Es gehört ja Minderjährigen und wird administrirt. Sie denken nicht an den Verkauf, da die Administration gute Prozente abwirft.«
»Doch, doch - es soll ein saubres Gebot darauf geschehen sein. Ich möchte nur wissen, ob der Kerl wirklich so viel Geld hat, oder wer es ihm vorschießen wird. Ihr hättet uns längst davon einen Wink geben sollen?«
»Aber wer? von wem sprichst Du?« keuchte der Kneipier.
»Wer anders, als der kleine verrückte Franzose, der im Parterre wohnt. Er ist bei dem Justizrath gewesen, und hat nach dem Hause gefragt und ihm Auftrag gegeben, nachzufragen. Aber es soll Alles in der Stille geschehen.«
»Verflucht sei der Schleicher! Nun, ich habe zwar immer geglaubt, daß er Moos hat - aber ich will's ihm eintränken. Ehrliche Leute um ihr bischen Brod bringen, denn ich weiß, er kann mich nicht leiden und hat sich schon ein paar Mal bei der Polizei über angebliche Störung der Nachtruhe beschwert. Wenn ich nicht so gut stände! - Na - wir reden weiter darüber, vielleicht wär's ein Geschäft für einen von Euch, besser als die Ladenschwengel dort, die es nicht lange treiben werden. Es sitzt ein Bursche dort, der rabiat genug wäre - man brauchte ihm nur einen Wink zu geben.«
Es sollte aber anders kommen, wenigstens vorlänfig, als Herr Nowack vielleicht im Sinn hatte.
Einige Zeit vor dieser Unterredung war ein Mann
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in einen einfachen Ueberzieher geknöpft durch den Laden in das Billardzimmer getreten und hatte ein Seidel Bier bestellt. Der Mann hatte nichts Auffallendes und Verdächtiges, und die Wirthin hatte daher wenig auf ihn geachtet, - es war ja überhaupt nicht selten, daß Personen, welche die Straße vorübergingen, durch die Musik angelockt oder von augenblicklichem Durst getrieben in das Kellerlokal für kurze Zeit eintraten, ohne erst eines der anständigeren Lokale aufzusuchen.
Der Eingetretene war der Journalist, dem unsere Erzählung an dem Abende bereits an verschiedenen anderen Stellen begegnet ist, zuletzt auf der Straße im Gespräch mit dem Offizier, dem er von einer Excursion erzählt hatte, die er im Interesse der ihm übertragenen Nachforschung noch an diesem Abend mit einem der Kriminalkommissare nach einer berüchtigten Spelunke machen wollte, - dies war der Keller des Herrn Nowack.
Obgleich er allein eintrat, so schien er doch eine gute Information erhalten zu haben und für einen passenden Führer gesorgt zu sein. Denn er hatte kaum das Bier erhalten und bezahlt, als sich der Mann, der bisher ruhig im Winkel gesessen und mit den beiden Mitgliedern der ehrenwerthen Straßenreinigungsgilde Worte gewechselthatte, erhob und zu ihm wie zufällig an's Billard trat.
»Wenn Sie einmal hier sind, sollten Sie sich doch mal den Jux drinnen ansehen. Vielleicht finden Sie was Interessantes.«
»Wenn ich einen Wegweiser wie Sie hätte!«
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»Kann schon geschehen. Folgen Sie mir nur ganz dreist - als ob Sie zu mir gehörten.«
Der Journalist nickte zustimmend - unwillkürlich hatte er doch die Hand in die Seitentasche des Ueberziehers geschoben, wie um sich zu überzeugen, daß ihm auch jene Waffe zur Hand sei, die im Gedränge oder bei einem plötzlichen Anfall immer die sicherste ist, der Handschläger.
»Ohne Sorge, Herr Doktor - mit mir hat's keine Gefahr.«
»Vorwärts denn. Ist der Mensch hier?«
»Ich glaube wohl!«
Der anscheinende Bürger öffnete die Thür zur Garderobe, in welcher der Gurkenwilm wieder, gleich einem Cerberus, vor der Thür saß und mit scharfem Auge die Eintretenden musterte. »Garderobe ablegen, meine Herrn?«
»Nicht nöthig - hier das Entrée.«
Die Stimme schien den Kassirer stutzig zu machen, während der Anblick der beiden Fremden ihm früher ganz unverdächtig gewesen war, und er schaute jetzt scharf empor.
Es war merkwürdig, wie der bloße Augenblick des Niederbeugens des Kopfes, als er das Entrée auf den Tisch gelegt, genügt hatte, das ganze Gesicht des Mannes, der sich, offenbar auf vorherige Instruktion, dem Journalisten zum Führer und Leiter angeboten hatte, verändert hatte. Die einfache, nichtssagende Physiognomie hatte einen scharfen drohenden Ausdruck bekommen, der ganze Kopf durch das Heben aus dem steifen Kragen eine andere - der Mann mußte ein angebornes Talent für
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völlige Veränderung seiner Visage haben, wie es in der That manche Schauspieler besitzen. Reist doch auch ein Düsseldorfer Maler expreß in solchen Kunststudien.
»Herr Wachtmeister - Sie ...«
»Still - keine Sylbe vorläufig, oder - wir wollen uns den Spaß nur einmal in der Nähe betrachten. Dieser Herr wünscht den schwarzen Springer in einer Angelegenheit zu sprechen. Ist er hier?«
»Ich glaube wohl - aber ...«
»Verstehe - incognito! Nun, wir haben Nichts mit ihm zu schaffen. Aber ich habe nicht Lust, erst zu suchen, und kenne den Burschen zu wenig.«
»Er läuft zur Abwechselung jetzt nur auf einem Bein und macht Musik.«
»Springt aber auf beiden. Also - Schweigen, auch gegen Nowak. Sonst Verdächtiges?«
»Sie werden ja selbst sehen.«
Die Physiognomie des Polizeibeamten hatte sich eben so rasch wieder in die vorige Bedeutungslosigkeit zurück verändert, als er die Thür des Tanzsaals aufdrückte. Es drängte sich eine so zahlreiche Menge in der Nähe derselben, daß ihr Eintreten ziemlich unbemerkt blieb.
Das Auge des Beamten hatte sofort den ganzen Raum überflogen; er lächelte, als er das seltsame Orchester sah und ließ sich dann vorwärts drängen, behielt aber immer die Richtung nach dem andern Ende des Saals, dicht gefolgt von dem Journalisten, bis er den grade leeren Tisch in der Nähe der Musiker erreicht hatte.
Dort ließen sich Beide nieder und bestellten Punsch.
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Der Beamte, ohne aus der Rolle zu fallen, hob, als er die Augen des Stelzbeins auf sich gerichtet sah, das Glas und winkte ihm herbei zu kommen.
Der Invalide ließ sich das nicht zwei Mal sagen, er hatte grade große Pause in seinen musikalischen Leistungen gemacht, und humpelte zu dem Tisch heran.
»Buona sera Sinori,« sagte er radebrechend - »mit Ihrer Permission!« Damit hob er liebäugelnd das Glas des Journalisten empor und trank es auf einen Zug aus.
»Wohl bekomm's! Sie sind ja ein wahrer Virtuose. Ich habe die Harmonika noch niemals so gewandt spielen hören.«
»Sie seind zu kütig, Signore, ik seind nur ein Povero artiste!«
»Setzen Sie sich zu uns und trinken Sie noch ein Glas mit uns, oder ziehen Sie etwas Anderes vor?«
»No, no, Signori ik sein Italiano, Italianissimo und lieben mein patria, das Land von den Citronen, also ziehe ik vor den Punsch!«
Der Journalist hatte der vorbeilaufenden Bedienung den Auftrag gegeben, mehr Punsch zu bringen, auch eine Portion Essen, um den Mann länger festzuhalten, dessen Identität ihm noch immer nicht genügend constatirt war.
»Sie waren Soldat?«
»Si, si - ik habe gedient unter General Benedek und habe verloren mein Bein in die große battaglia von Solferino!«
Der Beamte hatte einen raschen Blick mit dem
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Journalisten gewechselt, um erst seine Erlaubniß einzuholen, dann sagte er leise aber energisch:
»Unsinn Mann, - Ihr seid niemals in der Schlacht von Solferino gewesen, schwarzer Springer, und Euer linkes Bein ist gerade so gesund wie das rechte.«
Der schwarze Springer hätte beinahe seinem Namen Ehre gemacht, einen solchen Anlauf nahm er, empor zu springen, als wäre er von einer Stahlfeder in die Höhe geschnellt, aber der Andere legte rasch die Hand auf seinen Arm und hielt ihn so zurück. »Seid kein Narr, Springer, und stellt Euch nicht selber bloß. Es kümmert uns nicht, ob Ihr ein Bein habt, oder zwei, und ich wollte Euch blos zeigen, daß ich Euch ganz gut kenne.«
Der Vagabund hatte sich rasch gefaßt und stärkte sich mit einem Schluck aus der Flasche. »Nichts für ungut, Herr - ich habe zwar nicht die Ehre Sie zu kennen ...«
»Ist auch vorläufig nicht nöthig.«
»Nun, Signore, man thut was man kann, und ein Invalide mit einem Bein, der das andere bei Solferino oder auf dem Malachof verloren hat, macht bessere Geschäfte mit der schweren Orgel, als ein gewöhnlicher Mann. Darf ich fragen, mit was ich den Herrschaften dienen kann?«
»Dieser Herr wünscht mit Euch zu sprechen und deshalb habe ich ihn hierher geführt.«
»A vôtre service Monsieur,« sagte der Vagabond höflich.
»Sie sollen ein Stück Geld verdienen, wenn Sie mir die Wahrheit sagen.«
»Ich kann's eben brauchen, wie Sie sich überzeugen.
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Es ist ein verteufelt schlechter Verdienst, für solche canaglia zum Tanz aufspielen zu müssen.«
»Sie sind also der Mann, den man den schwarzen Springer nennt?«
»Wie Sie eben von dem Herrn hier gehört haben, der mich besser zu kennen scheint, als ich mich selbst. Aber verzeihen Sie Signor - wenn Sie etwas Geheimes haben sollten und es hat Eile - sprechen Sie Italienisch oder Französisch?«
»Beides!«
»Dann bitte ich - denn die Leute hier haben lange Ohren und ein verdammtes Ausschnüffelungstalent. Wenn man mich frägt, kann ich sagen, Sie wären ein alter Kamerad von mir.«
Der Journalist lachte. »Danke bestens! Doch zur Sache. Die Frau dort, gehört sie zu Ihnen?«
»Es ist Madame, Signore - so von der linken Hand - Sie werden mich verstehen.« Er kniff das Auge.
»Aus dem Hannoverschen?«
»Ah - Sie zielen dahin, Signor! - Ja - da Sie doch darum zu wissen scheinen - aus dem Hannoverschen, einer Lady Kammerjungfer.«
»Sie haben kürzlich gewisse Papiere dieser Lady Jemandem zur Veröffentlichung verkauft.«
Der Vagabond kratzte sich hinter den Ohren. - »Es mag freilich nicht wie ein Gentleman gehandelt gewesen sein, wir vom stärkeren Geschlecht sollen immer Rücksichten beobachten gegen das schwächere - indeß, wir waren arg
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in der Klemme. Aber parole d'honneur - ich spreche nie mehr davon.«
»Es war immer eine schofle Handlung. Zum Glück sind die Papiere in sichern Händen!«
»In den Ihren Monsieur?«
»Das thut zur Sache Nichts. - Wollen Sie - fünfhundert Thaler verdienen?«
»Zwei tausend Franken? O Signor, wie können Sie danach fragen.[«]
»Dann - sprechen Sie die Wahrheit. Sie werden wissen, daß in jenen Papieren von einem Kinde die Rede war.«
Der Vagabund rückte unruhig hin und her. »Wollen Sie nicht lieber mit Madame davon reden, ich versichere Sie, ich weiß nur wenig davon - sie hat selbst mir ein Geheimniß daraus gemacht - der arme Wurm ist todt, ohne meine Schuld - auf Ehrenwort, ich hätte ihn gern erzogen!«
»Schade - um die fünfhundert Thaler! Haben Sie den Todtenschein?«
»Ich glaube - sie muß so etwas haben!«
»Das thut mir leid - um Ihretwillen. Es hätten leicht tausend Thaler werden können - wenn das Kind - nicht gestorben wäre und seine Identität bewiesen werden könnte. - Was hat man Ihnen gegeben für den Tod des Kindes?«
Die direkte Frage machte den Mann stutzen und er verlor die Farbe. »Signor, auf Künstler-Parole, - Sie thun mir Unrecht.«
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»Oder für sein Verschwinden?«
»Ich betheuere Ihnen, Sie irren sich!«
Der Journalist schob dem Vagabunden einen Fünfthalerschein zu und seine Karte. »Ich fürchte, wir werden hier nicht Gelegenheit haben, ausführlicher zu sprechen, denn die Leute werden ungeduldig und wollen wieder tanzen, und dort kommt Ihre Frau zurück.«
»Sie ist ein Satan,« flüsterte der Gaukler, »und darf um der Madonna willen Nichts davon hören.«
»So behalten Sie einstweilen die Kleinigkeit - und wenn Sie mir eine passende Gelegenheit zu einer Unterredung geben wollen, so bestimmen Sie Zeit und Ort durch die Stadtpost. Nur merken Sie sich, daß Sie Berlin nicht verlassen dürfen, dieser Herr wird Sie im Auge behalten.«
Die blasse Frau kam herbei. »Na, Du Lüderjahn, was schwatzst und säufst Du wieder? Hörst Du nicht, daß sie nach Musik rufen, oder sollen ich und die Marie allein arbeiten?«
Der große, starke Mann schien eine bedeutende Furcht vor dem blassen, hageren Weibe mit den grünen Augen zu haben; denn er reichte ihr sehr devot das noch halb gefüllte Glas. »Pardon, Madame Jeanette, ick haben da blos getroffen eine alten Kriegskameraden, der mir haben traktirt mit einem Glas Punsch!«
Die Frau sah die Beiden ziemlich mißtrauisch an. »Mach keine Flausen - Du weißt es doch - ich kenne Dich! Allons jetzt und nimm die Harmonika, sie wollen einen Walzer.«
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Er erhob sich gehorsam und humpelte nach dem Orchester, aber es kam diesmal nicht zum Tanzen.
Die Thüre des Entrées wurde hastig aufgerissen und einer der bekannten Polizeihelme mit dem weißen Beschlag blitzte durch den Dunst und Qualm, zugleich tönte ein scharfer Pfiff.
»Himmel, die Polizei!«
»Halt da! Niemand rühre sich von der Stelle!«
Aber mit so kräftiger Stimme auch der Befehl gegeben worden, er schien wenig Beachtung zu finden, denn Alles wirbelte bei dem Ruf »die Polizei!« bunt durcheinander. Die würdige Gesellschaft drückte sich an den Wänden, suchte die Ausgänge zu gewinnen oder nahm eine Stellung ein, so ruhig und still, als sei sie die Unschuld selbst.
Der Kommissar, der in der Thür stand, setzte die Pfeife zum zweiten Male an den Mund.
»Nochmals, - daß sich Keiner von der Stelle rührt!« - Schon bei dem ersten Pfiff waren plötzlich unter den Tanzenden die beiden Straßenkehrer aufgetaucht und hatten sich vor eine Thür hinter dem Orchester postirt. Am Ausgang nach dem Billardzimmer sah man mehrere Schutzleute.
Herr Nowak war eiligst herbeigekommen. »Gnädigster Herr Hauptmann - Sie werden doch nicht denken! Es ist ein einfaches Tanzvergnügen - es ist Alles richtig angemeldet!«
»Weiß, weiß! - ich will mir auch nur einmal Ihre Tanzgesellschaft so ein klein Wenig anschauen - eine kleine
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Musterung, will nur wissen, wer hier ist, wer nicht? Hat irgend Jemand heute bei Ihnen extravagante Ausgaben gemacht - harte Thaler sehen lassen? - Sie wissen, ich fordere strenge Wahrheit.«
»Gott bewahre - sehen Sie nach in der Theke, gnädiger Herr Hauptmann es sind erst drei harte Thaler eingekommen, zwei von den jungen Herren dort, die sich hinter den beiden Mädchen verkriechen und den dritten hat der Herr da gegeben. Der Beamte mußte das Lachen verbeißen, als der Kneipwirth nach dem Journalisten wies. Schon gut, Wachmeister Blümler - stellen Sie einmal fest, ob unter den Anwesenden Leute sind, die unter Polizei-Aufsicht stehen. Was will die verdammte Krabbe, die sich so unnütz vordrängt.« - Ein derber Fußtritt traf einen etwa zehnjährigen Knaben, der sich durch die Beine der Schutzleute drückte und nach der Stelle hindrängte, wo der junge Bursche mit dem verbundenen Auge sich möglichst unbemerklich machte.
Der Beamte, der mit dem Journalisten gekommen war, hatte während dessen Unterredung mit dem schwarzen Springer, die ihn wenig kümmerte, da er nicht Italienisch verstand, den Verehrer der Guitarrespielerin nicht aus dem Auge verloren. Als diesem der Knabe jetzt Etwas in die Hand drückte - es waren, wie sich später erwies, zwei Thaler, der Erlös für den verkauften oder versetzten Trauring der Mutter - und der junge Mensch sich, als ginge ihn die ganze Sache Nichts an, möglichst unbefangen dem Ausgang zu nähern suchte, war er mit einigen Schritten an seiner Seite.
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»Wen haben wir denn hier,« sagte er, den Burschen beim Kragen fassend und mit einem Griff der anderen Hand ihm Tuch und Mütze abreißend. »Bitte, Herr Hauptmann, sehen Sie doch einmal zu, ob das nicht der aus Moabit gestern entsprungene Strafgefangene sein sollte?«
»Louis Grothe? das wäre ja gleich ein Fang.«
Es entstand ein wilder Tumult; denn der junge, kecke Verbrecher, als er sich erkannt und wieder ergriffen sah, riß ein Messer aus der Tasche und stürzte sich mit gebücktem Kopf, wild um sich stoßend, wie ein Mauerbrecher auf die Beamten, um sich einen Weg zu bahnen. Aber diese waren auf ihrer Hut und es nützte selbst Nichts, daß die Mutter des jungen Verbrechers sich zur Erleichterung seiner Flucht zwischen ihn und die Beamten drängte und der Knabe, sein Bruder, sich zwischen die Beine des Wachtmeisters kugelte; selbst der Lärm, der plötzlich vom Hofe her in den Saal drang und von Frau Nowak mit Wiederholung des draußen zeternden Rufes: »Mord! Mord! Zu Hilfe!« noch vermehrt wurde, konnte die Wiederhaftnahme des Entsprungenen nicht aufhalten. Ein tüchtiger Hieb auf die Hand des Flüchtlings zwang ihn, das Messer fallen zu lassen.
»Hollah! - Was giebts denn da draußen? Heda, Wirth! öffnen Sie die Thür zum Hofe! - Halten Sie die Kanaille fest, Wachtmeister, und lassen Sie ihn binden.«
Der Polizei-Hauptmann drängte nach dem Hofe hinaus, wo unterdeß ein anderer, halb tragischer, halb komischer Auftritt sich ereignet hatte.
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Im Gedränge hielt der Redakteur seine Taschen zu. Eben als er im Begriff stand, den Ausgang zu gewinnen, hörte er eine Stimme an seinem Ohr: »Ist es Ernst, Signor, mit den Tausend?«
Er wandte sich rasch um und glaubte den schwarzen Springer in dem ungewissen Licht zu erkennen. Er nickte.
»Optime!« sagte Jener. »Es ist möglich, daß Todte auferstehen!«
Das Gedränge machte jeder etwaigen Frage ein Ende, - im nächsten Moment befand sich der Journalist in dem mit Menschen bereits gefüllten Hoframn.
Wir haben die Veranlassung des Zusammenlaufs und das weitere Abenteuer des Journalisten bereits angedeutet.
Es war ein armseliger Raum, eine Spelunke, die nicht den Namen einer menschlichen Wohnung verdiente, - der Keller in dem linken Hinterflügel des großen Hauses, den die Wittwe Martini bewohnte und in dem sie für arme Leute zwei Schlafstellen hielt, um aus dem Ertrag die vierteljährliche Miethe herauszuschlagen, die der Vicewirth, der Budiker auf dem anderen Flügel, mit unnachsichtlicher Härte für den Hausbesitzer, minorennen Erben, einkassirte.
Die Frau Martini hatte einst bessere Tage gesehen! Sie war die Tochter eines früher ganz wohlhabenden Schneidermeisters am Oranienburger Thor, aber der Mann war verarmt durch den Kredit, den er an Fähnriche, Studenten und leichtsinnige junge Leute gegeben, die,
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wenn sie Berlin mit dem Rücken angesehen, an Nichts weniger dachten, als an Bezahlung der creirten Schulden, und hauptsächlich durch die Etablirung der großen Kleider-Magazine, welche den kleinen Handwerker in gar nicht langer Zeit zum bloßen Arbeiter der Fabrikherren gemacht hatten, denn sie lieferten den Stoff in reicher Auswahl, und der Besteller brauchte ihn nicht in den Tuchhandlungen zu kaufen und gleich zu bezahlen, ehe er ihn zum Schneider brachte. Sie gaben Credit, denn sie verstanden mit der angeborenen Handelsschlauheit sich alle Sicherheiten zu verschaffen - sie etablirten große Werkstätten und zogen durch Versprechungen hoher Lohnsätze die Arbeiter an sich, die bald genug unter dem Vorwand ungünstiger Conjuncturen in einer Weise ihrer Willkür anheimgestellt waren, die aus dem gelernten corporativen Handwerker bald den Proletarier machte.
Nur diejenigen Meister, denen es geglückt war, sich ein eigenes Haus zu erwerben, hielten mit diesem Hinterhalt, also mit Grundbesitz, noch den Verfall des Handwerks auf, und sie bildeten in der That, namentlich in den zwanziger und dreißiger, selbst noch im Anfang der vierziger Jahre, in Berlin eine höchst respektable Bürgerklasse. Aber wie gesagt, die jüdische Spekulation, die es verstand, die Arbeit zum Handel auszubeuten und die Schranken der damaligen Gewerbe-Ordnung, das Innungs- und Corporationswesen leicht zu überspringen, drängte die selbstständigen Meister immer mehr zurück, machte den wohlhabendem die Fortsetzung des alten Betriebes leid und zwängte diejenigen, welche auf den Erwerb von der Hand
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in den Mund angewiesen waren, bald unter die Botmäßigkeit der Magaziniers.
Wir erinnern uns noch der berüchtigten »Schneider-Revolution« im Jahre 1829 in Breslau, wo die von den Meistern nothgedrungen entlassenen Gesellen für die ruinirten Meister gegen die großen Kleider- und Möbel-Magazine Partei nahmen, diese Magazine verwüsteten und zwei Tage lang die schlesische Hauptstadt in Bewegung hielten bis - die Truppen vom Manöver zurückgekommen waren. Vielleicht, daß der spätere Agitator Lassalle aus seiner Kinderzeit damals die Sympathien für die Arbeiter entnahm!
Frau Martini war die Wittwe eines Maschinenbauers. Der Mann, ein tüchtiger Arbeiter, war beim Brande der Kasernen am 18. März 1848 verunglückt, und also einer der Märzgefallenen, um deren Hinterbliebene nach Abwickelung des gesammelten Kapitals die Demokratie sich herzlich wenig gekümmert hat. Sie war bald heruntergekommen, im Vermögen wie in der Moralität, und lebte gegenwärtig mit einem Handlanger bei den Maurer-Arbeiten in wilder Ehe. Der Mann, obschon roh und gemein und dem Vergnügen ergeben, und viel jünger als sie, war nicht ohne Gutmüthigkeit und hielt zu der älteren Frau aus einem gewissen Dankgefühl, weil sie - als er bei ihr in Schlafstelle lag - ihn in einer schweren Krankheit trotz ihrer Bedürftigkeit aufopfernd gepflegt hatte.
Wir führen den Leser in diese Kellerwohnung, können uns aber nicht enthalten, vorher noch einige Worte über
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die Kellerwohnungen der jetzigen Hauptstadt des deutschen Reichs zu sagen.
Es ist ein hohes Verdienst des Kaisers Louis Napoleon, das ihm zugestanden werden muß, wie wenig man auch sonst Sympathien für ihn hegen mag, daß er mit den durchgreifendsten Maßregeln zunächst den Parisern Luft und Licht schaffte, und dies Verdienst wird ihm bleiben, wie auch der politische Fanatismus ihn schmähen mag! Wir haben in Berlin zahlreiche neuere baupolizeiliche Vorschriften, die den Unternehmer zwingen, in gewisser Höhe aus dem Grunde herauszubauen, aber, wenn man einmal human sein will, warum duldet man überhaupt die Anlage von Troglodyten-Wohnungen, warum verbietet man mit einem scharfen Schnitte in's Fleisch überhaupt nicht die Kellerwohnungen bei Neubauten? und vor Allem, warum cassirt man mit einem harten, aber nothwendigen Gebot nicht ohne Weiteres alle jene notorisch ungesunden, der Menschen nicht würdigen alten Keller-Wohnungen, die nur die Habsucht der Hausbesitzer zu solchen gemacht hat und die weder genügende Luft noch Licht gewähren, die bei jedem Platzregen, der die Gossen füllt, unter Wasser stehen und die Hülfe der Feuer- und Wasserwehr fordern! Fürchtet man den Eingriff in das Eigenthum? Nun, zum Henker, die liberale Gesetzgebung hat solchen Eingriff bei hundert anderen gerechten und ungerechten Dingen nicht gefürchtet und Wittwen und Waisen ohne Gewissensbisse ihres Eigenthums damit beraubt! Und ist eine gute Gesundheitspflege nicht das Erste und Dringendste, namentlich für eine große Stadt, dem
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Sammelpunkt so vielen todten und lebendigen Schmutzes?! Der Kriegsminister sagt: so und so viel Quadratfuß Luft im freien, lichten Raum muß der Soldat in der Kaserne, im Lazareth haben, das ist zu seiner Gesundheit, seiner Leistungsfähigkeit nothwendig! warum sorgt der Minister, der die sanitäre Polizei handhabt, nicht in gleicher Weise für den Arbeiter? Oder ist der weniger eine Stütze des Staates, hat er weniger Anspruch an den Schutz des Gesetzes? Da, Ihr Herren Liberalen, die Ihr so viele radikale Einschnitte in's Fleisch auf Euren Kammerbänken macht, da habt Ihr ein Feld, wo wirklich Gutes zu schaffen wäre für das Volk, ein wahrer Segen, der anders sich lohnen würde, als Wucherfreiheit und Börsen-Privilegien.
Mit solchen Mitteln bannt man das drohende rothe Gespenst und gewinnt neues Terrain für das Königthum! Das wäre eine der Aufgaben für das »Reichs-Gesundheits-Amt!«
Der Leser wird sich aus der ersten Abtheilung unseres Buches der unglücklichen Tochter des alten Schuhmachers erinnern, der es vorzog, mit der greisen Gattin den Tod im erstickenden Kohlendampf zu suchen, um den gerichtlichen Verkauf seines kleinen Häuschens nicht zu überleben, das seitdem bereits abgetragen war und einem Neubau Platz gemacht hatte; er wird sich erinnern, daß die arme Friederike von einem Knaben entbunden worden und ihr Fehltritt die Veranlassung geworden war, daß ihr Bruder, der wackere Unteroffizier wegen thätlicher
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Beleidigung eines Schutzmannes im Dienst zu harter Gefängnißstrafe verurtheilt wurde.
Wir werden später hören, woher es kam, daß das Mädchen seit mehreren Tagen ihr bisheriges, ohnehin schon sehr ärmliches Logis verlassen und einen anderen Zufluchtsort gesucht, den sie bei der Mutter Martini gefunden hatte.
Die Kellerwohnung der Frau bestand aus zwei Räumen, von denen der erste zur Küche und zum Waschraum diente und zwei Arbeitsburschen Schlafstelle gewähren mußte, und der anstoßende von der Wittwe und ihrem »Manne« bewohnt war. Hier hatte die arme Friederike mit ihrem Kinde und auch nur auf vieles Bitten bei der ihr von früher her bekannten Frau ein vorläufiges Unterkommen gefunden. In diesem Augenblick saß sie ganz allein in der höhlenartigen Stube an einem alten Tisch, den schlechten Holzkorb, der ihrem Knaben zur Wiege diente, neben sich, und bei dem trüben Schein einer Petroleum-Lampe mit dem Nähen von Handschuhen beschäftigt, einer ebenso mühsamen als wenig lohnenden Arbeit.
Niemand befand sich außer ihr in der elenden Wohnung. Frau Martini und ihr Schatz waren drüben in dem Bumskeller, wo heute Abend, trotz der Landestrauer, Fastnacht gefeiert und bei Leierkasten und Ziehharmonika getanzt wurde, und die beiden Schlafburschen waren auch noch nicht daheim.
Das Meublement der Spelunke war sehr merkwürdig zusammengestellt. Einzelne Theile, wie ein ziemlich
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wohl erhaltener Glasschrank, der, freilich zum Theil zerbrochene, Tassen und Teller enthielt, und eine Bettstelle von Kirschbaumholz waren offenbar noch Rudera aus ihrer besseren Zeit und paßten wenig zu der alten, wurmstichigen Kommode und den schmutzigen Stühlen. Ein großer, sauber gehaltener Bügeltisch sprach dagegen von dem Erwerb der Feinwäscherin, und die Geräthe dazu standen und lagen auf einem morschen Küchentisch.
Kein Schirm, keine Gardine verhüllte das Lager der Wittwe und trug einigermaßen der Schaam Rechnung - Armuth und Noth sind in dieser Beziehung ein trauriger Lehrmeister. Das dürftige Lager der armen Friederike eine schlechte eiserne Bettstelle mit alter Matratze und einer wollenen Decke stand im Winkel an der entgegengesetzten Wand und die Aermste hatte sich des grobleinenen Betttuchs und einer zweiten Decke beraubt, um damit durch Aufhängen auf einer quer über den Raum gezogenen Leine sich gewissermaßen einen Schutz zu sichern und eine Scheidewand zwischen sich und der Lagerstätte der Wirthin - wenigstens für das Auge, wenn auch nicht für's Ohr.
Nur das Bettchen des Kindes war weich, warm und gut. Dafür hatte die Mutter Alles geopfert. Und dennoch schien der Kleine nur wenig und unruhig zu schlummern; denn er bewegte sich häufig und weinte leise, und wenn die arme junge Mutter dann aufstand und mit der Lampe ängstlich zu ihm niederleuchtete, konnte man sehen, daß eine helle Fieberröthe das Gesicht des Kindes bedeckte und die kleinen dunklen Augen unruhig umherstarrten.
Dann legte die arme Mutter ihre Arbeit nieder, kniete
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auf den schmutzigen Boden neben dem Korb und hob das Kind aus seinem Bettchen heraus und suchte es an dem dürftigen Busen zu beruhigen, der doch keine Lebenskraft mehr spenden konnte, denn sein Quell war in der Noth und Sorge vertrocknet. Mit schweren Thränen holte sie von dem eisernen Ofen das Töpfchen mit dem beruhigenden Kamillenthee, mischte ihn mit der schlechten gewässerten Milch und füllte damit aufs Neue die Saugflasche, an der das arme kleine Wesen begierig zog.
Ein tiefes, schmerzliches Stöhnen entwand sich der Brust der Aermsten, während ihr Auge zum Himmel suchte, den hier finstere, triefende Mauern und der matte gelbe Schein der Gaslaterne draußen im Hofe repräsentirten. »Armes Wurm, Du unseliges und doch so geliebtes Kind der Sünde und der Schmerzen - was kann ich thun, um Dein Leiden zu stillen! Oder ist es nicht besser für uns Beide, wir gehen dahin, wo keine hartherzigen Menschen wohnen, und nur gereinigte, selige Geister, wie der Vater und die Mutter uns erwarten, denen der liebe Gott gewiß ihren freiwilligen Tod vergeben hat, wie er ihn mir vergeben würde, wenn ich mit Dir, mein geliebter Engel, hinaufzöge in sein ewiges Himmelreich! Nein, es kann keine Sünde sein, wenn das allzuschwer beladene und geprüfte Herz sein Leid nicht mehr tragen kann und die traurige Bürde des Lebens von sich wirft, wie Vater und Mutter es gethan. Bin ich nicht eine Verurtheilte, Verfluchte, ist nicht das Opfer meiner Ehre ein vergebenes gewesen und hat mir alle die Schmach und das Elend gelassen - hab' ich nicht selbst den braven und
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ehrlichen Bruder mit mir in's Verderben gezogen und seinen Fluch auf mich geladen! Gott, mein Herr, warum auch sind einige Deiner Geschöpfe ausersehen, daß gerade sie alles Leid der Welt tragen sollen, während so viele andere froh und beglückt durch's Leben gehen! Wenn ich gefehlt - Du allein weißt es, großer Gott, daß mein Herz deshalb nicht sündhaft war, daß nur die Angst und die Furcht mich dazu verleitete. Aber wenn ich gesündigt und meine Strafe tragen muß deshalb, was, Allmächtiger! hat dieses unschuldige Geschöpf verbrochen, daß es um der Sünde seiner Eltern willen leiden muß? Ist das Deine Gerechtigkeit, Herr über den Wolken, daß Du die Sünde der Mutter an dem Kinde strafst? Ist es Deiner Gerechtigkeit und Güte entsprechend, daß Du unsere Sünden heimsuchen willst bis in's dritte und vierte Glied?«
Und wiederum preßte sie das weinende Kind an die Brust und stöhnte tief auf in Verzweiflung und Leid!
»Warum hab' ich meine Noth nicht dem jungen Mädchen gesagt, das vorhin hier war und nach der Wirthin fragte! sie hatte ein so liebes und gutes Gesicht und hätte mir gewiß beigestanden, wenigstens wäre sie bei meinem armen Kinde geblieben, daß ich hätte ausgehen und die Medizin holen können, die ihm der Armen-Doktor verschrieben. Meine Bitten hätten gewiß den Apotheker gerührt, daß er mir die Medizin gestundet, bis ich morgen das Recept vom Armenvorsteher hätte unterschreiben lassen können! Vielleicht hätte sie doch dem Kleinen genutzt und er könnte am Leben bleiben! O, mein Gott, mein Gott, wie hilflos sind doch die Armen!«
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Die Klagen der Unglücklichen um ihr erkranktes Kind waren herzzerreißend; die Arme ahnte nicht, daß das junge Mädchen, das sie bereuete nicht um Beistand angesprochen zu haben, kaum minder unglücklich und kummervoll war als sie, daß der Kampf um's Dasein auf ihrem Herzen eben so schwer lastete! Vielleicht hätten Beide, wenn sie sich ausgesprochen, wenigstens darin einen gegenseitigen Trost und eine Ermuthigung gefunden; - in der Mittheilung und in den Thränen liegt immer eine Erleichterung des bedrängten Herzens.
Plötzlich fuhr sie erschrocken zusammen und sah nach der Thür, von der her sie ein Geräusch gehört hatte. Sie legte eilig das Kiud in den Korb zurück. »Mein Gott, wenn es nur nicht einer der beiden Schlafleute ist - der ältere sieht mich immer mit so bösen Blicken an und ich bin so ganz allein in der Wohnung, Frau Martini kommt sicher vor Mitternacht nicht zurück!«
Das Geräusch wiederholte sich, als tappe Jemand unsicher durch den vorderen dunklen Raum, nur von dem Lichtstrahl geleitet, der durch die schlecht verwahrte Thür drang - schon nahm die junge Mutter all' ihren Muth zusammen, um hinaus zu leuchten, als es an der Thür klopfte.
»Herein!«
Die Thür wurde aufgeklinkt - in der Oeffnung stand eine kleine verwachsene Männergestalt.
»Mamsell Friederikchen, ist es erlaubt, einzutreten?«
Ein halberstickter Schrei antwortete der Frage.
»Barmherziger Gott - also doch!«
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Der kleine Mann war näher getreten und hatte die Thüre geschlossen, nachdem er sich überall vorsichtig umgeschaut. »Gott sei Dank, Sie sind allein, so kann ich endlich sprechen einmal ungestört mit Ihnen!«
»Was wollen Sie von mir?« sagte sie mit entsetzter Stimme, »was haben Sie noch für ein Recht an mich, nachdem Sie und jener Abscheuliche mir Alles geraubt, und mich selbst betrogen um den Lohn meiner Sünde! Liegen nicht meine geliebten Eltern als Selbstmörder an der Kirchhofsmauer, ist mein einziger Bruder nicht zum Sträfling geworden wegen meiner Schande? hab' ich nicht kaum das Leben noch, kaum die Kraft für das arme Kind das Nöthigste zu verdienen, damit es wenigstens nicht vor Hunger stirbt, wie es jetzt vor Schwäche und Krankheit versiegen wird! Warum, frag' ich Sie, verfolgen Sie mich und suchten meinen Aufenthalt zu entdecken? Lassen Sie mich wenigstens ruhig sterben, mich und mein Kind, und so die Schuld büßen, in die Sie mich gestürzt, Sie und jener Unbarmherzige, jener Betrüger, der das Leben meiner Eltern auf dem Gewissen hat und bald auch das meine!«
Jacob Meier, denn es war in der That der frühere Buchhalter der spekulativen Firma I. M. Cohn u. Comp., der das arme gefallene Mädchen hier aufgesucht, schüttelte sich leicht bei der Verwünschung, die sie ausstieß, aber er war ein Mann des Verstandes und der Berechnung, und das Bewußtsein der Absicht, in der er gekommen war, gab ihm überdies einen gewissen moralischen Muth.
»Hören Sie mich an, Mademoiselle Friederike, Sie
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müssen mich hören; denn bei dem Gott meiner Väter, ich habe Sie nicht mit großer Mühe und viel Zeit, die doch ist Geld, aufgesucht in schlechter Absicht, ich habe gesucht und bin gekommen, um Ihnen zu helfen in Ihrer Noth!«
»Ich will keine Hilfe von Ihnen, der Sie zu meinen Verderbern gehören!«
Herr Meier schüttelte den Kopf. »Sie thun mir verkennen bitterlich,« sagte er, »ich will mir nicht brennen weiß und mich nicht besser machen als ich bin, aber wenn ich gethan habe Ihnen ein Leid, ist's doch gewesen blos ein Profitchen, das sich geboten hat dem kleinen Meier vom Hauptgeschäft von dem Principal und der trägt das Risiko, also die Schuld! Ich will nicht leugnen, daß er gehandelt hat schlecht an Ihnen, Mamsell Riekchen, sehr schlecht und es thut mir herzlich leid, daß es gekommen ist so schlecht für Sie. Denn, Mamsell Riekchen, Sie mögen's mir glauben oder nicht, ich habe Sie herzlich gern und hab' es aufrichtig gemeint, als ich die Schlechtigkeit des Herrn Cohn erfahren hab' gegen Sie und hab' Ihnen angeboten, Ihrem feigen Vater zu helfen mit meinem Geld zu sieben Prozent, wenn er nicht so geeilt hätte, zu kommen aus dem Leben. Können Sie mir's nehmen so übel, daß ich auch gemacht hab' mein Profitchen auf's Conto von dem Herrn Hofbanquier? Aber weil ich Sie gehabt wirklich gern und weil ich mir gesagt hab', Jacobchen, Du hast geholfen, Sie zu bringen in Leid, wenn Du auch nicht der Erste gewesen bist, - Du sollst sorgen, daß sie wenigstens Dir nicht flucht und nicht zu leiden braucht Noth und Hunger mit dem armen Wurm,
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der doch nun einmal das Unglück hat, da zu sein auf der Welt; darum hab' ich mir gegeben große Mühe zu erfragen, wo Sie sind geblieben, als ich gekommen hierher nach Berlin, und hab' gefragt hier und dort, bis ich erfahren hab', wo Sie gewohnt, und bin zweimal gewesen in Ihrer Wohnung, um mit Ihnen zu sprechen, aber vergeblich, ich habe nicht kommen können bis zu Ihnen.«
»Sie haben mich durch Ihre Zudringlichkeit hinausgetrieben aus dem Asyl, das ich gefunden hatte wenigstens bei guten und mitleidigen Menschen. Sollte ich meine Schande noch bekannter, mich noch verächtlicher machen, daß meine Verderber mich dort aufzusuchen wagten? - Ich will keinen sehen, ich will mit Ihnen Nichts zu thun haben, mit Ihnen und dem schmutzigen Bösewicht, der mich betrog und zu dem Sie gehören und in dessen Auftrag Sie sicher gekommen sind.«
Der kleine Buchhalter hatte sich vorsichtig auf einen der alten Stühle gesetzt. »Soll mir Gott helfen, Mamsell Rieckchen, ich habe gehabt keine böse Absicht. Aber Sie sind im schweren Irrthum, wenn Sie glauben, ich sei noch im Geschäft bei I. M. Cohn u. Comp. Gott bewahre, ich bin ausgetreten bald nach Ihnen und bin jetzt hier in einem Haus, wo I. M. Cohn ist Nischt dagegen, bis ich etablire mein eigen Geschäft, was soll geschehn, sobald ein werther Gönner gekommen ist von London hierher. Nein, Mamsell Riekchen, die Sache mit Ihnen und wie mich die Familie hat abspeisen wollen im Testament, ist mir rumgegangen im Kopf, und ich hab' mir gesagt: Du hast nichts mehr zu thun auf Deine Rechnung mit
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I. M. Cohn u. Comp., als was Du deutlich kannst übersehen, daß es klar ist und richtig und Du nicht wirst gemeiert. Mamsell Riekchen, ich versteh' Ihr Gefühl, daß Sie nicht mehr sehn wollen den kleinen Meier, so wenig wie Sie sehn wollen I. M. Cohn u. Comp., und daß Sie deswegen ausgerückt sind mit dem Wurm da aus Ihrer alten Wohnung und sind gezogen in diese Spelunke, um mich zu bringen auf eine andere Spur, daß ich bin ganz erschrocken gewesen, als ich gekommen bin heute Morgen dahin und hab' gehört, daß Sie seit zwei Tagen fort sind, auf und davon mit dem kranken Kinde nach Magdeburg, wo doch sitzt Ihr Herr Bruder auf der Festung; und ich hab' mir vorgesagt: Meier, sobald Du kannst, fährst Du nach Magdeburg, zu forschen nach ihr, da hat es zum Glück der Zufall gewollt, daß ich hier, als ich gehabt hab' zu thun mit einem Freund hier im Vorderhause, ich hab' gesehn durch das Fenster Sie gehn gerade über den Hof in diese Kellerthür, und ich hab' gefragt und gehört von einer armen Frau, daß eine junge Frau wohnt mit ihrem Kind hier in dem Keller und daß es Ihnen geht sehr schlimm, weil die Zeit ist schlecht und wenig Verdienst. So hab' ich's gewagt und bin gekommen hierher, zu sehen nach Ihnen und dem armen Kind und zu helfen, wie ich kann.«
Sie konnte sich nicht entschließen, den Worten, die doch von Gutherzigkeit und Reue zeigten, so streng und abweisend zu antworten, wie bisher. Sie sagte nur: »Verlassen Sie mich Herr Meier, ich kann und will von Ihnen keinen Beistand. Ich hoffe, ich werde ihn bald
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nicht mehr nöthig haben und mit meinem Kinde allem menschlichen Leid entzogen sein.«
Der kleine Buchhalter erhob sich: »Wie, das Kind? - Erlauben Sie mir, Mamsell Riekchen, es anzuschauen?«
Sie schauderte. »Es ist krank,« sagte sie - »es wird wohl nicht lange mehr leben - ich kann ihm keine Hilfe bringen! Gehen Sie fort, beflecken Sie mit Ihrer Berührung nicht das unglückliche Wesen, das bald ein reiner Engel sein wird im Himmel - während seine Mutter -« sie schlug die Hände vor das Gesicht und das gebrochene Herz machte sich endlich in einem heißen Thränenstrom Luft.
Es war, als ob ein Gedanke die kleine verwachsene Gestalt des Juden ordentlich wachsen machte, als er jetzt zu dem Korbe trat und die gestickte Decke fortzog, mit welcher das Mädchen das Kind seinem Blick entzogen hatte. Ohne sie zu beachten nahm er die Lampe vom Tisch und beleuchtete das Kind, das wieder leise zu wimmern anfing.
»Es ist krank,« sagte er. - »Hören Sie Mamsell Riekchen, das Kleine ist krank. Es muß haben einen Arzt oder eine weise Frau, es muß haben Hilfe und Pflege. Haben Sie geschickt nach dem Doktor?«
Sie antwortete nicht.
Der kleine Meier legte sanft die Hand auf ihre Schulter. »Antworten Sie mir! Das Kleine muß Hilfe haben! - ich habe ein Recht zu fragen danach!«
Unwillig schüttelte das Mädchen die Berührung ab. »Ein Recht?«
»Ich möchte doch nicht gesagt haben Etwas, was Sie
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thut verletzen Mamsell Riekchen, - aber der Prophet sagt weise: Das ist ein kluges Kind, das weiß, wer sein Vater ist. Können Sie leisten einen Eid, daß ich nicht bin der Vater von das Kind? Hat ein Vater das Anrecht auf sein Fleisch und Blut?«
Sie beugte sich noch tiefer nieder und schluchzte noch lauter.
»Mamsell Riekchen, ich will wissen, warum Sie nicht geschickt haben wegen das Kind zum Doktor?«
Nach einigem Zaudern rang sich die Antwort von ihren Lippen: »Ich war gestern Vormittag mit dem Kinde beim Armenarzt, - leider ist mir der Herr Schlesinger auf dem Wege begegnet, und von ihm wissen Sie gewiß ...«
»Soll mir Gott helfen, ich habe gar nicht gesprochen mit Nathan Schlesinger, der ist ein Lump an der Börse und ein Lügner und Verschwender. Ich habe Alles allein erfahren durch mir selber! Aber das gehört nicht hierher. Wenn Sie gewesen sind mit dem kranken Kind bei dem Arzt, statt daß Sie ihn kommen lassen hierher - was hat er gesagt? hat er verschrieben gar Nischt?«
»Er gab mir heute ein Recept, - er hat gesagt, das Kind müsse eine Amme haben, wenn es am Leben bleiben soll - ich hätte keine Nahrung dafür!«
»Das Kleine soll haben eine Amme, es mag kosten so viel es will! für Geld ist Alles zu haben in Berlin, warum nicht auch eine Amme. Aber warum haben Sie unterdeß nicht machen lassen das Recept?«
»Ich habe es in die Apotheke getragen, aber ...«
»Nun?«
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»Der Armenvorsteher war nicht zu Hause, als ich es wollte abstempeln lassen, ich mußte es so hintragen und ...«
»Und Sie haben gehabt kein Geld, um die Medizin zu bezahlen,« sagte der kleine Bucklige, ihrem Geständniß zu Hilfe kommend? »Gott soll mir helfen, da muß geschafft werden Rath, - in welche Apotheke haben Sie gebracht das Recept und auf welchen Namen?«
»Auf den meinen in die Apotheke am Dönhofsplatz - ich - ich konnte das Kind nicht allein lassen, um die Medizin zu holen - die Wirthin war nicht zu Hause ...«
»Gut, gut! ich brauche nicht zu wissen mehr, - haben Sie nur Geduld einen Augenblick!«
Er ergriff seinen Hut und rannte wie besessen davon, ohne auf das Nachrufen des unglücklichen Mädchens zu hören.
Sie wußte in der That kaum, was sie davon denken, was sie thun sollte, aber die zudringliche Theilnahme des Kleinen hatte doch einen wohlthätigen Eindruck auf sie gemacht, und ihre Thränen rollten milder und ihr Weinen war weniger krampfhaft und gewährte ihr eine wirkliche Erleichterung. Das Kind schien eingeschlafen und sie nahm ihre Arbeit wieder vor.
Es war noch keine Viertelstunde vergangen, als es wieder im Dunkel des Vorderraums an die Ecken stieß und der Ruf »Mamsell Riekchen, ich bin's, der kleine Meier!« sie die Lampe nehmen ließ, ihm zu leuchten.
Der frühere Buchhalter und Disponent der Firma I. M. Cohn und Comp. bot einen eigenthümlichen Anblick,
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denn er war beladen wie ein Packesel, als er an ihr vorbei in die Kellerstube sich drängte.
In der einen Hand hielt Herr Meier einen Topf mit Milch, in der anderen eine Flasche Rothwein, Chateau Becker, und unter dem Arm hatte er ein Brod, Gegenstände, die er sofort auf den Tisch neben die Lampe stellte. Dann begann er hastig die Taschen auszupacken. »Hier Mamsell Riekchen ist vor allen Dingen die Medizin, geben Sie's gleich ein dem Kleinen und ängstigen Sie sich nicht, der Herr Apotheker hat mir doch gesagt, daß nach dem Recept zu urtheilen, ist keine Gefahr für das Kind, das Mittel soll nur beruhigen das Fieber und die Tropfen da die Milch nahrhafter machen, die ich mir erlaubt, gleich zu bringen mit mir.« - Selbst einen neusilbernen Theelöffel holte er aus der Tasche und legte ihn neben die beiden Medizinflaschen. Dann kamen verschiedene Packete hervor, aus deren Papierhülle ganz appetitlich Schinken, Wurst und Butter hervorsahen. »Ich hab' mir's gedacht Mamsell Friederike,« fuhr er dabei fort, »daß wenn Stärkung braucht das Kind, auch Stärkung braucht eben so gut die Mutter, und hab' mir erlaubt zu bringen einige Kleinigkeiten, die Sie nicht werden abschlagen einem aufrichtigen Freund, dem es geht wie ein Messer durch's Herz, daß er Sie sieht in Noth und Kummer. Wenn ich bitten darf, Mamsell Friederike, thun Sie mir die Liebe und sorgen Sie vor Allem vor das Kind, wie es ist vor Gott und Menschen meine und Ihre Pflicht!«
Das Muttergefühl überwand die Gefühle des Weibes - die junge Mutter kniete neben dem Bettchen des
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Kleinen und flößte ihm aus einer herbeigeholten Tasse mit dem Löffel die stärkende Medizin in den kleinen Mund.
Herr Meier wäre gar zu gern an der anderen Seite des Korbes niedergekniet und hätte geholfen, aber er wagte es nicht, - er begnügte sich daher einstweilen auf dem Tisch die mitgebrachten Speisevorräthe auszupacken und in das beste Licht zu stellen, so wie mit seinem Messer den Wein zu entkorken, wobei er jedoch vergeblich nach einem Glase sich umsah.
Endlich hob die mit ihrem Kinde Beschäftigte schüchtern die noch thränenfeuchten Augen zu ihm auf. »Verzeihen Sie Herr Meier, Sie sind sehr gut mit einer Unglücklichen, und es thut mir leid, wenn ich Sie gekränkt habe, aber Sie wissen nicht, welche Bitterkeit die Schlechtigkeit der Menschen in einem Herzen häufen kann. Haben Sie vielleicht den Apotheker gefragt, ob ich dem Kinde ohne Gefahr nach der Medizin gleich Milch geben kann, oder wie lange es warten muß? Es dürstet offenbar so sehr!«
»Gewiß habe ich gefragt und Sie können die Milch ihm geben ein paar Minuten nachher, aber sie soll sein lauwarm. Gießen Sie weg das schlechte Zeug hier, wir wollen hinein thun ganz frische Milch, ich habe gekauft von der besten, mit der es ist, wie mit mir, das heißt, die nicht getauft ist mit Wasser, wie sie gewöhnlich thun.« Er half ihr, als wollte er sie gar nicht zur Unterbrechung kommen lassen, mit einer fast komischen Geschäftigkeit, und erst als die Milch auf dem Ofen stand, in den er selbst einige frische Kohlenbrocken geschoben und mit Papier und
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Spähnen in Feuer gebracht hatte, setzte er sich wieder nieder.
»Gott der Gerechte - das soll sein eine Wiege für ein Kind! Aber wahrscheinlich haben Sie geglaubt, daß das Schaukeln nicht zuträglich ist für ein Kind, worüber ich neulich noch gelesen habe einen Artikel in der Gartenlaube. Nun so muß es haben wenigstens ein großes Bettchen, bei dem Sie nicht zu knieen brauchen auf dem schmuzigen Fußboden. Aber Mamsell Friederike, warum thun Sie mir nicht den Gefallen, zu essen eine Schnitte Brod und etwas von diesem Schinken, den ich gekauft habe im Vorbeigehen bei Fischer auf dem Dönhofsplatz. Bedenken Sie, daß Sie müssen haben Nahrung und Kraft, wenn Sie arbeiten wollen für das Kleine und wachen bei ihm, damit es kann werden gesund. Wenn ich nur hätte ein Glas, daß ich Ihnen könnte einschenken ein Glas; er kann nicht sein schlecht, denn er thut kosten zwanzig gute Groschen.«
Die geschickte Einflechtung des Kindes in die Einladung sich an Speise und Trank zu kräftigen, verfehlte nicht ganz ihre Wirkung. Das Mädchen nahm schweigend eine Schnitte Brod und Fleisch und führte sie zum Munde, aber den Wein lehnte sie mit einer Handbewegung ab.
Der kleine Buchhalter drehte und wand sich auf seinem Stuhl, er schien offenbar noch Etwas auf dem Herzen zu haben und nur nicht recht zu wissen, wie er es anbringen sollte.
»Mamsell Friederike!«
»Herr Meier!«
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»Wollen Sie mir glauben, daß ich möchte gut machen mein Unrecht, und daß ich bin Ihr aufrichtiger Freund! Wollen Sie mir verzeihen, was ich gethan hab' Schlimmes an Ihnen?«
»Was kann Ihnen an der Verzeihung eines so armen Geschöpfes liegen?«
»Viel, Mamsell Friederike, - sehr viel! Ich bin in mancher Beziehung ein verkümmerter Mensch wie Sie, denn ich hab' nicht meinen geraden gesunden Leib, aber ich hab' einen guten Verstand, und ich versteh's Geschäft. Ich werd' mir also bringen durch's Leben und ich hab' mir schon weit genug gebracht, weiter, als mir gesungen worden ist an meiner Wiege, die gestanden hat in Medzibor, wo ist gewesen mein Vater ein sehr armer Jüd. Auch ein Mensch, der hat einen verkrüppelten Leib, was ist gewesen die Schuld von meiner Schwester, die mich hat fallen lassen in meiner Kindheit vom Tisch, kann haben ein Herz und Gefühl, und die Marianne, ich will sagen die Frau Nathan Schlesinger ist gewesen meine erste Liebe und meine erste größere Speculation. Aber sie hat mich gesehn über die Achsel an und ist davon gelaufen mit einem Offizier, zu ihrem Unglück, sie hat ihren zweiten Mann und er ist ein Lump, und wenn sie mich genommen hätte und mir die Hälfte zugebracht, was haben verthan ihre Männer, könnte sie jetzt haben eine halbe Million! Ich will nicht mehr an sie denken, und ich würde Sie heirathen Mamsell Friederike, um Ihnen zu geben die Reputation zurück, obgleich Sie nischt haben, aber ich bin ein Jud und Sie sind christlich, und Sie werden nicht
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nehmen meine Religion an, und ich nicht die Ihre, nicht weil ich hab' was gegen Ihren Glauben, aber weil die meine ist die Religion meiner Väter, in der gestorben ist mein Aette und meine Mutter. Darum will ich bleiben unverheirathet, aber mein Geld soll nicht kommen an die Kinder von der Marianne, meiner ersten Liebe, da ich haben kann selbst ein Kind; Mamsell Friederike, ich will adoptiren hier den Kleinen, wenn er bleibt am Leben, als meinen Sohn, gleichviel ob er nun ist der Sohn von mir oder der Sohn von I. M. Cohn und Comp., und ich will ihn lassen erziehn und ausbilden zu einem tüchtigen Geschäftsmann, der nicht untergeht in der Welt, denn er wird verdienen und wird haben Geld, viel Geld, wenn Sie mir's nur erlauben!«
Die junge Mutter schluchzte laut auf.
»Er soll meinetwegen bleiben ein Christ, da er ist schon getauft als ein solcher. Wir haben doch Alle einen Gott, wenn wir auch sind verschiedene Menschen. Mamsell Friederike, wollen Sie mir erlauben, zu sorgen für Ihren Sohn?«
»Herr lassen Sie mir mein Kind - es ist das Einzige, was ich noch habe!«
»Sie sollen nicht verlieren das Kind, es soll bleiben bei Ihnen, oder Sie bei ihm. Ich will Ihnen machen noch einen Vorschlag. Mamsell Friederike, Sie sind krank und schwach, Sie sind aufgestanden viel zu früh von Ihrem Wochenbett, das Kind kann kaum sein einen Monat alt. - Sie verderben Ihre ganze Gesundheit und sehen aus wie ein Schatten, Sie bringen sich um's Leben. -
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Mamsell Friederike, ich habe einen guten Posten und verdiene viel Geld. Ich will auch haben ein bequemes Leben, wenigstens wenn ich komme nach Hause in meine vier Pfähle, denn es ist mir angeboten ein Haus zu einen[m] geringen Preis vor dem Potsdamer Thor, und ich habe Lust, das Geschäft zu machen. Weiß Gott, wäre noch nicht verkauft gewesen und niedergerissen das Haus von dem alten Mann, Ihrem Vater, ich würde es haben gekauft um jeden - um guten Preis. Wie wär's, wenn Sie nun zögen zu mir und führten mir die Wirthschaft, Sie sollten's haben gut, als wären Sie wirklich meine Frau, und wir könnten erziehen zusammen den Kleinen zu Ihrer und meiner Freude und es würde mir machen Freude, von Ihnen zu halten jedes Aergerniß und jeden Verdruß.«
Wiederum schauderte sie zusammen und barg ihr Gesicht in den Händen, obschon sie fühlte, daß der Vorschlag gut gemeint war. »Nein, nein - niemals! niemals! - Wenn Sie es wirklich redlich meinen, Herr Meier, und Reue fühlen - so verschaffen Sie mir Arbeit, daß ich mich und mein Kind redlich ernähren kann - aber - wieder unter einem Dach mit Ihnen, mit jenem Mann unter einem Dach - niemals - lieber sterben!«
Der Kleine zuckte die Achseln. »Ich hab's gemeint gut mit Ihnen und dem Kind und hab' gehabt, auf Ehre, keine schlimme Absicht dabei. Aber Sie können doch unmöglich bleiben hier in dieser Höhle, Sie und das Kind, ich habe auch ein Wort zu reden dabei! Wenn es gewesen sind gute Leute, wo Sie gewesen sind dabei und geflüchtet vor mir, - so wahr ich heiße Jakob Meier und hoffe,
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die Firma noch einmal mit Ehren an der Börse zu sehen, - ich würde niemals kommen dahin. Aber Sie müssen haben Licht, Luft und Nahrung und Doktor und Apotheker, wenn Sie werden wollen wieder gesund, - Sie müssen annehmen von Jakob Meier,« - sie machte eine abwehrende Geberde - »nein, nicht ein Geschenk, aber ein Darlehn von - von hundert Thalern, das Sie sollen mir verzinsen mit 6 Prozent und wiederzahlen nach und nach, wenn Sie wieder gesund sind und kommen zum Verdienst. Mamsell Riekchen, ich sage Ihnen, Sie thun dem Jakob Meier damit einen Gefallen, der sonst keine Ruhe haben wird zu seinen Geschäften, wozu er doch braucht allen Verstand, damit er verliert nicht sein Geld, - Sie ...«
Ehe er weiter sprechen oder sie eine Antwort geben konnte, - er hatte bereits eine alte lederne Brieftasche in der Hand, und suchte die Kassenscheine heraus, - wurde das Gespräch durch eine dritte Stimme unterbrochen.
»Heiliges Kreuz-Millionen-Sakramenski! ist denn kein Mensch in dem verfluchten Loch, daß man sich die Knochen zu Schanden stoßen muß! Licht her oder ich schlage Alles kaput.«
»Barmherziger Gott - das ist der tolle Böhme, der Tischler - wenn er nur nicht herein kommt, - ich bin verloren, wenn er Sie hier findet, er ist so boshaft und fast immer betrunken!«
Der kleine Buchhalter zitterte am ganzen Leibe, denn große Courage war eben nicht seine Sache. »Gott der Gerechte, er wird einem unschuldigen Menschen doch thun kein Leid, wir leben doch hier unter'm Schutz des Gesetzes
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- es giebt doch Polizei und Constablers. Wo kann ich hinaus, wo kann ich mich verbergen, Mamsell Riekchen? Ich habe Geld bei mir, viel Geld bei mir - und habe mich gewagt in diese Räuberhöhle, blos aus Theilnahme für Sie!«
»Ich will dem Manne Licht geben, dann kommt er hoffentlich gar nicht herein. Es ist ihm verboten, Herr Hähnel will's nicht haben!« - Sie machte Anstalt, mit der Lampe zur Thür zu gehen, aber es hätte wenig genutzt, wenn Herr Jakob Meier nicht zugleich die Gelegenheit benutzt hätte, hinter den improvisirten Bettschirm der jungen Mutter zu schlüpfen.
Diese öffnete mit Aufbietung all' ihres Muthes die Thüre nach dem düstern Raum.
[»]Wenn Sie Licht wünschen, Herr Jellinek,« sagte sie, »bitte, zünden Sie Ihre Lampe an der meinen an.«
Sie stand quer vor der Thür, aber der wüste Mensch drängte sie gewaltsam zur Seite.
»Na, es wird doch erlaubt sein, sich ein wenig die Hände zu erwärmen! Den Teufel, die Martini läßt uns frieren, mich und den Gassenkehrer wie Hunde. Nur nicht ängstlich Kind, ich thu Dir Nichts, Dir und dem Bankert da, Sakramenski! wahrhaftig, Du hast ja ein Abendbrod wie 'ne verlaufene Prinzessin, davon's bei uns in Oesterreich Gottes Segen genug giebt! He, da kann ich Dir wohl 'nen Augenblick Gesellschaft leisten, da die Alte und der lange Lümmel, der sich ihren Ehemann titulirt, nicht da sind. He, was ist denn das? wahrhaftig Wein, rother Ofner, wie er mir lange nicht vor's Maul gekommen ist.«
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»Herr Jellinek,« sagte das zitternde Mädchen, »Sie wissen, daß Sie nicht in unsere Stube kommen dürfen.«
»Eine schöne Stube! ein Hundeloch, wie das, worin wir schlafen, ich und der schuftige Gassenfeger! Aber ich habe einen verteufelten Hunger - ich habe Nichts gehabt heute Abend, als ein paar lausige Schnäpse, und das füllt den Magen nicht! Mit Erlaubniß, Kind!«
Und er schnitt sich ein Stück Brod ab und bestrich es dick mit Butter.
»Herr Jellinek,« sagte das geängstete Mädchen, dessen Ohr zugleich eine unruhige Bewegung hinter ihrem improvisirten Bettschirm hörte, - »ich bitte Sie, wenn Sie noch Hunger haben, nehmen Sie das Alles mit in Ihre Schlafstelle, aber verlassen Sie unsere Stube, mein Kind ist krank und bedarf der Ruhe.«
Der Böhme hatte in Ermangelung des Glases die Flasche Wein an den Mund gesetzt und mit einem Zuge halb geleert. »Schaun's es ist wahrhaftig echter! Der Teufel soll mich holen, wenn ich geh weg. Komm her Mädel, sei nicht albern, gieb mir einen Schmatz, einen tüchtigen. Der Kerl dämlichte sein nicht hier - scheer mich auch den Teufel um ihn. Hierher Dirne, sag ich, setz Dich auf den Schoos meinigten, ich bin grad' in der Laune dazu und massakrir die ganze Welt, wenn sie nicht thut, wie ich will.«
Er taumelte von dem Stuhl auf, auf den er sich gesetzt und Lebensmitteln und Flasche zugesprochen hatte.
»Herr Jellinek - haben Sie Erbarmen, - mein Kind! Ich rufe um Hilfe, wenn Sie sich nicht sofort entfernen!«
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»Szert! dumme Gans dummigte, mach keine Sperenzien! warum sträubst Du Dich, ich steche Jedem das Messer in den Ranzen, der mich hindern will, mich, den Nepomuk Jellinek, der schon Einen um die Ecke gebracht, warum bin ich ausgewandert sonst! Komm hierher Dirne oder ich schlage Dir die Knochen im Leibe entzwei.«
Er suchte sie zu erfassen.
»Zu Hilfe! zu Hilfe!« sie flüchtete nach ihrem Lager, der kleine Meier, so wenig Courage er hatte, so sehr er sich fürchtete, steckte den Kopf hinter der Decke hervor. »Wenn Sie nicht werden gehn sogleich, werd' ich rufen die hohe Polizei!«
Der Böhme brach in ein gelles tückisches Gelächter aus. »Also das ist's, warum die deutsche Vettel sich sträubt. Hussah - der Liebhaber ist drin im Bett, darum Wein und Schinken! Aber ein Jüd! wie kannst Du Dich unterstehn, Schinken zu fressen, Du Ganef! Nun erst recht soll die Dirne mein sein, trotz aller Juden und aller Polizei! Hierher Mädel, oder ich schneide Euch Allen den Bauch auf und dem Bankert zuerst!«
Sie schrien Alle, das Mädchen, der Buckliche, das Kind - der betrunkene Unhold taumelte auf den Korb zu und wäre im nächsten Augenblick darüber hingestürzt, wenn die unglückliche Mutter sich nicht davor geworfen und mit ihrem Leibe das Kind der Sünde, ihr Kind, ihren einzigen Schatz gedeckt hätte.
Selbst der kleine Meier war bei diesem Anblick mit unerhörtem Muth aus seinem freilich sehr unsichern Versteck hervor gekommen, hatte sich des eisernen Ofenhakens
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bemächtigt und schwang ihn tapfer zur Seite der gefährdeten Mutter.
»Soll mir Gott helfen, ich schlage Ihnen ein den Schädel, wenn Sie kommen uns zu nah!«
Aber die heldenhafte Stellung und die Drohung würden wenig genützt haben, denn der Böhme war, wenn auch nicht groß, doch ein ziemlich untersetzter kräftiger Bursche und seine schwarzen czechischen Augen funkelten Tücke und Grausamkeit, als er das Messer aufklappte, das er aus der Tasche gezogen, und das Gesicht des kleinen Buchhalters wurde kreideweiß vor Angst. Aber es kam ihnen von anderer Seite Hilfe.
Eine kräftige Faust faßte von hinten den Rockkragen des Tischlers. »Schwerenoth, was thust Du hier, böhmischer Maulaff! Willst Du Ruhe halten und Dich in Deine Küche scheeren, Du hast hier Nichts zu suchen!«
Der Böhme stieß einen wilden Fluch aus. »Laß los, rother Wilm, oder ich geb Dir mein Messer zu kosten, sakramensker Ketzerhund!«
»Was, Du willst noch schimpfen?« Der Zuhälter der Wittwe Martini war ein langer breitschultriger Uckermärker von großer Kraft. Er hatte ein ziemlich nichtssagendes breites Gesicht und rothe Haare, aber wenn er in Zorn gerieth, dann gewannen seine sonst blauen Augen ein drohendes Feuer. Seine gewaltige, durch die schwere Steinträgerarbeit mit Sehnen wie Stränge durchwachsene Hand ballte sich, und mit einem Faustschlag warf er den Böhmen zu Boden. »Hinaus mit Dir!«
Der Mann hatte sich emporgerafft und zitterte vor
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Wuth und Bosheit. »Ich habe ein besser Recht hier zu sein, wie Du! Ich bezahle meine Schlafstelle, Du nicht, Du straft's ihr am Leibe ab!«
»Hund! - wär's nicht Nacht, würf' ich Dich noch heute vor die Thür! fort sag ich, oder ich thu's sogleich!«
»Probir's! Willst wohl allein sein mit der Dirne - 's ist Dir ein Anderer zuvorgekommen und ich will gehn und es der Kellerfrau sagen!«
Der rothe Wilm hatte einen Blick zur Seite geworfen und den kleinen Buchhalter gesehn. »Wer ist das - was thut der Krüppel hier? Aber erst will ich mit Dir fertig werden!« Die Drohung, die Kellerfrau zu rufen, hatte seinen ganzen Zorn erregt und er stürzte auf den Tischler zu, ihn um den Leib zu fassen und mit Gewalt hinaus zu tragen, aber er hatte noch nicht zwei Schritte gemacht, als er den Mann los ließ, zurücktaumelte und mit der Hand nach der Seite griff. »Kanaille, Du hast mich gestochen!«
»Was ist's, was giebt's. Was hast Du hier zu schaffen? Hab mir's doch gedacht, daß Du hier zu dem Frauenzimmer gelaufen bist, mit der Du Dir hast, als wär's 'ne Prinzessin, bloß weil der Kerl ihr Bruder, der auf der Festung sitzt, ein Mal Dein Unteroffizier gewesen ist. Aber ick sage Dich, die Jeschichte jefällt mich nich, ick will meinen Liebsten alleene haben, so lang ick ihm Speise und Trank gebe, und morgen mag sie sich en ander Logis suchen ... Herrjes! wat ist denn das,« unterbrach sie sich aufschreiend - »Blut, Wilhelm, Du blutst ja wie en abgestochnes Schwein - wat is geschehen!«
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Der Steinträger, indem er vom Blutverlust und Schmerz überwältigt auf den nächsten Stuhl sank, deutete auf den Böhmen, der noch das Messer in der Hand trotzig und drohend zur Seite stand.
»Der da - der Tückebold - er hat mich gestochen! Herr Gott, es geht zu Ende mit mir!«
»Schinderknecht!« schrie die Frau, bei der im Nu alle Eifersucht verschwunden war vor der größeren Gefahr, und fuhr nach dem Haar des Böhmen. »Mörder! ruft die Polizei, der Kriminal ist ohnehin drüben! Mord! Mord!«
Sie war eine große robuste Frau im Alter von etwa vierzig Jahren, mit schwarzem Haar auf der Oberlippe, ein Weib, das sich wohl in einer Schlägerei mit einem Manne messen konnte, und der Tischler vermochte sich in der That kaum ihres wüthenden Angriffs zu erwehren.
»Laß mich los, sacramensca podwana, oder ich stech Dich nieder, wie ihn!« Der tückische Mensch suchte sich loszumachen von ihr, aber schon zeterte Herr Jakob Meier aus allen Kräften durch das kleine eingeschlagene Kellerfenster, das kaum zur höchsten Tageszeit Licht genug in den Raum ließ, um die Nadel führen zu können, hinaus in den Hof: »Mörder! Mörder! haltet ihn fest den Gojim, er hat Einen erstochen!« und Frau Martini hielt in der That fest wie mit eisernen Klammern, obschon der Tischler ihr Faustschläge in's Gesicht versetzte und alle Kräfte aufbot, sich von ihr zu befreien. Im Hofe aber war es ohnehin lebendig, aus dem hinteren Ausgang der Boutique drängten sich Menschen, und aus dem Gartensaal kam
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auf das Geschrei Alles heraus, was irgend die Thür herauslassen konnte.
»Ruhe da!« befahl eine kräftige Stimme - im Scheine der Gasflamme sah man die Helme von Schutzleuten blitzen - »Wachtmeister Blümler, führen Sie den Gefangenen zum Molkenmarkt. Lassen Sie ihn knebeln, wenn er sich sträubt und verhaften Sie Jeden, der Miene macht, ihm beizustehen.«
»Zu Befehl, Herr Hauptmann! Soll ich die Mutter, die Wittwe Quinche auch mitnehmen?«
»Nein - wir haben es nur mit dem aus Moabit entsprungenen Sträfling zu thun. - Die Frau ist der Polizei sicher. - Aber was geht hier vor? was ist das für ein Lärmen? wer schreit hier Mord? Schutzmann Winter, recherchiren Sie!«
Um die Kellerwohnung hatte sich eine Menschenmenge gedrängt, auch von der Straße kamen schon Leute herein, der Polizei-Hauptmann ließ das Thor sperren und ging an den Eingang des Kellers, aus dem man eben den Böhmen hervorstieß, während Frau Martini heulte und wehklagte.
»So viel ich entnehmen kann, hat der Mensch hier bei einer Prügelei einem Anderen mit dem Messer einen Stich versetzt.«
»Ist der Mann todt?«
»Nein, aber er scheint doch schwer verwundet.«
»Holen Sie einen Arzt, daß Hilfe geschafft wird.« Der Beamte drängte sich in den Keller zwischen den Unberufenen und Neugierigen hindurch, die bereits hinein und heraus sich stießen. Unter den Letzteren befand sich
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auch der kleine Meier, er hatte es für gerathen gehalten, sich trotz seiner Theilnahme für die junge Mutter davon zu machen, um nicht etwa als Zeuge aufgeschrieben zu werden und vor das Kriminalgericht zu kommen. Die Gerichtszeitung und die Tribüne hätten keine Schonung gekannt und seinen Namen sicher genannt.
Die arme Friederike war in der That die Einzige, die Ueberlegung und Ruhe zeigte. Nachdem sie ihr Kind in Sicherheit gebracht, eilte sie dem Steinträger zu Hilfe, suchte das Blut zu stillen und half ihn auf das Bett bringen. Der Schutzmann hatte glücklicher Weise im nächsten Barbierladen einen Gehilfen gefunden, der wenigstens mit Wunden umzugehn verstand und einen vorläufigen Verband anlegte, bis ein Arzt die Verletzung näher untersuchen und entscheiden konnte, ob ein Transport in die Charité oder nach Bethanien ausführbar sei.
Während der Polizeibeamte den Thatbestand festzustellen suchte, war der Verwundete wieder zu sich gekommen.
»Heule nicht so Alte,« sagte er, »es war nur die erste Furcht, hoffentlich wird's an's Leben nicht gehen. Ein Kerl, wie ich, stirbt nicht sogleich, ich hab' schon manchen blutigen Kopf davon getragen und selber geschlagen. Er hätte nur nich gleich stechen sollen der Nepomuk, aber wenn ich wirklich sterben müßte, so sollen sie Alle bezeugen, daß er kein Mörder nich is, denn ick habe ihn zuerst gehaun und zu Boden geschmissen, und das war keine Kunst nich, denn ick bin dreimal so stark als er. Dadrum is er kein Mörder nich!«
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Ein anständig gekleideter Herr, der mit den ersten Neugierigen eingetreten und dann in der Stube geblieben war, ohne sich weiter bemerklich zu machen, hatte sich jetzt, als endlich ein Arzt erschien und sofort an die Untersuchung des Kranken ging, dem Mädchen genähert, das, nachdem sie ihre erste Aussage über den Hergang des Streites gemacht, wieder neben ihrem Kinde saß; er berührte leise ihren Arm.
»Mamsell Krause!«
Sie fuhr erschrocken auf und blickte ihn an, dunkele Röthe der Schaam färbte ihr abgehärmtes Gesicht.
»Mein Gott, Sie, Herr Doktor! Wie kommen Sie hierher?«
»Das eben möchte ich Sie fragen!«
»Ich wohne nicht mehr in dem Hause, ich ... ich habe es verlassen müssen, schon vor zwei Tagen!«
Der Fremde, es war der Journalist, dem wir in den anderen Scenen des Abends begegnet sind, sah sie mitleidig an. »Das ist das Erste, was ich höre! So hat man Sie und Ihr Kind - vielleicht, weil Sie die Miethe nicht gleich zahlen konnten - unbarmherzig hinausgestoßen? Das hätte ich von der Frau, bei der Sie wohnten, nicht gedacht!«
»Nein, nein, thun Sie den Leuten nicht Unrecht - ich bin freiwillig gegangen, ich mußte gehen! fragen Sie nicht, Herr Doktor, Sie und Ihre Frau waren immer so gütig gegen eine Unglückliche. Ich bin ehrlich fortgegangen - ich habe die wenigen Sachen, die ich noch hatte, dort gelassen und Nichts mit mir genommen, als mein Kind.
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Aber ich konnte unmöglich da bleiben, die guten Leute sind selbst zu arm. Ach, Herr Doktor, ich bin ein sehr unglückliches Geschöpf - und nun noch die Scene hier - mein Kind, ach, mein armes Kind!«
»Fassen Sie sich - aber Sie können unmöglich hier bleiben, eben hat der Arzt, den ich zufällig kenne, den Ausspruch gethan, daß der Verwundete ohne Gefahr nicht transportirt werden kann. Ist die Kammer noch frei, die Sie in unserem Hause bewohnten?«
»Ich fürchte nein - es giebt der armen Mädchen so viele.«
»Nun denn, so müssen wir ein anderes Unterkommen für Sie suchen; ich habe Hilfe für Sie, ein menschenfreundlicher, hoher Herr hat mir eine Unterstützung für Sie anvertraut, die für's Erste hinreichen wird, Ihnen ein besseres Unterkommen zu schaffen und Sie vor Noth zu schützen. Ich will Sie für diese Nacht in ein kleines Gasthaus bringen, es sind deren ganz anständige in der Krausenstraße. Morgen wollen wir dann weiter sehen.«
»Nein, nein, ich danke Ihnen herzlich, Herr Doktor, aber es geht nicht, - mein Kind ist krank!«
»Das wollen wir gleich sehen! Der Arzt dort thut mir gewiß den Gefallen.«
Dieser hatte eben dem Polizeibeamten erklärt, daß die Wunde zwar nicht tödtlich, daß aber große Ruhe für den Kranken erforderlich sei, wenigstens in den ersten Tagen, und daß deshalb jede Erschütterung, wie bei dem weiten Transport ihm nicht zu ersparen sei, vermieden werden müsse. Also Ruhe, absolute Ruhe müsse er haben, dann
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glaube er für das Leben des Mannes stehen zu können. Frau Martini hatte das kaum gehört, als sie erklärte, sie werde Ruhe schaffen, die Schlafleute sollten sogleich hinaus, und sie selbst wolle den rothen Wilhelm pflegen und ihn keinen Augenblick verlassen. Die Krause sei an Allem schuld, denn um sie sei der Streit allein hergekommen und darum soll sie noch in dieser Stunde hinaus, wo sie mit ihrem Bankert bleiben möge, das sei ihr ganz egal.
Der Polizeihauptmann war zu sehr mit solchen Scenen und Charakteren vertraut, um sich mit einer, sogar in ihrem Rechte befindlichen Xantippe in einen weiteren Streit einzulassen, und nachdem er alle fremden Personen aufgefordert hatte, den Keller zu verlassen, ging er selbst, um nach seinem Gefangenen zu sehen und das Weitere zu veranlassen.
Der Journalist hatte unterdeß den ihm oberflächlich bekannten Arzt zu dem Kinde geführt und ihm kurz die Verhältnisse mitgetheilt. Der Ausspruch desselben war sehr bestimmt. »Warum sollte es denn nicht fortgebracht werden können? wenn Sie nur wissen wohin damit. Ich sehe gar keinen Grund ein, warum es hier bleiben sollte. Dem Kinde hat, wie ich aus dem Recept meines Collegen hier ersehe, in der Welt nichts gefehlt, als bessere Nahrung und die scheint es jetzt bekommen zu haben. Wenn die Mutter es also irgend wo anders hinbringen kann und das wird um des Kranken willen nöthig sein, so steht dem gar Nichts im Wege!« Damit hatte er dem Journalisten die Hand gereicht und war gegangen.
»Sie sehen, Mamsell Krause, daß Sie meinem Rath
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jetzt doch folgen müssen,« sagte der Journalist, »Sie können und dürfen nicht hier bleiben!«
»Nein, das darf sie nicht,« rief das Weib, »und wenn sie nicht macht, daß sie fortkommt, werde ich ihr auf die Beine helfen!«
»Aber Marie, so denke doch menschlich - sie soll mit dem armen Kinde jetzt hinaus in die Winternacht und sich eine Wohnung suchen!« sagte eine sanfte Stimme bittend zu der Kellerwirthin.
»Papperlapapp, so ein Bankert stirbt nich gleich und wenn's wäre, dann wäre sie ihn los und's wäre ein Glück für sie. Du bist ja eine vornehme Prinzessin, Nette, und hast Dein eigen Logis, statt daß Deine Schwester im Keller wohnt, - zwei eigene Stuben! wenn Dir's so leid thut, kannst Du sie ja zu Dir nehmen, - Ihr paßt zusammen in der Vornehmigkeit!«
Das gescholtene Mädchen - es war die kleine Confectionsnäherin, die vor kaum einer halben Stunde der Freundin ihr eigenes schweres Leid geklagt und die selbst bei dieser Schwester hatte Hilfe und Rath suchen wollen, - warf einen schmerzlichen Blick nach oben, aber sie sagte kein Wort, sie fühlte, daß die Arme neben ihr mit dem Kinde doch noch unglücklicher war, als sie selbst. Aber dann fuhr es ihr wie ein Blitz durch den Kopf, ein glücklicher, helfender Gedanke.
»Wenn es nur nicht so weit wäre von hier - vielleicht wüßte ich Rath. Was haben Sie für eine Beschäftigung?«
»Ich habe versucht, Handschuhe zu nähen - es bringt
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freilich wenig ein, Fräulein,« sagte schüchtern die junge Mutter, indem sie zweifelnd und bittend auf das junge Mädchen sah.
»Nennen Sie mich nicht Fräulein, ich bin eine arme Arbeiterin wie Sie, und gegenwärtig sogar ohne jeden Verdienst; Sie haben ein Kind, ich habe eine alte gelähmte Pflegemutter, die ich nicht allein lassen kann. Handschuhe können Sie zu Hause nähen, während, wenn ich außer dem Hause arbeiten könnte, genug verdienen würde, um meine kleine Wirthschaft im Stande zu halten und mich redlich zu ernähren, ohne von Jemandes Gunst oder Bosheit abzuhängen. Sie sehen mir ehrlich und unglücklich aus, wie wär's, wenn Sie zu mir zögen und meine alte Kranke pflegten mit Ihrem Kinde, während ich außer dem Hause schneidere; denn man sagt, ich sei ganz geschickt darin und hätte Geschmack. Die Miethe ist Gott sei Dank pränumerando bezahlt bis zum ersten April, und Raum, Licht und Luft ist genug in meiner Wohnung. Bis dahin ...«
»Bis dahin,« sagte der Journalist, »ist gesorgt durch die Großmuth eines edlen Herrn. Hier sind vier Friedrichsd'or, die er mir gegeben! - Nehmen Sie das Anerbieten an, Mamsell Krause, es scheint mir herzlich gut gemeint, und vielleicht wäre so zwei jungen Wesen geholfen, daß sie nicht verderben. Für lohnendere Arbeit als die Handschuhnäherei wird sich leicht sorgen lassen, und Sie, Fräulein - ich nenne Sie so, wenn Sie's auch nicht wollen - bitte ich, wenn Sie Zeit haben, noch diese Woche zwei Tage bei meiner Frau zu arbeiten, die gerade eine
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geschickte Schneiderin sucht, da ihre frühere nach auswärts geheirathet hat; Sie wird sich freuen, ein so braves Mädchen bei sich zu sehen, und daß Mamsell Krause hier bei Ihnen ein Unterkommen gefunden hat. Wo wohnen Sie, Fräulein? ich will sogleich eine Droschke holen und werde mir das Vergnügen machen, Sie bis zu Ihrer Thür zu begleiten.«
Das Gesicht Friederikens strahlte vor Freude, sie preßte die Hand auf's Herz und sah dankend bald auf den Mann, dessen Beistand sie ohne Schaam und Schauder annehmen konnte, bald in das zarte hübsche Antlitz des jungen Mädchens.
»Wenn ich nur nicht so weit wohnte - ich wohne draußen in der Badstraße - aber,« fügte sie mit der glücklichen Elasticität der Jugend im Hoffen fast schon wieder heiter hinzu, »wenn unser Compagnie-Geschäft gut einschlägt, ziehen wir näher in die Stadt, damit wir mit dem langen Wege nicht so viel Zeit verlieren.«
»Und es wird sicher einschlagen, aber nun wollen wir ebenfalls keine Zeit verlieren, also packen Sie rasch zusammen, was Sie hier haben, während ich die Droschke hole, und - da fällt mir ein, daß ich Ihnen noch vorher eine gute Nachricht geben kann, Mamsell Krause.« Er zog sie zur Seite. »Der hohe Herr, dem Sie die freundliche Unterstützung verdanken, hat versprochen, sich auch für das Schicksal Ihres Bruders und seine Begnadigung zu verwenden. Es bedarf nur, daß Sie eine Petition an des Königs Majestät unter offenem Geständniß der Sachlage anfertigen, und das will ich für Sie thun
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und dann die Bittschrift getrost in die Hände des mildherzigen hohen Herrn legen. - Und nun, Adieu, bis sogleich!«
Als eine Viertelstunde später die beiden Mädchen den Korb mit dem Kinde und die wenigen Sachen der jungen Mutter durch den Hofraum und Flur in die Droschke trugen, bemerkte das Auge Friederikens im Gaslicht auf dem Trottoir gegenüber die kleine unverkennbare Figur des Herrn Meier auf[-] und abwandeln und neugierig nach dem Wagen spähen. Wenn er auch davon gelaufen war vor der Gefahr der Compromittirung, - das wackere Gefühl war doch zum Durchbruch gekommen und wie ein Renner mit einem schlechten Reiter mit ihm umgekehrt, und hatte ihn in die Nähe des Hauses getrieben, um zu sehen, wie die Sache ausgegangen.
Frau Martini meinte zwar hinter der Scheidenden her, um solche Geschöpfe habe es keine Noth, die kämen immer wieder auf die Füße zu stehen, und der Affe, ihre Schwester, bilde sich viel zu viel ein auf ihr Lärvchen und ihr Augenniederschlagen, und jetzt käme sie gerade in die rechte Gesellschaft und brauche ihr nicht wieder über die Schwelle zu kommen; schließlich aber überwand bei dem leichtsinnigen und herrischen Weibe auch die Angst um den jetzt im Wundfieber liegenden Galan doch allen Aerger und sie hatte für Nichts Sinn mehr, als den Vorschriften, welche der Arzt zurück gelassen, aufs Eifrigste nachzukommen, und wies selbst ihre gute Freundin die Boutikerm zurück, als sich Dame Nowak einen Augenblick
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von's Geschäft gestohlen hatte, um herüberzukommen und Eins mit ihr zu klatschen über die Ereignisse des Abends.
Was wir eben erzählt, sollte jedoch noch nicht das letzte Abenteuer sein, das der Zeitungsschreiber in dieser Nacht zu bestehen hatte.
Es war bereits ziemlich spät - Mitternacht vorüber, als er von der Begleitung der beiden Mädchen sich wieder nach der Mitte der Stadt wandte, um ziemlich ermüdet, seine Wohnung aufzusuchen.
Es ist eine Eigenthümlichkeit Berlins, daß das nächtliche Straßenleben eigentlich sehr unbedeutend ist. Selbst in den schönen Sommernächten ist es um Mitternacht schon einsam und öde; sobald die Omnibuswagen ihre Tagescourse abgefahren haben und die Droschken die Nachttaxe fordern können, hört der Verkehr zum großen Theil auf und besteht nur aus den Personen, die etwa aus den Bierhäusern nach Hause gehen, während bekanntlich in den großen Städten des südlichen Europas dann erst das rechte Straßenleben beginnt. Als der Journalist durch eine der Straßen in der Nähe der Linden ging, sah er in eine Hausthür gedrückt einen Mann stehen, - er wäre achtlos vorübergegangen, wenn ihm nicht der Umstand aufgefallen wäre, daß der Mantel des Mannes von seiner Schulter gefallen und achtlos trotz der Kälte zu seinen Füßen liegen geblieben war. Zugleich traf ein Laut sein Ohr, wie ein tiefes Stöhnen, ein Stöhnen, das aus dem
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Innersten der Brust zu kommen schien und einen fast schauerlichen Klang hatte. Ein zweiter Blick, den er nach rückwärts warf, zeigte ihm etwas Bekanntes in der Gestalt, und - irgend einen Unfall vermuthend, wandte er sich an der nächsten Straßenecke um und ging das Viertel zurück auf dem Trottoir, um, wenn seine Vermuthung gegründet wäre, seinen Beistand anzubieten, ohne doch aufdringlich sein zu wollen, da er den Herrn im Allgemeinen zu wenig näher kannte und nur in Kreisen munterer Gesellschaft hin und wieder mit ihm zusammengetroffen war.
Als er sich dem Mann wieder näherte, hatte dieser sich umgekehrt mit dem Gesicht gegen die Thür; dennoch blieb der Journalist stehen, denn der Ton des Schluchzens wiederholte sich so erschütternd, daß er es nicht über sich gewinnen konnte, ohne einen Versuch der Theilnahme weiter zu gehen; er blieb deshalb stehen und legte die Hand auf die Achsel des Mannes. »Verzeihen Sie Herr - sind Sie krank? Erlauben Sie wenigstens, daß ich Ihnen Ihren Mantel wieder umgebe - die Nacht fängt an, sehr kalt zu werden.«
»Krank - ja wohl krank - sehen Sie nicht, was mir fehlt!« Der Mann drehte sich um und der Journalist erkannte in dem Schein der nächsten Gaslaterne, daß er sich in der That nicht geirrt in der Person, aber das Aussehen des Mannes war so wahrhaft entsetzlich, daß er ohne einige andere Umstände, die rasch ihm in die Erinnerung kamen, ihn kaum für dieselbe Person gehalten haben würde.
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Das Gesicht des Mannes - es war ein jüngerer Beamter an einer der wichtigsten und einflußreichsten Behörden Berlins, ein heiterer Lebemann und großer Liebhaber der Kunst, weshalb man ihn häufig in der Gesellschaft eines bekannten Polizei-Assessors sah, der als der Förderer und Verehrer allen Schauspielerinnen galt, - das Gesicht war so furchtbar bleich und verzerrt, die Augen blickten so stier, fast gräßlich, daß der Journalist sofort von dem Glauben zurückkam, der Andere habe etwa in einer lustigen Gesellschaft des Guten zu viel gethan.
»Gewiß Herr von Bennewitz, - Sie müssen krank sein und mir erlauben, Sie nach Ihrer Wohnung zu führen.«
Der junge Mann stieß die helfende Hand hastig von sich. »Berühren Sie mich nicht - sehen Sie nicht, daß mich ein ehrlicher Mann nicht mehr anrühren darf - bevor - nein! nein! niemals wieder! - o mein Gott - womit hab' ich das verdient - ich habe sie doch aufrichtig geliebt!«
Der Ton war fast kreischend - er schnitt dem Journalisten durch's Herz und verrieth ihm mehr, als er durch hundert Fragen hätte erfahren können.
»Sehen Sie nicht - dort! dort!« er wies wie unwillkürlich nach dem Hause gegenüber.
Die Fenster desselben waren bis auf eins dunkel, aber der Journalist wußte, daß in einem dieser Häuser eine bekannte und sehr beliebte Schauspielerin der Hofbühne wohnte. Er wußte ferner, daß der junge Mann zu ihren
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Verehrern gehörte, das Gerücht sagte, zu den begünstigten, obschon er vornehme Mitbewerber haben sollte.
»Ich weiß nicht, was Ihnen fehlt, Herr von Bennewitz, aber Sie können unmöglich in der Kälte hier bleiben. Es würde Ihrer Gesundheit, Ihrem Leben schaden!«
»Gesundheit? Leben?« Der junge Mann lachte höhnisch auf. »Glauben Sie wirklich, daß ein Mann leben kann ohne Ehre! - mit dem Schandfleck da! - sehen Sie nicht, wie es brennt - und ich - soll leben und ihn tragen! ohne Ehre leben - nimmermehr!«
Der Journalist hatte sich halb mit Gewalt seines Armes bemächtigt und versuchte ihn weiter zu ziehen.
»Die Begriffe der Ehre sind sehr verschieden Herr von Bennewitz,« sagte er tröstend - »die wahre Ehre eines Mannes hängt nicht von einem Zufall, von einem anderen Menschen ab, am Wenigsten von den Launen eines Weibes, sondern von uns selbst, von dem Bewußtsein der erfüllten Pflicht!«
Dasselbe höhnische Lachen antwortete ihm. »Gehen Sie Ihrer Wege Doctor - was wissen Sie von der verletzten Ehre eines Edelmannes! Nur diese Hand allein vermag sie rein zu waschen - ja jetzt erst begreife ich, was meinen Ahnen das Schwert in die Faust drückte! - ich werde ihn tödten!«
»Wen?« frug der Journalist schaudernd.
»Ihn! - oder glauben Sie, daß Jene allein ein Recht haben auf des Lebens Güter, daß sie ungestraft den Fuß setzen dürfen auf unseren Nacken? - Höll und Teufel, ich habe sie wirklich geliebt - und was war sie ihm!
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Beim Blut meiner Ahnen - was waren ihre alten Lehmburgen gegen ein frisches warmes Menschenherz! - Halt - gehen Sie fort Mann, Sie mögen es gut mit mir meinen, aber Sie wissen nicht, was mir geschehen - fort sage ich!«
»Nicht eher, als bis Sie ruhig sind!«
»Im Grabe - gehen Sie, der Augenblick ist da!« Im Hause gegenüber öffnete sich wie von unsichtbarer Hand die Thür, tief in seinen Mantel gehüllt trat ein hoher Mann heraus und schritt ohne sich umzusehen oder auf sonst Etwas zu achten, das Trottoir entlang.
Der junge Beamte hatte sich mit Gewalt von dem Journalisten los gerissen - zwei Schritte, er war auf dem halben Straßendamm, und seine Hand hob sich - der Journalist sah in dieser Hand etwas blitzen - es war kaum der zehnte Theil einer Sekunde, fast zu gleicher Zeit traf ein Schlag mit dem Lebensvertheidiger die Hand des jungen Beamten und der glänzende Gegenstand fiel in den Schnee des Straßenpflasters. Der große Mann, der aus der Thür getreten, mußte doch das Geräusch gehört haben, denn er drehte sich um und war mit einem Schritt an der Gruppe. Sein Auge fiel auf das jetzt von Blut übergossene Gesicht des jungen Beamten - der Journalist hatte sich gebückt und hob den Revolver auf, der noch am Boden lag, so daß er nicht zu erkennen war.
»Sie haben Ihre Genugthuung gehabt mein Herr, Versagung der Waffe zählt auch!« sagte der Mann im Mantel mit kalter Ruhe und Strenge. »Gott hat Ihnen ein Verbrechen erspart, das selbst eine thörichte, ganz
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unbegründete Eifersucht nicht hätte entschuldigen können. Lassen Sie sich für Ihre hitzige Gemüthsart die Sache eine Warnung sein und wir werden am Besten thun, die Sache alle Drei zu vergessen - hören Sie, alle Drei!« er setzte mit festem Schritt seinen Weg fort.
Der junge Mann stand, als wäre er von einem Schlage getroffen, so zerknickt und gebrochen war die ganze Gestalt, und als er sein Auge auf das des Journalisten richtete, der sich blaß, am ganzen Körper zitternd jetzt aufgerichtet hatte, konnte er in diesem das ganze Urtheil über seine That lesen. Er griff schwankend wie ein Rohr in der Luft umher, nach der Hand des Zeugen, aber diese zog sich unwillkürlich zurück.
»Sie hatten Recht, Herr von Bennewitz - jede Berührung anderer Menschen zurück zu weisen; gehen Sie nach Hause und bitten Sie Gott, daß er Ihnen diesen Augenblick des Wahnsinns vergeben möge.«
Der Aermste schlug die Hände vor das Gesicht. »Hat er's gethan, - hat er mir vergeben?«
»Ich glaube wohl - aber gehen Sie!«
»Und Sie werden schweigen?«
»Ich werde es!«
»Ich danke Ihnen - aber ich selbst werde mir niemals vergeben - für mich Unglücklichen giebt es nur eine Sühne noch - den Tod! der ein fluchbeladenes Leben enden muß!« - Er schwankte die Straße entlang - der Journalist sah ihm mit Theilnahme zu, aber ohne sich ihm nochmals zu nähern. Er sah ihm nur traurig nach und
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dann zu den Fenstern hinauf, hinter deren Rouleaux eben das einsame Licht verlosch.
»Armer Mensch! o Weiber! Weiber! was habt Ihr Alles auf dem leichtsinnigen Gewissen, und doch soll jene dort trotz ihres Standes noch eine der besseren sein! Welches unsagbare Unheil hätte hier geschehen können!« In tiefem Nachdenken setzte er seinen Heimweg fort, in der Gewißheit, daß ihn eine tüchtige Gardinenpredigt erwarten werde, die er doch ohne Entschuldigung auf sich nehmen müsse.
In der Colombaia!
Der Leser wird sich vielleicht noch erinnern, daß der Graf Juan von Lerida, den die Gnade der Königin Isabella sich begnügt hatte, statt einer strengeren Bestrafung nur aus Spanien zu verbannen, bei der Anfahrt zur Audienz im Quirinal seiner originellen Dienerschaft den Befehl ertheilt hatte, ihn am spanischen Platz mit dem Wagen zu erwarten, um ihn nach dem Circus Caracalla zu bringen, auch der des Romulus, richtiger der des Maxentius genannt. Er liegt zur Rechten der appischen Straße vor der Porta von San Sebastiano in der Nähe der Kirche, und ist das besterhaltene Ueberbleibsel dieses Genres aus dem alten Rom, wird aber weniger von den Fremden besucht, da er ziemlich weit von der Mitte der Stadt entlegen ist und die Gegend noch heute nicht im besten Rufe steht.
In der Nähe befindet sich die von Papst Damasus 367 auf dem Kirchhof des heiligen Calixtus erbaute Kirche von San Sebastiano, und bei der Kapelle der heiligen Francesca einer der Eingänge zu den Catakomben, die nicht aufgehört haben, stets ein Schlupfwinkel der Vagabonden und Räuber zu sein, welche trotz der französischen
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Besatzung nach der Zerstreuung der bourbonischen Armee und dem Fall von Gaëta wieder sehr an Zahl zugenommen und in letzter Zeit manchen überaus kecken Streich bis fast vor den Thoren Roms ausgeführt hatten. Die Fahrt war daher ohne alle Begleitung, selbst bei hellem Tage, nicht ohne Gefahr, und nur das Versprechen eines doppelten Trinkgeldes vermochte den Kutscher des Hôtels sich dazu zu bequemen.
Wir wissen jedoch, daß irgend eine Besorgniß nicht geeignet war, den spanischen Abenteurer von einem gefaßten Vorsatz abwendig zu machen, namentlich wenn er damit noch einen besonderen Zweck verband.
Die Via der Porta San Sebastiano bildet einen langen und ziemlich öden Weg vom Circus Maximus bis zur äußersten Ringmauer und der Graf hatte volle Zeit über die Bekanntschaften, die er so unerwarteter Weise im Quirinal beim Grafen von Caserta gemacht und erneuert hatte, so wie über die Aufnahme beim Kardinal nachzudenken und seine weiteren Entschlüsse zu fassen. Er freute sich aufrichtig, dem alten Kriegsgefährten aus Indien wieder begegnet zu sein, hoffte am Abend so Manches von ihm aus jenen wilden Scenen zu hören, und auch von der Bekanntschaft mit dem Briganten-Capitano, dessen Namens mit manchem anderen er sich aus den hinterlassenen Papieren seines Oheims erinnerte, Nutzen zu ziehen. Die Auffrischung dieser Erinnerungen war es, neben den Plänen mit der spanischen Königstochter, die ihn veranlaßt hatten zunächst nach Rom zu gehen, und er glaubte Ursache zu haben, mit den Erfolgen seiner Audienz beim Kardinal
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nicht unzufrieden zu sein. Auch der Charakter des Abbate Calvati begann ihn außerordentlich zu interessiren, und wenn er auch fühlte, daß er hier auf einen ihm ganz gewachsenen, ebenso ränkevollen und gewandten Gegner getroffen war; dennoch hoffte er von ihm Nutzen zu ziehen und verließ sich dabei auf sein gutes Glück.
In der That sollte der Tag auch reich genug an Abenteuern für ihn werden.
Vor der Kirche hielt die Staatskarosse eines Kardinals, bewacht von vier päpstlichen Gensd'armen, - Se. Eminenz hatte sich keineswegs für so unverletzlich gehalten, daß er sich in Betreff seiner Sicherheit blos darauf verlassen hätte. Der Kardinal war ausgestiegen, von der Pfarr-Geistlichkeit mit großen Ehren am Portal empfangen und in die Kirche geleitet, wohin irgend ein Auftrag des heiligen Vaters oder eine Pflicht seines Amtes ihn geführt haben mochten. Eine große Anzahl von Gaffern, Landleuten und Hirten der hier sich öffnenden Campagna, Besitzer der Vignen und anderes Volk hatten sich versammelt, mit der gewohnten, müßiggängerischen Neugier das Schauspiel zu betrachten. Indem der Graf seinem Kutscher zu halten befahl, bemerkte er auf der durch ihre gerade Richtung eine weite Aussicht gewährenden appischen Straße in einiger Entfernung eine gewöhnliche, von einem Vetturin geführte Chaise ankommen. In derselben saßen zwei Frauenzimmer und ein Mann in gewöhnlicher bürgerlicher Kleidung. Der Vetturin, mit dem Eifer dieser Leute, jede Gelegenheit zu einem Aufenthalt zu ergreifen, hielt seine mageren Maulthiere an. »Ich dächte, Signor
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Valdieri, das wäre eine gute Gelegenheit, den Segen einer heiligen Hand für Euch und diese beiden Signorina's zu erhaschen. Es dürfte Euch schwerlich in unserem Ponte Corvo so leicht die Gelegenheit dazu wieder kommen.«
»Aber ich habe Dir gesagt, guter Anselmo, wie uns der hochwürdige Abbate Calvati befohlen hat, daß wir bei guter Zeit in Rom sein müssen, und nachdem unsere Fahrt unter der Gnade meines Schutzheiligen bis hierher glücklich von Statten gegangen, dürfen wir ihn nicht in Versuchung führen. Du weißt, daß man uns unterwegs gewarnt hat. Dieser unheilige Schuft Fontana soll unter allerlei Verkleidungen bis vor den Thoren Roms seine Streiche treiben, und noch vor acht Tagen zwei heilige Frauen beraubt und mißhandelt haben.«
»Dann waren sie gewiß nicht so hübsch, wie die beiden Täubchen, die Ihr unter Euren Schutz genommen, Signor Valdieri, und weil sie nun doch zu spät kommen zu den Freuden des Faschings, solltet Ihr ihnen wenigstens den Trost eines Kardinalssegens gönnen, der doch immerhin etwas kräftiger ist, als der eines gewöhnlichen Abbate. Was übrigens den Matteo Fontana betrifft,« fuhr der geschwätzige Vetturin fort, »so dürften die Herren Gensd'armen hier, die Seine Eminenz begleitet haben, uns am Ende noch wirksamer beschützen, als Euer unbekannter Schutzheiliger.«
»Du sprichst, wie ein Laie es versteht, Anselmo,« sagte der würdige Valdieri, »und redest frevelhaft von meinem sehr mächtigen Schutzheiligen, der kein geringerer ist, als der im Himmel sehr angesehene San Petruccio!«
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»Ahi! um so eher,« meinte hartnäckig der Vetturin, der nach der Weinkneipe schielte, die wie gewöhnlich in der Nähe einer Kirche nicht fehlte, »um so eher solltet Ihr den Segen Seiner Eminenz nicht verschmähen, der wie ich eben höre, der große Kardinal Petrucci selber ist!«
»Wie kannst Du nur so frevelhaft sprechen, daß ich, ein armer Bürger, der nur die ersten Weihen empfangen hat und dann gezwungen war, dem heiligen Stand zu entsagen, den Segen eines so großen Kardinals verschmähen sollte, der ein halber Namensvetter meines Schutzheiligen ist. So will ich denn thun, wie Du räthst und dann unter dem Schutze des großen Mannes und dieser Herren von der Guardia Seiner Heiligkeit unseren Einzug in dem ewigen Rom halten. - Sie werden hoffentlich Nichts dagegen haben, Madonna's, daß wir hier ein Wenig anhalten, und mich in die berühmte Kirche von San Sebastiano begleiten.«
»Wir ziehen es vor, Signor,« sagte eine feste, metallreiche Stimme, »hier im Wagen auf Ihre Rückkehr und die Abfahrt Seiner Eminenz zu warten.«
Der gute Bürger von Ponte Corvo hatte die Chaise bereits verlassen; die Weigerung schien sogar ganz nach seinem Geschmack, und nachdem er dem Vetturin empfohlen hatte, bei dem Wagen zu bleiben und an Ort und Stelle seinen abgetriebenen Thieren eine Hand voll Mais zu geben, damit sie desto frischer sodann die vier Miglien bis zur Herberge zurücklegen könnten, steuerte er mit eiligen Schritten einem Seiteneingange der Kirche zu; denn es
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verlangte ihn in der That, so im Vorübergehen vielleicht den Segen einer Eminenz zu erhaschen.
Es war allerdings ein Zufall gewesen, daß der Graf von Lerida seine Equipage an derselben Stelle hatte halten heißen, welche gleich darauf der Vetturin zu seiner Rast gewählt hatte, aber es war jetzt kein Zufall, daß er nach dem Verlassen des Wagens noch in der Nähe verweilte; denn ein Paar Namen, die er in der Unterhaltung gehört, hatten seine Aufmerksamkeit erweckt, und er hätte nicht der Mann sein müssen, der er war, wenn er an der freilich sehr kläglichen Land-Equipage hätte vorüber gehen können, ohne einen Blick in das Innere derselben zu werfen, da dieses Innere zwei anscheinend junge Mädchen bildeten. Sie waren beide in die zierliche Tracht der Bewohnerinnen der Lavoro-Gebirge gekleidet, doch fiel ihm die stolze und wenig an die Schüchternheit eines Landmädchens, vielmehr fast herausfordernde Haltung der älteren auf, die seinem dreisten Auge mit hochmüthigem Blick begegnete, während die jüngere mit offenbarer Neugier den fratzenhaften Jockei auf dem Bock des herrschaftlichen Wagens musterte, und als derselbe ihr ein Gesicht schnitt, ein Kreuz wie vor dem Gottseibeiuns schlug.
Der Graf rief seinen Leibdiener.
»Aufgepaßt, Mauro,« sagte er auf Spanisch. - »Geh' in die Kneipe dort und beschäftige den Fuhrmann mit einer Flasche Wein.«
Der Neffe des smyrnaer Banditen war zu sehr an dergleichen Aufträge gewöhnt, als daß er sich darüber hätte verwundern sollen. Er begnügte sich, die Achseln
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zu zucken und machte sich davon. Der Graf aber hatte mit Erstaunen bemerkt, wie bei seinen Worten das Mädchen in der Landchaise zusammenfuhr und sich herausbeugte, gleichsam als habe sie seinen Befehl verstanden. Er näherte sich wie im Vorübergehen dem Wagen und zog höflich grüßend den Hut.
»Guten Tags Signorina's - Sie haben etwas kühle Witterung zu Ihrer Fahrt gewählt. Darf ich fragen, woher Sie kommen?«
»Von Ponto Corvo, Excellenza,« sagte die Jüngere, während die Andere ein stolzes Schweigen beobachtete.
»Und gehen nach Rom, wahrscheinlich zur Fasten-Andacht? Da können Sie allerdings keinen besseren Leiter zum Himmelsthor finden, als meinen frommen Freund, den Abbate Calvati.«
Das Mädchen fuhr erfreut zurück. »Oh, Signore, - Euer Excellenza kennen den Abbate Calvati?«
»Wer sollte den Signore Abbate nicht kennen, einen so vortrefflichen Priester, die rechte Hand des heiligen Vaters. Ich hörte zufällig, daß der Signor, Ihr Begleiter, seinen Namen als den der Person nannte, welche Sie erwartet. Per Baccho! schönes Kind, ich könnte den frommen Herrn um einen so schönen Besuch beneiden, wenn wir nicht so gute Freunde wären.«
»O là! Wenn Sie so gute Freunde sind, dann können mir Euer Excellenza gewiß sagen, ob der Signor daran gedacht hat, daß nur das Versprechen gehalten worden, welches mir der fromme Vater Gherardo gegeben hat?«
»Welches Versprechen meinen Sie, schönes Kind?«
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»Nun, welches andere, als die Begnadigung meines Vaters am Martedi?«
»Ihres Vaters? Wie heißen Sie denn, Bellissima?«
»Agnola Frangoni, Excellenza zu dienen, aus Subiaco.«
»Ah so! - aber warum sollte denn der würdige Signor, Ihr Vater, begnadigt werden?«
Die ältere der Insitzenden gab ihrer Gefährtin einen warnenden Stoß, aber das junge Mädchen ließ sich nicht abhalten, weiter zu schwatzen.
»Nun, Excellenza - Sie wissen ja wohl, daß er Unglück hatte und wegen der zwei kleinen Messerstiche seinen Kopf in die Garotte stecken sollte. Es war ein höchst ungerechtes Urtheil, wie die Madre sagt, aber die Verwandten des Erstochenen haben Geld.«
»Und deshalb sollte Ihr Vater dafür büßen. Aber ich erinnere mich in der That, daß die guten Römer am Fastnachts-Dienstag um eines der hübschen Schauspiele gekommen sind, und ich hoffe zu Gott und dem Herrn Abbé Calvati, daß Ihr Vater, schöne Agnola, der Glückliche gewesen ist, was bei der Fürbitte von einem solchen Paar Augen ich gar nicht bezweifeln kann. - Und Sie, mein schönes Kind,« - der Graf wandte sich in seinem lustigen Uebermuth zu dem anderen Mädchen - »gehen Sie auch zu einer der sehr frommen und sehr hartherzigen Ehrwürdigkeiten, um einen kleinen Fußfall zu thun für einen Verwandten oder Amoroso aus Subiaco, der vielleicht ein kleines Unglück gehabt hat auf der Landstraße, wie dies den Signori's aus dem Gebirge zuweilen passiren soll, obschon
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es die Ehre hat, sogar Seine Eminenz den Herrn Kardinal Staatssekretär zu seinen Kindern zu zählen. In diesem Fall erlaube ich mir, Ihnen meine Fürsprache anzubieten, da ich zufällig das Glück habe, gerade mit Se. Eminenz sehr gut zu stehen!«
»Sie sollten sich schämen, Signore, wer Sie auch sein mögen, mit zwei schutzlosen Frauen Ihren Spott zu treiben,« sagte die Angeredete mit stolzer Haltung in spanischer Sprache - »und die thörichte Schwatzhaftigkeit meiner Begleiterin zu mißbrauchen. Ein solches Benehmen ist eines Caballero unwürdig - ich glaube der Affe, Ihr Diener dort, würde sich schicklicher benehmen. Ich bitte, gehen Sie Ihrer Wege, Señor!«
»Beim heiligen Loyola! - da habe ich eine verdiente Lection erhalten,« sagte lachend, aber sehr erstaunt der Graf - »und Abbate Calvati hat das Recht, mich heute Abend tüchtig auszulachen, wenn er meine Abfertigung erfährt. Aber sagen Sie mir um aller Geheimnisse der Appia willen, die deren so manche haben soll, wer sind Sie denn, - denn aus dem Nest Subiaco, das nur Kardinäle, Rechtsverdreher und Straßenräuber nach der ewigen Roma schickt, können Sie doch unmöglich stammen, da Sie die Sprache meiner Heimath wie eine geborene Madrilena oder Andalusierin sprechen!«
»Ich bin Spanierin!«
»Und Ihr Name, wenn es erlaubt ist danach zu fragen?«
»Giuliana Bourbon!«
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Der Graf that einen Satz rückwärts, als wäre er von einer Tarantel gestochen.
»Valga me Deos! Solche Zeichen und Wunder können Einem auch nur bei Sanct Peter passiren. Reden Sie die Wahrheit, Señora?«
»Ich sollte denken, ich brauche mich ihrer nicht zu schämen!«
»Nein, bei Gott!« - Er hatte sich von seinem Erstaunen gefaßt und erinnerte sich dessen, was ihm der Kardinal-Staatssecretair gesagt über eine Mission, in der er den Abbate Calvati nach dem Bord der Yacht des Grafen im Hafen von Civita-vecchia senden wolle in derselben Angelegenheit. »Sollte es möglich gewesen sein, sie bereits herbeizurufen? - doch nein, es muß ein Zufall sein, der sie mir in die Hand führt. Selbst mit dem Telegraphen wäre eine Berufung unmöglich gewesen. Wir müssen von diesem Zufall Nutzen ziehen!«
Er war mit einer gewissen Ehrerbietung vor dem Wagen stehen geblieben. »Señora,« sagte er, den bisher angewendeten spöttischen Ton fallen lassend, »der Zufall ist oft der merkwürdigste Verbündete in der Welt. Wollen Sie mir eine kurze Unterredung unter vier Augen gestatten?«
»Ich bin nicht Herrin meines Willens, Señor, - ich bin nicht besser als eine Gefangene und unter Aufsicht.«
»Eine Gefangene? - und wer hält Sie gefangen?«
»Vorläufig,« sagte die schöne Büßerin, »der würdige Mann, den Sie in unserer Begleitung gesehen haben, und der von dem Herrn Abbate Calvati, Ihrem angeblichen
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Freunde, seine Instructionen hat. Aber, vor allen Dingen, wer sind Sie selbst, Señor, der Sie so neugierig sind?«
»Wer ich bin? Demonio - wenn Señora wirklich die Dame sind, für welche Sie sich ausgeben, und die ich suche, so bin ich einer Ihrer nächsten Verwandten - Ihr Vetter Juan, Graf von Lerida, der Neffe des Viscounts von Heresford, des Gemahls Ihrer angeblichen Mutter, also Ihres Vaters!«
»Meiner Mutter! - Bei allen Heiligen, was wissen Sie von der Infantin, meiner Mutter?« Sie hatte, ihre bisherige hochmüthige Zurückhaltung aufgebend, die Hand auf den Schlag des Wagens gelegt, als wolle sie ihn öffnen und herausspringen.
Der Abenteurer beeilte sich, ihrem Verlangen entgegen zu kommen. »Wenn wirklich Ihr Begleiter Ihr Wächter ist, so werden Sie einsehen, Señora, daß ich Sie um so mehr sprechen muß, bevor er zurückkehrt und uns vielleicht daran hindert. Die Infantin Donna Henrietta von Bourbon, Ihre Mutter, befindet sich in Rom oder vielmehr in Civita-vecchia am Bord meines Schiffes!«
»Meine Mutter in Rom? Täuschen Sie mich nicht, Señor - ist es nicht ein neuer Trug jener Pfaffen, die mich meiner Freiheit, meiner Jugend beraubt haben, um mich in ihren Netzen festzuhalten? Sie, ein Freund des Abbé Calvati?«
Der Abenteurer lachte wieder mit seiner ganzen übermüthigen Sicherheit. »Bah, schöne Cousine - mit der Freundschaft ist es nicht so weit her - ich habe ihn heute zum ersten Male gesehen; aber Sie werden begreifen, daß
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wir uns verständigen müssen, unsere Unterhaltung fängt an, Aufsehen zu erregen. Wohin bringt man Sie?«
»Ich weiß es nicht!«
»Das ist verdächtig, und ich bin entschlossen, Sie nicht wieder aus den Augen zu verlieren, obschon ich eigentlich hierhergekommen bin, ganz andere Personen aufzusuchen, die uns in diesem Augenblicke in der That, glaub' ich, nützen könnten, denn eine gewaltsame Entführung allein kann ich beim besten Willen in Gegenwart jener Herren dort von der päpstlichen Gendarmerie nicht versuchen.«
»Um Himmelswillen nicht - man würde mich wieder in jenen schrecklichen Kerker bringen. Ich flehe Sie an, Señor, ersinnen Sie ein Mittel, mir Beistand zu leisten und mich zu meiner Mutter zu führen!«
»Können Sie sich auf Ihre Begleiterin verlassen? wer ist sie?«
»Sie sagte Ihnen die Wahrheit; es ist ein einfaches Landmädchen, bigott und albern, aber sonst gutherzig. Ich glaube, die Personen, die auch mich beherrschten und in ihren Fesseln hielten, haben sich in den Erwartungen auf sie getäuscht, und sie hat jetzt nur die Stellung einer Dienerin.«
»Dann hat sie auch unser Gespräch nicht verstanden?«
»Kein Wort - aber heilige Madonna, dort kommt Signor Valdieri, unser Aufpasser!«
»Sie müssen Ihre Abfahrt zu verzögern suchen!« - Er wechselte rasch die Sprache, suchte wie vergeblich in den Taschen und sagte dann auf Italienisch: »Ich
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bedaure sehr, Madonna, Ihr plötzliches Unwohlsein und daß ich kein Flacon bei mir habe - nun eine Stunde ungestörter Ruhe in jener Taverne, deren Wirthin ich eben an der Thür stehen sehe, würde Ihnen wahrscheinlich gut thun!«
Die schöne Guilana[Giulana] hatte im Augenblick begriffen und sank mit einen Aufschrei ohnmächtig in den Wagen zurück, während der Graf von Lerida den Leuten entgegenging, die eben aus der Kirche herausströmten und Spalier bildeten, den hohen Kirchenfürsten bei seiner Besteigung des Wagens, der auf den Wink des dienenden Diakon herangekommen, noch einmal in nächster Nähe zugehen. Der scharfe Blick Don Juan's hatte rasch unter der knieenden Menge den Signor Valdieri herausgefunden, und indem er sich neben ihn stellte, berührte er leicht seine Schultern.
»Ich glaube, Signore, eine von den Signorina's, mit denen vorhin Ihr Wagen hielt, ist unwohl geworden, und man hat sie in ein Haus bringen müssen.«
Der würdige Bürger verwünschte im Stillen seinen frommen Eifer, der ihn dazu verführt hatte, seine Schutzbefohlenen auch nur eine Viertelstunde unbeaufsichtigt zu lassen und machte sich eiligst zu dem Wirthshaus, wo er zu seinem großen Verdruß den Vetturin noch bei der Flasche und die beiden Mädchen unter dem Schutz der geschwätzigen Wirthin fand, die sich sehr eifrig bezeigt hatte, die schöne Ohnmächtige auf ihr eigenes Bett bringen zu lassen und jetzt beschäftigt war, mit einer angezündeten Feder unter der Nase und sonst allerlei weiblichen
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Hilfsmitteln die Kranke wieder zu sich zu bringen, und sie zu entkleiden.
Vergeblich war der Protest des Signor Valdieri gegen das letztere Verfahren und sein Verlangen, als seine Nichte, wofür er sie ausgab, endlich für gut befunden hatte, wieder zu sich zu kommen, mit ihm alsbald die Fahrt fortzusetzen. Donna Giuliana stöhnte auf das Herzzerreißendste und erklärte es für unmöglich, in ihrem Zustand einen Wagen besteigen zu können, ehe sie nicht wenigstens einige Stunden sich erholt hätte. In dieser Noth wurde dem Vetturin von seinem neuen Freunde und Trinkgenossen Mauro, auf einige Worte bes Grafen, dem ein toller Schwank durch den Kopf fuhr, gesteckt, sein Herr und Gebieter sei ein berühmter und trotz seiner Jugend hochgelehrter griechischer Arzt, der auf seiner Durchreise in Rom von vielen hochgestellten Eminenzen und Prälaten, ja vom heiligen Vater selbst schon zu Rathe gezogen worden, und der es auf eine dringende Bitte gewiß nicht verschmähen werde, auch in dem vorliegenden Falle Beistand zu leisten.
Die Italiener sind im Punkt der Arzneikunde überaus leichtgläubig und geneigt, bei umherziehenden Quacksalbern Hilfe zu suchen, und die griechische Tracht des Erzählers, wie das seltsame Aussehen Seespinne's machten den Bericht Mauro's um so glaubhafter, so daß Signor Valdieri sich beeilte, den gelehrten Arzt aufzusuchen und ihn dringend zu bitten, doch seiner erkrankten Nichte ferneren Beistand zu leisten.
Der fromme Bürger, zu dessen Hause die sechs Büßerinnen nach ihrer Vertreibung aus dem Kloster der heiligen
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Rosalia gewiesen worden waren, ein blind gehorsamer Diener der Kirche, fand den Grafen von Lerida im Gespräch mit einem Manne, dessen Mantel von Ziegenfell, nebst dem spitzen mit Bändern umwundenen Hut, den Sandalen und der großen Ledertasche mit dem langen eisenbeschlagenen Stock, ihn als einen der halbwilden Hirten der nahen Campagna erwies.
»Heureka! Heureka!« sagte der Abenteurer mit einer äußerst ernsten Miene und in einem Gemisch von italienischen und griechischen Wörtern nebst Ausdrücken aus vier oder fünf anderen Sprachen, - »mein würdiger Signor, ich sehe, daß die heilige Wissenschaft des Hypokrates und Galen sich niemals als trügerisch beweist. Ich sah es sogleich an dem Gesicht Eurer Nichte, als ich an Eurem Wagen vorüberging, um in jene alten Ruinen des Romulus und anderer großen Gelehrten des Heidenthums zu kommen, wohin dieser Mann in Begriff steht mich zu geleiten, damit ich an einigen Inschriften, die sich dort noch an den dreitausendjährigen Quadern finden sollen, wichtige Studien mache, - daß der Signora eine schwere Erkrankung drohe, die sogar zu jenem tödtlichen Schlagfluß führen kann, den wir Gelehrten apoplexion nennen, wenn ihr nicht schleunigst Hülfe geleistet werden kann. Ich würde auch keinen Augenblick Anstand nehmen, diesen Beistand zu leisten, als Pflicht des Arztes gegen die leidende Menschheit, wenn eben nicht jetzt die Stunde da wäre, deren helleres Licht allein zur Erforschung der Geheimnisse jener wunderbaren alten Ruinen benutzt werden muß.«
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»Aber um der heiligen Madonna von Loretto willen, Signor Dottore,« flehte dringend der Alte, »was braucht ein so gelehrter Mann, wie Ihr schon seid, noch der unheiligen Geheimnisse jener schlimmen Ruinen, die Ihr innerhalb der Ringmauer des heiligen Roms zehnmal besser haben könnt. Ueberdies« - und er zog ihn am Arm zur Seite - »möchte ich Euere Hochgelahrtheit darauf aufmerksam machen, daß es in den Ruinen des Circus selbst um diese Tageszeit nicht geheuer ist für einen ehrlichen Mann, namentlich in solcher Begleitung, denn der Kerl könnte leicht dort eines der Werkzeuge oder der Zuführer des berüchtigten Banditen Matteo Fontana sein, der wieder arg auf der appischen Straße sein Wesen treiben soll, und der einen mit seinen Listen nicht vertrauten Fremden in einen jener Schlupfwinkel verlocken kann, deren es in jenen Trümmern unzählige geben soll noch aus der Zeit des verfluchten Mascherato, eines der abscheulichsten Verbrechers und Empörers gegen die segensreiche Regierung des heiligen Vaters, die je existirt haben und noch existiren, ohne daß es der hohen Polizei jemals gelungen wäre, sie zu beseitigen.«
»Das kommt wahrscheinlich daher, weil sie sich niemals die Mühe dazu gegeben hat,« sagte lächelnd der Graf, dem die römische Polizeiwirthschaft zur Genüge bekannt war. »Aber damit Sie sehen, daß die hohe Wissenschaft, die allerdings, wenn mir ein Unglück widerfahren sollte, einen unersetzlichen Verlust erleiden würde, nicht undankbar ist, bin ich bereit, Sie zu Ihrer Nichte zu begleiten und ihr die Kenntnisse des gelehrten Doktor Leridakos zu Gute
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kommen zu lassen, sobald ich diesem Mann erst noch einige Anweisungen für eine spätere Erforschung der Ruinen gegeben habe. Gehen Sie voran, Signor, und melden Sie mich an.«
Herr Valdieri machte eine tiefe Verbeugung und schritt zu der Taverne voran.
Don Juan trat wieder zu dem Hirten der Campagna, der mit stupidem Gesichtsausdruck der Unterhaltung zugehört hatte, aber der Abenteurer, der ein scharfer und schlauer Beobachter war, hatte dennoch bemerkt, daß bei der Erwähnung der Namen Fontana und Mascherato ein eigenthümliches Lächeln über die wilden Gesichtszüge geflogen war, das von einer ganz anderen Intelligenz sprach, als der Campagnole bisher gezeigt hatte.
»Höre, Freund,« sagte er, »verstehst Du wirklich kein vernünftigeres Italienisch, als Dein verdammtes Patois?«
Der Hirt lächelte verschmitzt. »Wenn Euer Excellenza es nur mit dem rechten Klange zu begleiten verstehen, werden die Ohren eines armen Sumpfbewohners gewiß nicht verschlossen sein.«
Die Worte waren in gutem Römisch gesprochen und der Graf sah sogleich, daß er sich in seiner Muthmaßung nicht geirrt hatte.
»Es ist so, wie ich dachte,« sagte er, indem er dem Manne einen Goldscudi reichte. »Ich habe nicht viel Zeit und deshalb knöpfe gefälligst Deine langen Ohren noch weiter auf, als Du vorhin bei dem Namen eines Mannes gethan, der Dir am Ende gar nicht so unbekannt gewesen ist.«
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»Wen meinen Euer Excellenza?«
»Ich meine den Mascherato!«
Der Mann schlug ein Kreuz. »Oh, Excellenza, wir sind ehrliche Leute!«
»Nun, zum Henker - am Ende ist er es auch gewesen. Also Du hast Nichts von ihm gehört?«
»Excellenza,« sagte der Kerl mit schlauer Miene, »ich war damals noch sehr jung!«
»Es ist also schade, daß Du nicht weitere Scudi's verdienen kannst, - ich hätte gern einige der alten lustigen Kameraden des würdigen Signor Mascherato kennen gelernt, wenn sie noch am Leben, und ich werde mich also an den Capitano Tonelletto wenden müssen, der vielleicht ein besseres Gedächtniß hat.«
»Euer Excellenza kennen den Capitano Tonelletto?«
»Seit heute Morgen - ich habe die Ehre gehabt, ihn in der besten Gesellschaft kennen zu lernen und werde mich heute Abend wieder seiner Gesellschaft erfreuen!«
Der Campagnole sah ihn mit unverhehltem Erstaunen an und sein ganzer Gesichtsausdruck verwandelte sich. Die Entschuldigung der Jugend war offenbar ein Vorwand, denn der Mann mußte etwa in der Mitte der Vierziger stehen, und jetzt, als er die Maske der thierischen Stumpfheit hatte fallen lassen, welche in der That viele der Hirten det Campagna an sich tragen, zeigte es sich, daß der Hirt eigentlich ein stattlicher Mann war. Er war von großer, kräftiger Gestalt; das Gesicht, von kräftigem schwarzem Haupt- und Barthaar umrahmt, zeigte keineswegs die krankhafte Farbe der Sumpfbewohner, die fast immer an
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der Malaria leiden, sondern war gesund und tief gebräunt, und unter seltsam dicken Braunen funkelten zwei feurige schwarze Augen hervor und folgten mit einem gewissen sarkastischen Ausdruck den Gestalten der päpstlichen Gendarmen, die eben sich in Bewegung setzten und die abfahrende Kutsche des Kardinals begleiteten. Alles Volk lag auf den Knieen und bekreuzte sich andächtig, während Monsignore Petruccio, der Präsident der Residenz der Bischöfe, die wohlberingte Hand im violetten Seiden-Handschuh nochmals segnend aus dem Glasfenster der Kutsche streckte. Auch der Campagnole lag auf den Knieen und schlug eifrig seine Brust, wobei er zu dem stehengebliebenen und sich nur verbeugenden Conde emporschielte.
»Excellenza sind ein Ketzer, wie es der Signor Mascherata leider war, den ich niemals habe sein Knie beugen sehen, was eine große Sünde und ein noch größerer Fehler von ihm war.«
Der Graf lachte. »Cospetto! also gebt Ihr doch zu, amice, daß Ihr den Mascherato gekannt habt!«
»Olá Excellenza« sagte der Hirt aufstehend und den Schmuz von den Knieen klopfend - »das ist jetzt ein anderes Ding, seit die Signori von der Gensdarmerie außer Hörweite sind und Sie dieselben nicht etwa zum Beistand herbeirufen können, um einen armen unschuldigen Mann in's Unglück zu bringen.«
»So hast Du mir mißtraut und mißtraust mir am Ende noch?«
»Perdono Excellenza, aber seit die Signori Francesi
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in Rom selbst über den heiligen Vater kommandiren, kann man nicht vorsichtig genug sein.«
»Nun ich denke, Du kannst mir jetzt trauen, wenn ich Dir auf mein Ehrenwort als Cavalier versichere, daß ich den Signor Mascherato sehr gut gekannt und von ihm gar Manches selbst gehört habe, was in jenen Ruinen geschehen ist. Eben deshalb wünschte ich jenen Ort zu besichtigen und vielleicht den Einen oder den Anderen von jener Zeit her kennen zu lernen, um ihnen ein Andenken an ihren alten Capitano zu bringen.«
Der Campagnole hatte respectvoll den Hut gezogen. »Wie Excellenza - der Signor Mascherato, - oder wie der edle Capitano im gewöhnlichen Leben sonst geheißen haben mag, denn wir haben uns Alle wohl gedacht und unter uns davon gesprochen, daß er ein vornehmer Herr gewesen sein muß, vielleicht ein Prinz oder gar ein Mylord, denn diese sind so verrückt! - der die edle Brigantaggio bloß, wie soll ich sagen, als Liebhaberei, con amore, trieb, also er hat jetzt noch an uns armen Teufel gedacht und schickt uns ein Trinkgeld?«
»Ein Vermächtniß in seinen Testament, mein guter Mann!«
»Wie - so sind Seine Excellenz, der wackere Signor il Mascherato kürzlich des Todes verblichen?«
»Nicht kürzlich, sondern schon vor drei Jahren!«
Der Campagnole bekreuzte sich: »Ich will hoffen, nicht ohne Beichte und Absolution?«
»Ich fürchte beinahe, denn ich glaube nicht, daß der selige Herr je in seinem Leben gebeichtet hätte.«
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»Ich fürchte auch - aber bei dem heiligen Matteo, meinem Schutzpatron, der Teufel soll mich dennoch holen, wenn ich nicht dem nächsten Pfaffen, den ich antreffe, mit meinem guten Messer die Rippen kitzle, bis er auf die Hostie gelobt hat, für die Seele des armen Verdammten ein Dutzend Messen umsonst zu lesen, damit sie ein paar Jahrhundert früher aus dem Fegefeuer kommt.«
»Thut das, Bester! Ihr seid ein frommer Christ!«
»So mitunter, Excellenza! Und - was ich fragen wollte, Eure Excellenza haben sich also wirklich die Mühe genommen, nach so langen Jahren nach Rom zu kommen, um einigen armen Teufeln ihre Erbschaft zu bringen!«
»So ist es, mein Freund! Aber es ist bedauerlich, daß ich wirklich erst den Capitano Tonelletto bitten muß, sein Gedächtniß mit der Liste der wackeren Gesellen anzustrengen, die vielleicht noch nicht gehangen oder erschossen worden sind!«
»O, was das anbetrifft, so brauchen Excellenza nicht erst den sehr würdigen Capitano Tonelletto zu bemühen, der etwas vornehm geworden ist, seit Seine Majestät der König Francesco ihm ein Patent als einem wirklichen Capitano gegeben hat. Es ist wunderbar, ich habe plötzlich mein gutes Gedächtniß wieder gefunden.«
Der Graf lachte. »Ich hoffte es fast! - Aber nun sagt mir Mann, denn dort seh' ich den würdigen Valdieri vor der Thür der Taverne her mich ungeduldig zu seiner Nichte winken, die ich zu kuriren versprochen habe; könnt Ihr mir vielleicht sagen, wie ich einen gewissen Fontana ermitteln kann, der sich gewöhnlich auf der appischen
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Straße in der Nachbarschaft der Kirche San Sebastiano und des Eingangs zu den Catakomben aufhalten soll. Man hat mir gesagt, daß der Sagrestano der Kirche gegen ein gutes Douceur im Stande sein würde, den Mann zu einer Zusammenkunft einzuladen.«
Der Campagnole machte eine listige Verbeugung.
»Euer Excellenza sind ein so ehrlicher Mann, daß ich Sie bitten möchte, das Trinkgeld für den Signor Sagrestano, der sonst ein sehr verdienstvoller Bursche ist, lieber gleich zu dem Legat zu legen.«
»So daß -«
»Wenn Excellenza so besonderes Verlangen hegen den Matteo Fontana persönlich zu sprechen ...«
»Großes Verlangen, besonders in diesem Augenblick!«
»Ich dachte es mir beinahe!«
»Euer Excellenza dies in nächster Nähe haben können, oder vielmehr schon seit einer Viertelstunde befriedigt haben!«
Der Mann nahm den Hut ab und machte eine zweite Verbeugung, indem er vorsichtiger Weise zugleich mit seiner andern Hand in die lederne Hirtentasche griff.
Der Graf brach in ein schallendes Gelächter aus. »Ich dachte es mir gleichfalls beinahe!«
»So daß also die Geschichte von dem Vermächtniß des hochseeligen Signor il Mascherato bloß eine Mausefalle und Mährchen gewesen ist. Ich bitte Euer Excellenz lieber geradezu mir zu sagen, was Sie von dem Matteo Fontana wünschen, der zu Ihren Diensten steht.«
»Keineswegs ein Mährchen mein guter Freund - ich
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habe vielmehr in vollem Ernst jedem der noch am Leben zu ermittelnden munteren Gefährten des verstorbenen Mascherato ein Legat von hundert Scudis auszuzahlen!«
Der Bandit machte einen Freudensprung.
»Und ich bin bereit,« fuhr der Conde fort, - das Legat für den würdigen Signor Fontana aus eigenen Mitteln zu verdoppeln, wenn Signor Fontana mir einen kleinen Dienst erweisen will.«
»Tausend für einen Excellenza. Worin besteht derselbe?«
»Daß die beiden Signorina's, die mit dem Signore Valdieri angekommen sind, nicht nach Rom gelangen, wenigstens nicht dahin, wohin ihr Begleiter sie zu führen gedenkt.«
»Pesthe! Auch das habe ich mir fast gedacht.«
»Es macht Ihrem Verstande alle Ehre! Aber in der That, ich darf jetzt nicht länger zögern, ohne den Verdacht des Herrn Valdieri zu erwecken, der sonst an meiner medicinischen Gelehrsamkeit einen gelinden Zweifel bekommen könnte.«
Der Bandit machte eine pfiffige Miene. »Euer Excellenza sind ja auch schwerlich ein wirklicher Dottore!«
»So wenig, wie Meister Matteo ein Cardinal! - Nun, auf Wiedersehen, ich werde Euch dann meine weiteren Befehle geben können!«
Der Bandit, wieder ganz das frühere stupide Gesicht, ging mit dem gewöhnlichen näselnden Ton, mit welchem die Hirten der Campagna die Reisenden zudringlich anzubetteln pflegen, den Hut in der Hand hinter dem
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vorgeblichen Doctor drein bis fast an die Thür des Wirthshauses, wo ihn Signor Valdieri mit Drohungen über die Frechheit des Bettelgesindels begrüßte, das nicht einmal eine solche Leuchte der Wissenschaft verschonen könne, wenn ein Menschenleben auf dem Spiele stehe.
Die angebliche Leuchte der Wissenschaft hatte in der That einige Mühe, den würdigen Bürger von Ponte Corvo durch die begeisterte Erzählung zu beruhigen, daß er von dem halbwilden rauchhaarigen Hirten ganz unerwartete höchst wichtige Mittheilungen über das wirkliche Vorhandensein von allerlei den Gelehrten bisher ganz unentzifferbaren Inschriften in verschiedenen abgelegenen Winkeln der Ruine erhalten habe, die er nun morgen, den Winken des Signor Valdieri gemäß in Begleitung einer Sicherheitswache wieder zu besuchen und zu erforschen gedenke, weil er jetzt überdies nach Rom zurückkehren müsse, da er noch eine Conferenz mit den Doctoren Ridgiwater, einem gebornen Schottländer, dem Leibarzt Sr. Majestät des Kaisers von Rußland Geheimrath Mussimilkowicz und dem ersten Professor der medicinischen Facultät von Bologna haben müsse, die zwar alle Drei im Grunde Ignoranten wären, deren Zuziehung er anstandshalber aber doch bei der schwierigen Operation an dem ehrwürdigen Monsignor Cospoletti, Erzbischof in partibus von Madras und Buenos-Ayres nicht ablehnen könnte.
Nachdem er auf diese Weise Signore Valdieri vollends aufs Trockene gerannt, seinem Diener Mauro den Auftrag gegeben, den Wagen bereit zu halten und im Eintreten einen letzten Blick zurückgeworfen hatte, wobei er bemerkte,
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daß der vorgebliche Ziegenhirt verschwunden war, folgte er dem guten Bürger in die Stube, wo noch immer die so unerwartet aufgefundene Prätendentin für den spanischen Königsthron auf dem Bette der Wirthin lag, sich kläglich geberdete und die Schwerkranke spielte.
Der Abenteurer, jetzt für jeden Fall des Beistandes des Banditen sicher, hatte bereits seinen Plan entworfen. Seine rastlose, vor keinem Hinderniß zurückweichende, nicht von einem höheren Zweck geleitete, nur im vollen Genuß des Lebens und seiner Aufregungen, dessen Aufgabe erkennende trotzige Natur, die ihn gegen die göttlichen Gesetze, wie gegen die Schranken der bürgerlichen Gesellschaft sich aufbäumen ließ, wenn sie ihm hemmend in den Weg traten, - das Ich, sein Gott, sein Ziel! - drängte ihn, sich kopfüber in dieses neue Abenteuer zu stürzen, von dem er sich neue Unterhaltung, wenn nicht politischen Einfluß versprach.
Vielleicht hatte Don Juan, das verzogene Kind des Glücks, sich noch bei keiner seiner nur von den Launen des Augenblicks und dem Zufall bedingten Handlungen, die ihn bald zum Paladin des Königthums, bald zum Verfechter der Revolution machten, weniger Rechenschaft über Ziele und Folgen gegeben, als bei dem plötzlichen Einfall, den günstigen Zufall zu benutzen und sich seiner jungen Verwandten zu bemächtigen und sie mit ihrer Mutter zu vereinigen.
Es ließ sich nicht verkennen, daß durch viele seiner Handlungen ein Zug der Ritterlichkeit, des Muthes und der Selbstaufopferung ging, deren Nimbus geradeso
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verlockend für Frauenherzen ist. Ein solcher Zug lag zum Beispiel in seinem Kampf für das Recht der der Thronfolge beraubten Linie der Bourbonen, in seinen kühnen Plänen für den Sieg des Carlismus, - ebenso wieder, als ein Zufall ihm das Geheimniß der Familie seines verstorbenen Oheims enthüllt hatte, in der Parteinahme für die Rechte der unterdrückten Frauen. Gerade das Abenteuerliche in dem Geschick derselben hatte ihn zu ihrem Paladin gemacht, und obschon er klug genug war, einzusehen, auf wie schwankenden Grundlagen ihre Hoffnungen beruhten, war er doch entschlossen, für ihre Sache einzutreten, abgesehen davon, daß er die Beschützung seiner Tochter für eine Pflicht gegen seinen verstorbenen Oheim hielt, dessen romantischen Charakter er geerbt hatte, freilich entstellt durch die leichtsinnige Hingabe an seine Lüste und Laster und den Mangel eines höheren Ziels. Das treue Festhalten an seinen Freunden und an seinem Wort bis zur fruchtlosen[furchtlosen?] Einsetzung seines Lebens wog freilich nur zum Theil seine mehr als leichtfertigen Anschauungen über die Treulosigkeit an den Frauen in der Liebe auf. So waren ihm Gefahr und Intrigue, sei es in der Liebe, sei es in der politischen Bewegung zu einer Lebensnothwendigkeit geworden, in der er früher oder später untergehen mußte. Nach dem Zufall, der ihm im Kloster der Salesianerinnen zu Hilfe gekommen, hatte er sich entschlossen, zunächst nach Italien zu gehen, theils weil der plötzliche Tod des Don Carlos und seiner Gemahlin zunächst alle Verhältnisse der carlistischen Partei geändert und der Fall von Gaëta den Kampf für die Sache der Bourbonen auf andere
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Bahnen gedrängt hatte, und eine gewisse verletzte Eitelkeit über seine Niederlage in Madrid ihn anreizte, diese Scharte durch irgend einen andern Coup vor seiner Partei und vor sich selbst erst auszuwetzen, ehe er in Paris einen neuen Schauplatz seiner politischen Abenteuer suchte. So bot ihm die Aufgabe zu erforschen, ob die Tochter seines Oheims noch am Leben, eine willkommene Beschäftigung, und da er sich leicht überzeugte, daß er nur in Rom sich Gewißheit darüber werde verschaffen können, hatte er sich dahin begeben.
Wir haben gesehen, in welcher Weise er sein Entrée gehalten und das Duell mit den Machthabern der Kirche begonnen, um seinen Zweck zu erreichen. Die Art und Weise, wie der Kardinal-Staatssecretair seine Mittheilung aufgenommen, hatte ihm zur Genüge verrathen, daß er keineswegs auf falscher Spur sei, und daß die Gesuchte allerdings noch am Leben war und unter der Botmäßigkeit der Kirche - wahrscheinlich in irgend einem Kloster verborgen - stand. Die Klugheit und die tausend Schlangenwege der Politik des römischen Stuhls waren ihm genugsam bekannt, um nicht zu zweifeln, daß eine oder die andere rivalisirende Partei ihre Hand im Spiele hatte und nur durch einen Coup, wie er Gelegenheit gehabt hatte, ihn auszuführen, zu einem offenen Vorgehen genöthigt werden konnte. Ein gewisses Etwas in dem Benehmen des Cardinals, die Ueberraschung, die der Kirchenfürst bei der Nachricht von dem Bekanntwerden des letzten Testaments König Ferdinands VII. an die Königin Isabella und ihren Premierminister nicht hatte ganz verbergen können,
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überzeugte ihn, daß seine Vermuthung einer Verheimlichung dieser Nachricht durch die Jesuiten nicht unbegründet gewesen war, und daß - wenn die Einkerkerung und das Verschwinden jener Gemahlin König Ferdinands ein Werk der Jesuitenpartei war, - seine Bemühungen für die Rechte jener Frauen leicht in dem päpstlichen Staatsmann einen Schützer finden könnten.
Jetzt hatte der Zufall - denn es war in der That der Zufall, oder ein gewisser Drang, die Stätten so mancher abenteuerlichen Thätigkeit seines Oheims zu besuchen, die ihn noch an diesem Tage auf die appische Straße und zu dem Circus des Caracalla geführt hatten, - ihn so unerwartet grade auf die Person treffen lassen, die er suchte, und er war sogleich entschlossen, sie der Gewalt der Kirche zu entziehen und ihr jedenfalls die freie Entschließung der Zukunft zu sichern. Die Gelegenheit konnte nicht günstiger sein.
So überließ er sich denn mit vollem Behagen dem Streich, und als er nach etwa einer Viertelstunde von dem klugen Wächter der beiden Mädchen unter hundert Bücklingen bis zu seinem Wagen begleitet, die Taverne verließ, war er mit dem Erfolge seiner List vollständig zufrieden.
Mit großer Gelehrsamkeit hatte er dem guten Bürger von Ponte corvo begreiflich gemacht, daß die kranke Signorina, der er aus einem schnell zum Vorschein gekommenen Flacon einige Tropfen Eau de Cologne eingeflößt, nicht vor einigen Stunden weiter gebracht werden könne, ohne ihre Gesundheit zu gefährden, und als Herr Valdieri sich auf die Instruktion des hochwürdigen Abbé
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Calvati berief: seine Schutzbefohlene ohne Aufschub nach Rom zu führen und in einem bestimmten Kloster abzuliefern, hatte er sich erboten, den Signor Abbate, den er sicher sei noch heute bei der großen Operation zu treffen, von dem Unfall in Kenntniß zu setzen. Einige Worte auf Spanisch benachrichtigten die schöne Giuliana, die Abfahrt möglichst bis zum Abend zu verzögern und dann sich auf alle Ereignisse bereit zu halten. Er wollte Mauro sofort nach seiner Rückkehr nach Rom noch mit dem Abendzug nach Civita-vecchia senden, um an Bord der ›Victory‹ alle Anstalten zur Aufnahme der Dame zu treffen.
So weit war in der That Alles auf's Beste gelungen, aber zu seinem Erstaunen sah der Graf sich vergeblich nach dem falschen Hirten um, um mit diesem das Nähere der Entführung weiter zu verabreden. Dagegen mußte er zu seinem geheimen Verdruß sehen, daß unterdeß ein Streifcommando der französischen Besatzungstruppen von der Porta hergekommen war, dessen Sergeant auf Befragen den Leuten erklärte, daß er Ordre habe bis zur Dunkelheit die Gegend zwischen der Appischen Straße und der Eisenbahn zu durchstreifen, um die Sicherheit der Wege zu schützen und alles verdächtige Gesindel aufzugreifen. Signor Valdieri hatte natürlich nichts Eiligeres zu thun, als sich den Schutz der Patrouille bei der Rückkehr zur Stadt schon jetzt durch das Versprechen eines guten Trinkgeldes zu sichern, und eben wollte der Graf den Wagen besteigen, als die Ostessa mit einem alten Franciskaner an der Hand herbeikam, dessen langer weißer Bart aus der Kutte bis fast auf die Brust herabreichte,
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und den vornehmen und gelehrten Signore Dottore bat, dem armen maroden Mönch doch ein Plätzchen im Wagen bis zum Forum zu gönnen, in dessen Nähe sein Kloster belegen sei, das er noch vor dem Abendsegen erreichen müsse.
Don Juan verfluchte innerlich die französische Wachsamkeit und den alten Bettelmönch, überzeugte sich aber, daß er nicht umhin können werde, die Gefälligkeit zu erweisen, wenn er - wie er sich sogleich vornahm, - Mauro, statt nach Civita-vecchia, zurück nach San Sebastiano schicken wolle, um wenigstens zu erkunden, wohin die beiden Frauen von ihrem Begleiter gebracht werden würden. Ueberdies hatte sich der Sergeant mit der gewöhnlichen Nonchalance eines französischen Soldaten eingemischt und schien ein Gespräch beginnen zu wollen. »Mort de ma vie, Sie werden ein gutes Werk thun, Monsieur, den alten Burschen hier mitzunehmen, denn wenn Wanderer seines Schlages auch niemals eine andere Gefahr bei den Strolchen laufen, als daß sie ihnen gratis Segen und Absolution ertheilen müssen, so ist es doch immer besser, mit zwei guten Pferden den Weg zu machen, als auf zwei morschen Beinen. Ihr müßt bereits eine gehörige Anzahl Jahre auf dem Rücken haben, frommer Bruder, und habt gewiß manche hübsche Dirne auf Euren Rundgängen von ihren Sünden befreit und mancher Bäuerin Hühner und Eier für Euren Bettelsack da abgeschwatzt!«
Der muntere Soldat versuchte dabei, den alten Mönch an seinem weißen Bart zu zupfen, fand seine Hand aber so kräftig zurück geschlagen, daß er erstaunt zurück trat.
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»Parbleu - Ihr habt wahrhaftig noch mehr Mark in den Knochen als ich dachte. - Nun, Gewehr auf, Kameraden, wir haben keine Zeit hier länger zu schwatzen, wenn wir zur Ablösung wieder zurück sein wollen. - Gute Fahrt Monsieur und grüßen Sie alle hübschen Mädchen in der Stadt!«
Der Graf, dem selbst jetzt an Eile viel lag, winkte dem Mönch einzusteigen, was dieser mit überraschender Behendigkeit that, sich bescheiden auf den Vordersitz setzend. Der Graf schwang sich gleichfalls in die Equipage, warf noch einen Blick zurück auf das Wirthshaus, erwiederte die Reverenz der Signor Valdieri und der Wirthin und hieß den Kutscher so rasch wie möglich zur Stadt fahren.
Vergeblich versuchte er, um seine Gedanken zu zerstreuen, auf dem Weg bis zum Thor ein Gespräch mit dem Mönch anzufangen, derselbe murmelte nur kurze unverständliche Antworten und beschäftigte sich mit seinem Rosenkranz, bis sie das Thor passirt hatten, was nicht ohne einige Späße der lustigen Wachtmannschaft über den frommen Reisegesellschafter abging.
Erst als sie außer Hör- und Sehweite derselben waren nahm der Terminirer plötzlich unaufgefordert den Platz im Fond neben dem Grafen ein und sagte halblaut: »Nun Signore können wir ohne Gefahr plaudern.«
Bestürzt fuhr der Graf zurück, aber ein Blick in die gelüftete Kapuze zeigte ihm die dunklen buschigen Brauen und das listige Auge des früheren Hirten der Campagna.
Derselbe legte die Finger auf den Mund und deutete
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nach dem Kutscher, damit den Ausruf des Erstaunens zurückhaltend.
»Nun Excellenza, wie weit sind Sie mit den Signorina's?«
»Ich hoffe, sie werden nicht vor Eintritt der Dunkelheit die Taverne verlassen. Aber ich glaubte schon, Ihr hättet mich ganz im Stich gelassen, als ich Euch nirgends sah.«
»Das ist nicht meine Gewohnheit - aus den Gendarmen oder Sbirren des heiligen Vaters hätte ich mir nicht viel gemacht, aber mit diesen Schuften von Francesi ist es eine andere Sache, sie sind verdammt neugierig, jagen aber jetzt auf anderes Wild, als auf Euer Ex[c]ellenza's ergebensten Diener - sie sollen den Zuzug der Kämpfer für König Franz über die neapolitanische Grenze verhindern. Von der Signora Ostessa meiner guten Freundin hörte ich bereits, daß es Euer Excellenza gelungen ist, die Abfahrt der Signora's zu verhindern. Es wäre sonst ein schwieriges Stück gewesen, sie zu entführen.«
»Aber es wird noch schwieriger sein, sie anzuhalten, wenn sie unter dem Schutz der französischen Wachen fahren.«
»Bah Signor - in der Dunkelheit und innerhalb der Ringmauern der Stadt ist das ein Leichtes.«
»Warum innerhalb der Ringmauern leichter als vor dem Thor?«
»Die Herren Franzosen üben die Polizei nur an den Thoren und vor denselben, und mischen sich nicht in solche kleine Angelegenheiten in der Stadt, wenn sie nicht dazu gezwungen werden. Ueberdies ist heute eine Versammlung
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der Repubblicani's im Colosseo und ich habe bereits meinen Plan. Sagen mir Euer Excellenza nur, wohin ich die Signorina's bringen soll?«
»Muß ich dabei sein?«
»Ganz wie Sie wollen, Excellenza! - Wir wollen die Francesi mit einem Enthusiasmus behandeln, daß sie nicht daran denken, von ihren Waffen Gebrauch zu machen und sich den Teufel um den Wagen kümmern werden.«
Der Graf begriff sogleich - er hatte von dem Tagesbefehl des commandirenden Generals gehört, durch welchen die Demonstrationen der republikanischen Partei unter dem Vorwand eines Fraternisirens mit der französischen Besatzung verboten wurden.
»Es kommt nur darauf an, daß die Signorina's selber uns keinen Streich spielen und sich etwa weigern, wenn Euer Excellenza nicht zugegen sind.«
»Das ist nicht zu befürchten.«
»Und darf ich fragen, auf welche von ihnen Euer Excellenza Ihr Auge geworfen haben?«
»Es handelt sich um die größere - stattlichere; die Andere ist nur eine Dienerin.«
»Was soll mit dieser geschehn?«
»Was Ihr wollt - doch hört - wenn Ihr einen guten Zufluchtsort wißt, wo Ihr die Mädchen sicher verstecken könnt, bis ich sie in meinen Schutz nehmen kann, und die Kleine gutwillig folgen will, könnt Ihr sie auch mitnehmen - sie ist nicht übel.«
»Und ihr Begleiter?« Der würdige Mönch machte eine höchst verdächtige Faustbewegung nach den Rippen.
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»Nichts da - kein Blut. Werft ihn meinetwegen in die nächste Gosse.«
»Ich meinte nur - bei einem kleinen Auflauf der Signori Repubblicani frägt man gegenwärtig in Rom nicht viel nach einem kleinen Messerstich, und er verhindert allen Lärmen!«
»Nichts da! Aber werdet Ihr auch den rechten Wagen nicht verfehlen?«
Der falsche Mönch lächelte. »Euer Excellenza können sie freilich nicht sehen, aber verlassen Sie sich auf mich, - ich habe meine Posten und der Wagen der Signorina's wird von den schärfsten Augen auf dem ganzen Wege bewacht sein. Wollen Excellenza mich nur wissen lassen, wohin ich Ihnen Nachricht zu bringen habe?«
»Ja, das ist eine besondere Sache. Wir haben, einige Bekannte, ein Rendezvous verabredet in einer Weinkneipe in der Nähe des Tiber, diesseits des Corsos - aber der Teufel soll mich holen, wenn ich den Namen nicht vergessen habe - ich weiß nur so viel, daß es der Sammelpunkt der Herren von dem Brigantaggio sein soll. Der Capitano Tonelletto hat versprochen, uns dahin zu führen.«
»Der Capitano Tonelletto?«
»Si! natürlich unter der Bedingung strenger Discretion!«
»Corpo di C[h]risto! - es wird doch nicht etwa die Colombaia sein?«
»Ich weiß es in der That nicht - aber warum sollte es nicht die Colombaia sein?«
»Nun, weil die Colombaia, oder besser das Haus der
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Colombaia es gerade ist, wohin ich die Weiber zu bringen dachte, wenn der Streich glückt!«
»Nun, so laßt es die Colombaia sein! Wenn dort eine Bettole ist, werde ich Euch jedenfalls um zehn Uhr da aufsuchen. Einstweilen nehmt - auf Abschlag!« - Er reichte ihm eine Börse mit 30 Goldscudo's[.]
»Grazia Signore - nur bitte ich Euer Excellenza, lassen Sie unter keinen Umständen Etwas von unserer Verabredung dort oder gegen irgend Jemanden verlauten. Excellenza würden mich aber dennoch dort kaum auffinden, wenn ich Ihnen nicht das Losungswort gebe, das Ihnen bei der Wirthin Auskunft auf Ihre Nachfrage sichert.«
»Also?«
»Fragen Euer Excellenz nur nach Matteo und fügen gefälligst bei: Matteo il religioso!«
»Eine seltsame Bezeichnung - Euer Ruf scheint doch in Rom und der Umgegend ziemlich in anderer Weise begründet!«
»Es hat Alles seine Zeit, Signore, vielleicht erzähle ich Ihnen ein andermal, wie ich zu dieser Benennung gekommen bin, doch hier Excellenza sind wir in der Nähe des Colosseo und ich muß Sie verlassen, denn ich sehe dort einen meiner Leute, dem ich in unserer Angelegenheit noch einen Auftrag zu geben habe!«
Er wies nach einem Gypsfigurenhändler, der seinen Kram auf einen Säulenschaft am Triumphbogen des Constantin gestellt hatte und müss[ß]ig die Straße hinabblickte. Der Graf ließ sogleich halten und der Bettelmönch verabschiedete sich dankend mit Ertheilung seines Segens
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von ihm. Dann befahl der Graf Mauro sofort einen Fiaker zu nehmen und nach dem Bahnhof von Civita-vecchia zu fahren, um sich mit dem ersten Zug nach dem Hafen zu begeben und verschiedene Befehle an die Yacht zu überbringen. Er selbst mit Seespinne fuhr nach dem Hôtel, um noch rechtzeitig eine Einladung für den Abend an Capitain Boulbon im Palazzo der französischen Gesandtschaft zu senden.
Der Leser wird sich erinnern, daß die Gesellschaft, welche sich am Morgen dieses Tages in dem Zimmer des Grafen von Caserta versammelt hatte, überein gekommen war, sich am Abend um 7 Uhr in dem Café Constanza in der Via Condotti zu treffen, um von dort aus dem Freischaaren-Capitain nach einer Bettole seiner Gesellschaft zu folgen, und daß diese Bettole den charakteristischen Namen die »Colombaia« führte und in einem großen Hause in der Fontanella an dem Leoncino belegen war.
Für den Leser, der Rom nicht näher kennt, wird es genügen zu bemerken, daß von der im Norden der Stadt gelegenen Porta in der Piazza del Popolo zunächst drei große gerade Hauptstraßen sich trichterförmig nach dem Innern der Stadt öffnen, von denen die linke, die Strada Babuina am Monte Pincio entlang nach dem Spanischen Platz und dem Quirinal läuft, die mittlere den Corso bildet, bis zum Capitol sich erstreckend, und die rechte, den Tiber streifend sich in das Straßengewirr verliert, das zwischen dem Corso und dem Fluß sich ausdehnt, und die Strada Ripetta heißt.
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Die Via di Condotti führt von dem Springbrunnen des Spanischen Platzes nach dem Corso, und ihre Verlängerung an dem Palazzo Borghese vorüber ist die Via della Fontanella, durchschnitten von der Leoncino, die nach dem Monte d'Oro wieder in mehrere kleinere Gäßchen mündet. In diesem Theil, eine Ecke bildend, liegt das große Steingebäude, offenbar ein alterthümliches, herunter und in gewöhnliche Hände gekommenes Patricierhaus noch aus dem Mittelalter, das mit seinen zwei Höfen der Schauplatz unserer nächsten Scenen bildet.
Es war 7 Uhr vorüber, um diese Zeit bereits dunkel, wie der Graf Lerida am Arme des jungen französischen Capitains, den er im Gesandtschafts-Palais hatte kennen lernen, das Café betreten wollte, als ihn an der Thüre der Capitain des Freicorps aufhielt.
»Wenn es Euer Excellenza genehm ist, möchte ich Sie bitten, die Signori zu benachrichtigen, daß ich die Ehre habe, sie zu erwarten. Seine Königliche Hoheit und der Herr Abbate Calvati sind schon im Café nebst zwei anderen Herren, Capitain Chevigné aber befindet sich bereits an Ort und Stelle.«
»Monsieur Le Comte,« sagte der Spanier, »erlauben Sie mir, Ihnen den Capitano Tonelletto vorzustellen, unseren heutigen Wirth oder freundlichen Führer in die Geheimnisse Roms, den tapferen Führer einer der kühnen Freischaaren, welche gegenwärtig in den Apenninen und Abruzzen den Herren Piemontcsen das Leben sauer machen. Eines seiner geringsten Verdienste ist, daß er sich niemals
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rühmt, ein Verwandter Seiner Eminenz des regierenden Cardinals zu sein!«
»Des Cardinals Antonelli?«
»Ganz recht; - ich fürchte, Seine Eminenz ignorirt die Verwandtschaft, und so ist es Seiner Majestät dem König Franz anheim gefallen, seine Thaten mit einem veritablen Capitainspatent zu belohnen. Wollen Sie mit eintreten oder ziehen Sie vor, unserem Capitano Gesellschaft zu leisten, bis ich die Herren benachrichtigt habe?«
»Bitte, lassen Sie mich hier, die interessante Bekanntschaft zu cultiviren, damit ich in den Cercles von Paris erzählen kann, ich hätte nicht blos die Mandarinen vom blauen Knopf, sondern auch einen wirklichen Helden der Abruzzen kennen lernen.«
Der Graf entfernte sich, aber er kam schon nach wenigen Minuten wieder, begleitet von dem Prinzen, Signor Grimaldi, Herrn von Saint Brie, dem deutschen Offizier und dem Abbé Calvati. Alle waren in bürgerlicher Kleidung und die gegenseitige Vorstellung war rasch im Weitergehen geschehen, indem der Freischaaren-Führer sich an die Spitze stellte und den Wegweiser machte; der Abbé ging mit dem Prinzen, Capitain Boulbon hatte sich rasch an den Vicomte angeschlossen und Lerida den Arm des Ioniers genommen. So gingen sie, von gleichgültigen Dingen plaudernd, weiter und waren bald am Ort ihrer Zusammenkunft.
»Hier herein, Signori,« sagte der Brigant, - »es ist nicht nöthig, Sie durch die allgemeine Schänkstube zu führen, ich habe Alles bereits in Ordnung gebracht.«
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Indem er sie durch einen dunklen Hof führte und eine Hinterthür öffnete, drückte er den Arm des Abbate. »Um welche Uhr, Ehrwürden?«
»Zehn Uhr!«
»Bene! Es soll Alles fertig sein - die Wirthin ist benachrichtigt und die Zimmer sind bereit.«
»Wenn sie in bester Konversation sind, werde ich Ihnen einen Wink geben.«
»Signora Sibilla! Signora Sibilla!« rief der Brigant, »öffnen Sie gefälligst Ihr Allerheiligstes - die Signori sind da!«
Eine tiefe Baßstimme, von der man kaum glauben konnte, daß sie einem Mitglied des schönen Geschlechts angehörte, ließ sich sogleich vernehmen. »He - stille da, Ihr Schelme, meine Lämmerchen! was braucht Ihr einen Lärmen zu machen mit Euren Prahlereien, daß ein ehrlicher Christenmensch sein eigenes Wort nicht versteht, und es ist doch Nichts dahinter, als Dunst und Beutelschneiderei, und wenn Ihr ein Paar rothe Hosen oder ein rothes Hemd seht, lauft Ihr davon wie ein pernice7 in der Campagna! Hier herein, Excellenza's, und die heilige Jungfrau segne Ihren Eintritt und lasse eine unglückliche Wittwe ein Paar Scudi's ehrlich verdienen!«
Eine Thür flog auf und ein heller Lichtschein ergoß sich aus einem gut erleuchteten und gewärmten gewölbten Zimmer, in dessen Mitte ein mit sauberem Wachstuch bedeckter langer Tisch stand, auf den dunklen Hausflur.
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Auf dieser Tafel standen mehrere Kerzen, während eine aus der Rosette der Decke herabhängende Ampel von oben her das nöthige Licht gab. Außer Wärme und Licht aber erfreute die Augen der Eintretenden von der Tafel her der Anblick einer ganzen Batterie jener rundbäuchigen, jedem Kenner wohlbewußten Flaschen mit dem köstlichen Montefiascone, deren Verschluß nur eine leichte Oellage und ein Wergpfropfen bildet, daneben eine Schüssel Kastanien auf einem silbernen Kohlenbecken, die echte seifenartige harte Salami und trockener Mascorroni nebst Weißbrod, die eine so treffliche Zumundung zu dem milden und doch feurigen Wein bilden.
Einen ganz besonderen Eindruck aber machte auf die muntere Gesellschaft die Ostessa selber, die in der einen Hand einen Leuchter, über den anderen Arm eine rothe Serviette gelegt, sie in der Oeffnung der Thür mit tiefen Knixen empfing.
Allzutief durften diese Knixe übrigens nicht sein oder die ganze Figur hätte sich auf den Fußboden gesetzt; denn diese, obschon breit und viel zu kolossal für ihre Größe, war höchstens vier Fuß hoch, und einen großen Theil dieser Höhe nahm noch dazu der Kopf ein, der mit seinem Doppelkinn auf einem sehr kurzen, fleischigen Hals saß. Die seltsame Ostessa, ihres Aeußeren und ihrer Launen wegen damals in ganz Rom bekannt unter dem Namen »Spazzoletta«8 war in jeder Beziehung ein Original. Signora Sibilla mochte jetzt etwa fünfzig Jahre zählen,
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die in Italien keineswegs spurlos an einer Frau vorübergehen; ihr Gesicht hatte den kräftigen römischen Schnitt und auf der schmalen Oberlippe einen mehr als gewöhnlich starken schwarzen Flaum, der sogar schon ein recht hübscher Bart genannt werden konnte. Die böse Nachbarschaft wollte wissen, daß dieses charakteristische Zeichen eines liebebedürftigen Herzens noch jetzt, trotz ihrer fünfzig Jahre, den Inclinationen der kleinen Wittwe entspreche; und wenn es auch nicht wahr war, daß Signora Sibilla hübsche und kräftige Männer weit aufmerksamer zu bedienen pflege oder ihnen die möblirten Zimmer ihres Hauses zu weit billigeren Preisen vermiethe, als anderen Kunden, so war es doch eine bekannte Thatsache, daß sie sehr gern von Liebesabenteuern und allerlei Streichen sprach, die sie dem ehrwürdigen Sandrolfo, ihrem seligen Ehegatten gespielt haben wollte, und daß sie die Padrona aller unglücklichen Liebespaare nicht blos in der Nachbarschaft, sondern in dem ganzen Rione9 und weit darüber hinaus spielte, ja, da sie eine sehr wohlhabende und durchaus nicht geizige Frau war, schon manchem jungen Paar durch ihre Unterstützung in den Hafen der heiligen Ehe geholfen hatte. Nur sich selbst hatte sie noch nicht zum zweiten Male in diesen Hafen hineinlootsen können, was wohl am Ende weniger an ihrer eigenthümlichen Schönheit gelegen hatte, die gar mancher Freier wohl dem stattlichen Hause und der Wirthschaft zu Liebe übersehen hätte, als - wie man munkelte - an einer gewissen Testamentsclausel des seligen
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Sandrolfo, welcher sie eifersüchtig noch in seinem Grabe zum ferneren Cölibat verdammt haben sollte. Wir haben bereits angedeutet, wie ihr weiches Herz dies auszugleichen suchte, und müssen noch hinzufügen, daß eine zweite romantische Schwäche der würdigen Ostessa ihre ganz besondere Antipathie gegen die hohe Polizei war, die sich in einer höchst einflußreichen Patronage für verfolgten Ladroni und Heerstraßenritter äußerte. Nicht etwa, daß die würdige Dame eine solche Schwäche für die ordinairen Spitzbuben und Beutelschneider hegte, die auf dem Corso, an den Eingängen der Theater und auf den Oktoberfesten der Villa Borghese und am Monte Testaccio den Fremden die Taschen ausräumen - aber ein echter, rechter Brigant, ein Mann, der sich auf den Landstraßen und im Gebirge einen Namen gemacht hatte, der ein Dutzend kecker Räubereien und Mordthaten auf seiner Conduite hatte, nach dem die hohe Gendarmerie Seiner Heiligkeit seit Jahren fahndete, ohne ihn je zu fassen oder fassen zu wollen, das war ihr Ideal, ihr Held, und sie hörte Nichts lieber als haarsträubende Geschichten, woran der römische Klatsch es niemals fehlen läßt und die Straßen-Litteratur es mit unserem deutschen Spieß und Kramer, dem bayerischen Hiesei und Rinaldo Rinaldini getrost aufnimmt. Diese romantische Vorliebe hatte nebst gewissen nutzbringenden Verbindungen des seligen Ostiere, die ganz und gar Nichts mit den Einkünften der päpstlichen Dogana zu thun hatten, denn auch schon seit langer Zeit der Colombaia einen ganz besonderen Kreis von Stammgästen verschafft, dessen Charakter nach den politischen Strömungen
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wechselte und gegenwärtig in der würdigen Genossenschaft des Brigantaggio seine Hauptquelle fand.
Den Beinamen Spazzoletta hatte die kleine Donna aber nicht blos der Borstensammlung auf ihrer Oberlippe und der Tapferkeit zu danken, mit welcher sie allen Besuch, der ihr nicht paßte, aus Gaststube und Wohnzimmer fortzujagen verstand, sondern auch der Gewohnheit, einen kleinen Handfeger stets an ihrem Gürtel hängen zu haben, denn sie war eine merkwürdig reinliche Dame und fegte den ganzen Tag in Wirthschaft und Haus umher. Von politischer Gesinnung war Signora Sibilla eigentlich eine große Anhängerin des heiligen Vaters und der Kirche, dieses hinderte sie aber keineswegs auch einen unglücklichen Republikaner zu protegiren, wenn dieser einmal ihren Beistand suchte oder irgend ein revolutionairer Club die Oberhand hatte. Jedenfalls führte ihre Bettole den Namen der Colombaia nicht mit Unrecht, und der Maler, der etwa einen Kopf zu einer Staffage à la Salvator Rosa brauchte oder der Politiker, der einen kleinen Versteck oder die Gelegenheit zu einer Verständigung mit der Gegenpartei suchte, fand sicher hier das geeignete Individuum.
Nur gegen Eins hatte die würdige Dame einen entschieden ausgesprochenen Abscheu, das waren die rothen Hosen der französischen Besatzung, und man war sicher, diese niemals unter dem Publikum des großen Schankzimmers zu erblicken, oder doch bald wieder daraus verschwinden zu sehen.
Dies war die würdige Dame, welche die Gesellschaft empfing und deren Charakteristik der Capitano Tonelletto,
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her zu ihren bevorzugten Lieblingen zu gehören schien, alsbald nach ihrer Entfernung jener zu ihrer großen Heiterkeit zum Besten gab.
Jetzt erst, im vollen Licht der Kerzen und Lampen, konnten die einzelnen Theilnehmer sich näher mustern, und das jugendfrische, vornehme Aussehen des französischen Offiziers, der die neuen Siegeszeichen der französischen Waffen über die langgezopften Kinder des fernsten Ostens nach Paris überbringen sollte, fand großen Beifall.
»Aber, wo ist denn Chevigné?« fragte, nachdem sich Alle niedergelassen und den Angriff auf die Flaschen begonnen hatten, der Marquis, »was, zum Teufel, sagten Sie nicht, Signor Tonelletto, daß er sich bereits hier befände?«
»Capitain Chevigné,« sagte der Brigant finster, »befindet sich im Hause, er hat den armen Mann auf seinem schweren Gange begleitet, den er sich zur Buße auferlegt hat, ehe er gänzlich von der Welt Abschied nimmt, um das Blut, das seine Hand mit gebrochenem Herzen vergießen mußte, in ewiger Abgeschiedenheit mit Gebet für die Todte zu sühnen.«
»Ein schweres Schicksal,« sagte der Abbate, der wie die Anderen bürgerliche Kleidung trug. »Aber es ist ein Trost, daß sein Unglück ihn zur Erkenntniß geführt hat, daß in dem Schoos unseres heiligen, allein selig machenden Glaubens Trost für alles irdische Leid zu finden ist. Die Heiligen werden auch das Herz des wilden Mannes zur Vergebung stimmen!«
»Corpo di Bacco, Signor Abbate,« meinte der Brigant,
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»ich möchte keineswegs für den tollen Irländer stehen. Wie ich ihn kenne, möchte er eben so gut den armen Offizier, der ein wackerer Mann ist, über den Haufen schießen zur Sühne für das Leben der armen Capitana Maria, seiner Schwester; es kommt Alles auf seine augenblickliche Stimmung an, und deshalb ist es gut, daß Capitain Chevigné darauf bestanden hat, ihn nicht allein gehen und dem Manne sich ausliefern zu lassen, wie er thun wollte.«
»Aber, meine Herren, wovon reden Sie denn da? Was ist das für eine Geschichte? Sie wissen, daß wir ziemlich neugierig sind und selbst Seine Königliche Hoheit sieht Sie fragend an.«
»Ich weiß jedenfalls nur Wenig davon, - was ich in Gaëta hörte; ich bitte Sie, Capitano, erzählen Sie die traurige Begebenheit, welche wenigstens diesen Herren zeigen wird, wie furchtbare Thaten dieser frevelhafte Krieg gegen Thron und Kirche hervorgerufen hat.«
»Si davvéro! - wenn die Signori's es hören wollen ich bin zwar leider nicht dabei gewesen bei dem traurigen Ereigniß, oder, bei allen Heiligen, es hätte vielleicht einen anderen Ausgang genommen. Capitain Chevigné war der einzige Zeuge und er erzählte es mir, als ich ihn jetzt hier wiedertraf nach seiner Entlassung aus den Händen der piemontesischen Schurken, und, bei Gott, ein Mann wie er ist, - er konnte des armen Mädchens nicht gedenken, ohne daß noch die Thränen in seinen Bart rannen.«
»Erzählen Sie, Capitano!«
»In ánima mia - ich bin nur ein schlichter Mann,
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aber was ich Ihnen hier erzähle, bei der Madonna, es ist die Wahrheit, und Capitain Chevigné würde Ihnen jedes Wort bestätigen, wenn Sie ihn darum befragen wollten. Ha, per Dio - ich wünschte, ich könnte je an den Wütherich kommen, der den armen Mann zu der That zwang, und ich wüßte, wie ich ihm vergelten würde!«
Und er begann einfach jene Tragödie zu erzählen, wie Maria O'Donnel zu der Ehre der Capitanata des Freicorps gekommen, wie sie den Gefangenen das Leben gerettet und darüber selbst gefangen worden und am Kloster der heiligen Rojalia von dem Unmenschen Pinelli zu einer schaamlosen, entehrenden Züchtigung verurtheilt worden, und wie, als Nichts den Wütherich erweichen konnte, die Hand des Mannes, zu dem die Liebe so rasch ihr Herz gewonnen, diesem Herzen selbst den Tod gegeben, um ihre Seele rein und fleckenlos zum Himmel zu senden.
Ein tiefes Schweigen der Männer folgte der einfachen, ergreifenden Erzählung, das nur durch ein heftiges Schluchzen von dem Kamin her unterbrochen wurde, und jetzt erst bemerkten sie, daß die würdige Ostessa dort hinter dem Vorsprung kniete und unbemerkt hereingekommen, die traurige Geschichte mit angehört hatte.
»O Dio, pardone Signori« schluchzte die Kleine, daß ihr Busen förmlich schütterte - »O Signori ist es denn wirklich wahr, daß es solche Ungeheuer von Grausamkeit geben kann? Sie werden es nicht übel deuten, daß die arme Sibilla ein so mitfühlendes Herz hat, daß sie unmöglich Ihre werthe Gesellschaft verlassen konnte, ehe die
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arme Miß todt war. Der Capitano Tonelletto weiß, daß ich Nichts lieber höre als solche grausige Geschichten, von denen die Herrn Briganti da drinnen auch so manche zu erzählen wissen, und daß Ihre Excellenzen sich auf mich verlassen können, ich bin eine verschwiegene Wittwe und es ist nur traurig, daß ich ein so gefühlvolles Herz habe! Ohi poverella! aber daß Ihr mir die traurige Geschichte nicht schon früher erzählt habt, Capitano, und den besten Est sollen die Signoris haben, wenn Sie noch mehr solcher Geschichten erzählen und einer armen Wittwe gnädigst gestatten wollen, hier im Winkel ein ganz klein Wenig zuzuhören. O Dio! und ist es denn wirklich wahr, daß der arme blasse Herr, der zu meinem Miethsmann, dem tollen Irlandese und der Lady mit den rothen Haaren und dem ketzerischen Maggiordomo gegangen ist, der Sposo von der armen Signorina gewesen ist und sie mit eigener grausamer Hand erschossen hat, und daß er jetzt sein armes Leben dem grausamen Bruder zum Opfer bringen will, der in seiner Tollheit schon zwei Mal aus meinem gesegneten Hause entsprungen ist. O Dio - daß die vortreffliche Donna auch gar so schaamhaft sein mußte und sich lieber erschießen ließ, als daß sie diesen schändlichen Piemontesen auch nur den kleinsten Theil von ihrem rovescio gezeigt. Kein Mann wird mir nachsagen, obschon ich gar viele Anfechtungen meiner Zeit erlitten habe, daß ich zum Nachtheile des seeligen Sandrolfo den Anstand verletzt und irgend etwas gezeigt habe, was nicht Jedermann sehen konnte, aber es giebt doch Fälle und Eventualitäten, in denen auch die sittsamste Frau sich auf die Vergebung
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der heiligen Kirche verlassen muß, für was hätten wir denn unsere Beichtväter - und wer todt ist, der ist todt bis zum Tage des jüngsten Gerichts, das der große Maler Michaelo Angelo so wunderbar in der sixtinischen Kapelle gemalt hat - aber Madonna beschütze uns und nun wird der tolle Irländer dafür dem armen Signore am Ende den Kopf abschneiden, während ich hier schwatze und die Polizei wird sich darein mischen und die Colombaia verliert ihre Reputation! All' ihr Heiligen ajuto! ajuto! - Capitano Tonelletto, Ihr habt die Verantwortung für alles Unglück, das passirt!«
»Haltet das Maul, Ihr tolles Weibsbild« sagte der würdige Briganten-Capitain ärgerlich. »Wie konnt Ihr es wagen, den vornehmen Herren hier Eure Dummheiten vorzulamentiren? Packt Euch auf der Stelle fort oder wir verlassen das Haus.«
»Perdono perdono Signori, das werden Sie einer armen Wittwe nicht anthun - ich gehe ja schon, Capitano,« und damit trollte die würdige Ostessa sich eiligst, indem sie dem Grafen von Lerida, den sie besonders in ihr Herz geschlossen zu haben schien, einen verliebten Blick zuschleuderte, nicht ohne den geheimen Vorsatz, im ersten günstigen Augenblick wieder zurückzukommen; denn so vornehme und schöne Cavaliere mußten sicher ganz besonders interessante Liebesgeschichten zu erzählen haben, die anzuhören sie gern die ganze Zeche gestrichen hätte.
Uebrigens hatte das Intermezzo mit Signora Spazzoletta doch etwas Gutes gehabt, indem es die allzu düstere Stimmung, welche gleich zu Anfang der Conversation die
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traurige Geschichte des Briganten hervorzurufen drohte, etwas milderte.
»Es ist ein unerhörtes Verfahren, was die Piemontesen gegen die treuen Vertheidiger des legitimen Thrones anwenden. Haben diese Männer, welche für ihre Ueberzeugung kämpfen nicht auf das Völkerrecht Anspruch, das den gefangenen und entwaffneten Feind zu schonen gebietet? Schon hat der Henker Cialdini sich einen Ruf erworben, daß das Volkswort sagt: Der Mund, der seinen Namen nennt, blutet! - Die Zahl der auf den bloßen Verdacht hin Eingekerkerten; ein Anhänger meines königlichen Bruders zu sein, wächst, wie man uns von Neapel schreibt, mit jedem Tage; man erschießt in den Ortschaften Männer, Frauen, Kindern, bloß weil sie nicht zu Verräthern an ihren Freunden und Verwandten werden wollen.«
»Das ist die Civilisation der neuen Zeit,« sagte der Abbate, »die sich frevelnd von dem Regiment der Kirche losreißt; die Jahrhunderte des Barbarenthums bieten kaum Thaten wie die Gegenwart, so blutig und grausam. Ich lobe mir das sanfte Joch der Kirche.«
»Wo der Fanatismus der Religion oder der politischen Parteiung sich noch in die Kriege der Machthaber mischt, werden diese immer blutiger und grausamer sein, als die bloßen Eroberungskriege. Und dennoch meine Herren, welche Ströme von Blut auch dieses Ringen Italiens um seine Nationalität und Einigkeit kosten mag, - was sind sie gegen das, was ich in Indien erleben mußte!«
»A fé!« meinte der Abbé, dem tapfern Condottiere
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einen mißtrauischen Blick zuwerfend bei der Andeutung seines politischen Standpunktes. »Hat dieses unruhige Land nicht die Gelegenheit genug gehabt zu seiner Einigung und geträumten Größe, als der Bund der italienischen Staaten unter dem milden Protektorat des heiligen Vaters ihm geboten wurde von Frankreichs Kaiser mit Zustimmung Oesterreichs und aller Kabinete. Und was Ihren indischen Krieg betrifft, schlimmer kann Ihr Nena Sahib nicht gehaust haben, als diese Generale eines christlichen Königs - Männer wie Cialdini, der Schlächter Fontani und dieser Henkelsknecht Pinelli!«
»Den Heiligen sei Dank, daß diesen Sohn des Teufels endlich die Stimme der öffentlichen Meinung, welche die piemontesische Presse so schändlich verfälscht, unmöglich gemacht hat.«
»Wie so unmöglich, Hoheit?«
»Er hat sein Commando in der Terra di Lavoro verloren und ist nach Turin zurückgesandt worden.«
»Entschuldigen Euer Königliche Hoheit - wenn vom Generalmajor Pinelli die Rede ist, den ich meine - aber es giebt wahrscheinlich zwei Generale dieses Namens in der piemontesischen Armee?«
»Nur den Einzigen,« sagte der Prinz mit Bestimmtheit, »einer unserer schlimmsten Gegner, und sie hat wahrhaftig genug daran!«
»So macht er jetzt in diplomatischen Missionen, denn Generalmajor Pinelli befindet sich in diesem Augenblick in Rom, im Palazzo des General Guyon.
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»Pinelli in Rom - aber das ist unmöglich - wie können Sie das wissen, Herr Kapitain?«
»Weil ich gestern den Weg von Fondi hierher mit ihm gemacht habe. Euer Königliche Hoheit wissen, daß ich von Brindisi zu Lande mit Kurierpferden gekommen bin über Foggia und Terracina; der Herr Herzog ist so freundlich gewesen, einen Depeschen-Dampfer in Civita-vecchia schon morgen zur Abfahrt bereit stellen zu lassen, und es würde mich freuen, wenn der Herr Marquis und Kapitain Chevigné mir die Ehre Ihrer Begleitung erweisen wollten.«
Der Marquis schüttelte munter den Kopf. »Vielen Dank, bester Graf, aber Sie haben wahrscheinlich noch keine Gelegenheit gehabt, zu erfahren, daß die Offiziere des Gefangenen von Ancona10 und der Faubourg Saint Germain nicht so intim mit Herrn Louis Napoleon stehen, um eine solche Gefälligkeit annehmen zu können, - wir müssen daher den Weg durch die Schweiz vorziehen, zu unserem großen Bedauern, dessen seien Sie überzeugt.«
»Aber Sie haben uns noch nicht gesagt, was es mit General Pinelli auf sich hat - es ist unmöglich, daß er sich hierher gewagt hat.«
»Und doch ist es so - in Foggia traf ich mit ihm zusammen. - Der Posthalter kam und bat mich, ob ich nicht zwei Herren - zwei sardinischen Offizieren, wie er mir im Vertrauen sagte, - Platz in meinem Wagen gönnen wolle, weil alle seine Pferde auf der Landstraße
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wären und der Eine es sehr eilig hätte. Da ich nur mit meinem alten Diener oder besser Freunde fahre, war die Sache bald arrangirt, obschon mir die Reisegesellschaft wenig behagte; denn der Aeltere, der sich mir als General Pinelli vorstellte, ist ein brutaler unangenehmer Mann - aber als Offizier konnte ich nicht anders, und so machten wir die Fahrt zusammen bis Rom.«
»Und was will der Mörder hier?«
»Er kommt als Bevollmächtigter des kommandirenden Generals an das französische Gouvernement, vielleicht auch an den römischen Kriegsminister. Ich hörte zufällig, daß er unter Anderem Beschwerden erheben soll, gegen die Unterstützung des Brigantaggio, da von Rom aus großer Zuzug in die Gebirge geht!«
Der Prinz hatte dem Abbé einen fragenden Blick zugeworfen, dieser zuckte die Achseln. »Ich hatte noch nicht Gelegenheit, Euer Königliche Hoheit die Ankunft eines piemontesischen Unterhändlers mitzutheilen, den Namen des Boten kannte ich ohnehin nicht.«
»Und soll wirklich der Mörder ungehindert Rom verlassen?« sagte finster der Brigant. »Ein Wort an den Signor Irlandese, und ich setze mein Patent gegen einen Bajocchi - er schlägt ihn todt und wäre es im San Peter selbst!«
»Um der heiligen Jungfrau willen, Kapitano - kein Wort an den irländischen Offizier! Ich untersage es Ihnen auf das Strengste - Sie wissen nicht, welches Unheil Sie anrichten könnten!«
»Aber Reverendissimo,« bemerkte der Graf von Lerida,
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»ich begreife nicht, warum Sie den ehrlichen Mann darin hindern wollen, auf seine Hand einen kleinen Dolchstoß an einen Feind der Kirche auszutheilen, oder einem solchen eine andere tüchtige Faust auf den Hals zu hetzen. Signor O'Donnel ist ein Edelmann, und wenn ich auch wenig Sympathie für seinen Vetter, den Herrn Marschall und Premierminister empfinde, sollte es mich doch freuen zu hören, daß jene Brutalität den verdienten Lohn bekommen hat. Man kann eine Frau tödten so gut wie einen Mann, sei es aus einer oder der andern Ursache - aber sie mißhandeln - Pfui! das verdient Züchtigung. Die Herrn Römer sollten wenigstens das Rechtlichkeitsgefühl der Brauknechte von Barclay haben, die General Haynau die Ruthenhiebe in Brescia mit Stockschlägen vergalten!«
»Man will wissen, daß es weniger die englischen Brauknechte waren,« sagte der deutsche Offizier, »als die lombardischen Flüchtlinge, die Freunde der Herren Orsini und Tibaldi!«
»Um so schmachvoller für uns, die Kämpfer des Königthums und der Kirche, daß wir nicht denselben Muth und Eifer haben, wenn die Gelegenheit sich bietet.«
»Glauben Sie nicht, Herr Graf, daß es mir an Muth und Eifer fehlen sollte, jene Brutalität an einem Weibe zu vergelten, wenn sich die Gelegenheit fände, und ich hoffe, das im Dienst der Brigantaggia schon in wenig Tagen zu beweisen, sobald man uns hier nur etwas Besseres zeigt, als Mißtrauen und leere Versprechungen.«
»Meine Herren, meine Herren!« rief der Abbé, die Hände erhebend, »bedenken Sie immer zuerst das Interesse
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der heiligen Kirche. Jeder Angriff auf den piemontesischen Offizier - an dem Gott und die Heiligen seine Unthat rächen mögen - innerhalb der Thore von Rom würde dem König Vittorio Emanuele nur eine vollkommene Gelegenheit geben zu neuen Gewaltthaten und Beraubungen an dem Patrimonium Petri, und auch das französische Gouvernement, das der Regierung Seiner Heiligkeit nur noch den Schatten der Macht läßt, würde die Gelegenheit benutzen, uns neue Beschränkungen aufzulegen.«
»So daß also General Pinelli ungestraft für seine Schandthat Rom wieder verlassen kann, - wenn er es nicht schon gethan hat!«
Die letzten Worte waren leicht hingeworfen an den französischen Offizier gerichtet.
»Nein,« sagte der Graf von Boulbon, »er ist noch hier und wird erst morgen in der Frühe abreisen, da die Straßen bei Nacht unsicher sind und erst von unseren Vorposten wieder einmal gründlich gesäubert werden.«
»Cosi é - ich habe heute Gelegenheit gehabt, mich zu überzeugen, wie eifrig man den Patrouillendienst betreibt. - He, zum Teufel, Signor Capitano, wo steckt denn unsere schöne Wirthin - ich hätte wohl eine kleine Frage an sie zu richten! A propos, hochwürdiger Herr, wenn ich mich nicht irre, versprachen Sie uns einige Burschen des Brigantaggio hier zu zeigen.«
»Capitano Tonelletto hat das übernommen - ich hoffe, er wird seine Anstalten für später getroffen haben?«
Der Brigante verstand die Frage. »O hi, Reverendissimo - es ist Alles bereit und Sie sollen mit mir
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zufrieden sein. Einstweilen, wenn die Signori einen Blick durch jenes Fenster in das Nebengemach thun wollen, werden Sie Männer sehen, die bereit sind, dem Ré gentiluomo in die Zähne zu lachen, und den Teufel nicht fürchten!«
Er schob einen grünen Vorhang zur Seite, der ein kleines Guckfenster bedeckte, wie es häufig von einem Gemach in ein Nebenzimmer führt, um unbemerkt Vorgänge oder Personen dort beobachten zu können. Einige Mitglieder der Gesellschaft waren aufgestanden und zu der Oeffnung getreten, durch welche sie in das Nebengemach blickten, wo um eine Tafel gleichfalls fünf oder sechs Männer und eine Frau versammelt waren. Die Letztere war ein derbes, kräftiges Weib in der Tracht der Gebirgsbewohnerinnen und hochschwanger. Der Mann, der ihr zur Seite saß, war klein, kräftig gebaut mit dunklen schlauen Augen. Er trug die offene, aus rothem Tuch gefertigte, mit blanken Knöpfen besetzte Weste, die doppelt umgeschlungene buntfarbige Leibbinde, dunkle geschlitzte Kniehosen um die Beine vom Knie abwärts mit den weißen Sandalenleinen scharf umwickelt, von denen sich die schwarzen Riemen der Sandale abhoben. Die dunkelblaue Jacke, welche die Bergbewohner über die Schulter geworfen tragen, hing jetzt über die Stuhllehne, dagegen hatte er den niederen breitrandigen mit Schnüren und Bändern geschmückten Hut auf dem Kopf behalten. Der offene, breit über die rothe Weste umgeschlagene Hemdtragen zeigte einen kräftigen Stierhals. Zwei Andere trugen dieselbe Tracht, dazwischen saß ein großer hagerer Mann in der
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russ[ß]igen Kleidung eines Kohlenbrenners. Er hatte im Gesicht einen sanften stillen Ausdruck.
Der deutsche Offizier wandte sich an den Capitano Tonelletto. »Wer ist der Köhler dort?«
»Per Christo - er ist so wenig ein Köhler, Signor Tedesco, wie ich ein Mönch, obschon ich zuweilen die Kutte eines solchen trage. Der Signor Irlandese könnte Ihnen eine Geschichte davon erzählen. Wir nennen ihn ›Piccione‹, weil er sanft wie eine Taube ist, obschon ein Teufel an Muth und Entschlossenheit in ihm steckt. Er ist ein einfacher Bauer aus den Bergen der Abruzzo ulteriore und hat eine Bande um sich versammelt, mit der er die Piemontesen in ewiger Bewegung hält. Obschon er wenig spricht, ist er ein Mann der That. Ich werde Euer Königliche Hoheit bitten, ihn bei erster Gelegenheit Seiner Majestät zum Patent zu empfehlen. Er verdient es bei Gott eher, als dieser träge Feigling Chiavone. Erst vor wenig Tagen hat er einen Streich ausgeführt, an welchen die piemontesischen Dickköpfe denken werden.«
»Erzähle!«
»Ich ließe ihn besser es selbst thun, Signori, - aber wie gesagt, das Reden ist seine schwache Seite. Einer seiner Kameraden hat mir's heute Morgen erzählt. In derselben Tracht, wie Sie ihn da sehen, ging er bei hellem Tage mit zwei andern Landleuten, er ist nämlich nur ein einfacher Bauer und heißt eigentlich Stramenga, in's Thor von Aquila, fiel über die sieben Mann der Thorwache her, und streckte sie bis auf Einen todt zu Boden, der flüchtete und Lärm schlug. Zehn Minuten darauf war eine
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ganze Compagnie dieser eingebildeten Bersaglieri auf ihren Fersen und verfolgte sie nach dem Gebirge. Aber das ›Täubchen‹ hielt sich stets auf doppelte Schußweite von ihnen, und erst, als an einer Seitenschlucht sich der Fußpfad in's Gebirge erhob und sie herbeieilten, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren, gab sein Pfiff das Signal an seine auf der Höhe zwischen Steinen und Büschen versteckten Leute, und eine wohlgezielte Salve guter Büchsen krachte unter die Burschen, daß sie zwanzig von ihnen auf dem Wege ließen und in ihrer Flucht nicht eher Halt machten, als bis sie die Thore von Aquila wieder mit der Hand erreichen konnten.«
»Ein kecker Streich! - Aber die Frau, - ist sie aus den Gebirgen, und wie kommt sie in diesem Zustand hierher?«
Der Freicorpsführer lachte. »Meinen Sie denn, daß sie ihren Mann den verführerischen Reizen und Verlockungen der Donna Spazzoletta aussetzen würde, ohne ihn zu begleiten? Oibò! Da kennen Sie Donna Coja schlecht. Sie ist ein Dämon an Eifersucht, und deshalb hat sie auch keinen Augenblick gezögert, den Karabiner über ihre kräftigen Schultern zu hängen und ihrem Gatten Domenico Coja, genannt ›Gentrilli‹, denn dies ist der Mann, der neben ihr sitzt und welcher die Freischaaren in der Provinz Molise nicht schlecht commandirt, in das Meta- und Molise-Gebirge zu folgen und wacker auf die Piemontesen mit herunter zu paffen, wo sich die Gelegenheit bietet. Es ist ein schlauer Kerl dieser Coja, und ich hoffe, er wird den Signori nachher einige seiner Schwänke zum
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Besten geben. In Rom kennt er jede Schänke und die abgelegensten Winkel und Gäßchen. - Der hübsche Bursche, der neben ihm sitzt, ist dieser verteufelte Weiberdieb Pilone vom Vesuvio, der mehr als der General Garibaldi dazu gethan hat, dem armen König Franz die Engländer auf den Hals zu hetzen, als er die Lady des vornehmen Mylord zwang, im Gewand der Mutter Eva seiner, die Keuschheit der Nonnenklöster nicht einmal achtenden Bande eine Saltarella vorzutanzen, während sie Mylord Ambassadeur an den Stamm einer Olive gebunden hatten.«
»Was ist das für eine Geschichte Signor Tonelletto?« fragte der Marquis. »Sie müssen wissen, daß wir in Betreff der Chronique scandaleuse der Abruzzen so unschuldig sind, wie ein neugeborenes Kind.«
Der Brigante schielte nach dem Prinzen und dem Abbate. »Gott behüte mich davor, Signori, die Gefahr des armen Burschen noch zu vermehren, der noch nicht einmal von den Galeeren die richtige Begnadigung in der Tasche hat, wenn ich die Geschichte weiter erzählte, - die Signori Inglese haben Ohren, die bis in den Vatican reichen und verteufelt lange Arme.«
»Narr,« sagte lachend der Prinz, »die beste Begnadigung war, daß man den tollen Burschen von San Elmo entwischen ließ. Es ist seine Sache, wenn er sich wieder einfangen läßt; doch glaube ich, daß weder General Goyon noch Monsignore Pila sich besondere Mühe damit geben werden, dem Cabinet von St. James zu Gefallen, es müßte denn sein, daß der heilige Stuhl« - der vorwurfsvolle Blick des jungen Fürsten traf in bezeichnender Weise den Abbate
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- »eine Gelegenheit wünschte, sich Master Rüssel für irgend ein freundliches Anerbieten dankbar beweisen zu wollen. In diesem Falle möchte ich allerdings nicht für die Sicherheit des würdigen Pilone stehen, und er könnte ruhiger am Krater des Vesuvs sein Haupt niederlegen, als in den Schoos San Peters, unseres getreuen Bundesgenossen.«
»Eure Königliche Hoheit,« sagte mit unverändertem Gleichmuth der Abbé, »haben vielleicht von dem Anerbieten des Lord Palmerston gehört, im Fall eines weiteren Angriffs des Königs Victor Emanuel auf Rom, Seiner Heiligkeit auf Malta ein Asyl zu eröffnen.«
»Ich bin nur Soldat, zu wenig Diplomat,« bemerkte der Prinz kalt, dem offenbar noch die Verheimlichung der Ankunft des piemontesischen Unterhändlers im Kopf herumging, »um über die Vortheile eines solchen Anerbietens urtheilen zu können.«
»Das niemals angenommen werden wird. Das Oberhaupt der Christenheit muß unter allen Umständen in Rom residiren und es ist die Pflicht aller Politik des heiligen Stuhls, ihm diesen Besitz zu sichern.«
»Mit allen Mitteln,« sagte spitzig der Prinz, »selbst, wenn man darüber die Treue und Dankbarkeit opfern sollte.«
Wiederum blitzte das Auge des Abbé in hochmüthigem, fanatischem Stolz, als er mit energischem Ton die Antwort gab: »Euer Königliche Hoheit vergessen, daß die heilige Kirche nicht unter den Gesetzen der blinden, bürgerlichen Moral steht und keine Rechenschaft über die Handlungen ihrer unfehlbaren Weisheit schuldig ist.«
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»Ein echter Jesuiten-Grundsatz,« murmelte Don Juan, da er es aber für seine Absichten entsprechender hielt, einem Zerwürfniß von Prinz und Priester zuvor zu kommen, wandte er sich an den deutschen Offizier mit der Frage, ob es möglich sein werde, mit einem bloßen Guerilla-Kriege des Brigantaggio große Erfolge gegen eine wohldisciplinirte Armee, wie die piemontesische, zu erzielen?
»Nicht, wenn die Angelegenheit so lau betrieben wird, wie es leider der Fall scheint. Seit den acht Tagen, die ich in Rom bin, um mich dem Kampf des tapferen Bergvolkes anzuschließen, habe ich schon der traurigen Erfahrungen genug gemacht. Man mißtraut uns Fremden, die aufrichtigen Herzens und voll Begeisterung hierher gekommen sind, obschon die Thaten jener Freiwilligen, die sich dem Tode in Gaëta weihten, doch genügend für ihre Redlichkeit sprechen sollten, oder man stellt sich wenigstens so und verdächtigt uns! - Ich meine nicht die Königlichen Majestäten oder die Prinzen, Hoheit,« sagte der junge Mann, der die Gelegenheit zu benutzen schien, sein Herz auszuschütten, mit einer Verbeugung gegen den jungen Fürsten, »aber ...«
»Sprechen Sie ohne Rückhalt weiter, Herr Capitain,« sagte der Prinz, »ich bitte darum!«
»Wohl denn, Hoheit, so lassen Sie mich offen die Befürchtung anssprechen, daß gerade das Bourbonische Comité, welches sich zur Organisation des Brigantaggio hier gebildet hat, diesem die schwersten Hindernisse in den Weg legt. General Clary mag den besten Willen haben, aber er hat zu wenig Energie, den
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Aufstand vorwärts zu bringen. Es giebt zu viele Hofschranzen in der Umgebung Ihres Königlichen Bruders, zu wenig Soldaten. Es fehlt an Geld, an Waffen, an Einheit. Halb Rom macht bereits eine Spekulation aus dem Brigantaggio - Jeder, der sich einen Patrioten nennen läßt, oft mit hochtrabendem Namen, sucht zunächst seine Tasche zu füllen und Vortheile zu ziehen. Die Betrügereien bei dem Ankauf von Waffen und Ausrüstungen sind so frech und offen, daß ein ehrlicher Mann für den größten Theil ihrer Lieferanten nur eine Antwort hat: den Absatz seines Stiefels. Versprechungen auf allen Seiten, habsüchtige und ehrgeizige Pläne statt wirklicher Aufopferung! Warum gehen diese vornehmen Herren, die hier den Königlichen Hof belagern nicht selbst in die Berge und setzen ihr Leben ein für die Sache, der sie anzuhängen vorgeben! Jene rauhen Männer, die wir da drinnen versammelt sehen, sie sind ohne Zweifel bereit, mit ihrem Leben ihre Treue zu beweisen, - aber Hoheit, wo bleibt der neapolitanische Adel? Will er blos auf dem Parquet für seinen König fechten? - Sollen die Fremden allein bluten? nun dann traue man ihnen wenigstens! Hätte man damals nicht Mißtrauen gegen die tapferen Schweizer-Regimenter gehabt, König Franz, Ihr erhabener Bruder, säße wahrscheinlich jetzt noch in Neapel!«
»Sie mögen Recht haben, obschon Sie sehr scharf malen,« sagte der Prinz nachdenkend; »die Königin war derselben Meinung, aber wir waren von Verräthern umringt!«
»Ich fürchte, Sie sind es jetzt noch!« sagte der junge
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Offizier kühn. »Warum, statt hier in Rom, wo die Franzosen die Gendarmen der Piemontesen spielen, organisirt man nicht ein Freicorps auf den dalmatinischen Inseln und wirft es von dorther in die Küsten-Distrikte? Oesterreich wird die Augen willig schließen, es hat überflüssige Waffen genug. Seit acht Tagen antichambrire ich um eine Verwendung in dem Bergkrieg und erhalte nur Ausflüchte und Vertröstungen. Vor Allem: es fehlt an einer Einheit im Commando der zerstreuten Trupps; General Tristany denkt wie ich und Viele - und - deshalb ist er wahrscheinlich auch nicht hier!«
Der Prinz beugte sich über den Tisch und reichte dem kecken Sprecher die Hand. »Wir werden Ihnen vielleicht binnen Kurzem noch einen besseren Namen geben können, als Tristany bei allen seinen Verdiensten. Man unterhandelt in diesem Augenblick mit Malta - Sie wissen, daß sich dorthin Ihr tapferer Landsmann11 zurückgezogen, Signor Conde! Sie müssen Geduld haben, Capitain, wie wir Alle, aber ich verspreche Ihnen mit meinem Wort, daß Sie binnen wenigen Tagen schon in den Bergen sein sollen. Erinnern Sie mich daran, Abbé! Ihr Plan mit der dalmatinischen Küste scheint mir übrigens eine gute Idee, ich würde Ihnen dankbar sein, wenn Sie mir ein Memoire darüber aufsetzen wollten, - es soll sofort in die Hände des Königs kommen. Was denken Sie darüber, Signor Grimaldi? Als Ionier kennen Sie die Verhältnisse der Küsten-Provinzen und werden uns den besten Rath ertheilen.«
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Der Condottiere, der bisher den Kopf in die Hand gestützt in tiefem Nachdenken gesessen, fuhr bei dieser direkten Anrede wie ein Träumender in die Höhe, so daß die Meisten ihre Heiterkeit nicht unterdrücken konnten.
»Corpo di Bacco Generale oder Capitano - Ihr Geist scheint in ganz andern Regionen zu schweifen - an was dachten Sie so schwer und ausschließlich?«
»An jenes unglückliche Mädchen, das den Tod einer Entehrung vorzog - oder vielmehr an eine Frau von gleich hohem Geist, die ebenso den Tod wählte, statt eines Lebens voll qualvoller Erinnerung.«
»Ich hätte kaum geglaubt, daß solcher Heroismus noch ein Mal zu finden wäre,« sagte mit frivolem Ton der Marquis. »Bitte, wer war diese zweite Lucretia der Neuzeit?«
»Sprechen Sie mit Ehrfurcht, Signor, von Shanda Xaria, der Rani von Ihansi!«
»Die indische Heldin! O General - was ist's mit ihr? - ich habe nie wieder von ihr gehört - und habe noch nicht Gelegenheit gehabt, Sie um den Schluß Ihrer indischen Abenteuer zu fragen, ja ich weiß noch nicht ein Mal, ob Sie jetzt direkt aus jenem Wunderland kommen, oder wie es Ihnen gegangen ist, seit wir uns trennten?«
»Woher ich komme,« sagte der Ionier mit trübem Ausdruck - ich sagte es Ihnen bereits - zunächst aus der Schweiz, vom Genfer See, aus der Villa eines Ihrer englischen Landsleute!«
»Eines Engländers - Sie, der erbitterte Feind, der Engländer?«
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»Der kaltherzigen englischen Politik, aber nicht der Menschen; denn das Schicksal hat es gewollt, daß die edelste Frau, die ich gekannt, eine Engländerin war, jene Frau, die selbst unter den blutigsten Schrecken des Aufruhrs mit dem Namen des ›Engels von Delhi‹ begrüßt wurde, und deren aufopfernder Pflege auch ich das Leben verdanke, und daß ihr Gatte, wie der tapfere Offizier, aus dessen Hause ich komme, Männer von aufopferndem Edelmuth, meine theuersten Freunde wurden.«
»So waren Sie während jenes furchtbaren Aufstandes in Delhi, Signor Generale?« frug der Prinz.
»Weder bei dem Beginn noch bei der Rückeroberung Delhi's durch die Engländer, und doch wollte der Zufall, daß ich einer der seltsamsten Szenen jenes Kampfes beiwohnte und dabei von der Hand desselben Feindes zum Tode verwundet wurde, aus dessen Hause ich jetzt komme, und der in jenen blutigen Kämpfen das höchste Glück des Lebens sich gewann, während hundert Andere das ihre in die blutigen Gräber Indiens betteten. Ich spreche von dem seltsamen Schicksal Sir Richard Willoughby's und seiner edlen Gattin, eines Offiziers der englischen Armee in Indien, der erst nach dem Falle Delhi's seinen Abschied nahm und gegenwärtig an den Ufern des Genfer Sees der Wiederherstellung seiner Gesundheit lebt. Ein Zufall ließ mich, als ich nach dem Tode der Fürstin von Ihansi nach Europa zurückkehrte, seinen Aufenthalt erfahren, und ich konnte es mir nicht versagen, die Hand eines Glücklichen zu drücken. Seinen früheren und jetzigen Mittheilungen verdanke ich das, was ich Ihnen hier erzählen
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will, als eine Episode aus jenen blutigen Kämpfen am Ganges, die Europa bisher nur aus den parteiischen Berichten der englischen Zeitungen kennt.«
»Und die Rani?«
»Ihr Schicksal steht in Verbindung mit meiner Erzählung.«
»Dann lassen Sie uns auf diese nicht länger warten, Generale,« sagte der Prinz, »und entschädigen Sie uns so wenigstens für den Verlust Ihres tapfern Armes, da Sie, wie Sie mir leider zu verstehen gegeben, unsere Sache für eine verlorene halten.«
»Nicht für eine verlorene, Hoheit, denn der Kampf treuer Männer für einen sinkenden Thron ist immer ein erhabener. In diesem Sinn habe ich Ihrem königlichen Bruder und der edlen Königin, den Opfern englischer Politik, den Helden von Gaëta meine hohe Verehrung bezeigen wollen, wenn auch meine Grundsätze mir nicht erlauben, in dem Ringen einer ganzen großen Nation nach Freiheit und Einigung gegen sie Partei zu nehmen. Verzeihen Euer königliche Hoheit, aber - die Pflicht eines Mannes ist Treue für die Ideale seiner Jugend.«
»Und Signor Grimaldi,« sagte der Abbate höhnisch, »galt schon vor Jahren als ein Gegner der Kirche und des Königthums.«
»Nicht der Religion und des Königthums,« sagte mit ruhigem Lächeln der Condottiere, »sondern nur der Knechtung und des Mißbrauchs, wie in diesem schönen Lande Priesterschaft und der österreichische Einfluß sie geübt haben. Für Italiens Wohl und Größe würde auch
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ich, obschon ich es nur zum Theil mein Vaterland nennen darf, willig mein Leben zu opfern.«
»Und mehr kann ein redlicher Mann nicht thun, darum lassen Sie uns nicht streiten über die politischen Parteiungen und Meinungen, deren es leider in der Stadt Sanct Peters, wie wir Alle wissen, nur zu viele giebt! Ich danke Ihnen, Signor Generale für Ihre Offenheit, wie vorhin hier unserem deutschen Gast!« Der ritterliche junge Fürst hob das Glas und stieß mit den beiden Männern an, während der Abbate dem Marquis in's Ohr flüsterte: »Hätte man im Quirinal das nöthige Geld gehabt und eine gute Anstellung für ihn, so würde der griechische Freibeuter wahrscheinlich anders sprechen. Wenn ich mich recht erinnere, läuft noch ein österreichischer oder englischer Steckbrief auf seinen Kopf, und noch ist Papst Pius Herr in Rom.«
»Und nun, Signore Generale, Ihre Erzählung aus Indien!«
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1. Das Grabmal der Begum.
Wir ziehen es vor, das, was der tapfere Wessir der edlen Rani von Ihansi erzählte, hier in der Form einer Fortsetzung jener schrecklichen Scenen zu geben, die unser Buch »Nena Sahib« aus der Empörung in Delhi schilderte.
Wir haben dort12 Richard Willoughby, den englischen Offizier, mit der französischen Nonne, der Sur Marion in dem Minaret am Grabmal der Begum in Simreh Bagh verlassen, das Beide nach der Entdeckung der Leiche der unglücklichen Tochter des Residenten Frazer im Sarkophag der Begum so tapfer gegen die wilden Krieger Tantia Topi's und des muhamedanischen Derwisches, ja selbst gegen den Wessir und die Männer seiner Gortschura vertheidigt hatten, - als Beide nach dem Fall des Wessirs sich auf den Rundgang um die Spitze des Minarets geflüchtet, und die Fallthür über der schmalen Wendeltreppe geschlossen hatten.
Der Ruf des wackeren Uskoken, des Milchbruders des Major W[M]aldigri, welcher Lady Hunter an die Seite des schwer Verwundeten geführt, hatte eine kurze Unterbrechung des Kampfes veranlaßt, ehe der unheimliche Mahratte an der Spitze der tapferen Reiter von Ihansi die Treppe erstürmte, und die Thür zum Rundgang des Minarets sprengte.
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Der englische Offizier drückte das zitternde Mädchen an seine Brust.
»Der Augenblick ist gekommen, Maria - zwei Patronen enthält die Batterie des Revolvers, eine für Dich, die andere für mich!«
»Zögere nicht, geliebter Freund - ich habe Dein Wort!« und die sonst so schüchterne und keusche Nonne öffnete selbst das spärliche Gewand über dem jungfräulichen Busen.
»Einen Augenblick noch - die Furcht hat sie hinab gescheucht. Willst Du thun, um was ich Dich bitte in unserer Todesstunde?«
»Alles!«
»Dann stirb als meine Gattin - wirf ab das traurige Gelübde, das Dich bindet, schwöre, daß Du mein Weib bist wie ich Dein Gatte und laß uns als solche vereint zum Himmel steigen!«
Einen Moment zögerte sie, dann warf sie sich an seine Brust: »Ich schwöre!«
»Mahadeo! Mahadeo!« gellte es von unten her.
»Und nun! Gott sei uns Beiden gnädig!« Er drückte seinen Mund auf ihre lieblichen Lippen und suchte mit der Mündung des Revolvers ihr Herz, - noch einen Blick warf er dem stürmenden, blitzezerrissenen Himmel und der jetzt um den Haupteingang sich drängenden Menge zu - sein Auge streifte die Spitze des gegenüberliegenden Minarets.
»Gott ist uns gnädig - dort sind die Mörder, von
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ihren Kugeln laß uns gemeinsam fallen!« und er zog sie an die Brustwehr gegenüber dem zweiten Minaret, die Geschosse der Mörder erwartend.
Zwei Gestalten bewegten sich auf dem steinernen Umgang, eine größere und eine kleinere.
Jetzt sah er die erste das Gewehr erheben.
»Mordet uns!«
»Sur Marion!«
Die Stimme war sanft und freundlich - in demselben Augenblick, als sie das Ohr des bereits halbtodten Mädchens traf und es emporfahren machte, erhob sich von drüben her ein dunkler Gegenstand in die Luft und senkte sich nieder auf die steinerne Balustrade.
»Sind Sie Lieutenant Willoughby?«
»Heiliger Gott - ich bin's! wer ist da drüben?«
»Fragen Sie nicht! Nehmen Sie und schlingen Sie dies um die Spitze des Thurms und dann herüber mit Ihnen! Lakschmi sei mit Ihnen! Jeder Augenblick ist ein Leben werth!«
»Wischnu sei Dank, der uns Euch finden ließ! Irma ist Dir nahe. Habe Muth und Lakschmi die Gütige wird Dir helfen!«
Der Gegenstand, welcher sich von der andern Balustrade niedergesenkt auf die des ersten Minarets war ein schmales zähes Brett von Bambus. Zugleich mit seinen ermunternden Worten hatte der unbekannte Helfer von drüben das geknotete Ende eines langen dünnen Seiles von Aloëfasern herübergeschleudert, das der Offizier geschickt
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auffing und geschickt um die Spitze des Minarets schlang, es dann dem Manne drüben zurückwerfend.
Mit der Aussicht der Möglichkeit einer Rettung war dem jungen Offizier im Nu alle Spannkraft wiedergegeben, und er begriff mit dem Instinkt der Geistesgegenwart, was der Helfer drüben beabsichtige.
Aber er wußte auch, welche furchtbaren Feinde nach ihrem Blute dürsteten, und daß nur Augenblicke noch sein waren.
Er fühlte nach der sicheren Lage des Brettes, fühlte den Strick auf der anderen Seite angezogen sich spannte und hob ohne weitere Frage das Mädchen auf die schwanke Brücke.
»Muth Geliebte! Es ist eine Möglichkeit der Rettung! Halte die Hände fest an dem Strick und versuche den Weg.«
Auch die Nonne hatte begriffen, um was es sich handle und besaß von Natur Muth - sie wußte, daß sie ja nur einen Tod sterben könne - und besser war die Zerschmetterung auf den Marmorquadern des Bodens, als in die Hände jener Teufel in Menschengestalt zu fallen.
Zwei Momente der furchtbarsten Spannung und Angst, dann sah der tapfere junge Offizier den Mann drüben die Gestalt des Mädchens über die Brustwehr heben; im nächsten betrat er selbst die schwanke Brücke.
Es war die höchste Zeit. Schon donnerten unter dem furchtbaren Schlachtruf der wilden Krieger des Sirdars die Axtschläge desselben gegen die schwere Fallthür,
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die den Mahrattenhäuptling allein noch auf der blutgetränkten Treppe des Innern zurückhielt.
Er war glücklich drüben. »Hinunter jetzt - verbergt Euch!« Die Nonne und der Offizier fühlten sich von der Hand des jungen Hindumädchens im Innern der Galerie nach der anderen Seite des Minarets gezogen - im selben Augenblick hob der Babu, denn der Vater Irma's war es, der ihnen zu Hülfe gekommen, das leichte Bambusbrett in die Höhe und nahm es zurück in das Innere des Minarets. Zugleich lösten die Hände des Kindes die diesseitige Befestigung des Stricks und ließen beide Enden hinunterfallen in die Tiefe.
In dem Moment, in welchem der Babu und seine Tochter auf der entgegengesetzten Seite des Umgangs geschützt von dem Schatten der Spitze, dem Dunkel der Nacht und dem strömenden Regen niedertauchten durch die Fallthür, welche in ganz gleicher Einrichtung, wie in dem Minaret, das der Offizier so tapfer vertheidigt hatte, über einer schmale Treppen sich öffnete - sprengten in diesem die Axtschläge des Mahratten das letzte Hinderniß und er sprang, gefolgt von den Nächsten auf die Plattform des schlanken Thurmes.
Die Galerie war leer - kein Raum, daß sich ein Kind darin hätte verbergen können, - und dennoch von den Vertheidigern des Minarets keine Spur!
Sie waren verschwunden!13
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Der Mahratte stürzte an die Brustwehr, er rannte wie ein wildes Thier, die Axt schwingend und seine blutigen Götter anrufend, zwei, drei Mal um die Gallerie - nirgends eine Spur. Das Licht der Blitze zeigte ihm, daß Alles leer war.
»Holt Fackeln herauf! - es ist unmöglich - sie müssen sich hier verborgen haben - sie können nicht durch die Luft auf und davon sein!«
Noch wußte man ja nicht, wer die Thüre so tapfer vertheidigt hatte; nach der Zahl der Schüsse und der gefallenen Opfer glaubte man, daß eine ganze Anzahl geflüchteter Engländer sich in das Minaret gerettet hätte und um so unerklärlicher mußte daher ihr Verschwinden sein. Dazu kam, daß der Aberglaube der Soldaten in Folge des nur flüchtigen und unvollständigen Anblicks der jungen Nonne in ihren weißen Untergewändern - ihr einfaches dunkles Oberkleid hatte sie ja für die unglückliche Tochter des Residenten geopfert, - die Vertheidiger mit dem Geiste der alten Begum oder einem der Dämonen ihres Glaubens in Verbindung brachte und der entsetzliche Anblick des geöffneten Sarkophages ihre Furcht vermehrt hatte.
Plötzlich blieb der Mahratte, der sich selbst bisher das Verschwinden der Verfolgten nicht zu erklären vermocht hatte und fast so abergläubisch war, wie die anderen Krieger, betroffen stehen, - er hatte an das Seil gestoßen, was von der Spitze des Minarets niederhing und der Schein der heraufgebrachten Fackeln zeigte ihm in der vom Sturm und Regen gepeitschten Flamme das Niederhangen
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des dünnen aber festen Taues in die Tiefe, und er begriff sogleich, daß hier das Mittel ihrer Flucht zu suchen sei.
Nun zog er zum Glück für die Flüchtigen aus dem Funde den Schluß, daß die Verfolgten sich an dem Strick von der Höhe des Minarets niedergelassen hätten auf die Quadern der breiten, das Gebäude umgebenden Rampe.
Indem er sich über die Einfassung der Gallerie lehnte, überzeugte ihn ein Blick in die Tiefe, daß diese Seite des Grabmals im Augenblick fast menschenleer und verlassen war, indem die Menge vor dem Unwetter flüchtend oder von Neugier getrieben, sich nach der anderen Seite gedrängt hatte, an welcher der Eingang des Grabmals gelegen war und vor welcher die Reiter des Wessir von Ihansi hielten.
Mit einer wilden Verwünschung der eigenen blutigen Göttin schüttelte er den Strick vor den Augen seiner Gefährten und eilte dann die Treppe wieder hinab, um unten seine Meute auf die Fersen der Geflüchteten zu hetzen und ihre Spuren zu suchen.
Aber vergebens war sein Forschen und Fragen - Niemand hatte das Aeußere des Minarets während des Kampfes im Innern und dem draußen tobenden Gewitter beachtet. Er mußte annehmen, daß es den verhaßten Faringi's in der That gelungen sei, auf die angedeutete Weise zu entkommen, und sich begnügen, seine Vertrauten nach allen Seiten auszusenden, um an den Thoren der
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Stadt doppelte Wachsamkeit zu empfehlen und wo möglich eine Spur der Geflüchteten aufzufinden.
Ueberdies mahnte ihn der Zweck, zu dem er mit Derwisch Sofi und dem Wessir von Ihansi wieder das bisher so wohl gehütete Innere des Grabmals betreten hatte, an Vorsicht, wenn er diesen nicht vereitelt und das Geheimniß des Sarkophages und der Schatzkammer der Begum preisgegeben sehen wollte, wo dann gewiß die habgierigen Söhne des Großmoguls sich mit Gewalt der verborgenen Reichthümer bemächtigt haben würden.
Er begnügte sich daher nach kurzer Unterredung mit dem bereits von dem Anprall der Kugel wieder ermunterten nur geringe Schmerzen noch empfindenden Derwisch Sofi die verwesende Leiche der englischen Miß unter seiner Aufsicht aus dem Sarkophag entfernen und in die Fluthen des Flusses werfen zu lassen und aufs Neue die Pforten des Grabmals zu schließen und Wachen davor zu stellen, die Fortschaffung des Schatzes auf die nächste Nacht verschiebend. Ein Verhör mit den Männern, welche in den Tagen seither von Außen diese Pforte bewacht hatten, ergab, daß kein Fremder eingetreten war, die Faringi, welche aus dem Innern so glücklich entkommen, also schon vor dem Verschluß der Thür und dem nächtlichen Besuche der beiden Führer des Aufstands dort verborgen gewesen sein mußten. Die Erzählung der Krieger von dem gespenstischen Wimmern, das sie in stillen Nächten im Innern des Gebäudes gehört haben wollten und das sie dem umwandelnden Geist der alten Begum zugeschrieben, bestärkte diese Annahme noch mehr. Wenn aber die
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unbekannten Feinde aus ihrem Versteck her der Oeffnung des Sarkophages beigewohnt hatten und sie Beide mit den Goldsäcken hatten aus der Tiefe zurückkehren sehen, mußten sie Mitwisser des Geheimnisses geworden sein oder wenigstens Vermuthungen darüber haben, und da die beiden Lenker des Aufstands die Ueberzeugung hatten, daß trotz aller Nachforschungen des fanatischen Pöbels gewiß noch einzelne Engländer innerhalb der Stadt verborgen waren, konnte eine zu scharfe Verfolgung der Entkommenen leicht dazu führen, daß durch ihr Geständniß jenes Geheimniß öffentlich bekannt wurde.
Der Sirdar und der Derwisch beschlossen daher, eine genauere Nachforschung erst eintreten zu lassen, wenn sie die Schätze auf einem Fahrzeug auf der Dschumna in Sicherheit gebracht hätten, bis dahin aber mit der allgemeinen Bewachung des Denkmals sich zu begnügen. -
Wir haben zunächst zu dem Paare zurückzukehren, dessen Herzen sich so wunderbar zwischen all' den entsetzlichen Greueln gefunden hatten und das auf ja ebenso wunderbare Weise den Gefahren entkommen war.
Der alte Babu ließ sie im tiefen Dunkel auf den ersten Stufen der abwärts führenden schmalen Wendeltreppe verweilen, bis er sich vorsichtig überzeugt hatte, daß der Mahratte mit seinen Begleitern die Galerie des anderen Minarets wieder verlassen hatte, getäuscht von seinem Kunstgriff, den Verdacht auf einen anderen Weg der Fluchtausführung zu leiten. Dann erst wagte er die Fallthür über ihren Köpfen zu schließen, befahl seiner Tochter die mitgebrachte Lampe anzuzünden, deren Schein
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sie nicht verrathen konnte, da die Wand dieses Minarets nicht wie die des anderen schmale Luft und Lichtlöcher hatte, sondern dem Anschein und der Absicht nach nur eine feste Steinmasse bilden sollte, und hieß die Geretteten dem Mädchen die Stufen hinab folgen.
Aber die Kräfte der jungen Französin waren zu Ende - bis hierher hatte sie heldenmüthig ihre Natur bezwungen und Alles ertragen, aber jetzt, im Augenblick der Rettung verliess[ß]en sie dieselben, und sie hatte noch nicht zwei Schritte hinab gethan, als sie ohnmächtig zusammenbrach und in die Arme ihres fast ebenso erschöpften Begleiters fiel.
»Gott im Himmel - sie stirbt! Der Hunger - die ewige Furcht, - all' das Schreckliche!«
Er mußte sich selbst an die Wand lehnen, um nicht zu sinken.
»Ich dachte es mir fast!« sagte der menschenfreundliche Hindu. - »Schon glaubten wir kaum noch Euch am Leben zu finden. Aber Brahma der Allgütige war Euch und uns gnädig. Hier Christ, nimm - stärke Dich selbst aber mit Maaß, und laß Irma dieser Armen die Schläfe reiben und ihr einige Tropfen einflößen.«
Er zog aus der Tasche seines Kaftan eine dunkelbäuchige Flasche mit edlem Capwein gefüllt und reichte sie dem Offizier.
Aber so sehnsüchtig das Auge desselben auch auf dieser Labung haftete wies er sie doch zurück.
»Erst sie - dann ich! - Wir haben seit drei Tagen Nichts genossen, als das vom Pestgeruch vergiftete Wasser des Springbrunnens am Grabe der Begum.«
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Irma hatte ihrem Vater bereits die Lampe gereicht, kniete neben der geliebten Lehrerin, goß ihr einige Tropfen Wein in den halbgeöffneten Mund und rieb ihr Stirn und Schläfe mit dem kräftigen Getränk. Dann reichte sie dem Offizier die Flasche zurück. »Trink Sahib, Du wirst die Kräfte brauchen.«
Der Babu hatte zugleich aus seinem Gewand einige Stücken weißen Brodes geholt. »Da Sir, tränken Sie es mit Wein - das wird Ihnen vorläufig gut thun, bis wir Besseres für Sie finden; denn wir müssen die Zeit benützen.«
Aber Willoughby nahm sich nicht die, dem Rath des ehrlichen Babu zu folgen, sondern setzte die Flasche an den Mund und trank sie in einem Zug zur Hälfte leer. Dann aß er hastig einige Bissen von dem Brod und fühlte sich nun so gekräftigt, daß er sich fähig erklärte, jeder neuen Gefahr entgegen zu treten.
Auch Marion war von dem Wein und dem Wenigen, was sie genoß, sichtbar gestärkt und das war gut, denn der Babu drängte vorwärts zu geh'n und vor Allem jetzt jedes Wort und jedes Geräusch zu vermeiden.
Es war bei der Enge der Wendeltreppe Richard Willoughby unmöglich, die Geliebte zu unterstützen, aber Dank der Vorsorge des Babu zeigte es sich auch bald als nicht nothwendig, und mit raschem geräuschlosem Schritt stieg die Gesellschaft in die Tiefe.
Nach der Berechnung des jungen Offiziers mußte bereits eine solche erreicht worden sein, die mindestens mit dem Boden des geheimen Schatzgewölbes gleich war,
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als die Stufen endeten und ein ebner schmaler Gang sich vor ihnen öffnete.
Jetzt blieb der Babu selbst stehen und wendete sich an den Offizier.
»Sahib,« sagte er, - »wir beten zwar einen Gott von verschiedenem Namen an - aber doch glaube ich, daß Bramah, Allah, und Ihr Gott dieselbe allmächtige und allgütige Kraft sind, welche das Weltall erschaffen hat und alle Geschöpfe in ihm. Es giebt schlimme und gute unter den erschaffenen Geistern, wie unter den Menschen, welche die Welt beleben. Die Faringi haben schlimm an uns gehandelt, aber die Fehler und Sünden der Nationen sind nicht die der Einzelnen. Deshalb bin ich gekommen und habe mich hoher Gefahr ausgesetzt, nicht blos auf die Bitte meiner Tochter, sondern weil das eigene Herz mich trieb den Freveln gegenüber, die mein Auge erblickt, zwei Menschen von schmachvollem Tode zu retten, von denen ich gehört, daß sie gute und rechtschaffen waren, und auch die Rechte Derer gelten ließen, denen Brahma eine andere Farbe der Haut gegeben. Gern wäre ich eher gekommen, Euch Leiden zu sparen, aber es war nicht möglich, unbeachtet in den Palast zu dringen, und wir mußten Eure Rettung dem Willen Lakschmi's, der Gütigen, überlassen. Der Engel von Delhi, dem Irma Eure Noth anvertraut, hatte bestimmt, heute Abend den Versuch zu machen, und die Donner des Himmels haben uns geholfen. Jetzt Freunde, gilt es noch ein schweres Werk, ehe wir Euch für
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vollkommen gerettet halten dürfen, denn - wir müssen uns in die Höhle der Tiger selbst wagen.«
»Wie verstehst Du das, ehrlicher Babu?«
»Der geheime Zugang zu dem todten Minaret öffnet sich in dem Palast der Begum, den die beiden Führer des Aufstandes, die von Mirut und Cawnpoor gekommen, seit neun Tagen zu ihrer Wohnung genommen haben. Dies und der Umstand, daß der Pöbel am Tage der Erhebung auch mein Haus zu zerstören begonnen, indem er mich einen Freund der Faringi nannte, weshalb ich mich einige Zeit verborgen hielt, war die Ursach, daß wir nicht eher den Versuch machen konnten, Euch zu retten. Der Babu, mein Vater, war der Schatzmeister der Begum von Somroo und wußte um das Geheimniß dieses Ganges. Er hat es vor seinem Tode mir vertraut.«
Der Offizier neigte sich an sein Ohr. »So kennst Du auch das Geheimniß jenes Grabes?«
»Ich kenne es, - ich habe als Knabe selbst den Schlüssel gesehen, den mein Vater auf den Befehl der Begum in die Hand ihrer Leiche verbergen mußte, - aber ich bin nie dort gewesen. Nur das weiß ich, daß wir hier in der Nähe jener Schatzkammer sein müssen, die mein Vater ihr füllen half.«
Der Offizier sah mit steigender Achtung auf den einfachen Mann, dessen Ehrlichkeit mehr als dreißig Jahre lang ein Geheimniß treu bewahrt hatte, dessen Verrath oder Benutzung ihm hätte Millionen einbringen können.«
»Und wohin führst Du uns?«
»Ich habe es Dir bereits gesagt, Sahib - zunächst
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in den Palast der Begum und wenn Lakschmi mit uns ist, in mein Haus bis es uns gelingt, Euch aus den Mauern von Delhi zu bringen, das sich zur Vertheidigung gegen die Faringi rüstet, wenn sie es wagen sollten, uns anzugreifen.
»Verlaß Dich darauf, ehrlicher Babu, das wird sicher geschehen, oder ich müßte meine Landsleute nicht kennen. Die erste Kunde von dem Aufstand wird Truppen genug aus England hierherführen, denen ganz Indien, wenn es an der Empörung Theil nähme, nicht widerstehen könnte. Ihr könnt uns morden, aber nicht besiegen. Doch laßt uns nicht streiten darum, es sollte mich freuen, wenn ich den Dienst, den Du mir und dieser Dame erweist, später mit meinem Schutz vergelten kann. Es ist nicht um meinetwillen, sondern ihretwegen, wenn ich Dich frage, ob Dein Haus auch eine sichere Zufluchtsstätte bildet, da wie Du selbst sagst, Deine Gesinnung den Rebellen verdächtig ist.«
[»]Es genießt unbedingter Sicherheit, seit der ›Engel von Delhi‹ darin seine Wohnung genommen.«
»Lady Hunter?«
»Die Gattin des Dechanten, der fern von hier ist auf einer Reise im Audh. Die Lady hat uns zum Palast begleitet und harrt unserer Rückkehr. Ueberdies ist die Herrschaft des Pöbels nicht mehr zu fürchten - der Mogul und die Prinzen, so wie die anderen Führer der Erhebung bedürfen unserer Gilde, der Babus von Delhi, und wir haben unsere Sicherheit mit schweren Opfern erkauft. Der neue Mogul14 - hat heute die Wechsler und die
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Kaufleute versammelt, und sie haben sich dazu verstanden, der Armee der freien Indier in Delhi den Sold auszuzahlen.«
Der Offizier schüttelte den Kopf - er begriff nicht, daß die Engländer es erst zu einer förmlichen Organisation des Aufstandes hatten kommen lassen und nicht längst vor Delhi standen. Aber er wollte nicht weiter fragen, um seinen Beschützer nicht mißtrauisch zu machen. Auch schnitt dieser jede weitere Frage ab. »Du wirst das Alles besser erfahren, wenn wir erst in Sicherheit sind. Jetzt nehmt diese Büchse mit dem Safte des Safran und reibt damit Hände und Gesicht. Hier sind Kleider, die wir mitgebracht und die Ihr anlegen müßt ehe wir den Palast betreten können.«
Die Verwandlung ging ziemlich rasch vor sich. Der Offizier legte die ärmliche Kleidung eines indischen Pfeifenträgers an, die Nonne erhielt Mantel und Schleier der Dienerin, als welche sie die Tochter des Geldwechslers begleiten sollte. Als dies geschehen und noch einige Vorsichtsmaßregeln verabredet waren, führte der Babu sie weiter und bald mußten sie wieder eine Anzahl Stufen emporsteigen, bis ihr Führer an der den Gang schließenden Wand forschend stehen blieb, nachdem er die Lampe gelöscht hatte.
Er schien von dem Ergebniß befriedigt und in einer, den beiden Geretteten unwahrnehmbaren Weise öffnete er einen Ausgang, der in einen von den entfernten Lichtern nur sehr unbestimmt erhellten Raum führte, in den sie rasch eintraten.
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Erst als sein Auge sich allmählig an dies Halbdunkel gewöhnt, erkannte der junge Offizier, daß sie sich in einer jener künstlichen Felsgrotten befanden, mit denen die Orientalen ihre größeren und kleineren Gärten zu verzieren lieben, eine Art chinesischer Spielerei, die sich durch die Holländer leider auch nach dem Occident fortge[p]flanzt hat und noch immer selbst so viele deutsche Gärten und Parks lächerlich macht.
Ein weiterer Blick genügte, um ihn erkennen zu lassen, daß dieser gleichsam zwischen die Steinmassen des Palastes eingestreute Garten sich zwischen dem Palast und dem Mausoleum der Begum befand und einen freien Blick auf die Hauptzugänge beider gewährte.
Die Heftigkeit des Gewitters, den Natur-Ereignißen jener wärmeren Zone entsprechend, hatte bereits sich ausgetobt, der Sturzregen aufgehört und nur in weiter Ferne noch grollten die Donner und leuchteten die Blitze.
Noch immer hielt die Gortschura des Wessirs von Ihansi auf dem Platz des Mausoleums, abgesessen von den Pferden und sich um eine dunkle Gruppe drängend, die auf den Marmorstufen des breiten Unterbaues verweilte. Von der Platform desselben herab kamen jetzt zwei Männer, denen das Volk ehrerbietig Platz machte, der Mahratten-Sirdar und der Derwisch Sofi.
»Geschwind jetzt - es ist Zeit,« flüsterte der Babu - »Muth und Vorsicht!« und er verließ, gefolgt von seinen Begleitern, den umgitterten Raum des Gartens und drängte durch die Menge.
Wahrscheinlich gerade die Dreistigkeit ihrer Bewegungen
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entzog sie jedem Verdacht. Die Gruppe auf den Seiten der Platform umgab eine aus dem Palast herbeigeholte Bahre, auf die man die blutende Gestalt des Wessirs gelegt hatte, an dessen Seite Lady Hunter stand, die Hand des einst so geliebten, jetzt bewußtlosen Mannes in der ihren haltend, während ihre suchenden Beistand flehenden Blicke über die Menge liefen.
»Barmherziger Himmel - wo soll ich einen Arzt finden, der ihn retten kann, wo diese verführten Menschen alle getödtet oder verjagt haben, denen ich sein kostbares Leben vertrauen könnte!«
Auf diese Gruppe schritt der Babu Durjan Saul muthig zu, während von der anderen Seite der Mahratte und der Derwisch sich näherten.
Der finstere Guru blieb an der Seite des so schwer Verwundeten stehen. »Schade um den tapferen Krieger der Rani,« sagte er. »Du bist eine Faringafrau, die man den ›Engel von Delhi‹ nennt?«
»Diese Bezeichnung gebührt mir nicht, ich bin nur eine Freundin aller Leidenden.«
»Aber jener Name hat Dein Leben bisher geschützt, obschon Du der verfluchten Nation angehörst. Wie kommst Du hierher? Was willst Du bei diesem Mann, auf den Gama, die Göttin des Todes, bereits ihre Hand gelegt hat?«
»Ihn retten, wenn er noch zu retten ist. O, daß ich einen Arzt fände! - einen Ort, wohin ich ihn bringen könnte!«
Der Derwisch betrachtete finster den Wunden und
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seine Beschützerin. »Ich habe gehört, daß der Wessir der Rani kein Faringi ist?«
»Er ist ein Grieche! ich kenne ihn seit vielen Jahren.«
»Ich habe gehört,« sagte der Derwisch, »daß Du bei dem Babu Durjan Sani Zuflucht gesucht hast?«
»Seine Tochter hat mich in ihr Haus geführt, als Ihr die Meinen tödtetet.«
»So bringe Deinen und unseren Freund in das Haus des Durjan Saul; ich werde sehen, daß ich Dir einen Hakim dahin senden kann! Bringt sie ungefährdet in das Haus des Babu in Jehan Abad und sendet ihn selbst zu uns in den Palast, wir haben nöthig mit ihm zu reden.«
»Durjan Saul, weiser Sofi,« sagte der Babu vortretend, »ist bereits hier. Er hat mit seiner Tochter und seinen Dienern diese mildthätige Frau begleitet.«
»Desto besser - laß sie den Wessir nach Deinem Hause schaffen und begleite uns sogleich in den Palast. Es ist schade, daß der König Mirza mit den 49 gefangenen Engländern, die er vor einigen Tagen in seinem Palast hinrichten ließ, auch den fränkischen Arzt tödtete.«
»Ich weiß einen geschickten Hakim unserer Nation,« sagte hastig der Babu, »der namentlich die Wunden zu behandeln versteht, und werde mit Deiner Erlaubniß meiner Tochter den Auftrag geben, nach ihm zu senden.«
»Thue das!«
Der Babu sagte seinem Kinde einige Worte, und winkte den Soldaten, die bereits die Bahre, auf welcher der Wessir lag, aufgehoben hatten, vorwärts zu gehen.
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In diesem letzten Augenblick hätte beinahe noch ein unglücklicher Zufall die so weit gelungene Rettung verhindert und alle Theilnehmer in's Verderben gestürzt.
Aus der umgebenden Volksmenge stürzte ein Weib hervor und warf sich vor der Gattin des Dechanten und der Tochter des Babu auf die Knie.
»Du bist eine Heilige, die Christen und die Kinder Hindostans sehen zu Dir empor! Höre das Flehen Aurunga's, welche die Hand der Deinen zwei Mal geschändet hat und nimm den Fluch von mir, der mich der Kaste meiner Väter beraubt und Manakjy, den Liebling meines Herzens, mit Moll, seinem Freunde, aus Delhi gejagt hat!«
Es war in der That Aurunga, die Dienerin des Pensionats, die furchtbare Feindin der unglücklichen Tochter des ermordeten Residenten, die sich ihnen hier in den Weg warf. In den irren, umherrollenden Augen der Indierin lagen die Spuren des ausbrechenden Wahnsinns, und in der That hatten die leidenschaftliche Erregung, die sie zu der furchtbaren Rache an der stolzen Engländerin getrieben und der Umstand, daß eine Hindufrau, welche am Kaschmir-Thor Manakjy mit seinem Elephanten nach der Entdeckung der an ihm verübten Täuschung begegnet war und von ihm den Auftrag dazu erhalten, dem Mädchen seinen Fluch und seine Verwünschungen überbracht hatte, - ihre Sinne verwirrt.
Schreiend, heulend und ihr Haar raufend irrte sie seitdem in den Straßen umher, nach ihren Ausrufungen Miß Frazer suchend, um ihre Vergebung zu erstehen; denn nach dem Glauben der Hindu's kann nur die Hand
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Dessen, der einen Brahminen entehrt und seiner Kaste damit beraubt hat, oder sein Tod das angethane Uebel wieder gut machen.
Auch das Aeußere des früher so hübschen Hindumädchens war gänzlich entstellt. Der Schlag mit dem Revolver-Kolben des Offiziers, welcher sie an der Gartenmauer des alten Palastes der Prinzessin Dschehanamara zu Boden gestreckt und die Flucht Willoughbys und der Nonne ermöglichte, hatte eine schwere Wunde in ihrem Gesicht zurückgelassen, das hoch aufgeschwollen war. Der Offizier und die Nonne hatten die Schreckliche sofort wieder erkannt, und während der Erstere sich abwandte und zu der Bahre des Verwundeten niederbeugte und Hand anlegte, um nicht erkannt zu werden, hüllte die Französin sich dichter in ihren Schleier, wie sehr es auch ihr gutes Herz drängte, dem Hindumädchen die Vergebung der sterbenden Victoria zu verkünden.
In diesem gefährlichen Augenblick gab ein Kind, die junge Tochter des Babu's, ein neues Beispiel von ihrem Muth und ihrer Geistesgegenwart. Sie drängte sich zwischen die Irre und die Dame, machte das Kleid der letzteren von den Händen des Mädchens los und rief den Trägern zu, sich zu eilen, da jeder Augenblick weiterer Zögerung ihrem Gebieter das Leben kosten könne. Die Männer der Gortschura stießen rauh und unbarmherzig die Wahnwitzige zur Seite und der Zug setzte sich nach der Dschumna-Moschee in Bewegung, in deren Nähe das Haus des Babu lag.
Hierhin eilte, als sie den Chandy-Choak, den Platz
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vor dem Palaste, erreicht hatten, Irma mit den beiden Verkleideten voran, um sie so rasch als möglich in Sicherheit zu bringen, und dann die nöthigen Anstalten zur Aufnahme des verwundeten Wessirs zu treffen. Das junge Mädchen begriff, daß die Anwesenheit eines so hochgestellten Offiziers der Rebellen-Armee die Sicherheit ihres Hauses nur erhöhen konnte, wenn sie auch die Zahl der fremden Augen vermehrte. Aber von den Reitern von Ihansi kannte ja Niemand die Beiden, die vorsichtig in der Nähe des Krankenzimmers verborgen sich hielten, und der Jemindar der Reiter, der an Stelle des verwundeten Wessir den Befehl derselben übernommen, hatte auf die Bitte des Babu eine Wache vor das Haus gestellt, die alle lästige Neugier abwies.
Der beste Wächter war außerdem Danilos der Uskoke, der seinen Milchbruder nur selten verließ. Er hatte seine Praua unter der Aufsicht des ehemaligen Boers auf dem Ganges in der Nähe von Cawnpoor zurückgelassen und auf die Bitte Maldrigi's diesen begleitet, als der Wessir bereits am Tage nach dem Ausbruch der Erhebung in Bithoor, von dem Wunsch getrieben, sich Gewißheit über das Leben der Gattin des Dechanten zu verschaffen und zu ihrem Beistand zu eilen, mit der Erlaubniß der Rani nach Delhi aufgebrochen war, das die Verschwörung jetzt als den wichtigsten Punkt des beginnenden Kampfes um die Losreißung von dem englischen Joche betrachten mußte. Dem Nena, als dieser aus seiner Apathie sich endlich wieder aufgerafft und jene blutige Belagerung von Cawnpoor begonnen hatte, war es nicht unlieb gewesen, das scharfe
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Auge des Mannes fern zu wissen, der seine teuflischen Rachepläne gewiß nicht billigte, sondern einen ehrlichen Kampf gegen den Feind wollte, und er selbst bestärkte durch seine Boten die Rani in dem Entschluß, ihren kriegserfahrenen Offizier einstweilen in Delhi zu lassen. Die Eile, mit welcher der Wessir die Entfernung von 200 englischen Meilen von Cawnpoor nach Delhi, quer durch das bereits in voller Empörung stehende Land zwischen den beiden großen Strömen, dem Ganges und der Dschumna zurückgelegt hatte, war nur einem Manne von solcher Energie wie Major Maldigri möglich gewesen, hatte aber Menschen und Pferde so erschöpft, daß sie in der That einiger Ruhe bedurften, und so blieben die Reiter von Ihansi denn anfangs von jeder Theilnahme an den Vorbereitungen zum Kampfe befreit, welche der Derwisch Sofi und der Mahratten-Serdar jetzt, ohne sich viel um die Anmaßungen und Streitigkeiten der Prinzen zu kümmern, energisch in die Hand genommen hatten. Beide waren gewandte und erprobte Krieger genug, um zu begreifen, daß die Engländer so rasch als möglich ihre ersten und kräftigsten Anstrengungen gegen das von ihnen selbst schon stark befestigte Delhi richten würden, um einen so wichtigen Punkt im Norden ihres Gebietes wieder zu gewinnen, von dem aus sie das Pendschab und Sindh beherrschten, und ihre Anstrengungen waren daher auf die Vermehrung der Vertheidigungsmittel und auf die Organisirung ihrer Kräfte gerichtet, die in der That, als endlich nach unnütz verlorener Zeit die englischen Generale am 8. Juni vor die alte Hauptstadt des Reiches rückten und die Belagerung
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begannen, eine Vertheidigung von länger als drei Monaten ermöglichte.
Die Anwesenheit des Uskoken bei der Tragödie in den Mauern des Grabmals der Begum und seine rasche Hilfe waren es übrigens wohl allein gewesen, denen der Wessir sein Leben zu danken hatte. In den steten Kämpfen und Abenteuern seiner felsigen Heimath hatte Danilos genug Gelegenheit gehabt, sich mit der ersten Behandlung von Verwundungen aller Art bekannt zu machen, und das improvisirte Tourniquet, das er um die durchschossene Brust des Freundes und Milchbruders legte, hatte die Verblutung des tapferen Kriegers verhindert.
Mit eifersüchtigem Auge bewachte er daher die Vorbereitungen und Handlungen des indischen Arztes, den Irma sogleich zum Beistand des Verwundeten hatte herbeiholen lassen. Indeß war diesmal ausnahmsweise der Hakim ein wirklich tüchtiger und ziemlich aufgeklärter Arzt, der in früheren Jahren selbst in einem Sepoy-Regiment gedient und seinen europäischen Collegen manche Kunstgriffe und Mittel, namentlich in der Behandlung der Wunden, abgelauscht hatte. Es gelang ihm, nach mehreren für den Kranken freilich sehr schmerzlichen Sondirungen, die Kugel des Revolvers zu finden und sie aus der Wunde zu entfernen, und der Balsam, den er der Jahrtausende alten Wissenschaft seiner eigenen Landsleute verdankte, übte den günstigsten Einfluß auf die zwar nicht absolut tödtliche, aber doch höchst gefährliche Verwundung.
Jetzt zunächst war es die aufopfernde Pflege der edlen Frau, welche dem Kranken das Leben erhielt.
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Mit einer Aufopferung ohne Gleichen verweilte sie am Lager des Kranken, ihm alle jene zarten Dienste erweisend, welche nur die Hand eines liebenden Weibes so hingebend leisten kann. Kein Schlaf kam in ihre Augen, bis Irma und der Babu sie endlich zwangen, sich auf Stunden zur Ruhe zu legen. - Dann wohl gönnte sie der erschöpften Natur einige Ruhe und theilte sich dann mit dem Uskoken in die Bewachung des Kranken.
Ihre Sorge wurde auch nach anderer Seite hin in Anspruch genommen. Das, was sie erlitten, war zu viel für die Kräfte der jungen Französin geworden und sie fiel schon am anderen Morgen in ein hitziges Fieber, das es nöthig machte, den alten indischen Arzt in's Vertrauen zu ziehen. Indeß, abgesehen von der hohen Belohnung, welche der Babu ihm zusicherte, hatte der alte Mann wirklich ein gutes und mitleidiges Herz und hegte aus seinem langen Verkehr mit den Engländern keinen solchen fanatischen Haß gegen dieselben, wie die meisten seiner Landsleute.
Es waren Tage banger Angst und Sorge, die jetzt folgten, sowohl um das Leben der beiden Kranken, als um eine so leicht mögliche Entdeckung derselben. Mehrmals machte der Babu dem jungen Offizier den Vorschlag, ihn aus der Stadt zu schaffen und bis zu der nächsten Station der Engländer sicher geleiten zu lassen, aber Willoughby verweigerte es auf das Standhafteste, das junge Mädchen, das er bereits als seine Braut und Gattin betrachtete, zu verlassen und wollte lieber jeder Gefahr trotzen. Endlich in den ersten Tagen des Juni erholten
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sich beide Kranken sichtlich und der indische Arzt rieth, den Wessir jetzt in eine gesundere Luft und unter bessere ärztliche Pflege zu schaffen, und bald ergab es sich durch die vertraulichen Mittheilungen des Babus und des Uskoken, daß die Gelegenheit dazu mit anderen Plänen übereinstimmte.
Der Derwisch Sofi und der Serdar hatten Botschaft von dem Maharadschah bekommen, welcher ihnen den Beginn der Einschließung von Cawnpoor meldete und ihnen eine sichere Gelegenheit zur Fortschaffung des Schatzes der Begum, über den ihm ja als den nach indischer Sitte rechtmäßigen Erben die Bestimmung zustand, darbot; denn in Delhi selbst, auch wenn es glücklich und siegreich einer Belagerung widerstand, konnte derselbe bei der Habsucht des Prinzen keineswegs als sicher gelten. Diese Gelegenheit bestand in der Praua des Uskoken, die auf Befehl des Maharadschah den Ganges hinauf bis Hassanpur gesegelt war und hier zur Aufnahme bereit stand.
Da der Verkehr zwischen Delhi und Mirut noch nicht durch die Ansammlung der englischen Truppen unterbrochen war und die Entfernung zwischen Delhi und dem Ganges an dieser Stelle nur etwa 40 bis 45 englische Meilen beträgt, so konnte es nicht schwer sein, den größten Theil des Goldes und der Juwelen in sicherem Verschluß und unter dem Schutz der treuen Reiter des Wessirs zu dem Flusse zu schaffen und diesen selbst an Bord der Praua zu bringen, die ihn so nach Bithoor und von dort weiter nach Ihansi transportiren sollte.
Dieser Vorschlag war von Tukallah selbst dem Major
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gemacht worden, und dieser hatte ihn bereitwillig angenommen, da er hoffte auf diese Weise Lady Hunter und die beiden anderen Bedrohten, von deren Anwesenheit im Hause des Babu ihn seine treue Pflegerin bereits unterrichtet hatte, aus Delhi zu retten. Lady Hunter erklärte jedoch, als ihr der Plan mitgetheilt wurde, daß sie nicht wie Lieutenant Willoughby beabsichtigte, sich nach Luknow wenden, sondern den kranken Freund wohin er sich wende begleiten werde, bis sie sich von seiner Sicherheit überzeugt habe.
Es galt nun die Vorbereitungen zu der Abreise zu treffen, und da der Sofi und der Serdar die Nachricht verbreiteten, daß der kranke Wessir auf den Befehl der Rani nach ihrer Residenz zurückkehre, konnten dieselben ohne Gefahr öffentlich betrieben werden. Es wurde beschlossen, daß der englische Offizier unter der Verkleidung eines der Ihansi-Reiter das Haus kühn und offen verlassen und die kleine Französin als indische Dienerin die Lady begleiten sollte.
Während diese Vorbereitungen der Reise offen erfolgten, die Palankine für den Kranken und die Frauen in Bereitschaft gesetzt wurden, hatten der Derwisch und der Serdar ihre heimlichen Maßregeln genommen.
Mit Hilfe des Babu's und zweier Begleiter des Gumru waren während der vorhergehenden Nacht die Reichthümer der Schatzkammer in unscheinbare, aber leicht zu transportirende Kisten und Beutel gepackt worden; die Abreise des Wessirs sollte, wie verkündet worden, am zweiten Morgen nachher erfolgen und der neue König
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oder Mogul sandte während des Tages zwei der Prinzen, seine Brüder, nach dem Hause des Babu, um den tapferen Krieger zu begrüßen und ihm Botschaften an den Nena und die Rani von Ihansi aufzutragen. Aber in den ersten Stunden der Nacht erhielten plötzlich die Reiter der Gortschura den Befehl durch ihren zum Wessir beschiedenen Jemindar zum sofortigen Aufbruch, der ohne Alles Aufsehen erfolgen konnte, da in dieser heißen Jahreszeit die ganze kleine Truppe ihren Lagerplatz unter den Cedern des Platzes vor dem alten Palast der Begum aufgeschlagen hatte. Ein halbes Dutzend fester, zweirädriger Karren, jedes Gespann von einem der Begleiter Tukallah's geführt, fuhr vor der ehernen Pforte des Grabmals auf und ehe eine Stunde vergangen, war das Gewölbe geräumt und die Kisten und Säcke, die dem Vorgeben nach Munition enthalten sollten, weshalb man die etwa neugierig Herbeikommenden auch durch die ausgestellten Wachen in gehöriger Entfernung hielt, herausgebracht und aufgeladen. Der ganze Streich war so klug berechnet und so rasch und geschickt ausgeführt, daß die ganze Sache fast unbemerkt vorüberging und keinen Verdacht erregte. Selbst als dies am anderen Morgen geschah und die Prinzen über die veränderte Stunde und die Vorgänge des Aufbruchs Auskunft forderten, traten ihnen Tukallah und der Sofi mit dem Märchen von der abgesandten Munition entgegen und wußten sie bei der Gewalt, die beide Führer bereits in der Stadt über das Volk und die Soldaten erworben, derart einzuschüchtern, daß weder der wilde
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Bukthur noch der schlauere Akhbar Jehan weitere Nachforschungen anzustellen wagten.
Sobald die Karren beladen waren, setzte sich der Zug, umgeben von den Reitern, in Bewegung und nahm seinen Weg nach dem Kashemir-Thor, an dem Hause des Babu vorüber. Hier schien man ihn bereits erwartet zu haben, denn sofort öffneten sich die Thore des Hofes und die Palankinträger erschienen mit ihrer Last, während zugleich ein Reiter sich den Männern der Gortschura anschloß und an die Seite des Jemindar's ritt.
Eine kleine Scene, deren Kenntniß hätte zu Thränen rühren können, hatte sich kurz vorher im Innern des Hofes des Babu ereignet. Als der englische Offizier in seiner Verkleidung, von dem Babu geführt, in den Hof trat, sah er einen Diener in der Entfernung von einigen Schritten ein nach indischer Sitte reich geschirrtes Pferd halten. Daneben stand der Palankin der Lady und an seinem Vorhang die Tochter des Bankiers.
Obschon es Nacht war, blieb Willoughby doch mit einem gewissen Erstaunen auf den Stufen des Hauses stehen und sah auf das Pferd, dessen edle Formen sich aus dem Dunkel hervorhoben. Der junge Cavalerist stieß einen schweren Seufzer aus, sie erinnerten ihn an sein treues Lieblingspferd, das ihn an jenem Schreckenstage durch die Thore des Dauri-Serai in wilder Flucht nach dem Arsenal getragen und das er dann zum letzten Mal erblickt hatte, als es sich, fast im Augenblick der Explosion des Pulvermagazins, mit seinem Reiter, dem wilden Prinzen Bukthur, überschlug.
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Da plötzlich wieherte das Pferd laut auf - das edle Thier hatte ein besseres Gedächtniß als selbst der Mensch.
»Gibraltar!«
Mit einem Sprung war der junge Offizier an der Seite seines geliebten Schlachtrosses und begrub sein Gesicht in die Mähnen des edlen Thiers, das den schlanken Hals wendend das feuchte Gebiß an ihn drückte, während die kleine Irma daneben stand und fröhlich in die Hände klatschte. Der tapfere Offizier, der so muthig dem schrecklichsten Tode getrotzt hatte, schämte sich der Thränen nicht, er begriff sofort, wem er diese Ueberraschung verdankte, und feuchten Auges warf er sich in die Arme des alten Geldwechslers und drückte ihn an seine Brust.
»O Freund - gütiger Mann, dem wir unser Leben, Alles verdanken, wie soll ich Ihnen lohnen für so viel Güte!«
»Indem Du die Ueberzeugung mit Dir nimmst aus Delhi's Mauern,« sagte der Wechsler ernst, »daß auch unter dem Turban eine Seele wohnen kann, die ihre Mitmenschen liebt, ohne nach deren Nation und Glauben zu fragen. Christ, wenn jenes Pferd Dich wieder zum Kampf gegen die Hindostani trägt, dann sei menschlich und gedenke, daß alle Menschen die Söhne unseres Gottes sind, auch die fehlenden und irrenden.[«]
Der wackere Babu, der auf die Bitte seiner Tochter nach dem Pferde des jungen Engländers hatte umherspähen lassen und es an sich gekauft hatte, drängte den Offizier zu dem Thiere und half ihm in den Sattel, denn schon klangen draußen auf den Marmorquadern der Straße
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die Hufschläge der Reiter und der Thorhüter riß die Pforte auf, um die Träger der Palankine hinaus zu lassen.
Nur wenige Worte und Händedrücke vermochten der Babu und seine Tochter mit den Frauen, ihren Schützlingen und dem kranken Offizier zu wechseln, dann drängte der Jemindar, der seine Instruktionen von diesem erhalten hatte, zum eiligen Weitermarsch und der Zug setzte sich nach dem Kaschemir-Thor in Bewegung.
An diesem harrten seiner bereits der Sirdar und der Derwisch, ihr Ansehen beseitigte alle Bedenken der Wache, und als sie erst gesehen, daß die Reisenden glücklich die Brücke über die Dschumna passirt hatten, befahl der Mahratte, das Thor zu schließen und bei strenger Strafe es für Niemanden vor dem nächsten Morgen zu öffnen.
Der Marsch des kleinen Zuges ging in solcher Eile, als es irgend der Zustand des Kranken und der Thiere und die Kraft der sich abwechselnden Träger erlaubte, nach den Ufern des Ganges weiter. Es war Vormittag 30 Uhr, als sie Hochampur erreichten, wo sie der bereits am Tage vorher vorausgeeilte Uskoke mit der Praua erwartete. Rasch wurden die Schätze der Begum an den sichernden Bord des Schiffes gebracht, für den kranken Wessir ein Lager unter dem Sonnenzelt bereitet, die Palankinträger und Karrenführer zurück gesandt und dann theilte sich die Reiterschaar von Ihansi, indem die eine Hälfte den Befehl erhielt, auf dem rechten Ufer des Ganges, die Windungen des Flusses abschneidend, nach Bithoor zu marschiren und dort die Ankunft der Praua
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zu melden, während die andern mit dem zuverlässigen Jemindar auf dem linken Ufer die beiden Flüchtlinge nach dem Willen des edlen Corfuaners bis in die Nähe von Lukhnow geleiten und dann gleichfalls nach Bithoor oder Ihansi zurückkehren sollte.
Zwischen Männern, wie der wunde Wessir und der junge englische Offizier bedurfte es, obschon Beide jetzt Feinde waren, und der Eine von dem Anderen eine schwere Verwundung erhalten hatte, - keiner langen Erklärungen. Ein Händedruck beim Scheiden genügte, und hat genügt, als sie sich nach langen Jahren voll Strömen Blutes wiedersahen.
Lieutenant Willoughby und seine Verlobte, - die arme kleine Nonne, hatten während der Tage der Krankheit und ihres Zusammenseins im Hause des Babu die Lady einen tiefen Blick in ihr Herz thun lassen und die edle Frau die Gefühle desselben für ihren tapfern Retter bestärkt, und das klösterliche Gelübde ihr als eine gegen Gottes Willen und die Menschennatur streitende Fessel dargestellt, deren Abwerfung jetzt ihre Pflicht sei, um nicht zwei wackere Herzen unglücklich zu machen, - bedurften ihrer Eskorte nur eine kurze Strecke auf dem Wege nach Lukhno. Schon in der Nähe von Budare stießen sie auf die Avantgarden der anrückenden Truppen des General Barnard's, der sofort den Offizier als mit den Vorgängen und den Lokalitäten Delhi's bekannt bei sich behielt und die junge Französin unter hinreichendem Schutz nach Lukhno sandte, wo sie unter dem Schutz der Lady Inglis und später ihrer Freundin der Lady Hunter
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noch einmal alle Leiden dieses schrecklichen Krieges bei der zweimaligen Belagerung der Residenz durchzumachen hatte, bis endlich am 21. November Sir Colin Campbell in sechstägiger Schlacht die tapfere Garnison befreite und in seiner Schaar Kapitain Willoughby sich zum zweiten Mal die künftige Gattin erkämpfte.
Die Reiter seiner Eskorte hatte der junge Offizier schon bei dem ersten Anblick der englischen Vorposten unter einer reichen Belohnung des Jemindars, wozu ihm der unter so schrecklichen Umständen erworbene Antheil an den hinterlassenen Schätzen der Begum die Mittel bot, entlassen.
Aber auch dem wackern menschenfreundlichen Babu und seiner Tochter sollte er noch Gelegenheit finden, seinen Dank beweisen zu können.
Die Erzählung von der Belagerung und der Einnahme Delhi's gehört der Geschichte an.
Wir haben bereits erwähnt, daß am 8. Juni die ersten englischen Trnppen gegen die jetzt von einer Armee von 10,000 Aufständischen wohl vertheidigte Mogulstadt anrückten. General Hevit in Mirut hatte versäumt, nach der glücklichen Unterdrückung der ersten Aufstandsversuche daselbst mit den englischen Regimentern und den treugebliebenen Umballah-Truppen einen Angriff auf Delhi zu unternehmen, der damals gewiß von Erfolg gewesen wäre, und erst den Generalen Barnard und Anson Botschaft gesandt, die mit Sammlung der Truppen bei Kurnaul viel kostbare Zeit verloren.
Vom 8. Juni bis zum 20. September lag die
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englische Armee vor der jetzt stark befestigten und vertheidigten Stadt. Während dieser ganzen Zeit that Willoughby, zum Capitain ernannt, Adjutanten-Dienste erst bei General Barnards, später bei General Wilson, und einer seiner zuverlässigsten und kühnsten Untergebenen war der Mahoud Manakjy, der sich im Lager der Truppen zu ihm gesellt und mit Moll, seinem Elephanten, direkt unter seinen Befehl gestellt hatte. Das mächtige Thier leistete bei der Belagerung der Stadt die wichtigsten Dienste. Es war als theile der Elephant die Erbitterung des jungen Führers gegen die Mörder seines früheren Herrn, denn der Mahoud, als er die von Lieutenant Willoughby gegebene Erzählung über die an der Tochter des Residenten und den anderen Frauen verübten Scheußlichkeiten gehört hatte, war von einer Erbitterung darüber ergriffen, die selbst den Rachedurst der englischen Offiziere und Soldaten noch weit übertraf. Der Name seiner früheren Geliebten durfte in seiner Gegenwart nicht genannt werden, ohne daß er in die wildesten Verwünschungen ausbrach und für Miß Frazer blutige Rache zu nehmen gelobte. Selbst die Erklärung des Offiziers, daß die unglückliche Engländerin noch im Sterben ihrer grausamen Feindin die Verzeihung einer Christin gewährt hatte, und daß, als er Aurunga bei der Befreiung aus dem Mausoleum der Begum zum letzten Male gesehen, dieselbe sich in einem kaum weniger traurigen Zustande befunden hatte, als ihr Opfer, vermochten den Mahoud nicht milder zu stimmen.
Moll, das riesige Thier, zog und stieß die Geschütze, trug Munition und Faschinen herbei, half die Ausfälle
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der Belagerten zurückwerfen und wurde bald ein Schrecken derselben. Vergebens richteten diese von den Wällen die Geschütze auf ihn und versuchten die besten Scharfschützen der Sepoy's sich seiner zu entledigen. Die Kugeln trafen nicht oder verwundeten ihn nur leicht und jede Wunde schien das Thier noch wüthender und eifriger zu machen. Moll war bald der Liebling aller Offiziere und Soldaten der ganzen Belagerungs-Armee.
So endlich, nachdem an zwei Stellen in den Mauern von furchtbarer Dicke Bresche gelegt worden, kam der 20. September heran, der Tag, den General Wilson zum Sturm bestimmt hatte. Der Verlust der Engländer war, im Verhältniß zur Zahl ihrer Truppen ungeheuer, denn es fielen bei dem Sturm nicht weniger als 66 Offiziere und 1178 Mann, also fast der fünfte oder sechste Mann. Dennoch gelang es der europäischen Tapferkeit den Sieg über die Uebermacht der Gegner zu gewinnen. Nach einem furchtbaren Blutbad wurde Delhi an drei Stellen zugleich erstürmt, und als die englischen Truppen das Innere der Stadt gewonnen, ließ die angeborene Feigheit der hindostanischen Raçe jeden weiteren Widerstand aufgeben. Die aufständischen Sepoys flohen trotz der wüthendsten Anstrengungen ihrer Führer in Masse, und wer von den Bewohnern der alten Mogulstadt mitkommen konnte, entwich. Die Verzweiflung der Besiegten war in der That furchtbar. Man sah Männer und Väter ihren jungen Frauen und Töchtern den Hals abschneiden, blos damit sie nicht in die Hände der ›Faringi-Barbaren‹ fallen sollten! Das Blutbad, das die Engländer
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anrichteten, war in der That furchtbar und entsprach dem gräulichen Wüthen der Empörer von Delhi und Cawnpoor, nicht dem Charakter einer christlichen, civilisirten Nation. Aber dieses Volk der kaltherzigen, anmaßenden Krämer-Politik ist von jeher nur eine Schande für Europa und das Christenthum gewesen!
Man konnte sagen, daß man an gewissen Stellen der Stadt, namentlich im Dauri Serai im Blute watete, und was die Plünderung der Engländer in Delhi leistete, hat die Mordthaten der fanatischen, rohen, wilden Indier, die doch nur durch die Schandthaten der über alle Beschreibung hinausgegangenen Tyrannei der ostindischen Compagnie in diesem sonst so sclavischen und demüthigen Volke hervorgerufen waren, vollständig aufgewogen.
Es war ein Schlachten und Morden, wie kaum eine Epoche der rohesten Zeit es je erwiesen. Wo große und blutige Schandthaten die Weltgeschichte schänden, - die englische Nation ist stets dabei vertreten gewesen, in ihrer eigenen, inneren Geschichte, wie in den Kämpfen fremder Nationen. Das englische Gold und die englische ›Zivilisation‹ sind mit Blut besudelt, das keine Prahlerei von Freiheit und Humanität abzuwaschen vermag.
Man hat keinen Begriff von den Schätzen, welche die Plünderung der Stadt zusammenbrachte. In dem Dauri Serai waren durch die Räubereien der Empörer allein 2 Millionen Rupien aufgehäuft. Aber diese Summe war Nichts im Vergleich zu den Schätzen, welche aus den Häusern der reichen Wechsler und Kaufleute zusammengeraubt wurden, durch die nichtswürdigsten Grausamkeiten
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erpreßt. Es ist eine weltbekannt gewordene Thatsache, daß in den Tagen nach der Eroberung und Plünderung die gemeinen Soldaten die größten Kostbarkeiten, die werthvollsten Juwelen für eine Lappalie in Silbergeld verschleuderten. Ganze Wagenladungen voll solcher Schätze wurden hier, wie später in Lukhno, hinweggeführt und fielen in die weiten Taschen der habgierigen Beamten der Compagnie.
Doch die allgemeinen Thatsachen, welche die Weltgeschichte in ihr ehernes Buch verzeichnet, kümmern uns hier weniger, als die Scenen, welche sich mit dem Schicksal der einzelnen Personen befassen, denen der Leser und Hörer vielleicht ein Interesse abgewonnen.
Capitain Willoughby hatte an der Spitze seiner Compagnie den Brückenkopf an der Dschumna erstürmen helfen und war einer der Ersten, die von dem Kashemir-Thor her in die Stadt drangen. Einen wichtigen Beistand hatte ihm dabei der Elephant mit seinem Mahoud geleistet. Es war, als ob das mächtige Thier und sein Führer unverwundbar wären. Denn unter dem tollsten Kugelregen sprengte es mit dem Anprall seines Gewichts die schweren Ketten, welche die Brücke sperrten und drückte die von den Kugeln der Batterien bereits demolirten mächtigen Thorflügel ein.
Zwei volle Tage dauerte die Plünderung. Am Wüthendsten wurde um das Dauri Serai und um den Palast und das Grabmal der Begum gekämpft. An dem ersteren Ort leisteten die Prinzen, an dem zweiten der Mahratte Tukallah und der Derwisch Sofi mit einer
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Schaar ihrer tapfersten Leute den heftigsten Widerstand. An beiden Orten hatte auch Capitain Willoughby Gelegenheit zu kämpfen und die Leiden, die er ausgestanden, an den Feinden im offenen Gefecht zu rächen. Er war dabei Zeuge zweier Scenen, die ihm unvergeßlich blieben.
Bei dem Angriff auf das Thor des Dauri Serai war Moll mit seinem Mahoud mitten unter den Soldaten und schien förmlich zu wissen, daß hier seine Thätigkeit in dem Kampf zwischen den Indiern, seinen Landsleuten, und den Engländern, seinen Herren und Ernährern, begonnen hatte, als er den Residenten aus den Mauern des Palastes rettete. Eine Menge Frauen und Kinder hatte sich in die Höfe des weiten Serai gerettet und als die Engländer die Mauern erstiegen und das Thor erbrochen hatten, flüchteten diese Unglücklichen zwischen den Kämpfenden umher, von einem Ort zum anderen. Das mächtige Thier war wie rasend und die Schläge seines Rüssels zerstreuten die Haufen der Indier und Viele fanden unter seinen plumpen Füßen den Tod.
Plötzlich, während dieser Scenen des Mordens und Kämpfens, hörte man den gellenden Ruf einer Weiberstimme.
»Manakjih! Manakjih! Jai! jaiikar! Tödtet! tödtet!«
Der Mahoud lehnte sich über die durch den Kampfeifer wie Fächer erhobenen und schlagenden Ohren und sah über den Kopf seines Thieres. - Ein Weib mit fliegenden Haaren, mit in Wahnsinn rollenden Augen, das Gesicht verzerrt, in der Hand einen Säbel schwingend, stand in der Mitte eines Haufens auf den Knieen liegender
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Frauen und Kinder. »Manakjy! Treuloser Hindu, Sclave der Faringi! Kennst Du Dein Weib? Ich bin es, welche die weiße Miß geschlachtet, die Dir lieber war, als Aurunga, die Tochter Deines Volks! - Mögen dafür die Rakschahas15 über Dich kommen, wie sie mich verfolgen!«
Die Wahnsinnige führte einen ohnmächtigen Hieb nach dem mächtigen Thier - der Mahoud rief diesem zwei Worte zu.
Im nächsten Augenblicke hatte der Rüssel des Elephanten das unglückliche Weib umfaßt und schwang sie in die Luft.
»Marai!«
Ein Moment lang sah man die zuckende, heulende Gestalt in der Höhe schweben, dann schleuderte sie der Koloß zu Boden auf die blutgetränkten Marmorquadern des Hofes und seine plumpen Füße stampften auf den zerschmetterten Leibern der Frauen und Kinder umher, während er in wilder Siegesfreude seinen schmetternden Trompetenruf hören ließ.
Von diesem Augenblick an nahmen weder das Thier noch sein Führer an dem Kampf weiteren Antheil! -
Capitain Willoughby hatte sich schon vor Beginn des Sturmes, eingedenk seiner Verpflichtung, von General Wilson die Erlaubniß verschafft, das Haus des Babu Durjan-Saul, seines Retters, nach der Eroberung der Stadt durch eine Sauve-Garde vor den Schrecken der Plünderung schützen zu dürfen, und eilte nach der
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Erstürmung des Kaiser-Palastes dahin, um diese Pflicht zu üben. Aber, obschon er das ihm durch seinen Aufenthalt darin wohlbekannte Haus mit Hilfe einiger Soldaten in allen Theilen durchsuchte, konnte er nirgends eine Spur des Babu und seiner Tochter auffinden. Auch sämmtliche Diener und Frauen des Hauses mußten während des Kampfes entflohen sein. Er konnte Nichts thun, als eine Wache an den Eingang stellen, welche die Plünderung verhüten sollte, und da gerade Manakjy mit seinem Elephanten vorüber kam, wählte er diesen dazu, überzeugt, daß der Respekt vor dem gewaltigen Thier auch den Kecksten in Schranken halten würbe.
Der Erfolg hat die Richtigkeit dieser Annahme bewiesen; Manakjy ist jetzt der Gatte der Tochter des Babu und selbst einer der angesehensten und reichsten Geldwechsler in Kalkutta, wohin er später mit seinem Schwiegervater übersiedelte; Moll lebt noch immer und ist respektirt von Militair und Civil.
Den Capitain rief alsbald seine Pflicht weiter in den Kampf. Der letzte Punkt desselben war, wie bereits erwähnt, der Palast der alten Begum von Somroo.
Der Sirdar, wie der Derwisch Sofi waren unzweifelhaft tapfere und umsichtige Führer und als sie sich von der Feigheit der Sepoy's verlassen und den Weg nach dem Lahore-Thor sich bereits abgeschnitten sahen, hatten sie Beide den Beschluß gefaßt, kämpfend auf ihrem Posten zu sterben, um nicht lebendig in die Hände ihrer Feinde zu fallen. Aber ein Schuß, der dem Mahratten das rechte Handgelenk zerschmetterte, und der unglückliche
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Zufall des Ausgleitens auf dem vom Blut gefeuchteten Boden ließ Beide nach schwerem Kampfe in die Hände der Sieger fallen.
Capitain Willoughby hatte die beiden Personen sehr wohl als Führer und Leiter des Aufstandes, als die Männer, welche den Schatz der Begum gehoben und in die Hände des Maharadscha von Bithoor geliefert hatten, erkannt und nicht die geringste Ursache dies zu verheimlichen. Auf seine Anzeige wurden Beide in schwere Fesseln gelegt und während ihre Wunden auf das Sorgsamste verbunden wurden, so streng bei Tag und Nacht bewacht, daß selbst jeder Versuch eines Selbstmordes ausgeschlossen blieb. Diese Strenge und Aufmerksamkeit steigerte sich womöglich noch, als einer der Gefährten Tukallah's - ein Mitglied jener furchtbaren Mörderbande, die über Indien verbreitet und so lange und eifrig schon von der Justiz verfolgt wurde - um selbst dem Tode zu entgehen, sich zu Geständnissen über die schreckliche Verbindung erbot und den Serdar als eines der Häupter der Würgerbande bezeichnete.
Wir wollen hier gleich bemerken, daß beide Gefangenen bei den späteren Verhören jede Antwort starr verweigerten und ein strenges Schweigen bewahrten, selbst als das Todesurtheil über sie gesprochen wurde.
Auch am anderen und dritten Tage versuchte Capitain Willoughby lange vergebens eine Spur des Babu und seiner Tochter zu finden, bis ihm plötzlich, als er wieder in die Nähe des Palastes der Begum kam, der Gedanke durch den Kopf schoß, ob der Bankier in der allgemeinen
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Noth und Verwirrung nicht von seiner Kenntniß der Geheimnisse des Palastes Gebrauch gemacht und sich in dem unterirdischen Gange oder dem todten Minaret versteckt haben sollte. Da die Ordnung wieder so weit hergestellt war, daß die Herrschaft der Briten in der Stadt unbestritten blieb und starke Posten auf allen wichtigen Punkten standen, eilte er mit Manakjy und einigen Sapeuren nach dem Garten des Palastes, durch welchen der Babu sie damals aus dem Gefängniß entführt, und obschon er in jener Stunde bei der tiefen Erschöpfung und Aufregung nur wenig auf den Ort Achtung gegeben, gelang es ihm doch, die Grotte aufzufinden, in deren finsterem Hintergrunde sich der verborgene Eingang zu dem unterirdischen Corridor befinden mußte. Aber der Mechanismus, welcher ihn von Außen öffnete, war ihm unbekannt, und als auf alles Klopfen und Rufen kein Zeichen des Lebens erfolgte, war er schon im Begriff, die Nachforschung aufzugeben, wenn nicht eine unerklärliche Ahnung ihn zu weiteren Versuchen getrieben hätte. Die geübtere Hand der Sappeure fand an dem hohlen Klange endlich die Stelle, wo der Eingang sein mußte, und die Hiebe ihrer schweren Aexte zertrümmerten bald das Kunstwerk des geheimen Verschlusses. Mit einer von Manatjy herbeigeschafften Leuchte, den Revolver schußfertig gegen jede Gefahr in der Rechten betrat der Capitain den Gang, aber auch jetzt noch blieb sein Rufen ohne Erwiederung, und mehr um die Scenen seiner damaligen Befreiung sich auf ihrem Schauplatze noch lebhafter in's Gedächtniß zurückzurufen, als noch in einer
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Hoffnung des Erfolges setzte er seinen Weg fort und stieg die Stufen der Wendeltreppe hinauf.
Schon hatte er fast ihre Höhe erreicht, als ein Ruf des treuen Mahoud ihn aufmerksam machte. Fast auf derselben Stelle, an welcher damals Sur Marion ohnmächtig niedergesunken war, kauerten zwei Gestalten, jetzt selbst von Angst und der erdrückenden Hitze des engen Raumes halb bewußtlos, den Tod erwartend. Es waren der Babu und seine Tochter, die sich in der That hierher geflüchtet und noch nicht gewagt hatten, den Versteck zu verlassen. Sie hatten das Donnern der Axtschläge, welche den Zugang erbrochen, für das Zeichen gehalten, baß auch ihre Stunde gekommen sei und mit der Apathie der Orientalen sich in den unvermeidlichen Tod gefügt.
Obschon Durjan Sani die Anklage nicht von sich abwälzen konnte, daß er mit den anderen Geldwechslern und Kaufleuten der Stadt die Empörung durch seine reichen Geldmittel unterstützt hatte, kam er doch mit einer sehr geringen Buße davon, da das Kriegsgericht, das jetzt in Permanenz tagte und seine strengen Urtheile fällte, die Rettung des englischen Offiziers und der Gattin des Dechanten als die Beweise seiner wahren Gesinnung gelten ließ.
Diese Urtheile lauteten meist auf Galgen oder Kanone, und jeden Morgen fand eine ganze Reihe von Hinrichtungen statt. Wie die französische Revolution von 1793 die Guillotine erfunden hatte, so gebührte dem englischen Krieg in Ostindien das Verdienst der Erfindung des ›Fortblasens‹!
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Wies doch Lord Ellenborough am 15. Februar des nächsten Jahres (1858) im englischen Oberhause nach, daß seit der Einnahme von Delhi kein Tag vergangen war, ohne fünf oder sechs Hinrichtungen gebracht zu haben, und daß Sir Hugh Rose 149 Aufständische auf einmal habe hängen lassen; ein Morden, das endlich selbst der englischen Regierung zu viel wurde!
Die Nachrichten, die von der Einschließung Lukhno's durch ein Heer von 50,000 Rebellen unter dem gefürchteten Peischwa von Bithoor und den Gräuelscenen in Cawnpoor im Norden eintrafen, konnten wahrlich nicht dazu dienen, die Sorgen des jungen Offiziers um die Geliebte zu beruhigen, aber erst zu Anfang November erhielt er die Erlaubniß, Delhi zu verlassen und sich dem Zuge anzuschließen, den der neue Oberbefehlshaber in Ostindien Sir Colin Campbell nach dem Scheitern des ersten Versuchs General Havelok's zur Befreiung der Garnison von Lukhno noch einmal vorbereitete. Am Tage vor seiner Abreise wohnte er noch der Hinrichtung der Führer des Aufstandes in der Stadt des Großmogul bei.
Vierundzwanzig Galgen waren auf dem weiten Platze vor dem Eingang des Dauri Serai errichtet - davor standen sechs Kanonen aufgepflanzt - der Platz selbst war von einer Doppelreihe englischer Truppen besetzt, um jeden etwaigen Versuch zur Befreiung der Gefangenen zu unterdrücken, denn jene Galgen waren bestimmt, die Prinzen der königlichen Familie von Audh aufzunehmen. Ein gleiches Schicksal sollte die noch übrigen Söhne des 82jährigen Großmogul Akbar treffen und damit die
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Dynastie Timurs, die freilich längst nur noch ein Scheinleben auf dem goldenen Throne Delhi's geführt hatte, gänzlich beseitigt werden.
Die Trommeln wirbelten, als die Thore des Dauri Serai sich öffneten und der Zug der Verurtheilten heraustrat - es waren ihrer dreißig an der Zahl - sechs davon, darunter die Prinzen Akhbar Jehan und der wilde Bukthur, der Mahratten-Sirdar und der Derwisch Sofi, der noch immer als solcher galt, die zum »Fortblasen« verurtheilt waren, - und die 24 Prinzen von Audh. Die sämtlichen Männer gingen mit einer Ruhe und Entschlossenheit zum Tode, welche nicht verfehlte den tiefsten Eindruck zu machen.
Es war das erste Mal, daß der Derwisch und der Sirdar seit ihrer Gefangennahme sich wiedersahen; der Irländer betrachtete den wilden Häuptling, der mit stoischer Ruhe die Augen starr in die Luft gerichtet neben ihm herging, mit einer gewissen Scheu und Unruhe.
Sie waren die beiden Ersten, die man vor die Mündungen der Kanonen band, den Rücken gegen diese gekehrt.
Jetzt, während die weiteren Vorbereitungen zu der gemeinsamen Hinrichtung getroffen wurden, wandte der Mahratte zum ersten Mal sein Auge mit spöttischem Ausdruck auf seinen Gefährten.
»Mein Freund sieht, wie liebreich seine christlichen Brüder denken - sie haben ihm nicht einmal einen Priester seines Glaubens bewilligt, um seine Todesstunde leicht zu machen!«
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»Ich habe keinen verlangt, und sie wissen nicht anders, als daß sie den Feind ihres Glaubens tödten. Es ist gleich, ob ich als Muselmann oder Christ sterbe, wenn es nur als Mann und Feind des verfluchten Englands geschieht. Mein Gewissen ist ruhig, und ruhig trete ich vor meinen Gott, denn ich habe nur vergolten, was sie meinem Volke an fernem Ocean gethan - kein anderes Blut klebt an meiner Hand! - wie an der Deinen. Man hat mir in meinem Kerker gesagt, Du seist ein Thug?«
»Was kümmert das Dich! Bin ich Dir nicht ein treuer Freund gewesen in dem großen Werk? Ich habe getödtet, um zu tödten; denn mein Glaube lehrt mich, daß der Kali alle Opfer willkommen sind, ob Freund oder Feind!«
»Und dennoch ist es gut, daß ich dies nicht vorher gewußt; meine Hand wäre dann vielleicht erlahmt, wenn ich an Deiner Seite focht.« -
»Laß uns nicht streiten Christ und lebe wohl! Tukallahs Seele beginnt ihre neuen Wanderungen und die Bhawani, der ich die Leben geopfert, wird ihren Jünger grüßen und die Wanderungen ihm leicht machen. Was ist an uns Beiden gelegen - das Werk der Vernichtung und der Rache an dem Volk der Faringi bleibt in der Hand eines Stärkeren zurück wie wir sind, und wie diese Hand einst das falsche Weib, das Dein Herz schwach zu machen drohte, der Bhawani zum Opfer brachte ...«
Das Rollen der Trommeln, welches das Zeichen zum fertig machen für die Execution gab, wurde durch einen wilden gellenden Schrei unterbrochen, der nichts Menschliches mehr an sich hatte. Der bis dahin so ruhige feste
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Mann, den sie den Derwisch Sofi nannten, riß an den Baststricken der Kanone, daß sie sich dehnten und das schwere Geschütz so auf seinen Rädern schwankte, daß mehre Artilleristen der Bedienungsmannschaftherbeisprangen, es wieder in's Gleichgewicht zu stellen.
»Ungeheuer! - Lady Georga16 - die Schwester Dyce Sombre's Deines Herrn ...«
Unter den vierundzwanzig Galgen standen die vierundzwanzig Prinzen der Königsfamilie von Audh auf den verhängnißvollen Leitern, und über ihnen die Henker, die ihnen eben die Schlinge um den Hals gelegt - vor den Kanonen hingen in ihren Banden die Söhne des Moguls, Trotz und Haß bis zum letzten Augenblick in ihren Augen, die Verfluchung Englands auf ihren Lippen, und an die Seite der Kanonen traten die Unteroffiziere mit erhobener Lunte, das Auge auf ihren kommandirenden Offizier gerichtet ...
»Sie war nimmer die Schwester meines Mayadars, nimmer aus dem Blute der Begum« sagte der Thug mit wildem Stolz. »Diese Hand war's, die sie erwürgte in der Nacht, da sie das Testament stehlen ließ und Dich bethören wollte... Gesegnet sei die Bhawani, die meine Hand führte!«
»Und darum ...! Fluch über Dich - Fluch über Alle ...!«
Der General winkte ... die Lunten senkten sich ...
»Feuer!«
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Ein sechsfacher Donner erschütterte die Luft unter dem rachsüchtigen Hurrahruf der britischen Soldaten - von den vierundzwanzig Galgen schwankten vierundzwanzig Körper in der Luft und dehnten die Strecke - vor den Mündungen der sechs englischen Kanonen - Nichts - Nichts - leer - an den zerrissenen Enden der Baststricke - ein paar Fetzen blutigen Fleisches, glimmender Lumpen ...
Fortgeblasen!!
Am andern Tage verließ Capitain Willoughby das goldene blutige Delhi!
Während der Erzählung des Ioniers hatte der Graf von Lerida lange in tiefe Gedanken versunken gesessen, es war, als beschäftige sein Geist sich mit einem andern Gegenstände. Erst als der Prinz noch verschiedene Fragen an den Griechen über die Verhältnisse und Ereignisse that, schien er aus diesem Sinnen zu erwachen, stand auf und trat an das kleine Fenster, das nach dem Nebengemach führte. Er beobachtete durch dasselbe lange die Gesellschaft, schüttelte dann den Kopf und winkte dem deutschen Offizier, zu ihm zu kommen.
Der neue Capitano des Brigantaggio erhob sich und folgte dem Wink.
»Wie ist's, Signor Riccardo,« sagte der Graf, - »da Sie nach der Versicherung Seiner Hoheit schon in den nächsten Tagen in die Gebirge gehen sollen, kann Ihnen die Sache nicht schaden! Sind Sie ein Freund
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von einem guten Streich, bei dem sich Ernst und Humor die Hand reichen?«
»Gewiß, Herr Graf, ich bin jung genug dazu. Was soll es sein?«
»Ich habe beschlossen, diesen General Pinelli nicht ungerupft nach Neapel zurückkehren zu lassen. Zunächst bin ich ihm selbst aus Varna her noch einen Denkzettel schuldig für einen gewissen Arrest, den er mir zudiktirte - dann aber habe ich, als Ihr würdiger künftiger Kamerad, der Capitano Tonelletto, jene brutale Geschichte erzählte und unser geistlicher Gesellschafter ihm auf das Strengste untersagte, etwas gegen den Mann zu unternehmen, mir im Stillen das Wort gegeben, die Züchtigung in meine Hand zu nehmen und sie ihm, allen politischen Rücksichten zum Trotz dennoch angedeihen zu lassen! Ich muß Ihnen sagen, daß ich ein ziemlich verkehrter und halsstarriger Charakter bin und was ich mir einmal vorgenommen auch durchzusetzen pflege.«
»So wollen Sie den General fordern, an Stelle jenes irischen Offiziers? - Wenn Sie einen Sekundanten brauchen ...«
»Nichts da - zunächst müssen Sie wissen, daß ein Versprechen mich bindet, mich niemals zu duelliren, wenigstens nicht auf die übliche Weise ...«
»Aber das bloße Niederschießen wäre offenbarer Mord ...«
»Ich denke auch nicht daran - sondern an eine passende Revanche! Mein Wort darauf, es soll kein Tropfen Blut fließen, es sei denn etwa in einer kleinen
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Rauferei mit der Polizei - doch pflegen unsere Papalino's dergleichen gewöhnlich aus dem Wege zu gehen. Also - darf ich auf Ihre Unterstützung rechnen?«
»Mein Wort darauf! - ich sprach meinen Wunsch schon vorhin aus!«
»Und das war es eben, was mich den Gedanken fassen und Sie einladen ließ, gemeinsam den Streich auszuführen, bei dem Sie keine andere Mühe und Gefahr laufen sollen, als Ihre Morgenruhe einzubüßen, denn um 7 Uhr Morgens muß ich bereits auf dem Bahnhof von Civita-vecchia und Sie sollen in Ihrem Bett im Hôtel - doch wo wohnen Sie?«
»Hôtel Cesarini, Zimmer Nummero 27 im zweiten Stock!«
»Bene - Sie sollen zur rechten Zeit dort sein!«
»Ich stehe jeden Augenblick zu Ihren Diensten - aber wollen Sie mich nicht näher mit Ihren Absichten bekannt machen?«
»Noch nicht - es fehlt eben noch der Mann, den ich brauche; aber verlassen Sie sich darauf, für Geld ist in dieser heiligen Stadt Alles mögltch! Und nun, da Signor Fontana noch auf sich warten läßt, lassen Sie uns zu der Gesellschaft zurückkehren und jene Erzählung hören, die uns General Maldrigi von seiner Heldin versprochen hat.«
Er nahm seinen Platz am Tische ein und erinnerte den ehemaligen Wessir der indischen Fürstin an die versprochene Mittheilung über das Ende derselben.
Major Maldrigi - oder wie er sich selbst bezeichnete:
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der ehemalige Capitain Marcos Grimaldi sah einige Minuten in das gefüllte Glas, ohne zu antworten, - dann, als habe er sich entschlossen, trank er den dunkelgoldigen Nektar, in welchen, den Anderen unbemerkt, eine schwere Thräne niederrollte, bis zum Boden aus und begann seine Erzählung:
2. Ein indischer Scheiterhaufen!
»Ich habe bereits erwähnt, daß am 21. November (1857) Sir Campbell nach sechstägiger blutiger Schlacht die Besatzung der Forts von Lukhnow befreit und mit sich fortgeführt hatte. Aber hinter seinen Kolonnen hatten der Nena und andere Führer des Aufstands die Hauptstadt des Audh aufs Neue besetzt und befestigt, und trotz des Falles von Delhi, trotz der unerhörten Grausamkeiten der Engländer, und trotz des Verraths und der Zwistigkeiten, die durch englisches Gold und englische Intriguen jetzt in den Reihen der Indier einrissen, - loderten überall noch die Flammen des Kampfes gegen das aufgezwungene britische Joch.
Ungeachtet aller Anstrengungen und der großen Truppensendungen Englands würde die Herrschaft der ostindischen Compagnie schwerlich wieder zu einer vollständigen Unterjochung Indiens gelangt sein, wenn der schlaue Palmerston nicht das einzige Mittel angewandt hätte, das die Erbitterung der Indier - die selbst
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unterliegend, gefangen und verurtheilt, muthig zum Tode gingen! - mindern konnte: der Antrag auf Aufhebung der Regierungsrechte der ostindischen Compagnie, jener Gesellschaft von Blutsaugern, die das geduldige indische Volk zur Verzweiflung gebracht hatte. Obschon es anfangs den einflußreichen Mitgliedern der Compagnie im Parlament gelungen war, diese Bedrohung ihrer Privilegien abzuwenden und das Ministerium Palmerston im Februar Achtundfünfzig zu stürzen, sah doch auch das darauf folgende Tory-Ministerium Derby ein, daß dies der einzige Weg zur Beruhigung Indiens wäre, und so wurden in der That die ostindische Compagnie am 1. September aufgelöst und eine allgemeine Amnestie mit Ausnahme der Anführer für Alle verkündet, welche bis zum 1. Januar (1859) die Waffen niederlegen würden.
Lukhnow war am 10. März von den Engländern erobert worden. Doch zählte das Heer des Nena und seiner Gefährten noch immer hunderttausend Krieger, während die Engländer im Juni dieses Jahres von 84000 Mann auf 30000 zusammengeschmolzen waren. Wenn ich mich recht erinnere, war es vor der Wiedereroberung von Lukhnow, wo ich das Vergnügen hatte, Sie kennen zu lernen, Signor Conte?«
»Oh ja - wenn Sie es so nennen wollen, daß Sie mich der Gefangenschaft eines mit den Briten verbündeten Fürsten entrissen und mir die Mittel gaben, unerkannt nach Bombay zurückzukehren.«
»Der indische Krieg war kein Feld für Amateur's wie Sie, Signor. Wer dort kämpfen wollte, mußte das
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Gefühl eines berechtigten Hasses in sich tragen und an Thaten gewöhnt sein, die das Blut in den Adern erstarren machen.«
»Es war eine tolle Idee meines Onkels, mich als Soldaten der Freiheit und Revolution diesen gelben Narren zu Hilfe zu senden, die ihre hübschen Weiber auf den Scheiterhaufen schicken. Mit Ausnahme der schönen Königin von Ihansi, die noch braun genug war, wie eine ungeröstete Kaffeebohne, hab' ich ohnehin dort nicht viel hübsche Weiber gesehen. Mein Onkel war ein Narr und ich ein noch größerer, daß ich mich an den Ganges schicken ließ - meinem Vetter Walpole hätte er es sicher nicht geboten. Zum Glück sah ich meine Thorheit bald ein und machte deshalb von Ihrer Hilfe Gebrauch. Bei dem parsischen Bankier in Bombay, an den mein Oheim mich adressirt hatte, fand ich überdies die Nachricht von seiner Ermordung am Tage der Hinrichtung Orsini's in Paris, und hatte natürlich nichts Eiligeres zu thun, als den nächsten Dampfer nach Suez zu benutzen und Schmuggler in der Bay von Biscaya zu werden.«
»Das sind Abenteuer, deren Erzählung Sie uns nicht schuldig bleiben dürfen, Signor Conte,« sagte der Prinz.
»Ich würde fürchten, Euer Hoheit zu ermüden und den Herrn Abbé erröthen zu machen,« meinte der Spanier. »Lassen Euer Hoheit uns lieber hören, wie es der schönen Amazone von Ihansi ergangen ist, der ich die Ehre hatte, damals durch die Güte dieses Herrn flüchtig vorgestellt zu werden. - Ich habe sonst in dergleichen einen
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ziemlich scharfen Blick, Kapitain Grimaldi, und glaubte, Sie einmal als Fürst von Ihansi begrüßen zu sollen.«
Der Ionier senkte finster die Stirn. »Ich habe versprochen, das Ende einer hochherzigen Frau zu erzählen, Signor - lassen Sie mich das Versprechen nicht bedauern. - Nach meiner Verwundung in Delhi durch die Hand des jungen Engländers, von dessen Besuch in der Schweiz ich eben komme, lag ich mehre Monate krank in Ihansi, und nur der aufopfernden Pflege der Rani und des Freundes, der vom Schicksal selbst hart geprüft und gebeugt zu meinem Krankenlager als Arzt zurückkehrte, danke ich wahrscheinlich mein Leben. Er hatte, wie so Viele und auch ich in diesem entsetzlichen Kriege sein Theuerstes verloren und wollte das Land verlassen. Sie kennen ihn, denn er begleitete Sie auf dem Weg nach Bombay.«
»Sie meinen Doctor Clifford oder Walding? Ich muß gestehen, er war ein ziemlich trauriger Gesellschafter und ich bedauerte es wenig, als er in Bombay zurückblieb, um, wie er vorgab, nach der arabischen oder afrikanischen Küste zu gehen.«
»Doctor Walding?« frug der Graf Boulbon. »Ein deutscher Arzt?«
»Ich glaube! das Einzige, um was ich den Misanthropen, der nicht einmal zum Sprechen über seine Abenteuer in Indien zu bringen war, beneidete, das waren die zwei prächtigen Ringe, die er trug, einen schwarzen Diamanten von so schönem Feuer, wie ich selbst bei den
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Juwelen der Königin Isabella nicht gesehen, und einen großen kostbaren Rubin.«
»Er erhielt sie aus den Händen zweier Frauen, die in der Geschichte des indischen Krieges keine kleine Rolle gespielt haben,« sagte der Ionier: »den Diamanten von Mahe Tschund, der beraubten Königin von Lahore, als er ihre einzige Tochter von dem Biß einer giftigen Schlange rettete, - den Rubin von Xaria, der edlen Rani von Ihansi zum Dank, daß er ihr dies werthlose Leben erhalten, das ich nicht einmal in ihrem Dienste opfern durfte.«
»Dann ist es richtig, wie ich vermuthete,« sagte der Franzose, - »ich erinnere mich, den fränkischen Arzt im Zelte des Königs Theodor zwei solche Ringe tragen gesehen zu haben, und auch der Name stimmt: Doctor Walding.«
Der Ionier faßte lebhaft seine Hand. »Ich zweifle keinen Augenblick - er ist es. Ich bitte Sie dringend, erzählen Sie mir von ihm! Er ist ein treuer und braver Freund, und seit fast drei Jahren habe ich nicht wieder von ihm gehört.«
»Er wäre wahrscheinlich mit mir in diesem Augenblick hier, wenn ihn nicht ein thörichter Streit noch in den Wüsten Nubiens zurückgehalten hätte. Wie ich Ihnen bereits sagte, war er der Leibarzt des König Theodor von Abessynien geworden, mit dem wir in der Bucht von Arkiko zusammentrafen. Aber er hat den Negus verlassen und sich einem Theil meiner Reisegefährten von China her angeschlossen, die von Arkiko aus ihren Weg durch die Wüste zum Nil genommen haben, um auf diesem
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stromabwärts nach Cairo und Alessandrien zu gehen. Nannten Sie, Herr Graf, nicht vorhin den Namen: Walpole?«
»Zu dienen Monsieur - es ist der Familienname eines Vetters.«
»Und dieser Vetter heißt?«
»Lord Frederik Walpole, Viscount von Heresford, als der Erbe der Pairschaft unseres gemeinsamen Oheims, der, wie ich bereits erwähnte, im Frühjahr Achtundfünfzig in Paris ermordet wurde.«
»Es ist richtig: Lord Frederik Walpole erhielt die Erlaubniß des General Cousin de Montauban, auf dem ›Veloce‹ in der Peiho-Mündung sich mit uns einzuschiffen und die Fahrt nach Suez zu machen. Er befand sich in der Gesellschaft einer jungen Sibirierin, einer russischen Fürstentochter und eines deutschen Gelehrten. Ich glaube, es war etwas Eifersucht auf die Gunst dieser eben so schönen als originellen Dame, welche einen Streit zwischen meinem Freunde und militärischen Begleiter der mir gewordenen Mission herbeiführte und den Lord, Ihren Vetter, veranlaßte, den ›Veloce‹ in der Bucht von Arkiko zu verlassen und den Landweg nach dem Nil einzuschlagen.«
»Aber die junge Dame, die russische Fürstin? Sie sagten ja wohl, daß sie jung und schön sei?«
»Gewiß, sehr schön, und soviel ich von ihren Schicksalen hörte, eine Waise von abenteuerlichem Charakter, die von ihren Großvätern, einem alten, seit 1812 in den Schneefeldern Sibiriens am Lena hausenden Franzosen und einem alten Tungusen-Häuptling, Ihrem Vetter und seinem Begleiter anvertraut wurde, um sie nach Europa
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zu führen, dort ihre Rechte geltend zu machen. Die Fürstin Wéra Wolchonsky und ihre - Zofe, eine junge Chinesin, hat sich dem Zuge Ihres Vetters angeschlossen, ohne daß ich es verhindern konnte, und - wie ich leider argwöhnen muß - werden die Gefahren, die sie erwarten, nichr gering sein, denn der wilde König Theodor läßt sie aus irgend einer mir unbekannten Ursache verfolgen, und diesen Verfolgern hat sich unbesonnener Weise mein Kamerad, Lieutenant de Thérouvigne angeschlossen, derselbe, der mit Ihrem Vetter Streit gehabt, und dessen Forderung Lord Walpole zurückgewiesen haben soll.«
»Nach einem Gelöbniß, das wir unserem Oheim machen mußten!« sagte der Spanier. »Aber Sie, Monsieur le Comte, Sie konnten die junge Dame den Gefahren überlassen?«
Der französische Offizier richtete sich etwas beleidigt gegen den unbesonnenen Frager. »Ich habe bereits die Ehre gehabt, Ihnen zu sagen, mein Herr, daß ich keinerlei Gewalt über die Dame und ihre Begleiter hatte. Lieutenant de Thérouvigne hat die Mission heimlich verlassen, und da ich den strengen Befehl des Generals en chef habe, ohne jeden irgend zu vermeidenden Aufenthalt nach Paris zu gehen und meine Depeschen zu überbringen, habe ich nur drei Tage auf der Rhede von Arkiko zubringen können, bis ein anderes Schiff nach Suez bereit war, und dann meinen Weg ohne den Lieutenant de Thérouvigne, der als ›erkrankt‹ an Bord gemeldet war, fortgesetzt. Wie Sie bei dem Herrn Herzog von Grammont hörten, habe ich nicht einmal in Alessandria einen
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französischen Dampfer nach Marseille abgewartet, sondern die erste Gelegenheit zur Abfahrt über Brindisi benutzt!«
»Ich finde,« sagte Graf St. Brie, »obschon ich kein großer Freund der napoleonischen Disciplin bin, daß Herr von Boulbon sehr richtig gehandelt hat. Wenn der Herr Graf von Lerida solche Besorgniß für eine abenteuernde Schöne hat, nun so hindert ihn ja Nichts, seinem Vetter in ihrer Vertheidigung zu Hilfe zu kommen und eine Excursion nilaufwärts, ihnen entgegen, zu unternehmen, ehe er, ohnehin etwas spät, seinen Degen für König Franz in den Abruzzen zieht.«
»Die Sie im Begriff sind zu verlassen, Herr Marquis.«
Der französische Legitimist wandte sich rasch gegen ihn. »Wenn ich nicht irre, hatte ich vorhin Gelegenheit zu hören, daß Sie und Ihr Herr Vetter nicht die Gewohnheit haben, für Ihre Worte Rede zu stehen.«
Eine leichte Röthe überzog das Gesicht des Spaniers. »Sie selbst, Monsieur le Marquis, geben mit Ihrer Abreise den Beweis, daß ein Mann sein Wort halten muß, wie schwer es ihm auch ankommen mag, und ich glaube, wir haben Beide wohl Proben unseres Muthes genug abgelegt, damit kein Zweifel darüber bleiben kann, warum wir nach Frankreich zurückkehren und warum ich oder mein Vetter die Bravade eines Duells verschmähen müssen. Ich wollte dem Herrn Capitain Boulbon in keiner Weise mit meiner Frage zu nahe treten und bitte um die Erlaubniß, mir nachher noch einige speciellen Notizen über den Weg einholen zu dürfen, welchen mein abenteuernden Vetter mit den bewußten schönen Damen eingeschlagen
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hat. Denn in der That, der Wink des Herrn Marquis, daß ich ihnen entgegen gehen möchte, hat etwas Verlockendes. - Nun Signori, ich bin ein Mann von raschen Entschlüssen! lassen Sie mich rechnen - zunächst also: eine kleine Affaire à la Chicot - Sie haben gewiß die ›Fünfundvierzig‹ des Herrn Alexander Dumas gelesen! - nun gut, rechnen wir einen halben Tag! - dann die Honneurs für Se. Ehrwürden hier ...«
»Signor Comte!«
»O - keine Besorgniß - ich kann discret sein! also der morgende Tag gehört der hohen Politik! Dann aber - da der Brigantaggio es nicht zu eilig zu haben scheint! - bin ich mein freier Herr - also sagen wir: übermorgen Punkt 11 Uhr, nach Ankunft des Bahnzuges von Rom wird meine Yacht die ›Victory‹, Capitain Jones Waterford, im Hafen von Civita-vecchia bereit sein, die Anker zu lichten und mich und die Caballero's, welche mir die Ehre ihrer Gesellschaft auf einer Nilfahrt erweisen wollen, nach Alessandria und Cairo zu bringen! Mein Ehrenwort zum Pfande, daß binnen hier und sechs Tagen Juan de Lerida an den Pyramiden auf Ihr Wohlsein sein Glas leeren wird - es müßte denn sein -«
»Nun?« fragte der Prinz lachend.
»Daß Seine Eminenz der Herr Cardinal Staatssecretair, Ihr Vetter, würdiger Capitano, es sehr dringend hätte, mich zum König von Spanien ernennen zu lassen, wogegen ich mich verpflichten würde, Sr. Majestät dem Könige Vittorio Emanuele, obschon er als Grundherr von Roccabruna mein Landesherr ist und ich
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Gelegenheit gehabt habe, ihm meine größte Opferwilligkeit zu beweisen, sofort den Krieg zu erklären und die Herren Cialdini und Garibaldi aus Neapel zu jagen!«
»Sie sind voll übermüthiger Laune, Herr Graf! - der Wein unserer Wirthin ist in der That feurig genug!«
»Bitte um Entschuldigung, Hoheit, - da aber meine Candidatur für den spanischen Königsthron jedenfalls mehr Aufschub verträgt, als die Gefahr meines Vetters, des sehr ehrenwerthen Lord Frederic Walpole, so werde ich jedenfalls diesem den Vorzug geben und übermorgen auf dem Weg zum Nil sein!«
Der Grieche reichte ihm die Hand über den Tisch. »Und ich, Graf - denn ich kenne Sie genug, um zu wissen, daß Ihnen der Entschluß Ernst ist, - werde Sie begleiten, wenn Ihnen dies genehm. Ein Freund und Gefährte, wie jener deutsche Arzt mir war, soll von Marcos Grimaldi nicht sagen, daß er von seiner Gefahr gehört und gezaudert habe, sie zu theilen. Nur sollen Sie mir versprechen, auf dem Rückweg aus Aegypten mich an den Küsten von Corfu zu landen!«
»Der Henker hole den Weg nach Frankreich,« meinte der Marquis, »mit der trüben Botschaft, die ich dahin zu bringen habe, komme ich immer noch zeitig genug! Wenn Sie mich mitnehmen wollen, Herr Graf - ich bin Ihr Mann!«
»Von Herzen willkommen!«
»Meine Herren, meine Herren!« rief der Prinz, »es scheint, Sie wollen uns die Zeit der Tafelrunde des Königs Arthur zurückführen, als seine Ritter auf Abenteuer zogen
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für Ehre und schöne Frauen-Augen. Ich komme mir ganz kläglich vor, hier zurückbleiben zu müssen und nur in der Erzählung und guten Wünschen an Ihren Thaten Theil nehmen zu können. So bitte ich wenigstens Signore Grimaldi, mich nicht um die Fortsetzung der seinen zu bringen.«
»Euer Königliche Hoheit haben die Gnade zu vergessen,« sagte Don Juan höflich, »daß Sie - während wir Jeder mehr oder weniger unsere eigenen Ziele und Launen verfolgen - das erhabenste Beispiel aufopfernder Treue für den König, Ihren Bruder, und den legitimen Thron gegeben haben. Aber ich selbst bin sehr neugierig auf das Schicksal der edlen Rani und zu erfahren, wie unser Freund selbst den Kugeln der Faringi entgangen ist.
Der Ionier nahm auf die Bitte der ganzen Gesellschaft seine Erzählung wieder auf.
»Vom Herbst des Jahres siebenun[d]fünfzig bis zum Sommer des nächsten Jahres nahm ich mit dem kleinen Heer der Rani an verschiedenen Zügen und Gefechten Theil und suchte in der Zwischenzeit oder, wenn die Rani, was nicht selten der Fall war, selbst die Züge leitete, die Befestigungen von Ihansi zu verstärken, um für jeden Ausgang des Kampfes meiner Gebieterin die Herrschaft ihres Erbes zu sichern, denn mit immer größerer Grausamkeit wurde der Krieg geführt.
Zweimal während dieser Zeit wurden von dem Gouvernement Versuche gemacht, die Rani auf die Seite der Engländer zu ziehen und beide Male war der Bote ein mir bekannter Offizier, der Major Delafosse, dem ich
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nach der Metzelei von Cawnpoor Gelegenheit gehabt hatte, Schutz zu gewähren und die Rückkehr zu den Seinigen zu ermöglichen. Beide Male brachte er mir Nachricht von theuren Freunden, dem Dechanten Hunter und seiner Gattin, dem ›Engel von Delhi‹, die mich nach meiner Verwundung in Delhi nach Ihansi begleitet hatte, statt mit Capitain Willoughby und seiner Verlobten sich zu ihren Landsleuten zu flüchten, und die alsdann von der Rani Xaria nach Lukhnow gesandt worden war, wo ihr Gatte verweilte.
Ich schrieb diese Nachgiebigkeit des englischen Gouvernements gerade gegen die Regierung des kleinen Ihansi theils der unverkennbaren Bewunderung des englischen Offiziers, der jetzt im Stabe Sir Campbells diente, theils den Plänen eines Teufels in Menschengestalt, der viel zu dem so blutigen Ausbruch der Revolution beigetragen hatte, des früheren Residenten von Ihansi, Major Rivers zu, und wußte damals noch nicht, daß noch eine andere Hand über mir und der edlen Xaria wachte.
Beide Male wurde von dieser der Antrag mit Entrüstung zurückgewiesen, das letzte Mal selbst gegen meinen Rath, denn ich sah leider trotz dem riesigen Verlust der Engländer, daß sie bei dem Zwiespalt der indischen Führer, der sich nach der Hinrichtung des Machratten Tukallah und des Derwisch Tantiah Topi oder vielmehr des Kapitain Ochterlony immer verderblicher breit machte, schließlich doch den Sieg davon tragen würden.
Im Sommer Achtundfünfzig hielten sich die Kämpfer der indischen Freiheit nur noch in Audh. Es war gegen
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Ende August, als die edle Rani Xaria nach langem Widerstand gegen die andrängenden Engländer sich nach dem stark befestigten Ihansi zurückziehen mußte, das nunmehr von der englischen Uebermacht umzingelt und belagert wurde.
Das Kommando der Truppen führte Oberst Rivers und er hatte dies, wie ich später hörte, als besondere Belohnung der geleisteten Dienste verlangt. Bei den schweren Verlusten, welche die englische Armee auch an höheren Offizieren in dem mörderischen Kriege durch das Schwert der Feinde und die Todessense der Cholera und anderer Krankheiten erlitten hatte, und da der ehemalige Resident von Ihansi das Terrain am Besten kennen mußte, war es ihm leicht geworden, dies Kommando zu erhalten.
Sie können sich denken, daß die Belagerung von dem rachgierigen Manne mit der größten Energie betrieben wurde. Aber ebenso tapfer war die Vertheidigung. Nicht allein die wohlgeübten Krieger der Rani vertheidigten die Wälle und Thore der Stadt, jeder Bewohner derselben wurde zum Helden im Kampf gegen die verhaßten Faringi und achtete sein Leben genug, wenn es galt, dem Feinde Nachtheil zu bringen.
Die Rani schien sich zu vervielfältigen - an jeder schwer bedrohten Stelle konnte man die Federn ihres Silberhelms wehen, ihren Säbel blitzen, ihren ermuthigenden Zuruf durch das Toben der Schlacht erschallen hören.
In den europäischen Kriegen spielt natürlich die weithin treffende Artillerie die Hauptrolle; anders ist es in
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den Kriegen Asiens. Dort ist der Säbel, die Streitaxt und die Lanze, höchstens die Flinte und Pistole die Waffe des Kampfes, und die persönliche Tapferkeit oder die Uebermacht giebt den Ausschlag. Noch mehr als an andern Stellen war das bei Ihansi der Fall, da seine hohe isolirte Lage der Anwendung der Artillerie nur wenig Anhalt bot.
Nach zehn tapfer abgeschlagenen Stürmen war es endlich den Engländern gelungen, auf einer dem Thor von Calpi gegenüber liegenden Berge eine Batterie zu errichten, welche die tapferste Vertheidigung der Stadt bald überwand und die Rani zwang, sich in ihre Felsenburg zurückzuziehen.
Von deren Mauern herab hörten wir den Jammerruf der Bewohner während der zweitägigen Plünderung der britischen Truppen, die weder Alter noch Geschlecht verschonte.
Am dritten Tage wandte sich die Wuth des Feindes gegen unsern Zufluchtsort, fast den letzten Hort der Freiheit Indiens.
Die Gortschura der Rani, deren Führer ich zu sein die Ehre hatte, war in den blutigen Kämpfen bereits um mehr als die Hälfte geschmolzen - aber die tapferen Krieger hatten geschworen, sich lieber, mit ihrer edlen Herrin unter den Trümmern ihrer Veste zu begraben, als sie zu verlassen. Ich denke jeder Stunde jener Lage, jedes Kriegers, der mit seinem Blute diese Felsenmauern vertheidigte und vor Allem ihrer, der Tapferen und Unerschütterlichen, die von Posten zu Posten ging, oft
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selbst die wenigen Geschütze richtete, welche die Veste besaß und an dem Thor und auf den Mauern mehr als einmal im wildesten Handgemenge ihren Stahl das Blut ihrer Feinde trinken machte.
Ich habe heute Gelegenheit gehabt, Signori, Ihre Heldenkönigin, zu sehen, die so muthig viele Monden lang an der Seite ihres Gemahls die Gefahren der Belagerung von Gaëta getheilt hat, - und ich gedachte unwillkürlich der hohen Fürstin, meiner Herrin, wie sie im gleichen Kampf für ihr Recht gestanden hat. Gott hat das Leben Ihrer tapfern Königin erhalten und sie aus den Trümmern von Gaëta in den Schutz des ewigen Roms geleitet, - die Rani von Ihansi hat ihr Leben gelassen unter den Trümmern ihrer Stadt und Nichts, Nichts von ihr ist geblieben den treuen Freunden, als die Erinnerung an die Hohe und Edle.
Was ich Ihnen jetzt hier erzähle ist, wie Sie sogleich hören werden, nur zum Theil Selbsterlebtes. Das Wichtigste weiß ich nur aus den Mittheilungen Anderer und den Abschiedsgrüßen zweier Freunde, die der Tod vereint hat in einem gewaltigen Grabe.
Es konnte weder der Rani noch mir verborgen sein, daß die Tage unseres Widerstandes auch in dieser Felsenveste gezählt waren.
Mit ernstem Antlitz, die Falte zwischen den hochgeschwungenen Brauen dräuend zusammengezogen, schritt die Heldin durch die Mauergänge, die Höfe und Gemächer der Burg oder berieth mit mir, wie der Widerstand noch länger fortzusetzen wäre, bis es vielleicht dem Nena, an
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den sie schon zwei Mal Botschaft um Beistand gesandt hatte, gelingen könne, Ihansi zu entsetzen.
Ich selbst setzte wenig Vertrauen auf den Erfolg dieser Botschaften und die Hilfe des grausamen Maharadscha von Bithoor. Ich hatte mich bereit gemacht, mit dem Säbel in der Hand in der Vertheidigung meiner Königin zu sterben, und die Rani wußte es.«
Wir nehmen den Faden der Geschichte des tapfern Condottiere mit dem Recht des Schriftstellers zu einer lebendigeren Darstellung, als die Bescheidenheit oder die Rücksichten des Selbsterzählers erlauben, hier auf.
Es war am zehnten Tage der Belagerung, als die Rani ihrem Wessir winkte, ihr in ihr Gemach zu folgen. Eine große Bewegung hatte sich am Morgen in dem Lager der Bedränger gezeigt, ein zahlreicher Zuzug englischer Truppen mit zwei schweren, von Elephanten gezogenen Belagerungsgeschützen war vor den Thoren der geplünderten Stadt angelangt, man hatte von der Höhe der Mauern den Residenten mit seinen Offizieren den Ankommenden entgegenziehen und den an ihrer Spitze reitenden Führer ehrerbietig begrüßen sehen, woraus Maldigri schloß, daß ein dem Range nach höherer Offizier als Oberst Rivers eingetroffen sein mußte; mehre Palankins hatten den Zug begleitet und neun Zelte waren jenseits der Stadt außer dem Bereich der Geschütze der Burg aufgeschlagen worden.
Dies Alles hatte die Fürstin mit ihrem Wessir in Augenschein genommen und sie betrat jetzt ihr Gemach, mit dem Getreuen sich zu berathen.
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Ein Wink gebot ihm, auf dem Divan ihr gegenüber Platz zu nehmen.
»Lakschmi, die Göttin des Glücks,« sagte die Rani, »verhüllt ihr Antlitz in Wolken. Was denkst Du über die Vermehrung unserer Feinde?«
»Die Zahl der Soldaten würde uns wenig kümmern, Hoheit,« sagte der Wessir - »aber ich habe gesehen, daß sie zwei Bomben-Mörser mitgebracht haben, welche die Kugeln im Bogen werfen. Deine Hoheit hat gesehen, daß selbst die Kanonen der Faringi uns nicht viel anhaben konnten, da der Weg zum Thor der Burg sich seitaufwärts windet, und ihre Kugeln von unten her das Thor nicht erreichen können, und jenes Plateau, auf dem sie ihre Kanonen aufgestellt haben, zu weit entfernt ist, um im geraden Schuß uns schwer zu schädigen. Aber das wird anders sein, wenn es ihnen gelingt, die beiden Geschütze von schwererem Kaliber dorthin zu bringen - ihre Kugeln müssen die Mauern zerstören, und die Bomben, wenn es ihnen erst gelungen, die richtige Distance zu finden, werden bald von obenher Alles zerstören. Du kennst die Gewalt dieser Geschosse nicht.«
»Möge die Kali Alle verderben, die sie gegossen und hierher gebracht haben. Marcos, mein Freund, Du sollst Dein Leben nicht an ein verlorenes Weib hängen, der Dein Herz verschlossen geblieben ist, obschon Du sehen mußtest, daß das ihre an Dir hing, blos um eines leeren Wortes willen. Xaria, die Rani von Ihansi, der Du so lange treu und tapfer gedient, entbindet Dich Deines Schwurs - Du bist von diesem Augenblick an nicht
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mehr der Führer meiner Tapferen - Du wenigstens sollst dem Verderben entgehen und fliehen, ehe es zu spät ist!«
Der Ionier erhob sich und trat vor die schöne Frau, deren Auge finster an dem Boden hing, während sie mit der Spitze ihrer Säbelscheide Figuren darauf schrieb.
»Was berechtigt die edle Rani von Ihansi, gering von einem Manne zu denken,« sagte er ernst, »der ihr bisher treu und redlich gedient hat? Bei Männern von Ehre ist es nicht Sitte, feig ihren Kriegsherrn zu verlassen, wenn die Nacht des Unglücks über ihn kommt, blos um das eigene Leben zu retten. - Laß uns, ehe sie ihre Kanonen und Mörser aufgestellt haben, diese Nacht mit unseren letzten Tapferen einen Ausfall thun, ihr Lager angreifen und uns durchzuschlagen versuchen. Die noch übrigen Männer Deiner Gortschura werden Dich in ihre Mitte nchmen und sie werden sterben zu Deiner Vertheidigung oder zu Deiner Rettung.«
»Nicht also, tapferer Khan. Meinst Du, wenn Shanda Xaria dieser Burg hätte den Rücken wenden wollen, sie hätte es nicht längst ohne Schwertschlag gekonnt?«
»Aber, wir sind von Feinden umringt, Hoheit!«
»Hast Du vergessen, daß Du mich zwei Mal auf der Jagd draußen in der Dschungel trafst, während ich beide Male das Thor dieser Burg nicht durchschritten hatte?«
»Es gab mir allerdings zu denken - doch es war nicht meine Sache dem Geheimniß nachzuforschen.«
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»Es führt ein nur dem jedesmaligen Gebieter von Ihansi bekannter geheimer Felsengang aus dem tiefsten Keller der Burg in's Freie - weit hinaus über die Posten der Faringi. Auf ihm wirst Du diese Mauern verlassen und Leben und Freiheit bewahren ...«
»Mit Dir, Herrin, und mit unseren Tapferen?«
»Nein Khan - Du wirst allein gehn!«
»Niemals!«
»Ich will es - ich befehle es Dir! Du darfst nicht mit Xaria sterben!«
»Mein Leben, Rani, gehört Dir!«
Ihr Auge hob sich zum ersten Mal vom Boden und traf auf ihn mit einem fast feindseligen Strahl.
»Du lügst Christ!«
»Hat die Rani von Ihansi Marcos Maldigri, ihren Wessir jemals unwahr befunden?«
»Nicht bis zu dem Augenblick, da Du, der finstren Bhawani entrissen, von Delhi zu Shanda zurückkehrtest.«
»Ich glaube auch dann nicht,« sagte der Condottiere mit einem leichten Schwanken der Stimme.
»Nein auch dann nicht! Du hast Recht, denn ich habe Dich niemals befragt. Höre mich an, Marcos Maldigri, denn es muß klar werden zwischen Dir und mir, ehe wir scheiden und Kadriteia ihren dunklen Schleier zwischen uns breitet.« Sie hob die von der Flamme der Sotti verstümmelten Finger ihrer linken Hand17 in die Höhe. »Erinnerst Du Dich des Tages, als Du mich aus
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den Flammen des Scheiterhaufens trugst und der falsche Sindiah mich zur Rani von Ihansi krönte?«
»Es war der Tag, an dem ich in Deinen Dienst trat, Herrin.«
»Ich glaubte anfangs, ein Anderer hätte dies Leben gerettet, - jener Faringi, der zwei Mal jetzt zur Burg kam, mich zur Unterwerfung aufzufordern. Ich irrte mich! - Als man Dich zu mir führte, und Dich meinen Retter nannte, - sah ich einen Mann!«
»Auch Major Delafosse ist ein Tapferer!«
Die Rani schien die Unterbrechung nicht zu hören. »Damals gelobte ich mir, Dir zu danken - und Dich auf den Thron des befreiten Ihansi zu setzen, wenn ich Deine Achtung und Deine Liebe gewonnen. - Es ist Beides mißlungen - Die Fahne der Faringi weht auf den Trümmern des besiegten Hindostans, und Shanda Xaria ist verschmäht von dem Mann ihrer Wahl. Die schwarze Faringa hat ihr sein Herz geraubt! Geh! - Du hast kein Recht, mit Xaria zu sterben!«
Er stand noch immer vor ihr, die jetzt frei und fest zu ihm aufsah.
»Du irrst, Hoheit,« sagte der Ionier - »sie, die Du meinst, ist die Gattin eines Anderen und vielleicht bald ein Engel im Himmel, dessen Pforten auch uns sich öffnen. Was auch die Gefühle der Jugend waren, - ich achte Dich am Höchsten unter allen anderen Frauen!«
»Aber Deine Liebe?«
»Frage Dein eigenes Herz, ob mir die Deine
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geworden, oder bloß Stolz und Dankbarkeit Dich zu mir führten?!«
Ihre Augen hatten sich wieder zu Boden gesenkt unter dem strengen Blicke des Mannes. Aber sie wurde der Antwort überhoben durch das entfernte Schmettern einer Trompete, welche eine englische Fanfare blies.
»Was ist das?«
»Wenn ich richtig gehört, Hoheit, - das Signal eines Parlamentairs. Soll ich nachschauen.«
»Nein - bleib, Marcos Maldigri! Du hast vergessen, daß Du nicht mehr der General meiner Krieger bist.«
Ein zweimaliges Händeklatschen vor der Matten-Portière, welche die Thür vertrat, verkündete, daß Jemand draußen harre.
»Tritt ein!«
Ein alter Sirdar der Gortschura hob die Portière und trat über die Schwelle. Er machte den Salem vor der Fürstin und wandte sich dann zu dem Wessir, seine Meldung zu machen, aber ein schweigender Wink wies ihn zur Rani.
»Was ist? was bedeutet die Trompete der Faringi?«
»Hoheit - es sind zwei Abgesandte des Feindes, die Einlaß verlangen und mit Dir sprechen wollen.«
»Wer sind sie?«
»Der Eine ist der Faringi-Offizier, der schon zwei Mal zur Burg kam - der Andere trägt das schwarze Kleid der Christen-Derwische.«
»Ein Geistlicher?« entfuhr es unwillkürlich den Lippen des Griechen.
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»Laß Sie eintreten und führe sie in die große Halle, wo der Thron des verstorbenen Radschah meines Gemahls steht. - Ist es Ihnen gefällig, Sahib Maldigri, mich zu begleiten?«
Er schritt schweigend hinter ihr her, die Mittheilung, daß ein englischer Geistlicher den Parlamentair begleite, machte ihn unruhig.
Auf den Befehl der Rani hatten sich ihre Frauen und alle Krieger die nicht den Nachtdienst hatten, in der Halle der Burg versammelt, während sie den Sitz auf dem Sessel von vergoldetem Sandelholz einnahm. Man hörte die Musik der Beckenschläger und Pfeifer, welche mit dem streng beobachteten Ceremoniell den beiden Abgesandten des Feindes vorangingen, die von zwölf Leibwächtern mit blanken Säbeln begleitet waren.
Der Grieche erkannte in den Eintretenden sofort den Kapitain oder jetzigen Major Delafosse - und seinen alten Freund den Dechanten Hunter. Er wäre ihnen entgegengeilt, ihre Hand zu drücken, wenn ein strenger Blick der Rani ihn nicht auf seine Stelle gebannt hätte.
Als den beiden Boten die Binde von den Augen gelöst war, die man ihnen beim Eintritt in die Veste umgelegt, that der Offizier einen Schritt auf die Fürstin zu, beugte fast unwillkürlich halb das Knie vor ihrer stolzen Erscheinung und legte die Hand auf sein Herz, während er sie mit den Augen zu verschlingen schien.
Der Dechant streckte dem Freunde beide Hände entgegen, dann erst verneigte er sich vor der kriegerischen Frau.
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»Seid gegrüßt, Sahibs, auch wenn Ihr als Feinde kommt, in dem letzten Hause Xaria's, der Rani von Ihansi,« sagte die Fürstin mit einer stolzen Neigung des Hauptes.
»Hoheit,« sprach hastig der Offizier, »wir sind glücklich, Dir nicht als Feinde, sondern mit einer Botschaft des Friedens nahen zu dürfen. Der Lord General-Gouverneur, mit dem ich diesen Morgen von Allahabad vor Deiner Burg eingetroffen bin, bietet Dir einen Waffenstillstand von vierundzwanzig Stunden und ladet Dich zu einer Unterredung mit ihm selbst ein.«
»Sir Colin Campbell - der stolze Gouverneur von Hindostan, der General der ostindischen Compagnie und der blutige Sieger von Lukhnow?« fragte ungläubig die Fürstin.
»Er selbst! Aber es giebt keine ostindische Compagnie mehr, das britische Parlament hat die berechtigten Klagen der Indier gehört; - die, wir müssen es selbst gestehen, unzeitgemäße und oft grausame Herrschaft jener Gesellschaft von Kaufleuten ist durch den Beschluß des Parlaments vom 8. August und durch die Sanction der Königin mit dem ersten Tage des Monats aufgehoben und eine bessere Zeit soll auch für Indien heraufbrechen!«
»So wollen die Faringi Hindostan seinen alten natürlichen Herren zurückgeben und zurück über das Meer gehen?« fragte halb ungläubig noch, aber mit hoher Erregung die Rani.
Der Offizier erröthete. »Deine Hoheit mißversteht mich,« sagte er, »wie dürfte die englische Regierung den Besitz von Indien aufgeben! Nur die traurige Herrschaft
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habsüchtiger Kaufleute soll das Land nicht mehr drücken! Ordnung und Gesetz soll in diesen Colonien herrschen wie im Mutterlande, und unter ihrem Schutz eine neue Zeit für das schwer geprüfte Land anbrechen.«
»Lord Canning, ein gerechter Mann, ist zum Vice-König von Indien ernannt worden,« nahm der Dechant das Wort. »Die Proklamation der Königin Victoria verheißt von nun an ein gerechtes Regiment für alle Volksklassen, Achtung der indischen Religionen und Gebräuche, Heilighaltung der Verträge, Sorge für das materielle Wohl des Volkes, Zutritt der Eingeborenen zu den öffentlichen Aemtern nach Maßgabe der Befähigung, und bürgerliche Gleichberechtigung.«
»Und wieviel Lak Rupien neuer Steuern und Tribute verlangt die Königin von England für diese überschwengliche Großmuth?« fragte mit Hohn die Rani.
»O Hoheit, nicht diese Bitterkeit! England meint es ehrlich.«
»Ich werde es glauben, wenn der letzte Faringi diesen Boden verlassen hat. - Mach' es kurz Sahib und sage, was England verlangt?«
»Was es natürlich verlangen muß, - die sofortige Beendigung des Aufstandes. Die Proklamation der Königin ertheilt allen Aufständischen, die vor dem ersten Tage des neuen Jahres (1. Januar 1859) die Waffen niedergelegt haben, volle Amnestie. - Du mußt selbst wissen, Hoheit, daß die britischen Truppen bereits überall Sieger sind und nur noch in einigen Theilen des Audh der
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Widerstand fortdauert, der in kurzer Zeit ganz überwältigt sein wird.«
»Gilt diese Amnestie unbeschränkt, ohne Ausnahme?« fragte der Grieche.
»Der Wortlaut sagt: ›Allen Aufständischen, - mit Ausnahme der Anführer und Mörder!‹«
»Aber glauben Sie nicht, Freund,« rief der Dechant eifrig, »daß dies einen Bezug auf Sie haben kann oder die Fürstin. Um Sie davon zu überzeugen, sind wir eben hier. Major Delafosse ist ja selbst ein redendes Beispiel, wie hochherzig Sie - obschon in den Reihen unserer Gegner - gehandelt haben, und man erinnert sich sehr wohl Ihres Dazwischentretens an jenem furchtbaren Abend im Palaste des unseligen Mörders, des Nena zu Bithoor. Lady Mallingham hat, auch nachdem ihr Gatte den Leiden des Krieges erlegen ist, nicht aufgehört, im Verein mit uns dafür zu wirken, daß Sie von der Liste jener Ausnahmen gestrichen worden sind. Man kennt und will nur kennen den sardinischen Major Maldrigi, der im ehrlichen Kriegsdienst eines der eingeborenen Fürsten gestanden hat. Sie brauchen nur Ihr Ehrenwort zu geben, Indien binnen Monatsfrist zu verlassen.«
»Und meine Gebieterin - Ihre Hoheit, die Rani?«
»Auch für sie bewilligt der General-Gouverneur die persönliche Amnestie. Ja, es ist alle Aussicht vorhanden, daß sie selbst unter gewissen Bedingungen ihr Land und ihren Thron behalten mag, da die Regierung die eingeborenen Fürsten nicht vertreiben will. - Sie wissen nicht, Hoheit, welche treuen und eifrigen Freunde und
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Fürsprecher Sie im Lager Ihrer so schwer verkannten Freunde haben. Lady Arabella Seymour, meine Gattin, ist durch ihre Mutter eine nahe Verwandte General Campbell's, und sie hat nicht aufgehört, ihm Ihre hochherzigen Eigenschaften zu rühmen und ihn zu bestürmen, bis der General selbst sich entschlossen hat, diesem traurigen Kampfe hier ein Ende zu machen, und Sie zu dieser Unterredung aufzufordern. So leidend meine Gattin ist, hat sie darauf bestanden, uns hierher zu begleiten, um für Sie Beide zu Wirten.«
»Arabella - Lady Hunter ist mit Ihnen, Freund?« rief der Grieche.
»Und erwartet Sie, sobald der angebotene Waffenstillstand geschlossen ist, um Ihnen Lebewohl zu sagen, wie ich mit schwerem Herzen sagen muß, wohl für dieses Leben; denn ich fürchte, sie wird eine Rückkehr nach Europa nicht aushalten, und die Leiden in Delhi und Lukhnow haben ihre Lebenskräfte erschöpft.«
Er wandte sich zur Seite und legte die Hand über die Augen, aus denen zwei schwere Thränen über seine Wangen tropften.
Die Rani hatte mit finsterem Blicke all' diese Worte angehört, die in englischer Sprache gewechselt wurden, welche sie zur Genüge verstand. Bei der Erwähnung der Anwesenheit der Gattin des Dechanten warf ihr Auge einen Blitz hinüber nach dem Freunde, gleich darauf war sein Ausdruck wieder finster und kalt.
»Darf ich mit Major Maldigri die Bestimmungen der Waffenruhe verabreden?« fragte der britische Offizier,
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»und wann und wo, Hoheit, soll Deine Unterredung mit dem Oberbefehlshaber stattfinden? Ich, wir Alle flehen Dich an, Hoheit, der Vernunft und dem Rathe Deiner wahren Freunde Gehör zu geben, nicht den Eingebungen eines unversöhnlichen Hasses.«
Aller Augen hingen an dem Munde der kriegerischen Fürstin, der Leben oder Tod verkünden sollte. Eine schwere Stille lag auf der Versammlung.
»Maldigri Khan,« sagte endlich die Rani, »ist nicht mehr in meinem Dienst, er möge in Sicherheit zu seinen Freunden, den weißen Männern und Frauen gehen,« sagte sie dann.
Der Condottiere ließ den Säbel rasselnd auf die Marmorfliess[ß]en der Halle niederfallen. »Mein Platz ist bei Dir, Rani von Ihansi,« sagte er finster, »ich nehme keine Amnestie, wenn Du sie nicht theilst.«
»Er wäre nicht werth, ein tapferer Soldat zu heißen, wenn er's thäte!« rief heftig der britische Offizier. »Bedenke, Hoheit, daß auch seine Freiheit und sein Leben von Deinem Entschluß abhängen!«
Die Rani hatte sich von ihrem Sitz erhoben und stand hoch aufgerichtet auf der Stufe, die ihn trug, vor den Männern.
»Laßt die Waffen ruhen bis morgen um diese Zeit,« sagte sie ruhig; »verhandele mit dem Sirdar Ali dort das Weitere, ich werde unterzeichnen und bereit sein, den General zwei Stunden vor Sonnenuntergang auf dem Platze zwischen dem Aufgang zur Burg und den Trümmern der Stadt zu sprechen. Bis dahin will ich allein sein!«
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Sie grüßte mit einer leichten Neigung des stolzen Hauptes den Parlamentair und seinen Begleiter und verließ mit majestätischer Haltung die Halle.
Mit begeisterten Blicken schaute Major Delafosse, mit finsterem Ernst der bisherige Wessir der königlichen Gestalt nach, als sie durch die sich öffnenden Reihen ihrer Krieger schritt. Erst als die Hand des alten Freundes seinen Arm berührte, erwachte der Letztere aus seinen brütenden Gedanken.
»Dem Himmel sei Dank,« sagte der Dechant, »daß sich ihr Herz zur Ergebung neigt. Aber, was ist das - warum zürnt die Rani Ihnen, der Sie doch für ihren vertrautesten Freund gelten?«
Major Delafosse erwartete mit sichtbarer Spannung die Antwort des Griechen.
»Ich weigerte mich, ihr zu gehorchen in einer Sache, die mir Pflicht und Ehre verboten. - Wenn der Waffenstillstand unterzeichnet ist, darf ich Sie begleiten?«
»Gewiß,« sagte der Major. »Ich bürge für Ihre Sicherheit.«
»Dann lassen Sie mich nur die Attribute des Oberbefehlshabers ablegen, ich bin jetzt nichts mehr, als der einfache Krieger der Königin.«
Die Nachricht von der Unterbrechung der Feindseligkeiten hatte sich schnell in der Burg verbreitet und die fanatischen Krieger standen in Gruppen umher und besprachen das Ereigniß und was sich daran knüpfen sollte. Es waren noch einige unter den Kriegern, welche jener verhängnißvollen Tigerjagd vor dem Ausbruch der
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Empörung beigewohnt hatten, und den Major Delafosse kannten. Trotz des nationalen Hasses grüßten sie mit Achtung, als er jetzt in Begleitung ihres bisherigen Führers, des Geistlichen und des alten Sirdars vorüberkam, welchen die Rani so launenvoll plötzlich mit dem Posten des Griechen betraut hatte; nur einige wenige finstere Fanatiker witterten in der Entfernung des Wessirs einen Verrath gegen ihre Gebieterin, und mieden ihren bisherigen Offizier, auch als er nach zwei Stunden, da er aus dem englischen Lager zurückkehrte, zu der Fürstin geführt zu werden verlangte.
Die Rani ließ ihm den Eintritt verweigern und ihn bedeuten, daß sie ihn erst sehen wolle, wenn sie sich zu der Zusammenkunft mit General Campbell begeben werde. Ohne Widerrede wandte sich der Grieche nach seinem eigenen Gemach, ein schweres Leid schien auf seiner Seele zu lasten. Er kam von der Seite der Frau, die er in der Jugend so innig und aufopfernd geliebt, und die er jetzt einem Schatten ihres früheren Selbst ähnlich gefunden hatte. Der erste Blick hatte genügt, ihm zu zeigen, wie sehr die Befürchtungen ihres Gatten Recht hatten, und wie nur noch die Sorge um den Geliebten und der Wunsch, ihn noch einmal vor der Nacht des Grabes wiederzusehen, die scheidende Seele in diesem schwindenden Körper zurückgehalten und ihm die Kraft gegeben hatten, diesmal die Reise nach Ihansi wirklich zu vollenden, die vor Jahresfrist durch die Abweisung der stolzen Frau und den Ruf der Pflicht unterbrochen worden war.
Trotz ihrer stolzen Zurückgezogenheit hatte die Rani
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nicht versäumt, alle Anstalten zu ihrer Zusammenkunft mit dem englischen Oberbefehlshaber zu treffen. Ihre Diener schlugen auf dem Platze, der zu dieser Zusammenkunft bestimmt war, ein kostbares, nach allen Seiten offenes Seiden-Zelt auf, und vergoldete Sessel standen für den General und die Fürstin einander gegenüber, während zu beiden Seiten des Zeltes lange Schranken die Grenze bezeichneten, bis zu welcher der niedere Theil des gegenseitigen Gefolges sich vordrängen durfte. Nicht die Verzeihung suchende Besiegte sollte den Ueberwinder empfangen, die indische Fürstin, die tapfere Kriegerin den Befehlshaber ihrer Feinde, mit dem sie auf gleichem Fuße verhandelte.
General Campbell, der damalige Oberbefehlshaber der englischen Truppen in Indien, der Wieder-Eroberer von Lukhnow, war zum Glück ein zwar rauher und stolzer Krieger, der sich bereits bei Balaclava und Inkermann hohen Ruhm erworben hatte, aber ein gerechter und hochsinniger Mann, der sich nicht um Nebendinge kümmerte, wenn er nur in der Hauptsache seinen Willen durchsetzte.
Auf den Wunsch der Lady, seiner Verwandtin, hatte der General diese noch einmal besucht, ehe er sich mit seiner Suite zu der Zusammenkunft mit der Rani begab, und ihr in die Hand jede mögliche Nachsicht mit der tapferen, aber unglücklichen Fürstin gelobt.
Die Sonne neigte sich im Westen bereits stark zum Niedergang, als der britische Oberbefehlshaber zu Pferde sich mit seiner zahlreichen Begleitung dem Orte näherte, wo die Zusammenkunft stattfinden sollte. Englische Schildwachen hatten die eine Seite des Platzes besetzt, während
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die bärtigen Krieger der Gortschura der Rani auf ihre Speere gestützt auf der anderen Seite der Schranken standen.
In demselben Augenblick, in welchem man den Zug der Engländer ihr Lager verlassen sah, öffneten sich die Thore der Felsenburg und die Rani verließ auf einem Sessel, getragen von vier schwarzen Dienern, die Veste. Zu gleicher Zeit langten die Spitzen beider Züge an dem Zelt an, der General stieg vom Roß und die Rani verließ ihren Palankin und betrat zuerst den inneren Raum des nach allen Seiten geöffneten Zeltes, wo sie, als die Herrin des Bodens, auf dem sie standen, mit einer leichten Verbeugung den General begrüßte und auf dem vergoldeten Sessel Platz nahm, während sie mit einer würdevollen Geberde den General einlud, den Sitz ihr gegenüber einzunehmen.
Das beiderseitige Gefolge reihte sich hinter den Sitzen ihrer Führer, neben dem des Generals stand zur Rechten Oberst Rivers, der die Fürstin mit höhnischen Blicken betrachtete, während den Platz zu seiner Linken der Dechant Hunter einnahm und hinter seinem Sessel sein Adjutant, Major Delafosse, stand.
Die Rani saß allein - Major Maldigri, in bürgerlicher europäischer Kleidung, stand zwischen den Kriegern.
Die Fürstin selbst eröffnete nach einer kurzen Pause das Gespräch in dem Augenblick, als Major Rivers vortrat, sich zum Dolmetscher anzubieten.
»Shanda Xaria, durch das Erbe ihres verstorbenen Gatten und die Belehnung des Sultans von Gwalior,
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redet zwar nur ungern in der Sprache der Faringi,« sagte sie, »aber da der Sahib General wahrscheinlich noch nicht das Hindostani versteht, ist sie bereit, in seiner eigenen Sprache von Mund zu Mund zu verkehren, statt sich der feilen Zunge eines Dritten zu bedienen. Die Höflichkeit einem tapfern Feinde erwiesen, kann Den, der sie übt, nicht erniedrigen.«
»Du kommst meinem Wunsche zuvor, Dame,« sagte sogleich, während der Resident mit gefurchter Stirn und gehässigem Blick zurücktrat, der alte Krieger offenbar freundlich berührt von der Anerkennung, die in den Worten der Fürstin lag, »und ich danke Dir dafür. Ich bin erst seit diesem unglücklichen Aufstand in Indien und ich fürchte, Deine Landsleute kennen besser die blutige Sprache meines Säbels, als die versöhnlichen Laute meiner Stimme. Ich hoffe, wir werden uns von Mund zu Mund leichter verständigen, wenn Du der Vernunft mehr Gehör giebst, als den Eingebungen eines thörichten Hasses, und zum Gehorsam gegen die Regierung zurückkehrst.«
Die Augen der Rani blitzten stolz bei den letzten Worten des alten Kriegers.
»Ihansi, Sahib General, war stets ein unabhängiges Fürstenthum unter dem Scindia von Gwalior, nicht Eigenthum der englischen Kaufleute. Wenn wir im Kriege mit den Engländern leben, so ist dies nicht eine Empörung von Unterthanen gegen ihren gesetzmäßigen Lehnsherrn!«
»Dieser Herr, Fürstin,« sagte der General, auf den Residenten deutend, und zum ersten Mal seine stolze Gegnerin mit ihrem Titel anredend, »stellt das Verhältniß
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allerdings anders dar. Aber wir wollen nicht streiten darum. Jedenfalls führtest Du ohne Erlaubniß Deines Lehnsherrn, des Sultan von Gwalior, gegen uns Krieg, und bist besiegt.«
»Noch nicht!«
»Thorheit - Deine Felsenburg kann einem ernstlichen Angriff nur noch Tage widerstehen, wer es redlich mit Dir meint, muß Dir dies sagen und Du hast einen zu tüchtigen Soldaten bisher an Deiner Seite gehabt, als daß Du dies nicht selbst wissen solltest. Wir sind unzweifelhaft die Sieger und haben Ihansi erobert. Indeß, die englische Regierung will großmüthig sein, und aus politischen Gründen gegen die indischen Fürsten Nachsicht üben. Wenn Du die Burg vor Ablauf des gegenwärtigen Waffenstillstands übergiebst, sollst Du nicht einmal als Kriegsgefangene behandelt werden, sondern auf freiem Fuß bleiben und Dein persönliches Eigenthum Dir gesichert sein. Ja ...«
»Wie, Sahib General, noch mehr der Großmuth?«
»Die Du kaum verdienst, wie es scheint,« sagte mit Strenge der General. »Die englische Regierung ist sogar bereit, Dich als die Fürstin dieses Landes auch ferner anzuerkennen und Dich unter ihren Schutz zu nehmen, wenn Du Bürgschaft für Dein ferneres Verhalten giebst.«
»Welche Bürgschaft fordert die hohe Compagnie?«
»Es ist, wie Dir bereits gesagt worden, nicht mehr die Ostindische Compagnie, sondern die Regierung von England, die Dir Verzeihung und Schutz bietet. Willst Du als die Rani von Ihansi leben und sterben, so mußt
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Du einen britischen Offizier zum Gatten nehmen - Du weißt, daß es nicht der erste Fall ist, daß auf diese Weise die gegenseitigen Interessen gesichert werden.«
Eine hohe Bewegung ging bei dieser kategorisch von dem General ausgesprochenen Bedingung durch die Versammlung, auf dem Gesicht des Residenten zeigte sich ein Lächeln boshafter Befriedigung.
Die Rani war aufgesprungen: »Ein Faringi der Gatte Xaria's? Ich soll einen Faringi zu meinem Gatten machen?«
»Wenn Du die Rani dieses Landes bleiben willst, ja! Nur unter dieser Bedingung kann die Regierung Nachsicht üben, sonst verfällt Ihansi unmittelbar dem englischen Besitz als erobertes Land.«
Ein schwerer Kampf spiegelte sich auf den stolzen Zügen der Fürstin. Einen Augenblick schweifte ihr Auge hinüber nach dem entlassenen Wessir; Maldigri Khan, wie er noch immer hier genannt wurde, stand stumm auf seinen Säbel gestützt, die Augen in die Luft gerichtet, als schaue er allein auf ein Jenseits.
Die Kälte und Starre des Marmors breitete sich über das schöne Antlitz der Rani.
»Sahib General,« sagte sie - »Shanda Xaria wird als Rani von Ihansi leben und sterben. Die Thore ihrer Burg werden morgen eine Stunde nach Sonnenaufgang Deinen Soldaten geöffnet sein. Ihre Hand gehört dem Faringi unter der Bedingung, daß jener Mann, ihr Wessir, und seine Krieger ungehindert und frei die Burg
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verlassen dürfen und für den Kampf gegen England niemals in Anspruch genommen werden!«
»Das Wort eines Soldaten darauf - sie sind frei von dem Augenblick der Unterzeichnung des Vertrages.«
»Gieb mir das Papier!«
Der General nahm ein Papier aus, der Hand seines Adjutanten. »Hier Fürstin, ist der Vertrag, Deine Unterschrift und Du bleibst ...«
»Die Rani von Ihansi im Leben und Sterben! - Marcos Maldigri, leiste den letzten Dienst Deiner Fürstin! Wo ist die Feder, daß ich unterzeichne!«
Der Condottiere trat zwei Schritte vor - schwankend, wie von einem schweren Schlage getroffen, - er winkte dem Mirza oder Schreiber der Rani, ein für den Fall eines Vertrages bereit gehaltenes Tischchen und Schreibzeug herbei zu bringen. Dann nahm er ihm die Feder ab - und übergab sie der Rani mit einer tiefen Verbeugung.
»Deine Hoheit bedarf meiner nicht mehr - ich bitte Dich um Erlaubniß, mich entfernen zu dürfen.«
Sie sah ihn fest, lange an - dann wandte sie sich zu dem Dokument auf dem Tisch und unterzeichnete mit raschem kräftigen Zug ihren Namen.
»Marcos Maldigri - Du bist frei, die Pflicht Xaria's gegen Dich ist gelöst! - Möge es Dir wohl gehen, bis zur Stunde, da Bhawani Dich fordert! Geh und sage der schwarzen Faringa, daß Xaria Dich sendet! - Und jetzt Sahib General, ist Xaria, die Rani von
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Ihansi, die Verlobte des Faringi, der den Muth hat, ihr Gatte zu werden.«
Der Resident war näher getreten. »Die Krone der Frauen Hindostans,« sagte er anmaßend, »weiß, wie lange ich mich sehne, und welche Rechte ich habe, ihr meine Hand bieten zu dürfen. Ich bin stolz auf ihre Wahl!«
Ein kalter feindlicher Blick der Rani maß ihn vom Scheitel bis zur Sohle. »Sahib Generale,« sagte sie ruhig - »unser Vertrag lautet, daß ich einen Offizier der Faringi zu meinem Gatten nehmen soll! Ich finde Nichts von dem Namen dieses Mannes darin.«
»Deine Wahl ist frei Fürstin - ich glaubte nur nach der Versicherung des Obersten, daß kein Zweifel sein könne ...«
»Fluch über ihn - an seinen Händen klebt das Blut der Schuldlosen, sein Auge ist Trug und Verderben! Ich hasse ihn! - Wer hat sonst Lust, um Xaria zu freien?«
Major Delafosse stand vor ihr.
»Du müßtest kein Weib sein, Fürstin, wenn Du nicht längst wüßtest, daß ich zehn Mal in den Tod gehen würde, um Dich zu besitzen.«
»Du hast den Tiger getödtet - hast Du auch den Muth, mit der Tigerin, deren Athem den Tod bringt, ihr Lager zu theilen?«
»Und wenn ich sterben sollte in der nächsten Stunde, Edward Delafosse ist stolz darauf, Dein Gatte zu werden, wenn Du ihn der Ehre werth hältst, ihn zu wählen.«
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»Ich protestire! - ich habe ältere Ansprüche auf diese Frau!« rief der frühere Resident.
Major Delafosse maß ihn mit herausforderndem Blick. »Ich bin bereit, dem Mörder des armen O'Sullivan und seiner unglücklichen Schwester Rede zu stehen,« sagte er stolz - »die Wahl dieser Dame ist frei!«
»So ist es,« bestätigte der General. »Es wäre grausam, selbst gegen eine so hartnäckige Feindin der britischen Herrschaft, ihr das Recht der freien Wahl vorzuenthalten. - Oberst Rivers, Sie werden die Güte haben, morgen früh die Uebergabe der Festung zu leiten und mir darüber Rapport zu erstatten«
Der Oberst salutirte. »Ich werde die Ehre haben, Euer Excellenz bei der Gelegenheit mein Abschiedsgesuch zu überreichen.«
Der General nickte kalt. »Ich denke nach Allem, was ich gehört, es wird das Beste für Sie und die Regierung sein. Haben Sie sonst einen Wunsch, Fürstin?«
Sie wies auf den Dechanten. »Wenn Xaria einen Entschluß gefaßt, ist sie gewohnt, ihn zur Stelle auszuführen. Laß den Priester der Christen in einer Stunde bereit sein, dem Faringi-Offizier mich zu eigen zu geben für Leben und Tod; ein Priester meines Glaubens wird dabei sein. - Habe Dank, Sahib, für Deine Gerechtigkeit, und möge Wischnu der Erhalter Dein Leben verlängern.«
Sie grüßte wie sie gekommen und kehrte in derselben Weise zur Burg zurück, wo sie sich mit dem alten Sirdar, dem sie den Befehl ihrer Krieger anvertraut hatte, in das innerste ihrer Gemächer einschloß.
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Der Entschluß der Rani war so plötzlich, so unerwartet gekommen, daß man auf beiden Seiten davon betäubt war. Selbst Delafosse wagte kaum an diese Erfüllung seiner glühendsten Wünsche zu glauben und die lebhaften Glückwünsche seiner Kameraden entgegen zu nehmen. General Campbell war der Meinung, daß Ehrgeiz und Stolz die indische Fürstin zu dem raschen Entschluß vermocht hätten, indem sie es nicht hätte ertragen können, von dem Fürstensitz herabzusteigen, um sich unter der Masse der Unbedeutenden zu verlieren, vielleicht auch die Furcht, zuletzt doch noch zu einer Verbindung mit dem ihr persönlich verhaßten Residenten getrieben zu werden. Die Sache war ihm im Grunde gleichgültig, wenn nur der Widerstand der Redellion auch in dieser Gegend so rasch als möglich beseitigt und das Gebiet der Rani als Schutzstaat den Besitzungen der Krone einverleibt wurde. Er gab daher den Befehl, an der Stelle der Zusammenkunst Alles zur Trauung bereit zu machen und beseitigte mit dem Hinweis auf zahlreiche frühere Fälle und die Sitten des Landes die Bedenken des Dechanten.
Während diese Vorbereitungen auf englischer Seite getroffen wurden, denen sich nur der Resident grollend entzog, bereiteten die indischen Diener der Fürstin auf ihren Befehl Alles zu einer jener schwelgerischen Festlichkeiten, mit denen die reichen und vornehmen Indier ihre Hochzeiten zu begehen pflegen, und an denen das ganze Volk theilnimmt. Trotz der blutigen Katastrophe, welche die Stadt betroffen und des Drucks der bereits mehrere Wochen dauernden Belagerung, kamen plötzlich
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Menschenmassen zum Vorschein; Tänzerinnen, Gaukler und Spielbanden schlugen ihre fliegenden, meist blos in einem Teppich oder einer Bambusmatte bestehenden Bühnen auf, Sänger und Improvisatoren priesen das Glück des Faringi-Offiziers, der die schönste Perle von Hindostan die Seine nennen solle, über die Krischna der göttliche Held selbst sein goldenes Schild geschwungen, und die Schaar der Brahminen mit jener, den Priestern aller Religionen eigenen Elasticität für das Unvermeidliche kamen herbei, die Opferthiere zu schlachten und ihre Ceremonien zu halten.
Es war in der That wunderbar, mit welcher Schnelligkeit in der kurzen Zeit einer Stunde alle diese Vorbereitungen getroffen und vollendet wurden. Tafeln und Teppiche mit Backwerk aller Art, mit Speisen und Getränken, große Gefäße mit Palmwein, Milch und Arak, Rum und Wein wurden für die verschiedenen Nationalitäten und Kasten aufgesetzt und eine besondere Tafel unter dem Zelt, gegenüber dem rasch improvisirten Altar, für den General und die britischen Offiziere zum Nachtmahl aufgeschlagen, denn unter den Vorbereitungen war der Abend hereingebrochen und Hunderte von bunten Lampen erhellten den Platz, auf dem man zwei mächtige Feuer angezündet hatte, in welche Diener von Zeit zu Zeit wohlriechende Harze oder Scheite von Sandelholz warfen; kurz aus der noch am Mittag wüsten Stätte mit allen Spuren blutiger Kämpfe war wie durch Zauberschlag der Schauplatz eines jener glänzenden, alle Sinne verwirrenden indischen Feste geworden.
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Ein Kanonenschuß von den Felsenwällen der Burg, dem sogleich ein anderer aus der englischen Batterie antwortete, verkündete den Beginn der Ceremonie, und wie am Nachmittag näherte sich von beiden Seiten der Zug der Verlobten.
General Campbell selbst gab dem glücklichen Bräutigam das Geleit und diente ihm zum Brautführer. Die Rani, nach der Sitte des Landes in weite Schleier gehüllt, war von zwei Brahminen begleitet und von ihren Dienerinnen gefolgt, während die Männer ihrer Gortschura Spalier bildeten.
Der General selbst trat der Fürstin entgegen und wollte ihr höflich die Hand bieten, um sie dem Bräutigam zuzuführen, aber mit einer leichten Bewegung, gleich als sei dies gegen die Sitte ihres Volkes, lehnte sie dies ab und trat allein zu dem Altar, wo Major Delafosse ihrer bereits harrte.
Es war, als ob der Dechant große Eile habe, die seltsame Trauung zu beenden, denn er hastete sich mit Liturgie und Segen, während schwere Tropfen aus seinen Augen sich über die Wangen drängten. Wohl nur wenige der Zeugen hatten bemerkt, daß der Dechant, als es zum Wechseln der Ringe kam und der Bräutigam jetzt erst bemerkte, daß er keinen bereit habe, selber einen einfachen Goldreif der Braut darbot.
Die Trauung war beendet, die Rani hatte laut und fest das geforderte Ja ausgesprochen, und als der Geistliche die Formel sprach: »Bis der Tod Euch scheidet!« blitzte ihr Auge einen Feuerstrahl auf den erwählten Gatten.
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»Hoheit,« sagte der Dechant, »möge Dein Leben reich an Liebe sein, das ist der Wunsch Einer, deren Gabe in dem Ringe Du trägst, welchen Dein Gatte an Deinen Finger gesteckt und die ihn Dir von ihrem Sterbelager gesendet hat, zu dem ich jetzt zurückkehre, mit dem Freunde ihrer Jugend die letzten Stunden zu theilen. So wechselnd ist das Leben: Hier die Klänge der Hochzeitsfreuden, dort die Gebete für eine Sterbende. Bete auch Du zu Deinem Gott für Arabella Seymour, meine Gattin.«
»Möge sie vorangehen in den Wandlungen Brama's, unsere Geister werden sich als Freunde begegnen, wenn Xaria ihr folgt!«
Alle machten ehrerbietig dem Geistlichen Platz, als er mit tief gesenktem Haupte durch ihre Reihen gehend das Zelt verließ. Die Nachricht, daß der Zustand seiner Gattin sich im Laufe des Tages sehr verschlimmert habe, hatte sich rasch verbreitet.
Die Rani wandte sich nach der Entfernung des Geistlichen zu dem General.
»Ich sollte meinen, daß die Vermählung durch den Priester der Faringi für Deinen Zweck genügt, Sahib; es ist unnöthig, daß die Priester Brama's sie wiederholen.«
»Wenn es Dir genügt, ist die Regierung mit dem christlichen Akt zufrieden.«
»Dann mögen die Faringi sich zum Hochzeitsmahle niederlassen, Xaria erwartet ihren Gatten, und mit der aufgehenden Sonne wird sie bereit sein, die Burg von Ihansi Deinen Kriegern zu übergeben.«
Sie neigte sich tief vor dem General und ihrem Gatten,
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dessen Begleitung ihr Wink zurückwies, und verließ in derselben Weise, wie sie gekommen, die Stätte der Trauung unter dem Zuruf des Volkes, indem ihre Entfernung gleichsam eine Last von Aller Herzen zu nehmen schien. Wenige Augenblicke genügten, die gedrückte Stimmung zu verändern, und die Töne der wilden indischen Musik verkündeten den Beginn der Tänze und Schmausereien.
Die Thorflügel der Burg standen offen, als eine Stunde später sich der junge Gatte den wüsten Scenen entrissen hatte und von einigen Kameraden bis zur Schwelle des Thores begleitet, sich hier ihren Scherzen entzog, um das Brautgemach aufzusuchen. Ein strenger Befehl des Generals hatte verboten, daß außer ihm ein Engländer die Burg vor der offiziellen Besitznahme betreten dürfe.
Die Diener und Krieger der Rani erwarteten ihren neuen Gebieter und geleiteten ihn zu dem Gemache, in welchem die Fürstin ihr Brautlager aufzuschlagen befohlen hatte. Es war die Halle im Erdgeschoß, in welchem sie am Morgen die Einladung des britischen Oberbefehlshabers empfangen hatte.
Als der Offizier die Pforte hinter sich geschlossen hatte, verlor sich rasch der Schwarm der Diener und Krieger und Alle eilten dem Platze zu, wo das Volk die Vermählung ihrer Gebieterin, die englischen Soldaten die Hochzeitsnacht ihres Offiziers feierten.
Nur der alte Sirdar, der neue Befehlshaber der Gortschura war zurückgeblieben; er hatte seinen Säbel
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entblößt und saß mit gekreuzten Beinen vor der Thür des Brautgemachs.
Eine einzige von der Decke hängende Lampe erhellte die Halle, die Major Delafosse betreten, und verbreitete einen süßberauschenden Duft. Mitten in dem weiten Gemach bildete ein Haufen von seidenen Kissen und Matratzen das Brautlager, und vor demselben lag das sorgsam bereitete Fell eines riesigen Königstigers, den Kopf ausgestopft, mit weit geöffnetem Rachen und funkelnden Edelstein-Augen, als ob das Thier lebe und wolle eben emporspringen, um sich auf die Ruhende zu werfen.
Auf dem gelben, schwarz gestreiften Fell kauerte eine weibliche Gestalt in ein weites Gewand von weißem, wollenem Stoff gehüllt, Hals und Arme entblößt und mit kostbaren goldenen Perlenreifen geschmückt. Ein ähnlicher Reif, gleich einem Diadem, hielt über der niederen Stirn die dicken Wellen des langen, wie das Gefieder des Raben schillernden Haares umschlossen und ließ sie über den Nacken zurückfallen.
Die schöne Frau, die Heldin von Ihansi, hatte die Stirn in eine ihrer kleinen Hände gestützt. Eine zufällig geöffnete Falte des weißen Nachtgewandes, das um die Hüfte lose von einer goldenen Schnur zusammengehalten wurde, verrieth, daß es ihre einzige Bekleidung war. Der kostbare mit großen Juwelen besetzte Dolch, dieselbe Waffe, die einzige, die sie damals bei der verhängnißvollen Tigerjagd aus der Haudah des wildgewordenen Elephanten dem
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grimmigen Raubthier entgegenstreckte, glänzte in ihrer Gürtelschnur.
Ein ähnliches Gewand wie das ihre lag für den erwarteten Gatten auf einem niederen Sessel in der Nähe des üppigen Lagers. Auf der anderen Seite desselben schien ein kleiner Berg von Kissen oder Kisten aufgestapelt, ohne daß die Gegenstände zu erkennen waren, da eine große rothe Decke sie vollständig verbarg. Auf dieser Decke lag der Säbel der Rani, eine jener schmalen Damascenerklingen von wunderbarer Arbeit, deren Schärfe selbst die Panzer geharnischter Ritter im Mittelalter durchschnitt.
Der junge Offizier schleuderte das Kaskett, das er trug, weit fort und warf sich vor seiner jungen Gattin in die Knie, die Arme zum heißen Umfangen gegen sie breitend.
»Xaria, mein Weib, meine Geliebte! Wie soll ich Dir danken, daß Du meine heiße Liebe erkannt und belohnt hast!«
»Rühre Xaria nicht an, Christ, bis Du ihre Worte gehört. Die Tigerin hat Dich erwartet, aber sie will Dich noch einmal warnen, ehe ihre gierigen Zähne Dein Blut trinken. Weißt Du, daß meine Umarmung den Tod bringt?«
»Ich habe Dir schon ein Mal gesagt, ich würde ihn nicht fürchten an Deinem Herzen. Aber was soll uns das dunkle Gespenst, wo glühendes Leben uns erwartet mit seinen berauschendsten Genüssen. Du bist mein Weib,
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Deine Seele, Dein Leib gehören mir, und keine Macht der Welt soll Dich meinem Arm mehr entreißen!«
»Faringi! Faringi! Geliebter Karias! Tapferer Tigertödter - mische Dein Blut nicht mit dem der Hindostani! Zurück - es ist Dein Tod!«
»Und wäre es! Dein wonniges Leben ist des Todes werth!«
Ihre Hand mit dem Dolch streckte sich ihm entgegen - ein rascher Griff - zur Seite flog die Waffe, - die zuckende Lippe wühlte sich in ihren heißen, ihm entgegenschlagenden Busen. »Mein Weib! mein Weib!«
Und die Tigerin schlang ihre weichen warmen Glieder um den Mann und zog ihn nieder in das Gewirr der seidenen Kissen!
Die Flamme einer anderen Lampe warf ihren dämmernden Strahl auf ein anderes Lager.
Weiche Kissen bildeten es, die Hand der Gattenliebe hatte sie sorgsam geschichtet - nicht zum Brautbett, sondern zum Sterbelager.
Auf den Kissen ruhte Arabella Seymour, die Gattin des Dechanten von Delhi, an beiden Seiten des Lagers hielt ein treuer Freund die abgezehrte, fast durchsichtige Hand der Dulderin in der seinen, hier der Gatte, dessen Leben sie zehn Jahre in treuer, milder Pflichterfüllung verschönt, dort der Geliebte ihrer Jugend - der Mann, der um sie gelitten, gekämpft und - entsagt.
Die Schatten des Jenseits lagen auf den blassen, noch immer schönen und edlen Zügen - über die feinen
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farblosen Lippen dringt zuweilen ein leises Stöhnen der gequälten Brust, von Zeit zu Zeit auch hebt sich wie mit Anstrengung das ihr blaues Auge verschleiernde Lid und durch den Vorhang der langen Wimpern ruht der alte freundliche, versöhnende Blick auf den beiden geliebten Freunden.
Nicht der dämonische, gräuliche Würgeengel ist es, der so oft durch die sonnigen Länder am Ganges mit schwarzen Fittigen zieht und seine Krallen bis weit hinüber in die Gefilde Europa's streckt: es ist der bleiche, zehrende Tod, der auf dem Nebellande im atlantischen Ocean seine traurigen Keime in die frischeste Jugendkraft senkt und langsam aber sicher die Adern leert und den Athem des Lebens verzehrt.
Lange hat sie um das Leben gekämpft, das ihr nur das Glück erfüllter Pflichten bot, bis die Aufopferung einer engelhaften Seele unter den entsetzlichen Leiden von Delhi und Lukhnow ihre letzte Kraft gebrochen und die Engel des Herrn bereit sind, den letzten irdischen Hauch des ›Engels von Delhi‹ hinüber zu tragen in das unermeßliche Reich, wo die ewige Freiheit und Liebe wohnt und keine Völker und keine Gotteslehren mit einander ringen in blutigem Streit.
Stunde auf Stunde vergeht, die treuen Freunde weichen nicht von der Sterbenden; die Kirchen- und Herzens-Gebete des Gatten murmeln wie sanfte lullende Wellen durch das luftige Gemach des halb zerstörten Kiosk, in dem der Befehl des Generals Wohnung für sie geschafft hat, - die zitternde Hand des Kampf und
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Tod gewohnten Kriegers führt zuweilen das weiche Tuch an ihren Mund, den dunklen Blutstropfen aufzuheben, der über die weißen Lippen quillt, und trocknet den Schweiß von der bleichen Stirn.
Und wieder und wieder, matter und matter zwar, aber mit gleichem Dank und gleicher Liebe richten die Augen der Dulderin sich auf die Freunde.
Ueber die fernen Ufer der Dschumna herauf im Osten flammen die ersten Strahlen der Morgenröthe am Horizonte empor; ein Kanonenschuß im Lager der Engländer verkündet den Anbruch des Tages, und die zur Besetzung der Felsenburg bestimmten Compagnien sammeln sich unter dem Klange der Hörner.
Ein leichter Schauder überfliegt die schattenhafte Gestalt, aus der Brust der Kranken quillt es empor, jener furchtbare gurgelnde Ton, den Keiner vergißt, der ihn einmal gehört am Sterbebette eines geliebten Scheidenden, und durch die Luft scheint es zu flüstern: Dank! Dank!
»Allmächtiger! nimm ihn gnädig auf, den reinen Geist in Deine Hände!«
Ein Schluchzen des starken Mannes - seine Lippen drücken die Augen der Todten zu!
Mit klingendem Spiel marschirt die Compagnie der schottischen eilften Füsiliere den felsenumgürteten Hohlweg hinauf zum Thor der Felsenburg.
Die Flügel stehen weit auf, aber kein Posten der Gortschura ist zu sehen - kein Mann der Hindukrieger
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auf den Wällen und Mauern - verlassen selbst die Geschütze, die sie bisher vertheidigt.
Es herrscht eine seltsame Oede und Stille in der Felsenburg der Rani von Ihansi an ihrem Lendemain!
Im Hofe der Burg marschirt die Compagnie auf, der commandirende Offizier läßt den Posten am Thor besetzen, Oberst Rivers schwingt sich aus dem Sattel.
»Beim heiligen Brahma und allen Houris des alten Schurken Mahomed,« sagt er höhnisch, »unser Kamerad scheint dafür gesorgt zu haben, daß die Freuden seiner Hochzeit nicht durch einen kriegerischen Laut gestört werden durften. Schade, daß wir ihn aus dem ersten Schlummer stören müssen, aber ein Soldat muß stets zum Dienst bereit sein, selbst nach einer Hochzeitsnacht! Als jetziger Gebieter dieses Felsennestes und Maharadschah von Ihansi muß er uns die Honneurs machen und die Burg uns übergeben, so lautet der Befehl. Kommen Sie, meine Herren, zur Gratulation!«
Der Oberst geht voran, die drei Offiziere der Compagnie folgen ihm, und sie betreten die Burg.
Auch hier kein Mensch zu sehen - doch halt! - dort vor der Thür der großen Empfangshalle steht ein Krieger - es ist der alte Sirdar, der Führer der Gortschura - er trägt keine Waffen, doch seine Rechte hält eine brennende Fackel.
»Was soll das heißen, Schurke?« fährt der Resident auf Hindostanisch den greisen Krieger an, »warum empfängt uns Niemand, wie sich's gebührt? Lösch die Hochzeitsfackel immerhin aus, das Vergnügen wird längst vorüber
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sein! Wo ist die Rani, Deine Herrin, und - ihr neuer Maharadschah?«
»Sie erwarten Dich, Sahib, und Deine Freunde. Tretet ein!«
Er öffnete die Pforte und ging ihnen voran.
Das junge Licht des Morgens erhellte bereits das weite Gemach. Noch immer nahm das Brautlager die Mitte desselben ein, eine weite faltenreiche Decke war darüber gebreitet, neben ihm stand die Rani in ihrem fürstlichen Schmucke und kostbaren Gewändern gekleidet. Der Sirdar trat an ihre Seite und hielt ihr die Fackel.
Das Antlitz der heldenmüthigen Frau zeigte eine leichte Blässe ihres eigenthümlichen Blutteints, ihre Miene war kalt und stolz.
»Sieh da, Hoheit, schon so früh in vollem Schmuck!« sagte höhnisch der Resident. »Wir kommen also nicht zu früh, um Ihnen und meinem glücklichen Rivalen unsere Gratulation zu bringen und um die Schlüssel dieser Burg zu bitten, gemäß des geschlossenen Vertrages. Aber ich habe nicht die Ehre, Ihren Herrn Gemahl, den neuen Maharadscha zu sehen, oder sollte Major Delafosse sich so sehr angestrengt haben, daß er nicht im Stande wäre, nach beendigter Uebergabe dieses Nestes der Verrätherei an die wahren Gebieter dieses Landes, einen dieser Herren zu empfangen, der beauftragt ist, in meinem Namen einige Worte zu sagen.«
»Major Delafosse schläft!«
»Nun, so bitte ich, ihn wecken zu lassen. Ich habe weder Zeit noch Lust zu warten.«
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»So wecke ihn selbst!«
Ihre Hand wies nach dem Lager zu ihren Füßen.
»Ah, meine Herren, Ihre Hoheit sind sehr gnädig, uns den inneren Anblick eines jungfräulichen Brautbetts zu gewähren. Ich bitte, Herr Major, da Ihre Hoheit Sie bereits verlassen hat, müssen Sie sich schon entschließen, sich nicht länger in Morpheus Arme zu verkriechen!«
Er hob mit kurzem, spöttischem Lachen die Decke des Lagers empor, prallte aber wie vom Blitz getroffen zurück.
»Mord! Verrath! - Verhaftet die Mörderin!«
Auf den Seidenkissen des Lagers ruhte in das weite weiße, mit großen Blutflecken getränkte Nachtgewand gehüllt der Körper des jungen Gatten - das Haupt vom Rumpfe getrennt! Der blutige Säbel der Maharani lag neben dem Todten. Der furchtbare Tod mußte den Unglücklichen im Schlaf, noch träumend von Glück und Liebe, ohne Kampf und Widerstand überrascht haben, denn die Züge des Gesichts, das fast noch die Wärme des Lebens zeigte, waren unverzerrt und weich.
Während der Augenblicke furchtbarer Bestürzung, die sich der Offiziere bei dem schrecklichen Anblick bemeistert hatte, streckte die Rani ihre Hand zur Seite und empfing die brennende Fackel des Sirdars.
»Elender Sclave Deiner Lüste,« unterbrach die klangvolle Stimme der Rani die Pause des Grauens, »glaubtest Du, daß der Leib Xaria's, der Tochter eines freien Volks, dem Feinde ihres Landes gehören könne, ohne die Sühne seines Lebens? Diesen Mann, der hundert Mal hochherziger, als der Beste Deines Volkes, hat Xaria geliebt,
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und dennoch mußte er sterben, weil er ihr Lager getheilt, oder sie wäre entehrt gewesen vor ganz Hindostan. Sagt dem Sahib General, die Maharani habe ihr Wort gehalten und seine Bedingungen erfüllt, damit sie als freie Fürstin dieses Landes sterben könne. Dem Scheiterhaufen der Sotti habt Ihr sie entrissen, - flieht und rettet Euer elendes Leben, ehe sie auf den Flammen-Rossen mit ihrem zweiten Gatten zum Himmel Brahma's emporsteigt!«
Ein Wink von ihr und der Sirdar riß den verhüllenden Teppich von dem Haufen der Ballen zur anderen Seite des Brautbetts, und ein Blick genügte, den entsetzten Engländern geöffnete Fässer und Kisten zu zeigen, die bis zum Rande mit Pulver gefüllt waren.
Ein stolzes, verächtliches Lächeln überflog das Gesicht der Fürstin, während die britischen Offiziere in wilder Flucht aus der Halle stürzten und Verrath schreiend durch den Hof der Burg zum Thor eilten, gefolgt von den in blinder Furcht über einander fallenden Soldaten. Dann beugte sie sich nieder und küßte die Lippen des entseelten Hauptes, das noch vor wenigen Stunden die Gluth der ihren getrunken, und schwang die Fackel.
Ein entsetzlicher Donnerschlag, als ob die Erde in ihren Tiefen berste, weckte den britischen Oberfeldherrn aus seinem Morgenschlaf und schreckte die beiden Freunde der hinübergegangenen Lady aus ihrer Trauer. Mauer- und Felstrümmer stürzten weit umher und Verderben bringend nieder, dunkele Rauchwolken füllten die Luft, während das Jammergeschrei zahlreicher Verwundeter um Beistand rief.
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Als der Qualm und Dampf endlich niedersank, erkannte man erst die große Verwüstung. Die feste Burg der Rani war in die Luft geflogen und Todte und Verstümmelte lagen unter den Trümmern. Dreiundfünfzig verunglückte Engländer wurden aus diesen gegraben, die Zahl der zerschmetterten Indier ist bei der Gleichgültigkeit gegen das Leben derselben unbekannt geblieben.«
»So, Signori,« schloß der Ionier seine Erzählung, »endete die kühne Rani von Ihansi, die Amazone von Hindostan ihr Leben und verlor Marcos Grimaldi in einer Nacht die beiden Freundinnen seines Herzens.
Damit, Signor Conte, wissen Sie auch, warum ich Sie gebeten habe, mich Ihrer Nilfahrt anschließen zu dürfen: es gilt, den Freund aufzusuchen, mit dem ich von Arabella Seymour und Xaria von Ihansi sprechen kann.«
»Also hat General Campbell nach dem furchtbaren Ereigniß,« fragte Capitain Boulbon, »doch wenigstens Wort gehalten und Sie in Freihe t gesetzt?«
»Als der englische Ober-General am Vormittag die zerstörte Burg besichtigte, sagte er achselzuckend: ›Die stolze Närrin hat uns wenigstens das Pulver erspart, ich hätte das Nest doch in die Luft sprengen lassen. Wenn sie mir nur nicht meinen besten Adjutanten mitgenommen hätte! Dieser Schelm Rivers hat bei allen Schlechtigkeiten doch immer Glück mit den Weibern gehabt.‹
Das war die Grabschrift für zwei ritterliche Herzen.«.
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»Also Oberst Rivers war demnach glücklich der Gefahr entronnen?«
Der Condottiere richtete einen ernsten Blick auf den Fragenden. »Es giebt eine ewige Vergeltung, Hoheit, wenn sie oft auch zu spät unseren blöden Augen erscheint. Oberst Rivers wurde lebend aus den Trümmern gezogen und ist, wie ich von Capitain Willoughby gehört habe, dem Leben erhalten geblieben. Aber noch bevor ich Ihansi verließ, sind ihm beide zerschmetterten Arme über dem Ellenbogen abgenommen worden. Es würde zu weit führen, wollte ich Ihnen erzählen, wie Gottes Gerechtigkeit gerade hierdurch eine seiner früheren Thaten gerächt hat. Wer ihn kannte in seinem Hochmuth und Frevel, der weiß, daß für ihn diese Verstümmelung schlimmer gewesen sein muß, als der Tod. Es ist mir unbekannt, ob er noch lebt oder wo er geblieben ist; für die Rache seiner Feinde ist er kein Gegenstand mehr und selbst der Nena, dem er sein Theuerstes geraubt und den er zu dem hassenswerthen Ungeheuer gemacht, das er geworden, hätte kein Recht mehr an ihn.«
»Was mag aus dem Anführer des indischen Aufstandes, den Sie soeben nannten, wohl geworden sein?« fragte der Prinz. »Ich erinnere mich nicht, weiter von ihm gehört zu haben.«
»Nena Sahib oder Srinath-Bahadur, wie man den Maharadscha von Bithoor nannte, ist schon während der Unterwerfung des Audh spurlos vom Schauplatz seiner grausamen Thaten verschwunden. Viele wollen wissen, daß er in der Schlacht von Lukhnow gefallen, Andere
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behaupten, ihn noch später mit zwei Begleitern, Mitgliedern der seltsamen Cohorte, die ihn umgab und die er in früheren Zeiten geworben, gesehen zu haben. Vielleicht ist er in die unzugänglichen Berge von Kashemir entflohen oder irgendwo einem dunklen Schicksal erlegen. Bei dem hohen Preis, den die englische Regierung auf seinen Kopf gesetzt, - etwa hunderttausend Lires nach unserem Gelde - wäre die geringste Spur sicher von den Hetzhunden der Engländer verfolgt worden.«
»So haben Sie wohl bald nach der gänzlichen Beendigung des Aufstandes Indien verlassen?«
»Man begräbt unter diesem Himmel die Todten schnell, Hoheit. Wir legten am andern Morgen die Gattin des Dechanten unter den Palmen Ihansi's in ihr frühes Grab, und unmittelbar darauf mußte ich auf Befehl des Generals und gegen mein Ehrenwort als Offizier Indien, selbst die unabhängigen Staaten direkt auf immer zu verlassen, abreisen. Ich ging über Bombay, wie früher der Herr Graf hier und Doktor Walding, aber statt nach Suez, nach Ormuz und Persien, und kehrte ein Jahr darauf, auf die Nachricht vom italienischen Kriege, über Konstantinopel nach Europa zurück. - Um dem Andenken der Rani gerecht zu werden: ich vergaß Ihnen zu sagen, daß - als wir von der Gruft der Lady Hunter zurückkehrten - eine ehemalige Dienerin der Rani mir als letzten Auftrag ihrer Gebieterin eine verschlossene Cassette von Sandelholz übergab, welche die Aufschrift von der eigenen Hand der Fürstin trug: ›Shanda Xaria von Ihansi ihrem
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treuesten Freund, Marcos Maldigri Khan zum Angedenken und Eigenthum.‹«
»Darf man wissen, was die Cassette enthielt?« fragte neugierig der Prinz.
»Warum nicht Hoheit? - Eine der langen von Perlen durchflochtenen Flechten von der Rani Rabenhaar, Juwelen und Geschmeide im Werth von etwa 2 Lak Rupien - und diesen Dolch.«
Er nahm den letzteren aus der inneren Brusttasche seines Gilets und reichte ihn dem Prinzen zur Besichtigung.
»Cospetto, Signor Generale, eine kostbare Waffe! Scheide und Griff strotzen ja von Rubinen, Türkisen und Smaragden. A propos, Signor - eine Lak Rupie was bedeutet das? Meine numismatischen oder finanziellen Kenntnisse sind nicht bedeutend.«
»Etwas über zweimalhunderttausend Lires, Hoheit,« sagte der Ionier gleichgültig. »Aber der Werth dieser Waffe liegt nicht in den Juwelen des Griffs, sondern in der Klinge, die ein sehr alter Khorassan ist, und - in der Erinnerung!«
»Sie mag allerdings wohl alt sein; hier an der Spitze sind einige schwere Rostflecken.«
»Es ist der Dolch, den - wie mir die indische Dienerin sagte - die Rani am Abend vor ihrer Hochzeitsnacht in ihren Gürtel steckte und den sie am Morgen, als sie sich zum letzten Male schmücken ließ, in jene Cassette legte. Jene Flecken waren damals noch feucht - ich fürchte, Hoheit - dieser Rost ist das Blut eines Freundes
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und tapferen Mannes - ich bitte Sie, lassen Sie ihn immerhin an der Klinge!
Er nahm den Dolch aus der Hand des Prinzen, der ihn eilig zurückreichte, und steckte ihn wieder in die juwelenbesetzte Scheide. Dann wandte er sich ruhig an den Abbate und den Marquis und sagte mit gleichgültigem Ton: »Sie sehen, Signori, daß Marcos Grimaldi weder nöthiges Geld noch eine gute Anstellung im Vatican zu suchen veranlaßt war, als er einem unglücklichen Fürstenpaar seine Sympathien bezeigte.«
Sein scharfes Ohr hatte offenbar die hämische Bemerkung des Geistlichen gehört.
Die Pause einer gewissen Verlegenheit, - während welcher der Prinz nicht ohne Schadenfreude den Abbé angesehen, - wurde durch den Eintritt neuer Personen unterbrochen, denen Dame Spazzoletta die Thür öffnete. Es waren Capitain Chevigné, der Irländer und der Mann, der gekommen war, dem Bruder des geopferten Mädchens sein eigenes Leben zur Sühne zu bieten.
Hinter ihnen kamen zwei offenbar nicht zu der Gesellschaft passende Personen: Master Wilkens, der lange Haushofmeister der Lady Hoghborn, und der Fra Rafaëlo, derselbe junge Kapuziner-Mönch, der bei Castelfidardo den Spion der Piemontesen gemacht und dem Irländer den kräftigen Messerstich beigebracht hatte.18
Es war gewiß nicht ohne Bedenken, daß der junge Frater nach der Schlacht von Castelfidardo, und sobald
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der Verwundete transportirbar war, diesen nach Rom zurückbegleitet hatte, wo Lady Judith ihm die bessere ärztliche Pflege zu geben hoffen konnte; indessen hatte Fra Rafaëlo keinen Augenblick gezaudert, der Bitte der Dame und des Kranken Folge zu leisten, theils weil sich zwischen ihm und dem Irländer eine eigenthümliche Freundschaft gebildet hatte, theils weil sein Charakter keine Furcht kannte. Wir haben diesen Mann und die Beweggründe, die den jungen Priester bewogen hatten, für die sardinische Armee Spionendienste zu verrichten, bereits in der kurzen Unterredung des jungen Mönchs mit General Cialdini am Abend vor der Schlacht und am Wundlager des Irländers zu schildern versucht, und in der That stand diese Gesinnung zu jener Zeit keineswegs vereinzelt da, namentlich unter den jüngeren Klerikern Roms: aufrichtige Religiosität, streng katholische Ueberzeugungstreue neben dem Bestreben, die Kirche von jenem Schmutz und jener Verderbniß gereinigt zu sehen, die schon Luther während seines Aufenthaltes in Rom so tief verletzt und ihn zum energischen, ja fanatischen Reformator gemacht hatte, und die deshalb zunächst die Trennung des Papstthums von der weltlichen Herrschaft anbahnte. Kämpften doch hierfür seit Jahrhunderten die Schriften berühmter Kirchenlehrer von unbestrittener Frömmigkeit und Gelehrsamkeit, und trotz der strengen Censur waren seit dem Jahre 1848 die älteren und neueren Streitschriften selbst in den Collegien der Sapientia sehr verbreitet. Diese täglich mehr wachsende Controverse innerhalb der römischen Geistlichkeit wurde erleichtert und vermehrt durch den politischen Fanatismus,
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und es ist Thatsache, daß von jenen Parteien, welche damals in Rom ihr Spiel trieben: die päpstliche, die piemontesische, die französische, die bourbonische und die mazzinistische oder republikanische, die letztere, die mächtigste von allen, sich unter der niederen und jüngeren Geistlichkeit eines starken Anhangs erfreute. Die Gefahr, welche Fra Rafaëlo durch seine Rückkehr nach Rom lief, war daher keineswegs so groß als es den ersten Anschein hatte, und obschon er keineswegs aus seinen Ansichten ein Hehl machte, hatte er bisher keinen besonderen Schaden davon gehabt, vielleicht, weil er unter der Menge ähnlicher Bestrebungen zu gering erschien oder zu wenig die Aufmerksamkeit der Machthaber auf sich gezogen hatte, vielleicht auch, weil man sein eifriges Bestreben kannte und zu benutzen dachte, eine Dame von so bedeutendem Vermögen wie Lady Judith Hoghborn in den Schoos der katholischen Kirche zurückzuführen. Sein Verkehr mit Lieutenant Terenz O'Donnell war daher keiner Beschränkung unterworfen und man hatte seit Eintritt der milderen Witterung den riesigen Irländer nicht selten mit der kleinen schwächlichen Figur des jungen Mönchs auf der Terrasse des Monte Pincio spazieren sehen, theils in Begleitung der Lady, theils selbst ohne dieselbe; denn seltsamer Weise hegte selbst Lady Judith, eine starre Protestantin und Bekämpferin aller Bemühungen, sie zu bekehren, ein so großes Vertrauen zu dem jungen Priester, daß sie ihm allein den doch so mühsam eingefangenen Verlobten anvertraute, der so große Lust hatte zu echappiren.
Sir Terenz O'Donnell war auf dem besten Wege,
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alle seine frühere Frische und Kraft wieder zu gewinnen, in der wir ihn am Abend von der Schlacht von Castelfidardo auf dem Plateau von Loretto kennen lernten; seine mächtige Gestalt ragte mehr als zwei Köpfe hoch über die kleine Figur des jungen Kapuziners hinaus, aber er warf häufig einen Blick fast zärtlichen Wohlwollens auf den kleinen Geistlichen herunter. Jetzt freilich waren die kräftigen Lippen seines breiten Mundes fest auf einander gepreßt und auf seiner niederen, breiten, einem Stierschädel nicht unähnlichen Stirn lagen Falten halb trübsinnigen, halb entschlossenen Charakters. Er hielt mit der linken Hand den Arm des Mannes, der neben ihm ging, wie in einer Fessel fest, während er auf den Tisch zutrat, an dem sich alle Anwesenden erhoben hatten.
Dieser Mann, den der Riese so krampfhaft festhielt, war der frühere preußische, zuletzt piemontesische Lieutenant von Arnim. Das damals hübsche männliche, obschon etwas verlebte Aeußere des jungen Offiziers hatte eine fast unheimliche Verwandlung erfahren. Sein niemals volles Gesicht war von einer Hagerkeit geworden, daß es fast hohl aussah, und die großen blauen Augen lagen tief eingesunken und hatten einen so starren, theilnahmlos vor sich hin gerichteten Blick, daß er gar nicht die einzelnen Mitglieder zu sehen schien. Statt des früheren zierlichen Schnur- und Kinnbartes deckte ein wilder, ungepflegter Vollbart den unteren Theil seines Gesichts und keine Spur in seiner einst so knappen und eleganten Haltung verrieth mehr den ehemaligen Offizier. Obschon er kaum die Dreißig überschritten hatte, lag etwas völlig
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Geknicktes, fast Greisenhaftes in der ganzen Gestalt und dem entsprach auch die Kleidung, die er trug, zwar keine Klausner- oder Mönchskutte, aber ein weiter dunkler, bis zum Hals zugeknöpfter Rock vom einfachsten Schnitt.
»Gentlemen,« sagte der Irländer mit einem kurzen Nicken, »ich habe zwar nicht die Ehre, Sie zu kennen, mit Ausnahme des wackeren Burschen aus den Bergen da,« - er wies auf den Briganten - »aber dieser Herr hier, Capitain Chevigné, hat mich versichert, daß eine Gesellschaft von Cavalieren hier versammelt wäre, und so hat sich Terenz D'Donnel Esquire - obschon die Squireschaft längst der Teufel geholt hat! - also so habe ich mich entschlossen, Ihnen einen Fall vorzulegen zu Ihrer Entscheidung als Ehrenmänner, der bei San Patrik schwer mein Herz bedrückt, als läge alle der ganze Mount Shannon darauf, und als solle es niemals wieder einem lustigen Galopp über die Ennishaide hinter dem Fuchs drein entgegenpochen. Und was ich Ihnen zuvor sagen will, Gentlemen, es giebt da oben eine Lady, die, obschon sie der anglikanischen Kirche angehört oder vielleicht gar eine Presbyterianerin ist und niemals zur Messe geht, woran gewiß Pater O'Hary das größte Aergerniß nehmen wird, doch zehntausend Mal klüger und besser ist, als dieses ganze Land hier und halb Irland dazu, die den größten Antheil an der Sache und Ihrer Entscheidung nimmt - geht einmal dort von der Thüre weg, Master Wilkens, es ist nicht nöthig, daß Ihr sie bewacht, wie ein Hühnerhund ein Volk Rebhühner in Mutter Neales Haferfelde! - ich habe versprochen, vernünftig zu sein und
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Fra Rafaëlo zu folgen und deshalb - Akuschla, mein Liebling - zeigt uns die Kehrseite von Eurem langweiligen Aeußeren und sagt Eurer Gebieterin, daß wir uns hier in guter und anständiger Gesellschaft befänden, sie brauche also keine Sorge um mich zu haben!«
Der lange Haushofmeister verzog keine Miene in dem alten faltigen Gesicht, nur daß er dem jungen Kapuziner bedächtig zunickte, und dann verschwand er durch die äußere Thür.
Jetzt zum ersten Male ließ Sir Terenz den Arm des Offiziers fahren, kraute sich mit den Fingern in dem wirren Kraushaar des Schädels und fuhr dann, einen Blick umherwerfend, mit ziemlich kläglichem Ton fort: »Sie müssen wissen, Gentlemen, die arme Mary war eine verteufelt schmucke und wackere Dirne, und sie hat mir auch ihre Einwilligung gegeben zu meiner Verheirathung mit Miß Judith! freilich etwas spät, wie das so Art der Weiber ist, die immer ihren Kopf haben müssen. Das arme Ding, sie hätte gewiß gern auf meiner Hochzeit hier mit Fra Rafaëlo einen guten irischen Hopser getanzt! Heilige Jungfrau, es hat nicht sein sollen, und nun ist sie eine Capitana gewesen und soll ganz wunderbar courageuse Dinge gethan haben. Aber, heiliger Patrik, darum handelt es sich nicht, sondern darum, ob ich meiner Schwester Mary zu Ehren« - und der große Mensch wischte mit dem Rücken seiner mächtigen Hand die Thränen aus den Augen - »diesem Mann hier, wie er gern haben möchte, eine Kugel durch den Schädel schießen soll, oder ob ich ihn für den besten Freund der O'Donnels erklären und
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ihm dafür danken muß, daß er die arme Mary vor einem niederträchtigen Schimpf bewahrt hat!«
Diese eigenthümliche Appellation und Trauer des großen, ungeschlachten und doch ersichtlich tief bewegten Menschen machte einen schweren Eindruck auf die Tafelrunde, namentlich, als er jetzt den mächtigen Kopf auf die auf den Tisch gelegten Arme niederbeugte und in lautes Aufschluchzen ausbrach.
»Sir Terenz,« sagte der Capitain Chevigné mit halblauter Stimme, »ist ein eigenthümlicher Charakter und Sie müssen ihn danach beurtheilen. Ich weiß nicht, ob Sie bereits wissen, weshalb ich es für Pflicht ansah, diesen Herrn hier auf dem Wege zu begleiten, den er für seine Pflicht hielt. Im ersten Augenblick glaubte ich, er wollte ihn zerreißen, wie ein Tiger, der auf seine Beute fällt, - aber ein Wort der Lady, die eine ebenso seltsame Dame ist, wie er als Mann, zähmte ihn. Und als ich ihm sagte, daß hier ein Kreis ehrenwerther Männer, Offiziere und Edelleute zufällig versammelt sei, fügte er sich wie ein Lamm dem Rath der Lady, einer Jury solcher Männer den Fall vorzutragen und von ihrer Entscheidung abhängig zu machen, ob und wie er den Tod seiner armen Schwester an diesem unglücklichen Mann hier zu rächen habe. Lassen Sie mich Ihnen den traurigen Fall erzählen, dessen hilfloser Zeuge ich leider sein mußte!«
»Capitano Tonelletto,« sagte der Abbé, »hat uns bereits die Sache ausführlich mitgetheilt und unser reges Mitgefühl erweckt. Aber gewiß denkt Signor O'Donnel nicht daran, für eine Handlung, die, wenn auch übereilt, doch
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gewiß nur aus den edelsten Absichten hervorgegangen ist und so schwer bereut wird, an einem Manne eine unchristliche Rache zu nehmen, der bereit ist, sie durch schwere Buße im Dienst der heiligen Kirche zu sühnen. Was Sir Terenz betrifft, so weiß ich auf das Bestimmteste, daß Se. Eminenz der Herr Kriegsminister bereits befohlen haben, seine Verdienste mit Ueberspringung der nächsten Charge durch das Patent als Maggiore anzuerkennen.«
Die salbungsvollen Worte des Jesuitenschülers schienen wenig dem Geschmack und dem Geist der Männer zu genügen, und selbst der Brigantenchef murmelte etwas von den heiligen Gesetzen der Blutrache, obschon es ihm um den Luogotenente Armenio leid thue, der sich bei den Vorgängen auf dem Monte Turchio als ein wackerer Mann erwiesen habe, der es verstanden, dem Tode in's Auge zu sehen.
Der Irländer aber hob den Kopf von den Armen, trocknete sich die Augen und sagte wild: »Der Teufel hole Ihr Majorpatent, Mann! Ich mag kein Major sein in einer so schuftigen Armee, die beim ersten Kanonenschuß davon läuft, wie eine Hammelheerde wenn der Wolf kommt! Der würdige Bruder hier, der zwar ein Pfaffe ist, aber ein tüchtiger Bursche, hat mich darüber aufgeklärt, daß wir den Teufel für die heilige katholische Religion uns hier todtschießen und todtstechen lassen, die Niemand zu kränken denkt, sondern blos dafür, daß die Mönche und Cardinäle sich mästen, die weltlichen Potentaten spielen und ehrlichen Leuten das Fell über die Ohren ziehen, statt das Gelübde der Armuth und Keuschheit zu erfüllen.
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Beim Riesen Fingal, Rafaël hat Recht, die Glatzköpfe stecken ihre Finger viel zu viel in anderer Leute Töpfe und die römischen Ehemänner haben nicht unrecht, wenn sie vorziehen, ihre Kinder allein zu machen. Kehre nur Jeder vor seiner Thür und so will ich Lady Judith heirathen und mit ihrem Gelde im grünen Irland einen guten Stall und eine tüchtige Fuchsmeute halten, und zu Gunsten ehrlicher Paddys den verdammten englischen Torrys im Parlament das Leben sauer machen, - sobald ich nur ...«
Ein schlimmer Blick des Abbate hatte den Mönch getroffen, als der Irländer von der durch ihn veranlaßten Sinnesänderung sprach. »Ich will nicht hoffen,« sagte er, daß dieser ehrwürdige Bruder einem so tapferen Krieger der Kirche die schlimmen Lehren jener Aufrührer einflößt, die auf den Umsturz aller geheiligten Ordnungen in Kirche und Staat hinarbeiten! Die Herren Kapuziner stehen allerdings nicht im besten Ruf und es ist Zeit, daß ihr Ordensgeneral zu einer schärferen Zucht veranlaßt wird!«
»Der Signor Abbate,« sagte der junge Mönch, entschlossen den Handschuh aufnehmend, »weiß sicher, daß wir armen Söhne des heiligen Franciscus zu dem Gelübde der höchsten19 Armuth verpflichtet sind und wird es daher erklärlich finden, daß wir den weltlichen Besitz der Kirche und ein Blutvergießen um solchen nicht für einen
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Glaubens-Artikel unserer heiligen katholischen Religion halten.«
»Ich habe nicht die Ehre, der geistliche Corrector und Gewissensrath des Frater zu sein,« entgegnete der Abbate hochmüthig, »indeß sollte ich meinen, daß von jeher die höchste Pflicht aller gläubigen Katholiken ohne Unterschied der Nationalität gewesen ist, der bedrängten und in ihren heiligen Rechten bedrohten Kirche auch mit den weltlichen Waffen zu Hilfe zu kommen!«
»Ganz sicher, wenn es sich um eine Bedrängniß der Kirche selbst, zum Beispiel durch die Ungläubigen oder die Ketzer handelt,« entgegnete streitfertig der Mönch, »aber hier handelt es sich nur um weltliche Macht und politisches Territorium ...«
Es wäre wahrscheinlich zu einer heftigen Controverse zwischen den beiden geistlichen Kampfhähnen gekommen, wenn nicht der Gegenstand selbst, der sie veranlaßt hatte, dazwischen gefahren wäre.
»Heiliger Patrik,« sagte er, - »die Kuttenträger bleiben sich überall gleich, und Pater O'Hary vergiebt eher eine Todsünde, als daß ein ehrlicher Kerl einmal von dem Pfarracker ein Gericht Kartoffeln stiehlt, um seinen Hunger zu stillen, und drum mag das geistliche Eigenthum wohl auch ein Glaubensartikel sein. Aber Freund Rafaël hat nichts desto weniger Recht, wenn er meint, die verdammten Spitzbuben von Piemontesen wären im Grunde doch auch katholische Christen, und wir würden besser thun, die Italiener das unter sich abmachen zu lassen, grade wie wir in Galway bei einer guten
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Wahlschlägerei am Leichtesten fertig werden, wenn die Constabler sich nicht drein mischen, die dann von rechtswegen von beiden Seiten die härtesten Schläge zu bekommen pflegen. Ich habe zwar einen ziemlich harten Kopf, aber so wahr ich Terenz O'Donnell heiße, das habe ich doch begriffen, daß Paddy ein großer Narr ist, für anderer Leute Interessen die Finger in's Feuer zu stecken, während er zu Hause Gelegenheit genug hat, sie sich zu verbrennen, wenn's ihn danach juckt!«
Die derbe Philosophie, deren absichtsloser scharfer Stachel doch gar Manchen in der Gesellschaft traf, verursachte eine längere Stille, da die Meisten nicht recht wußten, ob sie darüber lachen oder sich ärgern sollten. Die halb verlegene Pause unterbrach nur das Erheben des Abbate, dem die Wirthin einige Worte zugeflüstert hatte, worauf er rasch seinen Platz verließ, und indem er dem Kapitain Tonelletto winkte, ihm zu folgen, das Gemach durch die äußere Thür verließ.
Seine Entfernung schien übrigens für die Meinungsäußerung der Gesellschaft eine gewisse Erleichterung.
»Sir Terenz,« sagte der Grieche, »was Sie da sagen, hat zwar sein Wahres, kann aber als Grundsatz einem Mann von Muth und Gefühl doch nicht so allgemein als Richtschnur gelten. Das Vaterland hat allerdings das erste Recht an uns und Schmach Dem, der seinen Ruf nicht hören wollte. Aber manche hohe und edle That in der Geschichte des Menschengeschlechts wäre ungethan geblieben, wenn die Begeisterung allein den Interessen und dem Ruf des Landes unserer Geburt gehören dürften! Denken Sie an die Zeit
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der Kreuzzüge zurück, wo Tausende ihr Leben opferten, um den Heiden die Grabstätte unseres Erlösers zu entreißen, denken Sie an die tapferen Ritter von Rhodus und Malta, an Lord Byron auf den Wällen von Missolunghi, sehen Sie auf jene Männer hier, die ihr Leben muthig einsetzten für die letzte Burg eines königlichen Geschlechts, erinnern Sie sich an den edlen Lafayette, der einem mißhandelten Volke seine Freiheit erkaufen half, und Sie werden selbst sich sagen, daß es erhabene Zwecke giebt, für die jeder Mann sein Blut mit Ehren einsetzen darf. Ich halte das Verfahren der piemontesischen Politik für perfid und verächtlich, und ich selbst würde mit meiner schwachen Kraft dem Helden von Gaëta zu Hilfe geeilt sein, wenn König Franz sich hätte entschließen können, selbst die Fahne einer großen italienischen Nationalität aufzupflanzen, was ihm früher nahe genug gelegt worden ist, statt daß sie jetzt zum Vorwand eines Rivalitätenkampfes der Dynastien geworden ist und dem Meistbietenden zugeschlagen wird. Aber den Zweck, für den Sie Ihr Leben eingesetzt, den kann ich nicht für einen jener großen und erhabenen ansehen, der Helden schafft und Märtyrer, denn ich habe lange genug in Italien gelebt, um zu wissen, daß der weltliche Besitz der Kirche kein Heil für eine Nation und keine Idee ist, fähig diese Nation zur Einsetzung des eigenen Blutes zu begeistern, und in dieser Beziehung muß ich der Ansicht jenes jungen Klosterbruders zustimmen. Der Gedanke der Nationalität ist ein großer, gegenwärtig die Welt bewegender, wenn er als Feuerbrand auch zunächst von einer unreinen Hand in diese wogende Welt
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geschleudert wurde. Ueberall drängt es und kämpft es für eine neue Staatenbildung auf der Grundlage dieser Idee, gleichviel ob durch Königthum oder Republik; sehen Sie auf Frankreich, Spanien, Deutschland vor Allem, auf die slavischen Stämme, selbst in Griechenland hebt sich auf's Neue die Bewegung der Zusammengehörigkeit und der Losreißung von dem englischen wie von dem türkischen Joch, - und weder die Diplomatie noch die Kanonen fremder Mächte werden auf die Dauer das Drängen einer Nation nach Einigung und Selbstständigkeit unterdrücken können. Die Völker schreiten vorwärts, ein Rückdrängen in alte Fesseln ist nicht mehr möglich, und wer nicht den rollenden Wagen mit kräftiger Hand in die richtigen Bahnen zu leiten vermag, wird unter seinen Rädern zermalmt werden. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht und über die Rechte selbst der edelsten Fürsten gehen die Rechte der Völker. Fragen Sie sich, die Sie italienische Zustände gesehen, in Rom, in Neapel, in den kleinen Fürstenthümern, ob Sie im Ernst wünschen können, eine große Nation wieder in die Hände einer feilen Camarilla, einer geilen verdummenden Pfaffenherrschaft zurückgedrängt zu sehen.«
»Aber - ich will Ihnen die Berechtigung vieler Klagen und Schäden zugeben,« sagte der Prinz nach längerer Pause, in der er nachdenkend vor sich niedergeblickt, - »wird die neue Herrschaft das Volk besser und glücklicher machen? Sehen Sie sich um in der Welt, wo ist Wahrheit, wo ist Gerechtigkeit? Auch die Könige sind nur Menschen, aber ihre Schwächen sind doch die eines
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Einzelnen, während ein von Vielen beherrschtes Volk die Fehler und Interessen Vieler zu tragen hat. Ein Zusammenstoß Ihrer Nationalitäten, den unter den jetzigen Verhältnissen die Politik der Dynastieen in den meisten Fällen zu vermeiden oder zu beschränken wußte, wird bei diesen Prinzipien nicht zu vermeiden sein, und ein Kampf der Nationalitäten ist stets ein furchtbarer gewesen.«
»Ich sehe, Euer Königliche Hoheit haben über jene Fragen selbst tief nachgedacht, aber Sie vergessen Eines.«
»Und das ist?«
»Was eine Nation für ihre Selbstständigkeit und Freiheit einsetzt, ist ein gern getragenes Opfer und führt stets zu festerer Einigung. Die Karte der Welt ist immer mit Blut geschrieben worden, aber wo die höchsten Interessen, die Freiheit und Selbstständigkeit der Völker die Aussaat des Blutes verlangten, da ist die Ernte zuletzt immer eine gesegnete geworden. Ich zweifle keinen Augenblick, daß schwere und blutige Kämpfe und Umwälzungen in den nächsten zwanzig Jahren Europa bevorstehen; aber die Schicksale der Völker führen zuletzt doch zu einer friedlichen Entwickelung, denn sie liegen in der Hand Gottes und nicht in den Händen der Könige und der Priester!«
Während die Unterhaltung sich in dieser Weise den idealeren Fragen der Politik zugewendet, hatte Don Juan, der sich verteufelt wenig um diese kümmerte, seine Aufmerksamkeit auf Donna Sybille gerichtet, die eben einen neuen Vorrath von Flaschen herbeischaffte und eine sehr besorgte Miene aufgesetzt hatte.
»Schönste Credenzerin des köstlichen Traubensaftes -
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ich weiß beim Himmel nach gewissen lieblichen Kennzeichen nicht, ob ich Sie als Hebe oder Ganymed anreden soll,« - er hatte sie scherzend umfaßt und in eine Ecke gedrängt, was sich Dame Spazzoletta äußerst gern gefallen zu lassen schien - »Ihr feuriges Auge verräth eine gewisse Unruhe - es ist doch nichts Schlimmes vorgefallen, was uns so lange Ihrer holden Gegenwart beraubt hat? - ich möchte wohl eine kleine Frage an Sie richten!«
»Tausend für eine Excellenza,« sagte sie knixend. »Es wird mich unendlich glücklich machen, einem Cavaliere von Ihrer Liebenswürdigkeit dienen zu können.«
»Nun denn im Vertrauen, schönste aller Weinspenderinnen - ist vielleicht diesen Abend ein Herr mit Damen in diesem ganz vortrefflichen Hause eingekehrt?«
»Ein Herr mit Damen, Signore?«
»Nun, wenn es auch gerade kein Cavalier ist - kurz und gut, hat vielleicht ein gewisser Matteo die Ehre, von Ihnen gekannt zu sein?«
»Matteo? Oh Excellenza, ich habe wohl hundert Matteo's unter meiner Bekanntschaft - versteht sich in allen Züchten und Ehren!«
»Bei der heiligen Tiara - ich habe niemals daran gezweifelt - dieser Signor Matteo hat noch einen anderen Namen - ich glaube Fontana?«
Sie sah ihn halb erschrocken an - »Oh Signore ...«
»Und damit wir keinem Namensvetter ein Unrecht anthun: ich meine den Signor Matteo Fontana, der den Beinamen il religioso führt!«
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Die spröde Ostessa konnte sich nicht enthalten, zwei ihrer dicken Finger geschwind auf die Lippen des galanten Fragers zu drücken. »Um der heiligen Madonna willen - Excellenza leise, leise, daß man uns nicht hört - was hat ein Principe wie Sie mit einem solchen Manne zu thun! Meine Betole ist eine vom besten Renommée und ich weiß von Gesellen Nichts, die in so schlechtem Ruf bei der hohen Obrigkeit stehen! Es könnte mich meine ganze Kundschaft kosten!«
»So - und die Signori da drinnen?«
Er wies mit dem Daumen nach dem Nebengemach.
»Oh Excellenza, die Signori da drinnen sind ehrliche Briganti - die stehen mit der hohen Polizei auf dem besten Fuße! Aber ein Birbante, ein gewöhnlicher Ladrone! Pfui Excellenz, was denken Sie von einer honneten Frau!«
»Nun das ist schade - ich hätte gern den Signor Fontana gesprochen, dessen Ruf doch wohl nicht so schlimm sein kann, da er mir selbst gesagt hat, hier nach ihm unter dem Namen il religioso zu fragen.«
Signora Spazzoletta sah ihn ganz erstaunt an. »Und er hätte wirklich Euer Excellenza dazu beauftragt?«
»Nun zum Teufel ja - er wollte mich hier treffen. Aber da Sie keinen Mann dieses Namens kennen ...«
Die kleine Wirthin schien noch immer mißtrauisch. »Nun - Excellenz - in einer öffentlichen Wirthschaft muß man allerdings so viele Personen sehen - und es ist da vorhin ein fremder Mann gekommen ...«
»Allein?«
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»Nein, Excellenza!«
»Vielleicht mit zwei Damen?«
»O, Sie Schelm!« Das Gesicht der kleinen Wirthin war auf einmal ganz Vertrauen.
»Beide als Landmädchen gekleidet - aber die Eine eine Dame!«
»Oh benissimo, ich hatte es gleich weg, auf den ersten Blick! Ich sehe, daß Euer Excellenz im Vertrauen sind, - warum haben Sie mir das nicht gleich gesagt!«
»Und wo sind die beiden Signorina's?«
»In meiner besten Putzstube, - die armen Dinger waren ganz verstört von dem Schrecken!«
»Was für ein Schrecken?«
»Nun, von dem Lärmen, - haben Excellenza vorhin nicht schießen gehört!«
»Keinen Ton!«
»Bei der Madonna - ich auch nicht! Aber es ist freilich auch etwas weit von dem Leontino bis zum Circo Maximo!«
»Also beim Circus?«
»Signor Matteo erzählt es. Die Repubblicani's sind mit den Franzosen in Streit gerathen und sie schlagen sich noch in den Straßen. In dem Lärmen und Gedränge sind die Signorina's in Gefahr gewesen, und Signor Matteo hat sich ihrer angenommen und sie vorläufig hierher gebracht ...«
»Wo sie hoffentlich für diese Nacht ein sicheres Unterkommen finden werden und ungesehen bleiben?«
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»O, Excellenza, was sind Sie für ein Schalk! ich bin eine ehrbare Frau!«
»Die einen Kuß und eine Hand voll Scudi's in allen Ehren hoffentlich nicht verschmähen wird, wenn es gilt, ein armes, hübsches Mädchen zu verstecken, die ein alter Geck von Vormund mit Gewalt selbst Heimchen will!«
Dame Spazzoletta hob sich gravitätisch auf den Zehenspitzen, ihre Augen funkelten förmlich vor Vergnügen, bei einer solchen Liebes-Intrigue helfen zu können. »Bello, bellissimo! und Euer Excellenza haben sie also durch Matteo entführen lassen?«
»Versteht sich - es war Alles verabredet!«
»Das ist etwas Anderes; ich dachte schon, es wäre wie bei der Anderen ... die der Signor Abbate ...«
»Welche Andere?«
»O, Nichts! - ich bin eine Schwätzerin; - Euer Excellenza werden begreifen, die Herzen der geistlichen Herren sind auch nicht von Stein, und wenn man mich auch nicht in's Geheimniß gezogen hat, die Sybilla hat es auf der Stelle weg gehabt, als die Signori zusammen kamen, daß ich die Ehre hatte, darunter einen geistlichen Herrn zu bewirthen.«
»Abbé Calvati? - Verdammt!«
»O, Excellenza, ich kümmere mich nicht um die Namen, - ich bin blos meinem Beichtvater Rechenschaft schuldig, und das ist ein vernünftiger Mann!«
»Zum Teufel! - dieser spionirende Abbé hat die beiden Signorina's doch nicht etwa schon gesehen?«
»Wo denken Sie hin, Excellenza - die Spazzoletta,
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wie die Schelme mich nennen, weiß was Discretion ist - und daher kümmere ich mich auch um die Andere nicht, mag sie doch thun, was sie will - ich bin für die ganze Etage bezahlt worden und drücke verständig die Augen zu. Nein, Excellenza, die Colombaia hat mehr als einen Eingang, und so vortrefflichen Cavalieren, wie Sie und Ihre Freunde, werde ich stets zu Diensten stehen. Ahi! daß ich noch einmal jung wäre!« und sie warf dem Grafen einen überaus schmachtenden Blick zu.
»Zum Teufel - aber wo steckt der Signor Matteo?«
»O, Excellenza, Sie brauchen nur die Gardine da aufzuheben, er sitzt seit einer Viertelstunde bei seinen Kameraden.«
Der Graf schaute durch das Fensterchen. »Aber ich sehe Niemanden, als den Capitano Gentrilli mit seiner Frau und einen alten Fiacrekutscher ...«
»Si, si - der Schelm weiß sich vortrefflich zu verkleiden, gerade als ob der Carneval das ganze Jahr dauerte.«
»In der That, ich muß Signor Matteo mein Compliment machen; - aber, schönste Ostessa, ich muß ihn sprechen in einer dringenden Angelegenheit und im Geheimen, ohne daß die Gesellschaft etwas merkt!«
»Keine Sylbe! wollen Euer Excellenza nicht einmal einstweilen die hübsche Donna besuchen?«
»Später - ich darf jetzt meine Freunde nicht aufmerksam machen, sie sehen ohnehin schon mit neidischen Blicken herüber! Geben Sie mir nur einen Wink, verführerischte aller verführerischen Wittwen!« und er
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versuchte ihre Taille zu umfassen, mußte sich aber mit dem fetten Nacken begnügen.
»Gehen Sie doch, Sie Bösewicht! man darf den Männern niemals trauen!«
Die politische Debatte an dem großen Tisch der Gesellschaft hatte bisher das kleine Zwischenspiel glücklich verdeckt, als aber jetzt die kleine Wirthin mit einer überaus komischen Koketterie sich aus der galanten Umarmung wand und verschämt wie ein junges Mädchen von sechszehn Jahren ihr breites Gesicht mit dem Schürzenzipfel bedeckend aus dem Zimmer huschte, brachen die Meisten in ein helles Gelächter aus.
Sir Terenz schaute sich mit grimmiger Miene um. »Der Teufel soll mich holen,« brüllte er, mit der Faust auf den Tisch schlagend, »wenn das nicht eine Beleidigung für meines Vaters Sohn ist, daß Sie mein Herzeleid noch auslachen, Gentlemen, so soll mir niemals mehr ein Glas gesegneten, unversteuerten Whisky's durch die Kehle kommen! Also heraus, Gentlemen, mit der Sprache, wer von Ihnen stellt sich mir auf die Mensur? denn daß Terenz O'Donnell für seinen Seelenfrieden und um der armen Mary ihre Ruhe im Grabe zu sichern Jemanden todtschießen, oder die Peterskirche in Brand stecken oder Judith Hoghborn heirathen muß, das werden Sie doch selber wohl einsehen!«
»Dann dächte ich, Sir, Sie versuchten's mit der Heirath, denn keiner dieser Herren hat Sie durch das zufällige Lachen, das keinen Bezug auf Sie hatte, beleidigen wollen!« sagte der Prinz.
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Der tolle Irländer kraute sich in den Haaren. - »Muscha, aber was soll ich mit dem Manne hier machen, der noch immer neben mir steht, wie ein jammervolles Schattenbild? Er hat doch meine Schwester, meine einzige Mary erschossen, und ...«
Die Augen des Irländers begannen wieder roth zu funkeln und seine gewaltigen Fäuste ballten sich, als wolle er mit einem Schlage den blassen Mann neben ihm todt zu Boden strecken.
Der Ionier hatte sich erhoben und trat zu den Beiden, indem er die Hand auf die Schulter des Irländers legte und das Glas dem ehemaligen piemontesischen Offizier entgegen streckte.
»Sir O'Donnel, Sie haben die Entscheidung einem Kreise von Männern anheimgegeben, welche gewohnt sind, die Ehre über das Leben zu stellen und Ihnen durch meinen Mund sagen: es giebt Thaten, deren Beurtheilung außerhalb der menschlichen Gesetze steht; danken Sie diesem Manne, daß er den Muth hatte, statt ein Mörder zu werden, Ihre Schwester ohne Schmach zum Himmel zu senden! Sein Leid wiegt schwerer als das Ihre. Sprechen Sie das Wort des Dankes in dem Worte der Vergebung und lassen Sie ihn in Frieden ziehen zu seinem traurigen Loos. Ich weihe dies Glas dem Andenken einer Märtyrerin und dem Trost eines ehrenhaften Soldaten!«
Und rings um den Tisch leerten schweigend die Männer die Gläser bis zum letzten Tropfen und setzten sie nieder; der junge Kapuziner aber nahm die Hand des
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Preußen und legte sie in die des Irländers. »Scheidet in Frieden für dieses Leben!« Er führte den Trauernden zur Thür, wo er ihn Master Wilkens übergab, der ihn aus dem Gemach geleitete, worauf jener mit einigen Worten den fragenden Blick des Capitain Chevigné beruhigte.
»Lassen wir die Todten ruhen nach Soldatenweise und halten wir uns an das Leben, Sir Terenz,« sagte ermunternd der Prinz, dem Irländer das Glas bietend. »Sie wollen also nicht wieder in die Armee treten?«
»Der Arzt verordnet Sir Terenz die Bäder von Bagnères zur völligen Wiederherstellung von seiner Wunde,« bemerkte hastig der Mönch, »und wir werden dahin abreisen, sobald ich die Erlaubniß meiner Oberen erhalten und ...«
»Die Verbindung des Sir Terenz mit Lady Hoghborn geschlossen ist!«
»Zum Henker mit Ihnen, Rafaël,« brummte der Irländer, dem durch die Entfernung des Preußen eine große Erleichterung geworden schien, »was haben Sie sich immer in meine Heiraths-Angelegenheiten zu mischen, als hungerten Sie nach den Copulations-Gebühren? Wenn's noch der Pater O'Hary wäre, von dem die Weiber erzählen, daß er dem alten Flanagan vor der letzten Oelung das Betttuch unterm Leibe weggezogen, weil er bange war, von der heulenden Sippschaft keinen Sixpence für den weiten Weg bezahlt zu erhalten, wenn der alte Bursche erst gestorben war!«
»Sie sollten lieber, statt solche schlechte Geschichten zu erzählen,« sagte verweisend der junge Priester, »daran
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denken, welche Verpflichtung Sie einer ehrenwerthen Dame gegenüber haben, der - wenn sie auch eine Ketzerin ist - Sie Ihr Leben verdanken, und die ihren Ruf auf das Spiel setzt, um Sie zu pflegen und für Sie die Sorge jener Schwester zu tragen, die Gott Ihnen zur Strafe für Ihre Hartnäckigkeit genommen hat.«
»Hören Sie auf, Rafaël! Haben Sie nicht gehört, daß ich Lady Judith heirathen will? aber zum Henker, ich kann mich doch nicht in ganz Irland verlachen lassen, daß die vertrackte Dirne mich doch zuletzt auf der Schnitzeljagd erwischt und gezwungen hat!« und er kratzte sich ärgerlich hinter den Ohren.«
Der naiv-wunderliche Charakter des Iren hatte bei der Gesellschaft trotz der traurigen Veranlassung so großes Interesse erreicht, daß man in der Klage des Riesen sofort einen neuen Stoff der Unterhaltung witterte und sich diesen nicht entgehen lassen wollte.
»Erzählen Sie uns, Sir Terenz, was ist's mit der Jagd auf Ihre Hand? Haben Sie in einer unglücklichen Stunde ein Eheversprechen gegeben? Man will wissen, daß die englischen Damen in solchen Fällen sehr hartnäckig und energisch sind und schwere Schadenklagen anstellen! Wir bedauern Sie!«
»Den Teufel thun sie, Sir! Judith hat Geld genug, die ganze Peterskuppel mit Gold zu bedecken; ich glaube, das halbe Galway gehört ihr. Der alte Güterwucherer, ihr Vater, hat bei der Athlone-Bahn ein schändliches Geld verdient! Uebrigens ist sie gar nicht einmal eine Irländerm, der alte Spitzbnbe kam von London herüber.«
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»Also vielleicht alt und - nicht schön!«
Der Irländer grinste den Marquis höchst vergnügt an und rieb sich die Hände. »Was Sie nicht wissen, Sir, Sie haben sicher in Ihrem Paris noch keine hübschere Dirne gesehen, selbst die arme Mary reichte ihr's Wasser nicht! - zweiundzwanzig Jahre, sie kann es alle Tage mit ihrem Taufschein beweisen, - und wissen Sie was: sie ist eine Gelehrte, die selbst dem Rektor vom Dubliner Colleg etwas zu rathen geben würde, vielweniger einem Windhund von Franzosen?«
»Ich muß Ihnen sagen, Herr Kamerad,« mengte sich Capitain Chevigné in das Gespräch, »Lady Hoghborn ist eine ebenso schöne als fein gebildete Dame, zu deren Besitz - abgesehen von allen anderen Vorzügen - sich jeder Gentleman nur Glück wünschen könnte.«
»Und eine Frau von Herzensgüte und strenger Redlichkeit!«
»Yes! yes! Der Teufel soll mich holen, Liebling, wenn nicht jede Sylbe eine reine Wahrheit ist!«
»Aber, zum Henker, warum heirathen Sie alsdann die Dame nicht? - oder sind Sie vielleicht anderweitig verliebt?«
»Bewahre! die Dummheit mit Polly O'Hary, unseres Wildhüters Tochter, und der kleinen Betsy, der Kammerjungfer, - die sind unmöglich zu rechnen! nein - so wahr ich noch manchem Fuchs über die Haide zu folgen hoffe, - ich könnte Judith fressen vor Liebe - nur ...«
»Heraus damit!«
»Daß sie mich mit Gewalt heirathen will, das ist
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alles Unglück dabei! Warum mußte es auch der alte Gauner, ihr Vater, in's Testament setzen!«
Die Miene des wackeren Irländers war bei dem Geständniß so kläglich, daß jetzt Alle in Gelächter ausbrachen.
»Sie sind wirklich ein seltsamer Bursche, Sir Terenz,« meinte lachend der Marquis. »Wenn Sie das als Hinderniß betrachten und sonst Nichts gegen die Dame einzuwenden ist ...«
»O Jäsus! Sie sollten Sie nur kennen!«
»So würde ich es machen, wie ich früher gesehen habe, daß die Irländer es bei ihren Fuchsjagden machen!«
»Was meinen Sie?«
»Nun, ich würde die Heirath als eine Mauer betrachten, bei deren Ueberspringen man höchstens den Hals brechen kann!«
Sir Terenz riß die Augen auf.
»Ich würde also der Gefahr trotzen, - als muthiger Mann die Augen schließen und statt auszuweichen - hopp! darüber weg, selbst auf die Gefahr hin, daß hinter der Mauer oder Hecke noch ein Graben liegt!«
Während alle Anderen kaum das Lachen verbeißen konnten über die Fopperei, starrte der Riese den jungen Franzosen groß an und schlug sich vor die Stirn, daß es klatschte. »So wahr ich von König Dermod abstamme, Sir! von der Seite habe ich das Ding noch nicht angesehen, und kein Mensch soll von Terenz O'Donnell sagen, daß er sich vor irgend einem Dinge gefürchtet habe, sei's selbst der Teufel oder ein Weib! Fra Rafaëlo, Sie können
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meiner Verlobten sagen, daß ich bereit bin, mich trauen zu lassen, sobald nur, wie ich geschworen habe, die Schmach der armen Mary gerächt ist!«
»Sie sollten die Erfüllung einer Pflicht nicht von einem sündigen Rachegelübde abhängig machen, Sir Terenz,« sagte verweisend der Kapuziner. - »Die Rache ist mein! spricht der Herr!«
»Der Herrgott ist im Leben kein Irländer gewesen!« brüllte der erbitterte Sohn der grünen Insel. »Ich wette Hundert gegen Eins, daß San Patrik, der doch auch eine tüchtige Autorität ist, so etwas niemals gesprochen hätte! - Thun Sie, was ich sage, Pfaff, wenn wir gute Freunde bleiben sollen und Sie die fette Pfarrstelle in Galway haben wollen!«
Der Spanier hatte sich, aufs Höchste belustigt, zu ihm gesetzt. »Und Sie wollen uns versprechen, Sir Terenz, die treue Liebe Miß Judiths zu belohnen und sich auf der Stelle copuliren zu lassen, sobald Sie den Veweis haben, daß Ihre Schwester an General Pinelli gerächt ist?«
»Der schwarze Nick soll mich holen, wenn ich den Sprung über die Mauer nicht wage, und sollt's am morgigen Tage sein!«
»Gentlemen's Wort?«
»Gentlemen's Wort!«
»Dann, meine Herren, - da glücklicher Weise Seine Ehrwürden, unser diplomatischer Freund, nicht hier ist - habe ich die Ehre, die werthe Gesellschaft auf morgen zur Hochzeit dieses Gentlemens einzuladen. Nur bitte ich um Ihr Wort, bis morgen Mittag keine Sylbe mehr über die
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Angelegenheit zu wechseln und um Ihre Erlaubniß, mich auf eine halbe Stunde entfernen zu dürfen!«
»Zugestanden! zugestanden!« lachten die beiden jungen Franzosen, die einen neuen Spaß witterten, während der Grieche den Kopf schüttelte und dem Prinzen zuflüsterte: »Ich kenne den Tollkopf, er ist es wahrhaftig im Stande!«
Der Graf von Caserta zuckte die Achseln. Weiteren Fragen und Scherzen machte der Eintritt des Abbate ein Ende. Capitain Tonelletto kehrte zwar nicht mit ihm zurück, dagegen begleiteten ihn zwei Mitglieder der abenteuerlichen Gesellschaft aus dem Nachbargemach, der Bandenführer Gentrilli und Meister Pilone, der Entsprungene von San Elmo, der Brigant vom Vesuv.
Don Juan hatte die Gelegenheit benutzt, sich unbemerkt davon zu schleichen. Dame Spazzoletta schien draußen auf der Lauer gestanden zu haben, denn er hatte kaum die Thür hinter sich geschlossen, als er seine Hand gefaßt und an einen sehr fleischigen und warmen Körpertheil gepreßt fühlte, und ein mächtiger, aus der Tiefe kommender Seufzer belehrte ihn, daß es der wohlgenährte Busen der liebessentimentalen Locandiera war.
»Man erwartet Sie, Excellenza! Darf ich Sie zuerst zu den Signorina's führen?«
»Cospetto, schöne Donna, ich fürchte, das würde mich zu viel Zeit kosten. Nehmen wir zuerst das Nothwendigste - Sie kennen gewiß das Sprüchwort vom Geschäft und dem Vergnügen. Also zunächst: wo ist Signor Matteo?«
»Hier, Excellenza!«
Don Juan erkannte die Stimme des Banditen, der
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eine in dem Halbdunkel des gangartigen, gewölbten Flurs mündende Seitenthür öffnete und ihn in das Gemach schob. »Es wird gut sein, cara mia, wenn Ihr unterdessen die Signora Coja tröstet, während die Signori da drüben mit ihrem Gatten schwatzen oder etwa in der Schankstube zum Rechten seht. Es scheint mir heute nicht ganz geheuer zu sein, und ich habe rothe Hosen auf den Bänken gesehen!«
»Der heilige Lucifer möge die Spötter und Lügner alle mitsammen dahin holen, wo das Fegefeuer am heißesten brennt,« rief erbost die Wirthin und eilte nach dem vorderen Theile des weitläuftigen Hauses. »Der Wein der Colombaia ist zu gut für solche Schelme!«
Der Ladrone hatte die Thür geschlossen und lachte herzlich. »Es geht ihr wie den Truthühnern,« sagte er, »der Kamm schwillt ihnen, sobald sie nur ein Stück rothes Tuch vor Augen sehen. Euer Excellenza sollen die Geschichte schon einmal hören, sie ist nicht ohne Bezug zu dem Beinamen, den man mir seitdem gegeben, und über den sich Euer Excellenza heute Morgen so sehr zu verwundern schienen. Es ist wahr, diese Schufte von Franzosen haben ihren zärtlichen Gefühlen etwas arg mitgespielt und sie hat ihnen alles mögliche Unheil geschworen. Halb Rom hat damals über die tolle Affaire gelacht, und es war ein Glück, daß der würdige Meister Sandrolfo bereits in den letzten Zügen lag, sonst würde die Colombaia schwerlich in so guten Händen für alle guten Christen und ehrlichen Burschen geblieben sein. Aber,
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was sagen Euer Excellenza, hat Matteo Fontana sein Wort gehalten und seinen Lohn verdient?«
Die zarte Erinnerung veranlaßte den Spanier, sich an den im Gemach stehenden Tisch zu setzen und nach seiner Börse zu greifen.
»Ich habe zwar die Signorina noch nicht gesprochen, aber die Ostessa hat mir gesagt, daß die Mädchen hier sind.«
»Si, Excellenza, gleich dicht nebenan, im Allerheiligsten der kleinen Närrin, in ihrem Schlafzimmer.«
»Geduld! Zunächst Signor Matteo, hier sind die zweiten hundert Scudi's, die ich Euch schulde. Ist Alles gut gegangen, und wie habt Ihr's angestellt?«
»Eh! Nichts leichter als das! Als der Wagen gerade in der Nähe des Circus war, von den Francesi's begleitet, kamen die Republikaner heraus und brachten dem Napoleon und den Soldaten ein Hoch, nahmen sie in ihre Mitte und herzten und küßten die Kerle, daß sie kaum zu Athem kommen konnten. Ich sage Ihnen, Excellenza, es war ein Spaß zum Todtlachen! Die Parlezvous wanden sich wie die Meeraale in den Händen der Köche und schlugen nach allen Seiten. Zuletzt gab es eine Katzbalgerei und schließlich Kolbenstöße und Dolchstiche; ich glaube sie sind noch daran. Wir waren rasch bei der Hand in dem Gewühl - ich half den Signorina's aus dem Wagen und gab dem alten Burschen, der ihnen folgen wollte, einen Schlag auf den Schädel, der ihm gewiß alle Sterne am Firmament tanzen machte. Fünf Minuten darauf waren sie in meinem Fiakre und ich fuhr die Kreuz und Quer, daß
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sicher ein besserer Verstand dazu gehörte, als die römischen Sbirren haben, um auch nur eine Spur von ihnen zu finden. Dann erst brachte ich sie von dem Tiber her bis zur nächsten Ecke und dann in's Haus!«
»Und die Ostessa?«
»Ich schwatzte ihr von einer Entführung und einer Liebesgeschichte, - der alte Schnurbart braucht nur von einem unglücklichen Liebespaar zu hören, um Feuer und Flamme zu sein. Das Weitere ist nun Ihre Sache, wenn Sie mich nicht noch besonders brauchen. Die Alte hat der Schlupfwinkel genug in diesem großen Steinklumpen, um zehn Liebespaare einen Monat lang zu verstecken, ohne daß die ärgste Schnüffelnase auch nur eine Haarspitze zu sehen bekommt.«
»Vortrefflich gemacht, Signor Matteo, ich bin mit Ihnen zufrieden und Sie sollen es auch, denke ich, mit mir sein. Doch weiter: sind Sie müde oder haben Sie Lust, ein noch einträglicheres Geschäft zu machen?«
»O Excellenza, ein Kunde wie Sie kommt armen Teufeln, wie wir sind, nicht oft in die Quere. Was ist es? Sollen wir eine Eminenz aus dem Schlafzimmer seiner Parente holen, oder aus einem Nonnenkloster für Sie die jüngste Novize stehlen?«
»Nichts da - es handelt sich um keine Liebesaffaire, sondern um eine andere Unterhaltung!«
»Also um einen tüchtigen Stoß, - so zwischen die erste und zweite Rippe?«
»Auch das nicht! - Ihr sollt einem Mann eine kleine
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Züchtigung von fünfundzwanzig Ruthenhieben ertheilen und dafür - fünfhundert Scudi's erhalten!«
»Nichts leichter als das! Betrachten Sie die Sache als abgemacht. Ihr Feind, Excellenza, wahrscheinlich Ihr Rival, soll die Schläge haben, und wenn er sich im San Peter verkrochen hatte!«
»Lente! lente! die Sache ist nicht so leicht, sie muß morgen bei Tagesanbruch vollzogen sein!«
»Bene - so werden wir ihn aus dem Bett holen, und sollten wir sein Haus darum anzünden!«
»Das geht schwerlich an und würde überdies Nichts nützen; er ist im Begriff Rom, zu verlassen!«
»Desto besser, Excellenza, - so werden wir ihn auf dem Wege abfassen - Sie dürfen nur die Stunde, die Straße und die Porta bezeichnen.«
»In Eurem eigenen Revier, Signor Matteo, auf der appischen Straße! Ich würde die Ruinen des Circus Caracalla für den geeignetsten Platz halten.«
Der Bandit fing an, ein ernsteres Gesicht zu machen.
»Nun, wir müssen sehen, wie wir uns mit den französischen Patrouillen abfinden. Bei der Madonna, die Sache scheint doch nicht so leicht, als ich anfangs dachte!«
»Al contrario - im Gegentheil - es ist möglich, daß die Person von einer Eskorte begleitet wird - bis zur neapolitanischen Gränze!«
»Diavolo! - Bis zur neapolitanischen Grenze? - Ei, ich kenne eine ganz vorzügliche Stelle in den Sümpfen, wo alle Begleitung Nichts nutzen würde!«
»Schade darum, aber es dürfte zu weit sein, denn
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vergessen Sie nicht, Signor Matteo, daß ich um 7 Uhr wieder in Rom und zwar auf dem Bahnhof sein muß, sonst könnten wir den Herrn Piemontesen leicht jenseits der Grenze fassen!«
Der Bandit kraute sich in den Haaren. »Verdammt, also ein Piemontese, ein Feind des heiligen Vaters und der Kirche ist es?«
»Ein piemontesischer General!«
»Pesthe! - und Euer Excellenza müssen auch dabei sein?«
»Ich und ein Freund, damit wir nöthigen Falls die Ruthenhiebe bezeugen können.«
»A fé!« sagte der Straßenritter vertraulich - »wissen Euer Excellenza, wenn es ein piemontesischer Ketzer ist, mache ich mich anheischig, ihm einen Schuß oder einen guten Messerstich ohne Preiserhöhung zu geben; - ich gestehe Euer Excellenza offen, daß dies nicht blos eine bessere, sondern auch eine leichtere Abmachung Ihrer Rechnung mit dem Signor Piemontese sein wird!«
»Ich glaube Ihnen dies gern, Signor Matteo, aber ich sage Ihnen eben so offen, daß es mir auf eine Ersparniß nicht ankommt. Ich will keinen Meuchelmord, sondern eine Züchtigung, und ich bin so eigensinnig, daß es mir nicht darauf ankommen würde, sogar den Preis zu verdoppeln.«
»So daß Excellenza ...«
»Tausend Scudi für das Vergnügen geben wird, dem Signor Generale eine tüchtige Tracht Schläge aufzählen zu sehen, und zwar Ruthenhiebe auf einen
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gewissen Körpertheil, den man für gewöhnlich mit einem Paar guten Beinkleidern zu bedecken pflegt!«
Der Bandit fing an zu lachen. »Ich muß gestehen, Euer Excellenza haben eigenthümliche Liebhabereien, - indeß mit Geld ist in Rom Alles zu machen.«
»Das dachte ich mir auch, und ich dachte zugleich, Signor Fontana, genannt il religioso, ist ein gescheiter Mann.«
Der Ladrone verbeugte sich geschmeichelt, kratzte sich aber nichts desto weniger verlegen hinter den Ohren. »Es wird nichts Anderes übrig bleiben, als die Eskorte anzugreifen und Ihren Signor Piemontese zu entführen. Leider kann ich nur über zehn zuverlässige Burschen in diesem Augenblicke verfügen, und da die Sache Eile hat ...«
»Wie gesagt, große Eile! Einer meiner Freunde soll morgen Hochzeit halten, und ich habe versprochen, ihm die Quittung dieser fünfundzwanzig Ruthenhiebe zum Hochzeitsgeschenk zu machen. - Lassen Sie mich Ihnen zu Hilfe kommen, Signor Matteo; mit Gewalt ist bei der Sache Nichts auszurichten, wir müssen die List zu Hilfe nehmen, und ich habe bereits einen Plan ...«
»Aber wenn Euer Excellenza participiren, wird sich das Honorar vermindern ...«
»Unbesorgt - Sie werden Ausgaben genug haben! Hören Sie zuerst, um was es sich handelt. Der Piemontese ist als Parlamentair von Neapel an General Guyon hierhergekommen, um gewisse Forderungen oder Unterhandlungen zu stellen und kehrt morgen in aller Frühe zurück; die Unterhandlungen müssen also heute
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beendet worden sein, und ich habe Ursache zu glauben, daß dieselben sich auch auf den Cardinal Merode, den Kriegsminister Seiner Heiligkeit erstreckt haben. Da nun der französische Gouverneur von Rom und der Cardinal-Minister mitunter sehr verschiedene Interessen vertreten ...«
»Fuchs und Wolf!« schob der Bandit ein.
»Ich sehe, daß Sie ein Mann von Begriffen sind! - Also, so hätte es durchaus nichts Unwahrscheinliches an sich, wenn der sardinische Botschafter unterwegs, noch ehe er das römische Gebiet verläßt, eine Botschaft nachgeschickt erhielte, die ihn zu einem kleinen Verweilen - etwa zu einem geheimen Gespräch - veranlassen könnte; es kommt eben darauf an, ihn zu täuschen. Freilich haben wir zu den Vorbereitungen nur wenige Stunden, und das macht die Sache schwierig!«
Der Bandit that einen Luftsprung: »Basta! basta Signore, - nachdem Excellenza mich auf die Fährte gebracht haben, sehe ich meinen Weg genau vor mir: was sagen Euer Excellenza zu einer veritablen Cardinalskutsche?«
»Ja, wenn Sie eine solche etwa in der Nähe des Circus postiren könnten ... wie gesagt, ich bestehe nicht gerade auf den Circus ...«
»Si, si! er ist ganz der passendste Platz; eine Kutsche, wie Euer Excellenza sie heute gesehen haben, mit vier Papalinos zur Seite, meinen Sie nicht, daß dies Vertrauen geben würde?«
»Gewiß! Aber wie wäre das zu ermöglichen?«
»Ueberlassen das Euer Excellenza nur mir. Sie haben sehr richtig bemerkt, für Geld ist in Rom Alles zu haben
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und - im Vertrauen kann ich Euer Excellenza nur sagen - daß die römischen Eminenzen manchmal ganz wunderbare Spazierfahrten machen, auch bei der Nacht, so daß die Sache an den Thoren nicht auffallen wird. Was bin ich für ein Dummkopf gewesen, nicht daran zu denken, daß dies ohnehin das leichteste Mittel ist, so früh aus den Thoren zu kommen, was sonst am Ende eine schwierige Sache gewesen wäre.«
»Daran habe ich allerdings gar nicht gedacht! Aber wie zum Teufel sollen wir da an Ort und Stelle gelangen?«
»Nichts leichter als das! Euer Excellenza und Ihr Freund werden mir die Ehre anthun, in der Cardinals-Kutsche hinaus zu fahren und nach abgemachtem Geschäft durch ein anderes Thor - etwa die Porta San Paolo - zurückkehren. Nur ...«
»Was haben Sie noch für ein Bedenken?«
»Excellenza, ich bin kein großer Schreibkünstler, und die Signori Scrivani's haben um diese Zeit bereits ihre Buden geschlossen!«
»Ich stehe Ihnen zu Diensten.«
»Dann ist jede Schwierigkeit gehoben. Sie werden die Güte haben, mir, während ich einige Anordnungen treffe, einen Brief an Ihren Herrn Piemontesen zu schreiben, der um eine kurze Unterredung bittet; Euer Excellenza werden das weit besser verstehen, was zu sagen ist, als ich. Zum Glück bin ich von jener Geschichte her, die ich Euer Excellenza bereits anzudeuten die Ehre hatte und die mir den Beinamen il religioso verschaffte, noch
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im Besitz des Handsiegels einer Eminenz. Ich werde den Brief an den Offizier der Wache an der Porta San Sebastiano, deren sich Euer Excellenza von heute Vormittag her erinnern, abgeben lassen, mit dem dringenden Ersuchen, ihn dem Courier beim Passiren der Porta zur sofortigen Erbrechung einhändigen zu wollen, wenn Excellenza mich nur über das Nähere verständigen wollen!«
»Warten Sie,« sagte der Conte, »wäre es da nicht besser, daß ich die Sache selbst besorge? Nur muß ich die nöthigen Verkleidungen haben.«
»Excellenza werden zwei entsprechende Costüme in dem Cardinalwagen finden. Somit wäre Alles besprochen bis auf die Art ...«
»Nun?«
»Wie wir nach der kleinen Exekution Euer Excellenza und Ihren Begleiter in Sicherheit bringen; denn der Signor Piemontese wird die Sache natürlich sehr übel nehmen und einen Mordlärmen erheben, sobald er sich wieder in Freiheit sieht.«
»Al contrario, wie Sie vorhin sagten! Ich glaube nicht, daß der Herr, wenn wir nur seinen Adjutanten entfernt halten können, sehr geneigt sein dürfte, die Sache anders als eine private Verhandlung zu betrachten und sicher möglichst wenig davon sprechen wird. - Braucht Ihr Geld?«
Der Straßenritter zuckte die Achseln.
»Bene, - hier sind weitere vierhundert Scudi und der Rest soll bei Signora Sandrolfo deponirt werden.
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Und nun, Meister Matteo, muß ich meinen schönen Gästen ›Guten Abend‹ sagen und sie über ihr Mißgeschick trösten.« Der Bandit öffnete dienstbeflissen die Thür und führte seinen Auftraggeber in das Wittwen-Asyl der Ostessa, zwischen den Zähnen die Betheuerung murmelnd, daß der Cavaliere der würdige Nachfolger und Freund des großen Mascherati sei.
Die Geschäfte, die vorher Abbé Calvati abgemacht, als er aus der Gesellschaft der Cavaliere abberufen worden war und diese, von dem Brigantenführer gefolgt, verlassen hatte, waren nur kurz gewesen, obschon sie ihn nach dem ersten Stock des weitläufigen Gebäudes geführt hatten, wo er die Lokalität genau besichtigt und verschiedenen Individuen ihre besonderen Instructionen ertheilt hatte. Als er den nach italienischen Begriffen sehr comfortable eingerichteten Salon verließ, der durch eine Ampel nur mäßig erhellt war, wandte er sich nochmals zu einer in der Ecke des Sopha's in bequemer Stellung lehnenden sehr reich gekleideten Dame zurück und sagte mit scharfem Tone:
»Sie haben Ihre Instruction begriffen?«
»Vollkommen, hochwürdiger Herr! Und wenn ich Ihre Befehle nun zu Ihrer Zufriedenheit ausführe, wird man dann alle Ansprüche an mich auf- und mir die Freiheit zurückgeben?«
»Vielleicht! Zunächst - werden Sie eine Mission nach einer nordischen Hauptstadt erhalten, Berlin oder Petersburg, zu einem hohen Zweck; und wenn Sie dort
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reüssirt haben, sollen Sie Ihre volle Freiheit erhalten, sonst ... erinnern Sie sich an die Zelle der Büßerinnen!«
Die Frau schauderte - sie beugte das Haupt: »Ich werde gehorchen!«
Der Abbé verließ sie; in dem Vorzimmer saß ein Diener in elegantem, schwarzem Frack und Escarpins. Er war noch jung und hatte ein scharf geschnittenes, blasses Gesicht, das von einem fashionablen Backenbart umrahmt war. Gleiches Haar von trockner schwarzer Farbe, die man häufig bei den Israeliten findet, bedeckte eine niedere, breite Stirn. Der Mann erhob sich respektvoll beim Eintritt; - indem er sich verbeugte, hätte ein scharfer Beobachter trotz des dicken Wustes der Haare auf dem Mittelpunkt des Schädels eine kleine, runde, haarlose Stelle bemerken können.
»Ich sehe mit Vergnügen, Samuel, daß Sie auf Ihrem Posten sind.«
»Euer Ehrwürden zweifeln gewiß nicht an meinem Eifer.«
»Vergessen Sie nicht, Samuel, daß man Ihnen auf meine Empfehlung dieses Probestück anvertraut hat. Ihre Beförderung und weitere Verwendung wird von dem Erfolg abhängen. Bewachen Sie das Weib auf das Genaueste - jedes Wort, jeder Blick - denn sie ist gefährlich, und besäße sie nicht das Laster der Trägheit in so hohem Grade, so würde sie bei der Schlauheit und dem scharfen Verstande, der ihre Raçe auszeichnet, noch gefährlicher sein. Weil bei dieser Affaire nur Personen Ihrer
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Nationalität im Spiele sind, hat man sie Ihnen gerade überwiesen«
Der Renegat verbeugte sich. - »Sie geben mir zu viel Ehre, die Schwester Carlotta hat nicht den Erwartungen ihrer Bekehrung entsprochen.«
»Sie war ein Weib. Ich darf Ihnen sagen, daß der Orden auf Ihre Bekehrung sogar große Erwartungen setzt. Ein männlicher Bekehrter wird, wenn er ein kluger Kopf ist und Ehrgeiz hat, stets ein Licht der Kirche. Sehen Sie bei den Lutheranern den Professor Stahl, er ist mit seinem scharfen Verstande und seiner Dialektik eine Hauptstütze der gegenwärtigen lutherisch-politischen Kirche geworden. Schade, daß er eben sich der protestantischen Theologie zugewendet, man hat es seiner Zeit versäumt. Auf Döllinger ist kein Vertrauen, - Theiner, hat man zu spät zu schätzen gewußt, er ist ein Feind unseres Ordens geworden, dem doch die Zukunft gehört. Verstehen Sie mich wohl - es hängt von Ihnen ab, eine große Carrière zu machen.«
Das Alles war in halb flüsterndem Tone gesagt.
Der Bekehrte, wie ihn der Abbate bezeichnet hatte, verneigte sich. »Ich werde dem Vertrauen zu entsprechen suchen. Aber die Realisirung der Summen?«
»Man will Ihnen das ganze Geschäft als Prüfung Ihrer Umsicht überlassen. Fould in Paris - Eskeles in Wien. Es dürfte der bequemste Disconto sein.«
»Wann erwarten Sie mich zurück?«
»Acht Tage werden genügen - Sie sind im Besitz aller Adressen und der Chiffren für den Telegraphen?«
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Wiederum verneigte sich der anscheinende Kammerdiener, indem er zugleich nach seiner Uhr sah. »Ich fürchte, es wird Zeit. Nochmals - wenn die Männer von der Gewalt nur das Ihre thun, für den Theil der Intelligenz seien Sie unbesorgt.«
Ein kurzes Zeichen zwischen den Beiden, eine eigenthümliche, blitzschnelle Bewegung beim Zeichen des Kreuzes bildete die Verabschiedung, dann verließ der Abbate das Gemach und stieg zum Parterre hinunter.
Der Kammerdiener setzte sich wieder am Eingang des Salons nieder - ein eigenthümliches zuverlässiges Lächeln spielte um seinen hochgeschwungenen Mund. Vielleicht glaubte er sich im Stillen beobachtet; trotzdem er noch auf einer der untersten Stufen der großen, fast allmächtigen Kongregation stand, kannte er doch zu genau deren Gewohnheiten, um sich eine Blöße zu geben. Es mochte - er hatte eben wieder nach der Uhr gesehen - etwa eine Viertelstunde verflossen sein, als an den Eingang geklopft wurde und auf das Entrée des Wartenden ein Mann von einigen fünfzig Jahren mit bereits ergrauendem Haupthaar eintrat. Seine Haltung war etwas gebückt, sein Auge, das mit einem raschen Blick das ganze Gemach zu umfassen schien, hatte etwas Lauerndes - Befangenes - seine Kleidung war einfach, aber modern; der Kammerdiener hatte sich erhoben und war ihm höflich entgegen getreten.
»Wohnt hier Signora Carlotta Ruffeli - die frühere Primadonna am San Carlo?«
»Zu Befehl, Altezza!«
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Der Mann wurde verlegen. »Sie kennen mich?«
»Wer würde den fürstlichen Bankier Seiner Heiligkeit, den Rothschild Roms nicht kennen!«
»Wie unvorsichtig,« murmelte der Eingetretene. »Sie sind schon lange im Dienst der Dame? Ich erinnere mich nicht, Sie früher gesehen zu haben.«
»Seit ihrer Rückkehr nach Italien, nach Rom, Altezza!«
»Und das ist?«
»Seit vierundzwanzig Stunden!«
»So, so - melden Sie mich!«
»Altezza wollen die Gnade haben, einzutreten, Sie werden erwartet!«
Der große Bankier hatte seinen Paletot abgelegt und trat durch die devot von dem Kammerdiener aufgerissene Flügelthür in den Salon - die Thür wurde sofort hinter ihm wieder geschlossen, und der Kammerdiener legte sein Ohr an das Schlüsselloch.
Die Dame im Sopha hatte sich nicht erhoben, sie begnügte sich, den Schleier zurückzuschlagen. Der Herr trat auf sie zu und reichte ihr zögernd die Hand.
»Wahrhaftig - Carlotta! Es ist keine Täuschung! Um Himmelswillen, wo kommen Sie her?«
»Aus dem Grabe!«
»Aus dem Grabe? - Scherzen Sie nicht mit so ernsten Dingen - ich fürchtete indeß wirklich ...«
»Daß ich darin läge! Nun, lieber Oheim, Sie sehen, daß ich es verlassen habe, gewiß nicht zu Ihrem besonderen Vergnügen!« Ihre großen schwarzen Augen
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betrachteten ihn mit dem funkelnden Ansdruck einer lauernden Viper.
»Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich Sie bitte, nicht so frevelnd zu scherzen. Ich habe allerdings seit zwei Jahren Nichts von Ihnen gehört und glaubte daher ... aber es kam wahrscheinlich von der Veränderung des Namens - ich lese selten die Nachrichten aus der Bühnenwelt.«
»Ich weiß es, lieber Oheim, daß Sie es vorziehen, sich nur mit dem Courszettel und - der Politik zu beschäftigen.«
»Kurz und gut, was wollen Sie hier in Rom? Sie wissen doch, daß dies ein gefährlicher Boden für Sie ist!«
»Nicht so lange ich in Ihrem Schutz stehe, lieber Oheim; es drängte mein Herz zu wissen, wie es Ihnen geht, lieber Oheim!«
»Der Satan ist Ihr Oheim, Schlange,« sagte unwillig der große Bankier. »Sie wissen, daß ich von der Familie, der Sie entstammen, längst Nichts mehr wissen will. Die Torloni's sind seit drei Generationen Christen.«
»Und doch hat der Principe, Ihr Neffe, es nicht verschmäht, das arme Judenmädchen zu verführen!«
»Natter! - eine Buhlerin, die ihren Vortheil nur allzuwohl verstand!«
»Nennen Sie es, wie Sie wollen; - das Kind war da!«
»Aber Sie selbst behaupteten, es sei das Kind jenes deutschen Prinzen.«
»Ein Prinz oder der andere,« sagte die Sängerin
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phlegmatisch, »es kommt Nichts darauf an, und das ist - wie der weise Prophet spricht - ein kluges Kind, das weiß, wer sein Vater ist! Ich aber weiß, daß ich die Mutter bin!«
Der alte Bankier ging, die Hände in einander geschränkt, heftig in dem Salon auf und nieder.
Der Mann im Vorzimmer hatte eifrig gehorcht - er schüttelte dabei mehrmals den Kopf. »Das ist mehr, als mir der Abbé gesagt,« flüsterte er, »ich glaube, sie sucht ein Geschäft auf eigene Hand zu machen. Der Abbé hatte Recht, sie ist ein Satan!«
Unterdeß war der Bankier wieder vor der Jüdin stehen geblieben.
»Als ich Sie dem Elend des Ghetto und Ihrer schlechten Familie entriß und Sie ausbilden ließ, - ja Ihnen die Segnung der Aufnahme in die christliche Kirche durch die heilige Taufe verschaffte ...«
Die Sängerin lachte spöttisch.
»[...] glaubte ich ein gutes Werk gethan zu haben; Sie haben mir schlecht gedankt!«
»Hat der Principe, Ihr Neffe, nicht genug Vergnügen dafür gehabt?« sagte sie mit einem furchtbaren Cynismus.
»Weib!«
Die Sängerin hatte sich erhoben - sie streckte drohend die Hand gegen ihn aus, dann sank sie wieder trag zurück in die Ecke. Meinen Sie, daß ich nicht weiß, wem ich es zu danken habe, daß ich lebendig begraben wurde in den Mauern jenes abscheulichen Klosters?«
»Ich weiß Nichts davon - ich weiß nur, daß Sie
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genug gefrevelt, um göttliche und menschliche Gerechtigkeit herauszufordern.«
»Bah - Sie sehen, daß auch die Gerechtigkeit ihre Hinterthüren hat.«
»Leider scheint dies der Fall - ich werde mich danach erkundigen.«
»Ich denke, Sie werden das unterlassen. Was würde die Welt, was würden die stolzen Fürstengeschlechter der Odescalchi's, der Bracciano's und Dona's davon sagen, wenn es verlautete, daß das Blut der Torloni's wieder in den Adern eines jüdischen Betteljungen fließt.«
»Satan! - wo ist das Kind?«
»Wo es mein Bruder in dem Glauben seiner Väter erzieht! - Suchen Sie in Galizien, in Rußland, Polen, - Sie wissen, daß er Sie haßt, weil der Fluch des Sanheddrin seit länger als hundert Jahren auf dem falschen Krämergeschlecht lastet! Und Sie, der große Duca, der hundertfache Millionair, Sie fürchten doch diesen Fluch, und deshalb haben Sie das arme Judenmädchen, das aus Ihrem Stamme war, aus dem Schmutz genommen und die Gaben, die ihm Jehovah verliehen, zu seinem Fluche gemacht - blos weil ihr Blut heiß und ihr Fleisch lüstern war!«
»Weib! - nicht die Wohlthaten, die ich dem armen, mein Wohlwollen gewinnenden Kinde erwies, sind schuld an Deiner Verderbniß, sondern der böse Keim, der in Deiner Seele lag. Die Frucht, die außen lieblich und duftend scheint, trägt im Innern den Wurm, und nicht mit Unrecht warnt Dein eigener Prophet: Wer da auf
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dem Felsen säet, der wird nimmer Weizen ernten! - Du weißt nicht, was ich dennoch für Dein Volk gethan!«
Wiederum lachte sie spöttisch. »Davon nachher! - Ich brauche Geld!«
Die Natur des großen Bankier schien sich mit dem einzigen Wort zu ändern. »Ich habe Geld genug für Sie geopfert um der Ehre meines Neffen willen - Tausende!«
»Bene! Dann werden Sie es noch einmal thun - oder ...«
»Was, Dirne? Ich habe kein Geld mehr für Dich!«
»Wie Sie wollen tio mio! Die stolze Dona wird sich freuen, da sie selbst des Kindersegens entbehrt, zu ihren Gunsten einen anderen Mortara adoptiren zu können!«
»Man wird Deiner Verleumdung zu begegnen wissen, Du hast keine Beweise mehr; Du hast eidlich erklärt, daß jenes Kind von Deinem deutschen Liebhaber stamme ...«
»Beiläufig ein Disconto, bei dem das Haus Torloni kein schlechtes Geschäft gemacht hat!«
»Und Du vergißt, daß Du damit selbst Dein Urtheil gesprochen und die Hand der päpstlichen Inquisition Dich jeden Augenblick wieder erreichen kann!«
»Eben deshalb! - ich brauche Geld!«
Ihre Stimme hatte sich gesenkt. »Ich bin nicht so machtlos, als Sie glauben. Ich besitze noch drei Briefe aus jener Zeit, die ich weislich zurückbehielt und in sichere Hand gelegt habe, ehe ich gezwungen wurde, alle anderen Beweise auszuliefern.«
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»Der Preis? Bedenke, daß ich jene unglücklichen Papiere damals reichlich bezahlt habe - die Zeiten sind schlimm!«
»Pah! halb Rom gehört Ihnen; - es ist fast kein Grund und Boden mehr, der nicht im Besitz der Torloni's ist. Wie hübsch wird sich das machen, wenn dies Alles in den Besitz eines armen Judenknaben fällt, den die Großmuth der Dona als das Blut ihres Gemahls adoptirt hat!«
»Satan! - wieviel?«
»Vorläufig - zehntausend Scudi - den Rest bei Rückgabe der Briefe!«
»Nicht einen Bajocchi - wenigstens nicht bis ich die Papiere habe und auf immer von Dir befreit bin!«
»Dann muß ich allerdings hier in Rom als Pfand bleiben - ich habe die Mittel nicht, es zu verlassen!«
»Unverschämte, Du hast mir noch nicht einmal gesagt, wie Du hierher kommst? Bedenke, daß eine Anzeige bei der päpstlichen Polizei Dich sofort wieder der Freiheit beraubt.«
»Eben darum brauche ich Geld!«
»Aber Sie werden begreifen, daß ich unmöglich so viel Geld bei mir trage.«
»Ihre Unterschrift gilt! - Wissen Sie - geben Sie mir, was Sie bei sich haben und eine Anweisung für die zehntausend Scudi auf Berlin oder Petersburg, Thaler oder Rubel, - Sie stehen sicher mit Bleichröder oder Stieglitz in Verbindung, und ich verspreche Ihnen auf Ehre!« sie sprach sehr leise, kaum ihm verständlich, »nein,
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so wahr ich mich an meinen Peinigern zu rächen habe - jene Papiere sollen bei dem Bankier, auf den Sie ziehen, für Sie niedergelegt werden!«
»Sei es denn: es ist das Letzte, was ich an Ihnen versuche, und daß ich mich von Ihnen betrügen lasse - aber nur unter der Bedingung, daß ich wenigstens erfahre, wo der Knabe untergebracht ist - sonst keine Ziffer!«
Die Sängerin sah ihn diesmal fest an. »So wissen Sie es wirklich nicht, und selbst die feinen Spürnasen der Kirche hätten es Ihnen nicht verrathen?«
»Nein!«
»Wohlan, schreiben Sie! aber erst Ihre Börse!«
Der Bankier zuckte die Achseln; er nahm aus seinem Portefeuille eine Anweisung und zwei Banknoten. »Dies ist Alles, was ich bei mir habe - zwei Fünfzig-Pfund-Noten!« Er füllte die Anweisung aus.
»Auf Stieglitz in Petersburg! - Sie werden sie ohne Weiterung in Berlin discontiren - und nun?«
Er hielt ihr die Anweisung entgegen - kaltblütig hatte die Sängerin die beiden Banknoten in den Busen geschoben.
»Nun - Signora Carlotta - zehntausend Rubel, also wo ...«
Mit einem raschen Griff hatte sie ihm die Anweisung aus der Hand gerissen und schob sie den beiden Noten nach.
Ihr Gesicht glühte von einer ihr sonst ganz ungewohnten Energie, aus ihren Augen funkelte ein dämonischer Haß. »Frankfurt! Prag! Warschau! Mehr weiß
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ich in diesem Augenblick, wo ich erst in die Welt zurückkehre selbst nicht! Suchen Sie!«
»Kanaille!« Der fürstliche Bankier hob in blindem Zorn die Faust, als wolle er sie in's Gesicht schlagen.
In diesem Augenblick öffnete der seltsame Kammerdiener die Thür und meldete:
»Seine Excellenza, der Ritter Signor Luigi Casanova!«
Die Sängerin lehnte sich bequem in das Sopha zurück. »Sehr willkommen! - gerade Recht, Altezza, so können wir mit den Geschäften beginnen!«
Ein großer breitschultriger, noch ziemlich junger Mann mit schwarzem Napoleonsbart und starkem Haupthaar trat ein. Auch sein breites, kräftiges Gesicht trug unverkennbar gewisse Kennzeichen, die an die semitische Abstammung erinnerten.
»Sieh da, Altezza, das ist ja ein ganz unerwartetes Vergnügen! - ich wunderte mich, daß Sie so früh die Versammlung in der Villa Borghese verlassen hatten. So werden Sie mir vielleicht mittheilen können, was diese zwar sehr liebenswürdige, aber doch etwas räthselhafte Einladung zu bedeuten hat. Madame, ich bin doch hier recht bei Signora Ruffini? - in der That, ich irre mich nicht, die göttliche Carlotta, aus der Scala und San Fenice - es sind freilich mehrere Jahre her, indeß - wie ist mir denn ...«
»Bitte Excellenza,« sagte die Sängerin phlegmatisch, »es handelt sich hier nicht um die Erinnerungen der Kunst, obgleich mir Ihr Gedächtniß sehr schmeichelhaft ist. Ich habe sie aufgegeben und mache jetzt in Politik. Darum
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will ich Sie auch keineswegs länger aufhalten, als zur Ausstellung dieser beiden Wechsel nöthig ist. Man hat mich beauftragt, Sie darum zu bitten - das Comité in Palermo braucht Geld, und ist von Ihrer patriotische Gesinnung überzeugt. Es ist nicht viel - jede Anweisung fünfzigtausend Scudi! So viel verdienen Sie am Geschäft der Eisenbahn von Foligno im Handumdrehen!«
Der anfängliche Unwille, der sich auf den Gesichtern der beiden Bankiers bei dem überrumpelnden dreisten Vorschlag gezeigt, wich dem Ausdruck des Erstaunens und Beide wechselten rasch einen Blick.
»Was wissen Sie von der Eisenbahn von Foligno?«
»Nichts weiter, Signori, als daß Sie die Concession in der Tasche haben: Una causa ciriunisce!«
»Eh ben,« sagte der Aeltere der gefoppten Bankiers - »das Schlagwort der Herren Mazzinisten in Rom ist vielen Leuten bekannt. Dieses Weib scheint es im eigenen Interesse oder in irgend einem Auftrag auf eine Prellerei abgesehen zu haben. Lassen Sie uns gehen!«
»Und Sie wollen sich meine Bitte nicht erst überlegen?«
»Wir haben keine Zeit zu Ihren Späß en! Kommen Sie!« Er winkte dem jüngeren Kollegen, der durch die Nennung des Schlagwortes etwas nachdenkend geworden war.
»Einen Augenblick, Signori!«
Der Fürst wandte sich um. »Was wollen Sie noch? Sie können doch im Ernst nicht daran denken, daß wir so thöricht sein werden, eine so ungeheure Summe uns abgaunern zu lassen.« - Er legte die Hand auf den
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Drücker der Thür und wollte sie öffnen - sie war verschlossen.
»Ah - also in eine Falle gelockt! - Es wird Ihnen wenig nützen, dies Haus ist bekannt genug und man bedroht nicht Personen unseres Standes ungestraft. Gehen Sie an das Fenster Ritter - indeß ich hier Lärmen mache!«
Die Dame klatschte in die Hände - sofort öffneten sich die beiden Seitenthüren des Salons und auf jeder Schwelle erschien ein, in einen Mantel gehüllter maskirter Mann.
»Signori,« sagte die Sängerin - »diese Herren wollen sich nicht überreden lassen, der Sache der Freiheit mit einigen Tausend Scudi's zu Hilfe zu kommen. Welche Mittel haben Sie wohl, meine Bitten zu unterstützen? dürfe nicht vielleicht ein kurzer Aufenthalt in irgend einem wohlverwahrten festen Keller geeignet sein, sie auf andere Gedanken zu bringen?«
»Ich stehe Ihnen dafür, Signora! - wir haben da in den Katakomben einige vortreffliche Gewölbe, kühl und luftig, aber so sicher, daß ohne Ihren Willen keine Ratte hinein kommen wird.«
»Dann Signori - haben Sie die Güte, diesen Männern zu folgen, ich bitte, ohne Aufsehen - sie sind beide etwas hitzige Leute und haben eine fatale Angewohnheit, mit den Messern zu spielen. Tio mio, ich hoffe, Sie werden sich die Zeit nicht lang werden lassen!«
»Wenn Sie uns ermorden lassen wollen, weil wir so thöricht gewesen sind, uns hierher locken zu lassen, so wähnen Sie doch nicht, daß dies ohne die nöthige Vorsicht
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geschehen ist! Mein Wagen hält in der Via Condotti, und wenn ich in einer Stunde nicht zurückgekehrt bin, wird man Nachforschungen anstellen. Der Fürst Torloni ist nicht der Mann, an den man ungestraft in Rom die Hand legt.«
»Der Himmel bewahre uns, Altezza, ein solches Verbrechen zu begehen. Sie sehen ja, daß ich mich auf bloßes Bitten im Interesse der guten Sache beschränke. Auch die Signori dort werden gewiß nicht beabsichtigen, Ihnen ein Leid zu thun, wenn man sie nicht dazu zwingt. Sie wollen Nichts, als Ihnen die Muße geben, darüber nachzudenken, wie hoch Sie die Ehre schätzen, der Bankier Seiner Heiligkeit zu bleiben, und einer Verhandlung auf - Hochverrath zu entgehen!«
»Signora,« sagte der Ritter hastig näher tretend - »vergessen Sie nicht, daß ich unter dem Schutz der französischen Gesandtschaft stehe!«
»So viel ich weiß, sind Sie nur ihr Bankier - jedenfalls würden Euer Excellenza deren Geschäfte nicht in Rom weiterführen können, wenn ...«
»Was?«
»Wenn Jemand dem Herrn Kardinal Staatssecretair noch diese Nacht die Beweise eines begangenen Landesverraths durch den Verkehr mit den Feinden lieferte. Der Principe Torloni weiß sehr wohl, daß seine Gesinnung von Achtundvierzig her in dieser Beziehung etwas verdächtig ist!«
»Pesthe!«
»Ich fürchte, Altezza - wir sind da in schlimme
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Hände gefallen,« sagte der Ritter auf Englisch. »Ich sagte es immer, daß den Mazzinisten nicht zu trauen ist. Sie können indeß nur All