Sir John Retcliffe: Um die Weltherrschaft! Fünfter Band
Biarritz.
Von
Sir John Retcliffe.
(Verfasser des Romans »Sebastopol.«)
Zweite Abtheilung:
Um die Weltherrschaft!
Fünfter Band.


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Ein König von Gottes-Gnaden!

(Fortsetzung aus Band IV.)

Der enthusiasmirte Socialdemokrat ging etwas gedrückt neben der energischen Schönen her, denn er hatte das Mädchen wirklich lieb und hätte sie gern zu seiner ehrlichen Frau gemacht, wenn er nur die Mittel zu einem Haushalt bisher hätte auftreiben können und sie eingewilligt hätte, ihre Freiheit und Sorgenfreiheit darum zu geben. So hoffte er, daß die ›Association‹ gelingen und ihr bessere Einsicht beibringen werde. Manches hatte er freilich schon gelernt, das mit den Lehren der neuen Agitation nicht recht klappen wollte, aber die Theorie bleibt ja immer so verlockend!
Die drei Paare waren zu dem Hause in der Nähe der Kaserne des Gardisten gekommen, in dem bereits so verschiedene sociale Scenen unser's Buchs gespielt haben und wo bei der Vermietherin des Chambregarni im zweiten Stock des Vorderhauses der Meier Söllenhofer der Nähe der Kaserne wegen Wohnung genommen und
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auch der junge Volontair von den Gardeschützen eine bescheidene Stube gefunden hatte, nachdem am 1. October die junge Schneiderin mit ihrer gelähmten Pflegemutter und der armen Friederike mit ihrem Kinde in die kleine Hofwohnung hinter dem zweiten Laden auf den Rath der Freundin eingezogen war, da diese in der Mitte der Stadt trotz der höheren Miethe für ihre neue Beschäftigung weit vortheilhafter sich zeigte, als die ihr ohnehin durch die frühere Recherche verleidete Wohnung auf dem Köpnickerfelde. Dies und die Spekulation des jungen, angehenden Cigarrenfabrikanten auf die freiwerdenden günstigen Lokalitäten war auch die Ursache, daß die drei Paare sich zusammengefunden und die Illumination am Einzugstag gemeinschaftlich besichtigt hatten.
Auch die Vorderfront des Hauses war glänzend erleuchtet, und einer der damals in Aufnahme kommenden Gassterne brannte in Patriotismus oder als Merkzeichen des Wirthsverkehrs über dem Thorweg, als die kleine Gesellschaft über den Hof zum Biersaal schritt und einige Augenblicke verweilte.
»Wollten Sie nicht Ihrer Freundin die Nachricht bringen von der Amnestie, die des Königs Gnade heute auch in der Armee bewilligt hat?« frug der junge Volontair die Schneiderin. »Ich werde hier auf Sie warten, während die Herren vorangehen und uns einen Tisch suchen.«
Das Arrangement war rasch und willig getroffen. Henriette mit ihrer Freundin und der jungen Colone gingen in die kleine Wohnung, der armen jungen Mutter die Hoffnung zu verkünden, indeß der Gardist und der
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Arbeiter das Bierlokal aufsuchten, wo bereits ihre Freunde zu sein schienen.
Der alte Colone hatte allein an einem Tische Platz genommen und empfing seinen Sohn mit einem Kopfnicken.
»Nun Fritz, warum bringst Du die Klörke nicht mit, oder ist sie bereits nach unserer Wohnung hinaufgegangen? Wie hat's ihr gefallen und wie weit bist Du mit ihr? - Ich wollte, die Engel und Wilm hätten auch die Herrlichlichkeit heute mit ansehen können. Man war doch stolz, ein Preuße zu sein!«
Der Colone hatte sich sehr verändert seit den Frühjahrsmonden, in denen wir die Bekanntschaft seines harten Charakters gemacht. Seine Haltung war noch immer so steif und fest wie damals, das schmale Gesicht so ernst und verschlossen wie früher, aber auf der sonst noch so platten Stirn unter dem schlichten Blondhaar lagerten jetzt strenge Falten ärgerlichen Nachdenkens und um die blauen starren Augen ein Zug ärgerlicher Zweifel in sich selbst, die er noch nicht zu lösen vermocht hatte, um zur alten Klarheit zu kommen.
Der Gardist hatte auf seinen Wink neben ihm Platz genommen und sein Seidel bestellt, der Cigarrenarbeiter aber war nach einem achtungsvollen Gruß an den Colonen, um ihre Unterredung nicht zu stören, zu einem andern Tisch gegangen, wo fünf seiner Kameraden in heftigem Disput saßen und zu seinem offenbaren Aerger der Schuster Armbrosi neben ihnen.
»Vater,« sagte der Gardist, auf die frühere Frage
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antwortend, - »wünschtest Du nicht noch einen Andern herbei?«
»Was soll's damit?« meinte der Meier barsch. »Ich frug Dich, ob Du mit der Klörke einig geworden bist und sie der Vernunft und aller Sitte Gehör giebt? sonst Nichts.«
»Einig sind wir, Vater,« antwortete der junge Mann fest und entschlossen, »und es Dir zu sagen am heutigen Tage bin ich ihr vorangegangen. Die Klörke gehört nach Gottes Recht dem Bruder Hindrik und ich unserm König und Herrn, wenn Du Nichts dawider hast.«
Der alte Colone sah ihn fragend an.
»Ich habe mich entschlossen, Soldat zu bleiben und so mitzudienen für unsern wackern Jüngsten. So üb' ich unsere Pflicht gegen das Vaterland und folge meiner Neigung, die für den Soldatenstand ist. Gebt Eure Einwilligung, daß ich kapitulire, wenn meine drei Jahre um sind, und Euren Segen dazu!«
»Aber der Brüninghof?«
»Bleibt der Klörke - und sie wird ihn schon mit Deiner Hilfe verwalten, bis der Hindrik andern Sinnes wird oder ich nicht mehr dienen kann und ihn den Beiden abpachte. Es wird nicht immer Frieden bleiben für des Königs Armee.«
[»]Der harte Mann sah nachdenkend vor sich hin. Dann sagte er ernst aber doch nicht unfreundlich: »Und das ist Dein fester Entschluß, Fritz, nicht der eines Augenblicks und das Flennen eines thörichten Mädchens?«
»Er ist es, Vater!«
»So sei's denn - ich seh, es ist eine andere Zeit,
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und ein anderes Geschlecht um mich her entstanden, - ob ein besseres? Gott allein weiß es. So bleibt der alten Zeit und der alten Sachsensitte nur noch der Wilm, - und ich muß es auf andere Weise versuchen, mit mir und der Zeit in's Reine zu kommen. Nur das Eine sag' ich Dir: bleib Deinem König getreu - getreuer als der Sitte Deiner Väter, sonst hast Du meinen Fluch, statt meines Segens, und wenn Du im Frühjahr Urlaub erhalten kannst, dann komm nach dem Söllenhof, damit ich mit Dir nach Enger wandre zum Grabe Wittekinds und dort Dich weihe nach altem Brauch zum Dienst unsers Herzogs und Königs! - und nun - wo ist der Mann, der mit Dir kam, und dem ich ein Versprechen geleistet, ihm zu helfen nach seiner Art und seinen Gedanken? Ich will's versuchen mit ihm, was festhält - die alte Zeit oder die neue und ihr Evangelium.«
»Herr Frisch ist dort hinübergegangen zu seinen Kameraden.«
»So rufe ihn - es sind manche darunter, die mir weniger gefallen wollen, als er. Indeß der Schein trügt, und man kann Keinem in's Herz sehen, bis man es erprobt. Hier setz Dich Klörke - kein Wort weiter, ich bin einig mit meinem Zweiten, und seien Sie gegrüßt und nehmen Sie Platz.«
Der Gruß galt den beiden andern Mädchen und dem Gardeschützen. Der Meier zeigte sich ganz in seiner ernsten einfachen Weise, doch als höflicher, fast galanter Mann gegen die Frauen, und sprach mit ihnen freundlich über die Pracht des königlichen Einzugs und die Illumination,
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bis der Gardist mit dem jungen Arbeiter herbeikam und er sofort sich steif und kühl erhob.
»Sie haben befohlen, Herr Söllenhofer?«
»Ich habe Nichts zu befehlen, Herr - die Zeit des Befehlens, wie die des Gehorsams hat aufgehört im Preußenlande. Ich möchte mit Ihnen nur ausführlich sprechen über das, wovon wir gestern hier redeten. Ist hier ein Ort, wo wir ungestört uns unterhalten und vereinigen können? Ich habe das Geld bei mir - heute vom Wechsler geholt.«
Ein Blitz der Freude unerwarteter Erfüllung seiner Wünsche flog über das Gesicht des jungen Arbeiters und sein Auge begegnete wie stolz darüber einen Moment lang denen seines aufhorchenden Mädchens.
»Wenn es Ihnen gefällig wäre, Herr Söllenhofer - dort hinten im Nebensaal, wo gewöhnlich die Versammlungen sind - ist es leerer und wir sind ungestört. Ist es Ihnen genehm, wenn ich meine Kameraden, die mit mir in Association treten wollen, mit zu unserer Unterredung ziehe? Da wir einen gemeinsamen Verein bilden werden, ist es in der Ordnung, daß kein Geschäftsgeheimniß zwischen uns besteht. So ist es social richtig.«
»Meinetwegen - es beweist wenigstens, daß Sie es ehrlich mit der Sache meinen. Kommen Sie, und bringen Sie Feder und Dinte mit, und wen Sie wollen.«
Der Meier nahm seinen Seidel und ging voran, den andern Mitgliedern seiner Gesellschaft winkend, zurückzubleiben und sich weiter zu unterhalten.
Ehe der Cigarrenarbeiter mit seinen Genossen ihm
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folgte, hatte noch einmal die Schneidermamsell seinen Arm gefaßt.
»Ik sage Dich, sei kein Esel, Friedrich, und halt Dich das Gesindel vom Leibe, - Du hast Deine Zukunft unverdient in die Hand. Wat ich Dir sagen wollte, der fatale Dokter, der Lasalle ist eben als wir kamen in die Weinkneipe nebenan jegangen!«
Sie sah ihm besorgt nach und setzte sich zu ihrer Gesellschaft. Das praktische, wenn auch leichtfertige und nicht grade in der Moral sonderlich feste Mädchen, das ihr Loos sich doch durch Fleiß und Verstand selbst geschaffen, hatte wenig Vertrauen zu all' dem politischen Schwindel und Treiben und hielt sich an das Praktische. Bei Letzterem war sie augenblicklich mit der Speisekarte und einem Seidel. »Jedes nach Belieben, Herr Söllenhofer, und bezahlt vor sich allein. Hier - was wünschen Sie - Sauerbraten jiebt's und Casseler Rippspeer? Er is gewöhnlich sehr gut bei Kulekens! die Friederike wollte partoutement nich mitjehn und bei ihrem Wurm bleiben, so sehr wir sie auch zuredeten. - He Nettchen« sie sagte es flüsternd, um von dem adligen Volontair nicht gehört zu werden, »ik globe gar, da drüben sitzt Deine Schwester mit ihrem Jeliebten - wie kommt die hierher, ick dachte, sie verkehrten nur unten in dem Bums? daß nur Dein Lieutenant Nichts merkt, ik globe, et könnte ihm doch nicht sehr anjenehm sind die Jesellschaft.«
Aber das wackere Mädchen war bereits aufgestanden, als es von der Anwesenheit ihrer brutalen Schwester und deren Geliebten hörte, der noch immer sehr krank und
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abgezehrt aussah von der schweren Wundkrankheit, die er überstanden hatte.
Sie war hinüber gegangen und reichte Beiden die Hand. »Wie geht es Ihnen, Herr Wilhelm,« sie kannte nicht einmal seinen andern Namen, »hoffentlich besser? Sie waren lange sehr krank, die schlimme That hat Sie sehr heruntergebracht.«
»Ja, dreizehn Wochen hat er gelegen,« schrie die Wittwe, »und kein Mensch hat sich um ihn gekümmert, außer wenn uns das Gericht kujonirte, um ihn zum Reden zu bringen gegen den schlechten Kerl. Dafür hab' ich's wenigstens gethan und 's ihm angehängt, daß er fünf Jahre Zuchthaus gekriegt hat. Nach Brandenburg kam er und säße dort feste, wenn ihn die dummen Kerle nicht entspringen lassen unterwegs. Nun kann er andere Leute stechen, der tückische böhmische Hund, ich wünschte, er thät's ihnen selber! - S'ist das erste Mal, daß ich ihn hier herauf bringen konnte, 's taugt ihm Nichts unten bei Nowak, die Jesellschaft ist nicht besser als der Böhme war, und er braucht doch Luft und Stärkung, damit er wieder zu Kräften kommt und an's Verdienen - der Doktor sagte freilich, als er zuletzt kam, der Wilm würde nie wieder der alte werden!«
Der Steinträger hatte ihr die Hand gereicht. »Trotz Deiner treuen Pflege, Marie« sagte er traurig, muß ich mich also nach einer andern Beschäftigung umsehen, obgleich der Verdienst der Kameraden jetzt sehr gut sein soll.«
»Und Dir Marie,« frug das junge Mädchen, »wie
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geht es Dir? Sei mir nicht böse, daß ich nicht öfter zu Dir komme, aber ich habe jetzt wirklich gar so viel zu thun von Morgens früh bis zum Schlafengehen!«
»Glaub's wohl, bist jetzt obenauf, und gehst nur mit feinen Leuten um, da frägt man nach so geringem Pack nicht, wie wir! Ich sage Dir nur, nehm Dich inacht, daß Dir's nicht geht wie der Friedrike, welche die Martini auch nicht mehr zu kennen scheint und noch nicht ein einziges Mal bei mir gewesen ist, seit sie wieder hier im Hause wohnt, aber freilich nicht mehr im Keller, der ihr damals gut genug war, als sie im Elend stak, sondern vornehm jetzt im Parterre. Aber ich will's ihr und Dir nicht neiden, bist ja doch meine Schwester, und ich habe verflucht wenig an Dir thun können, als Du noch eine Krabbe warst; deshalb ist's brav von Dir, daß Du zur ehemaligen Pflegemutter jetzt hälst und lieber vor ihr arbeitest, als daß sie in den Alten-Weiberspittel an der Fannowitz-Brücke kommt. Aber was ich sagen wollte - da Du jetzt zu so vielen reichen Leuten kommst, kannst Du nicht hinhorchen, ob's nicht einmal so eine passende Stelle gäbe für den Wilm - so als Portier oder Hausdiener, was er noch leisten kann? Bewaschen wollt' ich ihn schon gern und auch sonst manchmal für 'ne Stärkung sorgen. Sein Appetit nimmt jetzt gut zu.«
So brutal und rücksichtslos die Frau auch sonst war, - davon sprach sie kein Wort, daß sie fast sechs Monate lang mit ihrer Hände saurer Arbeit den Kranken unterhalten und gepflegt hatte, ihr dies gewiß nicht leicht geworden war und deshalb noch manches Stück von ihrem
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ehemaligen Wohlstand hatte zum Leihhaus oder zum Altkrämer wandern müssen.
Bittend sah der früher so rohe Steinträger zu dem Mädchen auf. »Plage Deine Schwester nicht,« sagte er bescheiden - »sie wird gewiß an einen armen aber ehrlichen Kerl denken, wenn sich die Gelegenheit findet, hat ja selbst ihr Bisken Noth und es geht ja täglich besser. Es hat auch hier nicht an guten Menschen gefehlt im Hause, der alte Franzose hat alle Medizin für mich bezahlt und seine Frau und das Geheimraths-Fräulein hat mir oft genug kräftige Suppen gekocht und nach mir umgesehn, wenn die Marie fort mußte von wegen ihr Geschäft. Selbst die Kuleken hat mit Essen für mich gesorgt und manches Andere, - obgleich das Beste immer die Marie an mir gethan hat, der ich's im Leben nicht vergelten kann. Glauben Sie auch nicht, Mamsellchen, daß ich ihr hier das Geld verschlemme - sie hat mich gezwungen mit hier herauf und - es ist doch heut meines Königs Ehrentag, daß ich hier meinen Seidel trinke und die Cigarre rauche, mit der mich Herr Frisch versehen hat, seit ich das Labsal wieder mir anthun darf.«
»Das ist ein guter Gedanke,« sagte rasch die Näherin - »vielleicht kann er noch Anderes Ihnen bieten, eine passende Stelle, bei der Sie Marie gar nicht zu verlassen brauchen. Ein Arbeiter hilft gern dem andern, und wie ich gehört habe, hat er Aussichten, statt der Spinnerei, die nach Rummelsburg verlegt wird, hier oben eine andere Fabrik in seinem Metier zu gründen.«
»Was Du nicht sagst, Kind,« rief die Wäscherin -
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»der Frisch - am Ende gar eine Cigarrenfabrik? Ich wollt's ihm gönnen. Da sollte er mich nur zur Aufseherin machen über die Mädchens, ich wollte schon die faulen Schlumpen auf die Beine bringen. Vergiß ja nicht, Nette, mit Herrn Frisch darüber zu sprechen, und da darauf Wilm, müssen wir heute noch einen Seidel trinken!« und sie winkte der Biermamsell.
»Aber Sie und Du erlauben, daß ich es bezahle,« sagte fröhlich die Schneiderin, »und verlaß Dich darauf, Marie, daß ich und Pauline mit ihm darüber sprechen!«
Damit entschlüpfte sie wieder zu ihrer Gesellschaft, wo der junge Schütze ihr achtungsvoll die Hand drückte, nachdem er erfahren, daß es ihre Schwester war, deren sie sich nicht geschämt hatte.


Der Cigarrenarbeiter war mit seinen Kameraden dem Colonen nach dem hinteren Saal gefolgt und sie hatten hier Platz um einen Tisch genommen, wobei der junge Mann zu seinem Verdruß erst bemerkte, daß auch der Schuster Armbusen sich ihnen angeschlossen hatte. Aber ein ernster Wink wies diesen an einen andern Tisch.
»Diese Herren,« sagte der Meier, »sind also Ihre Freunde und Genossen, mit denen Sie gemeinschaftlich das Unternehmen beginnen wollen?«
»Es sind Socialdemokraten wie ich,« erwiederte der junge Mann, »wir arbeiteten zusammen in derselben Fabrik und machten zu gleicher Zeit Strike, weil der Besitzer unsern Verdienst nicht erhöhen wollte und sogar eine andere Fabrikordnung eingeführt hatte, die uns jede eines freien
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Mannes würdige Selbstständigkeit raubte. Dies sind die Herren Vorknecht, Wende, Becker, Hochstedt und Schweiger
»Nach dieser neuen Fabrikordnung, Herr,« sagte Vorknecht, »hätten wir nicht einmal Zeit gehabt, über unser geknechtetes Dasein und unsere Menschenrechte gehörig nachzudenken. Nur eine halbe Stunde zum Frühstück, eine halbe zur Vesper und zwei lumpige Stunden zum Mittag von den zwölfen!«
»Keinen blauen Montag,« meinte Schweiger, »und wer eine halbe Stunde zu spät kommt zur Arbeit, sollte Strafgelder bezahlen.«
»Keine Besuche annehmen in der Fabrik!«
»Nicht einmal einstecken sollte man sich von den Cigarren den Abendbedarf, eine schändliche Tyrannei!«
Der Meier hatte ruhig Platz genommen, es den Anderen überlassend, ob sie folgen wollten oder nicht.
»Darf ich fragen - was verdienten Sie bei dieser Behandlung?«
»Ein Lumpengeld, Herr - nach der Stückzahl, das ist es ja eben! man konnte sich abstrapaziren, daß Einem der Schweiß von der Stirn rannte, wenn man lumpige anderthalb Thaler im Tage verdienen wollte, - rechnen Sie selbst: Wohnung, Kost, Garderobe - was bleibt da zur Erholung, der Fabrikherr steckt allen Vortheil in die Tasche! Nennen Sie das ein menschenwürdiges Dasein?!«
»Von meinen Arbeitern,« sagte der Meier ruhig, »verdient der Mann außer gesunder und nahrhafter Kost
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in der Erntezeit von früh 4 Uhr bis Abends Sieben sechs Silbergroschen.«
»Ja Herr,« rief der Cigarrist Hochstedt - »das ist auf dem Lande, Bauernvolk, das ist es nicht besser gewohnt - aber Doktor Lasalle sagt, das muß auch dort anders werden! Ländliche Genossenschaften mit socialem Grundeigenthum - der Staat muß das Kapital zur Aussaat und zum Betrieb stellen.«
»Hm! Das wird jedenfalls unsern Arbeitern sehr angenehm sein, namentlich, wenn es nächstens im Amtsblatt und von der Kanzel publizirt wird.«
Der Socialist Becker stieß den Vorredner an. »Dummkopf,« sagte er leise, »siehst Du nicht, daß der Protzen so weit vorgeschritten noch nicht ist?«
Der Meier hatte sich an den jungen Mann gewandt. »Sie sagten mir gestern, daß Sie hier eine Produktiv-Genossenschaft bilden wollen, das heißt, wenn ich recht verstanden habe, eine Genossenschaft von Arbeitern für eine bestimmte Produktion, die zugleich die Verwerthung ihrer Produkte in direkter Weise ohne Vermittelung von Zwischenhändlern oder Eigenthümern dieser Produkte übernimmt, und so den Arbeitern selbst den Gewinn zuwenden will, den sonst das Kapital oder der Fabrikherr bezieht.«
»Ja, Herr Söllenhofer,« sagte schon etwas verlegen der junge Mann, »Sie haben den Grundgedanken ganz richtig aufgefaßt, obgleich hiermit die Idee des Socialismus keineswegs erschöpft ist. Wir verlangen vollkommen bürgerliche Gleichstellung, Aufhebung der Beschränkung der freien Arbeitskraft durch Militairpflicht, Freiheit jeder Anschauung
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in religiöser Beziehung, gleichen Unterricht, freie Ehe durch bloße gesetzliche Verpflichtung, also Civilehe, und zur Erreichung der Gesetzgebung durch das Volk das allgemeine Wahlrecht.«
»Bleiben wir vorerst bei dem Recht der Arbeit stehen, mit anderem Wort, der gemeinsamen Produktion und der gemeinsamen Verwerthung. Dieser Gedanke wäre so übel nicht.«
»Ja Herr - aber dazu fehlt uns eben das Kapital. Das soll der Staat geben, weil es ihm durch die Steuern verzinst wird!«
»Keine Steuern mehr!« schrie Vorknecht.
»Gut - Sie halten also doch den Gedanken fest, daß das Kapital gleichfalls Anspruch auf Verwerthung hat, sei es durch die Steuer, sei es durch Verzinsung.«
»Ich leugne das nicht - nur darf dieses Verzinsungsrecht kein die Arbeit erdrückendes sein.«
»Sagen wir also nur ein zu vereinbarender Antheil am Erwerb!«
Der junge Mann wurde immer befangener. »Sagen Sie mir, welchen Zins verlangen Sie, wenn Sie uns das Kapital zu unserer Genossenschaft geben wollen, Herr Söllenhofer?«
»Das sollen Sie selbst bestimmen, nicht ich! Ich will Ihnen offen sagen, ich habe mir die Buße auferlegt, Ihnen kann es gleich sein, wofür - eine Summe Geldes, die ich mir selbst erworben durch Arbeit und Sparen, zur Erprobung einer der Ideen der Neuzeit zu opfern, die uns alten schlichten Leuten nicht so leicht in den Kopf gehen
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wollen. Ich will dies als verständiger Mann thun, und deshalb habe ich mich nach Ihnen erkundigt, ob Sie ein redlicher und thätiger Mensch sind. Beides hat mir der alte französische Herr gesagt, der Sie durch einen Arbeiter kennt, welcher hier unten in der Schlosserei beschäftigt war und jetzt zu seiner weiteren Ausbildung in der Fremde ist.«
»Gewiß der Wehrmann?«
»Mag sein! Der alte Franzose würde Ihnen vielleicht selbst das Geld gegeben haben, wenn Sie ihn darum angesprochen hätten. Jetzt will ich es thun. Wieviel brauchen Sie, um in bescheidener Weise die Genossenschaftsproduktion anzufangen in diesen Lokalitäten, die Sie mir selbst gerühmt haben. Verstehen Sie mich recht: ich gebe Ihnen persönlich das Kapital - Sie wählen Ihre Genossen.«
Der Cigarrenmacher rechnete auf seiner Notiztafel. Von einer Seite flüsterte sein Kamerad Vorknecht: »Nicht zuwenig, Frisch!«, von der anderen Becker: »Sei gescheut, Friedrich - wir müssen gleich im Großen anfangen, wenn's lohnen soll!«
»Mädchen zum Wickeln können wir genug haben,« meinte der Dritte, »die Arbeitslöhne sind niedrig - für vier Silbermorgens den Tag schaffe ich sie uns schockweise!«
Frisch war fertig mit seinem Rechenexempel. »Nein,« sagte er entschlossen, »dieser Herr verfährt ehrlich und großmüthig mit uns, und wenn wir verdienen wollen, dürfen auch die armen Arbeiterinnen nicht gedrückt werden! Herr Montmartin hat Ihnen vielleicht gesagt, daß ich eine Maschine zum Wickeln erfunden habe, deren Idee mein
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Freund, der junge Maschinenbauer, sehr lobt und die er auf meine schlechte Zeichnung hin eben anzufertigen im Begriff steht. Aber wir brauchen noch andere Geräthe, die Miethe muß, da wir unbemittelt sind, pränumerando auf ein Quartal gezahlt werden, - vor Allem, wenn wir reell fabriziren und vorwärts kommen wollen, müssen wir gutes Material haben aus direktem Bezug - ich fürchte - zwölfhundert Thaler, Herr, wird Ihnen wohl zu viel sein, und dennoch wäre Dies uns nöthig!«
Der andere Cigarrist hatte ihn vergeblich unter'm Tisch angestoßen, jetzt wandte er sich ärgerlich von dem ehrlicheren Kameraden ab und brummte fast vernehmlich ein »Dummkopf!«
»Wir würden es Ihnen redlich mit fünf Prozent verzinsen,« fuhr der junge Arbeiter entschuldigend fort. »Auch wäre es nicht gleich auf einmal nöthig. Bedenken Sie, daß wir erst Kundschaft erwerben und eine Reise nach Bremen und der Pfalz machen müssen.«
»Es ist die Summe,« sagte der Meier aufstehend, »die ich mir zu dem Versuch vorgesetzt und Sie sollen das Geld haben auf Ihr ehrliches Gesicht. In zwei Jahren will ich erst Rechenschaft darüber verlangen, bis dahin mögen Sie der Verwalter sein und Ihren Plan realisiren. Ich gehe das Geld von meinem Zimmer zu holen, da ich es natürlich im heutigen Gewühl nicht bei mir führen wollte. Was Ihre andern socialen Gedanken und Pläne betrifft, so habe ich Nichts damit zu thun.« - Er verließ den Saal.
»Hurrah!« schrie Wende, »das nenn ich einen Glücksstern.
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Ich weiß eine prächtige Gelegenheit, wo wir ihn heute Abend noch feiern können - guten Wein, famose Küche und schöne Mädchen!«
»Der Kerl scheint enorm reich oder dumm,« meinte Vorknecht - »das Doppelte hättest Du mindestens fordern müssen!«
»Das Gescheuteste ist - wir theilen heute Abend und Jeder giebt dann bei der Einrichtung seinen Betrag - Jeder hat das gleiche Recht!«
»Wir wollen später über das Geschäft sprechen, - wer soll die Kasse führen?«
»Ich werde die Stadtkundschaft übernehmen.«
»Und ich die Aufsicht im Arbeitersaal! Zehn Thaler Vorschuß muß ich heute Abend noch haben!«
»Meine Alte wird sich freuen, da sie doch bei unserem Strike die letzte Zeit sehr krumm gelegen hat!«
»Sie werden doch einen armen Kerl nicht vergessen, Herr Frisch, und mir Antheil nehmen lassen,« schrie der Schuster, der eilig an den Tisch getreten war und das Seidel des Colonen sich zu Gemüthe geführt hatte. »Ik werde sehn, ob ik ich ihn nich ooch anpumpen kann! Et lebe die Social-Demokratie!«
Der junge Mann war blitzenden Auges aufgestanden und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die Gläser klirrten.
»Hört mich an Kameraden und täuscht Euch nicht über meinen Entschluß, und Sie, liederlicher Schuster, packen Sie sich fort und lassen jenen Herrn in Ruhe, oder ich will Ihnen, wie ich Ihnen versprochen, das Fell gerben
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für den Diebstahl an Ihrer Familie, daß es grün und blau davon sein soll. Nicht einen Pfennig von dem Gelde kriegt Einer, ehe es mit Fleiß und Arbeit verdient ist. Zur Genossenschaft giebt es ein Ehrenmann und redlich soll es dazu verwendet werden, dafür bürge ich. Die Kasse führe ich und wer nicht arbeiten will wie Jeder, mag aus der Genossenschaft bleiben, das ist mein letztes Wort!«
»Das wäre Anmaßung, die ich bestreiten muß! Du hast kein besseres Anrecht wie wir!«
»Sollen wir etwa wie die Hunde uns schinden, wenn wir Geld haben? Am Besten wir theilen und machen dann gemeinsame Kasse! Ueberdies hast Du's selbst gehört, daß der Mensch sich einen Ultra-Reaktionair genannt hat. Was er hergiebt ist also nur, um was er den Arbeiterstand vorher geschröpft hat!«
»Ja theilen, theilen! Die Majorität hat Dich überstimmt!«
»Du wirst doch Deine Kameraden nicht tyrannisiren wollen, - da hätten wir ebenso gut in der Fabrik bleiben können!«
»Du möchtest uns wohl um unser Eigenthum prellen?«
»Wir sind so gut wie Du! Kommandiren laß ich mir nicht! Das sind keine socialdemokratischen Grundsätze. Ich werde mich bei dem Präsidenten unseres Vereins darüber beschweren.«
Frisch stand ihnen gegenüber, die Arme über die Brust gekreuzt. »Ich sah ihn vorhin drüben in die Weinwirthschaft gehen, also kannst Du's in der Nähe haben -
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geh und rufe ihn Einer. Vorläufig kennt Ihr mich - und das Geld bekommt Ihr nicht in die Hände - wir sind keine Kommunisten, und daß das Kapital zu unserm richtigen Zweck verwendet und nicht verschleudert wird, dafür werde ich Sorge tragen, indem ich Herrn Söllenhofer bitte, es irgend wo bei einem zuverlässigen Mann zu deponiren, wo es in Raten auf meine und zweier andern Mitglieder unserer Genossenschaft Unterschrift erhoben werden kann.«
»Das ist eine Sache Ihrer inneren Genossenschaftseinrichtung,« sagte die ruhige Stimme des plötzlich unter den Streitenden stehenden Colonen mit einer gewissen Ironie. »Ich halte das allerdings für das Richtige, mische mich aber nicht ein und wünsche von Ihnen allein, Herr Frisch, Quittung für das bei Ihnen deponirte Geld, da ich Sie als einen redlichen Mann erkenne. Heute über zwei Jahre also werde ich wieder an dieser Stelle sein, um zu erfahren, welchen Ausgang das Unternehmen gehabt hat. Wollen Sie dies - oder wollen Sie diese Bedingung nicht eingehen? Im erstern Fall ist hier das Geld.«
»Aber wir können Unglück haben, - bei aller Vorsicht, das Kapital kann verloren gehen,« sagte jetzt bedenklich der junge Arbeiter.
»Das kann jedem andern Unternehmer, jedem Kapital auch geschehen. Der Landmann ist ebenso gut den Mißernten und Krankheiten ausgesetzt, die er nicht abwenden kann und die Gottes Schickung sind. In diesem Fall werden Sie mich sicher nicht unbillig finden - mir kommt es nur darauf an, zu ersehen, ob der sociale Gedanke, der
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Sie bewegt, an seiner innern Unausführbarkeit oder an dem thörichten Gebahren und Unglauben der Menschen selbst scheitern muß. Ohne Arbeit, Aufrichtigkeit und Gottvertrauen ist keine menschliche Einrichtung von Werth. Also - entscheiden Sie sich!«
»Nehmen Sie lieber das Geld, Frisch,« sagte eine scharfe Stimme außerhalb des Kreises. Ich werde dem Herrn, der es jedenfalls gut mit den Arbeitern zu meinen scheint, meine Ideen über die Berechtigung der Social-Demokratie und die Principien meiner Productiv-Genossenschaften sofort auseinandersetzen und ihn hoffentlich veranlassen, auch unter der ländlichen Bevölkerung gleiche Versuche zu machen. Sie können die zwölfhundert Thaler in der Kasse meines allgemeinen berliner Arbeitervereins auf das Vortheilhafteste und unseren großen Principien entsprechend niederlegen! Ich danke Ihnen einstweilen im Namen der Arbeiter, Herr!«
Der Meier hatte sich ruhig zu dem neuen Apostel der Social-Demokratie gewandt und ihn mit kaltem Blick gemessen.
»Aber wer sind Sie, Herr?«
»Ich bin der Doktor Lassalle, der Präsident des großen Arbeiter-Vereins, der Gründer der social-demokratischen Produktiv-Associationen! Ich werde die Angelegenheit dieser Herren nach Principien ordnen und Ihnen sogleich einen Vortrag ...
»Später, Herr, Sie sind also wohl der jüdische Doktor Lasalle, der einer Dame in Cöln ihre Kassette stehlen ließ und in Düsseldorf wegen Aufruhr und Rebellion
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verurtheilt wurde?« Dem Agitator fuhr es roth vor Aerger über die Stirn und er wollte auffahren, aber der Meier winkte ihm ruhig zu. »Wahrscheinlich haben Sie das Kapital, das Sie von der vornehmen Dame für den Ehebruchs- und Ehescheidungsprozeß erhielten - wie man bei uns in Westfalen und am Rhein erzählt 30,000 Thaler - doch auch in der Kasse des allgemeinen Arbeiter-Vereins angelegt, wie Sie diesem Herrn hier rathen? Nun Herr - Jeder kann sich bessern, wenn man auch schlimme Dinge aus Ihrer früheren Jugend erzählt, wenn er nur Ehrlichkeit und Gottesglauben hat, ein aufrichtiges und hingebendes Herz zu einer guten Idee mitbringt! - So Herr Lasalle, ich bin bereit, mir jetzt Ihre Ansichten über Besserung der Arbeiterverhältnisse entwickeln zu lassen!«
Der Meier hatte wieder seinen Stuhl eingenommen und winkte dem Cigarrenarbeiter die Quittung zu schreiben, was dieser nicht ohne Lächeln that, während der Söllenhofer unter den gierigen und neidischen Blicken der umstehenden Mitglieder der neuen Genossenschaft in preußischen Kassenanweisungen das Darlehn aufzählte.
Aber der große Agitator blieb diesmal den Vortrag schuldig. Er hatte es vorgezogen, sich mit verächtlichem Nasenrümpfen auf den groben Landmann auf den Hacken umzudrehen und wieder zurück zu seiner politisirenden Gesellschaft zu gehen, wo man seine Verdienste besser zu würdigen und seine Vergangenheit weniger zu kennen schien.
Nachdem der Meier die Quittung des jungen Arbeiters sorgfältig zusammengelegt und dieser zum großen Verdruß seiner künftigen Genossen - die in Gegenwart des
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Darleihers Nichts mehr opponiren mochten, das werthvolle Päckchen in die Brusttasche geschoben, und den Rock darüber zugeknöpft hatte, erhob sich der Colone, reichte seinem Schuldner die Hand und lud ihn ein, mit ihm zu der Gesellschaft der drei Mädchen und der beiden Soldaten zurückzukehren, zu der er ebenso gleichmüthig und ernst wiederkam, als er sie verlassen hatte.
Er fand die Mädchen überaus heiter und lachend, während die beiden jungen Männer sehr entrüstet schienen.
»Nun - was giebt's, worüber lachen sie, Fritz?«
»Mit Ferlöf, Nix Vader, de Klörke hat man opstöd eenen Oenverschämden en tüchtigen Bums gifen, der sie as e voröwer güng kranwis ünders Kinn faten wul, un wie de Pauline ferzählt, soll's so'n Demokrat gewesen sin. Ik kunt man nich hönnig genug upstahn, um dem Dönnhigt to wisen, wie man eerliche Wichters behandeln dhut, sunnig wär he anders über den Stuhl gehukt.«
Die Schneiderin winkte mit lachendem Auge ihrem Bräutigam. »Der Lassalle war's, die hübsche Landmamsell schien ihm in die unverschämten Augen zu stechen.«
Der Meier machte eine kurze wegwerfende Handbewegung. »Hast recht gehabt, Mäken, sollst Dich nicht von Molchen berühren lassen. Wenn's der war, der drinnen bei uns gewesen ist, - soll ein gescheuter Mann sein, aber sein Hochmuth und Eitelkeit stürzen ihn sicher noch einmal in's Verderben. Hüten Sie sich vor ihm, Herr Frisch - ich müßte mich sehr täuschen, oder der Mann hat kein Herz für die Arbeiter und nur eins für sich!«
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Der Mann, von dem die Rede war, verließ eben mit einem andern der damaligen Clubredner, die in der Kammer erklärten, nicht ruhen zu wollen, bis ›Preußen der Großmachtsdünkel vertrieben sei‹, damit die wahre Freiheit desto freier im Trüben fischen könne, das Weinlokal. Eine Equipage war grade vor dem Thorweg angefahren, die Geheimräthin mit ihren zwei älteren Töchtern und einer andern Dame saßen darin und hatten die Illumination abgefahren. Drei Männer waren zum Schlage getreten, ihn zu öffnen.
Die Dame, die im Fond mit der Geheimeräthin saß, war sehr jung noch, von schlanker und dennoch üppiger Figur, von jener durchsichtigen Blässe, welche dem rothen goldschimmernden vollen Haarwuchs gewöhnlich eigen ist!
»Erlauben Sie mir, meine Gnädige,« sagte mit sehr ausländischem Accent der moldauische Bojarensohn Fürst Strabetzkoi, der mit seinem Bärenführer die romantische Trauerspieldichterin eben aus dem Wagen hob, »Ihnen einen meiner Freunde Herrn Baron von Rackowitz aus der Walachei vorzustellen, der uns begleitet hat, seine schöne Verlobte abzuholen, um sie wieder in die Arme ihrer Tante zurückzuführen.«
»Wie aufmerksam!« flüsterte die romantische Dichterin der Dame zu. »Wissen Sie, Helene, Sie müssen den interessanten Walachen zu unserem nächsten Leseabend mitbringen! Ich verspreche, ihn nicht abwendig zu machen, obschon das Fremde, Steppenartige so romantisch ist. Ein walachischer Bojarensohn, was müßte der in einem Drama für eine interessante Rolle spielen, fast wie Fürst
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Strabetzkoi - wenn er von seiner Heimath an den Mündungen der ›blauen Donau‹ erzählt.«
Die beiden Vertreter der Demokratie, der ›socialen‹ und der ›nationalliberalen‹ waren, wie erwähnt, stehen geblieben und der erstere hatte die jungen Damen durch sein Augenglas mit dreistem Anstarren in Augenschein genommen.
»Oh - ein famoses Weib - die Rothblonde - die muß ich kennen lernen! Wenn der Geist nur zum zehnten Theil dem Aeußeren entspricht, würde sie mir passen. Wer ist sie? Sie grüßten ja eben, und wo kann ich die Bekanntschaft machen?«
»Glaub's schon, wäre etwas für Sie - hat auch Vermögen! Ein Fräulein von Dönniges, der Vater im bairischen Staatsdienst, die Mutter stammt aus Berlin aus einem jüdischen Bankierhause - die Bekanntschaft können Sie leicht bei Ihrem Freunde Holthoff machen - aber - sie soll bereits verlobt sein - auch würde es kaum die Gräfin zugeben!«
»Bah! - Diese fängt an, mir unbequem zu werden. Verlobt!«

Der Untergang der Amazone.

Es ist eine einsame kleine Einöde im friesischen Meer: die Insel Amrum, kaum größer und bewohnter als eine der benachbarten Halligen, jener Stiefkinder des Marschlandes, wo tapfere Männer wohnen, die einen ewigen Kampf gegen das gewaltige Meer führen und das gefährliche Erbe ihrer Väter höher schätzen, als das Leben selbst von Frau und Kind, bis zuletzt dennoch die Woge der Sturmfluth ihr Wootsdorf mit Kirche und den Särgen der Vorfahren endlich hinwegspült und in den tiefen Grund hinabreißt, auf dem bereits ganze Städte und Dörfer liegen und die Glocken der versunkenen Christenthürme um Mitternacht, wenn der Vollmond scheint und die nahende Fluth neue Opfer fordert, den thörichten Streitern gegen die Elemente ihr Ende vorher verkünden.
Wer hat nicht gehört und gelesen von den Halligen, jenen Vorposten des alten Dithmarsen- und Friesenlandes gegen das Meer. Die Insel Amrum, - zu klein, um sich wie Sylt oder Pelworm und Nordstrand der Mühe des
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Menschenkampfes zu lohnen gegen die See, obschon der Widerstand auch dort nur eine Frage der Jahrhunderte ist, schützt wenigstens jetzt noch die hinterliegenden Halligen von Langenees, Oland, Gröde oder Hooge, jene seltsamen auf altem Grund künstlich geschaffenen Hügel, auf deren Spitze die hölzernen Häuser stehen, von deren Dach bei großen Springfluthen, wie sie stets zur Winterzeit kommen, die kühnen Bewohner hocken, während zwischen ihnen hindurch in gewaltigen Rinnen das Meer fluthet.
Die Insel Amrum, von der Politik der dänischen Herrschaft, - obschon die sechshundert Bewohner so deutsch sind, sprechen und denken, wie das gegenüberliegende schleswig'sche Festland, auf der Karte nur mit jütischer Farbe bezeichnet und dem jütischen Amte Ribe zugerheilt, grade wie die Spitze der deutschen Insel Sylt und die Westküste von Foehr, ist nur noch auf Mitte und Ostküste bebaut und zählt ein einzig Kirchdorf mit seinem Gotteshaus, nach Westen, Norden und Süden hin nur öde Sand-Dünen bildend, die allein ihre Existenz noch halten. Die langen Watten, jene trügerischen Vorgelände des Festlandes, gestatten reichen Austernfang und hierin besteht der Erwerb und Unterhalt der Insel; denn die Austernbänke von Husum, Eigenthum und Usurpation der dänischen Königskrone, erhalten von hier den größten Theil ihrer vielbegehrten Schaalthiere.
Der Spätherbst des Jahres 1861 war zwar ziemlich rauh und an schweren Wettern reich. Dennoch wanderte alltäglich ein Frauenpaar, eine alte Friesin, welche die wenigen Bewohner des nahen Dorfes Nebel bei dem
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Begegnen ehrerbietig als Frau Pastorin begrüßten, und ein junges Mädchen in der wenig kleidsamen dunklen Landestracht hinaus auf die westlichen Dünen, die höchstens selbst während des Sommers einige spärliche Halme des Sandhafers schmücken, und schauten auf die unendliche dunkle Fläche der Nordsee, die weit hinaus sich dehnt zur schottischen Küste oder zu den Regionen des trotz aller Kühnheit und Opfer noch immer unerforschten arktischen Meeres, von dem her die gewaltigen Heereszüge der Häringe alljährlich kommen, oder der spärlich gewordene Riese des Meeres, der Wal oder der neugierige Seehund, der über die Klippen lauscht. Tag um Tag schauten die beiden Frauen nach den fern vorbeiziehenden Segeln, denn Alles, was aus dem Skager-Rack von der Ostsee her durch Kattegat, Sund oder Belt kommt nach der großen Heerstraße zwischen England und dem europäischen Festland, oder von der alten Küste der Normannen, von Norwegen her nach Hamburg oder Bremen, muß hier seinen Weg an der friesischen Inselreihe vorübernehmen, natürlich in respektvoller Ferne; denn die Nähe der flach aufsteigenden Küste ist gefahrdrohend genug, und das Schiff, das der von Island her heulende Nordwest ohne gehörige Sicherung gegen sie wirft, ist der Brandung so leicht ausgesetzt, wie an dem berüchtigten Schiffer-Kirchhof, der öden Spitze von Skagen.
Erwarteten die beiden Frauen die Ankunft von Schiffen, von Freunden von dieser Seite, während doch bloß im Binnenmeer die Insel zugänglich ist, oder vom nahe gelegenen größeren Föhr her, während der Ebbe von der
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Watten kundigen Strandläufern besucht wird, oder beobachteten sie bloß die Barken, die der kühne Fischer aus den Dünen heraussteuert auf das unendliche Meer, um sich und den Seinen den kärglichen Gewinn der Tiefe zu holen? - Nein, in der That waren es die in der Ferne vorüberziehenden Seegel der großen Schiffe, denen sie mit ihren Blicken folgten und denen sie ihre Gedanken für die Fremde und weitentfernte Menschen vertrauten.
An dem Tage aber, an dem unsere Erzählung zu ihrem Schauplatz die so öde Küste gewählt, war es unmöglich gewesen, die etwa eine Viertelstunde von dem Ende des Kirchdorfs entfernte westliche Düne zu erreichen und beide Frauen hatten den gewohnten Weg abbrechen und zu dem kleinen Haus zurückkehren müssen, das sie am nördlichen Ende des Dorfes bewohnten. Es lag fern dem gleichfalls künstlich erhöhten Hügel, auf dem Kirche, Pfarrhof und Kirchhof standen, und war das Auszughaus für die Prediger-Wittwen, wenn bei der größeren Zähigkeit der Frauennatur allen Leiden und Mühen gegenüber, der mitleidige Tod den Seelsorger von seinem beschwerlichen und einsamen Amt auf der öden Insel vor der Zeit erlöst hatte. Jetzt war es schon viele, viele Jahre im Besitz der verwittweten Prediger Hansen, denn der neue Geistliche, der zweite, der ihrem Gatten gefolgt, war noch ein junger zäher Däne, der größtentheils auf Föhr wohnte oder gar auf dem Festland, und sich herzlich wenig um seine Gemeindeglieder kümmerte, die seine dänischen Predigten nicht besuchten und nicht verstanden. Bekümmerte er sich doch auch nicht um die Wittwe des alten deutschen Geistlichen,
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der noch immer in gefeiertem und gesegnetem Andenken bei den einfachen Schiffer-Familien stand.
Die Pastorin war wieder in das kleine Häuschen getreten, das in seiner ausgesetzten Lage der Sturm so gewaltig umtobte, daß ihre junge Begleiterin helfen mußte, die Thür zu schließen. Die beiden Frauen saßen jetzt in der großen Stube, die links von der Thür und vom Flur bis auf ein Kämmerchen die ganze Hälfte des Hauses einnahm. »Ihr könnt unmöglich heute schon zurück nach Föhr, Niels,« sagte sie auf dem Wege durch den Flur zu einem alten Mann in der ärmlichen Kleidung der Strandläufer, den der Lederbeutel, welchen er über dem Rock von grober Wolle trug, als den Postboten bezeichnete, der alle Monden ein Mal, wenn es Wetter und Gelegenheit erlaubte, den gefährlichen Weg von Bredstedt oder Tondern nach den Inseln machte, um die wenigen Briefe zu befördern, die nicht mit irgend einem der Nachbarn gesandt werden konnten. »Der Wind hat sich verstärkt und treibt selbst mit Eis und Schneeflocken, daß kein Mensch auf den Dünen oder im Freien verweilen kann. Und was mir noch weniger gefällt, das ist der blanke Hans1 selbst - er sieht so bleigrau aus - hab' ihn nur wenige Male so gesehen seit den vielen Jahren, daß ich mit meinem seeligen Eheherrn hier herüber gezogen war, und es ist immer eine schlimme Nacht für Amrum und die Halligen, wenn die See so ausschaut! Ihr dürft nicht fort Niels, diese Nacht, dazu seid Ihr mir zu lieb und ein zu getreuer Mann. Habt
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Ihr Euch doch bloß meinetwegen herübergewagt von Föhr.«
»War doch meine Pflicht und Schuldigkeit,« meinte der Alte. »Hatt' ich den Brief doch schon drei Tage in der Tasche, nachdem ihn mir der Posthalter zugesteckt hinter dem Rücken des jungen Sekretair, der ein arger Däne ist und immer spionirt, ob er Niemand anzeigen kann beim Amtmann und ihn in's Unglück bringen.«
»Wie Niels - sie werden doch wenigstens das Briefgeheimniß achten in ihrer Wuth, Alles dänisch zu machen!«
»Glaub's kaum, Frau Pastorin. Die Zeiten werden immer schlimmer drüben aus dem Festland. Sollen doch die Kinder in der Schule die Bibel nur noch dänisch lesen. - S'ist drum immer gut, wenn die Adressen auf den Briefen dänisch geschrieben sind, sonst möchte mancher nicht an seinen Mann gerathen. Namentlich wenn er so dick ist und von drüben aus Deutschland her kommt. Sie wissen, der Posthalter in Bredstedt ist ein deutscher Mann, und so steckte er mir den Brief heimlich zu, daß ich Gelegenheit suchte ihn zu befördern, statt zu warten bis zum gewöhnlichen Rundgang, wo der Däne sie mir zuweist. Seitdem das dänische Kriegsschiff wieder drüben im Hafen liegt, sind die Dansken wieder ganz oben auf, und suchen jede Gelegenheit, wo sie uns Deutsche aus dem Dienste bringen können, und sei es auch nur der eines armen Postbuden, den sonst kein Mensch mag. Hätte ich nicht den Weg nach Wyk machen müssen, weil der Däne dort grade ankert, und die Briefe an ihn bestellt werden müssen, hätte es lange dauern können, bis Sie den Ihren erhielten.«
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»Eben darum besteh' ich drauf, Niels, daß Ihr bis morgen hier bleibt, denn die Fluth kommt in zwei Stunden, und es könnte Euch auf dem Weg ein Unglück passiren, Ihr seid ein alter Mann und nicht so rüstig mehr auf den Beinen, wie zur Zeit Eurer Jugend. Deshalb laßt's Euch gefallen, die Nacht hier am Herdfeuer zu bleiben bis morgen bei hellem Tageslicht Ebbe ist. Ihr sollt Euer Köpchen Thee mit uns trinken und uns Neues vom Festland erzählen!«
»Dann wird's wohl nicht anders werden, obschon ich meinen Dienst riskire. Gegen den blanken Hans kommt Niemand auf, selbst der dänische Kapitain nicht, der froh sein wird, wenn ihn das Eis nicht faßt, ehe er den Husumer Hafen erreichen kann.«
»Wie heißt er und sein Schiff?«
»Es ist der Flotillen-Kommandant selbst für die Inseln und war schon früher einmal auf Sylt, Hammer heißt er und sein Schiff der ›Lyimpfjord‹. Während des Sommers war er drüben in Westindien sagen die Leute, und soll jetzt wieder hier auf seinem Posten bleiben!«
»Der Lyimpfjord?«
»So heißt die Brigg Joufru, kennen Sie das Schiff?«
»Nein!«
Es war das Mädchen, das mit der alten Pastorin von dem vergeblichen Weg nach den Dünen zurückgekehrt war, welche den Ausruf gethan. Die alte Frau hatte sie gleichfalls aufmerksam angesehen, und winkte ihr jetzt in die Stube zu folgen, die Beider gewöhnlicher Aufenthalt war.
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Sie hatten Platz an dem großen ovalen Eichentisch genommen, auf den das kleine Dienstmädchen, das am Herde des Küchenflurs dem Postboten Gesellschaft geleistet hatte, jetzt den Theekessel setzte, während das Mädchen aus einem Wandschrank die einfachen Speisen herbeiholte, die als Imbiß und Abendbrod zu dem Thee dienen sollten, und dann seine Arbeit, das Stricken einer wollnen Brustjacke ohne Aermel fortsetzte, indeß die Wittwe zu einem der riesigen groben Strümpfe griff, welche von der Bevölkerung während des Winters getragen werden.
»Adda Torne,« sagte die Frau, einen klaren Blick des ehrlichen Auges auf ihre Gesellschafterin werfend, »ich möchte fast die Frage des alten Postboten wiederholen, kennst Du den ›Lyimpfjord‹ und seinen Kapitain?«
»Nein Mutter - aber ich weiß, daß der Kapitain Hansen Ihr Sohn ihn kennt, und es wäre gut, wenn er ihm nicht wieder begegnete. - Im Uebrigen« und sie bot der alten Frau herzlich die Hand, - »frage mich nicht darum, es gehört dies zu den Geschichten meiner Vergangenheit, von denen Sie Ihr Sohn gebeten hat, nicht mit mir zu reden. Lassen Sie es bei dem alten Abkommen bleiben, das wir trafen, als ich hierherkam und Sie mich aufgenommen haben in Ihr Haus und in Ihren mütterlichen Schutz, dessen ich mich glaube seither würdig gezeigt zu haben.«
»Das hast Du Kind, was auch Deine Vergangenheit sein mag, Du bist mir in den drei Monaten, die Du meine Einsamkeit theilst, bereits eine liebe Tochter geworden, die ich um keinen Preis mehr missen möchte. Das hindert
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freilich den Gedanken nicht, wenn er sich mir aufdrängt, woher Du meinen Sohn kennen magst?«
»Ich habe Ihnen damals gesagt, daß ich die Gelegenheit gehabt habe, Ihrem Sohn einen kleinen Dienst zu leisten, als er in Bedrängniß war, und daß seine Dankbarkeit es ist, die mir, als ich ihn später in einem anderen Lande wiedertraf und selbst in Bedrängniß war, den Vorschlag machte, hier unter Ihrem Schutz unbeachtet eine Zuflucht gegen die schlimmen Stürme des Lebens zu finden. So lassen Sie mich bleiben, und wie ich es den schlichten Bewohnern dieser Insel gelte, die arme Verwandte sein, die Ihr Mitleid zu sich genommen, da sie sonst nirgends Blutsfreunde hat, bei denen sie Beistand finden könnte.«
»Sei es so, nur gewöhne auch Du Dich nach der Sitte unserer Inseln, an das vertrauliche Du, denn Du bist mir in Wahrheit eine Tochter, und wenn ich zuweilen mich noch vergesse, zu fragen, so geschieht es nur aus der unendlichen Liebe der Mutter zu ihren Kindern, zu denen Du auch jetzt gehörst. Aber sorge nicht, daß Klaus dem wilden Manne begegnet, von dem der Ruf nicht viel Freundliches sagt, selbst wenn der Brief, den wir über Lübeck her erhielten, die Wahrheit meldet und er in diesem schlimmen Wetter die Ostsee verlassen hat.«
»Das eben ist es, was ich fürchte. Dein Sohn Mutter, ist ein kühner Schiffer - sollte er nicht wieder versuchen, an den Inseln entlang zu fahren und uns ein Zeichen seiner Nähe zu geben, wie damals, als ich kaum bei Dir war, und er von Hamburg kam?«
»Es ist wahr, Kind, Dein ahnungsvoller Geist hatte
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uns nicht getäuscht, als der Brief, den wir von Schweden her bekamen, es meldete, daß jenes Signal seiner Heimath gegolten hatte und von ihm kam.«
»Um so besorgter bin ich jetzt - [»]Denn Du selbst sagst, daß es schlimmes Wetter ist für jedes Schiff in der Nordsee.«
»Schlimmes Wetter sicher, und Gottes Gnade schütze die armen Seeleute, die in ihm auf den trügerischen Wogen sind. Wir wollen Niels hereinrufen und fragen, ob von Sylt oder Föhr Schiffe gen Süden in Sicht gekommen sind.«
Die junge Frau legte die Hand auf den Arm der Wittwe, die sich eben erheben wollte. »Noch nicht, Mutter, lassen Sie uns erst einmal den Brief durchlesen.«
»Du hast Recht, Adda - man kann solche Briefe nicht genug lesen, und es ist ohnehin so Manches darin, das ich nicht recht verstehe und das am Ende mehr Dir zu gelten scheint, als mir.«
Die Pastorin, zusammenschaudernd bei dem heftigen Windstoß, der eben wieder an der Ecke des Hauses riittelte, war aufgestanden und zu dem kleinen dreieckigen Glasspind gegangen, das in der Ecke des Gemachs nach der anstoßenden Kammer hin stand. Es war überhaupt sehr einfach möblirt, das kleine Zimmer und hatte doch trotz dieser Einfachheit, ja Spärlichkeit, den ganzen Anstrich des Gemüthlichen. Die Wände waren von starken Balken, über die nach Innen Planken und Bretter genagelt worden, die selbst mit einer schlichten Tapete überzogen waren, während die Außenseite mit Moos oder Seetang sorgfältig in den Spalten gegen den Frost geschützt war und
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einen rothbraunen Anstrich hatte. Die Fenster waren klein und jetzt mit Läden gegen das Wetter geschlossen, die Decke niedrig, von schwedischen Tannenplanken und konnte von einem etwas stattlichen Mann leicht mit der Hand erreicht werden. Fast den vierten oder wenigstens fünften Theil des Raumes nahm der große nordische Kachelofen ein, dessen grüne Glasur von der breiten um drei Seiten laufenden Holzbank abstach, der aber - ein Zeichen einer gewissen Behaglichkeit oder Wohlhabenheit, wenn man dies so nennen will, von Außen geheizt werden konnte, was sonst nicht in den gewöhnlichen Häusern dieser rauhen Küste vorkommt. Ein altes steifbeiniges Sopha mit Federkissen und buntem Zitzbezug stand hinter dem Tisch, während die junge Frau auf einem ähnlichen alten Großvaterstuhl Platz genommen hatte, dem gewöhnlichen Sitz des verstorbenen Gatten, den die Pastorin als ihr Eigenthum mit aus dem Pfarrhaus gebracht hatte, und den der neue Pastor ohnehin als gar zu unmodern nicht gemocht hätte. Einige Holzstühle, eine große Kommode von braunem Holz, deren Laden mit blankgeputztem Messingbeschlag und Porzellanschildern geziert waren, unter einem kleinen Spiegel mit Glasrahmen zwischen den beiden nach Vorn schauenden Fenstern, die kurze Vorhänge von gleichfarbigem Zitz wie das Sopha zeigten, und auf der gehäkelten, aber sehr sauberen Zwirndecke eine Anzahl offenbar vielgebrauchter Bücher, in der Mitte eine Bibel im Lederband und ein Gesangbuch, zwei alte Pfeifen, die dem verstorbenen Pastor gehört hatten, rechts und links vom Spiegel an die Wand befestigt, war fast Alles; das erwähnte
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Eckschränkchen zeigte aber durch seine schmalen Glasscheiben des oberen Theils Tassen und Kannen von werthvollem japanischem Porzellan und bot ebenso in dem unteren von Holzthüren geschlossenen Raum gleiche Teller, Napfe und Kannen. Es waren die Geschenke der Seeleute, die sie ihrem Pastor von weiten Seereisen mitgebracht hatten. Aehnliche, seltsame und zum Theil hochmerkwürdige Gaben enthielten die einfachen Holzborden, die unter der Decke rings um das Zimmer liefen, während alles grobe Geschirr für Küche und Stube in den Küchenflur verwiesen war. Der Fußboden war mit getrocknetem und gesiebtem Dünensand bestreut, ein Luxus für den die Pastorin während des Sommers sorgte, und unter dem Tisch standen sorgfältig polirt zwei sogenannte Feuerstübekens, wie sich ihrer die holländischen und friesischen Frauen zur Erwärmung der Füße bedienen, von der Mitte der Decke aber hing an einer Hanfschnur das sauber geschnitzte und gearbeitete Modell eines vollständigen getakelten Dreimasters, wie solche häufig die Seeleute während des Feierns der Wintermonate zu fertigen und in die Magazine von Sanct Pauli oder Mona zu verkaufen pflegen. Wenige einfache Schildereien, theils religiösen, theils maritimen Inhalts, schmückten die Wände und die leeren deutlich sichtbaren Stellen bewiesen, daß früher noch einige andere dort gehangen hatten, wahrscheinlich aber wegen jetzt mißliebigen Inhalts für die politischen Machthaber von dem bei aller Festigkeit der Ueberzeugung friedfertigen Sinn der Pastorin lieber entfernt worden waren.
Aus dem Glasschränkchen hatte die alte Frau den
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Brief geholt, den sie dort in eine Theebüchse gesteckt und breitete ihn jetzt auf dem Tisch unter der Lampe aus, die eben das kleine Dienstmädchen, die Tochter einer armen Schifferfamilie aus dem Norddorf und die einzige Bedienung der Wittwe hereingebracht hatte. Zugleich aber steckte der alte Postbote seinen weißen Kopf durch die Thür und frug bescheiden, ob er hereinkommen dürfe.
»Komm immer her, Niels,« sagte die Wittwe, »Du weißt, daß ich vor Dir kein Geheimniß habe und Adda wird Dir ein starkes Glas Thee mischen. Der Sturm wird immer ärger und - ich glaube, die Fluth kommt am Ende schon, obgleich es kaum Zeit dazu ist, so donnert es von der Düne herüber.«
Der alte Mann warf einen Blick nach der hölzernen Kukuksuhr, die an der Wand neben dem Ofen hing, lehnte es aber bescheiden ab, sich auf den Holzschemmel zu setzen, den ihm die Hausfrau am Tisch anwies und begnügte sich mit einem Platz auf der Ofenbank. »Wenn mir die Frau Pastorin eine Gunst erweisen wollen,« sagte er mit einem Blick auf den bereits geöffneten Brief, »so möchte ich wohl wissen, - ob er vom jungen Kapitain kommt oder wie der vorletzte vom Herrn Legationsrath in Kopenhagen und seiner Frau Liebsten?«
Die Augen der beiden Frauen wandten sich bei der Erwähnung des Alten gleichzeitig auf ihn, und ein lichtes Roth flog über Beider Gesichter.
»Nein Niels,« sagte die Pastorin, »diesmal ist er wirklich vom Kapitain und seinetwegen will ich ein Paar Fragen an Dich richten.«
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»Darf ich wissen, woher der Kapitain schreibt, oder ist es Geheimniß?«
»Der Brief ist aus Memel und durch Einlage nach Lübeck gegangen. Klaus hat an der Ostseeküste überwintern wollen, aber eine Depesche seines Schiffpartners, die aus Frankreich gekommen ist, hat ihn nach ... wie heißt doch der Hafen im Süden, Adda?«
»Marseille!«
»Also nach Marseille gerufen und verspricht ihm Fracht aus anderer Gelegenheit.«
»Also der Kapitain fährt jetzt sein eigenes Schiff, wenn ich recht verstanden habe?« frug neugierig der Alte.
[»]Es ist wenigstens auf seinen Namen einregistrirt in die Hamburger Handelsmarine, wenn ihm auch ein Freund wohl das Geld dazu geliehen wie es so oft vorkommt, und deshalb hat er meiner Meinung nach auch die Pflicht, auf den Wunsch eines solchen braven Mannes zu hören, der ihm soviel Vertrauen geschenkt hat, selbst wenn Vortheil oder Gefahr für ihn dagegen in's Gewicht fiele. Wie nennt er doch seinen Partner, Kind?«
»Kapitain Lautrec von Martinique.«
»Das ist ja wohl eine französische Insel in Westindien?«
»Ja Moster2 - und Kapitain Lautrec hat von Neapel durch seine Agenten in Hâvre an ihn telegraphiren lassen, nachdem er des Kapitains Anzeige erhalten hatte, wohin sein Schiff in Fracht war.«
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Der Alte schüttelte den Kopf.
»Ist eine lange Fahrt von Memel herauf in dieser Jahreszeit. Hätte aber mit Verlaub kaum geglaubt, daß ein Franzmann ein so wackerer Gesell wäre, um einem Deutschen solch schönes Geld anzuvertrauen, wie ein Schiff kostet, und Kapitain Hansen wird sich sicher kein schlechtes ausgesucht haben, er versteht seinen Dienst. Darf ich fragen, von welchem Datum der Brief ist?«
»Vom Ersten dieses Monats!«
»Hm - da könnte sein Schiff fast heran sein, wenn er am selben Tag ausgesegelt ist; schreiben heut den Fünfzehnten im Mond.«
»Was ich Euch eben fragen wollte, Niels! Habt Ihr nicht gehört, ob man dieser Tage Schiffe in Föhr oder Sylt bemerkt, die von dem Skager-Rack herkamen und nach Süden steuerten?«
Der Alte sann einige Augenblicke nach. »Hab' von zweien gehört, und die Männer wünschten, sie hielten sich bei dem Wetter mehr nach der See zu, denn wenn der Wind umsetzte und zum Sturm umschlüge, gehöre genaue Kenntniß unsers Fahrwassers dazu, um nicht auf die Untiefen vor den Inseln zu gerathen, wie alle Jahre Fahrzeugen geschieht, die von Nordwesten oder von der holländischen Küste kommen. Aber das erste Schiff, das vorgestern passirte, - die Leute behaupteten, es müsse ein Kriegsschiff gewesen sein, so hochgetakelt wär's gewesen, - hielt nach Helgoland zu, als wollte es die rothe Insel auf Backbord lassen. Muß sie jetzt schon passirt haben.«
»Und das andere?«
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»Weiß Nichts von ihm, soll noch weit nach Norden gestanden haben! Hu - das Wetter wird noch immer schlimmer und ich danke dem Herrgott dort oben, der mich Ihrem Rath folgen ließ. Wär' höchstens bis zum Norddorf gekommen und hätte dann doch unterkriechen müssen. Möcht nur ein Mal die Nase einen Augenblick lang hinausstecken, um zu sehen, wie's steht, - der blanke Hans tobt gar zu grimmig, und es ist mir bang um die Leute in den Wootsdörfern. Ist wenigstens auf Amrum noch fester Grund!«
»So geht denn, Niels, seht zu, ob die Theertonne auf der Bake auch brennt, Niels, und kommt bald wieder - Ihr könnt bei der Meta bleiben am Herdfeuer - denn ich fürchte, von Schlaf wird die Nacht wenig genug die Rede sein. Heiliger Gott - was war das?«
Sie waren Alle aufgesprungen, der Postbote bereits im Flur.
»Das war ein Schuß!«
»Dann ist ein Schiff in Gefahr - o Adda - wenn es Klaus wäre!«
»Nein Mutter - er ist es sicher nicht - das ist dänisch Gewässer hier - er geht nicht auf das Gebiet des Königs von Dänemark!«
»Kind - Du erschreckst mich! Du verbirgst mir Etwas! Was achten Wind und Wogen, wenn sie ein Schiff zwingen, Zuflucht zu suchen, auf das Gebiet des Königs von Dänemark? Gott der Herr kennt nicht die Schranken und Gränzen der Könige! - Wenn nur der Niels käme - da - war das nicht schon wieder ein Schuß? Es ist
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ein Schiff, das strandet auf den Untiefen! - Tochter, laß uns beten, denn die Hand Gottes allein vermag in solchem Wetter zu retten, nicht Menschenhand!«
Sie kniete nieder am Tisch - Adda folgte ihrem Beispiel. Aber die Unruhe, die sie verzehrte, litt sie nicht lange in dieser Stellung. Bald sprang das Mädchen empor und sah hastig umher. »Ich muß hinaus Mutter, zu wissen, was es giebt. Wo ist die Regenkappe?«
»Barmherziger Gott - was kannst Du thun? Da ist selbst Männerkraft vergeblich, Du kommst nicht zehn Schritte weit! - Horch - die Gefahr muß groß sein, - da heult die Glocke vom Thurm, welche die Lootsen aufruft und die Männer, wenn große Noth ist!«
»Ich muß Mutter - denke daran, - wenn es Klaus wäre?«
Die alte Frau schlug die Hände zusammen, ihre Knie knickten, sie fand nur Hilfe im Gebet, während das Mädchen in den Flur eilte und die Thür zu öffnen suchte. Durch die einzelnen Pausen des mit jedem Augenblick sich verstärkenden Sturms hörte sie deutlich das Wimmern der Glocke vom Kirchthurm. Aber indem sie noch die Thür zu halten suchte, die der Sturm fast in's Innere warf, stürzte der alte Postbote wieder herein.
»Haltet Euch nicht auf, Jouffrow! - Wo ist die Pastorin?«
Diese hatte den Ruf schon gehört und öffnete eilig die Zimmerthür. »Was giebt's, Niels, was geschieht draußen!?«
»Erschreckt nicht, Frau! Der seelige Pastor war
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bereits hier, als die große Springfluth kam im Jahr fünfunddreißig. Erinnert Ihr Euch nicht, wie hoch das Wasser damals stieg und ob dies Haus sicher war vor den Wellen?«
»Es steht schon über fünfzig Jahr - aber ich erinnere mich, daß das Meer viele Fuß hoch in der Stube gestanden hat - nur das Pastorhaus auf der Werft wurde nicht überschwemmt.«
»Dann müssen wir dieses zu erreichen suchen, so schlimm auch das Wetter draußen ist. Die Leute aus dem Dorf eilen alle dahin, und die Männer sagen, es sei eine Sturmfluth, die käme - sie werde die ganze Insel unter Wasser setzen, schlimmer als vor Jahren. Gott schütze die Halligen!«
»Und das Schiff?«
»Es muß allerdings ein Fahrzeug sein draußen vor den Dünen! Aber wer kann an Hilfe denken in solchem Wetter, wo es gilt, nur das eigene Leben zu retten. Kommt Frau, daß wir die Kirche erreichen, ehe die Ueberfluthung kommt!«
Die Pastorin hatte rasch den wollenen Mantel ergriffen, dachte aber nur daran, ihren Schützling darein zu hüllen. »Wie Gott will - hier ist nicht zu retten, - wir müssen Alles lassen, wie es steht und liegt. Brennen die Feuer, Niels?«
»Sie können uns allein den Weg weisen, denn es ist so finster draußen wie im Sack, obschon es kaum sieben Uhr ist. Wenn es den Männern nur gelingt, sie bei dem Sturm in Brand zu halten, denn sie werden das einzige
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Merkzeichen sein für Viele! - Komm Pastorin und halte Dich fest an meinem Arm, ich bin zwar alt, aber noch kräftig genug. Halt Dich an die Meta, Jouffrow, und Du schrei nicht, Dirne! Die Deinen im Norddorf werden die Gefahr so zeitig gemerkt haben, wie wir und können sich retten.«
Die Pastorin hatte jetzt die frühere Ruhe wieder gewonnen. »Ich wußte, daß wir heute Schlimmes erleben würden - seit zwei Tagen lag es mir schwer in den Gliedern. Geh voran, Niels und laß uns alle Thüren zuvor verschließen, das Wasser hat doch nicht die Kraft, als wenn es frei durchfluthet. Wenn nur keine Menschenleben zu Grunde gehen!«
Die drei Frauen hatten das Häuschen verlassen, draußen erst empfanden sie, wie furchtbar das Wetter tobte. Es schien, als wolle der Wind das Haus aufheben und aus seinem Grunde reißen. Es war unmöglich, eine Laterne mitzunehmen, der Wind blies sie schon in der nächsten Minute aus, sie mußten sich alle Vier dicht aneinander schließen, um nur nicht zu Boden geschleudert zu werden, und strebten so zusammen der Erhöhung zu, auf welcher die Kirche an der Ostseite der Insel mit dem Pastorhaus und dem Kirchhof liegt. Durch die Luken des niederen aber festen Thurms leuchtete Feuerschein und flog oft in Funken heraus in die Nacht, in anderen Augenblicken schien er ganz zu erlöschen, wurde aber immer wieder angefacht von den wackern Männern, die ihn zu unterhalten übernommen hatten. Wohl merkten die Flüchtlinge, daß auch von anderen Seiten Menschen dem sichernden
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Halt zuströmten, aber es war unmöglich sie zu erkennen, oder sich mit ihnen zu verständigen, Jeder hatte nur mit sich selbst zu thun, bis sie endlich in den Schutz der Kirche und auf deren nach der Binnensee und dem Lande hingekehrten Seite gelangten.
Hier war wenigstens einiger Schirm gegen das tobende Wetter, wenn er auch nur gering war, da Amrum die äußerste der friesischen Inseln auf der Westseite ist und eben nur durch die natürliche Sand-Düne gegen das offene Meer geschützt wird, nicht wie manche andere, wie z. B. Langeneeß, Pelworm und Nordstrand noch durch künstliche Dämme, ja indem ihre gefährdete Lage selbst noch Föhr, Langeneeß und den kleinern Halligen dahinter einen gewissen Schutz gewährt. Die dänische Regierung hat für diese gefährdeten Eilande so gut wie gar Nichts gethan - ihre Bewohner trotzten ja der Danesirung mit festem deutschen Sinn, und erst seit einem Jahrzehnt, seit der Besiegung des Danebrogk, und seit sie unter preußische Herrschaft gekommen sind, werden ernste Versuche gemacht, dem zersetzenden Element Halt zu gebieten und die Bewohner zu schützen, weil die Regierung erkennt, welches werthvolle Material grade in solchen Menschenleben liegt.
Die jammernden Frauen und Kinder waren in der Kirche untergebracht worden, der neue dänische Geistliche, der zufällig grade in seinem Sprengel anwesend war, ging blaß und hilflos umher, aber die wackeren deutschen Strandbewohner kümmerten sich nicht viel um ihn und seinen giftigen Groll, als sie, wo es galt, sich Rath und Trost holten bei der alten deutschen Pastorswittwe. Der
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Ruf: Ja wenn Pastor Hansen noch lebte! oder: wenn Kapitain Klaus hier wäre! klang gar manches Mal in seine Ohren und diente grade nicht sehr dazu, seine Freundschaft für die Wittwe und ihr kleines Hauswesen zu erhöhen. Nur die bekannte Thatsache, daß ihr ältester Sohn in der dänischen Regierung in Kopenhagen stand, hatte sie ohnehin bisher vor mancher Unbill geschützt, unter der die anderen deutschen Bewohner so oft zu leiden hatten.
Aber selbst ihre Beliebtheit und ihr Ansehen hatte nicht vermocht, die kühnsten, seeerfahrenen Strandbewohner zu vermögen, etwas Anderes zur Rettung des nach den gegebenen Signalen gefährdeten oder bereits in die Untiefen an der Westseite der Insel gerathenen unbekannten Schiffes zu thun, als daß die wackern Männer mit aller Kraft das Feuersignal auf ihrem Thurm gegen Wind und Wetter flammend erhielten. Die kecksten Lootsen erklärten, daß es unmöglich sei, mit einem Rettungsboot in See zu gehen, und daß jedenfalls der nächste Morgen abgewartet werden müsse.
Dazu kam jetzt, die Schrecken der Nacht vermehrend, daß von mehreren Seiten her die Nachricht gebracht wurde, daß die Fluth nicht bloß von dem Nordweststurm gegen die Insel gepeitscht werde, sondern in wirklicher Springfluth zu steigen und auf der offenen Seite vom Binnenmeer her das Land zu übersteigen begann. Schon standen die niederern Häuser des Kirchdorfs unter Wasser, das also längst die beiden nördlich und südlich gelegenen Wootsdörfer überschwemmt haben mußte; Greise lagen auf
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den Knieen, den Allmächtigen, der allein den Sturmfluthen gebieten kann, um Schutz flehend.
Mit einem selbst die Männer beschämenden Muth, hatte die angebliche Muhme der Pastorswittwe außerhalb der Kirche dem Wetter und allen Gefahren Stand gehalten, der Berathung der Seeleute gehorcht und ihren Muth angefeuert. Der alte Postbote blieb an ihrer Seite und auch die Pastorswittwe war jeden Augenblick, wo es ihre körperliche Kraft erlaubte, wieder aus dem schützenden Obdach getreten. Zwar hatte keine der beiden Frauen die geringste Gewißheit, daß das an der Westseite der Insel gefährdete Schiff einen ihnen näher stehenden Mann trug, ja sie hatten es nicht einmal gewagt, eine Andeutung dahin zu machen, und dennoch hielten sie Stand. Uebrigens hatte man seit einer Stunde kein Zeichen mehr gehört, daß dieses Schiff noch gegen die Gefahren kämpfte, und immer höher und höher war die Fluth gestiegen und das Spritzwasser derselben schlug bereits bis über die Kirchhofsmauer und zu dem Gotteshause heran, als plötzlich einer der Fischer nach der Seite des Binnenmeers deutete. »Schaut dorthin - by Good - da ist ein Schip!«
Ueber die hoch und nieder gehenden Wogen der Innenfluth sah man es in der That wie das mühsame Licht einer Laterne schwanken - erscheinen und verschwinden. Im Augenblick hatten sich die Männer zusammengedrängt, die Pastorin war mitten unter ihnen. Alle starrten betroffen auf die merkwürdige Erscheinung.
»Das muß eine feste Hand sein, die dieses Steuer geführt,« sagte endlich ein alter Seemann, dem das weiße
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Haar lang unter dem Südwester herwehte. »Das kann so wahr ich Cristen Jansen heiße und ein Tydsker und kein Jyde3 bin, nur ein Mann sein, der von den Inseln selber ist und ihr Fahrwasser kennt wie seine eigene Tasche. Ich glaube wahr und wahrhaftig, daß es das Schip ist, dessen Nothsignal wir vorhin gehört haben.«
Die Meinungen tauschten sich rasch und einigten sich zuletzt dahin, daß es in der That das gefährdete Schiff sein müßte, denn von einer andern Insel oder vom Festland her konnte es unmöglich sein. Aber die aufgeworfene Frage, wie es von der offenen See hier herüber kommen konnte, als habe es der Sturm über die Insel weggeblasen, da doch kein Fahrwasser hier herüberführte, beschäftigte die Gruppen, bis der alte Niels die Lösung andeutete.
»Denkt an die Sturmfluth, Leute,« sagte der Mann. Der Weg zwischen der Laurenti-Kirche auf Föhr und der Nordspitze, der bei der gewöhnlichen Fluth nur mit der Fähre zu passiren ist, muß bei diesem hohen Stande der Fluth dicht über die Sandbänke auch für ein großes Schiff fahrbar geworden sein. Freilich hat ein kühnes Herz dazu gehört, und wenn Euere Feuerbake dort oben nicht einem Landsmann geleuchtet hätte, wäre das Schiff längst gestrandet. Sie können Gott danken, daß sie das Lee der Insel erreicht haben, sei es durch Zufall, sei es durch kundige Hand, und wenn es ihnen gelingt an der richtigen Stelle Anker zu werfen, können sie in der That gerettet werden!«
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Die Meinung fand raschen Beifall, und als es sich durch die Stellung kund gab, daß das fremde Fahrzeug in der That an der richtigen Stelle zu ankern versucht hatte, von der aus die Fähre abgeht durch die Windungen der Sandbänke des Binnenwassers nach Langeneeß und den rechts liegenden Walligen hinüber, konnte kein Zweifel mehr sein, daß es nur eine der Bänke ganz kundige Hand gewesen sein mußte, welche das Schiff geführt und im letzten Augenblick vor dem sonst unvermeidlichen Untergang gerettet hatte.
Doch war es keineswegs damit außer Gefahr, und wenn auch die Springfluth um Mitternacht ihre höchste Höhe erreicht zu haben schien, ein Abtreiben des Ankers auf dem sandigen Grund konnte selbst unter'm Lee der Insel das Fahrzeug, das man nicht einmal sehen und nur durch dieschwankende Schiffsleuchte errathen konnte, immer noch auf eine der Untiefen werfen und sein Scheitern veranlassen. In dieser Besorgniß blieben alle Bewohner an der Kirche versammelt, da ihnen ohnedem die Dunkelheit der Nacht und der noch immer fortdauernde Sturm jede andere Thätigkeit und selbst den Versuch nach dem Zustand ihrer eigenen Häuser auszusehen versagte.
Die beiden Frauen aus dem Pastorhäuschen im Dorf hatten sich, ohne ihren Gefühlen und Gedanken mündlichen Ausdruck zu geben, stillschweigend die Hände gedrückt, aber sie waren mit dem ersten Morgengrauen im Freien, obgleich der dänische Pastor Schande halber nicht umhin gekonnt, ihnen Aufnahme in seinem Hause anzubieten. Erst jetzt, bei dem steigenden Licht des Tages ließen sich
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die entsetzlichen Folgen der so plötzlich hereingebrochenen Springfluth erkennen. Noch stand ringsumher die ganze Insel in ihren flacheren Theilen unter Wasser, das aber nunmehr rasch zu sinken begann. Zwei der Häuschen waren nach dem Jammergeschrei ganz verschwunden, von der Fluth mit fortgespült worden, und fast kein einziges war ohne Beschädigung geblieben. Auch in der Wohnung der Pastorswittwe mußte die Fluth wenigstens bis zu den Fenstern eingedrungen sein, aber nicht dahin hatten sich die Augen der Wittwe und ihrer Pflegebefohlenen zuerst gekehrt, sondern nach dem Binnenwasser hin, wo auf den Wellen jetzt deutlich sichtbar sich ein stattlicher Fregattschooner wiegte, von dessen Gaffel erkennbar die Hamburger Flagge wehte.
»Gott segne die deutsche Farbe,« sagte der alte Postbote, der neben der Wittwe stand. »Würde doch selbst der gestrenge Rath, Dein Herr Sohn, der mit seiner jungen Dänenfrau drüben in Kopenhagen wohnt, wie Du mir sagtest und im Rath des Königs sitzt, stolz darauf sein, daß ein deutsches Schiff es ist, das solche Gefahren durchwettert hat. Möchte nur wissen, wie es selbst und der Kapitain heißen, aber in der That ist wenig Aussicht dazu, ihm heute noch die Hand zu drücken, denn schwerlich wird vor Mittag der blanke Hans so ruhig sein, daß ein Boot hinüber oder herüber gehen kann. Der Däne da drüben scheint übrigens ebenso neugierig zu sein wie wir, denn wenn mich mein altes Auge nicht täuscht, hat er sich auf seinen Dampf verlassen und kommt hierher um zu sehen, welches Unheil Sturm und Wasser hier angerichtet
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haben. Wünschte fast, sie hätten ihm den schwarzen Schlot von seinem Deck geblasen, auf dem's schlimm genug ausschauen mag nach solcher Nacht!«
In der That hatten auch die beiden Frauen bemerkt, daß im Norden von Föhr aus eine Rauchsäule sich in die Luft hob, doch schien sie bei der starken Rückströmung der Wellen jetzt vom Festland her nur langsam sich zu nähern. Auch der Hamburger schien den Dampfer bemerkt zu haben und plötzlich Leben an seinem Bord zu werden. Zur Verwunderung aller um die Kirche her noch immer versammelten Seeleute und Dorfbewohner schien er sogar den sichernden Ankergrund verlassen zu wollen, denn um das Gangspill sah man plötzlich eine Anzahl Matrosen versammelt, auf der Kuppe erschien deutlich die kräftige Gestalt des Kapitains, das Fernrohr in der Hand, das er herüber zur Insel richtete, und das Schiff selbst schien in dem Sturm der Nacht durch seine geschickte Hand sogar nur wenig Havarie gelitten zu haben, denn Spieren und Raaen bedeckten sich trotz des noch immer starken Windes mit Segeln - einen Augenblick noch, dann kam aus einer der Luken Blitz und Dampf eines Signalschusses, es schien als ob der Mann auf dem Quarterdeck in den Wanten stehend mit der Hand grüßend und dankend für den gewährten Schutz herüberwinkte, und dann drehte sich der Schiffsschnabel gen Süden und das Fahrzeug flog im vollen Segeldruck in die offene Fahrgasse, die zwischen der Südspitze von Amrum und Hooge hinausführt in die freie Nordsee, aufs Neue beweisend, daß der Führer des Dreimasters dieser Gewässer ganz kundig sein mußte.
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Die beiden Frauen lagen einander in den Armen, der alte Postbote aber schwang als das Schiff sich gedreht nun seinen Spiegel dem Ufer zukehrte, während schwerfällig der Dampfer herankam, den alten Filzhut um die weißen Locken.
»Hurrah, jetzt wissen wir, wie der nächtliche Gast hieß, der unserem Danske da drüben das Nachsehen läßt. Und ist's auch ein dänischer Name, den er trägt, - eine deutsche Hand war's offenbar, die ihn führt - und möge er deshalb glücklich den Hafen erreichen. Ein Hurrah, Ihr Männer, für die ›Edda!‹!«


In derselben schlimmen Nacht war es, daß weiter nach Süden hin, den Halligen und Inseln der Wesermündung gegenüber ein anderes Schiff mit weniger Glück gegen die stürmische See zu kämpfen schien, als der Fregattschooner des deutschen Kapitains, und dennoch war es auch ein deutsches Schiff, ein Kriegsschiff sogar, mit lebensvoller jugendlicher Mannschaft, deren Gesichter bleich und abgemattet aussahen, wenn die Blitze des hier tobenden winterlichen Gewitters mit ihrem falben Schein über das Verdeck flogen.
Das Schiff schien arge Havarie bereits gelitten zu haben, denn der Fockmast war nur noch ein kurzer Stumpf, von einem Blitz getroffen, seiner Stengen und Raaen beraubt, und der Klüver fehlte, den neu an dem Rest des Bugspriets mit aller Anstrengung eine Anzahl jugendlicher
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Matrosen zu ersetzen versuchte. Aber die Sturzwellen, die immerwährend das Schiff trafen, verhinderten die Erneuerung des wichtigen Baums, der so nöthig war, um das Fahrzeug wieder luven zu können, damit es vor Topp und Takel liegen, das heißt mit den andern Masten vor dem Sturm laufen könnte, denn daß dies die einzige Rettung war, das hatte der Kapitain, der mit zwei Matrosen auf dem Oberdeck selbst am Steuerrad stand, längst eingesehen.
Seit fast zwei Tagen hatte jede regelmäßige Ablösung der Wachen und Vertheilung des Proviants eingestellt werden müssen, denn Tag und Nacht waren alle Hände auf Deck gebraucht, und ein kalter Grogk mit einem Stück Zwieback war das Einzige gewesen, was zur Stärkung der Bemannung hatte gereicht werden können. Die Lage war ohnehin so gefährlich, daß wohl nur Wenige an das körperliche Bedürfniß gedacht hatten. Dennoch hatte die junge Mannschaft das Uebermenschliche gethan, und obschon nur Wenige von ihr über zwanzig Jahre zählten, mit Verachtung aller Lebensgefahr gearbeitet, als seien sie lauter wettererprobte seeerfahrene alte Matrosen voll Kraft und Uebung.
Es war die ›Amazone‹, das preußische Uebungsschiff für den Stamm der künftigen Marine, die jetzt vor dem Winde schwankte, am 29. October von der sichern Danziger Rhede trotz mancher Warnungen und ahnungsvoller Gegenstimmen die Uebungsfahrt nach Lissabon angetreten hatte und am 3. November aus dem Hafen von Helsingoer ausgesegelt war, ohne den deutschen Fregattschooner noch
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angetroffen zu haben, der von Memel kam, in Helsingborg gegenüber anlegte, und dessen Kapitain, als er von den schwedischen Lootsen von seinem früheren Nachbar auf der Vorder-Elbe vor Hamburg hörte bei dem eigenthümlichen Umschlag des Wetters und seiner genauen Kenntniß dieser Küste und ihrer Gefahren den Marineoffizier gern gewarnt hätte, jetzt aber nichts Anderes hatte thun können, als der Richtung des preußischen Kriegsschiffs eine Zeitlang zu folgen, bis die seltsamen Anzeichen der Atmosphäre und des Barometers ihn zwangen, auf die eigene Sicherheit mehr Bedacht zu nehmen.
Es war der Corvette zwar gelungen, die Insel Helgoland im Lee zu kreuzen, und die Abtriftung des Schiffes bei dem sich erhebenden Nordwest hatte wohl anfangs keine so große Besorgniß erregt, indem der Kapitain hoffte, bei erhöhtem Sturm die Jahde oder Ems erreichen zu können oder in offener See zu bleiben, als das furchtbare Wetter am 14. und 15. das Schiff traf und der Blitzstrahl es zum Wrack machte.
Schon war in dem Sturm und vom Andrang der Wellen, welche über das Verdeck stürzten, bereits ein Theil der Bollwerke und manches Mitglied der todesmuthigen Schaar der 114 Jünglinge und Männer weggeschwemmt worden, als unter'm Lee sich Griff um Griff, Hand um Hand eine elastische Gestalt vom Vorderschiff bis zum Heck schob und dicht am Kapitain sich aufrichtete.
»Herr Kommandant!«
»Lieutenant von Dobenegk - Gott sei Dank, daß Sie kommen, Sprachrohr und Stimme sind machtlos in
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diesem Brüllen des Windes. Wie steht es vorn am Schiff?«
»Schlimm Herr - alle Mühe, einen Klüver aufzurichten ist vergebens. Die Cadetten von Ising und Zirzow sind eben über Bord gespült worden!«
»Keine Hülfe, kein Tau möglich?«
»Fragen Sie sich selbst! Der Bootsmann Mitzlaff mit den ältern Matrosen arbeitet für drei - aber es ist unmöglich, den Balken anzulegen.«
»Dann wissen Sie, daß wir verloren sind! Wir hätten wenigstens stranden können und dann mit dem Kutter und der Barkasse die Rettung versucht.«
»Ich sah die Barkasse, als ich vorüber kroch, fortgespült vom Deck. Selbst das starke Kabel muß gerissen sein.«
Sie hatten Beide, der Kommandant und sein Offizier mit Aufbietung aller Kraft ihrer Lungen gesprochen, um sich nur einander verständlich zu machen und dennoch war es in dem Brausen der See und des Windes kaum möglich. »Die Masten!« sagte endlich der Offizier.
»Ich habe längst daran gedacht, sie zu kappen, aber der Besahn ist unsere ganze Hoffnung, wenn es gelingt, das Schiff vor den Sturm zu bringen. Dann fliegt es wenigstens über die leichtern Bänke hinweg, denn ich fürchte, wir treiben den Inseln im Lee unrettbar zu. Ist es möglich, ein Logg zu werfen?«
»Nicht daran zu denken, Kommandant.«
»So versuchen Sie's noch einmal am Fock mit dem Klüver, und wenn's nur ein Jagerbaum ist. - Wer hat das Kommando in der Batterie?«
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»Cadett von Zastrow!«
»Ein braver Bursche, aber er ist kaum zwei Jahre im Dienst. Es kommt Alles darauf an, daß die Geschütze festgelegt sind und sich nicht lösen können bei Schlagseiten. Lassen Sie sie nochmals laschen.4 Das Wetter ist uns zu furchtbar plötzlich über den Hals gekommen. Auf Ihren Posten Baron von Dobenegk! Wen haben Sie noch im Vorderschiff?«
»Graf Klinkowström und Matuschka, Voß und der Kadett von Kanitz sind mit in der Batterie!«
»Und wenn die Hälfte der Wackern geopfert wird, - wir müssen den Klüver haben! - Leben Sie wohl, Kamerad!«
»Auf Wiedersehen in einer andern Welt! - Sehen Sie dort!«
Es war etwas heller geworden im fahlen Licht der Blitze. Der Offizier, sich forthalfternd wies nach Westen. Wie eine dunkle schwarze hohe Mauer kam es von dort herüber, auf der Höhe derselben eine weiße helle Krone, der Gischt!
»Wir sind verloren, wenn sie uns faßt, es ist die Springfluth! Alle Mann zum Steuer - luvt, luvt um das Leben!«
Er stürzte sich selbst auf die Speichen des Rads - auch der Lieutenant sprang wieder zurück und faßte hinein.
Noch einmal war es gelungen, mit der Hilfe einer günstigen Welle das Schiff zu wenden, daß die Spitze der
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schrecklichen Fluth entgegen stand. Einen Blick nur hatte der tapfere Kommandant zur Höhe des Mittelmastes emporgeschlagen - es war, als wäre die weiße Linie auf der schwarzen Wassermauer bis über den Mars gestiegen, und dann stürzte sie über das Deck des in tiefer Höhlung liegenden Schiffes und begrub dasselbe unter ihrem Schaum. Einen Moment lang schien die Corvette bereits in den Abgrund hinabgedrückt, aber die rasche Wendung hatte sie noch einmal gerettet, und im nächsten Augenblick hatte sie sich wieder gehoben. Als der Commandant in dem fahlen elektrischen Schein um sich sah, war sein erster Lieutenant nicht mehr an seiner Seite. Der Schlag einer Stenge hatte ihn getroffen und ihn hinausgeschleudert dem wirbelnden Gischt nach - ob lebend, ob bereits todt - wer hätte es sagen können!
Aber freilich war es nur ein Augenblick der Rettung. Im nächsten schon war die Corvette abgefallen und bot ihren Backbord der tosenden See - und von dort her ...
»Lebt wohl, Maten - laßt uns als Männer sterben, als Preußen wie in der Schlacht!«
Riesiger noch als die erste Wand der Springfluth kam die zweite daher, eine schwarze dunkle Masse nur vom phosphorischen Licht ihres Kammes glänzend; - sie hingen an den Resten der Wanten, der Regelings, an Allem, was noch einen höheren Halt bot auf Deck; sie lagen auf den Planken, knieend, die Hände der Gefahr, entgegenstreckend ... die noch stehenden beiden Masten schwankten wie taumelnd nach der Leeseite - einen Augenblick noch, dann hatte die furchtbare Wassermasse der Springfluth
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die Breitseite des Schiffs erfaßt - ein Krachen, die Stengen der beiden Maste mit ihren Raaen tauchten in das Wasser im Lee, die ganze Macht der Wellen schien auf dem Schiff zu liegen - vielleicht hätte es sich noch wieder gehoben, noch einmal getrotzt - da polterte es und donnerte es in seinen Tiefen, daß es selbst den Sturm und das Wogengeheul übertönte, es war wie ein mächtiges Rollen - es krachte, als führen alle Planken aus ihren Verbindungen, aus ihren Nahten - durch die Mittelluke, während die eine Hand das Tuch zur Seite schob, tauchte ein jugendliches Haupt, die Hand an den Rand geklammert hob die schlanke Gestalt in der Kadettenuniform heraus, obschon sie sich in der Lage, wo das Deck fast senkrecht nach der Windseite stand, ihr nicht weiter empor helfen konnte, - die andere Hand zog den Stock einer Standarte hinter sich her - »Hurrah für Preußen! Die Kanonen sind los - sie schlagen die Wand ein! Es lebe das Vaterland, es lebe der König!« Die jetzt frei gewordene Hand des Jünglings, des Kommandanten der Batterie hatte die gerettete Standarte befreit und schwang sie jetzt über dem Deck! - »Hurrah für Preußen - das ist der Tod!«
Die dritte Woge der Springfluth, es ist eine seltsame Regelmäßigkeit selbst in dem ruhigen Heranwogen des atlantischen Oceans, wie man es so oft an den westlichen Küsten beobachten kann, daß hier drei langgestreckte Wände hinter einander herankommen - die dritte Woge der Springfluth warf sich auf das unglückliche Schiff und drückte es nochmals in die dunkle Tiefe, ein Gurgeln, ein
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schriller Todesschrei aus so mancher Kehle - dann verschwand seine letzte Planke von der wildbewegten Fläche - ein Opfer der Tiefe.


Vier Tage später - die blasse Novembersonne ließ ihre weißen Lichter tanzen über die wieder beruhigte grün-dunkle Fläche, - nur leicht noch als sei es der Odem einer kräftigen niemals gänzlich schlummernden Brust, die nicht rastet noch ruht, rauschten die Wellen und zogen zu dem Dünenstrande der friesischen Inseln, die den Eingang zum Zuyder See decken, wie ihn nach menschlichem Ermessen auch ein Sturm oder Springfluth hineinriß durch festes Land in ein Binnenmeer, oder vor Jahrtausenden das ganze Meer ergoß in das Land - vier Tage später war es, als der Hamburger Dreimaster die ›Edda‹ Kapitain Klaus Hansen, in der Höhe der holländischen Insel Texel das deutsche Meer furchte. Das Schiff hatte nur wenig Schaden genommen in dem vorhergegangenen schlimmen Wetter und achtundvierzig Stunden unter der thätigen Sorge des jungen Kapitains hatten genügt, an einer der Inseln ohne wirklich zu landen alle Havarie auszubessern. Jetzt eilte die ›Edda‹ mit vollen Segeln dem Kanal, der großen Wasserstraße zu, um in Hâvre vielleicht weitere Instructionen zu suchen und zu finden und Proviant einzunehmen, ehe sie die Bay von Biscaya kreuzte und das Mittelmeer erreichte, wohin ihre Bestimmung lautete.
Der Kapitain des stattlichen Fahrzeugs stand auf der Campagne des Hinterdecks und mochte an die gefährliche
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Fahrt denken, die er zurückgelegt, und wie die Edda eine andere so waghalsig begrüßt hatte, wie kaum ein Schiff jemals an diesen Küsten. Nicht weit von ihm, ohne daß er in seinem eigenen tiefen Sinnen darauf achtete stand der Laskare Suky, der seine Genugthuung kaum bergen konnte, wieder nach dem sonnigen Süden zu kommen, wenigstens näher der tropischen Zone, und der in gewöhnlicher Weise, wenn er seinem Herrn sich näherte, Gelegenheit suchte und sei sie vom Zaune gebrochen, in irgend einem Wort von seiner verehrten Herrin, der Missis Edda, die doch der Missus Adda so zauberhaft ähnlich sei zu reden, bis ihm der Kapitain gewöhnlich den Mund verbot, um all' den phantastischen Aufstellungen nicht weiter zuhören zu dürfen. Diesmal hielt sich aber der Laskare ziemlich schweigsam, schaute auf das Meer, die Hand über das scharfe Auge breitend, und sagte dann: »Bei der großen Schlange, Massa Hansen, meine Gucker sind schlecht geworden, oder da drüben treibt ein Boot oder ein Hühnerkorb von einem Schiff. Haben Kapitain nicht das Glas zur Hand, mit dem man die Dinge sieht, als wären sie dicht bei uns, obschon sie so manche Seemeile entfernt sind in Wirklichkeit?«
»Wo meinst Du, Suky?«
»Dort drüben West zu Nord, zwischen dem Besan- und Kreuzmast - zwei Strich nach Mitternacht hin.«
»Du magst vielleicht Recht haben, aber mein Auge, so gut es auch ist, reicht doch nicht so weit als das Deine. Heda, Mars! Der Laskare hier behauptet nach Nordwest
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hinüber ein gekentertes Boot oder einen ähnlichen Gegenstand zu sehen. Kannst Du was bemerken?«
Der angerufene Marsgast antwortete in der gewöhnlichen schleppenden Weise der Matrosen. »Ja, ja, Herr - kann's aber nicht unterscheiden, was es ist - vielleicht ein Seehund, der bis hier herunter gekommen ist!«
»Mein Glas, Stewart - auf dem Tisch in der Kajüte!«
Suky verschwand in der Deckkajüte und kehrte gleich darauf mit dem Fernrohr des Kapitains zurück, das dieser nach der angedeuteten Stelle richtete.
»Seltsam - in dieser Gegend kann doch unmöglich eine Boje oder Ankerboje liegen - und doch ist's offenbar wie ein Signal auf einer Tonne oder ein anderer beweglicher Gegenstand. - Holla - Anker herum und laßt das Gigk am Spiegel nieder. Es genügt, wenn Suky und der Littauer mich begleiten.«
Der Letztere war in Memel geheuert worden, der Kapitain mußte seine Absicht haben, daß er zwei Matrosen bestimmte, die nicht zu der in Hamburg fast durchgängig neu geworbenen Mannschaft gehörten.
Der Stewart hatte sich gewandt in das Boot geschwungen, das unter'm Spiegel hing, und ließ es an den Rolltauen nieder. Gleich darauf lag es an der Seite des Schiffs, nicht am Fallreep, sondern am Ende des Knotentaues, an dem der ächte Seemann sich niederläßt.
Eine halbe Stunde lang mochte das Boot, dessen Steuer der Kapitain selbst geführt hatte, auf dem Wasser gewesen sein, als es sich wie die an Bord Gebliebenen
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sahen, dem Gegenstand näherte, der noch immer, wenn auch unerkennbar, auf den Wellen trieb. Auch Hansen hatte ihn schon lange betrachtet, und je näher das Gigk gekommen war, desto ernster wurde sein Gesicht, desto schweigsamer sein Mund.
»Seltsam - ich kann mich nicht täuschen!« murmelte er, - »und dennoch wäre es unrecht, zu früh eine Hiobspost daraus zu machen! - die Aermsten, wenn es wirklich so wäre! Obschon kein Wunder bei dem Sturm; wird leider nicht das einzige Opfer sein!«
Ueber die beiden Seeleute hinweg, die gleichgültig mit dem Rücken nach dem Ziel der Fahrt ihre Riemen gestrichen, hatte sein Auge längst den Gegenstand erkannt. Es war eine Standarte am Stab, dessen unterer Knopf durch einen schweren Gegenstand in der Tiefe unter dem Wasserspiegel gehalten sein mußte, und der sie auf und nieder schwanken ließ im schaurigen Spiel. Die leichte Brise, die über die Wellen strich und die oberen Segel blähte, rauschte auch in den Falten der treibenden Fahne und ließ ihre Farben leicht erkennen: Schwarz Weiß - ein Kreuz - das Ehrenkreuz der Männer, die vor fast fünfzig Jahren in mancher blutigen Schlacht Deutschland vom Erbfeinde jenseits des Rheines befreien halfen - im Mittelschild der schwarze Adler der Hohenzollern!
»Großer Gott - also doch! Was soll aus dem deutschen Vaterland werden, wenn seine jüngsten Hoffnungen solchem Fatum unterliegen! - Dichter heran, Männer, daß ich es fassen kann! Noch einen Strich Backbord, Sucky!«
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Der deutsche Kapitain lehnte sich weit hinaus über den Rand des kleinen Bootes - neben dem aufrecht die Standarte auf den Wellen zu schwanken schien, - seine Hand griff nach dem Stabe und faßte ihn - sein Auge suchte das trübe Wasser zu durchdringen, als wolle es erkunden, welches Gewicht Stock und Flagge in dieser Stellung hielt, - etwas Helles, Weißes schien sich mit dem schwarzen Stabe, als er ihn an sich zog aus den Wellen zu heben, dann ihn loszulassen und in die Tiefe zu versinken, ehe es emportauchte, ehe er selbst danach greifen konnte.
»Eine Hand - sollte es eine Hand gewesen sein?« und noch weiter hinaus, soweit das Boot ihn nur tragen konnte, hatte er sich über Bord gelehnt - aber was es auch gewesen war - es war verschwunden, noch ehe er es deutlich erkennen konnte - verschwunden auf immer!
Ein Schauder ging durch die Glieder des starken Führers, des tapferen Seemanns voll Leben und Kraft. Es liegt ein tiefer Hang zum Mystischen, zu abergläubischen Träumen im Charakter der kühnen Männer, die täglich, stündlich ihr Leben einsetzen, nur durch schwache Planke geschieden von der Ewigkeit. Wer möchte sich wundern darüber, über den ahnungsvollen Glauben!
Der friesische, der deutsche Kapitain hatte fest den Stab gefaßt und schwang ihn fast triumphirend über dem Kopf. »Nein - diese Fahne wird nicht untergehen! - Wenn die Todten, die in ihrer Pflicht gestorben sind, noch die Kraft haben, aus der Tiefe des Meeres empor sie zu heben zum Lichte der Sonne - niemals wird Preußen untergehen und stets werden seine Farben wehen an
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Deutschlands Spitze! Wahrlich, den Hohenzollern gehört die Zukunft - ihnen schließe sich jeder deutsche Mann an mit Blut und Gut - wir wollen glauben an sie auf Land und Meer! -
»Wendet Burschen! zurück zum Schiff!« -
Als er wieder an sein Bord stieg und der Schnabel des Schiffs auf's Neue die Richtung zum Süden nahm, hatte er die der Fläche des deutschen Meeres enthobene Flagge unter seinen weiten Rock geborgen, und trug sie stumm, ohne zu sprechen davon in seine Kajüte, wo er sie sorgfältig verschloß. Aber fester und gewichtiger schien sein Fuß die Planken zu betreten, als er wieder auf Deck kam, wenn auch tiefe Falten auf seiner Stirn lagen und eine Thräne in seinen blauen Augen glänzte.
Das war die Todtenklage um hundertzweiundvierzig Leben, das war die Todtenklage um die Ritterschaft der Preußischen Amazone, die in ihrer Pflicht sank auf den Grund des Meeres, wie einst der Römer sich begrub in den feurigen Schlund zur Sühne für die künftige Größe seines Vaterlands.
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Aus der Terrasse von Windsor.

Es war ein heller kalter Decemberabend, und obschon das Klima von London und seiner Umgebung selbst um diese Jahreszeit viel milder zu sein pflegt als unter demselben Grad in Deutschland z. B. in Dresden, - war es doch unangenehm im Freien, denn die Kälte war seit Mittag rasch gestiegen. Dennoch harrten auf den berühmten breiten Terrassen von Windsor Castle - dem Lieblingswohnsitz der Königin des stolzen Englands - zahlreiche Gruppen oder bewegten sich still und schweigsam hin und her.
Die meisten Fenster des prächtigen Schlosses waren erleuchtet, nur an einer Stelle die Rouleaux sorgsam geschlossen - dort drinnen lag ein Mann im Sterben, der obschon ein deutscher Fürst sich doch gewisse Sympathien der hochmüthigen exclusiven Britten erworben hatte, indem er kluger Weise den Nationaldünkel geschont und eben Nichts hatte sein wollen, als der Gemahl - der - ihrer Königin, die überhaupt doch
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Nichts sein darf, als die konstitutionelle Königspuppe, deren Drähte die Minister ziehen, die beiden Parlamente und die Presse der Parteien, je nachdem der Cours der Bank von London oder der Geldsack der Krämer in der City es erlaubt.
Albert, Prinz von Sachsen-Coburg, der Königin-Gemahl, im rüstigsten Mannesalter, kaum 44 Jahr, in seinen Jünglingsjahren einer der stattlichsten Männer seiner Zeit, lag nach kurzem Krankenlager, das mit einer einfachen Erkältung auf der Jagd begonnen, im Sterben und an seinem Bett kniete eine Königin beider Indien und eine zahlreiche Nachkommenschaft. Ja die Hand Gottes ist gewaltig und daß sie auch über Nacht die Mächtigen und Reichen der Welt unversehens trifft, das ist - wie der halb blödsinnige Schäfer von Pierrefonds der Kaiserin des mit England um die Weltherrschaft ringenden Frankreichs sagen konnte, der Trost der Armen und Demüthigen!
Die Riesengestalten der schottischen Garde hielten jenen Theil der Terrasse abgesperrt, auf welchen die Zimmer des Prinzen hinausgingen, der immer Bewegung und frische Luft liebte und bis zum Morgen vor seinem Tode die regelmäßige Oeffnung der Fenster verlangte für die frische Luft, die von dem Strom herüberstrich und aus den Bäumen des prächtigen Parks emporquoll. War doch der thüringer Wald mit seinem Duft sein Lebenselement gewesen, wie nur die schottischen Hochlande in den Jagdgebieten von Balmoral sein Oberhof ihm hatten ersetzen können, wo der Auerhahn balzt und der mächtige Hirsch
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seine Zinken an der moosigen Rinde der Edeltanne wetzt oder an gewaltigem Felsengestein. Aus diesen Wäldern und sonnigen Bergen hatte ihn die Familienpolitik herausgedrängt auf den Thron im Nebelland, der doch keiner war, da er nur von dessen Stufen zu der obersten hinaufsehen konnte und auf hundert Augen und Rücksichten achten mußte, nicht der selbstständige freie Mann im eigenen Hause, der Herr seiner Familie, die zu ihm heraufsehen soll, nicht herab! - Ob der deutsche Mann glücklich war in dem Königsschloß der Geldsäcke, die seine Apanage mit Parlamentsreden maaßen und sein Liebesglück bemäkelten - wir wissen es nimmer. Es hat schon manches gestörte Dasein auf dem englischen Königsthron gegeben, nicht bloß an blutigen Thränen der mit Diademen geschmückten Frauen! -
Durch seine Lage, 22 engl. Meilen südwestlich von London, am rechten Ufer der Themse, dem fast gegenüber liegenden und durch eine Brücke mit ihm verbundenen Eton, der berühmten Erziehungsanstalt der aristokratischen Jugend Alt-Englands, genießt Windsor die Vortheile einer fast unmittelbaren Zugehörigkeit zu der Hauptstadt mit den Annehmlichkeiten eines ländlichen Aufenthalts.
Windsor Castle, der königliche Palast, wurde ursprünglich von Wilhelm, dem Eroberer, (1066-87) gebaut, von Eduard III. (1327-77), dem Vater des ›Schwarzen Prinzen und Eroberer Frankreichs‹ umgestaltet und von Georg IV. aus dem Hause Hannover verschönert und erneuert. In der prächtigen gothischen Kirche des Schlosses ruhen Eduard IV. aus dem Kriege der rothen und weißen Rose,
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Heinrich VIII., der seine Frauen das Schaffot besteigen ließ und zu dem Zweck England von Rom und der katholischen Kirche losriß, Carl I., der königliche Märtyrer auf dem Schaffot, und die Souveraine aus dem Hause Hannover von Georg III. (f1820) an, der Nordamerika für England verlor, für dessen Sohn, den vierten Georg, Sir Jeffrey Wiatville das Castle zu dem jetzigen prachtvollen Palast umbaute. Seine kolossale Reiterstatue steht an der drei englische Meilen langen Allee des Parks (Long Walk). In der Kapelle mit dem kupfernen Mausoleum Eduard IV. wird das Kapitel zur Aufnahme der Ritter des Hosenbandordens gehalten!
In dem von dem Krankenzimmer entfernteren Theil des Erdgeschosses hatte sich eines der bis zum Niveau der Terrasse herabgehenden Glasfenster geöffnet, die im Sommer den Austritt in's Freie direkt aus den Sälen und Zimmern überall gestatten, und zwei Männer in warme Sürtouts und Tücher gehüllt waren herausgetreten, der Eine sich auf den Arm des Andern stützend. Es war dies offenbar trotz seiner noch immer stattlichen fast eleganten Haltung ein sehr alter Mann, denn selbst die Kunst seiner Kammerdiener hatte nicht vermocht, die Beweise davon zu vertilgen.
Ein ganz weißer Bart nach dem bekannten, englischen Cotelettschnitt umrahmte das blasse runzelvolle und doch geistreiche feine Gesicht, dem man selbst auf die Entfernung den Gentleman und den gewiegten Staatsmann von feinen aristokratischen Manieren ansah.
»So Sir,« sagte der alte Gentleman, »ich hatte nur das Bedürfniß, dem Jammer und Leid da drinnen und
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der Atmosphäre des Krankenzimmers gegenüber, zu der mich meine Pflicht als Minister vernrtheilt, einige Augenblicke frische Luft zu schöpfen.«
»So ist also keine Hoffnung, Mylord?«
»Noch gestern hatten sie die Aerzte, wenn die sonst feste und gute Natur des Prinzen eine Nacht überstehen konnte, um ihre Kräfte zu regeneriren; doch der Anfall vom Freitag war zu stark und hat die Kräfte erschöpft, so daß sie in fortwährendem Sinken blieben. Nach dem einstimmigen Urtheil der Aerzte ist keine Hoffnung mehr, der erlauchte Kranke scheint dies selbst zu erkennen, und deswegen verlangte er die schleunige Herkunft des Prinzen von Wales von Cambridge. Doktor Conneau erklärt, daß der Prinz die Nacht nicht mehr überleben werde.«
»Ein großes Unglück, namentlich in dieser Zeit!«
»Für die Königin - ja - für den Staat hat der Einzelne keine Bedeutung! Der Prinz hat sich verständiger Weise nie in die Politik Englands gemischt, selbst nicht mit seiner napoleonischen Antipathie. Aber das natürliche Gebrochensein der Königin, diesem dritten Faktor der Regierung, das nur menschlich ist, erschwert in diesem Augenblick gegenüber den Zerwürfnissen mit Nordamerika die Entschließungen der Regierung. Die fatale Trent-Angelegenheit ist eine Sache, welche die Ehre und das Ansehen Englands tangirt. Wir müssen, auch wenn wir jede Einmischung in den amerikanischen Zwist vermeiden wollten, dem Kabinet von Washington den Krieg erklären, somit also Partei nehmen, wenn der Präsident nicht nachgiebt, und die Freilassung der von englischem Bord, also
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Grund und Boden, gewaltsam entführten Abgesandten der Südstaaten bewilligt.«
»Die Zustimmungserklärung des amerikanischen Congresses für die Handlung des Kapitain Wilkins giebt wenig Hoffnung darauf.«
»So müssen wir eben den Krieg erklären, so gern ich ihn bei den gegenwärtigen Zuständen auf dem Continent vermieden hätte. Der Krieg heißt eben nur ein Bündniß mit Frankreich, was schon durch die mexikanische Frage gefährlich ist. Aber das Prestige Englands, sein Recht auf die Weltherrschaft erfordert das Opfer. Außerdem der Stand unserer Baumwollen-Industrie, die schon jetzt durch den amerikanischen Zwist, der uns sonst ziemlich gleichgültig wäre, in der verhinderten Ausfuhr bedeutend leidet.«
»So haben Euer Herrlichkeit keinerlei Sympathie für die Ansprüche der Föderation und die Sclavenemancipation?«
Der alte Minister lächelte. »Lassen Sie uns hier einen Augenblick niedersetzen, lieber Kollege,« sagte er - »die frische Luft thut mir trotz der Kälte gut, aber Sie wissen, daß ich ein alter Mann bin, jetzt 78 Jahre.«
»Der trotz dieses Alters mit gewohnter Klugheit die Zeit regiert!«
»Keine Fadaisen, junger Freund. Aber lassen Sie mich die Gelegenheit wahrnehmen, Ihnen einige Prinzipien unserer Politik an's Herz zu legen. Wenn auch nicht gleich nach meinem Ausscheiden - wir Alle unterliegen ja der Unabweisbarkeit der Sterblichkeit - so werden Sie doch
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zu irgend einer Zeit die Leitung der Regierung in der Hand haben, das heißt Premier-Minister Ihrer Majestät sein. Deshalb spreche ich mich offen gegen Sie aus. Ich bin es wiederholt gewesen, und nach meiner Erfahrung ist's ziemlich gleich, ob die Whigs, wie ich es als Schüler Cannings bin, oder die Tory's, wie es Derby ist, am Ruder sind. Die Politik Englands ist eine so bestimmte Nothwendigkeit, daß davon nicht abgewichen werden kann, gleichgültig, welches die Wege für Bewahrung des Ziels sind.«
»Ich verstehe Eure Herrlichkeit, - dieses Ziel muß immer bleiben« ...
»Das Prestige Englands, seine Weltherrschaft, also sein überwiegender Einfluß in allen politischen und socialen Fragen der Welt. Dieses Prestige, ich darf es sagen, ist unter mir gewahrt worden, wenn ich auch gern zugeben will, daß ich in manchen Maßregeln dafür geirrt haben kann. Thatsache ist, daß der englische Einfluß, die englische Macht gegenwärtig die Welt beherrscht.«
»Das wird gefühlt - im Stillen selbst von dem steten Rival Englands, dem Kaiser Napoleon.«
»Er wird uns nur zeitweise gefährlich sein, und seine Politik ist immer durch Gegenmaßregeln zu paralysiren. Sein Oheim, das war etwas Anderes - der war ein consequenter und gefährlicher Feind Englands und er mußte daher vernichtet, der Kampf gegen ihn bis zum Unterliegen der einen oder der andern Macht geführt werden. Ich bin allerdings fest überzeugt, daß der Kaiser Louis Napoleon England im Stillen ebenso haßt, wie es ein Oheim that, aber er fürchtet einen offenen Kampf
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und deshalb versucht er auf allerlei Seitenwegen uns zu schaden. Ein solches Mittel ist das Bündniß gegen Mexiko, also gegen die nordamerikanischen Staaten, denn mit diesen muß es zu einem Bruch führen, wenn England nicht bei Zeiten sich zurückzieht und diesen Bruch ihm allein auf dem Halse läßt. Ein ähnlicher Versuch ist sein Kokettiren mit Oesterreich, mit Italien, dem Papstthum und jetzt mit Preußen und Rußland, denn er denkt nicht an eine offene Unterstützung der Revolution in Ungarn oder Polen. Zahlen wir ihm also so lange es geht mit gleicher Münze und gehen wir lieber zu den wirklichen Gefahren über, welche die englische Suprematie bedrohen.«
»Eure Herrlichkeit sind ein Mentor, dessen Lehren ich mit tiefer Dankbarkeit lausche. Aber sollte Ihnen die Abendluft nicht schaden?«
»Noch thut sie mir wohl. Sie wissen, daß ich nicht gewohnt bin, mich aufzuknöpfen, weder geistig noch körperlich. Vielleicht, daß die Familien-Katastrophe da drinnen, mich mittheilsamer macht. Man muß immer an sein Testament denken, auch an das politische.«
»Also zunächst die wirklichen Gefahren für die englische Suprematie und dann die Mittel, dieselbe aufrecht zu erhalten.«
»Lassen wir also Frankreich bei Seite, das ist ein Land, das sich unter dem jetzigen Regime immer nach andern Ködern lenken und uns nutzbar machen läßt.«
[»]Unangenehm in diesem Augenblick ist ein Krieg mit Nordamerika, der sich doch nicht vermeiden läßt, wenn der Congreß in der Trent-Angelegenheit halsstarrig bleibt.
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Noch hoffe ich, daß es nicht geschieht zum Dank, weil England die napoleonische Vermittelung in dem Conflikt mit den Südstaaten abgelehnt hat. Ist man undankbar, müssen wir uns eben auf deren Seite schlagen. Unsere Kolonien in Westindien werden vielleicht in einem solchen Kriege etwas zu leiden haben, - das ist Alles, die amerikanische Flotte ist noch nicht so weit und so groß, daß sie uns wirklich schaden kann. Die Achillesferse Englands ist und bleibt Ostindien, es ist seine Kraft und sein Ruhm, aber auch seine Schwäche, darum muß grade dort unser Harnisch am Stärksten sein, oder wir müssen Ersatz an anderer Stelle, zum Beispiel am Kap suchen. Unser Feind für Ostindien ist Rußland und wird es mit seiner steigenden Civilisation immer mehr. Bis zum Krimkrieg war es ein thönerner Koloß, jetzt ist es eine bewußte Macht. Es ist eine Thorheit, Rußland in Bomarsund und Kronstadt angreifen zu wollen, man hat es im Krimkrieg gesehen, man muß es von den Dardanellen und vom Nil her angreifen. Deshalb muß unser Einfluß in Constantinopel, in Athen und Kairo der überwiegende bleiben. Das schließt nicht aus, daß es auch von der Weichsel und der Donau her geschieht. Der pariser Frieden hat das schwarze Meer für Rußland bereits zum Range des kaspischen degradirt, hüten wir uns, daß es keine Erwerbungen an seinen Ufern macht und auf der asiatischen Seite nach Constantinopel vordringt. Indem wir jede polnische Erhebung durch Noten, Waffen und Geld unterstützen, halten wir stets einen Dorn in seinem Fleisch, und zugleich Oesterreich in Athem. Indem wir den Divan beherrschen,
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vertheidigen wir den Euphrat und den Balkan. Indem wir Griechenland, sei es durch ein neues Königthum aus englischem Blut oder durch Revolutionen uns Unterthan machen, sichern wir uns Creta und Aegypten und stärken die Türkei am Bosporus. Dafür können wir immerhin die Komödie des römischen Protektorats opfern, Malta ist für uns wichtiger. Menschliches Wissen kann den Naturgewalten gegenüber nicht voraussagen, ob und was aus dem von Frankreich und Holland gegen uns unternommenen Bau des Suez-Canals wird. Gelingt er, so ist er bei der steten ägyptischen Geldverlegenheit leicht gekauft und noch leichter geschlossen. Aden, also der Weg im rothen Meer gehört uns. Durch die steten Wechsel in Spanien bleibt uns Gibraltar, also das Mittelmeer gesichert, der Vertrag von Utrecht 1713, von Sevilla (1729) und von 1783 waren die klügsten Artikel, die England je geschlossen hat, um sich die Herrschaft über drei Welttheile zu verschaffen. Sie vertheidigen wir in Constantinopel, in der Kapstadt und ... in Rom!«
»In Rom, Mylord?«
»In Rom. Hören Sie mich an. Sie selbst, lieber Gladstone, haben der Emancipation der katholischen Kirche und der Juden in England bereits so viel zu verdanken, wie der Sieg der Liberalen in Neapel. Der Vatikan wird stets ein großer Faktor in der Geschichte aller Staaten des europäischen Continents bleiben. Die weltliche Macht des Kirchenstaats wird sich nicht halten lassen und es ist auch gleichgültig, wann sie verloren geht. Aber das Papstthum ist eine zähe, immer sich erneuernde Kraft von stets
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berechtigter und wichtiger Einmischung in die politischen Angelegenheiten. Darum habe ich durch unsern Vertreter im Vatikan dem Kardinal Antonelli bereits wiederholt in Verlegenheiten die Uebersiedelung des Kollegiums auf englischen Boden oder den englischen Schutz anbieten lassen. Kann nicht einmal ein geborner Engländer wieder Papst werden? Wiseman hat freilich nicht das Zeug dazu, wohl aber Manning, wenn wir ihn zum Erzbischof von Westminster machen und zum Kardinal ernennen lassen. Eine Gelegenheit findet sich leicht, und er ist ein ehrgeiziger und fester Kopf. Denken Sie daran, wenn ich dann nicht mehr bin; England, der überwiegend protestantische Staat zugleich in Besitz des Papstthumes - welche unbesiegbare Weltherrschaft, welche Macht über Italien, Spanien, Frankreich, Oesterreich, Polen, selbst Holland, Deutschland und Amerika!«
»Euer Herrlichkeit sind großartig!«
»Nur ein Staatsmann, der die wahre Aufgabe seines Landes niemals aus den Augen verliert. Grade die revolutionairen Ideen, die wir überall in politischer und socialer Beziehung verbreiten, treibt uns das Papstthum in die Arme. Glauben Sie mir, es kommt eine Zeit, wo selbst ein katholischer Bischof sagen wird: wir werden uns mit der Revolution verbinden!«
»Mylord, Sie haben aus Ihrem Calcül ganz die andern deutschen Staaten, zum Beispiel Preußen ausgelassen. Der germanische Stamm ist der unsere, selbst die königliche Familie.«
»Wozu hätten wir Prinzen und Prinzessinnen? -
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Hannover, Coburg, Berlin, die Mecklenburgs werden unserm Einfluß nicht entgehen. Der dänische Streit wird uns zu einer Heirath Gelegenheit geben - bereits ist eine solche, wie Sie wissen, mit den Hessen beschlossen, und das ist Sache Ihrer königlichen Hoheit der Herzogin da drüben in der Cottage. Doch ich muß gestehen, die Prinzessin ist heute Abend die beste Stütze ihrer Mutter! - Ich habe keine Besorgniß vor deutscher Politik, selbst vor Herrn von Beust, der den Mund so gewaltig aufthut und gern eine Rolle spielen möchte. Die Deutschen werden immer uneinig bleiben und wir sorgen durch Graf Bernstorff dafür, daß die preußische Politik sich nie zu einer entschlossenen aufraffen kann. In diesem Augenblick ist der König von Preußen mit seinem halben Lande durch seine Soldatenschwärmerei zerfallen und der sogenannte Nationalverein macht ihm fast mehr zu schaffen, als die Eifersüchtelei der deutschen Souveraine gegen das Haus Hohenzollern; auch der Besuch in Compiegne hat ihm schlechte Früchte getragen, der Erlaß des Kaisers Louis Napoleon über den Verzicht auf das Recht der außerordentlichen Credite, dem wir den Rücktritt Walewski's und Persigni's verdanken, war offenbar eine Antwort auf die preußische Königsrede in Königsberg und die Revange für die allzu ehrliche Ablehnung der Anerbietungen in Compiegne. Uns paßte sie. Wir können weder ein allzu starkes Preußen, noch eine deutsche Flotte, noch das Erstarken des deutschen Zollvereins brauchen. - Doch - wir dürfen nicht zu lange fortbleiben, Mylord Chancelor, und ein Kaminfeuer wird uns wieder gut thun. Bitte, Ihren Arm Sir, und
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- erinnern Sie sich später des heutigen Abends. Man kömmt uns zu suchen - ich hoffe, es wird doch nicht ...«
Sie traten nach einem kurzen Gang in das Innere des Palastes zurück. -
An dem andern Ende der Terrasse, da, wo sie sich dem Hofe der prächtigen Marställe nähert, ging einsam auf der hier nur von wenigen Personen belebten und berührten Stelle, wo sie nicht von dem Gaslicht erhellt oder von den auf und nieder gehenden Schildwachen abgesperrt war, ein einsamer Mann. Es war kein Engländer, das konnte man an der kleinern hagern Gestalt sehen, obschon der englische Sürtout diese erstattlichte. Die Kälte schien ihm unbehaglich und ungewohnt. Zuweilen schauderte er leicht zusammen, und dennoch wich er nicht von dem Ort und unter dem Rande des runden Hutes kehrte sich bei jeder Wendung das blitzende Auge immer wieder nach jener Richtung, wo das matte Licht der Krankenzimmer auf die Terrasse fiel.
»Es geht zu Ende mit ihm, sagt der thörichte Irländer, der mir täglich die Botschaften bringt von den Fortschritten der Krankheit,« flüsterte der Mann vor sich hin, während er wieder sich um nach jener Seite wandte. »Der Luftzug kräftigt die Nerven der Söhne der heißern Sonne und ist ihren Lungen neues Salz. Aber man sagt, daß er Gift ist in diesem Lande der Nebel und der Dünste.« Er lachte leise und bitter vor sich hin. »Die Blüthenfäden des Upas, die leichter sind wie die Luft, und die kein Auge zu sehen vermag, tragen den Tod durch den Athem in's Blut. Große Bhawanie ich danke Dir, daß
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ich die Schachtel davon mit mir genommen, die noch tausend Tode tragen mag in jene große Stadt, die Nichts ist als ein unerschöpfliches Meer des Elends und des Verbrechens. Seit ich sie gesehn, weiß ich, daß sie das Verderben in hundert Kanälen in sich birgt, und es der Hand des Einzelnen kaum bedarf, um zu tödten. Margarethe, der Altar, den ich Dir hier errichtet und der mit den trüben Wellen jenes Stroms zum Meer rauscht, fordert mehr Opfer als die Gewölbe von Malangher nahmen! Zweier Leben noch bedarf ich, mächtige Göttin, dann bin ich bereit zu deinen Wandlungen und kann Ring und Axt in die Hände eines Andern legen!« -
Von den Höfen her kam ein Mann in der Uniform eines der königlichen Stallmeister. Er war groß, jung, von stattlicher Figur und männlich schön. Er sah sich einige Augenblicke auf der Terrasse um, dann schritt er auf den Mann zu, der im Schatten stand und reichte ihm die Hand.
»Ich halte Ihnen mein Wort, Master Sullivan, das ich Ihnen für die vortrefflichen Mittel gegen den Spath der Pferde gab und bringe Ihnen Bericht von dem Zustand Seiner königlichen Hoheit. Sie sind wirklich einer seiner treuesten Verehrer, daß Sie so treulich ausgehalten und alle Abende gekommen sind, sich nach dem Kranken in Person zu erkundigen, statt sich mit den Berichten der Zeitungen zu begnügen. Ihre Krankenwache, Sir, ist zwar zu Ende - ich hoffe Ihnen wenigstens einen guten Platz bei den Begräbniß-Feierlichkeiten sichern zu können. Seine königliche Hoheit der Prinz ist vor zehn Minuten
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verschieden - die Nachricht kam so eben aus dem Krankenzimmer. Ihre Majestät soll außer sich sein - nur die Prinzessin Alice ist gefaßt. Der Hof und mehrere Minister sind im Sterbezimmer versammelt. Ich sende eben einen Noten zum Bahnhof an den Reporter der Times. Auf Wiedersehen, Master O'Sullivan. Wir verlieren auch im Marstall einen tüchtigen Sportsmann an ihm, wie der Master of the Hoch, der Marquis noch heute Morgen beim Rapport sagte. Wer hätte das gedacht! - So bald!« Und kalt ging der Bedienstete des Palastes zurück.
Der Mann aber, der so treu die Kranken- und Sterbewache gehalten, trat noch tiefer zurück in die Schatten und warf sich an der Balustrade nieder auf die Knie.
»Heilige Bhawani - ich danke Dir, daß das Herz der Gebieterin dieses hochmüthigen Englands schwer getroffen ist von dem Pfeile des Todes, wie das Weib des geringsten der Paria's in dem Lande, dessen Elend sie befehlen konnte. Margarethe, möge dein Schatten bei ihr sein in dieser Stunde! Meine Aufgabe in diesem Lande der Verfluchten ist zu Ende - ich kann morgen seinen Schmuz von meinen Füßen schütteln.«
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Am Jahresschluß!

Das Jahr 1861 ging zu Ende - ein ereignißreiches und bedeutsames für Preußen - das erste des neuen Königthums, nachdem mit seinem ersten Tage der Träger des alten zu dem von seinem Volke ihm lang ersehnten Frieden eingegangen war und jetzt in seiner Friedenskirche ruhte.
Gar manche bittere und trübe Erfahrung hatte der neue König in diesem Jahre bereits machen müssen, von der bloßen Anfeindung politischer Parteiung bis zum offenen fanatischen Mordversuch - sein redlicher, fester Manneswille mißbraucht und verkannt, - sein weitblickendes Auge von kurzsichtigen Oppositionsgelüsten mißachtet, - wachsende Feinde ringsum, bereit dem Adler aus dem sichern Hinterhalt der Intrigue die Fittiche zu beschneiden - Zwiespalt auf allen Enden, auf allen Gebieten, - schwache oder falsche Freunde und Rather, schlaue Versuchungen, Undank und schlimme Beispiele - drohende Gewitter ringsum am politischen Horizont ... wer hätte da nicht den Muth, den Glauben an die Zukunft verlieren sollen!
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Nicht der König, nicht der König, der sich die Krone seiner Väter von Gottes Gnaden vom christlichen Altar Gottes genommen hatte, und auf sein Volk und bessere Tage vertraute!
Zwar hatte es ihm auch nicht an glänzenden und zahlreichen Beweisen der Liebe und des Vertrauens gefehlt, so nach jenem Mordattentat, bei Gelegenheit der Krönung und des Einzugs, aber schon war durch die Schwäche jenes Ministeriums der ›neuen Aera‹ und die systematische Agitation der wiederbeginnenden, diesmal schlaueren Revolution der Boden im Lande bereits so durchwühlt, daß der königliche Aufruf zu neuen Wahlen für das Abgeordnetenhaus mit einem Wahlausfall beantwortet wurde, der - wie der König offen am 11. bei der Einweihung der Letzlinger Kirche den versammelten Geistlichen des sonst so conservativen Kreises sagen konnte:
»Die Wahlen, diese Antwort des Volkes auf die erhebenden Feierlichkeiten von Königsberg hätten nicht schlechter sein können, als sie waren, indem man Männer nach Berlin schicke, die wegen politischer Vergehen verurtheilt waren, und denen nur die Amnestie erlaubt hatte, zurückzukehren. - Er aber halte fest an seinem Königthum von Gottes Gnaden!«
Daß durch solche Erfahrungen das Herz des Monarchen tief berührt sein mußte, läßt sich denken. Waren doch selbst in den conservativsten Theilen des königsgetreuen Westfalens die Wahlen im oppositionellsten Sinne ausgefallen.
Dazu das Unglück, das die junge Marine grade in ihrem Aufblühen getroffen hatte, denn nach den Nachrichten
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von der holländischen Küste und der Mission des Lieutenants zur See Rubarth dahin konnte es keinem Zweifel mehr unterliegen, daß dort das stattliche Schiff mit seiner hoffnungsvollen Mannschaft, 142 blühenden Männern, seinen Untergang gefunden hatte, sei es durch unglücklichen Anstoß in der Sturmnacht, sei es durch das Element selbst. Mit blutendem Herzen hatte der König seine Zustimmung zu dem Bericht geben müssen, welchen die damalige offizielle Zeitung, die Sternzeitung am 16. December über die Resultate der stattgehabten Ermittelungen gebracht - und da drüben in der Ecke des Vorgemachs, das die Fahnen und Standarten der Armee bewahrt, stand auch die Stange mit der Signalflagge des Tops in den preußischen Farben: Schwarz-Weiß! Schwarz-Weiß!
Mitternacht hatte es von den Kirchthürmen geschlagen, der König hatte kurz die Sylvesterwünsche der königlichen Familie in Empfang genommen, - jede größere Festlichkeit hatte die Hoftrauer für den nahen Verwandten ausgeschlossen, von dessen Beisetzung der Kronprinz erst in diesen Tagen wieder zurückgekehrt war - und war dann bald in sein bekanntes Eckzimmer in dem ihm als Gabe des verewigten Vaters theuren und deshalb auch nach der Krönung als Wohnung beibehaltenen Palais hinabgegangen und einige Augenblicke an das Fenster getreten, das die Aussicht hat auf das Denkmal des großen Ahnherrn. Von den Linden herauf, namentlich von der Friedrichsstraße her, klang der wüste Lärmen, mit dem gröhlend und pfeifend der berliner Pöbel die Neujahrsnacht durch allerlei alberne Excesse zu feiern liebt, und in diesem Jahre
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noch ungenirter als sonst beging, da die Energie der Polizei so gut wie beseitigt und durch den ziemlich albernen Prozeß Patzke der Mann beseitigt und unschädlich gemacht war, vor dem sonst das Gesindel einen gehörigen Respekt hatte. Justiz und Regierung hatten sich damals vereinigt, nicht bloß die Autorität der Polizei, sondern selbst die Würde der Krone in den Staub fallen zu machen.
Nachdem der hohe Herr nachdenkend einige Augenblicke am Fenster gestanden, trat er in das Garderobezimmer, hing sich selbst den einfachen Militair-Mantel um und setzte die gleiche Mütze auf. So ging er durch das Zimmer des diensthabenden Flügeladjutanten und - mit einer Handbewegung jede Begleitung ablehnend - verließ er das Palais durch den Ausgang nach der Behrenstraße.
König Wilhelm ist niemals besorgt gewesen um seine persönliche Sicherheit und hat diese Sorglosigkeit bei hundert und aber hundert Gelegenheiten bewiesen. Der hohe Herr ging die Behrenstraße entlang bis zur Wilhelmstraße, und als er hier im Palais des Prinzen Friedrich von Preußen noch Licht sah, stieg er die Rampe hinauf, ging an der Schildwache, die vor dem Offiziermantel präsentirte, unerkannt vorüber und setzte leise den Klopfer des Thorwegs in Bewegung. Der Jäger des Prinzen, der mit dem Portier und dem Jour habenden Lakaien der Neujahrsnacht halber noch wach in Flur und Vorzimmer saß, hatte hastig geöffnet, fuhr aber alsdann fast erschrocken zurück, als er den König erkannte, der den Finger befehlend auf den Mund legte.
»Euer ...[«]
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»Still - ist der Prinz noch wach?«
»Zu Befehl - Seine Königliche Hoheit haben noch nicht zur Nachtruhe geläutet!«
»Ich dachte es mir - der arme Herr schläft nur wenig. Bleiben Sie - ich melde mich selbst!« Und mit einer Handbewegung ging er durch das Vorzimmer und die von dem Jäger rasch und leise geöffnete Thür in das große, dem Leser bekannte Wohnzimmer des Prinzen und durch die Portière in das anstoßende Gemach, in dem sich der leidende Fürst des Abends aufzuhalten pflegte.
»Bleibe ruhig, Fritz,« sagte der König - »keine Ceremonien unter uns, ich komme nur einige Augenblicke zu Dir, weil ich wußte, daß Du doch erst gegen Morgen schläfst, um Dir als der Erste im neuen Jahr einen Gruß zu bringen.«
Er hatte sich zu dem Ruhebett seines Vetters gesetzt und ihm freundlich die Hand gereicht.
»O, Majestät,« sagte der Prinz, der vergeblich eine Anstrengung gemacht hatte, sich zu erheben - »diese unverhoffte Freude - und ich kann Dich nicht empfangen, wie es doch meine Pflicht wäre ...«
»Still, still Vetter! Wir sind ja Beide keine Jünglinge! Es drängte mich zu Dir, dem Senior unseres Hauses, meinem ersten Kriegskameraden und treuen Freunde zu gehen, wie Du der meines Bruders, des verewigten Königs warst - ich wollte der Erste sein in dem neuen Jahr und einen Menschen sehen, zu dem ich von Herzen sagen kann: Vetter Fritz, eine Krone ist sehr schwer. Ich hatte gewünscht, sie nicht noch auf mein Haupt laden zu müssen.
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Bei Dir wenigstens kann ich mir das Herz ausschütten, ehe ich morgen conventionelle oder heuchelnde Gesichter zur Gratulation sehen muß! Ich weiß, Vetter Friedrich, Du meinst es gut mit mir!«
»Gott weiß es - aber Du mußt Deinen Weg gehen und - Du bist der Mann dazu, der Einzige, der es tragen kann!«
»Es sieht schlimm aus um mich her, Vetter Fritz. Ich habe vorhin den Erlaß des Ministeriums wegen Einberufung des Landtags unterzeichnet. Mit Ausnahme von Roon kein einziger Name darunter, auf den ich mich vertrauend stützen könnte!«
Der Prinz sah nachdenkend vor sich nieder - dann schob er dem König ein Buch zu, in dem er gelesen hatte, ehe der Monarch eintrat.
»Kennst Du dies?«
Der König schlug den Titel auf. »Tagebücher von Varnhagen von Ense. Aus seinem Nachlaß herausgegeben von Ludmilla Assing. Leipzig, bei Brokhaus! - ich habe davon gehört und Einzelnes gelesen! - Pfui der Schmach! Aus dem Grabe heraus streckt der eitle Geck, der sich einen Patrioten und den Humboldt Freund nannte, eine Schmuzkralle heraus gegen Preußen! Ein lüderliches jüdisches Weibsstück, das sich dazu hergab zur Vermittlerin!«
»Friedrich Wilhelm der Vierte hat mehr ertragen müssen!«
»Wenn dies ein Vorwurf sein soll, Vetter Friedrich - mache ihn nicht mir, er trifft Auerswald und Schwerin, dessen Ahnherr, auch für einen Friedrich, bei Prag fiel!
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- Aber es ist traurig genug - auf wen soll ich anders bauen, wenn solche Namen unzuverlässig sind. Ich stehe allein gegen sie Alle, die Wahl für den Landtag hat es gezeigt!«
»Stehe fest, Vetter Wilhelm - Du hast die Kraft dazu. Gott gebe Dir ein langes Leben und die Kraft auszuhalten bis zum Ende. Wenn ich in der Gruft auf meinem lieben Rheinstein höre von dem Sieg Deines Königsrechts hier, wird mein Geist Wache halten,am deutschen Strom, bis Du oder Dein Sohn das Wächteramt übernehmt. Vielleicht, Vetter Wilhelm, ist der Beistand von Oben näher als Du denkst! Verzage nicht - auf Deiner Kraft, auf Deinem Entschluß ruht die Zukunft Preußens! - Wenn Du morgen zur Friedenskirche fährst, grüße Den, der das schwere Amt auf Deine Schultern gelegt, auch von mir - ich käme ihm bald nach.«
Der König hatte sich sehr ernst erhoben. »Ich wußte, daß ich bei Dir Stärkung finden würde, Vetter Fritz, und sei bedankt dafür! Vielleicht suche ich Dich bald auf! Gesegnetes Neujahr für uns Beide!«
Er reichte dem treuen Verwandten nochmals die Hand.
»Und - es ist freilich eine Geringfügigkeit in dem Schicksal der Millionen, das jetzt in Deiner Hand liegt,« sagte der Prinz, »aber nimm meinen Dank für die Freundlichkeit, mit der Du so aufmerksam meine Bitte erfüllt, - ich danke Dir für die Begnadigung eines braven Soldaten; daß ich Dich daran erinnere, wird vielleicht Dein Kissen diese Nacht leichter machen.«
Der hohe Herr sah ihn fragend an - dann entsann
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er sich. »Wenn Du den Unteroffizier Krause meinst,« sagte er, »so danke ich Dir, daß Du mir dazu Gelegenheit gegeben hast. Ich habe befohlen, ihn in ein anderes Regiment zu schicken - als Feldwebel! Er mag sich's bei günstiger Gelegenheit verdienen. Gute Nacht, Fritz - meine Arbeit ist für die heutige noch nicht zu Ende!«
Der König verließ das Palais so unbemerkt, als er gekommen und betrat ebenso das seine, wo er dem ängstlich harrenden Kammerdiener Mantel und Mütze reichte und in seine Arbeitsstube ging, in welcher noch die zwei Lampen wie gewöhnlich auf den Tischen standen und auf dem einen die während des Nachmittags und Abends eingegangenen Rapporte, Telegramme, Zeitungs-Exemplare und Briefe lagen.
König Wilhelm hat sich, wie alle mit seiner Lebensweise vertrauteren Personen melden, zur strengen Regel gemacht, nicht eher die Ruhe zu suchen, bis alle den Tag über eingegangenen wichtigern Meldungen wenigstens zu seiner Kenntniß genommen oder erledigt worden sind.
Auch jetzt trat er zu dem Tische, auf dem er am Morgen wie am Abend die eingegangenen Depeschen zu finden gewohnt ist.
»Sieh da - die Ausfertigungen von Bernstorff,« sagte er, das Portefeuille vom auswärtigen Amt herbeiziehend und es mit dem Schlüssel öffnend. »Vielleicht der Bericht von Paris? - Ich dürfte morgen, oder vielmehr heute wenig Zeit dazu haben. Erledigen wir ihn also!« Er zog mehrere Papiere aus dem Portefeuille, setzte sich und las.
»Es ist, wie ich dachte, also man wünscht Reuß zu
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behalten! - Später! Er wird jetzt besser in Petersburg am Platz sein. Man darf wohl erwogene Beschlüsse nicht ändern. - Ah - hier ist die Abberufungsordre - und hier die Ernennung! - Es mögen die ersten Akte im neuen Jahr sein!« und er vollzog rasch die beiden Unterschriften mit der bekannten feinen und zierlichen Unterschrift, die ihn vor allen früheren seiner Vorgänger auf dem Thron- und Kurstuhl auszeichnet.
»Einige Worte an den Kaiser Alexander!« sagte der König - einen kurzen Brief schreibend und siegelnd. Dann nahm er ein zweites Blatt, beschrieb es und legte beide in ein Couvert, das er gleichfalls verschloß und mit seinem Privatpetschaft versiegelte.
»Es soll meine erste Regierungshandlung sein im Jahre 1862,« sagte der König leise vor sich hin. »Möge sie Preußen und meinem Hause Segen bringen. Der gute Fritze wußte wohl nicht, daß seine Ahnung sich so bald erfüllen werde!« Und nachdem er selbst die Adresse geschrieben:
Dem Preußischen Gesandten
               Herrn von Bismarck-Schönhausen
Sofort durch Kurier!                in Petersburg
legte er den Brief an die Stelle, wo der diensthabende Adjutant wichtige Sachen am Morgen zu suchen und sofort zu expediren hatte.
»Herrn von Bismarck Schönhausen!«
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Mit dem Wort hatte der König Preußens Zukunft entschieden! - der hohe Herr warf noch einen Blick zu dem Bilde seines Vaters und der unvergeßlichen Mutter hinüber nach der Wand am Schreibtisch, und ruhig, und mit sich selbst einig ging er nach seinem einfachen Schlafzimmer.
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Warschau.

Die unglückliche Patriotin, deren Anzeige in der Sitzung des pariser Central-Comité's den schändlichen Mord an ihrem Verlobten an einem der Mitschuldigen gerächt hatte und die mit aufrichtigem Bedauern ihrer von dem Oheim der so schmählich einer bloßen Verdächtigung und persönlichem Haß Geopferten ihr edelmüthig vorgeschriebenen Ehrenpflicht durch die Aushändigung jenes Dokuments an die Aebtissin gefolgt war, hatte dies erst nach wiederholtem Kampf mit sich selbst gethan, da die Familie des Grafen durch die freundliche Aufnahme, welche sie in derselben während des ganzen Winters gefunden, ihr um so lieber geworden war. Obschon sie in dem fanatischen Charakter der Gräfin wenig mildere Sympathien für ihren Herzenskummer und nur Anstachelung ihrer politischen Begeisterung gefunden hatte, der selbst ihren Entschluß, wieder nach Warschau zu gehen, bestärkte, hatte die weibliche Theilnahme ihrer jüngeren Verwandten ihr zu wohl gethan, um sich sobald dieser zu entreißen und die Herzen der beiden Mädchen hatten sich innig aneinander
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geschlossen. So war in der That der größere Theil des Winters vergangen, welcher dem Krönungseinzug in Berlin und der persönlichen Begegnung mit ihren Verwandten folgte, also der Winter 1861 zu 62, ehe sie den zuletzt direkten Mahnungen von Warschau her folgte und sich trotz aller Bitten des Grafen und seiner Tochter entschlossen hatte, das Asyl in Sulmercyen zu verlassen und sich wieder in all' den politischen Haß und Kampf der Parteien in ihrem Vaterlande durch ihre Rückkehr nach Warschau zu stürzen.
Dennoch war die ruhigere Pause auf dem bestrittenen Herrensitz des Magnaten nicht ohne Wirkung auf ihr Denken und Wesen geblieben. Wenn auch der rücksichtslose Fanatismus der Gräfin und ihrer Gesinnungsgenossen dafür gesorgt, ihr Nationalgefühl sich nicht vermindern zu lassen und mit reger Theilnahme nicht bloß den Ereignissen und Bestrebungen jenseits der Gränze selbst, sondern auch den Agitationen der national polnischen Partei in der Provinz Posen und Westpreußen zu folgen, so konnte sie sich der Erfahrung doch nicht verschließen, daß hier ein ganz anderer Geist herrschte und wenig Aussicht war, daß die preußischen Polen sich eben so offen einer bewaffneten Erhebung im Königreich wie bei früheren Gelegenheiten anschließen würden. Zwar wiederholte die Gräfin ihr täglich, daß die Agitation auch hier immer mehr Boden gewonnen habe und sah sie dieselbe durch die geheimen Bestrebungen der Geistlichkeit auch wirklich wachsen - aber im Ganzen konnte sie sich doch nicht verbergen, daß auch der national-polnische Adel nur zum
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Theil einer Erhebung wie 1848 und früher geneigt gewesen wäre, und daß die Landbevölkerung bereits zu germanisirt oder vielmehr prussisicirt war, als daß der Wunsch nach Ruhe nicht überwiegend sei. Die verständige Art und Weise, mit welcher der Graf selbst für die Vortheile der preußischen Herrschaft sprach und ohne sein Nationalgefühl als Pole zu verleugnen die preußische Regierung unterstützte, die Schwägerin und den unreifen Knaben in ihre Schranken zurückwies und jede offene Auflehnung gegen die Gesetze seinen Leuten streng verbot, der Umgang mit vielen gebildeten deutschen Nachbarn, beruhigte wenigstens ihren in dem russischen Polen fast mit der Muttermilch eingesogenen Haß auch gegen die Deutschen und ließ sie ruhiger über die Verhältnisse denken, obschon es nicht das Geringste in ihren polnischen Hoffnungen ändern konnte. Wenigstens hatten diese Anschauungen sie anders über die Neigung der Tochter des Hauses zu dem preußischen Offizier denken gelehrt und Kazimira in ihr eine Stütze ihrer wenig hoffnungsreichen Liebe statt einer offenen Feindin derselben, als welche die Tante sich bei jeder Gelegenheit zeigte, gewonnen. Der unglückliche Zufall, welcher den preußischen Soldaten damals dem jungen Fanatiker gegenüber gestellt und ihm den wohlverdienten Lohn hatte geben lassen, konnte ihr also nicht als ein berechtigter Grund zur unbedingten Trennung der beiden Herzen gelten. Schon die letzten Worte des Grafen, als er den beiden Mädchen am Abend des Einzugs in Berlin seinen Segen ertheilte, hatte auf eine gleiche Meinung hingedeutet und sobald sich das künftige Familienhaupt, der ältere Sohn
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des Grafen Czatanowski derselben Ansicht anschloß, war es eben nur noch der Unterschied der Confessionen, welcher bei einer offenen Bewerbung des Premierlieutenants von Möllhoff die junge Comteß hindern konnte, der Stimme ihres Herzens zu folgen.
Das mochte im Stillen wohl auch die Befürchtung der Gräfin sein, und sie suchte daher im Geheimen, den Aufenthalt der jungen Polin in Sulmierzyce abzukürzen, ohne ihre damit verbundenen Zwecke zu decouvriren.
Das Vermögen, welches der von dem Studenten bei der Demonstration in Warschau ermordete Graf in den Händen seines preußischen Verwandten deponirt und in seinem Testament an diesen seiner Verlobten hinterlassen hatte, reichte selbst nach der Theilung desselben mit der Propaganda in Paris zum Ersatz der damals in Warschau in die Hände der russischen Polizei gefallenen Summe noch aus, um sie wenigstens für längere Jahre vor Entbehrungen zu schützen und ihren Lebensunterhalt zu sichern. Der Graf war klug und vorsichtig genug, dies kleine Vermögen durch eine vierteljährliche Rente zu sichern, statt die freie Disposition in ihren Händen zu lassen und es so der Ausbeutung für die revolutionäre Agitation in Warschau preiszugeben, und das junge Mädchen hatte Einsicht genug, zu erkennen, welche Wichtigkeit diese Anordnung für sie haben mußte, obschon sie fest bei ihrem Entschluß blieb, mit ihrer Person der Sache ihres Vaterlandes zu dienen. Unter solchen Verhältnissen war es ihr gelungen, im Mai des Jahres 1862 die Gränze, ohne besonderen Verdacht zu erregen, wieder zu überschreiten und
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nach Warschau zu gelangen, wo sie sich als freiwillige Pflegerin in dem großem Krankenhause meldete, angebend, daß sie während ihrer Abwesenheit sich bei Verwandten im Großherzogthum aufgehalten hätte. Der Direktor der großen Anstalt erinnerte sich sehr wohl, daß die Verstümmelte unter einem gewissen Schutz des Kommissar Drosdowicz gestanden hatte, und so fand ihre Aufnahme in der gewünschten Stellung keinen Anstand, um so weniger, als sie sich bemühte, jeden Verdacht zu vermeiden und sich von den nationalen Demonstrationen ganz fern hielt, einfach der übernommenen Pflicht lebend. Selbst die Aebtissin, welche die gleiche Vorsicht beobachtete und nur dem offen betriebenen Prozeß zur Wiedererlangung der Familiengüter sich zu widmen schien, besuchte sie nur selten, ja schien sie möglichst zu vermeiden.
Der Aufenthalt der Aebtissin in Warschau blieb um so weniger beanstandet, als sie fortfuhr in den vornehmsten Kreisen beider Parteien zu verkehren, die Vorlegung des Familiendokuments aus dem Nachlaß des alten Soldaten ihr das juristische Interesse des Raths Krautowski gewonnen und ihr in den engeren Kreis seines Hauses Eintritt verschafft hatte. Selbst der am 6. Januar neu ernannte und bestätigte Erzbischof Felinski schien ihrer Angelegenheit und Person seinen Schutz zu gewähren. So genoß die Aebtissin weiter ein gewisses Vertrauen beider Theile, der Patrioten wie der Regierungskreise und die geschickte Maßnahme, daß sie fortfuhr, ihre Wohnung in dem Hôtel zu behalten, wo fast alle ihre Schritte und Besuche von der Polizei leicht zu controliren waren, beseitigte jeden Verdacht.
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Obgleich die russische Regierung offenbar bemüht war, nach der Instruktion von Petersburg jeden Conflikt mit der nationalen Partei zu vermeiden durch Maßregeln der Versöhnung und Nachsicht, die bis zur Schwäche und Nachgiebigkeit auf allen Gebieten des bürgerlichen Lebens gingen, ja immer mehr ihre Herrschaft und ihren Einfluß kompromittirten, konnte man sich doch auf keiner Seite der Ueberzeugung verschließen, daß dies nicht lange mehr fortdauern könne und es zu einem offenen Bruch kommen müsse. Warschau stand auf einem Pulverfaß, jeder Augenblick konnte die Lunte zur Explosion wieder anfachen.
Wir haben in der Unterhaltung der revolutionairen Agenten am Abend des Krönungseinzuges in Berlin die seitherigen und vorbereitenden Ereignisse in Warschau angedeutet und nur noch Weniges nachzutragen, was dort seit den Octobertagen des Jahres 1861 bis zum Frühjahr 1862 vorgekommen war.
Am 27. October waren die damaligen weltlichen und geistlichen Häupter der polnischen Bewegung verhaftet und vor ein Kriegsgericht gestellt worden; die bereits erwähnte Ernennung des Priesters Felinski zum Erzbischof durch Papst Pius IX. war auf den Wunsch der russischen Regierung geschehen und es sollte als Akt der Versöhnung mit der Kurie die Wiederherstellung der päpstlichen Nuntiatur in Petersburg folgen. Der Papst verzichtete jedoch, offenbar in Kenntniß und Voraussicht der bevorstehenden Conflicte, darauf am 28. März. General Lüders war in der That zum Statthalter in Polen ernannt worden und seine Energie hatte noch einmal den Ausbruch der
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Empörung vertagt. Graf Wielopolski als Chef der Civil-Verwaltung bemühte sich ehrlich, der übernommenen Verpflichtung der Ruhe und des Ausgleichs der Gemüther zu genügen und General Chrulew als Militär-Kommandant von Warschau hielt mit eiserner Hand den äußeren Frieden aufrecht.
Wie wenig dieser Zustand den Leitern der geheimen Agitation paßte, sollten jedoch schon die letzten Tage des Juni zeigen.
Die Aebtissin hatte das Personal ihres Hôtels an ihre täglichen Gänge am Morgen und Abend zur Beiwohnung des Gottesdienstes bald in dieser bald in jener Kirche in Gemeinschaft ihrer geistlichen Begleiterin gewöhnt und die letztere ging so offen und ungenirt aus und ein, daß die Wachsamkeit der sonst so mißtrauischen geheimen Polizei zuletzt den Wegen der beiden Frauen zu folgen unterließ.
Es war am Abend des 26. Juni, als in gleicher Weise die Aebtissin zur Vesperandacht in der Bernhardiner Kirche das Hôtel verließ, nachdem sie bereits am Nachmittag in unverdächtiger Weise in Gegenwart des Wirths angedeutet, daß sie am spätern Abend einer Einladung der Frau von Krautowska folgen und deren Gesellschaft besuchen werde. Am Nachmittag hatte sie den Besuch des Fräuleins von Marowska empfangen, deren übernommener Dienst im großen Krankenhause wie ihr eigener Wille ihr nur selten einen Besuch bei ihrer Verwandten gestatteten, und es konnte daher nicht auffallen, die drei Frauen, bei der schönen Witterung zusammen das Haus verlassen und ihren
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Weg zur Kirche nehmen zu sehen. Trotz des schönen und warmen Abends, welcher das Publikum ins Freie lockte, war die Kirche zahlreich besucht, da der Namenstag eines Heiligen besonderen Gottesdienst veranlaßte.
»Sie werden mich zur Krautowska begleiten, liebe Nichte,« sagte die Aebtissin, als sich Beide von den Knieen erhoben - »der Rath wünscht Sie zu sprechen.«
»Muß es sein?« frug das Mädchen - »Sie wissen, daß ich stets nach dem Besuch der Bernhardiner Kirche mich gern der Einsamkeit überlasse.«
»Thorheit - die Erinnerung an Ihren Verlobten muß endlich ein Ende nehmen, die Forderungen der Gegenwart haben ihre Rechte über die Todten hinaus und es erwartet Sie dort eine Person.«
»Wer?«
»Pater Hilarius! Er verlangt ausdrücklich, Sie zu sehen.«
»So ist er wieder zurückgekehrt von Krakau?« frug das Mädchen leise erschaudernd.
»Seit zwei Tagen - mit wichtigen Nachrichten, wie er mich wissen ließ.«
»Aber man wird mich vermissen im Krankenhause.«
»Es wird sich ein Grund der Entschuldigung finden. In der That liebe Wanda - die Gutgesinnten beginnen an Ihrem Eifer zu zweifeln. Seit Ihrer Rückkehr aus Sulmyerzyce haben Sie unter verschiedenen Vorwänden den Besuch der Versammlungen hinausgeschoben und selbst den Befehlen der Nationalregierung Ungehorsam gezeigt. Der russische Agent, der speciell Ihrer Pflege im Krankenhause
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anvertraut wurde, lebt immer noch und soll sich sogar auf dem Wege der Besserung befinden. Es wäre dies unmöglich, wenn Sie dem Befehl gehorcht und die Tropfen unter seine Medizin gemischt hätten.«
»Ich bin keine Giftmischerin!« sagte das Mädchen leise aber unwillig: »Man fordere mein Leben für das Vaterland, und ich werde es so willig opfern, wie ich den Arm geopfert - aber nicht durch ein niederes Verbrechen mein Seelenheil gefährden - und das Andenken Hypolyts, der die arme Wanda Marowska noch seines Namens würdig hielt, soll durch mich nicht befleckt werden.«
»Eben deshalb sprechen Sie mit Pater Hilarius; die Kirche allein ist unfehlbar in ihrem Urtheil und kann Alles vergeben, nur nicht Ungehorsam und Abtrünnigkeit. Aber was reden Sie von Vergiftung, wer hat diese Ihnen zugemuthet? Nur die Genesung des russischen Spions wollte man verhindern und verzögern, damit er einer der thätigsten und gefährlichsten Helfershelfer unseres Todfeindes Drosdowicz, dieses Hauptwerkzeugs der russischen Polizei grade in dieser gefährlichen Zeit der Sache der Nation nicht schaden möge. Wenn man nicht wüßte, wie viel Polen Ihnen verdankt, wie Sie Ihren Patriotismus noch durch die Entlarvung des Verräthers Asnik und seine offene Anklage vor dem Nationalcomitk in Paris bewiesen, hätte man irre an Ihrem Eifer werden können.«
»Eben deshalb,« sagte leise das Mädchen, »setzen Sie ihn nicht unnütz auf die Probe.«
Die Aebtissin warf dem Mädchen einen falschen Blick zu, aber sie kannte zu genau und vollkommen die
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Aufrichtigkeit ihres politischen Fanatismus, um an die Möglichkeit einer Abtrünnigkeit auch nur zu denken und es lag zu sehr in ihrem Interesse, das Mädchen nicht mißtrauisch zu machen, um weiter auf ihrer jesuitischen Moral zu bestehen. »Es wird Sache der Kirche und des Beichtstuhls sein, liebe Wanda,« sagte sie, »Ihre Scrupel zu lösen. Vielleicht thut es schon die nächste Stunde. Was man für das Recht und den Sieg der heiligen Kirche und Polens thut, kann keine Sünde vor Gott sein, das bedenken Sie; wir haben kein Recht, an den Lehren frommer Männer zu zweifeln. - Doch hier sind wir am Hause des Geheimeraths, lassen Sie uns eintreten.«
Die Pflegerin sah sich um. - »Unsere Begleiterin hat uns verlassen!«
»Ich gab ihr schon vor der Kirche Urlaub - zu der Räthin hätte sie uns ohnehin nicht folgen können - ich bringe Sie selbst zu Wagen bis vor das Spital - wenn wir spät die Gesellschaft verlassen müßten.« -
In dem Salon der Räthin waren außer dem Bernhardiner Pater nur Damen versammelt. Eine der jugendlichen Töchter hatte die Eintretenden im Vorzimmer empfangen und schien bereits dort auf sie gewartet zu haben.
»Gut daß sie endlich da sind, Hochwürdigste,« sagte die Räthin, »und in solcher Gesellschaft. Haben Sie Fräulein Marowska bereits in Kenntniß gesetzt, um was es sich bei unserer Zusammenkunft handelt?«
»Das gute Kind,« meinte jene mit einem spöttischen Lächeln an den Priester, »fühlt noch immer Scrupel und
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glaubte es vor ihrem Gewissen nicht verantworten zu können, dem Schurken Mardiewicz eine andere Medizin mischen zu dürfen, als ihm von dem Arzt des Hauses verordnet war. Es kostete fast Mühe, sie zu überreden, mich hierher zu begleiten. Sie behauptet ihr Seelenheil nicht gefährden zu dürfen mit einer Todsünde, wie die Vernichtung eines russischen Spions gewesen wäre. Als ob es eine Sünde wäre, ein Gewürm zu zertreten, das uns bedroht.«
Der Priester winkte ihr zu: »Ich ehre und achte die Bedenken des Fräulein von Marowska,« sagte er gleißend, »aber sie vergißt, welche Macht die Kirche zur Vergebung jeder Sünde hat. Wenn diese zu ihrem Zwecke befiehlt, Seele und Leib zu opfern, obschon das Erstere eben nur scheinbar geschieht, würden wir gehorchen müssen. Der wahre Glauben scheint unserer jungen Freundin noch nicht gekommen, sonst könnte sie nicht gezögert haben. - Zum Glück hat unsere Sorge ihr Gelegenheit geboten, ihren Gehorsam und Patriotismus nächstens in würdigerer Weise zu bekunden, und ich hoffe bis dahin, ihre unbegründeten Bedenken vollständig zu zerstreuen.«
Das Mädchen sah ihn erschrocken und erstaunt an.
»Wie meinen Euer Hochwürden dies?«
»Sie wissen, daß die Krankenpflegerinnen des Spitals die Erlaubniß und Pflicht haben, auch außerhalb der wohlthätigen Anstalt ihr so segensvolles Amt auf den Wunsch der betroffenen Familie üben zu dürfen.«
»Aber ich habe dies Amt nicht - diese Krankenpflege ist andern Frauen übertragen.«
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»Der Direktor hat in Anerkenntniß Ihres Eifers und des guten Zeugnisses, das Ihnen der Oberarzt des Hauses ertheilt, die Erlaubniß zur Ausübung dieses Amtes auf Sie ausgedehnt. Sie werden diese ehrende und wichtige Bestimmung bereits bei Ihrer Rückkehr vorfinden. Es ist ein hohes Vertrauen, das man ihnen beweist und das Sie hoffentlich zu würdigen wissen werden. Um Sie darauf vorzubereiten, wünschte ich Sie zu sprechen.«
Die junge Polin schien von diesem Vertrauen gerade nicht besonders erbaut, aber sie begnügte sich, ein Zeichen der Zustimmung zu geben. »Ich kenne die Pflicht der Aufgabe, die ich übernommen,« sagte sie, »und gedenke treu meine Pflichten gegen Gott und meine leidenden Mitmenschen zu erfüllen.«
»Und gegen Polen!«
Ihre Lippen bebten, der Blick, den sie auf den Priester heftete, war ein ernster, bedeutungsvoller.
»Ich bin eine Polin, hochwürdiger Herr,« sagte sie feierlich, »zweifeln Sie niemals daran.«
»Ich habe es nie gethan und freue mich, die Bestätigung meiner guten Meinung nochmals aus Ihrem Munde zu erhalten. Ich bin überzeugt, daß die Frauen Polens dem Enthusiasmus der Männer für die heilige Sache des Vaterlandes Nichts nachgeben.«
»Mein Blut, meine Seele, mein theuerstes Gut, das ich habe, meine Kinder, würde ich keinen Augenblick anstehen, auf dem heiligen Altar des Vaterlandes zu opfern,« rief die Räthin.
»Ich kenne Sie dafür, gnädige Frau, und deshalb
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sucht die Sache der Freiheit ihre beste Stütze in dem Patriotismus der Töchter Polens. Ohne sie wäre unsre Sache eine verlorene, eine hoffnungslose. Doch wir müssen die Zeit nützen, denn der Argwohn unserer Tyrannen gönnt uns nur selten den Trost einer unbeargwohnten Berathung für die Interessen des Vaterlandes. Selbst die Augenblicke dieser Zusammenkunft unter Ihrem Schutz, gnädige Frau, sind gezählt und müssen mit Vorsicht benutzt werden, um nicht Verdacht zu erregen.«
»Wir sind sicher hier,« erklärte die Räthin, »mein Mann wohnt in diesem Augenblick der Sitzung des Geheimen Raths bei, meine Dienerschaft ist treu und zuverlässig, meine eigenen Töchter sichern uns vor jedem unwillkommenen Besuch. Nur geschworne Patriotinnen und treue Anhängerinnen der Sache Polens sind hier versammelt. Sprechen Sie ungescheut hochwürdiger Herr, welche Nachrichten bringen Sie von Krakau? Was hat die Natioalregierung beschlossen? was ist unsere Aufgabe?«
»Die Zeit drängt immer mehr, die Gefahr wächst mit jedem Tage,« erklärte der Priester. »Sind Ihnen bereits die neuesten Beschlüsse des Kaisers bekannt?«
»Was meinen Sie, die neuen Vollmachten an Lüders und den Verräther Wielopolski?«
»Ich meine Wichtigeres. Die Ernennung eines neuen Vicekönigs von Polen?«
»Eines Vicekönigs - und wer?«
»Der Großfürst Constantin, er soll bereits im nächsten Monat sein Hoflager nach Warschau verlegen!«
»Aber die Großfürstin befindet sich im letzten Monat
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ihrer Schwangerschaft!« bemerkte eine der Damen. »Sie wird Petersburg in diesen Umständen nicht verlassen wollen, oder vielmehr Zarskoje Selo - denn Petersburg selbst scheint bei der Thätigkeit unserer dortigen Freunde bereits ein gefährlicher Aufenthalt.«
»Sie ist eine Deutsche und soll einen entschlossenen Charakter haben, wie ihre Schwester, die Königin von Hannover, die ebenfalls mehr König ist, als ihr Gemahl, wenigstens den bedeutensten Einfluß auf diesen übt. Die Wiedererneuerung des Vicekönigthums ist offenbar nur ein Vorwand, um die russischen Truppen in Polen zu verstärken. - Die Lektion, die sein Namensvetter bei unserer großen Revolution von 1830 empfing, scheint bereits vergessen zu sem.«
»So muß sie erneuert werden,« sagte energisch eine der Frauen - eine große stattliche Gestalt von etwa 45 Jahren. »Das National-Comité versprach uns den Schlag gegen Lüders. Wie weit sind die Vorbereitungen getroffen? - Wenn keiner der Männer den Muth zur That hat, werden ihn die Frauen haben - ich selbst erbiete mich zur Ausführung.«
»Das Opfer ist unnöthig - der russische Statthalter wird morgen früh auf der Brunnenpromenade im sächsischen Garten den verdienten Lohn seiner Tyrannei erhalten.«
»Endlich! Eine solche That wird hoffentlich dem neuen Vicekönig zeigen, was er hier zu erwarten hat, und ihn unsern Gränzen fern halten. Ich will Sie nicht fragen, wer und wie die That erfolgen soll, - aber sagen Sie ungescheut, was können wir dabei thun, wie Beistand leisten?«
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»Vorsichtigstes Schweigen zunächst, - das Comité der schwarzen Brüderschaft wünscht nur, daß der Besuch des Brunnengartens durch die vornehme Gesellschaft morgen ein möglichst zahlreicher sei. Je größer das Publikum und das Gedränge am Ort, desto günstiger sind die Chancen für die Sicherheit des sich dem Vaterland Opfernden.«
»Und wo soll es geschehen?«
»Halten Sie sich in der Nähe des Caffeehauses und des eisernen Thors. Einem entschlossenen Mann kann es nicht schwer werden, in dem unerwarteten Schrecken und dem Gedränge selbst für seine persönliche Sicherheit Sorge zu tragen. Doch ist es wünschenswerth, daß im Publikum sich keine zu verdächtigende Persönlichkeit der nationalen Partei, kein hervorragender Patriot befindet. Man darf nicht entfernt Veranlassung haben, die That uns in die Schuhe zu schieben, der Verdacht muß sich klar und bestimmt nach einer andern Richtung wenden können.«
»Aber nach welcher?«
»Auf das russische Militair selbst!«
»Aber wie wäre das möglich? Der Gedanke ist allerdings vortrefflich.«
»Sie scheinen das Urtheil des Kriegsgerichts in Modlin vergessen zu haben.«
»Ah, - jetzt begreife ich.«
»Aber« sagte die Räthin, »das Urtheil bedarf so viel ich weiß noch der kaiserlichen Bestätigung.«
»Es ist heute Morgen an allen Delinquenten vollstreckt worden,« erwiederte der Priester kalt.
»Ich muß Sie bitten, die Sache noch einmal uns
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kurz zu recapituliren; da es sich nicht um Polen, sondern nur um Schergen der russischen Tyrannei handelte, habe ich mich weniger darum bekümmert, obschon die Sache großes Aufsehen in der Armee gemacht haben und die Meinung über den Ausgang getheilt gewesen sein soll; ich erinnere mich nur, daß ich den Fürsten Barinsky und Herrn von Atschikoff neulich in der Soirée des Markgrafen darüber streiten hörte. Und vielleicht geht es anderen unserer Freundinnen wie uns. Ich weiß nur, daß es sich um ein Disciplinarvergehen gegen unseren Feind, den General Chrulew handelte. Aber dann pflegen unsere Tyrannen gewöhnlich die Schuldigen nach dem Kaukasus zu schicken, wo so viele unserer Angehörigen schmachten.«
»Bitte, hochwürdiger Herr, erzählen Sie!«
Die Frauennatur verleugnete sich selbst in diesem Kreise nicht.
»Die Sache liegt tiefer, als in einem bloßen Disciplinarvergehen,« berichtete der Priester »und ich bitte Sie, genau auf diese wichtige Chance für unser Vaterland, den Geist zu achten, der sich auch in der russischen Armee zeigt und dessen Förderung und Verbreitung wir mit allen Mitteln zu vermehren haben. Sie kennen den heftigen und rohen Charakter Chrulew's.«
»Der Barbar! Er benimmt sich oft wie ein Troßbube, selbst gegen Damen.«
»Der General hatte vor Kurzem das untergebene Offizierkorps seiner Division zu sich berufen und wie die Schulbuben über die Sympathien ausgescholten, die wie wir wissen, sich offen unter ihm für die Sache Polens
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zeigen. Er soll sie sogar duraki (Einfaltspinsel) genannt haben, was ihm wohl zuzutrauen ist.«
»Als ob sie etwas Anderes wären?«
»Diesmal aber war die Beleidigung auch für die Knechtsseelen russischer Schergen zu stark - oder die Verhöhnung aller anständigen Leute, wo sie sich blicken ließen, zu öffentlich und begründet. Kurz sie haben wirklich den Muth gefaßt, sich über die angethane Schmach zu beschweren und eine Deputation, bestehend aus zwei Offizieren, zwei Unteroffizieren und zwei Gemeinen zu wählen, die nach langem Zögern sich zu Chrulew begab, wie sie sagen, um Widerruf und Ehrenerklärung zu verlangen, wie Andere behaupten, um den General direkt zu fordern. Gewiß ist nur, daß der Tyrann die ganze Deputation verhaften ließ und sie wegen Insubordination vor ein Kriegsgericht stellte. Dasselbe hat sie zum Tode verurtheilt, indeß ist in den Verhandlungen doch so Viel zur Sprache gekommen, daß es der Kaiser vorzog, nicht selbst das Urtheil zu bestätigen, sondern es Lüders als dem Kommandirenden der Ersten Armee überließ. Da dieser selbst nicht viel Lust dazu zu haben schien, haben wir dafür gesorgt, daß er durch verschiedene anonyme Drohbriefe, die ihm bei einer Vollstreckung mit dem Tode drohten, in seiner Ehre gekränkt wurde. Heute Morgen ist wie gesagt, das Urtheil in der Citadelle vollstreckt worden.
»Er hat also gewagt, es dennoch zu bestätigen? - Wer war es, der dem Gericht präsidirte und das Urtheil fällte?«
»Oberst Miaskowski. Wir leben unter'm Kriegszustand, das vergessen Sie nicht.«
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»Wir werden uns des Namens erinnern.5 Kennen Sie die Namen der Opfer?«
»Es sind unbedeutende Personen - durch das Loos gewählt, keine Polen darunter. Dagegen sind zwei der Unseren unter den Offizieren, die nach dem Urtheil des Kriegsgerichts wegen Verbreitung der in Heidelberg gedruckten Herzen'schen Aufrufe in den Kasernen morgen erschossen werden sollen. Wir müssen Mittel finden, unsere Druckereien zu erweitern, die Nihilisten in Petersburg sind darin weiter wie wir - und ihre Sprache übertrifft die unsere; der Plan, das Volk durch Erhöhung der materiellen Noth aufzuregen, indem die Krämer und kleinen Händler mit seinen dringendsten Bedürfnissen ihres Obdachs und ihrer Vorräthe durch das Feuer beraubt werden, wie diese Instruktion Herzens hier anräth, war sehr geschickt. Es sind in Petersburg allein im vorigen Monat über zehntausend Personen durch die Brandstiftungen der Nihilisten ihres Obdachs beraubt worden. Das System muß von der Nationalregierung auch bei uns eingeführt werden.«
»Nicht, so lange wir andere Mittel haben - das Blut ist billiger und trifft nur die Schuldigen,« erklärte die Räthin. »Ich muß offen gestehen, ich wünsche nicht, daß der Haß des Pöbels sich gegen uns kehrt - ich bin keine Anhängerin der Lehren der Socialdemokratie und der Phantasien des Herrn Bakunin von einer großen panslavistischen Republik. Das niedere Volk darf nur das Mittel
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für den Adel und die Kirche sein, ihre Zwecke: die Wiederaufrichtung Polens zu erreichen durch die Vertreibung unserer Tyrannen. Ueberdies - was haben die Brandstiftungen in Warschau erzielt? Das gemeine Volk in die Hände der Regierung getrieben, als der Kaiser und die Kaiserin endlich den Muth gewannen, die Gefahr nicht länger zu scheuen und sich selbst auf die Brandstätten und auf die Lagerplätze der Obdachlosen zu begeben und für sie zu sorgen? - Das System taugte Nichts und hat nur materiell geschädigt, Kirche und Adel dürfen ihre Rechte und ihre Macht nicht durch eine Herrschaft des Pöbels gefährdet sehen.«
Der Pater tauschte einen raschen Blick mit der Aebtissin und lenkte geschickt ein, die Aebtissin hatte sich bisher fast schweigend verhalten.
»Der heilige Vater weiß es, gnädige Frau, daß der polnische Adel treu zur Kirche hält, deshalb unterstützt er auch die Sache der polnischen Nationalität gegen ihre Unterdrücker. Der Empfang des posener Erzbischof von Przyluski in Rom als Primas von Polen beweist dies und wird auch im Großherzogthum und den andern preußischen Landestheilen von großer Wirkung sein. Ich hoffe, daß der polnische Adel es niemals vergessen wird, daß er ohne die Stütze der Kirche keine Aussicht gegen Rußland und Preußen hätte.«
»So möge man die Wiederherstellung Polens offen als Forderung der katholischen Kirche proklamiren, so gut wie die weltliche Herrschaft des Papstes in Italien.«
»Schon die Andeutung einer solchen Forderung durch
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Kardinal Antonelli hat die Anerkennung des italienischen Königthums durch Preußen und Rußland zur Folge gehabt, - soll sie auch den Schutz Oesterreichs dem heiligen Stuhl noch entziehen? Sie kennen die Zahl seiner Gegner. Nur im letzten Augenblick, wenn andere Mittel nicht helfen, darf die Kirche drohen, sich mit der Revolution zu verbünden. Bis dahin brauchen wir die Regierungen und ist der Nimbus eines Märtyrerthums der Kirche von größerer Macht, als selbst ein offener Religionskrieg. Unsere Gegner sind bei dem wachsenden Unglauben der Zeit schlau genug, einen solchen nicht zu fürchten. Die Weisheit der Kirche fordert deshalb blinden Gehorsam und Selbstverleugnung.«
»So muß es bei dem Entschluß des National-Comité's bleiben, einstweilen jede Maßregel der Tyrannen nur mit einer persönlichen Rache zu vergelten und dadurch ihre Energie zu lahmen. Wir sind zu jeder persönlichen Aufopferung bereit. Wenn es an Männern fehlt - werden Knaben und Frauen bereit sein.«
»Die Kirche verlangt wie gesagt nur Gehorsam, noch bedarf es Ihres persönlichen Opfers nicht, obschon der Augenblick kommen kann. Darf ich Sie fragen, wie es mit dem Prozeß unserer Freundin der Frau Aebtissin steht? Man verlangt in Rom Näheres darüber zu wissen.«
»Ich liege täglich meinem Mann deswegen in den Ohren, aber er behauptet, daß die preußischen Gerichte in Folge eines Gutachtens der Advokaten des Grafen Czatanowski Schwierigkeiten machen, der Gegner stützt seine Ablehnung des Anspruchs auf ein zweifelhaftes Datum jenes
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beigebrachten Dokuments, das uns die liebe Marowska übergab, und mein Mann räth selbst zu einem Vergleich in Folge der angeregten Zweifel der Zeitgültigkeit.«
»So müßte der Graf das Original in Händen gehabt haben?« frug die Aebtissin mit einem bösen Blick auf das Mädchen.
»Graf Czatanowski,« sagte dieses, »hat mit meiner Einwilligung eine beglaubigte Abschrift des von meinem Bräutigam mir vererbten Dokuments genommen. Es war meine Pflicht, ihm diese nicht zu weigern, wie er selbst es für meine Pflicht erklärte, das Dokument in die Hand der Frau Aebtissin niederzulegen.«
»Davon sagten Sie mir bisher Nichts,« bemerkte diese mit einer gewissen Heftigkeit. »Also hat Graf Czatanowski eher den Schuldschein in den Händen gehabt, als ich?«
»Der Graf ist ein Ehrenmann, - ich zeigte ihm das Papier bei meinem Zusammentressen im Oktober mit ihm in Berlin, und bat um seinen Rath, welchen Gebrauch ich davon machen müsse?«
»Und er hat diesen Verwandtschaftsdienst klug genug benutzt. Warum sagten Sie mir dies nicht eher - es kann meiner Sache, oder vielmehr den Interessen der Kirche, denn als Klosterfrau habe ich keine persönlichen Güter, unendlichen Schaden bringen!«
»Ich that nur meinem Gewissen genüge,« erwiederte die Marowska.
»Sie handelten nicht weise, mein Kind,« erklärte der Pater - »in zweifelhaften Fällen ist es immer die Kirche, bei welcher man sich Rath holen soll. Hätten Sie dies
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gethan, hätten Sie eine Pflicht gegen Ihre würdige Tante erfüllt, die Ihnen naher stand, als jene Familie, die Sie zum ersten Mal sahen. Wir sind unzufrieden mit Ihnen.«
Die Krankenpflegerin verneigte sich bescheiden, aber es lag in ihrer Haltung doch ein gewisser Stolz und Trotz. »Wenn ich gefehlt,« sagte sie ernst, »werde ich die Folgen meines Fehlers tragen, doch nie vergessen, daß ich die Verlobte eines braven Mannes und wahren Patrioten war. Graf Hypolit Oginski, mein edler Freund, starb den Opfertod für das Vaterland!«
Eine ältere Dame, die mit einer jüngeren, ihrer Tochter, in dem Kreise voll reger Aufmerksamkeit gesessen, erhob sich und reichte dem jungen Mädchen die Hand: [»]Ich begreife Ihre Gefühle, Fräulein von Marowska,« sagte sie, »und billige sie. Ich kenne den Grafen Czatanowski als einen Ehrenmann, wenn er auch zu den lauen Patrioten gehört, wie ich Ihren Verlobten als Knaben gekannt habe und jeden Zweifel an seiner echten Vaterlandsliebe hätte zurückweisen müssen. Ich denke an der Gesinnung der Gräfin Dembinska wird Niemand zweifeln und meine Töchter werden es sich zur Ehre schätzen, wenn Sie dieselben Ihres nähern Umgangs würdigen, so lange und so oft wir in Warschau verweilen.«
Die junge Dame war an die Seite ihrer Mutter getreten. Sie sah etwas bleich und angegriffen aus, als litte sie noch an den Nachwehen einer schweren Krankheit. »Ich bitte Sie um die Erlaubniß, Sie in dem Krankenhause besuchen zu dürfen, ich wünschte sehr, Ihren schweren Beruf theilen zu können. Ich kannte Hypolit als Knaben,
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das Gut seines Vaters gränzte an das unsere und er war unser Spielgefährte und Schützer, ehe die Verbannung ihn traf.« Sie wagte es nicht, in diesem Kreise zu sagen, daß sie ihn noch einmal wiedergesehen, in der schwersten Stunde ihres Lebens, damals auf dem Rückweg von dem Schalter des Findelhauses, als ihre Kraft sie verließ und sie den edelmüthigen Beistand des Genossen ihrer Jugend fand, aber sie war glücklich, auf diese Erlaubniß hin, das Krankenhaus besuchen zu dürfen und dort vielleicht Gelegenheit zu erhalten, in der damit verbundenen Anstalt das weitere Geschick des kleinen Wesens zu überwachen, über dessen Ergehen ihre strenge Schwester ihr jede Auskunft bisher verweigert hatte und an das sie Tag und Nacht dachte.
Sowohl der Geistliche als die Aebtissin hatten begriffen, daß jeder weitere Angriff auf die Marowska ihnen selbst nur schaden könne und der erstere begnügte sich, ihr zu sagen, daß das Interesse, welches eine so wohl bekannte Patriotin, wie die Gräfin Dembinska ihr eben bewiesen, ihr ein neuer Sporn sein müsse, der Sache Polens alle Kräfte zu widmen und er behalte sich vor, über Fragen des Gewissens sie bei der nächsten Beichte zu belehren, zeigte sich auch nicht empfindlich, als die Marowska durch die Theilnahme, welche sie gefunden ermuthigt, erklärte, ihr Beichtiger sei derselbe Geistliche, welcher damals ihrem verstorbenen Verlobten die Sterbesacramente gereicht habe.
»Ich erwarte die Nachricht unseres Freundes Chmelenski,« erklärte der Pater, »ob es dem National-Comité gelungen ist, für einen Patrioten zu sorgen, der bereit ist,
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morgen den Befehl zu vollziehen, da Oberst Dombrowski verlangt, daß nicht länger gezaudert werde. Er will verschiedene Anzeichen haben, daß er nicht mehr das ganze Vertrauen des Generals besitzt und dieser damit umgeht, ihn zu entfernen.«
»Das wäre allerdings schlimm - der zweite Adjutant, Kapitain Atschikoff ist ein starrer Russe. Er hat ja wohl Eingang bei Ihnen gesucht, gnädige Frau?«
Diese Frage war an die Dame des Hauses gerichtet.
»Fürst Barinski hatte Gelegenheit genommen, ihn mir zur Zeit Gortschakoffs vorzustellen, damals im Februar vorigen Jahres, aber da er wenig Sympathisches für uns hatte, begnügte ich mich, ihn zu empfangen und lud ihn nicht ein, seinen Besuch zu wiederholen. Er soll ein frecher Wüstling sein und ich habe die Ehre meine Töchter zu wahren.«
»Eben deshalb - möchte ich Sie bitten, ihm Zutritt zu gewähren. Bei der Gefahr mit Dombrowski dürfen wir uns nicht alle Wege auf ihn abschneiden. Der bisherige Weg in sein Bureau ist uns versperrt. Selbst Graf Zamoyski empfängt ihn.«
»Ich werde meinem Mann aufgeben, die Verbindung zu erneuern. Er mag ihn zu unserer nächsten Soirée einladen.«
»Auch die Fürsten Barinsky und Ilinski - wenn der Letztere den Großfürsten begleiten sollte. Man spricht davon, daß er wieder in activen Dienst getreten ist. Es war wohl nur eine Laune, daß er mit Gortschakoffs Tod seinen Abschied forderte und sich auf seine Güter zurückziehen wollte.«
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»Er war während eines Jahres in Paris,« bemerkte die Gräfin Dembinska. »Was ist Dir, Josefa - bist Du unwohl? Die Folgen ihrer langen Krankheit machen sich noch immer bemerklich. Sie hätte in der That einer Badekur in Deutschland bedurft, - aber Sie wissen, unter welchen nichtigen Vorwänden das Mißtrauen unserer Tyrannen uns die Pässe in's Ausland erschwert.«
Die junge Comteß war in der That in ihrem Stuhl zurückgesunken, die Marowska hatte sich mit ihr beschäftigt und sie mit einem flüchtigen Salz wieder aus der leichten Ohnmacht zum Bewußtsein zurückgerufen; dankend preßte sie die Hand der Pflegerin, ohne zu bemerken, daß die Augen der Aebtissin forschend auf ihr ruhten.
»Bitte - es ist bereits vorüber, ein augenblicklicher Schwindel, dem ich seit meiner Krankheit zuweilen unterliege, er geht zum Glück rasch vorüber, und kommt nur noch selten. Dank für Ihren Beistand! Sie erlauben doch, daß ich Sie in den nächsten Tagen aufsuche?«
Der Zufall der jungen Comteß schien in der That ihrer Mutter wenig Besorgniß eingeflößt zu haben und ihr ganzes Interesse sich nur in den politischen Angelegenheiten und in der Verschwörung gegen die russische Regierung zu concentriren. Die Gräfin hatte ihre nächsten Besitzungen auf dem rechten Ufer der Weichsel in der Enclave, welche die Dluga mit dieser und dem Pruth bildet und die in dem ziemlich unwirthlichen Terrain zwischen den waldigen und sumpfigen Höhenzügen liegt, welche die drei Flüsse begleiten. Die Lage und spärliche Bevölkerung machten diese Gegend für die Agitation wichtig, da
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sie zugleich die Eisenbahn von Petersburg und Krakau in kurzer Zeit zu erreichen erlaubte, die Verbindung mit Modlin, diesem damals stärksten militairischen Halt der russischen Herrschaft gewissermaßen beherrschte und eine rasche Flucht nach den verschiedenen Richtungen zu Wasser und zu Lande gestattete. Ihr Haus in der Stadt unfern des sächsischen Platzes wurde von ihr häufig bewohnt, aber klüglich von jeder Benutzung, die Mißtrauen erregen konnte, freigehalten. Die Gräfin galt daher dem nationalen Komité für eine wichtige Persönlichkeit und ihr leidenschaftlicher Patriotismus hatte sie an die Spitze der geheimen Frauen-Comité's gestellt, so daß ihr Wenig von den Plänen und Absichten der Verschworenen verborgen blieb.
Wir haben bei einer früheren Gelegenheit bereits erwähnt, daß ihre jüngere Tochter Lodoiska, die sich der Kirche gewidmet, die fanatische Gesinnung der Mutter theilte und nur ihre fast kindliche Liebe und Sorge für die ältere Schwester derselben die Verheimlichung des Fehltritts ermöglicht hatte. Zwei Söhne der Gräfin bewohnten, bereits selbstständig, ihre Güter im Radoms'schen Kreise und in der Gegend von Sandomierz an der oberen Weichsel. Man wollte in der Warschauer Gesellschaft wissen, daß ihre Verlobung mit den Zwillingsschwestern des Hauses eine bereits beschlossene Sache sei, bei welcher jedenfalls die Befreundung der beiden Mütter den Ausschlag gegeben, da der Rath Krautowski keineswegs zu der enragirten Partei gehörte und auch nur mäßig begütert war. Der Gemahl der Gräfin war bejahrt, von einem Schlagfluß
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gelähmt und stand vollständig unter dem Einfluß seiner Gemahlin.
»Gedenken Sie hochwürdiger Herr,« frug die Hausfrau, »noch während unseres Verweilens hier eine bestimmte Nachricht über die Beschlüsse der Nationalregierung zu erhalten?«
»Gewiß - es wird auf die unverdächtigste Weise geschehen - ich erwarte sie jeden Augenblick. Lassen Sie uns aber deshalb unsere Zeit nicht unbenutzt lassen. Der Tod des General-Gouverneurs wird eine neue Verschärfung des Kriegszustands zur Folge haben. Sind die Listen der Zehner auch in Warschau gesichert?«
Die Räthin lächelte hochmüthig. »Sie sahen sie selbst, als Sie hierher kamen!«
»Wieso?«
»Je die vierte Wärterbude der Krakauer Bahn ist von Grodzisk aus von vertrauten Leuten besetzt. Sie wissen freilich nicht, was sie bewachen, aber es wäre zu gefährlich, die Verzeichnisse in Warschau selbst zu verwahren. So kann im Fall eines zufälligen Unglücks oder Verraths immer nur eine Kreisorganisation gefunden werden und die Warnung würde sich auf der Eisenbahn selbst mit telegraphischer Eile verbreiten. Jeden Zug begleitet bereits ein Eingeweihter. Die Signale der Erkennung sind verabredet. Die Erhebungslisten gehen auf der Südbahn mit den Frachtscheinen selbst.«
»Und die Verbreitung im platten Lande, auf den Gütern?«
»Sie ist die Erfindung der Frau Gräfin. Das
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System den[der] Steuerlisten der Regierung mit der Abschätzung der jüdischen Taxatoren hat sich trefflich bewährt! Bis jetzt mit Ausnahme von sieben Fällen ist überall williger Gehorsam geleistet.«
»Und in diesen Fällen?«
»Ist die angedrohte Strafe sofort vollzogen worden!«
»Aber in den Städten?«
»Die Hausbesitzer sind die besten Steuererheber!«
»Das Resultat?«
»Bis jetzt in fünf Bezirken nach Abzug des Decem für die Erheber und gleichen Betrages für die Kirchen und Klöster 545,000 Gulden.«
»Das ist wenig genug, noch nicht ein[e] halbe Million Franken - wenn uns nicht englisches oder französisches Gold zu Hilfe kommt, werden wir es kaum wagen können, die neuen Waffenbestellungen zu machen.«
»Wir rechnen auf die Geldsteuer aus dem Großherzogthum. Die Bauern werden schwierig - der Schlag der Aufhebung der Leibeigenschaft in Rußland macht sie trotzig, Es wäre die Sache der Kirche die Gemüther zu schärfen. Aber offen gesprochen, sie braucht zu viel für sich selbst.«
»Und doch ist es nur ein kleiner Theil, den man ihr widmet. Die freiwillige Steuer des Peterspfennigs reicht kaum hin, die Pensionen des Vatikans zu bezahlen.«
»So möge man sie einschränken. Mit dem Decem, den die Geistlichkeit von der Nationalsteuer fordert, würde man die große Ausgabe für die Kundschafter in Warschau bezahlen können.«
»Sie sind uns gerade am Sitz der Regierung
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unentbehrlich. Erinnern Sie sich, daß unsere Feinde jede Nachricht mit Gold aufwiegen müssen, während die Unseren aus Patriotismus Kundschafterdienste leisten. Aber dort kommt die Nachricht.«
»Wo - wo?«
Der Pater lächelte. »Hörten Sie nicht?«
»Was meinen Euer Hochwürden?«
»Bitte, trete Eine der Damen an das Fenster. Wen sehen Sie dort unten?«
Die Räthin war selbst an das Fenster geeilt. »Nichts als einen der gewöhnlichen Leierkästner - einen Invaliden, von einem Kinde, einem Mädchen begleitet.«
»Und das Lied, das sie eben sang?«
»Einer der gewöhnlichsten Gassenhauer, nicht einmal einer der von der Polizei verbotenen. Euer Hochwürden kennen ihn nicht.«
»Ich bitte Sie, suchen Sie die Worte, die das Mädchen singt, zu verstehen.«
»So viel ich höre, lauten sie,« und sie wiederholte eine Zeile aus einem bekannten polnischen Volkslied: »Der Jäger ist fertig und er wartet auf das Wild.«
»Das ist das Zeichen. Halten Sie sich bereit, morgen früh in dem Sächsischen Garten zu sein, meine Freundinnen - ich denke, um diese Zeit morgen werden wir die Hierherkunft des Großfürsten kaum noch zu besorgen haben«
Man hatte ihn von allen Seiten umringt. »Ist der richtige Mann gefunden, der sein Leben der Sache der Nation weihen will? wer ist es?«
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»Ich kenne den Namen nicht - jedenfalls wird es nicht an dem rechten Manne fehlen. Doch wird es gut sein, wenn wir unsere heutige Versammlung nicht länger dauern lassen. Es wird besser sein, uns zu trennen. Die hochwürdige Aebtissin mag Fräulein von Marowska bis zum Spitalplatz mit mir begleiten.«
Es schien, dem jungen Mädchen war wenig an dieser Begleitung gelegen, doch ließ sie sich nicht ablehnen, ohne aufzufallen und Verdacht zu erregen, bereits hatte auch die Aebtissin ihre Zustimmung ausgesprochen und auf ihre Einladung folgte Wanda ihr zu dem harrenden Fiakre, wo sie auf dem Rücksitz Platz nahm, während der Pater sich neben die Aebtissin setzte. Der Kutscher - die warschauer Fiakres fahren gleich den Wienern sehr rasch - hatte den Wagen kaum in Bewegung gesetzt, als die Aebtissin sich zu dem Mädchen wandte. »Ich hätte in der That gewünscht, mein Kind, daß Sie den Umstand, den ich heute durch Zufall erfahren mußte, mir früher bereits mitgetheilt hätten, denn ich kann unmöglich annehmen, daß Sie absichtlich mein oder vielmehr der heiligen Kirche Interesse schädigen wollten. Es ist die Sache Polens, für die jenes Vermögen bestimmt ist. Wenn Graf Czatanowski keine Kenntniß von jener Urkuunde gehabt hätte, wäre es leicht möglich gewesen, mit einer kleinen Aenderung des Datums jeden Zweifel über die Berechtigung unseres Anspruchs zu vermeiden. Ich fürchte, daß er sich auf die Verjährung und den versäumten Rückkauf stützen wird. Hat er in dieser Hinsicht Ihnen Andeutungen gemacht? Ich verlange jetzt ein rückhaltsloses Geständniß, Ihre
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Unvorsichtigkeit hat uns, wie ich Ihnen andeutete, bereits Schaden genug gebracht.«
»Zweifeln Sie an meinem Recht, meinen Verwandten das Dokument vorzulegen?« fragte die junge Polin stolz.
»Ich will dies Recht nicht gerade bestreiten, aber ich wiederhole Ihnen, es war unvorsichtig - es zu thun, ich habe Ihnen bereits gesagt, wie leicht sich jeder Einwand hätte vermeiden lassen. Sie wissen recht gut, daß das hundertjährige Recht des Rückkaufs gerade mit dem vorigen Jahre abgelaufen ist. Was hätte es geschadet, dies Recht um eine kurze Zeit hinauszuschieben?«
»Was Sie da andeuten, wäre eine Fälschung gewesen, Ihrer und meiner unwürdig, zu der ich niemals meine Hand geboten hätte. Auch dann noch wäre, wie ich annehmen darf, der Anspruch ein zweifelhafter gewesen, da die Confiscation von den damaligen Machthabern nicht zurückgenommen wurde.«
»Das Alles sind Erwägungen, die nicht Sie, sondern die heilige Kirche zu entscheiden hatte,« sagte die Aebtissin streng. »Nur in dem unbedingten Gehorsam gegen die Anordnungen des Pater Hilarius können Sie das Versehen wieder gut machen und wir Sie ferner als eine treue Tochter der Kirche und gute Patriotin anerkennen; - ich weiß, daß Graf Hypolit Ihnen ein nicht unbedeutendes Vermögen hinterlassen hat, wie hoch ist der Betrag nach der Summe, welche Sie dem National-Comité in Paris als Ersatz schuldig zu sein glaubten?«
»Diese hat die Hälfte des Nachlasses betragen, es sind mir 30000 Gulden geblieben.«
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»Und dieses Geld?«
»Mein Oheim, der Graf Czatanowski hat die ganze Summe vor meiner Abreise auf ein neugekauftes Grundeigenthum bei Slawice hypothekarisch eintragen lassen und wird mir vierteljährig die Zinsen senden.«
»So haben Sie, wenn ich recht verstehe, sich der freien Disposition darüber begeben?«
»Auf die nächsten fünf Jahr.«
»Sie besitzen doch das Dokument darüber?« sagte zum ersten Mal sich in das Gespräch der beiden Frauen einmischend, der Pater.
»Das Dokument blieb in Slawice zurück. Die Hypothek ist wie ich Ihnen sagte auf die nächsten fünf Jahre unkündbar.«
»Aber Sie haben das Eigenthumsrecht behalten, und es wird sich ein Weg finden, wenn auch mit Verlust, das Kapital an zuverlässige Personen übertragen zu lassen, und so es den deutschen Feinden aus den Klauen zu reißen. Ich werde mich als Ihren Vormund betrachten und für Ihr Bestes sorgen.«
»Ich sehe keinen Grund zu dieser Aenderung,« sagte das Mädchen entschlossen. »Graf Czatanowski ist mein nächster männlicher Verwandte und durch eigene Wahl für die kurze Zeit bis zu meiner Mündigkeit mein Vormund geworden.«
»Hüten Sie sich,« bemerkte der Pater finster, »durch Ihren versteckten Trotz den Argwohn herauszufordern, absichtlich und wohl überlegt in dieser Weise gehandelt zu haben und eine versteckte Feindin Polens zu sein. Man
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würde Sie bei der Nationalregierung anklagen müssen. Ich würde gegen Sie zeugen müssen.«
»Auch hiergegen?[«] - - - - - -
Sie hob den verstümmelten Arm gegen den Priester.
»Auch gegen dies Zeugniß! Ihr Patriotismus kann Sie damals richtig geführt, aber seitdem eine Aenderung erfahren haben. Sie haben noch vor einer Stunde in der Versammlung wahrer Patriotinnen gehört, daß einer guten Tochter des Vaterlandes kein Opfer zu groß sein darf. An die Stelle der Kirche, deren Rath und alleinige Entscheidung Sie zu verschmähen scheinen, wird das Tribunal der Nationalregierung treten und Ihr künftiges Verhalten bestimmen.«
»Und wer würde mich bei demselben anklagen?«
»Ich selbst, wenn es sein muß.«
Die junge Polin sah ihn finster an, während sie zugleich die Schnur an dem Arm des Kutschers zog, denn der Wagen war in der Nähe des großen Spitals angekommen.
»Wie meinen ermordeten Verlobten,« sagte sie streng - »der Verräther Prot Asnik war nicht der Einzige, den die wohlverdiente Strafe traf. Ich weiß, wer das Urtheil fällte, dessen Vollstrecker er nur war. Wenn die Oberen der Brüderschaft es für nöthig halten, daß eine verstümmelte Waise auch die geringen Zinsen jenes Vermögens auf dem Altar des Vaterlandes niederlegt, wird Wanda Marowska ihre wenigen Bedürfnisse gern noch mehr einschränken, aber die Gabe soll eine freiwillige sein, wie es mein Blut gewesen ist. Ich bin jeden Augenblick bereit,
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mich dem Tribunal vom Kreuz zu stellen, wie ich bereit war, vor dem Central-Comité meine Anklage zu erheben. Bis dahin lassen Sie eine unglückliche aber treue Tochter unseres unglücklichen Vaterlandes nur der Stimme ihres Gewissens folgen. Wenn Sie meiner bedürfen, hochwürdige Frau, Sie werden mich stets bereit finden - im Spital!«
Sie hatte ohne Beistand des Fiakrekutscher oder des Geistlichen den Wagen verlassen, ja den letztern mit einer Handbewegung zurückgewiesen. Der Pater Hilarius stieg nach ihr aus, da es trotz seines kirchlichen Charakters unpassend gewesen wäre, bei der Aebtissin zurückzubleiben, aber während er dem armen Mädchen einen finstern gehässigen Blick zu dem Eingang des Spitals nachsandte, bog er sich noch einen Augenblick zurück in das Innere des Wagens.
»Fahren Sie zum Hôtel zurück, und wechseln Sie rasch das Kleid - ich erwarte Sie am Kloster, es ist nöthig, daß wir uns noch diesen Abend sprechen,« sagte er auf Italienisch.
Die Aebtissin nickte Zustimmung und der Pater ging in der Richtung des Bernhardiner Klosters mit dem gewöhnlichen Schritt der Religiösen weiter, hin und wieder einem demüthig nach seiner Kutte sich zum Kuß beugenden Frommen seinen Segen ertheilend, aber ohne sich aufzuhalten, nur mit dem fromm gesenkten Blick doch sorgsam umherspähend, daß auch von den ihm wohlbekannten Polizeidienern an den Straßenecken sein Eintritt in das Kloster bemerkt werde.
Die Pforte des Klosters stand offen. Auf der Schwelle
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desselben lagerten umher jene widerwärtigen Gestalten der Bettler, welche wie in Italien so auch in Polen die Zugänge der Klöster und Kirchen zu belagern pflegen. Der Pater schien die stehenden Figuren wohl zu kennen, denn er musterte sie mit scharfem Blick, schien unter ihnen die Verdächtigen und Zweifelhaften wohl zu unterscheiden, denn er wußte sehr wohl, daß die russische Polizei grade unter diesen Leuten ihre besten Spione hat, und begnügte sich mit der Ertheilung seines Segens. Nur als an einem der Krüppel, einem Lahmen auf zwei Krücken, wie zufällig sein Auge haftete und er den halbblödsinnigen Ausdruck seines Auges auf sich gerichtet sah, zuckte es wie ein leichter Spott über sein frommes und ernstes Gesicht.
»Pan Drosdowicz,« murmelte er unter dem Segen, den er der lungernden Gesellschaft ertheilte, »wird noch diesen Abend seine vollständigen Berichte erhalten und ruhig zu Bette gehen können.
Ob sein erster Rapport morgen so willkommen sein wird, steht sehr zu bezweifeln. Wir müssen sehen, wie wir ihn überlisten - das Mädchen macht mir in der That Besorgniß - ich fürchte, Mutter Mathildis hat heute ihren gehässigen und habsüchtigen Charakter etwas zu unvorsichtig exponirt. Die Andeutung mit der Verurtheilung des thörichten Schwärmers, die auf ihren Betrieb erfolgte, drängt, - in einer Stunde darf ich sie erwarten.«
Als er in den nächsten Corridor trat und an der Loge des Bruder Pförtners vorüberging, blieb er an dieser stehen und wechselte mit dem Mann einige Worte.
»Ist der Pater Nepomuk zu Hause?«
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»Er hat das Kloster nicht verlassen.«
»Laß ihn wissen, daß ich noch diesen Abend mit ihm sprechen werde. Ich bin für jede Nachfrage mit der übermorgenden Predigt in meiner Zelle beschäftigt. - Liegen die Kleider bereit?«
»Sie sind es, Bruder Hilarius.«
»Dann gieb das Zeichen, den Ausgang zu öffnen. Ich kann erst um die Mitternachtsmesse zurückkehren, triff Deine Anstalten. Es ist sehr möglich, daß morgen im Kloster eine neue Haussuchung stattfindet.«
»Ist Gefahr?«
»Nicht für uns - laß auf das Bereitwilligste und ohne Widerstand die vorderen Keller öffnen.«
»Und wenn Seine Hochwürden nach der Ursache fragen?«
»So weiß sie Niemand! Es ist besser, daß der Herr Prior mit Recht Alles leugnen kann und volle Unkenntniß behaupten darf. Du weißt, Bruder, - es sind einige Unzuverlässige unter uns. Doch - ich muß mich eilen - also Vorsicht und Entschiedenheit!«
Er hatte die Zelle des Pförtners verlassen und ging in das Innere des weitläuftigen Klosters ohne sich mit den wenigen Begegnenden mehr aufzuhalten als durch kurze Worte. Es war offenbar, daß Pater Hilarius im Kloster großen Einfluß übte, obschon er keine der offen anerkannten obern Würden bekleidete. Die Zahl der ordinirten Mönche war nicht groß, aber wie streng und einfach eigentlich auch die Ordensregel der Bernhardiner ist, die ihnen selbst die Kirchenpracht sehr beschränkt und ihnen
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strenge und einfache Zucht auferlegt, die Cistercienser, wovon die Bernhardiner nur ein Abzweig sind und ihren Namen nach dem berühmten heiligen Bernhard von Clairvaux führen, haben überall verstanden durch zweckmäßige Wahl ihrer Klöster und Abteien auf ihre Umgebungen großen Einfluß zu üben, sei es durch die ländliche Lage, durch die Weitläuftigkeiten und die Großartigkeiten ihrer Bauten, sei es durch Gelehrsamkeit und allerlei Industrien. Dasselbe war einst auch der Fall bei dem Bernhardiner Kloster in Warschau. Wir haben bereits früher erwähnt, daß das Kloster auch bei den neu beginnenden Unruhen seine Lage, seine Räume und seine Vorrechte sehr wohl zu Gunsten der nationalen revolutionären Agitation auszubeuten verstand und daß es mit dem auf der andern Seite der Krakowski belegenen Kreuzkloster unter den Eingeweihten für einen der Hauptheerde der Verschwörung galt. Der Pater Hilarius betrat nur kurze Zeit seine in einem der hinteren Flügel gelegene, geräumige aber klösterlich eingerichtete Zelle, legte hier Skapulier und weißes Ordensgewand ab, und verließ dieselbe in dem einfachen Chorrock der Mönche. Dann wandte er sich nach den Räumen des Laboratoriums, dessen Leitung er führte. Hier verschwand er in einer anstoßenden Zelle und als er aus dieser wieder zum Vorschein kam und seinen Weg durch einen andern Kreuzgang fortsetzte, war jede Spur eines geistlichen Abzeichens aus seinem Aeußeren verschwunden. Er trug die einfache bürgerliche Kleidung eines Handwerkers mit den gewöhnlichen Abzeichen eines Maurers, der von seiner Arbeit kommt, ja verschiedene
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Geräthe, die auf diese Arbeit deuteten auf den Schultern. In dieser Verkleidung wandte er sich zu einem hintern Ausgang des Klosters, verließ dasselbe und ging dreist über die Straße. Er war noch nicht weit gekommen, als eine Frau in der ärmlichen und unsaubern Kleidung der untersten Arbeiterklassen sich zu ihm gesellte und nach dem Stromufer seinem Weg folgte, einen Theil der Geräthschaften ihm hilfreich tragend.
Auf einem der dort befindlichen Bauholzhöfe verschwand das Paar zwischen den aufgestapelten Holzstößen.
»Laß uns hier niedersitzen - von der Weichsel her beobachten die Flißaken jede verdächtige Annäherung - drüben stehen die gewöhnlichen Wächter; es ist nöthig, daß wir uns über einige Punkte verständigen, ehe ich die Zusammenkunft besuche. Du bist also einverstanden mit dem Beschluß?«
[»]Wir haben wenig Vortheil, ihn zu verhindern, bei dem Großfürsten selbst wäre es etwas Anderes. - Der General weist jede Warnung einer persönlichen Gefahr zurück. Er mag immerhin das Opfer seiner Thorheit werden.«
»Gut - nur ...«
»Du mißtraust der Marowska?«
»Nicht ihrer Aufrichtigkeit - aber ihrer Selbstständigkeit!«
»Ich verspreche Dir, von dem Augenblick an, daß sie die Erbschaft auf mich übertragen hat, ihr Leben Dir preiszugeben - - mag sie fallen wie ihr angeblicher
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Bräutigam fallen mußte, der unser Geheimniß verrathen konnte.«
»Durch Deine Unvorsichtigkeit!«
»Mag sein, jetzt sind wir die Besorgniß los. Die Marowska kann keine Ahnung davon haben. Hast Du keine andere Beobachtung unter jenen albernen Weibern gemacht?«
Der verkappte Priester sah sie fragend an. »Was meinst Du?«
»Die Dembinska!«
»Thorheit - ihr Fanatismus steht über allem Zweifel! Sie ist der polnischen Sache noch fester ergeben, als die Marowska.«
»Ich meine nicht die Mutter - die jüngere! Sie verbirgt ein Geheimniß - das wahrscheinlich ihre Mutter selbst nicht ahnt. Euer Beichtstuhl, Priester, ist eine Jammeranstalt! Ich sage Dir, Hilarius, nicht Männer sollten im Beichtstuhl sitzen, sondern Weiber. Sie allein verstehen es, das Verborgenste zu ergründen.«
»Du bist und bleibst ein Satan - es ist wahr, - es giebt noch sogenannte Gewissen, deren Bekämpfung uns Schwierigkeiten genug bereitet. Welchen Verdacht hast Du gegen die Dembinska?«
»Sie hat Sympathieen für die Russen!«
»Woher schließest Du das?«
»Hat Dir ihre Ohnmacht nicht zu denken gegeben?«
»Du hast gehört, daß sie eine schwere Krankheit überstanden hat. Weibernerven sind empfindlich und schwach.«
»Nur in einem Punkt, glaube mir. Erinnere Dich,
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daß ihre Ohnmacht mit der Erwähnung eines Russen, des Fürsten Ilinski zusammenfiel. Kennst Du ihn?«
»Nur flüchtig - ein ächter Moskowit und Aristokrat - aber ein schöner Mann. Er stand früher in Modlin in der Nähe der Dembinskischen Besitzung,« sagte der Pater jetzt nachdenkend.
»So verlaß Dich drauf, die kleine Dembinska kennt ihn näher, als wir ahnen. Nur die plötzliche Erwähnung seines Namens hat ihre Ohnmacht veranlaßt. Dieser Fürst ist reich?«
»Nach dem Tode seines Oheims einer der reichsten Grundbesitzer Rußlands, selbst nach der Aufhebung der Leibeigenschaft. Man wunderte sich längst, daß seine Familie ihm gestattete, so lange in Polen zu dienen und wird sich noch mehr wundern, daß er jetzt sein Abschiedsgesuch zurückgenommen hat.«
»Man hat niemals von einem Verhältniß des Fürsten zu der Comtesse Dembinska gehört?«
»Niemals - Mutter und Schwester sind enragirte Polinnen und hätten jede Annäherung eines Russen verhindert, obschon der Vater schwach genug gewesen wäre, denn er war ein Lauer und die ältere Comteß sein Liebling. Ihr Haus konnte den Offizieren von der Garnison allerdings nicht verschlossen bleiben, so wenig, wie eine Begegnung in den Gesellschaften des Statthalters.«
»So verlaß Dich darauf, Hilarius, es bestand oder besteht noch ein Band zwischen dem Fürsten und der Comteß, sei es auch nur, daß sie ihn im Stillen liebt, obschon
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ich an die Schwärmerei einer sogenannten unerwiederten Liebe wenig glaube.«
»Meinetwegen - aber warum erzählst Du mir dies Alles, was kümmert das uns, die wir Wichtigeres zu bedenken haben.«
»Ein Geheimniß darf sich kein kluges Weib entgehen lassen, nur im Wissen und Haben liegt die Macht. Wenn Zlinski in der That reich ist, könnte es wohl der Mühe lohnen, die Spur, die ich Dir andeutete, zu verfolgen. Laß das meine Sache sein, mir liegt es im Sinn, als könnte die Marowska dazu helfen, denn die Bitte der Comteß, sie besuchen zu dürfen, schien mir nicht ohne Bedeutung und Absicht. Vielleicht kann sie doch noch unserem Hauptzweck dienen, nachdem ihre albernen Bedenken ihn so schwer geschädigt haben.«
»Handle, wie Du willst - ich mag Dir nicht verbergen, daß mir die Marowska immer wie ein böser Geist all' unserer Pläne vorkommt, und daß ich nicht eher Ruhe haben werde, bis das bleiche Gespenst nicht mehr schaden kann. Sage mir, was Du magst, aber es ist eine Ahnung, die uns warnt. Ehe nicht der Ocean oder wenigstens der Kanal zwischen uns liegt, werde ich keine Ruhe haben. Was sagst Du zu der Einbildung dieser hochmüthigen Weiber, daß all' das Blut, das wir säen, nur für Euch Aristokraten fließen soll?«
»Oder für die Zwecke Roms? Es wäre eben so albern. Laß uns an uns allein denken. Hast Du auf Mittel gesonnen, uns ohne Gefahr unsern persönlichen Antheil an dieser angeblichen National-Besteuerung zu
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sichern? Wieviel sagte die Gräfin ... fünfmalhunderttausend Gulden?«
»Noch immer keine Million und wir bedürfen dieser, um uns unsere Freiheit damit zu erkaufen. Bedenke Mathildis, daß die Hand Roms über den ganzen Erdball reicht!«
»Darum eben Kampf gegen Rom! Ich hasse seine Fesseln und es muß sich ein Mittel finden, seiner Macht zu entgehen, ohne daß unser Witz ihm mehr als einen Brocken von unserem Raube steuern muß. Laß erst Rom selbst fallen und der Unglaube allein wird die Weltherrschaft haben. Lieber will ich in das Nichts versinken, als Rom die Beute gönnen. Vor der Hand laß uns kämpfen. Wenn die Zeit gekommen ist, werden wir frei sein - bis dahin lebe die Macht und der Genuß!«
»Bedenke, daß wir grade durch die Kirche herrschen könnten!«
»Ueber die Dummheit - nicht über die Geister! Laß uns das Thema nicht noch einmal abspinnen, alles Erschaffene hat seine Gränzen. Was kümmert es uns, was dahinter kommt. Bist Du ein freier Geist, daß Dich ein Weib beschämen soll? In der Macht zu vernichten liegt ein höherer Reiz, als selbst in der Macht zu herrschen und zu genießen. Die Welt ist dazu da, Beides zu prüfen. Bis dahin - warte und räche Dich und mich!«
Der Priester schüttelte den Kopf vor dieser furchtbaren Philosophie. »Du bist schlimmer als Bakunin - Dein Glaube schlimmer als der Nihilismus, der wenigstens an das Recht des Genusses glaubt!«
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»Diesseits des Grabes! - Hättest Du wie ich in den Kerkern der heiligen Rosalie fünf Jahre zugebracht, - würdest Du anders denken über die Ewigkeit. Laß uns vorwärtsgehen auf dem Wege, den wir uns vorgezeichnet, bis zur Vernichtung. Daß wir ihr aber nicht trotzen können, das ist ja eben der Fluch der Geister. Sieh die Veronika an, sie ist älter als ich und macht sich das Herz nicht schwer mit Grillen, sondern genießt und - haßt, wie es der Augenblick bringt! Ich weiß, sie hat die Aufgabe sicher erfüllt, die ich ihr stellte und erwartet mich stolz darauf!«
»Und meinst Du sie mit uns zu nehmen auf unserer Flucht?«
»Thor! Wer denkt daran? Was kann sie uns nützen, wenn ich hier meine Aufgabe erfüllt habe. Sie mag die Barbara Ubryll weiter bewachen, damit ihr Geheimniß nicht vor der Zeit an's Tageslicht kommt, oder« - und über die Züge des teuflischen Geschöpfes flog etwas Lichteres, Besseres wie die furchtbaren Gedanken, als gäb es doch auch einen edleren Zweck für sie - »hoffst Du noch auf Barbara's Geständniß? - Du warst in Krakau lange genug, um Dir zum letzten Mal Ueberzeugung zu verschaffen?«
»Man hält sie für unheilbar blödsinnig! Gieb es auf!«
Die Aebtissin hatte die Hände verschränkt, als sie der Antwort des Paters lauschte. »Es war Thorheit von uns, auch nur zu hoffen, auf das Einzige, was meine Seele als menschliches Gefühl hätte erheben und retten können. Fortan sei es Nacht - das Nichts, also die Vernichtung!«
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flüsterte sie. Dann wandte sie sich wieder zu ihrem Gefährten. - »Höre nicht auf mich, Hilarius - habe Dank dafür, daß Du mir den Weg nach Krakau ersparst - es wäre doch gefährlich für mich gewesen - das Beispiel Veronika's hat mir bewiesen, daß mich auch noch Andere hätten erkennen mögen. Es ist besser für mich, das Grab der Jagellonen nicht wieder zu sehen. Sagtest Du nicht, daß unsere Sache hier gefährdet sei?«
»Hauptmann Dombrowski fürchtet versetzt zu werden!«
»So laß uns eilen - wenn wir von seiner Denunciation einen Vortheil haben können. Desto rascher wird sich dann die National-Regierung entschließen müssen, loszuschlagen. Es ist Zeit, daß das Blutspiel beginnt. Bedenke, daß ein Zufall uns das Ziel aus der Hand reißen kann. Auf was wartest Du noch?«
»So willst Du Dich wirklich von der Kirche losreißen? Du glaubst nicht an sie?«
»Nur so lange der Wahnglaube an sie meinen eigenen Zwecken dient und uns nutzbar ist. Du selbst legtest die ersten Zweifel in meine Seele.«
»Es war vielleicht thöricht genug, daß ichs that, die Saat ist dem Sämann über den Kopf gewachsen - ich kann Dir nicht bergen, daß mich schon bei Deinen ersten Bekenntnissen Grauen erfass[ß]te.«
»Und glaubst Du selbst an die Lehren Roms?«
»An Etwas muß der Mensch sich halten - so ist es Dir mit der Befreiung Polens, mit der Herstellung seiner alten Größe Ernst? Du hassest seine Unterdrücker?«
»Stehst Du noch in den Kinderschuhen, Hilarius? -
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was kümmert mich Polen, Preußen, Rußland - ich hasse alle Fesseln des Ich. Ich würde Rom ebensogern brennen und vernichtet sehen, wie Petersburg oder Paris. Ich wiederhole Dir zum letzten Mal, die Hoffnung zu vernichten, zu zerstören ist mein Zweck, meine Religion, die Macht dazu das Ziel, nach dem ich strebe. So lange mir Rom und der polnische Aufstand den Weg dazu zeigt und die Mittel bieten, unterstütze ich sie mit aller Schlauheit, die ein Satan in mich gelegt. Wer ist hier von den Führern der Erhebung?«
»Du hörtest es bereits - Chmelenski!«
»Ein Phantast für die Wiederherstellung Polens wie die Marowska! Ein Wegbrecher - kein selbstständiger Geist.«
»Ludwig Okuliarnik - der Brillen-Ludwig!«
»Schon besser - glaubte ich an Tugend und Wahrheit, so würde ich sagen nach dem Wenigen, was ich von ihm sah, es läge wahrhaft eine Römernatur in ihm, und er wäre ein wirklicher Republikaner, der um die Volksfreiheit und Gerechtigkeit kämpfen könne. Er wird erliegen, wie die Andern, aber er wird als freier Geist für seine Ideale zu sterben wissen. Aber noch nanntest Du Den nicht, auf den ich hoffe, - den Litthauer!«
»Traugut?«
»Ja, der ist es, - auf den ich vertraue -, der mir gleicht, der denselben Zweck hat wie ich, - das Vernichten! Ich sage Dir, Hilarius, da Du doch nicht groß genug denkst, um mich zu begreifen, erst wenn dieser Mann an der Spitze der Revolution steht, dann bin ich zufrieden
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und bin bereit, in das Nichts zu gehen, oder in Amerika ein neues Leben zu suchen, denn ich werde dann gerächt sein an den Menschen.«
Der Priester sah sie spöttisch an. »Schade, daß Du nicht mehr jung genug bist, Dich ihm zur Geliebten anzubieten.«
»Ich war die Deine - und das genügte, mich zu der zu machen, die ich bin. Doch da kommt das Signal, das Dir gilt, wie ich glaube. Also Eure Zusammenkunft ist auf den Flößen?«
»Ja - gerade die Rohheit, der fast thierische Bildungsgrad dieses Volkes ist die beste Bürgschaft für seine Treue und Verschwiegenheit. Sie wissen, daß ich ein Priester bin und gehorchen deshalb blindlings. Dazu fehlt es ihnen keineswegs an Schlauheit, wo es solcher für unsere Sicherheit bedarf. Und wohin gehst Du?«
»Zur Apotheke - dort treffe ich die Veronika wieder, - sie hat dem thörichten Knaben seine Instruction gebracht - das Spiel mit ihm mag zusammen mit dem der Marowska enden, ich bin seiner müde. Sobald Langiewicz oder Mieroslawski die Grenze überschritten haben und die Bewaffnung organisiren, sende ich ihn zu diesen.«
»Es ist das einzige Kind Deiner Schwester?«
»Ist er besser als Andere? War sie es nicht, die mich für das Kloster bestimmen half? Glaubst Du, daß der Tod seines Vaters allein genügende Sühne gewesen ist für die mir gestohlenen Jahre?«
Der Priester hatte sich von ihr gewendet, welcher Verbrechen er sich auch anzuklagen haben mochte, diesem
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mehr als teuflischen Haß gegenüber fühlte er doch Theilnahme für den ahnungslosen hochherzigen Knaben und Abscheu gegen das Spiel, das man mit ihm trieb.
Das Signal vom Flusse her mahnte zum zweiten Male - er begnügte sich, der Frau die Hand zu reichen. »Bleibe morgen im Hôtel« sagte er, - »es wird genügen, wenn Du die Veronika zur Vesper sendest. Die Nachricht von dem Erfolge wirst Du schon im Hôtel vor Mittag erhalten haben. Man kann nicht voraus wissen, was geschieht, und welche Maßregeln ergriffen sind. Laß die Geräthe hier, - der Maurer, dem sie gehören, holt sie morgen früh hier wieder ab.«
Er ging durch die Holzstöße zum Ufer des Flusses, wo einer der Flößer mit einem Boot seiner harrte.
Es ist ein seltsames Völkchen diese Flißaken. Aus der holzreichen Ebene Masoviens ziehen alljährlich tausende armer, aber fleißiger Holzhauer, - theils auf eigene Hand, - theils von reichen Holzhändlern gedingt zum Fällen der Wälder am Bug, der Narew und Weichsel während der Winterzeit und zum Transport der gefällten Stämme aus den Karpathen auf dem Wasser bis zur Küste der Ostsee, namentlich Danzig. Ihr Floß, oder das leichte Schiff, das sie selbst gezimmert, ist nach der Erdhütte ihrer Heimath ihr Wohnort. Hier hausen sie, oft mit Weib und Kind, bilden eine förmliche Gilde, führen ihre geringen Bedürfnisse mit sich, oder kaufen sie billig in den Uferdörfern ein und verbringen ihre Zeit in der schweren Arbeit des Steuerns der Flöße durch die Windungen des inselreichen Flusses, in Musik und Tanz, dessen
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leidenschaftliche Liebhaber sie sind, in Gesang und Trinkgelagen, sind sonst äußerst sparsam und genügsam, - bis sie am Bestimmungsort, oder wo sie sonst, - wenn sie nicht eben einen stets überaus redlich gehaltenen Vertrag eingegangen, - ihre Holzvorräthe losschlagen können, die Flöße und Schiffe verkaufen, ihre alten Kleider verbrennen, sich neu versorgen, und dann getrost in lustigem, munterm Zuge, die Pfeife und Fidel voran, den Spahnkober auf den Rücken gehängt stromaufwärts wieder zu den Wäldern ihrer Heimath zurückwandern, um von dem mühsam ersparten Verdienst einen neuen Holzschlag zu erwerben, oder sich auf's Neue an einen wohlhabenderen Unternehmer zu verdingen, den Bau ihrer Flöße und Kähne - wozu jedes Stück Eisen, jeder Nagel gespart und durch die zähe Weidenruthe ersetzt wird - wieder zu beginnen, und die alte Fahrt auf's Neue zu wiederholen. Erst im hohen Alter, oder wenn sie irgend ein Unfall erwerbsunfähig gemacht, bleiben sie in den Erdhütten der Heimath, bauen ihren Hafer und Grütze und beschäftigen sich mit ländlichen Arbeiten ihrer Nomadenbrüder, der Slovaken.
Die österreichische und russische Regierung stellen dem fleißigen, thätigen Völkchen möglichst wenige Hindernisse in den Weg - von Zeit zu Zeit findet eine sehr nachsichtige Rekrutirung aus seinen Reihen statt, und da die Erfahrung lehrt, daß das Völkchen nur sehr selten an den politischen Agitationen und Bestrebungen Theil nimmt oder wenigstens aus eigener Neigung bald wieder zur gewohnten Beschäftigung zurückkehrt, unterliegt es auch
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in dieser Beziehung weniger der Controle als die andere Bevölkerung.
Dennoch lieben die Flößer nicht weniger ihr Vaterland, sind zu heroischen Thaten aufopferndem Patriotismus fähig, voll Herz und Muth, vor Allem aber eifrige Katholiken. Das Wort des Priesters, der kaum auf einer höheren Stufe der Bildung steht, und den sie höchstens im Jahr drei oder vier Mal zu sehen bekommen, wenn es nicht in einer Uferstadt geschieht, deren Kirchen sie eifrig besuchen, gilt ihnen als unverbrüchlicher Befehl, die schwarze Jungfrau von Czenstochau als ihre höchste Heilige.
Als der Pater Hilarius zu dem Mann am Ufer kam, machte er das Zeichen des Kreuzes, zog unter der unscheinbaren Jacke einen Rosenkranz hervor, der neben dem Kruzifix eine silberne Medaille mit dem Conterfei der genannten Muttergottes trug und reichte ihm Kranz und Medaille zum Kuß. Der Mann prüfte die Medaille genau, was mehr durch das Gefühl als das Gesicht geschah, wozu die Dämmerung schon zu weit vorgeschritten war, und machte eilig das Pademdonec.
»Gelobt sei Jesus Christ!«
»Und die heilige unbefleckte Jungfrau - in Ewigkeit Amen! Hast Du das Floß auf die Stelle gelegt, die Dir bezeichnet wurde?«
»Wie befohlen. Man sieht und hört die Schildwachen auf dem äußeren Wall der Citadelle, Hochwürden, und mit zehn Ruderschlägen sind wir an der Sandinsel.«
»Dobre. Wenn Alles gut geht und Ihr aufpaßt, sollst
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Du Absolution für das ganze Jahr haben - wie viele hast Du übergeholt?«
»Sieben Herr, wie es befohlen - Ihr seid der Letzte.«
»So fahr über - und Vorsicht an der Brücke - daß wir aus dem Lichtschein bleiben.«
»Tak tak, Herr, der Wenzel ist kein Dummkopf! Die schlitzäugigen Schufte müßten bessere Augen und Ohren haben, wenn sie etwas merken sollten. Sie haben den ganzen Tag Maulaffen feil gehabt und hätten gewiß gern mitgetanzt, wenn sie nur hätten ans Ufer kommen dürfen. So tranken sie uns wenigstens zu. Morgen mit Anbruch des Tages lassen wir uns treiben und bei der zweiten Ablösung sind wir über die Rogatke hinaus.«
Er hatte das Boot gelöst und trieb, ein Lied singend den Strom hinab, an dem ersten Schlachthaus vorüber, der Citadelle zu.
Obschon es streng untersagt war, hier anzulegen, kümmerten sich doch die Flößer sehr wenig um das Verbot und wurden auch wenig belästigt, wenn sie sich nur in der gehörigen Entfernung hielten. Grade die Oeffentlichkeit ihres Treibens beseitigte jeden Verdacht, und die sonst ziemlich strenge Strompolizei begnügte sich, von ihren Booten aus dem nächtlichen Tanz zuzuschauen, nachdem sie einmal den vorgeschriebenen Besuch abgestattet und sich überzeugt hatte, daß der Octroi nicht um seinen Zoll betrogen war. Ja in den schönen Sommernächten erhielt das Volk häufig Besuch von Gesellschaften aus den höhern Kreisen, die auf stattlichen Barken und Gondeln eine Spazierfahrt machen und sich an dem Treiben auf den
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Flößen ergötzten. Der Gedanke, unter dem Schirm der Oeffentlichkeit eine hochverrätherische Versammlung zu halten, war demnach ebenso kühn als schlau. Um 11 Uhr mußte den Vorschriften des Belagerungszustandes entsprechend ohnehin der Verkehr auf dem Fluß wie auf den Straßen aufhören; jetzt aber hatte es eben erst von den Thürmen 9 Uhr geschlagen.
Das Boot stieß an die breite Seite des ziemlich langen, aus großen Fichtenstämmen bestehenden Floßes, das an der Spitze wie auf dem hintern Theil die breiten langen Ruder führte, mit welchen man seinen Lauf regiert. In der Mitte des Floßes vor der zum Unterkriechen während der Nacht oder bei schlechtem Wetter aufgeschlagenen, dachartigen Kajüte war der Heerd und Tanzplatz. Zwei sehr urwüchsige Fideln und eine Schilfpfeife bildeten das Orchester und hatten eben einen Krakowiak begonnen, nach dessen wilden aber taktvollen Melodien Männer, Frauen und Kinder umher wirbelten und stampften.
Der Flößer half dem Pater aus dem Kahn, aber er preßte dabei bedeutsam seinen Arm und zugleich vernahm er eine heitere Unterhaltung in französischer Sprache, der sich russische Ausrufe beimischten. Um das Heerdfeuer, von dessen Schein geröthet sich Tänzer und Tänzerinnen in grotesken Figuren bewegten, hoben sich auch andere dunkle Schatten ab: russische Uniformen und elegante Frauen-Toiletten. Es war offenbar eine Gesellschaft von Offizieren mit ihren Damen, die auf ihrer Wasserfahrt von der Citadelle her hier angelegt hatte, um eine Weile dem Tanz und Spiel zuzusehen.
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»Hab' ich Sie doch gesagt, Kapitain Durchlaucht, werden sich kein größeres Vergnügen haben, als Damen zu führen hierher, is sich hier schöner als in die Ballet und Alles Natur, veritable Natur. Sehen Sie Dirne da drüben, mit die rothe Rock und die zerrissene Hemd. Hätten lange suchen können in die große Oper oder auf die Mabille, ehe Sie gefunden hätten ein Paar Waden, wie sie hat Dirne dort. Kamerad Atschitoff muß wissen, da er verstehn sich auf Artikel diejenigten.«
»Ich sehe Fürst, Sie Beide scheinen noch immer die alten Sünder. Aber erinnern Sie sich wenigstens, daß wir auch andere Gesellschaft bei uns haben und schweigen Sie.«
Der kleine Tatar lachte, »Thut nix, sind sich Petersburger Damen nicht so prüde, verstehen sich Spaß, wenn es sich handelt um Volk niedriges. Wenn Sie geben wollen zwei Rubel zu Wutki für die Gesellschaft, - sollen Sie sehen noch ganz andere Dinge, is sich jetzt ohnehin langweilig in Warschau, hoffen, daß bald wiederum eröffnet wird Theater, wenn Kaiserliche Hoheit kommen nach Warschau.«
»Sie sind doch ein unverbesserlicher Schwätzer, Durchlaucht, die Sache soll ja vorläufig noch Geheimniß sein.«
»Sapristi, wird sich nicht lange Geheimniß sein, wenn man's schreibt von Petersburg her. Versteht das Volk hier kaum seine eigene Sprake und hab ik doch gesprochen in die französische Conversation. Schauen Sie noch einmal auf die Dirn, die gezeigt ihre Waden so hoch, - muß sich sputen, zu maken ein Vergnügen ihr junges Leben.«
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»Und warum sich sputen? - Man hat mir gesagt, daß dies Volk tanzt alle Tage und Nächte die ganze Weichsel hinab bis Danzig!«
»Wird sich nix kommen nach Danzig - ist Wasser schlimm, wird liegen bald auf die Grund, wo sein sehr naß. thut mir auf Ehre leid um so hübsche Dirne, sehre leid!«
»Hol sie der Teufel« wandte sich einer der Offiziere zu ihm, - »können Sie denn diese Manier, Gespenster zu sehn, gar nicht lassen, Fürst? Es heißt Ihren Freunden jedes Vergnügen verderben. Der Kriegsminister sollte Sie wirklich wieder zum Kaukasus schicken!«
Der Fürst rieb sich vergnügt die Hände »Wer wird immer sein so heftik, Freund Atschikoff. Ist mir blos eingefallen heute Abend, weil ik gesehn Dirne da so lustik, und muß doch versaufen, noch ehe sein aufgegangen viel Mal die Mond.«
»Pah - Sie haben mir es auch prophezeit und ich lebe noch, habe auch gar keine Luft, Ihren Unkenrufen zu folgen. Nehmen Sie sich in Acht, daß General Lüders nicht hinter Ihre Tollheiten kommt, er ist nicht so nachsichtig wie Gortschakoff, der die Manie Ihnen zu Gute hielt von Sebastopol her.«
»Ist sich gewesen, Freund, General Gortschakoff ein kluger Mann, der sich nicht kefürchtet vor Tod, so wenig wie Generalgouverneur unser jetzigter, obschon ich wünschen möchte, daß er sich nicht so exponirte unter Volk hiesigtes.«
»Wie, - Sie glauben doch nicht, daß die albernen Drohbriefe, die er erhielt, wegen der Execution auch nur die geringste Bedeutung haben könnten? Ich glaube, der
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General hat sehr wohl gethan, dies durch verdoppelte Sorglosigkeit zu zeigen!«
»Ist sich Excellenz ein sehr kluger Herr und muß sich das verstehn. Braucht auch nicht so am Leben zu hängen, wie Freund Atschikoff, der liebt so sehre die Weiber und den Wein, da er ist sich ein alter Mann, oder Durchlaucht Kamerad, der gehen sollen auf Freiers Füßen, was betrüben würden kewiß sehr kleine Comteß Dembinska, die Sie ankesehn immer so schmachtend.«
»Unsinn,« sagte ärgerlich der junge Fürst - »Salon-Geschwätz! Sie werden mich verbinden, Herr Kamerad, wenn Sie ihm in beiden Richtungen hin bei jeder Gelegenheit sehr ernstlich widersprechen. Ich habe weder daran gedacht, mich zu verloben, noch hat mir die Comteß Dembinska je Avancen gemacht. Ich halte es vorläufig mit Freund Atschikoff und liebe meine Freiheit. Seine kaiserliche Hoheit der Großfürst könnte ohnehin keinen verheiratheten Adjutanten brauchen. Ich werde übrigens morgen die Gelegenheit wahrnehmen, da ich nach der Parade zum Generalgouverneur beschieden bin, ihm die Warnungen vor Complotten zu wiederholen, die mir in Paris geworden sind. Meuchelmord liegt zwar nicht im polnischen Charakter, indeß die politische Agitation wächst überall und treibt ihre Blasen selbst in dem sonst so ruhigen Deutschland, wie im vorigen Jahr das Attentat gegen den König von Preußen bewies.«
»Sollte mir leid thun um Excellenz,« sagte der tatarische Fürst, »würde ich aber sehen ihn sicher vorher todt, wie ich gewußt hab' vorher, daß sterben wird General
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Gortschakoff, was kewesen mein Gönner und Freund. Wird sich sicher sterben in seinem Bett wie er.«
Fürst Ilinski wandte sich rasch zu ihm. »So erstreckt sich also Ihre Gabe des zweiten Gesichts vielleicht nur auf gewaltsame Todesarten?«
»Ist sich Gabe von meiner Großmutter seligten, die gewesen berühmt dafür - zeigen mir, wenn Jedermann sterben wird in Jahresfrist, gleichviel wie.«
»Das Geschenk ist jedenfalls unheimlich genug und wenn ich Lust habe, ein Testament zu machen, werde ich Sie zu Rathe ziehen, ob's lohnt oder nicht. Ich glaube wahrhaftig, Atschikoff hat an den schmutzigen Waden der masurischen Dirne Gefallen gefunden - er bringt das Lorgnon nicht von ihr weg.«
»Ist sich Kenner von Formen, Atschikoff, lieben sehr das Reelle. Was will sich die Kerl, kann er sich nicht nehmen in Obacht, oder ik werden ihm lassen zählen fünfundzwanzig auf den Hintern, vor den Respekt!«
Die Drohung galt einem Mann in Arbeiterkleidung, der von dem wirbelnden Tanz gedrängt, wahrscheinlich nur zufällig an den alten Oberst gestoßen hatte, jetzt aber eilig zurücktrat, eine Entschuldigung murmelnd. Der alte Flißak, der ihn hierhergeführt, stieß zugleich einen gellenden Ruf aus, der die Aufmerksamkeit seiner Kameraden auf ihn oder vielmehr auf die gefüllte Branntweinflasche lenkte, die er lustig schwang. Ohne sich viel um die vornehme Gesellschaft zu kümmern, war bald der ganze Schwarm um ihn versammelt und ließ die Flasche von Mund zu Munde gehen.
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»Geseg'ns Dir die heilige Jungfrau von Czenstochau, guter Wenzel. Es war Zeit, daß Du kamst, denn wir hatten keinen Tropfen mehr, und die Kehlen waren so trocken, als hätten wir sechs Stunden hintereinander gerudert.«
»Schwämme, die Ihr seid, laßt dem Fiedler auch einen Schluck und dann mögt Ihr die Lust aufs Neue beginnen. Der gnädige Herr dort will uns gewiß zwei Silberrubel zu einem frischen Krug schenken, ich hab's mit meinen Ohren gehört. Laßt die Minka ihn an das Versprechen erinnern, sie hat ohnehin Gefallen gefunden vor seinen Augen!« Er trieb das Mädchen vorwärts nach der vornehmen Gesellschaft, der sie verschämt knixend einen Teller von Birkenrinde entgegenhielt: »Für arme Flißakenleute - eine milde Gabe! Gott und die Heiligen werden's Euch tausendfach vergelten!« Die Offiziere betrachteten mit frechen Augen die jugendlich frische Dirne - dieselbe, deren wilder Tanz und Formen vorhin bereits die Aufmerksamkeit auf sie gezogen, und die nur eines Schwamms und Kamms bedurft hätten, um sich mit den vornehmen Schönheiten vor ihnen erfolgreich messen zu können. Kenner, wie der Kapitain hätten ihr auch so den Preis gegeben und bedauerten offenbar nur, daß die Anwesenheit der vornehmen Offiziersdamen sie hinderte, der Dirne unzweideutigere Zeichen ihrer Anerkennung zu geben, als die Silbermünzen, die sie ihr auf den Holzteller warfen. Der Beifall und Lohn, den das schwarzäugige Flißakenmädchen gefunden, hatte auch ihre Gefährtinnen ermuthigt, ihr Heil im Anbetteln zu versuchen, und die Gesellschaft war bald so umlagert, daß die Damen es für geboten hielten, nach
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den von Pontonieren aus der Citadelle geruderten Gondeln zu rufen und ihre Cavaliere an den Aufbruch zu mahnen.
Nur der Kapitain Atschikoff zögerte absichtlich, er hatte dem Mädchen zugeflüstert, noch einmal zu ihm zurückzukehren, als der alte Flißak sie zur Seite zog.
»Wo sind die Pans?«
»Im Dunkel bei den Rudern!«
»So spül den Fiedlern die Gurgel aus, und laßt die Beine nicht steif werden. Stimmt ein Lied an und drauf los. Du verstehst es, Kind und sollst eine neue Schürze haben, wenn erst die Gränze hinter uns ist, will's auch nicht bemerkt haben, daß Du den Jaref neulich im Weidengebüsch mit dem Jäger betrogen hast, und der Moskowiter Offizier da drüben Dir nochmals winkte!«
Die Dirne war blutroth geworden, half sich aber mit gellendem Juchzer, der auf's Neue zum Tanz rief.
»Du willst mich dem Jaref nicht verrathen, wenn ich an's Ufer schwimme?«
»Was geht's mich an, wenn Du Dir Rubel holst, Ihr seid noch nicht Mann und Weib, und er mag die Andern da zur Stadt zurückrudern. Doch nimm Dich in Acht, daß er's nicht argwöhnt, denn er ist eifersüchtig und will Dich wirklich heirathen vor dem Priester, wenn wir wiederkommen.«
»Ich mag ihn nicht, und hab' ihm bereits gesagt, daß ich mich verdingen will vorher auf zwei Jahr, um mir den Brautschatz zu verdienen.«
Der Alte zuckte die Achseln. Unter dem Stampfen und Singen der Tanzlustigen und während die Flißakendirne
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zu dem zögernden Offizier trat und ihm nochmals den Rindenteller entgegenhielt, hatte Jener den Geistlichen zu dem entferntern Theile des Floßes geführt und deutete hier auf eine Anzahl Männer, die in der unscheinbaren Tracht der rauhen Holzarbeiter zwischen den langen Schlagrudern auf den Stämmen lagen, oder an die Ruder lehnten. Einer von ihnen trat ihnen entgegen - im Schein des entfernten Feuers schien er den verkleideten Priester genau zu prüfen und zu erkennen, dann erst zog er die Hand von dem Revolvergriff zurück, den er unter der rauhen Blouse gefaßt hatte.
»Endlich, Pater - wir warten fast seit einer Stunde auf Sie, unter den Mündungen der Kanonen unserer Feinde. Machen Sie es wie wir und legen sich zu uns auf die Balken, damit die Schildwachen auf den Wällen keinen Argwohn schöpfen und eine Kugel herüber schicken. Nachdem jene moskowitischen Hunde fort sind, werden wir ziemlich sicher sein und brauchen andern Besuch nicht zu fürchten. Der Wenzel ist treu und ein guter Sohn der Kirche. Es ist nicht das erste Mal, daß wir bei ihm und seinen Kameraden unsere Zusammenkunft haben, den russischen Hunden vor der Nase. Doch mag er den Spiegel des Flusses im Auge und das Tau in der Hand behalten, um uns bei dem geringsten Anschein von Gefahr hinüber zum Praga-Ufer treiben zu lassen.«
Der alte Flißak folgte der Weisung und warf sich unter der Seitenplanke der Flöße nieder, welche gleichsam den Bord und Wasserschutz des primitiven Fahrzeugs bildet.
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Drüben vor dem Heerdfeuer tanzte die wilde Gesellschaft weiter.
Der Mann, der sie empfangen gab dem Pater das Beispiel und ließ sich in dem Kreise der Polen auf der nächsten Planke nieder. Der Schein des Feuers reichte nicht bis hierher, um die einzelnen Physiognomieen erkennen zu lassen, als der Priester ihm folgte, sie Alle rückten jetzt näher zusammen, auch die an den langen Rudern kauerten.
»Ich sehe aus Deiner Anwesenheit, Bruder Hilarius,« sagte der Unbekannte, »daß Du meine Botschaft über den Ort der Versammlung erhalten hast.«
»Ich fand sie im Kloster an der gewöhnlichen Stelle vor einer Stunde, auch die Nachricht, daß der Versuch gemacht werden soll und die Hand dazu gefunden ist. Ich bringe die Zustimmung des Frauen-Comité's. Sie werden dafür sorgen, daß es an unverdächtigem Publikum nicht fehlen wird, durch das unser Freund entkommen kann, obschon sie gern gewußt hätten, wem wir das Gelingen des Beschlossenen zu verdanken haben.«
»Weiberart, - es ist besser, daß die Hand vorläufig noch unbekannt bleibt.«
»Auch mir?«
»Auch Dir und der Aebtissin - nicht aus Mißtrauen, denn wir kennen Euch. An dem Schneider und den beiden Lithographen wäre wenig gelegen, aber wir brauchen ihren Patriotismus und Eid für den Großfürsten und den Markgrafen, denn die Attentate müssen rasch aufeinander folgen, wenn sie Wirkung haben sollen.«
»Das meint auch die Aebtissin - ich wünsche nur,
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daß die erste Kugel auch wirklich richtig ihr Ziel trifft, denn ein Fehlschuß könnte großen Schaden stiften, sie warnen, und der verrückte Tatar, dessen Leichenwitterung in ganz Warschau bekannt ist, hat mich noch vor wenigen Minuten besorgt gemacht - oder seine Gabe hat ihn wirklich verlassen.«
»Unbesorgt, die Hand, die den Schuß thun wird, hat noch niemals gefehlt. Denn ich stimme Dir bei, ein Mißerfolg würde großen Schaden bringen und uns nöthigen, den Ausbruch der offenen Erhebung noch einmal zu vertagen, oder das Central-Comité zwingen, endlich seine erste Proklamation zu veröffentlichen.«
»Ganz Warschau harrt darauf!«
»Was würde sie nützen in der Hand dieser Unentschlossenen und Schwächlinge. Das ist es, weshalb wir Dich beriefen. Wir müssen klar mit Dir sein, ob Du zu uns stehn willst, oder zu den Weißen?«
»Wie - so ist es nicht das Central-Comité, das diese Berathung hält? Deine Stimme ist mir zwar bekannt, und das Zeichen war richtig, - aber noch weiß ich nicht Eure Namen und Euer Recht zum Ruf.«
»Die Schwächlinge des Central-Comité's sind abgesetzt, die Männer der Junta allein dürfen das Regiment führen.«
»Das hieße eine Revolution in der Revolution - ein Bruch mit den Weißen und Paris!«
»Kannst Du darüber zweifeln, daß es doch dazu kommen muß über kurz oder lang? Deshalb riefen wir Dich, denn wir wissen, daß Du ein Mann von Thatkraft
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und Entschlossenheit bist, obschon die Geistlichkeit im Allgemeinen zur Fahne der Weißen hält. Entschließe Dich kurz, ehe wir Dir Weiteres vertrauen. Willst Du Erzbischof von Warschau werden?«
»Das Ziel wäre hoch - aber nur Rom hat darüber zu entscheiden.«
»Wir bieten es Dir - die Junta des Volks von Warschau. Männer, die zu Allem entschlossen sind und nicht länger zögern wollen.«
»Eure Namen?«
»Genügt Dir der Meine?« frug eine scharfe Stimme. »Hab' ich gezögert, als Du ihn fordertest am Vorabend der Feier von Grochow für den Tod des Mannes, der vielleicht der beste Patriot Polens war, auf den bloßen Anschein hin einer Verbindung mit den Russen. Ich habe mir stets Vorwürfe gemacht zugestimmt zu haben, ohne weiter zu prüfen, auf Deine Anklage hin, Priester.«
»Du bist Lemke, der Okuliarnik?«
»Ich bin's! - Traust Du mir jetzt?«
Der Pater reichte ohne Antwort die Hand herüber. »Aber die Andern? Ich muß wissen, wer die Junta bilden soll?«
»Was kümmern Dich die Namen?[«] Vorläufig Oskar Aweide, Mikoschewski, Joseph Janowski, Maikowski und Stephan Lobrowski, bis bessere sich finden.«
»Und ich denke - der meine wird Dir gleichfalls genügen: Ignaz Chmelenski,« sagte der Mann, der ihn empfangen. »Ich bin stolz darauf, das morgende Werk das meine zu nennen.«
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»Und dennoch vermisse ich noch einen Namen, der damals zu uns stand, Traugutt!«
Der Okuliarnik lächelte bitter. »Bist Du und das Weib, das hinter Dir steht, so blutdürstig, daß Ihr es nicht erwarten könnt, bis der litthauische Wolf kommt und Euch Alle zerreißt und Polen sein letztes Blut aussaugt? Laßt Euch begnügen bis dahin an mir! Auch bis dahin wird es an Raubthieren nicht fehlen und wenn Euch so nach Blut gelüstet, statt nach wahrer Freiheit, so macht Jan Karlowicz, oder den schwarzen Jan zum Polizeidirektor der Stadt und Liandowski mit seinen Kerjalisten zum Vollstrecker der Urtheile des Tribunals - ich dünke mich zu gut zum Henkersknecht.«6
Der Pater bedachte sich einige Augenblicke, er war klug genug, einzusehen, daß alle Pläne der revolutionairen Agitation an der schon in jener Phase der Bewegung offen zu Tage tretenden Uneinigkeit scheitern mußten, - aber er verfolgte seine eigenen Zwecke und gedachte unwillkürlich
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der eben gehaltenen Unterredung mit seiner Vertrauten, deren wahren Zwecke das Gehörte fördern mußte.
»Habt Ihr wohl bedacht Brüder, daß ein Bruch mit dem Central-Comité hier auch ein Bruch mit dem in Paris ist und dieses die weiteren Geld-Mittel weigern wird zur Erhebung, wenn alle Gewalt allein in den Händen der Volksjunta liegen soll?«
»Wir brauchen sein englisches und französisches Geld nicht - es ist ohnehin nur der Esaupreis für die Rechte des Volkes zu Gunsten der Adelspartei! Wozu lagern in den Gewölben der Warschauer Finanzkasse in diesem Augenblick fünf Millionen Rubel polnischen Geldes in Gold und Werthen?«
Es war nicht das erste Mal, daß dem habsüchtigen Priester der Gedanke an jene Kapitalien kam, welche den Credit oder Bankerott des Landes ausmachten, ohne daß er ihn bisher näher zu verfolgen gewagt hätte. Jetzt
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mußte er ihn so offen von einem Andern ausgesprochen hören.«
»Wie wäre das möglich - alle Stände würden sich gegen eine Beraubung vereinigen.«
»Wer spricht von einem Raub,« bemerkte der ehrliche Patriot. »Aber wo es das Vaterland gilt ist es kein Raub oder Diebstahl, das Eigenthum des Landes und seiner Bürger in unsern Verwahr zu nehmen. Der größte Theil der polnischen Obligationen ist in den Händen der pariser, londoner und wiener Börse. Rußland hatte bis zum Krimkriege nur 150 Millionen Rubel Nationalschuld - rechnen Sie den zehnten Theil davon als die unsere - wenn wir also drei oder vier Millionen in Paris und London zur Deckung deponiren, und eine Million für die Revolution, das heißt für unsere Befreiung vom russischen Joch verwenden, kann uns Niemand vorwerfen, unsere Nationalschuld nicht zu tilgen und wir werden Kredit genug haben.«
»Aber dazu müßten wir eben Herren der Finanzkasse sein.«
»Wir werden es sein, ehe sie Sorge tragen können, das Geld zwischen die Wälle ihres verfluchten Modlin zu führen.«
Der Priester hätte gern weiter gefragt über Zeit und Mittel, aber er fürchtete sich, Argwohn zu erregen und bedachte zugleich, welche persönlichen Vortheile eine Ueberführung des Staatsvermögens in die Hände der Leiter der Revolution, also nach der Beseitigung des Centralcomité's oder der Adelspartei in die der Volksjunta, der
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Demokratie, selbst wenn sie größtentheils aus Männern von der persönlichen Uneigennützigkeit des Okuliarnik bestanden hätte, seinen Plänen bieten mußte.
»Es wird das Ihre Sache sein, Pan Lemke. Sie werden sich erinnern, daß unser Kloster nicht allein eine sichere Zuflucht für die Waffenvorräthe sondern in seinen verborgenen Gewölben und Gängen auch für andere Gegenstände bieten kann.«
»Eben wegen der Waffen wünsche ich mit Ihnen zu sprechen. Das Depot bei den Bernhardinern ist das bedeutendste.«
»Wir können das Zehnfache in den Grüften unterbringen, ohne daß es auffallen würde. Doch wird es gut bleiben, das Princip der Theilung der Depots festzuhalten.«
»Ich bin der gleichen Meinung, und deshalb soll allein das vordere Magazin bei den Bernhardinern der Volksbewaffnung preis gegeben werden, wenn ein Zusammenstoß mit den Truppen morgen Abend hervorgerufen werden kann, während die Vorräthe im Grabowski'schen und Eckert'schen Hause für die Bewaffnung im Lande bewahrt bleiben müssen.«
»So ist der offne Kampf beschlossen?«
Die Glocken im Bernhardiner Thurm und der Kreuzkirche sollen das Signal dazu geben - treffen Sie Ihre Vorbereitungen. Das Kloster ist bei der Nähe der Statthalterei ein wichtiger Posten in unsern Händen, den man von der Citadelle aus schonen muß, da er in der Schußlinie des Schlosses liegt. Die Kirche darf dem Eindringen des Volks kein Hinderniß bieten; selbst wenn die
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Ueberraschung des Schlosses nach dem Fall des Statthalters nicht gelingt, kann der Einbruch immer leichter auf einen Putsch des Pöbels geschoben werden, wie im Februar des vorigen Jahres. - Ihr Priester versteht Euch auf die Ausflüchte, - doch werden sie hoffentlich diesmal nicht nöthig sein!«
»Ein kluger General berechnet alle Fälle und hält sich einen Rückweg offen. So lange unsere Feinde im Besitz der Citadelle und Modlins sind, nützt der Tod des Einzelnen wenig.«
»Dennoch ist er ein Anfang und spart das Blut von Tausenden. Wenn die siebenzig Büchsen, die in Ihrer Gruft versteckt sind, sich in den Händen entschlossener Männer befinden, wird es gelingen, das Kloster zu halten und die Brücke nach Praga zu sperren, bis das Volk uns zu Hilfe kommt und die Revolution erklärt ist. Die Dembinska kann statt ihrer Weiberpost,7 die gegenwärtig alle Befehle und Nachrichten überbringt, unsere Dekrete in allen Prichoden der Woiwodschaft in drei Tagen offen anschlagen lassen!«
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»Auf welche Macht rechnen Sie bei dem ersten Ausbruch morgen?«
»Zweitausend entschlossene Männer - sie sind bereits in Sectionen getheilt und die Kreuzstraßen und Punkte ihnen bekannt, die sie zu besetzen haben, sobald der Glockenruf ertönt! Wenn dann der Schuß im sächsischen Garten gefallen und die Nachricht vom Tode des Generalgouverneurs bekannt ist, versammeln sich die Direktoren der sechs Wudzials und ihre Secretaire im Auditorium Dubawskis und Kapitain Galewski8 übernimmt die Leitung des Kampfes, bis der General eintrifft!«
»Der General - welcher?«
»Wer anders als Miroslawski - oder glauben Sie, daß wir auf den Sendling der Aristokraten in Paris warten wollen? Wenn der Kapitain Langiewicz Muth und Patriotismus hätte, wie wir ihn brauchen, würde er längst die bewaffnete Erhebung proclamirt haben,9 statt
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unser Geld für alte preußische Waffen in Paris und Berlin zu vergeuden und die Zeit zu verschwenden, bis die Moskowiten vom Niemen bis zur Donau gerüstet sind. Fluch über die Zeitverschwendung, die uns Alle verdirbt, und an den Strick liefern mag! - Schmach über die Söhne Polens selbst - Sie wissen jetzt, Hilarius, von welcher Seite allein her Sie die Befreiung Polens und des katholischen Glaubens zu erwarten haben und es ist Zeit, Chmelenski, daß wir die Nerven noch durch eine Stunde Schlaf für unsere Aufgabe stärken mögen, ich sehe ohnehin, daß Wenzel uns daran erinnern will, daß die Frist zu Ende ist, in der wir Sicherheit auf dem Floß genießen!«
Der alte Flißak hatte sich in der That erhoben und kam, um daran zu mahnen, daß nach der strengen Verordnung auch das Feuer der Tänzer um 11 Uhr gelöscht werden müsse und kein Boot mehr den Fluß kreuzen dürfe. -
Als vorhin das Flißakenmädchen noch einmal dem russischen Offizier sich genähert, hatte dieser ihre Hand festgehalten.
»Willst Du fünf blanke Silberrubel verdienen, Dirne?« frug er.
»Wie gerne Pan, gnädigster, die Minka ist sehr arm. Was befiehlst Du?«
»Du gefällst mir, Dirne,« sagte der Russe brutal, »und sollst mir eine Stunde verkürzen - siehst Du die Laterne dort drüben am Ufer?«
»Ja Herr!«
»Mein Jäger Iwan wird unter ihr warten und Dich zu mir führen.«
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»Aber ich muß in einer Stunde zurück sein, der Jaref, mein Bräutigam rudert vor Mitternacht die fremden Männer hinüber, und dann könnte ich nicht mehr zurück zum Floß!«
»Närrin, was kümmert mich der Jaref, ich werde doch nach einem schlechten Flißakenburschen nicht mein Vergnügen bemessen sollen, wenn Du mir behagst. Entschließ Dich kurz - shorte wos mi - ich glaube schwerlich, daß es Deiner Toilette großen Schaden thun wird, wenn Du nöthigenfalls eine Stunde später hierher schwimmst. - Ihr Leute sollt ja ohnehin wie die Wasserratten tauchen!«
Der Rath entschied. - Fünf Silberrubel war für die Aermste ein Kapital, welcher Putz dafür zum Aerger ihrer Gefährtinnen zu kaufen, und ihre Tugend und Treue nicht sehr groß.
»Ich komme Herr« sagte die Dirne, »muß nur noch einmal zu den Andern.«
Er stieg in die noch harrende Gondel, der tartarische Fürst empfing ihn mit einem frivolen Scherz, Fürst Ylinski[Ilinski] schwieg in tiefen Gedanken, die taktlose, voreilige Anspielung des Kosakenchefs hatte ihm gezeigt, daß sein Verhältniß mit der jungen Polin doch nicht so unbemerkt geblieben schien und zu Redereien Veranlassung gegeben hatte. Er hatte das Mädchen in der That geliebt, bei seinen selbständigen Verhältnissen auch nur vor Jahresfrist seinen Abschied genommen, um ihr aus dem Gesicht zu kommen und ihr die Trennung zu erleichtern, da bei der ausgesprochenen Antipathie der Mutter gegen seine Nationalität eine Einwilligung zu ihrer Verbindung nicht zu
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hoffen war und sein Oheim ohnehin ihm eine andere bestimmt und bereits eingeleitet hatte. Während des Aufenthalts in Paris hatte der Fürst sich jedoch überzeugt, daß es ihm nicht so leicht werden würde, eine Convenienzheirath zu schließen und seiner Liebe zu entsagen. Entgegen der gewöhnlichen Erfahrung in der Liebe war mit dem erlangten Sieg und der Entfernung seine Neigung für die junge Mutter nur gestiegen und er hatte allerlei Vorwände gesucht, der Verbindung, die ihm sein Oheim bestimmt, auszuweichen, und als ihm von Petersburg die Nachricht von der bevorstehenden Ernennung des Großfürsten zum Vicekönig von Polen bekannt wurde, durch die ihm zu Gebote stehenden Kanäle unter dem Vorwand der wieder gekräftigten Gesundheit und der Kenntniß der warschauer Verhältnisse seine Wiederanstellung im Stabe des Großfürsten durchgesetzt. Seither war jede Verbindung mit der Comteß abgebrochen gewesen, aber die Erinnerung des alten Offiziers an sie, hatte wie mit einem Zauberschlag auch ein anderes Gefühl in seinem Herzen wach gerufen, die Vaterliebe, und er hatte beschlossen, sobald wie möglich sich über das Schicksal des verstoßenen Kindes wie seiner Mutter Gewißheit zu verschaffen. Wer möchte es ein Spiel des Zufalls nennen, daß fast zur selben Zeit, wo die zufällige Erwähnung seines Namens, der das Herz der armen Mutter erschütterte und sie an das Kind ihrer Liebe mahnte, auch die Gefühle des Vaters für die beiden Wesen angeregt wurden und sich zu einem festen Entschluß gestählt hatten.
Während die Gondel auch ihn mit den Kameraden und den Damen zum Ufer der Citadelle zurückführte und
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dort ans Land setzte und Atschikoff an seinen Jäger die Instruktion gab, das Flißakenmädchen zu erwarten und mittels Droschke heimlich nach seiner Wohnung zu führen, hatte der Fürst überdacht, auf welche Weise er am andern Tage seine Erkundigungen einziehen könnte, und bald darauf, nachdem man die Damen zu ihren Wohnungen zurück geleitet hatte, trennten sich die Offiziere. -
Es war um dieselbe Zeit, als die Verschworenen von dem alten Flißaken und dem Liebsten der hübschen Minka in mehreren Gruppen nach dem rechten und linken Weichselufer zurückgerudert wurden, wobei es dem Mädchen gelang, unbemerkt zu dem verabredeten Rendezvous zu entwischen. Nach dem Gelöbniß des Paters, sich der Junta anzuschließen, hatte jedes Mißtrauen der Männer aufgehört, die ihn bisher noch immer für einen Anhänger der Weißen, also der Aristokraten gehalten, zu deren Partei sich während der ganzen Empörung die Geistlichkeit hielt, wenn sie auch keinen Anstand nahm, für die Zwecke der Revolution oder nach den Anweisungen von Rom her, mit der Demokratie gemeinschaftliche Sache zu machen. Es war in der That ein trauriges Spiel, das mit dem Blute und dem Patriotismus eines sonst edlen Volkes gespielt wurde, nicht sowohl von dem unruhigen Geist der Revolution für Freiheit und Selbstständigkeit getrieben, als um den politischen Zwecken des Vaticans und der Kabinete von Paris, London und Wien zu dienen, oder dem Ehrgeiz des Adels und einiger Heißsporne. Erst das Jahr 1866 sollte auch den blindesten Augen das frevle Spiel vollständig aufdecken, das hier weniger gegen Rußland, als
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hauptsächlich gegen Preußen und das protestantische Deutschland stattfand, und das unter der Maske der Constituirung eines neuen Polen die preußische Entwickelung hindern sollte.
Als der Okuliarnik als der Letzte der Verschworenen von dem alten Flißaken schied, empfahl er ihm noch ganz besonders an, bei dem geringsten Anschein von Gefahr oder Mißtrauen der Wachen auf den Wällen, das Floß sofort treiben zu lassen bis außerhalb der Rojatke.
Es war 11 Uhr vorüber, als der Jäger Iwan das Flißakenmädchen unter der Laterne traf, den Mantel über sie warf und sie in den Fiakre hob, der unfern der Stelle wartete, trotz des Widerspruchs, den sie versuchte. »Der Gospodin hat's befohlen! Also Paschol!« war seine einzige Antwort. -
In dem geräumigen Zimmer, das der Kapitain Atschikoff neben seinem Bureau im Krasinskischen Palais, dem Kriegsgouvernement bewohnte, stand ein Tisch gedeckt mit kalter Küche und Champagnerflaschen in eisgekühlten Kübeln - daneben der Samowar mit Wasser zum Punsch - auf dem Divan streckte sich der Herr der Wohnung in bequem seidenen Schlafrock, als endlich der Jäger die Dirne in's Zimmer stieß, die Thür hinter ihr schloß und sich davor setzte, um jede Störung zu hindern.
Die Flißakendirne hatte noch niemals solchen Luxus gesehen, solche Delikatessen gegessen, hartes Brod, Speck und Wutki waren ihre höchsten Genüsse gewesen.
»Komm her, Dirne - hat der Iwan Dir Becken und Krug zum Waschen gegeben - ah, schau, bist sauber und schmuck geworden, wie Dir's kaum alle hohen
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Festtage passirt! Da setz Dich her und stoß mit mir an! Gefällst mir!«
Er zog sie zu sich auf den Divan und nöthigte ihr den Champagnerkelch auf. »Nimm, iß, trink was Du willst, Dirne, wird Dir selten so geboten werden bei Deinem Volk! Mach' keine Umstände, Fratz! Sollst Dir's zur Ehre schätzen, wenn ein Mann wie ich Gefallen an Dir findet!« Er griff in die reichen Schätze ihrer Natur und stürzte dazu den schäumenden Trank hinunter, an dem die Dirne nach den ersten Gläsern bereits Gefallen fand.
»O Herr, gnädigster, werd ich kommen zu spät auf's Floß - wird der Jaref mich schlagen halb todt und sprechen kein Wort mehr mit mir!«
»So laß den Burschen laufen und bleib hier in Warschau, ein Dienst für Leute Deines Schlages findet sich leicht. Ich werde morgen dem Iwan Auftrag geben, einen passenden für Dich zu suchen, der Hausmeister des Palais wird Vernunft annehmen und gern beide Augen zudrücken, wenn man einen Imperial darauf legt. Was sprachst Du doch von Männern, welche Dein Liebster und der Floßherr zurückrudern sollten an's Ufer - habt Ihr noch andere Zuschauer gehabt, als uns?«
»Die Pans aus Warschau, die schon an den beiden letzten Abenden kamen, es war ein heiliger Priester darunter heute und der Wenzel, der über uns befiehlt, hat ihn selber abgeholt mit dem Kahn.«
Der Kapitain setzte das Glas, das er eben zum Munde hob, nieder und wandte sich aufmerksam zu der Dirne.
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»Polen? - kanntest Du sie? Von Eurem Volke, Kaufleute, Holzhändler?«
»Weiß nicht, Herr - doch sind sie nicht von unserm Volk, scheinen vornehme Herrn, Gospodins! Wir durften sie nicht stören, und blieben um ihretwillen zwei Tage auf der Weichsel liegen, wie ich den Wenzel sagen hörte; die Herrn vom Amt durften Nichts davon wissen, daß sie des Abends zu uns kamen.«
»Aber wir waren doch eine halbe Stunde auf dem Floß, ohne daß ich Fremde sah!?«
Die Dirne lachte. »Waren in Flißaken-Kitteln, und lagen zwischen den Rudern, wo der Feuerschein nicht hinreicht. Russen-Gospodine haben schlechte Augen, wenn es gilt Polenpans zu sehen!«
Der Kapitain war bei dem Geplauder der Dirne immer aufmerksamer geworden, noch glaubte er, es handle sich um eine der gewöhnlichen Schmuggler-Geschichten, für welche Offiziere wie Beamte gleich nachsichtig sind, wenn es nicht ihr eigenes Interesse gilt. Aber schon die nächste Antwort sollte ihn eines Andern belehren.
»Hast Du keinen der verkleideten Männer erkannt? Von was sprachen sie?«
»Ich kenne sie nicht - hab' auch Nichts verstanden, nur daß morgen geschehen soll Etwas in Warschau, hoffen großen Erfolg davon, sehr blutig morgen Abend und soll der Wenzel machen das Floß triftig, könnten schießen von der Citadelle und treffen unser Volk.«
Die Nachricht schien dem Kapitain doch bedenklich und forderte seine Aufmerksamkeit. Einige weitere geschickte
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Fragen, ohne auffällig zu sein und das Mißtrauen des Flißakenmädchens zu erregen, gaben ihm die Gewißheit, daß schon seit einiger Zeit die Flößer ohne selbst zu der Agitationspartei zu gehören, doch von dieser gebraucht worden waren, um Personen und Sendungen, wahrscheinlich Waffen von Krakau und Galizien her nach Warschau und den nördlichern Kreisen einzuschmuggeln, daß die Flöße bereits öfter zu geheimen Zusammenkünften verdächtiger Personen, selbst unter den Augen der russischen Militairbehörden hatten dienen müssen und daß eine strengere Ueberwachung dieser Fahrzeuge auf der Weichsel dringend nothwendig sei und vielleicht zu wichtigen Entdeckungen führen könne. Ohne dabei seine nächsten Zwecke aufgeben zu wollen, beschloß er doch, das Mädchen zu wichtigeren Ermittelungen, sei es mit, sei es gegen ihren Willen zurückzuhalten und sie am Morgen der Polizei zu übergeben, die sich von der Wahrheit oder Grundlosigkeit ihres Geschwätzes überzeugen möge. In jedem Fall war die Dirne hübsch und originell genug, ihm für einige Zeit zur Befriedigung der Sinnlichkeit zu dienen.
»Mach Dir keine Sorgen um Dich und um die Deinen, Mädchen,« sagte er, »und iß und trink, - und suche unbe[be]kümmert das Lager - am Morgen bei guter Zeit soll Iwan Dich zum Strom zurückführen und sorgen, daß Deiner Ueberfahrt Nichts in den Weg gelegt wird, wenn Du nicht lieber vorziehst, das erbärmliche Leben bei Deinem Volk ganz zu verlassen. Ueberleg Dir's reiflich, indeß ich noch einiges Dringende erledige. In einer halben Stunde bin ich bei Dir, und theile mit Dir das Lager.«
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Er führte sie zum Schlafgemach, reichte ihr eine Kerze und kehrte dann rasch zum Schreibtisch zurück, überzeugt, daß der Wein und die Verlockungen, die er ihr in Aussicht gestellt, genügen würden, sie zu betäuben und zu seinem willenlosen Werkzeug zu machen.
Aber er sollte sich dennoch getäuscht haben.
Die Dirne, wenn auch leichtfertig und habsüchtig war ebenso schlau als entschlossen, und die beharrlichen Fragen hatten sie mißtrauisch gemacht. Wenn auch der Geliebte, oder vielmehr der Bursche, der sie zu seinem Schatz gewählt, wenig auf ihre Treue zu zählen hatte, hing sie doch an ihrer Horde und fürchtete, dieser durch ihre achtlose Offenherzigkeit Gefahr gebracht zu haben. Der Kapitain hatte sie daher kaum allein gelassen, als sie statt das üppige Lager, das er ihr gezeigt zu suchen, zu der von ihm geschlossenen Thür zurückschlich, das Auge an das Schlüsselloch legte und abwechselnd das Ohr an dasselbe preßte. Was sie sah und hörte, vermehrte ihren Verdacht, daß man eine besondere Absicht mit ihr hegte, weit über die hinaus gehend, zu der man sie hierher gebracht hatte.
Der Kapitain hatte einige Zeilen geschrieben und das Blatt geschlossen und versiegelt, dann rief er den im Vorzimmer auf einem Feldbett gelagerten Jäger.
»Iwan - komm hierher - aber still, ohne Geräusch!«
Der Russe war sogleich bei der Hand.
»Was befiehlst du Väterchen?«
»Du weißt die Polizeiwache am Schloß?«
»Gewiß, Gospodin!«
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»Verlaß leise das Zimmer und den Palast. Die Dirne da drinnen darf Nichts merken von dem Auftrage, den ich Dir gebe!«
»Wie Du befiehlst - ich dachte, Iwan sollte sie vor dem Sonnenaufgang zurück bringen zum Strom.«
»Ich habe es anders beschlossen. Dieses Billet bringst Du zur Polizeiwache am Schloß und frägst, ob zufällig Pan Drosdowicz der Kommissar dort ist, andernfalls muß es ihm sofort von dort bestellt werden - er ist der Klügste von Allen und wird seine Maßregeln treffen. Morgen früh wird er wahrscheinlich selbst hierher kommen und Du meldest ihn sogleich. Auf keinen Fall darf das Mädchen eher das Palais verlassen, bis er sie gesprochen hat. Dieses zweite Billet gieb an den kommandirenden Offizier der Wache am Thor der Alexander-Citadelle und sage ihm, es käme von mir. Dann kehre zurück und störe mich nicht weiter bis zum Morgen. Du hast doch ein Karteczka, daß Du durch die Posten und Patrouillen nicht aufgehalten wirst? - sonst, hier in dem Fach liegen sie.«
Das Auge der Flißakin sah, wohin die Hand des Kapitains wies, und wie der Diener eine Passirkarte heraus nahm, ehe er das Zimmer verließ. Sie hatte Verstand genug, um zu begreifen, daß nur im Besitz einer solchen, sie ohne Begleitung durch die Straßen kommen könne, ohne angehalten und festgenommen zu werden.
Aber wie Gelegenheit finden, die Wohnung des Kapitains und den Palast gegen seinen Willen zu verlassen, und doch mußte es geschehn, wenn ihre Landsleute gewarnt werden sollten?
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Sie war zu einem Fenster geschlichen. Die Zimmer, welche der Kapitain in dem Amtsgebäude des Kriegsgouvernements, dem Krasinskischen Palast bewohnte, gingen allerdings nach dem Garten hinaus, aber sie lagen, wie sie sich aus dem bei der Sommerhitze geöffneten Fenster leicht überzeugte, im zweiten Stockwerk, und überdies war die innere Einrichtung des Gebäudes ihr ganz fremd - Iwan der Jäger hatte sie auf einer Seitentreppe herauf geführt. Sie begriff sofort, daß sie nur durch das Fenster entkommen könne und während der Kapitain schlief.
Es liegt in jedem Weibe etwas von der Judith - und ihrem Kampf mit der Brutalität des Holofernes, wenn auch deren heroische That nicht erforderlich ist - das Flißakenmädchen sah mit Befriedigung, wie der Russe fortfuhr sich in dem starken Punsch zu berauschen, während er weiter schrieb. Erst als er sich erhob und den Gashahn herab schraubte und sich zu entkleiden begann, warf sie ihre dürftigen Gewänder ab und schlüpfte auf das Lager, als hätte sie es sofort gesucht.
Sie hörte, wie der Adjutant die Thür mit dem innern Riegel schloß und dann die zum Schlafzimmer aufriß.
»So Täubchen, nun gehört die Nacht uns und Du bleibst hier, bis ich Dir den Käfig öffne. Thu Dein Bestes und Du sollst mit mir zufrieden sein!«
Er taumelte zu dem Lager und langte nach ihr, die Dirne hütete sich, ihm zu widerstreben, umschlang ihn mit den runden Armen und drängte ihm den vollen üppigen Busen entgegen.
Eine Stunde nachher lag der russische Offizier im
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festen willenlosen Schlaf, das tiefe Schnarchen verkündete seine völlige Betäubung, der er nur schwer zu entreißen gewesen wäre. Diesen Augenblick schien die Flißakin abgewartet zu haben, denn leise sich auf ihren Elbogen über ihn stützend, erhob sie sich halb und lauschte sorgfältig, ob ihre ersten Bewegungen ihn aufmerksam machen würden.
Sie hatte sorgsam, mit Gewalt die eigene Betäubung und alle Müdigkeit zurückdrängend auf den Schlag der Uhren von den naheliegenden Kirchen gelauscht und sich überzeugt, daß dieselben zuletzt die erste Stunde nach Mitternacht verkündet hatten. In der Nacht des Hochsommers, obschon der Mond bereits bald nach 11 Uhr untergegangen war, mußte schon nach zwei Stunden die erste Dämmerung beginnen und ihre Flucht erschweren, wo nicht unmöglich machen.
Aber der Kapitain rührte sich nicht, er lag so hilflos wie ein Todter da.
Das Mädchen stieg über ihn weg und ließ sich vorsichtig von dem Lager niedergleiten, zog ihre ärmlichen Kleidungsstücke an und öffnete die Thür des Nebengemachs, das noch matt erleuchtet war von der herabgeschraubten Gasflamme - immer sorgfältig zurücklauschend, ob auch der Offizier nicht erwache, - aber weder das Geräusch noch der Lichtschein störten seinen tiefen Schlaf.
Sie untersuchte jetzt den andern Ausgang, er war in der That von Innen verschlossen.
So gesichert vollendete sie ihre Kleidung, schlich zu dem Arbeitstisch, aus dessen Fächern sie den Jäger hatte die Paßkarte nehmen sehen, suchte nach gleichen und steckte
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zwei derselben zu sich. Die goldene Uhr des Kapitains hing an seinem Schreibtisch, seine Börse lag achtlos offen auf dem Tisch, lüstern blickte sie auf Beide, aber sie unterdrückte jede Versuchung und nahm nichts als die fünf Silberrubel, die er ihr verheißen, den grauen Militairmantel, welchen ihr Iwan umgeworfen, als er sie vom Stromufer hierhergeführt, und die gleiche Mütze, mit der sie ihr Haar bedeckt hatte, alles Andere ließ sie unberührt liegen - man durfte sie nach ihrem Entweichen nicht für eine Diebin halten. Dann ging sie nach dem Schlafzimmer zurück, überzeugte sich nochmals, daß der Mann, der sie ihrer Freiheit berauben wollte, ungestört und fest weiter schlief und trat zu dem halbgeöffneten Fenster. So gut es in dem Halbdunkel ging'[,] prüfte sie den Weg, der ihr zur Flucht blieb, dann schwang sie sich aus dem Fenster auf den breiten unter ihm an der Front des Gebäudes hinlaufenden Steinsims, kroch wie eine Katze auf demselben hin bis zum nächsten Vorsprung, der eine Regenröhre bildete und ließ sich an dieser nieder.
Der Krasinskische Palast, das damalige Kriegs-Gouvernement, stammt wie viele gleiche Bauten, aus der Zeit des König August und ist in italienischem Styl gebaut, also reich mit Stuckaturen geziert, für einen im Klettern gewandten Fuß und eine sichere kräftige Hand das Abklimmen an der Mauer daher keine so schwierige Sache. Das Naturkind, das in den Wäldern ihrer Heimath mit der Gewandheit ihrer Kindheit gewöhnt war, die höchsten Fichten auf und nieder zu steigen, gelangte in wenigen Minuten bis zum Erdboden, da hier keine der Schildwachen
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stand und durch die zahlreichen Vorsprünge Schatten genug vorhanden war, ihre katzenähnlichen Bewegungen fremden Augen zu verbergen. Glücklich auf dem Erdboden angekommen hüllte sie sich in den Soldatenmantel, drückte die flache Mütze auf das Haar und nachdem sie sorgfältig umhergelauscht, um nicht auf Posten oder Patrouillen zu stoßen, schritt sie im Schatten der jetzt laubreichen, parkähnlichen großen Gärten der Seite zu, wo diese an die St. Ferska stoßen. Sie war diesmal und schon früher oft genug in den Straßen von Warschau gewesen, um auf der Fahrt vom Strom mit dem russischen Diener wenigstens im Allgemeinen erkennen zu können, wo sie sich befand und zu wissen, nach welcher Richtung sie sich zu wenden habe, um das Weichselufer zu erreichen, wo sie sich leichter orientiren konnte.
Plötzlich versperrte ihren weitern Weg ein eisernes Gitter, und an ihm entlang schleichend vernahm sie in der nächtlichen Stille das Flüstern zweier Stimmen, als komme es dicht vor ihr aus dem Schatten eines Boskets, und zugleich sah sie von dem nächtlichen Dunkel sich abzeichnend eine hohe männliche Gestalt an dem Gitter hängen, mit der Hand sich festhaltend, daß es schien, als schwebe sie über ihr in der Luft zwischen den Blumen und Büschen. Erst die Gewöhnung des Auges an das Halbdunkel belehrte sie, daß es ein Balkon war, unter dem sie kauerte, und daß dieser zu einem Nachbargrundstück gehörte, von dem her aus der geöffneten Glasthür des Salons oder Balkonzimmers ein gedämpftes Lampenlicht herüberstrahlte und den Schatten des Mannes, der am Gitter hing und
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zugleich eine weibliche Gestalt im weißen weiten Nachtgewand abzeichnete, die auf dem blumenbesetzten Balkon stand und herablehnte.
Das leise Flüstern der Beiden bewies ihr zugleich, daß von einem Einbruch oder anderer Gefahr nicht die Rede, sondern sie nur von einem nächtlichen Liebesrendezvous hier zufällig Zeugin geworden war. Und seltsamer Weise schien die Stimme des Paares, wenigstens der Dame ihr nicht ganz unbekannt.
»Theure Josefa, welches Glück, daß Dein Spiel und Lied mich hier fesselte, als mich das Herz trieb, wenigstens in der Nähe Eures Hauses zu sein und dessen finstere Fenster anzuschauen. Ich hatte keine Ahnung, daß Du mit Deiner Mutter in Warschau weiltest, als ich heute Mittag mit der Base von Petersburg kam, und glaubte Dich in dieser Jahreszeit noch auf dem Gut.«
»Still, Constantin, daß die Mutter uns nicht hören kann, Du weis[ß]t, daß sie jetzt häufig in Warschau ist, ja fast die Hälfte der Zeit hier zubringt, obschon ich am Liebsten in der Einsamkeit unseres Waldes bliebe, wo Alles mir mein Glück und Unglück mit tausend Erinnerungen zurückruft und der Arzt mir auch das Verweilen verordnet. Denn ich lag lange schwer krank nach unserer Trennung und erhoffte den Tod, während Du, wie ich hörte, alle Freuden des Lebens in Paris genössest. Du weißt, was allein mich an's Leben fesselte!«
»So lebt es?«
»Ich hoffe es - morgen erst denke ich die süße Gewißheit zu erhalten, ohne daß Lodoiska meine
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Nachforschung verhindern oder sie erfahren kann. Die Mutter selbst wünscht, daß ich das Spital besuche, oder vielmehr ein unglückliches Mädchen, das dort lebt und mit dem ich ohne Verdacht die Anstalt besuchen darf. In seiner Gesellschaft hörte ich heute Abend bereits, daß Du vielleicht nach Warschau zurückkehren würdest und es leistete mir Beistand, als mein Gefühl mich überwältigte, daß ich in Ohnmacht fiel. Ich bin noch schwach, Constantin, in Folge meiner Krankheit!«
»Seltsam - auch ich wurde heute Abend an Dich und das Band, das uns verknüpft erinnert, und es war die Ursach', die mich hierher trieb, ohne daß ich von Deiner Nähe wußte.«
»So bedurfte es erst einer fremden Erinnerung, o Constantin. Wenn Du wüßtest, wie all meine Gedanken nur bei Dir gewesen sind, selbst in meinen Fieberträumen, und wie schwer ich endlich überwunden und mich dem harten Willen Lodoiskas gefügt hatte. Männer wissen nicht, was lieben heißt und wie schwer es einem Frauenherzen wird, selbst die natürlichen Gefühle der Mutter und Gattin zu unterdrücken. Dennoch bezwang ich mich, selbst als ich zufällig von der Mutter vernahm, daß Du einer Andern gehören solltest und Dich um ihre Hand in Paris bewürbest - ich traute ja noch immer auf Dein Gelöbniß und daß es unmöglich wäre, daß Du mein allzuvertrauendes Herz getäuscht hättest, und dabei jeden Trost, selbst den der Schwester entbehren zu müssen, kein Wesen zu haben, in dessen Busen man seinen Schmerz, sein Leid
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ausschütten darf - nicht einmal dem Ohr des geheiligten Priesters, denn die Kirche würde die ungetreue Tochter Polens und seines Glaubens nicht weniger verfluchen, wie die leibliche Mutter, wenn sie wüßte, daß ihr Herz noch immer an dem Feinde ihres Landes und ihres Glaubens hängt!«
Der russische Offizier murmelte einen Fluch. »Armes Kind, so ist das Gerücht auch zu Dir gedrungen? Aber fürchte Nichts Josefa, es ist eitel Geschwätz. Mein Oheim, von dem unsere ganze Zukunft abhängt, wollte mich zwar seinem Willen zwingen und mich einer Anderen verloben. Aber ich habe gefühlt, daß ich nicht von Dir lassen kann und will, und im letzten Augenblick alle Fesseln gesprengt. Deshalb suchte ich wieder Dienste nach und kehrte nach Petersburg zurück, wo ich dem Oheim offen meine Weigerung und meine Liebe zu Dir erklärte, und daß ich lieber auf seine Güter verzichten als eine Andere heirathen will. Er ist ein seltsamer, eitler und starrer Charakter, da es ihm aber nur darauf ankommt, einen Erben seines Stammes und Namens zu haben, und da er hörte, daß ein solcher vielleicht vorhanden wäre, zog er andere Saiten auf und gab seine Einwilligung, daß ich wieder hierher nach Warschau ginge und meine Bewerbung um Dich offen erneuerte. Wenn es mir gelingt, mich auszuzeichnen und seinen Stolz auf mich zu erregen, oder die Großfürstin für unsere Liebe zu interessiren, wird er unserm Glück nicht im Wege stehn. Du siehst also, daß unsere Hoffnungen nicht so haltlos sind!«
»Du vergissest das schlimmere Hinderniß, das ihnen
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im Wege steht, den Widerwillen meiner Mutter gegen die Unterdrücker Polens!«
»Hole der Henker ihren Starrsinn! Es wird sich wohl noch ein Priester Eures Glaubens für Geld finden, der die Todsünde vergiebt, einen Russen zum Schwiegersohn zu haben, um so leichter, wenn sie die andere Tochter der heiligen Kirche opfert. Habe ich die Einwilligung meines Oheims und des Kaisers, so entführe ich Dich nöthigenfalls mit Gewalt allen fanatischen Weibern, selbst Deiner eigenen Mutter und Schwester zum Trotz! Wann gehst Du morgen zum Spital und wer ist die Freundin, die Du dort gefunden?«
»Die Braut des Mannes, den Du selbst an jenem traurigen Abend kennen und achten lerntest, obschon er Dein politischer Feind war, des Grafen Oginski, der so unglücklich in dem Februar-Conflict endete, - ein Fräulein Marowska!«
»Die Schwärmerin, ich habe von ihr gehört, - wenn ich mich recht erinnere durch einen unserer Spione im polnischen Central-Comité. Hüte Dich, Dich von ihrem Fanatismus anstecken zu lassen und erinnere Dich, daß Du einem Russen gehörst und das Weib ihrem Manne folgen muß, wie Ruth in der Bibel sagt, soviel ich mich deren noch erinnere. Sei vorsichtig in Deinen Nachforschungen nach dem Kinde, oder überlasse sie besser mir.«
»Das Herz einer Mutter wird es leichter finden und zu lange ist es feig ihm fern geblieben - jetzt da ich weiß, daß auch das Deine für das unglückliche Wesen schlägt, werd' ich vor Nichts mehr zagen. Eine Stunde
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vor Mittag fahre ich zum Spital - vielleicht ist es Dir möglich, mich dort zu treffen, der Zutritt steht allen Fremden offen und mein Auge würde ohne Worte Dich wissen lassen, ob mein Besuch von Erfolg gewesen ist, oder nicht. Doch jetzt gehe, ich darf nicht länger mehr zögern. Die heilige Jungfrau sei gebenedeiet für das Glück, daß sie mich Dich sehen ließ!«
Er haschte nach ihrer Hand, und das vergebliche Bemühen war die Ursach', daß seine andere die Gitterstäbe des Balkons fahren ließ und er zu Boden springen mußte, um nicht zu fallen, zugleich auch, daß er dicht vor dem Flißakenmädchen stand, bevor dieses sich seinem Blick entziehen konnte.
»Shorte wos mi - wer lauscht hier? ein Soldat - wer bist Du Kerl und wo kommst Du her?«
»Erbarmen, gnädigster Herr - ich bin kein Soldat, bin arme Flißakendirn, aus dem Radomer Gouvernement, von den Sümpfen des Son her, wo die gnädigste Gräfin im Kreise zu Hause ist, war die Milchschwester von Liebsten Ihrigten.« Sie hatte den Militärmantel fallen lassen, die Hand des Offiziers zerrte sie aus der gefährlichen Nähe des Hauses bis in den Schein der nächsten Laterne.
»Was zum Henker, ist das am Ende gar die Flißakendirne, die heute Abend auf dem Floß an der Citadelle tanzte! Wie kommst Du hierher und ist es wahr, daß Du eine Milchschwester der Comteß Dembinska bist?«
»Ist sich gewiß wahr, von Comteß Lodoiska, die eine fromme Klosterfrau werden wird in Sandomierce im nächsten Jahr.«
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»Aber wie kommst Du hierher?«
»Vom großen Haus drüben jenseits des Gartens, wo die vielen Soldaten stehn auf dem Platz. Bin ich eine arme Dirn und hat der Gospodin, der gewesen ist mit Ihnen auf unserem Floß diesen Abend, mir befohlen zu kommen an's Ufer, weil ich ihm hab' gefallen und hat mir versprochen, mich wieder führen zu lassen zu unserm Floß zu rechter Zeit durch seinen Jäger, aber hat nicht gehalten Wort und mich zwingen wollen, bei ihm zu bleiben und hab' ich nicht bleiben dürfen, ohn Erlaubniß von Meinigten. Bin ich entsprungen aus großem Schloß und gelaufen bis hierher, um zu kommen zum Strom!«
Es zuckte ein schadenfrohes Hohnlachen über das Gesicht des Fürsten. »Was - sprichst Du vom Kapitain Atschikoff, und hast Du da drüben bei ihm im Gouvernements-Gebäude die Nacht zugebracht!«
»Ist sich Unrecht von mir an Jaref meinen Schatz, aber bin ich ein armes Mädchen, und hab ich Gospodin Nichts gestohlen, als ich bin entwischt, als die Rubel, die er mir hat versprochen.«
Der Fürst lachte auf. »Und wie bist Du dem Kapitain entwischt?«
»Ist Gospodin Kapitain ein sehr grausamer Herr, der es schlimm macht mit den Weibern. Schläft so fest, wie ein Hamster oder der Bär im Winter. Bin ich gestiegen aus Fenster und gestiegen an die Wand herab, da er gar so böser Mann und hält nicht armen Flißakenmädchen sein Wort. Will sie morgen stecken lassen in's finstere Loch, damit sie nicht haben will, was er ihr
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versprochen und verrathen ihre Freunde und Landsleute. Ist sich nicht wie gnädiger Herr, der liebt und halten will sein Versprechen an gnädigste junge Grafin, die doch ist die Milchschwester von armer Minka, die sie liebt über Alles und ihr gern leisten möcht einen Dienst und koste es ihr Leben.«
Der Fürst sann nach - die Andeutung der rohen Dirne hatte ihm gezeigt, daß sie doch mehr gehört und verstanden hatte, als ihm lieb sein konnte. Zugleich juckte es ihn, dem Kameraden einen Streich spielen zu können, mit dem er ihn später aufziehen konnte. Das Mädchen schaute ihn furchtsam an und dachte nach, wie es das Erlauschte zu seinen Gunsten benutzen könne; daß er der gewöhnlichen Verführung nicht zugänglich und ein anderer Mann war als der brutale Wüstling, dessen Händen sie eben entkommen war, begriff sie wohl, auch empfand sie wirklich aufrichtige Neigung für ihre Milchschwester und Theilnahme an deren Liebe - hilft doch ein Weib gern dem andern, wo es auf Herzenssachen oder deren Förderung ankommt gegenüber dem Druck feindlicher Verhältnisse oder Personen.
Der Fürst hatte ihr befohlen, Mantel und Mütze wieder anzulegen und ihm zur Seite zu bleiben.
»So willst Du wirklich nur zur Weichsel und den Deinen zurückkehren und Warschau sobald als möglich verlassen?«
»Gott und die Heiligen mögen mir dazuhelfen - und werde ich leicht mein Floß finden, wenn ich nur fort bin von hier und gnädigster Herr mir helfen wollen vor
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schlimmem Gospodin. Könnt armes Flißakenmädchen vielleicht auch helfen dem hohen Herrn zu seinem Ziel mit einem Dienst. Ist kein Mäuslein so klein, daß sein Zahn nicht durchnagen könnte das Netz für großen Edelhirsch. Wenn mich nehmen wollte Gräfin Josefa in Herrendienst ihrigten, könnte die Minka vielleicht nützen gar viel, da sie jetzt weiß, woran ihr Herz hängt. Der Jaref kann warten noch ein oder zwei Jahr, gnädiger Gospodin giebt ihm dann vielleicht einen besseren Dienst, wenn erst wieder Ruhe im Lande und sie nicht mehr erschlagen wollen die großen Herren, die doch haben das Regiment in Polen, denn mein Liebster ist ein guter Jäger, der nicht fürchtet Wolf oder Bär, und das Holzhauen im Walde und Flößen auf dem Wasser ist ein schlimmes Brod und bringt wenig Geld. Der Jaref und die Minka kennen die besten Plätze auf dem Strom durch ganz Masovien von der Gränze her, wo das Wild in den Bergen steht und die vielen Fremden auf den Ruf von Warschau herkommen, um wieder Krieg zu machen gegen die Russen Gospodine, wie zur Zeit, als meine Mutter jung war und gedient hat in Krakau und bei gnädiger Gräfin in Jablona.«
Dem Fürsten fiel der Name auf, Jablona war das einsame Gut in den Wäldern und Sümpfen an der Dluga, welches die Gräfin Dembinska wegen der Nähe Warschau's bewohnte, zwei Meilen von der Hauptstadt entfernt und in gleicher Entfernung von Modlin, und wo er nach der ersten Bekanntschaft in Warschau bei dem aufgedrungenen Besuch zur Jagdzeit das Verhältniß mit der Geliebten angeknüpft hatte, während die Mutter auf den andern
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Gütern der Familie an der obern Weichsel an der galizischen Grenze weilte.
Ein Gedanke schoß ihm durch den Kopf. »Bist Du selbst in Jablona bekannt?«
»Nein Gospodin - bin aus Masovien, aber kommt unser Volk weit herum am Strom und war schon drei Mal in Warschau auf der Weichsel, mit Wenzel dem Floßherrn. Denn Jaref und ich sind verdingt bei ihm für die Fahrt und halb verwandt mit ihm, wenigstens ich, da er mich über die heilige Taufe gehalten hat. Deshalb hat er mich lieb und muß ich zurück zu ihm, damit er gewarnt wird vor dem schlimmen Gospodin, der es böse meint mit uns. Vielleicht, daß ich jenseits der Gränze in Herrendienst treten kann, bis der Jaref mit ihm eine neue Fahrt macht.«
»Und hast Du niemals daran gedacht, in Dienst Deiner Milchschwester selbst zu treten, bis der Jaref Dich zum Weibe nehmen kann?«
»Wäre zu großes Glück für armes Flißakenmädchen! Wollt ich gar zu gern dienen, ihr und Dir Gospodin!«
»Daran dachte ich eben - vielleicht gelingt es mir, Comteß Josefa noch während Eurer Anwesenheit vor Warschau zu sprechen - Dein Verhältniß zur Familie Dembinska ließe sich leicht zur Grundlage eines Dienstgesuchs machen, wenn Du den Flößer bewegen kannst, Dich freizugeben - vielleicht fände sich auf dem Gut auch ein Dienst für den Jaref, Deinen Liebsten - wenn er es nicht vorzieht, in den meinen zu treten. Versteht er mit Pferden umzugehen, ich habe einen Stallknecht in Petersburg zurück gelassen?«
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»Ist der Jaref ein Krakuse und versteht Alles! Kann auch verstehn Russisch und Deutsch, ist gewesen ein Jahr über der Grenze und wäre ausgehoben sicher unter das Soldatenvolk, wenn er nicht wäre ein Flißak und liebte zu sein ein freier Mann.«
»Nun aus Liebe zu Dir, Dirne, obschon Du ihm wenig treu zu sein scheinst, könnte er's vielleicht versuchen, vielleicht auch kann er uns bessere Dienste leisten auf dem Strom in seinem Metier, da er gewiß viele Deiner Landsleute kennt. Vor Allem seh ich ein, daß Du zurück zu ihm mußt, um Abrede mit ihm und dem Flößer zu nehmen. An Geld, Euern Dienst zu lösen oder Andere in Eure Stelle zu bringen, soll es nicht fehlen, da nimm das zu den Rubeln, die Du von dem Kapitain diese Nacht verdient. Aber merke Dir's, ob aus unserm Handel etwas wird oder nicht, niemals darf die Comteß Josefa wissen, was Du diese Nacht getrieben, so wenig wie der Jaref, Dein Liebster, höchstens der Flößer selbst, - er mag Dir helfen, eine Lüge zu ersinnen, wie Du mich gefunden. Aber wie und wo soll ich Dir zu wissen thun, ob ich die Comteß gesprochen und ob sie einverstanden ist mit meinem Plan?«
Das Mädchen sann einen Augenblick nach, dann sah sie ihn halb schlau, halb furchtsam an.
»Wird der gnädige Herr nicht um Mittag an der Spitalka sein, oder hat arme Flißakendirne falsch gehört?«
»Ich fürchte, Dirne, Deine Ohren waren nur zu gut. Um so nöthiger ist, daß sie gestopft oder so weit entfernt werden, daß sie keinen Schaden mehr thun. Hier nimm
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dies Geld noch, schweige jedenfalls dafür; ob Du kommst oder nichts ich werde zwei Stunden nach Mittag auf der Spitalka sein und muß Dich jetzt verlassen, denn es ist die höchste Zeit, daß auch ich zur Ruhe komme. Wenn Du diese Straße hinab gehst, gelangst Du zum Ufer der Weichsel und in die Nähe der Citadelle, wo Dein Floß lag.« Damit und ohne sich weiter um das Schicksal des niedrig geborenen Mädchens zu kümmern, verließ er sie und wandte sich dem Schloß zu, wo er bei seiner Ankunft von Petersburg vorläufig Wohnung genommen hatte.
Kaum hatte er sie verlassen, als die Flißanka in Angst, nochmals aufgehalten zu werden, in der Richtung des Stromufers davon rannte.
Unterhalb des Schlachthauses, in dem bereits das allnächtliche Leben begann, schlich sie bis zum Strande des hohen Ufers und spähte auf die Wasserfläche, eine Spur des Floßes zu sehen - aber die Dämmerung war noch zu schwer, als daß sie es in dieser Entfernung hätte entdecken können. Nur der Richtung im Allgemeinen konnte sie sich versichern.
»Stoi! gieb Antwort!«
Sie hörte das Klirren der Gewehre einer nahenden Patrouille, zugleich von der Praga-Brücke her den Ruderschlag eines großen Bootes - es war das Fahrzeug der Strompolizei, die ihre Morgenrunde begann.
Einen gellenden Pfiff ließ sie zwischen den Zähnen weit über die Wasserfläche erschallen, das Signal, auf das die Wache der Flißaken zu achten gewohnt war, dann ließ sie Mantel und Mütze fallen und schlug ein Kreuz.
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»Heilige Mutter Gottes von Czenstochau, stehe mir bei!« und ohne zu wissen, ob sie das Floß erreichen könne oder nicht, glitt sie in die trüben Wellen des Stromes in den Morgennebel hinein. - »Komm zurück, Hund, Ausreißer, oder ich schieße! - Richtig, da liegen ein Mantel und Mütze, wieder einer der verdammten Deserteurs, der von seinem Wachtposten entsprungen ist und hinüber schwimmt an's andere Ufer. Vergebne Müh', da drüben kommt er schwerlich durch, wenn er nicht vorher schon im Treibsand der Insel stecken bleibt! Rudert Leute, es ist strenger Befehl gekommen, die Flöße nach Verdächtigen zu untersuchen und die Flößer selbst zu verhaften!«
Es waren die letzten Worte, die sie hörte, hinterdrein das Klatschen einer Kugel auf dem Wasserspiegel. Dann tauchte sie tief unter die Oberfläche nieder. -
Wenzel, der alte Flißak hatte die Polen, die sein Floß zu ihrer Zusammenkunft benutzt, zurück zum Ufer bringen lassen, wobei er das Verschwinden des Mädchens wohl bemerkt hatte, und von dem Letzten die Mahnung erhalten, bei dem geringsten verdächtigen Umstand noch die Stunden der Nacht zu benutzen, die Stellung des Floßes zu ändern und es Strom ab treiben zu lassen. Den Baststrick in der Hand, welcher das Floß festhielt, war er eingeschlummert, als er den Warnungspfiff vom Ufer hörte und mechanisch fast die Verbindung löste. Sofort entfernte sich das Fahrzeug vom Ufer, schwenkte in den Strom und trieb im Nebel langsam auf der trägen Fluth davon. Aber zugleich rüttelte eine Hand den Alten vollends wach.
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Es war Jaref, der zu ihm getreten war. »Es muß da drüben etwas passirt sein, was die Warnung verursacht hat. Das Floß ist jetzt triftig und ich werde das Steuer nehmen. Kriecht unter, Wenzel, - meine Hand genügt und ich habe scharfe Augen und Ohren, wenn die Minka etwa ans Floß will, denn die Dirne fehlt unter den schlafenden Weibern. Wenn Euer Rath oder Hilfe noch nöthig, werd' ich Euch rufen!«
Der Alte schüttelte das Haupt, die Stimme des Burschen klang ihm gar so heiser, aber er tappte ohne weitere Antwort zu der Lagerstätte, warf sich darauf nieder und versank bald in Schlaf, ohne sich weiter um den Groll des Eifersüchtigen zu kümmern. War er doch jetzt sicher, daß wenn man ihr Floß suchte, man es nicht mehr an der früheren Stelle fand, und auf der Strecke bis zur Rogatke jenseits der Citadelle lagen oder trieben der Flöße noch mehrere!


Der Kommissar Drosdowicz pflegte zeitig im Dienst zu sein, er fand auf dem Bureau des Ober-Polizeimeisters die während der Nacht dort abgegebene Anzeige des Stabskapitain und ordnete sofort eine strenge Untersuchung und Ueberwachung der auf dem Strom ankernden Fahrzeuge nach verdächtigen Persönlichkeiten oder den Spuren geheimer Zusammenkünfte an, ehe er sich nach dem Kriegsgouvernement begab, um von dem Offizier, der, wie er wußte, lange schlief und erst spät in den Bureaux erschien, weitere Mittheilungen einzuholen.
Es war bereits 7 Uhr, aber er fand, wie er vermuthet,
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daß der Kapitain noch nicht sichtbar war und den Jäger Iwan noch auf die Oeffnung der Thür des Arbeits- und Schlafzimmers seines Herrn harrend. Mit dem Instinkt eines guten Polizeibeamten wandte er sich zunächst an den Diener und suchte diesen auszuforschen.
Iwan wußte Nichts, als daß er gegen Mitternacht noch von seinem Herrn Befehl erhalten habe, zwei Briefe nach der Polizeimeisterei und der Citadellwache zu bringen und daß sein Herr noch schlafen müsse und vielleicht noch ungestört bleiben wolle, denn die Thür sei von Innen geschlossen, obschon wie er bemerkt habe, das Fenster des Schlafzimmers weit geöffnet sei, wie der Kapitain in den warmen Sommernächten zu thun pflege. Doch habe dieser ihm streng befohlen, ihn zu wecken, sobald der Polizeibeamte erschiene und deshalb wolle er es aus sich nehmen, den Herrn zu rufen, selbst auf die Gefahr hin, sich seinen Unwillen zuzuziehen. Ein schlaues Augenzwinkern belehrte den Beamten, warum er solchen Unwillen besorge. Der Kommissar kümmerte sich wenig um die Ursach und half dem Jäger an der äußern Thür klopfen, als diese nicht sofort geöffnet wurde, dennoch blieb eine Weile lang Alles still - keine Bewegung war im Innern hörbar.
»Hast Du keinen andern Weg zu Deinem Herrn zu gelangen?« frug endlich ungeduldig der Kommissar, der am Fenster des Vorzimmers stand und hinunter auf den Platz vor dem Palais sah, wo ein außergewöhnliches Menschengewühl stattfand und namentlich viele Offiziere und Militairs zum Eingang des Gouvernements eilten.
»Es muß etwas Besonderes dort unten geschehen
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sein, geh hinunter und frage bei der Wache, indeß ich hier Deinen Herrn erwarte, er muß doch endlich öffnen, oder ich werde später wiederkommen, wenn er ausgeschlafen hat.«
Der Jäger eilte die Stiegen hinab, der Weisung zu gehorchen; zugleich hörte der Kommissar im Innern der Wohnung endlich das Schlürfen herannahender Schritte und eine schläfrige Verwünschung - dann wurde der Riegel zurückgeschoben. »Kapitain Atschikoff - ich bin es, der Kommissar Drosdowicz, und auf Ihren ausdrücklichen Wunsch komme ich Sie zu stören!«
»Ach Sie, - der Schurke Iwan hätte mich nicht so lange schlafen lassen sollen! Einen Augenblick, Pan, ich stehe Ihnen sogleich zu Diensten! Zum Henker, der verfluchte Punsch hat mich ganz betäubt!« Und jener vernahm, wie der Schritt nach der Thüre des Schlafzimmers zurückging und der Kapitain diese wieder schloß, nachdem er einige Worte hineingerufen hatte.
Der Kommissar nahm keinen Anstand, sofort einzutreten, der wachsende Lärmen auf dem Platz vor dem Palais hatte ihn besorgt gemacht, zugleich hörte er Rennen und Ausrufungen in den Corridors des Innern, die zu den Bureaux führten. Ein Blick bei dem Eintritt in das Wohn- und Arbeitszimmer des Kapitains belehrte den Beamten, daß hier am Abend vorher eines der gewöhnlichen Gelage oder Soupers wahrscheinlich in Weibergesellschaft statt gehabt haben mußte, als deren Liebhaber der Kapitain bekannt war. Uniformstücke lagen noch unordentlich auf den Möbeln umher, - geöffnete und halb geleerte Champagnerflaschen standen zwischen den Resten
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kalter Speisen auf dem Tisch in der Mitte, der Dunst einer Punschbowle und der unangenehme Geruch einer niedergeschraubten aber noch brennenden Gasflamme vor dem offenbar noch in der Nacht benutzten Arbeitstisch erfüllte das geräumige Gemach - auf der offenen Klappe des Schreibtisches lag eine kostbare goldene Uhr und eine offene Börse mit Gold- und Silbermünzen.
Von der Portière des Schlafzimmers her trat ihm der Stabskapitain in seidenem orientalischen Schlafrock entgegen, zugleich aber stürzte von der anderen Seite athemlos der Jäger Iwan herein.
»Gospodin -« keuchte er ganz außer sich - »Gott und die Heiligen mögen sich's erbarmen - wissen Sie schon das Unglück - ...«
»Was für ein Unglück, Tölpel?«
»O Jammer, Jammer - O Matuschka - was wird der Czar sagen, wenn er's hört!«
Der Kommissar hatte den Verwirrten, Jammernden am Arm gefaßt. »Sprich Kerl - was ist geschehen?«
Der Jäger, immer noch wehklagend, zog ihn und seinen Herrn in's Vorzimmer zum offenen Fenster, das auf den großen Platz vor dem Palast hinaussah. Die Menge füllte ihn jetzt dicht gedrängt Kopf an Kopf, darunter zahlreiche Offiziere, an allen Thüren und Fenstern erschienen Menschengruppen - von der Dluga her sprengten Reiter, einen offenen Wagen umgebend, um den sich die Menge drängte, ein Mann saß im Wagen und hielt einen andern im Arm.
»Jesus, Maria! Das verfluchte Polakenvolk! sie haben ihn erschossen - dort bringen sie seine Leiche!«
»Esel! Wen?«
Eine derbe Ohrfeige schien ihm endlich die Zunge zu lösen.
»Wen anders als Seine Excellenz den gnädigen Herrn General-Gouverneur. Drüben im Sächsischen Garten vor einer halben Stunde!«
»General Lüders?«
»Wen sonst, einen so vornehmen und tapfern Mann! O, das verfluchte polnische Gesindel - die Soldaten zünden die Stadt an allen Ecken an, daß die Meuchelmörder verbrennen mögen in ihren Sünden.«
Der Kommissar war bereits an der Thür, aber noch eilfertiger als er, war der Kapitain hinter ihm und erwischte ihn.
»Halt Kommissar - wenn das Unglück wirklich geschehn und dieser Tölpel uns nicht unnütz in Schrecken jagt - nehmen Sie die Dirne da drinnen fest, - sie muß mehr wissen und kann uns auf die Spur des Mörders bringen. Niemand darf aus dem Zimmer, bis sie in Fesseln liegt. Gott sei Dank - da heben sie den General-Gouverneur aus dem Wagen, - er scheint nur verwundet - Chrulef selbst ist bei ihm! So hat man es wirklich gewagt! Ich eile hinunter, um Näheres zu erfahren.«
»Halt da, Herr« - der Polizeikommissar hatte bereits ohne Weiteres die Thür des Schlafzimmers aufgerissen und schaute in allen Winkeln umher, selbst unter den Möbeln und in die Schränke. »Hier ist Niemand - was
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reden Sie da von den Mördern und von einer Dirne, die sich hier befinden soll. Wer ist sie, wo ist sie?«
Der Offizier, der Beamte, Iwan der Jäger durchsuchten vergeblich die beiden Zimmer, - Niemand war da - der Kommissar hatte selbst den innern Riegel zurückschieben hören und den Kapitain öffnen sehen, - einen andern Ausgang gab es nicht - Iwan hatte seit er die Wohnung wieder betreten auf dem Feldbett im Vorzimmer bis zum Morgen zugebracht und schwor bei allen Heiligen, daß Niemand dasselbe passirt habe, ja daß er sich bei seiner Rückkehr überzeugt hatte, daß die Thür von Innen verschlossen gewesen sei. Man konnte keine Zweifel in seine Aussagen setzen.
»Dann ist die verfluchte Flißakendirne während meines Schlafs durch das Fenster entwischt, aber diese Gemächer liegen im zweiten Stock und die Fenster gehen nach den Gärten hinaus!« Der Kapitain schlug sich selbst vor den Kopf, während er sich rasch in Uniform warf, um hinunter zu eilen.
Der Gang wurde ihm durch den Eintritt eines der Feldwebel aus dem Bureau erspart, der auf dem Wege dahin kam, seinen Chef zu fragen, ob er bereits die nähern Umstände des Attentats vernommen habe.
Als er diesen Bericht mit angehört und daraus ersehen hatte, daß es sich nur um eine schwere Verwundung des Generalgouverneurs handle und dieser sich bereits in den Händen der Militairärzte und in der Wohnung Chrulefs im Gouvernement befinde, der Thäter aber, obschon Hunderte die That mit angesehen hatten, vorläufig
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unbekannt und in dem Gedränge, das sofort an Ort und Stelle entstanden war, entkommen sei, hielt es der Kommissar für verständiger, die Spur zu verfolgen, die ihm hier so unerwartet geworden und auf der Stelle zu ermitteln, ob sie in der That mit dem verübten Verbrechen in Verbindung stehen und auf welche Mitschuldigen sie leiten könne.
»Was veranlaßt Sie zu der Behauptung Herr Kapitain, daß Sie damit den Urhebern auf der Spur sind? Ich weiß zwar, daß ich kein Recht habe, Sie zu befragen und Sie nur dem Militairgerichte Aussage zu machen brauchen; aber ich mache Sie darauf aufmerksam, daß es in Ihrem eigenen Interesse liegen dürfte, mir zuerst Mittheilung zu machen, um beurtheilen zu können, ob sich gegründete Ursachen finden, Ihre Anzeige von dieser Nacht, die ich leider erst diesen Morgen erhielt und deren Ergebniß ich noch nicht kenne, mit diesem verdammten Mordversuch in Zusammenhang zu bringen? Also berichten Sie Kapitain ohne Rückhalt, wen hatten Sie die Nacht bei sich und wie kommen Sie überhaupt zu dem Verdacht? Sie ersparen sich vielleicht eine unnütze Compromittirung, wenn Sie die Sache in meine Hände legen.«
Der Stabskapitain schien dasselbe zu denken und während er den Kopf sich mit Eiswasser übergoß, seine gewöhnliche Kur nach einer Schwelgerei, und seine Gedanken und Erinnerungen sammelte, haben wir Gelegenheit, das Ereigniß des Tages oder vielmehr des Morgens zu erzählen, mit dem die Reihe von Mordversuchen und Meuchelmorden begonnen, welche den neuen polnischen
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Aufstand so sehr schändeten und ihm die Sympathieen aller wahren Freunde der Nation raubten.
Wir haben bereits mitgetheilt, daß der Kaiser Alexander nach dem Rücktritt und Tode Gortschakoffs im Herbst und kurzem Interimisticum im Spätherbst des Jahres vorher den General Lüders zum Chef des I. (polnischen) Armeecorps und Generalstatthalter von Polen ernannt und ihm die Beruhigung und Verwaltung des bereits hochbewegten Königreichs übertragen hatte.
Alexander Nicolajewitsch von Lüders, aus einer ursprünglich deutschen, seit Generationen aber in der russischen Armee dienenden Familie war 1790 geboren, zur Zeit des Mordversuchs also bereits über 71 Jahre alt. Er trat 1807 in die Armee, machte schon den Krieg in Finnland und 1812 bis 1814 gegen Napoleon und bereits 1831 als Generalmajor, an der Spitze seiner Infanterie-Brigade den Sturm auf Warschau mit, focht 1843 im Kaukasus gegen Schamyl, erstürmte dessen für uneinnehmbar gehaltene Felsenfeste Dargo, schlug 1848 und 1849 in Ungarn und Siebenbürgen gegen Bem und Kiß, wurde für den glänzenden Sieg von Groß-Scheuern zum General-Adjutanten ernannt, focht 1853 an der Donau bei Kalafat und Silistria und ermöglichte die Erhaltung der Krim, auch nach dem Fall von Sebastopol. Ein hartnäckiges Augenleiden nöthigte ihn sich lange im Ausland aufzuhalten, bis ihm der Kaiser 1859 wieder den Oberbefehl in Beßarabien übertrug und ihn zwei Jahre nachher nach Polen rief. Er galt als genialer Heerführer, strenger und furchtloser Soldat und wurde selbst von den bessern Führern
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der polnischen Agitation wegen seines biedern und gerechten Charakters hochgeachtet.
Warschau hat den großen Vorzug in Mitten seiner Straßen so zahlreiche Plätze, Gärten und öffentliche Parks und Alleen zu besitzen, wie kaum eine andere große Stadt. Eine der beliebtesten derartigen Anlagen war von jeher der ›Sächsische Garten‹, der im nordwestlichen Theile der Altstadt - zwischen der Königstraße und der Senatorska hinter dem sächsischen Palast liegt, wo die beiden Auguste residirten, und der auf der Nordseite nur durch ein großes eisernes Gitter von dem Markt getrennt ist, welcher an bestimmten Tagen gewöhnlich sehr zahlreich besucht wird. Ein Theil des Sächsischen Gartens, der dem Publikum zur allgemeinen Benutzung offen steht und als Promenade viel besucht wird, ist zum sogenannten Brunnen- und Milchgarten bestimmt, da an der nördlichen Seite die Meierei oder Molkerei liegt und bei dem angränzenden Kaffeehause der Ausschank des Mineralbrunnens ist. In diesem Theile des Gartens pflegte auch der General-Gouverneur Graf Lüders schon während des ganzen Monats früh, kurz vor 7 Uhr, zu erscheinen und den ihm verordneten Brunnen zu trinken. Er bewegte sich höchstens in Begleitung eines Adjutanten in seinem gewöhnlichen Uniformrock mit dem oder jenem seiner Bekannten plaudernd ungenirt in der Menge auf und ab. An dem betreffenden Tage, Freitag den 27. Juni, war der Garten am frühen Morgen sehr zahlreich besucht. Man bemerkte eine Menge polnischer Familien, die in der Nähe der Conditorei Platz genommen hatten oder promenirten. Spätere Ermittlungen
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haben ergeben, daß, als der Graf von dem Sächsischen Platz her wie gewöhnlich eintrat, zwei gutgekleidete Männer, die den Meisten wohl unbekannt blieben, diesen Eintritt beobachteten und dem Eintretenden in einiger Entfernung folgten. Gartenarbeiter erklärten später ausdrücklich, daß sie die Männer mit einander polnisch sprechen hörten, wodurch sich also der Verdacht, daß die That von National-Russen ausgeführt sei, widerlegt.
Wir haben bereits erwähnt, daß General Lüders damals 71 Jahr alt, aber noch sehr rüstig war. Sich unterhaltend ging er nach dem Brunnengarten vor, wechselte hier mit mehreren Offizieren Fragen und Antworten und hatte bereits zwei Glas seines Brunnens getrunken, als er sich, durch das Gedränge der Promenirenden windend, die ihm ehrerbietig Platz machten, in der Nähe des Caffeehauses zwei Männern gegenüber sah. Wie sich nachher ergeben hat und die Aussage des General Lüders bestätigte, waren es zwei in Civil gekleidete Personen, die eine im Alter von etwa 40 Jahren, wahrscheinlich dieselben, die ihn am Eingang des Gartens erwartet hatten. Der General sah die eine Person eine Pistole gegen ihn erheben und sich von der Mündung bedroht. Kurz entschlossen als alter Soldat warf er sich schnell zur Seite und entging so der tödtlichen Richtung des Schusses, der zu gleicher Zeit krachte. Das Pistol war mit drei Kugeln geladen, von denen die eine eine Frau, die hinter dem General gerade vorüberging, in die Schulter verwundete, die andere aber den Grafen durch seine rasche Wendung nicht vollständig in den Kopf, sondern nur in den Mund traf und über
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dem Kinnbacken durch die Wange hinausschlug. Die Spuren der dritten Kugel hat man später gefunden.
Der Schuß machte im Augenblick solch allgemeines Aufsehen und erregte soviel Entsetzen, daß es dem Mörder, welcher gleich nach Abgabe des Schusses sich umdrehte und in der Menge zu verschwinden suchte, in der That gelang, sich der Verfolgung zu entziehen. Man nimmt an, daß er dabei der wohl überlegten Richtung folgte, die sein Begleiter einschlug und die durch das Caffeehaus ging und nach dem nahen Markte führte. Kurzum Thatsache war es, daß der Attentäter unverfolgt und unergriffen entkommen war und auch nicht ermittelt werden konnte, da die russischen Offiziere und alle Bessergesinnten sofort sich um den General sammelten, und die Verwirrung eine große war. Graf Lüders selbst hatte seine Fassung behalten. Ein Tuch auf die Wunde gedrückt, aus der Blut und Knochensplitter drangen, ließ er sich von seinem Adjutanten nach dem Kriegs-Gouvernement bringen, woselbst die erste Verbandanlegung erfolgte.
Dies war die Nachricht, die Kapitain Atschikoff dem Commissar Drosdowicz brachte mit der beruhigenden, von den rasch herbeigeeilten Aerzten ertheilten Versicherung, daß die Verwundung, wenn auch schmerzhaft und langwierig in ihrer Heilung, doch keine unmittelbare Lebensgefahr involvire. General Chrulef und der Militair-Gouverneur waren sofort um den Verwundeten beschäftigt, der alle zu treffenden Maßregeln beaufsichtigte und sich alsdann erst in den Gouvernements-Palast bringen ließ. Dieser Ruhe und Umsicht allein war es zu danken, daß
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das mißlungene Attentat keinerlei Folgen weiter hatte. Der General-Gouverneur sorgte sofort dafür, daß der Kaiser durch den Telegraph benachrichtigt und beruhigt wurde und daß alle Anstalten getroffen würden, um jeden Ausbruch einer Revolte im Keime zu ersticken. Aber zu einem solchen Versuch kam es auch nicht, da die Nachricht von dem mißglückten Versuch sich rasch in allen Kreisen verbreitete und man fand, daß das Militair gegen jeden beabsichtigten Putsch Vorkehrungen getroffen hatte. Ohnehin sprach sich die allgemeine Entrüstung gegen den nicht im polnischen Charakter liegenden Meuchelmord aus. Noch war es nicht 8 Uhr, als schon der Chef der Civilverwaltung. Graf Wielopolski und die Spitzen der städtischen Behörden zum Schloß eilten, ihre Theilnahme an dem Attentat und die glückliche Rettung zu bekunden, die Partei der Schwarzen, von welcher es geplant worden, mußte also erkennen lernen, daß ihre Zeit noch nicht gekommen und das Volk zur bewaffneten Erhebung noch nicht reif sei.
Drosdowicz hatte den Stabskapitain bedrängt, ihm ehrlich die Wahrheit zu sagen und dieser hatte denn auch berichtet, wie und wo er die Flißakin getroffen und daß er nicht wisse, wo dieselbe geblieben sei. Der Commissar konnte ihm später nur mittheilen, daß auch ihm jede Spur von ihr verloren gegangen und er die des Floss[ß]es an der angegebenen Stelle nicht gefunden habe. Bei den zahlreichen Fahrzeugen, welche damals den Fluß bedeckten, war es nicht möglich, das richtige zu ermitteln und er konnte also nur eine strengere Aufsicht auf das bisher für unschuldig
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gehaltene Verkehrsmittel anordnen und die Controle auf dem Strom vermehren. -
Es war am Nachmittag als der Fürst Ilinski, dessen Uebersiedlung nach dem Belvedere durch das Ereigniß des Tages verzögert worden war, nach dem Bericht an den Großfürsten zur Spitalka sich begab, um dort, wie er versprochen, seine Geliebte zu treffen und womöglich auch die Nachricht der Flißakin in Empfang zu nehmen. Sehr leicht gelang es ihm, bei dem Direktor des Spitals Eingang zu finden, und die Versicherung, daß die Großfürstin bei dem Besuch Warschau's auch die Krankenanstalt und das Findelhaus in Augenschein nehmen werde, ja besonders ihren persönlichen Schutz ihm zusichere, veranlaßte den Beamten sich ihm zur Besichtigung der Einrichtungen und Räume zur Disposition zu stellen. In dem Bureau der Findelanstalt gelang es dem Fürsten leicht eine Vorlegung der Bücher und Listen der Aufgenommenen sich zu verschaffen.
»Durchlaucht wissen, daß unsere Damen der Anstalt ihr besonderes Interesse widmen. Ihrer Kaiserlichen Hoheit Gnade für dieselbe wird also mit besonderem Dank anerkannt werden,« berichtete der Beamte. »Es geschieht täglich, daß die vornehmsten Frauen mit dem Schicksal der armen Unmündigen sich beschäftigen und für sie sorgen. Noch heute haben wir der Gräfin Dembinska die Einsicht in das Aufnahmejournal gestatten müssen, und sie hat versprochen, sich eines der Pfleglinge besonders anzunehmen.«
Den Fürsten, so materiell er auch sonst war, durchbebte doch bei dieser Nachricht ein eigenes Gefühl.
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»Ich habe die Ehre, die Gräfin Dembinska früher gekannt zu haben, wenigstens erinnere ich mich ihrer aus den Soiréen des Fürsten Gortschakoff. Obgleich ihre Familie keineswegs zur Regierungspartei gehört, ist es mir doch lieb, von ihrer humanen Gesinnung für das Volk solche Beweise zu erhalten, um so mehr, als ich beauftragt bin, mich zu erkundigen, welche von den unabhängigen polnischen Damen sich wohl eigen würde, zum Eintritt in den Hofstaat Ihrer Kaiserlichen Hoheit aufgefordert zu werden, wenn es nach dem heutigen Vorgang noch zu der beabsichtigten Statthalterschaft Seiner Kaiserlichen Hoheit kommen sollte.«
Der Director zuckte die Achseln. Die Gesinnung der Gräfin Dembinska als fanatische Polin war ihm wohlbekannt; dennoch wollte er dem Offizier nicht gern eine nicht zufriedenstellende Antwort geben und begnügte sich, ihm mitzutheilen, daß die Comteß seines Wissens in der Anstalt noch anwesend und bei einer der angestellten Pflegerinnen, einem Fräulein von Marowska zum Besuch sei.
»Würden Sie wohl vermitteln, daß ich der Dame meine persönliche Hochachtung bezeugen darf?«
Der Director fand hierin einen guten Ausweg sich selbst einer ihm unliebsamen Meinungsäußerung zu entziehen und erbot sich, um die Erlaubniß anzufragen.
In der Zeit seiner Abwesenheit durchblätterte der Fürst das vorgelegte Register. Das Datum war ihm genau erinnerlich und eine Röthe aufrichtiger Freude übergoß sein Gesicht, als er an ihm zwei Kinder eingetragen bemerkte, einen Knaben und ein Mädchen, deren Angabe
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mehrere Notizen beigefügt waren. Er hatte eben Zeit gehabt diese Wahrnehmungen zu machen, als der Director schon zurückkehrte und ihm mittheilte, daß Comteß Dembinska bereit sei, ihn im Sprechsaal zu empfangen, wohin er dem Offizier voranging. Als der Fürst kaum eingetreten, öffnete sich die Thür gegenüber und die junge Gräfin erschien in Begleitung einer andern Dame, die das Schwester-Habit des Hauses trug. Ein Blick genügte dem Fürsten um zu erkennen, daß er in ein Gesicht voll Befriedigung schaute, und die leuchtenden Augen seiner Geliebten verkündeten ihm ihr volles Glück. Ein weiterer Blick zeigte ihm, daß das junge Mädchen, das sie begleitete, das Fräulein von Marowska war, von deren eigenthümlichem Schicksal er gehört hatte. Er erkannte, daß die Gräfin mit Gewalt ihre Gefühle unterdrückte, um ihm nicht mit Jubel in Gegenwart der Fremden entgegen zu eilen und suchte ihr die Situation zu erleichtern, indem er sie kalt und ceremoniell begrüßte.
»Verzeihen Sie, gnädigste Comteß, daß ich mir erlaubt habe von Ihrer Anwesenheit Kenntniß zu nehmen und die Gelegenheit zu benutzen um Sie zu fragen, wann ich Ihrer Frau Mutter und dem Herrn Grafen meine Aufwartung machen darf. Es ist eine eigenthümliche Bitte, die ich Beiden vorzutragen habe. Sie werden vielleicht bereits wissen, daß Großfürst Constantin den Befehl von Seiner Majestät erhalten hat, so bald als möglich das Amt des Vizekönigthums zu übernehmen. Er hat geruht, mich zu seinem persönlichen Adjutanten zu ernennen, und ich hoffe, daß das Ereigniß dieses Morgens nichts in den
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Dispositionen ändern wird. Die Großfürstin will den Gemahl trotz der interessanten Umstände, in denen sie sich befindet, nach Warschau begleiten und ich habe den Auftrag, mich unter den polnischen Damen umzusehen, ob eine von Rang und Namen geneigt ist, ein Hofamt während der Anwesenheit Ihrer Kaiserlichen Hoheit zu übernehmen. Es ist der lebhafte Wunsch des Kaisers, daß wenn die Großfürstin seinen erlauchten Bruder mit einem Sohn beschenkt, dieser als geborner Pole das Licht der Welt erblicke. Die Frau Großfürstin wird gewiß nicht ermangeln, dies wohlthätige Institut zur Feier des freudigen Ereignisses mit ihrem Wohlwollen zu bedenken und die betreffende Dame wird es in der Hand haben, die Richtung ihrer Wohlthaten zu bestimmen. Der Kaiser ist von der väterlichsten Gesinnung für Warschau erfüllt und es ist eine Mission der Versöhnung, in welcher der Großfürst hierherkommt. Ich würde Sie um Erlaubniß bitten, diesen Wunsch an Ihren Herrn Vater und Ihre Frau Mutter zu richten, gerade weil es in Petersburg bekannt ist, daß Beide zu den Patrioten von Gesinnung gehören.«
Er hatte während er sprach, die junge Comteß scharf im Auge behalten und bemerkt, wie eine tiefe, freudige Röthe ihr Antlitz überzog und sie wiederholt ihm einen fragenden Blick zuwarf; aber er hütete sich sorgfältig ihn zu erwidern, da er sie keinem Vorwurf der Ueberredung aussetzen, sondern sie selbst den Entschluß fassen lassen wollte. Auch das junge Mädchen, obgleich zurückstehend, hielt ihr Auge aufmerksam auf die Comteß gerichtet. Diese war offenbar in Verlegenheit und wußte nicht, was sie
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antworten sollte. Der Fürst sah ihr an, wie gern sie auf den Vorschlag eingehen wollte und daß sie besondere Hoffnungen daran knüpfte, aber die Kenntniß ihrer Familie und namentlich der Gesinnung ihrer Mutter ließ sie an der Erfüllung ihrer Wünsche zweifeln.
»Euer Durchlaucht sind sehr freundlich und ich bezweifle nicht, daß die wohlwollende Gesinnung Ihrer Kaiserlichen Hoheit den besten Eindruck machen wird, dennoch kann ich Ihnen nicht sofort Bescheid geben, da ich von der Bestimmung meiner Eltern abhänge und mit meinen Freunden mich zu berathen wünsche.«
Ihr Blick suchte hülfeflehend das Auge der Marowska, die zu ihrem besonderen Erstaunen ihr zunickte.
»Das Fräulein ist wie ich weiß eine gute Patriotin Polens, sie wird es als mit den hiesigen Verhältnissen näher bekannt vielleicht nicht verschmähen, eines der unglücklichen Kinder dieses Hauses zu wählen, dem die Frau Großfürstin ihre besondere Gunst zu Theil lassen werden kann, zu Ehren des versöhnenden Eintretens der gnädigen Comteß in Ihre Stellung. Ich übernehme es den Namen des Kindes vorzuschlagen.«
Die Pflegerin antwortete dem indirect an sie ausgesprochenen Wunsch. »Wie gern würde ich dem Institut meinen Dank für den Tag darbringen, da ich zum ersten Mal nach der mir geleistetem Hilfe aus seinen Räumen entlassen wurde. Das Datum steht mit festen Zügen in meiner Erinnerung und ist es zufällig dasselbe, das vorhin die gnädige Comteß aufschlugen. Sie erlauben, daß ich das Register herbeihole.«
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Der Direktor erbot sich dafür zu sorgen und kehrte nach wenigen Minuten mit demselben zurück. Der Fürst wußte sehr wohl, welche Antwort er erhalten würde und überließ die Wahl unbesorgt der Dame. Die Marowska schlug den traurigen Tag des Februar auf und zeigte ihn der Comteß.
»Zwei Kinder sind an jenem Tage eingetragen, ein Knabe und ein Mädchen, es ist wohl nicht mehr als billig, daß wir die Wohlthat einem Sohne Polens zu Theil werden lassen.«
»Und darf ich Sie fragen, wie das Kind bezeichnet ist?«
[Absatz] Die Marowska sah nach: »Es ist ein hübsches Kind, ich erinnere mich seiner wohl! Wie Sie wissen, bleiben die Kinder achtzehn Monat im Hause, bis sie in auswärtige Pflege gegeben werden können. Der Knabe ist vor etwa vier Wochen dem Hause zurückgebracht worden, da seine erste Pflegemutter gestorben ist, deshalb erinnere ich mich auch seiner Persönlichkeit. Hier würde sich also eine gute Gelegenheit finden, ihn aufs Neue glücklich unterzubringen. Er ist nach einem dem Kinde beigefügten Zettel auf den Namen Constantin getauft, hatte in der Wäsche kein erkennbares Zeichen und nur eine seidene Schnur um seinen Hals enthielt ein agnus dei von lapis lazuli, was auf wohlhabendere Abkunft schließen läßt. Sonst fehlten jede Zeichen!«
»Das genügt. Wir haben also eine Wiederforderung nicht zu erwarten. Gnädige Comteß darf ich die Ehre haben, Sie zum Wagen zu geleiten, oder verweilen Sie noch hier?«
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Die Comteß reichte der Marowska die Hand. »Es bleibt also bei dem, was wir verabredet, und daß ich die Sorge für einige der Kranken und Findlinge besonders übernehme. Sobald wir wieder nach Warschau zurückkehren, werde ich Sie aufsuchen. Durchlaucht, ich werde sogleich die Ehre haben, Ihnen zum Wagen zu folgen.« Sie hielt die Hand der Marowska in der ihren, während sie dem Fürsten zum Portal folgte und dieser den Wagen herbeirief.
»Was sagen Sie zu dem Antrag des Fürsten? Meine Mutter wird unmöglich ihre Zustimmung geben und ebensowenig meine Schwester, selbst wenn ich mich dazu entschließen könnte.«
Die Marowska sah sie nachdenkend an. »Dennoch könnten Sie Polen damit einen großen Dienst erweisen. Denken Sie an unser Gespräch von gestern bei der Räthin und daß keiner polnischen Dame ein Opfer zu groß sein sollte, welches sie der Sache des Vaterlands bringt. Es ist noch nicht so unmöglich, daß die Gräfin Ihnen die Erlaubniß ertheilen würde, wenn sie weiß, daß sie damit im feindlichen Lager einen Halt gewinnt. Vergessen Sie nicht, daß man damit die sichersten Nachrichten erhalten würde von Allem, was Polen bedroht. Ich würde an Ihrer Stelle die Aebtissin auf dem Rückwege besuchen und die Frage ihr zur Entscheidung vorlegen. Da sie doch in Allem das Recht der Einmischung der Kirche verlangt, möge sie auch darin bestimmen.«
Der Wagen war vorgefahren, der Fürst erwartete sie am Schlage und hob sie hinein; da die Marowska
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auf den Stufen stehen blieb, hatte er kaum Gelegenheit ihr zuzuflüstern; »Ich muß Dich sprechen, um Mitternacht treffe ich Dich auf derselben Stelle wie gestern.«
Als der Fürst den Wagen seine Richtung nach dem Hôtel d'Angleterre nehmen sah, empfahl er sich dem Direktor und der Pflegerin und nahm den Weg über den Platz unwillkürlich an jene Scene des Abends denkend, als er die Geliebte zu jenem Gange geleitete, dessen Ausfall jetzt wieder Erwarten ein so glücklicher zu werden schien und wandte sich dann nach der Warecka, um womöglich noch einige Nachrichten über das Befinden des Generals einzuziehen, eigentlich aber um zu sehen, ob die Flißakin Wort halten würde, oder ihr Gelegenheit dazu zu geben.
Er war noch nicht an der Ecke der Mazowiecka angelangt, als ihn ein ehrerbietiger Gruß des pademdonec anzeigte, daß er erkannt worden sei. Zugleich bemerkte er auf der gegenüberliegenden Seite der Straße die Flißakin. Es war ihm natürlich nicht gleichgültig, jetzt, wo es noch hell war, mit den gemeinen Leuten sich in Verbindung zu sehen, er gab ihnen daher hastig den Wink, ihm zu folgen und schritt ihnen voran nach der Allee, die zum Belvedere führt. Hier bog er in den nächsten Gang und erwartete, daß die Nachfolgenden ihn ansprechen würden.
»O Gospodin,« sagte das Mädchen, das, obschon sie sich in ihren besten, ihren Staatsrock geworfen hatte, doch noch immer schäbig genug aussah, »das ist der Jaref, mein Bräutigam; er ist bereit, in Deinen Dienst zutreten und wir haben das Floß verlassen unter dem Vorwand,
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in Warschau ein Unterkommen gefunden zu haben. Der Wenzel hat uns ungern vermißt, aber es fehlt jetzt nicht an Volk und er will nach uns fragen, wenn er von Danzig zurückkehrt. Hoher Herr, wie glücklich würden wir sein, wenn die Jungfrau es fügte, daß wir durch Deine Gnade einen Dienst bekämen.«
Der Fürst, welcher wohl wußte, daß er sich erst am Abend entscheiden konnte, wies das Mädchen an, auf einer Bank Platz zu nehmen und befahl ihr zu warten, indem er den Burschen ihn begleiten hieß.
»Verstehst Du russisch?«
»Ja, Herr, russisch, polnisch und deutsch!«
»Bist Du ein Pole?
»Tak, Herr, ein geborener Krakuse, aus der Gegend von Krakau zu Hause. Ich bin besser wie die polnischen Schweine!«
»Verstehst Du mit Pferden umzugehen?«
»Tak, Herr, ich bin mein lebelang dabei aufgewachsen, ehe ich Flißak wurde und habe drüben über der Grenze gedient.«
»So weißt Du, was jetzt in Krakau vorgeht?«
»Tak, Herr, sie erwarten die Hülfe aus Frankreich und es sammelt sich sehr viel Volk aus den Karpathen da!«
»K'tschortu, das wäre, also Krakau ist der Sammelplatz für die Rebellen, das ist ja ganz was Neues, was wir nicht wissen. Erzähle mir Alles, was Du davon gehört hast.«
»Die Priester sagen, der weiße Czaar in Moskau wolle die heilige Kirche unterdrücken, aber die Oesterreicher werden es nicht leiden und die Ungarn von den Karpathen
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her. Es ist jetzt viel Leben in Krakau und sie erwarten Zuzug aus Frankreich und Oberschlesien her. Sie erwarten wieder den großen General Miroslawski, der schon die Prussaki schlug in Preußen.«
»Schau, schau, das sind Alles wichtige Neuigkeiten! Wenn Du bei mir als Pferdeknecht eintreten willst, so sollst Du es gut haben. Nur wenn Du in Warschau bist, hast Du Dienst bei mir, fünf Rubel monatlich und die Kleidung, Essen erhälst Du mit den Andern. Komme morgen früh um 9 Uhr zu mir und dann wollen wir das Weitere abmachen. Einstweilen nimm diese zwei Rubel und logire Dich mit Deinem Mädchen ein, bis ich auch ihr morgen näheren Bescheid ertheilen kann.«
Der Flißack dankte demüthig dem Herrn und entfernte sich. Der Fürst aber beschloß noch an demselben Abend von seiner Entdeckung Gebrauch zu machen. -
Die Comteß hatte in der That den Rath der Marowska befolgt und sich auf dem Heimweg zur Aebtissin begeben. Unter dem Vorwande eines Besuchs, den sie ihr ohnedem schuldete, hatte sie Gelegenheit genommen, der Dame das seltsame Anerbieten mitzutheilen, welches ihr soeben in der Spitalka gemacht worden war und es konnte nichts Unerwarteteres und Willkommneres der geistlichen Dame widerfahren, die den ganzen Tag den Ausbruch der Revolution erwartet hatte, bis ihr Neffe sie von dem Ausgang des Attentats und der Verschiebung der Revolte benachrichtigte. Zugleich brachte er ihr Botschaft von dem Pater, welcher sie noch an demselben Abend zu sprechen wünschte, da im Laufe des Tages verschiedene Nachrichten
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eingegangen waren. Die Aebtissin rieth der jungen Gräfin das Anerbieten nicht von der Hand zu weisen und versprach, noch im Laufe des Abends bei der Gräfin, ihrer Mutter, vorzufahren und diese und die Familie, zur Annahme desselben zu bestimmen. Nachdem sie vorsorglich ihre Karte mit der Erkundigung nach dem Befinden des Generals im Schlosse abgegeben hatte, fuhr sie wirklich nach dem Hause der Gräfin und war die Erste, die die überraschende Nachricht von der Aufforderung an die Comteß überbrachte. Bei dem Charakter der Gräfin Dembinska bedurfte es jedoch alles Zuredens und der Erinnerung an die politischen Vortheile, die es ihrer Sache bringen mußte, in der unmittelbaren Nähe der Großfürstlichen Personen eine Vertraute zu haben, um sie zu vermögen, ihren Stolz zu beugen und die Erlaubniß zur Annahme der Einladung zu ertheilen, wenn die Großfürstin sie an die Comteß richten sollte. Erst als dies in allgemeinen Zügen verabredet war und die Aebtissin versprochen hatte, alle Einleitungen bei den vornehmen polnischen Familien selbst zu treffen, daß auch von diesen die nicht abzulehnende Wahl der Comteß angerathen werden sollte, verließ die intriguante Kirchenfrau das Haus. Wie verabredet traf sie mit dem Pater in jenem Schlupfwinkel zusammen, in dem zu jener Zeit die Zusammenkünfte der Verschworenen stattfanden, wohin der Pater sich durch den geheimen Ausgang des Klosters unbemerkt begeben hatte. - Es erlaubt weder der Raum unserer Blätter, noch die Masse von wichtigen Begebenheiten, welche im Schicksale Europas sich um diese Jahre gruppiren, die Phasen der
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polnischen Revolution anders als in flüchtigen und kurzen Zügen zu scizziren, wie sie sich an die Personen drängen, an die wir unsere Darstellungen geknüpft. Es ist Thatsache, daß zum ersten Male in dieser Zeit die deutsche Socialdemokratie an die politischen Ereignisse herantritt. Obschon wir nur in einzelnen Bildern das Eingreifen der Socialdemokratie, wie sie im Jahre 1848 namentlich in Frankreich auftrat, erwähnen konnten, hatte die blutige Unterdrückung der giftigen, schon Jahrhunderte wuchernden Saat doch nur den Ausbruch vertagt. Namentlich in England, diesem ewigen Heerde der socialen Agitationen, hatte der Gedanke an eine Gemeinsamkeit des Kampfes aller arbeitenden Klassen nicht geschlummert und unter der Form und den Fragen der National-Oeconomie war mehrfach von ausgezeichneten Schriftstellern wie Stuart Mills und Smith der Klassenkampf angeregt worden. Der praktische Sinn der Engländer und ihr unläugbarer Patriotismus hatten jedoch immer die heikle Frage von England und seinen politischen Intressen abzudrängen und auf den Continent zurück zu werfen verstanden.
In neuerer Zeit war es Karl Marx, ein geborener Preuße, der es unternommen hatte, diese ewige Frage der Zeit, den Kampf zwischen Arbeit und Kapital, zu einer politischen Agitation zu benutzen, und zu dieser die Kräfte heranzuziehen, welche die Vorgänge des Jahres 1848 an die Ufer von England geworfen hatten. Mazzini, Engels, Wolf, Freiligrath u. A. waren seine Partisanen, die er dazu benutzte. Das Wort: ›Proletarier aller Länder, sammelt euch um meine Fahnen‹ war das Motto, unter
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welchem er seine gehässigen Pläne gegen Preußen, sein Vaterland, verdeckte. Schon als im Jahre 1848 die Neue Rheinische Zeitung unter seiner Redaktion offenbar diese Absicht verfolgte und dies so kräftig hervortrat, daß sie an dem nationalen Sinn der Bevölkerung scheiterte, seine Zeitung eingehen mußte und selbst in ihrem Wiedererscheinen als Monatsschrift in Hamburg keine Sympathien fand, war es doch sein stiller Plan gewesen, seine Absicht nicht aufzugeben, sondern bei günstigerer Gelegenheit sie zu verwirklichen. Ehrgeizig und eitel wie alle Juden sind, dazu von jener Zähigkeit des Strebens, die jener Raçe eigen ist und von großer Arbeitskraft, hatte er seine Zwecke nach dem ersten Mißerfolge der Blanc'schen socialen Werkstätten in Paris mit dem theoretischen Versuch in der Neuen Rheinischen Zeitung noch nicht aufgegeben und trat bei erster Gelegenheit damit wieder an's Tageslicht, als eine Deputation der Arbeiter aus Paris mit den Arbeitern Londons fraternisirte und in dem Bunde des Schusters Odger eine Zusammengehörigkeit aller Arbeiter herbeizuführen suchte. Er war es, der in einer besonderen Deputation der Londoner Arbeiter an Lord Palmerston die Sympathien der englischen und französischen Bevölkerung für Polen auf das sociale Gebiet zu lenken und sie damit zu fördern suchte. Als dies sich unnöthig erwies, da in England durch die polnische Agitation unter Palmerston die russischen Antipathien genugsam rege geworden, vorerst aber die italienische Frage den Beistand der Regierung mehr in Anspruch nahm, die französische Haltung auch eine so zweifelhafte blieb, also der Beobachtung selbst benöthigte und Palmerston die
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polnischen Agitatoren auf Wien verwies, zu gleicher Zeit aber Bakunin in der Schweiz mit seinem Nihilismus und seiner panslavistischen Richtung auftrat, war es Marx, der seine Utopien einer allgemeinen Arbeiter-Republik vertagte und erst dann wieder zur Sprache brachte, als die Berufung des allgemeinen Congresses nach Gent ihm Gelegenheit gab, mit der Gründung seiner Internationalen vorzutreten. Er hoffte schon damals die Leitung selbst zu übernehmen und die Statuten zu entwerfen. Doch die Herbeiziehung der Italiener gab sie Mazzini in die Hände, der bekanntlich niemals den Klassenkampf, sondern blos politische Zwecke, d. h. die Einigung Italiens verfolgte, sonst sich aber herzlich wenig um das Wohl und Wehe der arbeitenden Klassen bekümmerte. Zu jener Zeit war es auch, wo Marx, der unterdeß für die nordamerikanischen Zeitungen arbeitete und als der Faiseur der dortigen deutschen Politik auftrat, die Bekanntschaft eines Mannes machte, der in vielen Beziehungen ihm ähnlich war, in Manchem ihm aber gegenübertrat und der deshalb auch nur ein äußerlich kurzes und nie vertrautes Verhältniß mit ihm unterhielt. Es ist dies der unbedingt sehr begabte Geist, der in jener Zeit in das öffentliche Leben tretend, bisher in kurzen Zügen von uns nur angedeutet werden konnte und der, weil er der Vater der deutschen Socialdemokratie geworden ist, in dem Rahmen, den unser Buch aus jener Zeitgeschichte in der Form eines Romans entwirft, jetzt wohl ein besonderes Kapitel erfordert, um so mehr, als in neuerer Zeit wieder viel Mißbrauch mit seinem Andenken getrieben worden ist.

Ferdinand Lassalle.

Ein Name, der jetzt wieder in Aller Munde ist und den insbesondere die Worte unsers großen Kanzlers in der Beurtheilung und dem Referat über die einzige Zusammenkunft, die er mit ihm hatte: ›daß nämlich die Dynastie ihm zu wählen blieb Hohenzollern oder Lassalle‹ in Erinnerung gebracht hat, verdient wohl einer ausführlichen Erwähnung.
Wie Marx aus semitischem Stamme entsprossen, vereinigte er alle dessen Eigenschaften, die Kühnheit und den Ehrgeiz mit großem Scharfsinn und einer enormen Arbeitskraft. Seine persönlichen Schwächen und Leidenschaften aber, an denen er schließlich zu Grunde ging, und die namentlich auf einer großen Eitelkeit und starrem Eigensinn basirten, verhinderten es, daß er je ein großer, in das Leben der Staaten eingreifender Politiker geworden wäre, und machten, daß er eben nur in dem Lichte eines kurzen Phänomens betrachtet werden kann.
In Breslau geboren, genoß er seine erste Bildung auf dem Friedrich Wilhelm Gymnasium daselbst, unter der
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Leitung des bekannten Uebersetzers Dantes, des Direktor Kannegießer, dessen sich nach seiner Uebersiedlung nach Berlin wohl Viele dort noch erinnern werden. - Es ist unzweifelhaft, daß Ferdinand Lassalle an Scharfsinn und Gelehrsamkeit Marx bedeutend übertroffen hat, aber seine Speculation ihn einen ganz anderen Weg einschlagen ließ, wenn auch sonst in vieler Beziehung sie einander ähnlich gewesen sind. Gewiß ist, daß wenn Lassalle die erste Bahn, die er beabsichtigte, eingeschlagen hätte: der Katheder und die Gelehrsamkeit ihn zu einer bedeutenden Erscheinung gemacht hätten, so ist er aber in der Anwendung alles Scharfsinnes seiner Raçe für den Kampf mit der Justiz zu frivolen Zwecken und in der ehrgeizigen Speculation mit dem Loose der arbeitenden Klassen ohne den innern und hehren Halt der Religion nur irrlichtartig, als Meteor untergegangen. Unrecht ist es, seine hohe geistige Begabung zu unterschätzen wie so zu überschätzen, daß seine Bewunderer ihn selbst mit dem erhabenen Stifter unserer Religion in Vergleich bringen konnten.
Schon seine ersten Studien, die Vorliebe und die Untersuchungen für Heraklit, den Epheser, bewiesen die Richtung, die sein Geist von Jugend aufnahm: ungläubig und jedes höheren Halts entbehrend, wie die Zweifler seiner Religion, die Sadduzäer, die nicht an Gott und Bestimmung der Schöpfung glaubten, suchte er in der Erforschung der Lehre des Heraklit seine Befriedigung, jenes furchtbaren Philosophen des griechischen Alterthums, der nur an das bloße Werden und Vergehen des Lebenden glaubte, ohne eine Tendenz des Schöpfers mit dem Ich
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damit zu verbinden, sei es in der Lehre von Brahma, Mahomed, Moses, Christus und anderen Religionen des Weltalls, an welche der menschliche Geist sein eigenes Nichts klammert.
Das augenblickliche, diesseitige Existiren war also seine Tendenz und die beste Ausnutzung dieses Zustandes seine Lehre. Als solche fand er die möglichste Zusammenhäufung der Mittel dazu und, schon von Geburt aus wohlhabend, ist von diesem Standpunkt sein Kampf mit der Justiz in der Verbindung mit der Gräfin Hatzfeld, wie später sein Auftreten für das Proletariat zu beurtheilen, nicht in irgend wie angeregten, ritterlichen, hohen und menschenfreundlichen Gefühlen.
In Breslau und Berlin Philosophie studirend, und ohne ein wirkliches Fachstudium wählend, seinen Liebhabereien folgend, machte er die Bekanntschaft der Gräfin Sophie Hatzfeld, damals im Hôtel de Rome wohnend. Es soll keineswegs geleugnet werden, daß die damals bereits ältere, aber immer noch sehr interessante Dame ein Opfer ihres Standes geworden war. Eine geborne Comtesse Hatzfeld, eines der Kinder, mit welchen ihre Mutter geborene Gräfin Schulenburg damals den bekannten Fußfall vor dem ersten Napoleon that, um ihren Mann zu retten, dessen Correspondenz nach Königsberg an Friedrich Wilhelm III. dem Kaiser zu Händen gekommen war, wurde sie als älteste Tochter dem Familien-Interesse geopfert, und mußte den rheinischen Grafen Hatzfeld-Weißweiler heirathen, um der Familie Hatzfeld-Schönstein das Vorrecht an der Herrschaft Trachenberg nach dem Aussterben der Linie
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Gleichen zu sichern. Schön, jung, feurig und lebenslustig wurde sie bald das Opfer dieser erzwungenen Ehe mit dem alten Roué und suchte in zahlreichen Verbindungen Ersatz für das Glück ihres Herzens. Düsseldorf, in dessen Nähe die Besitzung des Grafen, unter dessen Mamen sein altes Feudalhaus liegt, erzählt viel Geschichten darüber. Später und abweichend von vielen ähnlichen unnatürlichen Verhältnissen ihrer Kreise, brach die offene Trennung zwischen Graf und Gräfin aus, die sich beiderseits nicht Viel schuldig geblieben waren, und die Gräfin Sophie suchte damals eine Menge Mittel und Wege hervor, um die gerichtliche Ehescheidung und die Schuldig-Erklärung des Grafen, und damit eine bedeutende Abfindungssumme zu erzwingen. Von Scham und Rücksicht war bereits nicht mehr die Rede. In diesem Kampf machte Sophie Hatzfeld auch die Bekanntschaft des jungen Lassalle, der es mit zwei Bekannten, dem Sohne eines jüdischen Banquiers in Königsberg und einem andern Studirenden, dem Sohne eines ehrenwerthen berliner Beamten unternahm, ihr für die Schuldbefindung des Grafen die nöthigen Documente, einen angeblichen Liebesbriefwechsel mit einer russischen Dame zu verschaffen, überhaupt ihren Prozeß vor den Gerichten zu führen und den Grafen zur Scheidung und einer bedeutenden Abfindungssumme zu nöthigen, wofür ihm bei günstigem Erfolg eine beträchtliche Summe zugesichert wurde. Dies ist die Entstehung des bekannten und seiner Zeit eine bedeutende Rolle spielenden Schatullen-Prozesses. Wir übergehen hier alle andere Allotria, als nicht hierher gehörig. Lassalle ließ seine ganze Carrière
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fallen, widmete sich, damals etwa 21 Jahre, den alleinigen Interessen der Gräfin und zeigte sich bereits bei der Verhandlung des Schatullen-Prozesses als ein so gewandter Redner und Geschäftsmann, daß er, indem er die Mithelfer blos vorschob, immer aber in der Person hinter den Coulissen blieb, der ganzen rheinischen Justiz bedeutend zu rathen gab und eine enorme Kenntniß der Gesetze bewies. Obgleich der erste Prozeß damals verunglückte, setzte Lassalle sein Verhältniß zu der Gräfin und den Kampf für dieselbe unbehindert fort. Das unglückliche Jahr 1848 mit seinen politischen Ereignissen trat damals dazwischen. Es läßt sich wohl annehmen, daß die Interessen der Gräfin Hatzfeld und seines persönlichen Vortheils einem Geist, wie dem Lassalles, nicht genügen konnten, und er, wo Alles drunter und drüber ging, und namentlich die Geister am Rhein auf einander platzten, vielleicht Gelegenheit suchte und fand, sich in politischer Beziehung bemerklich zu machen. Wir haben seinen Charakter genügend geschildert, um darzuthun, daß Ehrgeiz, persönliche Eitelkeit und Interesse, sagen wir auch Selbstgefühl ihn anreizten, in der allgemeinen Bewegung eine hervorragende Rolle zu spielen. Sein scharfer Verstand sagte ihm, daß es ihm schwer sein würde, auf der gewöhnlichen Bahn der Politik, eine seine Eitelkeit befriedigende Rolle zu spielen, da zahllose Mitbewerber ihm dies erschwerten, ja selbst die scharfe Speculation seiner Raçe mit ihm dabei concurrirte. Die Bekanntschaft mit Marx, die Bekanntschaft mit den rheinischen Demokraten und Advokaten, der persönliche Ehrgeiz der Gräfin, die gern auch eine Rolle spielen wollte,
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nachdem ihre gesellschaftliche ausgespielt und ihre Jugend dahin war, bewogen ihn, sich damals in das rheinische Treiben zu stürzen und an jenem Aufstandsversuche gegen das Königthum sich zu betheiligen, welcher später die Flucht Wesendonk's und Contadors veranlaßte und schließlich das Verlassen des Rheinlands durch den Gouverneur Prinzen Friedrich von Preußen herbeiführte, welcher Düsseldorf mit Berlin nach jenem empörenden Angriff des Pöbels bei dem Besuch des Königs Friedrich Wilhelm IV. vertauschte, einem Exceß, dem weder die Gräfin noch Lassalle fern gestanden haben sollen. Nach einer Reihe von Reisen, Prozessen und Intriguen bemühte sich Lassalle in der Hauptstadt des Landes festen Fuß zu fassen, und obgleich ihm dies damals bei dem Hinkeldey'schen System ziemlich schwer wurde, gelang es ihm endlich durch die Gutmüthigkeit des verstorbenen Königs und die Unterstützung Humboldt's und Böckh's, denen er sich durch seine Forschungen über Heraklit und seine sonstige Gelehrsamkeit bekannt gemacht hatte, sein Ziel zu erreichen, obgleich manche Anklagen gegen ihn noch von rheinischen Gerichten her schwebten, und dort Scenen vorgekommen waren, die auch in politischer Beziehung nicht zu seiner Empfehlung gereichten.
Es ist eigenthümlich, welchen wunderbaren Reiz für bürgerliche Aventuriers, seien sie geistig auch noch so hoch begabt, die Bekanntschaft und Verbindung mit Aristokratinnen hat, genug, Lassalle ist nie den Einfluß der Gräfin Hatzfeldt los geworden. Sophie Hatzfeldt mochte wohl fühlen, daß alle körperlichen Eroberungen für sie zu Ende waren,
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und klammerte sich geistig und körperlich an den geistreichen Juden an, dessen Bedeutung sie wohl begriff, den sie, wie viele andere Frauen, wie ein jüngst vorgekommenes Beispiel beweist, noch in ihrem Alter und aus dem Grabe heraus zum Zweck ihrer Eitelkeit zu benutzen hoffte; sie war bald vor ihm oder nach ihm in Berlin, nachdem er ihr ihren Ehescheidungs-Prozeß gewonnen und die bedeutende Abfindungssumme erhalten hatte und, ohne die Eifersüchtige zu spielen, verstand sie doch ihn so zu umschmeicheln und zu umgarnen, daß er sich nicht mehr von ihren Fesseln zu trennen vermochte, sie bei den zahlreichen Intriguen, die er auch hier als Lebemann hatte, zu seiner Vertrauten machte und sie an dem Aufschwung Theil nehmen ließ, den er mit der Arbeiterfrage nahm. Lassalle unterscheidet sich auch in vielen Beziehungen dadurch vortheilhaft von Marx, daß er bei häufigen Gelegenheiten sein angestammtes preußisches Blut nicht verleugnet und nie an der national-revolutionären Bestrebung theilgenommen hat.
Innerhalb der sich vorgesteckten Ziele und Aufgaben hielt er doch immer sein Preußenthum fest und bekundete damit seinen schlesischen Charakter. Selbst als 1859 der italienisch-französische Krieg eintrat, war es Lassalle der kühn mit der Partei des sogenannten Fortschritts brach, indem er zur Zeit der sogenannten neuen Aera die deutsche Aufgabe Preußens für die Spitze und Zukunft Deutschlands in einem offenen Bruch mit Oesterreich und im Anschluß an Italien suchte.
Wir glauben nicht, daß er eine außerdeutsche socialdemokratische Bewegung unterstützt hätte; die sogenannte
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National-Versammlung hätte selbst, wenn er nicht vor der Zeit der preußischen Bewegung sein Leben beschlossen hätte, an ihm schwerlich einen bedeutenden Förderer gefunden - außerdem wäre sie ihm viel zu kostspielig geworden, ohne reelle Vortheile ihm zu bieten. Thatsache ist es, daß er die sogenannte Fortschrittspartei, die sich echt bourgeoismäßig in Berlin zur Confliktszeit herausbildete, nie sehr unterstützt, weil sie seinen Meinungen sich nicht fügen wollte.
Lassalle hatte sehr wohl erkannt, daß in dem politischen Kampf der Parteien das Wirken eines geistreichen und scharfsinnigen Mannes für die Interessen des Arbeiterstandes diesem eine bedeutende Macht zuweisen würde, auf deren Basis er jede andere politische Stellung einnehmen könne. Er war genug scharfsichtiger Politiker und Geschichtskenner, genug Philosoph, zu wissen, daß dieser Kampf ein ewiger sein und bleiben wird, daß die Interessen des Kapitals und der Arbeit, des Besitzes und der Faust ewig die bleiben werden, welche die Welt bewegen. Als überlegender Geist mußte es ihm klar sein, daß wenn er, grade abstammend von dem Volke, das gewöhnlich als der Vertreter des Kapitals gilt, seine Studien des Rechts auch auf philosophischem Wege benutzte, um das Massenproletariat zu unterstützen, er damit großen Erfolg haben, und dadurch gleich jene Machtstellung gewinnen würde, die er so sehnlich erstrebte. Er schuf deshalb die deutsche Social-Demokratie, indem er sich anschließend an die Versuche der französischen Socialisten mit den verunglückten National-Werkstätten, die Productiv-Association
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predigte, wozu der Staat das Geld hergeben sollte. Es ist charakteristisch, daß Lassalle, obschon er die Mittel dazu hatte, doch nie eine solche Association aus eigenen Mitteln geschaffen hat, sondern immer andere Leute das Geld dazu hergeben ließ, also nur in unbedeutende Verluste kommen konnte, wie er sie für den Zweck seiner persönlichen Eitelkeit hergeben wollte. Das Ich blieb ihm der leitende Sporn, der persönliche Genuß das Motiv, und wir glauben schwerlich, daß er, der so leicht an dem Widerstand der persönlichen Meinung scheiterte, je dieses Ich für den allgemeinen Zweck geopfert haben würde.
Persönliche Berührungen nach jenen Auftritten in Düsseldorf mit einem Prinzen des Königlichen Hauses Hohenzollern hat Lassalle unseres Wissens nie gehabt und es ist, soviel uns bekannt, auch der Behaupter einer solchen, jeden Beweis dafür schuldig geblieben. -
Dies ist die Entstehung der deutschen, der preußischen Social-Demokratie im Jahre 1862, und wir konnten den ursprünglichen Gründer derselben in unserem alle die Zeit bewegenden Kräfte erwähnenden Rahmen unmöglich übergehen, - ohne ihn einzuführen, haben ihn aber künftig nur vorübergehend, wenn der Name vorkommt, zu erwähnen.
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Am blauen Golf.

Wir haben den Grafen v. Lerida am Golf von Tarent verlassen, als sich der tapfere Ionier und die Spanier von ihm getrennt hatten und das letzte Gespräch mit dem kühnen Carlisten-Offizier seinen Launen plötzlich den Impuls einer andern Richtung gab; wir wissen auch bereits aus dem Bericht des französischen Husaren-Offiziers nach seinem überstandenen Festungsarrest, daß die tolle Streiferei durch die Wüste und das Erscheinen des französischen Legitimisten, dem der Graf sein Wort gehalten und die beiden an einen Punkt der ligurischen Küste ans Land gesetzt hatte, von wo sie mit der Eisenbahn nach kurzem Verweilen auf dem Felsen und Meerschloß des abenteuerlichen Spaniers ihren Weg nach Paris fortsetzen konnten. In Neapel, bei dem kurzen Aufenthalt, den die Victory dort machte, hatte auch Dr. Walding die Reisegesellschaft verlassen und nur versprochen, später auf dem Wege nach Paris, wenn er erst über seine Bestimmung einen Beschluß gefaßt hätte, den Spanier wieder aufzusuchen.
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Welches sonst die Absicht des ernsten stillen Mannes auch sein mochte, er verhehlte sich selbst nicht ein gewisses Interesse, das er an dem Schicksal seiner Gefährten vom Arkiko bis zum Nil genommen und das sich auch auf das chinesische Mädchen erstreckte; er wollte jedenfalls nicht eher nach seinem Geburtslande zurückkehren, ehe er sich nicht von ihrer Aller Ergehen überzeugt hätte. War ihm doch der Abschied von Grimaldi schon schwer genug geworden und er in Versuchung gewesen, diesen an die Küsten des Ionischen Meeres zu begleiten. In Neapel oder Rom hatte er versprochen, weitere Nachrichten von ihm zu erwarten, ehe er die Alpen zwischen ihn und sich legte. Schon jetzt empfand er eine gewisse Sehnsucht nach dem Orient, und nach Allem, was er dort erlebt, und er betrachtete daher seinen Aufenthalt in Italien als eine Zwischenstation für sich und seine Erinnerungen, die er sich und seiner Vergangenheit schuldig sei.
Außerdem wünschte er erst über die ihm ganz fremd gewordenen Verhältnisse in der Heimat sich zu informiren und fühlte, daß dies am Besten in der Schweiz oder in den Alpen geschehen könne. So entschloß er sich, einstweilen zu bleiben wo er war, und da ihm die reiche Besoldung des Negus, nebst dem Verkauf der beiden kostbaren Ringe aus Indien und sonstigen Kleinodien eine gewisse Selbstständigkeit gab, und seine und Kumeo's Bedürfnisse ohnedies gering waren, so wollte er sich der Heimath nur langsam nähern, bis dahin aber dem Zufall seine Zukunft überlassen.
Ein unerwartetes Ereigniß eröffnete ihm überdies einen neuen Wirkungskreis.
Wenn der Leser die Daten der europäischen Ereignisse zusammenstellt, wird er sich erinnern, daß die Rückkehr des Dr. Walding und des Grafen von Lerida von der abenteuerlichen Reise durch die Nil-Lande und dem Zug durch die Wüste, auf welcher er mit dem Jugendfreunde des Majors Maldigri im Golf von Tarent zusammen traf, Ende August 1861 stattfand, Dr. Walding also Ende September in Neapel zurückblieb. Wenn auch die Neger-Physiognomie in Neapel nichs Seltenes ist, so war es doch dem zuthunlichen Benehmen Kumur's, des einzigen Begleiter und Diener des Arztes leicht geworden, in dem kleinen Quartier, das sie bezogen, sich eine große Bekanntschaft und sehr beliebt zu machen. Die Mittheilung an seine Nachbarn, daß sein Herr ein sehr geschickter Arzt aus dem Orient sei und einige ausgezeichnete Kuren, die Dr. Walding ohne Absicht des Entgelds unter den ärmeren Bewohnern ausführte, hatten dazu beigetragen, ihm rasch einen besonderen Ruf zu verschaffen und da grade deutsche und verständige Aerzte fehlten, hatte es nicht lange gedauert, bis ihm von Seiten der Stadtbehörden und der neuen Regierung angetragen worden war, die Stelle eines Oberarztes in einem städtischen Hospital zu übernehmen. Bei der Mannigfaltigkeit der Fälle, die aus den Zeitverhältnissen herkamen, seiner Kenntniß der Mittelmeersprachen und seinen sonstigen guten Verhältnissen war es dem deutschen Arzt nicht schwer geworden, sich hier bald eine Stellung zu verschaffen, welche allen seinen Wünschen
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entsprach, und vielfache Gelegenheit bot, seine Kenntnisse zu verwerthen. Einige vorzügliche Kuren, die er machte, zogen bald die Aufmerksamkeit des Militair-Chefs auf ihn, und es hätte nur an ihm gelegen, sich eine sehr lukrative und dauernde Oberstelle zu sichern. Dr. Walding zog es jedoch vor, ein freier Mann zu sein und seine Muße der Bereicherung seiner Kenntnisse und den in diesem Lande grade so reich sich bietenden Forschungen der Natur und Kunst zu widmen. Dennoch war sein Einfluß in der Stellung, die er sich gewählt, nicht unbedeutend, von vielen Seiten her wurde seine Wissenschaft in Anspruch genommen, und er war bald geschützt und beliebt. Dazu kam sein stilles und ernstes Wesen, das ihn von allen Vergnügungen fern hielt und selbst seinen Umgang sehr beschränkte. Das Klima von Neapel, obgleich bereits weit nach dem Süden herunterreichend, ist doch eines der angenehmsten und erträglichsten, die es giebt. Die Nähe der Berge, und die unmittelbare Lage am Golf schützt es selbst während des Sommers vor übermäßiger Hitze, und wer in Indien und in der Nähe des Wendekreises gelebt hat, wie der deutsche Arzt, wird sich hier leicht behaglich fühlen.
Es giebt Orte und Zeiten, in denen sich die halbe Welt zusammen zu drängen scheint und zu diesen Sammelpunkten gehörten im Jahre 1861 und 1862 sicher Rom und Neapel, obgleich seit der Besetzung durch die Sardinier das Leben der letzteren Stadt ein ganz anderes als das frühere geworden war. Das Bummeltreiben der Lazaroni und der Hang zum ewigen Müßiggang unter dem
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prachtvollen Himmel bei den geringen Bedürfnissen des Volks war freilich schon durch die politische Lage einer ernstern Auffassung des Lebens gewichen. Den Lazaronis, dieser ewigen Quelle politischer Unruhen wurde sehr bald durch die Alternative der neuen Regierung, zu arbeiten und einen ehrlichen Lebenserwerb aufzuweisen, oder nach Sardinien auszuwandern, ein Ende gemacht, und so dem größten Uebel des schönen Landes die Axt an die Wurzel gelegt, aber noch währte die Herrschaft der Sarden zu kurze Zeit, um allen mit dem Klima und den Eigenschaften des Volkes verbundenen schlechten Gewohnheiten ein Ende zu machen. So war denn auch heute bei dem prächtigen Abend des August, der gewöhnlich in Italien die Nacht zum Tage macht, das Leben und Treiben auf der Chiaja ein überaus belebtes. Männer und Frauen aller Stände der Bevölkerung und der zahlreichen Garnison bewegten sich am Strande des Meeres, auf dem Largo del Palazzo und über die Toledostraße hinaus. Ganz Italien, Griechenland, Frankreich und selbst die Barbaresken-Staaten, wie die Inseln des schönen Golfs hatten ihr Kontingent beigesteuert. Die größere Sicherheit des Landes begann sich wieder in dem Fremdenverkehr zu zeigen und der Hafen wimmelte von Kriegs- und Kauffartheischiffen, die Dampfer von Genua, Marseille und Palermo zogen wieder ihre dunkle Dampfwolke über das blaue tyrrhenische Meer und das leichtlebige Volk schien bereits all das Blut und Elend vergessen zu haben, das die letzten Jahre über es gebracht. Viele, die Neapel besucht haben, werden sich des Kaffeehauses erinnern, das nicht weit von der
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Taledostraße nach der Chiaja hin am Ufer des Golfes liegt und viel von Einheimischen und Fremden besucht wird. Auch am heutigen Abend war der Verkehr dort ein sehr lebhafter. Neben einem Tisch mit verschiedenen Offizieren der Garnison und einigen Fremden besetzt, befand sich auch ein solcher mit einer sehr gemischten Gesellschaft. An einem Ende desselben saß ein Mann, der den blauen Rock eines deutschen Seekapitains trug, neben einem andern Seemann von martialischem Ansehen, dem er großen Respekt zu erweisen schien. Weiterhin am Tisch war ein Mann in mittleren Jahren, der die Halb-Uniform eines sardinischen Militair-Arztes trug, im Ganzen sich wenig um die Gruppen bekümmerte, eine Zeitung las und nur als er zufällig einen Ausruf des deutschen Kapitains in der Sprache seiner Heimat gehört hatte, näher zu diesem gerückt war. Das Gesumme der vielen Stimmen und verschiedenen Mundarten war betäubend, französisch, italienisch, englisch, selbst griechisch schwirrte hin und her, ohne daß der Fremde darauf achtete. -
»Wie ist es Ihnen also gelungen, Kapitain, mich aufzufinden in all dem Treiben unter Tausenden von Fremden? Mein rastlos Suchen zeigt am besten, wie schwer es ist, eine Spur in diesem gottvergessenen schönen Lande zu finden, und hätten Sie mich nicht heute im Hôtel d'Angleterre erwischt, ich wäre morgen nach Rom wieder aufgebrochen, um noch einmal meine Nachforschungen zu beginnen, da von dort der letzte Fingerzeig mir wurde, den ich erhielt. Ich bin, weiß Gott, kein Freund der Bourbonen, ob es französische oder italienische sind,
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aber diesmal schulde ich ihnen Dank und Kapitain Lautrec ist nicht der Mann, damit hinterm Berge zu halten.«
»Der Wunsch, Mademoiselle sobald als möglich einen Aufenthalt am Lande zu gewähren, ließ mich im Hôtel nach Ihnen fragen und Sie so glücklich finden. Sie wissen, daß Sie versprochen haben, noch diesen Abend wieder zurückzukehren.«
»Pardioux, hat mich die Kleine zwei Jahre fast entbehrt und die Reise durch halb Frankreich allein in Gesellschaft eines windigen Marquis gemacht, um Sie und mich zu treffen, wird sie wohl auch die paar Stunden warten können. Die Bekanntschaft mit dem Marquis scheint ohnedem wichtiger zu sein, als Sie meinen, und wenn mich nicht noch die Hoffnung mit Rom wach hielte, packte ich sie auf der Stelle morgen in Ihr Schiff und kehrte nach Guadeloupe zurück, ohne Paris wiedergesehen zu haben.«
»Sie wissen, Kapitain, daß grade der Graf von St. Brie einer derjenigen ist, welcher ihren Neffen zuletzt gesehen und der Mademoiselle Josephine ausdrücklich nach Neapel begleitet hat, selbst auf die Gefahr von Unannehmlichkeiten, um Ihnen bei den Nachforschungen beizustehen.«
»Ich weiß und es ist brav von dem jungen Mann, daß er die Meldung bei Lamarmora nicht gescheut und sich unter den Schutz des französischen Consuls gestellt hat. Gentleman bleibt immer Gentleman. Dennoch, wenn ich nicht mit den Herren Jesuiten und den Damen vom Sacré c ur mir vorgenommen hätte, ein andres Wort zu sprechen und der russischen Fürstin meinen Dank zu sagen für den Schutz,
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den sie Josephinen gewährt, brächten mich vier Pferde nicht nach Paris und ich begleitete Sie direkt nach Hâvre und den Antillen, da Sie nun einmal Ihr Wort gegeben haben, dahin zurückzukehren. Ihre hübsche Cousine, die fromme Herrnhuterin, würde wohl auch sonst selbst den Weg von St. Thomas nach Deutschland gefunden haben.«
»Der General hatte es zugesagt, nochmals in allen Militair-Lazarethen die genauesten Nachforschungen halten zu lassen, um sich wenigstens die Gewißheit seines Todes zu verschaffen. Ich finde das Benehmen des Marquis von St. Brie sehr edel und chevaleresk,« bemerkte der Kapitain.
»Meinetwegen, wenn er auch seine besondere Absicht dabei hat. Wenn nun einmal mein Lieblingswunsch nicht erfüllt werden soll, und Sie die Josephine nicht mögen, was ehrlich gesagt, mir sonst das Liebste wäre, weil ich weiß, daß sie dann einen braven Seemann zum Manne kriegte, so mag es immerhin der windige Marquis sein. Es ist dann doch wenigstens echtes französisches Blut, wenn er auch ein Bourbon ist.«
»Und brav ist der junge Mann, das hat er bewiesen bei der Vertheidigung von Gaëta. Ich weiß, welchen Dank ich Ihnen schuldig bin und wenn mein Leben und meine Zukunft nicht meinem deutschen Vaterlande gehörten, möchte ich sie Niemand lieber danken, als Ihnen.« Der Kapitain reichte ihm über den Tisch die Hand und schüttelte sie kräftig.
»Ich glaubte schon, Sie hätten eine gewisse Neigung für die schöne Braut Ihres Bruders, und das wäre die Ursache, die ihr Herz stählte vor jeder anderen Neigung.
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Indeß so oder so, Sie sind ein tüchtiger Mann und was geht's den alten Lautrec an. Nehmen Sie mein Wort, wenn die Nachricht von Rom wieder mißglückt, führen Sie mich und die Josephine von Hâvre nach Guadeloupe, und meinetwegen auch den Marquis, dann sind Sie frei, und wir können weiter über die Schiffsangelegenheit reden.«
Der Fremde war nicht ohne Interesse dem größten Theil der Unterredung gefolgt, da verschiedene Personen erwähnt wurden, die er zu kennen glaubte. Jetzt wandte er sich zu einem schwarzen Diener, der eben zu ihm trat, ihm eine Meldung zu machen.
»Was willst du Kumur, Du hast einen Brief?«
»Ja, Sidi, schon vor mehreren Tagen ist ein solcher beim Albergo abgegeben worden, aber man hat Ihre Adresse vergessen; möge er Ihnen Glück bringen, Sidi.«
»Er muß einen Umweg gemacht haben, denn er kommt von Brindisi. Der Stempel zeigt, daß er schon vor mehreren Tagen aufgegeben ist.« Er öffnete den Brief. »Erinnerst Du Dich des Griechen, den wir im Golf von Tarent verließen bei den unglücklichen Spaniern?«
»Ja, Herr.«
»Wir dürfen ihn erwarten, noch in diesen Tagen will unser Gastfreund nach Neapel kommen. Gieb dem Albergo genau unsere Adresse, daß er ihn zu uns sendet, sobald er nach mir frägt.«
Der Fremde hatte sich in den Brief vertieft.
»Schade,« bemerkte er, »daß es keine deutsche Zeitungen im Albergo giebt, es fehlt doch wahrhaftig nicht an deutschen Landsleuten hier.«
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Ein Fremder, der an demselben Tisch saß, wandte sich zu ihm. »Verzeihen Sie, daß ich mich Ihnen aufdränge, ich höre soeben, daß Sie über Mangel an deutschen Zeitungen klagten. Ich komme direkt aus Deutschland, machte eben nur in Neapel Station auf dem Wege nach dem Orient und es wird mich freuen, Ihnen Mittheilungen über deutsche Verhältnisse machen zu können, da ich erst im vorigen Monat Berlin verlassen habe.«
Der friesische Kapitain wandte sich ebenfalls dem neuen Sprecher zu. »Verzeihen Sie,« sagte er in deutscher Sprache, »wenn ich mich gleichfalls an dem Bericht betheilige. Mein Name ist Claus Hansen und seit dem vorigen November, wo ich die friesische Küste verlassen, habe ich Deutschland nicht wieder betreten und bin jetzt auf den Ruf meines Freundes und Rheders, des ehrenwerthen Kapitain Lautrec, aus Guadeloupe mit seiner Tochter, und ihrem Bräutigam von Marseille herübergekommen um ihn heim zu holen. Seit Juni vorigen Jahres habe ich nur wenig von Deutschland gehört und noch weniger gesehen. Ihr Bericht würde für mich also gleiches Interesse haben und mein Freund erlaubt gewiß, daß ich einige Augenblicke Ihnen widme.«
Der Arzt, der unterdeß die Lektüre seines Briefes beendet, verbeugte sich zustimmend.
»Es ist allerdings etwas länger, daß ich deutsche Laute nicht gehört, denn ich war vor wenig Jahren noch in Indien und in der letzten Zeit Leibarzt des Negus Theodor von Abbessinien, von dem ich im vorigen Sommer durch die Wüste zum Nil kam. Jetzt bin ich vertretender
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Oberarzt in dem großen Militair-Lazareth der Regierung. Es sollte mich freuen, wenn ich Ihre Mittheilung mit einer Neuigkeit aus Griechenland erwidern könnte. Wenn ich recht verstanden, gehen Sie ja nach dem Orient.«
»Nach Smyrna,« erwiederte der Fremde, »wo ich lange und während des orientalischen Krieges General-Consul war, und von wo ich meine Familie nach Deutschland zurückhole.«
Die kurze Vorstellung der drei Fremden genügte, um sie wenigstens äußerlich mit einander bekannt zu machen. »Nach Ihrem Rock zu urtheilen,« sagte der General-Consul, »sind Sie Seemann und gehören zur deutschen Flotte?«
Der Kapitain lächelte spöttisch. »Zur deutschen Flotte! die existirt meines Wissens nicht mehr, sie müßte denn unter Hamburger Flagge segeln, und eigentlich einen französischen Rheder haben, wenn Sie mich, obgleich ich ein freier Friese bin, einmal zur deutschen Flotte zählen wollen. Die Aussichten für eine solche wären schlecht genug, ohne Preußen an ihrer Spitze wird nie was Großes hergestellt werden, und ich erinnere mich, daß die ewigen Nörgeleien des Bundestages wenig Aussicht dazu lassen. Alle Sammlungen des National-Vereins vermögen keine deutsche Flagge zu schaffen, so lange ein Großstaat mit Mitteln und Küsten sich nicht an die Spitze stellt und leider kann ich Ihnen die Gewißheit geben, daß meine letzte Erfahrung in deutschen Wässern die Ueberzeugung war, daß Preußen sein schönes Schiff, ›die Amazone‹ unwiederbringlich verloren hat. Das ist das zweite
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Unglück, das die junge preußische Flotte trifft, möge es den neuen und wie ich höre, so kräftigen, wie thätigen König nicht abschrecken, an dem Werke fort zu arbeiten. Erlauben Sie meine Herrn, daß ich zu Ehren des eben so seltsam gefügten Zusammentreffens mit Landsleuten eine Flasche von dem köstlichen Wein dieser Küste kommen lasse, um auf die ferne Heimath anzustoßen?«
Der General-Consul verneigte sich. »Ich muß Sie bitten, mir wenigstens die Wahl des Weines zu überlassen, da ich mehr als einmal in Neapel gewesen bin. Ich halte das rothe Blut von Salerno für das kostbarste Naß und weiß, daß der Wirth es führt!« Er bestellte rasch bei dem aufwartenden Kellner eine Flasche mit vier Gläsern. »Zum Dank für Ihre Freundlichkeit sollen Sie gleich eine Nachricht hören, die Ihr deutsches und seemännisches Herz hoffentlich erfreuen wird. Am Bundestag, der sich noch immer in Einzelheiten um den dänischen Streit verliert, obgleich er endlich einmal ein energisches Ende machen und eine bestimmte Erklärung abgeben sollte, hat der Antrag Preußens und Hamburgs auf sofortige Herstellung einer geeigneten Flottille zum Schutz der Küsten alle Aussicht, zum Beschluß erhoben zu werden; daß der König von Preußen im März bereits den liberalen Theil seines Ministeriums entlassen hat, werden Sie wissen.«
»Was ich aus den französischen Zeitungen davon gelesen, ist Alles, was ich weiß und ich glaube, Sie werden sich auch den Dank unseres neuen Freundes, des Arztes, erwerben, wenn ein so informirter Mann wie Sie, über
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den Gang der Ereignisse seit der neuen Regierung uns kurz unterrichten will.«
Der General-Consul nahm sofort das Wort, denn er sprach gern und geschickt.
Der französische Kapitain, obgleich er kein Deutsch verstand, fand genug Unterhaltung in der Beobachtung der Scenen umher, und der wunderbaren Beleuchtung des Golfs, obschon der Höflichkeit halber der Consul den Vorschlag machte, ihn durch die französische Sprache in die Unterhaltung zu ziehen, aber der Klang der deutschen Laute hatte für den Friesen und den Thüringer doch einen viel zu unwiderstehlichen Reiz, um nicht diese Sprache vorzuziehen.
»Da es Ihnen wohl zuerst darauf ankommt,« berichtete der General-Consul, »was in Schleswig und Preußen geschehen, so mache ich Sie darauf aufmerksam, daß Dänemark mehrfach versucht hat, den Forderungen des deutschen Bundes und der Einführung der Selbstständigkeit der Herzogthümer sich zu entziehen, daß man aber eifrig bestrebt ist, es zu seinen Pflichten anzuhalten. Der sogenannte Nationalverein, der sich für die Einigung Deutschlands gebildet hat, an dessen Spitze die Parlaments-Männer von 1848 stehen, ist streng dahinter her; doch scheint mir im Hintergrund ein Theil der Regierung zu stehen. Im Ganzen scheint man über die Form des Bundes und über das Recht des Volkes, über seine Angelegenheit im Parlament mitzusprechen, einig zu sein. Es kommt nur darauf an, wer an der Spitze stehen soll, Oesterreich oder Preußen? Preußen hat viele Gegner, da
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die Welfen, die Sachsen und Wittelsbacher sich für gleich berechtigt halten. Hieraus erklären sich all die Intriguen, die gegenseitig gesponnen werden. Die südlichen Staaten halten sich größtentheils zu den Oesterreichern und bilden eine Art Rheinbund. Einer der energischsten Gegner, den Preußen findet, ist der sächsische Minister v. Beust. Die zweite preußische Kammer steht noch immer im vollen Conflict mit der Regierung über die Armee-Reorganisation und benutzt die Gelegenheit, um der Krone soviel als möglich Rechte zu entziehen und sie unter die Herrschaft der demokratischen Partei zu stellen, die offenbar jetzt das Uebergewicht hat in Berlin wie im Lande. Die Kammer wurde deshalb im März 1861 aufgelöst, aber die Neuwahlen haben kein anderes Resultat ergeben, dagegen regt sich die konservative Partei, die alten Königstreuen, mächtig in den verschiedenen Provinzen.
Von allen Seiten kommen Deputationen und Petitionen an den König mit der Bitte um ein festes Regiment. In dem Bundestag haben Preußen und Oesterreich das Verlangen an Kurhessen gestellt, die Verfassung von 1831, als die einzige rechtsgültige, wiederherzustellen, der Kurfürst besteht jedoch eigensinnig auf der von ihm 1852 gegebenen, und will nur nach ihr die Wahl seiner Kammer gestatten. Er hat bereits zweimal die Wahlen auf Grund derselben ausschreiben lassen, die Deputirten weigern sich zu gehorchen und er hat den preußischen General, der ihn an die Ausführung des Bundesbeschlusses mahnen sollte, schlecht empfangen, worauf Preußen militairische Beschlagnahme androhte. Unter den Staaten
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zweiten Ranges scheint mir eine besondere Coalition sich gebildet zu haben; man will zwar die holsteinschen und schleswigschen Ansprüche gegen Dänemark unterstützen, hofft aber damit nur einen neuen Kleinstaat zu etabliren, der Preußen majorisiren hilft, so daß die Einigung Deutschlands noch weit im Felde steht, wie sehr sich auch der National-Verein dafür bemüht, dessen Mitglieder wahrscheinlich im Trüben fischen wollen. Man kann die Träumereien des Wartburg-Festes und den Machtkitzel, den man 1849 fühlte, nicht unterdrücken. Von Wien aus ist der neue Versuch gemacht worden, die Trias-Idee, also die der dreifachen Herrschaft, im Bunde einzuführen, Preußen verlangt aber Selbstständigkeit. Der National-Verein hat in Weimar, Berlin und Heidelberg getagt und noch kürzlich in Frankfurt a. M. nach verschiedenen anderen gemeinsamen Volksfesten, womit er die deutsche Einigkeit zu Wege zu bringen gedenkt, unter dem Herzog von Coburg ein großes Schützenfest gehalten.
Diesen scheint es zu gelüsten, eine Rolle in der deutschen Einigkeit zu spielen und er hat sich an die Spitze gestellt. Daß der König von Preußen die Regierung von Italien anerkannt hat, wissen Sie wohl bereits, ebenso daß er das liberale Ministerium entlassen hat, er scheint aber noch immer nicht die Männer gefunden zu haben, welche mit ihm die Militair-Reorganisation durchführen, und den Widerstand der Kammern beseitigen können. Ich bin überzeugt, daß er seinem Lande nur Nützliches geben will und schwer von seiner Militair-Einrichtung, die so zweckmäßig wie nothwendig ist, abzubringen ist. Der Zwiespalt mit
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Dänemark über die Herzogthümer wird früher oder später die beste Gelegenheit sein, ihren Werth zu erproben. Einstweilen ergeht sich der Landtag in Verweigerung der Mittel dazu und in Angriffen gegen das alte Beamtenthum, das die liberale Regierung ihm leichtfertig preisgiebt; wenn es nur nicht zum Schaden geschieht für den Staat. Vorläufig hat Preußen einen guten Schachzug gethan in einem neuen Handelsvertrage mit Frankreich, mit dem man Oesterreich aus dem alten Zollverein zu drängen sucht, und dem das Volk zustimmt.
Oesterreich, Württemberg, Sachsen, Hannover, Baiern wenden sich gegen die preußische Oberherrschaft, und es ist sehr möglich, daß dadurch die deutsche Einigkeit wieder in die Brüche geht, und ein Bund zusammentritt, welcher das Ausscheiden Oesterreichs aus Deutschland verhindert.«
»Es ist vieles von dem,« sagte der Arzt, »was Sie uns mitgetheilt, mir unverständlich, weil ich in der Zeit nicht fortgeschritten bin, aber soviel scheint mir jedenfalls festzustehen, daß es mit der Herstellung einer deutschen Einigkeit noch gute Wege hat, und sie schwieriger ist, als die italienische.«
»Rußland hat am 10. Juli Italien anerkannt, wahrscheinlich als Gegenschlag wegen der Weigerung der Kurie, bei der Unterdrückung des polnischen Aufstandes durch die Geistlichkeit zu helfen; seitdem macht Rußland die Bakunin'sche Agitation viel zu schaffen und die Verhältnisse scheinen nicht besonders glücklich in dem großen Reich der Romanows. In Petersburg jagen sich die Feuersbrünste
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untereinander, die offenbar von aufrührerischer Seite veranlaßt werden. Zum Glück läßt sich der Kaiser in dem großen Werk der Bauern-Emancipation nicht stören und es ist vielleicht günstig für ihn, daß er auch die der Juden in Polen ausgesprochen hat.«
»Sie haben Frankreich und England noch nicht erwähnt!«
»Frankreich hat einstweilen mit Mexiko sich eine neue Ruthe aufgeladen, weil es doch nicht stillsitzen kann. Es fängt den Krieg auf eigne Hand mit Mexiko an, indem es sich von Spanien und England trennt, weil diese nicht auf den Zopf anbeißen wollen, den es ihnen in den Kriegen der nordamerikanischen Nord- und Südstaaten hingeworfen hat. Die Einigung Italiens scheint nicht lange mehr auf sich warten zu lassen und wie aus den Zeitungen zu ersehen, hat schon der Besuch Victor Emanuels und des Prinzen Napoleon in Neapel im April und Mai den allgemeinen Ruf ›Nach Rom‹ veranlaßt.«
»Obgleich der Kaiser Napoleon unbedingt durch die Besetzung Roms ein festes Pfand für den guten Willen in der Tasche hat, sollte es mich doch wundern, wenn Mazzini und Garibaldi ruhten, ehe nicht Rom in ihrer Hand ist.«
»Es bedurfte dazu in der That der Brandrede des Prinzen Napoleon gegen die weltliche Herrschaft des Papstes nicht; wenn auch die Curie durch die Berufung der Bischöfe nach Rom unter dem Vorwande der japanischen Heiligsprechung ein neues Mittel gefunden hat, die Herrschaft der katholischen Kirche zu erneuern, wird sie doch über
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kurz oder lang noch ganz andere Wege nöthig haben, um sich auch nur noch einen Schatten der alten Macht zu erhalten. Die Revolution ist jetzt in Italien für sie zu mächtig, sie wird nach Oesterreich oder Malta auswandern müssen.«
»Es scheint mir, daß wenn das Anerbieten von Malta Alles ist, was Sie über England zu sagen haben, Sie wenig seinen eigennützigen und zähen Charakter kennen, ich glaube nicht, daß, soviel ich selbst gesehen, es seinen Weg nach Indien aus den Augen gelassen hat, und daß es vielmehr neue Stationen sucht, um sich ihn auf dem Wege durch das Mittelmeer nach Aegypten zu sichern, nachdem es die Idee des Suezkanals versäumt hat. Sollte es nicht auch in der Angelegenheit der Herzogthümer und Dänemark seine Hand im Spiel haben?«
»Gewiß,« sagte der friesische Kapitain, »die Angelegenheit wegen des Ankaufs von St. Thomas scheint sich zwar aus unbekannten Gründen zerschlagen zu haben; man glaubt billiger dazu zu kommen, oder die alte Flibustier-Insel hat keinen reellen Werth für Großbritanien; Helgoland am Eingang der Elbe ist ihm wichtiger.«
»Sie wissen wahrscheinlich aus den Zeitungen, daß davon die Rede ist, es wolle sich anstatt in Korfu in einem günstigeren Punkte im Mittelmeer festsetzen?«
Der Arzt hatte einige Augenblicke wie überlegend geschwiegen, dann zog er rasch entschlossen den Brief, den er soeben empfangen, aus der Tasche und drehte ihn zwischen den Fingern.
»Ich glaube in der That,« sagte er zu dem Consul, »daß es in diesem Augenblick mit anderen Plänen umgeht.
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Kennen Sie den Charakter Englands von seinem ersten Staatsmann bis zu seinem letzten Gliede?«
»Wie sollte ich nicht, habe ich doch schon vor dem orientalischen Kriege Gelegenheit genug gehabt, ihn kennen zu lernen und nun in Italien meine alte Meinung bestätigt gefunden: Zäh, gewissenlos, wo es seine eigenen Interessen gilt und nie seine Pläne aus den Augen verlierend! Erlaubt es Ihre Zeit, eine kurze Geschichte anzuhören, die ich aus meinem früheren Beamtenleben mittheilen kann und die so recht in der That den englischen Charakter zeigt?«
Der Arzt sah finster vor sich hin. »Ich könnte Ihnen wohl einige Pendants dazu geben. Vielleicht thut es der Mann, den Sie wohl noch hier kennen lernen werden, da er mir seine Ankunft verkündet. Bitte erzählen Sie.«
»Es ist eine einfache Geschichte,« sagte der Konsul, »wie sie oft im Orient den besten Aufschluß über die Charaktere giebt, ich nenne sie, die sich kurz vor dem orientalischen Krieg ereignet:

Un cadavre.

Die Consulate in Smyrna lagen und liegen am Quai wenn man die einzelnen Ausladestellen des prächtigen Hafens so nennen will, denn einen fortlaufenden gangbaren Hafendamm gab es damals noch nicht, und die Promenade beschränkte sich vom Café Anglais aus auf eine sehr kurze Strecke, die trotzdem schon sehr oft der Schauplatz von Raub und Mord gewesen ist und es namentlich in jener Zeit
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kurz vor Beginn des großen orientalischen Krieges war. Die Consulate sind sämmtlich massiv, die Zugänge fest, die untern Fenster vergittert, das Dienstpersonal außerdem durch die Khawassen des Consulats vermehrt, und so bieten sie eine verhältnißmäßig weit größere Sicherheit, als alle anderen Gebäude der Stadt, selbst die wenigen Amtsgebäude nicht ausgenommen.
Aus diesen Gründen geschieht es gewöhnlich, daß die Kaufleute, wenn sie bedeutende Geldsummen eingenommen haben, dieselben auf einem Consulate zur Aufbewahrung deponiren. Selbst die Türken und Juden folgen dieser Nothwendigkeit.
Die blutige Anekdote, die ich hier erzählen will, ist während meiner Amtsführung passirt, Jedermann bekannt und sehr geeignet, das Treiben der englischen Verwaltung wie das der öffentlichen Sicherheitspflege zu charakterisiren; dieselbe ist auch jetzt nach der englisch-französischen Alliance und dem Sieg über Sebastopol keine andere geworden. Der Vorgänger des jetzigen Consuls im österreichischen Consulat, Herr v. W. hatte unter seinem Dienerpersonal seit längerer Zeit einen jungen Griechen, den er mit großer Vorliebe und Nachsicht behandelt und stets mit Wohlthaten überhäuft hatte. Sei es das Gefühl dieser und das sich regende Gewissen, sei es - und das ist dem griechischen Charakter entsprechender - die Erwartung eines weniger gefährdeten Verdienstes und einer besseren Belohnung, - als Herr v. W. eines Tages nach Hause kommt, nachdem bei ihm kurz vorher eine Summe von einer halben Million Piaster deponirt worden war, folgt
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der Diener ihm in sein Zimmer, wirft sich ihm zu Füßen und gesteht ihm, daß er an dem Anschlag einer berüchtigten Räuber- und Mörderbande theilgenommen, die in der bevorstehenden Nacht in das Consulat eindringen und den Consul ermorden wolle. Herr v. W. zuerst von Schrecken ergriffen, faßt sich bald. Er erklärt dem Diener, daß wenn die Entdeckung wahr sei, er sich einer großen Belohnung sicher halten könne, von diesem Augenblick an aber das Zimmer nicht mehr verlassen dürfe. Auf sein weiteres Befragen erfährt er Folgendes: Die Bande hatte schon lange auf eine günstige Gelegenheit zu dem Fange gelauert. Durch ihre Spione von der Deponirung der bedeutenden Geldsumme, circa 28,000 Thalern, in Kenntniß gesetzt, hatte sie den griechischen Diener durch das Versprechen eines bedeutenden Antheils gewonnen, in der Nacht den Riegel der Thür des Hauses nach dem inneren Hofraume zu öffnen. Sieben der verwegensten Räuber Smyrnas würden in der Nacht von der Meeresseite her in den inneren Hof des Consulats einsteigen, durch die geöffnete Thür in das Haus dringen, die beiden in einer Kammer schlafenden Khawassen überfallen und den Consul mit seiner Familie ermorden, um vor jedem Verrath und jeder Verfolgung bei ihrem Raube sicher zu sein.
Man denke sich die Lage des Vaters und Gatten. Jeder offene Schritt zu seiner Sicherheit hätte diese nur auf kurze Zeit gewährt und ihn und den Diener der Rache und dem Dolche der Mörder preisgegeben, deren kurze Verhaftung kaum auf die wahre Aussage des Griechen hin
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zu ermöglichen gewesen wäre. Herr v. W. war ein entschlossener Mann, er kannte vollkommen die herrschenden Zustände und nach kurzer Ueberlegung hatte er sich über sein Verfahren bestimmt. Er wiederholte dem Diener seine Versprechungen, schloß ihn in ein inneres Zimmer des Hauses, und steckte den Schlüssel zu sich. Dann machte er dem Khawassbaschi, d. h. dem türkischen Polizeimeister oder Anführer der Khawassen einen Besuch, rauchte mit diesem den Schibuck und brachte das Gespräch auf die herrschende Unsicherheit.
»Ich habe viel Geld in meinem Hause und bin besorgt deshalb,« sagte der Consul. »Ich möchte Dich fragen, ob Du wohl einige Leute hast, auf die man sich verlassen kann?«
Der Türke schluckte bedächtig seinen Rauch, sah mit klugen Augen den Consul an und erwiderte: »Du hast etwas vor, Freund? Du glaubst, daß man Dich berauben wird?«
Der Consul wich der Frage aus und erklärte, daß nichts Bestimmtes vorläge, daß die große Summe Geldes, die sich in seinem Hause befände, ihn jedoch besorgt mache, und wiederholte seine Frage, ob er eine Anzahl Khawassen für diese Nacht zur Bewachung gegen Belohnung erhalten könne, die gut bewaffnet wären und auf die man sich in jedem Falle verlassen könne.
Der Baschi küßte die Spitzen seiner Finger. »Sie trinken Frankenblut!« sagte er in der bilderreichen Sprache des Orients, um den Haß seiner Leute gegen die Rajahs auszudrücken. »Wie viel brauchst Du?«
»Acht bis neun.«
»Es ist gut. Du verschweigst mir die Wahrheit, aber das ist Deine Sache. Ich werde die Leute auswählen und ihnen nur ihre Pistolen geben. Das knallt ein Mal, aber es ist sicher und macht keinen langen Lärm. Verlaß Dich auf mich.«
Nachdem Herr v. W. noch mit dem Baschi verabredet, daß die Khawassen einzeln am Abend und statt in ihren weißen kennbaren Mänteln in dunkler Kleidung kommen sollten, ließ er auf seinem Sitz einen Beutel mit Piastern zurück und ging nach Hause.
Hier schickte er, ohne ein Wort zu sagen, seine Familie und das Dienstpersonal bei Zeiten zur Ruhe, und als es Nacht wurde, stellte er sich selbst an die Thür und ließ die Khawassen, wie sie ankamen, ein.
Wer dieses Corps in Smyrna gesehen hat, weiß wessen er sich von ihnen versehen kann. Wildblickende trotzige Gestalten, früher auf den Bergen Anatoliens oder in den syrischen Wüsten vielleicht selbst kühne Räuber, die durch ihren Eintritt in jenes Corps ihre Begnadigung erkauft, ist ihre orientalische Gleichgültigkeit gegen das eigne und Anderer Leben nothwendig in solchen Scenen, wie sie hier sich täglich bieten.
Das österreichische Consulat hat wie die meisten anderen größeren Häuser des Orients zwei hohe, mit Mauern umgebene Höfe. Der äußere geht, wie bereits erwähnt, nach dem Hafen; nach dem inneren, der durch eine Pforte in der Zwischenmauer von dem äußeren zugänglich ist, gelangt man aus dem Hause. Als die neun
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Khawassen versammelt waren, führte sie Herr v. W. in den äußeren Hof und postirte sie in verschiedene Winkel und Verstecke. Das Ganze ging stillschweigend ab ohne weitere Verhandlung und Instruktion - der Khawassbaschi hatte sie ihnen zur Genüge gegeben.
Dann kehrte der General-Consul in sein Haus zurück, verschloß selbst die Thür und setzte sich mit einer Doppelflinte und seinen Pistolen bewaffnet, in einem dunklen Zimmer des oberen Stockwerks nieder, nachdem er sich nochmals überzeugt hatte, daß der griechische Diener in fester Verwahrung war, - das Weitere dem Himmel und den Khawassen überlassend.
Es war Neumond, und dieser bereits vor 10 Uhr untergegangen. Der glänzende Sternenhimmel des Orients ließ jedoch die äußeren Mauern ziemlich klar überschauen; was darunter war, lag im tiefen Schatten.
Die Uhr im Zimmer schlug Mitternacht, endlich die erste Stunde. Gleich darauf sah Herr v. W. eine dunkle Gestalt sich über den Rand der äußeren Mauer heben und im ersten Hofe verschwinden. Eine zweite folgte, so noch fünf andere. Der letzte Mann zog die Leiter nach sich, ließ sie in den Hof hinab und stieg hinunter. Das Alles geschah in größter Stille, das Hinabgleiten an einem Strick, - kein Laut ließ sich hören.
Nach wenigen Minuten hob sich ein Mann auf der an die zweite, zum inneren Hofraume führenden Mauer gelehnten Leiter empor und warf das Seil in den Hof.
In diesem Augenblick fiel der erste Schuß - die dunkle Gestalt breitete die Arme aus und stürzte in den
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äußeren Hof zurück. Zehn bis fünfzehn Pistolenschüsse knallten hinter- und durcheinander; man vernahm unterdrückte Flüche - dann das wüthende Klingen von Streichen, zuletzt nochmals drei Schüsse - dann Grabesstille, - das ängstliche Lauschen des Consuls vernahm kein anderes Geräusch, als das regelmäßige Aufschlagen der Wogen vom Hafen her, nichts gab ihm Auskunft über den Ausgang des Kampfes.
Er beruhigte die erwachte Familie und die Dienerschaft und legte sich nieder. Ob er geschlafen - ich bezweifle es!
Am Morgen kamen von allen Seiten die Nachbarn und erkundigten sich, was die Ursache des nächtlichen Schießens gewesen. Dergleichen gehört in Smyrna nicht zu den Seltenheiten, aber es fällt Niemandem ein, deshalb bei Nacht sein sicheres Haus zu verlassen, um etwa Gefährdeten zu Hilfe zu kommen. Man ist ja gewiß, am Morgen die Neuigkeit zu hören.
Herr v. W. wich einige Zeit den Fragen der untergeordneten Personen aus. Als aber die benachbarten Consuln schickten oder selbst kamen, und sich eine Menge Neugieriger um sein Haus versammelt hatte, erklärte er, daß wahrscheinlich in der Nacht von Dieben ein Ueberfall gegen das Consulat versucht und zurückgewiesen sein müsse, denn man habe zu seiner Sicherheit am Abend einige Khawassen in den äußeren Hof postirt. Dabei zog er den Schlüssel aus der Tasche und lud die Anwesenden, unter denen sich der englische Vice-Consul befand, ein, mit ihm in den Hof zu gehen, den er nicht allein habe betreten wollen.
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Die Thür wurde geöffnet - der Anblick, der sich der andrängenden Menge bot, war ein grauenvoller.
Auf den Marmorfliesen des Hofes lagen sieben Leichen in den furchtbarsten Verzerrungen des Todeskampfes, bewegungslos gleich Statuen lehnten an den Wänden umher die Khawassen, zwei verwundet, der eine durch einen Stich in den Arm und den schrecklichen Hieb eines Yatagan über die Brust. Einer der Banditen, ein französischer Fechtmeister, hatte sich mit rasender Anstrengung gewehrt, als er sich überfallen und seine Gefährten fast ohne Gegenwehr unter den Kugeln der Khawassen stürzen sah. Erst bei der fünften Kugel, die er empfing, war er selbst gefallen. Während ein Theil der Khawassen mit den abgeschossenen Pistolen die Hiebe des Wüthenden parirte, hatten die Anderen wieder geladen und ihn so niedergestreckt. Die Steine des Hofes schwammen in Blutpfützen.
Ein Schrei des Grauens und Entsetzens erhob sich aus der versammelten Menge. Ein griechisches Weib mit fliegenden Haaren brach sich Bahn und warf sich heulend und wehklagend auf einen der blutigen Leichname, vergeblich eine letzte Lebensspur zu finden. Dann streckte sie die geballten Hände drohend gegen den englischen Vice-Consul. »Sieh diesen Todten,« lautete ihre Verwünschung, »hättest Du vor zwei Tagen nicht fünfzig Kolonate von mir genommen, um ihn aus seinem Gefängniß loszumachen, dann wäre er noch dort, und ich nicht eine Wittwe!«
Herr v. W. drehte mit dem Fuße den nächsten auf dem Gesicht liegenden Körper um. Ein verzerrtes, aber in ganz Smyrna wohlbekanntes Antlitz starrte zum Himmel empor.
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Der österreichische Beamte faßte den Arm des Vertreters englischer Gerechtigkeit und Humanität und wies auf die Leiche: »Wie ist mir denn, Mr. H., das Gesicht müssen Sie kennen, das ist ja einer Ihrer Agenten und Schutzbefohlenen, den Sie so häufig gegen die türkische Polizei in Protektion genommen haben?«
Mr. H. sah mit großer Gleichgültigkeit auf den Todten: »C'est un cadavre, je ne connais pas un cadavre!« Damit ging er, verfolgt von den Verwünschungen der Wittwe.
Smyrna war von einer seiner gefährlichsten Banden befreit, aber Herr v. W. beeilte seine Versetzung.« -
Der Consul hatte, um die Geschichte für den französischen Kapitain nicht verloren gehen zu lassen, sie in französischer Sprache erzählt, dieser hatte sich deshalb der Gesellschaft wieder zugewandt.
»Es zeigt das ganz, wie sie sind! - Hören Sie jetzt und ich denke, es wird auch Sie inter[r]essiren, was ich Ihnen zum Dank für Ihre geistvolle Darstellung mittheilen kann. England sinnt allerdings darauf, die Ionischen Inseln aufzugeben, aber nur, weil sie nicht den geglaubten Vortheil gewähren und es dem Drängen eines Volkes nicht länger widerstreben kann, überdies sich eine bessere Gelegenheit für seine Zwecke bietet. Was meinen Sie zu Griechenland, Kreta oder Cypern als Station für Aegypten und gegen Syrien, wo es lange den französischen Einfluß dulden mußte?«
Der Consul und die beiden Männer sahen sich fragend an. »Unmöglich! Ich habe mich zwar lange gewundert,
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daß man sich nicht aus der östlichsten Insel ein neues Malta machte, aber ich bin gewohnt zu sehen, wie England nur mit großer Vorsicht vorwärts geht, und ich weiß, daß jede Annexion in diesem Augenblick Rußland, Frankreich und den kranken Mann ihm auf den Hals hetzen würde. England ist in diesem Augenblick durch den russischen und indischen Krieg noch zu sehr geschwächt, um es auf einen Zusammenstoß mit so Vielen ankommen zu lassen.«
»Und dennoch muß es jetzt die Gelegenheit für gekommen halten. - Wollen Sie mir ein wenig Gehör schenken,« der Arzt entfaltete den Brief, den er bisher in der Hand gehalten und sah einige Augenblicke hinein. »Sie wissen,« sagte er, »daß im vorigen Jahre von dem Studenten Dosios auf die Königin geschossen, und dieser deshalb zur Einsperrung in Nauplia begnadigt wurde. Der revolutionaire Gang scheint auch durch Griechenland sich zu erstrecken, im Februar dieses Jahres ist eine neue Revolution in Griechenland ausgebrochen, man hat sie zwar unterdrückt, aber Dosios ist in Nauplia befreit worden. England fühlt, daß es das Protektorat über Ionien, das es ohnehin zu Unrecht besitzt, aufgeben muß, aber es wird eine bessere Station dafür nach dem Orient erwerben. Bereits hat das Parlament in Corfu mehrfache Anträge auf Selbständigkeit gestellt, welche man bisher immer, sowie den freiwilligen Anschluß an Griechenland, mit Gewalt und Strenge unterdrückt hat. Man unterstützt im Stillen die Bewegung Griechenlands, hofft die Vertreibung des jetzigen deutschen Königs und die
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Wahl eines neuen. Für das Geschenk Ioniens an Griechenland aber erwartet man die Wahl des Prinzen Alfred zum griechischen König; man beabsichtigt sodann den Pyräus oder eine der griechischen Inseln, vielleicht auch Cypern, zum englischen Hafen und Station nach Syrien und Aegypten zu machen. Das hieße aber für die türkische Herrschaft ein noch schlimmeres Joch eintauschen. Grimaldi oder Maldigri Khan, der Schreiber dieses Briefes, mein Freund, ist ein eifriger Patriot und ein entschiedener Gegner der englischen Herrschaft. Grimaldi wird in diesen Tagen hier eintreffen. Er kommt mit seinem Freunde Danilos, der ein Seemann ist und der damals die armen Spanier des General Borries zu ihrem Unglück übersetzte vom Golf von Patras, ist also mit allen Vorgängen aufs Genaueste bekannt, und will mich sprechen. Frankreich wie Italien, Oesterreich wie die Türkei und Rußland können unmöglich wünschen, daß England diese neue Station gewinnt, aber was thun, Sie sehen, daß diese Weltherrschaft fortschreitet, und langsam, aber sicher geht.«
Er hatte dabei nicht bemerkt, daß während seiner Rede ein Fremder am nächsten Tische sich umgewendet und ihn scharf ins Auge gefaßt hatte, es war ein tunesischer Jude, in den weiten faltenreichen Gewändern seines Landes, den Fez tief in die Augen gezogen, das Gesicht von einem dichten schwarzen Bart umgeben. Der Fremde hielt sich etwas im Schatten, aber er verlor die Männer, die bisher gesprochen, nicht aus den Augen.
»Die Nachricht, die Sie mir gegeben, war mir bisher unbekannt,« sagte der Consul, »aber es ist von hohem
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Interesse für mich, wenn Sie es erlauben, soll sie nicht ohne Verwerthung bleiben.«
Der Arzt lächelte. »Ich habe keine Ursache ein Freund der Engländer zu sein und ihre eigennützigen Pläne zu unterstützen, vielleicht lernen Sie meinen Freund noch kennen, der ein ebenso großer Gegner dieses Inselvolkes ist, wie ich. Nur wünsche ich, daß er sich nicht zu Intriguen gegen England brauchen läßt, denn er hat bereits ihre Feindschaft genugsam auf dem Halse. Wer mag jener Mann dort sein?« er wies nach einem ältern wohlbeleibten Herrn mit Krauskopf und grauer Reisebekleidung, der an dem anderen Tisch aufgestanden war und eben die Hand einer fahrenden Sängerin festhielt, die beschäftigt war, nach dem Vortrag einer Canzonette mit dem Notenblatt eine Gabe der Umsitzenden einzusammeln. Es war dies ein einfach und dunkel gekleidetes Weib, dessen leichter Strohhut mit einem Halbschleier das anscheinend nicht mehr ganz junge Gesicht verhüllte. »Das ist Teresella, - so war ich Alexander heiße, halt da, Du entgehst mir nicht, wir haben Dich alle längst untergegangen geglaubt und ich Dich nicht wiedergesehen, seit Du der Armee damals nach Italien gefolgt bist.«
Die fremde Frau schien sich mit Gewalt losreißen und lieber die Einnahme im Stich lassen zu wollen, als Rede zu stehen, aber mit dem berühmten Pariser Schriftsteller hatten sich zugleich auch andere Personen erhoben und um die Flüchtende gedrängt. Darunter befanden sich auffallender Weise der deutsche See-Kapitain und der sardinische Militair-Arzt.
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»Kapitain Lautrec,« sagte der Erstere, »hier ist zufällig eine Spur, die vielleicht zur Auffindung Ihres Neffen führt. Erinnern Sie sich, daß der Marquis diese Person als die einzige bezeichnete, welche über den Kapitain Gauthier sichere Kunde geben könne. Eilen Sie nach dem Hôtel, um ihn hierher zu holen, ich lasse sie unterdeß nicht aus den Augen.« Auch der sardinische Arzt war mit hervorgetreten, aber er schien sich mehr als Beschützer und Helfer zu zeigen und er reichte der Frau sofort den Arm, an den sie sich zitternd und erschreckt hing.
»Ich wußte nicht, Mademoiselle, daß ich Sie hier wieder finden würde,« sagte er menschenfreundlich, »aber das seltsame Incognito erklärte mir manches. Warum wenden Sie sich nicht offen an mich, wenn Sie des Beistands bedürfen, statt zu diesen Mitteln zu greifen? Meine Herren, ich bin der piemontesische Militair-Arzt Dr. Walding, vertrete den Chef vom großen Garnison-Lazareth, und wenn sie meiner bedürfen, können Sie dort meine Adresse hören. Diese Frau kenne ich und achte sie für ihre menschenfreundliche Hülfe bei einem unheilbaren Unglücklichen. Sie erlauben, daß ich sie in meinen Schutz nehme.«
Er wollte sie fortführen, aber der be[r]ühmte Schriftsteller hielt ihren Arm fest. »Es ist unmöglich Herr, daß ich mich irre,« sagte er, »ich bin Dumas, dessen Namen Sie kennen werden, und das ist die Chansonniere Therese, die sich meiner aus Paris erinnern muß und die ich mehr als hundertmal im Alcazar gesehen, bis sie uns plötzlich aus den Augen verschwand; Sie werden erlauben, daß ich ihre
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Bekanntschaft erneuere, um in der traurigen Lage, in der sie sich zu befinden scheint, ihr beizustehen.«
Der Arzt hatte ihn zur Seite geführt, das Frauenzimmer noch an seinem Arme.
»Ich bin nicht so unbekannt in der französischen Literatur, mein Herr, als daß ich Ihren Namen nicht kennen und achten sollte, aber wenn dem auch so ist, sollte es nicht mehr im französischen Charakter liegen, eine Unglückliche, die Sie früher gekannt, und die sich dem öffentlichen Mitleid entziehen will, lieber nicht wiederzukennen, als ihre Lage zu erschweren? Auch wissen Sie, wo Sie morgen meinen Namen erfahren können, und wo ich Ihnen Rede stehen werde.«
Der bekannte Schriftsteller verbeugte sich, er sah ein, daß er zu hastig verfahren war, suchte nur noch Gelegenheit, ein Tausend-Frankbillet zwischen das Notenblatt zu schieben und trat zurück.
Das edelmüthige Eintreten des Arztes sollte aber noch eine andere Frage veranlassen, denn von der anderen Seite trat der friesische Kapitain zu ihm.
»Verzeihen Sie, daß ich Sie aufhalte, aber es geschieht im Interesse meines Freundes und Rheders, der eben nach dem Hôtel gegangen ist, um einen unverdächtigen Zeugen zu holen. Ich bitte Sie als Mann von Ehre, fragen Sie diese Sängerin, ob sie den Namen Theresa in Paris geführt hat, und ob sie uns eine Auskunft über den französischen Kapitain Gauthier geben kann, der bei dem Ueberfall von St. Agata vor Gaëta in die Hände der Sardinier fiel und seit zwei Jahren spurlos verschwunden ist. Man sucht ihn in seinem eigenen Interesse.«
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Diesmal war es der sardinische Arzt, dem kein Zweifel über die Person bleiben konnte, denn ein Blick zur Seite belehrte ihn, daß die Frau, die er in Schutz genommen, die Namen, die genannt worden, wohl kannte, und bitterlich hinter ihrem Tuche schluchzte. »Diese Frau,« sagte er zum Kapitain, »ist mir unbekannt, ich weiß nur, daß sie ein Gartenhaus mit ihrem schwer erkrankten Mann oder Verwandten an dem Ort bewohnt, wo auch ich Aufnahme gefunden, zweimal bereits hat sie meinen ärztlichen Beistand in Anspruch genommen, aber ich konnte ihr leider wenig Aussicht machen, daß der Kranke, den sie so sorgfältig pflegte, Genesung finden werde.
Ich hatte keine Ahnung davon, daß ihre Mittel so gering sind, daß sie das Brot für sich und ihren Kranken des Abends ersingen muß. - O, Frauenliebe, Frauenliebe, das Herz bleibt sich unter allen Zonen gleich! Lassen Sie mich die Unglückliche nach Hause bringen und beruhigen, ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich Sie noch heut Abend an dem Tisch, wo wir sahen, aufsuchen werde.«
Der Friese reichte ehrerbietig der armen fremden Sängerin die Hand. »Wenn es sich bestätigt, was Sie mich hoffen lassen, können Sie meinem Freunde, dem Kapitain Lautrec keinen größern Dienst erweisen. Der Unglückliche ist sein Neffe und nichts darf ihm oder denen, die sich seiner angenommen, fehlen, ich bitte Sie, disponiren Sie einstweilen über meine Börse und kehren Sie bald zu uns zurück.«
Er verbeugte sich vor ihm und der Frau und ging wieder eilig zu dem Café, wo er noch den General-Consul
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fand im eifrigen Gespräch mit dem tunesischen Juden, der sich ihm als ein Korallenhändler vorgestellt, aber, sowie der Kapitain sich nahte, ihn verließ, da er seine Neugierde befriedigt zu haben schien.
Es war länger, als eine Stunde später, als der erwartete Arzt wieder zu dem Tische trat, schon machte sich der friesische Kapitain Vorwürfe, daß er nicht sogleich ihm nachgegangen, um sich zu überzeugen, wo er wohnte, aber sie hatten ja Alle seine Angaben über das Lazareth mit angehört und der General-Consul, der aus Theilnahme geblieben, beruhigte ihn, daß er jedenfalls eine dem Albergo bekannte Persönlichkeit sein werde.
Die Gesellschaft hatte sich um eine Person vermehrt, denn mit Kapitain Lautrec war der junge Marquis gekommen, um sich von der Person der Cantatrice zu überzeugen und die Angaben, die er über sein letztes Zusammentreffen mit Gauthier machen konnte, zu wiederholen.
Von dem alten französischen Kapitain befragt, theilte er, was er wußte, mit. Von dem Augenblicke an, wo Kapitain Gauthier mit der Leitung des Unternehmens gegen die Sardiner betraut, den armen Schiffer geopfert hatte, war er noch stiller und in sich gekehrter gewesen, als gewöhnlich.10
Als die Geistesgegenwart des bretonischen Matrosen den Opfertod des Schiffers unnöthig gemacht, konnte der Marquis wohl erkennen, daß, obgleich der Kapitain nur
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seine Pflicht erfüllt, der Tod des Schiffers schwer auf ihm lastete, und er nur mit Gewalt die Fassung zu der weiteren Leitung des Unternehmens gewinnen konnte. Er wiederholte, so gut er sich des Wortlautes erinnerte, die Unterredung, die er mit Gauthier vor dem Angriff auf die Batterie gehabt, und wie dieser ihm vertrauensvoll den Auftrag an seinen fernen Verwandten ertheilt.
Es war, wie eine Ahnung gewesen, daß er den Angriff nicht zu Ende führen werde und das Kommando an Lieutenant Chesnaige überlassen müsse. Als er ihm darauf das Geständniß gemacht, daß sein Kamerad Kastellan nicht von der Hand eines Oesterreichers, sondern auf den Befehl des Kaisers von seinem eignen Degen im Zweikampf gefallen sei, ohne daß er Näheres darüber mitzutheilen Zeit hatte, folgte gleich nachher der Angriff der Krieger des Königs Franz im Refektorium auf die leichtfertige Gesellschaft. Wir erinnern uns jener Scene, wo der Succurs, den die Sardinier erhielten, den kühnen Ueberfall der Legionäre vergeblich machte, und die Hand der Kantatrice selbst es gewesen war, welche den furchtbaren Vorwurf, den ihr Gauthier ins Gesicht geschleudert hatte, gerächt hatte. Von dem Augenblick an hatte man weder von Theresa, noch von dem Kapitain etwas gehört, man wollte nur wissen, daß er als Gefangener und Schwerverwundeter nach Neapel gebracht und von ihr begleitet worden war. Sicher war, daß er bei dem Rückzug der Bourbonisten nach der Festung nicht dorthin zurückgekommen und daß unter den gefangenen Offizieren aus Gaëta einer nach Neapel überführt worden sei, aber weder die Listen der Gefangenen und der
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Lazarethe, noch eine sonstige Mittheilung gab einen sicheren Aufschluß über ihn. Das war Alles, was man von dem Verbleiben des Kapitains und der Sängerin erfahren, und da bald darauf die Festung in die Hände der Sardinier gefallen war, so blieb dies allein für Kapitain Lautrec der einzige Fingerzeig. Um so willkommener mußten die merkwürdigen Nachrichten sein, die der sardinische Arzt jetzt brachte.
Es war in der That die Chanteuse Theresa, die eine so glänzende und leichtfertige Rolle in Paris gespielt hatte, und die man seit ihrem Verschwinden von der pariser Schaubühne untergegangen geglaubt hatte. Erst jetzt nach der Rückkehr des Kaisers von Villafranca vernahm man, daß sie ihn oder einen andern der Generäle bei dem Feldzug in der Lombardei begleitet hatte und dort verschwunden sein sollte. Der Kaiser erwähnte ihrer nie und die schroffe Art und Weise, in der er eine zufällige Erwähnung ihrer Person zurückgewiesen, machte sie ganz verschwinden. Jetzt brachte der deutsche Arzt neues Licht in jene Angelegenheit. Wir werden uns jener zügel- und zuchtlosen Art erinnern, in welcher die Kantatrice auf's Neue in's Leben getreten war und die Zeit nachzuholen suchte, die sie in so tiefer Abgeschlossenheit hatte zubringen müssen. Es ist nicht selten, daß Personen von ihrer Art bei einem Leben voll Schmach und Uebermuth plötzlich von einem rächenden Strahl des Himmels getroffen und so zur gänzlichen Umkehr gebracht werden. Die Verwünschung, die ihr Gauthier als Donnerwort zugeschleudert bei jenem Sieg der Sardinier und die sie mitten im tollsten Taumel ihrer Sünden
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getroffen, hatte sie völlig gebrochen und ihr ganzes Sein und Denken geändert. Die übermüthige Phryne, die selbst in ihrem Kerker den sprudelnden Lebensmuth bewahrte, hatte die Verachtung des Kapitains wie ein Donnerschlag getroffen, des einzigen Mannes, für den sie je wahres Interesse gefunden und den sie in dem wüsten Treiben ihres Lebens wirklich geliebt hatte. Wenn auch nur aus den kurzen Mittheilungen des Marquis sich die Ursache jenes Duells entnehmen ließ, da die Sängerin selbst jede Auskunft verweigerte, ließ sich doch genau daraus schließen, daß der Degen des ehemaligen Zuaven-Offiziers einen Andern nur vertreten, und er die Beleidigung einer höher gestellten Person, die sich dem Zweikampf nicht preisgeben durfte, gerächt hatte.
Unter diesen Umständen erschien es fast wie ein Trost, als der Arzt erzählte, es könne kein Zweifel darüber walten, daß der Kranke, den Theresa bei sich beherbergte und pflegte, der Kapitain Gauthier sei. Er war vorerst nach Neapel gebracht, und als Gefangener ins Militair-Lazareth abgeliefert worden, wo auch Theresa Zutritt gefunden. Bei der großen Zahl der Personen, vielleicht auch war sein Name unbekannt geblieben, war es nicht möglich gewesen, nähere Auskunft über ihn zu erhalten. Sicher war es, daß vor länger als Jahresfrist es der Sängerin gelungen war, ihn aus dem Lazareth zu entfernen und ihn in Privatpflege zu bringen, der sie sich dann treulich gewidmet hatte.
Wie sie sich dazu die Mittel geschafft, vermochte man nicht zu erfahren, genug, es zeigten sich jene nicht seltenen Erscheinungen des Frauenherzens, das oft alles zu opfern
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versteht, um seine Reue zu bekunden. Der Arzt konnte nur bezeugen, daß sie nur selten von dem Bette des Kranken gewichen war, und daß sie Alles aufgeboten und die niedrigsten Dienste geleistet hatte, um ihn dem Leben zu erhalten, ja ihre Worte ließen durchschimmern, daß sie die bittersten Aufgaben für seine Erhaltung nicht gescheut. Sein schwarzer Diener war es gewesen, der ihn auf diese Selbstaufopferung aufmerksam gemacht und ihn zu dem Kranken geführt hatte. Obgleich nie ein Wort der Klage, nie ein Name über seine Lippen kam, konnte es dem kundigen Arzt doch nicht entgehen, daß von diesem schwindenden Leben nichts mehr zu bewahren war, und daß es sich hier nur um eine Verlängerung von Stunden handeln konnte. Er hatte dem Kranken den Namen seines Oheims genannt, und ihm Kunde der von diesem und einem Freunde angestellten Nachforschungen gegeben, auch Erlaubniß erhalten, Beide am andern Morgen an sein Sterbebett zu führen.
Eine andre Frage war es, ob und wie Kapitain Lautrec die treue Pflege und Aufopferung, welche die Sängerin dem Kranken gewidmet, vergelten könne. Auch hier wußte der Arzt Rath. Theresa, die sich dem unvermeidlichen Verlust gefügt, bestand darauf, niemals unter dem Namen mehr, den sie während ihres Lebens geführt, in die Welt zurückzukehren, der Rest ihres Daseins sollte in Reue dem Andenken des Verstorbenen geweiht sein. Auf der Erde, die ihn deckte, wollte sie bleiben, und wenn ihr der Kapitain die Mittel gewähren wollte, diesen Rest unbemerkt in einem nahe gelegenen Kloster zu verbringen,
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wollte sie ihn segnen und mit dem letzten Hauch sein und seiner Tochter Glück erstehen. Lange Stunden dauerte es, ehe der französische Kapitain diese Mittheilung überwinden konnte und Kraft genug gewann von seinen Hoffnungen zu scheiden und spät in der Nacht war es, als Alle sich trennten und jene nach dem Hôtel zu dem jungen Mädchen zurückkehrte.
Am andern Morgen saß Kapitain Lautrec mit dem Grafen in dem einsamen Hause, das der sardinische Arzt mit der Chanteuse und dem Kranken bewohnte, in der Nähe des Largo del Merkato und am Bett des Leidenden. Obschon Kapitain Lautrec Mannes genug war, den Bruch seiner Hoffnungen zu ertragen, änderte das Wiederfinden des Kapitains doch seinen früheren Reiseplan und er beschloß, Neapel unter keinen Umständen eher zu verlassen, ehe nicht das Schicksal seines Neffen sich auf die eine oder andere Weise entschieden hätte. Die Bekanntschaft des Consuls verschaffte ihm bald, da es damals in Neapel an Wohnungen in Folge der zahlreichen Auswanderungen nicht mangelte, eine geräumige Villa in der Nähe des Meeres und auf den Rath des Arztes beschloß er, den Kranken nicht von Theresa zu trennen, und übersiedelte diese mit nach dem geräumigen Hause. Was irgend Wissenschaft und Reichthum aufbieten konnten, geschah, um dem Kranken noch seine letzten Tage zu erleichtern, aber selbst alle Wissenschaften konnten hier nichts mehr helfen, man fühlte, daß Gauthier in seinem Innern gebrochen war und sterben wollte. -
Es war eines Abends, als Kapitain Gauthier ihn
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und den Grafen an sein Lager rufen ließ, auch die Anwesenheit seiner schönen Cousine verlangte, und mit einem bittenden Blick auf seine Verwandten die Hände der jungen Leute in einander legte.
»Du weißt, daß es anders sein sollte,« sagte der reiche Plantagenbesitzer, »aber wenn Du es wünschest, so mag es darum sein. Kann ich Dir noch einen andern Wunsch erfüllen, so sprich, denn Du weißt, daß der Sohn meiner Schwester nicht als Schuldner von dieser Welt scheiden darf.«
Das Auge des Sterbenden traf ihn und wandte sich dann bittend von ihm zur Sängerin; der Kapitain hatte ihn verstanden.
»Magdalena die Büßerin, hatte auch Vergebung gefunden, und möge, was Du mir thun wolltest, ihr zum Beistand werden, daß sie nicht wieder in die Vergangenheit zurücksinkt.«
Der Kapitain reichte ihm die Hand. »Es ist gesorgt für sie,« sagte er, »ich habe es Deiner treuen Dienerin frei gestellt, uns nach der fernen Heimath zu begleiten, wo Niemand sie kennt, aber sie zieht es vor an dem Ort zu bleiben, wo Du ruhen wirst. Ich werde dafür sorgen, daß keine Gewalt der Kirche sie davon entfernen kann. Die Macht Roms und der Jesuiten, die ihr Leben beherrschen könnten, hat aufgehört in diesem Lande. Ehe Du denkst, wird Rom vielleicht unter der Herrschaft des Königs von Italien stehen, und Dein alter König ihm weichen müssen aus dem Quirinal. Ein edler Grieche, der gestern von
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Sardinien kam, bringt die Nachricht mit, daß unter Garibaldi sich ein Zug nach Rom vorbereitet.«
Der Sterbende sah mit weit geöffneten Augen hinaus, als könne er die Zukunft durchschauen.
»Noch ist es nicht Zeit, aber es wird kommen, was kommen muß. Der Fortschritt der Völker läßt sich nicht halten in seiner Bahn, und auch dies wird kommen. Viel Blut sehe ich fließen bis dahin, dann aber wird Frankreich gesühnt und groß sein und nicht mehr leiden an den Schwächen der Einzelnen. Wenn die Zeit anderer Herrscher gekommen und das Blut, das dafür verspritzt wird, erst seinen vollen Werth gewonnen hat, dann mögest auch Du mit Deinen Kindern zur Heimath zurückkehren, und dessen gedenken, der sich der Größe Frankreich's geopfert hat. Vielleicht, daß ihr in einem freien Lande noch einmal sein Grab aufsucht, und die Schuld vergebt, wie er sie vergeben hat.«
Der Arzt, der schweigend eingetreten, gab den beiden Männern einen Wink, und machte Zeichen des Kreuzes über den Sterbenden. Sie begriffen ihn und sie knieten an dem Lager, an dessen Fußende die Sängerin schluchzte; so fand sie die sinkende Sonne zu den Füßen eines Todten.
»An dem Lager des letzten Gauthier,« sagte der alte Kapitain, dem jungen Grafen die Hand reichend.
»Nehmen Sie sie, wenn es ihr ernst ist, jedem alten Vorurtheil zu trotzen. Möge für Frankreich eine bessere Zeit kommen, in welcher das alte bourbonische Blut sich mit den Erinnerungen des großen Kaisers ohne Scheu verbindet.«
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Der Graf mit dem alten Namen, legte die Hand auf die Brust des Todten.
»Ich habe den Ahnen geopfert, was ihnen gebührt. Die Zukunft gehört mir und meinem Glück - wenn Sie mir Josephinens Schicksal anvertrauen wollen, werde ich für ihr Glück sorgen; ich bin ein freier Mann und meine Verwandten sollen mir nicht im Wege stehen. Ich begleite Sie nach Guadelup, nachdem wir einen Tapfern, der die Treue bewahrt, zur letzten Ruhestätte gebracht haben.«
Der alte Seemann schloß ihn zum ersten Male als Sohn in seine Arme.
Der Arzt versprach alles Nöthige zu veranlassen, und da die ehemalige Sängerin den Todten nicht verlassen wollte, für einen Wächter desselben zu sorgen. Nach seinem Vorschlag sollte die Beerdigung von dem nahen Militairhospital aus erfolgen, damit dem Todten auch die kriegerischen Ehren zu Theil würden. Dann nahm er den Kapitain und das junge Paar und führte sie hinweg zu den Freunden, die er bei dem bereits als Sammelplatz bestimmten Alberge fand.
Hier traf er auch den Freund aus Griechenland, der bereits am Tage vorher angekommen war.
Es konnte jetzt kein Geheimniß mehr sein, daß von Seiten der revolutionären Partei ein weiterer Schlag gegen Rom vorbereitet wurde, obgleich die Regierung des Königs sich öffentlich gegen jede revolutionaire Demonstration ausgesprochen und sie mit einem Verbot bedroht hatte. Betrieb man doch ganz offen die Vorbereitungen, den Zuzug nach Sicilien zu dem Garibaldischen
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Unternehmen zu unterstützen. Ja die Sache hatte mehr einen Akt komödienhaften Widerstandes an sich und nur die energischsten Proteste der französischen Regierung waren es, welche die offene Zustimmung verhinderten.
An dem Tisch, an dem sie den friesischen Kapitain und den General-Consul fanden, trafen sie auch den Ionier, von welchem der alte Franzose von der Heerschau gehört hatte, die Garibaldi am 1. August im Walde von Fikuzza über 800 Freischärler abgenommen hatte. Noch konnte es Kapitain Lautrec nicht begreifen, daß der Zug gegen Rom und die französische Besatzung ohne vorherige Bewilligung des Kaisers Napoleon geschehen sollte, der General-Consul machte ihn aber darauf aufmerksam, daß bereits der Politik Frankreichs genügt worden wäre durch die Verhinderung des Freischärler-Zuges gegen Wälsch-Tyrol in seiner Verhaftung in Palazzolo und Maggiera, und man also die Hoffnung hege, Frankreich werde sich zu Gunsten des Papstes nicht mehr einmischen. Wußte man doch, daß man England auf seiner Seite haben würde.
Von dieser Mittheilung drehte sich das Gespräch bald auf die griechischen Verhältnisse. Während der alte Kapitain den Fliesen von dem Geschehenen und Beschlossenen unterrichtete, hatte Grimaldi den Arzt am Arm genommen und führte ihn am Strande entlang, um so allein mit ihm zu sich besprechen zu können.
»Ich will es Ihnen nicht verschweigen,« sagte er, »daß man in Paris Nachricht erhalten zu haben scheint von meiner Anwesenheit an der griechischen Küste, wenigstens sind mir Andeutungen gemacht worden, mich an die Spitze
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der jonischen und griechischen Bewegung zu stellen und gegen die englischen Absichten aufzutreten. Man weiß sehr wohl, daß ich ein Gegner der Engländer bin. So sehr ich auch meinem Volke Freiheit und Selbständigkeit wünsche, so kann ich doch kein Unglück unter dem bairischen König erkennen, der es jedenfalls ehrlich mit dem Volke meint und wahre Bildung und Freiheit fördert. Schon einmal ist es geschehen, daß der Kaiser Napoleon mich zu dem Dienst gegen England in Indien bewog. Ich widmete damals mein Schwert der Freiheit eines unterdrückten Volkes. Darf ich es jetzt, wo es der Freiheit meiner eignen Landsleute gilt, zurück in der Scheide halten?«
»Und welchen Nutzen haben Sie damals davon gehabt?« frug der Arzt, »haben Sie Ihren Zweck erreicht?«
»Ist damals weniger ein Unrecht geschehen, wenn auch Indien nicht zu seinem Rechte kam,« entgegnete der Grieche, »Sie wissen, daß ich aushielt bis zum letzten Mann, daß ich freiwillig in die Dienste der Rhani von Ihansi trat und so lange sie diese wollte, bei ihr blieb. Sie kennen meine Schicksale bis zu dem Augenblicke, als wir uns im Golf von Tarent trennten. Sie waren der einzige Mann, zu dem ich Zertrauen hatte aus jener blutigen Zeit. Deshalb versprach ich Ihnen, nichts ohne Ihren Rath zu thun, ehe ich den Rest meines Lebens an eine andere, als an die Sache meines Vaterlandes setze. Jetzt bietet sich mir eine solche Gelegenheit und zwar für mein Vaterland; soll ich feig zurückstehen, um friedlich die wenigen Jahre zu sichern, die mir noch bestimmt sind? Sie, wie ich hoffen nicht mehr auf Frauenliebe
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und irdisches Glück. Es fragt sich also nur, dürfen wir dann feige das bloße Leben für der Güter Höchstes halten?«
Der Arzt blickte ihn ernst an. »Sie haben gesehen, daß ich mir bereits eine neue Existenz zu schaffen gesucht, um nicht unthätig für die Menschheit zu leben. Was ich mit England abzurechnen habe, gehört dem persönlichen Leid an dem Unrecht, was mir gethan worden ist. Dies trieb mich in die Reihe der aufständischen Indier. Ich kann vergeben, alles Leid ist mein persönliches. Ich begreife sehr wohl, daß Sie für die Schmach einstehen, die man Ihrem Lande angethan hat, unser Kampf und unsere Pflicht sind daher andere. Sprechen Sie und ich will Ihnen rathen, was ich dann für das Richtige halte.«
»Als ich mich dem abenteuerlichen Zuge des Comte Lerida nach Aegypten anschloß, war es, ich sage es Ihnen offen, der Wunsch, Sie wieder zu sehen, von dessen Existenz mir zufällig durch den jungen französischen Offizier Mittheilung geworden war. Ich schloß mich ihm in Rom an und Sie werden mir glauben, wenn ich Ihnen sage, daß ich vorher geschwankt habe, ob ich mich dem Kampf für die neue italienische Einheit, oder für das unterdrückte junge Königspaar anschließen sollte, gegen das ja auch England in die Schranken trat. Die Begegnung im Golf von Tarent entschied über meine letzte Aufgabe. Denn Freund, ich will es mir und Ihnen nicht verhehlen, ich glaube in der That, daß es mein letzter Kampf ist, und deshalb habe ich den Weg nach Neapel genommen, um mit Ihnen das Wenige zu ordnen, was ich noch zu ordnen habe.
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Sie wissen, daß ich an Jahren älter bin wie Sie, und das Ende der Laufbahn daher eher zu erwarten habe.«
»Sie versprachen mir Näheres über Alles, was Sie damals im Golf von Tarent von uns schied.«
»So hören Sie denn. Daß ich damals den Uskoken Danilos, meinen Milchbruder, in dem Führer der Felucke wiederfand, welcher die unglücklichen Spanier von Malta nach der Brasilikata brachte, wissen Sie. Ihr Schicksal ist es, was mir zum Theil auch den Anschluß an die neue italienische Regierung verleidet hat. Danilos, dem es nach der Flucht aus Indien und mancherlei Fährlichkeiten wieder gelang, Griechenland zu erreichen, hat am Golf von Patras eine neue Heimath gefunden, dahin begleitete ich ihn und habe bereits, da er in der alten Rastlosigkeit das Meer durchstreift, zwei Fahrten mit ihm gemacht. Aber was Sie nicht wissen, oder wozu damals nicht die Zeit blieb, es Ihnen mitzutheilen, ist, daß ich bei ihm noch eine andere Erinnerung wiederfand, einen Unglücklichen, den er als lebende Mahnung an jene Furchtbaren mitgebracht, in dem sich alle unsere Erinnerungen an Indien vereinigen; ich traf auf der Klippe, die Danilos sein Eigen nennt und die er mit seiner Familie bewohnt, und die seitdem auch meine Heimath geworden ist, das unglückliche Opfer des Schurken Riwers, den verstümmelten Eduard O'Sulliwan.«
»Den Schwager des Nena?«
»Ihn selbst und, was Sie nach ihren eignen Mittheilungen kaum noch wundern wird, die Spuren, daß der Nena nach Europa und nach Frankreich gekommen ist.«
Der Arzt schwieg finster. »Also auch Sie spüren seine
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Anwesenheit?[«] Ich hoffte niemals mehr von ihm zu hören, aber es ist, als wenn ein Fluch sich an diesen Namen knüpfte, bis alle Schuld gerächt ist.« Er versank in düsteres Schweigen. -
»Die Erwähnung seiner Person erklärt mir auch, wodurch man sich meines Namens und meiner Rückkehr nach Griechenland erinnert hat. Ich erzählte Ihnen bereits, daß man Versuche gemacht hat, meinen Namen und mein Interesse für Griechenland zu benutzen. Sie erinnern sich, daß ich ein Sohn Ioniens bin und meine Familie aus Corfu und Zante stammt, und daß die englische Verfolgung und die österreichische Verurtheilung mich in Italien nicht länger duldete. Jene Zeit ist zwar längst vorüber und kaum sollte sich noch Jemand meiner, nach all dem Blut, das seitdem vergossen wurde, erinnern. Die Thatsache ist wahr, daß eine geheime Macht, die mit England in Unfrieden lebt, einen Führer sucht, um ihn an die Spitze gegen die Intriguen zu stellen, die England in diesem Augenblick anzettelt, um in Griechenland eine Revolution hervorzurufen und einen englischen Prinzen bei einer Umwälzung auf den griechischen Thron zu bringen. Ja, ich glaube, daß man in mir, ohne mich näher zu kennen, die Ursache der Bewegung sucht, welche die Erhebung des Ionischen Parlaments seit zwei Jahren betreibt, für die Selbstständigkeit des ursprünglich freien Landes und den Anschluß an Griechenland. Sie wissen, und sonst kann ich Ihnen die nöthigen Aktenstücke darüber vorlegen, daß die Ionischen Inseln im Traktat von Paris 1815 nach der Gründung als Republik durch Kaiser Paul
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von Rußland 1800 nur unter eine allgemeine Protektion Englands gestellt wurden, als freier und selbstständiger Staat ›libre et indépendant,‹ und daß England die Herrschaft darüber an sich gerissen hat, wie es mit so vielen fremden, ihm nicht gehörigen Ländern gethan hat. Jetzt, nachdem der hingeworfene Gedanke des Kaisers Napoleon von der Berechtigung der einzelnen Nationalitäten so viel Unheil und Bewegung in den Köpfen verursacht hat, daß er schließlich seinen eignen Erfinder erschrecken wird, fängt er an, auch England unheimlich zu werden. Griechenland besteht freilich erst durch den Willen Englands, Frankreichs und Rußlands seit der Schlacht von Navarin, aber es ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen und ein selbstständiges Reich, mit dem man nicht willkürlich nach bloßen Interessen rechnen kann. Selbst, wenn es sich zeigen sollte, daß England beabsichtigte, Ionien aufzugeben, um seine Vereinigung mit Griechenland in gestatten, werden die andern Mächte es nicht so geduldig zugeben, daß es dies auf Kosten des Erwerbs einer neuen Station nach dem Orient thun darf. Ich liebe mein Vaterland, ich liebe Ionien. Darf ich zu Gunsten seiner Befreiung vom englischen Joch helfen, es frei zu machen, indem ich Griechenland unter englische Herrschaft bringe und es zur Station nach Indien mache?« -
Der Arzt blieb nachsinnend stehen. »Sie haben mir viel zu denken gegeben mit Ihrer Frage,« sagte er, »es läßt sich nicht läugnen, daß der Kaiser Napoleon mit dem Gedanken der Nationalitäten ein bedeutendes Schisma auch in der griechischen Angelegenheit hervorgerufen hat.
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Zu den Mächten, die Sie eben genannt, gesellt sich noch eine neue - Italien. - Es ist zwar richtig, daß Ionien der Sprache nach und soviel ich weiß, selbst dem Glauben nach zu Griechenland gehört, indeß die politischen Gränzen sind durch die neue Stellung der Staaten zu ganz andern, als durch die nationalen geworden, so daß auch darauf Rücksicht genommen werden muß, und es muß wohl gefragt werden, kann es dem neuen Italien gleichgültig sein, einen Nachbar wie England künftig zu gewinnen? Es läßt sich nicht leugnen, der germanische Stamm ist ein zäher und mächtiger und über kurz oder lang wird er mit dem romanischen zusammenstoßen. Folgen Sie Ihrem vaterländischen Gefühl. Sie und ich können es nicht hindern, wenn England seinen Einfluß über Griechenland zu gewinnen sucht. Ihre Aufgabe als geborner Ionier ist es, das Land zunächst von dem englischen Joch befreien zu helfen und wenn sich eine günstige Gelegenheit dazu bietet, wären Sie ein schlechter Sohn Ihres Vaterlandes, wenn Sie nicht nach Kräften dazu helfen. Die Bestimmung, was aus dem Lande werden soll, ist dann die Sache seiner Söhne selbst.«
»Sie haben Recht und in diesem Sinne will ich handeln, doch giebt es einen zweiten Punkt, weswegen ich Ihren Rath wünschte. Ich möchte über das Wenige, was ich besitze, verfügen.«
Der Arzt sah ihn an. »Sie denken doch nicht zu sterben, ein Mann wie Sie, der seinem Vaterlande noch so große Dienste leisten kann?«
»Ich weiß nicht, es will mich oft überkommen, als
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würde meine Zeit nicht mehr lang sein und ich wünsche jedenfalls meine irdischen Angelegenheiten vorher geordnet. Ich besitze, wie ich bereits dem Grafen von Laforta anzudeuten die Ehre hatte, aus der Erbschaft der Rhani ein Vermögen von fast 400.000 Livres, die Hälfte davon wünsche ich meinem Milchbruder Danilos und dem Aermsten, den er pflegt, zu hinterlassen, obgleich seine Thätigkeit ihm bereits Selbstständigkeit gesichert hat. Den Rest will ich zur Begründung von Stipendien für talentvolle Söhne Ioniens auf den Universitäten von Neapel oder Athen verwenden. Das Vermögen ist in Staatspapieren an den Banken von Paris und Wien hinterlegt, dort können die Zinsen erhoben werden. Sie habe ich ausersehen, wenn Gott über mich anders bestimmt, die Stiftung zu verwalten und dafür mit meinem Dank als Andenken jenen Dolch an sich zu nehmen, den die Rhani mir zum Gedächniß hinterlassen hat.«
»Thorheit, Freund! Ich hoffe, Sie werden selbst am Besten über Ihr Geld verfügen, doch wenn es Sie beruhigen kann, so seien Sie überzeugt, daß nach Ihrem Willen verfahren werden wird. Nun aber lassen Sie uns zu den Unsern zurückkehren, die sich bereits über die Dauer unseres Gesprächs gewundert haben werden. Außerdem scheinen mir dort neue Nachrichten angekommen zu sein.« -
Er reichte ihm die Hand und führte ihn nach dem Alberge zurück.
Wir haben bereits bemerkt, daß es Zeiten und Orte giebt, an denen sich alle Welt zu treffen scheint und so durfte es die Beiden nicht wundern in der Gesellschaft des Consuls
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zwei andere Personen zu finden, die zwar nicht allen, aber doch Mehreren von ihnen bereits bekannt waren und die der Arzt und der Ionier sogleich wiedererkannten. Es waren der Graf von Lerida und der Abbé Calvati, der, in bürgerlicher Kleidung, durch ein flüchtiges Zeichen zu erkennen gab, daß er seinen Namen nicht genannt wissen, sondern blos als Begleiter des Spaniers gelten wollte. Beide waren offenbar nicht ohne Absicht und Zweck nach Neapel gekommen, es zeigte sich auch bald, daß die Ankunft des Abbé mit der Neuigkeit des Tages in Bezug stand, denn er war der Erste, der Maldigri über die neusten Nachrichten aus Sicilien befrug.
Die Abendblätter brachten die Nachricht, daß auf strengen Befehl von Turin her von dem Gouvernement Anstalten getroffen seien, den Marsch Garibaldis, wenn er auf seinem Vorhaben bestehen sollte, mit Waffen-Gewalt zu verhindern, daß trotzdem aber die Freischärler Miene machten, nach Calabrien überzusetzen. Admiral Persano hatte die königlichen Schiffe vor Catania gelegt. Mit jedem Augenblick erwartete man neue Nachrichten und es läßt sich denken, welche allgemeine Aufregung die schon eingegangenen verursachten. Die Sardinier machten gar keinen Hehl daraus, daß sie auf der Seite Garibaldi's standen und als Soldaten nur nothgedrungen den Befehlen des Königs Folge leisteten, die offenbar von dem Willen in Paris dictirt waren. Dazu hatte das Manifest der römischen Emigration an die Römer neuen Zündstoff in den Brand geworfen. Kühn sagte dasselbe: ›Frankreich wird nicht
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wagen mit offener Gewalt die Pfaffentyrannei gegen das römische Volk zu beschützen, sobald dieses wahrhaft entschlossen ist. Zwischen dem Frankreich von 1849 und 1862 liegt ein Abgrund, liegt die Schlacht von Solferino und die Proklamation von Mailand. Mögen die Franzosen in Rom bleiben, wenn es ihnen gefällt; wenn sie bleiben, wird dies geschehen, um an unserer Seite gegen den Despotismus des alten Europa zu streiten. Frankreich ohne Bourbonen bedeutet immer Revolution.‹
Der Graf von St. Brie hatte neben dem Abbé Platz genommen.
»Sie sehen, daß Sie zu einer unglücklichen Zeit gekommen sind,« sagte er leise, »man würde Sie in Stücke reißen, selbst der erzbischöfliche Palast würde Sie nicht schützen können, wenn man wüßte, daß Sie aus dem Vatikan kommen. Wie konnten Sie sich unvorsichtiger Weise hierher wagen, wissen Sie denn auch, daß morgen ein Zufall bei dem Begräbniß Sie eine alte Bekannte finden und Sie erkennen lassen kann?«
»Still,« flüsterte der Abbé, »ich verlasse mich natürlich auf Ihre Discretion und fühle mich sicher, da Sie es sind. Ich verstehe Ihre Andeutung nicht, aber wer sagt Ihnen denn, daß ich ohne Auftrag hier bin? Die zufällige Anwesenheit des Grafen von Lerida in Rom gab mir Gelegenheit, mich unter seinen Schutz zu stellen und ihn nach Neapel zu begleiten. Sie erinnern sich des Oberst oder Generals Maldigri, der uns in der Colombaia die interessanten Geschichten aus Indien erzählte und dem ein Theil unsers Auftrags gilt, Sie müssen nachher helfen uns
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mit ihm in Berührung zu bringen. Wen meinen Sie mit der Bekannten, die ich hier treffen soll?«
Der Marquis sah ihn verwundert an. »Sie versuchten damals auf der Fahrt von Compiegne nach Paris zwar die Bekanntschaft zu läugnen,« sagte er, »aber ich habe ein gutes Gedächtniß, und die Anwesenheit des Fräulein von Lautrec wird Ihnen zeigen, daß wir die Zeit zu benutzen verstanden und daß für die Kirche nichts mehr von der Pensionairin der Schwester vom sacre c ur zu hoffen ist.«
Der Abbé verschluckte die Pille, aber er war gewandt genug, um sich keine Blöße zu geben. »Sie haben noch immer nicht den Namen genannt, nach dem ich Sie frug?«
»Sie werden sich der Französin erinnern, einer pariser Sängerin, die Sie Gott weiß woher unter die Gesellschaft aufgenommen, mit der Sie die Aufmerksamkeit der piemontesischen Offiziere zu beschäftigen wußten, während wir den Ueberfall von San Agata versuchten. Theresella nannte man sie ja wohl?«
Der Abbé sah ihn bestürzt an.
»Theresella,« sagte er erschrocken, »soviel ich gehört hat sie sich nicht wieder zu ihren Gefährtinnen gefunden, sondern ist seitdem verschwunden geblieben.«
»Sie irren auch darin, Theresella war es, die den Schuß auf den Kapitain Gauthier abfeuerte und ihn verwundete, damit scheint sich ihre Gesinnung gegen ihn jedoch geändert zu haben, denn sie hat den Verwundeten und Gefangenen nach Neapel begleitet, ist seitdem seine treue Pflegerin gewesen und hat Mittel und Wege gefunden, ihm
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diese Wohlthat zu erzeigen, ohne daß Freund oder Feind eine Ahnung von dem Verbleib des Kapitains erhielten, bis es uns endlich gelungen ist, beide hier aufzufinden, denn Sie müssen wissen, daß Gauthier ein Neffe des Kapitain Lautrec ist und eigentlich zum Gatten der schönen Pensionärin von Guadelup bestimmt war, an dessen Stelle bei seinem Tode ich mit Bewilligung des Kapitains und der schönen Braut getreten bin. Er ist es, der morgen von dem Lazareth der Sardinier aus beerdigt wird.«
Der Abbé hatte ihm mit Erstaunen zugehört, aber er war klug genug seine gänzliche Unkenntniß der Umstände nicht merken zu lassen.
»Es wird gut sein, wenn ich morgen vorher die Französin sprechen kann.«
»Das dürfte nicht nöthig sein,« erwiederte der Marquis, der offenbar ein Vergnügen darin fand, dem Abbé seine damalige Abweisung zu vergelten.
»Die heilige Kirche wird gut thun, auch hier ihre Finger davon zu lassen, wie bei der Pensionärin vom Sacre C ur. Madame Theresa wird hier zurückbleiben als Pflegerin des Grabes des Verstorbenen, es ist genügende Anstalt getroffen, ihr den Schutz zu sichern gegen jede Einmischung von Rom.«
»Sie scheinen eine falsche Meinung von der Aufgabe der Kirche zu haben und ihrem Beruf, was kümmert im Ganzen es mich, wo und wie dieses Frauenzimmer endet. Sie werden als guter Katholik es gleich begriffen haben, daß die Curie diesem öffentlichen Zuge Garibaldi's gegen Rom nicht geduldig zusehen konnte und ich bin daher
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hier, um den Vorstellungen des Generals Gemeau bei dem sardinischen Gouvernement gegen den Angriff auf Rom Ausdruck zu geben. Was wir mit dem Major Grimaldi zu verhandeln haben, betrifft einen andern Gegenstand, und dazu nehme ich eben Ihre Bekanntschaft mit ihm in Anspruch.«
Er wandte sich dem allgemeinen Gespräch zu und auch der Graf von St. Brie suchte und fand nicht Gelegenheit, ihn näher zu befragen.
In tiefem Nachdenken folgte Grimaldi dem Gespräch, es war leicht zu bemerken, daß er mit einem Entschlüsse rang und erstmals der Uskoke herbeitrat, und Walding die Nachricht gebracht hatte, daß in der That bereits Garibaldi mit seinen Freischärlern in der Nähe von Reggio in Calabrien gelandet und sich in das Gebirge bei Aspromonte zurückgezogen habe, um einen Zusammenstoß mit den ihm bereits entgegengesandten Truppen der Regierung zu vermeiden, schien er diesen Entschluß gefaßt zu haben. Er versprach am andern Tage dem Begräbniß des Kapitains beizuwohnen, wie auch der Graf von Lerida sich dazu erboten. Man verabredete, sich zur bestimmten Stunde am andern Tage in dem Krankenhaus zu treffen, von wo aus die Beerdigung des Kapitain Gauthier stattfinden sollte und erst jetzt erfuhr der Arzt den Beschluß Grimaldis, sobald in Betreff des Zuges gegen Rom etwas Entscheidendes erfolgt sei, seinen Milchbruder nach der griechischen Küste zurück zu begleiten.
Während die Männer das politische Gespräch fortsetzten, hatte der Abbé Gelegenheit gefunden, sich zu Grimaldi zu gesellen.
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»Sie werden sich meiner von Rom her erinnern, und ich danke für die beobachtete Discretion. Ich weiß, daß Ihre Familie aus Venedig stammt, und der Kirche auch in ihrem griechischen Zweige treu geblieben ist und möchte darauf fußend, einige Fragen an Sie richten, deren aufrichtige Beantwortung ich Ihnen natürlich anheimstelle, doch will ich Ihnen nicht verhehlen, daß eine aufrichtige Antwort auch dem Kardinal-Staats-Secretair von Wichtigkeit sein dürfte.«
Der General sah ihn aufmerksam an. »Unsere Bekanntschaft war zwar nur kurz, aber Sie wissen, daß meine Meinung offenherzig gegeben wird, was wünschen Sie zu erfahren?
»Glauben Sie, daß England Aussicht hat, wenn eine Veränderung in Griechenland eintreten sollte, Einfluß dort zu finden? und halten Sie dies für günstig oder schlimm für den katholischen Glauben, da der jetzige König als Prinz von Baiern ein geborner Katholik ist. Ich will keineswegs eine Heimlichkeit daraus machen, daß nach der Meinung Roms das griechische Schisma fast gefährlicher ist, als die offenbare Ketzerei.«
»Es ist eine seltsame Frage, die Sie in Ihrer Stellung an mich richten,« sagte Grimaldi, »da Sie aber offen fragen, will ich auch ebenso offen antworten - ist doch diese Frage in denselben Worten schon zum zweitemnale heute an mich gerichtet worden. Mein Entschluß steht deshalb fest. Ich betrachte nicht blos Ionien, sondern auch Griechenland als mein Vaterland, wenn auch dem ersteren meine näheren Gefühle gehören. Ich bin daher entschlossen zunächst für
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die Befreiung Ioniens von dem englischen Joch und seinen Anschluß an Griechenland zu sorgen und zu thun, was ich kann. Ich will Ihnen nicht verhehlen, daß an dem Horizont der gegenwärtigen Regierung von Griechenland bedrohliche Wolken stehen und ein Theil des Volkes revolutionäre Gesinnungen hegt, mögen sie von Italien eingeschleppt sein, möge die friedliche Stellung gegen die Türkei den Erwartungen des Volkes nicht entsprechen, möge die Aufreizung von anderer Seite kommen - ich will hoffen, daß es König Otto und seiner Regierung gelingen möge, den Sturm zu beschwören, Thatsache ist, daß für eine englische Nachfolge, da er selbst keine Nachkommenschaft hat, sich viele Stimmen im Lande erheben, und wenn es vor eine solche Wahl gestellt werden sollte, das Volk sehr dazu neigen würde. Ich selbst halte englische Oberherrschaft oder auch nur Protektion für ein Unglück, denn wie Sie wissen, kenne ich den englischen Schutz zur Genüge. Ob die römische Kirche durch die Oberherrschaft Englands, das jetzt offenbar sehr zum Katholicismus neigt, gewinnen würde, oder unter der russisch-griechischen Kirche, wage ich nicht zu entscheiden. Sagen Sie dies Denen, die Sie gesandt haben und bei denen ich dasselbe Interesse vermuthe, das schon einmal gleiche Frage an mich richten ließ. Ich bin ein Sohn Ioniens und will zunächst mein Vaterland vom englischen Joche befreien. Das Weitere ist Gottes Sache, und ich kehre zu diesem Zweck zunächst mit meinem Milchbruder an die Mündung des Aspropotamos zurück.«
Der Abbé schien genug gehört zu haben und schloß
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sich wieder den Andern an. Als er später mit dem Grafen von Lerida in das Hôtel zurückgekehrt war, in dem sie Beide Unterkommen gefunden hatten, begleitete er ihn noch nach seinem Zimmer
»Es war doch gut, daß Sie mich aufsuchten, als Sie von Luzern zurückkamen. Seine Eminenz ist es nicht allein von Interesse gewesen, zu erfahren, was Sie von der Zusammenkunft der Legitimisten mittheilten, sondern auch von der Spanierin und ihrer Tochter zu hören, die Sie uns so geschickt entführt haben und auf Ihrer Felsenburg, ich weiß nicht zu welchem Zweck, verborgen halten.«
»Es machte mir Mühe genug, das Vöglein im Käfig zu halten, Mutter und Tochter wollen gar zu gerne ausschwärmen, und es war schwierig ihnen begreiflich zu machen, daß ihre Zeit noch nicht gekommen sei. Ich hoffte dies einen Augenblick, als ich von Prim las und seiner Expedition nach Mexico, nachdem ich aber erfahren, daß er und die Engländer sich von den Franzosen getrennt haben, und nicht blindlings die napoleomschen Pläne verfolgen wollen, hielt ich die Gelegenheit für ungünstig. Almonte ist verhaßt und kann sich nicht halten. Wie ich höre, will man einen deutschen Prinzen vorschieben, und hofft durch diesen die Herrschaft der Kirche in Mexiko wieder herzustellen. Es scheint mir, als ob in diesem Augenblick der Einfluß Roms in Spanien überhaupt schwankend wäre und die Königin Isabella eine starke Partei gegen sich hätte. Sagen Sie dem Kardinal, daß sich die beiden Frauen bei mir in Sicherheit befinden und er erst wenn die Zeit gekommen, über sie verfügen mag.
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Einsperren lasse ich sie nicht mehr, da sie meine Verwandten sind, vielleicht aber, daß wir einen Tausch machen. Sie wissen, ich bin ein curioser Gesell und halte den Fuß in zwei Lagern. Haben Sie den General gesprochen? Ich weiß; er ist ein Feind der Engländer, aber ich habe Sympathien für ihn. Wissen Sie, daß ich vorhabe, diesen Winter in Paris zuzubringen? Ich weiß nicht, was mich treibt, dahin zu gehen, aber es ist so und die Einladung des Kaisers und der Kaiserin war eine aufrichtige. Vielleicht kann ich Ihnen oder Sie können mir dort nützen, ich bin zu lange von dem politischen Schauplatz entfernt gewesen, um nicht lange Weile zu empfinden.«
»Sie sind ein seltsamer Charakter, ein würdiger Neffe Ihres Oheims, ich sollte meinen, die Verhältnisse in Italien geben Ihrem unruhigen Geist jetzt Stoff genug; haben Sie gehört, daß man auch in Griechenland revolutionäre Bewegungen fürchtet?«
»Daher das Auftauchen Grimaldis; nehmen Sie sich in Acht, Rom hat seinen besten Halt an der Kaiserin, verlassen Sie die Stadt nicht, denn wenn Sie,« er sah ihn scharf an »den Antrag Russel's mit Malta annehmen sollten, würde wie der Riese Anthäus, das Papstthum seinen besten Anhalt verlieren. Nur in Rom herrscht Rom ewig!«
Der Abbé sagte erstaunt: »Also auch das wissen Sie?« Es scheint, es bleibt Ihnen nichts verborgen. Fürchten Sie nichts, wir wissen sehr wohl, daß nur von Rom aus die Kirche herrscht, aber an jedem andern Ort ihre wahre Macht verlieren würde. Deshalb müssen die Ungewitter,
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die sie bedrohen, jetzt getragen werden, das Anerbieten Englands bleibt deshalb nicht weniger ein guter Wink für Paris. Aber haben Sie Dank, ich sehe, daß Sie doch ein guter Sohn der Kirche sind, wenn auch etwas schwer lenkbar und ich werde nicht verfehlen, dem Kardinal Ihre wahre Gesinnung zu rühmen. Schlafen Sie wohl, bis morgen.« Er reichte ihm die Hand und ging nach dem ihm angewiesenen Zimmer, aber ehe er es erreichte, sollte er noch eine andere Begegnung haben. Es war der tunesische Jude, der ihn an einer der geöffneten Thüren zu erwarten schien.
»Verzeihen Sie, Signor, wenn ich mich in der Person irre! Erwarten Sie den Schreiber eines Briefes noch Rom?«
Der Abbé trat aufmerksam zu ihm in das Zimmer. »Wenn Sie der richtige sind - ja.«
»Dann werden wir uns verständigen, kennen Sie den Rektor Corpasini?«
»Ich kenne den Mann.«
»Ich habe ihn zufällig auf der Mission in der Bay von Arkiko kennen lernen, er war es, der mir empfahl, in Europa, wenn ich Rath und Beistand brauchen sollte, mich an Ihre Kongregation in Rom zu wenden; hier ist die Karte, die er mir gab zu meiner Legitimation,« er reichte ihm ein dreieckiges Stück Papier, das der Abbé aufmerksam prüfte.
»Ich kenne den Namen des Rektor Korpasini allerdings und sehe, daß er Sie als vertrauenswürdig empfiehlt. Wer sind Sie und womit kann ich Ihnen dienen?«
»Ein tunesischer Kaufmann, wie Sie sehen, ein
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Moslem, erlauben Sie mir auf das Weitere nicht einzugehen, aber wir können einander vielleicht gegenseitig in unserm Zweck dienen; vorerst, wenn das Ihnen Vertrauen geben kann - ich bin ein Feind der Engländer, ein Diener der grünen Schlange.«
Der Abbé starrte ihn an. »Sie haben entweder zu wenig oder zu viel gesagt, Herr; was meinen Sie mit dieser Andeutung?«
»Ich will offenherziger sein als Sie und ich kann es, da ich in diesem Lande ein Fremdling bin. Ich stamme vom Indus, von dem alle Nationen und Religionen stammen, und es geht die Sage unter uns, daß als Brahma, Gott oder Allah die Welt erschaffen, er an die Weisen aller Nationen drei Ringe vertheilt habe, in welchem Zeichen sich alle Macht vereinigen soll. Die Weisheit soll herrschen durch die Auserwählten, die Menge ist zum Gehorsam da und um beherrscht zu werden. Man sagt, daß auch an die weißen Völker ein solcher Ring gekommen sei und daß Rom ihn bewahre. Was kümmert es mich, ob Sie Christ oder Hindu sind, ich denke nur, daß Rom der Ort ist, wo sich die weisen Männer der Christen vereinigen, die wahre Aufgabe des Lebens verfolgen: zu herrschen; das Zeichen der Herrschaft aber ist die Schlange.«
»Sagte der Rektor Corpasini, an welche Kongregation Sie sich wenden sollten?«
»An das Kollegium der Jesuiten, dem er selbst angehörte; dieselben besitzen verschiedene Missionen, auch in Indien. Ich habe schon früher von der Macht ihres
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Ordens und seiner Aufgabe sprechen hören. Sie sind ein Mitglied desselben?«
Der Abbé überging die direkte Antwort. »Ich bin hier im Dienst der heiligen Kirche. Wenn Sie Weiteres über die Gesellschaft Jesu wissen wollen, muß ich Ihnen überlassen, sich an das Kollegium des Ordens selbst in Rom zu wenden. Es muß natürlich der heiligen katholischen Kirche daran liegen, ihre allein selig machende Lehre über den ganzen Erdball zu verbreiten. Sie werden allen Menschen eine Wohlthat erweisen, wenn Sie dazu helfen, da die Gesellschaft Jesu, so viel ich weiß, die mächtigste und den Christenglauben am reinsten predigende ist, Sie werden das Kreuz am meisten fördern, wenn Sie ihm jeden Beistand leisten, den Sie können, zum Beispiel bei der Anlegung von Missions-Stationen, zu der Rektor Corpasini den Auftrag hat.«
Der Tunese stampfte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden. »Was kümmert es mich, ob Christ oder Heide, ich sagte es Ihnen bereits. Die Engländer wollen überall herrschen, wie sie in Indien herrschen, über das Volk, über die Masse. Stimmt es mit ihrer Lehre überein, daß Sie einen Herrscher neben sich dulden?«
Der Abbé sah ihn mit einem stillen Lächeln an. »Ich glaube nicht, die Kirche soll überall gebieten und die erste sein.«
»Also herrschen!?[«]
»Wenn Sie es so nennen - ja.«
»Wir sind also einig in der Bekämpfung der englischen Obermacht. Ich werde Ihnen Mittel und Wege angeben,
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wie Sie ihr am leichtesten Hindernisse in den Weg legen können, durch Hindus und Moslemes, gleich viel, mich kümmert die Sekte nicht. Mein Glaube sieht die Herrschaft in dem Gebot der Vernichtung, das ist Macht.«
»Wir erblicken die Macht in dem Gebot über alles Lebendige, über die Geister. Wir üben die Herrschaft über Leben und Tod, indeß, ich zweifle nickt, daß Sie sich über den Grundgedanken des Herrschens leicht verständigen werden, aber dazu ist Ihre Reise nach Rom nothwendig; kann ich Ihren Zwecken hier mit etwas dienen?«
»Ich sah, daß Sie mit General Maldigri oder Grimaldi, wie er sich hier nennt, sprachen, wo treffe ich ihn?«
»Er wohnt, wie er mir sagte, mit seinem Milchbruder Danilos Petrowitsch an der Mündung des Aspropotamos und kehrt dahin zurück - wenn die Engländer es ihm gestatten; denn, wie ich höre, wird eine große Versammlung der antienglisch gesinnten Mitglieder des Ionischen Parlaments auf Zante stattfinden und er derselben beiwohnen.«
»Gut, ich danke Ihnen, kann es England schaden, wenn es sich dieser Versammlung feindlich zeigt und an der Person Grimaldis Rache übt, zum Beispiel für den indischen Aufstand?«
»Gewiß, es würde seine Sympathien unter dem griechischen Volke vernichten.«
»Wann soll diese Versammlung stattfinden, und wer residirt jetzt in Zante?«
»Oberst Wodehuse, ein strenger Soldat, wie der Oberbefehlshaber der brittischen Truppen, General Sir Buller.«
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»Noch eine Frage an Sie. Wer ist der Mann, mit dem Sie gekommen, Comte Lerida nannte man ihn?«
»Ein abenteuerlicher Mann, aber in vieler Beziehung zu brauchen, namentlich, wenn es ein Abenteuer gilt.«
»Nehmen Sie meinen Dank für die Auskunft und die Versicherung, daß ich Sie in Rom aufsuchen werde. Es wäre mir lieb, einen Beweis zu erhalten, daß ich Sie gesprochen.«
Der Abbé nahm aus einer Tasche, die er an einem Kettchen unter dem Rock trug, eine dreieckige Karte. »Wenn Sie nach Rom kommen, suchen Sie die Sapiencia auf und zeigen Sie dies, dann man wird Sie an den richtigen Ort weisen. Wünschen Sie noch weitere Auskunft?«
»Nein, Sie finden mich in demselben Hôtel und brauchen nur nach dem tunesischen Kaufmann Hassun zu fragen, wenn Sie mich brauchen. Leben Sie wohl!«
Jetzt erst konnte der Abbé sein Zimmer erreichen, aber mit der Nachtruhe der Meisten, denen wir an diesem Abend begegnet sind, schien es schlecht bestellt, denn die aufgehende Sonne fand sie alle mit Briefschreiben beschäftigt. Grimaldi richtete einen Brief an dieselbe Adresse, an die der tunesische Kaufmann geschrieben hatte, es war die des Kaisers Napoleon in Paris. Der des tunesischen Kaufmanns enthielt nur wenige Worte:
»Sire, der Mann, der sich Palican unterzeichnet, macht Sie darauf aufmerksam, daß England damit umgeht, Griechenland und Cypern zu einer Station nach Indien für einen englischen Prinzen zu erwerben. Werden Sie, Rußland und das neue Italien dies dulden?«
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Ausführlicher war der Brief Grimaldis unter der Adresse des französischen Gesandten in Rom. Er lehnte den Auftrag, an die Spitze der griechischen Bewegung zu treten, ab, aber er machte darauf aufmerksam, welche Gefahr es für die Uferstaaten des mittelländischen Meeres haben würde, die englischen Interessen in Griechenland Herr werden zu lassen und machte auf das Verlangen des Ionischen Parlaments nach Selbstständigkeit aufmerksam.
Der ausführlichste Brief war der Bericht des Abbé Calvati an den Kardinal-Staats-Secretair. Er theilte mit, was bis jetzt geschehen und welche Stimmung in Neapel herrschte. Dann ging er auf die griechische Frage über und deutete damit an, welche Vortheile es für die Kirche haben würde, Monsigneure Maddelena, den katholischen Erzbischof von Corfu für eine Trennung der Inseln von England zu interessiren. Ein besonderer in Chiffern geschriebener Brief an den Superior des Jesuiten-Kollegiums machte von der bevorstehenden Ankunft des tunesischen Kaufmanns Anzeige und schloß mit den Worten:
[»]- - - Ich glaube nicht zu irren, wenn ich in ihm eines der Häupter des indischen Aufstandes vermuthe. Vielleicht einen Thug. Suchen Sie sein Vertrauen zu gewinnen. Er trägt den Ring mit der grünen Schlange. So lange ich hier bin, werde ich ihn nicht aus den Augen verlieren. Eine der Frauen von der Santa Clara traf ich hier wieder. Es droht hier keine Gefahr - - -«
An demselben Vormittag fand von dem Lazareth der sardinischen Garnison aus die Beerdigung des französischen Kapitäns statt. Der General-Gouverneur hatte ausdrücklich
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Befehl gegeben, sie mit allen militairischen Ehren zu vollziehen. Das zahlreiche Gefolge von Franzosen und Fremden genügte, um den Conduct zu einem der feierlichsten zu gestalten, welche seit langer Zeit die Strada del Campa passirt war.
Wer sich erinnert, mit welchen eigenthümlichen Ceremonien die Leichenbestattung im südlichen Italien und in Griechenland vollzogen wird, wird sich nicht wundern, wie der lange Zug der verhüllten und unkennbaren Kreuzträger eine Menge Volkes an sich lockte, namentlich da unter der Hand bekannt geworden war, daß es sich nicht um das Begräbniß eines piemontesichen Soldaten, sondern um einen Krieger des Königs Franz und einen Vertheidiger von Gaëta handle. Dennoch wäre die Masse des Publikums kaum erklärlich gewesen, wenn nicht noch andere Ursachen hinzugekommen wären. Welch trauriger Natur diese waren, sollte sich bald zeigen, als unter die militairische Salve, welche die kommandirte Truppe in das Grab des Tapfern hineingab, eine andere militairische Charge sich mischte und sich bald unter den Anwesenden die Nachricht verbreitete, daß auf ausdrücklichen Befehl des General-Gouverneurs hinter der Mauer des Campo zur selben Zeit die Füsilirung einer Anzahl von Royalisten aus der Provinz, die am Tage vorher zum Tode verurtheilt worden waren, stattgefunden hätte. Es schien, daß General Lamarmora mit dieser Expedition die Höflichkeit an die Franzosen und die Hoffnungen, die man an den Zug Garibaldi's knüpfte, ausgleichen wollte.
Unter den verhüllten Kuttenträgern, welche die Leiche
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des Capitain Gauthier zur letzten Ruhe geleiteten, schritt eine Figur, die sich ihrem Gewande nach als ein Angehöriger der sogenannten »Blauen Brüderschaft« kennzeichnete. Niemand beachtete weiter den Blauen mitten in dem langen paarweise geordneten Zug der seltsam vermummten Gestalten, denen ihre langen verschiedenfarbigen Kutten mit spitz zulaufenden Kapuzen, die tief über das Gesicht herabgezogen und in welche zwei runde Augenlöcher geschnitten waren - das Aussehen einer Gespensterprocession gaben. Voraus trug Einer ein florumwundenes Kreuz mit dem fast lebensgroßen Christusbilde, links und rechts von dem Crucifix rauschten in der Briefe, die vom Golfe herüberstrich, zwei Kirchenbanner. Nichts kann für den Ausländer, der diesem Schauspiel zum ersten Mal begegnet, schauerlicher sein, als der Anblick dieses vermummten Trauergeleites! Aus den Löchern der Kapuzen glühen wie Phosphorfunken die Augen hervor, im Windzug flackern die Kerzen, deren jeder Bruder eine in der Hand trägt und dazu ertönt ein Chorgesang, dumpf und hohl wie ein Geisterruf aus bodenloser Tiefe ...
Für den deutschen und besonders nicht katholischen Leser dürfte es wohl zum bessern Verständniß dienen, wenn wir hier eine kurze Notiz einschalten über das Wesen und Wirken dieser Brüderschaften, die unter den verschiedensten Namen und Abzeichen in Italien, Spanien und den sonstigen romanischen Ländern bis zum heutigen Tage eine so charakteristische Rolle spielen.
Das Entstehen der Brüderschaften greift weit in das Mittelalter zurück und bezeichnete man mit dieser
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Benennung gewisse Verbindungen von Laien, die, ohne aus dem Weltleben gänzlich herauszutreten, dennoch zeitweise sich bestimmten kirchlich-religiösen Uebungen und Funktionen unterzogen. Sie legten weder ein Klostergelübde ab, noch war ihnen irgendwelche priesterliche Autorität verliehen, weshalb man sie von den eigentlichen geistlichen Orden wohl unterscheiden muß. Sie entstanden und verbreiteten sich hauptsächlich seit dem zwölften Jahrhundert - wie schon bemerkt, unter den verschiedensten Benennungen und Verpflichtungen. Es gab, um hier nur die hervorragendsten dieser Congregationen zu bezeichnen, die sogenannten »Apostelbrüder«, ferner die »Beguinen« und »Begharden«. Die »Brückenbrüder« (frères pontifes) entstanden in Frankreich aus dem Bedürfniß, den Pilgern den Weg nach den verschiedenen Wallfahrtsorten zu erleichtern; die im Jahr 1185 zu Avignon erbaute Brücke über die Rhone ist eines der Denkmale dieser Brüderschaft. Wieder andere Congregationen, wie z. B. die »zur heiligen Dreieinigkeit«, beschäftigten sich mit der Pflege und Unterstützung ertränkter und armer Wallfahrer und Pilger, oder stifteten und leiteten Freischulen für arme Kinder. Die »Brüder des Todes« besorgten die Begräbnisse des Proletariats; die »Alexianer« und ihr weiblicher Zweig die »schwarzen Schwestern« wirkten hauptsächlich in den Gefängnissen, begleiteten die Armsünder nach dem Richtplatz und ließen für deren Seelenheil Messen lesen. Die »Büßer« endlich - mit denen wir es bei der Beerdigung des Capitain Gauthier zunächst zu thun haben - bilden verschiedene, wenn auch organisch zusammenhängende Brüderschaften,
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die sich durch die Farben ihrer Kutten in schwarze, graue, rothe, blaue, grüne &c. theilen. Sie nennen sich »Büßer«, weil sie ihre Liebeswerke als reinigende Büßungen ihrer eigenen Sünden und Vergehen betrachten und vereinigen in ihren Congregationen Personen aus allen, selbst den höchsten Ständen. In allen Städten Italiens findet man die Brüderschaften der »Büßer« und der Mangel an staatlichen Wohlfahrtsanstalten macht diese Congregationen heute noch unentbehrlich. Die Ausstattung armer würdiger Mädchen, die Bekehrung der Prostituirten, die Pflege hilfloser Kranken und Verlassenen, das ehrende Trauergefolge bei'm Begräbniß eines Fremden sind die Hauptzweige ihrer humanen Wirksamkeit.


Nach dieser nicht überflüssigen Erklärung nehmen wir den Faden der Erzählung wieder auf.
Auch beim Kriegshandwerk endigt mit dem Tode jede Gegnerschaft, welche die Lebenden trennt und so war ein Zug sardinischer Jäger ausgerückt, um mit gedämpftem Hörnerschall dem tapfern Paladin eines entthronten Königs die huldigende Grab-Escorte zu geben. Hinter dem blumenbekränzten Sarge folgten in verschlossenen Kutschen Capitain Lautrec, als Oheim des Verstorbenen, der junge Marquis von Saint-Brie, als vormaliger Freund und Waffenbruder des Todten, dann der Graf von Lerida, Dr. Walding, der Ionier Grimaldi, der friesische Schiffscapitain und der General-Consul.
Unter den Trauerfanfaren der Jägerhörner und den düstern Litaneien der Büßer bewegte sich der Conduct die Riviera di Chiaja entlang - dem Friedhof von Santa Maria
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del Carmine entgegen, unter dessen dunkeln Cypressen der Todte von seinem wildbewegten Leben ausruhen sollte.
Schon dämmerte der Abend, als der Zug das Ende seiner melancholischen Wanderung erreichte. Ein letzter verglühender Sonnenstrahl verklärte den langsam in die Tiefe hinabschwebenden Sarg. »Requiescat in pace!« murmelte der Priester und ließ eine Scholle Erde in das Grab niederfallen. »Et lux perpetua luceat tibi,« klang's aus dem Kreise der vermummten Büßer her. Es war der Blaue, der diesen Todesgruß gesprochen hatte. »Amen,« respondirte feierlich am Grabe der Priester und »Amen« gab die Schaar der Büßer zurück wie ein verhallendes Echo. Im selben Moment krachte die Ehrensalve der Jäger und wie ein Schleier wogte der weißgraue Pulverdampf über das stille Soldatengrab hin. Mit einem krampfhaften Druck preßte Capitain Lautrec die Hand des neben ihm stehenden deutschen Arztes. Dem alten Seebären tropften die hellen Thränen in den grauen Bart.
»Muth, mein alter Freund!« flüsterte, selber tief erschüttert, Dr. Walding; dann bückte er sich, um, wie die Uebrigen, dem Todten eine Hand voll Erde als letzten Tribut zu weihen. Der Zug wandte sich, um nach der lärmenden Stadt zurückzukehren - - nur Einer blieb da: der ritterliche Sohn des schönen Frankreichs, dem jetzt der Nachtwind zum ersten Male sein geisterhaftes Schlummerlied rauschte.
Wie läßt doch Platen in seinem melancholischen Gedichte »Der Pilgrim von St. Just« den lebensmüden kaiserlichen Büßer sagen:
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Nun bin ich vor dem Tod den Todten gleich
Und fall' in Trümmer, wie das alte Reich.


Eine milde Frühlingsnacht, wie sie nur dem ewig blühenden Hesperidengarten Italiens beschieden ist, umhüllte mit ihrem Sternenmantel Land und Meer. Der Friedhof Santa Maria del Carmine, den Gipfel eines Hügels krönend, hat eine entzückende Lage und doppelt süß mag es sich hier auf diesem Saatfeld der Ewigkeit träumen lassen.
Ueber die Vorstädte Pietra Bianca und Chiaja hinwegragend, eröffnet das Campo Santo von Maria del Carmine einen magischen Rundblick auf den weiten Golf und den im Osten dampfenden Vesuv, der dem leichtlebigen Volke ein beständiges Memento mori zuwinkt.
An die Brüstung der Friedhofmauer gelehnt, von dem Gezweig eines Feigenbaumes überschattet, stand regungslos eine Mannesgestalt, offenbar in einer Art von Traumwachen in den Anblick des imposanten Nachtbildes versunken, das sich im Mondschein vor seinen Augen entrollte.
Obwohl noch früh in der Jahreszeit, prangten doch schon Garten und Flur im Blätter- und Blüthenschmuck einer üppigen Vegetation. Hier in der Natur ein tiefer Gottesfrieden - dort in der von tausend und abermals tausend Lichtern durchblitzten Stadt Neapel das Lärmen und Schwärmen eines heißblütigen, lusttrunkenen Menschengeschlechtes. Bis in das stille Reich der Todten herauf klangen die Töne von Guitarre und Tamburin, in die sich
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das Lachen und Scherzen der sonnenbraunen Fischerdirnen und ihrer barfüßigen Ritter und Tänzer mischte.
Draußen im sanft wogenden Golf schwirrten wie gaukelnde Glühkäfer kleine Lichter hin und her: die Barken der Schiffer von Posilippo, die mit einbrechender Nacht in See stechen, um unter den zerklüfteten Klippenhängen von Capri, Procida und Ischia, bis in den Golf von Gaëta hinaus, die schuppigen Bewohner der feuchten Tiefe zu erjagen. Ein Vogel, der aus dem Gebüsch aufschwirrte, riß den einsamen Beschauer aus seinen tiefen Träumen. »Ja, ja,« murmelte er vor sich hin: »Das alte Volkswort hat Recht - vedere Napoli e poi morire!«11
Seine sentimentale Stimmung schien übrigens damit ihren Gipfelpunkt erreicht zu haben, denn ungleich prosaischer lautete es, als er an den so pathetischen Spruch unmittelbar den recht nüchternen Nachsatz reihte:
»Einstweilen wollen wir uns mit dem Sehen begnügen und das Sterben andern Leuten überlassen! Ich habe noch viel zu viel abzuwickeln und der Knochenmann würde mir mit seiner Sense einen recht täppischen Strich durch die Rechnung machen.«
Mit ein paar Schritten aus seinem Versteck hervortretend, zog er seine Uhr und hielt sie prüfend in den Mondschein. »Sollte ich mich trotzdem in meiner Erwartung getäuscht haben?« Er ließ seinen scharfen Blick über den Friedhof hinschweifen - mit einem Mal zuckte er zusammen! Noch eine Weile lauschte er gespannt: dann glitt er leisen
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Fußes durch das Buschwerk, das die Gräberreihen überschattete. Man hätte an eine Katze denken können, die auf ihre nächtliche Jagd auszieht ...
An dem kaum geschlossenen Grabhügel des französischen Capitains kniete eine schwarz gekleidete Frauengestalt - eine in Fleisch und Blut modellirte Statue des Schmerzes und der Trauer. Das lange blonde Haupthaar war aufgelöst und rieselte im Mondlicht wie ein goldener Regen über die schwarze spanische Mantille hin. Das Antlitz in die beiden Hände gepreßt, ließ sie keinen Laut hören, aber es giebt auch ein stummes und thränenloses Weinen und und das ist das qualvollste, denn es bietet keine Linderung. Ohne das convulsivische Zittern, das zeitweise den gebrochenen Frauenleib schüttelte, hätte man glauben können, der Lebensfunken sei erloschen.
Eine Hand legte sich leicht auf die Schulter des trauernden Weibes.
Mit jenem müden, starren Ausdruck, der uns im Blick der Irrsinnigen begegnet, schlug die Nachtwandlerin die glanzlosen Augen empor, dann aber, von einem plötzlichen Entsetzen gepackt, streckte sie mit einem halblauten Schrei die beiden Arme aus, als wolle sie ein Wesen aus anderer Welt abwehren. Und wohl durfte die bebende Frau an das Erscheinen eines überirdischen Sendboten glauben, denn vor ihr stand regungslos, die Arme über die Brust gekreuzt, eine Gestalt in wallender blauer Kutte. Die Kapuze war tief über das Gesicht herabgezogen, aus den zwei hineingeschnittenen Sehlöchern blitzten die Augen hervor kalt und scharf wie ein Paar Dolchklingen.
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»Bist Du Mensch oder Gespenst?« stöhnte das Weib in namenlosem Grausen.
[Absatz] »Ich bin Mensch wie Du!« scholl's zurück und mit einem raschen Griff streifte die Gestalt die verhüllende Kapuze zurück.
»Sie, Abbé Calvati?!« flog's über die Lippen des Weibes.
»Ich, Therese!« antwortete mit einer leichten Verbeugung der Jesuit.
»Und dieses seltsame Kleid?« Die Sängerin deutete nach seinem Gewand.
»Es ist die Kutte der blauen Büßer,« entgegnete er leichthin; »unter ihrem Schutze hab' ich unserm gemeinsamen Freunde - er wies nach dem Grabe des Capitain Gauthier - die letzte Ehre erwiesen. Ich befinde mich überhaupt incognito in Neapel, denn Sie wissen ja - ein flüchtiges Lächeln enthüllte seine kleinen schneeweißen Zähne - für uns arme Jünger Christi weht eben ein recht ungemüthlicher Wind. Doch, kommen Sie, Mademoiselle, ich habe dort unter jener Cypresse eine Bank entdeckt, die Ihrem erschöpften Zustande wohl thun wird.«
Ohne eine Antwort abzuwarten, bot er mit einer galanten Verbeugung der Sängerin seinen Arm. Sie setzten sich nieder.
»Ich wußte,« begann er nach kurzem Sinnen, »daß Sie noch heute auf den Friedhof kommen würden, um Ihre melancholische Liebesidylle für dieses Leben abzuschließen.«
In einem krampfhaften Schluchzen löste sich der Sturm in der Brust der Sängerin. Geduldig ließ der Jesuit die
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bis in's Innerste zerwühlte Frauennatur sich müde ringen, dann erst sprach er weiter: »Ich wußte, daß Sie kommen würden und darum hab' ich Sie erwartet.«
»Ich hätte Sie in Ihrer Wohnung aufsuchen können, aber ich wäre dort vielleicht zu keinem ungestörten Moment gekommen und außerdem ist mir ja auch der alte Capitain Lautrec, Ihr gegenwärtiger Schirmherr, im Herzen nicht allzu hold.«
Die Sängerin wollte eine Entgegnung machen, aber mit einer gelassenen Handbewegung schnitt ihr der Abbé das Wort ab. »Keine weitere Entschuldigung, liebe Therese! Halten Sie mich für so naiv, daß ich von Jedermann eine schwärmerische Begeisterung für uns Jesuiten verlangen sollte? Der Eine liebt uns, weil er uns braucht, der Andere haßt uns, weil er uns fürchtet, der Dritte endlich will uns aus dem Wege gehen, weil ...«
Ohne den Satz zu vollenden, fixirte er die Sängerin mit dem fascinirenden Blick, den man der Klapperschlange zuschreibt.
»Sie wollen sich hier in ein Koster zurückziehen,« sprang er mit einem Mal kurz über; »der Marquis von Saint-Brie hat mir wenigstens so gesagt. Sie wollen hier in Neapel Ihr Leben beschließen, um dem Grabe Ihrer einzigen Liebe nahe zu bleiben?«
»Ja,« flüsterte sie und der Abglanz einer anderen Welt verklärte ihr thränenverschleiertes Auge: »die einzige wahre Liebe in meinem wilden, sündenvollen Leben.«
»Der Entschluß ehrt Sie, Madame,« warf der Jesuit kalt hin; »es bleibt aber noch eine andere Frage übrig.«
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Die Sängerin ließ einen scheuen Blick nach ihm hinübergleiten.
»Die Frage nämlich,« sprach er ruhig weiter, »ob Ihr Entschluß den Interessen meines Ordens entspricht? Sie wissen, Therese, daß unsre wichtigsten Operationen auf weiblichen Beistand berechnet und daß wir demzufolge darauf angewiesen sind, stets eine genügende Stammtruppe von Mitarbeiterinnen zu unterhalten. Hinter den Klostermauern, Therese, gehen Sie uns verloren, während wir Sie im Salon sehr nöthig brauchen können.«
»Im Salon?« lächelte die Sängerin schmerzlich: »mein Fuß wird diese Stätte der eiteln Weltlust nie wieder betreten.«
»Qui vivra verra,« bemerkte kaltblütig der Jesuit. »Vorläufig ist allerdings mein Orden nicht in der Lage, Ihrem Vorhaben zu begegnen und wenn der Marquis von Saint-Brie, wie er mir selber sagte, der Meinung ist, die Gesellschaft Jesu werde wohl daran thun, von Ihren Klostergelüsten die Finger wegzulassen, so mag dieser junge Windbeutel bis auf Weiteres Recht haben. Sie sehen, Therese, ich rede ganz offen.«
»So offen wie immer,« bestätigte die Sängerin mit zermalmendem Spott.
»So offen wie immer,« wiederholte der Abbé, ohne die geringste Notiz von der ironischen Einschaltung zu nehmen. »Ich verlasse morgen Neapel, wahrscheinlich auch Italien und weiß nicht, wann ich zurückkehren werde! Erlauben Sie mir also zum Abschied Ihnen einen wohlgemeinten Rath zu geben. Schlagen Sie sich Ihre
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Kloster-Pläne aus dem Sinn, auch mitten im Treiben der Welt finden sich Zeit und Gelegenheit, heilige Erinnerungen zu pflegen. In allen Fällen aber, Therese, vergessen Sie das Eine nicht: die Hand des Consilio di Tre ist mächtig genug, die dicksten Klostermauern zu sprengen und wenn die Gesellschaft Jesu Ihrer bedarf, so wird dieselbe Sie zu finden wissen und - von Ihnen Gehorsam erwarten, wie ich einstweilen im Namen des Consilio das unverbrüchlichste Schweigen über unsre Begegnung von Ihnen fordere.«
Wie eine unheimliche Drohung bohrte sich das Auge des Jesuiten auf die vor innerer Erregung zitternde Frauengestalt - dann aber war wie auf einen Schlag der finstere Priester zum galanten Weltmann geworden, als er sagte: »Kommen Sie, Madame, die Runde der Friedhofswächter kann uns jeden Moment überraschen und dies würde zu allerlei Unannehmlichkeiten führen. Auch dürften Sie sich in Ihrer leichten Kleidung bei längerem Verweilen erkälten.« Er deutete nach dem Grabe Gauthier's hin. »Lassen Sie ihn ruhen, er war müde.«
»Bin ich es vielleicht nicht?« frug die Sängerin mit einem geisterhaften Lächeln unter Thränen zurück.
Schweigend bot ihr der Abbé seinen Arm an und wie unter einem übermächtigen Bann leistete die Sängerin der stummen Aufforderung Gehorsam. Noch einen letzten thränendunkeln Blick sandte sie nach dem Grabhügel des Geliebten hin, dann verschwand das Paar unter den Platanen, die den Weg überschatteten. Unbehelligt verließen sie den Friedhof, dessen Thor nach neapolitanischer
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Sitte auch bei Nacht weit offen stand. Unten in der Vorstadt begegnete ihnen eine leer nach Neapel zurückkehrende Miethkutsche. Sie stiegen ein und der Abbé geleitete die Sängerin bis zur Villa, die Capitain Lautrec bewohnte. Unterwegs sprachen Sie nur wenige Worte miteinander, jedes hing seinen eigenen Gedanken nach. Die Kutsche hielt und die Sängerin stieg aus. Der Jesuit ergriff ihre kleine fieberheiße Hand. »Vergessen Sie nicht, Therese, was ich Ihnen gesagt habe! Das Auge des Consilio di Tre folgt Ihnen auf Schritt und Tritt: also Gehorsam, Schweigen und - auf Wiedersehen!« Sinnend blickte er der enteilenden Frauengestalt nach, bis sie zwischen den Lorbeer- und Citronenbäumen des Vorgartens entschwunden war.
»Wohin, Padrone?« Mit dieser Frage wandte sich der Kutscher nach seinem Fahrgaste um.
»Largo del Castello,« lautete die kurze Antwort.
Nach kurzer Fahrt hielt der Wagen an seinem Ziele - auf dem Platz vor dem königlichen Palaste. Bei'm Aussteigen streifte der Jesuit seine Kapuze über das Gesicht herunter, er drückte dem Kutscher einige kleine Silbermünzen in die Hand und dann verlor er sich in dem buntfarbigen Gedränge der bis tief in die Nacht hinein lustwandelnden Menge.


In einem Hause unweit der Kirche Gesu nuovo, in einem bescheiden ausgestatteten Gemach saß ein Mann, der eifrig mit der Durchsicht verschiedener Papiere beschäftigt
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war. Der milde Schein zweier Wachskerzen erhellte das Zimmer, dessen einziger Schmuck in einem kunstvoll geschnitzten Crucifix von Elfenbein bestand.
Die etwas derangirte Reisekleidung, die der Herr trug, ließ darauf schließen, daß er soeben erst angekommen war. Er mochte etwa vierzig Jahre zählen und der flüchtigste Blick genügte, um in ihm den Südländer zu erkennen. Kurzgeschnittenes, pechschwarzes Haar umrahmte die massiv gewölbte Stirn, über die sich eine leicht geröthete, fast fingerbreite Narbe quer hinzog. Unter buschigen Brauen bargen sich ein Paar Augen, die in ihrem jähen Aufschlag die kalte durchbohrende Schärfe hatten, die dem Blick der Raubvögel eigen ist. Die schmale, schnabelartig gebogene Nase vervollständigte noch diesen Effekt. Mit dem hagern gelben Gesicht harmonirte der starke schwarze Schnauzbart, den der Kaiser Louis Napoleon so zu sagen zum nationalen Wahrzeichen der lateinischen Raçe erhoben hat. Obwohl nur von mittlerer Größe und jeder Formenfülle entbehrend, pulsirte gewiß in diesem Mann eine ganz enorme Kraft, die desto gewaltigerer Leistungen fähig sein mochte, als sich offenbar die Behendigkeit einer Wildkatze damit verband. Alles in Allem genommen, war er eine charakteristische, aber auch unheimliche Erscheinung ...
Entweder war er mit dem Durchblättern seiner Papiere fertig, oder aber begann diese Beschäftigung ihn zu langweilen - genug, er faltete die Schriften zusammen und schob sie in ein Portefeuille von dunkelbraunem Leder. Eine Weile blickte er sinnend vor sich hin, dann griff er in die andere Brieftasche seines Reisepaletots und zog einen
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sechsläufigen Revolver hervor; es war eine ungewöhnlich solid gearbeitete Waffe und schon die Art, womit der Mann sie handhabte, ließ ein routinirtes Vertrautsein mit dem todbringenden Feuerrohr erkennen. Jedenfalls hatte er aber keinen weiteren Gedanken dabei, als sich irgendwie über eine müßige Zeitpause hinauszuheben, denn gleich darauf schob er den Revolver wieder in seine Tasche zurück und brachte dafür eines jener schmalen, langen Stilete zum Vorschein, wie sie in dieser Form besonders von den Eingeborenen der Inseln Corsika und Sardinien getragen und mit furchtbarer Geschicklichtkeit gehandhabt werden. Den Dolch aus seiner Scheide ziehend, ließ der Mann mit einer Art von wilder Lust die mörderische Klinge im Kerzenlichte spielen, seine Augen funkelten und eine Blutwelle schoß in sein gelbes Gesicht. Unbewußt schnellte er vom Stuhle empor und rasch, wie der Blitz, der aus der Wetterwolke zuckt, führte er einen Luftstoß. Es war nur ein phantastisches Spiel, aber es genügte vollkommen, um darnach den Ernstfall bemessen zu können. Ein solcher Stoß ging niemals fehl und in der nächsten Secunde mußte der Gegner ein stiller Mann sein!


Auch das Stilet wanderte in sein Versteck zurück und die Uhr kam an die Reihe. »Maladetto!« murrte er vor sich hin: »jetzt wart' ich schon über eine Stunde und immer noch will er nicht kommen ... Und um Mitternacht geht der Dampfer nach Palermo ab.« Mit der nervösen Ungeduld eines hinter seinen Gitterstäben festgehaltenen Tigers schritt er in dem Zimmer auf und nieder. Leise fast geräuschloß[s] öffnete sich eine Tapetenthüre - das scharfe
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Ohr des Mannes hatte es aber dennoch vernommen und rasch fuhr er herum.
»Ah, buona sera, Abbate,« rief er und streckte dem Eingetretenen halb vertraulich, halb respektvoll die Hand entgegen.
»Benvenuto, caro mio, benvenuto à Napoli!« grüßte der Ankömmling zurück und erwiderte den Händedruck des Revolvermannes.
Der Ankömmling war der Abbé Calvati und, um es gleich zu bemerken, das Zimmer, worin ihn der Andere so ungeduldig erwartet hatte, gehörte zu dem bescheidenen Logis, das der Jesuit, während seines Aufenthaltes zu Neapel, im Hause eines weltlichen Mitgliedes seines Ordens bewohnte.
Die blaue Büßerkutte war verschwunden und hatte dem Interimsgewand der Jesuiten, der knapp anliegenden schwarzen Soutane, Platz gemacht.
»Mein Hauswirth,« begann Calvati in italienischer Sprache, »hat mir bereits Ihren Besuch angekündigt und aus dem Signalement, das er mir gab, hab' ich auch sofort Ihre Person errathen.«
Beide setzten sich und der Abbé präsentirte seinem Gaste eine Schachtel voll Cigaretten: auch er selber brannte sich eine an.
»Was führt Sie so unerwartet nach Neapel, lieber Griscelli?« leitete der Jesuit das Gespräch ein, indem er eine zierliche Rauchguirlande seinen Lippen entringein ließ.
»Ich bin auf dem Wege nach Palermo,« antwortete der Gast.
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»Cospetto!« lachte der Pater: »ich errathe den Rest! Sie sollen wieder einmal als geheimer Schatten den Signor Garibaldi auf Schritt und Tritt begleiten - ihn, den Mann mit dem Herzen eines Löwen und dem Kopfe eines Esels.«
Das finstere Gesicht des Gastes verzog sich zu einem flüchtigen Lächeln, dann aber sprach er mit einer bei ihm überraschenden Gefühlswärme: »Sie wissen, Abbate, bei mir heißt es: Wess' Brod ich eß', dess' Lied ich sing'. Ich habe nacheinander dem Kaiser Louis Napoleon und dem Minister Cavour gedient, jetzt hab' ich meine Knochen und mein Bischen Witz an den Cardinal Antonelli vermiethet. Ist es auch da herum, nun, dann vivat sequens!« Er blies rasch einige Rauchwolken von sich, dann sprach er weiter: »Eine tiefe Kluft scheidet mich von Garibaldi, dennoch aber giebt es eine Brücke, auf der ich ihm begegnen und ihm die Bruderhand reichen kann.«
Der Jesuit fixirte seinen Gast. Der fuhr fort: »Garibaldi ist Italiener wie ich und er will ein einiges Italien wie ich!«
Leise mit den Fingern auf der Tischplatte trommelnd, blickte der Abbé vor sich hin. Grünte ja selbst auch in seinem sonst so verknöcherten Herzen eine kleine Oase, auf welcher der Patriot dem Jesuiten den Vorrang streitig machte! Das ist es ja eben, was die italienischen und überhaupt romanischen Clerikalen so rühmlich über unsere deutschen Ultramontanen und Centrumsmänner erhebt ...
Calvati schien übrigens keine Lust zu haben, das angeschlagene politische Thema weiter zu verfolgen, denn
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kurz überspringend stellte er die Frage: »Was giebt es sonst Neues in Rom?«
»Mancherlei,« antwortete der Gast. »Zunächst sucht die liberale Partei mit allen Mitteln das Projekt des Abbé Michon frisch aufzuwärmen.«
»Die Uebersiedelung des heiligen Vaters nach Jerusalem?« lachte Calvati. Der Andere nickte. »Um dem Statthalter Christi den Umzug zu erleichtern, will ihm eine Aktiengesellschaft eine Eisenbahn von Jaffa nach Jerusalem bauen.«
Der Jesuit lachte abermals herzlich auf. »Um noch sicherer zu gehen, könnte sich ja der heilige Vater gleich selber mit so und soviel Stück Aktien an dieser apostolischen Eisenbahn betheiligen ... Was haben Sie mir sonst noch von Rom zu erzählen?«
Der Gast blickte auf seine Uhr. »Um Mitternacht geht der Dampfer nach Palermo ab,« bemerkte er.
»Es ist jetzt elf Uhr,« sagte der Abbé; »Sie haben also noch eine volle Stunde vor sich. Wo haben Sie Ihr Gepäck?«
»Es ist bereits an Bord des Dampfers.«
»Nun desto besser! Von hier nach der Reviera, wo der Dampfer ankert, ist es kaum ein halbes Stündchen. Sie können mir also noch ganz gut ein paar Pikanterien aus der frommen Tiberstadt auftischen.«
»Kennen Sie die regierende Fürstin von X...?« begann nach einigem Sinnen der Gast.
»Ich habe sie vor zwei oder drei Jahren im Bad Sanct Moritz gesehen,« antwortete der Abbé, »eine geistreiche,
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energische Dame, der, wie man mir sagte, das Stückchen Erde, auf dem ihr gutmüthiger Herr und Gemahl regiert, manchmal zu eng sein soll.«
»Von ihrer Heimath her mag sie allerdings großartigere Verhältnisse gewohnt sein,« meinte der Gast, »vorige Woche ist sie in Rom gewesen.«
»In Rom?« rief der Abbé erstaunt, »ich habe nichts davon gehört noch gelesen.«
»Glaub's wohl, Abbate,« lächelte der Andere, »es war ein Abstecher im allerstrengsten Incognito, der den indiscreten Laternenstrahl einer Zeitung kaum ertragen dürfte.«
»Sie kitzeln meine Neugierde, lieber Griscelli,« sagte der Jesuit, indem er unwillkürlich seinen Sessel näher rückte. »Heraus mit Ihrer geheimnißvollen Geschichte, die, wie Sie wissen, bei mir einen verschwiegenen Mann findet.«
Der Gast nickte. »Ich weiß, Abbate, daß Discretion eine Ihrer Haupttugenden ist, sonst würde ich mich hüten, Ihnen eine Sache auszuplaudern, die mich soweit gar nichts angeht und zu den delicatesten Capiteln der römischen Geheimpolizei gehört.«
»Es scheint, Sie wollen mich mit Ihrer Einleitung über einem langsamen Kohlenfeuer zollweise rösten,« lachte halb ärgerlich der Abbé.
»Bedenken Sie, hochwürdiger Pater,« lachte auch seinerseits der Gast, »der heilige Märtyrer Laurentius ist auf seinem Rost von Kopf bis zu Fuß gebraten worden, ohne daß er zum Lohn meine Geschichte zu hören bekam.« Und nun begann er dem hochaufhorchenden Abbé zu
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berichten was folgt. Um aber dem Leser jede effektschwächende Unterbrechung zu ersparen, wollen wir die bisherige Gesprächsform fallen lassen und die Erzählung Griscelli's in das Gewand feulletonistischer Objektivität kleiden. Zuvor noch eine weitere Bemerkung.
Der nachfolgende Beitrag zur höfischen Chronique scandaleuse unserer Zeit mag dem Leser als die Ausgeburt eines tollen Romanschreiber-Gehirns vorkommen; dem gegenüber können wir nur die bestimmteste Erklärung abgeben, daß der ganze Vorfall auf strengster Wahrheit beruht, und daß wir in der Lage sind, aus durchaus authentischen Quellen, zum Theil aus gerichtlichen Aktenstücken, zu schöpfen. Daran knüpft sich für uns das naheliegende und leicht erklärliche Gebot, mit der nöthigen Behutsamkeit zu Werke zu gehen, denn noch leben die Fürstin und die übrigen Hauptpersonen des düstern Dramas. Wir lassen demzufolge sämmtliche Figuren unter anderen Namen auftreten - zugleich aber mit der nochmaligen Erklärung, daß wir an dem übrigen Hergang kein Wort ändern oder verschweigen werden.


Verschiedene Jahre sind es her, als der (seitdem verstorbene) alte Fürst Gerhard sein Residenzschloß in den Haupt-Theilen renoviren und neu dekoriren ließ. Es ging dort damals drunter und drüber; Künstler und Handwerker aus aller Herren Länder klopften und hämmerten da herum. Der große Thronsaal besonders sollte ein Meisterstück moderner Dekorationskunst werden
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und ein berühmter Dekorateur aus Paris war verschrieben worden, der seine Virtuosität hier bewähren sollte.
Der Hofmarschall und seine Beamten und Vertrauensmänner hatten sich in dem Saale versammelt, um die Projekte und Ideen des Franzosen zu vernehmen. Der Mann explizirte denn auch seine Pläne haarklein und legte seine Kosten-Voranschläge mit gleicher Akkuratesse bis auf Heller und Pfennig vor. Mit den Plänen war der Hofmarschall vollkommen einverstanden - weniger dagegen behagte ihm die Rückseite der Medaille: der Kostenpunkt.
Der Pariser aber erklärte steif und fest, billiger zu arbeiten sei ihm unmöglich und er könne nicht einen Sou ablassen, denn der neu von ihm erfundene »Goldfirniß«, der bei dieser Dekorirung eine große Rolle spielen sollte, koste in seiner Herstellung ein Heidengeld. Bei der bekannten Sparsamkeit des alten Landesherrn wollte der Hofmarschall diese Ausgabe nicht so ohne Weiteres wagen und demzufolge beschied er den Künstler von der Seine auf den folgenden Tag. Kaum war der Franzmann fort, so kletterte von einer im Saal stehenden Doppelleiter ein kleiner rothbackiger, weißbestaubter Junge - der mit dem Wegkratzen der alten Plafond-Stukkatur beschäftigt war - herunter und vor dem Hofmarschall sich stramm aufpflanzend, sprach er im ächten Dialekt der Obermosel: »Herr Excellenz, halten zu Gnaden, was der Kerl da gesagt hat, ist heller Schwindel! Ich bin zwei Jahre bei ihm in der Lehre gewesen und kann den Goldfirniß gerade so gut machen, wie er selber.«
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Ungläubig schüttelte zwar der Marschall den Kopf, aber die Gewißheit des kecken Bengels imponirte ihm. Er ließ also den Jungen eine Probe machen und siehe! das Experiment gelang vollkommen. Nun hatte man einen ebenso brillanten Goldfirniß, wie der von dem Pariser erzeugte, man konnte den Thronsaal ohne dessen Hilfe dekoriren und was dabei die Hauptsache war: man ersparte eine ganz erkleckliche Summe Geld.
Als der Saal fertig war, wurde der kleine Stukkateur zum Fürsten beschieden. »Na, du kleiner Hexenmeister wie heißt Du denn?« frug ihn gütig der alte Monarch, der Niemandem so gewogen war wie dem, der ihm sparen half.
»Ich heiße Hirt,« antwortete keck der Knirps.
»Du hast mir mit Deinem Firniß ein schönes Sümmchen erspart,« bemerkte der hohe Herr, »bitte Dir dafür eine Gnade aus.«
Sinnend drehte der Junge seine Mütze zwischen den Fingern, dann antwortete er: »Wenn ich mir etwas ausbitten soll, so möcht' ich am liebsten auf die Akademie kommen, damit ich Künstler werden kann.«
»Bravo, mein Sohn,« nickte der alte Fürst, »die Bitte gefällt mir! So lange Du Dich talentirt zeigest und dabei fleißig und brav bleibst, sollst Du auf meine Kosten studiren und ein Jahresstipendium von Fünfhundert Thalern aus meiner Chatoulle erhalten.«
So geschah's. Sieben Jahre studirte Hirt auf des Fürsten Kosten; jedes Semester mußte er vor dem gestrengen Herrn antreten, seine Zeugnisse vorlegen und über
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seine Fortschritte genaueste Auskunft ertheilen. Dann sandte ihn sein hoher Gönner nach Rom und aus dem kleinen Gypsarbeiter ward ein genialer Bildhauer, dem die Protektion des Fürsten schöne Aufträge zuführte und der zugleich auch als Archäologe sich durch die berühmt gewordenen »Nenniger Ausgrabungen« einen geachteten Namen machte.
Es geschah noch Weiteres: Fürst Gerhard, der an dem geweckten und findigen Wesen seines Schützlings Gefallen fand, machte ihn zu seinem Vertrauten und benutzte ihn zu allerlei delikaten und heiklen Privatmissionen nach verschiedenen europäischen Hauptstädten. Auch eine nordische Residenz besuchte der Geheimcourier, um hier, im Auftrag seines Gebieters, einen gewissen dunkeln Punkt in dem jungfräulichen Vorleben der Prinzessin Eleonore (der heute regierenden Fürstin von X...) aufzuhellen.
Die Aufklärungen, die Hirt zurückbrachte, schienen auf das von jeher nicht allzu freundlich gewesene Verhältniß zwischen dem alten Monarchen und seiner erlauchten Schwiegertochter sehr ungünstig einzuwirken, und die Prinzessin, die bald durch ihre Spione erfuhr, wer der Ueberbringer der verhängnißvollen Kundschaft sei, ließ den jungen Bildhauer zu sich bescheiden und nahm ihn unter vier Augen in's Verhör. Etwa eine Viertelstunde waren die Beiden zusammen gewesen, als mit einem Mal die Thür heftig aufgerissen ward und Hirt in höchster Erregung herausstürzte. Die Fama will wissen, im Verlauf des sehr animirten Tête-à-tête sei in's Gesicht
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gespuckt worden und daraufhin sei eine Hand mit einer Wange in unsanfte Berührung gekommen.
Sei dem, wie da wolle - soviel bleibt gewiß, daß Hirt schnurstracks zu seinem Gönner lief und ihm Alles haarklein rapportirte. Der alte Herr, so tuschelte man damals im Schloß, soll herzlich gelacht und dabei gesagt haben: »Hirt, dafür bring' ich Dich in mein Testament!«
In ihrem Boudoir aber soll die Prinzessin Eleonore in heller Raserei geknirscht haben: »Hirt, dafür bring' ich Dich in's Grab!«
Nicht lange darauf ward bei dem fürstlichen Criminalgericht gegen Hirt eine Fälschungs-Klage eingereicht, die aber die Reichskammer als nichtig abwies. Als Kläger figurirte der Onkel einer gewissen Marie Tony, die als Kammerfrau in Diensten der Prinzessin Eleonore stand.
Hirt, der den Ursprung dieser Klage weiter und höher suchte, blieb dann vorläufig unbehelligt. Erst der im Sommer 18** erfolgte Tod des Fürsten Gerhard, seines Wohlthäters und Schirmherrn, schien wieder eine gewisse Aufmerksamkeit auf die Person des Bildhauers zu lenken, denn kaum 14 Tage nach dem Ableben des Fürsten Gerhard erschien eines Morgens bei Hirt der Stadtdirektor M. und ertheilte ihm den vertraulichen Rath - auszuwandern. Der junge Künstler bedauerte, gar keine Europamüdigkeit oder sonstige Wanderlust zu verspüren, und blieb.
Unmittelbar darauf lief bei'm Criminalsenat eine Anzeige ein, die, im Hinweis auf die kurz zuvor stattgehabte Feuerbrunst im fürstlichen Residenztheater, den Bildhauer als Brandstifter denuncirte.
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Doch auch dieser tückische Anschlag, dessen Urheberin nicht näher bezeichnet zu werden braucht, mißlang.


Fürst Gerhard war im Monat Juni verstorben; im August stellte Hirt die von ihm gemeißelten Büsten des neuen Herrscherpaares aus. Hierbei kann er von dem Vorwurf großer Taktlosigkeit nicht gereinigt werden, denn seine obenerwähnte unerquickliche Begegnung mit der jetzt zur Landesfürstin erhobenen Prinzessin Eleonore mußte ihm nicht nur Ehren-, sondern auch schon Anstands halber ein für allemal verbieten, seiner Feindin eine derartige Ovation zu bereiten. Ob er vielleicht damit eine Versöhnung anbahnen wollte, mit seinem Meißel also den reuevollen Gang nach Canossa angetreten hatte - es läßt sich darüber nichts Bestimmtes sagen, jedenfalls aber, wenn wir ihm einen derartigen Beweggrund imputiren wollen, ist sein Mühen ein fruchtloses geblieben, denn schon Tags darauf erging ein Ministerialbefehl, der den fürstlichen Aemtern verbot, die von Hirt modellirten Büsten des Herrscherpaares als officiellen Saalschmuck anzuschaffen; dagegen empfahl der Erlaß eine Concurrenzarbeit des Bildhauers Haupt. Dieser Ukas wurde von dem liberalen Theil der Residenzpresse derb genug glossirt, um so mehr zwar, als das Werk Hirt's das seines Nebenbuhlers an künstlerischem Werth weit überragte.
Ein paar Wochen später konnte man in der Fremdenliste die Ankunft eines russi[s]chen Staatssecretairs Graf von Sch. lesen. Er mochte wohl einen längeren Urlaub haben, denn er bezog vor den Thoren der fürstlichen Residenz eine Villa, in der er sich auf großem Fuße einrichtete.
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Eines Tages erschien der Graf im Atelier Hirt's und bestellte bei diesem unter allerlei schmeichelhaften Complimenten eine Marmorbüste seiner Gemahlin. Als die Büste fertig, abgeliefert und splendid honorirt war, lud der freundliche Herr Graf den Künstler zur Tafel; er unterhielt ihn da lang und breit von seinen Landgütern und industriellen Etablissements im Gouvernement Tula und erzählte, wie er gerade eben eine Vertrauensperson brauchen könnte, um dort verschiedene verwickelte Angelegentzeiten zu schlichten. »Würde es,« schloß er seine Rede, »Sie als Künstler nicht interessiren, Rußland kennen zu lernen? Sie hätten, falls Sie in meinen Geschäften dorthin gehen wollten, die schönste Gelegenheit, ohne Kosten und mit voller Vergütung Ihres Zeitverlustes bis an die Wolga zu kommen.«
Hirt acceptirte den verlockenden Antrag.
»Wenn Sie,« bemerkte Graf Sch., nachdem er seinem Mandatar das reich bemessene Reisegeld eingehändigt hatte, »wenn Sie nach Tula kommen, so begeben Sie sich zu dem Herrn, den Sie auf dieser Karte da genannt finden und er wird Ihnen die nöthigen Papiere, die ich ihm mittlerweile übersenden werde, einhändigen.«
Ahnungslos reiste der junge Künstler ab und erreichte auch unbehelligt Tula; noch immer dachte er an keinen hinterlistigen Fallstrick, als er erfuhr, der Herr, an den er sich wenden sollte, sei der Polizeidirektor der Stadt: er stellte sich vor und verlangte, seinem Auftrage gemäß, die ihm vom Graf Sch. nachgeschickten Papiere. Ein unheimliches Lächeln zuckte über das Gesicht des Direktors,
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als er von seinem Tische einen Bogen Papier aufnahm und denselben rasch durchflog. »Graf Sch. hat Sie mir unter den schwersten Indizien als einen Emissär des polnischen Revolutions-Comité signalisirt,« sagte kalt der Polizeibeamte, »Sie sind also bei mir an die beste Adresse gerathen.« Ehe der vor Staunen und Schrecken erstarrte Künstler die Lippen öffnen konnte, hatte schon der Direktor eine Klingel in Bewegung gesetzt, ein Paar Polizei-Soldaten stürzten herein, denen ihr Vorgesetzter einen Wink gab. Von wuchtigen Fäusten gepackt, ward der Unglückliche aus dem Bureau gestoßen und in eine Kerkerzelle geworfen. Dem so treulos Verrathenen dämmerte jetzt die grausige Gewißheit, daß er, als das Opfer einer satanisch geplanten Intrigue, lebendigen Leibes in den sibirischen Bergwerken begraben werden solle. Auf faulem Stroh, von den Ratten gequält, verbrachte der Gefangene in seiner Zelle unbeschreibliche Wochen, bis allerlei Versprechungen, die er seinem ein wenig deutsch redenden Kerkermeister machte und eine mitleidige Regung, die dessen Weib für den hinsiechenden Fremdling empfand, ihm in einer dunkeln Regennacht zur Flucht verhalfen. Unter unsäglichen Schwierigkeiten erreichte der Arme die Grenzen des heiligen Rußlands und eine Pistolenkugel, die dem Flüchtling ein patroullirender Kosak nachschickte, war der letzte Scheidegruß. In der fürstlichen Residenz angelangt, machte Hirt von dem Geschehenen amtliche Anzeige und das dortige Kriminalgericht erließ wider den Grafen Sch., der mittlerweile unbekannt wohin verzogen war, einen Steckbrief. In Bonn wurde der adelige Wicht verhaftet und wegen eines andern
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concurrirenden Verbrechens vor das Schwurgericht in Mannheim gestellt, das ihn am 27. Juni 18** zu vier Jahren Zuchthaus verurtheilte. Hirt aber, der seit seiner unerwarteten Rückkunft in die Residenz der Fürstin Eleonore der Gegenstand unausgesetzter, wenn auch zumeist kleinlicher Vexationen geworden war, schnürte sein Bündel und ging, um Ruhe zu finden, nach Amerika.
Aber auch das Land der Freiheit konnte ihn nicht schirmen: seine ebenso mächtige wie unversöhnliche Todfeindin ließ das Verfolgungswerk nicht stille stehen. Das Schrecklichste sollte nun aber erst kommen!


Kaum war der gehetzte Künstler in Amerika angelangt, als bei dem Strafgerichte der fürstlichen Residenz eine Anzeige eingereicht wurde, worin Hirt beschuldigt war, der Anzeigerin eine Staats-Obligation und eine größere Summe baaren Geldes gestohlen zu haben. Die angeblich Bestohlene war aber ... die Hofgarderobe-Verwalterin der Fürstin Eleonore, eine gewisse Frau Mathilde von Hodeleiff, zugleich Tante der schon erwähnten fürstlichen Kammerfrau Marie Tony.
Das Criminalgericht der Residenz erließ infolge dessen gegen Hirt einen Steckbrief, worin er mit der Contumacialbehandlung des Falles bedroht wurde. Eine Zeitung in Philadelphia nahm von diesem Steckbriefe Notiz und dergestalt kam er zu Hirt's Kenntniß. Tags darauf dampfte er schon nach Europa zurück, um sich der fürstlichen Justiz freiwillig zur Verfügung zu stellen. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich durch die Residenz die Kunde, der vermeintliche Ausreißer habe sich freiwillig gestellt! Die Hofgarderobe-Verwalterin
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aber riß nun selber aus und in einem Landstädtchen starb sie schon wenige Tage darauf. Allerdings war die Person schon zuvor kränklich gewesen, aber keinem Zweifel kann es unterliegen, daß der Schrecken über die ganz und gar unverhoffte Rückkehr des so grob verleumdeten Künstlers ihr den Garaus gemacht hatte. Rühmenswerth bleibt, diesen von so hoher Hand angezettelten Intriguen gegenüber, die strenge Pflichttreue und unnahbare Gewissenhaftigkeit des fürstlichen Justizpersonals. Nach genauester Untersuchung erfolgte auch diesmal der ehrenrettende Freispruch für den so schwer geprüften Künstler.
Doch damit gaben sich die Rachegelüste eines erlauchten Frauenherzens noch lange nicht zufrieden. Eine Anklage reihte sich an die andere: ein Finanzbeamter, ein Gendarm, obscure Künstler und sonstige Leute beschuldigten den Bildhauer aller erdenklichen Verbrechen - u. a. auch der Knabenliebe. Siebenmal ging das Gericht in eine Untersuchung ein und siebenmal wurde die vollkommene Schuldlosigkeit des ruhelos gehetzten Mannes festgestellt. Neuerdings verließ er den ihm so verbitterten deutschen Boden und ging nach Rom.
Etwa ein halbes Jahr mochte er, bis dahin unbehelligt, in der ewigen Stadt weilen, als er eines schönen Maimorgens im »Café greco«, wo er zu frühstücken pflegte, verhaftet und dem päpstlichen Militärgericht zur Untersuchung überliefert wurde, denn - wie er zu seiner nicht geringen Verwunderung vernahm - er war beschuldigt, ein Agent Garibaldi's zu sein und als solcher päpstliche Soldaten zur Desertion verleitet zu haben. Der Anzeiger in diesem
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Falle war ein Deutscher, ein Unterthan der Fürstin Eleonore - ein notorischer Vagabund, der zuletzt dem heiligen Vater seine schmutzige Haut verkauft hatte und jetzt bei den Schlüsselsoldaten als Corporal diente.
Nach siebzehntägiger schwerer Haft ward der Bildhauer als durchaus schuldlos entlassen und an seiner Stelle wanderte wegen wissentlich falscher Denunciation der Corporal auf fünf Monate nach dem Bagno von Termini. Von hier aus schrieb der Züchtling an Hirt einen Brief, worin er den Bildhauer Haupt - der vor einigen Wochen in Rom angekommen war und dessen wir uns noch erinnern von jenem Ministerialerlaß her, der den fürstlichen Aemtern die von Haupt modellirten Büsten des neuen Herrscherpaares so zu sagen zur zwangsweisen Beschaffung anempfohlen hatte - als den Urheber seines jetzigen Unglücks bezeichnete, denn Haupt hätte ihn (den Corporal) durch Bestechen und Versprechen zur Denunciation wider den ihm total unbekannten Hirt verleitet!! Diesem merkwürdigen Brief folgte in den nächsten Tagen ein zweiter, der den Hergang der Sache in allen Details schilderte.
Hirt überreichte diese Briefe dem Tribunal; ein Untersuchungsrichter begab sich nach dem Bagno von Termini und verhörte den Corporal, dessen Aussagen unverkennbar den Stempel der Wahrheit trugen, auch mit den Angaben weiter vernommener Zeugen durchaus übereinstimmten. Demzufolge verfügte das Tribunal die Verhaftung des Bildhauers Haupt. Nun aber lief der diplomatische Vertreter des Ländchens, dem durch die Gnade Gottes die Fürstin Eleonore als Landesmutter bescheert worden war,
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von Pontius zu Pilatus, um Haupt's Freilassung zu erwirken; mit allen Mitteln und auf allen Wegen ward bei den in Rom lebenden Deutschen eine Adresse an den beim heiligen Stuhl accreditirten preußischen Gesandten - als den geeignetsten Repräsentanten des damals noch ungeborenen deutschen Reiches - zusammengetrommelt, die denn auch zur Folge hatte, daß der gedrängelte Preuße wenigstens die provisorische Freilassung Haupt's durchsetzte.
Dafür wurde aber einige Tage darauf Hirt von dem Polizeidirektor Marchese Capranica in Haft gebracht - infolge eines Steckbriefes aus Trier, worin Hirt beschuldigt war, »einen Landrath beleidigt zu haben!« Die römische Polizei wollte den Malefikanten kurzweg an Preußen ausliefern, die dortige Regierung dankte aber für diese Gefälligkeit und der preußische Justizminister nahm sogar Veranlassung, den so plötzlich und geheimnißvoll aufgetauchten Steckbrief officiell zu desavouiren ...
Bald darauf, im Dezember, erscheint bei dem mittlerweile wieder freigegebenen Hirt ein Soldat der päpstlichen Artillerie; der Mann, ein Deutscher, nannte sich Heß und erklärte, er habe hochwichtige Geheimnisse bezüglich des Complottes des Bildhauers Haupt mit dem Corporal zu enthüllen. Der mißtrauisch gewordene Hirt lehnte jedoch jede Enthüllung ab und wies dem Kanonier kurz die Thür.
Am 21. Jan. in aller Frühe empfing er folgenden Brief:
               Herr Hirt!
Ich muß Sie benachrichtigen, daß unser schlauer General möcht' Sie in's Unglück bringen durch den Kanonier
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Heß. Der Heß war gestern Abend noch spät in der Cantine (Kasernenschenke) auf'm Fort. In seinem Rausch hat er Alles babbelt (ausgeplaudert). Er soll in einem Prozeß Zeuge sein, der General Zappi hat ihm geheißen, er soll nix zeugen, sonst käm' sein bester Freund in's Pech. Sie haben verabredet, daß der Heß heut' Morgen mit ein falschen Vorladschein zu Ihnen gehe, er soll glauben machen, daß er als Zeuge verhört werden mußt. Der Heß verlangt von Ihnen für gefälligst, daß Sie ihm ein Rock, Hos und West' leihen für sein Freund, ein Schuster, der in eine Audienz zum Cardinal Merode gehen soll. Er hat eine Empfehlungskart', die er Ihnen zeigt, Alles ist falsch, die Kart' ist vom General geschrieben,[.] Die Vorladung ist vom Sergeant-Major geschrieben. Wenn Sie so ein Vieh wären und geben ihm die Kleider, gänge Sie in die Galeere. Das möcht' ja der Schuft Zappi. Gehen Sie gleich zum Kanzler, der Saukerl darf nit mehr General sein, das ist ja eine helle Affenschand'. Der Heß ist mit zwölf Napoleonsd'or geschmiert, um den Schlechten zu machen. Der Herr, von dem er das Geld gekriegt hat, wohnt bei der Post. Heß hat gestern gesagt, daß er bezeuge, er habe zwei Napoleon von Ihnen erhalten. Fünf Spion' sind bereit, Sie zu verhaften, wenn der Heß die Kleider bekommen hat. Der General hat zum Schein den Heß schon Sonntag zu sich kommen lassen, für ein falschen Rapport zu machen. Heß hat Briefe, die Ihnen gestohlen worden sind. Ihr Hausherr spielt auch den Schlechten.
Fort San Angelo, 21. Januar 18**
       Morgens sechs Uhr.
                       C. Bernhard Ney.
               Kanonier aus München.
Nachschrift: Heß sagt, der Corporal, der im Bagno zu Termini sitzt, sei unterrichtet, sein Zeugniß zurückzunehmen. Der General Zappi war bei ihm in Termini. Lassen Sie nur den Zeugen Carl Wiesner vorladen, der weiß Alles und kann Alles erklären.
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Man kann sich leicht den Eindruck vergegenwärtigen, den dieses unorthographische, aber desto inhaltsschwerere Schreiben auf den armen, so grausam verfolgten Künstler machte. Wenn er bisher sich manchmal hatte fragen wollen, ob denn auch wirklich die Denunciation des Corporals und der mysteriöse Steckbrief aus Trier derselben Hand ihren Ursprung verdankten, deren verborgener Wink ihn damals in den Schreckenskerker von Tula geworfen und seitdem mit einem wahren Hagel von Criminalklagen überschüttet hatte ... die Kunde von dem neuen satanischen Attentat, daß sich gegen seine Freiheit und Ehre vorbereitete, mußte ihm jetzt den allerletzten Zweifel benehmen. Und das ließ sich jetzt schon erkennen: das heranziehende Gewitter war furchtbarer, als all die anderen, die sich bisher über seinem Haupte entladen hatten! Dafür bürgte der Name des General Zappi, der jetzt dem bedrohten Künstler als das erkaufte Werkzeug fürstlicher Weiberrache in den Weg trat. Unter all' den höheren Offizieren der Schlüsselarmee (die doch so wie so sich nicht des besten Leumundes zu erfreuen hatten) war keiner berüchtigter als gerade dieser General Marchese Johann Baptist Zappi, Brigadier und Platzcommandant von Rom. Wegen seines grausamen und launischen Despotismus war er - wie wir dies aus den ungeschminkten Kraftausdrücken in dem Schreiben des Kanoniers Ney entnehmen können - von den Soldaten bitter gehaßt, das Bürgerthum verachtete ihn wegen seines pöbelhaften Benehmens. Der Volkswitz in ganz Italien hatte sich eines Ausspruches bemächtigt, den Zappi im
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Jahre 1860 gethan haben sollte und dem er seitdem als Eisenfresser eine gewisse, wenn auch lächerliche Berühmtheit verdankte. Er soll sich nämlich damals hoch und theuer verschworen haben, er würde »mit der Reitpeitsche die Romagna von den Piemontesen säubern.« Aus Vorsicht vermuthlich, damit er diese furchtbare Drohung nicht verwirklichen könne, ließ sich unser Bramarbas später von den Piemontesen in einem bombenfesten Weinkeller der Citadelle von Pesaro abfangen, den er stramm bis auf die allerletzte Flasche »vertheidigt« hatte. Die piemontesischen Offiziere aber übersandten ihm am folgenden Tage eine Pracht-Reitpeitsche mit vergoldetem Knopfe. - - Das also war der saubere »General«, der den Kanonier Heß zu Hirt schicken wollte, damit dieser in den Verdacht der Desertionsverleitung gebracht werden könne.
Wer aber war der »Herr«, der - wie der Kanonier schrieb - mit zwölf Napoleonsd'or sich an dem schmutzigen Geschäft betheiligt hatte und »bei der Post« wohnen sollte?
Halt! Neben dem Ober-Postamt wohnte ... der diplomatische Vertreter des Landes, in dem jetzt die Fürstin Eleonore als wohlbestallte Landesmutter conditionirte -
Kaum hatte der aufgeregte Künstler Zeit und Besinnung gefunden, sich das Alles klar zu machen, als auch schon die Thür aufging. Herein trat - der Kanonier Heß. Ohne den Judas zu Wort kommen zu lassen, drängte ihn Hirt mit derbem Ruck über die Schwelle zurück: im selben Moment aber stürzten sich auch schon fünf Sbirren (päpstliche Polizeidiener) auf den Bildhauer, packten ihn trotz all' seines Protestirens mit ihren herkulischen Fäusten
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fest, schlossen ihm mit einer starken Stahlkette die Hände auf den Rücken, nieteten ihm an die Beine wuchtige »Springer« und schleppten ihn so barhäuptig, nur halb bekleidet, durch die ganze Stadt nach der Engelsburg. Dort empfing ihn ein Kerkerknecht, der ihm zunächst die Taschen leerte und ihn dann Trepp' auf, Trepp' ab nach einem grausigen Kellerarrest brachte. Es war ein dreieckiges, niederes Loch, worin sich kaum ein Schritt thun ließ und worin fast ewige Nacht herrschte.
Eine Schütte halb verfaulten Strohs, in dem die Ratten quieckend herumraschelten, bildete das Lager des Gefangenen, ein Krug voll abgestandenen Wassers und eine Schnitte Schwarzbrodt, die ihm täglich hineingereicht wurden, waren seine einzige Nahrung. Eine entsetzliche mephetische Lust schwängerte das enge, dunkle Verließ, das außer den Ratten, diesen langgeschwänzten Plagegeistern, noch eine ganze Unzahl jenes ekelhaften kriechenden und springenden Gewürmes und Geziefers beherbergte, das in dem südlichen Boden so üppig gedeiht ...
Tag um Tag verstrich, es wurden Wochen daraus, die sich zu Monden aneinanderreihten. Umsonst klagte der Gefangene in herzzerreißenden Tönen seinem Wärter sein grenzenloses Leid: der abgestumpfte Sklave einer erbarmungslosen Disciplin blieb so kalt und stumm wie die Kerkermauern und außer ihm erblickte der Dulder keinen andern Menschen. Die einzige Gnade, die der finstere Alte seinem Pflegebefohlenen gewährte, war ein dünner Stock, womit Hirt sich der quälenden Ratten einigermaßen erwehren konnte. Gelang es ihm, eine der unsauberen
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Creaturen zu tödten, so war sie schon nach wenigen Minuten von ihren Stammesgenossen mit Haut und Haar aufgefressen.
Welche Feder könnte diese Tage und Nächte in ihrem namenlosen Grauen schildern!! Kein Untersuchungsrichter ließ sich den Gefangenen vorführen - kein Arzt sah nach seinem leiblichen - kein Priester nach seinem seelischen Zustande: er war nicht eingekerkert, nein, er war lebendig begraben. Mehr und mehr wich seine anfänglich fieberhafte Spannung einer dumpfen und stumpfen Apathie, eiternde Wunden bedeckten seinen zum Skelett abgemagerten Leib, den ein zeitweises Blutspeien nur noch mehr erschöpfte ...
Da, eines Tages, öffnet sich zu ungewohnter Stunde kreischend die Eisenpforte! Zwei Kerkerknechte treten ein, greifen, ohne ein Wort zu reden, dem halbgelähmten Dulder stützend unter die Arme und schleppen ihn über Treppen und Corridore in eine Zelle über der Erde.
Ein scheibenloses Gitterfenster reichte nahe an den Boden der ziemlich geräumigen Zelle und gewährte den Ausblick in einen großen schönen Garten, den der nahende Lenz mit seinen ersten Knospen schmückte.
Mit thränendunkeln Augen preßte der Unglückliche seine Stirn an die Eisenstäbe des Gitters, um die, ach! so lange - so lange entbehrte balsamische Luft einzuathmen. Doch nicht lange sollte ihm dieser Genuß unvergällt gestattet sein, denn mit einem Mal hörte er draußen im Garten Stimmen reden und im nächsten Moment zeigte sich vor dem Gitter der General Zappi!
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Er war in voller Uniform, an seinem Arm tänzelte die dem Gefangenen wohlbekannte Baronesse Emma von Lindenthal - eine Hofdame und Vertraute der Fürstin Eleonore! Beide postirten sich vor das Gitterfenster und beguckten sich per Pincenez und Lorgnon die Jammergestalt, die bleich und matt an der Wand lehnte. So entkräftet und abgestumpft der Gefangene auch sein mochte die vier frechen Augen, die sich an seinem Leidensbild ergötzten, wie an den Capriolen eines Affen, reizten den Armen nach und nach zu einem Ausbruch von Raserei und mit rollenden Augen und geballten Fäusten schleuderte er aus heiserer Kehle seinen Verderbern Flüche und Verwünschungen entgegen.
Der biedere Kriegsmann und seine Begleiterin wollten sich darob vor Lachen ausschütten. Endlich mochten sich die Herrschaften sattsam amüsirt haben, mit einer spöttischen Verbeugung verschwanden sie und gleich darauf traten die zwei Kerkerknechte in die Zelle, um den halbtodten Märtyrer - - in sein altes Rattennest zurückzuschleppen. Er war also nur zu einer bequemen Revue in jene Zelle gebracht worden ...
Wieder vergingen Wochen, die die Phantasie des Lesers sich ausmalen mag, als die Kerkerpforte sich abermals erschloß. Diesmal erschien ein freundlicher, älterer Herr - um es gleich zu sagen: ein Arzt, der im amtlichen Auftrag die Kerkerzellen der Engelsburg12 visitirte. Der wackere Mann schauderte, als er vor sich ein zuckendes Gerippe
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liegen sah; er ging nicht von der Stelle, bis der Unglückliche in das Gefängniß-Hospital gebracht war.
O, unsagbare Wonne und Seligkeit! Nach Monden lag der Dulder in einem sauberen Bette, zum ersten Mal wieder schlürfte er eine warme Suppe. Er glaubte, vor Dank all das überstandene Weh vergessen zu müssen. Doch es war nur ein trügerisches Glück! Schon nach wenigen Tagen riß man ihn wieder aus seinem Bette, steckte ihn in Züchtlingskleider und warf ihn in die Detentionszelle der zum Tod verurtheilten Armsünder. Hier theilte er die Gesellschaft des berüchtigten Brigantenhäuptlings Viola der für sechsunddreißig Mordthaten büßen sollte, und noch zweier anderer Galgencandidaten aus Subiacco.
Immerhin aber durfte er sich noch glücklich preisen, denn er war doch wenigstens unter Menschen, denen er sein namenloses Leid klagen konnte. Und bald sollte er auch gewahr werden, daß diese verworfenen, dem Henkertod geweihten Verbrecher sich mitten in ihrem blutigen Handwerk ein Gefühl von Erbarmen reservirt hatten, das sie, die Mörder und Räuber, himmelhoch über eine Fürstin von Gottes Gnaden erhob ...
Am folgenden Morgen erschien in der Armsünderzelle ein Mönch, um einem der drei Todescandidaten die letzte Beichte abzunehmen.
»Ehrwürdiger Vater,« meinte mit philosophischer Ruhe der Delinquent: »was soll ich Euch mit meinem Sündenbekenntniß langweilen? Ihr könnt ja viel besser aus den Gerichtsakten ersehen, was Alles ich auf dem Kerbholze habe und wenn Ihr dann ein Gebet für das Heil meiner
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armen Seele thun wollt, so soll's mir recht sein.« Er deutete nach seinem deutschen Zellenkameraden. »Seht, ehrwürdiger Vater, dort ist ein armer Teufel, der Euern Trost und Beistand nöthiger brauchen kann, wie ich.«
In kurzen Worten berichtete der Bandit, was ihm der Künstler geklagt hatte. Kopfschüttelnd hörte der Mönch zu, dann wandte er sich an den Deutschen, um sich aus dessen eigenem Munde den Bericht bestätigen zu lassen.
Noch am gleichen Tage trat der Sachverwalter Hirt's den Gang nach dem Galgen an. Mit einem kräftigen Händedruck verabschiedete sich der Armsünder - ein schöner, herkulisch gebauter Mann von kaum dreißig Jahren - von seinen beiden Schicksalsgenossen, die ihm bald nachfolgen sollten, dann von dem Deutschen, zu dem er tröstend sagte: »Faßt Muth, lieber Freund, der Pater Cyrillo ist ein braver Kerl, der für Euch das Möglichste thun wird.« Und mit diesem Gedanken an die Wohlfahrt eines Andern, eines Fremdlings, ging der Mörder in den Tod. Vielleicht hat seine Seele, als sie zwischen der Hanfschlinge des Henkers hindurchschlüpfte, doch noch ein bescheidenes Winkelchen im Himmel gefunden ...
Und der Trostspruch des Banditen war kein leeres Wort gewesen, denn wirklich that der brave Pater sein Möglichstes. Ungesäumt setzte er das Tribunal in Kenntniß und der Präsident beauftragte den wegen seiner Pflichttreue und Unparteilichkeit in ganz Rom beliebten Richter Ciardoni mit der Untersuchung dieses himmelschreienden Falles.
Gleich nach dem ersten Verhör verfügte Ciardoni die provisorische Demission des Inhaftirten. Am 13. Mai - also nach einer Einkerkerung von hundertundzwölf Tagen, die weniger nach der Zeit, als nach ihrer grauenvollen Qual bemessen werden müssen! - wankte, gebrochen an Leib und Seele, der Dulder aus dem Höllenthor der Engelsburg. Das Tribunal, das die Freilassung des Künstlers bestätigte, leitete nun gegen den General Zappi die Untersuchung »wegen Menschenraubes« ein. Vergebens bot der Elende seine ganze Protektion auf, um den schwebenden Prozeß zu hintertreiben, denn das bleiche Leidensbild des Deutschen zeugte ja am besten für die erlittene Pein. Wenn General Zappi sich und seine Stellung retten wollte, so blieben ihm nur noch zwei Auswege: er mußte den Versuch machen, den Prozeß von dem Civilforum auf das des Militärgerichts hinüberzuspielen, denn hier lag ja der Ausgang in seinen Händen. Die zweite Aufgabe war, das Opfer seiner Bestialität im richtigen Moment mundtodt zu machen.
Wegen des ersteren Punktes erhob sich zwischen den beiden competirenden Gerichten ein weitläufiger Streit, das Civiltribunal ließ sich nicht in's Bockshorn jagen und machte in energischster Weise seine Rechtsbefugniß geltend. Die bedrohliche Situation ließ den General nicht länger mehr mit dem zweiten Gewaltakt zögern. Am hell lichten Tag und auf belebter Straße ward der Künstler von Domenico Zauli, einem in Rom wohlbekannten Bravo, angerempelt und dadurch zu einem Wortwechsel provocirt, der damit endete, daß der Bandit sein ihm überwiesenes
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Opfer mit einem Knittel zu Boden schlug und mit drei Dolchstichen in der Herzgegend verwundete.
Zweifellos hätte der Meuchelmörder dem Unglücklichen den Rest gegeben, wenn nicht noch zeitig ein paar Soldaten herbeigeeilt wären, bei deren Annäherung der Blutmensch die Flucht ergriff. Bewußtlos ward der Gemeuchelte in das Spital geschafft, das er, zwischen Tod und Leben schwebend, erst nach Wochen als genesen verlassen konnte. Kaum in seine Wohnung zurückgekehrt, erwartete ihn eine unheimliche, neues Uebel kündende Entdeckung: in der unmittelbar über seiner Wohnung belegenen Etage hatte sich nämlich mittlerweile Niemand anderes eingemiethet, als - die Baronesse Lindenthal, die Hofdame der Fürstin Eleonore! -
Das Mordattentat Domenico Zauli's blieb ungesühnt, denn der Bandit war seitdem spurlos verschwunden und wenn auch ganz Rom mit dem Finger auf den General Zappi, als den eigentlichen Urheber der Blutthat, deutete, so bot dieser Verdacht doch noch keinen Haltpunkt zu weiterm Eingreifen. Der wider Zappi eingeleitete Prozeß »wegen Menschenraubes« schritt dagegen unter der Ohhut des wackern und unbeugsamen Richters Ciardoni langsam, aber stetig bei dem Tribunal fort; immer enger und enger zog die Justiz um den Menschenräuber ihren erdrückenden Ring, alle Lügen und erkauften Advokatenkünste konnten, den klaren und bestimmten Aussagen Hirt's gegenüber, dem Schänder des militärischen Ehrenkleides nicht mehr helfen ... da, gerade am Tage einer neuen Gerichts-Citation, erkrankte der so vielgeprüfte Künstler abermals
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und zwar unter allen Symptomen einer Vergiftung. Wie der Generalarzt Doktor Branco constatirte, war Hirt in der That das Opfer einer starken Quecksilbervergiftung. Die nähere gerichtliche Untersuchung, die wiederum der vortreffliche Ciardoni leitete, ergab, daß in Hirt's Zuckerdose von verbrecherischer Hand ein Quecksilberpräparat gemischt worden war. Anfänglich war von einigen Hausgenossen die Aussage gemacht worden, sie hätten die Baronesse Lindenthal - jedenfalls mit falschen Schlüsseln - in die Wohnung des Bildhauers schleichen sehen; mit einem Mal aber hatten sich die guten Leute eines anderen besonnen, nun wollten sie gar nichts gesehen haben und die Baronesse selber, von dem Untersuchungsrichter in diskreter Weise interpellirt, warf mit dem majestätischen Air einer olympischen Göttin den blonden Lockenkopf zurück und meinte, sie könne in diesem Falle nichts thun, als - lachen. Und munter zeigte sie denn auch dem Repräsentanten der Themis ihre weißen Perlenzähne ...
Um es kurz zu sagen: ganz wie jenes Mordattentat, verlief auch diese Vergiftungsgeschichte im Sande, das in die Zuckerdose gelegte Kukuksei war und blieb ein Räthsel und der nur durch ein Wunder abermals dem Tod entronnene Unglückliche konnte nichts thun, als sein Bündel schnüren, um wenigstens aus dem gespenstischen Hause wegzukommen, unter dessen Dach sich die lachende Baronesse eingenistet hatte.
Inzwischen war der leidensreiche Dulder zu einem vollständigen und voraussichtlich auch unheilbaren Krüppel geworden, der sich nur noch auf Krücken mühsam
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fortbewegen konnte! Sein Gesicht und sein ganzer Leib waren mit Narben und Pusteln bedeckt: der einst so blühende Jüngling und Mann war zu einem gräßlichen Zerrbild der Menschheit geworden. Mittellos stand er auf dem Pflaster der ewigen Stadt und dem Hungertode wär' er verfallen, wenn nicht barmherzige Landsleute eine Collekte veranstaltet hätten, die wenigstens seine nächste Existenz sicher stellte. Und so saß er eines Tages in seinem Stübchen am Fenster und ließ vor seinen müden, gramverdunkelten Augen die Erinnerungen eines mit diabolischer Erbarmungslosigkeit zerstörten Lebens vorüberziehen. Aus dem hochbegabten, göttliche Ideale verfolgenden Kunstjünger war nun ein elender Krüppel geworden, der von Almosen sein armseliges Dasein fristete. Von seinem brennenden Seelenschmerz übermannt, stützte der Dulder die Stirn in die zitternde Hand und begann bitterlich zu weinen. Mit einem Mal war es, als müsse er einem magischen Bann gehorchen und langsam hob er seinen thränenumflorten Blick.
Und siehe! War es wüster Traum oder schreckensvolle Wirklichkeit??
Gerade in dem Hause gegenüber stand hinter einem Fenster eine hohe, dunkelgekleidete Frauengestalt, regungslos, wie aus schwarzem Marmor gemeißelt. Nur die meerblauen Augen lebten - im zuckenden Blitz eines dämonischen Triumphes. Und nicht länger wie das blendende, unheimliche Aufleuchten eines Wetterstrahles zeigte sich die Vision dort an jenem Fenster ... dann rauschten die Vorhänge wieder zusammen ...
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O, fürstliches Weib, Rachegöttin im Hermelin - du durftest triumphiren, dein finsterer Schwur war erfüllt! Dort der Krüppel war dein Opfer!!


Und jetzt noch das Finale dieses gespenstigen Drama's.
Der Prozeß gegen den Menschenräuber und Menschenquäler Zappi - Du möchtest wohl den Ausgang wissen, lieber Leser?
Ja, es giebt keinen Ausgang, wenigstens keinen solchen, wie Du ihn erwarten möchtest. Der Prozeß ist auf Einmal sanft und selig eingeschlafen und selbst der brave Richter Ciardoni konnte ihn nicht wieder wach rütteln. Von woher das Narcotikum so plötzlich gekommen ist?
Ja, das ist auch so eine Frage! Vielleicht von jenem Fenster her, hinter dem wir wie im Aufleuchten eines Blitzes die »Rachegöttin im Hermelin« gesehen haben. Eines aber bleibt keine Frage! Gleich nach jener Incognito-Visite der Hermelindame dampfte der biedere Kriegsmann Zappi - natürlich in tiefstes »Civil« gekleidet - nach Neapel, um dort bei dem Bankhaus Levi eine Tratte von Vierzigtausend Francs einzukassiren.
Und damit: Ende gut, Alles gut ...
Hier bricht die Hof- und Künstlergeschichte ab, die wir, zum klarern Verständniß des Lesers, ihrer Gesprächsform, wie sie zwischen dem Abbé Calvati und seinem vielwissenden Gaste hin- und herging, entkleidet, im Uebrigen aber wahrheitsgetreu berichtet haben.


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Der Abbé, der gespannt seinem Gaste gefolgt war, hauchte aus seiner Cigarette eine zierliche Ringelguirlande vor sich hin. Ein ungewohnter Ernst lag auf seinem sonst so kaltironischen Gesichte, als er sagte:
»Wir sind unter uns und sprechen mit aufgeknöpftem Rock - hören Sie, lieber Griscelli, im heiligen Rom ist doch sehr Vieles möglich!«
[Absatz] Gleichmüthig zuckte der Gast die Achsel. »In Rom, Abbate, ist Alles möglich, wenn man Zweierlei besitzt: Geld, oder einen Titel - noch besser Beides zusammen.«
»Ganz wie in Rußland, das ja auch heilig sein will,« lachte der Abbé schon wieder in seiner sardonischen Manier.
Griscelli nickte. »Was geht's eigentlich mich an, Abbate? Ich diene dem Cardinal Antonelli, er bezahlt mich und damit basta.«
»Seine Geheimpolizei dürfte wohl zu den bestorganisirten Instituten dieser Art gehören,« warf der Jesuit hin. -
Ein flüchtiges, spöttisches Lächeln enthüllte das starke, weiße Wolfsgebitz Griscelli's, gleich darauf entgegnete er ruhig: »Seitdem die italienische Einheitspartei auch in Rom Wurzel gefaßt hat, mangelt es uns nicht an Arbeit. Die päpstliche geheime Polizei ist die Contreguerilla gegen diese liberalen Sprudelköpfe, die, wie sie sagen, dem heiligen Vater nichts übrig lassen wollen, als den Vatikan und einen Gemüsegarten.«
Der Jesuit lachte herzlich auf, dann griff er nach einem auf dem Kaminsims liegenden Zeitungsblatte, in dem verschiedene Stellen blau und roth angestrichen waren.
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Mit dem Finger auf eine dieser Stellen deutend, sagte er: »Auch in den auswärtigen Journalen wird jetzt weidlich die Lärmtrommel gerührt, um die Sturmbataillone gegen den heiligen Vater zu sammeln und ihm in möglichster Kürze zu dem bewußten Gemüsegarten zu verhelfen. Gerade die päpstliche Geheimpolizei muß der Firma Mazzini, Garibaldi & Co. ein ganz besonderer Stein des Anstoßes sein, denn schon seit einiger Zeit finde ich in der liberalen Presse des Auslandes Correspondenzen aus Rom, die, in Gift und Galle getaucht, die haarsträubendsten Schilderungen vom Thun und Treiben der päpstlichen Polizei bringen.«
Ein trockenes Lächeln flog über das gelbe Gesicht Griscelli's. Nach dem Zeitungsblatte hinüberweisend, sagte er: »Bitte, Abbate, lassen Sie mich einmal den Gallapfel da schmecken, Sie wissen, als Mann vom Fach kann es mich interessiren, was man über uns Sündenböcke von der Polizei denkt und schreibt.«
Der Abbé las: »Nieder mit der Geheimpolizei des Vatikans, die selbst noch in den engsten Familienkreis den Keim giftigen Mißtrauens pflanzt. Die Spionage hüllt sich nicht blos in das geistliche Gewand, sondern verbirgt sich auch hinter der Blutsfreundschaft. Der Spion hat einen Freibrief ...«
»Ma bene,« schaltete Griscelli gleichmüthig ein: »was soll der arme Teufel anfangen, wenn er diesen Freibrief nicht in der Tasche hat!«
»Die Zeiten Gregor's mit ihrer Despotie,« las der Abbé weiter: »erscheinen jetzt den Römern als ein Zustand paradiesischer Unschuld. Die Gesandten und die Consulen
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der fremden Mächte nehmen in der ewigen Stadt eine Stellung ein, wie vordem in den nordafrikamschen Raubstaaten; sie thun das Möglichste, um ihre Landsleute aus den Klauen der jesuitisch geleiteten Geheimpolizei zu retten, dennoch aber liegen nicht selten Fremde wochenlang unverhört und sehr oft unschuldig, aus Privathaß denuncirt, mit den gemeinsten Verbrechern in einem und demselben Kerkerloch.«
Der Abbé blickte von dem Blatte auf; sein Gast nickte leicht mit dem Kopfe.
»Lieber Abbate,« bemerkte er gleichmüthig: »der Mann hat keineswegs übertrieben - er hat sogar das Beste verschwiegen, allerdings aus dem einfachen Grunde, weil er es nicht weiß.« Mit einem ironischen Blick fixirte Griscelli für einen Moment den Jesuiten. »Ich selber, Abbate,« sprach er weiter: »habe zu Rom, als ich in die Dienste Antonelli's und seiner Geheimpolizei trat, noch Manches lernen müssen, was mir weder bei Louis Napoleon noch bei Cavour in der Praxis vorgekommen ist. Was meinen Sie, Abbate, mit wie viel Goldstücken pro Zeile die liberale Presse die Correspondenzen honoriren würde, die ihr ein römischer Geheimpolizist schreiben könnte?!« Er lachte unheimlich auf. »Zum Beispiel so eine Piquanterie wie die da: kurz, nachdem ich meinen neuen Dienst bei dem Cardinal angetreten hatte, controlirte ich eines Tages die Zellenregister der Carceri nuovi, die damals mit politisch Verdächtigen und Verurtheilten vom Keller bis zum Dach hinauf vollgepfropft waren. In der Wachtstube bemerkte ich eine junge bildschöne Dame mit einem
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Körbchen voll Confekt und Früchten, dazwischen lugte der Hals einer Weinflasche hervor. Ich befragte einen der Schließer, was die Dame mit ihrem Körbchen da wolle. Der Mann verzog sein Gesicht zu einem lustigen Grinsen, dann tuschelte er mir zu, die Dame erscheine täglich, um ihrem eingekerkerten, kränklichen Vater eine Erquickung zu bringen. Auf weiteres Befragen nannte mir der Schließer den Namen des Gefangenen. Erstaunt bemerkte ich ihm, daß ich einen derartigen Namen in dem Register gar nicht gefunden hätte.
›Glaub's gern, Signor,‹ lachte der Schließer: ›daß Sie den Namen nicht gefunden haben! Noch schwerer sollt' es Ihnen werden, wenn Sie den Gefangenen selber suchen wollten.‹
»Der Mann war wohl aus seiner Haft entflohen?« warf der Abbé ein, indem er seinen Gast fragend anblickte.
Griscelli machte eine kleine Pause, dann antwortete er ruhig: »Nein, Abbate, der Alte, den man als glühenden Schwärmer für ein einiges und freies Italien hinter Schloß und Riegel gebracht hatte, war nicht entflohen, sondern er war ohne jeden weitern Prozeß bei Nacht und Nebel in seiner Zelle erdrosselt worden.«
»Und die Tochter mit ihrem Körbchen?« Der Jesuit frug's in Ton und Miene einer unwillkürlichen Rührung.
»Die Tochter mit ihrem Körbchen?« gegenfrug Griscelli und auch seine ehernen Gesichtszüge waren für einen Moment weicher geworden: Cos[s]petto! Das arme Ding kam bei Regen und Sonnenschein Tag um Tag herbeigetrippelt, ohne auch nur zu ahnen, daß seinem alten
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Vater schon seit drei Jahren durch den Henker der Kragen umgedreht worden war.«
Der Abbé hatte sich in ein tiefes Sinnen verloren, aus dem er ordentlich aufschrak, als der Andere seine Schulter berührte.
»Abbate,« sagte der Gast und hielt seine Taschenuhr hin: »ich habe keine Sekunde mehr zu verlieren, wenn ich den Dampfer noch rechtzeitig erreichen will ... Sie begleiten mich wohl zum Hafen? Unterwegs können wir noch über dies und jenes sprechen.«
Der Priester machte eine zustimmende Bewegung und griff nach Hut und Mantel. Von seinem Gaste unbemerkt, ließ er noch flink ein Stilet in seine Rocktasche gleiten. Dann wanderten Beide dem Hafen entgegen. -
Griscelli wird uns noch öfters begegnen, in der einen oder anderen Rolle, und so mag es als eine Pflicht erscheinen, wenn wir diese Zwischenpause benutzen, um den Leser mit der Lebensgeschichte dieser merkwürdigen, keineswegs der Dichterphantasie entsprungenen Figur näher bekannt zu machen. Ein Roman im Roman!


Jacopo Francesco Griscelli - corsikanischer Ziegenhirt, halbwild aufgewachsen in der Bergeinsamkeit seiner heimathlichen Insel, dann in aufsteigender Reihenfolge französischer Soldat, Unteroffizier, Fechtmeister, »Sitzredakteur« eines Lyoner Oppositionsblattes, Zuchthäusler wegen Bigamie, Schlepper beim Staatsstreich-Bauernfang am 2. Dezember, Mouchard bei der Pariser Polizeipräfektur
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und in weiterm Avancement specieller Leib-Spitzel des Kaisers Louis Napoleon ... Das sind so ungefähr die Capitelüberschriften für den ersten Theil dieses tollen Lebensromanes. Der zweite Theil entrollt eine wo möglich noch buntere Musterkarte. In Folge des Orsini-Attentates hat der Polizeipräfekt Pietri Knall und Fall seine Demission erhalten und gleichzeitig scheidet auch Griscelli aus dem kaiserlichen Geheimdienst. Ob freiwillig oder gezwungen - das bleibt eine offene Frage. Später hat er sich über diesen Punkt kurz dahin geäußert: »Pietri war Corsikaner wie ich, dazu war er noch mein Wohlthäter und Freund, ich mußte ihm also folgen.«
Durch diesen seinen »Wohlthäter und Freund« mit den besten Referenzen und Zeugnissen versehen, wendet sich Griscelli zunächst nach Turin und hier begegnete er uns bald darauf im Dienste des Grafen Cavour, um als politischer Geheimagent des piemontesischen Ministers die Schritte und Tritte Rattazzi's, Brofferio's und Solar's zu überwachen, gelegentlich auch allerlei mehr oder minder heikele Missionen zu Genua, Florenz, Bologna. Modena, Verona und Rom zu erledigen. Von Rom aus wendet sich der einstige corsische Ziegentreiber nach Sicilien, um immer im Auftrage Cavour's, das Thun und Treiben Garibaldi's zu überwachen - dieses Mannes, der, wie Abbé Calvati ebenso witzig als treffend bemerkt hatte, in seiner Brust ein Löwenherz und auf seinen Schultern einen Eselskopf trug ... Von Palermo instradirt ein Wink Cavour's den Agenten nach Neapel, wo er sich bei
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der bourbonischen Königsfamilie Eingang verschafft und dann zur Berichterstattung nach Turin zurückkehrt.
Gleich darauf stirbt Cavour (6. Juni 1861). Griscelli war Zeuge des Todeskampfes; zu Füßen des scheidenden Staatsmannes stehend, verfolgt der Agent den Auflösungsproceß seines Herrn und Meisters, er hört, wie der gewaltige Geist mit den Schauern des Todes ringt und seine morsche Hülle nicht verlassen will, weil so viele Aufgaben ihn noch an das Leben, an den so heißgeliebten italienischen Boden fesseln. Leise schluchzend kniete vor dem Bette die Gräfin Alfieri, die Nichte und treue Pflegerin des sterbenen Patrioten, auf der andern Seite stand in stillem Gebet ein würdiger alter Mönch, Pater Jacob, der auf den ausdrücklichen Wunsch des Kranken herbeigekommen war, um ihn zum geheimnißvollen Gang in die Ewigkeit vorzubereiten. Mit einem Mal erschien ganz unerwartet in dem Sterbegemach der König Viktor Emanuel. Achtungsvoll wichen die Anwesenden in den Hintergrund des Zimmers zurück. Dem König tropften die hellen Thränen in den martialischen Schnurrbart, wortlos preßte er die fieberheiße Hand seines treuen Berathers, der mit einem geisterhaften Lächeln zu seinem königlichen Herrn emporblickte. »Sire,« murmelte er: »Norditalien ist fertig! Es giebt keine Lombarden, keine Piemontesen, keine Toskaner, keine Romagnolen mehr, wir sind alle Italiener!«
Schwermüthig nickte er vor sich hin. »Aber, Sire, es giebt leider noch Neapolitaner! O, in ihrem schönen Lande ist viel Corruption, aber es ist nicht ihr Fehler,
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die armen Kerle sind so miserabel regiert worden! Das ist der Schelm Ferdinand!« Seine bleiche Wange röthete sich, seine magere Hand ballte sich wie zu einem letzten Schlag. »Nein, nein, nein! eine solche Schandwirthschaft darf nicht restaurirt werden, das kann Gott nicht zulassen!« Erschöpft sank er in die Kissen zurück. Die heftige Aufregung schien ihm Schmerzen zu verursachen, aber auch der König vermochte sein eigenes Weh nicht länger mehr zu bemeistern. Wie in stummem Dank für all' die Dienste, die ihm dieser geniale Kopf geleistet hatte, legte er seine Hand auf die gedankenreiche Stirn des sterbenden Staatslenkers, noch einmal heftete er seinen thränenfeuchten Blick auf die irdische Hülle, die in der nächsten Spanne Zeit für immer erkalten sollte - - dann trat er leise zurück und verließ, sein Gesicht in die beiden Hände gedrückt, das Gemach. Der Sterbende hatte nichts davon bemerkt, er war in ein Delirium versunken und phantasirte leise vor sich hin. Die Anwesenden verstanden die einzelnen Sätze: »Mit Istrien und Tyrol ist's etwas Anderes, das bleibt für eine andere Generation übrig ... Wir haben genug gethan ... Der deutsche Bund zu Frankfurt am Main - diese Anomalie!... Er muß sich auflösen ... Die deutsche Einheit wird gegründet werden ... Aber das Haus Habsburg kann sich nicht modifiziren ...« Seine Lippen bewegten sich eine Weile wortlos; mit einem Mal begann er wieder in einer Art von nervöser Hast: »Was werden die Preußen thun? Sie sind so langsam, ihren Entschluß zu fassen ... Sie werden am Ende fünfzig
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Jahre dazu brauchen, um zu erreichen, was Wir in sechsunddreißig Monaten gemacht haben ...
Einige Minuten lag er still da, dann öffnete er plötzlich die Augen und ließ sie durch das Gemach irren. Sein Blick traf den alten Mönch und gleichzeitig schien der erlöschende Geist noch ein Mal aufzuflammen, denn mühsam murmelte er gegen seinen Beichtvater die letzten Worte hin:
»Frate, frate - - libera chiesa in libero stato!«13
Noch zwei schwache Bewegungen und ... die Seele flog, um mit Rabelais zu reden, dem »großen Vielleicht« entgegen.
Es war der 6. Juni 1861, Donnerstag Morgen gegen sieben Uhr.


Tiefe Trauer erfüllte Turin, Piemont, ganz Italien, wo ein italienisches Herz schlug. Die Städte, Männer und Frauen legten Trauergewänder an; d'Azeglio, im Leben der so eifersüchtige Gegner Cavour's, hatte für die Leiche die sorgenvollen Worte: »Ein Blitzstrahl hat uns getroffen, dessen Sinn und Tragweite noch gar nicht zu ermessen ist! Für ihn, den Todten, ist es vielleicht ein Glück: er durfte verschwinden, ehe er herabzusteigen brauchte. Für uns ist es eine schreckliche Prüfung und wir alle wollen über ihn weinen wie über einen Bruder.«
Auch der Cäsar in den Tuilerien hätte weinen dürfen, und neun Jahr später, am blutigen Gerichtstag von Sedan, mag in furchtbarer Klarheit der Gedanken an ihn herangetreten sein, was Alles ihm in dem piemontesischen
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Denker und Patrioten verloren gegangen war. Mit dem Tode Cavour's sollte ja Napoleon sichtlich mehr und mehr sinken, der ihn aufwärts leitende Genius war von ihm gewichen und er wurde wieder, was er vorher gewesen war - ein Abenteurer ...
Aber auch noch Einer durfte den Tod des Ministers als einen harten Schlag in's Comptoir empfinden: Griscelli. Hatte er ja einen Brodherrn verloren, der jeden Dienst seiner Spürhunde brillant zu lohnen pflegte! »Wenn ich - so äußerte er sich späterhin - von Persigny, Morny oder sonst einem der Herren des kaiserlichen Geheimkabinets zu irgend einem heikeln Gang beordert wurde, so war für die Herren nichts wichtiger, als die Frage, ob ich denn auch meinen Revolver und mein Stilet schuß- und stoßfertig zur Hand habe. Bei Cavour dagegen hieß es immer zuerst: Wieviel Geld brauchst Du?«
Item - über dem generösen Staatsmann hatte sich die Gruft geschlossen und Griscelli, der in den Tagen des Ueberflusses Gott einen guten Mann sein ließ, mußte sich jetzt nach einem neuen Herrn umsehen. Offenbar waren es denn auch finanzielle Beweggründe, die ihn dazu bestimmten, ein ländliches Stillleben am Genfer See aufzusuchen und hier seine bunten Erlebnisse im Geheimdienste Cavour's niederzuschreiben unter dem Titel: »Streiflichter über Land und Leute im neuen Königreich Italien.«
Bei einem Mann, der, wie Griscelli, die Spionage professionell betreibt, darf man hinsichtlich des point d'honneur keine besondere Empfindlichkeit erwarten. »Kein Kreuzer, kein Schweizer« - so hieß es auch bei ihm.
Für blankes Gold hatte er sich als Schild zwischen Louis Napoleon und dessen mordplanende Feinde gepflanzt; dasselbe gleißende Metall beugte ihn unter den herrischen Willen Cavour's und um klingenden Lohn stellte auch jetzt wieder Griscelli seinen Witz, seinen Revolver und sein corsisches Stilet zur beliebigen Verfügung. Cavour ist todt, eine Hand hat, nach Griscelli's nüchterner Moralphilosophie, die andere gewaschen und für's liebe Brod muß jetzt ein neues Liedlein gesungen werden ...
Den Blick nach dem Vatikan - diesem Mekka für so viele fromme und nichtfromme Spekulanten - gerichtet, setzt sich also unser Mann hin und schreibt das obenbezeichnete Pamphlet, worin er sich »vor Gott und seinem Gewissen« gedrungen fühlt, die »höchst unsaubern Machinationen« zu enthüllen, wodurch Piemont sich die italienischen Fürstenthümer »angegliedert« habe. Das Manuscript überbringt er dem seitdem vielgenannten katholischen Pfarrer Mermillod in Genf zur gefälligen Durchsicht und Stylcorrectur; der gallsüchtige Pfaffe greift mit beiden Händen nach der hochwillkommenen Gelegenheit, mit den verhaßten piemontesischen Ketzern und Kronenräubern ein literarisches Hühnchen zu pflücken und »corrigirt« wacker darauf los. Dann erschien das Büchlein anonym zu Brüssel im Verlag der ultramontanen »Revue belge«, um gleich nach seiner Veröffentlichung allerlei Interpellationen von Seiten der Cabinette zu Paris, London, Brüssel und Madrid hervorzurufen. Der Cardinal Antonelli und der Graf von Trapani, Oheim des König Franz von Neapel und Bruder des verflossenen Re Bomba, lohnten den unter die
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Literaten gegangenen Agenten mit dem ziemlich magern Douceur von je Tausend Francs; der ultramontane Adel zu Brüssel - wohin Griscelli persönlich sein Manuscript zum Druck gebracht hatte - fütterte in seiner Herzensfreude den Verfasser mit desto fettern Diners und Soupers ab, spickte ihm wohl auch zum Dessert den monetenbedürftigen Beutel.
Zu diesem Brüsseler Aufenthalt bemerkt Griscelli in seinen späterhin veröffentlichten (aber auch ebenso rasch confiscirten) Memoiren:
»Auf besonderes Zurathen des zu Brüssel accreditirten päpstlichen Legaten und nunmehrigen Bischofs zu Posen, Ludowiski, schickte mich das belgische Comité mit einem Empfehlungsschreiben zu dem inzwischen verstorbenen Cardinal Wiseman in London.«
Dieser päpstliche Legat, dessen zungenbrecherischen Namen sich der Corsikaner zu der bequemern und mundgerechtem Aussprache »Ludowiski« zustutzt, ist aber, wie schon aus dem Beisatz »nunmehriger Bischof zu Posen« ersichtlich, kein Anderer gewesen, als Ledochowski, der in unsern Tagen des sogenannten Culturkampfes so bekannt gewordene ultramontane Staatsrebell. Uns Deutschen darf diese Mittheilung Griscelli's insofern ein spezielles Interesse bieten, als wir daraus entnehmen können, daß Ledochowski schon damals gern sich bereit finden ließ, gegen jede Regierung zu intriguiren, die sich nicht gehorsam in die Autorität der römischen Curie fügte und dem Nachfolger Petri nicht gutwillig Carte blanche gab.
Das Empfehlungsschreiben Ledochowski's erschloß denn
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auch dem Corsen Haus und Herz des Cardinals, der sich gleichzeitig beeilte, Griscelli's Pamphlet in's Englische übersehen, drucken und geeigneten Ortes verbreiten zu assen. Hier zu London erntete Griscelli noch einen weitem Lohn von allerdings ziemlich problematischem Werth: der Exkönig Franz von Neapel, offenbar von Antonelli und dem Grafen von Trapani dazu veranlaßt, übersandte nämlich von Rom aus dem über Nacht zu einem so schwärmerischen Vertheidiger der jesuitisch-bourbonischen Interessen gewordenen Exagenten Cavour's einen - Adelsbrief, kraft dessen der neugebackene Rittersmann fortan als Baron von Rimini paradiren konnte ...
Wie schon bemerkt - im Dienste des Cardinal Antonelli sahen wir Griscelli dem Abbé Calvati einen flüchtigen Besuch abstatten, um dann zur geheimen Ueberwachung Garibaldi's mit dem Dampfer nach Sicilien weiterzureisen. Auf seinen fernern Schnüffeltouren wird uns der corsische Abenteurer schon noch begegnen und so lassen wir ihn einstweilen nach Palermo dampfen. Zur weitem Charakterisirung dieses unheimlichen Gesellen möge übrigens hier noch eine besonders bunt colorirte Episode aus Griscelli's Vorleben ihren Platz finden.
Der Vorgang ist zu seiner Zeit mit allen Mitteln der allmächtigen napoleonischen Polizei todtgeschwiegen worden und nur durch eine hier nicht näher zu bezeichnende Zwischenperson hat Schreiber dieser Zeilen von den dabei spielenden Details Kenntniß erhalten. Wir sind also in der Lage, für die Wahrheit des Folgenden einzustehen ...
Zur Zeit, als Walewski kaiserlich französischer
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Botschafter in London war, erhielt Louis Napoleon eines Abends ein chiffrirtes Telegramm, worin ihm Walewski die gemüthliche Mittheilung machte, ein gewisser Kelch - aus der Strafcolonie zu Lambessa entflohen und derzeit im Solde des mazzinistischen Revolutions-Comité's stehend - habe sich Tags zuvor zu Dover eingeschifft, mit der offenbaren Absicht, den Kaiser zu ermorden. Begreiflicher Weise säumte Louis Napoleon keinen Augenblick, den Polizeipräfekt Pietri von dieser Depesche in Kenntniß zu setzen und gleichzeitig einen Sicherheitsbeamten zu verlangen, der sich zur speziellen Ueberwachung seiner bedrohten Person besonders qualifizire. Die Wahl des Präfekten fiel auf Griscelli, den Pietri schon von Corsika her kannte und gleich nach dem Staatsstreich zum geheimen Agenten des Polizeikabinets ernannt hatte. Der Kaiser äußerte den Wunsch, diesen Mann persönlich zu sprechen und so wurde ihm, seiner weitern Anordnung gemäß, gleich noch am selben Abend Griscelli in der kaiserlichen Loge des Opernhauses während eines Zwischenaktes vorgestellt. Mit kurzen Worten theilte Louis Napoleon dem Corsen den Inhalt der Depesche mit, empfahl ihm die strengste Wachsamkeit und schloß seine Instruktionen mit dem Befehl, Griscelli solle zunächst den Aufenthalt Kelch's in Paris ausfindig machen, den Attentäter keinen Moment aus dem Auge verlieren, dabei aber die weitern Anweisungen des Kaisers abwarten, ohne irgendwie aus seiner observirenden Rolle herauszutreten, denn ein vorzeitiges Zugreifen könne die umfassenden Geständnisse, die man nach beweiskräftiger Ueberführung dem mazzinistischen Emissär zu entziehen gedenke, leicht vereiteln. Man darf
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hier den kalten Muth Louis Napoleon's füglich bewundern, denn ganz gewiß ist es nicht Jedermanns Sache, ruhig einen Burschen gewähren zu lassen, der unweit von seinem erkorenen Opfer seinen Mordplan ausbrütet und immerhin, trotz der schärfsten Ueberwachung, den günstigen Moment zur Ausführung seines meuchlerischen Projekts erlauern kann.
Mit einem einstweiligen Gnadengeschenk von Tausend Francs entließ der Kaiser seinen polizeilichen Schutzengel. Von der Oper fuhr, in Begleitung Pietri's, Griscelli direkt nach dem Centralbureau, um sich hier zunächst das Signalement und das frühere Sündenregister Kelch's vorlegen zu lassen.
Das Dossier besagte, daß Kelch, von elsässischer Abkunft, ein äußerst gefährliches Individuum sei, nebenbei, als vormaliger Kürassier, von solcher Statur und Muskelkraft, daß bei'm Barrikadenbau an der Porte Samt-Martin, wobei Kelch sich betheiligt, es der vereinten Anstrengung von sechs Polizeisergeanten bedurft habe, um den rasenden, aus vielen Wunden blutenden Insurgenten niederzuwerfen und an Händen und Füßen zu binden. Ueberhaupt - so war zur warnenden Notiz noch besonders beigefügt - sei der Geselle im Waffengebrauch, Ringkampf und Boxen geschult wie Wenige ...
»Ça ce chauffra!«14 bemerkte mit einem bedeutsamen Kopfnicken der Polizeipräfekt zu dem mit dem Fang dieses Raubthieres beauftragten Agenten.
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Noch in der gleichen Nacht machte Griscelli ausfindig, daß Kelch richtig in Paris eingetroffen und höchst wahrscheinlich bei seinem Bruder in der Rue de Trancy heimlich abgestiegen sei. Am folgenden Morgen um sechs Uhr (es war im Monat Dezember) stationirte bereits, »festgemauert in die Erde«, die Nase in der Luft, der corsische Spürhund vor dem bezeichneten Hause. So fixirt er, selbstverständlich in bürgerlicher Kleidung und geeignetem Abstand, etwa eine Stunde lang à la Ritter Toggenburg die Bude, »bis das Fenster klang« - d. h. ein Mädchen heraustritt und einen oben an der Straßenecke postirten Dienstmann herbeiwinkt. Ohne den Verdacht des Mädchens zu erregen, weiß es Griscelli so einzurichten, daß er fast gleichzeitig mit dem aus entgegengesetzter Richtung nahenden Dienstmann vor der Hausthür zusammentrifft; mit halbleiser Stimme ertheilt die junge Person dem Commissionär einen Auftrag: das scharfe Ohr Griscelli's erschnappt, so zu sagen im Flug, die Worte »Kelch und Ménilmontant«, zugleich sieht er, wie das Mädchen dem Boten einen Brief übergibt. Mit der gleichgültigsten Miene von der Welt schlendert der Agent an den Beiden vorüber, während sich doch all seine Fiebern straff spannen, wie bei einem Box-Terrier, der hinter dem Getäfel eine Ratte wittert. Sofort combinirt er, daß er seinen Mann in der Vorstadt Ménilmontant zu suchen habe und demgemäß folgte er dem Commissionär nach. Seine Schlußfolgerung erwies sich denn auch als richtig: der Dienstmann tritt in ein Haus und übergibt seinen Brief, unbehelligt läßt Griscelli den ahnungslosen Boten auf seinen Posten zurückkehren, nur die Nummer
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seines Brustschildes merkte er sich für alle Fälle. Noch steht er überlegend vor dem Hause, als aus der Thür ein Individuum tritt, in welchem der Agent, auf Grund des Signalements, sofort den Gegenstand seiner Obliegenheit erkennt, obschon Kelch bedacht gewesen war, seine äußere Grscheinung möglichst umzumodeln.
Der Attentäter bummelt gemächlich die Rue Ménilmontant entlang bis zum Boulevard du Temple, dort besteigt er eine Droschke - Griscelli thut desgleichen und so, in einem Abstand von etwa dreißig Schritten, kutschiren die Beiden die Boulevards entlang zur Madelaine, von da nach dem Concorde-Platz, dem Boulevard des Invalides &c. &c. nach der Rue de Trancy, wo der Agent seinem Kutscher Halt gebot, ausstieg und gerade noch recht kam um Kelch in das Haus seines Bruders eintreten zu sehen.
Es würde uns zu weit führen, wollten wir den jetzt beginnenden Peripetien dieser stillen, aber ebenso rastlosen Menschenjagd auf Schritt und Tritt nachfolgen. Es genüge daher zu bemerken, daß fortan Kelch, sobald er sein Domicil verließ, den erbarmungslosen Corsen hinter sich hatte wie seinen Schatten; in den kurzen Stunden der Nacht, wo Griscelli - nachdem er seinen Schützling liebevoll bis an die Hausthür heimgeleitet hatte - seinem Körper in dem nächstgelegenen Polizeibureau eine karge Ruhe gönnte, übernahmen zwei andere zuverlässige, für alle Fälle instruirte Geheimagenten die Wache.
So sehen wir Griscelli, in stets wechselnder Kleidung und Gesichtsveränderung, mit seinem Pflegebefohlenen in die verschiedensten Restaurants und Cafés eintreten und
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gemüthlich ein Cotelette verzehren, oder eine Demi-Tasse schlürfen, während am nächsten Tische Kelch über einem Beefsteak à l'anglaise seinen Mordplan ausgrübelt. Der Bravo macht Spritzfahrten in die Umgegend, er besucht Concerte, Bälle, Freudenhäuser - er kommt, er geht: immer aber hat er, natürlich ohne es zu ahnen, seinen unfehlbaren Argus hinter sich.
Als vormaliger Cavallerist war Kelch, neben seiner sonstigen Gewandtheit, auch ein sattelfester Reiter, fast täglich miethete er sich in der Manège Crémieux, unweit der Champs-Elysees, ein Pferd, um in dem Boulogner Gehölz einen Spazierritt zu machen. Auf Louis Napoleon's Befehl mußten in den kaiserlichen Stallungen in der Rue Montaigne stets einige Pferde zur speciellen Disposition Griscelli's bereit gehalten werden. Sowie sich also Kelch mit Sporen und Reitpeitsche nach den elysäischen Feldern begab, entsandte Griscelli einen der ihm zugewiesenen, stets in Sehweite sich haltenden zwei Unteragenten nach dem kaiserlichen Marstall. Ein Stallwärter, der natürlich von dem Sachverhalt keine Ahnung hatte, brachte sofort ein Pferd nach dem Concorde-Platz und bis Kelch bei Crémieux seine Wahl getroffen und sich in den Sattel geschwungen hatte, erwartete ihn auch schon sein ungebetener Gesellschafter, der, als vormaliger Chasseur à cheval, kein minder geübter Reiter war ...
Die Spazierritte Kelch's waren übrigens keineswegs dem bloßen Vergnügen gewidmet, denn offenbar behielt er dabei sein mörderisches Projekt stets im Auge. Es war ihm inzwischen klar geworden, daß die Ausfahrten des Kaisers die beste Chance des Gelingens böten und in
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weiterer Erwägung mochte er sich sagen, daß er, wenn er seinen Coup hoch zu Roß ausführe, leichter entkommen könne. Was diese Muthmaßung unterstützt, ist, daß sich Kelch - wie Griscelli in Erfahrung gebracht hatte - bei den Stallleuten angelegentlichst nach Temperament und Qualität der einzelnen Pferde erkundigte und stets seine Wahl auf die flinksten Thiere lenkte.
Auch hier können wir dem kalten Blut Louis Napoleon's unsern Respekt nicht versagen, denn unbeirrt von der Nähe des unheimlichen Reiters, dessen Anwesenheit ihm Griscelli stets durch ein vereinbartes Zeichen signalisiren mußte, machte der Monarch nach wie vor seine gewohnten Promenaden zu Pferd wie zu Wagen. Eines Tages folgte Kelch dem mit seinen beiden Adjutanten durch das Boulogner Gehölz galoppirenden Kaiser auf nur wenige Pferdslängen nach ... aber auch Griscelli, die Hand am vielerprobten corsischen Stilet, stürmte auf keuchendem Rappen dicht hinter dem Mörder drein wie eine Wetterwolke. Die furchtbare Katastrophe schien herangekommen zu sein - da, mit einem Mal schwenkt der Attentäter in eine Seitenallee ab. Man hat niemals erfahren, welches Motiv seinen Plan so plötzlich durchkreuzte. Ob er instinktiv in dem dicht hinter ihm drein jagenden Agenten den Polizeimann witterte, oder sonst irgend ein unerwartetes Henmmiß entdeckte - wie gesagt, es bleibt für immer eine offene Frage. Für diesen Tag durfte Louis Napoleon sagen, wie weiland sein großer Oheim an der Brücke von Arcole: »Die Kugel, die mich treffen soll, ist noch nicht gegossen!« ...
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Schon vierzehn Tage und ebensoviele Nächte hatte die strapazenvolle Ueberwachung des Attentäters gewährt, als Griscelli eines Morgens zur nähern Berichterstattung nach den Tuilerien beschieden wurde. In kurzen Worten ertheilte er den ihm beigegebenen Reserve-Agenten - die natürlich selber zu den gewiegtesten Leuten der Geheimbrigade gehörten - seine Instruktionen, dann bestieg er eine Droschke und fuhr nach dem Schlosse, wo ihn ein Kammerdiener, der bereits auf dem Posten stand, über verschiedene Hintertreppen in das kaiserliche Cabinet geleitete. Die gewohnte Cigarette zwischen den Lippen, empfing Louis Napoleon mit der ihm im persönlichen Verkehr eigenen Liebenswürdigkeit seinen polizeilichen Schutzengel, dessen fieberisch glühende Augen die ganze nervöse Erregung verriethen, die ihn jetzt schon seit zwei Wochen verzehrte.
»Setzen Sie sich, lieber Griscelli,« sagte der Kaiser und deutete nach einem Fauteuil. »Nun, was macht unser Mann?«
Eben wollte der Agent seinen Rapport beginnen, als es an die Thüre drei leise Schläge that: die zwei ersten rasch hintereinander, den dritten nach einer kleinen Pause.
»Ah, Pietri,« sagte der Kaiser und wandte den Kopf nach der Thüre, auf deren Schwelle sich im selben Moment die Figur des Polizeipräfekten zeigte. Die sonst so glatten, kalten Gesichtszüge des allmächtigen Mannes trugen den Stempel einer gewissen Verstörung. Mit einer stummen Verbeugung überreichte er dem Kaiser einen Bogen Papier. Es war die Abschrift eines Briefes, den Kelch an das
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mazzinistische Revolutions-Comité in London gerichtet und worin er die bestimmte Versicherung gab, binnen zwei Tagen müsse »der Tyrann hin sein«.
(Es soll hier bemerkt sein, daß, dank dem consequenten und präcisen Ueberwachungssystem, Kelch weder einen Brief abschicken noch erhalten konnte, der nicht auf dem Pariser Postamt abgefaßt, von dem Bureauchef Tibery, einem Virtuosen in derlei Dingen, kunstgerecht erbrochen, copirt, dann wieder sorgsam geschlossen und, um bei dem Mordgesellen jeden Argwohn fernzuhalten, an seine betreffende Adresse weiterbefördert wurde.)
Der Kaiser war in eine Fensterbrüstung getreten, um das unheimliche Schriftstück zu lesen. Als er sich zu seinen Gästen hinwandte, war, trotz der wunderbaren Selbstbeherrschung, die er über seine Nerven besaß, die Farbe seines Gesichts merklich bleicher geworden.
»Dem Herrn Attentäter scheint die Geduld auszugehen,« bemerkte er mit einem erzwungenen Lächeln: »die zwei Tage, die er mir noch schenkt, sind eine kurze Galgenfrist und ich werde mich zu tummeln haben, um bis dahin mein Haus zu bestellen und meinem Nachfolger - wahrscheinlich wird es der Herr Kelch, als Präsident einer arkadischen Schäferrepublik, sein - den Platz zu räumen.« Sein Blick überflog nochmals den inhaltsschweren Brief.
Der Polizeipräfekt trat einen Schritt vor. »Sire,« begann er im nachdrücklichsten Ton: »Seitdem sich der Mordgeselle zu Paris befindet, ist das Menschenmögliche geschehen, um ihn zu überwachen und die Person Eurer Majestät sicher zu stellen. Die beste Polizei aber kann
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nicht für alle Fälle garantiren und Sie, Sire, schulden es nicht nur Ihrer hohen Gemahlin und dem Erben Ihrer Dynastie, sondern zugleich auch der Wohlfahrt Frankreichs und dem Frieden Europa's, daß Sie Ihr kostbares Leben nicht nutzlos dem Dolch oder Revolver eines Meuchelmörders blosstellen.«
Die ernsten Worte des Präfekten schienen ihre Wirkung nicht verfehlt zu haben, denn sinnend blickte der Kaiser vor sich hin. Mit einem Mal hob er rasch das Haupt. »Sie vergessen aber, lieber Pietri, daß uns durch ein vorzeitiges Eingreifen leicht die werthvollen Geständnisse des Mannes verloren gehen können.«
»Sire, es ist dies das kleinere der beiden Uebel,« entgegnete der Präfekt: »Wir haben es hier mit einem Menschen zu thun, von dessen Kraft, Gewandtheit und Verwegenheit das Aeußerste zu gewärtigen ist. Ich spreche es offen aus, Sire: die Polizei wird nach wie vor ihre Pflicht thun, aber ich bin nicht in der Lage, für Eurer Majestät Person und Leben länger mehr bürgen zu können, wenn mir auch auf diesen Brief hin die Hände noch gebunden bleiben sollten.«
»Sie wollen also« - - -
»Den Burschen heute noch festpacken!« unterbrach der Präfekt den Kaiser: »es ist die allerhöchste Zeit und ich beschwöre Eure Majestät, mich und meine Untergebenen aus unserer aufreibenden Situation zu erlösen.«
Des Kaisers Auge schweifte nach dem Agenten hin, der sich bescheiden in den Hintergrund des Cabinets zurückgezogen hatte und in militärischer Positur seines weitern
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Bescheides harrte. Mit offenbarer Theilnahme musterte der Monarch den pflichtgetreuen Sicherheitsbeamten, der bei all' seiner strammen Haltung die innere Erschöpfung doch nicht verbergen konnte. Freundlich nickte er seinem polizeilichen Schutzgeiste zu, dann winkte er mit der Hand zum Abtreten. Mit einem militärischen »Kehrt Euch« verschwand der Agent.
Der Präfekt blieb noch zurück.


Kaum eine Stunde darauf empfing Griscelli, der direkt auf seinen Lauerposten zurückgekehrt war, die von Pietri eigenhändig ausgestellte Anweisung, sich in der kommenden Nacht präcis um Zwölf Uhr auf der Präfektur einzufinden. Bei seiner Ankunft traf Griscelli nicht weniger als vierzig Polizeisergeanten, die ihm zur Verhaftung Kelch's, resp. zur Umzingelung von dessen Domicil beigegeben werden sollten. Griscelli erachtete diese pompöse Machtentfaltung nicht nur als lächerlich, sondern auch als direkt schädlich für das moralische und autoritative Selbstbewußtsein des Polizeipersonals, er stellte dies dem Präfekten unumwunden vor und erbat sich, unter vollster Garantie des Gelingens, die einfache Begleitung zweier namentlich von ihm bezeichneter Geheimagenten. Nach längerm Zögern willigte endlich der Präfekt ein und mit Tagesanbruch machte sich das Trio auf den Weg, um, wie die ausdrückliche Ordre lautete, Kelch todt oder lebendig einzuliefern.
Dieser - wie Griscelli hatte beobachten können - pflegte jeden Morgen in einer unweit seiner Wohnung belegenen Restauration einen Absynth als erstes Frühstück hinter die Binde zu gießen und bei dieser Gelegenheit wollte
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der Corse die Verhaftung vollziehen. Natürlich war er darauf bedacht, seinen Mann wo möglichst lebend abzufassen, denn in diesem Fall konnten ja dem Verbrecher durch die mancherlei zungenlösenden Mittelchen, die die napoleonische Polizei in ihrer disciplinären Apotheke hatte und hinter den stillen Gefängnißmauern auch ungescheut anwandte, die wünschenswerthen Geständnisse schon noch entpreßt werden. Dadurch erklärt es sich auch, warum Griscelli mit seinen beiden Begleitern nicht direkt nach der Wohnung Kelch's ging, um ihn kurzweg aus den Federn zu holen. Es stand ja zu befürchten, der Kerl könne durch einen raschen Selbstmord einer gewaltsamen Ergreifung zuvorkommen, oder doch mindestens durch eine verzweifelte Selbstwehr allerlei unnütze und gefährliche Hindernisse entgegensetzen.
Allerdings dürfte auch noch ein anderes Motiv den Corsen geleitet haben. Vielleicht wollte - die Effekthascherei ist ja ein hervorstechender Charakterzug des Südländers - Griscelli mit der ostensibeln Verhaftung des Attentäters in einem öffentlichen Lokal ein ächt französisches Spektakelstück aufführen und gewissermaßen unter bengalischer Beleuchtung den Vorhang über das Melodrama herabfallen lassen.
Item - um die achte Morgenstunde saß der Corse mit seinen beiden Begleitern, den Agenten Hubert und Letourneur, in der Restauration Desmaret, der Dinge harrend, die da kommen sollten.
Selbstverständlich waren die Drei en bourgeois gekleidet.
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Etwa eine Viertelstunde mochten sie so da sitzen, als ein Gast das Lokal betritt, sich umsieht und dann an den Garçon eine Frage richtet.
»Er kommt um neun Uhr,« lautet die Antwort.
Der Gast, seiner ganzen Art und Erscheinung nach ein Italiener, läßt sich eine Tasse Chokolade reichen und greift zu einer auf dem Tische liegenden Zeitung, die er aber nur als Schirm benützt, um das seitwärts sitzende Kleeblatt einer kritischen Musterung zu unterziehen. Offenbar gefielen ihm die Drei nicht so ganz recht, ohne daß er doch gleich wußte, was er aus ihnen machen solle. Sein instinktives Mißtrauen war den drei routinirten Polizei-Agenten natürlich nicht entgangen und nun galt es zunächst, den Argwohn des Italieners wieder einzulullen.
Um ihre Rolle als müßige Morgengäste möglichst correkt zu spielen, hatten die Drei, schon vor Ankunft des Italieners, sich von dem Kellner Karten bringen lassen und schienen nun in ihre Partie Biribi vertieft, als sei dies ihr einziger Lebensberuf. Die Finte ward von den drei Agenten auch so meisterhaft durchgeführt, daß ihr Beobachter sich täuschen ließ. Er wandte sich seiner Zeitung zu und da er eine Stelle darin gefunden haben mochte, die ihn interessirte, so ließ er sich desto williger ablenken. Diesen Moment benutzte Griscelli, um in kurzen, mitten in die Schlag- und Stichworte des Kartenspiels hineingemischten Randbemerkungen seinen beiden Gehilfen mitzutheilen, daß der Gast da drüben ebenfalls festzupacken sei. Wie der Corse seinen zwei Genossen des Weitern
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zuraunte, hieß der Mann Morelli und war dessen Anwesenheit in Paris dem Polizeipräfekten schon Tags zuvor signalisirt worden. Der Italiener war, wie vor ihm Kelch, von London herübergekommen, um offenbar als Sendbote des mazzinischen Comité's der - wie Griscelli sich ausdrückte - »Kaiserlichen Metzelsuppe« beizuwohnen, eventuell seinem Collegen Kelch hilfreiche Hand zu leisten.
»Höchst bösartiger, jedenfalls wohlbewaffneter Geselle,« warf Griscelli hin, indem er eifrig die Karten zu einem neuen Spiel mischte. Ein flinker Wink mit dem Finger ergänzte den Rest: Im gegebenen Moment soll sich Letourneur auf den Italiener werfen - Griscelli selber wird sich mit Hébert über den ungleich kräftigeren Kelch hermachen ...
Der ersten Flasche Bordeaux war die zweite gefolgt, zur dritten und vierten Partie waren die Karten gemischt worden und näher, immer näher rückte der Uhrzeiger der verhängnißvollen neunten Morgenstunde. Der Italiener ward ungeduldig, er warf seinen Blick nach der Uhr, dann legte er das Zeitungsblatt hin und rückte auf seinem Stuhle unschlüssig hin und her. Offenbar überlegte er, ob er hier bleiben, oder seinen Complicen sonst wo aufsuchen wolle. Die letztere Eventualität paßte aber ganz und gar nicht in Griscelli's Plan. Hier an Ort und Stelle sollte die Hetzjagd zu ihrem Abschluß kommen und um jeden Preis mußte also der Italiener zurückgehalten werden.
Ueber seine Karten hingebeugt, sann Griscelli auf ein geignetes Mittel. Aeußerlich blieb er ruhig und doch klopfte ihm das Herz vor Besorgniß, der Italiener könne gehen
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und dadurch einen Strich durch die ganze Rechnung machen. Gewaltsam aber durfte er den Burschen nicht zurückhalten, indem ja in diesem Falle ein Tumult und dadurch die Verscheuchung Kelch's zu gewärtigen war. Noch arbeitete das grübelnde Gehirn des Corsen in steigender Erregung, denn mechanisch hatte schon der Italiener seinen Rock über die Brust zugeknöpft - - da, mit einem Mal und ohne es zu wissen oder wollen, schleuderte Hébert einen erleuchtenden Gedankenblitz in den Kopf Griscelli's. Wie schon auf einem vorhergehenden Blatte bemerkt, spielte unser Polizeidrama im Monat Dezember und gerade an diesem Morgen herrschte eine, wenigstens für französische Nasen und Ohren, recht empfindliche Kälte. Nun saß Hébert so, daß er mit seinem Blick die Straße bestreichen konnte. Plötzlich deutet er laut lachend nach einem bestimmten Punkte hin. Unwillkürlich folgten Griscelli und Letourneur der Richtung des Fingers - auch der Italiener reckt neugierig den Hals. Drüben auf dem Trottoir kam ein etwa zwölfjähriger Junge hergetrottelt, den man auf den ersten Blick für irgend ein fabelhaftes Ungethüm halten konnte. Der Gamin stak nämlich in einem riesigen Schafspelz, der fast eine Elle lang auf dem Boden nachschleifte und seinen Träger zu einem formlosen Klumpen gestaltete. Offenbar sollte der Junge den Pelz seinem wirklichen Besitzer, einem Fuhrmann, Eisenbahnbediensteten oder dergl., überbringen; um sich nun selber gegen die Kälte zu schützen, war der Bengel in den faltigen Balg gekrochen. Das Bild des daher watschelnden, mit jedem Schritt über den Pelz stolpernden Jungen appellirte wirklich so drastisch
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an den Humor, daß Griscelli und Letourneur, trotz des ernsten Momentes, unwillkürlich in das Lachen ihres Collegen einstimmen mußten. Auch der Italiener verzog sein finsteres Gesicht zu einem flüchtigen Schmunzeln. Just in dieser Sekunde flog ein Gedanken durch den Kopf Griscelli's. Schnell wie der Blitz zwinkerte er mit den Augen seinen beiden Kameraden ein Zeichen zu, dann deutete er nach dem so grotesk aufstaffirten Jungen hinüber und sagte mit einer urkomischen Miene des Zweifels: »Ob das nicht am Ende der Pelz des Monsieur Prosper Merimée ist?!«
Allerdings war es für Hébert und Letourneur nicht klar, wie ihr Kamerad so mit einem Mal auf den bekannten, am Hofe des Kaisers so wohlgelittenen Schriftsteller Merimée zu reden kam, aber auch sie hatten bei dem Italiener die Zeichen seiner Ungeduld beobachtet und mit dem indianischen Scharfsinn des gewiegten Polizeimannes das Augenzwinkern Griscelli's sofort dahin aufgefaßt, daß es gelte, den Sohn des schönen Italiens auf seinen Stuhl festzubannen.
»Der Pelz des Monsieur Merimée - was soll das sein?« wandte sich Hébert mit virtuos geheucheltem Staunen an Griscelli.
Der wollte sich vor Lachen fast ausschütten. »Urdrollige Geschichte! ... Hi! hi! hi! ... Noch nie dagewesen! ... Hi! hi! hi!«
Und von Neuem hielt er sich den Bauch mit beiden Händen, während er zugleich seinen beiden Kameraden mit den Füßen unter'm Tisch einen bedeutsamen Stoß gab.
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»Na,« machte Letourneur im nicht minder natur getreuen Ton des Aergers: »so laß' uns doch nicht sterben vor lauter Neugierde! Heraus aus dem Sack mit Deiner wunderbaren Pelzgeschichte!«
»Noch nie dagewesen, hi! hi! hi!« gluckste Griscelli unter neuen Lachkrämpfen: »o, Gott, ich geh' aus!« Und wie ein Erstickender schnappte er nach Luft.
Der Italiener mußte einfach einem Gesetz der Menschennatur gehorchen, indem er mit unwillkürlicher Neugierde den simpelhaft lachenden Gast und dessen beide immer ärgerlicher werdende Freunde betrachtete. Auch der Kellner war mit gespitzten Ohren herangetreten.
Hébert gab dem immer noch Lachenden und Schnappenden einen Puff in die Seite. »Jarnidieu,« fluchte er erboßt: »so komm' doch endlich einmal zu Dir und lass' Dein Roßgelächter!« Er wandte sich gegen den Italiener hin. »Haben Sie wohl, mein Herr, jemals in Ihrem Leben eine solch' tolle Heiterkeit gesehen?«
Durch die plötzliche Anrede überrascht, murmelte Morilli irgend eine Phrase, der schlaue Polizeimann aber hatte seinen Zweck erreicht: mit dieser Frage war der Italiener in den Kreis hineingezogen und, so zu sagen zum Mitgesellschafter erklärt worden. Seine ganze Haltung verrieth, daß er nicht mehr an's Fortgehen dachte, sondern gewillt war, die noch nie dagewesene Geschichte vom Pelz des Monsieur Merimée mit anzuhören. Der Puff Hébert's schien übrigens eine heilsame Wirkung erzielt zu haben, denn sein Tischnachbar war inzwischen von seinem
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Lachkrampf soweit curirt, daß man endlich einen vernünftigen Aufschluß erwarten durfte.
Mit beiden Händen sich die thränenfeuchten Augen ausreibend, begann denn auch Griscelli: »Habt Ihr die gestrige Nummer des ...«
»Papperlapapp!« schnitt Letourneur kurz ab: »keine weitere Einleitung, die Dich am Ende nur von Neuem in Dein verrücktes Lachen zurückwirft! Also vorwärts ...«
»In medias res,« wie unser seliger Magister zu sagen pflegte,« ergänzte Hébert, indem er die Gläser frisch füllte.
»Ihr kennt doch wohl, wenn nicht seinen Büchern, so doch seinem Namen nach, den Schriftsteller Prosper Merimée?« begann Griscelli, indem er, den Mund schon wieder zu einem Lachen verziehend, seine beiden Genossen fragend anblickte.
»Er ist wohl der Verfasser des gestiefelten Katers,« bemerkte Hébert.
»Nein,« berichtigte Letourneur salbungsvoll: »die Jungfrau von Orléans oder der Rückzug über die Beresina.«
»Na, einerlei,« kicherte Griscelli weiter: »Monsieur Merimée ist ein hochberühmter Romanschreiber und Gedichtemacher und als solcher hat er nicht nur in den Tuilerien einen Stein im Brett, sondern auch bei'm Sultan, beim Großmogul und den sonstigen Potentaten darf er ein Wort mit dreinreden.«
Seine Zeitung zum Schein vor sich hinhaltend, horchte der Italiener gespannt auf das burleske Hin und Her des Trio's.
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»Auch nach Rußland hin ist der Ruf des Monsieur Merimée erschollen,« plauderte Griscelli weiter und drehte sich dabei eine Cigarette: »von seinen Schriften ward ein reicher Bojar dergestalt gerührt und ergriffen, daß er zum Dank sofort einen prachtvollen Zobelpelz einpackte und hierher an die Adresse des Poeten überschickte.«
»Aha!« bemerkte Hébert: »der Pelz, den soeben der Junge vorüberschleifte.«
Im Ton des Agenten lag eine solch' trockene Komik, daß der Italiener unbewußt halblaut auflachen mußte.
»Der Pelz,« erzählte Griscelli weiter: »langte vor etwa vier Wochen hier in Paris an und erregte, wie leicht zu begreifen, das Entzücken Merimée's. Mit Ungeduld erwartete er den vollen Einbruch der Wintersaison; der Tag kam und seitdem wurde der glückliche Besitzer nicht müde, Tag für Tag seinen kostbaren Zobelpelz auf den Boulevards spazieren zu tragen und ihn von Groß und Klein bewundern zu lassen.«
Der Erzähler schlürfte einen Schluck Wein durch die Zähne.
»Da, eines schönen Nachmittags« - fuhr er nach einer Pause fort: »als Prosper Merimée eben wieder von einer derartigen Pelzparade nach Hause kam, findet er unter den eingelaufenen Briefen auch ein zierliches, nach Ylang-ylang15 duftendes Billet, dessen Aufschrift
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sofort die Damenhand verrieht[verrieth]. Es war nicht das erste Mal, daß er mit ähnlichen Briefchen beglückt wurde, denn unsere schönen Pariserinnen haben ja von jeher eine Faible für Alles, was eine Künstlermähne trägt und machen daraus auch kein besonderes Hehl. Parbleu, dafür lebt man ja in Paris, dem modernen Babel! Man huldigt in der Dachstube wie im Salon den unbeschränkten Genußprincip und verbannt jede falsche Scham« ...
Neun helle Schläge der über dem Büffet angebrachten Wanduhr unterbrachen den Erzähler. Der Italiener zog seine Taschenuhr und warf einen vergleichenden Blick darauf. Wie der Kellner gesagt hatte und wie Griscelli infolge seiner täglichen Beobachtungen es selber wußte, mußte jetzt von Minute zu Minute Kelch erscheinen. Die dunkelglühenden Augen Morelli's waren lauernd auf die Eingangsthüre gerichtet ... Um seine eigene nervöse Aufregung gewissermaßer zu übertäuben, erzählte der Corse in rascherm Tempo weiter: »Derartige parfümirte Billets, wie ich soeben bemerkt habe, waren also für unsern Monsieur Merimée durchaus nichts Neues, trotzdem aber hatten sie bei ihm keineswegs ihren Reiz verloren, denn erstens geht er als Franzose einem leckern Weiberbraten niemals aus dem Wege und zweitens braucht er als Poet die Bewunderung des schönen Geschlechts, wie der Fisch das Wasser. So läßt er denn auch diesmal die andern Briefe liegen und greift zuerst nach der Ylang-ylang-Epistel. Mit Kennerblicken prüft er das Siegel ... »Feinster Lack!« murmelt er. »Eine verschlungene Chiffre und darüber - Sapristi! eine Fürstenkrone! ... Teufel! das wird
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interessant« ... Sorgsam schneidet er das Couvert auf und entfaltet den kleinen Briefbogen. Er liest:
               »Mein Herr!
Eine glühende Verehrerin Ihrer Muse, bin ich eigens von Monaco nach Paris gekommen, um den unvergleichlichen Dichter persönlich kennen zu lernen, dessen Werke mir schon so viele erhebende Stunden bereitet haben. Ich bitte Sie, sich heute Abend gegen neun Uhr in meiner Wohnung einzufinden und eine Tasse Thee bei mir zu nehmen, damit ich Ihnen mündlich meine Huldigung aussprechen kann.
                       Prinzessin Dimilowsky
»Diable, das gibt eine picante Sauce!« lachte Hébert und rückte wie in gespanntester Neugierde näher. Auch der Italiener schien wieder erwartungsvoll aufzuhorchen. Die Uhr zeigte sieben Minuten nach Neun.
Hinter einer dicken Tabackswolke sich halb verschleiernd, fuhr Griscelli fort: »Selbstverständlich war dem Billet die genaue Bezeichnung von Straße und Hausnummer beigefügt - um es nebenbei kurz zu bemerken: die eleganteste Gegend von Paris ... Unser Held plätscherte in einem Weltmeer von Entzücken herum. Eine Prinzessin, eine ächte, keine bloße Theaterprinzessin, noch dazu expreß von Monaco hergekommen, wie weiland die Königin von Saba zum König Salomo - es war ein Märchen aus Tausend und Eine Nacht und wer will es unserm Poeten groß verargen, wenn er, in Erwartung des pikanten Bissens, jetzt schon die Zähne scharf machte!! Daß die fürstliche Tochter des Nordens jung und schön war, bezweifelte er keinen Augenblick, denn wie hätte sie sonst so zierlich schreiben können?
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Wie ein Bleiklotz kroch für ihn der Uhrzeiger herum - endlich aber kam doch die Stunde herbei und geschniegelt und gebügelt, selbstverständlich in seinen historischen Zobelpelz eingeknöpft, fuhr er nach der Wohnung seiner Prinzessin. Im Vorzimmer trat ihm ein alter Kammerdiener in pompöser Livrée entgegen. Als Merimée seinen Namen nannte, erhellten sich die würdevoll ernsten Züge des greisen Camarero zur unterwürfigsten Freundlichkeit. Er nahm dem Gaste den Pelz ab und half ihm bei'm Ordnen der Toilette.
»Melden Sie mich Ihrer Gebieterin,« sagte der Dichter.
Das ist unnöthig, gnädiger Herr,« erklärte der Alte: »Hoheit erwartet Sie.«
[Absatz] »Ventrebleu!« lachte Letourneur: »jetzt beginnt das eigentliche Abenteuer.« Hébert sagte nichts, aber schnalzte mit der Zunge, als woll' er in seinem Munde eine saftige Ananasscheibe zerdrücken.
Den Kopf in die beide Hände gestützt, lauschte der Italiener der Erzählung, die ja allerdings mehr und mehr eine pikante Wendung zu nehmen schien.
Griscelli ließ einen flüchtigen Blick nach der Wanduhr hinüberschweifen: im Moment mußte sie ein Viertel nach Neun schlagen. Die Tage zuvor war Kelch um diese Zeit schon dagewesen. Hatte er sich heute verspätet, oder gar am Ende, Gott weiß wie, Lunte gerochen?? Griscelli fühlte, wie trotz aller Selbstbeherrschung seine innere Unruhe wuchs! Allerdings war, während er hier in der Restauration saß, Kelch von andern zuverlässigen Agenten überwacht - immerhin aber nagte an Griscelli die unerquickliche Frage: Warum ist der Mann noch nicht hier? ...
Und dennoch durfte er, um den Italiener nicht
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vorzeitig zu alarmiren, nicht aus seiner Rolle fallen. So erzählte er denn mit lachender Miene weiter:
»Ma foi, der Thee scheint dem Dichter geschmeckt zu haben, denn erst lange nach Mitternacht verließ er den nordischen Engel. In's Vorzimmer heraustretend, fand er statt des alten Kammerdieners einen andern Lakaien.
»Wollen Sie mir meinen Pelz geben,« sagte Merimée.
»Ich bitte tausendmal um Vergebung, gnädiger Herr,« lautete die verlegene Antwort: »Monsieur Iwan, der Kammerdiener, ist, im Glauben, Ihr Besuch daure länger, ausgegangen.«
»Nun,« bemerkte der Gast: »das Unglück ist nicht so groß! So geben Sie mir meinen Pelz.
Noch verlegener wie zuvor deutete der Lakai nach einem Wandschrank.
»Monsieur Iwan hat aus Vorsicht den kostbaren Pelz eingeschlossen und den Schlüssel mitgenommen.«
»Fatal!« brummte der Dichter. Was sollte er thun? Bei der Prinzessin, von der er sich feierlichst verabschiedet hatte, wollte er nicht wieder eintreten und ohne seinen Pelz wollte er nicht gehen. So bequemte er sich in Teufels Namen zum einstweiligen Abwarten und spazierte mißmuthig im Corridor auf und ab.
»Ob dieser Herr Iwan wohl noch lange ausbleiben wird?« wandte er sich nach einer Weile an den umherlungernden Lakaien.
»Monsieur Iwan wird kommen, gnädiger Herr,« versicherte der Mann mit einer respektvollen Verbeugung.
Wiederum begann die Promenade im Corridor und
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wiederum winkte der verstimmte Poet den Burschen herbei. »Zum Henker, wird denn Euer Monsieur Iwan die ganze Nacht ausbleiben?«
»O, nein, gnädiger Herr!« lächelte der Galonnirte trostsam: »in längstens einem Stündchen wird wohl Monsieur Iwan hier sein.«
»Ein Stündchen?« polterte der ergrimmte Musenjünger: »zum Kukuk! wie soll ich mir denn dieses Stündchen vertreiben hier in diesem langweiligen Corridor, wo es an den Wänden nicht einmal eine Fliege zu zählen giebt!«
Der dienstbare Geist zuckte höflichst die Achsel. »Wenn sich der gnädige Herr entschließen könnten, ohne Pelz nach Hause zu fahren ... ich würde denselben morgen in aller Frühe in Ihre Wohnung bringen.«
Griscelli schnellte einen beobachtenden Blick nach dem Italiener hinüber, der sich soeben eine Cigarette anbrannte. Breitspurig, wie ein arabischer Märchenerzähler in einem Kaffeehaus zu Constantinopel, fuhr der Corse in seiner Geschichte weiter: »Merimée überlegte sich den Vorschlag des Lakaien. Den Staatspelz, der unter Brüdern mindestens seine zweitausend Rubel werth war, in den Händen wildfremder Diener belassen, das war so eine Sache. Andererseits aber waren es die Diener einer Prinzessin und die ängstliche Sorge, womit Monsieur Iwan den kostbaren Pelz hinter Schloß und Riegel gebracht hatte, bürgte am besten für die Sicherheit des anvertrauten Kleinods. Und dann die fernere Erwägung: wann kommt Monsieur Iwan heim? Können aus dem einen Stündchen nicht zwei Stündchen werden?
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Der Dichter war müde und schläfrig, ein längeres Umhertreiben in dem Corridor und in Gesellschaft eines Lakaien erschien ihm unwürdig, auch begann er zu frieren. Kurz, das Ende seiner Reflexionen war, daß er ohne Pelz ärgerlich das Hôtel verließ, nachdem er nochmals dem katzbuckelnden Diener das heilige Versprechen abgenommen hatte, den Pelz in aller Frühe zu bringen. Morgens bei'm Augenaufmachen ist des Dichters erste Frage nach seinem Zobel. Es wird Mittag - immer noch will der Pelz nicht kommen. Die Lakaien aller fünf Erdtheile und insonderheit den Monsieur Iwan in die tiefste Hölle verwünschend, schlüpft der Sohn Apollo's in einen ungleich schmucklosern Winterpaletot, springt in eine Droschke und ruft dem Kutscher zu: »Hôtel so und so.«
Am Thorpfeiler lehnte der Portier. »Sie wünschen, mein Herr?« redete er höfl[l]ich den auf ihn losstürmenden Fremdling an.
»Ich will zur Prinzessin,« erklärte der aufgeregte Dichtersmann.
Des Hauses redlicher Hüter zog die Augenbrauen in die Höhe. »Zu welcher Prinzessin, mein Herr?«
»Sapristi, zu Ihrer Hoheit der Prinzessin Dimilowsky!«
»Hier wohnt keine Prinzessin Dimilowsky, mein Herr.«
»Nicht?? Zum Teufel, sie wohnte doch gestern hier.«
»Wie soll sie denn aussehen?« inquirirte der Portier.
»Na,« sprudelte der Poet in wachsendem Eifer: »groß, schlank, majestätisch, goldblond, circa vierundzwanzig Jahre alt.«
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»Oooh!« dehnte der Portier hervor: »Sie meinen wohl die Dame, die gestern frühe einen Salon und ein Cabinet in der Bel-Etage bezogen hat und zwar in Begleitung eines ernsten ältlichen Herrn?«
Ohne eine Antwort zu geben, starrte der Dichter den Portier an.
»Ja, lieber Herr,« erklärte ruhig der Mann: »die Beiden haben heute Morgen schon um sieben Uhr das Hôtel verlassen. Das Logis war nur auf Einen Tag gemiethet.«
Der Poet hatte das Gefühl, als schlage ihm ein Schmiedehammer Eines vor den Kopf. Nach Luft schnappend, stieß er die Frage hervor: »Unter welchem Namen haben sich denn die Beiden in das Fremdenbuch eingeschrieben?«
»Als das Ehepaar Dubois,« lautete die zermalmende Antwort.
»Du-bo-is!!!« lallte der in die nüchternste Prosa zurückgeschleuderte Liebling der Camönen: »Du-bo-is!!!«
Mit einem Tigersprung stürzte er sich in die Droschke. »Galopp, zum nächsten Polizeibureau!« brüllte er dem Kutscher zu, daß der steife Droschkenschimmel erschrocken ein Männchen machte. Ja wohl Galopp! Er hätte ebensowohl im Schneckentempo fahren können und immer noch wäre er frühe genug nach dem Polizeibureau gekommen, um hier die niederschmetternde Bestätigung zu erhalten, daß er und sein Zweitausend-Rubel-Pelz einer schlauen Betrügerin und deren Helfershelfern nur allzu willig in's Garn gegangen waren! Seinen Zobel sucht er heute
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noch - von Ylang-ylang-Briefchen und Theevisiten bei russischen Prinzessinnen will er aber nichts mehr wissen ...«
Damit schloß Griscelli und seine beiden Kameraden lohnten, diesmal mit einem natürlichen Gelächter die Erzählung. Auch bei dem finstern Italiener hatte die Komik der Situation nicht vergebens angepocht und mit dem Kellner theilte er die Heiterkeit seiner Tischnachbarn.
Mitten in das Lachen der Gesellschaft hinein schnarrte die Wanduhr zehn gemessene Schläge. Eine volle Stunde über die gewohnte Zeit und - immer noch wollte Kelch nicht erscheinen! ...
Was machen? Griscelli frug es sich in fieberhafter Erregung. Bleiben oder gehen? Und als wolle der Teufel so recht sein Spiel machen - - im selben Moment langte sich der Italiener seinen Hut vom Nagel herunter und fuhr langsam, offenbar einen Gedanken erwägend, mit seinem Rockärmel glättend über den Deckel hin. Kein Zweifel: mit Abschluß der ihn momentan fesselnden Pelzgeschichte war ihm seine wichtigere Aufgabe wieder in den Sinn gekommen und da sich Kelch immer noch nicht zeigen wollte, so gedachte Morelli, seinen Complicen anderswo aufzusuchen. Und gerade das, wie schon bemerkt, konnte Griscelli's ganzen Plan umstoßen. Auch seine beiden Kameraden hatten die unzeitige Zurüstung des Italieners natürlich beobachtet und ebenso richtig im Blicke ihres Vorgesetzten die Unruhe gelesen, die ihn verzehrte. In allen Fällen mußte der letzte Versuch gemacht werden, den Italiener nochmals zum Dableiben zu bewegen. Vielleicht kam unterdessen doch noch der von zwei Seiten so [371]
sehnsüchtig erwartete Gast, oder aber schickte der Polizeipräfekt eine weitere Ordre ...
Mit einem hellen Lachen begann Hébert: »Pardieu«[ - ] er dauert mich, der arme Merimée - immerhin aber darf er den Schelmenstreich der Madame Dimilowsky-Dubois als eine gerechte Sühne betrachten für eine Missethat, die er mit satanischem Bedacht verübt hat und die ihm höchst wahrscheinlich sauer aufgestoßen wäre, wenn nicht eine sehr hochstehende Person dem Malefikanten Amnestie erwirkt hätte.«
Der Italiener hielt in seinem Glättungswerke ein und blickte unschlüssig zu dem Trio herüber. Jedenfalls war es eine nicht minder amüsante Schnurre, die soeben aufs Tapet gebracht werden sollte. Konnte er sie füglich nicht auch noch mit auf den Weg nehmen? Er blieb sitzen.
»Los mit Deiner Geschichte, wenn sie auch nicht wahr ist!« lachte Griscelli.
»Hoho!« polterte Hébert im Ton sittlicher Entrüstung: »in meiner Familie wird nie gelogen.«
»Das kann ich bezeugen!« bestätigte Letourneur salbungsvoll: »sein seliger Vater war so wahrheitsstreng, daß er an einer Zeitungslüge, die er unbedachtsam verschluckte, erstickt ist.«
»Präsentirt's Gewehr!« commandirte Griscelli mit der Fistelstimme eines neugebackenen Secondelieutenants.
»So erzähl' wenigstens mir die Unthat des Monsieur Merimée!« beschwichtigte Letourneur den schmollenden Wahrheitsfanatiker.
Mit urkomischem Trotz seinem Beleidiger den Rücken
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zuwendend, begann Hébert: »Ein hoher Würdenträger unserer Staatsregierung hatte einen Maskenball veranstaltet und Merimée, als gefeierter Dichter und spezieller Günstling des Kaisers, war auch dazu eingeladen worden. Das Fest war im schönsten Gange, die Säle wimmelten von den glänzendsten und originellsten Masken und immer noch gesellten sich neue fort und fort dazu - natürlich lauter Herren und Damen vom Hof und aus den distinguirtesten Gesellschaftskreisen. Auch die kaiserlichen Majestäten erschienen als Zuschauer. Mit einem Mal geht ein heiteres Gelächter durch den bunten Ring: gravitätisch und feierlich« - -
»Wie der Rachegeist in einem fünfzehnaktigen Melodrama« schaltete Griscelli mit grabeshohler Stimme ein -
Noch grimmiger als zuvor drehte Hébert dem Spötter den Rücken hin und seine Stimme schien vor innerer Wuth zu zittern, als er nach einer Pause weiter fortfuhr: »Mitten in dem Maskenkreis war eine lange Gestalt aufgetaucht, deren schlichte Vermummung in einem gelben Domino bestand, der aber hinten und vorn, über und über mit den leckersten Bonbons und Confiserien behängt war. Das Weitere läßt sich denken! Im Handumdrehen war der unglückliche Domino leer geplündert und in toller Flucht, von einem Rudel schmausender Dämchen verfolgt, verschwand er wieder aus dem Saal. Sehr bald aber sollten die Räuber und Räuberinnen des Bonbonsschmuckes die minder lustige Rückseite der Medaille kennen lernen, denn - mit Respekt zu melden - der perfide Domino hatte seinem süßen Köder einen eigenthümlichen Beisatz gegeben, über dessen ebenso
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rapide als energische Wirkung des Sängers Höflichkeit schweigen soll. Zunächst sah man hier und da eine Maske in eilfertiger Hast der Thüre entgegensteuern und auf längere Zeit verschwinden - dann entwichen die Deserteure gruppenweise - zuletzt gab's eine fo[ö]rmliche Völkerwanderung und Merimée, der tückische Urheber dieses dramatischen Intermezzo's, beobachtete von sicherm Versteck aus die Folgen seines diabolischen Werkes. Der Kaiser und die Kaiserin, höchlichst erstaunt über dieses Ausreißen en masse« - - -
Mit einem Mal verstummte Hébert.
Im selben Moment hatte sich die Thüre geöffnet und auf der Schwelle zeigte sich ein neuer Gast. Die Thürklinke noch in der Hand haltend, blieb er stehen und ließ einen forschenden Blick durch das Wirthszimmer schweifen, in welchem sich, außer den drei Agenten und dem Italiener, unterdessen noch andere Gäste eingefunden hatten. In seiner momentanen bewegungslosen Haltung gab, so zu sagen, der neue Ankömmling ein lebendes Bild ab, um das sich die Thürfüllung als abschließender Rahmen schlang. Ein Mann von etwa vierzig Jahren mochte er sein und volle sechs Fuß hoch stand er - wie die Amerikaner sagen - »in seinen Strümpfen«. Ein schwarzes Sammtjaquet, das er trotz der empfindlichen Kälte offen trug, eine hellgraue, knapp anliegende Hose und blankgewichste Kappenstiefel bildeten die wirksamste Folie für den herkulischen und doch so harmonisch proportionirten Gliederbau dieses Mannes. Seine Gesichtsbildung war keine französische - vielmehr eine germanische. Ein rothblonder,
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mächtig langer Schnurrbart überschattete den energisch geschnittenen Mund und unter dem breiten Rand des Filzhutes blitzten ein Paar blaue Augen hervor, die den verwegensten Muth kündeten. In der Hand, die kokett mit einem perlgrauen Glacé bekleidet war, trug er ein Bambusrohr, das, wie der kundige Blick der drei Polizeiagenten sofort errieth, jedenfalls einen Stockdegen barg.
Es war Kelch ...
Die plötzliche Erscheinung dieses Riesen in seiner Urfülle von Kraft und wilder Schönheit hatte etwas so Imponirendes, daß die drei Sendboten des Gesetzes für den ersten Moment ganz ihre ernste Mission vergaßen und in rein menschlicher Bewunderung die Hünengestalt musterten, mit der sie sich im nächsten Moment auf Tod und Leben messen sollten.
Wahrlich - wie später Griscelli humoristisch bemerkte: ein Kaiser konnte sich keinen prächtigern Attentäter wünschen ...
Mit dem ersten Schritt, den Kelch vorwärts that, war natürlich auch der Bann gefallen, der die drei Agenten sekundenlang bestrickt hatte. Jetzt war dieser martialische Goliath nichts weiter als eine dienstliche Ordre, die um jeden Preis erledigt werden mußte. Jede Muskel und Sehne spannte sich bei dem Trio straff: die Katastrophe war da!!! - - -
Die Agenten hatten sich gleich von vornherein so gesetzt, daß sie mit ihrem Blick bequem die Thüre bestreichen konnten, während ein Pfeiler sie dem Eintretenden halb entzog. Mit seinem scharfen Auge hatte Kelch sofort den
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Italiener bemerkt, dem Spießgesellen kurz zunickend, wandte er sich nach dem Büffet hin, offenbar, um bei dem Garçon etwas zu bestellen. Der Italiener seinerseits erhob sich von seinem Stuhl, um dem so ungeduldig erwarteten Kumpan entgegenzugehen. Ein blitzschneller Blick Griscelli's war das stille Signal - mit einem gleichen Blick antworteten seine beiden Kampfgenossen. Schon im selben Moment stürzten sich, ihrer Rollenvertheilung gemäß, die drei Agenten wie ebensoviele Tiger auf ihre ahnungslose Beute.
Ein furchtbares Bild.
Letourneur, vormals Wachtmeister bei den Centgardes, dieser aus lauter Riesen formirten Leibschwadron des Kaisers, quetscht den Italiener wie eine Citrone zusammen - Griscelli und Hébert ihrerseits halten Kelch mit eisernen Griffen umklammert. Einen Moment lang steht die mächtige Gestalt wie gelähmt, dann aber rühren sich die athletischen Arme und rütteln mit einem kurzen Ruck die beiden Gegner los. Im nächsten Augenblick schon stürmt, des Locales kundig - selbstverständlich zum nicht geringen Schrecken der anwesenden Gäste - Kelch durch den Saal und die angrenzenden Zimmer, hinterdrein Griscelli Hébert und die weitern zwei Geheimagenten, die bisher die Wohnung des Attentäters überwacht und ihn auch von dort zur Restauration begleitet hatten. Der Leser dürfte sich darob verwundern, daß ein Mann von solch kolossaler Kraft und wilder Verwegenheit, wie Kelch sie besaß, Hals über Kopf das Hasenpanier ergriff, statt sich, wohlbewaffnet, wie er es jedenfalls ja war, grimmig seiner Haut zu wehren.
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Man darf aber dabei zweierlei nicht außer Acht lassen: zunächst der moralische Effekt, den das Erscheinen der Polizei selbst auf den kühnsten Verbrecher noch ausübt und dann der blitzartige Zugriff der Agenten. Auch muß man bedenken, daß Kelch bisher des festen Glaubens gewesen war, die Polizei habe überhaupt gar keine Kenntniß von seiner Anwesenheit zu Paris. Desto verblüffender war also die jähe Enttäuschung und desto erklärlicher wird der erste Impuls, in der Flucht die einzige Rettung zu suchen ...
Stühle, Tische und Gäste umwerfend, war der Flüchtling im letzten Zimmer angelangt; durch das Getümmel der angstvoll hin und her rennenden Gäste hatten die verfolgenden Agenten einige Minuten verloren, die der Häftling dazu benutzte, ein Fenster aufzureißen und mit einem wilden Satz in den Hof hinabzuspringen. War dessen Thor offen, so winkte, wenigstens für den Augenblick, dem Flüchtling die mögliche Rettung. Doch sein Schicksal war besiegelt!
Kaum fünf Minuten zuvor, wie sich später herausstellte, hatte ahnungslos der Hausknecht das bis dahin weitoffene Hofthor geschlossen und jetzt saß Kelch in der Falle wie ein gefangener Wolf. Wie weiland Simson an den Marmorsäulen, so rüttelte und schüttelte der Verfolgte mit seiner ganzen Riesenkraft an den Thorflügeln, die seiner Anstrengung spotteten.
Er blickte nach dem Fenster hin ... soeben schwingt sich einer seiner erbarmungslosen Jäger auf die Brüstung, um gleichfalls in den Hof hinabzuspringen. Es war
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Griscelli. Hinter dem Corsen zeigen sich die Köpfe der übrigen Polizisten. Alles ist verloren - aber gerade in diesem Bewußtsein findet Kelch sein ursprüngliches Ich wieder. Ein Pistol aus der Tasche reißend, schlägt er mit eisenfester Hand auf Griscelli an: doch auch Der hatte schon seinen Revolver schußfertig und gleichzeitig, wie auf Commando, geben beide Feuer. Es ist bereits gesagt worden, daß Kelch eine ungemeine Uebung in der Handhabung der verschiedensten Waffen besaß und auch hier sollte es sich zeigen, wieviel wohl das Leben Louis Napoleon's noch Werth gewesen wäre, wenn ihn ein solcher Schütze in voller Ruhe aufs Korn genommen hätte! Trotz all' seiner Aufregung hatte Kelch so präcis gezielt, daß seine Kugel dicht an Griscelli's Ohr vorüberzischte und sich in den Fensterrahmen eingrub. Pulverdampf umschleiert das grausige Bild: mitten im wogenden Rauch sinkt die Hünengestalt des revolutionären Bravo's zu Boden wie eine blitzgeknickte Eiche!!
Das tödliche Blei aus des Corsen sicherm Rohr hatte sich mitten in den Schädel eingebohrt und mit einem Schlag den Lebensfaden des Banditen durchschnitten.


Eine halbe Stunde später lieferte Griscelli den Itali[e]ner und die blutige Leiche Kelch's an den Polizeipräfekten Pietri ab. Pietri fuhr seinerseits im gestrecktem Rosseslauf nach den Tuilerien, um dem Kaiser Meldung zu erstatten. An maßgebender Stelle wurde es als opportun erachtet, über den ganzen Vorfall einen diskreten Schleier zu werfen
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und so erhielten noch am selben Tage die Redakteure sämmtlicher Pariser Blätter von der Polizeipräfektur aus ein Communiqué, worin Kelch und Morelli ganz munter als Falschmünzer figurirten! Mit gewohntem Gehorsam druckten die so wohlgedrillten Blätter die polizeiliche Notiz ab und Abends hatte der ehrsame Philister an seinem Stammtisch ein Langes und Breites zu plaudern über den gottlosen Falschmünzer, der aus Messing hatte Napoleond'ors fabriciren wollen, dem aber die hochwohllöbliche Polizei so prompt auf die Bude gestiegen war.
Auch der Restaurateur Desmaret, in dessen Lokal sich der blutige Schlußakt abgespielt hatte, erhielt den vertraulichen Wink, über den ganzen Auftritt keine weitern Worte mehr zu verlieren und der wackere Mann verstand sofort die zarte Andeutung, in deren Falten sich ja das drohende Schreckgespenst polizeilicher Chicanen aller Art und schließlicher Concessionsentziehung barg. Allerdings konnte es Pietri mit all' seinen Beschwichtigungsmitteln nicht verhindern, daß von London der wahre Sachverhalt herüberdrang, dennoch aber hütete sich die Presse, durch bittere Erfahrung gewitzigt, den »Falschmünzer« Kelch nochmals aufs Tapet zu bringen - andere Ereignisse der bewegten Zeit schoben sich in den Vordergrund und so kam es, das[ß] nicht einmal zu Paris, viel weniger draußen in der Provinz das große Publikum einen vollen und klaren Einblick in die »Affaire Kelch« erhielt.
Um den Leser auch über das fernere Schicksal Morelli's zu unterrichten, so sei bemerkt, daß man den Italiener zunächst nach dem Zellengefängniß Mazas brachte. Hier
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ward er weidlich in's Gebet genommen und Nichts blieb unversucht, dem verstockten Sünder die Zunge zu lösen. In zähem Trotz aber setzte er seinen Richtern und Wärtern finsteres Schweigen entgegen, er ließ sich absolut nicht mürbe machen und vereitelte demzufolge die Erwartung, durch seine Geständnisse einen tieferen Einblick in das Mazzinistische Verschwörungsgewebe gewinnen zu können. Um den hochgefährlichen Burschen wenigstens unschädlich zu machen, schaffte man ihn mit dem nächsten Transport nach der Strafkolonie Cayenne. Kaum war er hier angelangt und der Disciplinar-Compagnie A zugetheilt worden, als er am hellen Tag einen Fluchtversuch unternahm. Die Aufseher und Schildwachen bemerkten es noch rechtzeitig und verfolgten den Ausreißer. Morelli war aber ein ganz ungemein flinker Läufer und der Drang nach Freiheit beflügelte seine Füße nur noch mehr. In wenigen Minuten hatte er schon einen bedeutenden Vorsprung gewonnen, keine der ihm nachgeschickten Flinten- und Pistolenkugeln traf und unbehelligt erreichte er das Ufer des die Station begrenzenden Maroni. Einen Moment schöpfte der Flüchtling Athem und sah sich nach seinen Verfolgern um, dann stürzte er sich mit einem wilden Sprung in die trüben Wellen des hier sehr tiefen und breiten Stromes. Die Möglichkeit einer Flucht nach dieser Richtung hin war von dem Gouvernement der Strafkolonie schon längst in's Auge gefaßt worden und demgemäß lagen an verschiedenen Uferstellen unter der Obhut von Schildwachen Kähne bereit, um dem den Wasserweg wählenden Deserteur den Paß abschneiden zu können. Während also die Schaar
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von Wächtern und Soldaten dem flüchtigen Italiener nachlief, zweigten sich Drei oder Vier ab, um den Nächstliegenden Kahn zu erreichen. Als die Uebrigen keuchend den Uferrand betraten, sahen sie den Schwimmer schon ziemlich weit im Wasser treiben und mit nervigen Armen die Flut zertheilen. In Nu senkten sich ein paar Musketenläufe, um auf den Flüchtling Feuer zu geben ... da machte mit einem Mal einer der Wächter, ein im Colonialdienste ergrauter Schnauzbart, ein Halt gebietendes Zeichen: mit seinem Finger deutete er nach einer Stelle im Strome. In einer breitgespaltenen, zu Schaum gepeitschten Wellenfurche kam quer über den Wasserspiegel hin eine dunkle Masse herangeschossen, die sich offenbar den Schwimmer zum Ziel erkoren hatte.
Regungslos, von einem unwillkürlichen Schauer gepackt, verfolgten am Ufer die Männer die unheimliche Jagd. Aber auch der Flüchtling hatte bereits den nahenden Feind bemerkt: einen Moment lang trieb er, wie an allen Gliedern gelähmt, mit der Strömung dahin - im nächsten Augenblick griff er mit Armen und Beinen aus, als woll' er mit einem einzigen Stoß den Raum durchfliegen, der ihn von dem rettenden Ufer trennte. Und näher, immer näher rauschte, von seinem Blutdurst beflügelt, das Ungeheuer der feuchten Tiefe heran! Im Sonnenlicht sah man aus dem weitgesperrten Rachen die weißen furchtbaren Zähne hervorblinken. Zwei oder drei Ellen von seiner Beute entfernt, sank das Ungethüm mit einem Mal in den Strudel hinab wie ein Bleiklotz ... Der alte Stationswächter, der in seinem langjährigen Dienste dieses gräßliche
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Schauspiel schon mehr wie einmal angesehen und bisher in kalter Ruhe den wilden Schwimmkampf zwischen Mensch und Thier beobachtet hatte, machte jetzt bei dem jähen Versinken des Ungethüms eine unwillkürliche Handbewegung nach seinem Gürtel hin, in welchem der Revolver stak. Sein von der südamerikanischen Glutsonne zu einem dunkeln Mahagonybraun gegerbtes Gesicht spiegelte den Ausdruck eines momentanen Mitleides.
»Eh, la canaille!« stieß er zwischen den fest zusammengepreßten Zähnen hervor und machte mechanisch einen Schritt vorwärts.
Und horch! Vom Strome her gelt ein Todesschrei, Mark und Bein durchdringend - mit einem krampfigen Ruck schnellt der Schwimmer bis zum halben Leibe aus dem Wasser empor ... dann reißt es ihn mit unsichtbarer Gewalt in die gespenstige Tiefe hinab. Ein Blutfleck röthet den wirbelnden Strudel, dann glätten sich wieder die Wellenringe und über Wasser und Land brütet wieder die Geisterruhe der Tropennatur.
Im Magen eines Krokodils hatte der Italiener sein Grab gefunden.


Mit dem Bericht über Morelli's grausiges Ende mußten wir der Zeit vorauseilen und so kehren wir nun nochmals zu jenem dramatischen Wintermorgen zurück, der den Gästen in der Restauration Desmaret so unerwartet den Frühschoppen vergällen sollte.
Wie schon bemerkt, hatte Griscelli die Leiche Kelch's sofort an den Polizeipräfekten abgeliefert und Letzterer sich
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ebenso ungesäumt nach den Tuilerien begeben, um dem Kaiser Rapport zu erstatten. Noch im Laufe des Nachmittags ward der Corse zu dem Präfekten beschieden, der ihm eröffnete, er habe sich Abends präcis um Zehn Uhr im Schlosse einzufinden, da der Kaiser sich gedrängt fühle, dem pflichtgetreuen Sicherheitsbeamten seine persönliche Anerkennung auszusprechen. Mit einigen näheren Instruktionen über die Toilette zu dieser Privataudienz entließ der Präfekt den Agenten, der sich nach dem Palais-Royal wandte, um nach all' der wochenlangen Aufregung und Hetzerei wieder einmal in ungestörter Behaglichkeit zu diniren. Abends auf den Glockenschlag Zehn meldete sich, seiner Anweisung gemäß, Griscelli in einfacher schwarzer Kleidung bei Monsieur Broc, dem damaligen ersten Kammerdiener des Kaisers. Auf der Geheimtreppe, die von dem Pavillon de l'Horloge bis zu den auf der Südseite des Schlosses belegenen kaiserlichen Gemächern hinüberführte, geleitete der Kammerdiener den nächtlichen Gast nach dem Empfangscabinet, das der Monarch für derartige hors de ligne rangirende Besuche und Audienzen bestimmt hatte. Pünktlichkeit gehörte zu den persönlichen Haupttugenden des Imperators und auch diesmal war er bereits an Ort und Stelle. Mit katzenleisem Schritt hatte sich der diskrete Kammerdiener nach der Anmeldung zurückgezogen. Um wohl die Begegnung mit dem Geheimagenten als eine rein private zu charakterisiren, trug Louis Napoleon die bequeme Hauskleidung, die er in nichtofficiellen Momenten so gern mit der steifen Uniform und dem pedantischen Staatsfrack vertauschte. Mit dem gewinnenden Lächeln,
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das so unverkennbar von der persönlichen Gemüthlichkeit des blutigen Decembermannes zeugte, ging er dem schlichten Polizeiagenten entgegen und schüttelte ihm cordial die Hand. »Setzen Sie sich, mein Lieber,« sagte er, nach einem Fauteuil hindeutend. Der Corse zögerte, der huldvollen Aufforderung nachzukommen.
»Nur nicht blöde!« scherzte der Kaiser: »Sie haben für Mich lange genug Posten gestanden, um jetzt auch von Mir einen Sitz beanspruchen zu dürfen.« Seine Hand auf die Schulter des Agenten legend, drückte er ihn in den Sessel nieder, dann wandte auch er sich seinem Platze wieder zu.
»Bien, lieber Griscelli,« begann er nach kurzem Schweigen: »jetzt erzählen Sie mir nochmals ganz ausführlich den Hergang Ihres Frühbesuches in der Restauration Desmaret.«
Der Agent berichtete, was wir bereits wissen. Schweigsam seine Cigarette rauchend, folgte Louis Napoleon dem für ihn doppelt und dreifach interessanten Rapport. Von Zeit zu Zeit drehte er sinnend die Spitzen seines Schnurrbartes. Mitten in dem Bericht Griscelli's erhob sich der Kaiser von seinem Sessel und schritt langsam, mit einer gewissen Schwerfälligkeit, die schon damals seine Bewegungen charakterisirte, in dem Cabinet auf und nieder.
In seinem Gesichte lag der Ausdruck eines tiefen Ernstes und schon seit einer Weile hatte der Agent seinen Rapport beendigt, ohne daß sein hoher Zuhörer es zu beachten schien. Mit einem Mal aber kehrte sich Louis Napoleon seinem nächtlichen Gaste zu und ein spöttisches
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Lächeln zuckte über seine starren Züge hin. »Die Tollköpfe zu London - glauben sie wohl mit einer Revolverkugel oder einem Messerstich ihr Programm durchsetzen zu können? Sie mögen Gott dafür danken, daß es diesem Taugenichts von Kelch nicht geglückt ist, meinen Kopf zu durchlöchern, der für das Wohl Italiens denkt und wacht, während tausend andere schlafen.«
Sein Blick richtete sich nach der Stutzuhr, die auf dem marmornen Kaminsims ihr leises Tiktak hören ließ. »Die Leiche wird heute Nacht noch beerdigt?« wandte er sich an den Agenten.
Griscelli machte eine bejahende Verbeugung. »Heute Nacht um Ein Uhr auf dem Leichenacker für die Hingerichteten.«
»Der Mann hat es so gewollt,« sprach der Kaiser vor sich hin: »mit seinem Muth und seiner Kraft hätte er für einen bessern Zweck auf dem Feld der Ehre fallen können!« Er ergriff mit Wärme die Hand des Agenten, »Nochmals meinen Dank, lieber Griscelli! Das Weitere wird folgen.« Er las in dem Auge des Corsen offenbar einen stillen Gedankengang, denn er sagte: »Sie haben wohl noch etwas auf dem Herzen?«
»Sire,« antwortete der Sicherheitsbeamte zögernd: »eine Kugel oder ein Dolchstoß kann unter Umständen rascher sein, als die Hand des wachsamsten Agenten! Wenn ich mir in aller Ehrfurcht eine Bemerkung gestatten dürfte, so möchte ich Eure Majestät ergebenst ...«
»Aha!« lächelte der Kaiser: »ich weiß schon was Sie meinen ... Sehen Sie her!« Er schob vorn auf der
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Brust sein Hemd leicht auseinander: im Lichtschein glitzerten die Drahtmaschen eines geschmeidigen Panzergewebes. »Ich für meine Person,« sagte er leichthin: »verschmähe alle derartigen Schutzmittel, denn ich habe mein Leben in Gottes Hand gestellt, ich bin nur als gehorsamer Ehemann den flehentlichen Bitten der Kaiserin nachgekommen ... Jetzt gute Nacht, mein lieber Griscelli!« Mit einer graciösen Handbewegung deutete der Monarch den Abschluß der Audienz an und in militärischer Haltung trat der Agent ab, um von dem draußen postirten Kammerdiener in gleich diskreter Weise zurückgeleitet zu werden ...
Ob in dieser Nacht Louis Napoleon einen ebenso gesunden Schlaf gethan hat, wie sein abgelöster polizeilicher Schutzengel - wer will es wissen? Immerhin durfte er leichter aufathmen, denn bei all' seiner äußerlichen Selbstbeherrschung mag er mehr wie einmal im Stillen gedacht haben: »Herr, nimm diesen Kelch von mir!«
Gleich am nächsten Morgen empfing Griscelli durch das kaiserliche Geheimsekretariat eine Gratifikation von zwanzigtausend Francs, in lauter funkelnagelneuen Tausendfrancs-Billets der Staatsbank. Aus der Handkasse des Polizeipräfekten kamen noch weitere zweitausends Francs dazu. Die Kaiserin Eugenie ihrerseits übernahm bei dem Töchterchen des Agenten die Erziehungskosten bis zum achtzehnten Lebensjahr des Kindes. Der Glückstag schloß mit diesen Bescheerungen noch nicht ab: durch den Generaladjutanten Graf von Montebello erhielt Griscelli ein Brevet zugestellt, das ihn auch für fernerhin mit der persönlichen Schirmvogtei des Kaisers betraute; bei den Reisen des Monarchen
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innerhalb Frankreichs sollten die betreffenden Polizei- und Gendarmerie-Mannschaften seiner jeweiligen Autorität unterstellt und die Präfekten der in die kaiserliche Reiseroute fallenden Departements darnach instruirt werden. - -
Also geschah es, daß ein gutgezielter Revolverschuß den einstigen halbnackten corsischen Ziegenhirten zum nächsten Begleiter eines Kaisers erhob!
In den Tuilerien, in den kaiserlichen Sommer-Residenzen, auf den Reisen nach Biarritz, nach Marseille, Bordeaux, Lyon, Hâvre, Lille &c. &c. schlägt Griscelli, der Rustan des Neffen, sein Feldbett neben dem Schlafgemach des Imperators auf. Unter dem Schutze des blanken corsischen Stilets träumt der gekrönte Decembermann von zukünftigen Siegen: das dunkle Wölkchen aber, das manchmal schwül über die so rosenfarbigen Phantasmagorien seiner Seele hinwegzieht, ist vielleicht schon - damals freilich für den kundigsten Zeichendeuter noch ein Räthsel - der gespenstige Nachtschatten des blutigen Gerichtstages von - Sedan! ...

Fußnoten:

1Die See.
2Mutter.
3Jütländer.
4Festmachen.
5Der Oberst wurde als eins der ersten Opfer des Systems der Morde vor der Citadelle selbst am 19. Juli erschossen, ohne daß es gelang, des Mörders habhaft zu werden.
6Der Student Paul Liandowski trat in der That nach dem Tode des Okuliarnik im Oktober 1863 an die Spitze der sogenannten Hängegendarmen, der Kerjalisten oder Dolchmänner, welche die Urtheile des Revolutionstribunals zu vollstrecken hatten. Wie die späteren Entdeckungen ergaben, bestand zu jener Zeit bereits im Geheimen die Organisation der provisorischen Volksjunta, das heißt der demokratischen Agitation, welche darauf ausging, die Leitung der ganzen Erhebung an sich zu reißen und sie der Partei der Weißen, also der Adels und kirchlichen Partei zu entziehen, die durch das sogenannte, aus fünf Mitgliedern bestehende Central-Comité geleitet wurde. Es ist längst unzweifelhaft bewiesen, daß die ganze polnische Bewegung von 1861 bis 64 in innigem Zusammenhang mit der socialistischen und republikanischen Agitation durch ganz Europa stand und weniger der staatlichen Befreiung Polens von russischer Herrschaft galt, als einem Schlag gegen das monarchische Princip überhaupt und namentlich gegen Preußen, unterstützt und gefördert dabei durch die Eifersucht der Kabinete von Wien, St. Cloud und Kopenhagen und die jesuitischen Intriguen zur Wiederherstellung der päpstlichen Oberherrschaft in Deutschland. Nur dem Widerstreit dieser revolutionairen Ziele, der dynastischen Eifersucht der Kabinete und des Papstthums unterlag die wohlgeplante Bewegung, deren Unterdrückung sonst Rußland schwer genug geworden wäre. Nachdem sich das Central-Comité im August zu seiner ersten öffentlichen Proklamation hatte drängen lassen, war allerdings kein Halt mehr auf der betretenen Bahn und schon im Januar 1863 die Bewegung planlos in der Hand der Junta und ohne höheres Ziel.
7Bereits unter der National-Regierung, also zur Zeit des Central-Comité's waren die acht Woiwodschaften in 39 Bezirke, diese in Kreise und diese wieder in Kirchspiele (Parafien oder Prichoden) getheilt. Die Beförderung der geheimen Befehle in und von Warschau aus geschah, seit dem Sommer 1862 und nach der Begründung des besondern Polizei-Departements in der Centralorganisation der Revolution hauptsächlich nur durch Weiber, die in bestimmtem geringen Solde wie etwa Botenfrauen standen, und sie an zwei Orten in Warschau: einer Apotheke in der Marschallstraße und dem Wrovlewskischen Pfefferkuchenladen in der Kapitelstraße täglich in Empfang nahmen.
8Ein aus dem russischen Dienst desertirter Generalstabskapitain. Das Kriegsdepartement der geheimen revolutionären Organisation, das zuerst unter Leitung von Eugen Kaczkowski stand, befaßte sich eigentlich nur mit der obern Leitung des Kriegswesens und überließ die Details, wie z. B. die Bildung der Banden und ihre Ausrüstung der sogenannten städtischen Organisation.
9Es geschah dies erst durch das Decret der »Volksjunta« am 22. Januar 1862, worauf nach den ersten Miroslawskischen Mißerfolgen die Partei der Weißen, also das Central-Comité, Langiewicz am 16. März wieder zum Dictator erklärte, freilich ohne bessern Erfolg. Während die ursprüngliche Organisation der Erhebung in der That ausgezeichnet war, bewies der ganze Fortgang nur die völlige Unfähigkeit zu eigenem nationalen Regiment, durch die fortwährenden Parteizwiste und Intriguen.
10Biarritz Bd. V. (Die Tauben der Königin.) S. 142.
11Sieh' Neapel und stirb!
12»Engelsburg« - warum nicht richtiger Teufelsburg!
13Bruder, Bruder ... freie Kirche im freien Staate!
14Das wird eine heiße Affaire absetzen.
15Ein, so zu sagen, die sinnliche Glut der Tropenwelt ausathmendes ätherisches Oel, das, von den Philippinischen Inseln herübergebracht, gerade damals in den eleganten Pariser Damenkreisen Furore machte.




Werke von Sir John Retcliffe