Puebla

oder

Die Franzosen in Mexiko.

Historisch-politischer Roman aus der Gegenwart.

von

Von Sir John Retcliffe.

(Verfasser des Romans »Sebastopol.«)

Erste Abtheilung: Der Schatz der Ynkas.

Erster Band.

Erster Abschnitt.

Der neue Argonautenzug.

Eine Spielparthie.

Der Kanonendonner auf den Boulevards und an der Kirche St. Eustach schwieg seit vier Stunden. Die gräßliche Nacht war vorüber und Paris erwachte, um zitternd und besiegt seine Todten unter den Leichenhaufen zu suchen, welche noch die Trottoirs und die Schwellen der Häuser bedeckten, an deren Thüren die Unglücklichen vergebens Hilfe und einen Rettungsweg gesucht hatten.

Es war ein entsetzlicher, grauenhafter Anblick, der sich in der sonst so prächtigen Straßenreihe bot. Viele Häuser waren von den Vollkugeln und Kartätschen äußerlich fast ganz demolirt, ja einzelne drohten den Einsturz. Alle Fensterscheiben waren zerschmettert, in den Vertiefungen um die Bäume her stand faktisch das geronnene Blut zollhoch, auf den Trottoirs selbst konnte man nur mit Mühe den rothen Lachen ausweichen; an einzelnen Stellen hatten die rohen Hände der Soldaten die Todten über einander geworfen, an anderen lagen sie noch in derselben Stellung, wie die verderbliche Kugel sie getroffen; Männer in Blousen und im feinen Rock des Flaneurs, - ein armer

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Wasserverkäufer mit seinem Horn; - Frauen aus dem Volk, daneben ein junges, schönes Mädchen in glänzender Toilette, der eine Kugel Hut und Kopf von der Seite durchbohrt hatte; - eine todte Frau, deren kaltes Gesicht ein kleines Kind weinend und hungrig streichelte; - Bürger und Beamte, die in irgend einem Geschäft zufällig vorüber gekommen - jene furchtbare Gemeinschaft des Todes, die alle Stände gleich macht!

Weiterhin über dem Boulevard Poissonnière nach St. Denis hin, an der Porte Saint Martin, mehrten sich die Zeichen der Zerstörung. Hier hatten die Barrikaden gestanden, auf denen sich die Rothen - Männer, Knaben und Frauen - bis zum letzten Augenblick geschlagen, und die von den Jägern von Vincennes zuletzt mit dem Hirschfänger auf den Büchsen genommen worden waren. Die Balken, Bohlen, Möbel und Steine, die man dazu benutzt - das Volk hatte selbst ein ganzes Baugerüst an einer Stelle zusammengestürzt - waren bei Seite gebracht, um die Passage für das Militär und das Publikum wieder frei zu machen.

Das letztere bestand aus zitternden, weinenden Frauen, die durch die Nebel des December-Morgens schlichen, um ihre Gatten oder Söhne zu suchen; aus Männern, die nach ihren Frauen, aus Kindern die nach ihren Eltern jammerten; aus jenen Neugierigen, die selbst in den Schrecken des Todes, in dem starren Auge der Leiche ein Schauspiel suchen, jeden Schritt mit Zittern der Furcht und dem Erbeben der Nerven thuend und dennoch niemals von solchen Scenen zurückbleibend!

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Auf der Mitte der breiten Straßen bivouacquirten noch die Truppen, welche die schreckliche Menschenjagd gehalten, die am Nachmittag des vergangenen Tages auf die Ordre des Kriegs-Ministers Saint Arnaud begonnen und bis lange nach Mitternacht gedauert hatte. Andere Bataillone kamen mit klingendem Spiel, eine furchtbare, höhnende Leichen-Musik, heran, um die von Blut, Wein und Pulverdampf erschöpften Kameraden abzulösen. Paris war besiegt, zerschmettert, der rebellische Geist auf Jahrzehnte von der furchtbaren Lection unterdrückt, die künftige Kaiser-Krone für das Haupt des Präsidenten Louis Napoleon durch den Staatsstreich des 2. December und die Massacre vom 4. aus Blut und Eisen geschmiedet! - -

Es war sieben Uhr Morgens, das Wetter kalt und unangenehm; ein feuchter, widriger Nebel lag noch zwischen den Häuserreihen, und die auf der Mitte der Straße noch immer brennenden Wachtfeuer leuchteten unheimlich durch den Nebelschleier, der sich nur langsam hob.

An den Seiten des Straßendammes hielten von zwanzig zu zwanzig Schritten Kavalerieposten, die Faust mit der gespannten Pistole auf dem Schenkel.

Allmälig begann sich der Nebel zu lichten und die Personen, die das Trottoir entlang zogen, wurden erkennbarer.

Aus der Rue Richelieu kamen zwei Männer, ihrer Kleidung nach den wohlhabendern Ständen angehörend, und blieben an der Ecke stehen, um die Zerstörungen zu betrachten, welche durch Erbitterung der Soldaten auf einen Schuß, der angeblich aus den Fenstern des Café Anglais

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auf die Truppen gefallen war, hier an den elegantesten Etablissements des modernen Paris angerichtet hatte.

Das halbtrunkene Militair war in das Café Tortoni und das Café Frascati eingedrungen und man sah deutlich von außen die Spuren der Verwüstung. Selbst bis in die Wohnung des bekannten Musikhändlers Brandis, die sich in dem Eckhaus des[der] Rue Richelieu befindet, hatte man die Geflüchteten verfolgt und es hatte der größten Anstrengungen der Officiere bedurft, um die Hausbewohner zu retten.

Dennoch, trotz der schrecklichen, auf jedem Schritt sichtbaren Spuren begann in den demolirten Kaffeehäusern bereits das gewöhnliche Leben sich wieder zu zeigen. Die Garçons mit den weißen, zum Theil noch blutbespritzten Schürzen und den gleichen Barrets lauschten aus dem Inneren hervor, wagten sich heraus, öffneten die verschlossenen, von Kugeln durchbohrten Jalousieen und versuchten wieder einigermaßen Ordnung herzustellen. Officiere und Sergeanten, von dem langen Halt ermüdet, vom Pulverdampf geschwärzt, von dem seinen Sprühregen durchnäßt, holten sebst die Stühle und Tische herbei und lagerten sich, um von der Cantinière sich mit einem Glas Absynth oder Wein oder noch lieber, wenn es zu erreichen war, von den Garçons mit einer Tasse heißen Kaffee bedienen zu lassen.

Die beiden Männer, die aus dem Boulevard aus der Straße Richelieu erschienen, waren, obschon gut gekleidet, doch offenbar sehr verschiedener Stellung. Der Erstere war ein Mann von einigen dreißig Jahren und von einer hohen kräftigen Gestalt, die trotz ihrer Contouren und der

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militärischen Haltung etwas Elastisches, Elegantes hatte, wie es der blos rohen Kraft selten eigen ist. Der zugeknöpfte Paletot zeigte eine breite, hohe Brust, die Hüften waren schmal, die mit hellen Glacées bedeckte Hand und der Fuß, dessen Glanzstiefel sich sorgfältig vor einer Berührung mit den Blutlachen der Trottoirs hüteten, waren überaus klein und bestätigten durch ihre Form den aristokratischen Typus der Persönlichkeit. Der Kopf zeigte eine breite kräftige Stirn, von gelocktem dunklem Haar umgeben, das Gesicht verrieth einen verwegenen, entschlossenen Ausdruck, und nur das schiefe Zusammenstehen der beiden inneren Augenwinkel, die sich an der schmalen Nase zu begegnen schienen, gab dem grauen Auge etwas Unstätes und Unheimliches. Sein Mund war voll und materiell, das Kinn auffallend, stark, einen kräftigen energischen Charakter verkündend, und erinnerte in seiner Form an den bekannten Typus der Familie, die zwei Jahrhunderte lang den Thron von Frankreich besessen.

Sein Begleiter war in den Körperformen gerade das Gegentheil von ihm; Alles an der kleinen, mageren Figur schien Sehne, Muskel und Beweglichkeit. Die tiefe Bräunung des hageren Gesichtes, das feurige dunkle Auge, das pechschwarze, doch hin und wieder schon mit Grau gemischte Haar zeigten den Sohn des Südens an. Er war um mindestens zehn Jahre älter, als sein Begleiter, und obschon er wie dieser einfach gut gekleidet war, lag doch in seinem ganzen Wesen, in seinen Bewegungen Etwas, als fühle er sich genirt in der modernen Tracht und erinnere sich mit Sehnsucht an die freie luftige Kleidung des Lazaroni oder

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des Fischers vom Golf von Lion und den weißen Küsten von Marseille.

»Ventre saint-gris, Bonifaz,« sagte der offenbar Vornehmere der Beiden, indem er mit dem leichten Reitstock, den er in der Hand hielt, nach drei kaum zwanzig Schritte entfernt über einander liegenden Leichen wies, »das scheint hier ziemlich scharf hergegangen. Monsieur Le Petit versteht sein Handwerk so gut, wie einst der Große.«

»Was wollen Sie, Herr Graf,« meinte der Andere in dem weichen Dialekt von Avignon. »Jeder thut, was er kann. Hätten Ihre hohen Vettern ein Bischen solcher Energie gezeigt, ich will einen Spanier mit Haut und Haaren verschlucken, wenn nicht Frankreich noch an diesem gesegneten Tage gut königlich wäre.«

»Ich meine, es wird in sehr kurzer Zeit eine neue Auflage des Kaiserthums erleben; aber still, man liebt die Politik auf den Straßen nicht mehr. Ich hoffe nur, daß Mademoiselle Suzanne sich nicht zu sehr geängstigt und Monsieur Louis die Nase nicht vorlaut aus dem Fenster gesteckt hat. Es war nicht möglich, diese Nacht zu ihnen zu gehen.«

»Ich habe es zwei Mal versucht, Herr Graf, doch das ganze Quartier war abgesperrt. Aber Madame Suzanne wohnt zwanzig Häuser weit von den Boulevards und sie liebt den kleinen Louis wie ihren Augapfel und hat ihn während der ganzen Nacht sicher nicht von ihrer Seite gelassen.«

»Ich will es hoffen. Sieh da, bon jour, Kommandant!

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Ich komme, um mir Ihr Stück Arbeit von dieser Nacht anzusehen. Es sieht verteufelt blutig aus!«

Er war zu einem älteren Officier der Linie getreten, der einige Schritte entfernt auf der Seite nach den Boulevards vor der Thür des Café's saß.

»Parbleu! Graf, was wollen Sie hier? Das ist keine Stunde für einen der Löwen des Faubourg Saint-Germain. Oder kommen Sie hierher, um uns legitimistische Moral zu predigen für das, was Sie da sehen? Ich sage Ihnen, wir können Nichts davon brauchen, die Rothen haben es selbst verschuldet.«

»Ich danke, lieber Rousselin, Sie kennen,[] mich von Avignon und Marseille her, daß ich mich nicht gerade vor Blut scheue. Hätte Karl X oder selbst Louis Philipp es verstanden, sich bei Zeiten auf ähnliche Weise in Respekt zu setzen, sie wären wahrscheinlich heute noch in Paris. Eine tüchtige Lektion kann den Parisern zu keiner Zeit schaden, zu bedauern ist nur das unschuldig geflossene Blut.«

Er wies auf die Leichen der Kinder und Frauen.

Der Officier nahm ihn am Arm und führte ihn einige Schritte auf dem Damm hin. »Glauben Sie, daß wir das weniger fühlen? Aber der Bürgerkrieg ist das Entsetzlichste und wenn die Furien einmal losgelassen, ist kein Halt. Erinnern Sie sich an das, was der erste Napoleon gesagt. Mit Hundert, die fallen, rette ich Tausend das Leben, mit Tausend - Zehntausenden. Die Revolution hatte es darauf angelegt. Sie haben keinen Begriff, wie seit Tagen und Wochen der Soldat von diesen Kanaillen, die sich dann immer wieder in der Menge verkriechen, gehetzt

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und gereizt worden ist. Wer hat den Kampf begonnen? Nicht das Militär. Man hat gestern Morgen und Mittag die einzelnen Soldaten und Gensdarmen in den Nebenstraßen meuchlerisch überfallen und ermordet; man hat das anrückende Militär von den Barrikaden, aus den Fenstern der Häuser mit Schüssen empfangen - was wundert man sich jetzt, daß, nachdem der Befehl gegeben war - der Soldat schonungslos verfahren ist! Ich sage Ihnen, die Officiere hatten alle Gewalt über sie verloren, es war nicht möglich Einhalt zu thun, bis der grimmig geschürte Haß gesättigt war. Wer kann in solchen Augenblicken für Unglück; oder soll sich die bewaffnete Macht offenen Trotz bieten lassen? Nicht auf uns komme das unschuldig vergossene Blut, sondern auf Jene, denen die Ruhe des Bürgers, die Ordnung und Sicherheit des Staates ein Gräuel sind und die mit dem Blute des thörigten gaffenden Publikums ihre verruchten Pläne ins Leben setzen.«

Der Graf zuckte die Achseln. »Kennt man die Zahl der Opfer?«

»Es müssen an dreihundert Personen auf den Boulevards gefallen sein. Man ist noch beschäftigt, die Todten und Verwundeten zu suchen. An den Hallen und in der Straße Rambuteau soll es schlimmer hergegangen sein, dort haben die Kanaillen wenigstens Courage gezeigt und es ist zum mörderischen Kampfe gekommen.«

»Kann man die Boulevards passiren?«

»Ich hoffe; nöthigen Falls berufen Sie sich auf mich. Wo wollen Sie hin?«

»Nach dem Faubourg Saint-Denis. Ich bin besorgt um theure Personen, die dort wohnen und zu deren Schutz

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ich gestern durch meine Abwesenheit in Versailles und die Absperrung der Straßen während der Nacht nicht gelangen konnte.«

»Dann darf ich Sie nicht länger aufhalten, Herr Graf. Soll ich Ihnen vielleicht eine Sauvegarde mitgegeben? Ich fürchte, das Trauerspiel ist mit der militärischen Aktion noch nicht zu Ende und die Polizei hält jetzt ihre Nachlese. Das Erscheinen eines so bekannten Legitimisten könnte Verdacht und Ihnen Unannehmlichkeiten erregen. Das Kriegsgericht ist auf dem Quai d'Orsay in Permanenz und die erste Hitze ist gefährlich.«

Der Graf lächelte spöttisch. »Das Blut der Bourbons ist jetzt etwas rar,« sagte er leicht. »Zu einem Experiment à l'Enghien in den Schloßgräben von Vincennes dürfte Ihr künftiger Imperator doch wohl keine Courage haben, wenn in meinen Adern auch nur ein Nebenstrom rinnt. Besten Dank, Freund, aber sobald die Passage nur gestattet ist, komme ich schon durch und lasse mich nicht gern eskortiren. Auf Wiedersehen in diesen Tagen, wenn es Ihr Dienst erlaubt.«

Er reichte ihm die Hand und ging, vom seinem Begleiter gefolgt, so rasch vorwärts, als es die überall in den Weg tretenden Hindernisse erlaubten.

Der feuchte, mit Sprühregen vermischte Nebel war noch immer nicht ganz gewichen, als der Graf über den Straßendamm ging und in die Rue St.-Denis einbog.

Das Militär war hier bereits zurückgezogen und nur einzelne Posten der Mobilgarden ritten auf und nieder, und eine Anzahl der Sapeur-Pompiers war beschäftigt,

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die Trümmer der Barrikade, die hier gestanden und genommen worden war, vollends bei Seite zu schaffen.

Der Graf ging ungeduldig und rasch weiter, ohne angehalten zu werden.

Er war beinahe am Ende des ersten Viertels der Straße, wo die Gerüste eines Neubaues standen, der erst bis zum ersten Stock sich erhob, als das Weinen einer Kinderstimme und ein schwerer stöhnender Seufzer ihn unwillkürlich verweilen ließen.

»Santa Virgen Maria! wenn Ihr ein Christenmensch seid, so kommt mir zu Hilfe!« stöhnte eine Stimme.

Der spanische Ausdruck fesselte das Interesse des Grafen. Da er aus dem Süden Frankreichs stammte, sprach er die Sprache des Landes jenseits der Pyrenäen ganz geläufig. Es waren wahrscheinlich während des Morgens schon viele Personen an der Stelle vorüber gegangen und hatten den gleichen Klageruf gehört; der Schrecken und die Furcht waren aber noch zu groß gewesen, als daß Jemand es gewagt gehabt hätte, der Stimme des Mitleids Gehör zu geben und hier zu verweilen.

Der Graf trat einen Schritt näher. In diesem Augenblick hörte er eine helle Kinderstimme im Innern des Hauses sagen: »Sei still, guter Feund, ich verlasse Dich gewiß nicht! Wenn es erst ganz hell geworden, werde ich Dich zu Mama führen. Ich weiß ganz gut unser Haus - nicht weit um die Ecke - sie wird Dich gewiß heilen - Du blutest ja auch nicht mehr!«

Der Graf erstarrte, als wäre er von Stein. Um Himmelswillen, Bonifaz, diese Stimme!«

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Der Mann mit der pariser Kleidung und dem Lazaroni-Wesen war mit der Behendigkeit des Panthers in einem Sprung an ihm vorbei und über die Bretter, die vor den Eingang gelegt waren. Einige Augenblicke darauf stieß er einen Jubelruf aus.

Der Graf eilte vorwärts und stieg in den Raum, aus dem die Stimmen und der Ruf seines Gefährten erklungen waren. Im nächsten Augenblick hing ein Knabe von etwa zehn Jahren an seinem Halse.

»Louis, um Gotteswillen wie kommst Du hierher? Wo ist Deine Mutter? Du blutest, Du bist verwundet?«

»O nicht ich, Onkel Graf, der arme Mann da, der mir das Leben gerettet, er hat leider einen Schuß auf der Barrikade erhalten. Nicht wahr, Onkel Graf, es wäre schlecht gewesen für einen Edelmann und künftigen Officier, wenn ich ihn hätte verlassen wollen in seiner Noth?«

»Aber Deine Mutter, Kind, wo ist Deine Mutter?«

»Bah, damit hat es keine Noth; sie war gestern Mittag in die Probe gegangen - Du weißt gewiß, daß die Polizei befohlen hat, daß die Theater alle Abende spielen müssen, wenn auch kein Zuschauer darin sein sollte. Als der Spektakel auf den Boulevards losging, wollte ich die Mama abholen. Pardious[Pardioux] - wie Du immer sagst - die alte Françoise wollte mich mit Gewalt zurückhalten und gar einsperren; aber ich bin in einem Monate zehn Jahre und komme im nächsten auf die Militär-Schule. Sie hätte andere Kräfte haben müssen, ehe sie mich halten konnte, ich habe sie selbst eingeschlossen in die Küche und bin davon gelaufen.«

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»Leichtsinniges Kind! Deine arme Mutter« -

»Mama wird sich freilich geängstigt haben, als sie nach Hause gekommen ist,« unterbrach ihn schmeichelnd der Knabe, »aber dafür habe ich auch Alles aus erster Hand gesehen, und Du und Bonifaz Ihr werdet es schon wieder in Ordnung bringen, daß sie nicht zu sehr schilt.«

»So warst Du auf den Boulevards?«

»Gewiß, Onkel Graf, hinter der Barrikade an der Porte Saint Denis, als die Jäger von Vincennes das erste Mal angriffen. Ich sage Dir, es war verteufelt hübsch, all' der Pulverdampf und das Geknalle. Schade nur, daß ich die Vogelflinte nicht bei mir hatte, die Du mir geschenkt; als wir dann flüchten mußten und die Lanziers kamen, da ging es drunter und drüber. Onkel Graf, Kavalerist muß ich werden, das sage ich Dir!«

»Aber jener Mann?«

»Wir hatten neben einander hinter der Barrikade gestanden - jetzt sehe ich ein, wie gut es ist, wenn man Etwas lernt und daß Du immer mit mir spanisch sprichst. Er versteht nur wenig französisch, aber ich konnte mich ganz gut mit ihm unterhalten. Er kommt aus Mexiko, wie er mir gesagt hat und hat Muth gehabt wie ein Löwe.«

Der Graf näherte sich dem Verwundeten, welcher in dem Winkel der vier ein künftiges Gemach bildenden Mauern am Boden lag.

Bonifaz kniete bereits neben dem Mann und war bemüht, ihm einen Verband anzulegen.

»Sie sind verwundet, Señor?« fragte der Graf spanisch.

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»Carajo, ich sollte es meinen! Der Stich in den Arm hat nicht viel zu bedeuten, als daß er ihn gelähmt hat, aber die Kugel des grünen Schurken ist tiefer gegangen, als mir lieb ist.«

»Er hat sie erhalten, Onkel Graf, als er mir das Leben rettete.«

»Einmal muß der Mensch sterben, nur hätte ich es lieber dort drüben gethan in meinem sonnigen Vaterland auf der freien Prairie oder in meinem Beruf unter den goldenen Adern eines mächtigen Placero im Kampf mit meinen natürlichen Feinden, den Rothhäuten. Der Teufel hat mich verblendet, daß ich diesem spitzbübischen Yankee getraut und mich von ihm hierher führen ließ, und noch mehr, daß ich mich in einen Streit eingelassen, der mich Nichts anging.«

Der Graf wandte sich zu dem Knaben. »Wie ging es zu, Louis, sprich!«

»Als die Soldaten die Barrikade stürmten und Alles niedermachten, was nicht davonlief, riß mich der Mann da mit sich fort. Ich glaube, es war in dem Augenblick schon, daß er den Schuß erhielt oder gleich darauf, denn sie schoßen[schossen] hinter uns drein, als wenn wir Hasen wären, und eine Kugel riß mir die Mütze vom Kopf. Mama wird schön schelten, denn sie hat sie mir erst vor drei Tagen gekauft - nun ist sie fort, heidi! Auch die Lanciers kamen hinter uns drein und ein Bursche mit einem großen Bart verrannte uns den Weg und stieß mit der Lanze nach mir. Aber der gute Mann hier fing den Stich mit seinem

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Arm auf und deshalb will ich ihn auch nicht verlassen, bis er geheilt ist.«

»Caramba,« sagte der Verwundete. »Wer so oft die Pfeile der Apachen mit der Hand parirt hat, wird wohl einen solchen Stock bei Seite schlagen können. Unsere Lanzenreiter verstehen ihr Handwerk besser. Ich schoß den Schurken vom Pferde mit der letzten Kugel, die ich hatte.«

»Ja und dann warf er die Pistole fort und wir flüchteten weiter, aber nur eine kurze Strecke, Onkel Graf; denn er sagte mir, er könne nicht weiter und ich solle ihn seinem Schicksal überlassen, Gott wolle nicht, daß so viel Gold in die Hände der Menschen falle! Aber er wäre gewiß von den wüthenden Soldaten getödtet worden, die von allen Seiten durch die Straße tobten. Und da ich ihn nicht bis zu Mamas Hause bringen konnte, obgleich es so nah ist, so fiel mir der Bau ein; ich führte ihn hierher und wir versteckten uns, bis die Soldaten fort wären. Aber so oft ich auch hinausgelugt, sie blieben die ganze Nacht da und überall standen Posten und wurde geschossen.«

»Du hast wacker gethan, Louis,« sagte der Graf, »ich bin mit Dir zufrieden. »Señor,« wandte er sich zu dem Verwundeten, »nehmen Sie vorläufig meinen Dank für die Rettung des Kindes. Was zu Ihrem Beistand geschehen kann, soll sofort geschehen, die Gefahr ist, denke ich, vorüber. - Bonifaz!«

»Herr Graf?«

»Wir müssen diesen Mann in die Wohnung von Madame schaffen, es ist der nächste Ort, ihn zu verbergen, er

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soll das Zimmer des Knaben nehmen. Laß uns ihn so behutsam als möglich aufheben und die wenigen Schritte tragen.«

»Mordieux, Graf,« meinte der Provençale, »wenn ich auch nicht Ihre Riesenkraft habe, die drei solche Bursche in der Rocktasche forttragen könnte, so habe ich doch auch meine Muskeln. Sehen Sie ihn nur an und Sie werden mir ihn allein überlassen.

Die Gestalt des Verwundeten war allerdings klein und hager, noch magerer als die des Provençalen. Er trug die vom Knie ab aufgeschlitzten Calzoneras seiner Heimath, aus grünem Sammet gefertigt, und über seiner Jacke eine der gewöhnlichen leichten Blousen, wie sie die Arbeiter in Paris oder die französischen Landleute zu tragen pflegen. Um die Hüften hatte er einen jener leichten Shawls von chinesischer Seide geschlungen, deren sich die Seeleute bedienen, welche die südlichen und westlichen Meere befahren. Sein Gesicht war schmal, tief gebräunt, aber intelligent, und aus den großen schwarzen Augen funkelte trotz seiner Schwäche durch den Blutverlust, wenn er sprach, ein lebhaftes Feuer.

»So nimm ihn auf, Bonifaz,« sagte der Graf, »ich werde mit Louis vorangehen.«

Der Provençale hob den mageren Körper des Verwundeten, der ein tiefes Stöhnen nicht unterdrücken konnte, empor und legte ihn über seine Schulter. Er trug die Last so leicht, daß man sah, er sei gewohnt, weit schwerere auf sich zu laden.

Der Graf hatte den Knaben an die Hand genommen

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und ging mit ihm voraus; so verließen sie den Bau und traten auf die Straße. Dieselbe war in diesem Augenblick fast leer, nur am Eingange des Boulevards zeigte sich eben eine Patrouille der berittenen Gensdarmen (garde de Paris) und einer derselben setzte, als er die drei Personen in so verdächtiger Stellung sah, sein Pferd in Galopp.

Der Graf rief seinem Begleiter zu, mit seiner Last und dem Knaben vorwärts nach dem Hause zu eilen, wohin sie den Verwundeten bringen wollten, und das in geringer Entfernung in der nächsten Querstraße lag. Er selbst deckte ihren Rückzug, um jedes Hinderniß zurückzuweisen.

Der Provençale lief vorwärts und hatte mit dem Knaben die Hausthür erreicht, als der Gardist mit geschwungenem Säbel heransprengte.

»Halte-là! Ergebt Euch!«

Der Graf stellte sich ihm in den Weg; er hatte keine andere Waffe in der Hand, als seinen dünnen Spazierstock.

»Zieh die Schnur, Bonifaz, hinein mit Dir! - Was wollen Sie, mein Herr?«

»Was ich will? Den Rebellen dort will ich, den Ihr fortschleppt, und Euch dazu; denn Ihr seid seine Helfershelfer und sollt der Strafe nicht entgehen! Fort da!«

»Nehmen Sie sich in Acht, Herr,« sagte fest der Graf, den Kopf des Pferdes zurückstoßend, das der Gardist gegen die Thür drängte, die sich in diesem Augenblick öffnete und den Gefährdeten einließ. »Ich bin der Graf Raousset Boulbon und bekannt genug in Paris, wenn man Etwas von mir will. Jener Mann ist ein unglücklicher

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Verwundeter, den wir aufgehoben. Es ist des Mordens genug geschehen; ich werde ihn beschützen und nicht herausgeben.«

»Dann sind Sie ein verdammter Rebell, wie er! Rufen Sie auf der Stelle vive Napoléon! oder ich spalte Ihnen den Kopf!«

Der Graf blickte lachend in das von Wein und Diensteifer geröthete Gesicht des Gardisten.

»Es lebe die Verfassung, wenn wir einmal eine haben sollen!« sagte er spöttisch. »Zum Henker mit der Diktatur Napoleon!«

Der Gensd'arme holte zum Hiebe aus, als der Edelmann mit Gedankenschnelle Bein und Sattel des Reiters packte und mit einem Ruck Beide: das Pferd und den Reiter, auf das Straßenpflaster warf.

»Ventre saint-gris! Bursche, sei ein andres Mal höflicher, wenn Du mit dem Blut Deiner alten Könige sprichst!«

Er trat in die Thür, da er sah, daß einige Kameraden des Gestürzten herbei eilten, und drückte diese in das Schloß.

Dann, indem er dem Portier befahl, sich nicht um die Lärmenden zu kümmern, sprang er die Treppe hinauf und öffnete die Thür eines Vorzimmers.

Eine Scene, die sein tiefes Mitgefühl in Anspruch nahm, zeigte sich ihm durch die offen stehende Thür des anstoßenden Salons.

In der Mitte desselben auf dem Teppich kniete eine junge Frau von 27 bis 28 Jahren mit langen aufgelösten Haaren und derangirter Kleidung. Die Augen waren vom

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Weinen geschwollen und geröthet, glänzten aber jetzt in dem freudigen Entzücken, mit dem sie den Knaben umschlungen hielt, der an ihrem Halse hing und ihr noch von den Spuren der Thränen entstelltes hübsches Gesicht mit Küssen bedeckte und ihr hundert Schmeichelnamen gab.

Daneben stand eine alte Frau, offenbar die Dienerin, welcher der Bube am Nachmittag vorher entwischt war, und die bald weinend, bald lachend die Hände vor Schrecken über all' die Gefahren zusammenschlug, von denen der Kleine munter schwatzte.

Bonifaz hatte den Verwundeten in einen Lehnstuhl niedergelassen und machte jetzt mit vergnügtem Gesicht durch eine Bewegung die Glücklichen auf die Anwesenheit des Grafen aufmerksam. Die junge Frau ließ den Knaben los und stürzte auf den Grafen zu, der sie in seinen Armen empfing.

»O Aimé,« schluchzte sie an seiner Brust, »wo bist Du so lange geblieben in dieser schrecklichen Nacht? Wenn Du wüßtest, welche Angst ich gelitten, als uns der Direktor gestern Mittag besorgt nicht nach Hause zurückkehren lassen wollte, wie gern ich jeder Gefahr getrotzt hätte, um hierher zu unserem Liebling zu eilen, den ich sicher im Schutze seiner alten Wärterin glaubte! - welche Verzweiflung mich erfaßt hat, als einer der Beamten mich endlich vor zwei Stunden auf Umwegen hierher geleitete und ich Françoise wehklagend traf und den Knaben fort, fort, vielleicht getödtet auf den blutschwimmenden Straßen! Hätte nicht eine tiefe Ohnmacht alle meine Sinne befangen und mich

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willenlos zu Boden geworfen, ich wäre wahnsinnig geworden vor Angst.«

Der Graf machte sich freundlich aus ihren Armen los. »Gott ist mit ihm gewesen und hat ihn beschützt, theure Suzanne; beruhige Dich, er ist ja jetzt glücklich und gesund in unseren Armen, und einem künftigen Soldaten mußt Du schon den tollen Streich nachsehen. Aber ein Anderer hat jetzt alles Anrecht an unsere Sorge. Diesem Manne da haben wir es wahrscheinlich allein zu danken, daß Louis uns wieder gegeben ist. Er ist bei seiner Rettung schwer verwundet worden, richte so schnell als möglich des Knaben Stube für ihn ein und laß Françoise den Hausmeister nach dem nächsten Arzte senden. Schleunige und stille Hilfe ist dringend nothwendig.«

Die Theilnahme der Schauspielerin für den Fremden, der ihr Kind gerettet, war sofort erregt. Während die Dienerin nach der Bestellung des Arztes eilte, flog sie selbst nach dem kleinen Hinterzimmer, wo das geräumige Bett des Knaben stand, breitete frische Linnen über dasselbe und brachte mit eigener Hand Alles in Ordnung. Dann trugen die beiden Männer vorsichtig den Kranken in dem Lehnstuhl nach dem Gemach, hoben ihn auf das Lager und entledigten ihn der belästigenden Kleider.

Während Bonifaz bei dem Verwundeten blieb und den Arzt erwartete, kehrte der Graf in den Salon der Schauspielerin zurück.

Louis Aimé, Graf Raousset de Boulbon war zu jener Zeit etwa 32 Jahre alt und das vollkommene Bild jener eben so muthigen und Nichts scheuenden als

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leichtsinnigen, abenteuersüchtigen und glänzenden Edelleute, die Frankreich vor mehr als einem Jahrhundert, zur Zeit der Regentschaft des Herzogs von Orleans, berühmt und berüchtigt gemacht hatten. Er war in der Provence, in der alten Papststadt Avignon, geboren, sein Stammherr ein natürlicher Sohn des Prinzen Louis von Bourbon-Condé und Bruder des großen Condé. Für die Uebertragung reicher Güter verstand sich der Ahnherr der Familie damals zur Veränderung des Namens Bourbon in Boulbon, aber das unruhige Blut des ritterlichen Connetable Carl von Bourbon und seiner Enkel blieb unverändert in ihren Adern und trieb sie, als sie nicht auf den Schlachtfeldern ihres Vaterlandes zur Zeit der republikanischen und napoleonischen Herrschaft ihrer Abstammung wegen es verspritzen konnten, zu vielen anderen abenteuerlichen Thaten und Extravaganzen. Die Familie war eine der reichsten der Provence und als der junge Graf Aimé sein väterliches Erbe antrat, besaß er noch 40,000 Francs Renten.

Jung, reich, von einer großen stattlichen Figur, einer besonderen männlichen Schönheit und einer wahrhaft herkulischen Stärke, die ihm unter den unteren Volksklassen seiner Heimath den Ruf und das Ansehen eines Rolands verschafften und von der er so eben noch in dem Rencontre mit dem Gardisten eine Probe abgelegt, stürzte er sich mit aller Leidenschaftlichkeit seines Blutes und allem Uebermuth der Jugend in das Leben und verschwendete in wenigen Jahren Zinsen und Kapital seines Vermögens bis auf einen geringen Rest. In jener Zeit ging er, schon ruinirt, nach Algier, erwarb sich dort die Freundschaft des

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Marschalls Bugeaud und zeichnete sich in verschiedenen Treffen gegen die Araber, namentlich in der Schlacht am Isly, aus. Mit Bugeaud kam er nach Frankreich zurück. Der Mangel an Energie, der ihn in den Februartagen dem alten geprüften Feldherrn den Oberbefehl der Truppen von Paris entziehen ließ, stürzte den Thron Louis Philipp's. Nachdem die Februar-Revolution und die Republik ein fait accompli geworden, trat der Graf bei den Wahlen zur Assemblée als Candidat für den Comtat Venaissin, die der Kirche gehörende Grafschaft, auf, reiste umher und betheiligte sich an den Clubs. Das Volk hatte eine fanatische Anhänglichkeit für ihn, namentlich war es die gefürchtete Gilde der Lastträger von Avignon, welche ihm unbedingt gehorchte und die ihn gleich einer Garde stets umgab. Man nannte ihn nur Monsieur le Comte, gerade wie man früher nur gewohnt war, zu sagen: der König. Es gab für diese Männer keinen andern Grafen, als ihn, auf der Welt. Seine Freigebigkeit, sein ritterliches Wesen, die alte Tradition, seines Namens, endlich seine furchtbare Körperkraft hatten diese Leute schon in seiner Jugend an ihn gefesselt; aus ihnen stammte Bonifaz, der seit achtzehn Jahren sein steter Begleiter gewesen war, bald Diener, bald Freund, Vertrauter seiner zahlreichen Liebeshändel, Gefährte und Schützer seiner Abenteuer, Genosse seiner Kämpfe und seiner Verschwendungen. Der Avignote hätte Jeden auf der Stelle zu Boden geschlagen, der es gewagt hätte, in seiner Gegenwart Uebles von seinem Herrn zu reden. Er besaß die Treue eines Hundes, die Kühnheit eines Bären und die Zärtlichkeit einer Mutter für ihn.

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Diese Treue hatte er auch auf den Sohn seines Herrn, den kleinen Louis, übertragen. Vor zwölf Jahren, als Mademoiselle Suzanne als junge Anfängerin die Bühne in Marseille betrat, hatte der Graf ihre Bekanntschaft gemacht und zwischen den beiden jungen Herzen sich ein zärtliches Verhältniß entsponnen. Das junge Mädchen hing mit aufopfernder Liebe an ihm, und auch der Graf, in allen Verirrungen und Zerstreuungen seines Lebens, hatte nie aufgehört, ihr seine Anhänglichkeit und seinen Schutz zu bewahren. Für den Knaben selbst aber zeigte er die größte Zärtlichkeit und erklärte, ihn, sobald er in die Armee eingetreten wäre, adoptiren zu wollen. Durch seine Protection war Mademoiselle Suzanne schon seit mehreren Jahren bei einem der kleinen Boulevard-Theater engagirt und es verging selten ein Tag, an dem der Graf, seit er wieder in Paris war, Mutter und Kind nicht besuchte. Mit Bonifaz war der Knabe ein Herz und eine Seele und führte unter seinem Schutze alle munteren Streiche aus. Zugleich bildete dieser in allen körperlichen Uebungen seinen Lehrmeister.

Der Graf war beschäftigt, sich nochmals von dem Knaben seine Abenteuer erzählen zu lassen und die Mutter desselben über die schrecklichen Ereignisse der Nacht zu beruhigen, als Françoise eintrat und meldete, daß der Doktor angekommen sei und sich bereits im Zimmer des Verwundeten befinde.

Der Graf verließ die Frauen und begab sich dahin. Er kannte den Arzt, da er ihn mehrmals schon bei der Schauspielerin gesehen, und fand ihn mit der Untersuchung

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des Kranken beschäftigt. Der Stich im Arm war wenig gefährlich, der Schuß im Rücken schien aber die volle Besorgniß des Mannes der Wissenschaft zu erregen.

Der Kranke hatte sich von Bonifaz eine Cigarette geben lassen und rauchte mit der Ruhe eines Stoikers, als ginge ihn die Sache Nichts an, während der Doktor mit der Sonde die Wunde untersuchte.

Die Ränder derselben hatten eine braune, verdächtige Farbe.

»Wie lange hat der Mann die Kugel im Rücken?« fragte der Arzt.

»Seit gestern Abend. Man darf Ihnen vertrauen, Doktor, er erhielt sie, als er von der Barrikade an der Porte Saint-Denis floh. Ich hoffe, die Heilung ist, wenn auch schwierig, doch nicht unmöglich. Er hat Louis aus dem Getümmel gerettet und Beide waren leider gezwungen, die Nacht in dem Keller eines Neubaues ohne Beistand zuzubringen.«

Der Doktor zuckte die Achseln. »Sie waren in Algerien, Herr Graf, und haben Schußwunden gewiß viele gesehen. Das Aussehen dieser hier ist nicht besonders; wäre ärztliche Hilfe sofort in Anspruch genommen worden, so hätte sich die Kugel leichter entfernen lassen und doch -«

»Sprechen Sie.«

»Doch ist die Entfernung der Kugel nothwendig und die einzige Möglichkeit der Rettung.«

»Dann muß sie versucht werden.«

Der Arzt zögerte.

»Was haben Sie?«

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»Herr Graf,« sagte der Doktor entschlossen, »ich wage die Operation nicht allein zu unternehmen. Der Unterschied von zwei oder drei Stunden kann keine sonderliche Veränderung in den Zustand dieses Herrn mehr herbeiführen. Da Ihnen so viel an seiner Erhaltung liegt, werde ich mich sofort zu Boisset, unserem geschicktesten Operateur, begeben und ihn bitten, die Operation unter meiner Assistenz zu übernehmen. Der Verwundete muß jedoch von der Gefahr unterrichtet werden, die er dabei fährt. Der Tod kann -« er senkte die Stimme zu leisem Flüstern - »ja, er wird vielleicht bei der Operation erfolgen. Die Kugel ist in dem Rückenknochen stecken geblieben.«

»Und wenn die Operation nicht erfolgt?«

»So stirbt er unrettbar.«

Der Graf bedachte sich einige Augenblicke. »Er muß es erfahren,« sagte er endlich, »er scheint mir ein Mann zu sein, der dem Tode oft in das Auge gesehen.«

»Señor,« sagte er auf Spanisch zu dem Verwundeten, der während des Gespräches ruhig die Cigarette weiter geraucht hatte, »ich habe Ihnen eine böse Mittheilung zu machen, die jedoch keineswegs die Hoffnung ausschließt. Der Doktor benachrichtigt mich, daß Ihre Wunde unbedingt tödtlich ist, wenn Sie sich nicht einer Operation unterwerfen wollen, deren Ausgang - ich darf es Ihnen nicht verschweigen - zweifelhaft ist. Gelingt sie, so sind Sie gerettet, aber -«

»Nun, Señor?«

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»Sie kann eben so gut einen schlimmen Ausgang zur Folge haben.«

»Carrajo! reden Sie klar, Señor - ich könnte dabei sterben?«

»Wenn Sie darauf bestehen, es zu wissen: ja!«

»Und wenn ich mich weigere, wie lange habe ich dann noch zu leben?«

Der Graf übersetzte die Frage dem Doktor.

»Acht bis zehn Stunden,« sagte dieser.

»Caramba! Das lohnt allerdings nicht der Mühe. Und ich könnte durchkommen, wenn ich den Doktor bohren und schneiden lasse?«

»So sagt er.«

»Sie wissen vielleicht, Señor, wir Mexikaner sind leidenschaftliche Spieler. Betrachten Sie die Sache als Würfelspiel und fragen Sie ihn, wie die Chancen stehen würden. Sechs zu sechs?«

Der Graf mußte unwillkürlich, trotz der traurigen Veranlassung, lächeln, indem er die Frage dem Doktor wiederholte.

Dieser zuckte die Achseln. »Bewahre, das wäre Täuschung. Rechnen Sie höchstens drei zu sechs! Wir müssen dem Manne die Wahrheit sagen, wenn er als Fremder etwa Bestimmungen zu treffen hat.«

Der Graf wiederholte dem Verwundeten den wenig tröstlichen Ausspruch.

»Das ist verteufelt wenig Aussicht,« sagte der Mexikaner, »indeß ich habe sie oft noch schlimmer gehabt, kaum

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eins zu zwanzig, wenn die Hunde, die Apachen am Rio del Norte, uns auf der Fährte waren. Bah! ich erinnere mich noch eines Abends, wo ich Joaquin anbot, Eins gegen Hundert zu spielen, daß unsere Scalpe am nächsten Morgen an dem Sattel einer Rothhaut hängen würden. - Ich nehme den Vorschlag des Doktors an, Señor; man kann nur ein Mal sterben. Aber ich habe als vorsichtiger Mann noch einige Bedingungen zu stellen.«

»Reden Sie; jeder Ihrer Wünsche soll erfüllt werden, wenn es irgend in unseren Kräften liegt.«

»Es wird Sie nicht viel Mühe kosten. Fragen Sie den Doktor, wenn er das Schneiden beginnen will.«

»Sagen wir, daß die Operation um elf Uhr diesen Vormittag statthaben soll.«

»Also noch über zwei Stunden - gut, ich werde bereit sein. Er hat doch Nichts dawider, wenn ich sie hinbringe, so gut ich kann? Ich bin ein mäßiger Mann und trinke nur Wasser.«

»Der Herr mag über seine Zeit disponiren, vorausgesetzt, daß er sich ruhig im Bette hält.«

»Gracias, Doktor, dafür haben Ihre Landsleute gesorgt. Ich muß Sie dann bitten, Señor Conde - so nennt man Sie ja wohl - einen zuverlässigen Mann, etwa diesen guten Freund hier« - er wies auf Bonifaz - »nach der Rue de Barbitte zu schicken. Er wird dort in dem Logirhaus nach einem Amerikaner fragen, einem Schuft vom Scheitel bis zur Sohle. John Brown ist sein Name. Er ist mein Begleiter, oder vielmehr ich bin durch eine Art Handel sein Compagnon, und er wird mich sicher über das

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Ohr hauen, wenn er es möglich machen kann. So zahlt ihm mein Tod vielleicht die Rechnung; aber ich muß ihm doch wenigstens Nachricht geben, damit er sich keine unnöthigen Kosten mit Nachforschungen nach meiner Person macht. Nur Eines müssen Sie mir versprechen: der Kerl darf nicht eher erfahren, wo ich bin, und nicht eher hier eintreten, als bis der Doktor fertig zum Schneiden ist. Er würde mir vorher die Seele aus dem Leibe calculiren und mir jede Minute mit seinen Rechnungen und seinen Klagen verbittern.«

»Ihr Wunsch soll erfüllt werden. Bonifaz selbst wird den Mann herbeiholen. Haben Sie sonst noch eine Bestimmung zu treffen über Ihre Habe oder dergleichen für den, wie wir hoffen, gewiß nicht eintretenden Fall eines unglücklichen Ausganges?«

»Ich bin ein armer Mann, Señor Conde, obschon ich wahrscheinlich mehr Schätze gesehen habe, als der König von Spanien je besessen. Ich habe nicht Kind noch Kegel und nur zwei Freunde, die sich in diesem Augenblicke vielleicht am Colorado oder Rio Grande umhertreiben und zeitig genug merken werden, daß ich nicht mehr auf der Welt bin, wenn ich an dem bestimmten Tag nicht an der Quelle des Buonaventura mit ihnen zusammentreffe. Aber es fällt mir etwas Anderes ein. Sagen Sie, Señor, ist der Knabe, der so tapfer die Nacht bei mir aushielt und lieber seine schöne Mutter in Angst ließ, als daß er einen armen Fremden verlassen wollte, Ihr Verwandter?«

»Er ist mein Sohn.«

»Gut, Señor Conde. Ich möchte ihm gern meine

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Dankbarkeit beweisen und mir zugleich noch ein Vergnügen bereiten. Caramba! ich weiß nicht, wie es kommt, aber ich kann den Gedanken nicht los werden, daß diese Indianer von Doktoren am Ende doch noch meinen Skalp bekommen werden, obschon die Partie drei zu sechs steht, also gar nicht so schlecht für mich. Wollen Sie mir nicht eine Bitte, Señor Conde, sondern einen Wunsch erfüllen?«

»Mit Freuden.«

»Spielen Sie Monte?«

Der Graf lächelte. »Da ich nicht weit von der spanischen Grenze zu Hause bin, gewiß - ein wenig. Aber es würden sich hier, wenn Sie etwa mit mir zu spielen beabsichtigten, schwerlich Monte-Karten auftreiben lassen.«

»Dafür ist gesorgt,« sagte der Kranke. »Wenn Sie in die Seitentasche meiner Hose fassen wollen, werden Sie ein Spiel darin finden. Es ist zwar ein wenig schmutzig und abgenutzt, aber ich versichere Sie, ich habe schon manche Million damit gewonnen und verloren.«

Der Graf sah den Mann erstaunt an, der eben sich noch arm genannt hatte, dessen Aeußeres eher auf bedrängte Umstände, schließen ließ und der doch in demselben Athem von Millionen sprach, die er gehabt und verloren haben wollte.

Der Mexikaner mußte wohl das Erstaunen und die Zweifel seines Beschützers bemerken, denn er lächelte und sagte:

»Ich sehe, Sie glauben mir nicht recht; aber ich will es Ihnen sogleich erklären, wenn Sie mir erst gesagt haben,

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ob Sie mir die Ehre erzeigen wollen, mit mir eine Partie zu spielen.«

»Ich stehe ganz zu Ihrer Disposition, Señor - doch ich weiß Ihren Namen noch nicht.«

»José, Señor Conde, José Marillos. In meiner Heimath nennt man mich ganz einfach den Oyo d'Oro oder das Goldauge.«

»Also, Señor Don José, Sie sehen mich bereit.«

»Dann haben Sie die Güte, etwas frisches Wasser und neue Cigarren bringen zu lassen, Señor Conde, und diese Leute alle zu entfernen, bis das Schneiden beginnt. Ich habe mit Ihnen zu plaudern, ehe wir unsere Partie anfangen. Vergessen Sie den Amerikaner nicht.«

Der Doktor hatte sich bereits entfernt. Der Graf gab Bonifaz einen Wink, die Karten aus den schmutzigen Beinkleidern des Verwundeten zu ziehen, und befahl ihm dann, den Amerikaner aufzusuchen, den der Fremde zu sehen gewünscht hatte.

Sie waren jetzt allein. Der Graf hatte einen Stuhl zu dem Bett des Patienten gerückt und ein Kissen vor ihm niedergelegt.

»Nun, Señor Goldauge, ich bin bereit zu Ihrer Unterhaltung. Um was spielen wir?«

»Caracho, Ex[c]ellenza, das ist es eben! Euer Gnaden sind so gefällig gegen einen armen Kerl, daß ich mir schon den Kopf zerbrochen habe, was ich gegen Sie einsetzen könnte. Ich weiß nur Eines. Gehen Euer Excellenz vielleicht einmal nach Amerika?«

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»Daß ich nicht wüßte,« sagte der Graf lachend; »bis jetzt habe ich keineswegs die Absicht.«

»Oder wird Ihr Herr Sohn, der junge Herr - Don Louis heißt er ja wohl - vielleicht einmal dorthin gehen?«

»Mein Lieber, in einer Zeit, wie die jetzige, kann Niemand sagen, dorthin werde ich gehen und dahin will ich nicht gehen. Die Politik, die Eisenbahnen und die Agiotage haben die Welt reformirt. Seit Monsieur Louis Bonaparte, wie Sie sagen, sechs gegen drei Procent Aussicht hat, Kaiser von Frankreich zu werden, ist es sehr leicht möglich, daß auch der letzte Bourbon in meiner Person noch einmal den Boden von Frankreich verlassen und nach Californien auswandern muß!«

»Par Dios - das ist es gerade, auf was ich kommen wollte. Haben Sie je gehört, Señor Conde, was ein Gambusino ist?«

»Ein Goldsucher, so viel ich weiß.«

»Richtig, Señor, aber nicht etwa ein Mann, der das Gold in den Taschen Anderer sucht, sondern Einer, der es den Geheimnissen der Wildniß entreißt. Der Gambusino treibt kein Handwerk, das er erlernt, sondern ihn treibt die Gabe Gottes, die ihn für die Wildniß bestimmt hat. Den Gambusino bewegt zu seinem gefährlichen Werk nicht Geiz und Habgier - denn seine Schätze, die er gefunden, streut er im nächsten Augenblick mit vollen Händen aus - sondern der innere Drang treibt ihn rastlos, sein Leben einzusetzen für das gelbe Metall, das doch für ihn keinen Werth hat.«

»Aber wie kamen Sie denn hierher nach Paris?«

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fragte der Graf, der unwillkürlich ein größeres Interesse an dem seltsamen Fremden nahm.

»Hören Sie mich an, Señor Conde. Ich bin ein Gambusino. Mein Vater war ein Gambusino und starb am Marterpfahl der Apachen; mein Bruder war ein Gambusino und sein Scalp bleicht seit zehn Jahren in dem Wigwam des grauen Bärs jener Nation. Mir, dem Jüngsten der Familie, hat Gott in seinem unerforschlichen Willen seine reichsten Gaben in dieser Richtung gegeben. Wie ich da stehe - ich wiederhole es Ihnen bei dem großen Augenblick des Todes, der mir vielleicht näher ist, als Sie denken. - habe ich mehr als einmal Placeros entdeckt, für die ich eine Million hätte fordern können, und ich habe sie bei der ersten Gelegenheit vergeudet, verschenkt oder verspielt.«

Der Graf sah den seltsamen Erzähler, der kaum eine ganze Jacke getragen, mit immer größerem Erstaunen und Interesse an.

»Wenn Gott Ihnen jene Lebensbestimmung angewiesen hat und diese Ihre ganze Seele erfüllt, so begreife ich wohl, daß Sie sich deshalb jeder Gefahr aussetzen mögen, um Ihr Ziel zu erlangen. Im Grunde sind die unseren dieselben. Der Banquier und der Geizhals plagen sich ihr ganzes Leben hindurch, das gemünzte Geld zusammen zu scharren; der Soldat setzt sein Blut ein für Ruhm und Ehre; aber das Alles erklärt mir noch nicht, weshalb wir Sie, tausend Meilen von den Goldlagern, die Sie suchen, hier an den Ufern der Seine gefunden haben?«

»Hören Sie weiter, Señor,« sagte der Mexikaner.

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»Es sind jetzt gerade acht Monate, als wir, ich und meine beiden Freunde, uns mitten im Lande der Apachen, in ihren wildesten Einöden befanden, wohin wahrscheinlich zum ersten Male der Fuß eines Weißen gedrungen war. Ich will Sie nicht ermüden, und meine Zeit ist zu kurz dazu, mit der Erzählung der tausendfachen Gefahren, unter denen wir mit Hunger und Durst, mit den wilden Thieren, reißenden Strömen und den noch schlimmeren Feinden, den Rothhäuten, kämpfend, bis dahin vorgedrungen waren. Genug, Sie mögen wissen, daß unter den alten Männern vom Stamme Wonodongah's, des »großen Jaguars«, meines Blutbruders, eine alte Sage lebt von ihrer Väter Vätern, aus einer Zeit, die über jene hinausreicht, in der die Spanier ihren Fuß in das Land gesetzt haben, und die von einer großen Goldhöhle erzählt, welche in der wildesten Schlucht der Gebirge, in den Einöden, sich aufthut und in der das Gold in großen Klumpen so offen zu Tage liegt, daß der Bergmann nicht erst seine Hacke in das Gestein zu schlagen braucht. Aber das Feuer und das Wasser, die Wüste und der Wilde bewachen diese Schätze, und nur das Auge der Auserwählten hat sie von langen zu langen Zeiten ein Mal geschaut, damit die Erzählung von ihren Wundern nicht untergehe in dem Gedächtniß der Menschen. Zu erfahren, ob diese Sage Wahrheit oder Fabel sei, hatten drei entschlossene Männer sich mit ihrem Worte verbunden - denn in der Einöde bedarf es nicht des Schwurs - und sich aufgemacht, die Goldhöhle zu suchen.«

»Und Sie haben dieselbe gefunden?«

»Ich habe die Höhle gesehen, ich und vier Augen mit

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mir. Die Hand Gottes ist gewaltig, gewaltiger noch in der Wildniß als in dem Leben der Civilisation. Wie und wo wir sie entdeckt zu sagen, Señor, verbietet uns ein heiliger Eidschwur. Nur dem letzten Ueberlebenden von uns Dreien wird es gestattet sein, davon zu sprechen. Aber das mag ich Ihnen sagen, Señor, wenn Sie den Herrn dieses Landes fragen, was ganz Frankreich mit all' seinen Städten und Palästen kostet, und Sie zahlen ihm den Preis, ohne zu feilschen, in gediegenem Golde, so werden Sie noch nicht die Schätze der Goldhöhle erschöpft haben.«

»Sie übertreiben in der bilderreichen Sprache Ihrer Heimath, Señor Don José,« sagte lächelnd der Graf.

»Lachen Sie nicht und zweifeln Sie nicht, Señor,« erwiderte ernst der Verwundete. »Ich bin ein Mann, dessen Lippe noch niemals eine Unwahrheit ausgesprochen hat, obwohl ich von Geburt ein Mexikaner bin, und es ist mein Handwerk, das Gold zu schätzen. Ich wiederhole Ihnen, die Wunder Gottes offenbaren sich nur in der Wildniß.«

Der Graf stützte das Haupt in die Hand, seine Brust wurde beklommen. Er hatte Hunderttausende verschwendet und für seine Launen fortgeworfen, ohne daß ihn je ein Gedanke der Habsucht oder des Bedauerns überkommen war. - Dennoch fühlte er jetzt bei der Erzählung des Gambusino vor seinen Augen ein Funkeln wie von lauter Goldblitzen, die Wände des kleinen Gemachs um ihn her schienen sich auszudehnen und zu einem goldstrahlenden Horizonte zu werden, der seine Seele verwirrte.

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Er mußte sich mit Gewalt von diesem Gedanken losreißen.

»Sie sind also nach Paris gekommen unter dem Scheine der Armuth, um den Antheil, den Sie von jener geheimnißvollen Schatzkammer genommen, in den Genüssen dieser Stadt zu verwerthen?«

»Ich habe bereits die Ehre gehabt, Euer Excellenza zu sagen, daß ich ein mittelloser Mann bin und niemals lüge. Wir sind so arm von jenem Platze wieder fortgegangen, nachdem wir drei Tage und drei Nächte dort verweilt und unser Auge an den Wundern Gottes geweidet hatten, wie wir ihn betreten.«

Der Abkömmling der Bourbonen sah den Gambusino sprachlos, erstaunt an. »Wie, Señor,« sagte er endlich nach einer längeren Pause, »Sie hätten nicht einmal eine Probe dieses Goldes mit sich genommen, um dadurch die Wahrheit Ihrer Erzählung beweisen zu können?«

»Doch, Señor Conde. Nach gegenseitiger Uebereinkunft unter uns Dreien habe ich mit meiner eisernen Lanze eine Spitze von etwa zwei Pfund Gewicht von einem, großen Block gediegenen Goldes losgesprengt und diese als Beweis mit uns genommen. Wir haben sie abwechselnd getragen, denn sie war unser gemeinschaftliches Eigenthum, wie der Placer es ist, den wir gefunden.«

»Und haben Sie dieselbe noch?« fragte der Graf.

»John Brown, mein Begleiter, derselbe, zu dem ich Ihren Diener gesandt, hat sie in seinem Besitz. Sie müssen wissen, Señor Conde, daß ich mit dem Spitzbuben in New-Orleans einen Kontrakt eingegangen bin. Um

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den Placer der Goldhöhle ausbeuten zu können, bedarf es einer Schaar entschlossener und tapferer Männer, die sich auf Tod und Leben verbinden. Auch müssen sie mit ganz anderen Mitteln ausgerüstet sein, als wir arme Schelme aufzubringen vermögen. Die Mexikaner - es thut mir leid, daß ich dies von meinen eigenen Landsleuten sagen muß - sind Lügner, es ist ihnen nicht zu trauen; die Engländer und Amerikaner hasse ich als unsere natürlichen Feinde. So hat denn Le Bras-de-fer oder Eisenarm, wie ihn die Indianer nennen, der Dritte in unserem Bunde, vorgeschlagen, daß wir uns an das tapfere und unternehmungslustige Volk der Franzosen wenden und dem großen Kaiser derselben, dessen Name und Ruhm selbst in unsere Einöden gedrungen war, dieses Geheimniß anbieten sollten. Da ich aber zu arm und in der Welt der Civilisation zu unerfahren war, um allein die Reise zu unternehmen, so habe ich in New-Orleans einen Mann engagirt, der aus Texas stammt und alle Sprachen der Welt spricht. Er ist ein verteufelt geriebener Bursche und hätte mir gern mein Geheimniß abgelauert; er hat aber davon nicht mehr erfahren, als nothwendig war, um ihn begierig zu machen, mich hierher zu bringen, und ich denke, Oyo d'Oro ist ein zu alter Schlaukopf und hat zu oft selbst die besten Spurfinder der Apachen auf eine falsche Fährte geleitet, um sich von einem ganz- oder halbblütigen Yankee seine Geheimnisse stehlen zu lassen.«

Dem Grafen schienen alle diese Mittheilungen des Verwundeten so seltsam und wunderbar, daß er mit dem größten Interesse aufhorchte.

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»Welche Schritte haben Sie hier gethan? Haben Sie Ihr Ziel erreicht?« fragte er endlich.

»Carrajo! Als wir hier ankamen, habe ich mich überzeugt, daß die Spitzbuben auf dem Schiff doch Recht hatten und der große Kaiser Napoleon wirklich todt ist. Man hat mir zwar gesagt, daß der Onkel einen Neffen hat, der auch nicht zu verachten sei, und wenn er auch noch nicht Kaiser der Franzosen geworden, doch große Lust hat, es zu werden. Aber ich weiß doch nicht recht, ob es Le Bras-de-fer genehm sein wird, wenn ich den Neffen für den Onkel nehme, und überdies habe ich, wie Sie sehen, keine Zeit behalten, mit ihm zu unterhandeln.«

Der Graf war in tiefes Nachdenken versunken.

»Darf man wissen,« fragte er endlich, »welche Bedingungen Sie dem Kaiser der Franzosen oder der Person, welche auf die Expedition eingehen würde, stellen wollten?«

»Warum nicht, Señor Conde? Nach dem, was ich Ihnen bereits anvertraut, habe ich kein besonderes Geheimniß mehr. Wir verlangen eine Expedition von wenigstens dreihundert wohlausgerüsteten und entschlossenen Männern, denn so viel müssen es mindestens sein, da wir es mit der ganzen Nation der Apachen zu thun haben würden.«

»Ich denke, dreihundert bewaffnete Franzosen würden mit diesen Wilden nicht viel Federlesens machen.«

»Schätzen Sie dieselben nicht zu gering, Señor Conde. Es ist kein Spaß, dem »Grauen Bären« oder der »Rothen Schlange« ins Weiße des Auges zu sehen. Es sind wahre Teufel an List und Verschlagenheit, und kühn genug, um jedem Manne den Skalp zu nehmen, der unter ihren

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Tomahawk geräth! Aber um in unserer Sache weiter fortzufahren, so ist es nöthig, daß die Expedition mit Lebensmitteln auf zwei oder drei Monate ausgerüstet und von einem Paar Bergleuten begleitet ist. Vor Allem muß ein tüchtiger Anführer an der Spitze stehen, der sich Gehorsam zu verschaffen weiß und die Liebe und das Vertrauen seiner Leute besitzt, damit diese blindlings thun, was er ihnen befiehlt. Jeder Zwiespalt in der Wildniß wäre ihr Verderben.«

»Aber ich dächte, Sie selbst oder Einer der Ihrigen würde die Leitung des Ganzen übernehmen?«

»Die Heiligen mögen uns bewahren vor solchem Hochmuth, Señor Conde. Wir sind schlichte Goldsucher und Jäger, aber keine Officiere. Man würde uns auslachen, wenn wir die Anmaßung hätten; wir begnügen uns, der Expedition als Wegweiser zu dienen und sie zu der Goldhöhle zu führen, die sie ohne uns in hundert Jahren nicht finden würde.«

»Weiter!«

»Was meinen Euer Excellenza?«

»Nun, die Hauptsache!«

»Welche Hauptsache, Señor Conde?«

»Ei, zum Henker, was Sie und Ihre beiden Gefährten für den Verkauf des Geheimnisses und die Ueberlieferung dieser mythischen Schätze für sich selbst fordern!«

»Für uns, Señor Conde?«

»Nun ja, für wen sonst? Sie sind doch die Eigenthümer?«

»Ei richtig, das hätte ich bald vergessen. Nun, Señor,

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ich denke, wir haben Anspruch auf dieselben Rationen wie jeder Andere, und Sie werden uns bei der Theilung auch denselben Antheil zugestehen. Da aber Eisenarm und der Große Jaguar niemals Gold anrühren, so denke ich, es wird nicht zu viel sein, wenn wir verlangen, daß man ihnen Jedem eine der neuen schönen Büchsen statt ihres Antheils zugesteht, von denen wir gehört haben, daß sie niemals versagen und stets zuverlässig schießen, nebst einem Vorrath von Pulver, Blei und neuen Decken. Was mich anbetrifft, Señor Conde, so ist die Büchse nicht gerade mein Handwerk, obschon ich nicht übel schieße, und die meine noch gut genug ist. Der Jaguar bedient sich ihrer einstweilen, so lange ich fort bin, und hat versprochen, sie zu schonen. Ich werde meinen Antheil daher lieber verspielen, wenn die Heiligen wollen, daß ich mit dem Leben davon komme.«

Der Graf sah mit immer größerem Erstaunen, in das sich unwillkürlich eine Art von Bewunderung mischte, auf diesen Mann, der für sich und seine beiden Mitwisser des Geheimnisses, für das Anerbieten der Ueberweisung unermeßlicher Schätze nichts Anderes verlangte, als den Antheil jedes Soldaten oder ein Paar Büchsen und Decken.

Er hatte damals noch keinen Begriff von jener großartigen Einfachheit der Bedürfnisse, die den Luxus der Civilisation vollkommen verachtet.

Eine Menge von Gedanken wälzte sich in seinem Kopf bunt durcheinander. Er schwieg mehrere Minuten, ehe er den Mexikaner, der sich mit den Karten beschäftigte, wieder anredete.

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»Haben Sie und Ihre Gefährten, Señor Don José, die Entdeckung dieses Schatzes und das Anerbieten der Expedition ausschließlich für den verstorbenen Kaiser Napoleon bestimmt, oder würden Sie geneigt sein, dem Blut der rechtmäßigen Könige Frankreichs das gleiche Anerbieten zu machen?«

»Was verstehen Sie darunter?«

»Ich meine, der Familie der Bourbons, die man ihres Erbes, des Thrones von Frankreich, beraubt hat.«

»Caramba, Señor Conde, ich weiß aus meinem Vaterland Mexiko, daß die Pronunciamentos sehr häufig sind; aber ich meine immer, Derjenige, der wirklich durch seine Tapferkeit und seinen starken Geist zu herrschen verdient, wird sich die Herrschaft auch nicht nehmen lassen. Indeß, da der große Kaiser Napoleon einmal todt ist, so ändert das allerdings die Sache und ich glaube, daß es meinem Freunde Bras-de-fer hauptsächlich darauf ankommt, die Goldhöhle seinen Landsleuten diesseits des Meeres und nicht einem schuftigen Yankee oder einem hochmüthigen Engländer zuzuwenden. Wenn sich also unter den Bourbons Einer finden sollte, der den Muth und die Mittel hat, bürge ich für seine Zustimmung. Aber mit dem Plaudern vergesse ich ganz meinen Zweck, um deßwillen ich Sie bemüht habe, und der Doktor mit seinen Sägen und Messern wird hier sein, bevor wir mit unserer Partie zu Ende sind.«

»Es ist wahr, mein Freund, meine Neugierde hat Sie um Ihre Zerstreuung gebracht. Wollen wir die Partie beginnen?«

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»Zu Ihren Diensten, Excellenza! Nur -«

»Nun?«

»Entschuldigen Sie, aber ich möchte gern zuvor wissen, um welchen Preis Sie geneigt sind, mit mir zu spielen.«

»Bah, ich will Sie nicht geniren, bestimmen Sie selbst den Preis.«

»Sie sind ein ächter Caballero, Excellenza! Wohlan denn, es wäre eine Schande für mich, wenn ich Ihnen vorschlagen wollte, mit mir um die Paar Piaster zu spielen, die ich noch in meiner Tasche habe, denn dieser Schurke hält mich in der That kurz mit dem Geld. Ich will Ihnen daher einen andern Vorschlag machen.«

»Lassen Sie hören.«

»Ich war einmal in einem kleinen Hause unweit der Seine, in der Nähe von Notre Dame, in dem man die Leichen unbekannter und verunglückter Personen ausstellt.«

»Die Morgue?«

»Richtig, so heißt der Ort. Ich habe da die nackten Leichname von zwei Männern und einer Frau gesehen und man hat mir gesagt, daß wenn sich Niemand dazu meldet, dieselben von den Studenten zerschnitten würden.«

»Das ist richtig, sie kommen in die Anatomie und dienen der Wissenschaft.«

»Carrajo! Das ist schlimmer als skalpirt werden. Selbst die heidnischen Wilden sind nicht so barbarisch und gönnen dem anderen Körper die Ruhe, wenn sie nur die Kopfhaut haben. Ich glaube zwar, daß nach der Metzelei von gestern Ihre Herren Studenten genug Vorrath an Leichen haben werden; aber sie könnten doch der Seltsamkeit

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halber auf die meine, als die eines Ausländers - vorausgesetzt, daß ich an dieser verdammten Kugel sterben muß - ein besonderes Gelüst verspüren und das würde mir, offen gestanden, sehr unangenehm sein.«

»Ich verspreche Ihnen, daß der Leiche des Retters meines Kindes ein ehrliches Begräbniß zu Theil werden und sie nicht unter das Messer der Anatomen kommen soll. Es versteht sich das von selbst.«

»Bei der heiligen Jungfrau, Sessor Conde, Sie sind ein Ehrenmann; doch das würde Ihnen viele Kosten in dieser großen Stadt verursachen. Ich kann das unmöglich annehmen.«

»Aber was wollen Sie denn eigentlich?« sagte halb lachend, halb ungeduldig der Graf.

»Ich will mit Ihnen um mein Begräbniß spielen.«

»Um Ihr Begräbniß?«

»Caramba - ja, und es soll Ihnen nicht billig zu stehen kommen für den Preis, den ich dagegen setze. Ich möchte ein so schönes Begräbniß mit einer Trauerkutsche, die Bursche mit Flor an dem Hut und die Pferde mit Federn an den Köpfen haben. Es ist wenigstens Etwas, um einen armen Kerl dafür zu trösten, daß er nicht unter dem Rasen der einsamen Prairie oder am Ufer des Rio Grande in seinem Vaterlande liegen kann, sondern auf einem Ihrer Kirchhöfe, die so bevölkert sind wie die Alameda zu Mexiko nach Sonnen-Untergang.«

»Auf mein Ehrenwort, Sie sollen ein solches Begräbniß erhalten, wenn sich der traurige Fall ereignen sollte, und einen Leichenstein dazu.«

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»Nun müssen Sie aber auch wissen, was ich dagegen setze. Kommen Sie näher, Señor Conde.

Der Graf rückte dicht an das Lager.

»Sehen Sie her!«

Der Mexikaner öffnete mit der gesunden Hand sein Hemde am Halse und zeigte dem Grafen ein ledernes Säckchen, das an einer Schnur aus Aloefasern um seinen Hals hing.

»Bitte, helfen Sie es mir abnehmen,« sagte der Kranke, den Kopf vorbeugend. Der Graf hob die Schnur über seinen Hals und legte es auf den kleinen Tisch vor dem Bett.

»Wissen Sie, was Sie soeben in der Hand gehalten, Excellenza?«

»Ein Amulet! Man trägt dergleichen auch bei uns, namentlich im Süden. Sie können ein ähnliches bei Bonifaz finden.«

»Euer Excellenza irren. Es ist das Geheimniß der Goldhöhle.«

Der Graf nahm das schmutzige Säckchen in die Hand, betrachtete, es vergeblich auf allen Seiten und legte es dann wieder nieder.

»Ich verstehe das nicht!«

»Diese unscheinbare Tasche,« sagte der Kranke, die glühenden Augen auf dieselbe gerichtet, »birgt ein Stück Haut mit der genauen Zeichnung der Lage der Goldhöhle und des Weges dahin vom Rio Grande und den Ufern des Bonaventura aus. Nur wer in dem Besitz dieses Planes ist und die Bedeutung desselben kennt, vermag

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ihn in der Wüste aufzufinden. Wir haben drei Exemplare dieser Zeichnung gefertigt und Jeder von uns besitzt eine derselben. Sie ist zugleich der Beweis unseres Anrechts an die Entdeckung, die wir gemeinschaftlich gemacht, und Jeder ist berechtigt, sie und damit sein Anrecht zu verkaufen oder zu verschenken.«

Er hielt inne, der Graf sah ihn mit athemloser Spannung an.

»Wohlan, Señor Conde, ich setze das Säckchen und mein Anrecht daran gegen Ihr Versprechen des Begräbnisses, wenn Sie zwei Bedingungen eingehen wollen.«

»Nennen Sie dieselben.«

»Die erste ist, daß Sie für den kleinen Don Louis, Ihren Sohn, spielen. Ich möchte dem Knaben gern ein Andenken hinterlassen dafür, daß er in jenem Hause bei mir geblieben ist.«

Der Bourbone nickte.

»Dann verlange ich Ihr Ehrenwort, daß, wenn ich die Operation glücklich überstehen sollte, Sie mir das Säckchen uneröffnet zurückgeben. Sie sind dann auch des Begräbnisses überhoben.«

»Ich verpfände Ihnen mein Wort. Aber warum wollen Sie diesen wichtigen Gegenstand nicht lieber bei sich behalten, bis die unangenehme Frage entschieden ist?«

Ein boshaftes Lächeln überflog das verwitterte Gesicht des Gambusino.

»Euer Excellenza werden das seiner Zeit erfahren. Jetzt nehmen Sie die Tasche an sich und lassen Sie uns unser Spiel beginnen. Also - wenn ich verliere, gewinnen Sie

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die Erbschaft und müssen mich begraben lassen; wenn ich gewinne, erhalten Sie Nichts - und ich?«

»Sie gewinnen das Leben, und ich bezahle den Doktor,« sagte lächelnd der Graf.

»Caramba, so soll es sein! Lassen Sie uns anfangen.«

Der Graf mischte die Karten.

»Aber, Señor José, wie sollen wir uns in dem unangenehmen Fall, daß Sie verlieren, mit den Associés der Firma abfinden, da ich sie nicht kenne?«

»Euer Excellenza meinen Wonodongah und Le Bras-de-fer?«

»Richtig! Es möchte etwas weitläuftig sein, ihre Adressen zwischen Verakruz und Kalifornien ausfindig zu machen.«

»Die Sache ist nicht so schwer, wie Sie glauben. Wir haben wie ich bereits die Ehre hatte Ihnen zu sagen, für die nächsten zwei Jahre uns ein Rendezvous gegeben. Aber zum Teufel! ich finde, daß mein Arm im Halten der Karten mich gewaltig genirt. Sie sind zu sehr im Vortheil. Sollten Sie vielleicht Würfel besitzen, das würde uns das Geschäft erleichtern.«

»Louis muß sie dort in seinem Spielkasten haben.«

Der Graf öffnete denselben und nahm einen Becher mit Würfeln heraus.

»Euer Excellenza sind die Höflichkeit selbst. Drei Partieen denn, Señor Conde, wenn es Ihnen gefällig ist.«

»Ich stehe zu Ihrer Disposition. Haben Sie die Güte anzufangen.«

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Der Mexikaner hatte seine Karten weggelegt und schüttelte den Becher.

»Euer Excellenza müssen wissen, daß unsere erste Zusammenkunft für den ersten Tag des ersten Vollmonds im Monat September, gerade um zehn Uhr Abends, angesetzt ist. Carajo, ich glaube, ich habe Siebzehn geworfen!«

»Richtig! - Da ist der meine - Neun!«

»Ich hoffe, Señor Conde, Sie werden künftig besseres Glück haben. Die nächste Zusammenkunft findet demnach schon in neun Monaten statt. - Dreizehn!«

»Den Teufel! ich habe Unglück. - Sieben!«

»Die erste Partie ist verloren: aber trösten Sie sich. Unglück im Spiel ist Glück in der Liebe. Zwölf!«

»Zehn! Sie sind mir um sechszehn Augen voraus!«

»Der Ort, den wir für das nächste Jahr zu unserer Zusammenkunft bestimmt hatten, ist San Franzisco. Im Fall ich zu dieser Zeit noch nicht eingetroffen oder verhindert sein sollte, haben wir grade sechs Monate später ein zweites Rendezvous in der Wüste selbst festgesetzt, an der Quelle des Bonaventura. Sie finden die Stelle auf dem Pergament, das in jenem Säckchen ist, mit einem rothen Punkt bezeichnet. - Aber lassen Sie uns die zweite Partie beginnen, Señor Conde, wenn es Ihnen gefällig ist. Sie wissen, daß ich Ihnen sechszehn Points voraus bin.«

»Fangen Sie an.«

»Zwölf! - es ist kein schlechter Wurf. Das erste Rendezvous also ist - kennen Sie San Franzisko?«

»Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich nur in Afrika, nicht in Amerika war. Zehn!«

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»Ich bitte tausend Mal um Entschuldigung, Excellenza. Jenes Rendezvous ist also auf dem Plazza mayor von San Franzisco und zwar - Neun! Carrajo, das ist ein schlechter Wurf!«

»Ich hoffe, es besser zu machen. Mordieu! nur Acht! Nun also, Señor?«

»In dem Augenblick, wo die Uhr der Kathedrale, welche an der Ostseite des Platzes liegt, die zehnte Stunde verkündet, werden Eisenarm und der Große Jaguar genau auf der Stelle sein, wohin die Thurmspitze jener Kirche ihren Schatten wirft. - Dreizehn! Das macht vier und dreißig, Señor Conde! Es thut mir leid, aber Sie werden die Begräbnißkosten zahlen müssen.«

»Elf! - Sie haben nochmals fünf Points, im Ganzen also ein und zwanzig voraus! - Sollten Ihre Freunde wirklich so genau Wort halten? Bedenken Sie, daß, so viel ich beurtheilen kann, die Entfernung von dem zweiten Rendezvous ein paar hundert Meilen betragen muß!«

»Sie werden zur Stelle sein, wenn sie noch am Leben sind. Sollten sie fehlen, so ist der Anwesende Erbe ihres Antheils. - Man klopft, Excellenza. Carrajo! Sollte das schon der verteufelte Doktor sein?«

Der Graf fuhr aus dem tiefen Sinnen auf, in das er wieder versunken war, und ging nach der Thür.

»Wer ist da?«

Die Stimme der Schauspielerin antwortete ihm. »Der Doktor mit seinem Kollegen ist so eben angekommen, sie befinden sich im Salon und lassen fragen, ob sie eintreten können; der Doktor Boisset hat nur wenig Zeit.«

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»Oeffnen Sie, Señor Conde, öffnen Sie! Es muß einmal entschieden sein.«

Der Graf öffnete die Thür, der Hausarzt der Schauspielerin trat mit einem korpulenten Herrn ein, dessen rothes rundes Gesicht von einem Kranz weißer Haare halb umrahmt war. Ueber eine goldene Brille hinweg funkelten ein Paar kleine gutmüthige graue Augen. Im Knopfloch des blauen Fracks hing ein goldenes Kettchen mit wenigstens zehn verschiedenen Miniatur-Orden.

»Sieh da, Doktor Boisset!« sagte Boulbon, der den berühmten Operateur in verschiedenen Salons getroffen hatte. »Ich bin Ihnen sehr dankbar dafür, daß Sie sich zu uns bemüht und uns mit Ihrer Kunst verpflichten wollen.«

»Doktor Connard schilderte mir den Fall als einen interessanten und Ihr Name, lieber Graf, bewog mich, das Lazareth zu verlassen. Sie können nach den gestrigen Ereignissen denken, daß meine Zeit sehr beschränkt ist; also lassen Sie uns ans Werk gehen. Wo ist der Patient, für den Sie sich so lebhaft interessiren?«

»Hier, Doktor!«

»Ein Fremder - er versteht nur spanisch - wie mir Connard sagt. Desto besser, so sind wir in unserem Meinungsaustausch ungenirt. Lassen Sie mich sehen.«

Er untersuchte den Verwundeten genau, dann sagte er: »Ich stimme der Meinung meines geehrten Kollegen Connard vollkommen bei. Der Mann ist noch zu retten, wenn es gelingt, die Kugel, die am Rückgrat sich festgeklemmt hat, herauszuziehen. Aber es ist unmöglich, für die Operation einzustehen; denn eben so gut kann auch bei

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der geschicktesten Hand augenblicklich der Tod erfolgen. Ist der Mann davon in Kenntniß gesetzt und darauf gefaßt?«

»Vollkommen, Doktor!«

»So lassen Sie uns zum Werk schreiten. Madame, dies ist kein Anblick für Sie; haben Sie nur die Güte, mir etwas Wasser, altes Leinen und Aether bringen zu lassen. Ist ein Mann in der Nähe, der den Kranken halten kann?«

»Ich werde jeden Dienst verrichten, den Sie mir auftragen,« sagte der Graf.

»Dann haben Sie die Güte uns zu helfen, das Bett in die Mitte des Zimmers zu stellen, so daß ich frei zu demselben treten kann.«

Es geschah. Während der Operateur sein Besteck herausnahm und auf einen Nebentisch auslegte, wandte sich der Mexikaner zu dem Grafen.

»Caramba, Señor Conde, lassen Sie uns unsere Partie nicht vergessen.«

»Wie? Denken Sie wirklich noch daran? Wollen Sie nicht lieber diese wichtigen Augenblicke dem Gedanken an Gott widmen?«

»Ich habe dreißig Jahre lang in der Wildniß Veranlassung genug gehabt, an Gott zu denken, wo mein Leben oft um keinen Grashalm sicherer war als jetzt. Aber wenn ich selbst gewußt hätte, daß die Hunde von Apachen auf meiner Fährte wären, würde ich ein so schönes Spiel nicht im Stich gelassen haben. Bedenken Sie, Señor Conde, ein und zwanzig gegen Nichts und noch drei Würfe! Ich

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müßte verteufeltes Unglück haben, wenn ich nicht gewinnen sollte.«

Der Operateur hatte das Instrument gefunden, das er suchte, es glich einem doppelten Kugelzieher. Er prüfte die scharfen Spitzen gegen das Licht, dann reichte er es seinem Kollegen und nahm die gewöhnliche Sonde und ein kleines Messer mit haarscharfer Spitze.

»Wir können beginnen!«

In diesem Augenblick öffnete sich die Thür nochmals und Bonifaz trat ein, gefolgt von einem Mann.

»Gnädiger Herr, hier bringe ich Monsieur Brown.«

Der Fremde hatte ein ziemlich merkwürdiges Aussehen. Er war von mittlerer Größe und hagerer Gestalt, die mit einem braunen, mit zahlreichen Taschen versehenen Rock bekleidet war. Ein ziemlich schäbiger Hut bedeckte eine niedere, im scharfen Winkel vorspringende Stirn, die in eine lange spitze Nase überging. Er hatte Augen von verschiedener Farbe und einen schielenden Blick. Das vorspringende starke Kinn verrieth Habsucht und Energie.

Diese höchst unliebenswürdige Persönlichkeit blieb, die Hände bis an den halben Ellenbogen in die Rocktaschen vergraben, den Hut auf dem Kopf, auf der Thürschwelle stehen und warf einen Schielblick auf die Gesellschaft.

»Ich habe gehört, Master Joseph, daß Ihr Euch in eine saubere Geschichte da eingelassen habt,« sagte der Mann, »und ich kalkulire, daß das gegen unseren Vertrag ist. Ihr seid mir Euer Leben schuldig, und wenn diese Windbeutel, die Franzosen, Euch todt geschossen haben, so habt Ihr mich um mein Geld betrogen.«

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»Caramba!« erwiderte unwillig der Verwundete, »Ihr seht ja, daß ich noch nicht todt bin. Ich wollte Euch nur das Suchen nach mir ersparen, deshalb schickte ich zu Euch und ließ Euch hierher bitten.«

»Mich will gemuthen, daß dies ziemlich rechtschaffen von Euch ist. Der Doktor will Euch also in's Fleisch schneiden?«

»So ist's.«

»Dieser Mann hat mir gesagt, daß Ihr daran sterben könntet?«

»Das ist unser Aller Loos.«

»Ich kalkulire, es würde Euch eine verteufelte Erleichterung sein, wenn Ihr mir vorher ein wenig das Herz ausgeschüttet hättet so von wegen der Dinge, die Ihr wißt.«

Er machte eine bezeichnende Pantomime nach der übrigen Gesellschaft. Der Mexikaner sah ihn mit spöttischer Miene an.«

»Was meint Ihr, Gevatter?«

»Zum Henker, ich meine wegen der Nachrichten über eine gewisse Höhle, die Ihr mir undankbarer Weise bisher immer vorenthalten habt. Wollt Ihr mir nicht lieber das Dings da geben, das Ihr immer bei Euch tragt, um es in sicheren Händen aufbewahrt zu wissen? Mich will gemuthen, es wäre mein Recht.«

»Ich danke,« sagte ruhig der Verwundete, »Euer Recht habt Ihr bereits in der Tasche und mich dafür geizig genug behandelt. Unser Kontrakt bedingt Euch nur hunderttausend Dollar Belohnung, wenn Ihr, versteht mich wohl, das Geschäft zu Stande bringt; sonst habe ich keine

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Verpflichtungen gegen Euch, worüber ich diese Señores zu Zeugen nehme.«

Der Doktor schritt hier ein.

»Bitte, sagen Sie dem Mann, daß wir nicht länger zögern können. Sie dürfen uns hier nicht stören, mein Freund, oder müssen sich entfernen. Bringen Sie den Kranken in die geeignete Lage, Doktor Connard.«

Der Assistenz-Arzt war sofort damit beschäftigt; der Mexikaner wurde auf den Leib gelegt und durch Kissen unterstützt, so daß sein Rücken der Operation frei blieb. Sein Kopf lag über dem Ende des Bettes, so daß er die Anwesenden sehen konnte; ebenso war seine Hand frei.

»Darf ich sprechen bei der Geschichte? Ich muß doch meine Partie zu Ende spielen.«

Der Graf übersetzte dem Operateur das Verlangen des Kranken.

»Meinetwegen, ich habe Nichts dawider, vorausgesetzt, daß er sich nicht zu sehr bewegt. Irgend eine solche Beschäftigung ist oft sehr gut und macht den Kranken, wenn er sich nicht ätherisiren läßt, den Schmerz dabei vergessen. Ich habe einem Manne das Bein abgenommen, der dabei eine Sonate von Beriot auf der Geige spielte. Es wird am besten sein, dem armen Burschen den Willen zu thun.«

Der Graf rückte das Tischchen mit den Würfeln an das Kopfende des Bettes, so daß es unter dem Auge und unter der Hand des Kranken war, dann zog er einen Stuhl an die andere Seite und setzte sich.

Der Amerikaner stellte sich hinter seinen Stuhl, die Operation und das Spiel zugleich beobachtend. An der

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rechten Seite des Bettes stand der Assistenz-Arzt mit den Instrumenten und einem starken Reizmittel. Bonifaz hielt am Fußende Schwamm und Becken, die linke Seite blieb frei für den Operateur.

»Sind Sie bereit?«

»Ja! - Fangen Sie dies Mal an, Señor Conde, Sie wissen, daß ich Ihnen ein und zwanzig voraus bin.«

»Ich kalkulire, Ihr habt ein unverschämtes Glück, Master José,« sagte der Amerikaner. »Ich möchte eine halbe Dublone wetten, daß Ihr auch dies Mal wieder gewinnt.«

Ein Zug des Spottes flog über das hagere Gesicht des Goldsuchers. »Meint Ihr, Gevatter? Es könnte mir wahrhaftig dies Mal Vergnügen machen, wenn Ihr gewinnen solltet! - Caramba, ich glaube, Sie haben Achtzehn geworfen, Señor Conde?«

Der Operateur begann in diesem Augenblick den Kreuzschnitt über der Wunde. Der Gambusino war so beschäftigt mit seinem Spiel, daß er den Schnitt gar nicht, zu fühlen schien.

»Demonio! ich habe nur fünf Point,« rief er, indem seine Augen zu funkeln begannen. »Weiter, Señor Conde, weiter!«

Der Graf warf Fünfzehn.

»Sieben! Verdammt - lassen Sie uns rechnen! Vamos! ich glaube, die Partie steht sich jetzt gleich! - Haben Sie die Kugel noch nicht, Doktor? Sie arbeiten ja seit fünf Minuten in meinem Rücken umher, als wollten Sie mir alles Fleisch von den Knochen schinden. Ich

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glaubte bisher, das verständen nur die Schufte, die Apachen, wenn sie Einen am Marterpfahl haben.«

Doktor Boisset winkte dem Hausarzt. »Ich fühle mit der Sonde die Kugel, sie ist zwischen dem zweiten und dritten Wirbel von unten eingeklemmt und die Zange wird nicht genügen. Reichen Sie mir das Instrument, das ich mitgebracht.«

Doktor Connard gab seinem Meister eines jener Werkzeuge, die der Schrecken der Verwundeten auf den Schlachtfeldern und auf den Amputationstischen der Lazarethe sind. Es hatte wie erwähnt die Gestalt eines doppelten Kugelziehers für die Büchsenläufe, nur war es kürzer und mit einem Handgriff versehen. Die Zuschauer sahen die Vorbereitungen nicht ohne ein tiefes Grauen und Mitleid für die Schmerzen des Unglücklichen an, bis auf den Amerikaner, der mit gefühlloser Neugier das Instrument betrachtete.

»Halten Sie den Mann jetzt fest,« befahl der Operateur an Bonifaz. »Fassen Sie die Füße an, damit er nicht durch Zuckungen die Operation stört.«

Er setzte die Doppelspitze des Instrumentes in das Fleisch.

»Ein und zwanzig, Fünf und Sieben sind Drei und dreißig,« sagte der Verwundete. »Wahrhaftig, Señor Conde, Sie haben mich eingeholt; aber nun gilt's! Wollt Ihr noch auf mich wetten, Freund Brown?«

Der Yankee bedachte sich. »Eine halbe Dublone ist viel Geld,« sagte er endlich. »Wenn ich nur wüßte, um was es sich handelt?«

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»Caramba, Ihr wißt, daß ich nicht gewohnt bin um Kleinigkeiten zu spielen. Wettet immerhin auf mich, aniio,« und ich verspreche Euch, Ihr sollt die Hälfte meines Gewinnes erhalten.«

»Euer Wort?«

»Das Wort eines Caballero darauf.«

»Very well, so will ich eine halbe Dublone darauf wagen. Hier ist sie - ich bin neugierig, wer die Wette halten wird?«

Er holte aus der Tasche ein schmutziges Papier, wickelte es auf und legte die darin enthaltene Münze auf den Tisch.

»Die Leute hier vertrauen verteufelt auf Euer Glück, Master José,« brummte er. »Ihr seht, es will Niemand gegen Euch wetten.«

Er war im Begriff, sein Geldstück wieder einzuziehen als Bonifaz vom Ende des Bettes her rief: »Mordieu, Ihr sollt nicht sagen, Bursche, daß ein Franzose sich gescheut hätte, eine Herausforderung anzunehmen. Ich halte Eure Wette!«

»Angenommen!« erwiderte phlegmatisch der Amerikaner. »Aber Ihr seht, Mann, daß ich das Geld baar eingesetzt habe. Es muß gleiches Spiel sein.«

»Pardioux, seht Ihr nicht, daß ich keine Hand frei habe? Monseigneur, Sie bürgen gewiß für mich?«

Der Graf warf einen Louisd'or neben die spanische Münze.

In diesem Augenblick stieß der Leidende einen furchtbaren Schrei aus und machte eine so krampfhafte Bewegung,

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daß es der ganzen Kraft des Avignoten bedurfte, um ihn fest zu halten. Sein gelbes hageres Gesicht färbte sich mit einer dunklen Röthe.

»Ruhig, ruhig, Mann, oder Ihr stört die Operation,« sagte der Arzt. »Sehen Sie, Doktor Connard, ich habe glücklich die Kugel gefunden, die Doppelspitze faßte das Blei. Einige Augenblicke noch und die Sache wird entschieden sein.«

Der Kranke hatte die Zähne auf die Unterlippe gebissen, daß das Blut in hellen Tropfen hervordrang. Plötzlich richtete sich sein Kopf in die Höhe und sah den Grafen an.

Das Weiße der Augen schien blutig geröthet, von seiner Stirn perlte dick ein kalter Schweiß; trotzdem machte er, indem er seinen Gegenspieler ansah, ein energisches Zeichen, daß dieser werfen solle.

Erschaudernd in seinem Innern konnte sich derselbe doch dem fast magischen Einfluß nicht entziehen. Er ergriff den Würfelbecher und warf.

»Siebzehn!«

Es war der Yankee, der den Ausruf gethan, indem er nur Augen für die Würfel, nicht aber für die Leiden seines Gefährten hatte.

Die Blicke des Mexikaners hefteten sich förmlich krampfhaft auf die Würfel; das nervöse Zucken des Spielers durchlief sein Gesicht und die Finger, die er nach dem Becher ausstreckte, zitterten vor Aufregung.

Der Graf hatte die Würfel in den Becher geworfen;

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jene zitternde Hand erfaßte ihn und stülpte ihn um; Aller Augen waren auf den Wurf gerichtet.

Plötzlich unterbrach die Stille ein Ruf des Arztes. Er hielt das Instrument in die Höhe - an den Spitzen desselben hing die blutige Kugel.

»Triumph! Wir haben sie!«

Der Oberkörper des Kranken richtete sich langsam empor, ein Strahl von Freude zuckte aus seinen blutunterlaufenen Augen und lief über seine verzerrten Züge.

»Achtzehn! Caramba, ich habe doch gewonnen!«

»Ihr wißt, Master José, die Hälfte des Gewinnes ist mein,« schrie auf den Tisch zustürzend der Amerikaner. »Was ist der Preis?«

Der Mexikaner sah ihn starr an, ein Ausdruck von Hohn lagerte sich auf seinem Gesicht und er öffnete den Mund.

»Ein Begräbniß!«

Der Kopf des Kranken fiel vorne über - der Mann war todt.

Der Graf sprang erschrocken auf, in den Gesichtern aller Anwesenden malte sich eine tiefe Bestürzung.

»Um Gottes willen, Doktor, was ist das? Helfen Sie, retten Sie!«

Der Doktor Connard hatte bereits den Körper gefaßt und ihn auf den Rücken gewendet. Die Augen waren weit geöffnet und starrten gläsern empor; die Farbe wich langsam aus dem verwitterten Gesicht und die Glieder verloren erst nach und nach ihre Elasticität. Zwischen den

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schmalen Lippen glänzten die weißen Zähne wie die eines Schakals fest auf einander gebissen.

»Schnell ein Flacon - den Schwamm! Soll ich ihm zur Ader lassen. Doktor Boisset?«

»Warum denn? es ist unnöthig. Ich sagte es Ihnen ja, wenn er die Operation nicht überstände, würde es im Augenblick mit ihm zu Ende sein. Sehen Sie hier, da sitzt die Ursache, die wir nicht wissen konnten. Hätte die Kugel ihre regelmäßige Form behalten, so war er gerettet; aber der Mann hat so harte Wirbel gehabt, daß sie sich abgeplattet hat. Hier diese scharfe Ecke hat die Rückenmarknerven zerrissen.«

Der gelehrte Operateur kümmerte sich sehr wenig um den Tod des Mannes, wenn er nur die Ursachen desselben und das wissenschaftliche Interesse des Falles konstatiren konnte.

Doktor Connard hatte die Hand auf das Herz des Opfers gelegt, hielt ihm den scharfen Salmiakgeist unter die Nase und versuchte verschiedene andere Mittel.

»Es ist vergebens,« sagte er nach einer kurzen Pause, »der Mann ist todt. Ihre Freundlichkeit, Herr Graf, ist vergebens gewesen.«

»Das thut mir aufrichtig leid. Wenigstens soll es mir Pflicht sein, seine letzten Wünsche zu erfüllen. Mein Herr, ich bin nichts desto weniger in Ihrer großen Schuld für die Hilfe, die Sie dem Unglücklichen zugewendet haben.«

»Bah, das ist die Pflicht der Wissenschaft,« meinte der große Arzt. »Aber wenn die Operation auch nicht glücken konnte, das Subjekt wird nichts desto weniger

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nützlich für die Wissenschaft sein. Ich denke, Sie werden Nichts dawider haben, daß ich den Kadaver für die Anatomie abholen lasse. Bei diesem Bau und der Eintrocknung des Fleisches wird er ein vortreffliches Präparat abgeben, an dem ich meinen nächsten Vortrag über die Rückgrats-Verletzungen halten kann.«

Der Amerikaner, der bis jetzt durch die Beschäftigungen der Aerzte um den Todten von diesem zurückgedrängt worden war, machte sich jetzt bemerklich.

»Ich kalkulire, Doktor,« sagte er, »der Bursche ist immer seine zwanzig Dollar werth für das Zerschneiden. Wenn Sie eine Kleinigkeit zulegen wollen, sollen Sie da meinen Freund haben, sobald ich ihn ausgezogen; denn wenn die Sachen auch nicht viel werth sind, so hoffe ich doch immer noch ein Paar Franken daraus zu machen. Was die Wette anbetrifft, so denke ich, Masters, ich kann mein Geld mit Recht einstreichen.«

Dem Wort folgte die That und er wollte sich eben an den Todten machen, als sich die Hand des Grafen zwischen ihn und diesen streckte.

»Einen Augenblick noch, mein Freund. Was die Leiche da betrifft, so haben Sie Alle gehört, daß ich auf den Wunsch des Verstorbenen mit ihm um sein Begräbniß spielen mußte, und da ich verloren habe, so denke ich als Gentleman ihm mein Wort zu halten.«

»Ich bitte Sie, liebster Graf,« sagte der Operateur, »es wäre ein Verlust für die Wissenschaft.«

»Ich kalkulire,« meinte der Yankee, »es kann dem armen Kerl jetzt sehr gleich sein, ob er in die Erde gelegt

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oder dem sehr würdigen und verständigen Herrn hier übergeben wird. Wenn Sie mir die Hälfte der Kosten geben wollten, die Sie auf das Begräbniß zu verwenden gedenken und ich die zwanzig Dollars dazu thue, so hätte ich doch einigermaßen meinen Schaden ersetzt. Ich vermuthe, es wird mir Niemand das Recht der Erbschaft streitig machen.

Er legte die Hand auf den Todten.

»Was Ihr Recht ist, mag Ihnen werden. Die Leiche aber wird auf meine Kosten bestattet und Sie haben jetzt hier Nichts mehr zu thun.«

»Meinetwegen denn, aber ich sage Ihnen, Sie Hätten ein Einsehen haben und einen armen Mann nicht um einen kleinen Verdienst bringen sollen. So will ich denn nehmen, was mein ist und dann meine Füße weiter setzen.«

Er beugte sich über die Leiche, die noch immer mit den offenen starren Augen dalag, und öffnete ihr den Hemdkragen.

Plötzlich fuhr er mit einem lauten Aufschrei zurück. Sein häßliches Gesicht war fast so fahl wie das des Todten geworden und er warf seine Schielblicke wie verwirrt umher.

»Das Säckchen, wo ist das Säckchen? Verflucht, man hat mich bestohlen!«

Seine behaarten hageren Finger griffen krampfhaft auf dem Leichnam umher und durchwühlten die blutige Bettdecke.

»Wo ist das Säckchen? Gott verdamm' meine Seele, ich muß das Säckchen haben!«

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Die in jeder Falte des Bettes, in jedem Zimmerwinkel umherforschenden Augen quollen ihm im Schreck betrogener Habgier förmlich aus dem Kopf. Mit zitternden Händen hob er die alten Kleidungsstücke des Mexikaners in die Höhe und durchsuchte die Taschen; dann wieder stürzte er sich auf die Leiche und warf und schüttelte sie so roh umher, daß selbst die beiden schon an der Thür stehenden Aerzte, die doch an schreckliche Auftritte gewöhnt waren, ein Gefühl des Grauens empfanden und der jüngere zurückkam, um den todten Körper vor dieser Entweihung zu schützen.

»Das Säckchen! ich muß das Ding haben, das der Schurke am Halse trug, es ist mein!«

Seine drohenden habgierigen Augen wandten sich auf den Grafen; er krallte die Finger beider Hände in dessen Arm.

»Sie haben es - ich sehe es Ihnen an! Geben Sie mir mein Eigenthum zurück oder ich begehe einen Mord an Ihnen!«

Mit einer einzigen kurzen Bewegung seiner Hand schleuderte der Edelmann den Elenden zurück, daß er an die entgegengesetzte Wand taumelte.

»Ventre Saint-gris!« sagte er kalt, »ich glaube, das Vieh wagt mich zu berühren. Meine Herren, um Ihnen den Auftritt zu erklären, bemerke ich Ihnen, daß es sich ganz einfach um eines der indianischen Amulets handelt, das der Verstorbene mir überlassen, oder vielmehr im Würfelspiel gegen meine Verpflichtungen eingesetzt hat, für sein

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Begräbniß zu sorgen. Hier ist das Ding! Sie werden sich überzeugen, daß es keinen reellen Werth hat.«

Er öffnete das Säckchen, das er bisher in der geschlossenen Hand verborgen gehalten hatte, und zog den Inhalt heraus.

Dieser bestand allein in einem Streifen Haut, mit allerlei Linien und Punkten bemalt.

Nachdem er es den Aerzten gezeigt, steckte er den Hautstreifen wieder in das Säckchen und dies selbst in die Tasche.

»Man hat mich bestohlen, ich bin ein unglücklicher Mensch, wenn ich mein Eigenthum nicht erhalte!« schrie der Amerikamer[Amerikaner] von der Wand her. »Es wird noch Gerechtigkeit in diesem Lande geben, die Gerichte müssen mir zu meinem Eigenthum verhelfen.«

»Narr! Diese Herren haben gehört, wie der Mann da noch wenige Augenblicke vor seinem Tode erklärte, daß er keinerlei Verpflichtung an Sie habe.«

»Die Tasche, die Tasche!« heulte der Yankee. »Sie nützt Ihnen nichts, während Sie mich um Millionen bestehlen. Jener Lederstreifen ist -«

Der Graf trat auf ihn zu. Seine Stirn war finster zusammengezogen, seine Auge so drohend wie eine Gewitterwolke. Er hatte die geballte Faust erhoben.

»Still, Schurke! Ein Wort noch und ich zerschmettre Dir den Schädel! Sieh her, Du kennst mich noch nicht!«

Neben ihm stand ein Tisch von Mahagoni. Die Platte war mehr als einen Zoll stark. Ohne auszuholen, fuhr die Hand des Edelmanns auf die Platte nieder und die

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Ecke sprang wohl eine Hand breit ab, als wäre sie von einer Säge abgetrennt.

»Jetzt packe Dich.«

»Der Mensch ist verrückt und muß nach Charenton gebracht werden,« sagte Doktor Boisset. »Da Sie durchaus Nichts für die Wissenschaft thun wollen, Graf, so begraben Sie immerhin Ihren Mexikaner und leben Sie wohl!«

Er verließ mit einem Gruß das Zimmer, Doktor Connard folgte ihm und Bonifaz begleitete auf einen Wink seines Gebieters die Herren die Treppe hinab.

Der Graf und der Yankee blieben allein zurück bei dem Todten.

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Die Verhaftung.

Der Amerikaner stand zitternd an der Wand, wohin die Hand des Grafen ihn vorhin geschleudert. Seine Stirn und seine Haare waren von einem kalten Schweiß befeuchtet, seine häßlichen Schielaugen irrten rathlos in dem Zimmer umher; er schien einen Augenblick die Absicht gehegt zu haben, sich auf den Grafen zu werfen und ihm mit Gewalt die verhängnißvolle Zeichnung zu entreißen; aber die Probe von Kraft, welche der Edelmann ihm gegeben, überzeugte ihn sofort, daß es ein vergebliches und gefährliches Beginnen sein werde.

Der Graf blieb vor dem Lager des Todten stehen, mit einem Blick stolzer Verachtung den erbärmlichen Gegner messend, die Arme über die Brust gekreuzt.

Plötzlich fiel der Amerikaner auf die Knie nieder, streckte die Hände flehend nach dem Edelmann aus und rief in jämmerlichem Tone: »Gnade, Herr! Ich sehe, Sie wissen Alles und ich Narr habe Sie beleidigt. Aber Sie

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werden es mir verzeihen, Sie sind ein mächtiger vornehmer Herr, ein Fürst oder Graf, wie ich höre, und Sie werden einen armen Kerl nicht seines Glücks berauben wollen. Haben Sie Erbarmen mit mir und geben Sie mir die Tasche.«

Der Graf schwieg einige Augenblicke. »Wenn ich es auch thun wollte, obschon es gegen das Versprechen ist, das ich dem Manne hier gegeben, es würde Ihnen wenig nützen, wenn Sie nicht wissen, wie Sie das Geheimniß verwerthen sollen.«

»O ich werde es finden, ich werde die Spur verfolgen, ich werde Freunde finden, die mir helfen - nur das Geheimniß, das Geheimniß! Es ist mein Eigenthum, ich habe mich in Schulden gestürzt, um ihm zu dienen und er hat es mir versprochen und verkauft!« Er rang die Hände.

»Wohlan, geben Sie mir den Beweis Ihres Anrechts daran und Sie sollen erhalten, was Sie verlangen.«

»Alles, Alles! Euer Gnaden wissen, daß er es mir verkauft hat, daß ich sonst Alles weiß, nur der Plan fehlt noch.«

»Dann beantworten Sie mir eine Frage. Nennen Sie mir Zeit und Ort, wo Sie die Mitberechtigten zu dem Schatz finden sollen.«

Der Yankee sah ihn mißtrauisch an. »Ich verstehe Euer Gnaden nicht. Ich bin der einzige Erbe des edlen Don José; er hat ihn allein gefunden.«

»Schurke! Ich dachte es mir. Du weißt Nichts von der Sache, als was Deinen Handel mit ihm betrifft und dafür bist Du durch die Goldstufe reich entschädigt, die

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er in Deinen Händen gelassen hat. Der Todte hat mich in sein Recht eingesetzt«

»Ist das Ihr letztes Wort?«

»Mein letztes, Bursche, und nun verpeste diesen Ort nicht länger mit Deinen Lügen.«

Der Yankee sprang auf, seine schielenden Augen warfen einen Blick des tiefsten tödtlichsten Hasses auf seinen Gegner.

»So wahr ich John Brown heiße und meine Mutter meines Vaters Weib war, das sollen Sie mir büßen! Der Sohn eines freien Landes wird sich an die Fersen des diebischen Edelmanns hängen gleich der Schlange, und ihr Biß soll ihn treffen, wenn er es am wenigsten denkt! Ich will verdammt sein, wenn Ihre Augen je die Goldhöhle sehen sollen! Verdorren soll Ihre Zunge, die das Wort der Weigerung ausgesprochen, und in den Staub will ich Alles treten, was Ihnen lieb und werth! Fluch dem vornehmen Räuber, sein Herzblut will ich haben für die heutige Stunde! - Triumphiren Sie nicht zu früh, denn Sie sollen sehen, daß John Brown nicht der Mann ist, der sich sein Recht und sein Eigenthum nehmen läßt!«

Die kalte Ruhe, die der Graf diesen Drohungen gegenüber bewahrte, reizte den Wüthenden noch mehr, und die Faust gegen ihn schüttelnd rannte er nach der Thür.

Eben, als er dieselbe erreichte, wurde sie von außen aufgerissen und Bonifaz stürzte offenbar in großer Erregung herein, während die Schauspielerin zitternd und mit bleichem Gesicht folgte.

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Zugleich hörte man auf dem Vorplatz der Wohnung das Aufstampfen von Gewehren und das Klirren von Waffen.

»Die Gensdarmen, Herr! Man fragt nach Ihnen, Herr Graf, man will Sie verhaften!«

Die junge Frau warf sich in seine Arme. »Um Gottes willen, Aimé, was bedeutet das? Was ist geschehen?«

»Ventre saint-gris! Was wird es sein? irgend eine Nachfrage oder eine Verwechselung! Sei ruhig, Suzanne, es hat in keinem Falle viel zu bedeuten.«

Er ging dem Officier entgegen, der eben, den Amerikaner vor sich herstoßend, in das Gemach trat. Durch die offene Thür sah man auf dem Flur die blitzenden Bayonnete und die bärtigen, noch vom Pulverdampf der Nacht geschwärzten Gesichter der Garden, welche die Treppe und jeden Ausgang besetzt hielten.

»Kein Mensch verläßt das Haus, bis ich es erlaube,« sagte barsch der Officier. »Wer von Ihnen nennt sich Graf Raousset Boulbon?«

»Ich habe die Ehre, mein Herr,« sagte vortretend der Graf. »Was steht zu Ihren Diensten?«

Der Officier wandte sich zu einem der Gensdarmen um. »Ist dies der Mann, Jerôme?«

»Ja, Lieutenant,« sagte der Gardist, der den Kopf verbunden und einen Arm in der Schlinge trug. »Ich erkenne ihn deutlich wieder.«

»Mein Herr,« fuhr der Officier fort, »Sie haben diesen Morgen einen nichtswürdigen Rebellen, einen Barrikadenkämpfer der verdienten Strafe entzogen. Sie haben sich selbst als Rebellen gezeigt, indem Sie der bewaffneten

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Macht Widerstand geleistet. Wo ist der Mann, den Sie in diesem Hause verborgen haben?«

»Sie meinen einen armen Fremden, der von Ihren Soldaten bei der Rettung meines Sohnes auf den Boulevards schwer verwundet worden ist?« fragte der Graf gelassen.

»Ich meine den Rebellen, den dieser Mann verfolgt hat, als er von Ihnen an seiner Verhaftung verhindert wurde. Geben Sie ihn auf der Stelle heraus!«

Der Graf trat zur Seite. »Sehr gern, wenn Sie dafür die Verpflichtung übernehmen wollen, ihn anständig begraben zu lassen, denn ich habe darauf mein Ehrenwort gegeben!«

»Es ist gut,« sagte der Officier, indem er zu dem Bett tretend sich von dem Tode des Bedrohten überzeugte. »Der Bursche hat, was er verdient, und ich habe also Nichts mehr mit ihm zu thun. Jetzt zu Ihnen, mein Herr! Sie gestehen also zu, Hand an einen Diener des Gesetzes gelegt zu haben?«

Der Graf lachte. »Wenn Sie diese Herren in der vergangenen Nacht als Diener der französischen Gesetze betrachten,« sagte er mit Humor, »und es als ein Verbrechen ansehen, wenn sich Jemand von ihnen nicht den Kopf spalten lassen will, dann habe ich allerdings ein großes Vergehen begangen, indem ich mich in meinem Samariterdienst zur Wehre gesetzt!«

»Ohne Umschweife, kurz und gut! Haben Sie den Gensdarmen hier vom Pferde gerissen?«

»Bewahre! ich habe bloß ihn und sein Pferd in den

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Rinnstein geworfen, um ihn ein wenig Höflichkeit zu lehren, mein Herr!«

»Dann verhafte ich Sie im Namen der Regierung!«

»Wie, mich? Man wagt es?«

»Wenn Sie der Graf Raousset Boulbon sind - gewiß und ich glaube, man wird noch mehr wagen!«

»Mordioux! Darauf bin ich neugierig! und wer ist es, der den Befehl zu meiner Verhaftung gegeben hat?«

»Se. Excellenz der Kriegsminister, General St. Arnaud selbst,« sagte der Officier.

Der Graf ließ ein leichtes Pfeifen durch die Zähne hören. »Ah, parbleu, das ist etwas Anderes. Ich sehe, die Sache wird ernst. Man hofft vielleicht bei der Gelegenheit der allgemeinen Massacre sich auch einigen guten Blutes zu entledigen, das dem Herrn Präsidenten der glorreichen französischen Republik für die Zukunft unbequem ist! Und wohin wollen Sie mich führen?«

»Vor das Kriegsgericht in der Kaserne am Quais d'Orsay!«

Ein Schrei des Schreckens antwortete auf die Ankündigung, zugleich mit einem höhnischen Triumphruf. Den Schrei hatte die junge Schauspielerin ausgestoßen, den frohlockenden Ruf der Amerikaner.

Der Officier war dadurch auf diesen aufmerksam geworden. »Wer ist der Mensch?« fragte er.

»Oh, bloß ein Herr, der sich sicher ein großes Vergnügen daraus machen würde, mich hängen oder füsiliren zu sehen; aber ich hoffe, daß er es dies Mal noch nicht haben wird. - Fassung, Suzanne, und keine weibische

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Angst! ich wiederhole Dir, die Sache hat Nichts zu bedeuten. Die Kaserne d'Orsay ist nicht weit vom Kriegsministerium, und ich denke, man wird einen Mann meiner Abkunft nicht so mir nichts dir nichts behandeln wie den ersten besten Straßen-Vagabonden!«

Die Schauspielerin warf sich in seine Arme. »Um Gottes willen, Aimé, gehe nicht fort von hier, sie werden Dich ermorden - ich lasse Dich nicht!«

»Machen Sie ein Ende, Herr Graf, oder ich muß Gewalt brauchen,« sagte barsch der Officier.

Der Graf sah ihn mit Verachtung an. »Sie haben wahrscheinlich noch nicht lange die Ehre, die Epaulets zu tragen, sonst würden Sie sich eines passenderen Benehmens befleißigen. Ruhe, Suzanne, ich will, ich befehle es! Trage Sorge für das Kind und sei selbst unbesorgt. Schicke nach dem Leichenbestatter und laß für den armen Burschen da ein anständiges Begräbniß bestellen, sofern der Herr Präsident der Republik Frankreich ein solches in diesen Tagen gestatten wird. Bonifaz!«

»Ich begleite Sie natürlich, Herr Graf,« sagte mit entschlossener drohender Miene der Avignote.

»Du wirst hier bleiben und für Madame und Louis Sorge tragen - ich befehle es; zunächst aber wirf den Schurken dort aus dem Hause. Sie erlauben doch, mein Herr Lieutenant?«

Ehe dieser noch antworten konnte, hatte der ehemalige Sackträger den sich sträubenden und zeternden Yankee beim Kragen des Rockes und dem Hintertheil seiner Unaussprechbaren gefaßt und aufgehoben und trug ihn durch die sich

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willig öffnende Reihe der über den Anblick lachenden Soldaten bis an die Treppe. Ohne sich im Geringsten um die Gliedmaßen des würdigen Amerikaners zu kümmern, warf er ihn im Bogen gleich einem Wollsack die Stufen hinab und die umher postirten Soldaten, rasch auf die Sache eingehend, setzten die Beförderung nach der Straße fort.

Der Officier, in der That ein Mann, der aus den niedersten Chargen hervorgegangen und deshalb um so brüsker und rauher aufzutreten gewohnt war, wo er zu kommandiren hatte, wurde durch das ungenirte Verfahren des Hausherrn und seine vornehme Ruhe doch etwas außer Fassung gebracht und glaubte einhalten zu müssen, um nicht etwa zu weit zu gehen und sich dadurch einer Rüge bei seinen Vorgesetzten auszusetzen. Er murmelte Etwas, das wie eine Art Entschuldigung klang, und fragte, ob er einen Wagen holen lassen solle, um in diesem den Gefangenen nach der Kaserne d'Orsay zu bringen.

Der Graf sah ihn mit einem scharfen Blick an.

»Wie? Sie haben keinen Wagen bereit?«

»Ich habe keine besondere Ordre deshalb erhalten; aber es wird sich der Fehler sogleich verbessern lassen. Sergeant Lacroix!«

Ein Blitz spöttischer Ueberlegenheit und der Gewißheit des Erfolges flog über das Gesicht des Aristokraten. »Bitte, bemühen Sie sich nicht,« sagte er rasch. »Ich bin an der Spitze französischer Soldaten so oft in den Schluchten des Atlas marschirt, als ich noch die Ehre hatte, unter meinem Freunde, dem Marschall Bugeaud in Algerien zu dienen und bei Isly mein Kreuz zu erwerben, daß es mir nur

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Vergnügen machen kann, in der Mitte meiner Kameraden einer kleinen Gefahr nochmals entgegen zu gehen. Herr Lieutenant, der Oberst Raousset Boulbon steht zu Ihrem Befehl.«

Die wie zufällige Erwähnung seines früheren militärischen Ranges und der Freundschaft des in der ganzen französischen Armee auch nach seinem am 9. Juni 1849 erfolgten Tode hochgeehrten Marschalls machte den Officier noch mehr verwirrt und er salutirte, als er mit einer Bewegung nach der Thür seinen Gefangenen einlud, voranzugehen.

Ein bedeutungsvoller befehlender Blick fesselte die weinende und zitternde Frau an ihre Stelle und streifte zugleich bezeichnend den treuen Diener. Dann schritt der Graf mit jenem elastischen und eleganten Schritt, der wie jede seiner andern Bewegungen seine vornehme Geburt bekundete, aus dem Zimmer, es dem Officier und der Wache überlassend, ihm zu folgen.

Draußen vor dem Hause sah er mit einem flüchtigen Blick den Yankee gegenüber in einem Winkel hocken und seine schmerzenden Glieder reiben; doch ohne Notiz von seinen Flüchen und Drohungen zu nehmen ging er weiter, den Boulevards zu. Der Officier der Wache war an seiner Seite und die Gensdarmen folgten in kurzer Entfernung.

Die Verhaftungen waren so zahlreich an diesem Tage und der Schrecken über die Ereignisse des Abends und der Nacht war noch so groß, daß Niemand auf diesen einzelnen Fall achtete, bis sie auf die Boulevards selbst und zu den dort noch immer aufgestellten Truppen kamen.

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Wir haben außer beim Beginn unserer Erzählung auch bei einer andern Gelegenheit (Zehn Jahre. II[.] Theil.) das Aussehen der Boulevards an diesem Tage näher beschrieben. Ueberall noch zeigten sich die Spuren des gräßlichen Gemetzels vom Nachmittag und Abend vorher und obschon die Leichen jetzt größtentheils fortgeschafft waren, zum Theil von den unglücklichen Hinterbliebenen, zum Theil von der Polizei, ragten doch noch an ein paar Stellen die Füße von Erschossenen, zu einem gräßlichen Wall über einander gethürmt, aus der Thür der kleinen Buden auf den Boulevards, wo man sie einstweilen niedergelegt, bis die Reihe des Transportes an sie käme. Die Barrikaden am Boulevard Poissonnière und St. Denis waren fortgeräumt, die Passage war wieder frei, auf den Befehl der Polizei waren die Magazine und Kaffeehäuser sämmtlich wieder geöffnet. Aber die Menge, die sich mit jener Neugier, welche bei den Parisern selbst die größten Schrecken überwindet, an den Häusern hindrängte, trug noch vollständig das Gepräge der Scheu und Besorgniß und wurde von der Polizei und den Wachen immer im Gange erhalten.

An vielen Häusern sah man deutlich die Spuren des Geschütz- und Gewehrfeuers, an den Mauern Blutflecken, und wo die vertrockneten Lachen auf den Trottoirs oder in den Vertiefungen um die Bäume standen, machten die Leute scheu einen Umweg und warfen nur entsetzte Blicke auf die schrecklichen Zeugnisse eines Willens, der verstanden hatte, dieses Volk geborener Revolutionäre zu bändigen und einzuschüchtern.

Von Zeit zu Zeit hörte man aus dieser dahin treibenden

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Menge ein lautes Aufschluchzen, den Angstschrei eines gefolterten Herzens, und dann sah man vielleicht die Gestalt eines armen Weibes mit fliegenden Haaren und den hohlen Augen der Angst, die sich durch die Menge drängte, und die Polizei, die Soldaten oder das Publikum in jammernden Worten fragte, ob sie nicht einen Todten oder Verwundeten gesehen, dessen Aussehen am Morgen vorher, als er noch ein kräftiger, rüstiger Mann gewesen war, sie beschrieb. Oder es drängte sich ein Mann durch die Menge, oft den besseren Ständen seiner Kleidung nach angehörend, dem die hellen Thränen über die bleichen Wangen liefen - ein Kind an der Hand, dessen Mutter er seit zwanzig Stunden vergeblich von ihrem zufälligen Gange nach den Boulevards zurückerwartete.

Es lag ein schwerer blutiger Nebel über dem sonst so munteren und bewegten Leben von Paris. Selbst die Officiere der frischen Truppentheile, die ihre vom Blutbad erschöpften Kameraden abgelöst hatten und auf den Straßendämmen der Boulevards aufmarschirt waren, standen flüsternd bei einander oder saßen vor dem nächsten Kaffeehause im leisen Gespräch beisammen. An die Stelle des finsteren Hasses, des Uebermuthes, der am Tage vorher noch das Militär beseelt und zu entsetzlichen Scenen geführt hatte, war eine Stimmung getreten, die den Empfindungen beim Erwachen nach einem wüsten Gelage glich.

Der Graf, eine Cigarre zwischen den Lippen, in der Hand die leichte Badine, die er am Morgen getragen, ging auf der freien Seite des Straßendammes, mit seinem Lorgnon von Zeit zu Zeit die Gruppen des Publikums oder

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die Officiere der Truppen musternd, gefolgt in der Entfernung von einigen Schritten von drei Gardisten und neben sich den Officier derselben, der seine Verhaftung vorgenommen.

Erst jetzt bemerkte dieser den großen Fehler, den er begangen, indem er seinem Gefangenen gestattet hatte, den Weg durch die Straßen zu Fuß zu machen, statt ihn in einem verschlossenen Wagen zu transportiren.

Die bedeutende Persönlichkeit des Grafen konnte selbst in einem Augenblick, wo Jeder mit sich und mit dem allgemeinen Schrecken der furchtbaren politischen That zu thun hatte, nicht unbemerkt bleiben.

Ueberdies nahm der ehemalige Deputirte die Gelegenheit wahr, wo er einen Bekannten unter der Menge oder dem Militär bemerkte, diesen auf das Freundschaftlichste zu grüßen.

Aber noch immer schien er nicht das Rechte, was er offenbar im Stillen suchte, gefunden zu haben. Vergebens hatte sein Begleiter bereits zwei Mal ihm den Vorschlag gemacht, einen Wagen zu besteigen. Der Graf lehnte es mit irgend einem Scherze ab und Gewalt wagte Jener nicht mehr zu brauchen, um kein unnützes Aufsehen zu veranlassen.

Plötzlich an der Ecke der Rue Lepelletier gegenüber von Marivaux blieb der Graf stehen. Sein Adlerauge war auf eine Gruppe gefallen, die gegenüber vor dem Café sich gebildet.

Es waren mehrere Officiere; vor ihnen, vom Sattel herabgebeugt, um ein Glas heißen Grogk zu nehmen, den

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ihm einer der Kameraden bot, hielt ein [ein] Stabsofficier von eleganter Haltung, im mittleren Alter.

»Ah!« murmelte der Graf, »vortrefflich! Da ist Edgar Ney! Die Sache konnte sich nicht besser treffen. Herr Leroy ist den Brüdern ein Dorn im Ange - er ist grade der Mann, den ich brauche.«

Er wandte sich zu seinen Begleitern. »Sie erlauben wohl, daß ich mit dem Herrn Kommandanten dort einige Worte spreche.« Und ohne die Antwort abzuwarten, ging er hinüber nach der andern Seite der Straße und legte die Hand auf die Kruppe des Pferdes.

»Guten Tag, bester Ney! Ich hoffe, Ihr Dienst ist in der vergangenen Nacht nicht so strenge gewesen, daß Sie zu ermüdet sind, um für einen alten Freund einen kleinen Weg zu machen. Ueberdies sehe ich, Sie reiten ja den »Matador« und dem ist es von hier bis zum Hôtel des Herrn Kriegsministers nur ein Sprung.«

Der Angeredete wandte sich um und streckte ihm erfreut die Hand entgegen. »Ah! Sie sind es, lieber Raousset! Ich freue mich herzlich, Sie zu sehen, denn ich fürchtete schon, Sie wären mit den Herren Lamoricière, Cavaignac und Barras in Vincennes!«

Graf Edgar Ney, dritter Sohn des berühmten Mar[s]challs, der 1815 hinter dem Luxemburg an der Stelle erschossen wurde, der gegenüber jetzt die berüchtigte Clauserie de Lilas die Elite des Quartier Latin alle Montag zum tollsten Cancan versammelt, - war damals 39 Jahre, Kommandant und Ordonnanz-Officier des Präsidenten, zu dessen Hauptstützen sein ältester Bruder, der Prinz von der

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Moskwa gehörte. In Folge des Staatsstreiches wurde er ein Jahr darauf Kavalerie-Oberst und Flügel-Adjutant des neuen Kaisers. Er war ein Mann von liebenswürdigem Benehmen und stattlicher Persönlichkeit.

»Sie sehen, lieber Graf,« sagte Boulbon, indem er auf seine Begleiter wies, »wenn man mir auch nicht die Ehre angethan hat, mich mit den Herren Cavaignac und Thiers zu rangiren, so giebt man mir doch jetzt meine Adjutanten.«

Ney sah erst jetzt die Gardisten und deren Officier. »Was zum Teufel!« rief er aus, »Sie sind doch nicht im Ernst verhaftet?«

»Seit einer halben Stunde, gewiß, mein lieber Graf.«

»Und wohin bringt man Sie, um Sie besuchen zu können?«

»Nach der Kaserne d'Orsay vor das Kriegsgericht.«

Der Kommandant nahm die Cigarre aus den Lippen. Corbleu! Das wird Ernst! Kommen Sie hierher, Boulbon, zwei Schritte weiter, daß man uns nicht hören kann. Wissen Sie, was am Quai geschieht?«

»Wie sollte ich? Ich bin gestern von einem Ausflug nach Versailles zurückgekehrt, als die Geschichte hier schon zu Ende war und bin seit heute Morgen in der Wohnung meiner kleinen Frau gewesen. In dieser Situation durch Paris geführt zu werden, wird mich populär machen und ist schon des Opfers einiger Stunden Haft werth.«

»Täuschen Sie sich nicht über die Gefahr,« sagte ernst der Officier. »Renaud präsidirt dem Kriegsgericht und hat ohne Weiteres schon drei und vierzig Verhaftete, die ihm zugeführt wurden, verurtheilt, auf dem Marsfelde erschossen

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zu werden. Man hat vor einer Stunde die erste Exekution an der Hälfte vollzogen.«

Eine leichte Röthe flog über das Gesicht des Bedrohten. »Es würde ein offenbarer Mord sein,« sagte er. »Indeß, ich gestehe, an einen solchen Ausgang habe ich nicht gedacht.«

»Was haben Sie gethan, welche Veranlassung haben Sie zu Ihrer Verhaftung gegeben?«

»Bah! Nichts! Ich habe einen armen Kerl in meine Wohnung gebracht, der verwundet auf der Straße lag, und einen Gardisten, der mir dafür einen Hieb versetzen wollte, in den Rinnstein geworfen.«

»Zum Henker, das waren Sie? Man hat davon gesprochen. Ich hätte mir es denken können, denn Niemand anders besitzt diese Herkulesstärke; aber ich will sogleich - Wissen Sie, wer Ihre Verhaftung befohlen hat?«

»General Saint Arnaud selbst.«

»Pesth! Dann ist Absicht dabei und die Sache sieht schlimm aus. Er hat unbedingte Vollmacht und der Präsident hat sich seit 24 Stunden eingeschlossen und Niemand im Elysée hat Zutritt zu ihm. Was ist da zu machen?«

Der Name des Kriegsministers hatte seine volle Wirkung gethan. Die Brüder Ney haßten seinen Einfluß ebenso, wie die beiden Canroberts; aber in diesem Augenblick hatte er die unbedingte Macht in Händen.

Die Unterredung wurde durch den Officier der Gardes de Paris unterbrochen, der in steigender Verlegenheit ihre Dauer beobachtet hatte und endlich näher trat. »Ich muß

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Sie bitten, Herr Graf, unseren Weg fortsetzen zu dürfen, meine Ordre befiehlt Eile.«

Der Kommandant fuhr ihn barsch an. »Gehen Sie zum Henker, Herr, sehen Sie nicht, daß ein vorgesetzter Officier mit diesem Herrn spricht? Treten Sie zurück, Lieutenant! - Sagen Sie mir schnell, Boulbon, stehen Sie gut mit Saint Arnaud?«

»Er liebt mich ungefähr, wie der Wolf den Hund, obschon er nicht zur Hälfte die gute Ursache kennt, die er dazu hat.«

»Dann steht Ihre Angelegenheit in der Wahrheit schlimm. Die Thatsache des gewaltsamen Widerstandes gegen die bewaffnete Macht läßt sich nicht leugnen. Kann ich irgend Etwas thun, Ihnen aus der Klemme zu helfen? Befehlen Sie ganz über mich.«

»Sie erinnern sich meiner Junggesellen-Wohnung?«

»Gewiß, Rue St. Honoré - wenn es noch diese ist, wo Sie uns vor vierzehn Tagen das vortreffliche Dejeuner gaben.«

»Sie ist es. Eilen Sie sofort dorthin und lassen Sie sich - mein Diener ist abwesend - von der Hausmeisterin meine Zimmer öffnen. In meinem Schlafkabinet links steht ein Sekretär - hier ist der Schlüssel. In der zweiten unteren Schublade desselben werden Sie ein altes Portefeuille von grünem Saffian finden, verschlossen. Nehmen Sie dasselbe an sich und geben Sie mir Ihr Ehrenwort, wenn ich es in zwei Mal vier und zwanzig Stunden von Ihnen nicht selbst oder schriftlich durch eine vertraute

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Person zurückfordern sollte, dasselbe zu öffnen und die Dokumente der nächsten Deputirtenkammer vorzulegen.«

»Mein Ehrenwort darauf!«

»Dann befehlen Sie noch dem Lieutenant dort, sobald er mich in der Kaserne abgeliefert, dem Minister die Karte zu überbringen, die ich ihm geben werde.«

»Das soll geschehen. Haben Sie sonst noch Etwas?«

»Nichts, als daß Sie mir versprechen, übermorgen, wenn es Ihr Dienst erlaubt, nebst einigen Freunden mit mir bei Véry zu diniren.«

»Parbleu! Sie müssen Ihrer Sache sicher sein, lieber Graf,« lachte der Ordonnanz-Officier. »Aber ich will das Kreuz nicht tragen, wenn es mir nicht aufrichtiges Vergnügen machen soll, mit Ihnen eine Flasche alten Béaune zu leeren, statt nach Ihrem Grabe auf dem Marsfelde zu suchen!«

»Ich bin überzeugt davon und deshalb habe ich mich an Sie gewandt« sagte der Graf. »Aber jetzt kann ich den Herrn dort wirklich nicht länger aufhalten, ich bitte deshalb, geben Sie ihm seine Instruktionen.«

Der Kommandant ritt zu dem Officier. »Mein Herr, ich hoffe, Sie kennen mich. Ich bin der Graf Ney und im Stabe Seiner Kaiserlichen Hoheit des Prinz-Präsidenten. Sie könnten mich durch einen Dienst sehr verbinden.«

»Wenn es Meine Ordre gestattet, mit Vergnügen, Herr Graf.«

»Sie müssen diesen Herrn an das Kriegsgericht abliefern?«

»Zu Befehl Herr Graf.«

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»Wohl, ich will Sie auch in Ihrer Pflicht nicht hindern. Aber, nachdem dies geschehen?«

»Ich habe Befehl, Seiner Excellenz dem Herrn Kriegsminister selbst über die Ausführung der Verhaftung zu rapportiren!«

»Das trifft sich ja vortrefflich und kommt meiner Bitte zuvor. Graf Boulbon wünscht sobald als möglich eine Karte mit einigen Worten in die Hände des Herrn Ministers gelangen zu lassen. Wollen Sie die Güte haben, dies zu übernehmen?«

»Ich sehe keinen Grund, warum ich dies nicht thun sollte. Meine Ordre lautet nur auf die Verhaftung.«

»So bitte ich Sie darum, dem Herrn Grafen gefällig zu sein, und wenn ich Ihnen irgend wieder dienen kann, so wenden Sie sich dreist an mich.«

Der alte Lieutenant, der herzlich wenig Aussicht auf Avancement hatte, salutirte auf das Höflichste. »Verlassen Sie sich auf mich, mein Kommandant.«

Ney wandte sich zu dem Gefangenen. »Jetzt, lieber Freund, ist Alles geschehen, was ich thun konnte. In Betreff Ihres Auftrages seien Sie unbesorgt, in zehn Minuten soll er vollführt sein. Ich hoffe, Ihr altes gutes Glück wird Sie nicht verlassen.«

Der Graf reichte ihm unbekümmert die Hand. »Vielen Dank, vergessen Sie übermorgen Véry nicht. Das Einzige, was ich Sie noch bitte, ist ein wenig Eile.«

Ney grüßte mit einem Wink nach der Officiergruppe vor dem Gafs. »Auf Wiedersehen, meine Herren, mein

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Dienst ruft!« Dann winkte er dem Grafen bedeutsam zu und sprengte den Boulevard im Galop dahin.

Der Graf sah ihm einen Augenblick mit ernstem Blick nach; er wußte sehr wohl, daß Tod und Leben für ihn von der zuverlässigen Ausführung des Auftrages abhängen konnte, wenigstens war er der Rache jetzt sicher. Dann wandte er sich zu seinem Wächter: »Wenn es Ihnen gefällig ist, wollen wir weiter gehen.«

Die kleine Gruppe mit dem Gefangenen setzte ihren Weg durch die Rue de Luxembourg über den Platz und die Brücke de la Concorde fort an dem Palast der Deputirtenkammer vorüber, auf dessen Stufen jetzt Militär lagerte, und kam ohne weiteren Aufenthalt zu der Kaserne, in welcher seit dem Morgen das Kriegsgericht sich in Permanenz erklärt hatte.

Bevor sie die Kaserne betraten und der Officier seinen Gefangenen an die Wache ablieferte, hatte der Graf auf seine Visitenkarte einige Worte geschrieben und dem Lieutenant nochmals das Versprechen abgenommen, sie sofort dem Minister zu überbringen.

Die Ceremonien der Uebergabe waren sehr bald erledigt. Von allen Seiten schleppten Militär- und Polizei-Patrouillen Verhaftete herbei und nach einer kurzen Notirung des Namens und der Umstände der Verhaftung wurden sie in den vorderen Hof gesperrt, dessen Ausgänge und Seiten durch starke Wachtposten mit geladenem Gewehr besetzt waren.

Der Officier der Gardes de Paris, der die Verhaftung des Grafen vollzogen, machte sich alsbald auf den Weg

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nach dem Kriegsministerium in der Universitätsstraße, von dem in diesem Augenblick die militärische Diktatur in Paris und Tod und Leben seiner Bürger abhing; denn nur unter der Bedingung der unbedingten und unverantwortlichen Machtvollkommenheit hatte St. Arnaud den Auftrag des Präsidenten Louis Napoleon zu jener furchtbaren, in die Geschichte Frankreichs mit Blut eingeschriebenen Ausführung des Staatsstreichs vom 2. December übernommen, der Jenem zum Kaiserthum und ihm zum Marschallsstabe und zu einem ruhmlosen Ende in der Krim verhalf.

Der Lieutenant schickte seine Meldung an den General und erhielt nach wenigen Minuten den Befehl, einzutreten.

Unterdeß hatte das Kriegsgericht in der Kaserne seine Verhandlungen fortgesetzt, die äußerst summarisch waren und den Angeklagten kaum mehr Gelegenheit zur Vertheidigung gaben, als die berüchtigten Schreckensgerichte unter Fouquier-Tinville. Es waren etwa fünf oder sechs Fälle seit der Ankunft des Grafen verhandelt und hatten sämmtlich mit dem Spruch »Zum Tode durch Erschießen verurtheilt« geendet, als der Name des Grafen aufgerufen wurde.

Der Graf trat mit der vornehmen Ruhe in den dicht mit Militärs, Gardisten und Polizeipersonen gefüllten Saal und vor den Tisch, an dem das Gericht saß. Ein Blick genügte, ihm die unangenehme Ueberzeugung zu geben, daß unter den Mitgliedern des Gerichtes kein Einziger war, mit dem er in vertraulicher Beziehung gestanden und auf dessen Beistand er hätte rechnen können. Selbst der General, der dem Gericht präsidirte, war ihm nur vom Sehen

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und durch das Gerücht als ein enragirter Bonapartist und unbeugsamer harter Charakter bekannt.

»Ihr Name?« fragte der Präsident.

»Aimé, Graf von Raousset Boulbon Bourbon,« sagte der Verhaftete, in dem letzten Worte das alte Recht seiner Familie auf die Königliche Abstammung wahrend, »Oberst in der Königlichen Armee von Frankreich und Mitglied der Assemblée für den Komtât Venaissin. Als solches protestire ich gegen meine ungesetzliche Verhaftung.«

»Wir kennen hier weder eine Königliche Armee, noch eine noch bestehende Assemblée. Die Armee ist die der französischen Republik und die Assemblée ist durch das Dekret des Präsidenten aufgelöst. Ihre Berufungen, mein Herr, sind schlecht genug.«

»Die Auflösung ist ein Gewaltstreich und ungesetzlich. Meine Kollegen haben vor Frankreich, vor ganz Europa gegen diesen Mißbrauch der Gewalt protestirt!«

»Ich habe nicht Lust, mit Ihnen darüber zu streiten. Ihr Protest beweist Ihre hochverrätherische Gesinnung. - Sie sind angeklagt, einen Barrikadenkämpfer der Verhaftung entrissen und die bewaffnete Gewalt selbst angegriffen zu haben. Wo ist der Zeuge?«

Der Gardist, den der Graf zu Boden geworfen, trat vor. Er hinkte und hatte den Kopf und den Arm mit Binden umwickelt.

»Ist dies der Mann, welcher Euch bei Verübung Eures Dienstes überfallen und zu Boden geworfen und einen verwundeten Rebellen gewaltsam befreit hat?«

»Der Teufel hole seine Faust,« sagte mürrisch der

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Gardist, »ich habe bei dem Sturz den linken Arm gebrochen und mein Knie ist kaum in besserem Zustande. Ich werde mein Lebelang ein Krüppel bleiben.«

»Dann habt Ihr nur die verdiente Lektion für Eure Impertinenz empfangen, mein Bursche,« sagte der Graf. »Wer hieß Euch, den Säbel gegen mich erheben? Ich habe einzig Nothwehr geübt.«

»Zeuge, antwortet bestimmt auf die Frage. Ist dies der Mann, der Euch diesen Morgen angegriffen und verwundet hat?«

»Gewiß, mein General, ich erkenne ihn genau wieder.«

»Tretet ab. Angeklagter, Sie sind überwiesen des Angriffs auf die in der Unterdrückung des Aufstandes begriffene Macht und des Einverständnisses mit den Rebellen. Haben Sie noch Etwas zu sagen, das den Spruch des Gerichtes ändern könnte?«

»Da Sie wahrscheinlich Ihre Instruktionen über meine Person von Herrn von Saint Arnaud oder noch weiter hinauf haben,« sagte der Graf mit kaltem Hohn, »so würde Alles unnütz sein, was ich Ihnen zu sagen hätte. Ich verzichte darauf.«

Das finstere Gesicht des Generals wurde bei der tief verwundenden Ironie dunkelroth und der grimmige Blick den er auf den Angeklagten schleuderte, verkündete im Voraus den Spruch des Gerichtes.

Ohne auch nur den Grafen aufzufordern, zurückzutreten, holte der Vorsitzende diesen ein. Die Entscheidung währte keine zwei Minuten. Der General winkte dem Protokoll führenden Auditeur.

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»Schreiben Sie, mein Herr: Durch einstimmigen Beschluß des Kriegsgerichtes ist der frühere Oberst Aimé Graf Raousset Boulbon wegen Betheiligung am Aufruhr und thätlichen Angriffs gegen die bewaffnete Macht ...

»Graf Raousset Boulbon! Wo ist Herr Graf?« unterbrach eine helle laute Stimme den Spruch des Gerichtes. Die Zuhörer-Menge an dem Eingange öffnete sich und ein Stabsofficier, der so eben eingetreten, schritt hastig vor.

»Entschuldigen Euer Excellenz die Unterbrechung. Hier ist eine Ordre des Oberst-Kommandirenden. Ich bin beauftragt, den Herrn Grafen von Raousset Boulbon augenblicklich zum Herrn Kriegsminister zu führen.«

Der General biß wie ein Bulldogg, dem die gefaßte Beute aus den Zähnen gerissen wenden soll, die Lippen, indem er das Billet las.

»Nehmen Sie den Gefangenen, Herr Kommandant, die Verkündigung des Urtheils ist vorläufig ausgesetzt. - Man führe den nächsten Angeklagten vor.«

Der Graf machte dem Gericht eine hochmüthige Verbeugung. »Es wäre ungeschickt, meine Herren, wenn ich sagen wollte: auf Wiedersehen! Ich empfehle mich Ihnen also und wünsche Ihnen einen angenehmen Nachmittag. Mein Herr, ich bin zu Ihrer Disposition.«

»Dann erlauben Sie mir, Herr Graf,« sagte höflich der Officier, »Sie durch die Kaserne zu führen, es wird unsern Weg bedeutend abkürzen und ich habe deshalb bei der Eile, die der Herr Kriegsminister hatte, Sie zu sprechen, unterlassen, einen Wagen mitzubringen.«

Der Graf winkte lachend mit der Hand. »Lassen Sie

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uns gehen. Die Promenade zu Fuß, die ich heute bereits gemacht, scheint mir recht gut bekommen zu sein.«

Er ging dem Officier voran aus dem Saale. Obschon seine Miene mit keiner Spur es verrieth, mochte doch seine Brust von einer schweren Last erleichtert sein. Der arme Subaltern-Officier hatte seine Schuldigkeit gethan; er aber wußte, daß er jetzt das Spiel in seiner Hand hatte.

Zehn Minuten später befanden sich der Graf und sein Führer im Kriegsministerium, das zwischen der Rue de l'Université und der Rue Saint Dominique liegt.

Die Höfe, Korridore und Bureaux waren mit Ordonnanzen, Adjutanten, Militärs jeden Grades und Polizeibeamten gefüllt, die unaufhörlich kamen und gingen, um Rapporte zu bringen oder Befehle zu holen von dem Manne, der in diesen Tagen das Schicksal von Paris und das Leben seiner sämmtlichen Bewohner in Händen hielt; denn wenn auch erst später jene furchtbare Klausel seiner Bereitwilligkeit zur Uebernahme der Unterdrückung des Widerstandes bekannt wurde, welche ihm gestattete, ganz Paris in Asche zu legen, so wußte man doch bereits, daß General Saint-Arnaud nur unter der Bedingung den Oberbefehl übernommen habe, daß der Präsident sich in keiner Weise einmische und er jede Vollmacht über Leben und Tod habe.

Der General hatte sein Wort gelöst, der Aufstand war niedergeworfen, die Hauptstadt zitterte vor diesen furchtbaren Maßregeln und war gebeugt für lange Zeit; aber das Blutbad, das dieses Resultat herbeigeführt, und das

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schreckliche Gericht, das ihn fortsetzte, waren so ungeheuerlich, daß kaum die Geschichte etwas Aehnliches aufzuweisen hat.

In einem der Korridore, die zu den Haupt-Bureaux und der Antichambre des Ministers führten, begegneten der Graf und sein Begleiter dem Officier des Kommandos der Gardes de Paris, welcher die Verhaftung des Grafen vollzogen hatte. Die Rollen schienen jetzt gewechselt zu haben, denn der Mann war offenbar selbst in Haft und ein anderer Officier trug den ihm abgenommenen Degen in der Hand. Der Verhaftete warf im Vorübergehen dem Grafen einen grimmigen Blick zu und murmelte eine wilde Verwünschung; aber ehe sich dieser nach der Ursache seines Unglücks erkundigen konnte, waren sie getrennt und der Adjutant führte seinen Gefangenen vorwärts. Gleich darauf traten sie in die Antichambre des Ministers, die mit Beamten und Stabsofficieren gefüllt war.

Der Adjutant, der den Grafen mit der größten Höflichkeit behandelt hatte, bat ihn, sich hier niederzulassen und zu warten, indeß er dem General seine Ankunft zu melden gehe. Dennoch bemerkte jener recht gut, wie ein Augenwink des Officiers die Umstehenden auf ihn aufmerksam machte und ihn ihrer Wachsamkeit empfahl.

Der Graf brauchte jedoch nicht lange zu warten, der Adjutant erschien schon nach fünf Minuten wieder und ersuchte ihn zu folgen, da der General ihn sofort empfangen wolle.

Sie gingen durch ein zweites Vorzimmer, in dem mehrere Sekretäre eifrig beschäftigt waren, und am Ende

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desselben öffnete der Adjutant die Thür zum Arbeitskabinet des Ministers und ließ seinen Gefangenen eintreten.

Die Thür schloß sich hinter ihm und der Graf sah sich allein mit dem Minister.

Jacques Arnaud oder wie er jetzt hieß Leroy de Saint-Arnaud war zu dieser Zeit bereits fünfzig Jahre, denn er war 1801 geboren, der Sohn einer wohlhabenden Bürgerfamilie von Paris. Der Gamin kannte das Pflaster seiner Vaterstadt vollkommen, und ebenso die Schwächen und Neigungen ihrer Bewohner. Seine Jugend war eine äußerst stürmische und wilde gewesen, von jeder Leidenschaft bewegt, und sein Alter nicht viel besser. Er trat 1816 in die Königliche Leibgarde, aus welcher er jedoch bald toller Streiche wegen als Unterofficier in das 49. Linienregiment versetzt wurde. Auch hier mußte er aus gleichen Ursachen den Dienst quittiren und trat erst 1831 wieder in das 64. Linienregiment, wo er Fechtmeister und bald zum Lieutenant befördert wurde. Im Jahre 1836 ging er zur Fremdenlegion, - jenem Sammelplatz aller Unbändigkeit und des Auswurfs der Nationen, und hier begann für ihn durch rücksichtslose Verwegenheit und Gewissenlosigkeit jene glänzende Laufbahn, die ihn zu den höchsten Stellen und Würden führen sollte.

1837 zum Kapitän und Ritter der Ehrenlegion, 1840 zum Bataillonschef ernannt, diente er ein Jahr bei den Zuaven und war 1844 bereits Oberst. Jeder seiner afrikanischen Feldzüge im Lande der Kabylen und in den Gebirgen des Atlas war durch glänzende Waffenthaten und Energie, aber auch durch seine furchtbare Grausamkeit und

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Strenge bezeichnet. Im Jahre 1847 wurde er Brigade-General und erhielt das Kommando der Division von Konstantine. 1851 als Bonapartist nach Paris berufen, vertraute der Präsident ihm das Kommando der zweiten Division der Armee von Paris und ernannte im Oktober ihn zum Kriegsminister.

Als solcher war er der unbedingte Anhänger des Prinzen, weil in dessen Erhebung allein sein unbeschränkter Ehrgeiz und seine tiefe Verschuldung ihn die Ziele seiner Zukunft erkennen ließen. Louis Napoleon erkannte ganz die Nothwendigkeit eines solchen Werkzeugs ohne Furcht und Gewissen, aber das Werkzeug selbst kannte auch seine Unentbehrlichkeit und ließ sich seine Dienste schwer bezahlen.

Aber selbst die bedeutenden Summen, mit denen dies geschah, waren nicht im Stande, seine Verschwendung zu decken, denn er war ein sehr leidenschaftlicher Spieler und immer in Schulden. Es ist später nicht verborgen geblieben, mit welchen Mitteln Louis Napoleon ihn für die Ausführung der December-Tragödie gewonnen hat und wie der General sich dabei zu sichern wußte.

Als der Graf in das Kabinet trat, saß der Minister vor seinem Arbeitstisch, anscheinend mit dem Lesen eines dringenden Rapportes beschäftigt und ohne dem Eintretenden die geringste Aufmerksamkeit zu widmen. Es war offenbar, daß er ihn seine Abhängigkeit fühlen lassen und ihn demüthigen wollte. Sein ohnehin finsteres breites Gesicht mit den schlappen Wangen und der grauen ungesunden Farbe war in strenge Falten gelegt und nicht sehr

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geeignet, Vertrauen und Muth zu machen. Auch die Umgebung des Generals hatte wenig Gefälliges, sondern war mehr als einfach, seiner rauhen, an Strapazen und Anstrengung gewöhnten Soldatennatur entsprechend: ein spärliches Meublement mit einigen lederbezogenen Stühlen, Karten und Waffenmodelle und einige Schränke mit ähnlichen Gegenständen.

Zu seinen Füßen lag ein großer arabischer Wolfshund mit gelbem, zottigen Fell, wie man sich deren zu den Panther-Jagden in den Wildnissen des Atlas bedient.

Das Thier hob bei dem Eintritt des Grafen den Kopf, zeigte ein etwas morsches Gebiß und stand auf, indem es ein dumpfes Knurren hören ließ.

Der Graf entschloß sich sogleich, welches Betragen er anzunehmen habe. Er trat mit voller Unbefangenheit dem Hunde einen Schritt entgegen und klopfte ihn furchtlos auf den Kopf.

»Oh Nero, guter Freund, ich hoffe doch, Du wirst Deinen alten Bekannten nicht vergessen haben, seit Du der Hund eines Ministers geworden bist. Guten Tag, General, ich sehe, Sie haben das treue Thier noch immer, obschon es gewiß seine fünfzehn Jahre auf dem Rücken haben muß. Er erinnert Sie sicher an lustigere Tage, als wir sie jetzt haben.«

Der Minister hatte gezwungen bei dieser indolenten Anrede den Rapport weggelegt und sah den Redner mit einem finsteren Blick an.

»Es scheint, mein Herr,« sagte er ärgerlich, »Sie beschäftigen sich überhaupt lieber mit den Erinnerungen der

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Vergangenheit, als daß Sie den Pflichten und Forderungen der Gegenwart Rechnung tragen.«

»Ventre saint-gris, General, da haben Sie Unrecht. Ich kann Sie versichern, ich bin das reine Kind des Augenblicks, ich genieße das Leben, wie es sich mir bietet und quäle mich nicht mit Sorgen für die Zukunft.«

»Ich glaube, daß Sie das auch nicht besonders nöthig haben werden, Herr Graf,« bemerkte höhnisch der General.

»Ah bah, Sie meinen, weil Sie mich in einer Stunde auf dem Marsfeld erschießen lassen wollen mit einigen Dutzend armer Teufel, die wahrscheinlich so wenig Lust haben wie ich in die Ewigkeit zu spaziren. Aber das Verdikt ist noch nicht ausgesprochen und daher so gut als existirte es nicht. Ihr Adjutant kam gerade zur rechten Zeit, lieber General, er ist ein liebenswürdiger Mann, der mir alle Höflichkeit bezeigte, gerade wie der Officier der Gardes de Paris, den Sie mir heute Morgen schickten, und der die Güte hatte, alle meine Wünsche auf das Freundlichste zu erfüllen.«

»Der Henker hole den Einfaltspinsel,« brach der General los. »Ich glaube, Sie wollen noch Ihren Spott mit mir treiben. Ich habe den Dummkopf nach Vincennes geschickt und er soll sofort in ein Regiment nach Cayenne oder an die marokkanische Grenze gesteckt werden, weil er wie ein Narr Sie durch Paris geführt und der halben Stadt gezeigt hat, statt Sie auf die kürzeste Weise nach der Kaserne zu spediren.«

Der Graf lachte und zog einen Stuhl an die andere Seite des Tisches. »Das sollte mir herzlich leid thun um

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den Mann, lieber General, und ich bitte um Gnade für ihn. Sie erlauben - es läßt sich besser so plaudern. Also Sie haben im Ernst vor, General, mich erschießen zu lassen?«

»Ich pflege nicht viel Federlesens zu machen mit Rebellen, vornehm oder gering. Dussoubs und Madier, die auch sogenannte Volksvertreter waren, sind gleichfalls erschossen.«

»Auf den Barrikaden, General!«

»Das ist gleich. Sie sind ebenfalls beim Widerstände gegen die bewaffnete Macht und die Regierung betroffen. Das Kriegsgericht ist über Ihr Urtheil einig.«

»Man wird es ändern oder zurücknehmen, General,« sagte der Graf kalt, »es bedarf ebenso nur eines Winkes von Ihnen, wie es der in Betreff meiner Verurtheilung war.«

»Wie? Sie denken doch nicht -«

»Ich weiß, daß ich auf den speciellen Befehl Seiner Excellenz des Herrn Kriegsministers, General Leroy de St. Arnaud verhaftet worden bin. Indeß, mein Herr, mögen Sie und der Prinz wohl bedenken, daß man im Jahre 1851 nicht ohne weniger Aufsehen einen Mann erschießt, in dessen Adern das Blut der legitimen Könige von Frankreich fließt, als es am 20. März 1804 im Schloßgraben von Vincennes geschah. Der Prinz Louis Napoleon scheint mir, selbst nach den Vorgängen des letzten Tages noch nicht so fest zu sitzen wie damals sein Oheim, und ganz Paris weiß in diesem Augenblick bereits, daß der Graf Raousset Boulbon verhaftet worden ist, weil er sich von

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einem Gensdarmen nicht gutwillig den Kopf wollte spalten lassen.«

Der künftige Marschall antwortete nur mit einem Knurren wie ein Hund, dem man droht, den geraubten Knochen zu entreißen.

»Lassen Sie uns aufrichtig mit einander reden, General« fuhr der Graf fort, »liegt Ihnen gar so viel daran, daß ich erschossen werde?«

»Ich sichere nur dem Gesetz und der Ordnung ihren Gang. Was dem Einen gebührt, ist dem Andern Recht.«

»Ich acceptire das. Da Sie als Minister mit den Gesehen so vertraut sind, werden Sie mir gewiß auch sagen können, was auf Fälschung von Quittungen steht, die in amtlicher Eigenschaft ausgestellt sind - z. B. ich setze den Fall, über Lieferungen für ein Regiment in Algerien, von denen das Depot nie ein Stück zu sehen bekommen hat. So viel ich weiß, verjähren dergleichen Dinge wohl erst in zehn Jahren?«

Das Gesicht des Ministers färbte sich dunkel und er warf einen wilden drohenden Blick auf sein Gegenüber. »Was soll das heißen?« sagte er barsch, »wollen Sie mich beleidigen?«

»Gott bewahre, General, Sie wissen, daß ich ein großer Verehrer Ihres Muthes und Ihrer Talente bin, noch von Algerien her, wo wir zusammen dienten. Aber, wie gesagt, ich lasse mich gern belehren, selbst in meiner Todesstunde.«

Der General erhob sich, kurz, kalt. »Wenn das Alles ist, Herr Graf, was Sie mir zu sagen hatten, so bedaure

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ich, daß wir Beide unsere Zeit verloren haben. Fügen Sie sich in das Unvermeidliche, das Urtheil muß in einer Stunde vollstreckt werden, ich bin außer Stande, es zu ändern.«

Er machte eine kalte Verbeugung und griff nach der Klingelschnur über seinem Arbeitstisch.

»Einen Augenblick noch, General. Ich habe noch eine Kleinigkeit auf dem Herzen. Wissen Sie, daß ich die Ehre habe für 10,000 Franken Ihr Gläubiger zu sein?«

»Wie so?«

»Ich kaufte bei Gelegenheit einen von Ihnen ausgestellten Wechsel.«

»Nun, wenn die Sache in Ordnung, wird man ihn an Ihre Erben zahlen, mein Herr« sagte der Minister höhnisch, indem er die Bewegung wiederholte.

»Es hat keine so große Eile, der Wechsel ist längst verfallen und ich kaufte ihn nur aus leidenschaftlicher Liebhaberei für Autographen. Er datirt noch vom Jahre 1846 - ich glaube, es war damals, als Sie das Kreuz der Ehrenlegion erhielten, General.«

Der General hatte die erhobene Hand sinken lassen. »Ich erinnere mich nicht - ich war damals allerdings etwas verschuldet - indeß, das kann Jedem passiren.«

»Sie hatten Unglück im Spiel und Monsieur Renneville, der Intendant, war ein sehr glücklicher Spieler.«

»Wie? Sie haben den Wechsel von Renneville gekauft? Er sagte mir doch, daß er ihn vernichtet habe?«

»Ich kaufte ihn einen Tag vor seinem unglücklichen Duell mit dem Baron d'Estalet. Wie gesagt, es handelte sich mir nur um das interessante Autograph des Acceptanten.«

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Der General fuhr mit der Hand über die Stirn, auf der ein kalter Schweiß perlte.

»Ich bin bereit, das Papier einzulösen - sogleich - auf der Stelle!« sagte er.

»Ich bedaure, General, ich führe meine Autographensammlungen nicht bei mir. Sie befinden sich in einem besonderen grünen Portefeuille in der linken Schublade meines Schreibtisches in meiner Privatwohnung in der Rue St. Honoré.«.

Eine dämonische Freude blitzte über das finstere Gesicht des Ministers und er erhob rasch die Hand.

»Oder befanden sich vielmehr,« fuhr der Graf fort, ruhig mit einer Feder auf dem Tisch vor ihm spielend. »Ich habe das Präsens mit dem Imparfait verwechselt - Sie haben doch meine Karte erhalten, General, in der ich um die Audienz bat?«

»Hier ist sie; aber ich muß gestehen, daß mir die drei Worte unverständlich waren. Das bewog mich, Ihnen die Audienz zu gewähren.«

»Ich glaube es Ihnen gern, ich schreibe schlecht, meine Erziehung ist darin merkwürdig vernachlässigt worden. Wenn ich mich nicht selbst irre - ich kann oft meine eigenen Hieroglyphen nicht entziffern - so ist das erste ein Datum.«

Der General hatte sich wieder auf seinen Sessel fallen lassen, er trocknete sich die Stirn.

»Richtig, es ist das Datum der Lieferungs-Quittung für das Gouvernement Constantine vom 6. März 1844, von dem ich Ihnen vorhin sagte. Das Andere sind zwei

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Namen - Freunde von mir, nur ist der Eine leider todt, Renneville, von dem wir vorhin sprachen; der Andere aber erfreut sich der besten Gesundheit - Herr Edgar Ney.«

»Und was bedeutet sein Name hierbei?«

»Nur so viel, daß Sie sich wegen der Einlösung des Wechsels gefälligst an ihn wenden wollen. Seit einer Stunde befindet sich der liebe Graf im Besitz jenes grünen Portefeuilles. Aber ich habe sein Ehrenwort, daß er es erst öffnen wird, wenn ich in den nächsten 48 Stunden es nicht selbst von ihm zurückfordere.«

Der General rückte unruhig in seinem Sessel umher. Er hielt seine Augen fest auf den Boden gerichtet und biß seine Unterlippe, daß der weiße Kranz der Zähne darauf sichtbar war.

Beide schwiegen kurze Zeit.

»Es ist gut« sagte endlich der Minister, »Sie werden natürlich nicht erschossen werden. Aber Sie müssen Frankreich verlassen. Ich kann es nicht anders machen dem Prinzen gegenüber.«

»Pardioux, ich erbat die Audienz hauptsächlich, um Ihnen meine Abreise anzuzeigen und um einige Empfehlungen des Gouvernements zu bitten.«

»Wie? Sie wollen Frankreich gutwillig räumen?«

»Pah, glauben Sie etwa, General, daß sich das Blut der Bourbons hier auf die Dauer mit dem des Herrn Flahault vertragen kann?«

»Aber wohin wollen Sie? Sie werden sich mit unseren Feinden verbinden, Sie werden zu Chambord gehen oder nach Richmond?«

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»Ich denke nicht daran. Ich beabsichtige, da die Abkömmlinge des heiligen Ludwig doch nicht gut Privatleute bleiben können, den Bourbonen ein anderes Königreich jenseits des Meeres zu erobern.«

»Sie sind toll, Graf.«

»Es ist mein voller Ernst. Wenn Sie die Güte haben wollen, mich einigermaßen bei der mexikanischen Regierung zu accreditiren, das heißt nur so lange, bis ich festen Fuß gefaßt habe, und den französischen Konsul in San Franzisco anzuweisen, mir keine Hindernisse in den Weg zu legen, so denke ich binnen hier und zwei Jahren vielleicht die Sonora zu einem recht hübschen Königreich unter bourbonischer Flagge gemacht zu haben. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort darauf, daß die Flagge Frankreichs jede Begünstigung in meinem Hafen Guyaquil erhalten soll.«

Der Minister schüttelte den Kopf. »Man weiß in der That nie, wie man mit Ihnen daran ist« sagte er. »Der tollen Streiche haben Sie schon genug gemacht und am Ende, was geht's uns an, wenn Sie irgendwo anders sich den Kopf einrennen wollen. Aber um auf jene Papiere zurückzukommen -«

»Der Graf Raousset de Boulbon giebt dem Herrn Leroy de St. Arnaud sein Ehrenwort, daß in dem Augenblick, wo er sich in Hâvre nach Amerika einschiffen wird, der geheime Gegenkontrakt vom 6. März 1844 und jener Wechsel, dessen Bezahlung ich freilich in Anspruch nehmen muß, da meine Kasse etwas derangirt ist, in die Hände der Person gelegt werden soll, die Euer Excellenz die Güte haben werden, zu bestimmen.«

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Der General sann einige Augenblicke nach. »Wann können Sie abreisen?«

»Ich habe übermorgen ein Diner bei Véry an Ney und einige Freunde verloren und kann natürlich nicht absagen. Es ist nothwendig, General, in Betreff des Portefeuilles; aber am Tage darauf werde ich bereit sein.«

Der Minister war an eine Wandkarte getreten. »Der Dampfer von Hâvre nach New-Orleans geht am 8. ab. Ich werde durch den Telegraphen Befehl senden, Plätze für Sie zu reserviren. Wie viel bedürfen Sie deren?«

»O Excellenz, ich reise ohne großes Gefolge, ich und mein alter Freund und Diener Bonifaz, ein treuer Avignote.«

»Und damit wollen Sie der mexikanischen Regierung die Sonora entreißen?«

»Warum nicht? Aller Anfang ist klein.«

»Gut, es ist nicht meine Sache. Sie werden die nöthigen Empfehlungen an Monsieur Levasseur, unseren Gesandten in Mexiko, und an Monsieur Dillon, den Konsul in San Francisco an Bord finden. Bedürfen Sie sonst noch Etwas?«

»Nichts, als daß Euer Excellenz mich wissen lasse, an wen ich jene Papiere auszuhändigen habe.«

»Sie kennen Madame Saint Arnaud?«

»Ich habe die Ehre gehabt, schon Fräulein Trazegnies d'Ittre meine ehrerbietigste Huldigung darzubringen.«

»Gut, ich werde ihr schreiben, daß sie ihre Rückreise von London über Hâvre macht.«

»So befindet sich also Madame de Saint Arnaud

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in London? Ich habe sie doch noch am Sonntag auf der Promenade von Longchamps begrüßt?«

»Still, Sie brauchten das nicht zu wissen, es war unvorsichtig von mir, darüber zu sprechen und ich bitte Sie, der Sache keine Erwähnung zu thun. Genug, es ist so, und Sie werden Madame zur Stunde der Einschiffung auf dem Dampfer finden. Sie wird Ihnen den Betrag des Wechsels aushändigen und die Papiere dafür in Empfang nehmen.«

Der Graf verbeugte sich zustimmend.

»Cordieu!« sagte der General, »ich hätte kaum gedacht, daß wir als so gute Freunde scheiden würden. Aber nun, lieber Graf, Sie werden sich denken, daß meine Zeit kostbar ist, daher leben Sie wohl. Ich bin ein zu guter Franzose, um Ihnen nicht aufrichtig alles Glück zu wünschen, auch wenn Sie für die Bourbonen spekuliren sollten, obschon mir der Erfolg etwas problematisch erscheint.«

»Und ich, General, bin ebenfalls zu guter Franzose, um nicht bei meinem Unternehmen den Gedanken an den Ruhm und den Vortheil Frankreichs allen anderen Interessen voranzustellen. Deshalb sage ich Ihnen, wenn die Sache gelingt, so habe ich hier in dieser meiner Hand - so unscheinbar diese Ledertasche aussieht - ein Mittel, um die 700 Millionen der französischen Staatsschuld zu bezahlen. Doch das ist mein Geheimniß. Nur ehe ich Sie verlasse, bitte ich Sie noch um zwei persönliche Gefälligkeiten.«

»Sprechen Sie,« sagte der Minister ganz erstaunt und mit zweifelhaften Blicken für den Verstand seines Besuches

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das Amulet verfolgend, das der Graf wieder in seine Brusttasche schob.

»Zunächst« fuhr dieser fort, »da ich gehört habe, daß alle Leichen-Ceremonien in diesen Tagen verboten sind, bitte ich Sie um die schriftliche Erlaubniß, einen armen Fremden, der in Folge einer Operation bei mir gestorben ist, anständig auf dem Père Lachaise begraben zu lassen.«

»Ich werde den Präfekten anweisen, die Erlaubniß zu ertheilen.«

»Dann, General, - ich weiß nicht, ob Sie von meinem Verhältniß zu der kleinen Suzanne, der Soubrette am Saint Martin-Theater, gehört haben.«

»Ich erinnere mich. Pah, für einen Don Juan wie Sie ist das doch etwas Alltägliches.«

»Nicht so ganz, ich habe einen Sohn mit ihr und liebe den Knaben. Ich werde morgen bei meinem Notar ein Instrument niederlegen, um ihn zu adoptiren; doch soll er meinen Namen aus Gründen nicht vor seinem zwanzigsten Jahre tragen. Er und Frankreich sind meine Erben, deshalb vertraue ich den Einen dem Anderen. Sie haben mich vorhin, als ich mit einer Milliarde um mich warf, während Ihnen sehr wohl bekannt sein muß, daß ich mich längst ruinirt habe, wie einen Verrückten angesehen. Ich kann Ihnen das nicht verdenken, aber ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß wenn mein Unternehmen glückt, ich die Gewißheit habe, daß ich wahrscheinlich noch reicher bin. Ich will, daß mein Sohn im Dienste Frankreichs erzogen werde und, wenn ich falle, meine Erbschaft mit ihm theilt. Das Ganze ist ein Geheimniß, aber ich werde Sorge

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tragen, daß - tritt der Fall ein - selbst aus den Wildnissen der Sonora heraus mein Testament an das Ohr Frankreichs schlägt. Das Kind und seine Mutter bleiben hier, aber da ich jetzt mein Vaterland wahrscheinlich auf Nimmerwiedersehen verlasse, würde dem Knaben, der bereits einen tapferen muthigen Sinn zeigt, die männliche Leitung der Erziehung fehlen. Ich bitte Sie deshalb um eine Stelle für ihn in einer Militär-Erziehungsanstalt.«

Ohne eine Antwort zu geben, ging der Minister zu einem der offenen Repositorien und nahm ein Formular heraus, das er ausfüllte und dem Grafen reichte. Es war die Ordre zur Aufnahme des Knaben in die Ecole militaire.

»Leben Sie wohl, General,« sagte der Graf, indem er ihm die Hand reichte, »und empfangen Sie meinen Dank. Ich werde mich freuen zu hören - wenn wir uns nicht Wiedersehen sollten - daß Marschall Saint Arnaud die französischen Fahnen zum Siege geführt hat, auch wenn statt der königlichen Lilien die Tricolore oder die kaiserlichen Adler diese Fahnen bilden.«

Sie schüttelten sich die Hände und schieden.

Sie haben einander nicht wieder gesehen.

Lebe wohl, Frankreich!

Es war ein heller frischer Decembermorgen. Der »Washington«, der gewaltige atlantische Steamer, hatte zur Abfahrt geheizt und aus den beiden großen Schornsteinen stiegen die dunklen Rauchwolken in die blaue Luft empor.

Ein reges Leben war trotz der Jahreszeit auf dem prächtigen Quai und in dem schönen Hafen, aus dem nicht weniger als 40 Dampfer allein nach den wichtigsten Seehäfen des nördlichen Europas gehen. Die Abfahrt des Newyork-Steamers, die damals alle Monate ein Mal erfolgte, war stets das Signal zu vermehrtem Verkehr. Seeleute von allen Küsten der Erde lungerten an den Ballustraden des Quais oder an den Bollwerken und in den Wanten der umher ankernden Schiffe, oder waren mit dem eintönigen Singsang der Seeleute an irgend einer Arbeit des Ein- und Ausladens und der Ausbesserung beschäftigt. Keuchende Lastträger schleppten noch Koffer und Kisten über die breiten Planken an Bord des Dampfers, der mit seinem

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zweistöckigen Hinterdeck, von Galerien umgeben, wie ein riesiges schwimmendes Haus aussah. Die Stewards und Küchenjungen kamen eilig mit ihren Vorräthen gerannt; die Kommis und Agenten tauschten und berichtigten ihre Fakturen; Polizei-Sergeanten des Hôtel de Ville kontrollirten die Pässe der Reisenden, die aufs Eifrigste mit dem Wegpacken - Stauen, wie der Seemann sagt - ihrer Effekten beschäftigt waren; Abschied wurde genommen und Aufträge wurden gegeben, kurz überall war das lebhafteste Treiben und die größte Verwirrung in der größten Ordnung.

Die Glocke des Schiffes hatte bereits das erste Signal gegeben. Der Kapitän, das Sprachrohr in der Hand, stand auf der Treppe seiner Bank und betrachtete gleichgiltig das unruhige Treiben in dem Bewußtsein seiner Macht, die mit dem Befehl zur Lösung der Taue und der Brückenplanken sofort Ordnung und Gehorsam in dies Chaos bringen würde.

Auf der obersten Galerie des Hinterdecks, wo der Seewind kalt und scharf daherstrich, ging, in seinen Plaid gehüllt, der Graf Raousset Boulbon unruhig hin und her. Er hatte sein Wort gehalten und war am Morgen nach dem Diner bei Véry von Paris abgereist, nachdem er den kleinen Louis noch in das Militär-Institut gebracht hatte. Der Mutter des Knaben, die damals während seiner Verhaftung die furchtbarste Angst um ihn ausgestanden und kaum von Bonifaz, der sie dem strengen Befehle gemäß nicht verlassen durfte, in ihrer Wohnung zurückzuhalten gewesen war, hatte er nur einen Theil der Wahrheit gesagt und sie damit zu beruhigen gesucht, daß er ihr

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erklärte, seine persönliche Sicherheit erfordere unter den gegenwärtigen politischen Verhältnissen, daß er für kurze Zeit Frankreich verlasse. Dennoch, und trotz aller Versprechungen bald zurückzukehren oder sie nachkommen zu lassen - denn als Ziel seiner Reise hatte er nur New-York angegeben - hatte der Abschied bei dem hingebenden Charakter der jungen Schauspielerin zu einer schrecklichen Scene geführt und er hatte sie ohnmächtig in den Armen seines alten Freundes und Dieners zurückgelassen, der noch einen Tag in Paris bleiben mußte, um das Gepäck seines Herrn zu ordnen und mit diesem nachzukommen.

Am Abend vor der Abfahrt des Dampfers war Bonifaz eingetroffen. Der Graf hatte bis zum letzten Augenblick im Hôtel Frascati zugebracht, um dort den Besuch der bevollmächtigten Person zu erwarten, welche für Saint Arnaud jene Papiere in Empfang nehmen sollte; aber es hatte sich zu seiner Verwunderung Niemand bei ihm gemeldet. Jetzt ging er ungeduldig umher, im Zweifel, ob er die in Couvert an den Minister adressirten Dokumente irgend einer fremden Person zur Beförderung mit der Post anvertrauen sollte, und erwartete die Ankunft seines Dieners, der aus dem Hôtel die letzten Reise-Effekten zum Schiff bringen sollte.

Der scharf pfeifende Wind ließ den Grafen ziemlich allein im Besitz der Galerie, von deren Höhe aus er die Stadt und den Hafen mit seinem Mastenwald und seinem regen Treiben übersehen konnte. Die rechtwinklich in einander gebauten Straßen gruppiren sich um die Bassins und Docks und sein Blick schweifte abwechselnd von der

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Mündung der Hauptstraße, die von dem Theaterplatz bis zu dem runden Thurm Franz I., des Gründers von Hâvre, am Eingang des Hafens führt nach der Umgebung der Stadt, dem Hügel von Ingouville und Galvados und den Höhen von La Hive mit den 300 Fuß hohen Zwillings-Leuchtthürmen.

»Er ist selbst schuld, wenn ich abreisen muß, ohne mein Wort gehalten zu haben,« murmelte der Graf, unfern der Treppe stehen bleibend und sich über die Galerie lehnend, wo er die Verbindungsbrücke übersehen konnte. »Dieser alte Narr läßt mich auch warten, statt mir Nachricht zu bringen, ob vielleicht noch im Hôtel Nachfrage nach mir gewesen ist. Ich kann unmöglich die Sache fremden Personen aufs Gerathewohl anvertrauen. Pardioux, es ist wirklich unangenehm!«

»Hat der Herr Graf Raousset de Boulbon vielleicht Etwas nach Paris zu bestellen?« sagte da plötzlich eine wohlklingende jugendliche Stimme neben ihm. »Es würde mir zum Vergnügen gereichen, seinen Liebesboten zu machen.«

Der Graf sah sich erstaunt um; neben ihm stand eine sehr einfach in Schwarz gekleidete Frau mit dichtem Schleier.

»Wie, Madame? Diese Stimme? -«

»Ist die einer alten Bekannten, wenn das ehemalige Fräulein Trazegnies d'Ittre auf die Ehre Anspruch machen darf.«

Er führte ihre freie Hand an seine Lippen. »Wo auch der Graf Raousset Boulbon weilen und welches Schicksal ihm auch werden mag,« sagte er galant, »er wird sich stets mit Vergnügen und Dank der reizenden Abende in den

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Salons der Chaussée d'Antin erinnern. Aber ich hätte Sie sicher nicht in dieser Verkleidung wieder erkannt, besonders unter so dichtem Schleier.«

Die junge schöne Frau, die später so oft den Prinzen Plonplon verleiten sollte, das Dampfschiff in Varna heizen zu lassen, um ihren Salon in Buyukdere zum großen Aerger des Marschalls zu beehren, statt einen militärischen Ruf und die Cholera in der Dobrudscha zu suchen, schlug mit liebenswürdiger Koketterie einen Augenblick den Schleier zurück. »So, mein Herr, nun haben Sie Ihren Willen gehabt und nun geben Sie mir die Papiere, die ich meinem Manne überbringen soll und die ihm so wichtig scheinen, daß er eine junge Frau vier Tage länger von Paris entfernt und für ihre zahlreichen Anbeter auf der leidigen Krankenliste hielt. In der That, es müssen höchst merkwürdige Dinge sein.«

»Nicht merkwürdiger als die, welche die künftige Frau Marschallin nach England geführt haben,« bemerkte mit scharfem Blick der Graf. »Aber hier sind sie! Ich erfülle mein Versprechen, indem ich dies versiegelte Couvert in Ihre Hände lege, und bitte Sie, Ihren Herrn Gemahl daran zu erinnern, daß wir von diesem Augenblick ab keine politischen Gegner mehr sind.«

»Gewiß, ich hoffe es, und Sie recht bald in meinen Salons wiederzusehen. Sie wissen, ich empfange jeden Mittwoch. Wann kehren Sie zurück von Ihrem Ausflug, lieber Graf?«

»Von dort?« Er wies hinüber über die endlose Fläche des Meeres.

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»Nun, New-York ist mit den Dampfern, wie ich mir habe sagen lassen, ja nicht weiter als zehn bis zwölf Tage, und diese leidigen politischen Streitigkeiten werden gewiß bald zu Ende sein. Mein Mann soll alles Mögliche thun, Ihre baldige Zurückberufung zu bewirken. Sie haben ja so viele Freunde ...«

»Ich gehe freiwillig, Madame« sagte der Graf ernst, indem er ihr seinen Arm bot, sie die Treppe hinunter zu führen, »und wenn ich je nach Frankreich zurückkehren sollte, hoffe ich der Erlaubniß eines Bonaparte nicht zu bedürfen. Wo ist Ihre Begleitung?«

»Ich bin allein und ich fürchte mich durchaus nicht, wie Sie gesehen haben. Ich will, daß Sie mich nicht zu weit begleiten, denn es könnte mein Inkognito gefährden. Auf dem Platze halten ja genug Fiakre. So leben Sie denn wohl, lieber Graf, und lassen Sie wenigstens Etwas von Ihren Abenteuern hören, denn ich kenne Sie und weiß, daß es ohne diese nicht abgehen wird.«

Der Kavalier lächelte. »Ich hoffe, die Zeitungen werden Ihnen bald davon melden. Denken Sie daran, Madame, wenn man mich allzu sehr verläumdet, daß Sie einen Freund jenseits des Meeres zu vertheidigen haben.«

Er küßte nochmals ihre Hand und blieb an der Schiffbrücke stehen, während sie eilig unter der drängenden Menge darüber schritt, denn so eben hatte die Glocke des Steamers das zweite Signal gegeben und Alles, was nicht an Bord gehörte, mußte jetzt diesen verlassen.

Er sah, wie sie auf dem Platz am Eingang des Hafens noch einmal stehen blieb, mit dem Tuch ihm

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zuwinkend, und dann einen Fiakre bestieg. Unwillkürlich hob ein Seufzer seine breite männliche Brust, denn es war ihm, als schiede mit der flüchtigen Erscheinung der jungen vornehmen Frau erst jetzt jenes Leben voll Glanz, Leichtsinn und Lust, das so verlockende, unvergleichliche Paris mit all' seinen Herrlichkeiten von ihm.

Zwei Paar Augen hatten diese Scene mit dem größten Interesse, aber mit sehr verschiedenen Gefühlen beobachtet.

Der Graf, als er von der Landungsbrücke zurückkehrte, machte einen Gang über das Hauptdeck und traf hier bereits seinen getreuen Bonifaz, dessen Ankunft er nicht bemerkt hatte, mit Hilfe eines Schiffsjungen beschäftigt, sein Gepäck unterzubringen. Die saubere, reinliche Kleidung des Knaben fiel ihm auf, obschon er sein Gesicht nicht sehen konnte, da derselbe sich eifrig mit den Koffern und Reisesäcken zu thun machte, und er war zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt, um auf solche Nebendinge viel zu achten. Aus diesem Grunde entging es ihm auch, als er - nachdem er einige Worte mit Bonifaz gewechselt hatte - an dem Logis der Mannschaft und der dort dicht gedrängten Menge der Vorderdeck-Passagiere vorüber zu seiner früheren Stelle auf der Galerie zurückkehrte, welcher häßliche, feindselige Blick ihn aus dieser Menge verfolgte, nachdem er ihn schon seit seiner Ankunft an Bord unaufhörlich beobachtet hatte.

Der Graf stand wieder auf der Galerie, um das bewegte Schauspiel der Abfahrt zu beobachten. Zum dritten Male läutete die Glocke des Steamers, von dem Vorderkastell donnerte ein Schuß und an dem Mast flog das

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Sternenbanner Amerikas in die Höhe und flatterte lustig hinaus in die frische Winterluft.

Der Kapitän rief von seiner Bank zwischen den mächtigen Radkasten seine Befehle herab, die gelösten Taue flogen durch ihre Oesen und rüstige Hände schoben die Verbindungsplanken zur Landungsbrücke zurück.

Mit mächtigen Stößen begann die Maschine zu arbeiten und aus den beiden Schlotten stieg in dunkler Wolke der zischende Dampf; unter den Schlägen der Räder schob sich der gewaltige Bau von dem Quai und begann sich um sich selbst zu drehen, das Bugspriet hinaus gewandt nach der unermeßlichen Fläche des Meeres.

Ein tausendstimmiger Ruf: »Adieu! Adieu! Bon voyage! Au revoir! Vive la France!« scholl unter dem Schwenken der Tücher und der Hüte vom Ufer her und wurde vom Bord wiederholt, so lange man die Freunde sehen, ihre Stimme nur zu hören vermochte. Dann schoß der »Washington«, die Salutschüsse des Kastells erwiedernd, an dem Fort und den Hafen-Batterien vorüber hinaus auf die offene See. -

An seinem Platz auf der oberen Kajüte stand lange noch ein einsamer Mann, zurückschauend nach der immer mehr verschwindenden Stadt und stürmische Gedanken, die Erinnerung an Alles, was er verlassen, der unbekannte Kampf, dem er entgegenging, hoben seine breite Brust.

So lange er sie sehen konnte, hingen seine Augen an der Fahne Frankreichs, die lustig von dem Thurm des Forts wehte. Und waren es auch nicht die Lilien seines alten Königs-Geschlechtes, war es auch nicht die weiße Fahne der

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Bourbonen, unter der Frankreich zwei Jahrhunderte groß und mächtig gewesen; auch diese Tricolore war die Flagge seines Vaterlandes und hatte seine Söhne in vier Welttheilen so oft zum Siege geführt.

»Lebe wohl, Frankreich! Lebe wohl, mein Vaterland! - Adieu! Adieu!!«

Eine leise sanfte Stimme an seiner Seite wiederholte den letzten Ruf. Eine weiche Hand faßte die seine, die andere deutete hinauf zu dem klaren Decemberhimmel.

»Adieu! wenn Er es will!«

Er sah erstaunt, betroffen auf die schlanke kleine Gestalt des Schiffsjungen, den er schon vorhin bemerkt und der sich jetzt leise weinend an seine Schulter schmiegte. Der Matrosenhut von schwarzem Glanzleder war von den braunen Locken gefallen, bittende, flehende Augen, von Thränen umschleiert, hoben sich unverhüllt zu ihm empor.

»Suzanne - um Himmels willen - was willst Du hier?«

»Dich begleiten, Aimé, Dein Schicksal theilen, sei es Glück oder Tod,« flüsterte die junge Frau. »Ich habe Kind und Heimath, Alles, was mir dort lieb und werth, verlassen, um Dir zu folgen; denn mein Herz hat mir gesagt, daß Du mich getäuscht über Deine Zukunft und daß Du unbekannten und großen Gefahren für die unsere entgegengehst. So laß sie mich denn theilen und erhöre meine Bitten und Thränen, wie Bonifaz ihnen nicht widerstehen konnte. Laß mich mit Dir gehen als Deine Dienerin, als Deine Sklavin wenn Du willst und meine Brust zwischen

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Dir und der Gefahr sein. Stoße mich nicht von Dir, denn Du würdest Deinen guten Engel von Dir stoßen.«

Sie hielt ihn fest umschlungen und er sah lange auf sie nieder, unentschlossen, was er thun sollte und doch gerührt von solcher Liebe.

Dann endlich siegte diese Rührung in ihm, er machte sich sanft aus ihrer Umschlingung los und indem er den in einiger Entfernung nicht ohne Besorgniß harrenden Bonifaz herbeiwinkte, reichte er Beiden die Hand.

»Sei es denn« sprach er fest, »es geschehe, wie Ihr wollt. Die Treue und die Liebe sollen mich begleiten, der Freund, die Mutter meines Sohnes, und wenn ich je ihrer Hingebung vergesse, möge die Liebe und die Treue mir zum Verderben werden. Seid willkommen! Hand in Hand mit Euch, auf Deine Kraft, Bonifaz, und auf Dein Herz, Suzanne, gestützt, fürchte ich Nichts, was die Zukunft birgt und werde mein Ziel erreichen!«

Er hob das Auge und als wenn es auf ein giftiges Reptil getroffen, bebte er unwillkürlich zurück. Sein Blick hatte dem begegnet, der vorhin aus der Menge der Deckpassagiere ihn heimlich verfolgt.

Jetzt stand der Mann frei und offen am Mittelmast an der Grenze des Vorderdecks, welche die niederen Passagiere nicht überschreiten dürfen. Er stand, die Arme über die Brust gekreuzt und hielt sein schielendes Auge mit dem Ausdruck des Hasses und der rachsüchtigen Bosheit auf den Grafen gerichtet.

Ein Blick hatte diesem genügt, den Mann zu erkennen

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- es war der Amerikaner, der den armen Gambusino nach Paris geführt.

Da waren sie in dem engen Raume vereint, der gute und der böse Gngel seiner Zukunft. Wer von ihnen wird den Sieg davontragen?

Hinter ihnen im Nebel der Ferne verschwand die Küste.

Lebe wohl, Frankreich!

In San Francisco.

Der Leser, dem der Roman des Autors »Nena Sahi«B nicht unbekannt ist, wird sich erinnern, in dem ersten Theil desselben ein Kapitel unter der Ueberschrift »Ein Duell in San Francisco« gefunden zu haben.

Er wird sich ferner erinnern - obschon dort aus Gründen die Erzählung ein Jahr zurückdatirt - dabei von der Sonora-Gesellschaft des Grafen Raousset Boulbon gelesen zu haben und der Person des berühmten Abenteurers in den Spielzelten des plaza mayor und im Circus der Stiergefechte begegnet zu sein. Er wird wissen, unter welchen Umständen die projektirte Expedition des Grafen wieder aufgegeben oder vielmehr verschoben werden mußte, da bei der großen Feuersbrunst, welche zwei Drittheile von San Francisco in Asche legte, sämmtliche bereits angeschaffte Vorräthe der Expedition mit verbrannt waren.

Dies war im Juni 1852 geschehen.

Für Diejenigen, welche jene Scenen nicht gelesen oder

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kein Interesse daran finden, die Lektüre nachzutragen, werden die obigen kurzen Andeutungen genügen.

Der Graf, der sich im December - auf den Erlös aus dem Verkauf seiner Einrichtung und einiger alter Familien-Juwelen und die 10,000 Franken aus dem Wechsel des Ministers beschränkt - in Hâvre eingeschifft hatte, war im April in San Francisco eingetroffen und hatte dort alsbald seine Thätigkeit mit der Gründung einer Aktiengesellschaft für die »Expedition nach der Sonora und dem geheimen Schatz der Azteken am Rio Gila«, wie er sein Unternehmen nannte, eröffnet.

Er erfand jene Bezeichnung, weil er bald eingesehen, daß in diesem Lande der Goldgräber und Abenteurer nicht mehr die Aussicht auf das Aufsuchen unbekannter Goldquellen in unbekannter Ferne locken könne, sondern daß ihnen eine positivere Erfindung als Köder gegeben werden müßte. Eine solche war die durch das ganze westliche Amerika seit Jahrhunderten verbreitete Erzählung von den verborgenen Schätzen des alten Herrscher-Geschlechtes der Ynkas, die sie bei der Eroberung des Landes aus dem Osten nach dem Westen und den Ufern des großen Oceans geflüchtet und hier in den letzten Zufluchtsstätten der Urbewohner, den in den Wildnissen von Neu-Mexiko vielfach zerstreuten Ruinen der alten Aztekenstädte verborgen haben sollten. Zahlreiche Versuche zu deren Auffindung waren bereits vor dem Unternehmen des Grafen gemacht worden und angeblich an den mangelhaften Vorbereitungen, der geringen Zahl und den Zwistigkeiten der Theilnehmer oder an den Mühseligkeiten und Gefahren gescheitert, ohne daß

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die golddurstige Phantasie den Glauben an das Vorhandensein jener Schätze deshalb aufgegeben hätte.

Indem er denselben wieder anregte und zum Deckmantel seines Unternehmens machte, sicherte der Graf zugleich sein eigenes Geheimniß und seine besonderen Zwecke.

Die letzteren hatten zugleich an Ort und Stelle mancherlei Erweiterungen und Ausdehnungen erfahren und die Verzögerung seines Unternehmens durch die große Feuersbrunst von San Francisco war ihm im Grunde nicht unwillkommen gewesen, abgesehen davon, daß er in jedem Fall den Monat August noch dort hätte zubringen müssen, um die Zusammenkunft mit Eisenarm und Wonodongah, dem »Großen Jaguar«, abzuwarten, denen nicht bloß das Geheimniß der Goldhöhle, sondern auch das Eigenthumsrecht an derselben gehörte.

Ueberdies hatte der Graf die Verhältnisse bald genügend kennen gelernt, um zu wissen, daß eine so große bewaffnete Expedition in das Innere ihres Landes von der mexikanischen Regierung nicht mit Gleichgültigkeit angesehen werden würde und daß es daher eines gewissen Einverständnisses mit ihr bedurfte.

Dieses Einverstandniß war nicht schwierig herbeizuführen.

Der Leser weiß selbst aus der oberflächlichsten Kenntniß der Geographie der nördlichen Hälfte Amerikas, daß Californien einen Theil der westlichen Küste bildet und gegenwärtig aus zwei verschiedenen Staaten besteht: Neu-Californien in unmittelbarem Zusammenhange mit dem nordamerikanischen Kontinent und von diesem nur durch

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die Sierra Nevada getrennt, deren Ausläufer mit ihren Placers seit der zufälligen Entdeckung des Kapitän Sutter im Flußgebiet des Sacramento im Februar 1842 einen so wahnsinnigen Golddurst und eine neue Völkerwanderung aus allen Welttheilen hervorrief, - und Alt- oder Nieder-Californien, das Gebiet der großen Halbinsel von 1800 Quadratmeilen Größe, die sich an der Einmündung des Colorado von dem Festlande trennt und den Golf von Californien ober das Mar Bermejo - das rothe Meer - bildend, über 260 deutsche Meilen lang mit der Küste parallel laufend in den stillen Ocean erstreckt.

Neu-Californien, durch die Revolutionen von 1836 bis 1848 von Mexiko getrennt, war mit seiner Hauptstadt San Francisco, dem Eldorado der Goldgräber und Abenteurer, ein Jahr vor dem Beginn unserer Erzählung am 7. September 1850 als besonderer und unabhängiger Staat in die nordamerikanische Union aufgenommen worden. Alt-Californien mit den in Verfall gekommenen Silberminen von Moleje und Real-San-Antonio und den berühmten und ergiebigen Perlenfischereien von Cerralbo und Espiritu Santo bildet noch eine Provinz oder ein Gouvernement der mexikanischen Republik.

Dieser Halbinsel gegenüber an der Küste des Festlandes erstreckt sich die Provinz Sonora mit der Hauptstadt Hermosillo und dem Hafen San José de Guyamas, dem größten der konföderirten Staaten Mexikos.

Sie wird im Osten von der Sierra Verde und der Sierra des los Tegesuanes, der Cordillerenkette, begrenzt; im Norden größtentheils durch den Rio Gila und seine

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Nebenflüsse von Neu-Mexiko, das in Folge des amerikanisch-mexikanischen Krieges an die vereinigten Staaten abgetreten wurde, getrennt.

In diesem Norden ist es, wo sich jene ungeheuren Einöden und Wildnisse ausdehnen, die von den wilden Apachen- und Comanchen-Stämmen bewohnt werden.

Zur Zeit, da wir unsere Erzählung wieder in San Francisco aufgenommen haben, also im Frühjahr und Sommer 1852, hatten die Comanchen und Apachen wiederholte Einfälle in die Sonora gemacht und die schrecklichsten Verwüstungen angerichtet. Ja, es verlautete, daß ein großer Bund der beiden sonst stets einander feindlichen Völkerschaften mit ihren zahlreichen Stämmen zu einem allgemeinen Raubzug gegen das mexikanische Gebiet geschlossen worden sei.

Vergeblich hatten die reichen Küstenstädte der Sonora und die großen Hacienderos oder Grundbesitzer im Innern von der Centralregierung Hilfe und Beistand gegen die räuberischen Indianer und die drohende Gefahr verlangt. Die fortwährenden inneren Revolutionen und Pronunciamentos, die Rebellion einzelner ehrgeiziger Führer gegen die Föderal-Regierung, die kühne Zoll-Reduktion des Gouverneurs Avalos, der drohende Einfall des Generals Carbajal aus Texas und die Erbitterung gegen die neue dekretirte Konsumtionssteuer von 8 Procent hatten die Kräfte der Regierung gelähmt und das ganze Fortbestehen der Föderation in Frage gestellt. Jeder Staat war auf sich selbst und seine Kräfte verwiesen und die Sonora zersplitterte die ihren in Einzelkämpfen gegen die immer kühner

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vordringenden Indianer und in Vorbereitung neuer Revolutionen.

Unter diesen Umständen war es, daß Graf Raousset Boulbon seinen Vertrauten, den Avignoten Bonifaz, nach Mexiko schickte, um mit der Regierung zu unterhandeln und ihr seine Hilfe anzubieten.

Aber bei aller Treue, die Bonifaz für den Grafen und seine Interessen besaß, wußte dieser doch sehr wohl, daß er nicht die Person war, um eine diplomatische Verhandlung zu leiten. Der Geist, der ihn influirte, mußte ein anderer sein - Suzanne begleitete daher den Avignoten und hatte von dem Grafen ihre bestimmten Instruktionen erhalten.

Es geschah dies in Männertracht, die sie überhaupt während der ganzen Zeit beibehalten hatte. Nach jenem Wiederfinden an Bord des »Washington« hatte eine Berathung unter den drei Betheiligten stattgefunden, in welcher Weise am sichersten die Begleitung der Schauspielerin erfolgen könne, ohne die Pläne des Grafen zu hindern, und es war festgesetzt worden, daß sie die Rolle eines männlichen Verwandten des Grafen spielen solle, was ihr bei ihrer Kunst ohnehin nicht schwer werden konnte. Nur unter dieser Bedingung hatte der Graf, der sie Anfangs von Newyork nach Frankreich zurückschicken wollte und alle Hindernisse und Beschränkungen voraussah, die ihre Anwesenheit ihm bereiten mußte, sein Wort gegeben, sie sein Schicksal theilen zu lassen.

Das Geheimniß der Goldhöhle kannte jedoch selbst Suzanne nicht; sie wußte nur, daß ein wichtiges Interesse

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und die Erreichung ungeheurer Vortheile es ihm nöthig machte, in das Innere jener Wüsteneien zu dringen.

Uebrigens hatte die Begleitung und treue Anhänglichkeit der Schauspielerin in ihrer Verkleidung ihm bereits mannigfache Vortheile gebracht. Ihr scharfer aufgeweckter Verstand, ihre Schlauheit und Gewandtheit hatten ihn in vielen Verhandlungen unterstützt und wesentlich dazu beigetragen, mit den geringen Mitteln, die er zu Anfang besaß, die Aktiengesellschaft zur Expedition nach der Sonora und dem angeblichen Schatz der Azteken zu gründen und eine Anzahl kühner Abenteurer für diesen Zweck anzuwerben, ein Material, woran es allerdings in San Francisco niemals fehlte.

Die Verhandlungen mit der mexikanischen Regierung waren zu wichtig und mußten zu geheim und geschickt betrieben werden, als daß der Graf nicht alle seine Macht über seine Geliebte hätte aufbieten sollen, um diese zu bewegen, sich von ihm für kurze Zeit zu trennen und den Avignoten nach Mexiko zu begleiten.

So war es gekommen, daß Suzanne und der treue Bonifaz während jener furchtbaren Katastrophe, die wir im ersten Bande des Romans »Nena Sahi«B erzählt haben, von San Francisco abwesend waren.

Diese Abwesenheit hatte jetzt über drei Monate gedauert und der Graf erwartete seine Boten mit Ungeduld zurück.

Er hatte die Zeit von dem Brande der Stadt und der Abreise des Maharadscha Srinath Bahadur (Nena Sahib) mit der Gesellschaft der kühnen Männer, die ihm

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ihm derselbe angeblich zur Tigerjagd nach Indien entführte, nicht unbenutzt verstreichen lassen.

Mit jener wunderbaren Schnelligkeit, mit welcher sich die aus den leichtesten Materialien, oft nur aus Leinwand und Brettern erbaute Stadt wieder aus den Verheerungen des Brandes erhob, war auch das Projekt der Sonora-Company wieder hergestellt.

Zwei Tage nach der Abfahrt der »Sarah Elisa« war bereits ein neues großes Zelthaus auf dem Platze der früheren Sonora-Gesellschaft errichtet und an ihm prangte in noch riesigerem Maßstab ein neu gemaltes Schild mit dem Wappen des Grafen, den drei Saracenenköpfen, den Lilien Frankreichs und dem schrägen Bastardbalken nebst der Abbildung der neuen Armee, einer flüchtenden Indianerhorde und den Ruinen mit der Ueberschrift: »Eingang zu dem geheimen Schatzgewölbe des Itze-Cate-Cäulas, Enkel Montezumas, des letzten Aztekenfürsten,« nebst der weiteren Inschrift in ellengroßen Buchstaben:

Haupt-Quartier

von Horace Aimé, Grafen von Raousset Boulbon

Marquis de Tremblay aus dem fürstlichen Hause Lusignan,

General en chef

der Expedition nach Sonora und dem geheimen Schatz

der Azteken am Rio Gila.

Cours der Aktien 268\frac14.

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So weit waren in wahnsinniger Steigerung die Aktien des Unternehmens bereits in die Höhe gegangen auf die Nachricht, daß die verbrannten Vorräthe doppelt versichert seien und auf die von dem Banquier Don Enriquez, dem rechtlichsten Mann in ganz San Franscisco, öffentlich bestätigte Kunde, daß der Graf hunderttausend Dollar aus seinem geretteten Vermögen baar und in besten Papieren für das Unternehmen bei ihm deponirt habe.

Viele der zuerst für die Sonora-Expedition Angeworbenen hatten sich allerdings die großmüthige Erklärung des Grafen zu Nutze gemacht, daß mit dem Brande jede Verbindlichkeit erloschen und das empfangene Handgeld ihr Eigenthum sei, um nach einer anderen Richtung zu verschwinden oder in den Placeros wiederum ihr Heil zu versuchen; Andere aber waren geblieben, hatten aufs Neue Werbegeld genommen und jedes Schiff, jeder Zug aus den Bergen brachte ein Kontingent von Abenteurern, bereit, für die Aussicht auf die leichte und abenteuerliche Erwerbung von Gold und anderen Besitzthümern willig jeden Augenblick ihr der bürgerlichen Gesellschaft sonst völlig werthloses Leben in die Schanze zu schlagen.

Der Graf war jedoch jetzt etwas strenger in der Auswahl als früher geworden und wünschte vor Allem jenen eigenthümlichen Generalstab von tapferen, kühnen und erfahrenen Männern wieder zu ersetzen, der ihn früher umgeben und den er auf so geheimnißvolle Weise dem indischen Fürsten überlassen hatte. Dieser Ersatz war ihm bis jetzt jedoch nur zu geringem Theil gelungen, denn außer dem Torero Antonio Perez, dem Sekundanten des

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unglücklichen Hillmann bei dem Stiergefecht im Circus von San Francisco, dessen Anmeldung er mit Vergnügen angenommen und den er zu seinem Lieutenant gemacht hatte, waren unter der ganzen Gesellschaft, die sich bereits wieder auf 150 Köpfe belief und einstweilen in den Schänken und Spielhäusern San Franciscos ihr Wesen trieb, keine, die ihm den Verlust der Franzosen Delavigne, Cordillier und Vaillant, Ralphs des Bärenjägers, Joaquin Alamos, des Pfadfinders, und des Kanadiers Adlerblick ersetzen konnten. Noch weniger waren Personen in der Gesellschaft, die an die Stelle des irischen Geschwisterpaares, des jungen Edward und der hochherzigen und schönen Margarethe O'Sullivan hätten treten können.

Um so sehnlicher wünschte er jetzt die Rückkehr seiner beiden treuen Boten von Mexiko.

Es war am Abend des 3. Septbr., des ersten Tages des Vollmondes in diesem Monat, die Stunde etwa 8 Uhr.

Der Plaza mayor, an welchem das Zelthaus des Grafen lag, war um diese Stunde sehr belebt. Alles benutzte den frischen Seewind zu einer erquickenden Promenade auf dem Platz oder strömte bereits den Spielhäusern zu. Vor dem Eingang des Lokals der Sonora-Company hatte sich gleichfalls eine zahlreiche Menge gesammelt und tauschte ihre Bemerkungen über zwei kleine Kanonen von glänzend polirtem Metall aus, die der Graf mit einem der letzten Schiffe von New-Orleans erhalten und zu beiden Seiten des Eingangs aufgestellt hatte, um dem Publikum zu zeigen, daß sein Unternehmen selbst mit Artillerie ausgerüstet sein werde.

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Die beiden Kanonen - vierpfündige Karonaden auf leicht beweglichen improvisirten Lafetten - hatten einen großartigen Eindruck auf die Phantasie der Amerikaner und der unbeschäftigten Abenteurer gemacht. Niemand zweifelte seitdem mehr an dem glücklichen Ausgang des Unternehmens; zur Zeit der Ankunft der Kanonen waren die Aktien der Gesellschaft um 5 Procent gestiegen, und an dem Tage, an welchem wir unsere Erzählung wieder aufnehmen, hatten sich nicht weniger als vierzehn Personen zur Einreihung in die sogenannte Armee der Expedition gemeldet.

Der Graf war den ganzen Tag über auffallend unruhig und zerstreut gewesen. Wohl hundert Mal hatte er nach der Uhr gesehen, als könne er den Gang der Zeit damit beschleunigen, und auch jetzt wieder, während er rastlos in dem ziemlich großen Gemach umher ging, wiederholte er häufig jenes Zeichen von Ungeduld.

Draußen auf dem Platz warf der aufsteigende Vollmond sein glänzendes Licht auf die Stadt und wurde von dem hellen Glanz unterstützt, der aus den Fenstern der zahlreichen Trink- und Spielhäuser rings umher das Halbdunkel erhellte.

Während der Graf so ungeduldig auf und nieder ging, saß an einem Tisch an der Wand des Zimmers der Lieutenant Antonio Perez, mit einer Liste beschäftigt, in welche er die Namen der vierzehn Abenteurer eintrug, die sich an dem Tage zur Theilnahme an der Expedition gemeldet hatten. Er las sie einzeln vor und machte dazu seine Bemerkungen.

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»Diego Muñoz, Excellenz. Er war damals Capataz der Lastträger von Guyamas und mußte flüchten, weil er in der Uebereilung einem Vater und zwei Söhnen sein Messer in den Hals gestoßen hatte. Die Sache machte einiges Aufsehen, da die Verstorbenen nicht zu den Leperos gehörten, sondern einiges Vermögen besaßen, das bei ihrem Tode mit Donna Juanita, der Tochter des Hauses, verschwunden war. Man beschuldigte Señor Muñoz, dabei die Hand im Spiel gehabt zu haben, weil er Doña Juanita die Ehre erzeigt hatte, ihr den Hof zu machen, was die Brüder nicht leiden wollten. Aber ich bin überzeugt, daß man ihm Unrecht gethan hat, denn Señor Muñoz war ein Mann von Ehre und der schuftige Alkade hatte bloß einen Zahn auf ihn, weil er einmal seinem Sohn drei dergleichen eingeschlagen. Darum mußte er denn Guyamas auf einige Zeit verlassen.«

»Der Kerl ist ja ein offenbarer Mörder und Dieb. Man schneidet drei Männern nicht den Hals ab, außer des Nachts durch Meuchelmord.«

»Entschuldigen Sie, Excellenza, aber es geschah bei hellem Tage während der Siesta und als sie sich zu unvorsichtig in einer Cabaña am Strande dem Schlaf überlassen hatten. Es war ein Unglück, daß Señor Muñoz grade an der offenen Hütte vorübergehen mußte und übler Laune war, weil sie ihn kurz vorher beleidigt hatten. Er war seither am Sakramente, aber die Placeros scheinen nicht mehr ergiebig genug. Soll ich ihn in die Liste eintragen?«

»Gewiß nicht. Wir haben genug offenbare Schurken.«

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»Ich erlaube mir nur die ehrerbietige Bemerkung,« beharrte der Sekretär, »daß Señor Muñoz hoffte, unter Euer Excellenz Schutze nach Guyamas zurückkehren zu können, um sich von dem üblen Verdacht des Diebstahls zu reinigen, der auf ihm lastet. Er hat einen großen Anhang in Guyamas und könnte uns dort sehr nützlich sein.«

»Meinetwegen, so nehmen Sie ihn an. Ein Schuft mehr oder weniger ist im Grunde gleich. Haben Sie noch mehr von dem Gesindel?«

»Zwei Matrosen von dem englischen Schiff »Jane« sind von Bord entlaufen und bestehen darauf, sich der Expedition anzuschließen.«

»Aber ihr Kapitän wird sie reklamiren?«

»Wir sind in einem freien Lande, Señor General, und es kann sie Niemand zwingen.«

»Dann nehmen Sie dieselben an; es sind zwar wahrscheinlich Trunkenbolde und Krakehler; aber in gewisser Beziehung kann man sich auf sie verlassen. Nur die Yankees taugen nicht.«

»Bei der sehr richtigen Bemerkung Euer Excellenz fällt mir ein, daß der Bursche aus New-Orleans, den Sie bereits drei Mal abgewiesen, heute zum vierten Mal da war und dringend um die Erlaubniß bat, den Zug mitmachen zu dürfen. Er behauptet, Sie seien ihm diese Erlaubniß schuldig und er befinde sich im tiefsten Elend.«

»John Brown?«

»Ich glaube, so heißt er.«

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»Geben Sie dem Hallunken zehn Dollars und jagen Sie ihn zum Teufel, ich mag Nichts von ihm wissen.«

Der Lieutenant machte ein Kreuz bei dem Namen.

»Haben Sie noch mehr auf der Liste?«

»John Meredith, Excellenza, er hat sich entschlossen.«

»Wie? Der Bankhalter, der Besitzer des großen Spielzeltes?«

»Er hat in letzter Zeit bedeutende Verluste gehabt und man munkelt, daß all' seine Habe schon lange den Gläubigern gehört. Es ist heute der letzte Abend, daß er die Bank hält.«

»So müssen wir ihm doch noch einen Besuch machen. Wir haben viele unserer Leute ihm zu danken. Sind Sie zu Ende?«

»Zwei Personen noch.«

»Sagen Sie rasch die Namen, ich bedarf der Aufregung des Spiels, um mir ein paar Stunden hinbringen zu helfen.«

»Der Eine,« sagte der Lieutenant, den Gegenstand überreichend, »hat mir diese Karte übergeben, der Andere ist ein Trapper und führt den Namen der Kreuzträger.«

»Der Kreuzträger? Das ist ein eigenthümlicher Name, wie kommt der Mann dazu?

»Es ist ein französischer Kanadier und hat auf ein silbernes Kreuz, das er deshalb stets auf seiner Brust trägt, geschworen, jede Woche einen Apachen zu tödten. Ich kenne die Geschichte nicht, auf welcher das Gelübde beruht, aber es muß jedenfalls eine sehr traurige sein. Ich weiß nur, daß er von den Apachen gefürchtet wird, als wäre er

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der Teufel selber und ich glaube, sie haben nicht viel Ursache, ihn viel anders anzusehen.«

»Aber wenn der Mann ein solches Gelübde gethan hat, wie kommt er hierher?«

»Carrajo! Das ist sehr leicht zu erklären.«

»Nun?«

»Ei, er steht bei den Apachen in Vorschuß. Er wird im Voraus gearbeitet haben und hat also Zeit. Wo kann er sie besser zubringen, als in San Francisco?«

Der Graf hatte gegen diese schlagende Erwiderung Nichts einzuwenden und betrachtete die Karte, die er zwischen den Fingern zerknittert hatte.

»Baron Arnold von Kleist,« sagte er, »Lieutenant außer Diensten. Also ein Deutscher - wenn ich nicht irre, dem Namen nach ein Preuße. Sind die Angemeldeten da?«

»Alle, mit Ausnahme des Kentuckiers. Ich habe sie hierher bestellt, um sie Euer Excellenz vorzustellen.«

»So lassen Sie dieselben eintreten.«

Der Mexikaner ging hinaus und öffnete bald darauf die Thür. Ein Haufen von dreizehn Männern trat in das Gemach und stellte sich nach einem kurzen Gruß vor den Grafen auf. Es fiel natürlich Keinem ein, in dem Lande der Freiheit seinen Hut oder die sonstige Kopfbedeckung abzunehmen. Freilich war sie bei Zweien oder Dreien in so desolatem Zustande, daß jede nicht durchaus nothwendige Berührung den Besitzer der Gefahr aussetzte, künftig ganz baarhaupt zu gehen.

Die Gesellschaft bildete überhaupt die merkwürdigste

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Musterkarte, die man sich denken kann. Vaterland, Gesichtsfarbe, Kleidung, Stand und Besitz: Alles war hier verschieden, und Pistols berühmter Rekrutenzug konnte kaum bunter zusammengesetzt sein. Außer den beiden englischen Theer-Jacken, die schwer betrunken waren, aber durch die Macht der Gewohnheit sich standfest hielten, und dem ehemaligen Capataz, einem kräftigen, sonnverbrannten Mann mit schönen Zügen, krausem schwarzen Haar und dem Auge eines Tigers, befanden sich in der Gesellschaft zwei verkommene Europäer, flüchtige Bankrottirer aus der Heimath, die vergeblich sich an den Placeros nach Gold abgemüht hatten; ein Schwede von riesiger Gestalt, der früher als Harpunirer auf einem Walfischfahrer gedient; ein Chinese mit langem Zopf und geschlitzten Augen, der bei der Expedition Handel zu treiben hoffte; ein Spanier von blauem Blut, wie er behauptete, und zerrissenem Mantel, wie der Augenschein lehrte; einer jener kühnen und abgehärteten Perlenfischer von Espiritu Santo, der wegen Unterschlagung einer kostbaren Perle aus seiner Zunft gestoßen war; ein älterer Mann von herkulischem Körperbau, mit brutalem Gesicht, dem man den Seemann, aber zugleich den Piraten auf den ersten Blick ansah und der in seinem rothen Leibgurt ein ganzes Arsenal von Pistolen und Messern trug, und ein Mensch von eigenthümlichem und lächerlichem Aussehen. Derselbe trug einen Hut, dessen große Ränder sein Gesicht tief beschatteten und überdies ein breites schwarzes Pflaster auf dem rechten Auge, das fast die Hälfte der ganzen Visage einnahm. Seine Bekleidung rührte offenbar aus einer alten Theater-Garderobe

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her, denn sie bestand aus einem feuerrothen langen Mantel, wie ihn auf den wandernden Bühnen etwa der Bandit Abällino oder der Samiel im Freischütz zu tragen pflegt, und der Inhaber war sorgfältig bemüht gewesen, seine überaus hagere Gestalt bis auf die defekten Schuhe herab darein einzuhüllen.

Der Graf überflog mit einem Blick die saubere Gesellschaft. Etwas abseits von ihr standen zwei Gestalten, die sich in ihrem Aeußeren und ihrer Haltung vortheilhaft von ihr unterschieden.

Der Eine war ein junger Mann von hoher schlanker Figur und militärischer Haltung. Sein schwarzer abgetragener, aber sauberer Rock war bis an den Hals zugeknöpft, die Handschuhe auf seiner Hand zeigten die Gewohnheiten der besseren Gesellschaft, der kleine Fuß die aristokratische Geburt. Er trug eine leichte Jagdmütze auf dem krausen hellbraunen Haar und ein gleicher kleiner Bart bedeckte die Oberlippe. Er konnte etwa vier bis sechs und zwanzig Jahre zählen; sein Gesicht war nicht schön, aber männlich offen und bieder, doch blaß und hager, als hätten Krankheit und Noth daran gezehrt, und in den ernsten blauen Augen lag ein Ausdruck von Schwermuth und Trauer.

Den Grafen zog das Aeußere des jungen Mannes auf den ersten Blick an und er fühlte, daß er hier einen Gefährten zu finden im Begriff stand, der ihm mehr Werth hatte, als ein Dutzend der gewöhnlichen, wenn auch noch so kecken und verwegenen Abenteurer.

Von ganz anderem Aeußern war der Mann, der neben

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Jenem, den Kolben seiner langen Flinte auf den Boden, die verschränkten Hände auf die Mündung gestützt, stand.

Es war ein Mann, schon weit über die Mitte des Lebens hinaus, vielleicht 55 oder 60 Jahre alt. Sein gebräuntes, durchfurchtes Gesicht mit einer schmalen Adlernase und blitzenden dunklen Augen verschwand zur Hälfte unter einem dichten weißen Bart, der Wangen und Mund umgab und bis auf die Brust herabfiel. Er trug eine rauhe Mütze von Otternfell, ein ledernes Jagdhemd wie die Indianer, nur daß die Näthe statt mit Menschenhaaren mit verblichenen Franzen besetzt waren, und hohe Ledergamaschen. Ueber der Schulter hing ihm eine große Jagdtasche und in dem Ledergürtel, der das Hemde zusammenhielt, steckte ein wie ein Maaß aussehendes viereckiges Holz und ein langes starkes Jagdmesser mit Horngriff. Auf der Brust aber hing ihm an einer Lederschnur ein etwa fingergroßes, sauber polirtes silbernes Kreuz.

Dies war demnach der »Kreuzträger«, von dem der ehemalige Matador dem Grafen gesprochen hatte.

Dieser begrüßte die Eingetretenen mit einem vornehmen Kopfnicken und trat dann auf sie zu.

»Sie wollen also,« sagte er, »wie mein Sekretär mir meldet, Dienste nehmen in der Sonor-Expedition. Sind Ihnen die Bedingungen bekannt, unter welchen allein die Aufnahme stattfindet?«

Ein vielstimmiges »Ja« in verschiedenen Sprachen antwortete ihm. Nur der junge Deutsche begnügte sich mit einer stummen Verbeugung und der alte Trapper mit einem Kopfnicken.

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»Sie verpflichten sich,« fuhr der Graf fort, »auf ein Jahr mir zu jeder Unternehmung zu folgen, zu der ich Sie führe oder die ich Ihnen auftrage. Sie erhalten fünfzig Dollars Handgeld und einen regelmäßigen Sold von vier Dublonen monatlich. Die erste Bedingung aber, die ich stelle, ist unbedingter Gehorsam gegen meine Befehle.«

»Vier Dublonen, Jack,« meinte der eine Matrose zu seinem Gefährten, »Goddam, das gieb 'ne hübsche Portion Rum.«

»Mit Euer Excellenz Erlaubniß,« sagte der Mann im rothen Mantel mit einer auffallend näselnden Stimme, »ich hoffe demüthig zum Herrn, daß bei unserem gottgesegneten Unternehmen das ewige Seelenheil dieser armen bethörten Wilden nicht vergessen werden wird und daß Alle, die zu Gefangenen gemacht werden, das Bad der gesegneten Taufe empfangen sollen. Euer Excellenz würden uns überdies sehr verbinden, wenn Sie Ihren ganz unterthänigsten Dienern mitzutheilen geruhen wollten, wie es mit dem Landbesitz und der Theilung des berühmten Schatzes Ihrer Majestäten der verstorbenen Ynkas gehalten werden soll?«

»Der fünfte Theil des Goldes, das wir finden oder erobern, soll unter die Mannschaft der Expedition zu gleichen Theilen vertheilt werden.«

»Carrajo! das ist wenig genug,« meinte der Kerl, der wie ein Korsar aussah. »Und wer bürgt uns dafür, daß wir zuletzt nicht noch um unser gutes Recht betrogen werden?«

»Ich, der Graf Raousset Boulbon!«

»Na, das klingt recht schön, aber ist wenig werth.

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Die beste Bürgschaft, denke ich, wird unsere eigene Faust sein, und ich wollte Niemandem rathen, mir meinen Antheil zu kürzen. Ich meine, es ist das Beste, man sagt dies von vorn herein.«

Der Graf trat ihm einen Schritt näher. »Wie heißt Ihr?«

Der Kerl grinste ihn mißvergnügt an. »Bah, ich denke, bei einem Unternehmen wie dem unseren und in diesem Lande wird es nicht viel auf einen Namen ankommen und einer ist so gut wie der andere. Aber da Jeder doch eine Handhabe haben muß, so könnt Ihr mich den »Rothen Hay« - Squale rouge - wie Ihr Franzosen sagt, nennen, der Name ist bekannt genug zwischen dem Kap Concepcion und dem chinesischen Meer.«

»Ihr seid also der berüchtigte Seeräuber, der diesen Namen führt?«

»Seeräuber hin, Seeräuber her, ein Jeder nährt sich so gut er kann, mein Gräflein. Wenn der Rothe Hay nicht Unglück auf dem Wasser gehabt und die verfluchten Engländer ihn nicht in letzter Zeit so gejagt und ihm sein Schiff verbrannt hätten, so würde er bei allen Stürmen, die der Teufel im Ocean aufwühlt, nicht hier sein. So will ich es einmal eine Zeitlang mit dem Lande versuchen. Aber das merkt Euch, der Hayfisch geht seinen eigenen Weg und ist nicht gewohnt, vor der Bö jeder Laune eines Junkers die Segel zu streichen.«

Der Graf fühlte, welchen Eindruck die trotzigen Worte des Bösewichts auf die ganze Gesellschaft machten und daß

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Jeder Moment der Zögerung ihn um seine Autorität bringen könne.

»Nun wohl, Meister Hayfisch, wie Ihr Euch zu nennen beliebt,« sagte er kalt, »es wird meine Sache sein, mir den nöthigen Gehorsam von Eurer Seite zu verschaffen, im Fall ich Euch gestatten sollte, an meiner Expedition Theil zu nehmen. Vorläufig habe ich nur Eins zu bemerken.«

»Und das wäre?«

»Das ist, daß ich Euch um Eurer selbst willen rathe, niemals an dem Wort des Grafen Raousset Boulbon zu zweifeln, in dessen Adern das Blut der rechtmäßigen Könige Frankreichs fließt, sonst -«

Der Korsar sah ihn frech an, die Hand an den Griff des breiten türkischen Dolches legend, der aus seinem Gürtel ragte. »Sonst? -« wiederholte er höhnisch.

»Sonst geschieht Euch jedes Mal, was Euch jetzt geschieht!« Und die geballte Rechte des Grafen traf mit einem Faustschlag die Stirn des Seeräubers so gewaltig, daß er der Länge nach rücklings den Boden maß.

Der Getroffene, während seine Kameraden bei der plötzlichen Exekution erschrocken und betroffen zurückwichen, stieß ein Gebrüll aus wie ein verwundeter Tiger und, den Dolch aus der Scheide reißend, sprang er mit einer für sein Alter wunderbaren Behendigkeit empor und stürzte sich auf den Grafen.

Ein Schrei des Entsetzens erscholl durch das Gemach. Jeder glaubte den kühnen Franzosen verloren, denn der Ruf des Seeräubers war ein furchtbarer und er selbst jetzt

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noch, wo er sein Schiff und seine Bande, die lange der Schrecken beider Küsten des großen Oceans gewesen, verloren hatte und als ein Flüchtling in San Francisco sich umhertrieb, von Jedem gemieden und gefürchtet.

Nur der junge preußische Officier versuchte es, zwischen den Grafen und den Korsaren sich zu stürzen und den Mordstoß des Letzteren abzuwenden. Er wurde dabei von der scharfen Schneide der Klinge leicht am Arm verwundet.

In demselben Moment fühlte er sich ruhig, aber mit unwiderstehlicher Kraft zur Seite gedrängt.

Der Graf stand dem Mörder allein gegenüber, seine rechte Hand hielt den Arm des Korsaren etwa drei Finger breit oberhalb des Gelenkes umspannt.

Jetzt sah man eine eben so merkwürdige als schreckliche Scene.

Kein Zug in dem männlich schönen Gesicht des Edelmanns hatte sich verändert, es schien wie aus Marmor gemacht, nur mitten auf der Stirn zeigte sich ein rother Fleck.

Seine Augen dagegen hatten einen seltsamen starren Ausdruck angenommen. Wir haben bereits erwähnt, daß sie etwas nahe beisammen standen und es war, als ob aus beiden ein einziger unheimlicher Strahl hervorschösse und sich auf seinen Gegner bohre.

Man sah nicht, daß der Graf seinen Arm oder seine Hand bewegte; der ausgestreckte Arm war so starr und unbeweglich wie sein Blick und dennoch wand und krümmte sich die herkulische Gestalt des Seeräubers an dieser Hand und an diesem Arm, wie eine Schlange sich an dem Eisen

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windet, das sie festgenagelt, oder wie ein reißendes Thier in der Falle, in die es seine Tatze nach der Lockspeise gesteckt hat.

Das finstere häßliche Gesicht des Korsaren färbte sich dunkelroth, seine Augen quollen hervor, ein weißer Schaum trat auf seine Lippen und er stieß ein Geheul aus, das erst grimmig und wild sich zuletzt in die Laute furchtbaren Schmerzes umwandelte.

Die Faust öffnete sich, der türkische Dolch entfiel den Fingern, vergeblich suchte die Linke den wie in eisernen Klammern gefangenen Arm zu befreien, man sah dichte Schweißtropfen aus allen Poren seiner Stirn treten und zuletzt die mächtige Gestalt in die Knie sinken.

Ein Aechzen bebte über die schaumbedeckten, blutig zerbissenen Lippen: »Gnade!«

Der Räuber, der Mörder, der vielleicht hundert Mal diesen Ruf der höchsten Angst mit kaltem Hohn vor sich hatte winseln hören, wenn seine Opfer von den rauhen Händen seiner Genossen gepackt, mit einer letzten Hoffnung auf Erbarmen sich an das Leben klammerten, - der so viele Flehende mit teuflischer Härte dem nassen Grab oder dem Messer überliefert hatte - er lag von dem furchtbaren Schmerz gebändigt jetzt selbst kniend und Gnade wimmernd vor einem Mann, dem er noch wenige Augenblicke vorher den übermüthigsten Trotz geboten, den er mit jähem Tode für seine Vermessenheit hatte strafen, wollen.

Der Graf ließ den Arm los und stieß den rothen Hay zurück.

»Steh auf!« sagte er ruhig, »laß Dich kuriren auf

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meine Kosten, und wenn Du hergestellt bist, so melde Dich bei Don Perez. Ich ertheile die Erlaubniß zu Deiner Aufnahme in die Sonora-Compagnie.«

Der Seeräuber machte eine vergebliche Anstrengung zu sprechen. Nur ein heiseres Stöhnen kam aus seinem Munde. Er versuchte den Arm zu bewegen, aber derselbe hing kraftlos an seiner Seite nieder und er mußte ihn mit der Linken heben.

Der Arm war aus dem Gelenk gedreht. Auf einen Augenwink des Grafen führte der Lieutenant den Korsaren hinaus.

Eine tiefe Stille, nur unterbrochen von dem Aechzen des Leidenden, hatte die merkwürdige Scene begleitet; die Zuschauer betrachteten einander mit scheuen verstohlenen Blicken und Keiner wagte ein Wort. Selbst der Capataz hatte plötzlich seine übermüthige hochfahrende Haltung verloren - der Graf sah, daß er seinen Zweck erreicht hatte - er hatte diese verschiedenen gefährlichen, aber ihm nothwendigen Elemente eingeschüchtert.

Jetzt trat er zu dem Preußen und reichte ihm die Hand.

»Sie waren der Einzige,« sagte er, »der sich zwischen mich und die Gefahr zu werfen die Entschlossenheit hatte. Daraus habe ich erkannt, daß Sie ein geborner Soldat sind. Wenn Sie den Posten annehmen wollen, mein Herr, so ernenne ich Sie hiermit zum Adjutanten der Expedition.«

»Aber Sie kennen mich nicht, Herr Graf; lassen Sie mich von vornherein dienen wie jeden Andern in Ihrer Schaar!«

»Ich denke,« entgegnete der Graf, »ich habe einige

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Menschenkenntniß und mich nicht getäuscht in meiner Wahl. Uebrigens seien Sie unbesorgt, wir Beide werden nicht bloß die Strapatzen und Gefahren des geringsten Mitgliedes theilen, sondern mehr deren haben als jeder Andere. Wie ich aus Ihrer Karte sehe, Herr Baron, waren Sie Officier in der preußischen Armee? Ich achte und schätze diese Armee, denn sie war stets eine Schule soldatischer Ehre und Tapferkeit. Was Sie hierher geführt, geht mich Nichts an - das Schicksal spielt oft wunderlich genug mit unserem Willen und unseren Absichten, das sehen Sie an mir selbst.«

Der junge Preuße verbeugte sich. »Seien Sie versichert, Herr Graf, daß Sie Ihr Vertrauen keinem Unwürdigen geschenkt haben und lassen Sie mich Ihnen hier meinen Reisegefährten durch die Einöden der Felsgebirge vorstellen, einen Mann, hinter dessen schlichter Hülle sich das Herz eines Löwen und die Treue eines Freundes birgt.« Er wies dabei auf den Trapper an seiner Seite.

Der Kreuzträger schien ganz beschämt von dem Lob des jungen Mannes. »Parbleu!« sprach er, »wer wird so viel Aufhebens machen von einer Büchsenkugel, die ein Mann für den andern in der Einöde abschießt. Das kommt alle Tage vor und Sie hätten gewiß dasselbe für mich gethan. Sie haben mir mit dem kleinen Scharmützel, das wir hatten, zu drei neuen Kerben auf mein Holz verholfen.«

»Ich habe gehört, Meister Kreuzträger,« bemerkte der Graf, »daß Sie ein Gelübde gethan haben, alle Tage

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einen Apachen zu erschießen, weil die Nation Ihnen einst ein großes Leid angethan hat.«

Eine dunkle Wolke flog über die energischen Züge des Trappers und seine Augen schienen Feuer zu sprühen bei der Erinnerung an die Vergangenheit. »Verflucht sei das giftige Gewürm,« sagte er mit dem Ausdruck des tiefen Hasses. [»]Es wäre nicht zu viel gewesen, wenn ich so mit ihnen abgerechnet hätte, leider aber habe ich nur geschworen, alle Woche einem von ihnen das Lebenslicht auszublasen und die Schurken haben so 600 Procent Vortheil gegen mich.«

Der Graf lachte. »Ich dächte,« sagte er, »das Conto ist bereits hoch genug und die Herren Apachen werden keinen größeren Procentsatz wünschen. Wie viel haben Sie ihrer schon in diesem Jahr abgethan?«

Der alte Mann zog das viereckige Holz aus seinem Gürtel und reichte es dem Grafen. »Da ist meine Rechnung, Monsieur,« sprach er, »die Kerben bedeuten Einen und die Querschnitte Fünf. Ich glaube, ich habe noch Einige übrig, und was ich etwa versäume, denke ich nachzuholen, wenn wir erst am Rio Gila sind.«

»Den Henker auch, Meister Kreuzträger,« sagte der Graf, indem er das Kerbholz besah, »Ihr habt da ein ganz hübsches Register. Und wie viele rechnet Ihr, daß Ihr von den landstreicherischen Hallunken schon in ihre ewigen Jagdgefilde befördert?«

»Es sind im nächsten Frühling vier Jahre, Herr, daß ich den Krieg mit den Apachen führe,« erwiderte der Trapper so determinirt, als handle es sich um eine Kriegserklärung

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eines mächtigen Fürsten an einen andern. »Sie werden es demnach selbst berechnen können.«

»Pardioux! Das ist ja eine Zahl von fast zweihundert Rothhäuten. Wahrhaftig, Meister Kreuzträger, das Gouvernement von Sonora hat alle Ursache, sich bei Euch zu bedanken. Wenn wir einmal mehr Zeit haben, müßt Ihr mir die Geschichte erzählen, wie Ihr zu dem etwas blutigen Gelübde gekommen seid. Wenn Ihr noch lange lebt, wird die Nation der Apachen nicht mehr ausreichen.«

»Es ist genug des Gewürms auf der Prairie, Herr; auch hoffe ich, daß mit diesem Zuge ich meiner Verpflichtung ledig werde.«

»Wie meint Ihr das?«

»Mein Gelübde dauert nur so lange, bis die Apachen einen ihrer Häuptlinge in meine Hände geliefert haben, damit ich an ihm die That sühne, zu deren Rächung mich Gott in die Prairie gesandt hat.«

»Und wer ist das, wenn man fragen darf?«

»Es ist der »graue Bär« der Apachen.«

»Mir ist, als habe ich den Namen schon nennen hören; aber ich erinnere mich nicht augenblicklich wo und wie.«

»Er ist der tapferste, aber auch der grausamste Krieger der Nation,« sagte der Kreuzträger. »Sein Herz ist das eines Jaguars, und seine Kraft die des Thieres, von dem er den Namen führt. Seine Stärke und die teuflische Schlauheit seines Genossen, der »rothen Schlange«, sind es, welche die Apachen zum Schrecken der Prairien und der Haciendas bis in das Herz der Sonora machen.«

Der zweite Name erinnerte den Grafen an die Gelegenheit,

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bei welcher er sie gehört hatte. Der Gambusino hatte sie ihm bei seiner Erzählung von der Goldhöhle genannt.

»Es sind nur Zwei in der Wüste, die außer mir ihnen Trotz bieten können,« sagte der Trapper mit selbstbewußtem Stolz. »Wenn Sie die Beiden gewinnen, Monsieur, werden Sie die ganze Nation der Apachen besiegen.«

»Wie heißen diese Männer, denen Ihr so viel zutraut, Meister Kreuzträger?«

»Es ist Le Bras-de-fer oder »Eisenarm« und Wonodongah, der »große Jaguar« der Comanchen.«

Der Graf schwieg betroffen bei diesen beiden Namen, die so große Wichtigkeit für ihn hatten, besonders am heutigen Tage. Dann fragte er hastig:

»Kennen Sie die Personen, die Sie genannt haben, Meister Kreuzträger, und wissen Sie, wo sie zu finden sind?«

»Nein, General, durch einen Zufall sind wir nie mit einander in persönliche Berührung gekommen, obschon unser Ruf uns gegenseitig bekannt genug sein mag. Sie lieben die Berge und ich liebe die Ebene; aber ich denke, hier ihre Bekanntschaft zu machen.«

»Hier? sind sie also hier?«

»Wenn sie nicht hier sind, werden sie sicher kommen. Ich habe von Lopez, dem einäugigen Fallensteller gehört, daß sie auf dem Wege nach Kalifornien waren, um einen alten Freund aufzusuchen.«

Der Graf unterdrückte mit Gewalt eine Bewegung der Befriedigung, er sah jetzt, nachdem er noch immer

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unwillkürlich an den Worten des verstorbenen Gambusino gezweifelt hatte, seine Pläne, seine Wünsche gesichert.

»Meine Herren,« sagte er mit einem stolzen befriedigten Ausdruck, »Sie können Ihren Kameraden sagen, daß die Sonora-Expedition in wenigen Tagen nach Guaymas unter Segel gehen wird. Jetzt begleiten Sie mich in den Spielsaal des Herrn John Merdith und Komp., der künftig Ihr Gefährte sein wird, und heute Ihnen einen Abschiedsschmaus auf meine Kosten geben soll. Herr Baron, kommen Sie.«

Er ging nach der Thür, aber der junge Preuße hielt ihn auf.

»Verzeihen Sie, mein Herr, wenn ich Sie nicht begleite« sagte er mit einiger Befangenheit, »aber ich spiele niemals.«

»Ei Monsieurs wenn Ihnen die Karten Unglück gebracht haben früher, wie ich nach dieser Einwendung vermuthe,« lachte der Graf, »gut, so beschäftigen Sie sich nicht mit ihnen und Sie werden gut daran thun; denn diese höllischen Blätter sind in der That für einen Mann noch gefährlicher als die Weiber. Aber das schließt nicht aus, daß Sie uns begleiten können. Ich wünsche es und Sie werden der Unterhaltungen dort noch andere finden, wenn auch diese Herren nichts Eiligeres zu thun haben dürften, wie mir scheint, als ihre 50 Dollars Handgeld, die Señor Don Perez sofort auszahlen wird, zu verdoppeln oder los zu werden.«

Der neue Adjutant verbeugte sich schweigend zum Zeichen des Gehorsams und folgte dem Grafen, der nach seiner

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Gewohnheit die Melodie eines Chanson trällernd und mit der Reitpeitsche seinen Fuß schlagend, voranging. Die ganze Gesellschaft zog jubelnd hinterdrein, nachdem der Lieutenant und Sekretär Antonio Perez erklärt hatte, daß er Jedem in dem Spielzelt gegen Unterzeichnung des Vertrages das Handgeld von 50 Dollars auszahlen werde.

Das Spielzelt oder vielmehr der Spielsaal des Kentuckiers war von einer bunten Menge gefüllt: Handelsleute, Seefahrer, Grundbesitzer, Goldsucher aus den Placeros, die hier ihren mühsam und unter hundert Gefahren errungenen Erwerb in der Hoffnung, ihn vor der Rückkehr nach Europa zu verdoppeln, wieder verschleuderten; Auswanderer, die kürzlich erst angekommen, ihre letzte Habe auf dem grünen Tisch des Bankhalters opferten in der sicheren Erwartung, in den goldhaltigen Bächen der Sierra Nevada binnen wenigen Tagen mit leichter Mühe Alles nicht hundert-, sondern tausendfach ersetzen zu können; Abenteurer aller Art, von dem Wegelagerer und falschen Spieler ab bis zu dem politischen Flüchtling und dem einst in der Heimath in glänzender Equipage stolzirt habenden Bankrotteur; kecke Soldaten, die Unglück gehabt, oder welche die Lust nach Abenteuern umhertrieb; Spekulanten aller Art, verkommene Genies und emancipirte Loretten; Fremde und Einheimische, Personen aus fast allen Ländern der Erde und in zehn verschiedenen Sprachen redend - drängten sich hier zusammen.

Eben so verschieden wie Nationalität, Kleidung, Habe und Charakter, waren auch die Beschäftigungen, denen sich

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diese bunte lärmende, rauchende, lachende und zankende Gesellschaft hingab.

Der Spielsaal war derselbe oder vielmehr an der Stelle dessen erbaut, in welchem einige Wochen früher der Graf und sein damaliger Rival Nena Sahib zusammen getroffen und der, wie fast alle Gebäude des Plazza Mayor, von den Flammen des großen Brandes verzehrt worden war. Während aber zu dem Aufbau der Kathedrale noch herzlich wenig Anstalten getroffen, waren, stand das Spielhaus schon nach acht Tagen wie aus der Erde gewachsen wieder fix und fertig da, noch glänzender und luxuriöser ausgestattet als früher.

Die Einrichtung war so ziemlich dieselbe geblieben. Vorn das »tap« mit den Schankstätten von allerlei spirituosen Getränken, im Hintergrunde des langen Saales ein Orchester mit einer Anzahl männlicher und weiblicher Musikanten besetzt, vor demselben eine Estrade zu den besonderen Vorträgen und die Mitte des Saales von größeren und kleineren Tischen zum Pharo und Roulette eingenommen; eine Wolke von Tabacksqualm und Gingeruch, an die sich das Auge erst gewöhnen mußte, über dem Allen die Gasflammen der Kron- und Wandleuchter verdüsternd, und aus dem Gelächter, dem Streit, den Verwünschungen und der Musik immer wieder der eintönige Ruf der Banquiers: »gagné - perdu - faites vôtre jeu, Messieurs!«

In diesen Lärmen klang gerade im Augenblick des Eintritts des Grafen ein Tusch des Orchesters und dann eine laute Stimme: »Ladies und Gentlemen, wir bitten

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einen Augenblick um Ruhe und Aufmerksamkeit. Ihro Excellenz die Frau Gräfin von Landsfeld alias Señora Lola Montez, eine der berühmtesten und reizendsten Damen der alten Welt, verbannt durch die Undankbarkeit der Potentaten und eines herrschsüchtigen Adels, wird die Ehre haben, Ihnen verschiedene Deklamationen in spanischer, französischer und deutscher Sprache vorzutragen!«

Ein donnerndes »Hört, Hört! hip, hip! Hurrah!« dröhnte durch den Saal, aber der Zudrang zu der Estrade, auf der in der That im Reifrock, mit Federhut und Peitsche die berühmte Abenteurerin erschien, schon ziemlich angegriffen und reducirt aussehend, und das Publikum mit einer Anrede haranguirte, blieb ziemlich gering. Lola Montez, die einst expreß nach Petersburg gereist war, um den Kaiser Nikolaus zu erobern, und für diese offen verkündete Absicht am Tage nach ihrer Ankunft durch einen Flügeladjutanten wieder bis an die preußische Grenze zurücktransportirt wurde, hatte selbst für die Yankees schon die Anziehungskraft verloren, obschon man dort auf die abgelegten Celebritäten der alten Welt mit Eifer spekulirt. Es ist bekannt, daß die Dame später in ein Beguinenkloster ging und im größten Elend starb.

Der Eintritt des Grafen mit seinem Gefolge erregte in der That mehr Aufmerksamkeit, als die Deklamation und der absurde Tanz der Spanierin, denn das Gerücht von der Bestrafung des bekannten und gefürchtsten Piraten und dem nahen Aufbruch der Sonora-Expedition verbreitete sich mit Windeseile und die zahlreichen Angeworbenen,

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die im Zelt anwesend waren, sammelten sich sofort um den Führer und ihre neuen Kameraden.

Der Graf richtete seine Schritte nach dem großen Spieltisch in der Mitte des Saales, wo der Eigenthümer desselben mit seinem Partner selbst Bank hielt, während die kleineren Spieltische umher an verschiedene Unternehmer vermiethet waren. Das Spiel an dieser Tafel war wie gewöhnlich sehr hoch und wurde namentlich von den Goldsuchern betrieben, die eben mit ihrem Erwerb aus den Placers zurückgekommen waren. Zu dem Zweck lag vor dem Bankhalter eine jener kleinen Waagen, auf welchen der Goldstaub oder die Goldkörner abgewogen wurden. Der Graf sah ungeduldig nach seiner Uhr; da er wahrscheinlich seine Zeit noch nicht gekommen fand, warf er einige Goldstücke auf die Tafel und betheiligte sich am Pointiren.

Im Nu war der grüne Tisch mit dem Handgeld der Neuangeworbenen bedeckt, nur der Rothmantel hielt vorsichtig zurück, obschon er die Stelle grade gegenüber dem Bankhalter eingenommen hatte.

Der Kentuckier warf ihm mehrmals einen beobachtenden mißtrauischen Blick zu, aber der Abällino-Mantel des Fremden war so hoch heraufgezogen und der breite Rand seines Hutes beschattete so tief das Gesicht, daß an ein genaues Erkennen desselben nicht zu denken war.

Es waren bereits drei oder vier Taillen abgezogen, als der Rothmantel plötzlich seinen magern Arm ausstreckte, die Hand auf die Karten legte und das einfache Wort sagte: Va banque!

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Die Ankündigung übte sofort eine elektrische Wirkung auf die ganze Gesellschaft und Aller Augen wandten sich auf den kecken Spieler.

»Ihr wißt doch, was Ihr thut, Fremder?« sagte etwas unruhig der Kentuckier. »Es stehen mehr als 2000 Dollars in diesem Augenblick in der Kasse.«

»Was sind 2000 Dollars gegen die Macht des Herrn,« sagte mit näselnder Stimme der Rothmantel. »Ich halte sie, denn wenn Er es will, der das Meer bewegt und die Erde zu seinem Garten macht, können sie sich im Nu zu Gunsten seines demüthigen Dieners verdoppeln. Master Meredith wird einem alten Freunde gewiß den Dienst erweisen, für ihn Bürgschaft zu leisten und wenn es bis zur Höhe von 5000 Dollars wäre.«

Indem er diese Worte sprach, hatte er mit einer von den Umstehenden unbeachteten Bewegung den oberen Zipfel des Mantels fallen lassen, der sein Gesicht verhüllte, und wendete sich so, daß das Auge des Kentuckiers, der trotz all' seiner Frechheit bei dem Ton dieser Stimme zusammengefahren war und ihn noch aufmerksamer als zuvor betrachtete, dies Gesicht erblicken konnte. Sofort aber hatte er es wieder verhüllt.

Der Bankhalter wurde todtenbleich, seine Glieder zitterten und er mußte sich den kalten Schweiß von der Stirn trocknen.

Endlich, da er fühlte, daß Aller Augen auf ihn gerichtet waren, faßte er sich mühsam und stammelte: »Es ist gut, ich kenne den Herrn - das Spiel ist angenommen.«

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»Ich protestire! ich protestire!« schrie auf einmal die Stimme seines Compagnons dazwischen und die Finger des kleinen Mannes mit spitzer jüdischer Physiognomie spreizten sich über den Gold- und Banknoten-Haufen. »Gentlemen, Master Meredith ist nicht bei Sinnen, er kann nicht annehmen ein Spiel um Geld, das ihm nicht mehr gehört!«

»Spitzbube, was unterstehst Du Dich? Erst morgen -«

»Spitzbube hin, Spitzbube her - mein Geld ist mein Geld! Wenn Sie mich zwingen doch, es zu sagen vor dieser hochachtbaren Gesellschaft, die mir lassen wird mein Recht, so muß ich es sagen schon heute, daß Sie sind ein bankerotter Mensch, dem Nichts mehr gehört als der Rock auf dem Leibe und daß Alles ist mein wohlerworbenes Eigenthum. Wenn Sie mir machen Flausen, werd' ich sagen noch mehr und werd' anrufen den Schutz vom Gesetz.«

»Schurke!« Der Kentuckier griff nach dem Revolver, der vor ihm auf dem Spieltisch lag, eine nothwendige Warnung in dieser Gesellschaft. Aber der Jude war nicht ohne seine Freunde und mehrere Personen fielen dem edlen John sofort in den Arm und entrissen ihm die Waffe.

»Nichts da, ehrlich Spiel! Wenn der Isak Sloman der Eigenthümer des Zeltes geworden, hat er Recht!«

»Meine Herren und Damen,« sagte der kleine Jude, eifrig mit der einen Hand gestikulirend, während die andere noch immer die Kasse bedeckte. »Es ist ein Ereigniß, das Sie erfahren sollten durch den Francisco-Advertiser erst morgen, aber die Umstände zwingen mich es zu

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verkünden schon heute. Die Firma Meredith, Sloman und Compagnie hat gemacht Bankerott, was, wie Sie wissen, passiren kann dem ehrlichsten Mann, wenn er haben soll Unglück. Aber Sie sollen nicht einbüßen Ihr Vermögen und die Gelegenheit, zu machen Ihr Glück. Isak Sloman, wie er die Ehre hat hier zu stehen vor Ihnen, hat übernommen auf sein Risiko das ganze Geschäft und wird sich machen eine Freude daraus, Sie zu bedienen von diesem Augenblick an. Messieurs, faites votre jeu! Wenn der Gentleman hier, der gesagt hat va banque! die Gewogenheit haben will zu deponiren 2000 Dollars baar, bin ich bereit zu ziehen die Taille.«

Aller Augen wandten sich auf's Neue von dem unglücklichen Bankerotteur, der mürrisch und besorgt, den Kopf in die Hand gestützt, dasaß, auf den verwegenen Fremden und erwarteten, ihn sich als irgend einen Crösus aus den Goldminen entpuppen und dem vorsichtigen Bankhalter einen gewichtigen Sack mit Goldkörnern entgegen halten zu sehen.

Statt dessen schlug der Rothmantel dieses bemerkenswerthe Kleidungsstück auseinander, zog höflich seinen Hut und machte der erstaunten Versammlung seine Verbeugung.

»Geliebte Brüder,« sagte er mit dem näselnden Ton, der den Kentuckier so sehr erschreckt, hatte, »der sündige Mammon ist nicht die Sache eines so demüthigen Dieners des Herrn, wie Ihr unterthänigster Hesekiah Slong sich zu sein schmeichelt. Wenn ich im Besitz von baaren 2000 Dollars wäre, würde ich nicht diesen armen gebrechlichen Leib, der dem Dienste der Religion geweiht ist, vor einer

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Stunde an die Sonora-Expedition Seiner Excellenz, des berühmten Herrn Grafen General verkauft haben, obschon ich hoffen darf, auch in dieser Bahn durch den Geist der Gnade, der sich niederläßt auf die geringsten seiner Gefäße, das Wort zu verbreiten unter den Gottlosen und Lauen.«

Es war in der That Master Slong, der Methodist, den wir bei früheren Scenen1 so spekulativ und thätig gesehen haben und der nach der Einkassirung des Honorars für sein Verbrechen das Schiff des indischen Fürsten mit seinem damaligen Freunde verlassen hatte, seitdem spurlos verschwunden war, und jetzt so plötzlich und unerwartet hier wieder zum Vorschein kam.

Ein schallendes Gelächter im Kreise der Spieler, von denen viele den ausgepichten Halunken kannten, antwortete der Blasphemie und zehn Hände streckten sich aus, ihn zu begrüßen, indem von allen Seiten Fragen an ihn gerichtet wurden, wo er denn so lange gewesen wäre. Nur der jetzige Eigenthümer der Bank zeigte sich äußerst erbittert über die Komödie des Methodisten und die dadurch veranlaßte Verzögerung in seinem Geschäft.

»Soll Euch doch holen der Dalles,« schrie er erbost, »Ihr psalmenplärrender Lump, daß Ihr kommt hierher zu stören ehrliche Leute in ihrem Vergnügen! Macht Platz den geehrten Gentlemen, wenn Ihr habt kein Geld. Was braucht Ihr zu schreien va banque, wenn Alles ist Stuß und kein Dollar in Eurer Tasche!«

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»Ich bitte demüthig um Eure Verzeihung, würdiger Bekenner des alten Testaments,« sagte spöttisch der Methodist. »Meine Absicht war bloß zu prüfen, ob die erhabenen Gefühle der Freundschaft in dem Busen des würdigen Master Meredith so groß wären, daß er für einen alten Freund sich für 2000 Dollars verbürgen würde. Sintemalen ich nun zur innigen Befriedigung meines Herzens gesehen habe, daß in dieser gottlosen Welt noch das holdselige Blümlein wahrer Freundschaft blüht, bin ich zufrieden und reiche diesem werthen Freunde die Hand, ohne von seinem hochherzigen Anerbieten Gebrauch zu machen.«

Der Kentuckier, dem der Methodist, die Augen salbungsvoll verdrehend, in der That die Hand entgegenstreckte, sah ihn wie eine knurrende Dogge an, die nicht weiß, ob sie dem Hätschelnden an den Hals springen oder ihm die Hand lecken soll. Endlich legte er die Hand zögernd in die seines früheren Kameraden und sagte kleinlaut: »Wißt Ihr auch, Master Slong, daß ich in Wahrheit kein Geld mehr habe? Die 5000 Dollars sind auf und davon und Ihr mögt allerdings Ursache haben, Euch über mich zu beklagen, aber ich schwöre Euch zu, wenn Ihr nicht gar ein so geiziger Hund gewesen wäret und ich anders hätte an Euer Geld kommen können, ich würde einem braven Burschen wie Ihr wahrhaftig Nichts zu Leide gethan haben.«

Das würdige Paar war aus dem Spielerkreise getreten, der bereits wieder zur großen Genugthuung des Bankhalters die Karten besetzte, um seine vertraulichen Ergüsse ungestört abmachen zu können. Der Methodist schielte seinen

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würdigen Kameraden von der Seite an. »Dummkopf« sagte er grinsend, »glaubst Du, daß ich Dich nicht eben so gut ins Meer geworfen hätte, wenn Du einen Sack mit Dollars bei Dir getragen? Der Teufel hole meine Albernheit, daß ich sie Dich sehen ließ! So habe ich sie verloren und meinen Antheil an dem Circus-Geschäft dazu. Die Spitzbuben in St. José spielen noch geschickter als wir und haben mich in den sechs Wochen rein ausgeschält.«

»Ich freue mich aufrichtig, Slong, daß Ihr wieder lebendig geworden,« meinte der Kentuckier. »Aber wie zum Henker! habt Ihr denn das angefangen und warum habt Ihr nicht früher wieder von Euch hören lassen?«

»Daß ich ein Narr gewesen wäre, nachdem ich Deine Hand an meiner Kehle gefühlt hatte,« sagte der Methodist. »Du wußtest wahrscheinlich nicht, daß ich schwimmen kann wie ein Fisch. Meine einzige Angst, als ich im Wasser lag, war vor den Haifischen. Aber der Herr verläßt seine Diener nicht; Ihr solltet das bedenken, John Meredith, bei Eurem leichtsinnigen Lebenswandel, der Ihr niemals in eine Kirche geht und die Heiligen verspottet. Ich schwamm eine Strecke unter dem Wasser fort und als ich weit genug entfernt zu sein glaubte, tauchte ich wieder empor und sah Dich mit meinem Gelde eifrig der Küste zurudern. So schwamm ich denn der Insel Yarba Buëna wieder zu, denn die »Sarah Elise« steuerte bereits mit vollen Segeln in das Meer und ein anderes Boot war nicht in der Nähe. Mit des Herrn Beistand kam ich auch glücklich an's Ufer, ohne dem Satan in Gestalt eines

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gefräßigen Haifisches begegnet zu sein, und hatte Zeit über meine Lage nachzudenken. Nach San Francisco zurückkehren und Dich vor Gericht stellen, Freund Meredith, das wäre sicher eine große Thorheit gewesen. Höchstens konnte man vom Schiff aus unsern kleinen Handel bemerkt haben, und das war längst auf dem Wege nach Indien, wenn dieser Spitzbube von Nena, der, wie ich Dir auf mein Gewissen versichern kann, ein ärgerer Schuft ist als wir, auch überhaupt Lust gehabt haben würde, sich meiner gerechten Sache anzunehmen. So hatte ich nicht den geringsten Beweis und überdies wäre auch die Neugier der Leute unangenehm gewesen, woher Hesekiah Slong, der immer ein armer Teufel war, die schönen goldenen Mohairs genommen hätte. Du hast sie doch nachgezählt, John, es mußten 5000 Dollars sein nach dem Cours, sonst hat dieser Indier mich betrogen.«

Der Kentuckier nickte. »Es waren gute 5000 Dollars und darüber; ich wünschte nur, ich hätte sie noch!«

»Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen,« meinte salbungsvoll der Methodist. »Ich will von dem Agio nicht reden und Dir nur die 5000 Dollars auf Dein Conto schreiben, John Meredith. Da ich nun wußte, daß Du sie gutwillig nicht herausgeben würdest und ich Deine verteufelte Geschicklichkeit kannte, mit der Du den armen Scharp an den Pfahl hingst, meinte ich, es wäre eben so gut, wenn ich San Francisco einige Zeit mit dem Rücken ansähe und anderswo mein Heil versuchte. Ich ließ mich daher erst am andern Abend nach dem Festlande übersetzen, grub meinen Theil an der Circus-Einnahme da wieder

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aus, wo ich ihn klüglich verscharrt hatte und machte mich auf den Weg nach San José und Monterey; aber ich habe Dir schon gesagt, daß die Schurken dort mich in sechs Wochen so rein ausgeschält haben, daß dieser schöne Mantel das Einzige ist, was ich mit zurückgebracht habe.«

Der Kentuckier sah ziemlich verächtlich auf das gepriesene Kleidungsstück. »Warum seid Ihr aber nun zurückgekommen, Slong?« fragte er.

»Warum? Das ist leicht gesagt. Wenn man keinen Cent mehr in der Tasche hat, faßt man selbst den Teufel bei den Hörnern. Ueberdies hatte ich gehört, daß Du von meinem Gelde den großen Spielsaal hier gebaut und auch, daß der französische Graf wieder seine Werbungen eröffnet hätte. So wanderte ich denn hierher in der Hoffnung, daß Du einen alten Freund, der so nobel an Dir gehandelt, nicht ganz im Unglück sitzen lassen würdest, wenn wir uns nur erst verständigt hätten. Unter dem Schutz dieses Franzosen glaubte ich übrigens sicher zu sein, wenn es Dir etwa einfallen sollte, Deine Hand an mir zu versuchen.«

»Ich danke Euch schön, Freund Slong. Ihr wolltet diesen verteufelten Tollkopf auf mich hetzen, das war doch Eure Absicht. Nun, Ihr habt Euch überzeugt, daß ich so kahl bin wie Ihr, und daß selbst dieser Franzose nicht fünfzig Dollars aus mir herausholen würde.«

»Ich habe« sagte mit einem kläglichen Blick der Methodist. »Laß uns nicht mehr darüber reden, es wird das Beste für uns sein. Es bleibt mir nun weiter Nichts

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übrig, als mich in mein Schicksal zu ergeben und mit der Sonora-Compagnie nach Guyamas zu ziehen.«

»Dann« meinte der Kentuckier, »bleiben wir wenigstens Gefährten und es wird sich schon Etwas finden für uns.«

»Wie, John Meredith, Du hast Dich auch anwerben lassen?«

»Gewiß, was konnte ich Besseres thun, nachdem dieser jüdische Schurke mir Alles abgenommen hat. Ich helfe mit den Schatz des Ynkas suchen. Ueberdies habe ich einen alten Bekannten getroffen, der selber großes Interesse an der Sache hatte und mir eifrig zuredete.«

»Wer ist es?«

»Er heißt Brown. Ich lernte ihn in Texas kennen. Dort an dem Pfeiler muß er stehen, ich sah ihn vorhin noch, wie er kein Auge von unserem General verwandte. Aber, zum Henker! wo ist dieser selbst geblieben?«

Der Graf war in der That verschwunden.

In diesem Augenblick schlug die große Uhr des Spielsaales die zehnte Stunde.

Der Graf hatte die Gelegenheit benutzt, während die Aufmerksamkeit der ganzen um die große Tafel versammelten Gesellschaft auf den Methodisten und den bisherigen Bankhalter gerichtet war, um sich unbemerkt zurückzuziehen und den Saal zu verlassen.

Aber so ganz unbeachtet, wie er gehofft, war dies doch nicht geschehen.

Wir wissen bereits aus der Bemerkung des

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Kentuckiers, daß zwei böse Augen unverändert und beharrlich auf ihn gerichtet geblieben waren.

Kaum näherte sich demnach der Graf dem Ausgange des Saales, als auch der Mann seinen Platz hinter dem Pfeiler verließ und ihm in der nöthigen Entfernung, wie der Schakal dem Löwen, folgte.

Der Graf verließ das Gebäude, ging durch die vor dem Eingang permanent versammelten Gruppen und trat auf den Platz.

John Brown, der Yankee, folgte ihm.

Es war der erste Tag des Vollmondes. Die breite Scheibe des großen Gestirns der Nacht trat eben erst aus der Verdunkelung des Erdschattens und warf ihr volles Licht auf die Gegenstände.

Dasselbe bezeichnete scharf den Schatten aller Gebäude. Der Plazza mayor von San Francisco ist ein ziemlich weiter Raum. In diesen Gegenden wird noch nicht der Quadratfuß mit Gold bedeckt, wie in den Hauptstädten der alten Welt, obschon das Geld hier leicht genug rollt und das Terrain ziemlich noch der einzige Gegenstand, der nicht maßlos theuer ist.

Der Graf blieb einige Augenblicke stehen, um sich über den Mondschein und die Richtung der Schatten zu orientiren, dann schritt er langsam nach der Seite hin, wo vor dem Brande die sogenannte Kathedrale von San Francisco gestanden hatte und wo bereits das Mauerwerk des neuen Baues wieder emporstieg.

Man darf sich unter dem hochklingenden Namen der Kathedrale von San Francisco nicht einen jener Prachtbauten

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der alten Welt oder auch Neu-Spaniens denken, wie z. B. die berühmten Dome von Puebla und Mexiko, in denen die religiöse Begeisterung vergangener Jahrhunderte sich ausspricht. San Francisco ist eine zu neue Stadt dazu, denn im Jahre 1847 zählte sie erst 459 Einwohner von allen Nationalitäten und war ein ganz unbedeutendes Nest. Zwar war die Anzahl 1849 schon auf 18,000 gestiegen und im Jahre 1852 auf mehr als 30,000; aber die meisten Häuser waren aus Holz erbaut gewesen und die Straßen anstatt der Pflasterung größtentheils mit Brettern belegt, so daß die drei früheren großen Brände vom 24. December 1849, dem 14. Juni 1850 und dem Mai 1851 die größten Verheerungen angerichtet hatten. Nach jedem dieser Brände erstieg die Stadt zwar gediegener und glänzender mit fabelhafter Schnelligkeit aus der Asche, aber das Gesagte wird genügen, um zu beweisen, daß die 24 Kirchen San Franciscos damals - und unter ihnen die sog. Kathedrale - nichts Anderes waren, als etwas größere Holzgebäude, höchstens mit einem Thurm darauf.

Indem der Graf sich dieses Thurmes vor der letzten Feuersbrunst erinnerte und in Gedanken abmaß, wohin etwa auf dem weiten Platz die Spitze seines Schattens bei dem augenblicklichen Stande der Mondsichel gefallen sein würde, wenn er noch gestanden, schien es ihm, als wenn er auf jener Stelle drei dunkle Gestalten sich bewegen sähe. Die Zahl drei war ihm auffallend, da er nach dem mündlichen Testament des unglücklichen Gambusino nur die zwei Mitwisser und Eigenthümer des großen Geheimnisses

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erwartete; aber ohne weiter zu zögern, ging er jetzt rasch auf jene Stelle los, denn so eben verkündete eine der öffentlichen Uhren die zehnte Stunde.

Plötzlich hemmte eine ihm bekannte Stimme seine Schritte.

»Hierher Señor Don Esteban, wenn es Ihnen und der schönen Doña gefällig ist,« sagte die rauhe Stimme, deren Klang den Grafen verweilen gemacht. »Dieser verteufelte Brand hat zwar Alles verändert, aber man hat mir gesagt, daß Seine Excellenz der Herr Graf seine Wohnung an der früheren Stelle hat und wir werden im Augenblick dort sein.«

Der Graf sah zugleich sechs oder sieben Reiter quer über den Platz kommen. Einer derselben war abgestiegen und führte sein Pferd am Zügel.

»Bonifaz!«

»Cap de Bioux! so wahr ich die ewige Seligkeit finden will, da ist Seine Excellenz selbst.«

Aber ehe der alte wackere Avignote noch sein Pferd einem der Diener übergeben und herbeieilen konnte, warf sich ein anderer der Reiter von dem seinen und stürzte auf den Grafen zu.

»Aimé! Gott sei Dank, daß ich Dich glücklich und gesund wieder habe!«

Zwei weiche Arme umschlangen seinen Hals und hoben die leichte zierliche Gestalt in spanischer Knabentracht an der seinen empor. Zwei warme weiche Lippen preßten sich im innigen Kuß auf die seinen.

»Suzanne!«

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Es war in der That Suzanne, die treue Freundin, die Mutter seines Knaben, die ihn mit aller Freude der Liebe in ihre Arme preßte und ihn unter Thränen lächelnd küßte. Hinter ihr kam Bonifaz heran und faßte kaum weniger vergnügt wie die Schauspielerin die Hand seines Freundes und Gebieters.

Zwanzig rasche Fragen kreuzten sich, ohne daß eine einzige beantwortet wurde, dann aber, als Bonifaz sah, daß die junge Frau gar kein Ende in ihren Liebkosungen finden konnte, legte er seine Hand auf ihren Kopf und sagte:

»Kleiner Jean, vergiß nicht, daß wir nicht allein sind und daß der Herr Graf Pflichten der Gastfreundschaft zu erfüllen hat. Man könnte doch hören und am Ende glauben, Du seist ein verkleidetes Mädchen.«

Die letztere Warnung war mit leiserer Stimme gesprochen, aber die Worte verfehlten ihre Wirkung nicht, und die junge Schauspielerin, eingedenk der Rolle, welche sie zu spielen hatte, ließ den Hals ihres Geliebten los und begnügte sich, Bonifaz dessen Hand streitig zu machen.

Auch der Graf hatte sich von der freudigen Ueberraschung gefaßt und fühlte die Nothwendigkeit der Beherrschung seiner Gefühle; denn ein Paar Müßiggänger, die über den Platz schlenderten, waren bereits neugierig unfern der Gruppe stehen geblieben, und etwa 30 bis 40 Schritte entfernt hielten die Reiter, mit denen die beiden Vertrauten des Grafen angekommen waren.

»Von welchen Gästen sprichst Du?« fragte der Graf.

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»Ei, das sollen Sie sogleich sehen,« meinte der Alte, »wenn Sie mir nur einige Schritte folgen wollen. Ich versichere Euer Gnaden, die Botschaft, die wir Ihnen bringen, verdient einige Höflichkeiten.«

»Dann sprich, alter Murrkopf, was giebt's?«

Der Avignote gab der Schauspielerin einen Wink, dann ging er auf die in einiger Entfernung haltenden Reiter zu und Jean-Suzanne zog auf seinen Wink den Grafen mit sich hinter ihm drein.

Da, wie gesagt, das Mondlicht sehr hell war, konnte der Graf bei der Klarheit der Nacht sehen, daß an der Spitze der kleinen Cavalkade ein Herr und eine Dame sich befanden.

Der Mann saß, in seine weite Sarape gehüllt, steif im Sattel und rauchte seine Cigarette von Maisstroh. Der breite Sombrero, der seinen Kopf bedeckte, ließ nicht einmal erkennen, ob er alt oder jung.

Die Dame an seiner Seite war in dunkler spanischer Kleidung. Sie saß auf einem Maulthier und trug auf dem Kopf einen kleinen kastilianischen Hut mit wehendem Schleier. Nach ihren schlanken eleganten Formen und ihrer Haltung mußte sie jung sein. Die Männer hinter den Beiden waren offenbar Diener.

Das waren die einzigen Bemerkungen, die der Graf machen konnte, indem er herankam.

Bonifaz trat alsbald vor und machte seine Verbeugung, so gut ihm dies möglich war.

»Señor Don Esteban da Sylva Montera und Sie, gnädige Señora Doña Dolores da Sylva

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Montera, ich bitte Sie um Erlaubniß, Ihnen in diesem Herrn meinen verehrten Gebieter, den Conde Don Raousset Boulbon, den Chef-General der Sonora-Expedition vorstellen zu dürfen. Monsieur Conde, ich habe die Ehre, Ihnen in diesen hochgeehrten Personen den General-Bevollmächtigten Seiner Gnaden des Herrn Gouverneurs der Sonora, den Vertrauten des neuen Präsidenten der Republik, des General Cavallos, den sehr honorablen Señor Don Esteban da Sylva Montera, einen der ersten und reichsten Würdenträger des Staates nebst seiner liebenswürdigen Mademoiselle Tochter vorzustellen, beauftragt, uns hierher zu begleiten, um mit Eurer Excellenz selbst das Weitere des Vertrages in Ordnung zu bringen.«

Nachdem der ehrliche Bonifaz diese für seine Kräfte allerdings etwas anstrengende Rede glücklich zu Ende gebracht hatte, stieß er ein lautes »Uf« aus, trocknete sich den Schweiß ab und verlor sich zwischen seinen Schutzbefohlenen.

Der Spanier war sofort bei der gegenseitigen Vorstellung mit aller jener Höflichkeit und Grandezza, welche einen Charakterzug seines Volkes bekunden, vom Pferde gestiegen und hatte sich dem Grafen genähert.

»Señor Conde,« sagte er mit einer steifen Verbeugung, »ich komme im Auftrage Seiner Excellenz des Generals Cavallos, um Ihnen die Antwort der gegenwärtig in Mexico allein rechtmäßigen Regierung auf Ihre Vorschläge an den Präsidenten Ansta zu überbringen. Mögen Euer Excellenz tausend Jahre2 leben, um das große Werk der Befreiung

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der Sonora von diesen gottverfluchten heidnischen Apachen zu vollenden!«

Der Graf, bereits mit den Regeln der spanischen Etikette hinlänglich vertraut, unterdrückte sein Erstaunen über die neue Veränderung der mexikanischen Regierung und erklärte, daß die Fremden »sein Haus als das ihre ansehen möchten,« eine Redensart, die in den spanischen Ländern sehr häufig nur bedeutet, daß die Fremden sehen können, wo sie innerhalb von vier Wänden ein Unterkommen und Unterhalt finden mögen. So unangenehm ihm jedoch auch die so unerwartete Unterbrechung seiner Absicht war, besaß er doch zu viel Klugheit und Höflichkeit, um seine neuen Gäste eher zu verlassen, als bis er sie nach seiner Wohnung geführt und für ihre Bequemlichkeit alle Anstalten getroffen hatte.

Somit ergriff er denn mit einigen höflichen Worten den Zügel des Maulthieres, welches die Dame trug, und führte es selbst vor die Thür seines Hauses, wo er ihr zwischen den beiden dort aufgestellten Kanonen mit aller Ritterlichkeit eines ächten Franzosen die Hand bot, um sich aus dem Sattel zu schwingen.

Die Dame setzte die Spitze ihres zierlichen überaus kleinen Fußes in die Hand des Grafen, berührte leicht seine Schulter und sprang auf den Boden.

»Gracias, Señor!«

Ihre Stimme war ein schöner klangvoller Alt. Der Graf richtete jetzt - zum ersten Mal - im Schein der Gasflammen, die vor dem Eingange brannten, seine Augen auf das Gesicht der Dame und konnte ein deutliches Zeichen

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des Erstaunens nicht unterdrücken, das er über die eigenthümlich stolze Schönheit empfand, die sich ihm darbot.

Mit einer leichten Bewegung des Kopfes hatte die Señora den Rebozo zurückfallen lassen, der bisher ihre Schulter und den unteren Theil des Gesichts verborgen hielt. Sie mochte höchstens 16 oder 17 Jahre zählen, aber bei der frühen Reife der Frauen dieser Zonen waren ihre schlanke und dennoch im schönsten Ebenmaaß gerundete Gestalt und ihre Schönheit vollkommen entwickelt. Die Farbe ihres feinen ovalen Gesichtes war wie der matte Sammet eines Pfirsich, gehoben durch den dunklen Karmin eines schwellenden Lippenpaares, das die hochmüthig geschwungene Linie des Mundes bildete.

Die eigenthümlichsten und schönsten Theile ihres Gesichtes bildeten offenbar Augen und Nase. Diese war fein und von jener kühnen Biegung, die bei den Physiognomien der Frauen Stolz und Energie zu verkünden pflegt und dem Profil etwas Falkenartiges giebt; die Augen dagegen, von starken hochgewölbten Brauen umzogen, waren von so tiefem Dunkel, daß sie die Sage von dem schwarzen Diamanten zu verwirklichen schienen. Das Feuer ihres Blickes war zugleich herrisch und verzehrend, eine unwiderstehliche Gluth der Leidenschaft und eine Gewohnheit der Herrschaft verkündend, die keinen Widerstand kannte.

Der Graf blieb einen Augenblick wie geblendet vor dieser eigenthümlichen Schönheit, während die Señora selbst seinen bewundernden Blicken mit festem siegesbewußtem Auge begegnete, ohne die mindeste Verwirrung zu zeigen.

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Eine dritte Person aber beobachtete dies erste Zusammentreffen mit sehr verschiedenen Gefühlen.

Es war der Knabe Jean, die verkleidete Suzanne.

Die junge Frau, nachdem die erste leidenschaftliche Freude des Wiedersehens nach so langer Zeit befriedigt war, hatte offenbar mit großem Interesse dies erste Zusammentreffen des von ihr mit aller Hingebung und Aufopferung seit vielen Jahren geliebten und verehrten Mannes mit der jungen Spanierin, ihrer Reisegefährtin, erwartet. Ihr hübsches offenes Gesicht, dem die kurzen dunklen Locken, zu denen sie ihre schönen langen Haare hatte verurtheilen müssen, sehr hübsch standen, drückte eine gewisse ängstliche Erwartung und Besorgniß aus. Ueberhaupt, sei es durch diese Besorgniß, sei es durch die Strapatzen der langen Reise oder die natürliche Sorge der Mutter um den fernen Sohn, war das hübsche Gesicht der Schauspielerin etwas blaß und hager geworden und zeigte nicht mehr jenen Ausdruck des leichten unbekümmerten Frohsinns und Vertrauens, der dem Grafen so manche Stunde erleichtert hatte.

Sie war bei der Ankunft vor dem Hause in den Schatten zurückgetreten und konnte so um desto unbemerkter den Auftritt, den wir bereits beschrieben haben, beobachten.

Als die Augen jener beiden Personen einander begegneten und der Eindruck, den die Schönheit der Spanierin auf den Grafen machte, so offen auf seinem männlichen Gesicht sich spiegelte, entfloh ein leiser Seufzer den Lippen der jungen Frau und ihre Hand zuckte unwillkü[h]rlich

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nach dem Herzen, als habe sie dort einen plötzlichen Stich empfangen.

Zugleich aber legte sich eine rauhe kräftige Hand auf die ihre und eine ernste tiefe Stimme flüsterte: »Muth, Kind! Sie wissen, daß er Sie liebt und - für den Nothfall, wozu wäre denn der alte Bonifaz da?«

Sie drückte dem wackeren Avignoten die Hand, aber sie konnte nicht verhindern, daß ein zweiter Seufzer ihrer Brust entschlüpfte.

»Nun, Señor - ich warte.«

Die stolzen Worte störten den Grafen aus seiner Ueberraschung auf, er entschuldigte sich gewandt und reichte der Dame, deren Mund ein leises Lächeln stolzer Befriedigung umspielte, den Arm, um sie in das Innere seiner Wohnung zu führen, indem er sein Bedauern aussprach, daß sie so wenig eingerichtet sei, um dem schönen unerwarteten Gast die gebührenden Bequemlichkeiten zu bieten.

Señora Dolores legte ihre feine Hand leicht auf den dargebotenen Arm des Grafen und überschritt die Schwelle.

Plötzlich, trotz ihrer festen und sicheren Haltung fuhr sie zusammen und erzitterte. Ein furchtbarer nie von ihr gehörter Ton, so nahe, daß er sie fast unmittelbar zu berühren schien, machte die Luft und das leichte Haus erbeben.

»Santa virgo de Puebla! Señor, was ist das?« flüsterte die Dame, indem sie unwillkü[h]rlich sich näher an ihren Begleiter drängte, und seinen Arm fester erfaßte.

»Beruhigen Sie sich, Señorita,« sagte lächelnd der Graf »ich vergaß, Sie darauf aufmerksam zu machen - es ist nur Bob, der Tiger!«

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»Der Tiger, Señor? Aber ich habe mehr als ein Mal auf der Hacienda meines Vaters die Tigreros3 begleitet, wenn sie auf den Anstand wider den Jaguar zogen, der unsere Heerden verwüstete, und sein Geheul gleicht diesem Ton hier wie das Winseln eines Schakals seinen eigenen Lauten.«

»Ah!« sagte lächelnd der Graf, »ich weiß, Sie nennen den Jaguar den amerikanischen Tiger, oder vielmehr kurzweg: Tiger. Aber, Señorita, wenn Sie ein mal meinen guten Freund Bob, mit dem ich vor einigen Wochen ein kleines Abenteuer zu bestehen hatte, gesehen haben, dann werden Sie den Unterschied zwischen einem amerikanischen und dem wirklichen Tiger von Bengalen erkennen.«

Wiederum erschütterte ein furchtbares Brüllen die Luft.

Dieses Mal blieb die Spanierin fest und unerschrocken stehen.

»Nun, Señor?«

»Was meinen Sie, Señorita?«

»Ich warte. Ich denke, Sie wollten mich mit Ihrem Freunde Bob bekannt machen?«

»Wenn Sie sich nicht fürchten, Señora -«

Die Spanierin lächelte verächtlich. »Sie ziehen aus meiner Schwäche von vorhin einen falschen Schluß, wie es scheint, Señor Conde« sagte sie stolz. »Ich kann vielleicht einen Augenblick erschrecken, das liegt in meiner Natur als Weib; aber es giebt Nichts in der Welt, was ich fürchten könnte.«

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Der Graf verbeugte sich schweigend und schob den Teppich, neben dem sie im Flur des Gebäudes standen zurück.

Jetzt zeigte sich die Ursache, aus der das Brüllen des Raubthieres so nahe geklungen hatte. Der Käfig des Königtigers stand dicht hinter dem Teppich und die junge Mexikanerin war kaum eine Elle weit von den Eisenstäben entfernt, hinter denen das riesige Thier rastlos auf und ab lief.

Beim plötzlichen Einfallen des Lichtes und dem Erblicken so vieler unbekannter Personen kroch der Tiger bis in den Hintergrund seines Käfigs zurück und warf sich dann plötzlich mit einem gewaltigen Sprunge gegen die eisernen Gitterstäbe, daß diese in ihren Fugen klirrten und erzitterten

Der weit geöffnete rothe Rachen des Thieres mit den mächtigen Zähnen grinste gleich einem dampfenden Krater zwischen seinen Pranken die Zuschauer an und sein heiseres blutdürstiges Schnauben machte selbst die starken Männer zurückweichen.

Suzanne stieß einen Schrei des Entsetzens aus und sank halb ohnmächtig vor Furcht und Schrecken in den Arm des Avignoten.

Nur die junge Spanierin war keinen Zoll breit von ihrem Platz gewichen und nicht die geringste Bewegung, zeigte an, daß sie sich gefürchtet.

»Es scheint,« sprach sie kalt zu dem Grafen, »Das Eisen des Käfigs ist ziemlich gut. Jetzt, Señor Conde, nachdem ich meine Neugier befriedigt, können wir weiter gehen.«

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Der Graf hatte sie mit unverhohlenem Staunen angesehen. »Señorita,« sagte er, indem er den Teppich wieder zuzog, »Sie haben mich einem seltenen Schauspiele beiwohnen lassen. »Ich bewundre Ihren Muth und habe es nicht für möglich gehalten, daß eine Dame so feste Nerven haben kann; denn ich habe in der That das Thier selten so wild gesehen wie heute.«

Die Señorita lachte mit einem gewissen Stolz, indem sie wieder den Arm des Franzosen nahm. »Wenn Sie einmal das Angriffs-Geschrei der Apachen gehört und ihnen in die teuflischen Gesichter gesehen haben werden, Señor Conde,« antwortete sie, »dann werden Sie wissen, daß alle Jaguars oder Tiger der Welt nichts Aehnliches bieten, und wer dies gehört und gesehen, keine andere Gefahr mehr fürchtet.«

»Ich hoffe, Señora, daß Sie diese Kenntniß nur aus den Mittheilungen Anderer entnommen haben.«

»Sie irren, Señor. Ich habe Gelegenheit gehabt, zwei Mal einem Angriff der Apachen auf die Hacienda meines Vaters beizuwohnen und dem grauen Bär in das Weiße seines Auges zu sehen. Blicken Sie her!«

Sie schob den Hut ein wenig von der Stirn zurück und strich die langen dunklen Locken zur Seite. Dicht unter denselben zeigte sich etwa anderthalb Zoll lang eine feine rothe Narbe.

»Um Himmelswillen, was ist das? Sie waren doch nicht verwundet?«

»Wie Sie sehen, Señor Conde, war ich ziemlich nahe daran, scalpirt zu werden. Die Linke des Grauen Bären

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hatte bereits mein langes Haar um sich gewunden, was, wie die Caballeros von Puebla und Mexico sagen, nicht mein schlechtestes Besitzthum ist, und das Messer des Apachen seine blutige Arbeit begonnen. Sie werden jetzt begreifen, Señor, daß ich mich nach meinem Abenteuer mit dem menschlichen Tiger nicht wohl mehr vor einem Begegnen mit den Tigern des Thierreiches fürchten kann.«

Der Graf hatte mit Interesse ihre Hand gefaßt »Ich hoffe, dem Unhold, wenn er noch lebt, zu begegnen,« sagte er energisch, »und dann, so wahr das Blut Heinrich IV. in meinen Adern fließt, soll er seine Unthat büßen. Aber wer, Señorita, war so glücklich, Sie aus den Händen dieses Teufels zu retten, der selbst das Recht der Schönheit nicht schonte? Ich beneide ihn um die That.«

»Dann, Señor Conde, beneiden Sie eine Rothhaut.«

»Wie?«

»In der That, es war ein junger Indianer, der so zur rechten Zeit dazu kam, und den gefürchteten Häuptling der Apachen zu Boden schlug. Während mein Vater und unsere Leute tapfer die Mauern der Hacienda gegen die Indianer vertheidigten, war es dem Grauen Bären mit dreien seiner Krieger gelungen, durch ein unbewachtes Fenster in das Innere des Hauses zu dringen und mich zu überraschen, als meine Büchse noch nicht wieder geladen war.«

»Aber jener Indianer?«

»Er diente kurze Zeit als Tigrero auf der Hacienda. Die heilige Jungfrau muß ihn wohl so zur rechten Zeit mit seinem Gefährten uns zu Hilfe geschickt haben, denn

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in der That wäre ich ohne seinen Beistand wohl verloren gewesen. Während er mich von dem entsetzlichen Schauplatz entfernte und das Blut meiner Wunde stillte, trieb sein Gefährte die eingedrungenen Wilden glücklich aus der Hacienda, aber auch der teuflische Bösewicht entkam dabei, obschon, wie ich glaube, schwer verwundet.«

»Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß er seinen Lohn erhalten wird. Aber, so kurz auch unsere Bekanntschaft ist, Señorita, fühle ich mich dem Manne doch hoch verpflichtet, der so vom Glück begünstigt wurde, Sie retten zu können. Wenn ich die Ehre habe, künftig vielleicht einmal die Hacienda Don Estevans zu betreten, werde ich nicht verfehlen, diesem Diener meine Dankbarkeit zu beweisen.«

Die Dame wandte sich, vielleicht um das flüchtige Erröthen zu verbergen, das ihr Gesicht überflog, zur Seite. »Sie würden ihn nicht mehr finden, Señor,« sagte sie kalt »er hat den Dienst meines Vaters bald darauf verlassen, da er ein freier Indianer ist.«

»Darf ich Sie wenigstens um seinen Namen bemühen, Señora, um ihm meinen Dank zu beweisen, wenn ich ihn je zu Gesicht bekomme?«

»Sie sind allzu galant für eine Fremde, Señor Conde. Er ist ein Comanche und führt den Namen Wonodongah, was »der große Jaguar« in unserer Sprache bedeutet; sein Gefährte aber war, glaube ich, ein Kanadier und heißt Eisenarm.«

Die Nennung dieser beiden Namen heute zum zweiten Mal machte den Grafen erbeben, denn sie erinnerte

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ihn, daß er, von seiner Galanterie und der interessanten Erscheinung der Spanierin gefesselt, den Augenblick der so wichtigen Zusammenkunft grade mit diesen beiden Männern fast versäumt hatte, und daß sie seiner an der Stelle warteten, welche der sterbende Gambusino ihm bezeichnet hatte.

Die Gesellschaft war während der eben erzählten Conversation in das Gemach eingetreten, das dem Grafen gewöhnlich zum Empfange seiner vornehmeren Besucher und zu seinem Aufenthalt diente. Bonifaz hatte nach der kurzen Episode mit der Schauspielerin tapfer den Haciendero beschäftigt, um dem befehlenden Wink seines Gebieters gemäß diesem freien Raum für seine Unterhaltung zu lassen.

Jetzt zum ersten Mal im vollen Licht der Gas-Flammen ließ die junge Mexicanerin ihren Rebozo gänzlich fallen und gewährte den Anblick ihrer eigenthümlichen Schönheit den Beschauern. So betroffen auch der Graf von diesen Reizen und diesem dominirenden, alles ihr Nahende in Fesseln schlagenden Ausdruck der Mienen blieb, so vergaß er jetzt doch nicht mehr des wichtigen Rendezvous, das ihm oblag. Er hieß den Señor Don Guzmann nach der spanischen Art, nochmals auf das Höflichste willkommen, ließ der jungen Haciendera ein Gemach anweisen, und bat sie, ihn für kurze Zeit mit den nöthigen Maaßregeln für ihre Bequemlichkeit und Sicherheit zu entschuldigen. Dann, als er sich so seiner unerwarteten Gäste in der besten Manier entledigt hatte, küßte er flüchtig Suzanna die Stirn, überließ dem Avignoten die weiteren Anordnungen und eilte aus dem Hause.

Die Zeit, die der Graf auf diese Weise bei dem von

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dem sterbenden Gambusino so genau bezeichneten Rendezvous vorsäumt hatte, betrug etwa eine halbe Stunde; indeß er hegte deshalb nicht die geringste Besorgniß, da er ja jetzt wußte, daß die beiden Männer, von deren Gewinnung der Erfolg des ganzen Unternehmens abhing, wirklich existirten und auf dem Wege nach San Francisco gesehen worden waren.

Man macht nicht einen Weg von tausend Meilen, um dann um eine halbe Stunde zu markten!

Gewiß, die Vertrauten des glücklichen Entdeckers der Goldhöhle zu finden und sich mit ihnen zu verständigen, schritt er rasch über die Plazza nach der Seite der früheren Kathedrale hin, indem er sich mit der Hand überzeugte, daß die verhängnißvolle Tasche, das Erkennungszeichen und Testament des Gambusino auf seiner Brust wohl verwahrt war.

Im Zwielicht der Nacht sah der Graf verschiedene Personen über den Platz gehen, da die Stunde noch eine so frühe war, und erreichte die Stelle, wo die Kirche gestanden.

Der Mond warf sein helles Licht in festen Schatten, und es war leicht zu berechnen, wo diese noch vor einer halben Stunde hingefallen sein mußten. Der Graf erinnerte sich der geringen Höhe des früheren niederen Thurmes und maß die Winkel des Lichtes und die Entfernung.

Dort auf jene Stelle war die Spitze des Schattens hingefallen, das war der Ort der bestimmten Zusammenkunft - die Stelle war leer.

So große Geistesgegenwart der Graf auch bei jeder Gelegenheit bewies, im ersten Augenblicke fühlte er sich

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von diesem Resultat consternirt. Dann blickte er nochmals zurück nach dem Ort, wo die Kathedrale gestanden, prüfte wiederholt den Schatten und überzeugte sich, daß er die richtige Stelle beim ersten Blick gewählt. Seine Uhr zeigte auf 10 Uhr 35 Minuten. Der nächstliegende Gedanke war, daß die Männer, welche versprochen hatten, sich hier einzufinden, vielleicht in Ort und Zeit durch das Niederbrennen der Kirche veranlaßt sich geirrt und eine andere Stelle in der Nähe gewählt hätten. Aber so viel er auch auf dem großen Platz sich umsah, er bemerkte keine Gruppe, die still stand und Jemanden zu erwarten schien, und er erinnerte sich zu gleicher Zeit, daß unter den Beiden sich ein Indianer befand und der Scharfsinn und die Pünktlichkeit der Krieger dieses Volkes sprüchwörtlich sind.

Es blieb also nichts Anderes übrig, als die Annahme, daß irgend ein unbekanntes Hinderniß eine Verspätung der Beiden herbeigeführt hatte; denn er konnte unmöglich annehmen, daß seine eigene so kurze die Schuld trage.

Der Graf beschloß daher zu warten. Nachdem er sich nochmals überzeugt, daß er die richtige Stelle gewählt, begann er seine Promenade auf und nieder.

Es verfloß eine Viertelstunde, eine halbe; trotz der schönen Sommernacht leerte sich der Platz immer mehr, aber keine der vorüberkommenden Gruppen hatte eine Aehnlichkeit mit den Erwarteten.

Zuweilen blieben Personen stehen und sahen sich nach dem einsamen Spaziergänger um. Die hohe kräftige Gestalt des Grafen aber scheuchte die Strolche und Banditen, an denen San Francisco keinen Mangel hat, zurück, wenn

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sie ihn nicht kannten, und war das Letztere der Fall, so hielten sie sich in noch ehrerbietigerer Entfernung. Im Uebrigen geht in dem neuen Eldorado Jeder seinen eigenen Geschäften und Vergnügungen nach und bekümmert sich um den Anderen nur, wenn dieser ihm in den Weg tritt.

Je weiter die Zeit vorrückte, desto ungeduldiger wurde der Abenteurer. Die Geduld gehörte überhaupt nicht zu seinen Tugenden und mit der Leichtigkeit, wenn nicht zu sagen mit Leichtfertigkeit, mit der er sich über die Schwierigkeiten und Mißlingen fortzusetzen liebte, begann er die Schuld auf die Freunde des Gambusino zu werfen und sich selbst zu überreden, daß ein von ihm unabhängiger Zufall die Zusammenkunft verhindert habe und daß es ihm eine leichte Mühe sein werde, am Morgen durch den Avignoten und den Kreuzträger ermitteln zu lassen, ob die erwarteten Personen angekommen oder nicht.

Der Graf ließ seine Uhr repetiren, sie zeigte Mitternacht und er beschloß, seine einsame und unangenehme Wache aufzugeben.

Beschluß und That waren bei ihm Eins, und er kehrte sofort nach seinem Hause zurück. Trotz all' seines Leichtsinnes und seiner Zuversicht konnte er sich doch einiger schweren Gedanken nicht entschlagen, was aus dem Unternehmen werden solle, wenn die beiden Führer und Begleiter, die ihm der Gambusino verheißen, nicht zu finden wären.

Mit einem seinen ganzen abenteuerlichen Charakter kennzeichnenden Vertrauen hatte er den Mittheilungen des ihm so fremden Mannes unbedingten Glauben geschenkt; er

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hatte sich auf die bloße Erzählung eines sterbenden Spielers und ein Vermächtniß hin, das in Nichts bestand, als in der rohen Zeichnung einer unkundigen Hand und der Anweisung auf die Redlichkeit und Treue zweier ihm unbekannten Vagabonden der Wüste, in ein Unternehmen eingelassen, das nicht blos den Rest aller seiner weltlichen Habe verschlang, sondern auch sein Leben und das von zweihundert tapferen Männern tausend unbekannten Gefahren preisgeben sollte.

Dennoch lebte in ihm die unbezwingliche Ueberzeugung, daß der Gambusino wahr gesprochen, neben dem Trotz, das was er begonnen, auch glücklich zu Ende zu führen.

In dieser Stimmung kehrte er in seine Wohnung zurück und hörte von Suzanne, daß die schöne Mexikanerin sich zur Ruhe begeben, ohne die so lange Abwesenheit ihres Wirthes auch nur einer Bemerkung zu würdigen.

Nachdem der Graf noch einige Bestimmungen für den anderen Tag ertheilt, unter Anderem befohlen hatte, schon zeitig am Morgen den »Kreuzträger« zu ihm zu bescheiden, suchte er sein Lager.

Hätte er gewußt, was in jener halben Stunde auf der Stelle, die ihm der sterbende Gambusino bezeichnet, vorgegangen war, während er die Pflicht der Galanterie übte und von zwei schönen Augen sich zurückhalten ließ, sein Schlaf wäre sicher weniger ruhig und sorglos gewesen.

Wir haben jetzt zu berichten, was während jener halben Stunde sich an der Stelle ereignete, welche später der Graf von Boulbon ganz richtig als diejenige erkannte, welche der Gambusino ihm bezeichnet hatte.

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Der Leser weiß bereits, daß als der Graf Boulbon sich mit dem Glockenschlage Zehn, aus dem Spielsaal entfernte, der Yankee, der ihn so unausgesetzt hinter dem Pfeiler beobachtet hatte, ihm folgte und nur etwa fünfzig Schritte von ihm entfernt war, als der Graf durch den Zuruf der Ankommenden von seiner Richtung abgewendet und nach einer anderen Stelle des Platzes gelockt wurde.

Der spekulative Begleiter des Gambusino bemerkte sogleich, daß nur ein Zufall den Grafen von seinem Vorsatz abgezogen hatte und er setzte daher die ursprüngliche Richtung des Weges fort, von Neugierde getrieben und von der geheimen Ahnung, daß der Graf hier mit irgend welchen Personen habe zusammentreffen wollen.

Er war noch nicht weit gegangen, als er vor sich drei Personen in dem Scheine des Mondes unweit der Stelle erblickte, an welcher früher sich die niedergebrannte Kathedrale befunden hatte. Es waren dies zwei Männer und eine Frau, deren Aussehen sofort seine Aufmerksamkeit erregte; denn oft genug hatte der unglückliche Gambusino von seinen Freunden in der Wüste gesprochen, die mit ihm zusammen das ungeheure Goldlager entdeckt hatten.

Der Mondschein reichte hin, das Aeußere dieser Personen erkennen zu lassen. Die eine war ein Mann, bereits über die Mitte des Lebens hinaus, von wahrhaft riesigen Körper-Verhältnissen. Er trug ein ledernes Jagdhemd, Mocassins, eine Mütze von Otterfell und über die Schulter eine Art Jagd-Tasche von schwerem Gewicht. Wie er so da stand, lehnte er sich auf eine lange Büchse von kleinem Kaliber. Diese und ein starkes Messer mit Horngriff in

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dem Gürtel seines Jagdhemdes, waren die einzigen Waffen, die er trug.

Der zweite Mann war offenbar ein Mitglied jener Völkerschaften, welche das Vordringen und die Demoralisation der Weißen von dem Erbe ihrer Väter und den Jagdgründen ihrer Stämme immer weiter vertreibt und in die Einöden der Felsgebirge oder der wildesten Prairien zurückdrängt, mit jedem Jahre durch ihre Kugeln, durch das Feuerwasser und durch den Hunger sie decimirend.

Es war eine hohe schlanke Gestalt von edlen Umrissen und anscheinend noch in der vollen Muskelkraft und Elasticität der Jugend. Das oval geformte Haupt war unbedeckt und von Haaren entblößt bis auf die lange Scalp-Locke in der Mitte des Schädels, die mit zwei Adler-Federn geschmückt war. Der Indianer trug leicht und in malerischen Falten über die eine Schulter geworfen eine wollene Decke, während seine breite gewölbte Brust aus dem geöffneten Jagdhemde von gegerbtem Hirschleder hervorschaute. Kurze gleiche Beinkleider mit Frangen von Menschenhaar besetzt reichten bis an die Kniee, während seine Füße von Mocassins geschützt wurden, die mit den Stacheln und Zähnen des Stachelschweins zierlich gestickt waren.

Er mochte ungefähr fünf bis sechs und zwanzig Jahre zählen und sein Gesicht, nicht entstellt durch die Malerei für den Kriegs- oder Jagdzug, zeigte den halb orientalischen Typus seiner Race in den edelsten Conturen und war von einem so stolzen und ernsten Ausdruck, daß es der Majestät eines europäischen Fürsten Ehre gemacht hätte.

Der junge Indianer trug, über seine Schulter gelegt

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und mit einer Stellung natürlicher Anmuth gehalten, einen Karabiner von alter spanischer Arbeit und am Gürtel seines Jagdhemds die gewöhnliche Waffe seiner Nation, den Tomahawk, sowie in einer Fischhaut sein langes Messer und die kurze Pfeife nebst einem Beutel mit Tabak. Das Pulverhorn und ein Kugel-Beutel hingen als sein einziges Gepäck am Riemen von Hirschhaut um seine Schultern. Dagegen trug er um Hals und Brust einen eben so seltsamen wie für seinen Ruf charakteristischen Schmuck: eine Art Kette von den Zähnen und Krallen des Jaguars, in der Mitte, wie mit einem Ordenszeichen geschlossen durch die abgeschnittene und getrocknete Tatze des furchtbarsten Bewohners der Felsen-Gebirge, des grauen Bären.

An diese edle und wie aus Marmor gemeißelte Gestalt lehnte sich, wie die Ranke an den hohen Stamm der Palmen oder die Hindin an den schützenden Hirsch eine andere, ebenmäßig und schlank wie sie, aber zart und jugendlich, eine junge Indianerin in einem bis über die Kniee reichenden Rock von weicher Rehhaut gekleidet, während ihre Brust im Kreuz mit einem shawlartigen Streifen von buntem Kaliko, gleich einem Tartan der Hochländer umwunden war. Das zu dem Krieger emporgerichtete Gesicht bildete ein feines Oval. Mit schönen und freundlichen Zügen, auf denen der Ausdruck einer kindlichen Unschuld und Demuth ruhte.

Zu den Füßen des Mädchens lag ein in Decken zusammen geschnürtes Bündel, die geringen Habseligkeiten und Reise-Bedürfnisse enthaltend, das sie getragen, denn das Tragen des Gepäcks ist die Sache der Frauen und

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der indianische Krieger befaßt sich nur damit, wenn diese fehlen.

»Es soll mich wundern, Häuptling« sagte der ältere Mann, der offenbar einer jener Trapper oder Jäger war, welche die Einöde durchstreifen und unter täglichen Abenteuern und Gefahren ihr mühevolles und doch für sie so überaus anziehendes und verlockendes Leben zubringen, »ob wir den Weg hierher vergeblich gemacht haben und im nächsten Jahre an die Quelle des Bonaventura wandern müssen. Oyo d'Oro hat in der That Zeit gehabt, von jenseits des Meeres zurückzukehren, wenn es ihm nicht etwa dort zu gut gefallen und er uns darüber vergessen hat.«

»Das Goldauge,« erwiederte der Indianer mit den tiefen Guttural-Tönen der Sprache seiner Nation, »ist ein Sohn der Prairie. Kann mein weißer Vater den Adler zum Wasservogel machen oder den Büffel zum Zugochsen der weißen Männer in den Ansiedelungen? Das Goldauge kann nur dort leben, wo sein Eisenstab das gelbe Metall aus seinen Fesseln sprengt.«

»Wahr, Comanche, sehr wahr« meinte der Jäger, »die Wander-Vögel kehren immer wieder zu ihrer Heimath zurück und wer einmal einen gut gerösteten Büffel-Rücken gewöhnt ist, dem können die Leckereien in ihren Städten nicht behagen. Aber, wie gesagt, es könnte unserem Freunde doch irgend etwas passirt sein, er könnte krank in den Städten liegen oder sein Scalp am Feuer eines Feindes trocknen. Ich sage Dir, Häuptling, es geschehen merkwürdige Dinge im Lande der Weißen, von denen sich die Ehrlichkeit eines Indianers Nichts träumen läßt!«

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»Der große Geist ist mit den Rechtschaffenen, wo sie auch sein mögen. Die Stunde ist da, die uns zeigen wird, ob wir künftig allein durch die Prairie wandern werden!«

»Nicht allein, Häuptling, nicht allein,« sagte der Trapper, der nach der Unterredung kein anderer als Bras-de-fer oder Eisenarm war, ohne auf die Bemerkung seines Begleiters über die Zeit einzugehen. »Seit du die »Windenblüthe« aus dem Dorfe Deines Stammes genommen, das die Apachen zerstörten, wandern wir nicht mehr allein durch die Wüste.«

»Die Apachen sind Hunde,« sagte stolz der Comanche. »Ihre Scalpe sollen an den Stangen unserer neuen Wighwams bleichen.«

»Ich habe Nichts dawider, Häuptling, und Du weißt, daß ich meine eigene Rechnung mit dem Schurken, der »Schwarzen Schlange« habe, aber bis dahin werden wir noch manchen Weg machen müssen. Das Mädchen ist ein wahrer Segen für uns, doch ich fürchte, sie wird den Anstrengungen unseres Lebens in der Wüste nicht gewachsen sein. Ich weiß nicht, Häuptling, warum Du nicht die Güte der reichen Dame für sie in Anspruch genommen hast, die Dir ihr Leben verdankt und der Du so merkwürdig vermieden hast auf dem Wege hierher zu begegnen, obschon wir immer kaum zwei Stunden weit vor oder hinter ihr wären. Die Hacienda del Cerro würde gewiß ein Plätzchen für sie gehabt haben.«

Die Dämmerung der Nacht verhinderte den Jäger, die tiefere Röthe zu sehen, die sich über das Gesicht seines jüngeren Freundes ergoß.

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Wonodongah - denn daß der Indianer der zweite Gefährte des verstorbenen Gambusino sein mußte, darüber konnte selbst dem lauschenden Yankee nach den einzelnen Worten, die er aus der Unterredung der Fremden im Comanchen-Dialekt verstanden hatte, kein Zweifel mehr sein - blieb einige Augenblicke die Antwort schuldig, dann aber wandte er sich zu dem Trapper und legte die Finger auf die Schulter des Mädchens.

»Comeo ist die Tochter eines Häuptlings« sagte er. »Soll die Schwester des großen Jaguars die Sclavin einer weißen Frau sein, auch wenn der große Geist dieser die Schönheit der stolzen Blume der Aloë gegeben hat, die nur in hundert Jahren ein Mal das Auge der Menschen erfreut?«

Ehe der Trapper seine Gegenbemerkung machen konnte, die wahrscheinlich seinen jüngeren Freund darauf aufmerksam gemacht hätte, daß er ja selbst eine Zeitlang als Tigrero oder Tiger-Jäger in dem Dienst der Hacienda gestanden hatte, wurde ihr Gespräch durch ein »Hugh!« des jungen Mädchens unterbrochen, jenen Laut, mit dem die Indianer ihr Erstaunen auszudrücken oder auf etwas aufmerksam zu machen pflegen.

Der Trapper richtete sich aus seiner bequemen Stellung auf und der Comanche ließ die Flinte von der Schulter in seinen Arm gleiten.

»Was giebt es Windenblüthe, was hast du, Mädchen?«

Die junge Indianerin sprach jetzt zum ersten Mal, ihre Stimme war süß und wohllautend und ihre Gesichtszüge gewannen an seelenvollen Ausdruck wenn sie sprach.

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»Es ist ein Fremder in unserer Nähe.«

»Pah, der Fremden giebt es viele in San Francisko und auf diesem Platz. Wenn es weiter Nichts ist!«

»Er belauscht die Rede des großen Jaguars und von Bras-de-fer« beharrte die Indianerin.

»Es kann unmöglich der Gambusino sein,« sagte der Trapper, »sonst wäre er zu seinen Freunden geeilt. Zeige mir den Mann, Kind!«

Windenblüthe wies nach der Stelle, wo der Yankee im Schatten stand. Er hatte die Bewegung des Mädchens gesehen und leicht errathen, daß er entdeckt sei, deshalb that er das Beste, was er thun konnte und schritt sofort auf die Gesellschaft zu.

Im ersten Augenblick ließ sich der Trapper durch die ähnliche Kleidung und Gestalt täuschen und glaubte wirklich, daß ihr alter Gefährte in der Einöde zurückgekehrt sei.

»Goldauge? Sei herzlich gegrüßt, alter Freund.«

Die Stimme des näher Kommenden belehrte ihn aber sogleich über den Irrthum.

»Ich bin nur der Bote Oyo d'Oro's, Señor,« sagte der Yankee. »Ich müßte mich sehr täuschen oder ich sehe den berühmtesten Jäger am Rio Grande, Bras-de-fer oder Eisenarm genannt, und den edlen Häuptling der Comanchen, den Großen Jaguar, vor mir.«

»Ich weiß nicht, Fremder, was ihr mit Eurem »berühmt« sagen wollt« meinte der Jäger. »Es sind viele Leute meines Standes an der Grenze und in der Wüste, deren Büchse eben so sicher und deren Auge eben so fest ist wie das meine, obschon ich, Gott sei Dank, mich nicht

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darüber zu beklagen brauche. Aber man giebt mir in der That diesen Namen und dies hier ist Wonodongah, der letzte Häuptling der Toyahs vom Volk der Comanchen. Wenn ihr Ihr eine Botschaft habt von unserem Freunde, dem Gambusino José, den die Indianer das »Goldauge« zu nennen pflegen, so sagt sie uns rasch heraus, denn wir warten hier seiner.«

Der Yankee ließ sich unwillkü[h]rlich eine Bewegung entschlüpfen, als er dies hörte. Sein Reise-Gefährte nach Paris hatte ihm zwar mitgetheilt, daß er seine beiden Genossen bei der Entdeckung der großen Goldmine an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit wiedertreffen werde, aber das Wann und Wo hatte er bei der großen Vorsicht und dem sichtlichen Mißtrauen, womit Jener über Alles sprach, was sein Geheimniß betraf, nicht erfahren.

In Folge der Scene und der Erklärungen des französischen Grafen am Todtenbett des Gambusino hatte der Yankee bei der späteren ruhigen Ueberlegung sehr richtig geschlossen, daß sein Reise-Gefährte dem Franzosen dagegen größeres Vertrauen geschenkt als ihm selbst, und ihm wahrscheinlich Mittheilungen gemacht hatte, welche diesen in den Stand setzten, mit jenen Gefährten und Mitwissern des Geheimnisses, das seine Habsucht sich zu eigen zu machen suchte, in Verbindung zu treten.

Er hatte deshalb beschlossen, jeden Schritt des Grafen zu belauern, nachdem er dessen Freilassung erfahren, und ihn nicht mehr aus den Augen zu verlieren.

Indem er das Project aller weiteren Verhandlungen in Frankreich aufgab, machte er den größten Theil seiner

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Goldstufe zu Gelde, packte sorgfältig die geringe Habe des Verstorbenen zusammen und folgte dem Grafen, dessen Spur bei seinem offenen und kühnen Wesen leicht zu finden war, nach Hâvre, nach New-York und später nach San Francisko.

Wir haben aus der Unterredung des Grafen mit seinem Lieutenant bereits ersehen, welche vergeblichen Versuche Master Brown gemacht hatte, um sich bei der Sonora-Expedition anwerben zu lassen, als deren geheimen Zweck er sehr richtig die Aufsuchung der Gold-Höhle argwohnte.

Seiner Gewohnheit gemäß hatte er auch an diesem Abend den Grafen genau beobachtet und war ihm, da dessen Benehmen und Ungeduld ihm auffielen, gefolgt. Der Leser weiß, durch welchen Zufall es ihm gelang, die erwünschte Entdeckung der Zusammenkunft zu machen und an die Stelle des Grafen zu treten. Dieser günstige Zufall mußte benutzt werden, denn es stand zu fürchten, daß der Graf sich so bald als möglich von der Gesellschaft losmachen und seine frühere Absicht verfolgen werde.

»Es freut mich,« sagte der Yankee, »daß ich die beiden Männer getroffen habe, die mir Señor José so angelegentlich empfohlen. Was ich Euch mitzutheilen habe, ist wichtig, aber es darf hier nicht geschehen, denn Ihr habt hier einen Euch unbekannten, aber desto gefährlicheren Feind. Ich will Euch daher bitten, Señor Eisenarm, mir mit Eurem Freunde an einen sicherern Platz zu folgen.«

Der Trapper schüttelte den Kopf. »Das geht unmöglich, Fremder,« sagte er bedenklich. »Wir haben unserem

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Freunde versprochen, ihn auf dieser Stelle zu erwarten und kennen Euch nicht, als durch Eure eigenen Worte.«

Der Yankee sah sich durch diese naive Ehrlichkeit gefährdet, seinen ganzen Plan scheitern zu sehen. Er sann einige Augenblicke nach, dann sagte er: »Ich habe keinen Beweis zur Stelle, daß ich der Bote des Señor Don José bin, als dies Stückchen Gold. Aber wenn Ihr mir folgen wollt, werde ich Euch Beweise genug zeigen, daß ich wirklich der Bote Eures Freundes bin und daß ich expreß aus Frankreich komme von drüben über dem großen Wasser her, um Euch Botschaft von ihm zu bringen.«

Er hatte aus seiner Tasche ein Stück Zeug geholt, in dem er einen Gegenstand eingewickelt trug, und reichte ihn dem Trapper. Es war eine Ecke der Goldstufe, welche der Gambusino mit seinen Freunden bei dem Besuch jenes unermeßlichen Lagers abgesprengt hatte und auf das er seine Vorschläge in Frankreich begründen wollte.

Der Trapper nahm das Stück und betrachtete es, soweit das Mondlicht es erlaubte, von allen Seiten, während der Yankee unruhige und ungeduldige Blicke umherwarf, in der Furcht, jeden Augenblick den Grafen zurückkehren zu sehen; aber so viel der ehrliche Trapper auch an dem Stück herumsah, konnte er doch kein Kennzeichen an demselben finden und reichte es zuletzt seinem Freunde.

»Da, Rothhaut, sieh Du zu, was Du daraus machen kannst. Das Ding sieht aus, wie jedes andere Stück und ich wüßte nicht, was es für die Worte des Fremden da für Bürgschaft leisten könnte.

Der Indianer hatte das Erz kaum in die Hand

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genommen und einen Blick darauf geworfen, als er erstaunt sein »Hugh« hören ließ. »Es ist von dem gelben Stein unseres Freundes, nach dem die weißen Männer so begierig streben,« sagte er mit Bestimmtheit. »Ich habe diese Spitze in der Hand gehabt, als das Eisen Oyo d'Oro's sie abgesprengt in der Goldhöhle.«

»Zum Henker,« rief der Trapper, »ich denke doch auch, daß ich Augen für eine Spur habe und die Kennzeichen jedes Dinges in der Savanne zu unterscheiden weiß, aber aus dem abgebrochenen Theil eines Stück Erzes oder Steines das Ganze zu erkennen, dazu gehört das Gedächtniß und das Auge eines Indianers. Doch das thut Nichts, ob ich es kenne oder nicht, Fremder« wandte er sich zu dem ungeduldigen Yankee, »wenn es Wonodongah sagt, so ist es so gut, als hätten es zwanzig Gerichtshöfe der Weißen bestätigt. Wir sehen jetzt, daß Ihr mit unserem Freunde in Verbindung gestanden, aber wir wissen noch immer nicht, ob dies bloß zufällig, oder ob er Euch wirklich einen Auftrag an uns gegeben hat.«

»Wohlan denn, Señor Eisenarm« sagte ärgerlich der Yankee, »ich will Euch noch ein weiteres Kennzeichen sagen. Ihr habt Euren Freund nach Frankreich geschickt, um dort eine Schaar von Männern zu werben, die Muth genug haben, mit Euch die Goldhöhle der Wüste den Apachen zum Trotz aufzusuchen. Ich komme als der Bote des Señor Don Oyo d'Oro direkt von Paris.«

»So ist unser Freund nicht in Amerika?«

»Nein, ich schwöre es Euch.«

Der Trapper sann einige Augenblicke nach, dann wandte

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er sich zu dem Indianer. »Was meinst Du, Jaguar? dürfen wir diesem Fremden folgen?[«]

»Wenn das Goldauge hier ist, werden ihn seine Freunde immer zu finden wissen. Seine Spur ist die eines weißen Mannes.«

»Gut, Häuptling, es ist Verstand in Deinen Worten. Was uns der Fremde mitzutheilen hat, kann uns nicht lange aufhalten. So nimm Deinen Pack auf, Windenblüthe, und geht voran, Fremder, wir sind bereit mit Euch zu gehen.«

Ohne sich mit einer Erwiderung aufzuhalten, schritt der Yankee hastig voran. Der Trapper half der Indianerin das Packet auf ihren Kopf nehmen, da der Stolz des Häuptlings diesem nicht erlaubte, eine Hand dabei anzulegen, und schulterte dann seine lange Flinte, worauf das Kleeblatt in der gewöhnlichen Indianer-Reihe, das heißt: Einer hinter dem Anderen, dem Amerikaner folgte. -

Die Vier waren kaum in einer der gegenüber der alten Kathedrale in den Platz ausmündenden Gassen verschwunden, als der Graf Raousset Boulbon, wie wir bereits erzählt, in großer Hast, die Versäumniß nachzuholen, auf demselben erschien und seine verspätete und vergebliche Wacht begann.

Der Yankee hatte zwar seinen Absichten entsprechend sein Quartier nicht weit von dem des Grafen aufgeschlagen, aber er hütete sich wohl, seine Gäste auf dem graden Wege dahin zu führen, sondern schlug verschiedene Umwege in den Straßen ein, bis er die bestimmte Richtung wieder erreicht hatte, und geleitete sie dann durch den matt erleuchteten

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Flur einer Spelunke der niedersten Sorte über den Hofraum nach einem kleinen aus Balken und Brettern zusammen geschlagenen Hintergebäude.

Nachdem er aufgeschlossen und eine Lampe angesteckt hatte, zeigte sich, daß die Wohnung des Yankee im Innern bequemer eingerichtet war, als der äußere Anschein hatte vermuthen lassen. Die Wände waren mit Segeltuch und alten Tapeten behangen, eine Art Divan, mit einem Teppich bedeckt, stand an einer Seite, auf der anderen ein Schrank mit festem Schloß, und ein Tisch mit mehreren handfesten Stühlen vervollständigte das Mobilar. An der Rückwand führte eine Thür in eine dunkle Kammer, die zum Schlafgemach oder Vorrathszimmer diente. An den Wänden hingen verschiedene Kleidungsstücke und eine Jagdtasche mit Flinte.

Master Brown ging sofort zu dem Schrank, öffnete ihn und nahm einen Krug mit Whisky, Brod und dem Rest einer tüchtigen Hirschkeule heraus, die er mit Wasser und Gläsern auf den Tisch stellte.

»Ihr seid sicher müde und hungrig, Señores,« sagte er einschmeichelnd, »und dies Mädchen ist zu jung, um die Strapazen eines langen Marsches zu ertragen. Langt zu und dann laßt uns von Geschäften reden. Da drinnen in der Kammer ist eine einfache Lagerstätte von Maisstroh und Decken, deren sich das Kind bedienen kann, wenn sie schläfrig wird, und hier sind Cigarren von Cuba, die ich gestern erst gekauft.«

Der Kanadier schenkte sich sofort ein Glas des feurigen Branntweins ein und leerte es auf einen Zug.

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»Verteufelt gutes Zeug, Fremder,« sagte er behaglich. »Ich habe lange nichts Aehnliches gekostet in der Einöde; aber« - fuhr er den die Stirn bei dem Thun des Indianers Runzelnden beruhigend fort - »es ist einmal ihre Natur so und Wonodongah hat die gute Eigenschaft, daß er niemals das Feuerwasser der Weißen trinkt.«

Der Indianer, statt von dem aufgetragenen Mahl zu genießen, hatte seiner Schwester ein Zeichen gegeben. Diese öffnete niederknieend den Reisebündel und legte für sich und ihren Bruder einige Streifen gedörrten Büffel-Fleisches und ein Stück harten Maiskuchen auf den Tisch. Dann ging sie hinaus in den Hof und holte an dem Brunnen, den sie dort gesehen, in ihrer Kürbisflasche frisches Wasser.

Nachdem sie dies gethan, kauerte Windenblüthe in einem Winkel sich nieder, bis der junge Häuptling seine Mahlzeit gehalten hatte. Dann erst wagte das Mädchen sich selbst einen Becher einzuschenken und ein Stück von dem Fleisch und Kuchen zu nehmen.

Ihrem Wirth schien dies Benehmen herzlich wenig zu gefallen trotz der Entschuldigung seines weißen Gastes; denn er wußte aus seinem Verkehr in den Prairieen von Texas sehr wohl, daß ein Indianer Niemanden als seinen Gastfreund ansieht, ja überhaupt nicht als befreundet, ehe er nicht mit ihm sein Brod getheilt hat. Es war indessen gegen dies offenbare Mißtrauen Nichts zu machen und er mußte sich mit dem Eifer und Appetit begnügen, den der würdige Eisenarm bekundete.

Die Reste der Hirschkeule verschwanden mit einer fabelhaften Schnelligkeit unter den mächtigen Kau-Werkzeugen

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des ehrlichen Trappers und wiederholt befeuchtete er seine Mahlzeit mit einem tüchtigen Glase, ohne daß der genossene Branntwein den geringsten Einfluß auf seine riesenhafte Natur zu üben schien.

Als er endlich gesättigt war, warf er einen fragenden Blick auf seinen rothen Freund, und als dieser keine Miene machte, seine Pfeife anzuzünden, sondern ruhig und stumm in derselben Haltung am Tische stehen blieb, die er von Anfang an angenommen, schüttelte er selbst den Kopf und steckte sich eine der Cigarren an.

»Nun, Fremder« sagte er ahnungslos, »ich glaube, es wird Zeit sein, Näheres von unserem Freunde, dem Gambusino José zu hören. Wo verließt Ihr Goldauge zuletzt?

»In Paris, Señor Eisenarm.«

»Meiner Treu, das ist wie ich glaube, weit genug! Und was machte er, als Ihr ihn zuletzt sahet?«

»Er schlief!«

»Wie? Er schlief?«

»Den Schlaf« sagte ernst und mit dem tiefen Guttural-Ton seiner Stimme der Indianer, »den die weißen und rothen Männer thun, bevor ihre Geister eingehen zu den Jagdgefilden ihrer Väter!«

Der Trapper sprang erschrocken auf. »Um Himmelswillen, Jaguar, was willst Du damit sagen?«

»Daß Oyo d'Oro in dem Lande jenseits des großen Wassers gestorben ist!«

»Woher schließest Du das, Comanche? Denn ich weiß, Deine Zunge ist nicht die eines schwatzhaften Weibes und spricht nicht Dinge aus, für die sie keine Beweise hat.

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Der Indianer wies statt der Antwort ruhig nach der Wand, an der im Schatten der Jagd-Ranzen und die Büchse hingen.

»Das scharfe Auge meines weißen Bruders ist von dem Feuerwasser getrübt,« sagte er ruhig, »sonst hätte er längst die Waffe unseres Freundes erkannt.«

Mit zwei Schritten war der Kanadier an der gegenüberliegenden Wand und riß die Büchse herunter. »Wahrhaftig, Rothhaut, dein Auge ist das eines Adlers. Es ist das alte Gewehr Goldauges, das er schon längst gegen eine neue Büchse vertauschen wollte, wenn der Teufel des Spieles ihm dazu das Geld gelassen hätte. Und das ist auch seine Tasche. - Mensch!« er faßte den Yankee bei der Brust und schüttelte ihn wie eine Feder,« wie kommst Du zu den Sachen und was hast Du mit unserem Freunde angefangen?«

Der Amerikaner machte sich, so gut er es vermochte, von der Faust seines Gastes los. »Sachte, sachte, Señor Eisenarm« sagte er grinsend, »Ihr thut einem unschuldigen Manne Unrecht, statt Eure Kraft an den Mördern Eures Freundes zu erproben. Was Ihr hier seht, ist die ehrliche Erbschaft des guten Señor Don José, denn es ist leider wahr, daß er wie diese Rothhaut gesagt hat, ein todter Mann ist, dessen Geist jetzt im Paradiese oder auf den Jagdgründen der Indianer, Gott weiß es am besten wo, umherwandelt.«

Der Trapper setzte sich bei der Bestätigung dieser Nachricht schweigend auf seinen vorigen Platz und verhüllte einige Augenblicke sein wettergebräuntes ehrliches Gesicht

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mit den Händen. Als er es endlich wieder aufhob, sah man den Ausdruck eines tiefen Kummers auf seinen Zügen.

»Zwanzig Jahre lang und zehn davon mit Dir, Rothhaut, als Du zu Anfang noch ein Knabe warst, haben wir zusammen die Wüste durchstreift und manchen Schuß mit den verrätherischen Hunden, den Apachen, gewechselt« sagte er traurig. »Und nun muß es so kommen, wie ich gefürchtet. Das schändliche Gold hat ihn in den Tod getrieben und wir sind Schuld daran, weil wir uns gleichfalls verblenden ließen und unsere Einwilligung zu der Reise gegeben haben. Was kümmerte es mich, ob meine Landsleute jenseits des Meeres die Goldhöhle besitzen oder nicht! Und wenn der ganze Bonaventura ein flüssiger Strom voll von dem gelben Metall wäre, er könnte uns nicht das Leben eines treuen und wackeren Freundes ersetzen!« Dann plötzlich raffte er sich von diesem Ausbruch seines Schmerzes empor und richtete sein Auge aufs Neue drohend auf den Yankee.

»Ihr habt von seinen Mördern gesprochen, Fremder, sagte er finster, »das ist nicht das Wort für einen Tod im rechtlichen Kampf und legt uns die Pflicht auf, seinen Tod zu rächen. Und so wahr meine Mutter ein ehrliches Weib war, ich und diese Rothhaut hier wollen nicht ruhen, bis das geschehen, wenn es in der Möglichkeit ist, seine Mörder zu erreichen!«

»Ihr braucht deshalb nicht über das Meer zu gehen, Señor Eisenarm« erwiderte heimtückisch der Amerikaner. »Sie haben sich selbst Eurer Rache überliefert, um den Lohn ihrer That zu ernten und Euch und mich um unser Recht zu betrügen.«

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Der Kanadier hatte sich zu seiner vollen Höhe erhoben und seine gewaltige Faust stützte sich auf den Tisch, während er finster und drohend auf den Arglistigen schaute.

»Ihr sprecht in Räthseln, Fremder« sprach er barsch, »und wir in der Einöde sind zwar gewohnt, die Andeutungen des Himmels zu verstehen oder die Teufeleien eines herumstreichenden Apachen zu errathen, aber nicht die Schlechtigkeiten der Leute in den Städten. Redet deutlich und erzählt, was Ihr wißt, wenn wir nicht Euch selbst in schlimmern Verdacht haben sollen.«

Dem drohenden Worte des Trappers antwortete der bezeichnende Ausruf des Indianers.

Sein »Hugh!« gab zu erkennen, daß er die volle Aufmerksamkeit des Freundes auf Etwas lenken wolle, das sein Mißtrauen erregte.

Master Brown begriff, daß er alle seine Schlauheit und Kaltblütigkeit nothwendig haben würde, um den offenbar gegen ihn vorhandenen Verdacht zu besiegen. Er nahm daher ruhig die Jagdtasche des Gambusino von der Wand, öffnete sie und zog mehrere Kleidungsstücke heraus, die er auf den Tisch legte. Es war die noch mit Blut bedeckte von der tödtlichen Kugel zerrissene Jacke des unglücklichen Mexikaners, die sein Begleiter nach der mißlungenen Operation und dem Tode José's sich zu verschaffen gewußt hatte, nebst einigen andern unbedeutenden Sachen, die der Goldsucher aus Amerika mitgebracht hatte.

Die Bewegung des Trappers bei dem Erblicken dieses traurigen Beweisstücks bewies dem Yankee sogleich, daß jener den Rock seines alten Freundes wieder erkannt hatte.

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»Hört mich an, Señor Eisenarm und Ihr, Häuptling« sagte er zu den Beiden, »und Ihr sollt die volle Wahrheit erfahren, was ich von Eurem Freunde weiß. Señor Don José hat in New-Orleans mich zum Compagnon geworben für die Ausbeutung der großen Goldmine, die Ihr Drei zu entdecken das Glück hattet und wovon diese Stufe hier eine Probe ist. Da es bestimmt war, daß er damit über das Meer gehen sollte, um sie in Frankreich der Regierung oder einer Company anzubieten, weil Ihr einmal Euren Landsleuten den Vorzug gabt, obschon ich Euch sagen kann, daß es in New-Orleans oder Philadelphia ein weit rascher Ding gewesen wäre, so habe ich all' meine Habe zu Geld gemacht und Don José als sein Geschäftsführer und Kompagnon nach Frankreich begleitet. Der arme Narr meinte in Wahrheit, wie zwei Drittheil in Mexiko und den Einöden thun, daß der große Kaiser Napoleon, der Feind der Engländer, noch immer auf dem Throne von Frankreich säße, während sie ihn doch schon vor mehr als 30 Jahren auf einer wüsten Insel haben verhungern lassen. So sahen wir bald ein, daß es Nichts war mit unserm Handel in Paris, und daß die Leute dort genug zu thun haben mit ihren eigenen Angelegenheiten, statt nach Amerika zu kommen und gegen die Apachen zu kämpfen. Gestohlen hätten sie uns freilich gern das Geheimniß und so ist es leider auch gekommen. Ein vornehmer Herr und berühmter Krieger, der sein Vermögen in der eigenen Heimath verschwendet hat und dem Don José so unvorsichtig war, einen Theil des Geheimnisses anzuvertrauen, hat ihn durch seinen Schurken von Diener

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bei einem Pronunciamento in der großen Stadt hinterrücks erschießen lassen und ihn dann des Plan's beraubt, auf dem die Lage der Goldhöhle verzeichnet ist. Mich selbst, der ich ihn bis zum letzten Augenblick vertheidigt und den er sterbend beschworen hat, an seine Stelle zu treten und Euch das Erbe seiner Rache zu überbringen, versuchte man ins Gefängniß zu werfen. Aber Gott sei Dank, ich bin ihnen glücklich, obschon mit Verlust des größten Theils meiner Habe, entkommen und der Himmel hat mir die Kraft gegeben, daß ich der Spur der Mörder unseres Freundes bis hierher folgen und so zugleich Euch erwarten konnte, um gemeinschaftlich mit Euch den Ermordeten zu rächen und die Räuber an der Erreichung ihres Ziels zu verhindern.«

Master Brown trocknete sich mit einer heuchlerischen Geberde des Kummers und der Entrüstung eine Thräne aus seinem Schielauge und suchte dabei den Eindruck zu beobachten, den seine lügnerische Erzählung auf die beiden rauhen Naturmenschen gemacht hatte.

Die Stirn des Trappers hatte sich zu finsteren Falten zusammengezogen und sein Auge starrte auf die blutigen Ueberreste der Kleidung seines Freundes, während seine Faust den Griff des großen Jagdmessers so fest umklammerte, als wollten die Finger sich in das harte Hirschhorn eingraben, das ihn bildete.

Von dem Trapper wandte sich das forschende Auge des Yankees auf den Indianer. Der junge Häuptling erhob den Kolben seiner Büchse, prüfte das Schloß und stellte sie an die Wand. Dann zum ersten Male, seit er

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er das Gemach des Amerikaners betreten, ließ er sich auf einen der Rohr-Sessel nieder und öffnete das lederne Jagdhemde, das er halb über die Schulter zurückwarf.

Eine so hoch und voll gewölbte Brust, daß sie dem Torso eines Apoll von Erz glich, wurde sichtbar. Die rothbraune Färbung der Haut hätte die Täuschung noch vermehren können; dazu paßte dies Gesicht mit seiner metallenen Ruhe.

»Comeo!«

Das junge Mädchen erhob sich aus ihrem Winkel und trat zu ihrem Bruder. Er sagte einige Worte zu ihr im indianischen Dialekt und behende schlüpfte sie zu der Stelle, wo sie das Packet niedergelegt, das ihre kleine Habseligkeiten und Vorräthe enthielt, öffnete die Decke und holte einen kleinen Leder-Beutel heraus. Diesen legte sie vor ihren Bruder auf den Tisch.

Der »Jaguar« nahm aus dem Beutel, der sich als das Fell einer Moschusratte und als sein Medicinsack erwies, einige Stücke farbiger Erde und Kreide, schabte davon in eine Muschelschale, befeuchtete es mit einem dünnflüssigen Harz und begann sich darauf in schwarzen, weißen und rothen Streifen das Gesicht und die Brust zu bema[h]len, wobei ihm das Mädchen behilflich war?«

Der Trapper warf ihm einen finstern Blick zu. »Was soll das, Häuptling? Hast Du vergessen, daß wir uns hier in einer Stadt der weißen Männer befinden und daß Deine Kriegsfarben da nicht angebracht sind.

»Mein Bruder Eisenarm,« sagte der Comanche, indem er ruhig in seinem Geschäfte fortfuhr, »redet mit

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seiner weißen Zunge. Warum hat er seine rothe Zunge in der Einöde gelassen? Das Blut eines Freundes schreit nach Rache in den Mauern einer Stadt, wie zwischen den Gräsern der Prairie.«

»Das weiß ich so gut wie Du, Rothhaut,« entgegnete ärgerlich der Kanadier, »und Bras-de-fer ist wahrhaftig nicht der Mann, der zurückbleibt, wenn es gilt, einen Freund zu vertheidigen oder seinen Tod zu rächen. Aber jedes Volk hat seine Gebräuche, Comanche, wie Du sehr wohl weißt, und es mag gut sein für die Wildniß sich mit Kriegs-Farben zu bemalen, aber in die Städte paßt es nicht und die Jungen auf der Straße würden Dir hier nachlaufen.«

»Wonodongah ist ein großer Häuptling« sagte der Indianer, »er verachtet das Lachen der Weiber und wird sie an ihrem Feuer weinen machen, wenn er die Scalpe ihrer Männer und Brüder genommen hat. Die >Schielende Ratte< - Er bezeichnete mit diesem eben nicht schmeichelhaften Ausdruck den Yankee, dessen Gesichtsbildung in der That etwas von diesem Thiere hatte - »hat dem Jaguar in das Ohr geflüstert, daß die Mörder seines Freundes hier sind und er kennt nur einen Weg von der Stunde an. Die >Schielende Ratte< möge vorangehen und sie ihm zeigen, der Tomahawk wird in der Hand Wonodongah's sein.«

Die Art der Verhandlung schien jedoch dem Yankee keineswegs zu gefallen, denn er rührte sich nicht von seinem Platz und schüttelte nach dem Trapper bedeutsam den Kopf.

»Ich kalkulire, Señor Eisenarm,« sagte er bedächtig

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»Ihr seit[seid] ein ruhiger und verständiger Mann und werdet einsehen, daß eine unüberlegte That hier mitten in der Bevölkerung von San Francisko uns Allen große Unannehmlichkeiten bereiten müßte. Ich habe Euch bereits gesagt, daß der Mörder - denn ich zähle den Arm und nicht das Messer - ein großer und vornehmer Herr ist, an den wir armen Leute nicht so leicht hinankommen können, sonst, so wahr ich Jonathan Brown heiße, hätte diese eine Hand genügt, den armen Gambusino zu rächen. Wir müssen das Ding anders anfangen und zunächst ruhig überlegen.«

»Nennt uns den Namen, Fremder, und dann überlaßt die Sache uns« sagte finster der Trapper.

Der Yankee schüttelte bedächtig den Kopf. »Nicht so rasch, nicht so rasch, Señor Bras-de-fer,«[.] Ehe ich den Namen Euch nenne und meinen Hals in die Schlinge stecke, möchte ich auch gern wissen, wofür ich das thue. Ich habe die Notion, daß wir zuerst doch mit einander bereden müssen, ob Ihr den Contract Eures todten Freundes mit mir halten wollt; im anderen Falle sage ich Euch im Voraus, daß ich keine Lust habe, mir die Finger zu verbrennen.«

»Und worin bestand Euer Contract, Fremder? sagt uns die Bedingungen und wenn ein ehrlicher Mann sie halten kann, soll es geschehen.«

»Schaut, Señor« meinte der Yankee mit schlauem Augenblinzeln, »ich kalkulire, daß Ihr ganz die Männer dazu seid, da Ihr den Weg zur Goldhöhle kennt. Señor José, Euer Freund, hatte mir, um es kurz zu machen, versprochen, daß ich gleichen Theil mit Euch Dreien an der

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Goldhöhle haben sollte, wenn ich ihm die Mittel verschaffte, den Placer auszubeuten oder, wenn es Euch recht wäre, wollte er mir auch ganz das Recht daran verkaufen. Wie ich Euch gesagt habe, hat er bereits eine bedeutende Summe als Vorschuß empfangen; denn die Reise über das Meer und der Aufenthalt in Paris kosten Geld. Nun ist er als mein Schuldner gestorben und ich bin ein betrogener Mann, wenn Ihr sein Wort nicht haltet.«

»Macht nicht so viel Reden, Fremder« sagte barsch der Kanadier. »Was unser Freund José Euch schuldet oder Euch versprochen, soll gehalten werden. Meinst Du nicht auch, Rothhaut?«

Der Comanche lächelte verächtlich. »Das rothe Gold hat nur für die weißen Männer Werth. Wenn die »Schielende Ratte« uns den Namen des Mörders unseres Freundes nennt, soll er meinen Antheil an der Goldhöhle haben.«

»Zum Henker, den meinen auch! Ich habe weißes Blut in den Adern, aber ich kümmere mich eben so wenig um das Gold wie eine Rothhaut, vorausgesetzt, daß der Erbe unseres Freundes es uns an Pulver und Blei nicht fehlen läßt und ein Paar gute Rifles für Dich und mich hinzufügt. Habt Ihr gehört, Fremder?«

Der Yankee hatte während des kurzen Wortwechsels, ohne eine Silbe zu verlieren, seine Vorbereitungen getroffen und aus dem Schrank Dinte und Papier genommen.

Die Frage des Eisenarms störte ihn aus den tiefen Gedanken, denen er sich überlassen.

Trotz aller seiner Schlauheit und Kaltblütigkeit konnte Master Jonathan kaum seine innere Bewegung beherrschen.

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Diese beiden einfachen Männer vor ihm, kaum mit dem Nothdürftigsten versehen, warfen gleichgültig Schätze von sich, die wahrscheinlich einen Rothschild auskaufen konnten. Seine kleinen Augen funkelten vor Habgier und er empfand in seiner Kehle ein Gefühl, wie das des Erstickens vor gewaltigem Blut-Andrang bei dem Gedanken, mit so leichter Mühe das alleinige Recht auf jene unermeßlichen Reichthümer erlangt zu haben. Aber er begriff auch, daß er diese Habgier, diesen Golddurst unmöglich jene Männer sehen lassen dürfe, wenn er nicht ihren ganzen, ohnehin bei dem Indianer ziemlich offen ausgesprochenen Widerwillen hervorrufen und vielleicht den ganzen Handel rückgängig machen wolle.

Zugleich trat ihm eine andere Erwägung nahe.

Er wußte, daß er ohne diese beiden Männer niemals das Urbild dieser Fata Morgana, deren blendende Strahlen sein Gehirn erhitzten - die Goldhöhle - auffinden konnte; aber er begriff auch, daß mit diesem Auffinden allein nur wenig gewonnen war.

Zwischen der civilisirten Welt, das heißt: dem Werth, dem Genuß der Schätze und diesen Schätzen selbst, der Goldhöhle, als deren allein berechtigten Besitzer er sich bereits zu betrachten anfing, lagen zwei mächtige Hindernisse.

Diese Hindernisse waren die Gefahren der Wüste, das heißt die Apachen, und die Sonora-Expedition des Grafen von Boulbon.

Obschon er nicht wußte, wie weit das verhängnißvolle Amulet, das der Graf von dem sterbenden Gambusino erhalten oder um das er ihn, wie seine eigene schlechte

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Natur gehässig glaubte, betrogen hatte, den Weg und das Geheimniß der Goldhöhle verrieth, glaubte er doch aus den vorsichtigen Andeutungen des Gambusino entnehmen zu können, daß es allein nicht genügte, um ohne die Führung eines der Mitwisser des Schatzes den Ort auffinden zu können.

Hätte er das Gegentheil geglaubt, so hätte er gewiß während der langen Reise und des Aufenthaltes in Paris mit dem Mexicaner nicht gezögert, sich, selbst durch einen Mord, in den Besitz dieses Amulets zu setzen und dann auf eigene Hand zu agiren.

Es galt also vor Allem, diese beiden einzigen noch lebenden Kundigen des Weges und Mitwisser des Schatzes von dem Rivalen um denselben fern zu halten.

Dieses Resultat hatte er zum Theil bereits erreicht durch die Verhinderung der Zusammenkunft und durch die Verdächtigung des Feindes. Dieses Resultat mußte aber vervollständigt werden, indem er sie zu Todfeinden jenes Mannes und ganz seinen eigenen Absichten und Plänen dienstbar machte.

Zugleich bedachte er Folgendes.

Bei allem Vertrauen, das der Muth, die Kaltblütigkeit und Geschicklichkeit dieser Männer ihm einflößte, und obschon er nicht daran zweifelte, daß sie eben so gut zum zweiten Mal den Weg zu der Goldhöhle sich durch die Wüste bahnen könnten, wie sie es das erste Mal gethan, wußte er doch, mit welchen unsäglichen Gefahren dieser Weg verknüpft war. Es fehlte ihm keineswegs an jenem persönlichen Muth, mit dem der Geizhals sein Leben gegen

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den Räuber einsetzt, der ihm sein Geld nehmen will; aber seine Vorsicht und Berechnung war überwiegend. Selbst wenn es ihm mit seinen beiden Begleitern gelang, die Goldhöhle zu erreichen, gewann er verhältnißmäßig kein größeres Resultat, als daß er sich mit eigenen Augen von deren Vorhandensein überzeugte, was er ohnehin längst nicht mehr bezweifelte. Denn das Metall, das er auf dem eben so gefährlichen Rückwege mit sich tragen konnte, war in der Berechnung seiner Habgier bereits Nichts mehr gegen die Schätze, die er dann zurückließ, und daß sich seine Gefährten nicht zu seinem Vortheil mit Goldstufen beladen würden, dafür bürgten ihm ihr Charakter und ihre Gewohnheiten.

Unter all' diesen Schwierigkeiten und Bedenken fuhr ihm ein eben so teuflischer wie glänzender Gedanke durch den Kopf.

Er mußte den Grafen seinen Zug zur Auffindung und Eroberung der geheimnißvollen und von so vielen Gefahren umgebenen Goldregion antreten lassen, ja ihn nöthigen Falls dabei unterstützen. Der Graf mit seinen 200 Abenteurern sollte ihm den Weg bahnen und die Gefahren und Hindernisse für ihn bekämpfen, das heißt, die Apachen besiegen und verjagen, und dann im letzten Augenblick ihm selbst Platz machen, damit er über seine Leiche hinweg den Fuß auf die Schwelle der Goldhöhle setzen und seine Hand auf jene unermeßlichen Schätze legen könne mit dem Ruf: Jetzt sind sie mein.

Der kalt berechnende Schurke fühlte, daß so abenteuerlich

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auch der Gedanke klang, er doch ausführbar war und daß ihm alle Umstände in die Hände arbeiteten.

In einem Kampf zwischen solchen Feinden konnte es ohne ein langes und tödtliches Blutvergießen nicht abgehen. Die Abenteurer Boulbons mit ihren größeren Hilfsmitteln mußten, - daran zweifelte er nach den Erfahrungen der amerikanischen Kriege nicht - die Stämme der Apachen besiegen und vernichten, welche sich ihnen in den Weg stellten; aber in diesem Kampfe mußten sie selbst decimirt werden und es blieb, wenn sie in der Nähe der Goldhöhle waren, sicher nur eine so kleine Schaar noch übrig, daß seine Schlauheit leicht mit ihr fertig zu werden hoffen konnte, indem er sie je nach den Umständen gewann oder vernichtete.

Indem er die einen Feinde durch die anderen verdarb, öffnete er sich selbst den Weg zu seinem Ziele.

Das waren die Gedanken, die Jonathan Brown so rasch durch den Kopf schossen, indem er das Schreibegeräth aus dem Schranke nahm und auf den Tisch setzte. Der Geist des Yankee wuchs mit seiner Speculation.

»Ich habe die Notion, Señor Eisenarm« erwiederte er dem Trapper, »es wird gut sein, wenn wir die Punkte unseres Vertrages zu Papier bringen. Nicht daß ich Euch oder dem tapferen Häuptling im Geringsten mißtraute; aber es ist nur, damit später kein Streit über irgend eine Frage entsteht.«

»Der Teufel hole Eure Schreibereien. Ich habe mir sagen lassen, daß sie an allem Unheil in den Städten schuld sind und ihnen allein verdanken es die Rothhäute,

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daß ein Stück Land nach dem anderen von ihren Jagdgebieten abgerissen worden ist. Ein Manneswort in der Einöde ist besser als alle Dintenklecksereien.

Der Indianer machte eine ungeduldige Geberde. »Möge die Schielende Ratte ihren Vertrag malen, ein Comanche hat seine Augen offen, wenn er seinen Totum darunter setzt.«

»Gut, gut, Häuptling, wenn Du Nichts dawider hast, ist es mir gleichgültig. Schreibt also immerhin und seht zu, daß Ihr uns nicht übers Ohr haut. Denn wenn meiner Mutter Sohn, Gott sei Dank, auch nicht schreiben kann, so hat er doch ein vortreffliches Gedächtniß.«

Der Yankee dachte einige Augenblicke nach, dann entwarf er ein Dokument möglichst kurz und bündig, der Fassungsgabe und den Gewohnheiten seiner beiden Gesellschafter entsprechend.

Dasselbe, als er es vorlas, lautete folgendermaßen:

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Der Yankee wußte, daß diese einfachen Worte vollkommen genügten, ihn zum Herrn dieser beiden Männer zu machen.

Nachdem er diesen Vertrag vorgelesen, reichte der Yankee Eisenarm die Feder zur Unterzeichnung.

Der Riese drehte das kleine Instrument, das so viel Aufklärung und Unheil in die Welt gebracht, wie ein zerbrechliches Spielzeug mit einiger Beschämung zwischen den kräftigen Fingern.

»Mein Vater selig, Fremder« sagte er endlich, »hat sein Geld besser anzuwenden verstanden, als das er einen Schulmeister für mich gehalten hätte. Aber ich habe mir sagen lassen, daß die Leute in den Städten und in den Niederlassungen in solchem Falle drei Kreuze unter das Advokaten-Geschreibsel zu malen pflegen, und daß dies eben so viel ist, als hätten sie sich mit ihrem vollen Namen verpflichtet.«

»Es genügt vollkommen, Señor Eisenarm.« Der Trapper nahm die Feder wie er etwa sein Jagdmesser zu fassen pflegte, und malte nicht ohne großen Schaden derselben drei Kreuze auf das Papier, die über den halben Bogen reichten. »Uf!« sagte er, die Feder sorgfältig dem Indianer hinhaltend, nachdem er sich den Schweiß von der Stirn getrocknet - »es ist wahrhaftig ein leichter Ding, einem Apachen eine Kugel zwischen die dritte und vierte Rippe zu jagen. Alles kommt auf die Gewohnheit an.

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Jetzt ist an Dir die Reihe, Rothhaut, Deinen Totem zu malen.«

Der junge Häuptling wies mit einer kalten und stolzen Geberde die Feder zurück.

»Wonodongah kann warten.«

»Wie, Comanche, Du willst nicht die Mörder unseres Freundes in Deine Gewalt bringen?«

»Mein weißer Bruder hat das Herz eines jungen Mädchens bei dem Muth eines Mannes. Er vertraut zu leicht. Der Große Jaguar der Toyahs wird sein Totem unter jenes Papier setzen, wenn die Schielende Ratte ihm erst bewiesen hat, daß der Mann, dessen Verderben sie will, unseren Freund ermordet und beraubt hat und daß sie ihn in unsere Hand liefern kann.«

Der scharfe Instinkt und die Beobachtungsgabe des Indianers hatten richtig den egoistischen Haß des Yankee begriffen.

»Du hast Recht, Comanche,« meinte kopfnickend der Jäger. »Man muß uns die Namen nennen und die Beweise liefern, eher gilt der Handel Nichts.«

Master Brown biß sich ärgerlich die Lippen, sich so nah an der Erreichung seines Zweckes wieder aufgehalten zu sehen, aber er verbarg seinen Verdruß so gut wie möglich.

»Ihr werdet gewiß hier oder auf dem Wege hierher von der großen Sonora-Compagnie haben sprechen hören, Señor Eisenarm« sagte er, »die ein französischer Graf vorbereitet?«

»Ein Reisender, mit dem wir vor zwei Tagen unsere

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Mahlzeit theilten, hat uns davon erzählt. Es sollen ganz wackere Männer und tüchtige Jäger sich daran betheiligt haben und wenn wir nicht durch die Uebereinkunft mit unserem Freunde gebunden gewesen wären, hätten wir wohl Lust gehabt uns zu melden, besonders da« -

Der ehrliche Kanadier unterbrach sich mit einem Blick auf seinen rothen Freund.

»Ich habe die Notion, daß Ihr andere Gedanken hegen werdet, wenn Ihr erfahren habt, daß der Mann, der jene Expedition vorbereitet, und der sich Graf Raousset Boulbon nennt, eben kein Anderer ist, als Derjenige, der durch seinen Diener hinterrücks das Goldauge hat ermorden lassen und der ihn des Geheimnisses beraubt hat, um uns um unser Eigenthum zu bestehlen.«

»Carajo![Carajo!] Wenn Ihr das beweisen könnt, Fremder, und wenn er der große Kaiser Napoleon selber wäre, meine Büchse sollte ein Wort mit ihm zu sprechen bekommen.«

»Ich hoffe, Euch den Beweis geben zu können« sagte giftig der Lügner, »wenn Ihr mir versprechen wollt, vorsichtig zu sein und Euch ganz meinen Anordnungen zu fügen.«

»Wir sind Männer, Fremder.«

»Dann laßt Eure Waffen und Euer Gepäck hier bei dem Mädchen, das sich unterdeß zur Ruhe legen kann. Sie ist hier sicher wie in Abrahams Schooß. Wir haben noch einen Ausgang zu machen, bei dem uns aber nicht Eure Büchsen, sondern nur List und Vorsicht helfen können.«

Nach einer kurzen Besprechung und von dem dringenden Wunsch getrieben, sich von der Wahrheit der erhobenen

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Anklage zu überzeugen, willigten die beiden Männer ein, daß Windenblüthe allein in der Wohnung des Yankee zurückbleiben sollte, und machten sich fertig ihm zu folgen.

Master Brown empfahl dem Mädchen, das Haus unter keinen Umständen zu verlassen und Niemandem zu öffnen, obschon es an und für sich unwahrscheinlich war, daß bei der späten Zeit noch Jemand ihn heimsuchen sollte. Dann winkte er den beiden Freunden und verließ mit ihnen die Wohnung.

Obschon die Versuche des Yankee, - der damals natürlich noch keine Ahnung von dem glücklichen Zufall hatte, der ihm die Gefährten des Gambusino in die Hände führen sollte, - sich der Expedition des Grafen anzuschließen, an der bestimmten Weigerung desselben gescheitert waren und der Graf überhaupt ihn von sich entfernt hielt, hatte Master Brown doch seine Spionage über alle Handlungen seines gehaßten Gegners mit so großer Geschicklichkeit betrieben, daß er mit Hilfe eines erkauften, während der Abwesenheit des treuen Baptist in den Dienst des Grafen getretenen Burschen vollständig in dessen Wohnung Bescheid wußte und sie mehr als ein Mal heimlich betreten hatte.

Der Yankee war deshalb nicht im Geringsten verlegen, seinen Zweck zu erreichen.

Ehe er seine Wohnung verlassen, hatte er sich mit einer kleinen Blend-Laterne versehen, einem bei Nacht in den Straßen von San Francisco überdies oft sehr nöthigen Gegenstand.

Die drei Männer, der Yankee voran, gingen schweigend durch die Gassen. Nur aus einigen Spiel- und

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Trink-Häusern, in denen die Schwelgerei bis zum hellen Morgen zu dauern pflegte, schien ihnen noch Licht entgegen und tobte wüster Lärmen; den einzelnen trunkenen und händelsüchtigen Heimkehrenden, denen sie begegneten, gingen sie aus dem Wege; die Strolche, die auf nächtlichen Fang ausgingen, thaten dasselbe bei ihnen, als sie die hohen und kräftigen Gestalten des Trappers und des Indianers erkannten.

So gelangten sie ohne Hinderniß wieder auf die Plazza mayor und zu dem Hause, das der Graf mit seinen Leuten bewohnte.

Es war ein ziemlich großes einstöckiges Gebäude, mit jener fabelhaften Schnelligkeit, wie alle die Wohnungen umher aus dem Schutt des großen Brandes entstanden und deshalb auch überaus leicht aus Fachwerk, Brettern und Leinewand construirt, wie es der milde Himmelsstrich gestattete.

Der Yankee ging um das Gebäude her und überzeugte sich sorgfältig, daß nirgend mehr Licht in demselben war und Alles im tiefsten Frieden lag, dann kehrte er zu seinen beiden Begleitern zurück.

»Habt Ihr schon einen Tiger gesehen, Señores?« fragte er.

»Carajo! Ich habe ihrer wenigstens zwei Dutzend erlegt, seit ich eine Büchse führen kann. Wenn wir zurückkommen, Fremder, könnt Ihr Euch an den Kerben überzeugen, die ich an der linken Seite des Schaftes eingeschnitten. Die Rechte gehört den Apachen und ähnlichem Gewürm. Und was die Rothhaut hier betrifft, nun, so war es lange

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Zeit sein Geschäft und er hat manchen Piaster für die Häute verdient.«

Der Trapper befand sich in demselben Irrthum wie vorhin die Señora, und der Yankee berichtete denselben auch sofort. «

»Von den amerikanischen Tigern ist nicht die Rede, Señor Bras-de-fer,« sagte er, »sondern von dem indischen, der dem Grafen, unserem Feinde, gehört und der den Eingang zu dem Hause bewacht wie der beste Hüter. Sein Gebrüll, wenn ein Fremder die Schwelle bei Nacht zu überschreiten wagte, würde bald die ganze Sippschaft auf die Beine bringen. Ich bin zwar ein guter Freund der Bestie, da ich ihr jedes Mal, wenn ich hier war, irgend einen Hund oder eine Katze zum Spielen mitgebracht, und vielleicht der Einzige, den sie nicht mehr anheult; da Ihr Beide aber dabei seid, müssen wir schon einen anderen Weg nehmen, um in das Haus zu kommen. Darum seid so gut, mir nach jener Seite zu folgen.«

Er führte die Freunde nach der Rückseite des Hauses, hieß sie hier dicht an der Wand geräuschlos stehen bleiben und klopfte dann mit einem Stock vorsichtig an die Eisenstäbe eines der über Manneshöhe vom Boden befindlichen schmalen Fenster.

Nachdem er dies Signal nochmals wiederholt, wurde die Decke von getheerter Leinewand, welche an Stelle der Glasscheiben zum Schutz gegen die Nachtluft und die Musquitos diente, zur Seite geschoben und der kahl geschorene Kopf eines jungen Chinesen mit dem langen Zopf und den kleinen Schlitzaugen, welche die Schlaftrunkenheit

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fast ganz verschwinden ließ, kam an dem Gitter zum Vorschein.

»Aya, wer klopft denn noch so spät in der Nacht, ich bin müde und habe keine Lust heute zu Gesprächen.«

»Ich bin es, Tschu-sin, Dein Freund Brown. Ich habe Dich dringend zu sprechen, mach' also keine Umstände und öffne die Thür.«

»Aya, Señor Brown, Ihr seid es« meinte gähnend der Bursche. »Können wir das Geschäft nicht hier abmachen? Der Herr hat Gäste erhalten und das ganze Haus ist voll.«

»Eben deshalb. Beeile Dich ein wenig, damit ich morgen früh dem Richter Walker nicht ein Wort ins Ohr zu flüstern brauche von dem silbernen Besteck, das Du vor acht Tagen an den Hehler in der Hafenstraße verkauft hast und das ein hübsches Wappen trug, welches schwerlich Deinem Herrn, dem Grafen, unbekannt sein dürfte.«

»Pscht pscht, Herr Tschu-sin ist Euer gehorsamer Diener, Ihr wißt es ja - ich komme sogleich.«

Das Gesicht des jungen Diebes verschwand alsbald von dem Gitter und kurze Zeit darauf öffnete sich vorsichtig und geräuschlos eine kleine Thür unweit des Fensters.

Der Chinese, bloß mit seinem blauen Kaliko-Kittel bekleidet und mit nackten Beinen, trat heraus und sah sich besorgt um. Als er die dunklen Gestalten der beiden Fremden erblickte, wollte er sich erschrocken wieder zurückziehen, aber der Yankee hielt ihn bereits am Arm und zog ihn einige Schritte von der Thür weg.

Ihre leise Unterredung dauerte wohl zehn Minuten. Tschu-sin schien sich heftig gegen ein Verlangen des Yankee

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zu sträuben, aber alle Ausflüchte halfen ihm Nichts, der würdige Amerikaner hatte ihn so fest in seinen Klauen, daß der junge Schelm endlich nachgeben mußte und sich nur ausbedang, daß er bei dem gefährlichen Unternehmen auf Wachposten an der äußern Thür bleiben dürfe, um beim geringsten Anschein von Gefahr sich schleunigst aus dem Staube machen zu können.

Von dem Chinesen hatte Jonathan gehört, daß der Graf anscheinend sehr mißmuthig und zerstreut gegen Mitternacht nach Hause zurückgekehrt war, nach einer kurzen Unterredung mit Bonifaz sich in sein Zimmer zurückgezogen hatte und seit einer Stunde im Schlaf liege. Der Diener wußte aus Erfahrung, daß derselbe tief und fest zu sein pflegte.

Das Schlafgemach des Grafen ging auf eine offene Veranda nach der Meerseite und war von zwei Seiten aus dem Inneren zugänglich. Darauf hatte der mit den Lokalitäten des Hauses bekannte Amerikaner seinen Plan gebaut.

Sobald er Tschu-sin seinem Verlangen gefügig gemacht hatte, gab er ihm ein Zeichen, voranzugehen und winkte seinen Gefährten, ihnen zu folgen.

Einer nach dem Andern traten sie in das Haus und der Yankee zündete nunmehr seine Laterne an, indem er den Trapper und den Indianer bedeutete, so leise wie möglich aufzutreten und jedes Geräusch zu vermeiden.

Die Warnung war kaum nöthig. Sowohl der »Große Jaguar« wie sein riesiger Gefährte waren durch die tausend Gefahren der Wildniß oft genug in Lagen gewesen, wo der Erfolg ihrer Unternehmungen, ja ihr Leben von der

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Geräuschlosigkeit ihrer Bewegungen abhing, wo der geringste falsche Tritt, der Laut eines knisternden Blattes, eines geknickten Zweiges das scharfe Ohr ihrer Feinde treffen mußte.

Auch der Yankee schien an solche Späher-Gänge gewöhnt; denn er zog in dem Korridor, den sie betreten seine Schuhe aus, steckte sie in die weiten Taschen seines Rockes und schlich auf den Strümpfen jetzt voran, indem er den schwachen Schein der Laterne sorgfältig in seinem Hut versteckte.

Der Chinese blieb an der Thür zurück, bereit, bei dem geringsten Geräusch seinen Dienst zu quittiren und sich auf französische Manier zu empfehlen. Seine Mittheilungen hatten den Yankee bedeutet, wo die am Abend Angekommenen untergebracht waren, und es war ihm daher möglich, sich danach zu orientiren und die Räume zu vermeiden, in denen sie auf einen der Schläfer stoßen konnten, deren Schnarchen oder unruhiges Athmen sie mehr als ein Mal durch die dünnen Thüren oder die Matten, welche deren Stelle vertraten, hören konnten. Sonst herrschte die tiefste Stille in dem ganzen Hause.

Aus dem Korridor führte ein offener Ausgang nach dem kleinen, von dem Quadrat der Gebäude umgebenen Hof. Wie Schatten glitten die Drei über den Raum und erstiegen auf der nächsten Seite die vier Stufen, die zu der Seite des Hauses führten, in welcher das Schlaf- und Arbeitszimmer des Grafen lag. Eine kleine Holz-Estrade lief um die innere Seite des Gebäudes und auf diese öffnete sich eine der Thüren des großen Gemaches.

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Zu seiner Freude fand der Amerikaner, daß diese Thür, wahrscheinlich der Hitze wegen, nur angelehnt war.

Ein Wink bedeutete seine Begleiter, näher zu kommen, dann bog er den Kopf an die Spalte und lauschte sorgfältig.

Nichts ließ sich hören, als ein schwerer, aber ruhiger und regelmäßiger Athemzug. Der Graf, der in diesem Punkte die kleinen Eigenthümlichkeiten seines berühmten Geschlechtes theilte, schlief einen festen und gesunden Schlaf.

Unhörbar öffnete die geschickte Hand des nächtlichen Spions die Thür und die Drei traten lautlos in das Zimmer.

Ein leichter Schein der Diebslaterne genügte, um die einfache Einrichtung desselben zu zeigen. An den weißgetünchten Wänden hingen Waffen und einige Kleidungsstücke, an der Winkelwand der Veranda stand ein großer Tisch mit Papieren, einer Reisetoilette und einer Karte von Mexiko, an der entgegengesetzten Wand, mit dem Kopfende an derselben und auf beiden Seiten frei, ein niederes Ruhebett, von dem Mousselin-Vorhang verhüllt, der von der Decke darüber niederfiel, um den Schläfer gegen jene lästigen nächtlichen Gäste, die Mosquitos, zu schützen.

Der Tisch, das Bett und einige Rohrstühle bildeten das ganze Mobilar des Zimmers.

Nachdem sich Master Brown überzeugt hatte, daß ihr Eintreten nicht bemerkt worden war, schritt er mit lautlosen Katzentritten nach der einen Seite des Bettes, während seine Gefährten ihm folgten.

Hier blieben sie stehen und lauschten nochmals. Nichts ließ sich hören als der regelmäßige schwere Athemzug.

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Plötzlich machte der Indianer eine Bewegung, um die Aufmerksamkeit seines Gefährten zu erregen. Dann hob er die Hand auf und streckte zwei Finger in die Höhe.

Sein scharfes Gehör hatte ihn das Athmen einer zweiten Brust hören lassen. Der Trapper beugte aufmerksamer den Kopf an den Vorhang, dann nickte er bestätigend, denn er hatte sich von der Richtigkeit der Bemerkung des Indianers überzeugt. Diese Bestätigung schien das Unbehagen des Yankee bedeutend zu vermehren und er sah umher, als dächte er an einen Rückzug. Aber ein Blick auf das finstere strenge Gesicht des Comanchen und das Bewußtsein, daß für ihn Alles auf dem Spiele stand, gab ihm die frühere Zuversicht wieder, und vorsichtig und langsam zog er den Vorhang der Mosquetaire zurück und ließ einen schwachen Strahl der Blendlaterne auf das Lager fallen.

Zwei Schläfer ruhten auf demselben: der Graf und, von seinem Arm umschlungen, eine zweite kleine zierliche Gestalt, halb bekleidet in der leichten Leinewandtracht eines Knaben.

Ihr Kopf war auf die breite offene Brust des Grafen gelehnt, ihr Schlaf sanft und süß, wie die leisen ruhigen Athemzüge und das freundliche Lächeln auf ihrem Gesicht bewiesen.

Ein Blick genügte dem Yankee, um in diesem nur leicht durch die seitherigen Strapazen der Reise und die Glut der mexikanische Sonne veränderten Gesicht seinen Reisegefährten von Hâvre nach Newyork, den jungen Verwandten und steten Begleiter des Grafen zu erkennen, der

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seit drei Monaten aus San Francisco mit dem alten Avignoten verschwunden gewesen war.

Ein zweiter Blick erklärte ihm das, was ihm bisher trotz seines Spähertalentes ein Geheimniß geblieben war: - aus dem leichten Linnenhemde des schlafenden Knaben hob sich der Busen einer Frau.

Es war in der That Suzanne, die in dem Arm des Mannes ruhte, dem sie ihre ganze Liebe und Treue, ihr ganzes Leben so hingebend geopfert hatte.

Ein höhnisches Lächeln über das entdeckte Geheimniß seines Feindes überflog das häßliche Gesicht des Yankee und er hob spöttisch seinen Schielblick zu seinen Gefährten, um sie auf diesen Umstand aufmerksam zu machen.

Der Trapper blickte gleichgültig, doch nicht unfreundlich auf die junge Frau; der Indianer aber hatte in dem natürlichen Schicklichkeitsgefühl, das ihm innewohnte, schon nach dem ersten Moment seine Augen von der Frau ab- und auf die athletische Gestalt des vermeintlichen Mörders seines alten Gefährten gewendet. Je länger sie in dem matten Licht der Diebslaterne auf dieser Gestalt hafteten, desto glühender und drohender wurden sie und bohrten sich gleichsam fest auf eine Stelle auf der Brust des Grafen.

Ohne daß seinen Lippen ein Laut entfloh, schien doch sein bezeichnendes »Hugh« seinen Gefährten so deutlich ans Ohr zu schlagen, daß ihre Blicke sich gleichfalls auf die Stelle bannten, welche alle Aufmerksamkeit des Indianers gefesselt hielt.

In der That befand sich hier der Beweis, welchen sie

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verlangt hatten und welcher jeden Argwohn, jedes Mißtrauen schwinden machen mußte.

Das kleine, ihnen wohlbekannte Ledersäckchen des Gambusino, in dem er seinen Schatz, die rohe Zeichnung des Weges zu der Goldhöhle, verborgen hatte, ruhte frei auf der breiten Brust des Grafen und war mit einer starken goldenen Kette an seinem Nacken befestigt. Man hätte es nicht ohne Kampf, wahrscheinlich nur mit seinem Leben ihm entreißen können.

Dieses schien die Entdeckung ihn auch kosten zu sollen.

Der triumphirende Blick, mit dem der Yankee zu seinen beiden Gefährten aufschaute und auf die Reliquie wies, verwandelte sich in einen Blick des Schreckens und der Furcht, als er auf den grimmigen Ausdruck traf, welcher das Antlitz des Indianers verzerrte und als er das Vorhaben desselben bemerkte.

Obschon Wonodongah seine Büchse und seinen Tomahawk in der Wohnung des Yankee zurückgelassen, war er doch nicht ohne Waffen, denn in seinem Gürtel steckte das lange scharfe Messer, dessen er sich auf der Jagd, im Handgemenge und zum Skalpiren seiner Feinde bediente,

Mit einer blitzschnellen Bewegung hatte er es aus seiner Scheide von Schlangenhaut gerissen und schwang es zum Stoß, der das Herz des vorgeblichen Mörders durchbohren sollte.

Der halblaute Ruf, der auf den Lippen des Yankee schwebte, dessen Pläne diese That so sehr vereitelt hätte - selbst die kräftige Hand des Trappers, die sich alsbald nach dem Arm seines Kampfgefährten ausstreckte, hätten die

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That nicht mehr verhindern können, wenn nicht ein Zufall oder vielmehr jener geheimnißvolle Magnetismus der Seele, der die Gefahr der geliebten Person vor- und mitempfindet, die That abgewendet hätte.

Die schöne Schläferin an der Seite des Grafen machte im Traume eine Bewegung, ein Seufzer entfloh den halb geöffneten Lippen und ihr voller Arm legte sich wie schützend quer über die Brust ihres Geliebten.

Das Herz des Mannes hätte nicht durchbohrt werden können, ohne die Frau verletzen.

Die Hand des Comanchen zögerte, wie um eine andere todbringende Stelle zu suchen. Diesen Augenblick benutzte die Faust des Trappers, um jene zu fassen und ihr das Messer zu entwinden.

»Wonodongah ist kein Mörder, sondern ein Krieger,« flüsterte streng der Kanadier.

Die Worte waren tonlos gesprochen, sie konnten unmöglich die Schläfer stören; aber die unvermeidliche heftige Bewegung bei dem kurzen Ringen und der nur halb unterdrückte Ruf des Yankee selbst hatten dies gethan.

Der Graf schlief fest weiter, aber die Augen der jungen Frau öffneten sich langsam und starrten verwundert und noch schlaftrunken in das Halblicht empor.

Dieser Blick wurde plötzlich starrer und drückte ein unbestimmtes Entsetzen aus, das sich mit jedem Moment vergrößerte und bewußter wurde.

Die Augen der jungen Frau waren, als sie sich öffneten, auf das von der wilden Kriegsmalerei und dem Ausdruck von Haß und Rachsucht zu einem Medusenhaupt

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entstellte Antlitz des Indianers getroffen und blieben an diesem haften.

In den ersten Momenten glaubte Suzanne offenbar unter dem Druck eines bösen Traums zu leiden und starrte sprachlos die furchtbare Erscheinung an.

Erst das Verschwinden des Lichtstrahls, das Niederfallen der Gardine und das Wort »Adelante!« (fort!), das sie zu hören glaubte, brachte sie zum Bewußtsein.

Sie stieß einen lauten Schrei aus und fuhr entsetzt von dem Lager empor.

So gesund und fest auch der Schlaf des Grafen war, so erwachte er doch sofort von diesem Ruf und griff zuerst nach seinen Pistolen, die über dem Kopfende seines Lagers hingen.

»Was ist? Was giebt's?«

»Um der heiligen Jungfrau willen, Aimé[e], erhebe Dich - es sind Feinde im Hause - ein furchtbares Gesicht - ein Wilder -«

»Du träumst, Suzanne!«

Während die junge Frau sich bereits bemühte, Licht zu machen, erhob sich trotz seines Unglaubens der Graf.

Als er den Fuß auf den Boden setzte, traf dieser auf einen harten Gegenstand, den er von der Rohrmatte aufhob.

»Bei allen Heiligen, Aimé[e], ich habe es deutlich gesehen - Männer im Zimmer - Licht - eine furchtbare Gestalt, die sich über Dich beugte -«

Sie hatte die Lampe zum Brennen gebracht - ihr Strahl fiel auf den Gegenstand, den der Graf in der Hand hielt.

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»Pardioux! - Du kannst Recht haben! Wie kommt das indianische Messer hierher?«

Er sprang vollends empor und faßte seine Waffe.

In diesem Moment hörte man aus dem Innern des Hauses den Knall eines schwachen Pistolenschusses.

Der Graf warf einen Ueberrock über die Schultern und eilte hinaus. - - -

Der Schuß hatte die meisten Bewohner des Hauses geweckt. Ehe sie sich aber aufgerafft und in einen Zustand gebracht hatten, um hinauseilen zu können, war doch eine kurze Zeit vergangen.

Der Graf war daher einer der Ersten, die in dem gegenüberliegenden Theile des Hauses erschienen, wo die Schlafzimmer seiner mexikanischen Gäste lagen und von wo aus man den Schuß gehört.

In der That sah man beim Schein der herbeigebrachten Lichter noch an der Decke des Korridors den Rauch des Pulvers wirbeln.

Nirgends aber war der Schütze oder sein Ziel zu sehen. Auch Don Esteban da Sylva Montera erschien alsbald unter der Gruppe, neugierig und erstaunt über die nächtliche Störung, und mit ihm seine beiden Diener. Nur die Thür der Señora Dolores blieb verschlossen und auf den Befehl des Grafen wagte man nicht, sie zu stören, obschon im Schein der Lichter geradeüber von ihrer Thür auf dem Estrich des Ganges eine kleine frische Blutbahn entdeckt wurde.

Von dieser führten leichte Blutspuren bis zu jener Hinterthür des Hauses, durch welche Tschu-sin die drei

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Männer eingelassen hatte. Die Thür war offen, der Chinese aber befand sich unter den versammelten Hausbewohner mit der erschrockensten und unschuldigsten Miene und in so derangirtem nächtlichen Anzuge, daß nicht der geringste Verdacht gegen ihn laut wurde.

Nachdem man lange vergeblich eine Lösung der räthselhaften Störung gesucht, nahm man an, daß irgend einer der Vagabonden, an denen San Francisco keinen Mangel hat, einen der häufig vorkommenden Einbrüche versucht und wahrscheinlich auf der Flucht vor dem entstandenen Geräusch sich durch Selbstentladung seiner Waffe verletzt habe.

Der Graf beorderte eine Wache aus seinen Leuten an die Thür und bat seinen Gast, sich unbesorgt wieder zur Ruhe zu begeben. - -

Wir wollen nachtragen, was auf der Flucht der Drei sich während der wenigen Minuten ereignet hatte.

Als der Yankee seinen Gefährten das »Fort!« zugerufen und den Vorhang des Bettes hatte fallen lassen, hatte er zugleich den Arm des Trappers gefaßt und ihn mit sich fortgezogen, überzeugt, daß der Indianer ihnen dicht auf den Fersen folgte.

Dies war anfänglich auch in der That der Fall.

Die Uebung der Wildniß hatte sie ohne jedes Geräusch durch die angelehnte Thür schlüpfen lassen. In gleicher Weise eilten sie rasch über den Hof und betraten die andere Seite des Hauses, durch welche sie eingedrungen waren.

Hier aber bemerkte der Comanche, daß er sein Jagdmesser verloren, und in dem Glauben, daß es an der Thür des Schlafzimmers geschehen, kehrte er mit zwei Sprüngen

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dahin zurück, um es aufzuheben, während seine beiden Gefährten bereits den Korridor betreten hatten, der zur Ausgangsthür führte. Indem sie diesen entlang schritten und nicht mehr durch den Schein ihrer jetzt vorsichtig ausgelöschten Laterne unterstützt wurden, stolperte der Yankee über eine in dem Korridor befindliche Stufe und verstauchte sich den Fuß, was ihn einen leichten Schmerzensruf ausstoßen ließ. Der Trapper half ihm jedoch sofort wieder empor und zog oder trug ihn vielmehr weiter, ohne sich nach seinem rothen Gefährten umzusehen, dessen Gewandtheit und Kaltblütigkeit in der Gefahr er vollkommen vertrauen konnte, überzeugt, daß wenn es nöthig, er ihnen den Rücken decken und ihren Rückzug beschützen würde.

Zu diesem Ende gab er ihm bloß das für solche Fälle zwischen ihnen bei den Gefahren in der Wildniß verabredete Signal, indem er leise aber durchdringend das Zischen der Klapperschlange nachahmte.

Der Häuptling war bis an die Thür des Schlafzimmers zurückgesprungen, als er hier die Stimme Suzannes hörte, welche den Grafen weckte und ihn zu Hilfe rief. Er begriff sofort, daß in wenig Augenblicken das Haus allarmirt sein würde und, sein Messer im Stich lassend, eilte er mit der Schnelligkeit des flüchtigen Hirsches zurück, um seine Freunde einzuholen.

Er hatte den Korridor wieder erreicht, als ihn von dem andern Ende desselben das Signal seines Gefährten traf.

Sofort blieb sein Fuß wie gefesselt stehen und seine Hand faßte nach dem Gürtel, um den Tomahawk zu

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ergreifen; aber die Stelle war leer, er hatte ihn mit seiner Büchse und seiner Schießtasche in der Wohnung des Yankee zurücklassen müssen.

Der junge Indianer war jetzt völlig waffenlos, aber nichts desto weniger stand er keinen Augenblick an, dem Signal seines Freundes zu gehorchen und blickte in dem Dunkel umher, um zu erkunden, von woher die Gefahr drohe und ihr seine Brust entgegenzuwerfen.

Gerade gegenüber bemerkte er sogleich durch die Ritzen der Thür einen Lichtschein und fast zugleich öffnete sich diese Thür selbst und der Strahl einer Kerze fiel auf den Korridor und auf seine dunkle Gestalt.

Der Anblick, der sich ihm bot, schien einen so tiefen Eindruck auf ihn zu machen, daß seinen Lippen unwillkürlich der gewohnte Ausruf des Erstaunens, das bezeichnende »Hugh« entfloh.

In dem Rahmen der Thür stand eine schlanke Frauengestalt in einem weiten faltigen Nachtgewande, das schöne Gesicht mit dem entschlossenen Ausdruck und dem blitzenden Auge von langen dunklen Locken fessellos umwallt. In der linken Hand hielt die Dame vorgestreckt das Licht, dessen Schein auf die wilde Gestalt des Indianers in ihrer drohenden Stellung fiel, während die Rechte herabhängend ein gespanntes Terzerol umfaßte.

Der Comanche machte fast unwillkührlich eine Bewegung auf die Dame zu, denn er kannte sehr wohl dieses kühne Auge und diese stolze, der Gefahr trotzende Gestalt, als sich blitzschnell die Rechte der Dame hob und der Pistolenschuß knallte.

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Die Kugel streifte den Oberarm des Häuptlings und das Blut rieselte aus den zerrissenen Arterien nieder und färbte den Boden.

In demselben Augenblick erklang von der Hinterthür her das zweite Signal des Trappers, welches den Comanchen eilig herbeirief.

Einen Augenblick noch zögerte der Häuptling, dann warf er sich plötzlich vor der Dame, die so eben die Kugel auf ihn abgefeuert, nieder, drückte den Saum ihres Gewandes an seine Lippen und deutete dann auf die blutende Wunde an seinem Arm.

»Das Blut Wonodongah's gehört der Tochter der großen Sonne. Möge sie sich stets daran erinnern!«

Erst jetzt erkannte Señora Dolores, - denn die stolze Spanierin war es, welche auf das verdächtige Geräusch und den Schrei vor ihrem Schlafgemach so kühn der Gefahr entgegengetreten war - unter der Kriegs-Malerei des Indianers das ihr wohlbekannte Gesicht des ehemaligen Tigrero.

Eine dunkle Röthe überlief ihre Stirn, der Mund schwellte sich stolz zu einem Wort der bitteren Verachtung und des Widerwillens, aber ehe dies Wort ihren Lippen entflohen, war der Gegenstand desselben gleich einem Schatten im Dunkel des Corridors verschwunden.

Einen kurzen Moment noch blieb die Dame stehen. Der Blick, den sie in das Dunkel des Ganges, hinter dem Häuptling drein warf, war ein seltsames Gemisch von Trotz, Bitterkeit und Besorgniß. Dann verlöschte das Licht

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in ihrer unwillkü[h]rlich bebenden Hand und die Thür schloß sich hinter ihr, bevor der Graf in den Corridor stürzte.

Zwei Worte des Yankee hatten die Angst des jungen Spitzbuben Tschu-sin beruhigt und ihm den Befehl gegeben, in seine Kammer zurückzukehren und sich nicht um sie zu kümmern, als der Indianer erschien und ohne mit einer Silbe seine Verwundung zu verrathen, dem Trapper half, Master Brown aus der Umgebung des Hauses in die nächste dunkle Seitengasse zu führen, von wo sie unverfolgt den Stadttheil erreichten, in dem seine Wohnung lag.

Auf ihr Zeichen öffnete Windenblume[Windenblüthe], die mit der Geduld eines Indianer-Mädchens in ihrer Ecke sitzen geblieben war, ohne sich zur Ruhe zu legen, die Thür. Eisenarm und der Jaguar ließen ihren fluchenden Gefährten auf einen Stuhl sitzen und der Indianer kniete neben ihm nieder, um die Verletzung des Fußes zu untersuchen.

Erst jetzt bemerkte der Trapper, daß sein Freund verwundet war.

»Du blutest, Wonodongah, was ist geschehen? Hat der Schuß, den wir hörten, Dich getroffen?«

»Es ist Nichts,« sagte mit seinem tiefen Gutturalton der Indianer. »Mein Freund mag ruhig sein - zwei Blätter des Espe werden genügen, die Schramme zu heilen und der Große Jaguar wird nicht verhindert sein dem Feinde entgegenzutreten, wenn die Sonne über die Felsgebirge emporsteigt. - Kann die »Schielende Ratte« ihren Fuß so weit bewegen, um jenes Papier aus dem Schranke zu holen, das des Totems eines Häuptlings bedarf?«

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»So wollt Ihr jetzt den Contrakt unterschreiben?« fragte der Yankee vergnügt.

Ein Blick blutiger Rachgier und grimmigen Hasses aus den Augen des Indianers antwortete ihm. Es war, als ob in diesem Blick sich jede wilde Leidenschaft seines Herzens concentrirt hätte.

»Der Adler des Weißen wird das Messer Wonodongah's an dem Lager seines Weibes finden« sagte er stolz. Es ist Krieg zwischen dem Jaguar und dem Mörder des Goldauge, so lange der Odem des großen Geistes die Brust eines Häuptlings schwillt. Ich schwöre bei den Gebeinen meiner Väter, welche die Hunde von Apachen in der Wüste bleichen lassen, daß der Fremdling nicht lebendig die Goldhöhle erreichen wird. Gieb den Vertrag!«

Der Yankee hatte sich beeilt, trotz seiner Schmerzen ihn herauszuholen und auf den Tisch zu legen. Der Indianer ergriff die Feder und malte sein Totem, die rohe Gestalt des Thieres, dessen Namen er führte, unter das verhängnißvolle Dokument.

Ein Strahl des habsüchtigen Triumphes schoß über das widerwärtige Gesicht des Speculanten, als er jetzt diese beiden Männer an sein Interesse gebunden wußte. Diese Befriedigung steigerte sich noch, als der Indianer nach der Untersuchung seines Fußes die übersprungenen Flechsen ihm mit jener Gleichgültigkeit gegen eigenen oder fremden Schmerz, welcher seine Race auszeichnet, wieder einrenkte, und ihm aus seinem Medicin-Beutel ein die Geschwulst stillendes Mittel auflegte, mit der Erklärung, daß der Fuß

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in vierundzwanzig Stunden wieder ganz hergestellt sein würde.

Kurze Zeit darauf lagen die drei Kinder der Wildniß auf den ihnen angewiesenen harten Lagern in festem Schlaf, während der Yankee sich ruhelos auf dem seinen hin und her warf und trotz der Schmerzen, die ihm der Fuß verursachte in den Träumen des unermeßlichen Reichthums berauschte.



Als der Graf am Morgen erwachte, stellte er zunächst, während seine Gäste sich noch dem tiefen Schlummer nach den Strapatzen der Reise hingaben, nochmals eine kurze Untersuchung über die Abenteuer der Nacht an, ohne daß er jedoch ein anderes Resultat erhielt. Die Angaben Suzannas über das, was sie gesehen haben wollte, schienen offenbar mit den Schreckbildern ihrer Phantasie gemischt und waren überdies schwankend und unbestimmt, so daß die Zahl der nächtlichen Einbrecher nicht festgestellt werden konnte. Auch der Beschreibung des schrecklichen Gesichts mit den grellen Farben wollte der Graf keinen Glauben schenken, da alle bisherigen Erfahrungen dagegen sprachen, daß ein Indianer einen solchen verwegenen Streich gewagt haben sollte. Die Rothhäute Californiens sind ein zu demüthiger feiger Schlag, als daß sie sich unter das kecke Raubgesindel San Francisco's mischen sollten.

Weit wichtiger war dem Chef und Gründer der Sonora-Compagnie die Nachforschung nach den beiden Männern, die er am Abend vorher vergeblich auf der plazza mayor erwartet hatte.

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Durch die kurze Mittheilung des Kreuzträgers wußte er, daß der Trapper Bras-de-fer auf dem Wege nach San Francisco gesehen worden.

Nachdem er sich mit seinem treuen Bonifaz berathen hatte, der, wenn er auch nicht sein ganzes Geheimniß kannte, doch wenigstens wußte, daß zur Ausführung seiner Pläne jene Männer von seinem Gebieter erwartet wurden und ihm nöthig waren, holte man den Kanadier herbei, um ihn nochmals zu befragen und seinen Beistand in Anspruch zu nehmen.

Zwei so aufrichtige und unverfälschte Naturen wie der Sackträger von Avignon und der gefährliche Feind der Apachen mußten sich bald erkennen und finden und das war in der That auch der Fall gewesen.

Der Graf hatte die beiden Männer in seinem Arbeitszimmer empfangen, auf dessen Tisch noch das Messer lag, das er in der Nacht auf dem Teppich vor seinem Bett gefunden, und theilte hier dem Jäger, so weit es nöthig war, seinen Wunsch mit.

»Ventre bleu!« meinte der kleine Franzose, »ich will zwar nicht sagen, daß meiner Mutter Sohn nicht eben so gut eine Fährte durch die Einöde finden oder einen Apachen zu Boden bringen kann, was Euer Excellenz mein Kerbholz bewiesen hat, wie irgend ein anderer Mann zwischen hier und Arkansas; aber ich habe meiner Treu Nichts dawider, wenn eine Büchse von dem Ruf Bras-de-fer's in unserer Gesellschaft zu finden ist. Ich bin nicht eifersüchtig auf den Ruhm eines Kameraden, Excellenz, und der Teufel soll mich holen, wenn ich nach der gestrigen Probe mit

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diesem verdammten Wasser-Piraten nicht begierig bin, mit meinen Augen zu sehen, ob Eisenarm oder Euer Excellenz eine stärkere Faust besitzen.«

Der Graf lächelte. »Ich hoffe,« sagte er, »es wird zu keinem Streit darüber zwischen mir und Meister Eisenarm kommen und wir wollen die besten Freunde werden, aber eben deshalb muß ich ihn und seinen Kameraden, den man den Großen Jaguar nennt, so bald als möglich sprechen.«

Der Kreuzträger hatte während dieser Worte mit der Ungenirtheit der amerikanischen Steppenbewohner das Messer in die Hand genommen, das neben ihm auf dem Tisch lag und es zuerst gleichgiltig, dann aber aufmerksamer betrachtet.

Er sah den Grafen erstaunt an.

»Euer Excellenz wünschen den Großen Jaguar der Comanchen zu sprechen, aber Sie haben ihn ja gesehen!«

»Ich?«

»Parbleu ja, oder meine Augen fangen an, schlecht zu werden. Ich müßte mich sehr irren, wenn dies nicht das Messer der tapferen Rothhaut ist, denn auf dem Griff hier sehe ich seinen Totem eingeschnitten.«

Der Graf ergriff hastig das Messer und besah es. In der That war auf dem Horngriff die rohe Gestalt eines Thieres mit indianischer Kunstfertigkeit eingeschnitten, die man für die eines springenden Jaguars gelten lassen konnte.

Die plötzliche Entdeckung, daß die beiden von ihm gesuchten Männer in dieser Nacht an seinem Lager gewesen waren, und der Zweifel, in welcher Absicht dies geschehen, machten den Grafen einen Augenblick bestürzt. Er fühlte,

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daß hier ein Geheimniß vorlag, das er nicht zu lösen vermochte. Wie konnten die beiden Jäger im Innern der amerikanischen Wüste wissen, daß ein ihnen ganz fremder Mann in Verbindung mit dem Gambusino gestanden hatte, und wenn sie dies durch einen Zufall erfahren hatten, warum suchten sie ihn nicht zu einer passenderen Zeit auf? Oder hatte der nächtliche Besuch überhaupt den anderen verbrecherischen Zweck, wie er anfangs angenommen, und war es gerade Zufall, daß der Einbruch ihn betroffen?

Dennoch mußte der verbreitete und auch von dem Kreuzträger verbürgte Ruf der Ehrenhaftigkeit jener beiden Männer ihn mit Recht daran zweifeln machen, daß sie sich an einem gemeinen Verbrechen betheiligt haben sollten.

Wie gesagt, es waren dies sich ihm aufdrängende Fragen, die er trotz alles Nachdenkens nicht zu lösen vermochte. Das Einzige, was er unter diesen Umständen thun konnte, war, den beiden anwesenden Männern anzuempfehlen, sich die möglichste Mühe zu geben, um den Trapper und seinen indianischen Gefährten in San Francisco zu ermitteln und sobald als möglich zu ihm zu führen.

Es war unterdeß Zeit geworden, sich um seine mexikanischen Gäste zu bekümmern und der Graf sandte dem Senator und seiner Tochter eine höfliche Botschaft, um sie zum Frühstück einzuladen.

Señora Dolores lehnte jedoch die Einladung ab und blieb den größten Theil des Tages unter dem Vorwande der Ermüdung auf ihrem Gemach, wohin ihr Suzanne weibliche Bedienung sandte.

Der Senator dagegen erschien und nachdem die

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gewöhnlichen steifen Höflichkeiten der spanischen Umgangsform getauscht waren, auf welche die Mexikaner - die sich einer Abstammung von dem »blauen Blut« der alten Conquistadoren rühmen - noch immer mit großer Strenge halten, und das Frühstück eingenommen war, eröffnete er sofort die diplomatischen Verhandlungen mit dem Grafen, der ziemlich zerstreut ihnen folgte.

Wir werden sogleich näher darauf zurückkommen.

Bonifaz und der Kreuzträger gaben sich während des ganzen Tages die größte Mühe, den Trapper und seinen indianischen Gefährten zu ermitteln; aber obschon es das recht eigentliche Gewerbe des Kreuzträgers als Rostreador oder Spurfinder war, auf die geringsten Anzeichen hin Menschen und Thiere zu verfolgen und zu entdecken, hatten sie am Abend nicht die mindeste weitere Spur von den Gesuchten gefunden und kamen zu der Ueberzeugung, daß sie entweder gar nicht in San Francisco anwesend gewesen und das Messer mit dem Totem des Jaguars durch Zufall in eine andere Hand gefallen war, oder daß die Beiden in der Nacht bereits die Stadt wieder verlassen haben müßten.

Jonathan Brown war ein zu schlauer Kunde, als daß er sich nicht auf die Nachforschung vorbereitet haben sollte. Wir wissen, mit welchen Lügen er seine neuen Verbündeten getäuscht und wie er sie an seine Interessen gefesselt hatte. So wurde es ihm denn auch leicht, sie zur strengsten Verborgenheit zu bewegen, die um so leichter auszuführen war, als sie die Wohnung bei Nacht betreten hatten und so von Niemandem weiter gesehen worden waren.

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Der Yankee dagegen, um jeden Verdacht zu vermeiden, ließ sich vielfach in den Straßen und auf der Plazza mayor in der Nähe der Wohnung des Grafen sehen, und beobachtete, was dort vorging. Zugleich benutzte er die Gelegenheit, denn trotz seiner Klagen fehlten ihm die Mittel dazu nicht, für die Ausrüstung seiner eigenen Expedition zu sorgen, um jeden Augenblick bereit zu sein, der abenteuerlichen Sonora-Company zu folgen.

Unter dieser herrschte ein reges Leben und Treiben, denn die Erklärung des Grafen am Abend vorher, daß die Expedition schon in den nächsten Tagen nach Guyamas unter Segel gehen werde, veranlaßte laute Freude und gab Allen Beschäftigung genug, um die letzten Vorbereitungen zu ihrer Ausrüstung zu treffen.

Auch am folgenden Tage blieben die Nachforschungen des Avignoten und des Kreuzträgers ohne Erfolg und der Graf konnte sich nicht mehr verheimlichen, daß er durch einen unglücklichen Zufall das Rendezvous mit den beiden Freunden des todten Gambusino verfehlt habe, oder daß sie gar nicht nach San Francisco gekommen waren. Die Thatsache stand fest, daß er mit seinen Plänen auf die Ausbeutung der Goldhöhle jetzt allein auf sich und die geringen Fingerzeige angewiesen war, welche die unvollkommene Zeichnung des Goldsuchers ihm gewährte.

Graf Boulbon war jedoch nicht der Mann, um wegen dieser Vereitlung seiner zuversichtlichen Erwartungen seinen Plan und seine Hoffnungen aufzugeben. Er vertraute wie immer im Leben seinem guten Glück und seiner Entschlossenheit und hoffte, wenn er sich erst in der Sonora befände,

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mit Hilfe des mit der Wüste vertrauten Rostreadors die beiden Personen noch aufzufinden, deren Begleitung ihm so nöthig war.

In jedem Fall mußte die Expedition, wie er den Theilnehmern und den Aktionären verheißen hatte, in diesen Tagen ihren Auszug nehmen und er durfte um keinen Preis sich merken lassen, wie sehr seine Hoffnungen getäuscht worden waren.

Unter diesen Umständen kann ihm die Mission des Senators Don Esteban um so willkommener.

Wir haben bereits angeführt, daß derselbe als Bevollmächtigter des neuen Präsidenten der Republik, des Generals Cavallos, die beiden Agenten, welche der Graf an die frühere Regierung geschickt, begleitet hatte, denn der General mußte Alles aufbieten, um sich Stützen und Anhänger gegen die andern Prätendenten und namentlich gegen die Versuche Santa Annas zu schaffen, das Heft des Staates wieder in seine Hände zu bringen.

Das Anerbieten des Grafen Boulbon, mit der von ihm geworbenen Schaar die so wichtige Provinz Sonora von den räuberischen Apachen zu säubern und einen Feldzug in das Gebiet derselben zu machen, war ihm daher sehr willkommen, um so mehr, als die reiche Kaufmannschaft von Guyamas und der anderen Hafenstädte, sowie die Versammlung der Hacienderos sich willig erboten hatten, alle Kosten der Expedition zu tragen.

Wenn die Abenteurer-Schaar erst ihren Zweck erfüllt, war es einem Manne von dem weiten Gewissen des

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mexikanischen Präsidenten immerhin ein Leichtes, sich ihrer auf die eine oder andere Weise zu entledigen.

Zwischen dem mexikanischen Staatsmanne und dem französischen Abenteurer wurde daher nach langen Verhandlungen ein Abkommen geschlossen, dem zufolge der Graf Raousset Boulbon sich verpflichtete, mit einer Schaar von 200 vollständig ausgerüsteten Männern in den Dienst des Staates Sonora unter Anerkennung des Präsidenten Cavallos zu treten und die nördlichen und die östlichen Grenzen des Staates gegen die räuberischen Einfälle der Apachen zu schützen. Die Ausdehnung der Maßregeln blieb seinem eigenen Ermessen überlassen, wogegen eine geheime Klausel des Vertrages ihn verpflichtete, neben der Indianer-Expedition, sofern es nöthig, in dem Staat für die Anerkennung und die Person des neuen Präsidenten aufzutreten.

Don Esteban, einer der reichsten und angesehensten Hacienderos an der Grenze, war beauftragt, mit seiner Kenntniß des Landes und des Feindes den Grafen zu unterstützen und zu diesem Behufe die Expedition zu begleiten.

Der Graf fühlte sehr wohl, daß dies weniger zu seiner Unterstützung, als gewissermaßen zu seiner Beaufsichtigung geschähe; er mußte indeß es der Zukunft überlassen und fühlte sich Mannes genug, im entscheidenden Augenblick sich nöthigen Falls jede lästige Einsprache vom Halse zu schaffen.

Für die Dienste des Grafen und seiner Schaar verpflichtete sich die Kaufmannschaft von Guayamas und die Asemblée der großen Grundbesitzer, dem Grafen fünfzigtausend Dollars zur Einrichtung und für jeden Monat einen Sold von 10,000 Dollars zu zahlen, sowie nach

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beendigtem Kriege jedem Manne zehn Acres Land, den Offizieren der Expedition dagegen fünfzig in der Provinz zur Niederlassung zu gewähren.

Indem der Graf diese reellen Offerten mit seinen Projekten und Träumen von dem Zuge nach der Goldhöhle zusammenschmolz, verband er die Nothwendigkeit mit den ehrgeizigen Plänen, welche die Verhältnisse in ihm anregten und wozu ihm das Vertrauen des sterbenden Gambusino die Mittel gewähren sollte, wenn er eben diese seltsame und gefährliche Erbschaft realisiren könnte.

Daß Gefahr irgend einer Art ihn nicht abschrecken würde, war bei dem Charakter des Grafen selbstverständlich.

Zur Beschleunigung der Verhandlungen trug offenbar nicht wenig die eigenthümliche und dominirende Erscheinung der Señora Dolores bei. Die bewußte Macht ihrer Schönheit, die sie zur Schau trug, verfehlte nicht ihren Eindruck auf die empfängliche Phantasie des Grafen und er zeigte sich sofort offen als ihren Bewunderer.

Der vertrauenden, aufopfernden, aber doch besorgten Suzanne gegenüber wußte er sich leicht mit der Andeutung zu rechtfertigen, daß die Gewinnung des Señor Don Esteban für den Erfolg seiner Pläne unbedingt nothwendig sei, und in der That überredete er sich selbst, daß dem so wäre; denn der stolze, aber schlaue und ehrgeizige Spanier kam ihm auf halbem Wege entgegen und ihre Pläne nahmen bald einen so hohen Schwung an, wie er kaum je geträumt.

Es ist wohl kein Land in der Welt, in dem die Herrschaft und das Gouvernement so vielen und leichten Schwankungen

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und Wechselfällen unterworfen gewesen ist, als gerade Mexiko seit seiner Losreißung von Spanien.

Die Pronunciamentos - das heißt die Aufstände - jedes ehrgeizigen Generals, ja jedes untergeordneten Offiziers, der an die Spitze der Republik, an das Gouvernement einer Provinz kommen oder wenigstens eine höhere Charge erreichen wollte - die hier wo möglich eben so billig sind wie die militärischen Titel in den Vereinigten Staaten - hielt fortwährend das Land in Gährung. Es war in der That nichts Seltenes, daß ein Capataz, das heißt ein Anführer der Lastträger eines Seehafens der Westküste oder ein kecker Kapitano in den inneren Provinzen sich über Nacht zum Gouverneur ausrufen ließ, mit einem der Prätendenten in Mexiko zum Sturz der bestehenden Regierung unter einer Decke spielte, bis er bestätigt wurde und zuletzt seinen Protektor selbst zu verdrängen suchte.

Die Föderal-Regierung in der Hauptstadt vermochte überhaupt bei der Zerrüttung der Finanzverhältnisse den Einzelnstaaten keinen Schutz zu gewähren und konnte ihren Einfluß daher nur durch Intriguen aufrecht erhalten, so daß diese durch Sonderbündnisse gegen drohende Gefahren sich zu schützen suchten und selbst in Zoll- und Steuersachen eine Art Autonomie sich anmaßten. Dennoch hatten diese Zustände, in deren Folge 1849 die sieben Staaten Alt-Californien, Sonora, Cinoloa, Chihuahua, Cohahuila und Tamaulipas ihre Unabhängigkeit proklamirt hatten, keine direkte Sprengung der Conföderation zur Folge gehabt.

Wir haben zu Anfang dieses Abschnittes unserer Erzählung und bei der Darstellung der Ankunft des spanischen

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Bevollmächtigten bereits erwähnt, daß die Streitigkeiten wegen der Zoll-Reformen durch eine Revolution statt des bisherigen Präsidenten Don Mariano Arista, mit dem der Graf ursprünglich durch seine Abgesandten unterhandeln wollte, den General Cavallos an die Spitze der Regierung gebracht und daß dieser sich beeilt hatte, den Grafen und seine Schaar für sich zu gewinnen, wahrscheinlich in dem Glauben, in einer oder der andern Weise die Protektion Frankreichs damit seiner Sache zu sichern.

Der General Cavallos fühlte sich nämlich keineswegs für seine eigene Person der Leitung des Staates unter so verwickelten Verhältnissen und gegen so zahlreiche Gegner gewachsen. Denn wie im Norden mit der heimlichen Unterstützung der Nordamerikaner Carbajal noch immer auf jede Gelegenheit zu einem Einfall lauerte und er es hauptsächlich war, der die Indianer zu einem Bündniß und Kriege anhetzte, ebenso bewachte der seit 1847 in Jamaika lebende frühere Präsident, der berühmte und berüchtigte Santa Anna, Mexiko mit Argusaugen und sann auf seine Rückkehr. Cavallos gehörte zu seinen Anhängern und Vertrauten und beabsichtigte bei erster Gelegenheit für seinen alten Führer aufzutreten und ihm die Herrschaft wieder zu verschaffen.

Vorläufig war dieser Plan des neuen Präsidenten jedoch noch ein wohlverschwiegener und selbst Don Esteban hatte keine Ahnung davon, daß Cavallos damit umgehe, Santa Anna die Präsidentur anzubieten. Dagegen kannte er die Schwäche der gegenwärtigen Regierung sehr wohl und durch die Huldigung verführt, die der vornehme

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Franzose seiner Tochter widmete, glaubte er in ihm den Mann gefunden zu haben, der seine eigenen ehrgeizigen Pläne in dieser unruhigen und günstigen Zeit leicht verwirklichen könne.

Der Gedanke einer Verbindung des blauen Blutes seiner Ahnen mit dem des alten Königsgeschlechtes der Bourbonen schmeichelte dem Stolz des alten Spaniers und er nahm in ihrer letzten geheimen Unterredung keinen Anstand mehr, darauf hinzudeuten, wie leicht es in Verbindung mit ihm einem so gediegenen Manne wie dem Grafen werden könne, aus den westlichen Provinzen Mexikos ein eigenes Reich, einen neuen Thron der Bourbonen zu schaffen.

Daß dieser Gedanke in der ehrgeizigen Seele und dem abenteuerlichen Geist des Grafen seinen Widerhall fand, läßt sich leicht ermessen.

Dies war der Traum seiner Jugend, der Gedanke seines Mannesalters gewesen. Das Blut des großen Heinrich wallte ehrgeizig in ihm und wie einst der berühmte Herzog von Vendôme, der Sohn seines Ahnherrn von Gabriele d'Estrées sich Marokko zu erobern versucht, hatte auch er hundert ehrgeizige Pläne entworfen.

Jetzt bot die Wendung seines abenteuerlichen Unternehmens ihm eine Gelegenheit, diese ehrgeizigen Träume seiner Jugend zu verwirklichen und sofort warf er sich mit aller Energie und allem Ungestüm seines Charakters auf diese Idee.

Der Tag war noch nicht zu Ende, so hatten diese beiden Männer, der hochmüthige alte Intriguant und der kühne Abenteurer sich verständigt, ohne daß dies in

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ausdrücklichen Worten und Verpflichtungen geschehen war. Don Esteban war überzeugt, daß er alles Weitere seiner Tochter und der Wirkung ihrer Schönheit und ihres Geistes überlassen könne und hielt am Abend eine lange und ernste geheime Unterredung mit ihr.

Der Tag war, wie erwähnt, vergangen, ohne daß die Nachforschungen der beiden Beauftragten des Grafen die beiden Miterben der Goldhöhle zu ermitteln vermocht hätten. Die nächsten zwei Tage waren den Vorbereitungen der Abreise gewidmet, denn der Graf, von dem Senator angetrieben, keinen Augenblick länger zu zögern, hatte beschlossen, am dritten Morgen in See zu gehen.

Am Nachmittag sollte die Einschiffung der Mannschaften und ihrer Ausrüstung auf den beiden hierzu gemietheten Schiffen erfolgen. Dieselben, ein stattlicher Fregatt-Schooner und ein kleines Fahrzeug, lagen im Hafen von San Francisco und der Graf beabsichtigte, am Abend vor Abfahrt auf dem Verdeck des Schooners den Aktionären des Unternehmens, seinen Freunden in San Francisco und der ihn begleitenden Schaar ein großes Fest zu geben.

Die Vorbereitungen dazu, sowie zur Einschiffung und ein Meeting, das vorher noch von den Aktionären, deren zwei den Zug als Bevollmächtigte begleiten und in Guaymas seine Erfolge abwarten sollten, nahmen jeden Augenblick seiner Zeit in Anspruch. Bei dem Eifer der Mannschaft, die ihr Geld jetzt größtentheils vollständig an den Mann gebracht hatten und sich nach Veränderung und Abenteuern sehnte, und bei dem guten Willen dieser Bevölkerung zu jeder Festlichkeit und Aufregung war es jedoch

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möglich geworden, alle Anstalten zur bestimmten Zeit zu vollenden.

Die beiden Schiffe der Expedition lagen etwa eine halbe Meile hinaus im Golf nach der Insel Yarba Buëna zu, derselben, zu der Master Slong nach dem bösen Sturz in die See durch seinen würdigen Geschäftsfreund Zuflucht genommen hatte. Da das Fest erst am Abend nach Sonnen-Untergang beginnen sollte, waren die Sonnenzelte aufgerollt und die Taue und Stangen derselben zum Anbringen einer jener eigenthümlichen Illuminationen benutzt worden, wie sie die in San Francisco so zahlreichen Chinesen mit ihren bunten Papier-Laternen von phantastischen Formen so meisterhaft zu veranstalten wissen und das nach Effekten und Neuigkeiten haschende Europa vom Mabille und den Festen von Saint-Cloud bis zum Berliner Orpheum und dem englischen Garten zu Petersburg bereits nachgeahmt hat.

Der Graf hatte die Kajüte des großen Transportschiffes, die zu seiner eigenen Wohnung bestimmt war, zur Aufnahme der Señora und ihres Vaters einrichten lassen. Zwei Dienerinnen waren angenommen worden, um die Señora auf der Fahrt nach Guyamas zu begleiten.

Nach einem heißen Tage sank der Abend mit jenen wunderbaren Farben des Südens rasch über die noch von den letzten Strahlen der versinkenden Sonne übergoldeten Fläche der prächtigen Bucht.

Vom Ufer her erhob sich ein leichter Landwind und trieb die Barken und Boote herauf, die mit bunten Flaggen und Laternen geschmückt die geladenen Gäste zum Schauplatz des Festes führten.

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Die Dunkelheit hatte, wie in südlicheren Zonen die Dämmerung überhaupt nur kurz ist, ja ganz verschwindet, rasch zugenommen, aber es war nicht jene trübe, oft undurchdringliche Finsterniß des Nordens, sondern das milde, durchsichtige Halbdunkel, jener unbeschreiblich sanfte, sammetartige Schatten, wie er sich in den Tropen von Myriaden von glänzenden Sternen durchblitzt über Land und Meer senkt und zum Genusse einladet.

Der Abend, oder vielmehr die Nacht, war in der That köstlich. Von dem Ufer der Bucht trug der Landwind die balsamischen Düfte der Kräuter und Blumen und mischte sie mit dem frischen kräftigen Hauch der See. Die Schaaren der Delphine und der fliegenden Fische zogen ihre leuchtenden Furchen durch die sanft bewegte Fläche des Meeres, die kleine Wander-Muschel, der zarteste Seefahrer, blähte ihr niedliches Segel Woge auf Woge ab und Millionen von Mollusken färbten die Höhlung der Wellen mit ihrem phosphorartigen Glanz in flüssigem leuchtendem Silber.

Jede der herbeikommenden Barken trug nach spanischer Sitte ihre Sänger und Guitarre-Spieler und die ganze Schaar sammelte sich wie ein glänzender Schweif um das große von zwölf Rudern geführte und mit Kränzen und Teppichen stattlich geschmückte Boot, an dessen Spitze ein Corps wandernder deutscher Musikanten, die nach Kalifornien gerathen waren und welchen die Erfahrungen in den Placeros bald gelehrt hatte, daß das Gold leichter für sie auf den Straßen von San Francisco zu finden wäre, als in den Sturzbächen des Sacramento - ihre lustigen

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Melodieen erschallen ließ, während auf weichem Sitz im Bug der Senator Don Esteban mit seiner schönen Tochter sich wiegte.

Die beiden Schiffe der Expedition lagen ziemlich nah bei einander, aber Alles an Bord war dunkel und still bis auf eine große Laterne am Bugspriet des Schooners, die den herankommenden Barken die Richtung angab. Plötzlich, als das große Boot des Senators sich dem Schiffe nahte, donnerten die beiden Kanonen desselben und eine Gewehrsalve aller der Abenteurer, die in den Schiffsbooten einen Kreis um den Schooner bildeten, begrüßte die Gesellschaft. Feuergarben von Raketen schienen rings aus den Meereswellen emporzusteigen und wie mit einem Zauberschlage erhellten sich die Bords der beiden Schiffe und prächtige Guirlanden der bunten Laternen flammten um das Deck und an den Tauen und Spieren entlang bis hoch zur Spitze des Hauptmastes.

Der Graf, angethan mit der französischen Obersten-Uniform und geschmückt mit dem Ordensband des heiligen Geistes und dem Kreuz der Ehrenlegion, empfing seine Gäste an der bequemen Schiffstreppe und reichte galant der Señora die Hand, um ihr an Bord zu helfen. Nachdem er sie willkommen geheißen, und nach dem spanischen Höflichkeitsausdruck, sein ganzes Haus zu ihrer Verfügung gestellt sowie den Senator begrüßt hatte, geleitete er die schöne Mexikanerin auf den erhöhten Ehrenplatz auf dem Deck der großen Kajüte, während seine Adjutanten und Offiziere den Damen und Herren aus ihren Booten halfen und sie zu ihren Sitzen führten.

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Der schöne stattliche Mann neben der stolzen Tochter Don Estebans bot ein Bild jener Lebenskraft, der kein Ziel unerreichbar scheint, und gar manche Bemerkung der Anwesenden deutete darauf hin, daß man in Beiden bereits ein Paar sah, das wahrscheinlich schon die nächste Zukunft mit einem engeren Bande fesseln könnte. Zum Glück wurden die meisten dieser Bemerkungen in englischer Sprache gemacht, welche Suzanne nicht verstand, aber auch ohne dies genügte der Anblick der unverhohlenen Galanterien des Grafen gegen die schöne Fremde, um ihr das Herz zu zerreißen und eine Ahnung des drohenden Schicksals gleich einem finsteren Schatten über ihr vertrauendes Gemüth zu werfen. Nicht ohne Zwang erfüllte sie all' die Pflichten, welche ihr die eigenthümliche Stellung ihrer Verkleidung auflegte, die sie gerade in die Nähe ihrer geheimen Rivalin fesselte und sie so zum Zeugen der Artigkeiten des Grafen und der Koketterien der schönen Haciendera machte.

Das Fest begann mit allerlei Wettspielen der Schiffsmannschaft und der Abenteurer, in denen sie ihre Gewandtheit und Kraft zeigten. Das berühmte Messerwerfen der Chinesen, das Schleudern mit dem Tomahawk, Ringen und jene wilde Jagd durch die Takelage, sowie ein Pistolenschießen nach der Scheibe fesselten das Interesse der Gesellschaft bis zur Tafel, die mit allen Delikatessen der beiden Hemisphären verschwenderisch ausgestattet war. Während die Gesellschaft auf dem Verdeck speiste und die köstlichsten Weine der alten Welt mit den kühlenden Getränken Westindiens schlürfte, wozu die deutsche Musik vom Vorder-Castell her ihre munteren Weisen spielte, wurde von den

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Booten, welche die beiden Schiffe umgaben, eines jener wunderbaren Feuerwerke abgebrannt, in denen bekanntlich die Chinesen Meister sind.

Nach dem Souper folgte der Tanz und die berauschenden Touren des Fandango und der spanischen Tänze der Alameda von Mexiko und Puebla wechselten mit dem irischen Nationaltanz und den lustigen Reigen der Deutschen oder den graziösen Bewegungen der französischen Quadrillen.

Erst als das Erbleichen der Sterne und das im Osten heraufdämmernde Morgenroth das Nahen der Sonne verkündete, endete das Fest und ein Kanonenschuß gab den harrenden Barken das Signal, heranzulegen, um ihre Besitzer wieder aufzunehmen und nach dem Strande zurückzuführen.

Unter tausend Glückwünschen für das Gelingen der Expedition schieden die Bewohner der Stadt und nahmen ihre Plätze in den Booten ein, die bald einen weiten Halbkreis um die beiden sich zur Abfahrt rüstenden Schiffe bildeten. Der Singsang der Matrosen, welche die Ankerwinde drehten, mischte sich mit dem Knarren und Stöhnen der Spieren, an denen die Segel in Bereitschaft gesetzt wurden, um sie sofort nach dem Heben der Anker vor der frischen Morgenbrise fallen zu lassen. Auf der Kajüte stand der Graf, neben ihm Don Esteban mit seiner Tochter, während die Schaar der Abenteurer sich auf beiden Decken gruppirt hatte.

Da tönte der Pfiff des Bootsmanns; die Anker erschienen am Bugspriet und das Sprachrohr des Kapitäns donnerte den Befehl zur Lösung der Segel.

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»Auf nach Guyamas!«

Ein hundertfältiges Lebewohl, das Winken der Hüte und Tücher begleitete die Bewegung der Schiffe, deren Segel der Wind füllte und die langsam dem Steuer zu gehorchen begannen.

Aus den Reihen der Barken, von der Seite der Inseln Yarba-Buëna her, schoß plötzlich ein leichtes Boot an dem Steuerbord des Schooners vorüber. In dem Boot saßen zwei Männer an den Rudern - ein Indianer und ein Weißer von riesiger Gestalt, während ein indianisches Mädchen im Hintertheil des leichten Fahrzeugs kauerte. Ein dritter Mann stand aufrecht an der Spitze des Kahnes. Als dieser an dem Schooner vorüberschoß, hob der Mann den breiträndrigen Strohhut und das hämische, boshafte Gesicht des Yankee wurde sichtbar.

»Auf Wiedersehen in der Sonora, Señor Conde!«

Der Graf hatte zum zweiten Mal - wie damals bei der Abfahrt von Hâvre - den verachteten, aber gefährlichen Feind erkannt. Ein Blick auf den Indianer und seinen Begleiter machte mit Blitzesschnelle die Gewißheit durch seine Seele zucken, daß Jener ihm die so lange gesuchten Freunde des Gambusino, seine Miterben, entführte. Er öffnete den Mund zu einem Ruf, aber das Wort, das dem Schiffer beizulegen befahl, verklang ungehört in dem Lärm der Abfahrt, der Wind schwellte die Segel des Schooners und der Nachen des Verräthers war in der Schaar der Boote rasch verschwunden.

Californische Nächte.

Seit fast drei Wochen waren die beiden Schiffe der Expedition des Grafen Boulbon unterwegs und hatten bis jetzt eine glückliche Fahrt gehabt. Der Wind war günstig und hatte sie an der Küste der lang gestreckten mächtigen Halbinsel, welche man Vieja- oder Baja-California (Alt- oder Nieder-Kalifornien) nennt, entlang getrieben, und indem sie den Wendekreis überschritten und Cap San Lucas und Cap Palmo umschifften, traten sie in das Mar Bermeja, das rothe Meer oder die See des Cortez, mit welcher der prächtige Golf von Californien sich öffnet.

Bei dem ruhigen Wasser und dem günstigen Wind waren der Schooner und die Goëlette, welche unter dem Kommando des Lieutenant Antonio Perez und der Ueberwachung des treuen Bonifaz einen Theil der Mannschaft trug und die ihr Kapitain nach der Bai seiner Heimath die »Santa Magdalena« benannt hatte, sich nie außer Sicht gekommen und der Graf oder wenigstens sein Adjutant, denn diesen Posten hatte er dem ehemaligen preußischen Offizier zugetheilt, besuchten fast täglich vom Bord des größeren Schiffes aus das kleinere Fahrzeug.

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Der Tag war heiß gewesen und in den prächtigen reflexen Farben jener Zone war die Sonne wie eine Kugel geschmolzenen Goldes am Horizont des großen Oceans versunken. Eine frische Brise trieb von Osten her und schwellte die Seegel der Goëlette, auf deren Verdeck in bunten Gruppen zwischen dem Schiffsvolk sich die Abenteurer gelagert hatten, die jetzt der Entdeckung der-Schätze der Ynkas entgegen zogen.

Obschon der Graf von vorn herein auf strenge Subordination und Gehorsam gegen seine oder die Befehle der von ihm gewählten Offiziere hielt, war das Verhältniß zwischen diesen und der Mannschaft bei dem Charakter derselben und der bunten Zusammensetzung natürlich ein sehr ungezwungenes und Absonderungen fanden nur da statt, wo Geschmack aneinander und Vaterland oder frühere Beschäftigung besondere Kreise zusammengeführt hatten.

Das Hauptvergnügen während des Tages war bei dem Müßiggang der Mannschaft wie in Californien jene rasende Leidenschaft der spanischen Race, das Spiel, und wenn der Abend kam, das Zusammenlagern in Gesellschaften, um der Erzählung eines oder des andern Abenteuers aus dem wildbewegten Leben der Einzelnen zu horchen, während der duftige Rauch der Cigarren in leichten Wölkchen sich in die Luft kräuselte und die Kühle des Seewinds die von der Hitze abgespannten Glieder erfrischte.

Eine solche Gesellschaft hatte sich auch an diesem Abend auf dem Hauptdeck in der Nähe der Steuerpinne gesammelt und lag oder saß auf den noch von den Sonnenstrahlen

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heißen Planken oder auf dem niedern Bollwerk, auf Tauringen und Kisten.

Die Gesellschaft bestand aus dem Schiffer, einem graubärtigen kräftigen Alten mit einer wahren Mahagonifarbe, dem Lieutenant Don Antonio Perez, Bonifaz, dem Kreuzträger, dem ehemaligen Perlenfischer von Espiritu Santo, dem schwedischen Wal[l]fischfahrer und einigen Anderen. Nicht zu dem Kreise gehörig, aber doch in seiner Nähe befand sich die neue Ausgabe von Damon und Pythias, das würdige Freundespaar John Meredith und Hesekiah Slong, neben denen ihrem Fingerspiel mürrisch zusehend, den Arm in der Binde die finstere und unheimliche Gestalt des Korsaren saß, von dem in scheuer Entfernung sich, gleich als suche er hier Schutz, der langzöpfige Chinese, der zugleich mit ihm angeworben worden war, hinter dem Mayordomo des Grafen niedergekauert hatte.

»Pardioux,« sagte der ehrliche Avignote, »Ihr habt eine verteufelt warme Sonne über Eurem rothen Meer, wie Ihr es zu nennen beliebt Señor Diego, obschon ich nicht weiß, wie Ihr zu dem Namen kommt, da ich noch niemals gehört habe, daß die Juden auch in Amerika durch ein Wasser marschirt wären, wie bei uns, woher wahrscheinlich noch heutzutage ihre Angst davor herrührt. Es muß kein Spaß sein, so rechts und links das Meer sich über dem Kopf hängen zu sehen, bereit in jedem Augenblick, einen vernünftigen Christenmenschen zu begraben, und wäre es nicht des Grafen wegen, ich hätte mich nimmermehr bewegen lassen, einen guten festen Boden mit dem

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schwankenden, niemals stillhaltenden Wasser zu vertauschen und eine Art Seeratte zu werden.«

»So seid Ihr nie früher zur See gewesen, Señor Don Bonifazio, ehe Ihr unser gesegnetes Amerika betratet?« frug der Lieutenant.

»Cap de Bious - nur ein Mal, und es hätte mich warnen sollen! Es war, als ich mit dem Grafen, der noch sehr jung war, nach Afrika ging, wo er Bugeaud half, diese Hunde von Tunesen klopfen und seinen ersten Löwen schoß!«

»Ich habe deren dreiundzwanzig getödtet,« sagte der alte Jäger und Spurfinder gleichgültig.

»Puma's oder Jaguars, Freund Kreuzträger,« lachte der Avignote. »Das ist, was Ihr hier Löwen und Tiger nennt. Aber ich versichere Euch, Señores, das ist ein Unterschied wie zwischen einem französischen Dreidecker zu Toulon und dieser elenden Goëlette! Sie erinnern sich Alle an Bob?«

»Carrajo - ich denke wohl,« meinte der Lieutenant Perez. »Die Bestie hätte mir beinahe ein Mal im Handumdrehen mit seinen Krallen den Arm abgerissen. Zum Glück kam ich mit dem Verlust eines schönen Aermels und einigen Fleischritzen davon, an denen ich drei Tage den Arm in der Binde tragen mußte! Um daran zu denken, Señor Don Bonifazio - was ist aus Bob geworden?«

»Der Graf hat ihn für sechshundert Dollars an einen englischen Schiffskapitain verkauft, der ihn mitnehmen will nach London, um ihn für Geld sehen zu lassen!«4

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»Ich glaubte, diese Tiger wären Eure Löwen und auf den Prairien und in den Wäldern von Europa zu Hause?« meinte naiv der Jäger.

»Gott bewahre uns Freund Kreuzträger,« rief entrüstet der Avignote. »Corbioux - Ihr habt eine gute Vorstellung von Europa und namentlich von Frankreich in Eurem Gehirn, das sonst nicht schlecht ist. - Ihr müßt wissen, daß ganz Frankreich nicht anders betrachtet werden kann, denn als eine große Stadt, tausendmal schöner wie Sanct Francisco, das gar nicht den Namen einer Stadt verdient, und selbst wie New-York oder New-Orleans. Nur hin und wieder liegt zwischen den Gassen ein Stückchen Garten oder ein Getreidefeld, ein Weinberg oder ein Wäldchen, in dem man spazieren geht. Aber um auf den Löwen zu kommen, so habe ich Ihnen blos zu sagen, Señores, daß dieser Tiger Bob ein wirklicher Tiger ist, was Sie hier oder vielmehr drüben auf dem Festland einen Jaguar zu nennen belieben, wie ich deren mehre in San Franzisko gesehen habe, und Sie werden mir zugeben, Señores, daß sich ein solcher Jaguar zu Bob verhält, wie eine Katze etwa wieder zu ihm!«

Der Meister Avignote nahm auf diese Rede einen tüchtigen Schluck Grogk aus dem Glase, das neben ihm stand, während die Amerikaner mit tiefer Kränkung über die Unterordnung ihrer eigenen Bestien die Ueberlegenheit des asiatischen Tigers zugestehen mußten.

»Und nun Señores,« fuhr der Haushofmeister nach diesem Siege fort, »was den Löwen, das heißt den wirklichen afrikanischen Löwen betrifft, nicht die Katze, die Sie

hier mit dem Titel des Königs der Thiere zu nennen belieben, auch Pumah's genannt, - so kann ich Sie versichern, daß der Löwe gerade wieder in seinem majestätischen Aussehen so weit über dem Tiger Bob steht, als dieser über Ihren Pumahs und Jaguars. Wenn Sie das Brüllen des schwarzen Löwen in der Wüste hören, dann kann selbst einem Franzosen, der tapfersten Nation der Welt, das Herz in der Brust erbeben und einem ganzen Araberdorfe klappern die Zähne, daß sie ihnen aus den Kinnbacken fallen möchten.«

Der Kreuzträger warf dem Redner einen mißtrauischen Blick zu begnügte sich aber mit einem leisen Kopfschütteln.

»Ich könnte Ihnen von unserem berühmten Löwenjäger Kapitain Gérard erzählen,« fuhr der Haushofmeister fort, »der ein wahrer Seegen für Algerien ist, und ohne welchen die Regierung das Land gar nicht hätte colonisiren können. Er geht allein auf die Löwenjagd, die nur von einem ganzen Bataillon von Arabern gewagt wird, aber ich habe ihn selbst zu dem Grafen sagen hören, daß bei dem Anblick des ersten Löwen in der Wildniß auch ihm das Herz so gewaltig geschlagen habe, daß er kaum den Finger an den Drücker seiner Büchse zu bringen vermochte. Nun bedenken Sie, wie es uns zu Muthe sein mußte, als wir plötzlich in der Nacht einer solchen Bestie gegenüber standen, ohne eine andere Waffe, als einen schlechten Karabiner und den kurzen Chasseursäbel.«

»Ihr habt also zusammen mit dem Grafen einen solchen Löwen getödtet, Señor?« frug der Kreuzträger.

Der ehemalige Lastträger von Avignon schien Anfangs

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Lust zu haben, die Frage zu überhören, als sie aber von dem Lieutenant wiederholt wurde, siegte die Zuneigung und Bewunderung für den Grafen und er gab der Wahrheit ihr Recht.

»Nein Señores - die Ehre gebührt Seiner Excellenz allein, der damals, wie ich Ihnen wiederhole, noch ein sehr junger Mann war und nicht viel über zwanzig Jahre zählte, als er den berühmten Sprung mit seinem Pferde »Sidi-Hamed« machte, nachdem er den Löwen getödtet hatte. Die Zeitungen waren damals seines Namens voll und Louis Philipp sandte ihm das Kreuz der Ehrenlegion!«

»Hört Señor Don Bonifazio,« sagte der Schiffer - »wenn es schon so lange her, so werden Wenige an Bord der San Margaretha sein, die von jener Geschichte wissen, wenn sie überhaupt je die Zeitungen in dieses Land getragen haben, was nicht wahrscheinlich ist, da vor zehn Jahren San Francisco nicht viel besser war, als die Einöden am Rio Gila und Del Norte, wohin Ihr ziehen wollt. Ich möchte Euch demnach vorschlagen, uns die Geschichte mit dem Sprung und dem Löwen zu erzählen und ich versichere Euch, daß unter der Gesellschaft sich ein Mitglied befindet, das, wenn Ihr von den Tigern und Löwen des alten Landes berichten könnt, Euch von dem Tiger dieser Meere eine Geschichte zum Besten geben kann, die Euch die Haare auf dem Kopf sträuben und Euer Herz eben so erbeben machen wird, wie es der Anblick Eurer Löwen auf dem Lande machen soll.«

»Pardioux!« rief der Avignote, der wie alle Südländer ein großer Freund von Geschichten war, »das soll

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gelten, ich lag zwar damals, um aufrichtig zu reden, an einer verdammten Malaria krank im Lazareth von Bona, aber ich kenne die Geschichte, als ob ich selbst dabei gewesen wäre, und wenn auch Señor Conde wenig Worte darüber gemacht hat, die Kameraden haben sie mehr als zwanzig Mal erzählt. He, Steward, bring' eine von den großen Flaschen Rum und heize den Kessel zu einem Extragrogk!«

Das Verhältniß des Avignoten zu dem Oberbefehlshaber der Expedition war so genügend bekannt, daß jede Weisung von seiner Seite gewiß mehr Willfährigkeit fand, als die der Offiziere. Die mehre Quart haltende Flasche Jamaika-Rum wurde sofort gebracht und der den Koch spielende Schwarze erhielt mit einigen ermunternden Rippenstößen die Anweisung, so rasch als möglich seinen Kessel zum Sieden zu bringen.

Der größte Theil der Abenteurer und des Schiffsvolks hatte sich mit jener Kameradschaft, welche die Verhältnisse mit sich brachten, auf die Nachricht von einer Extra-Ration Grogk auf dem Hinterdeck gesammelt, um von der Erzählung des Mayor-Domo so viel als möglich zu erhaschen.

Wir geben sie ohne jene Unterbrechungen, welche die Neugierde des bunten Haufens und die einzelnen Kommando's der Schiffsoffiziere veranlaßten, - - -

Der Erste Löwe.

Nach zwölfjährigen unsäglichen Anstrengungen und ungeheuren Opfern an Geld und Menschenleben schien endlich durch Marschall Bugeaud's umsichtige und energische Leitung die französische Herrschaft in Algerien gesichert. Abd-el-Kader war nach wiederholten Niederlagen auf marokkanisches Gebiet geflüchtet und selbst die Haschems mit seinen Brüdern und Oheimen hatten um Gnade gebeten.

Da plötzlich im Sommer 1842 war der vernichtet geglaubte Emir aufs Neue in Algerien erschienen. Viele der treulos gewordenen Stämme waren ihm sofort wieder zugefallen und an Hilfsmitteln unerschöpflich, hatte er aus dem Christenhaß seiner Landsleute sich abermals eine Macht zu bilden gewußt. Die Generale Lamoricière, d'Arbonville und Changarnier, die an Alles weniger, als an seinen Angriff dachten, erlitten Ende August und im Lauf des Septembers bei Tedekempt am obern Schelif, und bei Maskara Niederlagen, und es bedurfte eines combinirten Operationsplans, um ihn wieder zurückzudrängen und

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die abgefallenen Stämme wieder zu unterwerfen. Besonders die Kabylen erhoben sich bis Konstantine hin - fünftausend derselben griffen den Setif an. Durch gefährliche Streifzüge am Rande der Wüste hin, vom Dschurdschura bis zur marokkanischen Gränze, in Gegenden, die noch nie ein Franzose betreten, suchte der General-Gouverneur den Emir auf einen engen Raum am Schelif zu beschränken, da ihn ganz zu vertreiben nicht gelang, und stellte sich im September selbst an die Spitze einer Expedition in's Innere der östlichen Landestheile, um die dortigen widerspänstigen Kabylenstämme zur Unterwerfung zu zwingen.

Zu jener Zeit war es, als der junge, damals dreiundzwanzigjährige Graf das Abenteuer, das Meister Bonifaz seinen Schiffsgenossen zum Besten gab, bestand. Er war Lieutenant unter den Chasseurs d'Afrique und gehörte zu einer etwa 5000 Mann starken Expeditionscolonne, die unter dem Kommando Lamoricières in einer Septembernacht von Algier aufbrach, um durch die Metidjah in die Gebirge des Atlas zu rücken, in denen der Qued-Arratsch entspringt, und die Stämme der Beni-Azaum und Beni-Atia zu züchtigen, die ein französisches Kommando überfallen und ermordet hatten. Die Kolonne bestand aus zwei leichten Infanterie- und einem Jäger-Bataillon, einer Compagnie Zuaven, einer Schwadron Chasseurs und einer Abtheilung Spahi's nebst einer Batterie Gebirgs-Artillerie. Der Morgen, der die Kolonne bereits in der Metidjah traf, war wunderschön und von belebender Frische. Es war über Nacht starker Thau gefallen und die Vegetation, die von der Hitze der letzten Tage sehr gelitten, dadurch

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wieder neu erfrischt. Dichte Gebüsche von Myrthen, Tamarinden und Aloe's begrünten die Hügelreihen, die den Pfad umsäumten, und ein fast betäubender Wohlgeruch stieg aus denselben empor.

Es ging bei den Truppen nach der gewöhnlichen Weise der französischen Soldaten sehr heiter und zwanglos her. Die Spahi's und Chasseurs tummelten ihre gewandten Berberrosse, mit denen die Cavalerie von Algerien versehen ist, da die europäischen Pferde weder die Strapatzen noch das Klima auszuhalten vermögen, und jagten in tollem Galop die steilen Höhen auf und nieder. So wie die Sonne höher stieg, wurde die Hitze größer, aber obschon ihre Strahlen glühend auf die Kolonne niederbrannten, ließen sich die daran gewöhnten Soldaten wenig die Beschwerden anfechten und setzten rüstig ihren Marsch fort. Man machte es sich nur so bequem als möglich, öffnete die Uniform, nahm die Halsbinden ab, setzte die Käppi's mit dem Nackentuch locker und trug die Gewehre wie es gerade am Passendsten war. Trotzdem wurde der Marsch jedoch bald ein ungemein beschwerlicher und gegen Mittag kam der Zug an einen reißenden Bergstrom, dessen Passage mit ziemlicher Gefahr verbunden war. Die Cavalerie passirte ihn leichter, obschon die Strömung so stark war, daß manches Roß den Grund verlor; schlechter befand sich die Infanterie daran, und um ihr das Durchwaten zu erleichtern, mußte von den ersten Reitern, die den Fluß passirten, ein am diesseitigen Ufer an einem starken Pfahl befestigtes Seil mit hinüber genommen werden, so daß es den Schwächeren einen sicheren Anhalt gewährte. So

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setzte bald die ganze Truppe über und weiter ging's in dem nun sehr unerquicklichen Terrain, nachdem der General unter dem Kommandanten Yussuf ein Bataillon und einen Theil der Cavalerie hier zurückgelassen, um den Rückzug aus dem Gebirge zu decken, indem die Kolonne hier sich theilte und in zwei Richtungen in die Berge vorrückte.

Die Abtheilung, bei der die Chasseurs sich befanden und zu der außerdem noch das Jäger-Bataillon Mac-Mahons gehörte, mochte nach einer kurzen Rast an zwei Stunden weiter marschirt sein, während die Luft so heiß war, daß sie wie aus einem glühenden Backofen wehte, als ein Corporal der Avantgarde meldete, daß man rechts in den Bergen wiederholt Flintensalven höre. Wie ein Blitz durchzuckte die Nachricht, daß ihre Kameraden bereits auf den Feind gestoßen, die Soldaten. Jede Ermüdung war sofort verschwunden und die Hitze für die Tapferen nicht mehr vorhanden. Alsbald wurden zwei Compagnieen voran geschickt und nach kurzer Zeit marschirten auch die übrigen das Thal in gerader Richtung hinab, während die Chasseurs voran galopirten, um als Avantgarde die Gegend zu recognosciren.

Wohl eine halbe Stunde war man so in dem stets mehr sich verengenden Thale vorgedrungen, als dasselbe sich plötzlich zu einer breiten, fast regelmäßigen, Ebene öffnete, die hier und da mit einzelnen hohen Dattelpalmen bewachsen und von ziemlich hohen in Schluchten zerrissenen Bergen umgeben war. Kaum war die Kolonne einige hundert Schritt auf derselben vorgerückt, als plötzlich, einem reißenden

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Bergstrome gleich, ein Reiterhaufe aus einer dieser Schluchten hervorstürzte. Derselbe mochte wohl an 6-800 Pferde stark sein, obgleich es schwer war, in dem wilden Durcheinander der dahinstürmenden Masse die Stärke derselben zu schätzen. Man hörte bereits das wilde Kampfgeschrei der Kabylen; aber eben so schnell, wie ihr Angriff, waren auch die Zurüstungen der französischen Compagnieen, demselben zu begegnen. Zu festem Quarré geschlossen stand das Bataillon da, bevor noch eine Minute vergangen war, und eben so schnell hatten sich die zurückjagenden Chasseurs in das Innere desselben zurückgezogen. Eine erwartungsvolle Ungeduld lag auf den braunen Gesichtern der Jäger, bis die Schaar der Beduinen auf sie heranstürmte. Aber die Hoffnung der Tapferen auf eine volle Salve war vergeblich; denn die arabischen Reiter, - da sie die Kolonne so fest geordnet sahen und aus Erfahrung das Nutzlose eines solchen Angriffs kannten, schwenkten in einer Entfernung von ungefähr 500 Schritten plötzlich wieder ab und verschwanden eben so rasch, wie sie herangekommen waren, in einer Thalschlucht.

Nachdem das Quarré noch eine Weile festgeschlossen dagestanden hatte, ließ der Kommandant die Compagnieen in verbundenen Kolonnen den Marsch wieder weiter fortsetzen. Sie waren kaum über den Thalkessel hinaus und die Avantgarde bog eben in die enge Schlucht, durch welche der Marsch weitergehen sollte, hinein, als plötzlich aus dem dicken Myrthen- und Tamarindengebüsch am Abhange des Berges Schüsse auf dieselbe niederkrachten. Ein Chasseur stürzte sammt seinem Pferde todt zusammen und auch zwei

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Jäger waren tödtlich getroffen, während einige andere verwundet wurden. Der Commandant ließ sofort die Tirailleurs vorrücken, während die Compagnieen wieder in Eile ein Quarré formiren mußten, um etwaigen plötzlichen Reiterangriffen zu begegnen. Mit der großen Gewandtheit und Schnelligkeit, die den französischen Soldaten im Tirailliren eigen ist, drangen die Züge in die Schlucht ein. Einige Minuten waren kaum vergangen, als hier und da an einzelnen Stellen schon Flintenschüsse zu knallen anfingen. Die Tirailleurs hatten das Gefecht mit dem Feinde begonnen, und wenn auch das dichte Gebüsch es größtentheils nicht erlaubte, die einzelnen Soldaten in demselben zu sehen, so konnte man doch den schwächern aber dabei schärfern Knall der gezogenen Büchsen der französischen Jäger von dem dumpfen Ton der langen Flinten, welche die Kabylen gebrauchen, unterscheiden.

Das kleine Gefecht hatte wohl schon eine halbe Stunde gedauert, als man auf einer kahlen Klippe, die etwa in einer Höhe von tausend Fuß den Gipfel eines der Berge bildete, welche die Schlucht einfaßten, mehrere Kabylen in ihren schwarzen Bournoussen, die langen Flinten in den Händen, sich flüchten und einen Ausweg suchen sah, den sie aber nicht finden konnten, da die Klippe überall von schroffen Felsenabhängen umgürtet war. Bald nach den Kabylen erschien die Gestalt eines emsig ihnen nachklimmenden Jägers. Wie eine Katze, so rasch und gewandt, kletterte die kleine grüne Gestalt dem Feinde nach, dabei sichtlich bemüht jedes Felsstück, jede Kante zur Deckung des Körpers gegen das Geschoß der Feinde zu benutzen. Jetzt legte ein Kabyle

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seine lange Flinte auf den Jäger an, aber schnell wie ein Kobold hockte derselbe hinter einem Felsblock zusammen und die feindliche Kugel riß ihm nur das Käppi vom Kopf, das fort und fort rollend endlich in den Abgrund fiel. In demselben Augenblick feuerte der Jäger seine Büchse ab und tödtlich getroffen stürzte ein Kabyle zusammen.

Die Soldaten im Thal verfolgten alle mit eifrigen Blicken das Schauspiel dieses Kampfes oben auf der Felskuppe. So wie der Jäger geschossen hatte, blieb er auf dem Boden liegen, und man konnte sehen, daß er emsig beschäftigt war, seine Büchse auf's Neue zu laden. Ein zweiter Tirailleur kam jetzt angeklettert, seinem ersten Kameraden zur Unterstützung, und alle drei noch übrigen Kabylen feuerten nun ihre Gewehre auf den neuen Feind ab und, wie es schien, nicht ohne Erfolg, denn er wankte einige Sekunden hin und her und fiel dann in ein dichtes Gestrüpp zurück. Diesen Augenblick hatte der erste Chasseur benutzt, von Neuem geschossen und wieder einen Kabylen zu Boden gestreckt.

Rufe des Bedauerns über den Fall des Kameraden wechselten unter den Soldaten im Thal mit solchen der Freude und des Enthusiasmus über die Gewandtheit und Tapferkeit des andern ab, der immer noch hinter dem ihn schützenden Gestein auf den Knieen liegen blieb. In wildem Sprung stürzte nun ein Kabyle auf den Jäger zu, der seine Büchse noch nicht wieder geladen hatte, um denselben im Handgemenge anzugreifen. Mit dem blitzenden Hirschfänger vorn an dem Gewehr als Haubajonett, parirte der Franzose, der sich jetzt aufgerichtet und mit dem Rücken

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gegen einen Felsblock gelehnt hatte, die Hiebe des Gegners. Der zweite Kabyle kam seinem Gefährten zu Hilfe und vereint drangen jetzt beide auf den Jäger ein. Mit großer Gewandtheit hin und her springend, wußte derselbe aber den Kampf auch mit diesen beiden Gegnern noch fortzusetzen, und rasch wie ein Blitzstrahl schwirrte seine Waffe in leuchtenden Kreisen in der Luft umher.

Mit einer ängstlichen steigenden Spannung verfolgten Alle unten im Thal diese Kampfesscenen. Lange schien der tapfere Jäger nicht mehr Widerstand leisten zu können; denn während der Eine fortwährend heftig auf ihn eindrang, fing der Andere an, sein Gewehr zu laden, um ihn mit einem Schusse niederzustrecken. Da machte der Bedrängte eine gewaltige Anstrengung, sprang hinauf und hieb in demselben Augenblick, wo der Kabyle in zu wildem Eifer ihm folgen wollte, diesen mit dem Bajonnet so über den Kopf, daß er zusammenstürzte.

Während dieser Kampf auf der einen Seite der Klippe stattfand, tauchten fünf Kabylen plötzlich wieder aus den Gebüschen oben hervor, die ebenfalls in wilder Eile zu fliehen schienen. Mit ihnen zugleich fast kamen aber auch immer mehr und mehr Tirailleurs zum Vorschein, eifrig in der Verfolgung der fliehenden Feinde begriffen. Ein allgemeiner Kampf begann jetzt von Neuem auf der Klippe; denn die Araber, denen jede weitere Flucht hier abgeschnitten war, mußten kämpfen oder sich ergeben. Aber immer mehr und mehr Jäger drängten nach, überall aus den Büschen schimmerten die schwarzen Käppi's derselben jetzt hervor. Wiederholt knallten die Büchsen nun oben in der

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Höhe, und als der Pulverdampf sich etwas mehr verzogen hatte, erblickte man alle Kabylen todt am Boden liegen, während die Tirailleurs beschäftigt waren, die Bournousse derselben nach Beute zu untersuchen.

Um die Tirailleurs nicht zu weit auseinanderkommen zu lassen, was bei den mit dichten Gebüschen bewachsenen Kuppen und Schluchten leicht möglich war, ließ der Commandant des Bataillons die Hornisten unten im Thal jetzt das Signal zum Sammeln und Zurückgehen geben, und die Hornisten, die mit der Tirailleurlinie vorgegangen waren, wiederholten dasselbe alsbald. In größeren und kleineren Trupps, je nachdem sie sich beim Klettern zusammengefunden hatten, kamen die Soldaten nun allmählich zurück. Trotzdem, daß die Uniformen von den Kletterpartie[e]n mitunter hart mitgenommen aussahen, manche der Jäger auch tüchtig an den Händen zerschunden oder im Gesicht zerkratzt waren, herrschte Freude und Triumph über das eben bestandene kleine Gefecht bei Allen. Namentlich ward der Jäger, der sich oben auf der Klippe so heldenmüthig vertheidigt hatte, von seinen Kameraden mit Jubel empfangen und von den Offizieren und dem Commandanten belobt, der ihm das Versprechen gab, daß ihm das Kreuz der Ohrenlegion nicht entgehen solle. Dann ward von den Jägern ein Grab gegraben, um die beiden Kameraden deren Leichen man mit Mühe von den Klippen heruntergebracht, nebst den im Thale Erschossenen zu beerdigen. In ihre Capotmäntel gehüllt, wurden die Leichen in die Grube gelegt, worauf ein Peloton Soldaten eine dreimalige Salve darüber als die letzte militairische Ehre für die Todten

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abfeuerte. Auf das Grab selbst wurden große Felsstücke gewälzt, um die zahlreich herumschwärmenden Schakals und Hyänen abzuhalten, die Leichen wieder herauszugraben. Ein einfaches Kreuz, in Eile von den Sappeurs zusammen gezimmert, bezeichnete die Stelle als die letzte Ruhestätte gefallener französischer Soldaten, und um dasselbe her am Eingang der Schlucht im Thale schlugen die Truppen jetzt ihr Bivouac auf, da der Abend bereits nahte und der Commandant nicht wagte, in der Dunkelheit weiter vorzurücken. Der starke Tagesmarsch in der furchtbaren Hitze und der darauf folgende Kampf hatten Alle ermüdet, und der Befehl war daher ein willkommener. Im Schatten hochstämmiger Orangenbäume, deren Blüthen die Luft umher mit ihrem Duft erfüllten, waren bald die kleinen Kochfeuer angezündet, um aus den Rationen von Reis und gedörrtem Fleisch eine dicke Suppe zu bereiten. Frische Orangen von seltener Süße und Fülle des Saftes, die man nur von den Bäumen herabzuschütteln brauchte, bildeten das köstlichste Dessert des sonst frugalen, aber durch hundert Späße, Lieder und Erzählungen von Jagd- und Kriegsabenteuern gewürzten Mahls. Bis in die Nacht hinein herrschte an den Wachtfeuern jene fröhliche Lebendigkeit, die man bei den national-französischen Truppen stets finden wird, mag auch der Marsch noch so beschwerlich, die Ration noch so karg sein.

Am andern Tage vereinigten sich die beiden Kolonnen auf's Neue, und es gelang ihnen, die Tribus der Beni-Azoum zu überfallen, nach einer blutigen, aber vergeblichen Gegenwehr ihre Dachera's5 in Brand zu stecken und

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bedeutende Viehhe[e]rden zu erbeuten. Mit diesem Resultate zufrieden, beschloß der General den Rückzug, da durch die verschiedenen, an den Felspässen zurückgebliebenen Detachements die Kolonne zu sehr geschwächt war, um den Zug noch mit Sicherheit weiter ausdehnen zu können.

Aber dieser Rückzug sollte nicht so gefahrlos werden, wie das Vordringen; denn die Stämme der Beni-Mus, Beni-Atia und Beni-Gamat hatten sich gesammelt und sperrten den Weg nach der Arba, erbittert über die Zerstörung ihres Eigenthums. Die Kolonne hatte um 24 Stunden zu lange gezögert - vierzig vereinigte Stämme hatten bereits alle Pässe von den warmen Bädern bei Melouan bis zum Marabut von Sidi Aly am Djemaa besetzt.

Ein langes Defilee, in welchem drei Stunden hindurch nur Einer hinter dem Andern gehen konnte, mußte passirt werden. Diesen Punkt hatten sich die Araber ausersehen, um einen Hauptangriff auszuführen. Evolutionen zu machen, war hier unmöglich; nicht einmal die Berggeschütze, die auseinander genommen, auf Mauleseln nachgeführt wurden, konnten gebraucht werden; denn der Felsensteg, auf dem man vorrücken mußte, war so schmal, daß man die Lafetten unmöglich aufstellen konnte. Hinter den Felsen und Gebüschen zur Rechten und Linken, und auf dem Rücken der benachbarten Berge folgten die Beduinen, beinahe sicher vor den französischen Kugeln, der Kolonne, und unterhielten mit ihren Flinten, die - fast doppelt so lang als die der Gegner - auch viel weiter reichen, ein ununterbrochenes decimirendes Feuer. Besonders heftig wurde dem Nachtrab zugesetzt, und fast alle Offiziere, die denselben begleiteten,

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fielen oder wurden schwer verwundet. Die Leute, vom Feinde gedrängt und mit Erbitterung angegriffen, geriethen in Verwirrung, und nur das persönliche Herbeieilen des Generals Lamoricière und des Kommandanten Mac-Mahon vermochte die Unordnung wieder zu heben, die sich bereits dem nächsten Bataillon mitgetheilt. Der Verlust der Franzosen war entsetzlich, und der Rückzug nach dem Djemaa eine der blutigsten Niederlagen in der Geschichte der Eroberung Algeriens.

Endlich erreichte das Corps einen kleinen, von Felsen und Gebüschen umgebenen Thalgrund, der ihm erlaubte in Kolonne zu marschiren und die Bergkanonen aufzustellen. Kein einziger Feind zeigte sich mehr, und man war überzeugt, daß Alle in ihre Dachera's zurückgekehrt wären, zufrieden mit der Rache, die sie an ihren Gegnern genommen. Aus nöthiger Vorsicht sollten jedoch kleinere Detachements auf die Anhöhen und in die Gebüsche zu Seiten des Weges vorausgeschickt werden, und der General selbst rief hierzu Freiwillige auf.

Unter Denen, die sich sogleich meldeten, stand der Graf Boulbon an der Spitze. Sein Pferd war bei dem Passiren des Engpasses erschossen worden, so daß er sich den Fußtruppen hatte anschließen müssen, und er erhielt den Auftrag, mit zwölf Voltigeurs sich links zu ziehen und in einiger Entfernung gleichsam als verlorner Posten dem Nachtrab des Corps zu folgen, um eine erneuerte Annäherung der Feinde sofort zu entdecken. Nachdem die Voltigeure ihre Distancen genommen hatten, drangen sie mit den furchtbarsten Anstrengungen auf dem rauhen, steinigen,

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durchglühten Boden in der versengenden Hitze der Mittagssonne über Felsen und Schluchten durch dichte, ihre Kleider und ihre Glieder zerreißende Gebüsche von Dornen, Aloe und Cactus wieder zurück in das gefährliche Gebirge bis auf die Entfernung von einer halben Stunde, ehe sie Kehrt machten und nun dem Hauptcorps in gleicher Distance folgten.

Nach einer Stunde der höchsten Anstrengung, als der Nachzug des Corps hinter einer Felswand seinen Blicken verschwunden war, und auch die Tirailleurs in dem hier ziemlich hohen und dichten Olivengehölz sich verloren hatten, wurde der junge Offizier plötzlich von zwölf bis fünfzehn Kabylen, die hinter ihm aus den Hecken hervorsprangen, angefallen und nach kurzer Gegenwehr und fruchtlosem Hilferufen durch einen Kolbenschlag besinnungslos zu Boden gestreckt. Die Feinde machten sich eben daran, ihm den Kopf abzuschneiden, als sie in diesem Angenblick die Voltigeure in einiger Entfernung bemerkten, die zwar mehrere Araber davon sprengen sahen, aber nicht ahnten, daß ihr Führer von denselben überfallen und verwundet worden war, und die deshalb ihren Weg hinter dem Corps her ohne ihn fortsetzten.

Der Lieutenant blieb mehrere Stunden bewußtlos in seinem Blute liegen; denn als er wieder zu sich kam, war die Sonne nur noch wenige Grade über dem Horizont. Von dem Blutverlust, den er erlitten, - obschon keine der Verletzungen sich als gefährlich und ihn des Gebrauchs seiner Glieder beraubend erwies - außerordentlich geschwächt, von den Schmerzen, die ihm die Wunden verursachten,

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und von dem quälendsten Durste gepeinigt, von seinem Corps getrennt, mitten in einem unbekannten, unwegsamen Lande und umgeben von blut- und rachedurstigen Feinden - fand er sich in einer so traurigen Lage, als es für einen Soldaten nur geben kann. Er gab jedoch noch nicht alle Hoffnung verloren. Glücklicher Weise hatten ihm die Feinde in ihrer Eile Waffen und Kleider gelassen, - das Jägergewehr, mit dem er sich zum Zweck des Tiraillirens bewaffnet, hatte zwar einer der Araber mitnehmen wollen, es aber einige Schritte weiter wieder von sich geworfen. Aimé zerriß sein Hemd, um seine Wunden zu verbinden, lud sorgfältig seine Büchse und schleppte sich - freilich anfangs mit der größten Mühe - in der Richtung fort, welche die Expeditions-Kolonne genommen. Er hatte seine Feldflasche noch halb gefüllt mit Branntwein, der ihm zu Umschlagen auf seine Wunden und zur Sammlung einiger Kräfte wesentliche Dienste leistete.

So lief er denn, so schnell er konnte, durch den Gebirgspaß der Kolonne nach, die wenigstens schon fünf Stunden ihm voraus sein mußte. Aber kaum hatte er etwa eine Lieue zurückgelegt, als er zu seinem nicht geringen Schrecken drei bewaffnete Mauren hinter einer Felsenwand hervorkommen und im Galop mit geschwungenen Yatagans auf sich einstürmen sah.

Die höchste Entschlossenheit und Umsicht war ihm jetzt nöthig. Glücklicher Weise folgten die Reiter einander in einer Entfernung von zwanzig bis dreißig Schritten, so daß er Zeit genug behielt, auf den ersten zu feuern, ehe der zweite ankam.

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Er hatte das Glück, jenen zu treffen, so daß er todt vom Pferde stürzte, und als der Zweite herbeistürmte, vertheidigte er sich mit dem Bajonnet und brachte zuerst dem Pferd einen Stich in die Nase, und als dieses sich bäumte, dem Reiter einen in die linke Seite bei. Schon war der Dritte, der, ohne zu treffen, seine Flinte und eine Pistole auf ihn abgefeuert, bis auf etwa fünf Schritt herangekommen, während der Graf noch mit seinem zweiten Feinde beschäftigt war; als jener aber diesen fallen und den jungen Franzosen aufs Neue zum Kampfe bereit stehen sah, wandte er sein Roß kurz auf den Hinterbeinen um und jagte mit dem Geschrei: »El-mout! El-mout!« im Galop über Felsen und Büsche davon. Auch die beiden sattelledigen Pferde folgten, ehe sich der Offizier eines solchen bemächtigen konnte, mit Blitzesschnelle nach, während ihre Herren in ihrem Blute auf dem Boden lagen.

Der Eine, der zuerst gefallen war, mochte wenigstens 50 Jahre alt sein und hatte ein sehr ehrwürdiges, obwohl finsteres und wildes Aussehn. Ein langer grauer Bart hing von seinem Kinn nieder, und die tiefen Furchen, die in sein Gesicht gezeichnet waren, verriethen den viel bewährten Krieger und alten Piraten. Der andere Todte mochte kaum sein 22stes Jahr erreicht haben; er war in seiner vollen Jugendkraft und Schönheit, nur seine Oberlippe war von einem langen schwarzen Schnurrbart überschattet, und seine Gesichtsfarbe und Kleidung kündigte den in der Stadt aufgewachsenen Sohn einer wohlhabenden Familie an. Sein weißer Turban war ihm vom Haupte gefallen und lag aufgewunden neben ihm; sein feinwollener Bournous

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lag im Blut ausgebreitet und ließ eine reich mit Gold durchwirkte türkische Weste und weite rothe Beinkleider sehen, die bis zu den Knieen gingen und durch einen künstlich gefertigten, mit Perlen gestickten Leibgürtel festgehalten waren, an welchem zwei schöne, mit Silber ausgelegte Pistolen hingen.

Da der Offizier keine Zeit zu verlieren, auch an seinen eigenen Waffen genug zu tragen hatie, verschmähte er jede andere Beute und nahm nur den Gürtel mit den Pistolen des Jüngern zu sich, indem er dachte, daß diese ihm nützlich sein könnten. Er band ihn unter seinem Mantel fest und setzte, da er von dem am Leben gebliebenen Araber mit Hilfe Anderer verfolgt zu werden fürchtete, seinen Marsch mit Eile und Behutsamkeit fort - froh, daß die bald darauf eintretende Nacht ihm vor Verfolgung größern Schutz gewährte, ohne daran zu denken, daß er im Dunkel ohne Zweifel den Weg verlieren und in den unbekannten Gebirgen sich verirren würde.

So geschah es denn auch. Es ist beinahe unmöglich, wenn man diese Gegend nicht genau kennt, sich darin zurechtzufinden, denn der kaum so zu nennende Pfad zieht sich bald rechts, bald links durch Gebüsch, wo hundert andere sich kreuzen, und über nackte, kahle Felsen, wo er ganz unsichtbar wird. Der junge Mann verlor denn auch bald jede Spur und sah sich genöthigt, über Schluchten und Felsen, durch Dornen und Sträucher aufs Gerathewohl der Richtung zu folgen, in der er sich die Metidja[h] und das Meer dachte. War er nur erst unten in der Ebene, so sah er sich schon als gerettet an, ohne zu bedenken,

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daß er dort eben so großer Gefahr von Seite der Araber und selbst durch das Begegnen wilder Thiere ausgesetzt war. Aber all' sein Suchen nach einem Ausweg aus dem Gebirge war fruchtlos. Wenn er zwischen den Bergen einen freien Raum zu entdecken glaubte, so stellte sich, wenn er näher kam, eine neue Anhöhe, ein neuer Fels seinem Vordringen entgegen. Wasser, seinen brennenden Durst zu löschen, fand er gar nicht, alle Bäche des Gebirges, alle Quellen schienen vertrocknet; dabei begannen seine Wunden immer heftiger zu schmerzen. Er war endlich gegen Mitternacht so müde und erschöpft, daß er sich, ohne Rücksicht auf die neue Gefahr und auf die noch größere, der er sich bei Tage in dieser Gegend aussetzte, um seine Glieder - vielleicht für immer - ausruhen zu lassen, niederlegen wollte, als er das vor ihm liegende Gebüsch sich öffnen sah. Er lief gegen die Gebirgsspalte hin und erblickte endlich zu seinem Entzücken in der Tiefe vor sich die Ebene Metidja[h] und am Horizont das Meer, aus dem stillen Dunkel mit seinem weißen Schein sich abzeichnend. Eine Reihe von Feuern, die in der Ebene brannten, schien ihm das Lager der Seinen anzukündigen, und neu gestärkt durch diese erfreuliche Gewißheit, begann er die Gebirgsabdachung hinabzusteigen, um zu seinem Corps noch vor dessen Aufbruch zu stoßen. Von der Höhe herab schien ihm die Entfernung nicht mehr als eine halbe Stunde zu betragen, aber er fand sich bedeutend getäuscht, als er gegen die Tiefe niederstieg. Er brauchte ungefähr eine Stunde, bis er unten war, denn mehr als zehn Mal mußte er wegen schroffer Felsenwände, auf die er stieß, oder tiefer Schluchten,

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die seinen Fortgang hemmten, umkehren und bald zur Rechten, bald zur Linken ausweichen. Als er endlich am Fuß des Gebirges ankam, wußte er nicht mehr, welche Richtung er nehmen sollte, denn die Feuer, die ihm das Lager der Seinen zu verkündigen geschienen, waren sammt all' den Punkten, nach denen er sich von der Höhe aus orientiren konnte, aus seinen Augen verschwunden. Er mußte demnach wieder auf's Ungefähr der Richtung folgen, die ihm die beste schien, und er verirrte sich bald wieder auf's Neue.

Eben hatte er sich um einige niedere Felsen gewendet, als er das Rauschen einer Quelle zu hören glaubte. Auf's Höchste erfreut, hielt er den Schritt an und horchte - er hatte sich nicht getäuscht, in geringer Entfernung vor ihm murmelte deutlich der Fall des Wassers, wie der kleine Bach oder Quell aus einer Felsenspalte quoll und in ein natürliches Becken von Stein niederfloß. Von den Leiden des Durstes fast aufgerieben, riß er die Zweige auseinander, die ihn von dem Rasengrund der Quelle trennten und wollte sich auf diese stürzen, als ihn ein eigenthümlich prasselndes Krachen, wie wenn Knochen zermalmt würden, und gleich darauf ein murrendes dumpfes Brummen zurückschreckte, und zwischen ihm und der Quelle von dem Rasen sich ein dunkler Schatten erhob.

Das Sternenlicht fiel in die Steinschlucht und ließ die Gegenstände zur Genüge erkennen; vor ihm - kaum zwanzig Schritte entfernt - stand ein großer Löwe.

Das majestätische Thier war offenbar aus dem Gebirge herab gekommen, um an der Quelle - vielleicht der

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einzige Ort auf viele Meilen in der Runde, an dem noch Wasser zu finden war - zu trinken, und hatte darauf hier sein Lager genommen, um an den zu gleichem Zweck herkommenden Thieren seine Mahlzeit zu halten. Der junge Chasseur konnte sehen, wie am Rande der Quelle der Ueberrest einer Antilope lag, die der Löwe dort erwürgt und verzehrt hatte.

Einen Augenblick lang stand der junge Mann in regungslosem Entsetzen vor dieser neuen und furchtbaren Gefahr, und wagte es kaum, zu athmen. Der Löwe stieß jetzt ein Brüllen aus, das von den nahe liegenden Felsen mit einem donnerartigen Echo zurückgeworfen wurde, und den Soldaten bis in das innerste Mark schaudern machte. Die Augen des Thieres leuchteten wie zwei Kohlen in der halben Dunkelheit.

So tapfer der junge Mann war, so erbebte er doch einen Augenblick bei diesem furchtbaren unerwarteten Anblick.

Sein Karabiner war zwar geladen, aber er wußte zur Genüge aus den Erzählungen der Araber wie den Abenteuren Hassens[Abenteuern Hassans], des berühmten Löwenjägers Hamed Bey's und Vorgängers Gerards[Gérards], der damals eben erst nach Bona gekommen war und bei demselben Corps, wie der junge Graf stand, - daß der Löwe selten auf den ersten Schuß fällt, die Kugel müßte ihm denn durch das Auge in's Gehirn gedrungen sein.

Aber er hatte eben nur eine Kugel - denn der König der Wüste ließ ihm gewiß nicht Zeit, den Karabiner wieder

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zu laden, der überdies ein Commißgewehr und wenig zur Jagd auf ein so mächtiges Raubthier eingerichtet war.

Ja er wußte nicht einmal, ob die Pistolen, die er dem getödteten jungen Araberhäuptling abgenommen, geladen waren - er hatte vergessen, sich davon zu überzeugen.

Dennoch dachte er keinen Augenblick an einen Rückzug, selbst wenn dieser möglich gewesen wäre. Er erinnerte sich mit jener Gedankenschnelle, die in Augenblicken der Gefahr ein ganzes Leben zu durchlaufen scheint, daß erst sehr wenige französische Offiziere seit der Eroberung Algeriens das Jagdglück, gehabt hatten, einen Löwen zu erlegen, und daß, wo dies geschehen, es bei großen Jagden in Mitten von Schützen und Treibern geschehen sei oder höchstens von einem gesicherten Anstand aus, und im selben Moment stand auch der Entschluß bei ihm fest, die Trophäe eines gefährlicheren Sieges als des über die Kabylen in's Lager zu bringen, oder an der Quelle sein Leben zu lassen.

Er rief sich rasch Alles zurück, was er über den Charakter und die Kampfart des Löwen gehört hatte und machte sich bereit.

Es bedurfte nur eines Moments, um den Karabiner in die linke Hand gleiten zu lassen und den Hahn zu spannen. So stand er schußfertig dem Löwen gegenüber und erwartete ihn mit festem Blick.

Der Löwe war ein kolossales Thier von der gefürchteten schwarzen Art, die der Araber el adrea nennt und die sich gewöhnlich nur im Gebirge aufhält. Sein Kopf war groß, mit einer dichten und langen schwarzen Mähne

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besetzt. Er hatte bei der blitzschnellen Bewegung des Offiziers und dem Knacken des Hahns einen Sprung vorwärts gethan und befand sich jetzt etwa noch zehn Schritt von seinem Gegner entfernt, den er, den Kopf zwischen die Vorderpranken auf den Boden gekauert, aus den kleinen, wie Kohlen glühenden Augen, betrachtete.

Wohl eine halbe Minute lang standen sich so der Mann und das Raubthier bewegungslos gegenüber und die Spannung war furchtbar; der Graf fühlte, daß er sie nicht länger ertragen könne, ohne seine Ruhe zu verlieren und daß er lieber den Kampf eröffnen müsse.

Langsam begann er daher den Karabiner zu heben, um ihn in schußgerechte Lage an die Wange zu bringen.

Aber so langsam und vorsichtig auch diese Bewegung war, dem scharfen Auge der Bestie war sie keineswegs entgangen. Der Löwe stieß ein markdurchschütterndes Gebrüll aus und hob sich zum Sprung.

Im Nu war der Karabiner an der Schulter des Schützen und der Schuß krachte.

Er hatte keine Zeit gehabt, um zu zielen, ohnehin bei Nacht eine schwierige Sache, und daher nur auf die dunkle Masse gehalten. Aber er wußte, daß er ein sehr sicherer Schütze war und schwerlich gefehlt haben konnte.

Dennoch schien die Kugel keine Wirkung auf das Raubthier geübt zu haben, denn er sah den dunklen Körper im Sprung auf sich zufliegen und kaum zwei Schritte vor sich niederfallen, so dicht, daß er den heißen Brodem des Rachens fühlen konnte.

Graf Aimé begriff, daß er im nächsten Augenblick

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verloren sei, wenn es ihm nicht gelänge, den Löwen kampfunfähig zu machen.

Mit diesem Gedanken zugleich hatte er auch den Karabiner umgedreht und schmetterte mit einem so gewaltigen Hiebe den Kolben auf den Schädel des Löwen nieder, daß das Holz in hundert Splitter zersprang und er den Lauf allein in der Hand behielt.

Die merkwürdige Körperkraft des Grafen schon in seinen jüngern Jahren war in der ganzen Armee von Algier bekannt. Wie Milo von Croton im Alterthum war er im Stande, mit einem Faustschlag einen Ochsen zu tödten, wenn auch nicht wie jener, ihn nachher auf eine einzige Mahlzeit zu verspeisen! Der Schlag hatte den Löwen so betäubt, daß er auf den Rücken fiel und mit den Pranken durch die Luft schlug.

Diese momentane Pause benutzte der kühne Offizier, um den unnützen Gewehrlauf fortzuwerfen und seinen Säbel zu ziehen. Ohne einen Moment der Zögerung, stürzte er sich mit der blanken Waffe auf den fürchterlichen Gegner und schlug ihm mit einem gewaltigen Hieb die rechte Vorderpranke im Gelenk durch, so daß sie nur noch mit der Haut und einigen Sehnen an dem Bein hing. -

Das Gebrüll des Löwen bei diesem neuen Schmerz war so entsetzlich, daß es selbst das furchtlose Herz des Siegers erbeben machte. Das königliche Thier versuchte es, sich wieder auf die Füße zu werfen und zu einem neuen Sprung anzusetzen, während der Offizier wiederholt ihm den Säbel in den Rachen und den Leib stieß, aber die zerhauene Pranke hinderte es an den raschen Bewegung

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indeß sein Blut in Strömen aus mehreren Wunden rann, denn auch der Schuß hatte getroffen, wenn auch nicht an einer tödtlichen Stelle.

Dagegen brach ein Hieb mit der gesunden Tatze der Bestie die Klinge des Säbels fast am Griff ab, und der Graf war jetzt nur noch mit den beiden Pistolen des jungen Sheikh bewaffnet.

Er fühlte, daß er bereits der Sieger war und daß der grimmige Feind, der sich brüllend am Boden wälzte, ihm nicht mehr zu schaden vermochte. Er selbst war merkwürdiger Weise mit Ausnahme einiger unbedeutenden Schrammen in dem furchtbaren Kampf ohne weitere Verletzung als die früher erhaltenen Wunden geblieben. Einige Schritte zurücktretend, um dem wilden Umsichschlagen der Tatzen zu entgehen, betrachtete er den Todeskampf des mächtigen Thiers.

Wie seltsam es auch scheinen mag, so erschöpft wie er auch war, dachte er jetzt doch nicht mehr an die Benutzung der Quelle, um die sie gekämpft hatten, ja er fühlte ein gewisses Mitleid mit dem besiegten Gegner, und indem er die eine der Pistolen des Arabers aus dem Gürtel zog, trat er dem Löwen wieder näher und richtete sie auf den Kopf des Thiers, um seinen Todeskampf zu enden.

Aber das Abdrücken belehrte ihn, daß die Waffe bereits abgeschossen war, und erst das zweite Pistol gab Feuer. Er hatte nach dem Auge gezielt und mit sicherer Hand geschossen; der riesige Körper des Löwen zuckte beim Empfange der Kugel zusammen, dann streckte er die Glieder und blieb bewegungslos liegen.

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Der Graf steckte die Pistolen wieder in den Gürtel, nahm den Lauf des Karabiners auf und stieß wiederholt den Löwen an - das Thier war todt. Mit einem stolzen Gefühl des Triumphes setzte er seinen Fuß auf den leblosen Körper und dachte daran, was seine Kameraden sagen würden, wenn er ihnen die Beweise seiner Siege bringen würde.

Endlich trat die Qual des furchtbaren Durstes wieder in ihr Recht und erweckte ihn aus diesen stolzen und eitlen Gedanken. Er verließ den Körper des Löwen und warf sich am Rande der Quelle nieder, um den heißersehnten kühlen Trank in langen Zügen in die brennende Kehle zu schlürfen.

Dann, nachdem er sich hinreichend erfrischt, und Kopf Hände und Füße in dem kühlenden Element gebadet und seine Wunden neu verbunden hatte, trat er wieder zu seinem todten Feinde und schnitt ihm als Zeichen und Andenken seines Sieges beide Pranken vollends ab, bevor er sich auf's Neue auf den Weg machte. Das Wasser hatte ihn zwar etwas erfrischt, indeß die furchtbare Anstrengung und Aufregung doch so ermattet, daß er nur mühsam weiter schwanken konnte, und als er endlich aus dem Schatten eines Gehölzes von Korkeichen tretend den schwachen Schimmer eines Lichtes gewahrte, beschloß er, hier Unterkommen zu suchen, selbst auf die Gefahr hin, in feindliche Hände zu fallen. Näher kommend fand er ein kleines Gehöft der Kabylen, bestehend aus mehreren aus Steinen gebauten Hütten, von denen aber nur aus der einen Licht schimmerte. Die Hunde, ohne die kein Kabylen- oder Araberdorf

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bestehen zu können scheint, erhoben ein wüthendes Gebell, als er sich näherte, und er vermochte kaum, sie abzuwehren, als er auf die Thür los schritt. Im Vorübergehen bemerkte er in einer großen, von hoher Einfassung umgebenen Hürde mehrere Pferde und Ochsen, ein Beweis, daß der Herr des Hauses zu der wohlhabenderen Klasse gehörte.

Noch ehe er die Thür erreicht, öffnete sich diese und ein Araber, in seinen Bournous gehüllt, trat auf die Schwelle, in der Rechten die Flinte, in der linken Hand die brennende Lampe hochhebend. Hinter ihm wurde die Gestalt seines Weibes sichtbar. Der Hausherr mußte offenbar Jemanden erwarten, denn noch bevor er den Nahenden erkennen konnte, rief er ihm entgegen: »Maschallah, Dank sei dem Propheten, daß Du kommst!«

Sein Schutzgeist gab dem jungen Manne ein, diese Begrüßung sogleich durch jene Formel zu erwiedern, mit welcher der Fremde die arabische Gastfreundschaft anruft, die ihm kein Araber alsdann verweigern darf, ohne sich der höchsten Schande auszusetzen. Der Graf kannte diese Gebräuche aus den Erzählungen seiner Kameraden, und da er bereits das Arabische ziemlich gut verstand, sagte er ohne Zaudern: »Dif-Erbi, ein Eingeladener Gottes!«

Der Kabyle, obgleich getäuscht in seiner Erwartung, zögerte doch nicht, zu erwiedern: »Marsaba-bick, Du bist willkommen!« indem er zugleich dem Gaste Platz machte, damit dieser über die Schwelle treten könne.

Bei dem ersten Schritt, den der Offizier in die Hütte machte, erkannte er im Licht der Lampe und eines Feuers

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auf dem niedern Heerd, daß er sich in der Wohnung eines Kriegers, und zwar eines Mannes befände, der eben erst aus dem Kampf gegen die Franzosen und von ihrer Verfolgung zurückgekehrt war.

An der Wand der Hütte lagen Sattel und Zaum, daneben die Pistolen, Yatagan, Säbel und Kugeltasche und ein mit Blut befleckter französischer Militairmantel. Auf einer Matte waren mehrere Lebensmittel ausgebreitet, da der Hausherr wahrscheinlich eben seine Mahlzeit eingenommen hatte. Der Graf, welcher im Scheine der Lampe den finstern Blick bemerkte, den der Kabyle ihm zuwarf, als er seine Uniform erkannte, ging sogleich auf die Matte zu, brach ein Stück des Maiskuchens ab, tauchte es in Salz und aß es; damit hatte er sich unter den Schutz des Hausherrn gestellt, und dieser war für Alles, was ihm, während er sein Gastfreund war, geschah, verantwortlich. Man kennt kein Beispiel, daß ein Araber in seinem Hause das heilige Gesetz der Gastfreundschaft verletzt hätte!

Die Stirn des Arabers wurde dunkel, doch bezwang er sich gewal[t]sam, nahm den Rest des Brodes und aß ihn. Dann lud er den Gast ein, sein Mahl zu theilen.

»Du bist von der Schaar der Franken, welche die Duars unserer Brüder, der Beni-Azoum, zerstört haben?«

»Ich gehöre zur Kolonne des Generals Lamoricière, die von den Arabern angegriffen wurde. Du warst Einer unserer Feinde?«

»Inschallah! Ich bin ein Bel-Hocein! Weißt Du, ungläubiger Franke, wer die Bel-Hoceini sind?«

»Nein, mein Aga!«

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»Die Bel-Hoceini sind die wahren Abkömmlinge Derer, die über das Meer herkamen vor längerer Zeit, als da unsere Väter in Granada waren. Es sind die Kinder der Romani6 und niemals werden sie die Sclaven der fränkischen Hunde sein! Ich war dabei, als die Rechtgläubigen Eure Reihen schlugen im Paß von Zerguin. Diese Flinte da hat zehn der Deinen getödtet!«

Der junge Franzose konnte sich nicht enthalten, seinen Gastfreund mit einigem Mißtrauen anzublicken bei dieser Erzählung, Es war ihm um so unheimlicher zu Muthe, da es ihm vorkam, als ob er sein Gesicht schon irgendwo gesehen, ohne daß er sich erinnern konnte, wo dies gewesen. Aller seiner Waffen verlustig, da zu den Pistolen des jungen Arabers ihm die passende Munition fehlte, war er jetzt widerstandlos dem erbitterten Feinde seiner Nation preisgegeben.

»Ich habe mich verirrt von unseren Truppen« sagte er endlich, »und bin allein und in Deiner Gewalt. Aber es würde unedelmüthig von Dir sein, Deinen Vortheil zu mißbrauchen, und Strafe finden; denn ich weiß, daß Dein Prophet Diejenigen zur Jehennah verdammt hat, welche den Gast kränken. Ich habe des Kampfes und der Gefahren heute zur Genüge bestanden.« Damit zog er die blutige Tatzen des Löwen unter seinem Uniform-Bournous hervor und legte sie vor seinen Wirth.

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Dieser blickte ihn erstaunt an. »Bismillah - was ist das?«

»Du siehst es, Freund - die Tatzen eines Löwen, den ich unfern von hier an einer Quelle erlegte!«

Der Araber sprang erfreut empor und rief seinem Weibe: »Komm her, Zulmah, und sieh diesen Franken - bei Allah, er hat Herrn Johann den Sohn Johann's getödtet, den wir diese Nacht brüllen hörten und der seit fünf Jahren die Heerden unserer Dachera's mordet, ohne daß ein Sohn des Propheten ihn zu tödten vermochte! Sprich, Franke, wie ist es Dir gelungen, zu thun, was die beste Flinte des Gebirges nicht vermocht hat?«

Der Graf erzählte einfach den Hergang, während seine beiden Wirthe ihn mit unverholenem Erstaunen ansahen.

»Du bist jedenfalls ein Tapferer« sagte der Araber, indem er ihm die Hand reichte, »und ich achte und liebe die Tapferen, wenn ich auch Dein Volk hasse als die Unterdrücker des meinen und die Verführer meines einzigen Kindes, das von ihrer falschen Zunge bethört in ihre Städte gegangen ist und das Zelt seiner Väter verlassen hat. Aber es ist wiedergekehrt zu dem Haus, das es geboren, es hat die gespaltene Rede der Männer aus Frangistan kennen gelernt und ist wieder ein Araber der Araber geworden. Im heutigen Kampfe war er an meiner Seite und auf Euren flüchtigen Fersen. Er wird heimkehren mit Ruhm und Beute zu der Schwelle seiner Eltern. Aber fürchte Dich nicht, Du bist mein Gast und hast mein Brod gegessen, und Niemand soll Dir Etwas zu Leide thun, so lange Ibrahim Bel Hocein lebt!«

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Er ergoß sich in einen Redestrom über die Eigenschaften des verlornen Sohnes, der, von der Lust und den Vergnügungen der französischen Städte angelockt, sich den Herren des Landes angeschlossen hatte, bis irgend ein Streit oder eine getäuschte Erwartung ihn mißmüthig wieder zu einem Feinde der Franzosen gemacht hatten. Als er aber bemerkte, daß darüber seinem Gaste die Augen zufielen, brach er sofort ab und lud diesen höflich ein, auf das für ihn im Winkel des als Küche und Männerwohnung benutzten Raumes bereitete Lager sich niederzulegen. Der Graf warf sich, in seinen Bournous gehüllt, auf die Filzteppiche - und selbst die Gewißheit, daß ihm während des Schlafs der erbitterte Feind seines Landes den Hals abschneiden würde, hätte nicht vermocht, ihn auch nur eine einzige Minute länger wach zu halten.

Er mochte etwa vier Stunden fest und traumlos, ohne die geringste Störung zu empfinden, fortgeschlafen und die erschöpfte Natur wieder einigermaßen ihre Kräfte erfrischt haben, als er am Arm angerüttelt wurde.

Mit der raschen Besinnung eines Soldaten richtete er sich empor - ein Blick umher zeigte ihm, was geschehen.

Durch seine Bewegungen im Schlaf war sein Bournous zurückgefallen und die Augen der drei Personen, die sein Lager umstanden, waren mit dem Ausdruck des Hasses und des Schmerzes auf den Perlengürtel gerichtet, den er dem jungen erstochenen Araber am Tage vorher abgenommen hatte und den er um den Leib geschnallt trug.

Das Weib seines Wirthes schluchzte heftig; in der Aufregung des Schmerzes hatte sie die Schleier von ihrem

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Haupte gerissen und die langen schwarzen Haare schlugen wirr um das thränenfeuchte, trotz ihrer vierzig Jahre noch immer schöne Gesicht. Der Hausherr selbst stand, krampfhaft die Hand um den Griff seines Yatagans gepreßt und, schaute mit finsteren Blicken auf den jungen Soldaten, der mit Entsetzen in dem wilden, rachedurstigen Gesicht des Dritten den Araber wiedererkannte, der zuletzt von jenen Dreien ihn angegriffen und nachdem er vergeblich auf ihn geschossen hatte, geflohen war.

»Was zauderst Du, Ibrahim Bel-Hocein?« rief der Fremde wild, »laß uns die Schlange, die gezischt hat, tödten zur Ehre Allahs und zur Sühne des Blutes, das sie vergossen!«

Er schwang wild den Yatagan über dem Haupte des jungen Soldaten, der unwillkürlich nach den nutzlosen Pistolen griff, aber der Hausherr streckte schützend den Arm dazwischen. »Zurück, Achmet! wärst Du so tapfer gewesen gegen den kämpfenden Feind, wie Du es jetzt gegen den wehrlosen bist - Bugrada und Assaunah, die Hoceini, wären längst gerächt und nicht Schmach gekommen über ihres Blutes Haus! - Steh' auf, Franke, und folge mir, denn Du darfst nicht mehr länger in diesen Mauern weilen!«

Aimé, noch ganz betäubt von dem, was er sah und hörte, und bereits die traurige Lösung ahnend, erhob sich und folgte seinem Hauswirth vor die Schwelle der Thür. Der Tag war bereits angebrochen, und goldene Wolken im Westen verkündeten den nahen Aufgang der Sonne.

»Bringe den »Pfeil« und die »Schwalbe«,[«] befahl der Hausherr.

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Achmet gehorchte und führte zwei arabische Pferde aus der Umzäunung, denen er rasch Sattel und Zaum anlegte.

Der Chasseur sah schweigend, aber mit Verwunderung dem Allen zu.

»Franke,« sagte darauf der Hoceini, »Du hast, wie mir dieser Mann berichtet, gestern im Kampfe meinen Bruder und meinen Sohn erschlagen. Der Gürtel, den Du um Deinen Leib trägst, verräth Dich, er ist der seine! Aber ich habe Dir Gastfreundschaft gewährt, und Allah's Fluch würde mich treffen, wollte ich das Blut meines Gastes nehmen. Du bist ein Tapferer und hast wie ein Tapferer gethan. Nimm den Gürtel und die Tatzen des Löwen, die Zeichen Deines Sieges mit Dir, und wähle Dir eines dieser beiden Pferde. Ihre Schnelligkeit ist wie der Wind. Sie sind von der Race der Geflügelten und einander gleich. Steige auf und fliehe! - Dort hinaus,« er wies nach einem Punkt am nördlichen Horizont - »ist das Lager der Deinen. Wenn die Scheibe der Sonne über den Rand der Erde sich erhoben, werde ich auf Deiner Ferse sein. Eile Dich, denn Deine Augenblicke sind gezählt!«

Der junge Chasseur fühlte, daß hier nicht der Augenblick des Zögerns oder der Erklärung sei. Er sprang in den Sattel, wobei der Araberhäuptling - bis zum letzten Augenblick dem erhabenen Gebrauch der Gastfreundschaft getreu - ihm den Steigbügel hielt, und die blutigen Pranken des Löwen in den Taschen seines Bournous bergend, spornte er mit dem üblichen Ruf: »Erbi Ikelef Alikun, Gott gebe es Dir wieder!« sein Roß.

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Es schoß wie ein Pfeil von den Hügeln, zwischen denen der Hausch7 des Hoceini lag, und flog über die Ebene.

Der Graf wagte nicht, sich umzusehen, ob der Araber sein Wort hielt, und erst, als die Sonne mehrere Handbreit über dem Horizont stand, wandte er sich im Sattel: - wie einen dunklen Punkt am Rande der Ebene sah er den Verfolger heraufkommen.

Das edle Roß, das ihn trug, strich mit ihm über die Fläche, gleich wie der Vogel, dessen Namen es führte, und dennoch fühlte er - ohne daß er den Blick nochmals zurückwandte, gleichsam durch einen geheimen magnetischen Rapport - das Näherkommen seines Feindes.

Die erbeuteten Pistolen waren ihm nutzlos, er besaß keine andere Waffe mehr, und es blieb ihm daher Nichts übrig, als allein sich auf die Trefflichkeit und Ausdauer seines Pferdes zu verlassen. Selbst wenn er bewaffnet gewesen wäre, hätte es ihm widerstanden, die Waffen gegen den Mann zu brauchen, dessen Sohn er erschlagen und dessen Brod er gegessen hatte.

Die wüthende Jagd flog wie ein Sturmwind über die weite Ebene. Aber ein so tüchtiger Reiter auch der Graf war, sei es, daß der Araber besser die Natur seines Rosses anzuspornen und zu benutzen verstand, sei es, daß dieses selbst noch trefflicher war, als sein Gefährte, - als Anatole[Aimé] sich jetzt im Sattel umkehrte, nach dem Feinde zu

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schauen, erkannte er deutlich dessen volle Gestalt und sah, wie er Zoll um Zoll ihm näher wuchs.

Die Lebenslust, das Verlangen, einem Kampf auszuweichen, die Hoffnung des Entrinnens ließ ihn sein edles Roß auf alle Weise zur Verdoppelung seiner Schnelligkeit antreiben und er stachelte seine Flanken mit der Spitze der breiten Steigbügel, daß sein Blut auf das harte Erdreich tropfte, über das er hinflog.

Schon konnte er deutlich das Bivouac und die Zelte der Kolonne erkennen, die in der Ebene gelagert war, und nach dieser Stelle hielt er den Lauf seines Pferdes, während sein Verfolger, jetzt mit der vollen Erbitterung des unversöhnlichen Rächers ihn jagend, ihn dabei immer weiter nach rechts zu drängen suchte, wo in einiger Entfernung sich der runde Bau eines arabischen Marabuts auf einer hügelartigen Erhöhung erhob, von der niederes Gesträuch sich weit in die Ebene dehnte.

Der Graf war jetzt etwa noch eine Lieue vom Lager entfernt; man schien dort den Flüchtling bemerkt zu haben und er sah einige Reiter die Kolonne verlassen, um zu recognosciren und die Nahenden zu beobachten.

Plötzlich stieß der Araber ein wildes Triumphgeschrei aus, das bis zu seinen Ohren drang, und jagte jetzt in vertikaler Linie auf ihn zu.

Der Offizier spornte sein Pferd, er sah in der Ferne seine Kameraden eilig heran kommen und konnte bereits erkennen, wie sie ihm winkten.

Aber er verstand nicht, was es bedeuten sollte, daß ihre Zeichen ihn gerade seinem Feind entgegen wiesen,

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dessen gellendes Rachegeschrei immer triumphirender in seinen Ohren tonte.

Er preßte dem edlen Berberroß die spitzen Bügel auf's Neue in die Flanken und schoß auf den Rand des niedern Gebüsches zu.

In diesem Moment enthüllte sich ihm mit einem Blick die ganze Taktik seines Verfolgers, die Warnung seiner Kameraden.

Vor ihm öffnete sich eine jener breiten, tiefen Erdspalten, welche die ganze Metidja[h] durchfurchen, und die von dem entfernten Ufer des Djema bis weit über den Marabut hinaus verlief. Der Hoceini hatte mit seiner größern Ortskenntniß das Ende der Schlucht ihm abgewonnen und ihn so gleichsam in eine Falle gebracht, aus der er ohne Kampf nicht zu entrinnen hoffen durfte.

Aber er besaß zu seiner Vertheidigung Nichts, als den kurzen Säbelstumpf und sah, zur Seite blickend, wie der Araber eine lange Reiterpistole im Heranjagen erhob.

Aimé sprengte am Rande der Schlucht hin, seine Rettung fast aufgebend. Der Knall eines Pistolenschusses schlug an sein Ohr, ein Kugel flog dicht an seinem Kopf vorüber.

Er wußte, der Araber hatte noch eine zweite zu versenden.

Jetzt faßte er einen verzweifelten Entschluß. Er lenkte das Pferd in vollem Rennen in halber Volte von der Schlucht zurück, gleich als wolle er sich in die Ebene zurückwerfen.

Der Verfolger stieß ein Freudengeschrei aus.

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Dann aber wandte der Graf den Kopf des Rosses, und im Galop an die Schlucht zurückkehrend, hob er das edle Thier und stieß ihm tief die Stacheln der Bügel in die Weichen.

Die Schlucht war über zwanzig Fuß breit, aber dennoch that das Berberpferd den verzweifelten Sprung. Sein edles Blut bewährte sich - das entgegengesetzte Ufer des Felsenspaltes lag zum Glück etwas tiefer und das wackere Thier erreichte glücklich den Rand. Aber während es mit den Vorderfüßen festen Boden gewonnen, fühlte der Reiter, wie seine Hinterhufe vergeblich an dem bröckelnden Rand des Abhanges Halt zu gewinnen strebten und das Erdreich unter ihnen sich löste. Er hatte eben nur noch Zeit und und Entschlossenheit genug, um sich über den Kopf des Pferdes auf den Boden zu werfen; dann überschlug sich dieses und rollte in den Abgrund.

Als der Offizier emporschaute, sah er seinen Feind am andern Ufer der Schlucht sein Pferd auf den Hinterbeinen pariren, ohne es zu wagen, den furchtbaren Sprung ihm nachzuthun. Dann hob er es empor, drehte es im Bäumen dicht am Rande der Schlucht um, daß die Vorderhufe einen Halbkreis über der Tiefe beschrieben, und jagte - ohne seine Pistole zu brauchen - mit der Faust hinüber drohend, mit wildem Geheul davon.

Er hatte sich vor dem Kismet gebeugt, das seinen Feind gerettet. - -

Als die französischen Reiter herankamen, war er schon weit aus dem Bereich ihrer Kugeln. -

Seine Kameraden jubelten über die Rettung

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Boulbon's und führten ihn im Triumph zum Lager zurück, von wo der General selbst die gefährliche Jagd mit angesehen. -

Man war in die Schlucht hinabgestiegen und hatte das edle Berberpferd dort betäubt, aber wunderbarer Weise ohne erhebliche Verletzung gefunden. Die dichten Ranken der Schlingpflanzen hatten die Gewalt seines Sturzes gebrochen und es wurde dem jungen Offizier als sein wohlerworbenes Eigenthum zum Lager nachgeführt, wo ihm von einem Brigade-General bald eine bedeutende Summe dafür geboten wurde.

Aber der Graf weigerte sich, es zu verkaufen. Er sandte es von Algier aus mit einem den Franzosen befreundeten Araber an den Hoceini zurück. Doch der Bote brachte das Pferd wieder mit der Erklärung des Eigenthümers: er wolle ein Thier nicht mehr schauen, das treulos seinen Feind seiner Rache entzogen. Der Franke möge es behalten als Dank dafür, daß er die Gegend von dem Löwen befreit. Im Uebrigen sei Kampf und Blutrache zwischen ihnen bis zum letzten Hauch!

Später hörte er, daß der Häuptling seinen bisherigen Wohnsitz ganz verlassen und tiefer in's Gebirge zu den unabhängigen Stämmen gezogen war.

Der Marschall ernannte den jungen Offizier zu seinem Adjutanten und verwendete ihn seitdem häufig zu den gefährlichsten und ehrenvollsten Aufträgen.



»Caramba,« rief der Lieutenant, seine Strohcigarre fortwerfend und sich eine neue drehend - »das nenne ich

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ein hartes Entkommen! Ihr erzählt vortrefflich Señor Don Bonifaz und ich bin überzeugt, daß diese Teufel von Kabyles, wie Ihr sie nennt, nicht viel besser sind, als die Hunde die Apachen!«

Der Kreuzträger, der mit einem Tuchfetzen den Lauf seiner Büchse polirte, hob den Kopf.

»Habt Ihr jemals schon mit den Apachen zu thun gehabt, Lieutenant?«

»Das nicht, Señor, Gott und die heilige Jungfrau haben mich bis jetzt davor bewahrt und mir passendere Gegner gegeben. Aber jedes Kind in Mexiko weiß von ihnen zu erzählen und ihr Ruf ist der schlechteste von allen Indianos bravos!«

»Dann Señor,« sagte der Fährtensucher, »wartet mit Eurem Urtheil, bis wir mit ihnen zusammen getroffen sind, was - so Gott will! - nicht mehr lange anstehen wird. Unterdeß Monsieur -« der Pfadfinder brauchte diese Anrede stets, wenn er mit dem Grafen oder seinem Factotum sprach, wahrscheinlich, um damit seinen Anspruch auf eine Art Landsmannschaft zu beweisen, - »möchte ich Euch fragen, ob der General seinen Feind nie wieder getroffen hat? Wir hören in unsern Einöden so selten Geschichten aus der alten Welt, und dieser Häuptling scheint mir so brav wie der beste Krieger der Comanchen oder der Pawnee Loups, mit denen ich zwei Sommer jagte, daß Ihr die Neugierde eines unwissenden Jägers entschuldigen müßt!«

»Ihr habt Recht, Meister Kreuzträger,« meinte der Provencale[Provençale], »auch der Graf sprach von dem Hoceini, obschon er seinem Yatagan oder seiner Kugel damals nur

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mit genauer Noth entronnen war, nicht anders als mit Achtung.«

»Aber haben sie sich wieder getroffen?«

»Ja - und zwar bei einer Gelegenheit, von der ich nur mit Schaudern sprechen kann. Ich habe Manches in meinem Leben gesehen, aber das Gekreisch der lebendig gebratenen Weiber und Kinder in der Höhle des Dahra gellt mir noch immer vor den Ohren!«

»Wie,« sagte der Kanadier entrüstet, - »wenn jene Krieger jenseits des Meeres auch an Weibern und Kindern solche Greuel begehen, sind sie wirklich nicht besser, als die Apachen! Ich glaubte nicht, aus den alten Ländern dergleichen zu hören!«

Der Avignote zuckte die Achseln. »Ich muß Euch sagen, Meister Kreuzträger, daß nicht die Araber, sondern der französische General selber es war, der den Stamm der Beni Ramah mit all' seinem Eigenthum schmorte!« -

»Und dieser Mann war also ein Christ?«

»Ein gläubiger apostolischer Christ, so gut wie ich, und hoffentlich Ihr. Corbioux! Es ist freilich wahr, daß man ihm die Geschichte sehr übel genommen hat und der Graf verließ deshalb die Armee, in der er sicher jetzt Marschall von Frankreich wäre! Aber auf der andern Seite - diese Kabylen sind eine nichtswürdige Brut von Räubern und Mördern und waren so verstockt wie ein Pfaffe, der einen zu viel gezahlten Beichtgroschen herausgeben soll! Sie erwiederten alle Aufforderungen nur mit Flintenschüssen!«

»Wie hieß der Führer der Franzosen?«

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»General Pelissier! Pardioux! ich kann Euch sagen, Meister Kreuzträger, er ist ein Mann, der nicht mit sich spielen läßt und die Araber kennen ihn jetzt!«

Der Spurfinder hatte die Stirn in die Hand gestützt - er schien in trübe Erinnerungen verloren. »Ich weiß, was es heißt, ausgeräuchert zu werden und Dampf und Flammen ihre unerbittlichen Zungen nach theurem Leben strecken zu sehen! Ihr würdet mich zu Dank verpflichten, Landsmann, wenn Ihr uns die Geschichte erzählen wolltet!«

Die Andern im Kreise wiederholten die Bitte.

»Je nun,« meinte endlich der Mayordomus - »es ist kein Geheimniß, die Zeitungen haben genug davon Lärmen gemacht. Also - bald nach jenem tollen Ritt war der Graf zum Kapitain avancirt und Bugeaud, der Generalgouverneur von Algerien, hatte ihn zu seinem Adjutanten gemacht. Als solcher schlugen wir die Schlacht am Isly mit, das heißt, der Graf neben dem Marschall und oft im dichtesten Kampfgedränge und ich auf seinen Befehl beim Gepäck; denn Ihr müßt wissen und ich mache gar kein Hehl daraus, daß ich lieber den festen Boden unter meinen Sohlen, als ein Pferd zwischen meinen Beinen liebe, und der Graf holte sich in der Schlacht das Kreuz und wurde zum Bataillonschef ernannt. Später machten wir noch mehre Gefechte mit, bis der Graf mit seinem Bataillon zu der Expedition des Obersten Pelissier in den Dahra commandirt wurde.

Sie mochten sich schon von früher her wenig leiden, mein Herr, der Graf und Pelissier. In den Adern der

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Boulbons rollt, wie Ihr wißt, das königliche Blut der rechtmäßigen Herrscher Frankreichs und Pelissier, ein so tapferer und kühner Bursche er auch sein mag, ist ein verfluchter Demokrat und grob wie ein Kornsack! Er zog bei jeder Gelegenheit seine Räuberbrut die Zuaven und Zephyrs vor, Kerle, die zu schlecht für den höchsten Galgen in Europa und Amerika sind, und häkelte an den regulären Soldaten umher, denn das Bataillon des Grafen gehörte zur Linie. Nun hat der Graf gerade auch keine Lammsgeduld, wie Ihr wohl bald merken werdet, und so prallten denn zwei harte Steine auf einander.

Aber Pardioux! es gab Besseres zu thun, als zu zanken, und die Flinten der Araber sorgten lange dafür, daß es keine Zeit gab zu einem ordentlichen Streit. Pelissier ging d'rauf wie der Teufel und die Satans, die er stets vorn weg in's Gefecht schickte, warfen die Kabylen von Schlucht zu Schlucht, von Fels zu Fels. Freilich - jeder Todte, den wir beim Nachrücken fanden, war rein ausgezogen bis auf die Haut und dazu fehlten ihm die Ohren, die des Obersten Zuaven abgeschnitten und einstweilen in die Brotbeutel gesteckt hatten, um die Prämie dafür nicht zu verlieren.

Am Abend eines blutigen Tages kam der Graf, der mehre Male bis zur Spitze unserer Truppen vorgeritten war, zu mir und sagte: >Bonifaz,< sagte er - >weißt Du, wen ich in den Reihen unserer Feinde gesehen habe?<

Zum Teufel, antwortete ich, es wird doch nicht die schöne Fatime gewesen sein, daß Sie in so gewaltiger Aufregung darüber sind!

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Ihr müßt nämlich wissen, Señores, die schöne Fatime war eine kleine maurische Tänzerin, in deren Schlingen den Winter vorher in Algier mein Graf arg gefallen war.

>Nein - nichts von dem Unsinn! es ist Ibrahim, der Hoceini, der Herr meines edlen Rosses, dessen Sprung am Marabout mir das Leben rettete, als er mich auf Tod und Leben verfolgte!<

Hui! Pardioux! ich pfiff durch die Zähne, denn die Sache war verdammt ernst! Mit einem verfluchten Kabylen, wenn er einem Christenmenschen Rache geschworen hat, ist nicht zu spaßen. So frug ich denn den Grafen, wie sich der braune Satan benommen und ob er ihn erkannt habe.

Bei einem Reiter-Angriff der Araber, den die Zuaven mit einem schnell gebildeten Quarré zurückgewiesen hatten, befand sich der Graf mit dem kommandirenden Offizier zu Pferde in der Mitte. Unsere Leute hatten auf etwa zwanzig Schritt Feuer gegeben und fast ein Drittel der Beduinen hatte die Sättel geräumt. Unter denen, welche den Kugeln entkommen und ihre Rosse zur Flucht wenden konnten, hatte sich der Hoceini befunden. Sein Pferd, der »Pfeil« hatte ihn dicht an die Bayonnete getragen, ehe er es sich bäumen lassen und herumwerfen konnte. Indem er sich in den kurzen Bügeln erhob und mit dem Säbel hinüber drohte, hatte sein Auge auf das des Grafen getroffen und das Erkennen war offenbar ein gegenseitiges gewesen. Der Kabyle hatte eine grimmige Verwünschung ausgesprochen und den Namen Boulbon, den er wahrscheinlich damals von dem Vermittler, der ihm das Pferd hatte

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zurückbringen sollen, erfahren, zwei Mal herausfordernd in das Kampfgewühl gerufen, ehe er davon jagte. Seitdem hatte man ihn und seinen Schimmel bei jedem wiederholten Angriff an der Spitze gesehen und immer ihn den Namen seines Feindes als herausfordernden Schlachtruf schreien hören.

Nun, Corbioux! Der Graf ist sonst nicht der Mann, der sich lange rufen läßt, aber in diesem Falle mochte er nicht freiwillig mit dem braunen Halunken anbinden und ging ihm lieber aus dem Wege - nicht aus Furcht, wie ich gleich zeigen werde, sondern weil er seinen Sohn getödtet und nachher sein Brod gegessen hatte. Unterdeß wurden die Beduinen Schritt um Schritt immer weiter zurückgeschlagen und der Kampf war grimmiger als vorher, bis plötzlich über Nacht alle Kabylen verschwunden waren, als waren sie von der Erde verschlungen.

Und Corbioux! so war es in der That! Habt Ihr je von den Felsenhöhlen der Kantara gehört, Señores? Doch nein, das ist nicht gut möglich. Nun gut - der ganze Stamm der Beni Ramah, zu dem der Hoceine mit seinem Weibe gezogen war, weil dieser der unversöhnlichste Feind der Franken war und die Unterwerfung weigerte, obschon alle andern Stämme im Dahra es gethan, hatte seine Weiber, Kinder und Hausthiere in eine große Felsenhöhle geflüchtet, die wohl tausend Menschen bergen konnte und die man die Grotten von Freschiech nennt.

Aber statt sich ruhig hier zu halten, trotzten sie auf die Sicherheit ihrer natürlichen Feste und schossen auf die Franzosen, die unter ihr im Grunde vorüber zogen.

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Pardioux Señores, Ihr hättet damals Pelissier sehen sollen, in welche Wuth er gerieth. Er ließ den Marsch der Kolonne sofort unterbrechen und lagerte vor dem Eingang der Grotten. Spione - denn die Schufte, giebt es überall! - hatten ihm verrathen, daß die Grotte nur zwei Zugänge hatte, die beide eigentlich nur aus mehr oder weniger breiten Felsspalten bestanden. Vorn waren beide Eingänge über einander - auf der Rückseite des Berges nur ein Paar enge Spalten, die leicht mit Felsstücken, Steinen und Aesten zu verstopfen waren, überdies stellte der Oberst einen starken Posten davor. So hatte er sie wie eine Maus in der Falle und keine Katze konnte aus der Höhle entwischen.

Ich habe später oft die Offiziere, darüber sprechen hören, und die meisten waren der Meinung, daß es eine traurige Nothwendigkeit gewesen wäre; denn unmöglich durfte der Oberst fünfhundert entschlossene Feinde in seinem Rücken lassen, die uns die Zufuhren abgeschnitten hätten, und ebensowenig konnte er vor der Höhle lagern, bis der Hunger den Feind bezwang. Ein Angriff auf die unterirdische Festung war aber vollends unmöglich, denn eine Handvoll entschlossener Männer konnte den Eingang gegen eine Armee vertheidigen.

Nur die armen Weiber und Kinder dauerten mich! Sapristi! Genug - als die Kolonne sich in gehöriger Entfernung gelagert hatte, schickte der Oberst einen Parlamentair an den Feind, einen Offizier, der das Arabische fertig sprach, und ließ sie wissen, daß sie sich ergeben oder Alle sterben müßten. Die Antwort waren Flintenschüsse,

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die den einen Begleiter des Parlamentairs todt zu Boden streckten und ihn selbst verwundeten.

Pelissier tobte wie ein angeschossener Eber! Corbioux, ich habe nie einen Mann so wild gesehen! Die halbe Truppe mußte sich zerstreuen und was nur irgend auf eine Lieue in der Runde zum Brennen tauglich war, abhauen und sammeln. Es wurden Faschinen gemacht und der Wall, der sich trotz der Flintenschüsse der Araber vor dem doppelten Eingang thürmle, reichte bald bis über die obere Felsspalte hinauf.

Sie wußten, was ihnen bevorstand - von Zeit zu Zeit erschien einer ihrer Krieger in den Oeffnungen, schoß seine lange Flinte gegen uns ab und stieß Verwünschungen gegen das Volk der Franken aus

Der Oberst gab den Befehl zum Anzünden des ersten Faschinen-Walls.

Alsbald erhob sich die züngelnde Flamme und leckte an den dürren Reisern mit ungeheurer Schnelligkeit empor. Die Zephyre, mit allen Raffinements und Schlechtigkeiten vertraut, hatten Kameelmist und stinkende Kräuter zwischen die Reisigbündel gehäuft und ein erstickender Qualm erhob sich und wurde von dem Luftzug gerade in den Eingang der Höhle getrieben.

Ein Geheul drang durch diesen Rauch, das Gebrüll von Thieren, das Hohngeschrei von Weibern und Kindern in wilden Verwünschungen.

Die meisten Offiziere standen schweigend auf ihre Säbel gestützt in einiger Entfernung, während die Soldaten, das Gewehr neben sich, rings umher gelagert

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waren und schlechte Witze rissen über die Unglücklichen da drinnen. Wie die Teufel liefen die Zuaven vom Regiment Pelissiers umher und stacherten die Flammen und schleppten immer wieder frische Bündel Faschinen herbei zur Nährung des Feuers.

Für den Obersten war ein Zelt aufgeschlagen worden. Nachdem er den Befehl zum Anzünden der Faschinen gegeben, zog er sich dahin zurück und der Posten hatte strengen Befehl, Niemand zu ihm zu lassen, als einen Adjutanten, der von Stunde zu Stunde rapportirte.

Es war gegen Sonnenuntergang gewesen, als die Faschinen in Brand gesetzt wurden. Das Feuer brannte die ganze Nacht, aber bei dem geringen Luftzug drang der Dampf nur langsam in die Oeffnungen der Höhle.

In den ersten zwei Stunden verhöhnten uns die Eingeschlossenen. Sie kamen wiederholt an die Oeffnung, stießen Schmähungen aus und schossen ihre Flinten und Pistolen gegen uns ab.

Endlich drang der Rauch dichter und dichter in die Oeffnungen der Höhle und die ungeheure Grotte begann sich zu füllen.

Dann hörten wir das Brüllen der Stiere, das Blöken der Schaafe und das unruhige Gewieher der edlen Pferde, welche die Araber als ihren größten Reichthum mit sich in die Grotten geführt hatten.

Zwischen das Brüllen der Thiere mischte sich bald das Klagegeschrei und das Stöhnen von Menschen.

Wer nur ein Mal Gelegenheit gehabt hat, dem Tode oder Begräbniß eines Orientalen beizuwohnen, konnte sich

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über diese Laute nicht täuschen. Es war das Geschrei der Klageweiber, die an dem Todtenlager standen, was selbst die Nerven der rohesten Krieger erbeben machte.

Auf diese Weise waren wiederum zwei Stunden vergangen. Die Wachen am Feuer, die mit dessen Unterhaltung beauftragt waren, lösten einander alle Stunden ab. Der Graf, mein Herr, hatte sich in seinen Burnus gehüllt unter einem Felsen auf den Boden geworfen und ich lag zu seinen Füßen.

Es mochte eine Stunde vor Sonnenaufgang sein, als wir durch Schüsse geweckt wurden. Aber sie waren nicht auf uns gerichtet, sondern schienen im Innern der Höhle zu fallen. Dazwischen mischte sich Geheul und Wehklagen und das Brüllen der Thiere.

Wir glaubten Anfangs, die Beni Ramah wollten einen Ausfall machen und erwarteten sie alle Augenblicke durch die Wand von Feuer und Qualm, welche die Ausgänge umgab und verbarg, hervorbrechen zu sehen, aber Nichts davon geschah, und als die Dämmerung das nahe Aufsteigen der Sonne verkündete, war Alles in der Höhle wieder still, bis mit dem ersten Strahl des Tagesgestirns sich von dem obern Eingang her die rauhe und halberstickte Stimme des Muezzin des Stammes mit dem Ruf zum Gebet erhob: La Allah il Allah, Mohamed ben Allah! Es ist nur ein Gott und Mohamed ist sein Prophet!

Der Graf hatte, wie er mir später gestand, während der ganzen Nacht kein Auge zugethan, obgleich er sich gestellt hatte, als schliefe er. Jetzt mit der Reveille, welche

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die Hornisten bliesen, ging er entschlossen auf das Zelt des Obersten zu und verlangte, mit ihm zu sprechen.

Pelissier war bereits munter, - vielleicht, daß er auch nicht geschlafen hatte in dieser Nacht, - Gott allein weiß es!

Mehrere Offiziere waren dem Grafen gefolgt, als er mit entschlossener Miene zu dem Zelt des Obersten ging. Pelissier trat aus dem Zelt.

»Was wünschen Sie, Monsieur le commandant?«

»Oberst - es sind vielleicht noch Menschenleben zu retten!«

»Wo?«

»Wie können Sie fragen - drüben in den Grotten von Freschieh!«

»Ich kenne dort nur Feinde der französischen Armee!«

»Aber es sind zur Hälfte Weiber und Kinder!«

»So sind es Mütter von Feinden oder künftige!«

»Monsieur le Colonel,« sagte der Graf - »ich glaube, es ist genug geschehen, sie in Schrecken zu setzen, wenn nicht bereits zu viel! Ich bitte Sie im Namen dieser Herrn, im Namen der Menschlichkeit, noch ein Mal einen Parlamentair abzusenden und sie zur Ergebung auffordern zu lassen!«

»Ich habe nicht Lust, noch weiter französische Soldaten zu opfern. Man hat auf die Parlamentaire geschossen!«

»Dann erlauben Sie, Oberst, daß ich selbst gehe?«

Pelissier sah ihn höhnisch an. »Wenn Sie den Muth dazu haben!«

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Der Graf wurde blutroth. »Sie vergessen Oberst,« sagte er stolz, »daß in meinen Adern das Blut Heinrich IV. fließt und nicht das eines Fleischerknechts!«

Die so direkt und verdoppelt erwiderte Beleidigung, denn der Großvater des Obersten war bekanntlich ein Schlächter, schien ihn sehr gleichgültig zu lassen. Seine Grobheit war bereits damals sprüchwörtlich und er war gewohnt, auch sein Theil einzustecken.

»Bah!« sagte er - »Sie haben Recht - es kann im Grunde nur einen Offizier kosten und das macht Nichts, als eine Vacanz! Gehen Sie denn, Monsieur le Commandant - er sagte nie Graf - »aber merken Sie sich, daß ich Sie im Auge halte!«

Der Graf drehte sich ohne ein Wort der Entgegnung um und ging nach dem Feuerwall zu.

Auf seinen Befehl rissen mehrere Leute vom Genie-Corps eine Bresche in die Mauer von brennenden Faschinen, gerade vor dem Eingang. Der Graf winkte einen Hornisten zu sich und ließ ihn ein Signal blasen.

Bei der dritten Wiederholung erschienen drei Gestalten in dem obern Zugang der Grotte.

Die Unterbrechung des Feuers hatte den Rauch und Qualm gelichtet, man fing an, deutlicher den Vorgang zu sehen.

Die Gestalten in dem Eingang der Grotte waren drei Männer in ihren weißen Burnussen, deren Kappe sie zum Schutz gegen den Rauch tief über das Gesicht gezogen hatten.

Aber diese Burnusse hatten jetzt ihre Farbe verloren,

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sie waren schwarz von Rauch und an vielen Stellen zerrissen und blutbedeckt.

Der Zustand der Männer schien überhaupt erbarmenswerth. Sie konnten sich offenbar kaum noch aufrecht erhalten und lehnten halb ohnmächtig an der Wand oder auf ihren Flinten.

Dennoch glühten ihre Augen gleich Kohlen in blutigem Haß unter der Kaputze hervor und ihre Geberden waren wilde Drohungen.

»Wo ist der Aga des Stammes, der Häuptling der Beni Ramah, daß ich mit ihm rede?« sagte der Graf, der jetzt genug Arabisch verstand, um die Unterhandlung selbst zu führen.

»Die Kugeln der Giaurs haben Muley-Ramah getödtet, wofür ihnen Scheitan vergelte!« sagte der kräftigste der Männer. »Was will der Kafir? ich bin an seine Stelle getreten und werde seinen Tod rächen!«

»Der Deine ist sicher und der aller Deiner Gefährten, Eurer Weiber und Kinder, wenn Ihr nicht die Waffen streckt und Euch ergebt,« entgegnete der Graf.

»Bechesm! Auf meine Augen komme es!«

»Wenn Du wahnsinnig genug bist, Dein Verderben zu wollen, Kabyle,« rief der Graf, »so werden Deine Brüder und Freunde verständiger sein. Hört mich, Ihr Männer und Frauen - der Befehlshaber der Expedition läßt Euch Gnade angedeihen und schenkt Jedem das Leben, Mann oder Weib, die herauskommen und Unterwerfung schwören!«

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»Halt ein, Giaur! - Habt Ihr Franken-Hunde keine Ohren?«

»Wie meinst Du das?«

»Maschallah! Ehe die Sonne aufging, haben die Tapfern der Beni Ramah und ihre Freunde selbst die Verräther getödtet, die lieber sich den Christenhunden ergeben, als zur Ehre Allahs sterben wollten! Kein Anhänger des Propheten wird lebend diese Pforte, die Allah selbst gebaut zum Schutz seiner Gläubigen, überschreiten, um sich in die Hände der Verfluchten zu liefern!«

»Wahnsinniger! So opfert wenigstens nicht Eure Frauen und Kinder!«

Der Maure lachte grell auf. »Unsere Frauen und Kinder? Bei dem Barte des Propheten, Dschiaur, Du erinnerst mich zur rechten Zeit daran! Einen Augenblick, und Du sollst sehen, ob wir unsere Weiber noch zu opfern brauchen!«

Er sprang in die Höhle zurück und kehrte nach wenigen Momenten mit einer Last im Arm zurück, die er bis an den Eingang der Höhle schleppte.

Es war ein todtes Weib, die langen schwarzen Haare schleiften auf dem Boden, in dem von dem Feredschi, dem Gewande entblößten Busen öffnete sich eine furchtbare, noch blutende Wunde, die das Horn eines der von dem Dampf wild gewordenen Stiere ihr gestoßen.

»Kennst Du diese, Hund von einem Franken?« rief der Araber. »Es ist Zulmah, mein Weib, die Mutter des Knaben, den Du erschlagen und ich« - er riß die Kapuze des Burnus von seinem Haupt, - »ich bin Ibrahim

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der Hoceine, dessen Stamm Du seiner Zweige beraubt! Möge Allah mich an Deinem verfluchten Geschlecht rächen und alle Ungläubige tödten, wie ich Dich erschlage!«

Und mit Blitzesschnelle sein Pistol aus dem Gürtel reißend sprang er mit gewaltigem Satz nieder aus der wohl 20 Fuß vom Boden gähnenden Oeffnung und schoß im Fluge seine Waffe gegen den Offizier.

Die Kugel verfehlte ihr Ziel und zerschmetterte den Schädel des Hornisten.

Der Hoceini war in kauernder Stellung mitten zwischen die noch glühenden und dampfenden Reisigbündel niedergefallen.

Im nächsten Moment schnellte er, wie der Löwe seiner Heimath, statt der nutzlos fortgeschleuderten Pistole jetzt den blitzenden Yatagan in seiner Faust, in elastischem Sprunge wieder empor und stürzte sich auf seinen Todfeind.

Aber sei es, daß seine Gewänder durch die Hitze und den Dampf trocken wie Zunder, sei es, daß er gerade auf einen Feuerbrand selbst gesprungen war, der Augenblick hatte genügt, um seine Kleidung Feuer fangen zu machen, und als er sich gegen meinen Herrn, den Grafen stürzte, loderten die Flammen an seinem Burnus und seinem Hemd in die Höhe und hüllten ihn zu einer Feuersäule ein.

Ein allgemeiner Schrei des Entsetzens ertönte ringsum, als diese doppelte Gefahr, das Feuer und das Eisen sich gegen den Offizier warf, der nicht einmal Zeit hatte, seinen Säbel zu ziehen.

Mehre in der Nähe stehende Soldaten sprangen herbei - aber zugleich feuerten die beiden Araber aus dem

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obern Eingang der Höhle und zwei von den Soldaten wurden verwundet - den dritten streckte ein furchtbarer Hieb des Yatagan in die Schulter zu Boden.

Der brennende Hoceini war jetzt dicht vor dem Grafen und hob das blutige Eisen - ich stand zu fern von ihm, um mit meiner Brust den Stoß für ihn zu empfangen - er war verloren!

»Zur Jehennah mit Dir, Hund von einem Mörder!« Der Arm fiel nieder - aber fast in demselben Moment sahen wir die Feuermasse des brennenden Kabylen sich vom Boden erheben und wie einen flammenden Drachen durch die Luft fliegen, wohl mehr als zehn Schritt, mitten zwischen die Faschinen hinein, die im nächsten Augenblick über ihm emporloderten.

Der Graf stand unversehrt - als ich zu ihm stürzte, konnte ich nur noch die an mehreren Stellen glimmende Uniform löschen.

»Ihr habt eine Probe seiner wunderbaren Körperkraft an dem armen Teufel da gesehen,« fuhr der Haushofmeister fort, auf den Piraten in ihrer Nähe deutend, der bei der Erinnerung grimmig das Gesicht verzog und dem Sprecher einen giftigen Blick zuschleuderte - »und ich kann Ihnen sagen, Caballeros, der Graf war schon damals berühmt wegen seiner Stärke und Gewandtheit, wie Sie aus der Affaire mit dem Löwen gesehen haben. Er hat mehrmals zu seinem und seiner Freunde Vergnügen alle die Kunststücke ohne Anstrengung nachgemacht, die der berühmte Marschall von Sachsen und der König August machten, wie das Aufhalten eines Wagens im vollen Lauf der

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Pferde, oder das Werfen einer Bombenkugel. Ich habe gesehen, wie er eine Kanone mitsammt der Lafette aus einem Loch im Wege bei Constantine hob, wenn das überhaupt Wege zu nennen sind, die sechs Pferde nicht herauszuziehen vermochten, und als er sich eines Tages den Spaß machte, von einem arabischen Schmied unsere Pferde beschlagen zu lassen, und drei Hufeisen nach einander, die der Araber ihm zeigte, als schlechtes Eisen zwischen den Fingern zerbrach, glaubte der Mann wahrscheinlich, er habe seinen leibhaftigen Sheitan, den Teufel, vor sich; denn er rannte voll Entsetzen in sein Haus und schlug die Thür hinter sich zu, ohne sich wieder blicken zu lassen.

Genug davon - seine Kraft und Gewandtheit hatte ihn auch diesmal aus der sichern Todesgefahr gerettet. Es war so, wie wir mit Erstaunen gesehen hatten. In dem Augenblick, wo der Hoceini den Yatagan gegen ihn hob, hatte er ihn am Arm und am Gürtel gepackt, ihn emporgehoben, und den Feuerball, den der Ungläubige bildete, wie einen brennenden Klotz im Bogen durch die Luft geschleudert. Der Kabyle hatte, vor Schmerz oder Erstaunen während der furchtbaren Reise in den Tod seinen Yatagan fallen lassen und ich hob ihn später auf und besitze ihn noch zum Andenken, Sie sollen ihn morgen mit eigenen Augen sehen, Caballeros!

Pardious! Die Flammen schlugen über den Hoceini zusammen und befreiten uns für immer von dem Halunken, während die Kugeln, der Wachen die spitzbübischen Araber in ihr Felsennest zurück jagten.«

»Und der Graf?« frug neugierig der Lieutenant.

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»Der Graf stand unbeweglich und blickte finster in das Feuer, als seine Freunde herbeieilten, um ihn, über seine Rettung zu beglückwünschen. Es kam mir vor, als reue es ihn, den Kabylen, der ihm doch selbst nach dem Leben strebte, getödtet zu haben. Aber er hatte keine Zeit dazu, sich dem Bedauern hinzugeben, denn der Araber brüllte noch seinen letzten Todesschrei auf dem Scheiterhaufen, als wir hinter uns die rauhe Stimme des Oberstkommandirenden der Expedition hörten!

>Monsieur le Commandant,« sagte der grobe Pelissier, >Sie werden sofort meinem Adjutanten Ihren Degen abgeben und sich vierundzwanzig Stunden als unter Arrest ansehen.<

>Darf ich fragen, warum?< sagte der Graf.

»Parbleu! - weil Sie unnütz mit Ihrer unberufenen Weichherzigkeit solchen Schurken gegenüber das Leben zweier Soldaten geopfert haben! - Füllt die Lücke wieder aus, Bursche, die dieser Herr Euch machen hieß, und setzt das Ausbrennen fort!<

Der Graf gab, ohne ein Wort weiter zu sprechen seinen Säbel ab, und ging zu dem Train, wo er blieb, bis die ganze Geschichte vorbei war. Die Zuaven warfen auf's Neue das Reisig und Stroh zusammen und schürten die Flammen, die ihre erstickenden Dämpfe in das Innere der Höhle sandten.

Das Brüllen der Thiere, das dumpfe Stöhnen der Männer, das Wehklagen der Weiber und das Aechzen sterbender Kinder während der nächsten zwei Stunden war schrecklich, dazwischen ertönte hier und da aus dem Innern

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der Grotten ein Schuß - wie wir später fanden, waren es nicht die Kugeln solcher, die es vorzogen, ein dem Tode geweihtes Leben durch eigene Hand rascher und schmerzloser zu enden, sondern es war ein Kampf von Wenigen gleich dem Hoceini, die den Ausgang versperrt hielten gegen Alle, die sich ergeben wollten, und die lieber auf die eigenen Freunde schossen, als ihnen gestatteten, dem Märtyrertode zu entrinnen und sich den Franzosen zu unterwerfen.

Endlich gegen 1 Uhr Morgens war Alles still; - selbst die Wachen am Feuer, die rohen wüsten Soldaten wagten nicht laut zu sprechen, sondern verhielten sich stumm oder flüsterten nur.

Als die Sonne über den Felsenkuppen der Dahra aufging, war es Allen, als würde ihnen eine Last vom Herzen genommen.

Erst um 8 Uhr ertheilte der Oberst der ersten Ingenieur-Compagnie Befehl, in die Grotten zu dringen, aus denen, nachdem das Feuer davor längst verloschen war und man die hintern verstopften Felsenspalten geöffnet hatte, ein dicker stinkender Rauch hervortrieb. - Vorher hatte Pelissier meinem Gebieter den Säbel zurückgeschickt, aber der Graf verweigerte seine Annahme - er erklärte, daß er vor ein Kriegsgericht gestellt werden wolle. Mir gab er die Erlaubniß, oder er befahl mir vielmehr, das Detachement in das Innere der Höhlen zu begleiten.

Messieurs! ich kann Ihnen sagen, ich habe Manches gesehen in meinem Leben und meine Nerven sind so ziemlich hart wie Stränge, - aber was ich hier erblicken

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mußte, hat lange meinen Schlaf mit schrecklichen Träumen erfüllt.

Gleich am Eingang der Grotte lag das Weib des Hoceini mit ihrer furchtbaren Todeswunde in der Brust, jetzt geschwärzt von dem dicken Rauch, der stundenlang hier hineingezogen war. Daneben im wüsten Gedränge Männer, den Yatagan und die Flinte in der Hand, wie sie einander in wildem Kampf angefallen hatten und doch zuletzt alle dem gemeinsamen Feind erlegen waren.

Gleich darauf trafen wir auf zwei halbverkohlte Stiere, deren Häupter die Araber mit ihren Burnussen umwickelt hatten, wahrscheinlich um die Augen der vom Feuer wüthend gemachten Thiere zu blenden und sie die Menschen verfehlen zu lassen. Daneben kauerte die Leiche einer Mutter, welche allem Anschein nach der Tod ereilt hatte, während sie ihr Kind gegen die Wuth eines dritten Stieres vertheidigte; denn noch hielt sie die Hörner des Thiers mit beiden Händen umfaßt. Wenige Schritte und ganze Haufen von todten Körpern schienen sich uns entgegen zu drängen, von dem Todeskampf schrecklich verzerrt, während ihrem Munde noch ein schwarzer, halb geronnener Blutstrahl entquoll. Dort ruhte der ehrwürdige Scheikh des Stammes, von der Wucht seines eigenen Renners, unter dessen Leiche die seine gefunden wurde, erdrückt. Zwei Liebende hatte der unerbittliche Tod Arm in Arm erreicht. Da lagen sie, in einander geschlungen, ein Bild des Friedens und der Poesie mitten in diesen gräßlichen Scenen. Den Ausdruck des Grauens und entsetzlichsten Jammers hatte das unsägliche Leiden auf den Gesichtern

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der meisten Sterbenden hervorgerufen und diesen Ausdruck hatte der Tod auf ihren Zügen festgebannt. Andere trugen die finstere Miene fanatischer Entschlossenheit, mit der sie gestorben waren. Dort lag ein unglückliches Mädchen, in dessen Stirn sich der Huf eines wüthenden Hengstes blutig eingedrückt hatte. Dem Thiere, das im eigenen Todeskampf wahnsinnig um sich tretend ihren Tod verursacht hatte, ruhte die Araberin halb verbrannt zur Seite. An vielen Stellen mußten die Flammen selbst vor der Hitze in die Grotten gedrungen sein und die Kleider der Unglücklichen ergriffen haben, denn Haufen verkohlter Gebeine und gräßlicher Ueberreste grinsten uns entgegen.

In dem tiefsten Winkel der Höhle fand ich die erstickte Leiche einer alten Frau, die noch einen Krug Wasser an ihren Mund zu halten schien. Ihre Arme waren auf einen Felsvorsprung gestützt, das graue Haar hing in schlaffen Strähnen über ihr Gesicht. So hatte sie der Tod erreicht, als sie eben durch Flammen und Rauch von versengendem Durst gepeinigt das vielleicht sorgfältig bisher versteckte labende Naß zu ihren welken Lippen bringen wollte. Pferde und Männer, Frauen und Lämmer, Kinder und Ziegen, Waffen und Gewänder, Alles lag verbrannt, versengt oder eingeäschert in grauser, wahnsinniger Unordnung auf dem vom Rauch geschwärzten Boden da - kein Laut, der von einem geretteten Leben zeugte, kein Wort der Klage oder der Rache aus einem Paar dieser für ewig geschlossenen tausend Lippen! - Der Stamm der Beni-Ramah hatte geendet!«

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Der Erzähler schwieg - er schien selbst tief ergriffen zu sein von der schrecklichen Erinnerung. Dann rief er den schwarzen Aufwärter, sein Glas zu füllen, und trank es mit einem langen Zuge leer.

»Caramba Señor Don Bonifazio,« meinte der Lieutenant, nachdem er in einem zweiten Glase Grogk dem Haushofmeister Bescheid gethan, - Sie erzählen wirklich vortrefflich. Man glaubt, diese höllische Höhle vor sich zu sehen. Darf ich fragen, was Ihr General oder Colonel, vor dem ich allen Respekt habe, mit den todten Arabern angefangen hat?«

»Je nun, ihre Gebeine modern, denk' ich, in den Grotten von Freschiech bis zum jüngsten Tage, wo dann sie ihr verfluchter Prophet zum Paradiese erwecken wird, wie sie sich einbilden. Aber Monsieur Kreuzträger, Ihr sagt ja gar Nichts zu der Geschichte?«

Der alte Mann ließ die Flinte, über der er bisher schweigend geputzt, in seinen Schooß sinken, und sah empor. Er war der Einzige, welcher die Grogkkanne an sich hatte vorüber gehen lassen. Als der Strahl des Mondes jetzt auf sein Gesicht fiel, glänzte es wie feucht unter seinen grauen Wimpern.

»Ich habe gewiß mit großer Theilnahme Ihre Geschichte gehört, Monsieur Bonifaz,« sagte er, - »um so mehr, als sie mich an die schrecklichste Stunde meines eigenen Lebens erinnert. Aber darf ich Sie fragen, was hierauf mit unserm braven Anführer und seinem damaligen Chef geschah?«

»Je nun, - die Expedition war in einigen Tagen

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zu Ende, denn die Nachricht von dem Vorgang in den Höhlen verbreitete sich rasch, das Exempel versetzte die Stämme in einen gehörigen Schrecken und sie schickten Abgesandte, um ihre Unterwerfung anzuzeigen. Der Graf ging lange mit sich zu Rathe, was er thun solle, aber wie sehr man auch über die Räucherpartie den Kopf schütteln mochte, Oberst Pelissier hatte den Erfolg für sich und machte sich außerdem verdammt wenig daraus, ob sein Verfahren mißfiel oder nicht. Zuletzt wußte das Gouvernement sehr gut, daß nur mit solchen Burschen die wilde Bevölkerung im Zaume zu halten war und er wurde bald darauf General. Der Graf aber nahm seinen Degen nicht wieder, sondern bald darauf seinen Abschied und kehrte mit dem Marschall nach Frankreich zurück. Ich aber folgte ihm, wie ich ihm seit fast zwanzig Jahren gefolgt war und wie ich ihm jetzt über's Meer in einen dritten Welttheil gefolgt bin. - Aber Mordioux! sagtet Ihr nicht eben, Meister Kreuzträger, daß Ihr Aehnliches erlebt habt?«

»Ja, Monsieur Bonifaz - und seitdem bin ich geworden, was ich bin, ein rastloser Wanderer, der seine Feinde verfolgt, um jene schrecklichen Stunden zu rächen.«

»So hängt die Geschichte also mit Eurem Eid und dem Kreuz zusammen, das Ihr auf der Brust tragt?«

»Ja, Monsieur!«

»Und es waren die Apachen, die Euch braten wollten?«

»Es waren die Apachen, Señor, aber nicht ich war es, dem ihr Feuer galt, sondern Wesen, die hundert Mal mehr

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werth waren, wie ein alter Jäger, und das Liebste und Beste, was er auf der Welt hatte.«

Der Trapper legte die Stirn auf seine Hände, die er um den Lauf seiner Büchse geschlungen hielt und schien in tiefe Erinnerungen verloren.

Plötzlich erhob er den Kopf und warf einen feurigen drohenden Blick umher.

»Ich will Ihnen die Geschichte ein andermal erzählen, Mayordomo,« sagte er finster, »denn sie ist wohl werth, daß sie von Allen gehört wird, die jetzt im Begriff stehen, die Apachen zu bekämpfen. Sie wird Sie lehren, die tausend Listen dieser schwarzen Teufel nicht zu gering anzuschlagen, und sich vor ihnen zu hüten, wenn Sie Ihren Scalp auf dem Kopfe behalten wollen. Heute, Monsieur, erlassen Sie es mir, denn ich bin, durch Ihre Erzählung an mein Unglück erinnert, nicht in der Stimmung, davon zu reden.«

»Dann trinken Sie wenigstens dies Glas!« Aber der Kreuzträger wies es mit einer ernsten Geberde zurück.

»Nun gut,« meinte der Haushofmeister der seinen Humor bereits wieder gefunden hatte, - »hoffentlich sind Sie morgen besserer Laune. Aber der Abend ist so schön und der Rum noch nicht alle. Wie wäre es Padrone, wenn Sie uns noch die versprochene Erzählung von Ihren Meertigern zum Besten gäben?«

Der Schiffer lachte. »Die heilige Jungfrau bewahre mich davor, Señor Don Bonifaz, daß ich selber mit solchem Viehzeug zu thun gehabt, obschon leider bei unserm Handwerk genug Gefahr ist, ihnen einmal in den Rachen zu fallen. Aber da ist Señor Juan Racunha, der Capataz

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war auf den Perlen-Inseln, und ich weiß, wenn ich auch die näheren Umstände nicht kenne, daß er der Mann ist, Ihnen eine Geschichte aus seinem Leben zu erzählen, die Ihnen beweisen wird, daß Ihr altes Land nicht allein so schlimme Dinge zählt, wie die Löwen und Araber!«

»Bon, Monsieur Capitain! Señor Racunha muß erzählen, Corbioux! Durch eine solche Geschichte lernt man sich wahrhaftig besser kennen, als wenn man ein Jahr lang mit einander herumgesegelt wäre. Also vorwärts Monsieur Racunha und spinnen Sie uns Ihr Garn, wie die Matrosen zu sagen pflegen!«

Die andern Mitglieder der Gesellschaft schlossen sich eifrig der Bitte des Haushofmeisters an.

Californische Nächte.

(Fortsetzung.)

Die Perle.

»Caramba Señores! ich muß in die Leiden meines Herzens und in die Tiefen des Meeres zurückgreifen, wenn ich Ihnen meine Geschichte erzählen soll.

Indeß, was thut's! Es ist Alles vorbei, und ein gescheuter Mann kümmert sich nicht um das, was vergangen und daher nicht mehr zu ändern ist!«

Nach dieser kurzen und energischen Vorrede drehte sich der ehemalige Capataz eine neue Cigarre aus Maisstroh und begann seine Erzählung.

»Sie haben beim Untergang der Sonne jene beiden schwarzen Felseninseln gesehen, welche die Bucht von La Paz, die Heimath unsers würdigen Señor Don Diego bilden, dieser Perle aller Schiffer zwischen dem Cap San Lucas und San Francisco, und in deren Mitte wir uns morgen früh befinden werden. Sie steigen wie schwarze Mauern aus der Tiefe des Meeres und sind in diesem Augenblick nur von

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drei oder vier Familien und den Seevögeln bewohnt. Aber vor zwei Monaten hätten Sie hier sein müssen, wenn es Seiner Excellenz dem Conde General und der Feuersbrunst in San Francisco gefallen hätte, und Sie würden Ihr Wunder geschaut haben.

Auf einer dieser Inseln, ich erinnere mich gerade nicht mehr, ob es auf Cerralbo oder Espiritu Santo war, denn so ist ihr Name, ist auch Ihr gehorsamster Diener seiner Zeit zur Welt gekommen. Mein Vater war ein Spanier von reinem Blut, und Aufseher der Perlen-Compagnie, meine Mutter, ich muß es zu seiner und ihrer Schande gestehen, eine Indianerin, die freilich ziemlich hübsch gewesen sein soll. Indeß - wer kann für seine Gefühle, namentlich wenn keine Kastilianerin auf fünfzig Meilen in der Runde zu haben ist!

Genug, ich war da und freute mich bald meines Lebens, indem ich den größten Theil desselben im Wasser zubrachte. Die Eltern meiner Mutter gehörten zu den besoldeten Tauchern, die an der Küste wohnen und erzogen mich bis zu meinem zehnten Jahre, wo mein Vater mich zu sich nahm und in die Geheimnisse des Geschäfts einweihte. Daher kommt es auch, Señores, daß ich mehre Indianer-Dialekte geläufig spreche und so Seiner Excellenz dem Señor General von ganz besonderem Nutzen sein werde, obschon mein eigentliches Element das Meer und nicht die Sonora ist, denn ich schwimme mit jedem Fisch um die Wette und tauche wie der Sturmvogel, der sich auf der Spitze der Wogen tragen läßt.

Genug davon - da die meisten von Ihnen, diese

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beiden einsamen, aber gesegneten Inseln wohl noch nie zu Gesichte bekommen haben, muß ich Sie einigermaßen von ihrer Natur unterrichten. Gewöhnlich verödet, dienen sie nur während zweier Monate im Jahre den Perlenfischern und Schildkrötenfängern zum Aufenthalt, und zwar im Juni und Juli. Während dieser Zeit versammelt sich hier eine zahlreiche Bevölkerung von Tauchern, Kaufleuten und Caballeros aller Art. Beide Inseln waren, wie ich mir habe sagen lassen, zu allen Zeiten in dem Golf von Californien wegen ihrer Bänke von Perlenaustern und der großen Anzahl vortrefflicher Schildkröten berühmt, von denen Don Diego uns hoffentlich morgen ein treffliches Ragout mit den Schoten des rothen Pfeffers gewürzt vorsehen wird. Der Erste, welcher diesen Placer von Perlen entdeckte, war ein spanischer Soldat, der nach einem glücklichen Streifzug in die Tiefen des Meeres sich im Besitz von mehr als 60,000 Dollars befand. Seit jener Zeit lassen die Besitzer dieser Placeros sie alljährlich während der beiden günstigsten Monate, das heißt während der beiden heißesten, ausbeuten. Die Perlenfischerei nimmt in der Industrie und dem Handel unserer glorreichen mexikanischen Republik eine bedeutende Stelle ein. Sie, wissen, wenn Zufall oder Nachsuchungen in Mexiko eine Gold- oder Silbermine an den Tag fördern, so wird ihr Dasein der Regierung angezeigt, welche die Bewilligung der Ausbeutung ertheilt, jedoch nur, wenn der Entdecker weder ein Fremder, noch ein Soldat oder Priester ist und sie in Jahr und Tag in Betrieb zu setzen vermag, andernfalls sie dem öffentlichen Schatze anheimfällt. Die Förmlichkeiten sind

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für die Perlenbänke dieselben und sobald sie erfüllt sind, schreitet man zur Vorbereitung des Fischens. Die Eigenthümer des Placer oder ihre Bevollmächtigten dingen unter den indianischen Stämmen in den Küstengegenden des gegenüber liegenden Californien und der Sonora die Anzahl von Buzos8, deren sie bedürfen. Wie die Bergleute, haben auch die Taucher einen Antheil, das heißt, ihr Lohn besteht allein in einem Theil des Gewinnes, der ihnen überlassen bleibt. Es gelten dabei ganz besondere Bedingungen, durch das Herkommen zum Gesetz gemacht, und eine davon ist die Grundlage meiner Geschichte und die Ursach, daß ich die Ehre habe, in Ihrer Gesellschaft zu sitzen, Caballeros!

Sobald die Fischerei begonnen hat, werden die Buzos der Gegenstand beständiger Aufsicht, denn Sie begreifen, Señores, wie leicht die kostbarsten Perlen zu entwenden sind. Der Capataz oder Anführer einer Abtheilung ist damit beauftragt. Man vertraut gewöhnlich dieses Amt, das mit unbedingter Gewalt, so weit es nicht das Leben selbst betrifft, verbunden ist, einem Mann an, den seine körperliche Kraft und Gewandtheit und seine Entschlossenheit unter seinen Gefährten geachtet oder gefürchtet macht. Mit zwanzig Jahren, Caballeros, war ich Capataz auf Cerralbo unter dem Oberaufseher, der mein Vater war. Sie müssen nun wissen, daß die Taucher stets von ihren Familien begleitet werden. Mit ihnen kommen gewöhnlich die Zauberinnen aus den verschiedenen indianischen Stämmen,

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denen die Buzo's entnommen sind. Die alten Hexen, welche die indianische Leichtgläubigkeit ausbeuten, haben die Aufgabe, die Hayfische zu verzaubern und ihre Augen und ihr Gehör zu verstopfen, damit sie die armen Taucher nicht sehen und hören können. Die Reseatadores9 kommen desgleichen zu dem Buzeo10, um den Tauchern ihren Antheil an den Perlen abzukaufen. Dann stellt sich noch eine Menge Spekulanten ein, um Tendajos11 oder Casas de Partida12 zu eröffnen. Da, wie ich Ihnen die Ehre hatte, zu sagen, die Zeit dieser Austernjagd auch für den Schildkrötenfang gilt, welcher zahlreiche Fahrzeuge nach Cerralbo und Espiritu Santo zieht, so findet sich plötzlich eine wandernde Bevölkerung von drei- bis vierhundert Personen auf jeder dieser Inseln ein, die während des übrigen Jahres gänzlich verödet sind.«

»Ich weiß nicht genau, was das ist, die Austern,« schob der ehrliche Pfadfinder ein, »aber wenn es ein jagdbares Thier ist, wie es nach Ihrer Erzählung den Anschein hat, Monsieur Juan, so möchte ich Sie bitten, uns mitzutheilen, wie es gefangen wird.«

Der ehemalige Capataz zog lächelnd über die Einfalt seines Gefährten die dicke silberne Uhr hervor, die er in seiner Leibbinde von rother chinesischer Seide trug.

»Erlauben Sie mir, Señor Don Kreuzträger, Ihnen eines dieser jagbaren Thiere unserer Wildniß zu zeigen, dessen glückliche Erlegung mehr einbringt, als die Felle von hundert Tigern.«

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Er hielt ihm die Kette mit dem Berlocque hin, an dem sich in Silber gefaßt eine große Perle von rothvioletter Farbe in ihrem Glanz und von birnenförmiger Gestalt befand.

»Aber ich sehe Nichts von einem Thier. Ist dieser hübsche Kiesel vielleicht in seinem Magen gefunden worden, daß Ihr ihn zum Andenken tragt?«

»Sie haben das Richtige getroffen, Señor, nur ist dies kein Kiesel, wie Sie ihn in den Bächen Ihrer Prairieen finden, sondern eine kostbare Perle, die den Werth von mindestens fünfhundert Dollars hat. Sie liegt im Innern der Austermuscheln, die an den Felsen unter der Oberfläche der See wachsen und man nennt sie die versteinerten Thränen der Sonne, die sie weint, wenn sie an gewissen Tagen von dem Meere scheiden und in das Dunkel der Nacht sinken muß. Aber man findet nur selten Perlen von dieser Größe und ich habe noch nie eine gesehen von dieser schönen Farbe!«

»Bah! es giebt viele Narren und Weiber in der Welt. Aber ich begreife noch immer nicht, was dabei für Gefahr sein soll?«

Die Uhr hatte unterdeß die Runde gemacht unter der Gesellschaft und Jeder die kostbare Perle betrachtet.

»Pardious,« meinte der Mayordomus, »Sie müssen ein verteufelt reicher Bursche sein, Monsieur Juan, wenn Sie tausend Dollars an Ihrer Uhr herumbaumeln lassen können!«

»Señor - ich habe geschworen, nie diese Perle zu verkaufen!«

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»Aber Sie können in Versuchung kommen, sie zu verspielen, oder man könnte sie Ihnen stehlen!«

Sein Blick ruhte dabei ziemlich bedeutsam auf dem alten Piraten, der eben das kostbare Berlocaue in die Finger genommen hatte und mit gierigen Augen betrachtete.

Der ehemalige Capataz der Perlenfischer nahm die Uhr aus der Hand des Seeräubers.

»Carrajo! ich habe sie bereits drei Mal verspielt!«

»Und wieder gewonnen?«

»Nein! aber ich bin ein ehrlicher Mann, Señor, und wenn ich so weit gekommen bin, daß ich keinen Real mehr in der Tasche habe und gezwungen bin, meine Perle einzusetzen, sage ich meinem Gegner, daß ich ihn tödten müsse, wenn ich das Unglück haben sollte, sie zu verlieren.«

»Und Sie haben Leute gefunden, die auf diese Bedingung eingegangen sind?«

»Warum nicht, Señor Don Bonifazio? Wir Mexikaner lieben einmal das Spiel, wie Sie wahrscheinlich die Jagd, und außerdem hatten die Caballeros, die mit mir spielten, ja auch die Chance, mich tödten und somit die Perle behalten zu können.«

»Von dieser Seite betrachtet, Monsieur Juan,« lachte der Avignote, »haben Sie Recht und ich erinnere mich, selbst eine Probe von der Leidenschaft Ihrer Landsleute für das Spiel erlebt zu haben.«

Der Capatain verbeugte sich höflich. »Was den Umstand betrifft,« fuhr er fort, »daß mir diese Perle gestohlen werden könnte, so ist dies nicht wahrscheinlich, weil ich mit

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einem Diebe keineswegs die Umstände machen würde, die ein Caballero dem andern im Spiel schuldig ist; und da ich mit den Tintorera's fertig geworden bin, hege ich keinen Zweifel, dies auch mit einem Spitzbuben zu werden.«

»Tintorera? was ist das?«

»Sie werden es sogleich erfahren, indem ich Ihnen die Art und Weise beschreibe, wie wir die Perlenmuscheln zu holen, oder, wenn Ihnen das besser gefällt, zu jagen pflegen. Die Barken, welche dazu bestimmt sind, enthalten Ruderer und Taucher. Diese Letzteren stürzen sich in das Wasser, das heißt, während der Eine untertaucht, ruht sich der Andere aus. Ein Seil, an dessen Ende sich ein ziemlich großer Stein befindet und das sie zwischen den Fußzehen festhalten, dient ihnen dazu, mit größerer Schnelligkeit unterzutauchen. Das andere Ende des Seils, am Kanot befestigt, hilft ihnen, rascher in die Höhe zu kommen, wenn ihr Gewicht sich um das der Muscheln vermehrt hat, welche sie von dem Felsen in einer Tiefe von zehn oder zwölf Klaftern mit einem kleinen Hammer ablösen und die sie in einem Netz tragen, welches sie wie eine Schürze umbinden und das fast ihre einzige Bekleidung ist. Es ist nicht selten, daß die Taucher drei bis vier Minuten unter dem Wasser verweilen und nachher ganz erschöpft heraufkommen, was sie nicht hindert, an einem Morgen vierzig oder fünfzig Mal unterzutauchen. Die besten Taucher sind gewöhnlich die Hiaquis Indianer, welche an den Ufern des Stromes dieses Namens bei Guaymas leben. Diesem Stamme gehörte meine Mutter und ich habe unter ihnen meine ersten Jahre verlebt, bis,

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wie gesagt, mein Vater seine Rechte an mich geltend machte, weil ich ihm gefiel und gute Dienste leistete.

Die Hiaquis sind es, welche man wegen ihrer Kühnheit und Gewandtheit vorzugsweise beschäftigt. Denn obschon die Hayfische sich in großer Zahl bei diesen Fischereien sammeln, wie in allen besuchten Gegenden unserer Küste so tauchen jene doch in dieser furchtbaren Nähe mit einer Kühnheit unter, die um so größer erscheint, wenn man die einzige Waffe bedenkt, die ihnen dabei zu Gebote steht. Es ist dies die Estaca, ein Stück Eisenholz, dessen beide Enden zugespitzt und am Feuer gehärtet sind und das sie mit dem kleinen Hammer an dem Gürtel ihrer kurzen Lederbeinkleider tragen. Sie wissen Señores aus der Anschauung des Hay's, den wir vor vier Tagen an der Kettenangel fingen und an Bord zogen, daß nach der kurzen Bildung seines Unterkiefers der Fisch genöthigt ist, sich auf den Rücken zu werfen, um seinen Raub zu ergreifen. Diesen Augenblick wählen sie, um das unzerbrechliche Holz in den geöffneten Rachen ihres Feindes zu stoßen, dessen Kinnladen alsdann sich nicht mehr schließen können.

Aber es giebt ein Ungethüm, vor dem selbst der kühnste Buzo der Hiaquis erbebt, wenn er seine Flossen aus dem Spiegel des Wassers neben seinem Kahn sich erheben sieht wenige Augenblicke vorher, ehe er in den Abgrund tauchen soll, oder gar, wenn er athemlos nach seinem gefährlichen Werk in der Tiefe von dem Felsen sich trennen und emporsteigen will, und er findet das bleigraue matte Auge in der Wasserschicht, die über seinem Haupt

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ihn von Luft und Leben trennt, unbarmherzig auf sich gerichtet.

Das, Señores, ist die Tintorera!

Die Tintorera ist unter den Hayfischen das, was der Señor Mayordomo vorhin von dem Löwen unter den Bestien der Wildnisse sagte, nur daß sie hundertmal erbarmungsloser und blutgieriger ist, als jener. Wenn die Tintorera ein Mal Menschenfleisch gekostet, so kann Nichts sie von dessen Spur abbringen und sie verläßt den Ort nicht, wo sie den Unglücklichen ergriffen hat und Menschen wittert. Zum Glück kommt dieser Teufel des Meeres nicht häufig vor, wo sie aber - und sie sind immer zu zweien, an einem Perlen-Placer sich einfinden, da weigern sich die Taucher, die jedem gewöhnlichen Hay muthig entgegentreten, in die Tiefe zu steigen und die Bank muß oft für das Jahr aufgegeben werden, wenn es nicht gelingt, das Ungeheuer zu tödten.

Vamos! ich habe Ihnen noch Einiges über die Fischerei selbst zu sagen. Jeden Abend, nachdem das Tagewerk vorüber, schüttet und schichtet man am Ufer die Muscheln aus, welche von den Tauchern gesammelt worden sind. Die zehnte Muschel gehört den Buzo's und wird auf einen besonderen Haufen gelegt. Der Capataz überwacht die Theilung und die Oeffnung der Muscheln, deren Verwesung die Sonnengluth alsbald herbeiführt. Wenn die Verwesung vollkommen ist, werden sie ungefähr so wie der Goldsand in den Placers des Sacramento in großen Holzkufen ausgewaschen. Ich muß gestehen, der Schlamm riecht abscheulich, aber es ist nicht zu ändern, und die Indianer machen

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sich Nichts daraus. Die entdeckte Perle wird gesäubert und dem Aufseher übergeben. Die Perlen, welche auf diese Weise an der ganzen Küste von Californien in der Mission von La Paz und zu Loreto gefischt werden, sind gewöhnlich von bläulicher Farbe, die größeren haben einen in's Schwarzviolette fallenden Regenbogenschein, aber nur selten kommt eine Schönheit vor, wie die der meinen. -

Sie müssen wissen, Señores, daß die Buzo's das Recht haben, die in ihren zehnten Muscheln gefundenen Perlen an die Unternehmer des Placers, das heißt, an den Oberaufseher zu verkaufen oder an die Rescatadores, die Mäkler, je nachdem das mit ihnen geschlossene Abkommen lautet.

Die Fischerei dauert, wie ich die Ehre hatte, Ihnen zu sagen, zwei Monate; sobald sie beendet ist, besteigt die ganze Bevölkerung wieder ihre Kanots; die Indianer kehren in ihre Dörfer zurück, sich zu einer andern Arbeit zu verdingen, die Schänkwirthe schlagen ihre Buden, die Spielhalter ihre Spieltische anderwärts auf - die Schildkrötenfänger bringen ihren Schiffsherrn die Frucht ihrer Arbeit, die Aufseher den Plazerendos ihre Perlen für die Juweliere und die schönen Damen Mexiko's, und die Inseln bleiben bis zur nächsten Sammelzeit gänzlich verödet. Bis dahin vollendet sich das geheimnißvolle Werk der Erzeugung der Perle auf's Neue. Haufen von Muschelschaalen bleiben als die Zeugen der betriebsamen Zeit am Ufer zurück. Früher erhielten die Schiffe, welche nach Europa segelten, eine Prämie, um den Strand davon zu befreien, indem sie selbe als Ballast einnahmen; später wurde für

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die Tonne eine Abgabe von einem halben Dollar bezahlt, und gegenwärtig macht die Regierung von Californien einen Erwerbszweig daraus, denn diese Muscheln sind es, welche die beliebte Perlmut liefern.

Aber Caramba! wenn ich so eben sagte, die Inseln blieben gänzlich verödet zurück, so that ich Unrecht, wenigstens war dies zu meiner Zeit nicht der Fall und aller Glanz und alles Gewühl der Städte des Festlandes konnte die Blume nicht aufwiegen, die in der Wildniß von Espiritu Santo während des ganzen Jahres blühte.

Oh Señores, Sie haben die schönste Perle dieses Meeres, Sie haben Esperanza nicht gekannt, sonst würden Sie wissen, von wem ich rede. O si! hätte die heilige Jungfrau gegeben, daß auch ich Unglücklicher sie nie gesehen hätte, vielleicht lebte sie noch!

Ihr Vater war der Señor Don Castillo und mit ihr zwei Jahre vor meiner Geschichte nach der Insel gezogen. Er betrieb das Gewerbe eines Rescatadore, aber er kehrte nicht mit den andern Händlern nach den großen Städten des Festlandes zurück, um die erworbenen Perlen dort wieder zu verkaufen, und die Leute sagten von ihm, daß er einer der Vertrauten des Generals Santa Anna gewesen und aus seiner Heimath geflüchtet sei, wo ihn die Todesstrafe erwarte. Pardiez! er war ein finsterer und unheimlicher Mann und sprach selten mit Unsereinem, aber er hatte eine schöne Tochter und das glich alles Andere aus. So viel ist sicher, daß er sehr habsüchtig war und häufig Fremde empfing, die weder Perlenfischer noch Schildkrötenfänger waren. Er sagte, es seien die Kaufleute, die

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ihm seine Perlen abkauften. Von den zwei oder drei Familien, die während des ganzen Jahres auf den Inseln wohnen, hörten wir, daß diese Besuche auch während der andern Zeit fortdauerten.

Bueno! Sie müssen wissen, daß ich die Zeit, die ich nicht auf der Insel im Dienst der Plazer Compaña von Guyamas zubrachte, deren Oberaufseher mein Vater war, mich in den Küstenstädten des Festlandes umhertrieb, um das Geld, das ich gewonnen, wieder los zu werden. Ich tanzte mit den China's, brachte den vornehmeren Damen Serenaden, war ein Spieler und lustiger Gesell und mit aller Welt in Freundschaft, so lange ich keine Ursache hatte, mein Messer zu ziehen, was allerdings ziemlich oft vorkam, da ich die Schwäche habe, eine Beleidigung nicht eher vergessen zu können, als bis ich mich dafür revangirt habe.

Que lástima! wer kann für seinen Charakter! Man hat sich nicht selbst gemacht! Also, Señores, es war etwa ein Jahr, nachdem Don Castillo sich auf Espiritu Santo niedergelassen hatte, als ich ihn und seine Tochter zum ersten Male sah. Santissima Madonna! was soll ich Ihnen von ihr sagen? Sie hatte eine Haut, wie der Flaum eines Pfirsich, und ihre Augen waren so dunkel und feurig, wie der Blitz in der Gewitterwolke um die Zeit der Tag- und Nachtgleiche. Genug, die Señoras von der Alameda zu Guaymas waren nicht werth, ihr die Schuhe zu lösen, und dazu war sie eine Dame von der Krone ihres Haars bis zur Spitze ihrer wunderbar kleinen Füßchen, und wenn sie sich in ihren Rebozo hüllte und

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ihren Fächer spielen ließ, hätte auch der kühnste Mann nicht gewagt, sich ihr aufzudrängen.

Señores, ich sah die Donna Esperanza, und ich liebte sie. Was soll ich Ihnen sagen von meinen Gefühlen? Ich dachte nur an sie und mein Blut und mein Leben lag zu ihren Füßen. Ja, hätte sie mir befohlen, ein Ketzer zu werden, ich hätte den Heiligen in ihrer eigenen Kirche Trotz geboten.

Nun müssen Sie wissen, Caballeros, daß ich nicht allein Augen für die Schönheit der Donna Esperanza hatte. Die Sonora-Company unterhielt auf Cerralbo einen Placer, an der andern Seite der Insel, der sich anmaßte, mit dem unsern zu wetteifern, und an der Spitze dieses Geschäfts stand ein junger Mann, etwa vier oder fünf Jahre älter als ich, ein Engländer von Geburt, und ein vortrefflicher Schwimmer. Er war, die Wahrheit zu sagen, ein stattlicher Mann, kräftig, schön und ein ziemlich braver Bursche. Dieser bewarb sich gleichfalls um die Gunst der Señora Esperanza und ich fürchtete, er werde mir den Rang ablaufen, denn er war bei dem Vater meiner Angebeteten sehr angesehen und verkehrte mehr als ein anderer Mann mit ihm.

Mich dagegen mochte der alte Rebell nicht leiden. Das kam daher, weil mein Vater ein eifriger Anhänger der Föderalregierung war und mir geradezu verbot, mit Don Castillo und seiner Familie, den er im Geheim beobachtete, Verkehr zu halten.

Aber ich war jung und verliebt und hatte meinen Kopf für mich.

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Bisher waren wir beide Rivalen einander ziemlich ausgewichen, wenigstens war es noch nie zu einem offenen Streit zwischen uns gekommen. Ich muß gestehen, ich hatte eine gewisse Achtung vor dem Señor Riccardo und es ging ihm vielleicht ebenso mit mir! Quien sabe! wir hätten vielleicht die besten Freunde sein können, wenn wir keine Nebenbuhler gewesen wären.

Das ging so im ersten Sommer - aber während der ganzen andern Zeit, daß ich in Guaymas und der Sonora mich umhertrieb, sah ich das dunkle Auge der Señora Esperanza immer vor mir, und als ich im nächsten Jahr zurückkehrte, war ich toller verliebt, als je. Mein Nebenbuhler war bereits vor mir eingetroffen und ich maß ihn mit eben keinen freundlichen Blicken.

Nun müssen Sie wissen, Caballeros, daß die Entfernung zwischen Cerralbo und Espiritu Santo, wo unsere Angebetete wohnte, mehr als zwei Seemeilen13 beträgt, die wir in unsern Kähnen leicht in einer Viertelstunde zurücklegten. Es schien ein stillschweigendes Abkommen zwischen uns, auf der See uns eben so zu vermeiden, wie auf dem Lande. Oft genug, wenn der Mond sein Silberlicht in dem Meer spiegelte, sah ich das Kanot des Señor Riccardo mir entgegenkommen, denn wie gesagt, der Eine brachte nur die Stunden auf der Insel zu, die der Andere fern davon war, und Doña Esperanza hielt in dieser Beziehung eine strenge Ordnung unter uns und gestattete

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nicht, daß wir in dem Hause ihres Vaters zusammentrafen oder länger auf der Insel blieben, als sie uns erlaubte.

Nun war es mir in letzter Zeit vorgekommen, als ob meine Angebetete von meiner Liebe gerührt zu werden anfing und sich mehr mir zuneigte, als meinem Nebenbuhler. Sie war freundlicher gegen mich, gewährte mir manche kleine Gunstbezeugung und ich durfte länger bei ihr verweilen, als sonst. Dazu kam, daß sie häufig von ihrem Vater redete und die Hoffnung aussprach, daß er einer Verbindung nicht entgegen sein werde. Aber sie deutete zugleich an, daß die Reden der Leute nicht ganz unwahr wären, und daß eine gewisse Gefahr ihn bedrohe, die wir durch Aufmerksamkeit leicht von ihm abwenden könnten. Sie ermahnte mich, sorgfältig auf Alles zu achten, was auf unserer Insel vorkomme, und sie sofort zu warnen. Ich vergaß nämlich, Ihnen zu sagen, daß mein Vater als der Aelteste auch das Amt eines Alcalden auf den beiden Inseln während der Zeit ihrer Bevölkerung verwaltete und sehr streng die Gerechtigkeit handhabte, sonst wäre es auch nicht möglich gewesen, die Ordnung unter der wilden Gesellschaft, die sich hier zusammen fand, einigermaßen aufrecht zu erhalten.

In diese Zeit fiel ein Ereigniß, das alle meine Hoffnungen wieder zu zerstören drohte. Sie müssen wissen, Señores, daß die Aufseher keinen Antheil gleich den Buzo's an den Muscheln erhalten, wahrscheinlich um zu verhindern, daß sie sich den Löwentheil davon zueignen, daß sie aber das Recht haben, den Tauchern ihren Antheil oder einzelne Muscheln abzukaufen, bevor sie geöffnet sind. Da die Buzos

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arme Teufel sind und selten zu Etwas kommen, weil sie leidenschaftlich spielen und die Branntweinflasche lieben, wird ein sehr einträglicher Handel damit getrieben.

Nun hatte Señor Riccardo einen Haufen Muscheln für seine Rechnung von einem alten Taucher gekauft, und als die Sonne ihr Werk verrichtete und die Fäulniß abgeschwemmt wurde, fand sich in einer der Muscheln die kostbare Perle, die ich vorhin die Ehre hatte, Ihnen zu zeigen. Seit langer Zeit war keine von dieser Größe und Schönheit gefunden worden und der Ruf davon verbreitete sich rasch auch zu unserm Placer und zog alle Mäkler herbei. Aber der Engländer verweigerte es, die Perle zu verkaufen. Er ließ sie - wie Sie dieselbe da gesehen haben, - von einem auf der Insel anwesenden geschickten Arbeiter in Silber fassen, und als ich zwei Tage später auf Espiritu Santo meinen Besuch machte, fand ich sie an einer Schnur am Halse der Doña Esperanza hängen.

Sie können meinen Aerger und meinen Verdruß sich denken. Es handelte sich nicht allein darum, daß mein Rival mich bei der Dame ausgestochen, denn ihr Vater machte eine spöttische Bemerkung über meine leeren Hände, als er mir begegnete, und erklärte den verdammten Engländer ganz für den großmüthigen Mann, wie ein Vater ihn nur seiner Tochter zum Gatten wünschen könne, und Esperanza schien in der That über den Schmuck sich überaus zu freuen; - sondern der Ruf von dem Funde der schönen Perle hob auch das Geschäft unserer Rivalen und drohte, unsere besten Taucher zu Ueberläufern zu machen.

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Ueberdies hatte sich seit vier Tagen ein Unheil ereignet, das dem ganzen Geschäft große Verluste brachte.

Der gefürchtetste Feind, die Tintorera, war erschienen und hatte Angst und Schrecken in den Buzeros verbreitet.

Zwei Taucher waren bereits von den Ungeheuern getödtet worden. Den einen, einen Buzo von großem Muth und großer Geschicklichkeit, hatte der männliche Fisch mitten durchgebissen, als er eben an dem Seil mit seiner Ladung emporsteigen wollte, so daß die Ruderer an den Haaren nur seinen Oberkörper bis zur Brust aus dem Wasser in's Boot hoben, als sie ihm zu Hilfe kamen; dem zweiten war das Bein über dem Knie abgebissen worden und er starb zwei Stunden nach der gräßlichen Verwundung.

Die Taucher, selbst meine alten Bekannten, die Yaquis, gingen nur mit Furcht und Schrecken an ihr Geschäft, ja viele weigerten sich geradezu und man mußte den Lohn verdoppeln und alle möglichen Vorsichtsmaßregeln anwenden, was natürlich den Ertrag sehr verminderte.

Ich wußte, daß es meine Aufgabe als Capataz war, auf ein Mittel zu denken, die beiden Tintoreras zu beseitigen, denn daß es in der That ein Paar war, hatte ich mich selbst überzeugt und mein Vater hatte mir am Morgen bereits einen finstern Blick zugeworfen und die zarte Andeutung, die Liebelei schien mich zum Müßiggänger und Feigling gemacht zu haben, der sein Brod mit Sünden äße.

So Señores können Sie sich wohl denken, daß ich keineswegs in sehr freundlicher Stimmung war, als ich weit

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früher, wie ich sonst gewohnt war, die Insel und ihre schöne Bewohnerin verließ und nach meiner Hütte zurück ruderte.

Plötzlich hatte ich einen Anblick, der alle meine Nerven erregte und mich vor Wuth knirschen machte.

Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne färbten mit Purpurspitzen die Wellen gleich blutigem Gold, und auf der Höhe derselben in der Entfernung von kaum dreihundert Schritten sah ich das Kanot meines Nebenbuhlers und ihn selbst darin, wie er munter und kräftig gegen Espiritu Santo ruderte.

Zugleich aber wurde meine Aufmerksamkeit nach der andern Seite meines Kahns gelenkt. Aus den gerötheten blitzenden Wellen tauchten dicht neben einander zwei schwarze unheimliche Streifen auf und begleiteten den Kahn - es waren die Rückenflossen der Tintorera und ihres Weibchens.

Daß sie sich so nahe dem Kahn hielten, bewies mir, daß der Zustand des Wetters bereits seinen Einfluß auf sie übte. Es war überaus schwül und heiß gewesen und die Luft mit Elektrizität geschwängert, die ein Gewitter für die Nacht in Aussicht stellte. Es giebt Nichts, was die Tintorera wilder und blutdürstiger macht, als diese Gewitternächte. Eine klebrige Materie, welche der Fisch aus den Oeffnungen, mit denen sein Rachen umgeben ist, ausspritzt, verbreitet sich dann über seinen ganzen Körper und macht ihn leuchten wie Feuerfliegen, besonders, wenn der Donner sich hören läßt. Je dunkler die Nacht ist, desto heller glänzt er.

Ich ließ meine Pirogue so nahe als möglich an sie heran treiben, indem ich aufhörte, zu rudern, und dann

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versetzte ich dem nächsten Ungethüm einen kräftigen Schlag auf den Rücken. Wie ein Blitz schoß es, gefolgt von seinem Gefährten, in die Tiefe.

Aber darüber hatte ich das Kanot des Engländers aus den Augen verloren, und als ich mich wieder danach umsah, war er nicht mehr zu erblicken. Cuerpo de tal! wußte ich doch zur Genüge, wo er war!

So ließ ich die Pirogue langsam treiben und als ich das Ufer unfern meiner einsamen Hütte, die ich der bessern Luft wegen auf einem Felsen hatte aufschlagen lassen, erreichte, war es bereits dunkel.

Ich blieb einige Zeit zu Hause, dann aber machte ich mich auf den Weg zu der Wohnung meines Vaters, um ihm zu sagen, daß ich die beiden Tintoreras gesehen habe und mit einigen der muthigsten Bursche in der Nacht hinaus wolle, um den Versuch zu machen, sie mit einer Lockspeise auf einem Kettenhaken zu fangen oder mit der Harpune zu erlegen.

Ich hatte kaum den Fuß des Felsens erreicht, auf dem meine Hütte stand, in der eine alte Hiaquis-Indianerin meine Wirthschaft besorgte, als ich bemerkte, daß mehre Männer um meine Pirogue beschäftigt waren, sie höher auf den Strand zu ziehen.

Ich ging sogleich zu ihnen - es waren Fremde, Soldaten der Republik, mit ihren Flinten, die sie zur Seite gestellt hatten.

»Caramba! Señores,« sagte ich - »Ihr gebt Euch eine sehr ungebetene Mühe! darf ich fragen, was das zu bedeuten hat?«

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»Das hat zu bedeuten, Señor,« erwiederte der Korporal, »daß auf Befehl des Señor Alcalde alle Boote in dieser Nacht festgelegt und bewacht werden sollen, damit keines die Insel verläßt.«

»Porque?14 was fällt meinem Vater ein? das ist unmöglich, denn ich habe gerade heute Nacht vor, auf dem Wasser zu sein. Und darf ich fragen, Señores, was Sie überhaupt hier zu thun haben auf der Insel?«

Der Korporal war ein äußerst höflicher Mann. »Warum nicht, Señor?« erwiederte er. »Es steht Ihnen die Frage vollkommen frei, nur muß ich Sie darauf aufmerksam machen, daß es nicht in meiner Macht ist, sie zu beantworten. Wenn der Señor Alcalde Ihr Vater ist, so fragen Sie ihn.«

Ich konnte mir die Mühe ersparen, denn ich wußte vorher, daß er mir schwerlich eine Antwort geben werde. Aber eine gewisse Ahnung sagte mir, daß es sich um Wichtiges und um ein Geheimniß handele, das ich auf jeden Fall erforschen mußte.

Alto, manos á la obra! Wer sollte nicht wissen, wie man einen Soldaten zum Schwatzen bringt! Ich lud den Korporal ein, mit in meine Hütte zu treten, und ein Glas Mescal zu trinken, ein Vorschlag, den gleich wie ein Spiel kein mexikanischer Soldat ausschlägt. So kamen wir bald in's Plaudern und Caramba! beim siebenten Glase wußte ich, daß mein Vater richtig ausgekundschaftet, wer eigentlich Señor Castillo auf Espiritu Santo war, und ihn der

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Regierung verrathen hatte. Darauf war am Abend, bald nachdem Señor Riccardo sein Boot bestiegen hatte, eine Abtheilung Soldaten aus La Paz eingetroffen, und sie wollten am andern Morgen nach Espiritu Santo übersetzen und den alten Rebellen, Esperanza's Vater, festnehmen.

Valàme! man brauchte nicht die Künste der indianischen Hexen zu verstehen, um voraus zu sagen, was dann mit ihm geschehen würde. Die Föderado's machten nicht viele Komplimente mit dem Leben ihrer Gegner und der Präsident Arispe selbst hatte den Befehl zur Verhaftung des Flüchtlings gesandt.

Pardiez! es hätte mich herzlich wenig gekümmert, ob sie den alten Rebellen erschossen hätten, oder nicht. Aber er war der Vater Esperanza's und sie hatte, vielleicht in der Ahnung der Gefahr oder weil sie irgend eine Warnung bekommen hatten, sich an mich gewandt und meinen Schutz und meine Aufmerksamkeit in Anspruch genommen. Es galt also, ihrem Vater oder vielmehr der schönen Tochter noch in dieser Nacht Nachricht zu geben und ich übersah mit einem Blick, wie dies mir sofort meine Position wieder erobern, ja meinen Rival aus dem Felde schlagen mußte. Das gerettete Leben des Vaters mußte bei Esperanza zehn solche Perlen, wie der Engländer ihr geschenkt, aufwiegen; die Thatsache, daß ich hinüber nach Espiritu Santo mußte noch diese Nacht, stand also fest. Aber das Wie war eine andere Frage.

Ich hatte es mit einem alten Fuchs und einem vorsichtigen Gegner zu thun, und das war mein Vater. Ich

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weiß nicht, welche Gründe er hatte, seinen Feind erst am andern Morgen bei hellem Tageslicht verhaften zu lassen, vielleicht, um ihn desto bitterer sein Schicksal empfinden zu machen, aber er hatte Nichts versäumt, um zu verhindern, daß die Nachricht von der Ankunft der Soldaten nach Espiritu Santo kommen konnte. Zu dem Ende hatte er sämmtliche Piroguen und Fahrzeuge unserer Insel sofort auf den Strand bringen lassen, die Ruder entfernt und Schildwachen dazu gestellt. Außer dem Kanot Riccardo's war jetzt kein Fahrzeug mehr auf dem Wasser und dieser hatte, wie gesagt, die Insel vor der Ankunft der Soldaten verlassen.

Aber ich mußte hinüber und wenn es zehn Leben gegolten hätte! Das einzige Boot aber, das mich hinüber führen konnte, war das meines Nebenbuhlers, dies also mußte ich haben um jeden Preis.

Als ich so weit war, brachte ich bald den Korporal auf die Beine, um seine Posten zu revidiren. Ich wußte, um welche Stunde Riccardo zurückzukehren pflegte und welches die Landungsstelle seiner Pirogue war; denn ich hatte diese Rückkehr hinter den Felsen versteckt und glühende Eifersucht im Herzen, wohl zwanzig Mal belauscht. Porque! welcher Mann, der liebt, thut nicht dergleichen.

Als der Korporal sich endlich mit seinen Leuten getrollt und nur zwei Soldaten als Posten auf unserm Landungsplatz bei den Booten zurückgelassen hatte, löschte ich das Licht in der Hütte aus und steckte mein schärfstes und bestes Dolchmesser in den Gürtel neben die Estanca, die Jeder immer bei sich trägt.

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Dann verließ ich die Hütte und kroch an den Felsen entlang, bis ich außer dem Bereich der Schildwachen war.

In zehn Minuten war ich an der Landungsstelle der Piroguen für die Sonora Compañia. Aber ich überzeugte mich sofort, daß mein Vater mindestens so klug war, als ich, und daß neben den auf's Land gezogenen Fahrzeugen mehrere Schildwachen standen, um sich sofort des zurückkehrenden Kanots zu bemeistern.

Zum Glück kannte ich eine enge Felsenzunge, die sich weit hinaus in's Meer streckt und an der mein Rival auf seiner Rückfahrt vorüber kommen mußte. Das Landen dort war zwar gefährlich wegen der Brandung, aber es blieb kein anderes Mittel. Ich eilte fort und klomm die Felsen hinauf, bis ich die Stelle erreicht hatte und mich lang auf ihr hinwarf.

Unter mir, etwa sechs Fuß entfernt, schäumte das Meer und die Spitzen der Wellen waren wie von hüpfenden weißen Flämmchen bedeckt, denn die Schwüle hatte immer mehr zugenommen, der Coromuel15 begann immer heftiger zu heulen und am wolkenumzogenen Horizonte zuckten in langen Strahlen die Blitze.

Ein starkes Gewitter war dem Ausbruch nahe - das Meer schien es zu fühlen und sich selbst aufzuregen.

In diesem Augenblick hörte ich Ruderschlag und der nächste Blitz zeigte mir das Kanot meines Rivalen.

»Señor Riccardo! Señor Riccardo!« rief ich mit

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verhaltener Stimme, meine Hände als Trichter brauchend, um nicht vielleicht von Andern gehört zu werden.

Man weiß, daß der Schall auf dem Wasser sehr weit trägt. Der Engländer hatte meinen Ruf gehört und wandte sofort die Spitze seines Kanots.

»Wer ruft mich? was giebt's?«

»Hierher Señor Riccardo, wenn es Ihnen gefällig ist,« antwortete ich. »Bringen Sie Ihren Kahn in den Schutz des Teufelsfelsens und legen Sie an, ich habe dringend mit Ihnen zu sprechen!«

Der Engländer that noch einige Ruderschläge, bis er dicht unter dem Felsblock auf der Leeseite lag, die von dem Anprall der Brandung geschützt war.

Es war ein kühnes und schwieriges Manövre und erforderte eine sichere Hand, aber ich muß ihm den Ruhm lassen, daß er sie besaß.

»Wer ist es, der mich sprechen will und an diesem Ort und zu dieser Zeit?«

Ich konnte bemerken, daß er auf seiner Hut war und das Ruder schlagfertig in der Hand hielt, wahrscheinlich einen Ueberfall argwöhnend.

»Haben Sie keine Furcht, Señor Don Riccardo,« sagte ich spöttisch. »Es ist der Capataz Juan Rakunha[Racunha], der mit Ihnen sprechen muß!«

»Dann Señor,« sagte er hochmüthig, »wählen Sie eine andere Zeit. Ich bin müde und will nach Hause.«

Er war im Begriff abzustoßen, als ich meinen Groll unterdrückte und fast flehend zu ihm sagte: »Hören Sie

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mich an, Señor Don Riccardo, ich habe eine dringende Bitte an Sie, von der mehr, als mein Leben abhängt.«

Er hielt sogleich inne. »Eine Bitte?« frug er erstaunt. »Sie an mich?«

»Ja, Señor, und Sie können durch deren Erfüllung mich zu Ihrem ewigen Schuldner machen. Fordern Sie meine ganze Habe, und ich werde sie willig opfern!«

»Das ist seltsam,« sagte er. »Aber zunächst sagen Sie mir, worin besteht diese Bitte?«

»Steigen Sie hier aus, statt nach Ihrer Bucht zu fahren,« bat ich dringend, »und überlassen Sie mir Ihr Kanot auf eine Stunde.«

Er mußte offenbar starkes Mißtrauen über dies Verlangen empfinden und dies sprach sich auch sogleich in seinen Worten aus.

»Das geht nicht Señor,« sagte er. »Warum wollen Sie meinen Kahn und benutzen nicht den Ihren? Hierunter liegt Etwas verborgen, das mir wenig ehrlich zu sein scheint.«

»Mein Kahn ist unter Bewachung, wie alle die andern - nur der Ihre ist noch frei - leihen Sie mir ihn!«

»Nein - oder ich muß wissen, wozu?«

»Señor - ich beschwöre Sie - wenn Sie Doña Esperanza lieben, so geben Sie mir den Kahn - es droht ihr Gefahr - es sind Soldaten auf der Insel!«

»Wie, sprechen Sie wahr?«

»Bei der heiligen Jungfrau, Señor! Aber den Kahn! den Kahn!«

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»Dann wissen Sie nicht, wie eilig es ist - ich werde selbst gehen!«

Er stemmte das Ruder gegen den Felsblock, um das leichte Fahrzeug zurück in den Strudel der Wellen zu stoßen - in einem Augenblick wäre Alles für mich verloren gewesen - er der Retter ihres Vaters und ich Nichts als ein elendes Werkzeug, das ihm noch zu seinem Triumph verhalf.

Eine gränzenlose Wuth erfaßte mich.

In diesem Moment erleuchtete ein Blitz unsern Winkel und zeigte mir klar und deutlich die Gestalt meines verhaßten und gefürchtsten Nebenbuhlers.

An seiner Brust steckte ein Blumenstrauß - ich erkannte ihn, es war derselbe, den ich am Nachmittag an dem Mieder Esperanza's gesehen und den sie mir verweigert hatte.

Fast mit der Schnelligkeit des Blitzes, der eben den Engländer und seinen verhängnißvollen Kahn erleuchtet hatte, ergriff ich einen schweren Steinblock, der auf dem Felsen lag und schleuderte ihn nach dem Kanot.

Die schwere Last traf nur zu gut und schlug im Augenblick die dünne Wand des leichten Fahrzeugs ein, der Kahn füllte sich sofort mit Wasser und sank.

»Elender Meuchelmörder!« rief sein Führer, ehe er in die Fluth versank, »also darauf war es abgesehen?«

Wie ich Ihnen bereits gesagt habe - Señor Riccardo war lange Seemann gewesen und war ein vortrefflicher Schwimmer, fast oder ganz so gewandt wie ich. Es

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dauerte also nur wenige Momente, ehe er wieder auf die Oberfläche des Wassers kam.

»Hierher Señor Riccardo!« rief ich mit aller Kraft - »hierher! reichen Sie mir die Hand! Bei meiner Ehre, Sie haben Nichts zu fürchten!«

Ich lehnte mich weit über den Felsen hinaus und streckte ihm meine Hand entgegen.

Endlich hatte er sich aus der Brandung wieder heraus gearbeitet, war an dem Felsen und faßte meine Hand. Ich strengte alle meine Kräfte an, und gleich darauf lag er neben mir auf dem Plateau. Einige Augenblicke blieben wir von der Anstrengung noch schwer athmend neben einander liegen - dann erhoben wir uns und standen im Schein der Blitze einander gegenüber, uns mit finstern, drohenden Blicken messend.

Riccardo war der Erste, der sprach.

»Was soll das heißen, Señor Racunha?« frug er heftig. »Ihr lauert mir auf, um mich tückisch in's Meer zu stürzen, und im nächsten Augenblick seid Ihr bereit, mir zu helfen?«

»Ihr verkennt mich, Señor,« sagte ich kalt, denn ich hatte alle meine Ruhe wieder gewonnen. »Ich bin kein Meuchelmörder, sondern schlage Euch jetzt einen Zweikampf vor!«

»Ein Duell? und deswegen habt Ihr meinen Kahn zertrümmert und mich auf diese Klippe gelockt? Goddam, Señor Racunha, ich glaube, ich wäre leichter zu finden gewesen!«

»Ihr mißversteht mich noch immer, Señor. Ich

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brauchte Euren Kahn und weil Ihr ihn mir verweigertet, müssen wir jetzt Beide unsere Kräfte und unsern Muth gegen einander messen.«

»Aber was soll das heißen? Wozu?«

»Um eine Botschaft nach Espiritu Santo zu bringen.«

»Eine Botschaft?«

»Ja, Señor. - Ihr liebt die Doña Esperanza?«

»Ihr wißt es. Und Ihr seid so thöricht, meinen Nebenbuhler spielen zu wollen!«

»In der Liebe hat Jeder gleiches Recht. Doch darauf kommt es hier nicht an. Seit vier Stunden befinden sich Soldaten von La Paz auf der Insel. Sie haben den Auftrag, den Señor Castillo gefangen zu nehmen, und werden mit Sonnenaufgang nach Espiritu Santo aufbrechen!«

»Wie - so waren Eure Worte vorhin keine Lüge? Mann, um Himmelswillen, redet die Wahrheit!«

»Ich lüge nie - am Wenigsten einem Feinde gegenüber. Jetzt, Señor Riccardo, wißt Ihr, weswegen ich Euer Boot wollte!«

»Aber bei Eurer eignen Liebe zu dem armen Mädchen! Dann laßt uns eilen, ein anderes Kanot zu nehmen. Zwei Ruder werden uns Noth genug sein, denn das Wetter wird immer schlimmer.«

»Ich wiederhole Ihnen, Señor Riccardo, daß auf der ganzen Insel kein Boot mehr zu haben ist - die Soldaten bewachen alle. Das Euere war das einzige, was noch frei war!«

»Wahnsinniger! und dies einzige Mittel, nach Espiritu Santo zu gelangen, habt Ihr vernichtet!«

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»Weil ich nicht wollte, daß Ihr den Nutzen haben solltet und ich das Nachsehen.«

»Aber dann sind die Unglücklichen verloren! Ich sage Euch, Capataz, die Verhaftung des Señor Castillo ist so gut, wie sein Todesurtheil! Ihr wißt nicht, wer er ist.«

»Ich habe vermuthet, daß es sich um sein Leben handelt, wenn ich auch nicht die Ehre habe, der Vertraute des Señor Castillo zu sein, wie Ihr!« sagte ich spöttisch. »Um so näher wird Euch die Pflicht liegen, Doña Esperanza nicht zur Waise werden zu lassen.«

»Aber wie - um Gotteswillen, gebt ein Mittel! Ihr mögt Alles nehmen, was ich besitze!«

»Ich bot Euch dasselbe vorhin für Euren Kahn. Ist darin auch Doña Esperanza eingeschlossen?«

Er starrte mich wild an. »Ihr seid wahnsinnig - Capataz!«

»Quien sabe! - Ea! Señor Riccardo! ich will Euch ein gleiches Spiel vorschlagen!«

»Laßt hören!«

Ich nahm seinen Arm und führte ihn bis an den Rand des Felsens.

Wenn die Blitze weit hin über die Fläche des jetzt in wilden schaumbedeckten Wogen sich hebenden Meeres leuchteten, ließen sich in der Ferne die Felsengebilde von Espiritu Santo erkennen.

»Ea! Wir wollen Beide mit gleichen Mitteln und auf gleiche Weise nach der Insel gehen. Jeder von uns kennt das Geheimniß. Wer glücklich oder wer zuerst anlangt, möge den Vater retten und die Hand der Tochter

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als Lohn fordern! Der Andere tritt ihm hiermit feierlich seine Rechte ab!«

»Aber wie?« frug der Engländer - »selbst wenn ich den ungerechten Vertrag eingehen sollte, wie könnten wir hinüber gelangen?«

»Señor Riccardo,« sagte ich kalt - »thut, was Ihr mich thun seht!«

Damit warf ich meine Jacke und mein Hemd von mir, und schnitt mit dem Dolch die Calzonera's16, die ich trug, eine Hand breit oberhalb des Knies ab.

Dann reichte ich ihm den Dolch.

»Ich begreife Euch noch immer nicht! was wollt Ihr thun!«

»Was anders, als - da die Boote fehlen, - hinüber schwimmen!«

»Wie, bei dieser See? in diesem Wetter?«

»Ta! es ist nur der Coromuel! Esfuérate!17 Señor! Ihr seid, wie ich bei der letzten Regatta gesehen, ein so guter Schwimmer wie ich. Der Wind ist uns günstig und treibt nach Norden, also nach Espiritu Santo. In einer Stunde spätestens können wir dort sein, wenn ...«

»Nun?«

»Wenn uns die Tintorera nicht unterwegs gefressen hat!«

Er hatte bereits begonnen, gleichfalls seine Kleider abzulegen, denn sein Stolz wollte ihn nicht zurückbleiben

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lassen. Aber bei diesen meinen Worten hielt er inne und schlug die Hände vor das Gesicht.

»Es ist unmöglich!« stöhnte er.

In diesem Augenblick hätte ich ihm fast seine Liebe zu Doña Esperanza und seinen bessern Erfolg vergeben können, so stolz fühlte ich mich. Indeß, um der Wahrheit die Ehre zu geben und seinem Andenken gerecht zu werden, Señores, ich glaube nicht, daß er weniger Muth hatte als ich, und daß es nur meine indianische Erziehung war, die mich gleichgültiger gegen den Tod machte, als ihn.

»Warum unmöglich? Es sind zwei Tintorera's und zwei Männer. Wäre es nur Einer, so wären die Chancen für sein Entkommen allerdings gering - jetzt ist es anders. Wenn auch der Eine gefressen wird, ist noch Nichts verloren! Entschließt Euch, Señor Don Riccardo - denn die Zeit drängt und der Sturm wird immer heftiger.«

Einige Augenblicke lang kämpfte sein Stolz und wohl auch die Liebe in seinem Innern mit dem Verstand, der ihm das Wahnsinnige des vorgeschlagenen Unternehmens zeigte.

»A Dios! Señor Riccardo,« sagte ich verächtlich und trat an den Rand des Felsens vor. »Als Caballero und Mann von Ehre, werdet Ihr, wenn ich Espiritu Santo nicht erreichen sollte, morgen wenigstens Doña Esperanza sagen, daß ich nicht gezögert habe, das für sie zu thun, was kein anderer Mann wagte!«

Ich war in der That im Begriff, mich in die Wellen zu stürzen, als er meinen Arm faßte.

»Ihr werdet nicht allein gehen, Señor Racunha!«

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»Muy bien! so eilt Euch!«

»Einen Augenblick noch - ich muß nach meiner Wohnung gehen, um wenigstens eine Waffe mitzunehmen. In fünf Minuten bin ich wieder zurück!«

»Das ist unnöthig, Señor, und überdies gefährlich. Man würde Sie festhalten und nach Ihrem Kahn fragen. Ich will in jedem Stücke redlich gegen Sie handeln. Hier sind zwei Waffen zur Bekämpfung der Tintorera, die Estaca und dieser Dolch. Wählen Sie!«

Er zögerte einen Augenblick, dann ergriff er den Dolch. »Ich muß gestehen, daß ich mit der Estaca nicht so gut umzugehen weiß, wie die Eingebornen,« sagte er entschuldigend.

»Da das Messer gefährlicher zu handhaben,« entgegnete ich, »sind die Waffen vollkommen gleich. Doch, mit Ihrer Erlaubniß, Señor!«

Ich nahm die Waffe aus seiner Hand und schnitt seine Calzoneras bis auf die Hälfte der Schenkel ab.

Ein näherer Donnerschlag mahnte uns an Eile.

»Jetzt, Señor Don Riccardo,« sagte ich, »sind wir fertig. Sie sehen den Schein eines Feuers im Norden?«

»Es brennt in dem Hause des Kapitains der Schildkrötenfänger auf Espiritu Santo, man schmilzt das Fett. Halten Sie dieses Licht im Auge, wenn Sie auf den Kamm der Wellen gehoben werden. Und nun, Señor Don Riccardo, lassen Sie uns zum ersten und letzten Mal in diesem Leben einander die Hand reichen. In einer Stunde wird Einer von uns keinen Nebenbuhler mehr zu

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fürchten haben, oder wir haben es Beide nicht mehr nöthig. Sollte Sie ein Unglück treffen, so seien Sie versichert, daß ich Sie an der Tintorera rächen werde!«

Er drückte mir fest die Hand. »Sie sind ein Mann, Señor Juan,« sagte er, »und es ist schade, daß wir nicht Freunde gewesen sind!«

»Vamos! Möge die heilige Jungfrau mit uns sein!« Ich stand an dem Rand des Felsens und ließ mich langsam - um durch kein Geräusch die Ungeheuer der Tiefe aufmerksam zu machen, in's Wasser gleiten.

Im nächsten Augenblick hörte ich meinen Gefährten bei dem furchtbaren Abenteuer neben mir.

Ohne mich um ihn jetzt weiter zu kümmern, griff ich aus und war in zwei Stößen, durch den Rückprall der brandenden Wogen unterstützt, weit ab von den Felsen.

Ich fühlte trotz der Finsterniß, des Heulens des Sturms und des Schlagens der Wellen um mich her, daß ich mich in meinem Element befand und schwamm rüstig, aber mit Kaltblütigkeit weiter, indem ich mich nach der Richtung des Windes richtete und das Schwellen der hochgehenden Wogen benutzte.

Von dem Gipfel derselben konnte ich stets das Signalfeuer auf Espiritu Santo sehen und meine Anstrengung dahin richten, wenn ich auch im nächsten Augenblick mich tief in der Höhlung der See befand.

Zugleich spähte ich aufmerksam rechts und links nach den Spuren der Tintorera.

Der Himmel war jetzt ganz umzogen und der Donner rollte in seiner furchtbaren Majestät und mischte sich mit

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dem Brausen des aufgeregten Meeres. Die Blitze zischten nach allen Seiten, und die ganze See schien manchmal in electrischem Feuer zu stehen.

Es galt vor Allem, möglichst eine zu große Anstrengung der Kräfte zu vermeiden, denn ich wußte sehr wohl, daß jeder Theil derselben noch vollständig beansprucht werden würde. Deshalb auch mochte ich vielleicht eine Strecke gegen meinen Gefährten bei dieser furchtbaren Reise zurückgeblieben sein, der ein sehr rascher und regelmäßiger Schwimmer war.

Plötzlich, - als ich eben von einer Woge wieder auf ihren schaumbedeckten Gipfel gehoben worden war, deuchte es mir, als höre ich nahe vor mir einen Schrei.

Im nächsten Augenblick sah ich durch den tiefen schwarzen Grund, welchen die Höhlung zwischen der Woge, die mich trug und der nächsten vor mir bildete, einen hellen, phosphorischen Streifen schießen.

Ich konnte nicht zweifeln - es war die Tintorera!

Aber ihr phosphorisches Licht verschwand meinen Augen in dem glänzenderen die ganze Fläche der sturmbewegten See erhellenden Blitze, der aus den dunklen Wolken zuckte, begleitet von einem gewaltigen Donnerschlag.

Im Schein dieses Blitzes sah ich auf dem Kamm der nächsten Woge gerade vor mir meinen Nebenbuhler.

Im nächsten Augenblick war Alles wieder in tiefes Dunkel gehüllt und ich tauchte mit Gedankenschnelle in den Abgrund vor mir.

»Caramba! ich gestehe Ihnen, Caballeros, die Nähe

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der Tintorera, der Anblick meines Nebenbuhlers und der gewaltige Blitz und Donnerschlag hatten mir einige Sekunden lang alle Geistesgegenwart und Ruhe geraubt und ich wäre die Beute des Hay's gewesen, wenn ich in diesem Moment mit ihm zusammen getroffen wäre.

Ich hatte, sogar die Augen geschlossen und ließ mich aufs Gerathewohl treiben. Sogleich aber kam mir der Gedanke, daß ich so zu sagen im Rachen der Gefahr sei und daß die nächsten Minuten über unser Beider Schicksal entscheiden mußten.

Die Tintorera's waren auf unserer Spur!

Ich fühlte, mit einer Hand schwimmend, ob die Estaca sich auch sicher in meinem Gürtel befand, und öffnete die Augen.

Vor mir etwa zwölf Schritte entfernt sah ich die phosphorleuchtenden Streifen. Das ausströmende eigenthümliche fahle Licht war so stark, daß ich deutlich die beiden Fische etwa zwei Ellen unter der Oberfläche des Wassers erkennen konnte.

Indem ich mich halb aus der Welle erhob, stieß ich einen gellenden Warnungsschrei aus und ließ den Ruf: »Die Tintorera!« darauf folgen.

Dann athmete ich mit voller Brust die schwüle Luft ein und ließ mich sinken.

Ich machte zwei oder drei Stöße, und dann sah ich über mir das falbe unheimliche Licht des Fisches.

Der Hay hatte mich offenbar gesehen. Ich konnte deutlich die regungslosen, matten bleigrauen Augen des Ungeheuers erkennen, wie sie auf mich gerichtet waren. In

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der Tiefe, in der wir uns beide - der Fisch und ich - befanden, übte der Coromuel keine Wirkung mehr und das Wasser war so ruhig, daß man nicht merken konnte, es werde auf der Oberfläche zu Schaum gepeitscht.

Die Tintorera - es war das Weibchen, das etwas kleiner ist, als der männliche Hay - ließ sich langsam sinken, um mich noch tiefer hinab zu treiben und dann mit einem Biß zu verschlingen.

Aber ich wußte, daß ich dies nicht abwarten durfte, denn ich war bereits so tief getaucht, daß die Last des Wassers schwer auf mich drückte und ich ein Brausen in den Ohren fühlte, als wollten sie zerspringen.

Ich hatte nur noch für Sekunden Luft in den Lungen!

Eine kräftige Bewegung mit den Beinen und ich schoß in schräger Richtung empor, gerade auf die Tintorera zu.

Ich hatte die Estaca in der rechten Hand; ich sah, wie der kurze Unterkiefer des Fisches zurückfiel und der weite, mit den drei furchtbaren Zahnreihen besetzte Rachen sich öffnete.

Ein Stoß mit der rechten Faust, in der ich vertikal die Estaca hielt, und ich fühlte, daß sie festsaß. Im selben Augenblick ließ ich los und zog die Hand zurück, nicht ohne daß mein Arm sich an den spitzen Zähnen an mehreren Stellen gerissen hätte. Gleichzeitig stieß ich, durch die Kraft des Aufschwungs, mit dem Körper des Fisches zusammen, was wahrscheinlich mein Glück war, da sonst

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ein Schlag des Schwanzes mich hätte tödten oder wenigstens schwer betäuben können.

Ich gab mir an dem blitzschnell an mir vorüber in die Tiefe schießenden Hay einen Stoß und befand mich im nächsten Moment an der Oberfläche.

Das Erste was ich that, war, einen vollen Strom von Luft einzusaugen, deren Druck mir das Blut aus Nase und Ohren trieb, so lange war ich unter Wasser geblieben. Dann sah ich mich um.

Es war, als ob die Kraft des Gewitters mit jenem gewaltigen Schlage sich gebrochen hätte, denn die Blitze flammten zwar noch, und der Donner rollte, aber nicht mehr mit der frühern Gewalt. - Ich mußte zunächst mich orientiren, da ich bei dem unterseeischen Kampfe natürlich die Richtung verloren hatte, - aber dies war in der That nicht leicht. Um mich die hohen erregten Wogen, über mir der dunkle, nur von den Blitzen erleuchtete Himmel - kein Stern an ihm zu sehen.« -

»Aber die Tintorera, Monsieur Juan?« frug der Mayordomo. »Corbious! ich muß gestehen, die Kanaille kommt mir fast noch gefährlicher vor, als ein Löwe.«

»Die Tintorera, Señor Don Bonifazio,« entgegnete höflich der Capataz - »pflegt an der Estaca in ihrem Rachen vollkommen genug zu haben. Ob sie daran verhungern muß oder sie an irgend einem unterirdischen Felsen oder Corallenast sich aus dem Rachen zu reißen weiß, wobei wahrscheinlich ein schönes Stück desselben mitgeht, weiß man nicht. So viel aber ist sicher, daß ein Hay mit einer Estaca zwischen den Kiefern so eilig als

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möglich das Weite sucht und nie sich wieder an der Stelle blicken läßt, wo ihm das Unglück passirt ist. Guarda! warum sollte nicht auch ein Hayfisch eine gewisse Vernunft und Schaam haben? Er schämt sich, daß er besiegt worden ist, und macht sich aus dem Staube!«

»Menschennatur!« bestätigte mit dem Kopf nickend der Spurfinder. »Es ist ein alberner Hochmuth, wenn die Leute nur von dem Instinkt der Thiere reden wollen. Es giebt viele, die klüger sind, als viele Weiße und Indianer. Aber fahrt fort, Monsieur Capataz, ich möchte gern wissen, wie es Eurem Kameraden ergangen ist!«

»Ayme! Señor Don Kreuzträger, das war eine traurige Geschichte. Vamos! Um Eins nach dem Andern zu erzählen - bei dem Leuchten, in dem noch immer der Himmel stand, sah ich meinen Nebenbuhler dicht vor mir mächtig ausstreichen, um einen dunklen Gegenstand zu erfassen, der vor ihm auf den Wellen trieb, den ich aber nicht zu unterscheiden vermochte.

Ich rief ihm triumphirend zu, und er wandte den Kopf nach mir.

Das Alles, was ich jetzt erzähle, geschah in einem Augenblick bei dem Leuchten eines Blitzes. Er schien auf der Stelle, wo er schwamm, plötzlich still zu halten und erhob sich mit dem Oberkörper kerzengerade wohl eine Elle weit aus dem Wasser. Seine Augen waren auf mich gerichtet und ich werde bis an mein Ende den schrecklichen Ausdruck nicht vergessen, den sie hatten.

Ich hörte einen Schrei, so wild und entsetzlich, wie ich bis dahin Nichts in meinem Leben gehört hatte,

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gellend, durchdringend - den Sturm und den Donner überbietend:

»Esperanza!«

Im nächsten Moment war Alles wieder in dunkle Nacht gehüllt und ich schwamm auf die Stelle zu.

Plötzlich stieß ich mit der ausgreifenden Hand an einen Gegenstand - es war der dunkle Körper, den ich so eben hatte auf den Wogen treiben sehen - im Nu hatte ich begriffen, weshalb der Engländer ihn zu erreichen strebte: es war sein eigenes von mir zum Theil zerschmettertes Boot.

Die Wellen hatten es umgestürzt und es schwamm mit dem Kiel nach oben.

Caballero's, ich weiß kaum einen Augenblick in meinem Leben, wo ich der heiligen Jungfrau aufrichtiger für eine Gabe gedankt hätte, als für diese Paar zerrissenen und werthlosen Bretter.

Ich befand mich im Nu auf ihnen und streckte mich lang darauf aus. Es war die höchste Zeit; denn noch ehe ich hätte ein Paternoster nebst dem Ave beten können, sah ich unter mir in der Tiefe das unheimliche Leuchten der Tintorera.

Sie kam fast bis zur Oberfläche und ich fühlte zwei Mal den Stoß ihres Körpers gegen das schwache Holz, das allein zwischen mir und der Ewigkeit war.

Zum Glück gelang es mir, mich festzuhalten. Dann schoß der Feuerstreifen, der den gräulichen Fisch umgab, nach einer andern Seite und ich sah Nichts mehr von ihm.

Ich fürchtete jetzt aufrichtig, daß er meinen

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Nebenbuhler verfolgen möchte, der durch irgend einen unglücklichen Zufall, vielleicht durch meinen Anruf, von den Planken seines eigenen Bootes abgekommen sein mochte. Ich war so dankbar gegen die heilige Jungfrau über meine eigene Rettung, daß ich in diesem Augenblick gar keinen Groll mehr gegen ihn empfand, sondern nur ihn zu retten wünschte. Ich befand mich in verhältnißmäßiger Sicherheit und ich beschloß, auch ihm beizustehen.

Mit aller Kraft meiner Lungen rief ich über die tobenden Wellen seinen Namen und schrie ihm zu, zu mir zu schwimmen.

Nichts antwortete mir, als das Brausen der Wogen und das rasch sich entfernende Rollen des Donners.

Ich hatte jetzt so viel Halt gefunden, um rittlings auf dem Kiel sitzen zu, können, und mit beiden Händen mich festhaltend wiederholte ich den Ruf.

Abermals keine Antwort!

Auf dem weißen Gischt der Wogen waren nur ich und die lecke zerbrochene Pirogue.

Dennoch, während mich das Spiel des Wassers vorwärts trieb, ließ ich nicht nach in meiner Anstrengung und rief immer und immer wieder den Namen, bis es mir endlich einfiel, daß er wahrscheinlich meiner spotte und, den Tintoreras entgangen, längst mir voraus, vielleicht schon an der Küste der Insel sei.

Ich erhob die Augen und sah, keine Viertelmeile vor mir, das Leuchtfeuer auf Espiritu Santo. Das Gewitter war vorüber, der Coromuel wehte nur noch in einzelnen Stößen und die Wolken flogen wie Lämmer am Himmel,

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an dem bald wieder die funkelnden Sterne, in ihrer Mitte das glänzende Kreuz leuchteten, von dem ich mir habe sagen lassen, Señor Mayordomo, daß Sie es in Ihrem Lande nicht sehen können, weil die Erde eine Kugel sein soll, was ich nicht recht begreifen kann. Der Zug der Wellen trieb gerade auf den kleinen Hafen zu, aus welchem die Kanots von Espiritu Santo auskaufen.

Ich war jetzt keine hundert Schritt mehr vom Ufer und konnte die Hütte des Señor Castillo bereits deutlich sehen. Aus einem Fenster derselben schimmerte der Schein einer Lampe, - sie mußten während des Gewitters wach geblieben sein - oder! gewiß - das war es, der Engländer war bereits vor mir angelangt und hatte sie gewarnt. Die Familie war in der vollen Vorbereitung zur Flucht.

Ich knirschte mit den Zähnen aus Aerger über meine Thorheit, die meinem Feinde selbst die Mittel gegeben hatte, mich zu besiegen.

In diesem Augenblick, als ich eben an das Ufer steigen wollte, fiel mein Auge auf einen Gegenstand.

Es war ein menschlicher Arm, der sich aus den Fluthen streckte - die Faust hielt krampfhaft Etwas umschlossen. Ay Dios mio! sollte er vielleicht ertrunken sein?!

Mit Gedankenschnelle sprang ich zurück in das Wasser und faßte nach der Hand, um den Körper herauszuziehen.

Die Hand gab nach - ich fühlte keine Last daran - ich hatte einen bloßen Arm in der meinen, an dem noch ein zerrissenes Stück Fleisch hing.

Diese Hand, im Erstarren krampfhaft geschlossen -

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hielt ein langes Messer! - ay! es war das meine, das ich dem Engländer gegeben, es war der Arm des unglücklichen Señor Riccardo.

Wie Schuppen fiel es von meinen Augen - jener Ausdruck, mit dem mich der Schwimmer angestarrt, war der des Todes - jener Ruf sein letzter, seine Mahnung an mich im Augenblick, als die Tintorera ihn in die Tiefe zog.

Er war todt - ich war der Sieger - Esperanza war mein!

Dennoch konnte ich ein Gefühl des Bedauerns nicht unterdrücken über das Ende eines wackern und muthigen Mannes und ich gelobte seinem Angedenken, an der Tintorera Rache zu nehmen, so wie ich erst mit meinen eigenen Angelegenheiten fertig wäre.

Ich brach die erstarrte Hand auf, nahm das Messer heraus und steckte es in meinen Gürtel, entschlossen, mit derselben Klinge das Ungethüm zu tödten. Dann warf ich den blutigen Arm an's Ufer, damit wenigstens dieser Theil seines Körpers eine christliche Ruhestätte finden möge.

Hierauf ging ich zur nächsten Hütte, öffnete die unverschlossene Thür und nahm den Mantel des Bewohners vom Pflock, um mich darein zu hüllen, da ich unmöglich in meinem Taucherkostüm vor Señora Esperanza treten konnte.

In fünf Minuten war das geschehen und ich konnte jetzt zum Hause des Don Castillo gehen und ihm meine Botschaft ausrichten.

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Bien! gleich darauf stand ich vor dem Häuschen. Das Licht war jetzt ausgelöscht, aber ich wußte, wo das Gemach der Dame meines Herzens lag. Es war das einzige auf der ganzen Insel, das ein Fenster von Glas hatte. Ich klopfte mit der Spitze des Messers an die Scheiben.

»Wer ist da?« frug die Stimme des Mädchens.

»Señora Esperanza, ich bitte Sie tausend Mal um Verzeihung, aber ich habe Sie dringend zu sprechen!«

»Señor,« sagte die Dame, »wer seid Ihr?«

»Juan, der Capataz!«

Ich hörte eine Bewegung, wie das Rauschen eines Gewandes, dann erschien ihr in die Mantille gehüllter Kopf an dem Fenster, sie öffnete es und lehnte sich heraus.

»Señor Juan,« sagte sie streng, »es muß etwas sehr Wichtiges sein, das Ihre Dreistigkeit entschuldigt, sonst werde ich Sie auf immer aus meinen Augen verbannen.«

»Señora,« erwiederte ich ehrerbietig, »Sie haben den Sturm und das Gewitter gehört?«

»Ja, und ich habe während desselben zu der heiligen Jungfrau gebetet.«

»Muy bien! Nun während Sie beteten, waren Señor Riccardo und ich auf dem Meere, um nach Espiritu Santo zu kommen!«

»Heilige Madonna? Sennor Riccardo? Aber er war erst diesen Abend hier. Was hat Sie veranlassen können, bei einem solchen Wetter sich den leichten Piroguen anzuvertrauen?«

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»Señora, wir haben weder ein Kanot noch sonst ein Fahrzeug gehabt. Wir sind herüber geschwommen!«

»Heilige Mutter Gottes, welch' ein Wahnsinn! Und Señor Riccardo - wo ist er? Warum hat er sich solcher Gefahr ausgesetzt?«

Sie frug immer nur nach ihm! Mein Blut begann zu kochen.

»Señora,« sagte ich - »ich hatte eine wichtige Nachricht für Ihren Vater. Um Ihnen zu beweisen, daß mir Ihr Wohl über Alles geht, machte ich meinen Nebenbuhler um Ihre Gunst zu meinem Mitwisser, damit, wenn wenigstens Einer von uns diese Insel erreichte, er die Botschaft ausrichten könne. Gott hat gewollt, daß ich es bin!«

»Aber Riccardo - ich beschwöre Sie Señor Juan, was ist aus Ihrem Begleiter geworden?«

»Den Señor Riccardo, Doña, hat die Tintorera gefressen!«

Esperanza schrie laut auf und ich hörte sie zu Boden fallen. Ich sah jetzt ein, welche Dummheit ich begangen, indem ich ein Wesen mit so zarten Nerven durch eine solche Mittheilung erschreckt hatte, und daß ich in Gefahr war, den ganzen Zweck meines Wagnisses zu verlieren. Zum Glück aber hatte ihr Vater ebenfalls den Schrei seiner Tochter gehört und kam im Hemde eilig herbei gelaufen.

Der Empfang, mit dem er mich begrüßte, war eben kein besonders höflicher.

»Ihr verdammter Räuber und Spitzbube,« schrie der Don mich an, »was thut Ihr hier bei Nacht an dem

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Fenster meiner Tochter und erschreckt sie? Ein Bettler wie Ihr ist nicht für mein Kind! Packt Euch zu dem alten Föderalisten, Eurem Vater und laßt Euere schmutzigen Füße nie wieder auf meine Schwelle treten!«

Pardioz, Caballero's, ich hatte große Lust, den alten Schurken seinem Schicksal zu überlassen und davon zu gehen, aber ich dachte an die schwarzen Augen seiner Tochter und daß ich jetzt, nach dem Tode des Engländers, Hahn im Korbe sein mußte, und ich blieb. »Que dito, Señor Don Castillo« rief ich dem Alten zu. »Ihr werdet die Nachbarn mit Eurem Geschrei aufwecken und dann werden sie den Mund nicht halten, wenn die Soldaten kommen, und ihnen erzählen, wohin Ihr geflüchtet seid!«

Der alte Geizhals wurde auf einmal höflich wie ein Ohrwürmchen. »Was reden Sie da von Soldaten umd von Flucht, Señor Racunha?« frug er.

»Cuerpo de tal! Es ist die pure Wahrheit und Sie haben nicht mehr viel Zeit zu verlieren. Der Präsident Arispe hat den Befehl zu Ihrer Verhaftung geschickt und es sind von La Paz Soldaten zu meinem Vater gekommen, um ihn bei Ihrer Festnahme zu unterstützen. Ich bin in dieser verteufelten Nacht über den Kanal geschwommen, blos um Doña Esperanza mitzutheilen, daß morgen früh die Soldaten hier sein werden, aber leider hat sie meine Botschaft so erschreckt, daß sie ohnmächtig geworden ist!«

»Unsinn - diese Weiber haben Nerven wie die Spinnweben! Statt ihren Vater zu warnen, liegt sie hier am Boden. Kommen Sie geschwind herein, Señor

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Racunha, Sie sind ein Ehrenmann und ich küsse Ihnen tausend Mal die Hand. Die Heiligen mögen Ihnen vergelten was Sie an einem armen Verfolgten gethan haben!«

Kurz Señores, der Alte war auf einmal umgewandelt und ganz Schrecken und Honig. Der alte Schelm bekümmerte sich wahrhaftig keinen Cent um seine Tochter und war nur besorgt, sich selbst in Sicherheit zu bringen, und sein Geld und seine Werthsachen bei Seite zu schaffen. Ich mußte sie selbst vom Boden aufheben und auf ihr Lager bringen, wo ich ihre Schläfe mit Mescal wusch.

Es dauerte in der That eine ganze Zeit, ehe sie wieder zu sich kam, und dann stieß sie mich von sich und sah mich mit wildem Blick an.

»Habt Ihr mir nicht gesagt, Riccardo sei ertrunken?«

»Nein, Señora, ich berichtete Euch, daß wir Beide den Gefahren des Meeres getrotzt hätten, um Euch die Botschaft von der Gefahr Eures Vaters zu überbringen, und daß Señor Riccardo das Unglück gehabt hat, eine Beute der Tintorera zu werden, während es mir gelang, das Ungethüm, das mich angriff, zu besiegen!«

»Ihr lügt!«

»Señora,« sagte ich, den nackten Arm aus meinem Mantel hervorstreckend, - »Sie können hier noch die Spuren von den Zähnen des Hay's sehen, als ich ihm die Estaca in den Rachen stieß!«

»Und Sie haben Ihren Gefährten ohne Hilfe, ohne Beistand gelassen? Er versteht sich nicht auf die Anwendung dieser erbärmlichen Waffe.«

»Dennoch hat sie mir das Leben gerettet, Señora« -

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sagte ich gekränkt. »Uebrigens hat Señor Riccardo die Wahl gehabt und er hat nicht die Estaca, sondern dieses Messer gewählt, das ich im Gürtel trage.«

»Wie, Sie haben es dem Unglücklichen verweigert?«

»Nein, Señora, ich habe es aus seiner erstarrten Hand genommen, als ich den letzten Rest, der von ihm übrig geblieben war, seinen Arm, aus den Wellen zog.« Ich bot ihr das Messer hin, aber sie schauderte.

»Ta ta!« schrie der alte Unhold, ihr Vater, der wahrhaftig kein Herz und keine Seele hatte, dazwischen - »es ist schade, daß Don Riccardo todt ist; denn er war ein sehr freigebiger Mann und hatte eine glückliche Hand im Perlenkaufen. Ich hätte Nichts dawider gehabt, wenn Du ihn geheirathet hättest; aber da er todt ist, haben wir Nichts mehr mit ihm zu schaffen. Vamos! pack geschwind Deine besten Sachen zusammen, damit die Spitzbuben, wenn sie kommen, Nichts zu plündern finden, und dann wollen wir berathen, was zu thun ist!«

Die Señora hatte ihre schönen kleinen Hände, wodurch die spanischen Frauen mit Recht so berühmt sind, vor das Gesicht gepreßt und verharrte trotz aller Scheltworte ihres Vaters eine ganze Zeitlang so. Als sie sie endlich entfernte, schien sie den Schrecken meiner Nachricht überwunden zu haben, denn sie war kalt und ruhig und gedachte mit keinem Wort mehr meines todten Nebenbuhlers. Sie redete mich liebreich an und dankte mir für den großen Dienst, den ich ihnen geleistet, und dann half sie ihrem Vater das Nöthigste zusammen packen.

Es folgte eine kurze Berathung hauptsächlich zwischen

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mir und dem Señor Castillo. Er war auf ein solches Ereigniß gefaßt gewesen und erklärte, daß wenn es ihm nur gelänge, das Festland von Californien zu erreichen, er sich leicht werde verbergen oder Schutz finden können. Mit dem Aufseher der Sonora Compañia hatte er, wie ich fand, einen solchen Fall ausführlich verabredet; der Alte sollte sich, wenn wirklich Gefahr drohe, in einer der Höhlen, welche das Meer in den Felsen ausgewaschen, vor der ersten Verfolgung verbergen, bis es Riccardo gelang, ihn selbst oder durch vertraute Indianer nach San José oder dem Festland überzusetzen. Die Höhle war von Riccardo entdeckt und nur ihm, dem Aufseher der Schildkrötenfänger und Don Castillo bekannt.

Im Ganzen änderte sich Nichts an diesem Plan durch den Tod des Engländers; denn ich erklärte mich natürlich bereit, sofort an seine Stelle zu treten. Nur in Betreff Doña Esperanza's mußte eine andere Bestimmung getroffen werden und das war ein Punkt, der mich mit den besten Hoffnungen belebte. Sie konnte unmöglich ihren Vater auf seiner Flucht begleiten, und da Riccardo glücklicher Weise nicht mehr da war, um sie zu beschützen, mußte sich Don Castillo schon darein ergeben, meine Bewerbung anzunehmen. Ich warf mich vor ihr auf die Knie und flehte sie an, meine Liebe endlich zu belohnen und meine Frau zu werden. Ich wollte sie gleich den andern Morgen mit mir nach Cerralbo nehmen und in La Paz mich mit ihr trauen lassen, meinem Vater zum Trotz. Das würde ohnehin seinen Nachforschungen und seinem Haß Einhalt thun, wie ich hoffte, und ich konnte in der

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nächsten oder zweiten Nacht dann unbehindert meinen Schwiegervater in Sicherheit bringen, bis die Verhältnisse sich änderten oder es mir gelungen wäre, meinen Vater von seiner Abneigung zu bekehren.«

Doña Esperanza hörte die Vorschläge ruhig an, sie erwiederte kein Wort, sie ließ es auch ruhig geschehen, daß mein Arm sie umschlang und sie an mein Herz drückte. Nur daß sie gar so bleich war und lautlos, wie eine Träumende Alles that, was ihr Vater befahl, wollte mir nicht sonderlich gefallen. Dazu sahen ihre großen schwarzen Augen manchmal mit so seltsamem, starrem Ausdruck vor sich hin.

So war eine Stunde vergangen und es war Zeit, daß Don Castillo sein Versteck erreichte, ehe der Tag anbrach und die Bevölkerung der Insel zum neuen Tagewerk erwachte.

Esperanza hatte seinen Korb mit Lebensmitteln zusammengepackt, ich nahm ihn, um selbst meinen künftigen Schwiegervater nach seinem Schlupfwinkel zu bringen, damit ich ihn in der zweitfolgenden Nacht desto leichter auffinden könne. Esperanza begleitete uns, bis an die Thür des Hauses.

Unter dieser noch drehte sich der alte Geizhals um und verlangte von ihr, sie solle ihm die Perle geben, die sie an einer Schnur um den Hals trug, da der Schmuck in seinen Händen sicherer aufgehoben sei, als bei ihr, der die Soldaten ihn am Ende entreißen könnten.

Es war noch zu dunkel, um den Ausdruck auf ihrem

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Gesicht sehen zu können, aber ich höre noch den scharfen Ton ihrer Stimme, als sie ihm antwortete: »Niemals!«

Ich zog den Señor Castillo mit mir fort, während seine Tochter in ihr Haus zurückkehrte.

Aber wir hatten noch keine hundert Schritt gemacht, um uns nach der andern Seite der Insel zu begeben, und bogen eben um einen Felsen, als sich eine Hand auf meine Schultern legte.

»Señor Don Racunha,« sagte eine rauhe Stimme, die ich sofort als das Eigenthum des Corporals erkannte, mit dem ich am Abend in meiner Hütte gezecht hatte, »es ist nicht schön von Euch, einen guten Freund so zu betrügen. Aber der Señor Alcalde, Euer Vater, scheint Euch gut zu kennen und zu wissen, daß Ihr den Teufel im Leibe habt. Der Señor da in Eurer Begleitung ist unzweifelhaft der Mann, den wir suchen und der sich Don Castillo nennt?«

Es wäre Wahnsinn gewesen, einen Widerstand oder Flucht zu versuchen. Um uns starrten zehn Bayonnete und der alte Geizhals hatte sich sein Schicksal selbst zuzuschreiben, weil er so lange gezögert hatte, um nur sein Gold und was irgend Werth hatte, mit sich zu schleppen.

Später hörte ich, daß der alte Fuchs, mein Vater, mich hatte zu sich rufen lassen. Als man mich in meiner Hütte nicht fand, hatte er Verdacht geschöpft und die Soldaten in ihrem Boot abgeschickt, sobald nur der Coromuel seine erste Heftigkeit verloren und das Meer sich beruhigt hatte.

Ich fand ihn selbst bereits in dem Hause des Señor Castillo und hatte große Lust, ihm sofort das Messer Riccardo's

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zwischen die dritte und vierte Rippe zu stoßen. Aber er vermied es gescheuter Weise, mit mir sofort zu reden und mich zum Aeußersten zu bringen.

Nachdem die Soldaten Don Castillo um seine Last gründlich erleichtert hatten, sperrte man ihn in eine Kammer und kündigte ihm an, daß man ihn, sobald die Sonne aufgegangen sei, mit nach Cerralbo und von da nach La Paz nehmen werde.

Ich hielt es jetzt an der Zeit, mich meinem Erzeuger selbst vorzustellen und ein Wort mit ihm zu sprechen.

»Señor Don Racunha,« sagte ich ihm höflich, »Ihr sollt tausend Jahre leben, obschon ich die Ehre habe, Euer Sohn zu sein und dann gewaltig lange auf mein Erbe werde warten müssen. Aber beliebt es Euch vielleicht, mir zu sagen, was mit meinem Schwiegervater beabsichtigt wird?«

»Mit Deinem Schwiegervater, Schlingel?«

»Ja, Señor, wenn es Euch gefällig ist. Ich habe das Jawort dieser jungen Dame und da ich sie, ehe vierundzwanzig Stunden um sind, heirathen werde, finde ich, daß Ihr Euren Sohn auf das Schändlichste bestehlt, indem Ihr diesen Schurken von Caballeros, Euren Häschern, erlaubt habt, sich an dem künftigen Erbe meiner Braut zu bereichern.«

»Válgame Dios,« sagte er aufrichtig betrübt, »das ist wahr! Wenn Du denn so ein ungehorsamer Halunke sein willst, diese China ohne meine Erlaubniß zu heirathen, so kann ich Dich nicht daran hindern. Aber ich entsetze Dich Deiner Stelle als Capataz, da Du ohnehin ein

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saumseliger Bursche geworden bist und meine besten Taucher von dieser gottverfluchten Tintorera fressen läßt, und jage Dich als Alcalde von Cerralbo.«

»Ta! ta!« erwiederte ich ruhig - »was die Tintorera betrifft, so schwimmt seit dieser Nacht wenigstens die eine mit aufgesperrtem Rachen im Weltmeer, und wenn Ihr mir die Stelle als Capataz der Compagnie von Guaymas nehmt, so hoffe ich die des Aufsehers der Sonora-Gesellschaft zu bekommen und bin dann, was Ihr seid!«

»Noch nicht, Du Hurensohn einer rothen Mutter,« sagte mein Vater und wollte mir eine gewaltige Ohrfeige geben, aber ich bückte mich geschickt, so daß der Corporal, der neugierig dabei stand, den Schlag empfing, und legte dann die Hand mit einem so bedeutsamen Blick auf den Griff meines Messers, daß mein würdiger Erzeuger wohl merkte, ich würde mich nicht sehr bedenken. Er murmelte darauf, Señor Riccardo werde hoffentlich so gescheut sein, mich nicht aufzunehmen, und hieß mich zum Teufel gehn.

»Señor Riccardo,« antwortete ich höflich, »befindet sich bereits dort und hat mir in jeder Beziehung seine Erbschaft vermacht.«

»Wie, Bube - so hast Du ihn ermordet? Señor Caporal, ich ertheile Euch als Alkalde den Befehl, Euch auch dieses jungen Verbrechers zu bemächtigen und ihn zu seinem Spießgesellen zu stecken!«

»Tente! tente!« sagte ich lachend - verbrennt Euch die Finger nicht, Señor Caporal. Wenn Ihr auf dem Teufelsfelsen in Cerralbo nachsehen wollt, werdet Ihr die

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Kleider des armen Engländers finden, und wenn Ihr hier Euch an's Ufer der Bucht bemüht, den Beweis sehen, daß er nicht so glücklich gewesen ist, wie ich mit der Tintorera, und daß diese ihn aufgefressen hat.«

Der Corporal war ein verständiger Mensch und schien keine besondere Lust zu haben, mit mir anzubinden. Er sagte daher meinem Erzeuger, daß er kein Recht habe, mich festzunehmen, und dieser war so erfreut über die Nachricht von dem Tode eines gefährlichen Rivalen in seinem Geschäft, daß er mich gewiß gern umarmt hätte, wenn ich es nur gewollt.

Merkwürdiger Weise war Señora Esperanza während der ganzen Verhandlung sehr ruhig geblieben und hatte mich nur manchmal mit dem todten, geisterhaften Blick angestarrt, den ich vorhin an ihr bemerkt hatte. Selbst die Gefahr ihres Vaters und der Verlust ihrer confiscirten Habe schienen keinen Eindruck auf sie zu machen und ihre Ruhe nicht zu stören.

Ich bat sie, mich einen Augenblick zu entlassen, da ich zu einigen Freunden auf der Insel gehen und von ihnen Kleider und ein Boot leihen wollte, um sie zugleich mit ihrem Vater hinüber nach Cerralbo und dem Festland zu führen.

Die Sonne war etwa eine Viertelstunde aufgegangen, als ich mit Beidem versehen zurückkehrte. Die ganze Bevölkerung der Insel war bereits auf den Beinen und die Nachricht von der Verhaftung des Don Castillo und dem Tode des Engländers hatte sich mit Blitzesschnelle verbreitet. Ich fand meinen Vater bereits mit seinen

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Soldaten und dem Gefangenen am Strande im Begriff, seine Barke zu besteigen; denn er wußte wohl, daß unter den Schildkrötenfängern von Espiritu Santo Viele sich befanden, die zur Partei Carbajal hielten, weshalb Don Castillo sich auch auf der Insel niedergelassen hatte. Doña Esperanza war gleichfalls am Ufer und saß neben dem verstümmelten Arm des Engländers, um den her ein Kreis von Fischern und andern Leuten sich gebildet hatte.

Carrajo! ich hielt mich nicht lange mit Erzählen auf, um ihre Neugier zu befriedigen, sondern eilte, meine Braut von dem traurigen Anblick zu entfernen und in die Pirogue zu führen. Sie gehorchte ohne Widerstand und ich ergriff die Ruder und stieß ab.

Hermosa cosa! wahrlich Señores, unser gesegnetes Vaterland ist unvergleichlich schöner als irgend ein anderes Land sein kann, und ich habe viele schöne Morgen auf diesen Inseln und an diesen Küsten erlebt, aber eines herrlicheren als dieses erinnere ich mich nicht. Die Luft war von dem Wehen des Coromuel gereinigt und erfrischt und beide Inseln lagen in den ersten über das blaue Meer zitternden Strahlen der Sonne so nahe, als sei der breite Kanal, der sie trennt, nur ein Fluß und ihre Felsenmasse nicht Stein, sondern gediegenes Gold.

Die Wellen zitterten unter meinen Ruderschlägen, ich hatte vor mir das Mädchen, das ich liebte, mit der Gewißheit, sie ehe die Sonne wieder in dies schimmernde Meer tauchte, die meine zu nennen, und ich war der Held des Tages, denn ich hatte die Tintorera besiegt und war im Coromuel über den Kanal geschwommen!

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Es gab in diesem Augenblick keinen glücklicheren und keinen stolzeren Menschen als mich; denn ich kann Ihnen im Vertrauen sagen, das Schicksal meines Schwiegervaters war mir nun, da ich meinen Zweck erreicht hatte, höchst gleichgültig.

Aus dieser Trunkenheit meines Glücks störte mich eine Handbewegung meiner Braut.

»Señor Juan,« sagte sie, »entfernen Sie sich gefälligst etwas mehr von jener Barke und rudern Sie nach der Stelle, wo Sie und - Señor Riccardo in dieser Nacht der Tintorera begegnet sind!«

Ich glaubte, sie wolle mir ein Kompliment über meinen Sieg machen und erfüllte sehr bereitwillig ihren Wunsch.

»Ich muß Sie jedoch darauf aufmerksam machen, theuere Esperanza,« sagte ich, »daß auf dem Meere eine Stelle so ziemlich ist wie die andere, und daß es in dem Dunkel der Nacht und der Aufregung des Kampfes nicht möglich war, ganz genau mir den Ort zu merken. Indeß, wenn mich meine Berechnung nicht ganz täuscht, so muß es hier in der Nähe gewesen sein, denn ich sah das Feuer der Schildkrötenfänger auf Espiritu Santo in dieser Richtung und - Pardiez! da ist auch das sicherste Zeichen, die schwarze Rückenflosse des Fisches, der sich an der Stelle noch umhertreibt!«

»Die Tintorera?« frug sie schaudernd.

»Ja, theure Doña, die Tintorera. Diese verfluchten Ungeheuer haben die Gewohnheit, lange an dem Orte zu weilen, wo sie eine Beute erwischt haben.«

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»Jetzt Señor Don Juan,« fuhr sie fort, »erzählen Sie mir gefälligst die Geschichte dieser Nacht noch einmal, aber ganz genau und der Wahrheit gemäß. Ich beschwöre Sie bei der Madonna und Ihrem Schutzheiligen, nicht ein Wort auszulassen oder daran zu ändern.«

»Esperanza,« sagte ich zärtlich, »warum das Vergangene aufrühren, es würde Sie zu sehr angreifen.«

»Ich will es!«

»Visn! wenn ein Weib einmal etwas will, was ist da zu machen? So fügte ich mich denn und erzählte ihr die ganze Geschichte wortgetreu von einem Ende bis zum andern, da sie ohnehin nicht zu meiner Schande gereichte.

»So haben Sie also das Boot Riccardo's zerschmettert,« sagte sie - »damit er nicht allein nach Espiritu Santo gehe und uns warne?«

»Gewiß, Señora, und es war mein gutes Recht, da die Nachricht mein Eigenthum war. Er hat dies auch als verständiger Mann und Caballero anerkannt!«

»Und Sie sagen, daß er noch im Augenblick, als der Hay ihn zerriß, meiner gedacht und meinen Namen gerufen hat?«

»Ja, Señora, es war sein letzter Laut!«

Sie hatte sich in dem Kahn erhoben und sah über die Fläche des Meeres hin. Ihre Mantille war herab gefallen, ihre schlanke süße Gestalt hob sich wunderbar von dem Gold der Sonne und des Meeres ab, während sie die dunklen, langen Zöpfe, nach hinten strich.

»Und wo, Señor Juan, ist die Tintorera, von der Sie eben sprachen?«

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»Der Henker hole sie! dort ist der schwarze Streif ihrer Flossen - die Bestie folgt unserm Kiel, als habe sie noch nicht genug an dem einen Opfer! Aber ich schwöre bei San Jago, meinem Schutzheiligen, daß ich ihr das Handwerk mit einer tüchtigen Harpune legen will, sobald unsere Hochzeit vorüber ist und ich Don Castillo befreit habe!«

»Señor Juan,« sagte sie fast feierlich - »Sie lieben mich also?«

»Valga me Dios! Können Sie noch daran zweifeln?«

»Nein! aber da Sie wissen, was Liebe ist, werden Sie mich desto leichter begreifen!«

»Wie meinen Sie das?« frug ich beklommen.

»Ich meine, daß ich Sie nicht heirathen kann, weil ich bereits die Gattin eines Andern bin!«

Ich ließ erstaunt die Ruder sinken. »Válame! es beliebt Ihnen zu scherzen und mich zu necken!«

»Ich habe nie ernster gesprochen in meinem Leben, Señor Juan, ich schwöre es Ihnen bei der Madonna! der Mann, der mit Ihnen sich in das Meer stürzte, um mir die Botschaft von der Gefahr meines Vaters zu bringen, war der, den ich liebte, und vor Gott mein Gatte!«

Ich war wie vom Donner gerührt. Ich wollte meinen Ohren nicht trauen, deren Zeugniß all' meine Luftschlösser und meine Einbildungen über den Haufen warf. »Aber Señor Riccardo ist todt,« stammelte ich endlich. »Die Heiligen selbst haben entschieden zwischen uns Beiden und ich bin sein Erbe in Ihrem Herzen. Meine grenzenlose

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Liebe wird Sie erweichen Señora, und Sie werden ihn vergessen und in meinem Arm glücklich sein!«

»Nein, Señor Juan,« sagte sie fest - »ich wünsche Ihnen alles Glück im Leben, aber das Weib gehört zu ihrem Gatten. Sehen Sie dorthin, Juan - Ihr Vater winkt Ihnen!«

Ich war so thöricht, mich täuschen zu lassen und nach der Barke hin zu sehen.

In demselben Augenblick hörte ich einen Fall in das Wasser, das hoch aufschlug - ich drehte mich um - die Pirogue war leer, Esperanza hatte sich in das Meer gestürzt.

Ich war einen Augenblick wie eine Steinsäule, dann warf ich mit einer blitzschnellen Bewegung Jacke und Schuhe von mir und stürzte mich ihr nach in die Wellen.

Aber schneller als ich war die Tintorera gewesen. Als ich den Kopf voran in das Wasser sprang, quoll es roth herauf wie ein dunkler Strom aus dem flüssigen Gold und Lazur und eine Blutwoge schlug warm an mein Gesicht.

Was weiter in der Tiefe vorgegangen ist, vermag ich Ihnen nicht zu erzählen, Caballeros.

Ich weiß nur noch, daß ich dicht vor mir die gläsernen Augen der Tintorera und zwischen ihren neu geöffneten Zahnreihen die Fetzen von den Kleidern meiner Geliebten sah. Dann muß ein schrecklicher Kampf unten in der Tiefe des Meeres vorgegangen sein; denn als die rasch herbeieilende Barke meines Vaters herankam und die Soldaten mich beim Emportauchen aus den Wellen zogen, war

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meine linke Schulter zerfleischt und ich bewußtlos. Aber in meiner rechten Faust hielt ich das Messer des Engländers fest umklammert und zwei Tage darauf fanden die Fischer von Cerralbo den todten Körper der Tintorera, den weißen, durch lange Schnitte zerfleischten Bauch nach oben an die Felsenküste der Insel getrieben.

Die Nachricht weckte mich aus dem heftigen Wundfieber, das mich erfaßt hatte. Ich ließ den Körper der Tintorera vor meine Hütte schaffen und kroch von meinem Lager zu ihm hin. Trotz meiner Schwäche duldete ich nicht, daß ein Anderer ihn berührt oder gar geöffnet hätte.

Was ich in dem Innern der Tintorera unter den schrecklichen Ueberresten gefunden habe und an mich nahm, haben Sie vorhin gesehen, es ist die Perle Riccardo's und Esperanza's!

Es dauerte zwei Monate, ehe ich durch die Kräuter und die anderen einfachen, aber sichern Heilmittel meiner indianischen Verwandten wieder hergestellt war. Mein Vater hatte das Amt des Capataz einstweilen einem Andern übertragen, und als ich genesen war, schickte er zu mir und ließ Namens der Compagnie die Perle von mir fordern, weil ich sie auf ihrem Fischerei-Gebiet gefunden hatte und zwar in Erfüllung meines Amtes als Capataz, indem ich den gefährlichen Feind der Buzos bekämpft hätte. Ich hieß den Boten und ihn selbst zum Teufel gehn und fuhr noch in derselben Nacht mit den Boten der Vaquis hinüber auf's Festland, von wo ich nach San Francisco ging. Ich habe seitdem weder ihn noch Cerralbo wieder gesehen, aber

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ich habe meinen Eid gehalten, mich niemals, so lange ich lebe, von der Perle der armen Esperanza zu trennen.« - -



Der Erzähler schwieg; - er hatte schon lange die Guitarre auf den Boden sinken lassen, mit deren Akkorden er zu Anfang seiner Erzählung von Zeit zu Zeit die Schilderungen seiner Liebe und seiner Eifersucht begleitet hatte.

Auch die Zuhörer im Kreise umher schwiegen bis auf das spöttische Lachen, das der alte Pirat bei dem Eindruck, den die Erzählung sichtlich gemacht, hören ließ.

»Corbious!« sagte endlich der Mayordomo, indem er nach seinem Grogkbecher griff, - »ich muß gestehen, das arme Frauenzimmer thut mir herzlich leid. Allen Respect vor Euch, Monsieur Juan, ich habe bisher nicht gewußt, was für ein muthiger Bursche Ihr seid und werde dem General ein Wort davon seiner Zeit in's Ohr setzen. Aber um nicht auf etwas Anderes zu kommen und es über Nacht zu vergessen, - denn es ist Zeit, daß wir unsere Cojen und Hangmatten suchen, - was ist denn aus Eurem würdigen Schwiegervater geworden und wie hat er sich den Verlust seiner Tochter zu Herzen genommen?«

»O Dios! Señor Don Bonifazio, was soll aus ihm geworden sein? Er hat nicht viel Zeit gehabt, sich um sie zu grämen, obschon ihm sein Geld mehr am Herzen zu

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liegen schien als seine Tochter, denn man hat ihn am Tage darauf in San Paz erschossen!«

»Erschossen?«

»Ja, Señor. Er war ein Bruder des Generals Carboyal und hatte mit diesem stets heimliche Verbindung unterhalten. Sie müssen wissen, daß man in unserm Lande nicht viele unnütze Umstände mit einem Rebellen macht!«

»Das mag sein, Señor, aber es kommt darauf an, was Sie einen Rebellen zu nennen belieben! Ich habe mir sagen lassen, daß in Mexiko die Regierung häufig etwas schnell wechselt!«

»Que dito! Sie mögen Recht haben, Señor! Aber wer kann es ändern und ich würde es Jedem sehr verdenken, der sich nicht seiner Feinde entledigte, wenn er die Macht dazu hat. Ich war selbst einmal in Cinaloa nahe daran, Oberst zu werden, wenn nicht gar General. Die Politik ist ein etwas blutiges Handwerk und man darf nicht engherzig dabei sein!«

Der Mayordomo dachte an die Executionen auf dem Marsfeld und unterdrückte seine weitern Bemerkungen. Das laute Gähnen des würdigen Capataz bewies, daß ihm die Erinnerung an das schreckliche Ende seiner Geliebten nicht die Süßigkeiten des Schlafs rauben würde und die ganze Gesellschaft verzog sich in ihre Schlafstätten unter dem Deck oder sorgte wenigstens dafür, sich mit einem Stück Seegel zu schützen, denn die Wirkung des Mondes auf die frei auf dem Deck liegenden Schläfer ist in diesen Breiten oft sehr gefährlich.



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Am andern Morgen nach Sonnenaufgang hatten die beiden Schiffe die Felseninseln, von denen der Perlenfischer am Abend vorher seine seltsame und abenteuerliche Geschichte erzählt hatte, unter ihrem Lee und gar manches Auge suchte nach den Plätzen und Stellen, von denen Juan Racunha gesprochen hatte. Im Licht der Sonne, bei dem frischen günstigen Winde, der von dem Eingang des Golfs her strich, bot die Scene freilich ein ganz anderes Bild und man konnte kaum glauben, daß sie die Stätte eines so schrecklichen Vorgangs gewesen war.

Wie der Capataz gesagt, waren die beiden Inseln jetzt unbewohnt und leer - nur ein oder zwei Hütten sah man auf jeder derselben und der in die frische Morgenluft aufsteigende Rauch bewies, daß Menschen - wahrscheinlich eine arme Fischerfamilie - dort lebten.

Der Capataz selbst war, ganz gegen seine sonstige lebendige und sorglose Natur, ernst und abgeschlossen, und der Einzige, mit dem er sprach, der Schiffer. Ihr Gespräch schien sich auch nur um die Inseln, seinen früheren Aufenthaltsort, zu drehen; denn wiederholt deutete der junge Abenteurer nach einer oder der anderen. So lange sie in Sicht waren, blieb er an der Leeseite trotz der Sonnenstrahlen und schaute, die Beine über das Bollwerk hängend und sich an einem der Taue haltend, nach ihnen hinüber.

Der Mayordomo war bereits am Vormittag durch ein Signal des Grafen nach dem Schooner gerufen worden und als er Nachmittags zurückkehrte, sandte er mit dem Boot, das ihn brachte, den Kreuzträger hinüber, da der Graf diesem einige Fragen über das Innere des Landes vorzulegen

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wünschte, in das sie sich nun bald vertiefen sollten. Da der Kanadier an Bord des Schooners blieb, fehlte er am Abend in dem Kreise, der sich nach dem Sinken der Sonne wie gewöhnlich in der Nähe des Steuers gebildet hatte, und in dem der Avignote den Vorsitz führte.

»Corbious! sagte dieser, als er die Cigarette aus dem Munde nahm und sich mit einem tüchtigen Schluck Grogk erfrischte - »Monsieur Kreuzträger scheint die Nacht auf dem »Salvador« zuzubringen und ich rechnete sicher für heute Abend auf die Erzählung seiner Geschichte mit den Apachen, die er uns zum Besten geben wollte. Für was zum Henker hätte ich sonst den schwarzen Kerl dort eine doppelte Portion Rum heraufbringen lassen? Allons Messieurs, ich hoffe, daß Einer oder der Andere uns dafür entschädigen wird. Caballeros, wie Sie, müssen so Manches erlebt haben, und ich gestehe, daß die Geschichte von dem Hayfisch, wie er das Liebespaar aufgefressen hat, mir ein ganz eigenthümliches Gruseln und von ihr träumen gemacht hat. Ich bin lange nicht so vergnügt aufgewacht, als da ich fand, daß ich nicht zwischen den Kiefern einer Tintorera, oder wie das Viehzeug heißt, steckte!«

»Haben Sie bemerkt, Señor Don Bonifazio, daß seltsamer Weise zwei Hayfische heute fortwährend der »Santa Magdalena« gefolgt sind?« frug der Padrone.

»Die Matrosen zeigten mir die Flossen der Bestien, als ich zurückkam. Ich war froh, als ich wieder die Beine auf dem Verdeck hatte, denn ich meinte immer, sie würden nach mir schnappen!«

»Zwei Hayfische!« mischte sich plötzlich eine höhnische

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Stimme ein. »Das ist Nichts! Ich habe ihrer wohl vierzig um ein Schiff schwimmen sehen und alle vierzig tummelten sich vor Vergnügen wie die Meerschweine über das frische Fleisch, das sie bekamen.«

Es war der Pirat gewesen, der gesprochen. Er hatte sich wieder in die Nähe des Kreises gesetzt, und schien heute besserer Laune als sonst, denn sein finsteres, häßliches Gesicht überzog ein spöttisches Lächeln.

Wahrscheinlich hatte er eine tüchtige Portion Rum zu sich genommen und dies ihn gesprächiger als sonst gemacht.

»Gott verdamm mich,« fuhr er höhnisch fort - »der Bursche da hat gestern so viel Aufhebens gemacht von einem Frauenzimmer, das die Hayfische gefressen haben! Wenn Ihr ein tüchtiges Glas Grogk spendiren wollt, Mayordomus oder wie zum Henker man Euch sonst nennt, will ich Euch eine Geschichte erzählen, wo die See um das Schiff so roth von Weiberblut wurde, daß sie einem Trog glich, in dem man ein Mutterschwein mit einem Halbdutzend Ferkel abgestochen hat!«

»Wart Ihr selbst dabei?« frug der Capataz.

»Ich fuhr auf dem Schiff, auf dem's geschah! Der Teufel hole meine Augen, aber wir hatten einen Kapitain, der etwas lustig war und seinen Leuten auch ein Vergnügen gönnte. Es war ein Hauptspaß, wie die Geschöpfe eins nach dem andern im Wasser zappelten!«

»So erzählt - Ihr sollt den Grogk haben,« sagte der Avignote ziemlich finster. »Aber merkt Euch Eins dabei, so wie Ihr wieder ein schlimmes Wort nach Eurer

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meuterischen Gewohnheit gegen den General einfließen laßt, schlag' ich Euch mit der Handspeiche dort zu Boden!«

Der Pirat warf ihm einen bösen tückischen Blick zu. »Unbesorgt, Herr Franzose,« sagte er hämisch. »Unser vortrefflicher Anführer hat mich von aller Lust, ihm oder Euch zu mißfallen, gründlich kurirt, und da mein Arm bald wieder ganz in Ordnung ist und ich an dem Golde der seeligen Ynkas mein Theil kriegen soll, bin ich sein ganz gehorsamster Diener. Auf die gute Gesundheit Seiner Excellenz und daß ihm nichts Uebles geschehe!«

Er hob seinen Zinnbecher, aber er mußte ihn leeren, ohne daß Jemand mit ihm anstieß, denn alle Andern thaten es zwar bei dem Toast, aber nur unter sich.

Der Pirat ließ sein böses Auge über die ganze Gesellschaft laufen, dann begann er seine Geschichte.

Wir lassen sie hier folgen, nicht in seinen eigenen Worten und abgebrochenen Mittheilungen, sondern wie sie sich aus spätern anderen Berichten zusammen stellte.

Der Missionair.

Es war in den Vierziger Jahren, als der Preußische Missions-Verein in China und Siam durch den bekannten Missionair Gützlaff vertreten war. Er residirte in China, zumeist in Macao und sandte von dort die Missionarien an ihre einzelnen Stationen.

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Im Jahre 1847 kam mit Unterstützung des wahrhaft religiösen Monarchen von Preußen, des Königs Friedrich Wilhelm IV. der Missionair Wilhelm Ronecamp, ein Westphale von Geburt, nach Indien und China, um der katholischen Propaganda gegenüber den protestantischen Glauben verbreiten zu helfen.

Seine Gattin und seine Tochter begleiteten ihn. Die Ueberfahrt der Familie erfolgte auf einer englischen Fregatte, die nach den indischen Gewässern bestimmt war, um gegen die damals wieder überhand nehmenden Seeräubereien der Malayen zu kreuzen.

Der zweite Lieutenant an Bord der »Waterloo« war Master Henry Norford, ein junger Mann aus guter Familie und von der besten wissenschaftlichen Erziehung. Er verliebte sich während der Ueberfahrt sterblich in die Tochter des Ehepaars, Maria mit Namen, und als sie Calkutta[Calcutta] erreicht hatten, von wo die Familie des Missionairs mit anderer Gelegenheit weiter gehen sollte, hielt er um die Hand der Tochter bei dem Ehepaar an.

Norford war ein junger Mann von den besten Aussichten und dem besten Ruf in seinem Dienst, denn er hatte sich bereits bei verschiedenen Gelegenheiten als ein Offizier von großen Kenntnissen, Entschlossenheit und einem durch Nichts einzuschüchternden Muth bewährt. Dennoch glaubte Herr Ronecamp ihm die Hand seiner Tochter versagen zu müssen, denn er hatte bemerkt, daß Henry eine sehr hitzige und leidenschaftliche Gemüthsart besaß, und da Maria dem Stande der Eltern gemäß sehr still und bescheiden erzogen war, fürchtete er, daß sie bei einer so weiten, vielleicht

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lebenslänglichen Trennung von den Eltern nicht selbstständig genug sein würde, um dem Charakter ihres Mannes gegenüber ihr häusliches Glück sichern zu können. Ueberdies war es sein Lieblingswunsch, sein einziges Kind solle einen Mann seines Standes heirathen, der mit ihm gemeinsam an dem großen und erhabenen Werke der Verbreitung des Christenthums arbeite.

Maria, damals siebenzehn Jahr alt, war viel zu fromm erzogen, um einen Widerspruch zu äußern, obschon ihr junges Herz sich den Bewerbungen eines so liebenswürdigen und wackern jungen Mannes nicht hatte verschließen können. So erhielt denn Lieutenant Norford eine höfliche aber bestimmte Ablehnung unter Angabe der Gründe, und die Wirkung, die sie auf seinen ungestümen und leidenschaftlichen Charakter hervorbrachte, bewies dem Missionair auf's Neue, daß er recht gehandelt in seiner Entscheidung.

Henry Norford tobte, bat, drohte, und als der Geistliche festblieb und ihm erklärte, daß er nur mit einem Mann seines Standes und seiner Lebensgewohnheiten das Glück seiner Tochter gesichert halte, schwor er hoch und theuer, daß er sie dennoch besitzen und ihr überall hin folgen werde.

Die Familie Ronecamp sollte ein halbes Jahr in Calcutta bleiben, um sich von den Strapatzen der Reise zu erholen, sich an das Klima zu gewöhnen und mit der orientalischen Lebensweise vertraut zu machen. So war denn der junge Seeoffizier gewiß, sie bei seiner Rückkehr wiederzufinden, als der Admiral der Station seine Fregatte

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bald nach ihrer Ankunft auf eine Kreuzfahrt in den indischen Archipel aussandte.

Die »Waterloo« kehrte nach zwei Monaten zurück, nachdem sie eine Anzahl Malayen-Dschonken und andere Piratenschiffe versenkt und verbrannt hatte, und Henry Norford betrat das Ufer mit der sehnsüchtigsten Liebe und den freudigsten Erwartungen; denn er war durch den Tod des Ersten Lieutenants der Fregatte an der Cholera indeß an seine Stelle gerückt und der Dienst in Indien versprach ihm bald eine weitere Beförderung.

Wie ein Donnerschlag traf ihn daher die Nachricht, daß acht Tage vorher der Missionair mit seiner Familie in einem Chinafahrer nach Canton abgesegelt sei.

Seine Leidenschaft, seine Aufregung waren so groß, daß er in ein hitziges Fieber verfiel, an dem er mehrere Wochen im Hospital mit dem Tode rang. Endlich siegte seine kräftige Natur und er genas, bedurfte aber einer langen Zeit und der größten Ruhe zur Wiederherstellung seiner Kräfte.

Als er endlich das Hospital verließ, war eine seltsame Umwandlung mit ihm vorgegangen. Der sonst so heitere kühne Seemann war ernst und schwermüthig geworden und unterdrückte mit einer ungewöhnlichen moralischen Willensstärke jede Aufwallung seines früheren leidenschaftlichen Charakters. Schon vom Krankenbette aus hatte er sein Gesuch um Entlassung aus seinem Dienst und der Flotte eingereicht, und nachdem er vollständig genesen war und sein Gehalt und sein kleines Vermögen aus der Heimath eingezogen hatte, verschwand er aus der Gesellschaft

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was so leicht in einem Lande ist, wo jährlich Tausende von Leben verloren gehen, ohne daß man weiß, wie? oder ohne daß man sich im Geringsten darum kümmert.

Zwei Jahre nachher erschien plötzlich in Shanghai, dessen Hafen durch den englischen Krieg von 1842 und die Verträge mit Amerika vom 3. Juli 1844 und mit Frankreich vom 25. August 1845 dem Handel und der europäischen Kultur geöffnet ist, ein Mann, noch jung an Jahren, denn er mochte etwa dreißig oder einunddreißig zählen, aber ernst und still, ein englischer Missionair, der sich dem schweren Liebeswerk geweiht hatte, und meldete sich bei dem Vorstand der Station, dem ehrwürdigen Master Ronecamp.

Es war Henry Norford, der ehemalige Fregatten-Lieutenant.

Man kann sich das Erstaunen der Familie denken.

Norford erklärte offen die Beweggründe seines Handelns. Die schwere Krankheit, die er in Folge der Abreise seiner Geliebten überstanden, hatte ihn zu einem großen Entschluß gebracht. Er hatte selbst eingesehen, daß er mit dem Ungestüm seines Charakters und bei dem Stande, dem er sich gewidmet, das Wesen, das er leidenschaftlich liebte, nicht glücklich machen würde, und der Wünsche des Vaters eingedenk, hatte er sich entschlossen, alle Aussichten und Ehren seiner kriegerischen Laufbahn daran zu geben und ein Missionair zu werden, um als solcher um die Hand Maria's zu werben. Er hatte mit Eifer sich auf die theologischen und sonstigen Studien geworfen, die für seinen künftigen Beruf nöthig waren, und von der ostindischen

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Missionsgesellschaft den Auftrag erlangt, sich der Station Shanghai und auf der Insel Tschu-san anzuschließen, um von hier aus in das Innere der Provinz Kiang-Su einzudringen.

Er wollte um Maria werben, wie Jakob um Rahel und erklärte sich dem ältern Missionair gegenüber zu jeder Prüfungszeit bereit. Eine solche Aufopferung, eine solche Festigkeit rührte auch das Herz des Deutschen und er setzte diese Zeit auf zwei Jahre fest, nach welchen Henry Norford die Hand von Maria Ronecamp erhalten sollte.

Aber ehe diese Zeit verstrichen war, traten Verhältnisse ein, welche die Zukunft des Paares änderten.

Der ehemalige Offizier war mit China und den dortigen Verhältnissen nicht unbekannt; denn er hatte als Midshipman unter Admiral Elliot, Commodore Bremer und Admiral Parker jenen Krieg gegen China von 1840 bis 1842 mitgemacht, in welchem die Schlauheit der Minister des himmlischen Reiches der Mitte so lange und so wiederholt die englische Macht narrte und alle ihre Erfolge zu Nichte machte, bis die Gewalt der Waffen endlich den Vertrag vom 26. August erzwang, welcher China der freien Einführung des englischen Opiumgiftes und des Christenthums - letzteres wenigstens als Nebenartikel für die Küstenprovinzen - öffnete.

Dadurch war Norford schon damals etwas mit der chinesischen Sprache und den Sitten des Landes bekannt geworden, was ihm jetzt von großem Vortheil wurde. Es war ungefähr anderthalb Jahr nach seinem Eintreffen,

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als sich ein Ereigniß zutrug, das für die Familie von der traurigsten Bedeutung werden sollte.

Sie bewohnte ein kleines, halb europäisch, halb nach Landesgebrauch eingerichtetes Häuschen vor einem der Thore von Shanghai in der Nähe der englischen Faktorei. An einem Abend erschreckte ein immer mehr anwachsender Lärmen die Familie - es war an den Kaufläden der Chinesen zwischen Matrosen eines amerikanischen Schiffes, das draußen auf der Rhede lag, und den Eingebornen zu Zank gekommen, der von Seiten des Anführers der Seeleute damit endete, daß er einem Mann sein Messer in den Leib stieß und einen zweiten zu Boden schlug.

Der Getödtete war ein wohlhabender Kaufmann und, wie der Missionair später erfuhr, in seinem vollen Recht gewesen, denn der Amerikaner hatte auf offener Straße im trunkenen Uebermuth auf das Brutalste, seine Frau angefaßt und sie beleidigt. Der Mord endete die sonst ziemlich große Geduld oder vielmehr Feigheit der Chinesen, und ihrer großen Ueberzahl sich bewußt, fielen sie über die Beleidiger her, die außer dem Mörder, der einer der Steuerleute des Schiffs sein sollte, aus noch drei Matrosen bestanden.

Alle vier, waren wohl bewaffnet und ihr Anführer ein Mann von herkulischem Bau und großer Kraft. Sie wehrten sich wie die Löwen und das Leben von zwei der Matrosen, die im wahren Sinne des Wortes, als sie zu Boden sanken, von den wüthenden Asiaten in Stücke zerrissen wurden, wurde mit der dreifachen Zahl von Gegnern erkauft. Dem Steuermann und seinem noch übrig gebliebenen

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Gefährten gelang es endlich, aus mehreren Wunden blutend, sich bis an die Mauer der Mission zurückzuziehen. Hier aber fand er von dem Schreck der Diener die Thür verschlossen und die erbitterte Menge umkreiste mit wildem Jubel jetzt ihre sichere Beute.

An das verschlossene Thor gelehnt stand Hawthorn, so nannte sich der Steuermann später, die Zähne fest auf einander gebissen, die Augen roth unterlaufen, während ihm aus einer Kopfwunde das Blut in dunklem Strom über sein von Wuth und Schmerz entstelltes Gesicht rann. Seine rechte Faust hielt den Griff eines langen Bowiemessers, während die linke mit dem nutzlosen Pistol herab hing, das er längst gegen seine Gegner abgeschossen hatte Sein Gefährte war ein malayischer Matrose in seiner leichten malerischen, aber jetzt mit Blut besudelten Kleidung, und hatte bis jetzt außer einigen Beulen noch keine Verletzung davon getragen. Er war ein Mann von großer schlanker Gestalt und wie er so dastand, seinen Gefährten oder Gebieter vertheidigend, glich er einer schönen Bronce-Figur, der plötzlich Feuer und Leben eingehaucht ist. Er hatte sich den weißen Turban abgerissen und den dicken Musselin um den linken Arm geschlungen, mit dem er schon mehr als einen Stich und Hieb abgewehrt hatte.

Es schien ein Augenblick kurzer Ruhe in dem ungleichen Kampf eingetreten, denn die wüthende Menge bildete einen Halbkreis um ihre beiden Opfer und ihr gellendes Zetergescheei hatte einen Moment aufgehört, während man das Läuten des Glöckchens vernahm, das an einem Gerüst auf dem Dach der Missionsstation hing und von

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den angsterfüllten Frauen und Dienern derselben in Bewegung gesetzt worden war, um Hilfe von der Faktorei herbei zu rufen.

Gleich darauf hörte man einen entfernten Trommelwirbel.

Die Chinesen kannten, was derselbe zu bedeuten hatte; sie wußten sehr gut, daß sie den englischen Bayonneten nicht widerstehen wurden. Aber es befanden sich, unter dem mit jedem Augenblick sich mehrenden Volkshaufen viele Taipings, das heißt: Abkömmlinge der tartarischen Stämme, und diesen fehlt es keineswegs an Muth, wie die Engländer schon mehrfach auf ihre Kosten erfahren haben.

Ein wüthendes Zetergeschrei erhob sich aus dem Haufen. Die Taiping-Soldaten drängten sich in die vorderen Reihen und zwei Luntenflinten langten über die Köpfe der Menge und richteten ihre weiten Mündungen auf die Bedrängten.

»Fluch über diese feigen Hunde von Europäern, die nicht wagen, ihre Schlupfwinkel zu öffnen,« stöhnte Hawthorn. »Die Kanaille wird uns in Stücke reißen wie Steffens und den Spanier. Aber wir wollen unser Leben wenigstens theuer verkaufen, Mahadrö, mein Junge!«

»Massa, nicht sterben,« sagte der Malaye, seinen Krys schwingend, »so lange Mahadrö einen Odem in seinem Leibe hat. Feige Langzöpfe fürchten das Messer!«

»Zum Teufel, so laß ein Mal Deiner Tollwuth freien Lauf! Ein Dutzend von den Jungens unseres Schiffes, und ich wollte sie in die Stadt zurückjagen, daß Jeder seine Glieder in den Straßenwinkeln suchen müßte!

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Vorwärts, da kommen die Schurken und mögen Jene, die hier wohnen, verflucht sein bis in die unterste Hölle!«

Die tobende Volksmenge stürzte sich wie eine brüllende Woge gegen die Zwei. Balken und Spieße, Steine, Säbel, Haus- und Ladengeräthe, Alles war gegen sie erhoben, um Rache zu üben für den schändlichen Mord.

Der tapfere Malaye sprang mit dem Satz eines Panthers vor den Mann, den er seinen Herrn genannt, und während er den linken Arm zum Schutz gegen die Hiebe und Stöße vorhielt, tauchte der gewundene Stahl seines gefährlichen Dolches drei Mal in die andringende Menge und kehrte jedes Mal blutig bis zum Heft zurück.

Hawthorn hat einen schweren Hieb mit seinem Bowiemesser gethan, der den kahlen Schädel eines Chinesen spaltete, aber ein Schlag mit einer Stange auf den Arm machte ihn die Waffe loslassen und ein zweiter Hieb warf ihn auf die Knie. Ein ganzer Haufe stürzte sich auf ihn, aber trotz seiner Wunden und des Blutverlustes faßte er mit jeder Faust einen der Angreifer und stieß sie so heftig mit den Köpfen gegen einander, daß beide betäubt zurückfielen.

Doch selbst seine herkulische Kraft nützte ihm Nichts gegen die gewaltige Uebermacht. Im nächsten Augenblick ward er zu Boden geworfen und zehn Säbel und Messer blitzten über dem vergeblich ringenden Körper. -

Mahadrö hatte kaum die Gefahr seines Gebieters gesehen, als er von seinem eigenen Kampf abließ und sich wie ein Tiger auf die Bedränger des Europäers stürzte, sie von ihm zurückstieß und sich über den am Boden Liegenden

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warf und mit seinem unbeschützten Körper die Schläge und Stöße auffing. Ein jauchzendes Geschrei der Asiaten verkündete, daß sie die Sieger geworden und nun ihrem Rachedurst freien Lauf lassen konnten.

In diesem Augenblick öffnete sich plötzlich das Thor der Mission und ein einzelner Mann mit einem Mädchen stand den Wüthenden gegenüber und vor der schrecklichen Mordscene.

Es war der Missionair Ronecamp mit seiner Tochter.

Keiner der Diener der Mission hatte gewagt, das Paar bei ihrem muthigen Werk der Nächstenliebe zu begleiten, alle hielten sich entfernt und in den Gebäuden versteckt, seine Gattin lag zitternd in ihrem Gemach auf den Knieen und betete.

Der alte Geistliche trug das dunkle Gewand seines Standes, sein weißes Silberhaar hing unbedeckt um sein wirklich ehrwürdiges Gesicht, während das Mädchen mit dem reichen schönen Blondhaar wie die Erscheinung eines Gngels, die Hände bittend gefaltet, an seiner Schulter lehnte.

Der Eindruck, den der Anblick und die muthige Handlung auf die tobende Menge übte, war augenblicklich. Das Geschrei hörte auf, die erhobenen Waffen sanken nieder und unwillkürlich wich der Halbkreis einige Schritte zurück und ließ in seiner Mitte die beiden blutenden Opfer, den Malayen und seinen Herrn zurück.

»Freunde,« sagte der Missionair milde in chinesischer Sprache - »warum wollt Ihr diese Männer tödten? ich

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bitte Euch, gebt dem Erbarmen Gehör, und wenn sie Euch beleidigt oder gegen das Gesetz verstoßen haben, so übergebt sie ihrer Obrigkeit!«

»Sie haben Kiang-thin, den Seidenhändler, ermordet, weil er sein Weib vertheidigt! Sie müssen sterben!« schrie eine Stimme aus der Menge.

»Ist das wahr, Freund?« sagte der Missionair zu dem Seemann.

»Zum Henker mit Euren albernen Fragen!« brüllte Hawthorn - »laßt mich in die Thür, die Ihr längst hättet öffnen sollen, und dann laßt sie kommen die Hunde!«

»Tödtet ihn! laßt ihn nicht entkommen den Mörder!«

Wiederum hob der Missionair die Hand und noch ein Mal schwieg der Lärmen.

»Ihr wißt Freunde,« sagte er, »daß die Gerichtsbarkeit über die Europäer nicht Euch zusteht, sondern ihren Consuln. Ihr steht hier auf englischem Grund und Boden und diese Männer müssen ihrer zuständigen Behörde überliefert werden. Bedenkt, was Ihr thut und welche Folgen für Euch daraus entstehen würden!«

»Er hat in unserer Stadt gemordet! - Hört Ihr die Trommeln der rothen Barbaren?« schrieen einige wilde Stimmen. »Auf sie! sonst wird man sie entfliehen lassen!«

Aber Hawthorn hatte die Gelegenheit bereits benutzt, sich auf ein Knie zu erheben. Mit einer letzten Kraftanstrengung sprang er empor und mit einem Satz hinter dem Missionair weg durch die geöffnete Thür in den Hof, indem er dieselbe hinter sich zuschlug und verriegelte.

Ein Wuthgebrüll der Menge erhob sich, als sie auf

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diese Weise den Hauptschuldigen ihrer Rache wenigstens für den Augenblick entkommen sah. Ihre Waffen erhoben sich drohend über dem Missionair.

Während dieser in die Zeit weniger Augenblicke sich drängenden Wendung war die Tochter des Geistlichen unbekümmert um das Geschrei und die Drohungen der erbitterten Asiaten bis zu der Stelle vorgeschritten, wo der Malaye, der so treu seinen Herrn vertheidigt hatte, lag.

Sie kniete neben dem vom Blut aus zehn Wunden überströmten Körper nieder, hob seinen Kopf auf ihren Schooß und versuchte den aus der gefährlichsten Verletzung am Haupt quellenden Lebensstrom zu stillen. Der Verwundete öffnete die Augen und sein Blick traf auf die schönen, reinen Züge des Mädchens noch mit einem so grimmigen, tigerhaften Ausdruck, daß dieses erbebte. Aber sogleich hatte sie sich gefaßt und indem sie mit ihrem Taschentuch das Blut von seiner Stirn wischte und es ihm dann umwand, sah sie im Kreise umher, der sich um sie gebildet, als suche sie ein bekanntes Gesicht, das sie um Beistand anrufen könne.

So groß die Erbitterung der Chinesen gegen die rohen Matrosen auch war, so wagten sie doch nicht, dem Missionair oder seiner Tochter etwas zu Leide zu thun. Beide standen in Shanghai selbst unter den Eingeborenen in der größten Achtung, denn während die Bemühungen des Missionairs bereits zum Groll der chinesischen Beamten eine nicht unbedeutende christliche Gemeinde gebildet hatten, war es Maria Ronecamp gelungen, selbst unter den Feinden ihres Glaubens durch zahlreiche Wohlthaten an die Armen,

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durch aufopfernde Pflege von Kranken und die kleine Schule von Kindern, die sie mit großer Mühe gebildet hatte, sich viele Freunde unter dem Volke zu erwerben und dies um so mehr, als die wenigen europäischen Frauen, welche nach diesen fernen Ländern kommen und mit ihren Gatten oder Verwandten in den Faktoreien wohnen, gegen die Eingeborenen sich sehr abgeschlossen und hochmüthig zu benehmen pflegen.

Während daher ein Theil der Menge gegen die Mauern und die Thür der Mission anstürmte und nach Herausgabe des Mörders schrie, bildete ein anderer schützende Kreise um den Missionair und seine Tochter.

Der grimme, wilde Ausdruck, mit welcher das gelbe, blutdürstige Auge des Malayen auf die Jungfrau starrte dauerte nur einen Moment, dann - als ob er eine der Houris seines Paradieses gesehen, die ihm den Oelzweig des Propheten bringe - wurde es sanft und schloß sich wie in einem glücklichen Traum.

Maria Ronecamp hatte bereits ihre Ruhe wieder erlangt und ihr menschenfreundliches muthiges Herz zeigte sich in seiner vollen Güte. Sie sah nochmals umher, ob sie nicht ein Mitglied der Gemeinde in dem Kreise, der sie umgab, fände, und als ihr dies gelungen, wandte sie sich an den Mann.

»Sigan-Sing, mein Freund,« sagte sie vertrauend, »wenn Du mir vergelten willst, daß ich neulich Deine Frau gepflegt und ihren Arm geheilt habe, so hilf mir mit Deinen Nachbarn diesen Mann in die Mission tragen!«

»Aber Himmelsblüthe,« - dies war der Name, den die Chinesen dem jungen Mädchen gegeben - »er hat,

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indem er sich wehrte, zwei unserer Männer erstochen. Du siehst, er hält noch den blutigen Krys in seiner Hand!«

»Es ist ein großes Unglück,« erwiderte das Mädchen - »aber Du selbst sagst, daß er es in Vertheidigung seines eigenen Lebens gethan hat. Das Gericht mag zwischen Euch blutdürstigen Männern entscheiden. Aber jetzt steht er unter meinem Schutz und ich bitte Dich, ihn nach unserm Hause zu schaffen, damit ich auch nach Deinen verwundeten Freunden sehen kann!«

Die Macht, welche die ruhige Milde der Jungfrau auf die erregten Gemüther ausübte, war in der That so groß, daß außer dem Angesprochenen sich noch zwei andere Männer entschlossen, den jetzt leblosen Körper des Malayen aufzuheben. Sie wurden daran um so weniger von ihren Gefährten gehindert, als in diesem Augenblick die Trommel eines im Geschwindschritt herbeikommenden Pikets englischer Soldaten aus der nahen Faktorei schon in größter Nähe an ihre Ohren schlug.

Der den Chinesen bei den häufigen Streitigkeiten wohlbekannte energische Kommandoruf: »Gewehr an! fällt das Gewehr!« räumte im Nu den Platz vor der Mission. Die Menge stob aus einander und flüchtete nach der Gränze der Chinesenstadt zurück; selbst die Männer, welche gehorsam der Bitte des Mädchens den blutigen Körper des Malayen aufgehoben hatten, ließen denselben wieder fallen, und nur die beiden in dem Handgemeng schwer von dem Krys des Malayen Verwundeten nebst einem mit seinen Polizeidienern herbeikommenden Mandarin blieben auf dem Platz zurück.

Die Streitigkeiten zwischen den Europäern, namentlich den rohen, aus allen Nationen zusammengesetzten Mannschaften der im Hafen von Shanghai ankernden Schiffe und den chinesischen Händlern und Lastträgern sind wie gesagt so häufig und enden so selten ohne Blutvergießen, daß auch diesem Vorgang wenig Bedeutung beigelegt wurde. Der englische Offizier erklärte dem Polizei-Mandarin einfach, daß, wenn noch einmal ein Angriff des Pöbels auf die Mission selbst stattfinden sollte, der brittische Consul mit Unterstützung des nächsten Kriegsschiffes schwere Rechenschaft fordern würde, und als er hörte, daß Hawthorn zu dem Schooner »die Seeschwalbe« gehörte, der unter amerikanischer Flagge im Hafen lag, überließ er es dem Beamten, seine Klage in der amerikanischen Faktorei anzubringen, und entfernte sich, ohne den Mörder weiter festzunehmen.

Der Mandarin wußte sehr wohl, daß die Klage wenig helfen würde. Er bedauerte in seinem Innern daher nur, daß es Jenem gelungen, sich der wohlverdienten Vergeltung zu entziehen und ließ von seinen, mit langen Bambusstöcken versehenen Häschern die Verwundeten, die Maria so gut als möglich verbunden hatte, sehr rücksichtslos nach der Chinesenstadt zurück transportiren.

Das Menschenleben hat in China ziemlich geringen Werth und die Art und Weise, wie die europäischen Faktoreien ihre durch den abgezwungenen Frieden errungenen Rechte in den fünf Küsten-Niederlassungen ausüben, ist sehr rücksichtslos oder vielmehr offen tyrannisch.

Während kurz diese Verhandlungen gepflogen wurden, hatten der Missionair und seine Tochter den bewußtlosen

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Körper des Malayen durch ihre Diener in die Mission tragen und in eines der Krankengemächer bringen lassen, da die Mission zugleich als Krankenhaus benutzt wird. Der Missionair selbst besaß nicht unbedeutende Kenntnisse in der Heilkunde, und von ihm hatte seine Tochter dieselben überkommen. Bis zur Ankunft des Arztes der Ansiedelung genügte Beider Hilfe daher vollkommen, und Maria hatte die Freude, ihren Geretteten bald wieder Zeichen des Lebens geben und zum Bewußtsein zurückkehren zu sehen.

Ein Blick des Dankes aus seinen glühenden Augen traf die liebliche Gestalt des Mädchens.

Aber nicht der dankbare Malaye allein ließ auf ihr seine Blicke ruhen.

Hawthorn, um den - nachdem ihn der englische Offizier bedeutet, daß er seiner Wege gehen könne und bei dem amerikanischen Consulat die Klage der Chinesen über den begangenen Mord abwarten müsse, - sich schon wegen seines niederträchtigen Benehmens gegen seinen Gefährten Niemand gekümmert hatte, war den Dienern gefolgt, welche den verwundeten Malayen nach dem Krankenzimmer brachten.

Die Arme über einander geschlagen, an die Wand des Gemachs gelehnt und die eigenen Verletzungen nicht achtend, sah er in mürrischem Schweigen den Bemühungen des Missionairs und seiner Tochter um den Leidenden zu, bis der Arzt der Kolonie erschien und die Wunden näher untersuchte.

Sein finsteres, unheimliches Auge war dabei mit immer leidenschaftlicherem Ausdruck mehr auf die Bewegungen

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der Jungfrau, als auf seinen Genossen gerichtet gewesen.

Erst als der Doktor den letzten Verband beendet hatte, ließ er das erste Wort hören, indem er sich an diesen wandte.

»Nun, Doktor, wie ist's? Muß der dumme Tropf zur Hölle fahren oder nicht?«

Der Arzt sah ihn unwillig an. »Mit Gottes und dieser braven Menschen Hilfe,« sagte er, »hoffe ich das Leben dieses Mannes zu erhalten, obschon er schwer genug verwundet ist. Ich habe mir übrigens sagen lassen, daß er gerade in der Aufopferung für Sie diese Wunden erhielt!«

»Bah! Das war seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit - ich bin sein Herr und er ist nichts als einer der malayischen Schurken, wie sie schockweise in den indischen Gewässern zu haben sind. Aber denkt Ihr, Meister Pflasterkasten, daß ich ihn an Bord seines Schiffes bringen lassen kann?«

»Ich muß mich dem widersetzen, - es würde sein Tod sein.«

»Nun gut, so mag er bleiben, wo er ist. Ohnehin ist er dort am Besten aufgehoben. Aber wie lange, zum Teufel, wird die Geschichte dauern?«

»Unter vier Wochen ist die Herstellung auch nur einigermaßen nicht möglich!«

»Höll' und Verdammniß! So lange kann das Schiff nicht in diesem Nest liegen bleiben. Der Bursche ist zwar sehr brauchbar, aber doch immer nur ein Malaye. Wißt Ihr

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was, Doktor, Gold thut Alles in der Welt, es wird wohl auch Euren Arzeneien auf die Beine helfen. In diesem Beutel sind zwanzig goldne Mohurs, da, nehmt und schafft mir Mahadrö in drei Tagen gesund!«

Er warf dem Arzte brüsk den seidenen Beutel zu.

»Es geht nicht, Sir, wenn ich auch mein Bestes thue. Unter acht Tagen ist der Mann nicht zu transportiren!«

»Dann mag ihn der Teufel holen, ich kann so lange nicht warten! - Hört, frommer Herr, nehmt Euch des Burschen Etwas an, es ist ja Euer Handwerk und ich will's gut bezahlen; für das Begräbniß der beiden Andern brauch' ich glücklicher Weise nicht zu sorgen, die Hunde haben sie ja zerfetzt, daß kein Stück an ihnen ganz geblieben ist. Mögen sie sie behalten, ich will bei erster Gelegenheit diesen kahlköpfigen geschlitzten Schurken einen Tanz aufspielen, der ihnen den heutigen Tag gedenken machen soll! Morgen komm ich wieder, um noch einmal, eh' ich segle, nach dem Burschen zu sehen!«

Ohne auch nur dem muthigen Einschreiten des Missionairs, das ihm doch offenbar das Leben gerettet, ein Wort des Dankes zu widmen, ging der Seemann davon zur großen Erleichterung der Bewohner der Mission, die sich wohl hüteten, den wüsten Menschen zum Wiederkommen einzuladen.

Aber Hawthorn kam nicht nur am nächstfolgenden Tage, sondern auch am zweiten und dritten wieder und seine Besuche dehnten sich weit länger aus, als nöthig gewesen wäre. Dazu wählte er immer verschiedene Zeiten, um Maria, die dem armen Malayen eine besondere

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Pflege widmete, am Lager des Kranken zu überraschen und ihr einige plumpe Galanterieen zu bezeigen, obgleich das Mädchen, welche der wilde Charakter des Seemanns und seine Person auf's Höchste abstieß, stets eine Gelegenheit fand, sich so bald als möglich zu entfernen. Die frechen, lüsternen Blicke des Dänen, denn aus dieser Nation stammte der Steuermann des »Satan«, widerten ihren reinen Sinn an und trieben die Röthe auf ihre Wangen, obschon derselbe jetzt für gut fand, sein Fluchen möglichst zu unterdrücken und sich in der Mission weniger wild und roh zu benehmen.

Endlich am fünften Tage, nachdem am Tage vorher bei dem erneuten Besuch des Seefahrers Maria Ronecamp gänzlich unsichtbar geblieben war und ihr Vater auf die Frage nach ihr ihn kurz bedeutet hatte, daß sie für einige Zeit von der Mission abwesend sei, hörte die Familie des Missionairs zu ihrer großen Befriedigung, daß der Schooner, welcher den Namen »Seeschwalbe« trug, Anker gelichtet hatte und in See gegangen war.

Was man über das Schiff vernahm, war ohnehin nicht sehr geeignet, seinen Charakter zu empfehlen. Es galt als zum Opiumhandel dienend und seine Papiere schienen in bester Ordnung zu sein, wenigstens hatte der amerikanische Consul der Benutzung der Flagge seiner Nation Nichts in den Weg gelegt. Aber ein Gerücht wollte wissen, und die Eingebornen behaupteten es geradezu, daß der Schooner noch eine weit verwerflichere Bestimmung hätte, als die Unterstützung jener humanen und moralischen Politik des Krämer-Kabinets von St. James, welche mit Kanonen und

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Bayonneten ein großes Land zwang, sich gegen seine Gesetze das Opiumgift importiren zu lassen.

Mit dem Absegeln der »Seeschwalbe« verloren sich übrigens die Gerüchte und die Besorgniß vor seiner Mannschaft, und Maria kehrte wieder zu ihrem Werk christlicher Liebe zurück, der Pflege des verwundeten Malayen, dessen Heilung jedoch längere Zeit erforderte, als der Arzt angegeben hatte.

Während derselben war Norford abwesend in einem Auftrag der Missionsgesellschaft auf einer andern Station, und als er endlich zurückkehrte, ungefähr zur selben Zeit, als der Malaye wieder sein Lager verlassen konnte, trat ein Unglück ein, das die Familie aufs Härteste traf und alle ihre Lebenspläne veränderte.

Die Cholera war in den Küstenstädten ausgebrochen und forderte zahlreiche Opfer auch in Shanghai. Eines derselben war der würdige Greis, der Vater Marias. Frau und Tochter widmeten ihm die liebevollste Pflege, aber Gott hatte anders bestimmt und schon nach 48 Stunden erlag der Missionair, stark und vertrauend in seinem Glauben, den Angriffen der Krankheit und verschied.

Bei dieser Gelegenheit, in diesen Tagen des Leidens und Kummers, legte Mahadrö, der wilde Malaye, wahrhaft rührende Beweise seines Dankes und seiner Zuneigung für seine Retterin an den Tag. Er folgte wie ein Hund ihren Schritten, und als der Missionair gestorben war, und er die tiefe Trauer der Tochter sah, verhüllte er sein Gesicht mit den Falten seines Turbans und nahm drei Tage weder Speise noch Trank zu sich.

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Es war am letzten derselben, dem Tage nach dem Begräbniß des Missionairs, als Maria Ronecamp allein in einem der Zimmer des Missionshauses, das Haupt in die Hand gestützt, in trübem Nachdenken auf dem Divan von Bambusrohr lehnte und an ihre Zukunft dachte. In diesem Augenblick hörte sie die Tritte eines Mannes hinter sich und in der Meinung, es sei ihr Verlobter Norford, streckte sie ohne aufzuschauen, ihm die Hand entgegen.

Aber sie fühlte dieselbe in rauher, ungewohnter Weise, gefaßt und gepreßt, und als sie empor sah, begegnete sie den leidenschaftlichen frechen Blicken des Steuermann Hawthorn.

»Gott verdamm meine Augen, schöne Dame,« sagte der Dreiste, »aber man muß Euch ja suchen wie ein verlorenes Boot in der Böö! Es ist gut, daß ich Euch hier allein finde mein Schätzchen, denn ich habe Euch Allerlei zu sagen.«

Das junge Mädchen hatte sich rasch erhoben und ihre Hand frei gemacht. »Was unterfangen Sie sich, Sir?« frug sie stolz - »wie kommen Sie in mein Zimmer?«

»Alle Teufel, auf meinen zwei Beinen, denk' ich,« lachte der Unhold, »da ich doch schwerlich auf den Planken der »Seeschwalbe« durch diese enge Thüren einsegeln kann. Aber ich würde lieber ein Dutzend Bursche zum Frühstück peitschen lassen, bis ihnen das Blut in die Schuhe läuft, als daß ich Euch erschrecken wollte, Täubchen. Ich habe gehört, daß der alte Griesgram, Euer Vater, gestorben ist, der ein so hübsches Mädel hier immer hinter Schloß und Riegel hielt, statt sie ein lustiges Leben kosten zu lassen. Viel Geld und Geldeswerth wird er gerade auch nicht

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zurückgelassen haben und da mir's Eure verwünschten blauen Augen bis zum Närrischwerden angethan, mache ich Euch den Vorschlag, mit mir zu gehen und die Herrin zu spielen in der Kajüte der »Seeschwalbe« und über die Vier Dutzend Galgenvögel, die seine Mannschaft bilden!«

»Sir ...«

»Zum Henker, wenn Ihr's nicht anders wollt und das einer freien amour vorzieht, will ich mich vor dem Konsul mit Euch zusammenspleißen lassen, da meine früheren Weiber wohl längst der Teufel geholt hat. Aber mein müßt Ihr werden, das hat Niels Hawthorn beim Kreuz von Dänemark geschworen, und wenn er das gethan, dann setzt er seinen Willen durch und ob Alles zu Grunde gehen sollte. Also sperrt Euch nicht lange und sagt Eure Bedingungen. Ich verspreche Euch, Ihr sollt es besser haben, als die reichste Fürstin von Indien.«

»Verlassen Sie augenblicklich dies Zimmer, oder ich rufe um Hilfe,« rief das geängstete Mädchen.

»Hoho - also Du willst nicht gutwillig, mein kleines hübsches Mövchen,« lachte der Seemann. »Nun wohl, wenn Du nicht meine Frau werden willst, mußt Du doch meine Geliebte werden, und ich will schon Mittel finden, Dich meinem Willen fügsam zu machen. Ich will Dir bis morgen Zeit zum Ueberlegen geben, die Weiber spreizen sich alle zu Anfang etwas, und das da wird vielleicht helfen, Dich etwas eher kirre zu machen.« Damit warf er ein zusammengeknüpftes Seidentuch auf den Tisch, aus dem goldene Spangen, Ketten und andere Kostbarkeiten des weiblichen Schmucks herausrollten.

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»Unverschämter - gehen Sie - oder ...«

»Nicht so - Herzchen! Einen tüchtigen Schmatz muß ich haben als Pfand auf unsern Handel!«

Und hinter ihr drein eilend umfaßte er sie und preßte sie an sich in wilder Begierde.

Maria Ronecamp schrie laut auf. »Hilfe, Henry! zu Hilfe!« Die zwei Thüren, welche in das Gemach führten öffneten sich fast in gleichem Augenblick.

Durch die eme stürzte der Malaye herein - in der anderen erschien Henry Norford, der Missionair, der frühere Erste Lieutenant der Fregatte »Waterloo«.

Unwillkürlich fuhr Mahadrö einen Schritt zurück, als er seinen Herrn erkannte, in dessen Armen das Mädchen sich wand. Wer diesen kurzen Vorgang beobachtet haben würde, hätte sehen können, daß ein furchtbarer Kampf seines Innern, der Kampf zwischen dem gewohnten Gehorsam und seiner Dankbarkeit, den Körper des Malayen erschütterte und erbeben ließ.

Dieselbe Erregung, nur ohne Kampf, fand bei dem ehemaligen See-Offizier statt. In demselben Moment, als er seine Verlobte, das theuerste Wesen, das er auf der Welt hatte, in den Fäusten des brutalen Wüstlings sich winden sah, waren all' die seit zwei Jahren von ihm gefaßten und streng beobachteten Vorsätze der christlichen Ruhe und Geduld verschwunden, und er stürzte in das Zimmer, die Faust erhoben, als schwinge sie noch den Säbel an der Spitze seiner Enterer bei dem Angriff auf ein feindliches Verdeck.

»Schurke, was thut Ihr da?«

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Der Däne wandte sich wild gegen ihn. »Oho! ein junges Pfäfflein! weht der Wind aus dem Kompaßstrich?«

»Laßt augenblicklich die Dame los, oder bei Gott ...«

»Nun?«

Die Faust des ehemaligen See-Offiziers fiel so kräftig auf seine Stirn nieder, daß der Unhold unwillkürlich die Jungfrau aus seinem Arme ließ und an die Wand taumelte.

Das Mädchen wäre zu Boden gefallen, wenn nicht der Malaye seine gütige Pflegerin aufgefangen hätte.

Der Steuermann stieß einen teuflischen dänischen Fluch aus, während er sich emporraffte, dann griff er nach dem Messer in seinem Gürtel und wollte sich auf den unbewaffneten Gegner stürzen.

Henry Norford war zwar an Körperkräften seinem Gegner keineswegs gewachsen, aber er besaß sicher mehr ruhigen Muth und bewußte kühne Entschlossenheit. Er hatte einen der leichten Bambussessel ergriffen und schwang ihn gegen seinen Feind, während seine Verlobte mit ihrem Hilferuf das Haus erfüllte. Dennoch wäre er wahrscheinlich verloren gewesen, wenn sich nicht Mahadrö zwischen ihn und seinen blutgierigen Gebieter geworfen hätte.

»O Sahib, was thust Du? Sie haben gerettet des armen Malayen Leben und das Deine! Er ist ein heiliger Derwisch der Christen!«

»Zum Teufel mit Deinem Leben, Du Hund! möge es hundertmal verloren gehen! Er hat mich geschlagen und muß sterben!«

»Hinaus mit Dir, Schurke, hinaus!«

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Der muthige Offizier ging selbst auf den Mörder los, aber bereits hatte der Hilferuf seiner Verlobten von allen Seiten Diener des Hauses, darunter mehrere kräftige Europäer, herbeigeführt, die sich um ihn drängten.

Der wilde Seemann sah ein, daß er den Kürzeren ziehen müsse und daß - selbst wenn es ihm gelänge, augenblicklich seine Rache zu befriedigen, - der Mord eines europäischen Missionairs nicht dasselbe sei, wie der eines hilflosen Chinesen, und ihm sicher den Strick gebracht hätte. Da er ohnehin mehr brutal und grausam, als von wahrem Muthe beseelt war, stieß er sein Messer in die Scheide zurück und begnügte sich, die Faust drohend gegen Norford zu schütteln.

Dieser hatte sich unterdeß wieder so gut als möglich gefaßt, und begann, sich der für seinen neuen Stand unpassenden Hingabe an die alte leidenschaftliche Hitze zu schämen. Doch kochte noch immer sein Blut wegen der seiner Braut angethanen Beleidigung.

»Werft das betrunkene Thier augenblicklich aus dem Hause,« befahl er, »und wenn der Mensch sich je wieder in der Mission blicken läßt, tragt Sorge, daß ihm seine gebührende Behandlung werde.«

Die Diener machten in der That Miene, den Befehl des Missionairs zu erfüllen, aber Hawthorn sah sie mit einem so wilden Blick an und legte aufs Neue die Hand an den Griff seines Messers, daß sie zögerten.

»Wer mich anrührt, den[dem] dreh' ich die Klinge in den Eingeweiden um,« drohte der Wilde. »Wir sehen uns wieder Bursche, und dann soll Der schwarze Rock Deine

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Feigheit nicht schützen! Ihr aber, Dirne, wißt, was ich gesagt, und was Niels Hawthorn beim Kreuz von Dänemark geschworen, das hält er!«

»Hinaus!«

Der Steuermann schritt, noch immer die Hand am Messer, nach dem Ausgang, wohin ihm die Diener unwillkürlich Platz machten, als sein tückischer Blick auf den Malayen fiel.

»Hierher, Mahadrö!«

»Sahib - Sie waren so gut gegen mich!«

»Zu mir, Sclave! oder ich lasse Dir den Rücken mit Rhinocerospeitschen zerfleischen! Du bist mein Eigenthum und folgst augenblicklich!«

Der Malaye, den in der That der Däne von einem wilden Völkerstamm auf Borneo als Gefangenen eingehandelt, also als Sclaven betrachten konnte, warf einen verzweiflungsvollen Blick auf seine bisherigen Hausgenossen, aber er erkannte an der finsteren Stirn des Missionairs und an dem Schluchzen des erschrockenen Mädchens, das angstvoll an die Schulter seines Verlobten sich schmiegte, daß sie ihm nicht helfen konnten, wenn Hawthorn ihn zurück forderte.

Mit einem Stöhnen des tiefsten Seelenschmerzes warf sich der Halbwilde vor dem Mädchen nieder und preßte ihr Gewand an seinen Mund. Dann sprang er empor, kreuzte die Arme über seine Brust und verließ mit gesenktem Haupt hinter seinem scheltenden Gebieter die Mission.

Auf den Befehl Norfords, den das zitternde Mädchen durch einen stummen Wink auf die zurückgelassenen

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Kostbarkeiten aufmerksam machte, beeilten sich die Diener, diese Mahadrö und ihrem Besitzer nachzutragen. -

Wochen waren seitdem vergangen, ohne daß man etwas von dem Schooner und seiner Mannschaft in Shanghai gehört hätte, denn auch bei dem eben erzählten Vorgang hatte das verdächtige Schiff nicht im Hafen selbst geankert, sondern war, wie man später erfuhr, an einer der kleinen Tschin-san-Inseln liegen geblieben.

Maria hegte nach ihren Erfahrungen von der Wildheit des Charakters Hawthorn's und seinen schlimmen Begierden anfangs wohl Besorgniß für die Sicherheit ihres Verlobten und hielt ihn nach Kräften ab, allein außerhalb der Mission zu verweilen. Henry Norford aber verwies ihr diese Furcht und sein natürlicher Muth ließ ihn an eine etwaige Rache des wilden Seemannes nur mit Verachtung denken.

So wurde allmälig die Sache vergessen, obschon es Maria Ronecamp bedünken wollte, wenn sie von einem oder zweien Dienern der Mission begleitet, ihre Gänge christlicher Liebe weiter über das Gebiet der Faktorei ausdehnte und die chinesischen Stadttheile besuchte, als würde sie häufig von Personen beobachtet, die ihrem Wege nachfolgten, ja selbst ein oder zwei Mal meinte sie unter der Menge versteckt die Gestalt und das Gesicht Mahadrö's wieder zu erkennen.

Da er aber nie sich ihr näherte, glaubte sie leicht, sich getäuscht zu haben, um so mehr, als bei den scharf ausgeprägten gleichen Typen der asiatischen Racen ein

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europäisches Auge die einzelnen Physiognomieen schwerer zu unterscheiden lernt.

Ueberdies nahmen wichtigere und ernstere Sachen ihre Gedanken in Anspruch.

Von der Haupt-Mission war in Folge des Todes des würdigen Ronecamp auf die Station ein anderer Missionair ernannt worden und Henry Norford erhielt die Anweisung, sich nach der britischen Niederlassung Sarawak auf Borneo zu begeben und eine Anzahl chinesischer Familien dahin zu begleiten, welche den im Innern des Landes, wo er früher verweilt hatte, fortdauernden Verfolgungen für die Annahme des christlichen Glaubens ausgesetzt geblieben, ohne daß die Consulate an der Küste sie genügend schützen konnten, und die deshalb vorzogen, wie alljährlich viele Tausende ihrer Landsleute, theils des Handels, theils anderer Ursachen wegen, nach den Inseln des indischen Archipels auszuwandern.

Der Missionair wünschte dringend, vorher seine eheliche Verbindung mit Maria Ronecamp zu vollziehen, aber theils wollten Tochter und Mutter die Trauerzeit um den Tod des Vaters nicht so rasch abkürzen, theils fehlten an der Probezeit, die der alte Ronecamp dem neuen Missionair ausdrücklich bestimmt hatte, ehe er in seine Verbindung mit Maria willigen wollte, noch drei volle Monate und Frau Ronecamp hing mit einem gewissen Eigensinn an den Bestimmungen ihres Mannes, um so seinen Willen noch im Grabe zu ehren.

So wurde denn, da zur Zeit kein geeignetes englisches Kauffahrerschiff in Shanghai bereit lag, die kleine

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Kolonie nach jenen Gegenden zu bringen, die Chinesen bei solchen Fahrten überhaupt auch lieber sich ihren langsamen und ungeschickten, aber durch Jahrhunderte gewohnten eigenen Fahrzeugen anvertrauen, auf der andern Seite aber die Jahreszeit des gefürchtsten Typhons, jenes eigenthümlichen und heftigen Orkans der indischen Meere nahte, beschlossen, eine große chinesische Dschonke zu miethen, und auf ihr die nicht ungefährliche Ueberfahrt zu, machen.

Die Dschonke hieß »Juen-schang« oder »der fliegende Schwan«, hatte aber mit Ausnahme des breiten Bordes und des hohen halsartigen Schiffsschnabels herzlich wenig Aehnlichkeit mit dem stolzen Vogel, denn sie kroch über Wasser, statt zu fliegen, und vergeblich mühte sich Norford ab, dem Schiffer und seinen nacktbeinigen Matrosen eine geschicktere Anwendung der Segel und der Vertheilung des Gleichgewichtes beizubringen. Dschures oder Dschonken sind überhaupt keine Fahrzeuge, die für's Schnellsegeln oder um den stürmischen Wogen des Meeres Trotz zu bieten gebaut sind, die vielmehr noch aus der Kindheit der Schiffsbaukunst stammen. Die größeren Dschonken sind von etwa 200 Last, haben zwei Mastbäume und eben so viele Segel, die sich beim Aufziehen wie Fächer in eine Reihe Falten zusammen legen. Eine große Menge Balken von leichtem Holz, nachlässig bearbeitet und zusammengefügt, bilden ihr Material. Die Rippen und Streben sind gewissermaßen nur an die Balken angehängt, so daß ein Schuß aus grobem Geschütz das ganze Fahrzeug gefährdet. Ihr Hauptbestandtheil aber ist der Bambus, von dem die

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Verdecke, die Kajüten, die Schanze, kurz fast Alles, gefertigt ist. Unförmlich in ihrem Aussehen und in ihren Bewegungen, werden sie doch nicht blos zu Küstenfahrten, sondern häufig zu Reisen durch den ganzen indischen Ocean benutzt und man begreift eben kaum, wie es ihnen möglich wird, diese zu bestehen, wenn es eben nicht die große Leichtigkeit des ganzen Baues thut.

Eben so plump, wie ihre Schiffe, so unwissend sind die chinesischen Schiffer selbst in der Schifffahrtskunde, oder hängen vielmehr mit jenem, diesem Volke so eigenthümlichen Eigensinn, fest an den früheren geringen Kenntnissen und Gebräuchen. Obschon daher Norford eigentlich der Schiffsherr war, indem er das ganze Fahrzeug für den Transport seiner Kolonie gemiethet, so war es doch aller seiner Mühe, ja selbst seinen Befehlen nicht möglich, den Schiffer und seine Matrosen aus ihrem alten Schlendrian herauszubringen und sie von seinen besseren nautischen Kennwissen profitiren zu machen.

Schon nach den ersten Tagen mußte er verdrießlich diesen Kampf aufgeben und sich darauf beschränken, für die Bequemlichkeit seiner Braut und deren Mutter nach Kräften zu sorgen.

Es befanden sich außer dem Missionair und den beiden Frauen vierunddreißig chinesische Familien auf der Dschonke und der Schiffer hatte nach gewohnter betrügerischer Weise sich noch erlaubt, eine Menge blinder Passagiere für seinen Geldbeutel zur Ueberfahrt einzuschmuggeln, so daß auf dem Schiffe mit Ausschluß der Mannschaft hundertundvierzig

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Personen waren, darunter an hundert Frauen und Kinder von jedem Alter.

Von dem Gedränge auf einer solchen Dschonke kann sich nur der einen Begriff machen, der eine solche als Transportfahrzeug je gesehen hat. Das Verdeck wimmelt und krümelt von Weibern und Kindern, die auf ihren Fersen umherhocken, die schmutzigen Opiumpfeifen rauchen, oder ihren Reis bereiten, während die Männer selbst auf diesem engen Raum ihren listigen Schacher und Tauschhandel zu treiben suchen, oder mit allerlei Arbeiten beschäftigt sind. Guirlanden von Zwiebeln und Früchten aller Art hängen zwischen den Masten und Böten, deren eine solche Dschonke höchstens zwei besitzt, Kisten und Ballen machen die Gangwege enge und thürmen sich oft bis zur halben Höhe der niedern Masten empor, während die angestrichenen hölzernen Kanonen wie Kinderspielzeug ihre falschen Oeffnungen aus den Luken strecken und noch nie einen der kecken Feinde, welche diese Meere durchschwärmen, zurückgeschreckt haben.

Die Familie Ronecamp hatte ihr Quartier in der Campanje oder großen Hütte, die in übermäßiger Höhe mit buntgemalten Jalousieen und Fenstern das Hinterdeck einnimmt.

Es war am fünften Tage der Ausfahrt von Shanghai. Ein ziemlich heftiger Südwest hatte die Dschonke weit hinaus in's chinesische Meer geblasen, weiter, als die Schiffe sich sonst von der Küste zu entfernen pflegen, und als der Missionair mit seinen Instrumenten am Mittag die Sonnenhöhe aufnahm, fand er, daß sie sich etwa auf der Höhe

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der Tschufan-Inseln im Osten und etwa hundert Seemeilen von der Küste an ihrem Steuerbord befanden.

Schon seit dem Morgen hatten sie ein Fahrzeug bemerkt, das mit ihnen gleichen Cours verfolgte, aber sorgfältig zwischen ihnen und der Küste sich hielt. Obschon in diesen Meeren der Verkehr sehr groß ist, geht man doch gern unbekannten Schiffen aus dem Wege, denn die malaiischen Seeräuber schweifen bis hier hinauf, während von der chinesischen Küste selbst zahlreiche Corsaren auf leichten Fahrzeugen nach irgend einer faßbaren Beute ausschwärmen und die größte Energie der englischen und französischen Stationsschiffe diesem Unwesen nicht zu steuern vermag.

Im Laufe des Vormittags war das fremde Fahrzeug näher herauf gekommen und Norford, der es mehrfach beobachtet hatte, konnte den Passagieren die erfreuliche Mittheilung machen, daß es keineswegs eine jener gefährlichen Proas, sondern nach seiner Takelage wahrscheinlich ein schnell seegelnder europäischer Schooner war.

Jetzt, nachdem er die Beobachtung der Sonnenhöhe gemacht, griff er auf's Neue nach dem Fernrohr und wandte es gegen das fremde Schiff, das sich jetzt bedeutend genähert und offenbar nun gerade auf den »fliegenden Schwan« abhielt.

Der chinesische Schiffer und seine Verlobte standen neben ihm, und beide bemerkten nicht ohne Besorgniß, daß während der langen Beobachtung sein Gesicht immer ernster wurde.

»Singh Padre,« sagte der dicke Chinese

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endlich, indem er bald nach seinen Fächersegeln, bald nach dem fremden Fahrzeug hin schielte - »ich möchte Eure Heiligkeit fragen, was Sie aus dem Schiffe dort machen?«

»Sieh selbst, würdiger Hoan-Tsin,« sagte der Missionair, dem alten Chinesen das Glas reichend.

Dieser sah gleichfalls lange durch und sein gelbbraunes, faltiges Gesicht wurde aschgrau bis an die Wurzel des langen Zopfs.

»Heiliger Confucius,« murmelte er - »das ist der Schooner, der vor sechs Monden im Hafen von Shanghai ankerte, und dem man sehr schlimme Dinge nachsagte!«

Maria Ronecamp hatte dem Gespräch der Männer aufmerksam zugehört. »Welches Schiff meinst Du?«

»Es hieß die »Seeschwalbe«, mag wohl aber auch noch andere Namen führen, wie das Volk munkelte.«

»Um Himmelswillen - dann ist jener Hawthorn der Steuermann auf ihm und wir sind verloren.«

Der Missionair faltete streng die Stirn. »Es ist eine unangenehme Begegnung,« sagte er, »aber nicht so schlimm als Du fürchtest. So viel ich gehört habe, war jenes Fahrzeug ein Schmugglerschiff oder dient zum Opiumhandel. Sie werden es nicht wagen, friedliche Reisende zu belästigen, oder sie müßten die strenge Bestrafung der englischen Regierung fürchten.«

Der Chinese zuckte die Achseln. »Unsere Mutter Victoria ist weit,« meinte er, »und diese Schmuggler machen sich wenig aus den Gesehen. Ich will noch das Staatsseegel aufziehen lassen, dann wird der fliegende Schwan ihnen hoffentlich den Weg abgewinnen.«

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Der ehemalige Seeoffizier winkte ungeduldig. »Glaubst Du denn mit dieser Schnecke von Fahrzeug, das nicht den Namen eines Schiffes verdient, jenem schnell seegelnden und trefflich gebauten Schiff auch nur eine Stunde lang entkommen zu können? Das Einzige, was wir thun können ist, ruhig unsern Cours fortzusetzen und die britische Flagge aufzuhissen, unter deren Schutz wir segeln. Laß das sogleich thun Hoan-Tsin und ich glaube, daß er es nicht wagen wird, sie zu mißachten!«

Der kleine wohlbeleibte Chinese lief eilig nach vorn, wo die Schiffsleute und Passagiere sich drängten und gleichfalls nach dem Fremden schauten, und befahl, die auf allen Meeren des Erdballs wohlbekannte Flagge an beiden Masten aufzuziehen.

Es geschah mit vielem Geschrei, ohne welches das chinesische Schiffsvolk nicht den kleinsten Dienst verrichten zu können scheint, und eine große Unruhe und Furcht bemächtigte sich der ganzen Gesellschaft, die durch einander rannte wie eine Heerde Schaafe, wenn der Wolf in der Nähe ist.

Ohne dem Aufziehen der Flagge durch ein gleiches Signal zu antworten, setzte der unheimliche Schooner seinen Lauf gerade auf die Dschonke zu fort.

Der Missionair hatte seine Verlobte bewogen, in die Kajüte zu gehen und mit ihrer Mutter dort zu bleiben, obschon er selbst ihren dringenden Bitten, ihr zu folgen, es verweigerte. Nachdem sie sich endlich zitternd und angstvoll entfernt, rief er aufs Neue den Schiffer herbei.

»Wenn jenes Spielwerk ehrliches Metall wäre,« sagte

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er, verächtlich mit dem Fuß gegen eine der Kanonen stoßend, »so könnten wir leicht jenen Burschen in der gehörigen Entfernung halten. So müssen wir uns auf uns selbst verlassen. Glaubst Du, würdiger Hoan-Tsin, daß Deine Mannschaft bereit sein würde, für das Schiff zu fechten, wenn es mir gelingt, die Mitglieder der Gemeinde zu einem entschlossenen Widerstand im Nothfall zu bewegen?«

»Möge Dein Angesicht niemals schwarz werden, Singh Padre,« schrie der Chinese. »Was denkst Du von diesen Männern? Sie sind gemiethet, die Segel zu ziehen und die Schiffsarbeit zu machen, nicht aber zu fechten! Ich glaube, daß Du auf dem ganzen Schiff keinen Mann finden wirst, der nicht ein Mann des Friedens ist und von Krieg etwas wissen will!«

»Memmen, die ihr seid!« murmelte verächtlich der Missionair, indem er auf die andere Seite des Verdecks ging und mit Gewalt jede Regung seines früheren Standes zu unterdrücken suchte, sich erinnernd, daß ja auch er selbst jetzt nur ein Mann des Friedens sein und Gefahren nicht anders begegnen durfte, als mit Ergebung und christlicher Ermahnung.

In dieser Ueberlegung störte ihn plötzlich der Donner eines Schusses, dem gleich darauf ein verworrenes Angstgeheul von dem Vorderschiff her folgte.

Der Schuß war von dem Schooner her gekommen, der etwa noch zwei Kabellängen entfernt war, - die Kugel aber, ob absichtlich oder nicht, ließ sich nicht entscheiden,

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über den Bug des »fliegenden Schwans« hinaus gerichtet gewesen.

Der Missionair wußte daher zuerst nicht, was das Geschrei der Schiffsmannschaft bedeuten sollte, bis der kleine Schiffer auf ihn zugesprungen kam und mit beiden Händen wie unsinnig durch die Luft fahrend, nach dem fremden Schiff deutete.

»Der rothe Hay! Himmlischer Confucius, beschütze uns! Der rothe Hay!« Henry Norford wandte sein Auge nach dem Schooner, der eben den Pulverdampf durchschnitt und sah von der Gaffel des Hauptmastes eine große schwarze Flagge wehen.

Die Schiffe waren einander bereits so nahe, daß er in Mitte dieses schwarzen Tuchs eine große rothe Figur, die Zeichnung eines Hayfisches, erkennen konnte.

So muthig er auch war, bei dem Anblick der schwarzen Fahne sank ihm in dem Gedanken an seine Begleitung das Herz, denn er kannte sehr wohl ihre Bedeutung, das Zeichen der Seeräuberei. Ein zweiter Blick belehrte ihn, daß am Boogspriet des fremden Schiffes ein fratzenhafter Teufelskopf mit Hörnern und blökender Zunge angebracht war, und als der Fremde jetzt vorausschoß, um zu wenden, sah er an dem Hinterkastell in großen weißen Buchstaben den in den indischen und chinesischen Gewässern gleich dem Ruf »der rothe Hay« gefürchteten und mit diesem eng verbundenen Namen leuchten: »Satan«.

Henry Norford wußte zur Genüge, daß dies Schiff einer der berüchtigsten Corsaren in diesem Theile der Welt seit mehr als zwei Jahren und bisher vergeblich von den

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englischen Kreuzern verfolgt worden war und daß seine Mannschaft die schändlichsten Unthaten begangen hatte. Ebenso gut aber wußte er, daß jeder Versuch des Widerstandes, selbst wenn die Mannschaft der Dschonke nicht aus Feiglingen bestanden hätte, vergeblich sein würde, da der Satan auf beiden Borden mit drei messingnen Vierpfündern und einer langen Drehbrasse auf dem Vorderkastel bewaffnet war. Das Erscheinen des Raubschiffes war übrigens ihm und Allen um so unerwarteter, als seit mehreren Monaten man an diesem Theil der chinesischen Küste in Folge der Wachsamkeit der englischen Kreuzer Nichts mehr von ihm und seinen Thaten gehört und sich daher der sichern Hoffnung hingegeben hatte, daß es nach andern Gegenden geflüchtet sei.

Die Verwirrung auf den Verdecken der Dschonke war gränzenlos, als man die traurige Wahrheit erkannte. Die Matrosen, den Schiffer an der Spitze, eilten hinunter, um sich im Raum zu verbergen, und die jammernden Passagiere drängten sich um den Missionair, gleich als suchten sie bei ihrem Seelsorger Schutz auch gegen die Gefahr für Leben und Gut.

Nur mit Mühe vermochte Norford von ihnen sich loszumachen, um noch einmal sich in die Kajüte zu seiner Verlobten und deren Mutter zu begeben, ihnen Muth einzusprechen und die Mahnung zu wiederholen, sich in ihre Kabine einzuschließen.

Als er wieder auf das Deck kam, hatte das Seeräuberschiff um die Dschonke geviert und war im Begriff, sich an ihren Backbord zu legen. Eine Menge wilder, bis

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an die Zähne bewaffneter Gestalten hing an den Wantungen des Schooners, bereit, sich sofort auf den hohen Bord des chinesischen Schiffes zu schwingen, und da der »Satan« sehr tief in Wasser ging, vermochte der Missionair sein ganzes Deck zu übersehen.

Mit einem tiefen Gefühl des Unwillens dachte er daran, mit welchem Erfolg er dem Seeräuberschiff hätte die Spitze bieten können, wenn diese hölzernen Kanonen gute, bis an die Mündung mit Kartätschen geladene Karonaden und an seiner Seite auch nur ein Zwanzig wackerer englischer Matrosen statt dieser Feiglinge gewesen wären.

Unwillkürlich suchte er unter der zum Entern bereiten Mannschaft seinen Gegner, den wilden Steuermann der »Seeschwalbe« oder vielmehr des »Satan«, aber er bemerkte ihn nirgends, bis sein Blick auf einen am Fuß des hintern Mastes stehenden Mann fiel, der sich auf eine große afghanische Streitaxt stützte.

Der Mann trug ein blutrothes Hemd und eben solche Beinkleider, sein gleicher Gürtel von chinesischer Seide barg ein wahres Arsenal von europäischen und indischen Waffen. Es war offenbar der Befehlshaber des Seeräuberschiffes, der berüchtigte Squale rouge, der »Rothe Hay«, denn er ertheilte, halb abgewendet, der Mannschaft Befehle, und als er sich jetzt umkehrte, erkannte der unglückliche Missionair in ihm den Mann, den er in Shanghai zu Boden geschlagen, den angeblichen Steuermann Hawthorn.

Die Augen der beiden Männer begegneten sich in demselben Augenblick, als die Schiffe zusammenstießen.

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Ein wahrhaft teuflischer Ausdruck funkelte in den Augen des Dänen, während der Missionair alle seine Kraft zusammen raffte, um diesem Blicke mit der Ruhe eines Christen und der Würde eines Geistlichen zu begegnen.

Im Moment des Zusammenstoßes stürzten sich die Seeräuber mit einem wilden Triumphgeheul aus den Wantungen ihres Schiffes auf die Dschonke. Sie schossen Pistolen nach allen Richtungen und schwangen mit wilden Geberden ihre Waffen, obschon Niemand ihnen Widerstand leistete. Es war ein Gemisch aus fast allen Nationen der Erde, wilde verwegene Gestalten und Gesichter, von deren Ausdruck kein Mitleid zu erwarten war.

Was den unglücklichen Reisenden bevorstand, zeigte gleich die erste Handlung eines der Corsaren, als er an Bord sprang. Ein Kind von etwa drei Jahren war bei der Flucht seiner Eltern in den Raum auf dem oberen Deck zurückgelassen worden und lief in Angst vor den wilden Gestalten schreiend umher. Der Corsar ergriff es und schleuderte es mit einem Wurf über das Bollwerk in's Meer.

Mehrere Kugeln flogen um den Missionair her, der unbeweglich, wenn auch im Innern von der furchtbarsten Angst um das Schicksal seiner Lieben verzehrt, seine Stelle bewahrte. Während ein Theil der Eingedrungenen in den Raum eilte, um zu plündern und die Passagiere und Schiffsleute heraus zu zerren, stürzten drei oder vier auf Norford zu, dessen hohe ruhige Gestalt ihnen einen gefährlicheren Feind oder eine[n] würdigere Beute zu verkünden schien, und bedrohten ihn mit ihren Handjars und

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Säbeln. Aber einer ihrer Gefährten, ein kräftiger, brauner Asiat, sprang vor ihn und rief seinen Kameraden einige, dem Missionair unverständliche, Worte zu, worauf jene von ihm abließen.

»O Sahib Padre,« flüsterte der Pirat, »warum nicht gefahren sein mit Himmelsblüthe auf englischem Schiff, vor den wir Flucht ergreifen? Es schlimm, sehr schlimm!«

Norford erkannte nicht ohne freudige Bewegung in dem Sprecher den Mulatten, den seine Braut so sorgsam gepflegt hatte und wollte ihn eben bitten, vor Allem diese zu, schützen, als Mahadrö hastig von ihm weg und unter seine Gefährten sprang.

Ein neuer Akteur war auf der schrecklichen Schaubühne erschienen: der Kapitain des Piratenschiffs.

Mit unheimlichem Schweigen stieg der Däne über die Schiffswand empor und kam langsam, die schwere Streitaxt in der Hand, auf den Missionair zu, der gefaßt sein Schicksal erwartete und zu Gott nur um Schutz für die Geliebte betete.

Etwa fünf Schritt von ihm blieb der Rothe Hay stehen und ließ sich auf einem der Waarenballen nieder. Ein Haufen seiner Leute umstand ihn, auf ihre Waffen gestützt und bereit zu jeder Unthat, während man aus den verschiedenen Theilen des Schiffs Jammergeschrei, das Gekreisch der Frauen und dazwischen den Todesschrei eines bei dem geringsten Widerstand Ermordeten hörte.

Henry Norford schritt entschlossen auf den Piraten-Kapitain zu und blieb, kaum zwei Schritt weit, vor ihm stehen, kühn und fest seinem wilden Blick begegnend.

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»Mit welchem Recht, Sir,« sagte er muthig, »wagen Sie es, friedliche Reisende unter dem Schutz der englischen Flagge zu überfallen? Bedenken Sie wohl, daß Englands Macht einen Frevel an seinen Unterthanen und Schutzbefohlenen nicht ungerochen läßt!«

Der »Rothe Hay« lachte höhnisch auf. »Mit welchem Recht? frägst Du - nun zum Teufel, ich denke, daß mein Recht dort -« er wies auf die schwarze Flagge des Schooners, - »hier eben so gültig ist, als das Andreaskreuz von England.«

»England ist in Frieden mit allen Nationen - was Sie gethan, ist offenbar Seeräuberei!«

»Goddam - ich meine, der Squale rouge will auch Nichts anders sein! Halt Dein Maul, Pfaffe, bis die Reihe an Dich kommt, und ich denke, unsere Abrechnung wird schwer genug sein. - Wo ist der Kerl, der sich für den Kapitain dieser elenden Bambusbretter ausgiebt?«

Die Piraten hatten unterdeß Huan Tsing und die meisten der Passagiere heraufgeschleppt und wie eine Heerde Schafe auf dem Verdeck vor der Hütte zusammen getrieben. Jetzt stießen zwei der Corsaren den unglücklichen Schiffer in die Mitte des Kreises.

»Du bist der Eigenthümer dieses Schiffes?« herrschte der Corsar ihn an.

Der Aermste fiel auf seine Knie und streckte stehend die Hände aus. »O Sahib, Herr!« stöhnte er - »Huan Tsing ist nur zum Theil Eigenthümer des »fliegenden Schwans«! Du wirst Erbarmen haben mit einem unglücklichen Mann!«

»Wo ist das Silber, das Ihr bei Euch führt?«

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»Heiliger Confucius - ich weiß von keinem Silber!«

»Schneidet dem Schurken die Fußsohlen auf und gebt ihm unser Pulver zu kosten, bis er gesteht!«

Der Unglückliche wurde trotz seines Sträubens zu Boden geworfen, die Füße wurden ihm in die Höhe gezogen und tiefe Einschnitte in die Sohlen gemacht, in die ein Kerl mit grimmiger Freude den pulverisirten rothen Pfeffer rieb.

Man hat keinen Begriff von dem Schmerz, den diese förmliche Vergiftung des Blutes verursacht. Als der alte Chinese wieder auf seine Füße gestellt wurde, begann er zum Hohngelächter des Kreises, der ihn umgab, einen wahnsinnigen Tanz, indem er wechselnd beide Beine in die Höhe hob und vor Schmerzen laut aufheulte.

»Glaubt der langzöpfige Hund,« sagte der Piraten-Kapitain, »daß wir nicht wüßten, er habe hundert Silberbarren heimlich an Bord genommen, die ein Geizhals oder ein Narr wie er, ihm anvertraut hat, um sie nach Makao zu schaffen? Du siehst, daß unsere Spione in Shanghai mich gut unterrichtet haben! Ich weiß, daß Ihr schlitzäugigen Schurken schlau und zäh seid, wie die Nattern, wenn es gilt, Euer Geld zu verbergen. Ich habe aber keine Zeit, mich mit dem Suchen auf dieser verdammten Trödelbude abzugeben, deshalb gestehe, oder ich lasse Dir die Glieder mit glühenden Zangen abreißen!«

Die Corsaren ergriffen auf's Neue den Unglücklichen und machten Anstalten, den Befehl zu vollziehen, als er heulend gestand, daß die einzelnen Barren in den Wasserfässern verborgen wären.

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Der Missionair hatte mit steigendem Entsetzen der Scene zugesehen - er begriff, was er von diesem Teufel zu erwarten hatte und verwünschte die Unvorsichtigkeit, den beiden Frauen die Ueberfahrt auf dem chinesischen Schiff gestattet zu haben; denn die Worte des Piraten hatten ihm gezeigt, daß dieser wochenlang ihre Absichten hatte belauern lassen und daß das Zusammentreffen mit dem »Satan« kein zufälliges war.

Um so mehr stieg seine Angst um das Schicksal seiner Braut, er bereute, nicht auf alle Gefahr hin, wenigstens den Versuch gemacht zu haben, die Dschonke zu vertheidigen, um so einen raschen Tod zu finden.

Unterdeß hatten die Corsaren mit großer Fertigkeit und Uebung die Plünderung fortgesetzt, indem alle Ballen und Kisten, Habe der Auswanderers aufgebrochen und des werthvollsten Inhalts beraubt wurden. Was den Corsaren nicht paßte, wurde achtlos hin und her gestreut, oder über Bord geworfen, die wichtigere Beute jedoch, namentlich die Anzahl Silberbarren, an Bord des Schooners geschafft. Sämmtliche Passagiere und Schiffsleute, die noch am Leben waren oder nicht verwundet im Raume lagen, - denn beim geringsten Widerstand, der oft von dem Geiz der Chinesen versucht wurde, machten die Piraten schonungslos von ihren Waffen Gebrauch, - waren nach Oben geschleppt, nur Maria Ronecamp und ihre Mutter fehlten in der Menge und schon gab sich Norford der Hoffnung hin, daß es den beiden Frauen gelungen sei, einen Versteck zu finden, in dem sie vielleicht unentdeckt bleiben konnten, indem er dabei auf die Dankbarkeit des Malayen

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rechnete, den er seither nicht mehr auf dem Deck gesehen hatte.

Aber wenige Augenblicke nachher wurde die Hoffnung zu Nichte, denn Hawthorn schien jetzt sich genug mit dem andern Theil seiner Beute beschäftigt zu haben und ließ jetzt seine wilden Blicke über den Haufen der zitternden Gefangenen rollen.

»Mahadrö! - Mahadrö soll kommen!«

Der Malaye kam aus der Thür der Cajüte.

»Wo sind die beiden Weiber, die ich Deiner Aufsicht vertraut?«

Der Malaye wollte mit der Antwort zögern, aber ein strenger Blick seines Herrn traf ihn und er wußte ohnehin, daß es Nichts helfen konnte.

»Da drinnen, Kapitain!«

»Hole sie!«

Der Malaye verschwand - gleich darauf kehrte er zurück und ihm folgten die alte Dame und ihre Tochter.

Maria war sehr blaß, aber sie suchte mit Gewalt ihren Muth aufrecht zu erhalten. Als sie ihren Verlobten erblickte, eilte sie auf ihn zu und faßte seine Hand, als finde sie bei ihm Schutz.

Norford starrte finster vor sich nieder.

Der Capitain des »Satan« grinste höhnisch bei dem unwillkürlichen Thun des unschuldigen Mädchens, an dessen Angst er sich weidete.

»Nun Dirne,« sagte er spöttisch, - »jetzt bist Du in meiner Gewalt und wirst wohl ein ander Liedchen pfeifen,

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als damals in Shanghai. Erinnere Dich daran, was Hawthorn Dir gesagt hat: wir sehen uns wieder!«

»Sir ...diese Dame - ist meine Braut!«

Der Wilde lachte gell auf. »Ich möchte ihr rathen, sich einen andern Freier zu suchen, denn den jetzigen dürften ihr bald genug die Hayfische streitig machen. Was wollt Ihr? Verschont mich mit Eurem Weibergeheul, oder es geht Euch schlimm!«

Die barsche Drohung war an die alte Wittwe des Missionairs gerichtet, die vor ihm in die Knie gesunken war.

»Haben Sie Erbarmen Herr mit einer unglücklichen Mutter,« schluchzte die Frau. »Erinnern Sie sich, daß mein Gatte und meine Tochter Ihnen das Leben gerettet haben und wir treu Ihren Diener pflegten!«

»Nun zum Henker, will ich Euch nicht belohnen dafür? Die Dirne dort soll meine Liebste sein und mag Dich meinetwegen bei sich behalten, obschon ich sonst mit alten Weibern Nichts zu thun haben will!«

Ein Schrei des Entsetzens antwortete dieser Erklärung - das arme Mädchen fiel bewußtlos an die Brust ihres Verlobten, dem der kalte Schweiß in dicken Tropfen auf der Stirn perlte.

»Es ist Zeit, daß es zu Ende kommt!« brüllte Hawthorn. »Ist alles Werthvolle am Bord des Satan?«

»Ja, Kapitain!«

»So bringt die Weiber hierher und wählt die aus, die Ihr haben wollt!«

Mit einem tollen Jauchzen stürzten die Corsaren über

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die zitternden Frauen und Mädchen her und rissen sie aus einander. Mütter, die ihre Töchter vertheidigen wollten, wurden zu Boden geschlagen, die Gewänder der Aermsten in Stücke gerissen - einer der Räuber warf sie wie leblose Ballen dem andern zu; - neunzehn junge chinesische Mädchen und Frauen, zum großen Theile halb nackend unter den rohen Händen der Corsaren, wurden nach dem Deck des Schooners hinunter gebracht.

Ueber ihre Bestimmung konnte kein Zweifel sein!

»Hussah, meine Jungens, das wird eine lustige Nacht für Euch werden,« lachte der Kapitain. »Nun könnt Ihr sehen, warum diese geilen Langzöpfe ihren Weibern die Füße zusammenschnüren, daß sie nur watscheln können!«

Während Maria Ronecamp jetzt in den Armen ihrer weinenden Mutter lag, war der Missionair in seine Knie gesunken. In seiner Brust tobte ein gewaltiger Kampf - er streckte seine Hände hinauf zu den Wolken und rang in verzweifelndem Gebet.

»Allmächtiger Gott - Du Vater der Erschaffenen - Du kannst es dulden, daß das strahlende Licht Deiner Sonne bescheinen darf solche Greuel und Verbrechen! O lasse die Schuldlosen lieber sterben, als die Beute dieser Tiger werden in Menschengestalt. Herr, erbarme Dich unser und laß diese Augen das Schrecklichste nicht sehen ...«

»Es ist Zeit, Dirne - hierher zu mir!«

Der Missionair war mit einem Sprung empor. »Ungeheuer - wage es nicht sie anzurühren!«

»Reißt sie von der alten heulenden Hexe los! fort mit ihr auf den Schooner!«

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»Niemals - eher soll sie sterben und Du zuvor!«

Und die Ergebung des Priesters war verschwunden in der Empörung des angstzerrissenen Herzens - der kühne Seemann und Offizier, der er sonst war, gewann in Henry Norford wieder die Oberhand und mit dem Sprung eines Löwen auf seinen Feind warf er sich, obschon waffenlos wie er war, auf seinen Gegner und rollte mit ihm, seinen Stierhals umklammernd, nieder auf das Deck.

Einen Augenblick lang schien der Erfolg seiner kühnen That sicher -, da gerade nur wenige der Seeräuber in der Nähe waren, fast Alle mit der Sicherung ihrer Beute und der Weiber beschäftigt, und Mahadrö, der Einzige, welcher neben dem Kapitain stand, weder Fuß noch Arm zu dessen Beistand rührte, obschon Hawthorn nach ihm brüllte. Hätte der Missionair auch nur die geringste Waffe zur Hand gehabt, so wäre es um den Dänen geschehen gewesen. Aber schon in den nächsten Augenblicken änderte sich dies, denn zehn Hände faßten den Engländer und rissen ihn von seinem Opfer.

Keuchend - mit blau geröthetem Gesicht und blutunterlaufenen Augen raffte sich der Corsar empor, nahm die Streitaxt auf und schwang sie über seinem Haupt zum furchtbaren Streich auf den Feind, der mit wogender Brust von der Anstrengung des Ringens und blitzendem Auge, von den Händen der Corsaren gehalten, ihn furchtlos mit dem Ausdruck des Hasses und der Verachtung anstarrte.

»Schlag' zu, niederträchtiger Mörder« sagte er, - »der Tod ist Alles, was ich mir und den Meinen wünsche!«

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Die erhobene Hand des Seeräubers sank nieder, - aber nicht zum tödtlichen Schlage, denn er ließ die Axt, als ob ihm ein besserer Gedanken gekommen sei, langsam fallen, und warf einen so teuflischen Blick auf den Missionair, daß dieser trotz allen Muthes erbebte.

»Bindet ihn! - Fest! Schnürt den Schurken hier an das Bollwerk, mit dem Gesicht hinüber nach dem »Satan«![«]

Während Maria und ihre Mutter aufschreiend die Füße des Bösewichts zu umklammern suchten, um das Leben ihres Freundes flehend, machte Norford einen letzten vergeblichen Versuch, sich aus den Händen seiner Wächter zu befreien, dann ergab er sich mit finsterm Schweigen in sein Schicksal, ohne zu wagen, seine Augen auf die Geliebte zu richten, indem er versuchte, Gott um Kraft und Ergebung anzuflehen.

Doch in die flehenden Gebete seines Geistes drängte sich die fieberhafte Angst seines Herzens und verwandelte sie in verzweiflungsvolle Verwünschungen.

Das tückische Auge des Kapitains aber schien nach einem neuen Opfer im Kreise zu suchen - es blieb auf Mahadrö, dem Malayen, haften.

»Nimm die Dirne,« befahl er - »trage sie hinüber in die Kajüte und binde sie fest auf die Matratze. Du stehst mir mit Deinem Leben dafür!«

Der Malaye machte eine jener demüthigen knechtischen Geberden der Asiaten gegen ihren Herrn. »O Sahib - Mahadrö kann ihren Leib nicht berühren, sie hat den meinen gepflegt, als er wund und krank war!«

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»Schurke - willst Du gehorchen? Bring' mich nicht auf - denn Du verdienst ohnedem Strafe, weil Du vorhin, als der Narr mich erwürgen wollte, mir nicht zu Hilfe sprangst!«

»Strafe mich Sahib - laß mich zu Tode peitschen, wenn Du willst, aber fordre nicht von mir, daß ich sie beleidige!«

»Sclave!«

»O Sahib!«

Er stand, die Arme über der Brust gekreuzt, vor ihm, den Todesstreich erwartend.

Eine schreckliche Stille herrschte rings um, nur von dem Schluchzen des unglücklichen Mädchens unterbrochen.

»Lieutenant Antonio Diaz!«

Der zweite Offizier des Schiffes, ein schmaler, großer Portugiese mit schielendem Blick und einer abscheulich von einem Säbelhieb gespaltenen Nase trat vor.

»Hier Senhor Capitano!«

»Laßt zwei Leute dieses Mädchen nach dem Schooner bringen und in meiner Kajüte bewachen, bis ich komme!«

Ein Wink des Lieutenants genügte, zwei der Piraten Maria Ronecamp unter dem herzzerreißenden Geschrei ihrer Mutter aus deren Armen reißen und an Bord des »Satan« hinüber schleifen zu lassen.

»Henry, zu Hilfe! Henry, rette mich!«

Der unglückliche Offizier wand sich unter dem Hohngelächter der Corsaren in seinen Banden.

»Schlagt den Böten der Schurken jetzt den Boden aus!«

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Die zwei gleich unbehilflichen Bote der Dschonke wurden mit einigen Axtschlägen zertrümmert.

»Laßt die großen Stachel-Eisen bringen. - Wo ist der Zimmermann?«

Der herkulische Neger, welcher dies Amt versah, kam mit seiner Axt herbei. Der Kapitain sprach einige Worte mit ihm, worauf er mit einem teuflischen Grinsen antwortete und mit zwei Gehilfen in den Raum der Dschonke hinunter stieg.

Der Abend war über all' diesen Vorgängen heran gekommen, der Wind hatte sich zur förmlichen Stille eingelullt, so daß beide Schiffe bewegungslos neben einander lagen, und die Sonne mußte in kaum einer halben Stunde am Horizont versinken.

Nirgends umher, trotz der verzweifelnden Blicke des Missionairs, die er über den gerötheten Spiegel des Meeres sandte war ein anderes Seegel zu entdecken - die Unglücklichen waren hilflos ihrem Peiniger preisgegeben.

Man hatte unterdeß nach seinem Befehl vom Bord des Schooners Ketten und Eisen gebracht. Die letztern bestanden in zwei großen geöffneten Ringen, auf der innern Fläche mit kurzen, aber starken und stumpfen Spitzen, an den Halsenden mit Schrauben versehen.

Auf einen Wink des Dänen wurden sie vor ihm niedergeworfen. Mahadrö stand noch immer, das Haupt gebeugt, die Arme gekreuzt auf der nämlichen Stelle. Hawthorn wandte sich zu ihm und wies auf die furchtbaren Geräthe, welche den Erfindungen der Marterkammern des Mittelalters oder der modernen Steuererpressung

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des humanen Englands in Indien Ehre gemacht haben würden.

»Du kennst ihre Bedeutung,« sagte er rauh, »und weißt, wie sie dem Deutschen vor zwei Monden die Knochen zerbrochen haben, als er es wagte, meinem Befehle ungehorsam zu sein. - Jetzt geh' hinüber in meine Kajüte und schnüre die greinende Dirne auf dem Rohrbett fest!«

»O Sahib - bei der Mutter des Propheten, tödte mich, aber habe Mitleid mit ihr. Sie hat Mahadrö das Leben gerettet und er kann sie nicht berühren!«

»Zum letzten Mal - gehorche!«

Der Malaye antwortete nicht.

Kapitain Hawthorn stieß einen gräßlichen dänischen Fluch aus. »Knebelt ihn!«

Zwei der Corsaren, obschon diesmal offenbar nicht mit der gewohnten Eile zur Ausführung einer Nichtswürdigkeit, faßten den Malayen, der widerstandlos Alles mit sich geschehen ließ und banden ihm die Füße.

»Nieder mit ihm! Was zögert Ihr, Ihr Hunde? Legt ihm die Schraube um die Beine!«

Die Männer warfen den Unglücklichen jetzt auf das Deck und legten eines der offenen Eisen um seine beiden Kniee, so daß es diese umschloß.

»Willst Du gehorchen?«

Der Malaye ließ den Kopf auf seine Brust sinken, ohne zu antworten - Norford vermochte es nicht, das Auge länger auf dem wackern Burschen haften zu lassen, und wandte es ab.

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»Die Schraube! zieht die Schraube an! Her mit dem Arm-Eisen!«

Eine Drehung der Schraube, so gering sie auch vielleicht von der Theilnahme seiner wilden Gefährten in Raub und Mord ausgeführt sein mochte, preßte bei dem kräftigen Gliederbau des Malayen die Knie desselben in der schmerzlichsten Weise zusammen und ließ die stumpfen Spitzen in Fleisch und Muskeln dringen.

»Das Arm-Eisen! Schnell, oder ...«

Die Anwendung des schrecklichen Instrumentes entriß dem Gemarterten einen kurzen wilden Schrei - den einzigen Laut, den er von sich gab.

Indem man zwei an das Knie-Eisen befestigte kurze Ketten um seinen Rücken oder vielmehr Nacken wand, wurde der Körper in der abscheulichsten Weise zusammengeschnürt, so daß die Kniee bis zum Kinn hinauf gezogen waren. Dann wurden die Hände des Unglücklichen von Außen um die Beine gezogen und die Handgelenke unterhalb der Kniee mit dem zweiten kleineren Eisen zusammengeschraubt, so daß der Körper förmlich eine Art willenloser Kugel bildete.

Diese Strafe, oder vielmehr Marter, ist eine bei den Chinesen, die überhaupt Meister in der Erfindung von solchen sind, häufig vorkommende, nur daß sie dann nicht mit solcher Grausamkeit und durch Anwendung von Banden und Stricken, nicht von Eisen vollzogen wird, welche die Knochen des Unglücklichen zermalmen und aus den Gelenken reißen.

»Den Stock - nehmt die Handspeiche dort!«

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Der Befehl des Kapitains wurde vollzogen und das Holz zwischen den innern Ellbogen und Kniegelenken durchgestoßen, so daß der Körper nun eine unförmliche und bewegungslos um das Holz geschnürte Masse bildete.

»Jetzt hängt das Aas dort an die Strickleiter neben seinen Schützling, den Pfaffen, der ja die Zunge frei hat und ihm Geduld predigen kann, bis sie zusammen zum Teufel gehen. - Ist Deine Arbeit geschehen, Cäsar?«

Cäsar, der schwarze Zimmermann, der eben aus dem Raum mit seinen Gehilfen heraufgestiegen war, bejahte mit vergnügtem Grinsen.

»So jagt die heulende Brut hier alle hinunter und vernagelt die Luken. Es ist Zeit, daß wir nach dem »Satan« hinüberkommen und unsern lustigen Abend beginnen. Bindet die Dschonke einstweilen mit dem Ankertau an den Schooner und dann laßt sie auf drei Faden weit abtriften, damit dem hochwürdigen Herrn hier Nichts von unserer Festlichkeit entgehen und er den Seegen dazu sprechen kann. Vorwärts Bursche, tummelt Euch, der Grogk und die Weiber warten auf Euch!«

Ohne sich weiter um die Unglücklichen zu kümmern oder ihnen auch nur einen Blick zu schenken, verließ er den Bord der Dschonke und stieg auf den Schooner nieder. Der Herr des »Satan«, der mit besserem Recht diesen Namen selbst geführt hätte, wußte, daß der entsetzlichere Theil seiner Rache wenigstens für den Missionair erst noch kommen würde!

Die zurückgebliebenen Piraten trieben jetzt mit Stößen und Schlägen die ganze übrige Bemannung des Schiffes

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mit den unglücklichen Passagieren hinunter in den Raum und verrammelten die Luken über ihnen. Unter Hohngelächter verließen sie alsdann den »fliegenden Schwan« und stiegen wieder an Bord ihres Schiffes.

Die Enterhaken wurden gelöst und mit einigen Ruderschlägen der Feluke trieb diese von dem unbehilflicheren chinesischen Fahrzeug ab, bis sie in der Entfernung von drei oder vier Faden liegen blieb, durch ein starkes Tau mit der Dschonke zusammengehalten.

An Bord derselben hätte Niemand vermocht, es zu lösen. Auf dem Verdeck befanden sich nur der Missionair und Mahadrö, der Mulatte, beide zur vollständigen Hilflosigkeit geknebelt; - jedes andere menschliche Wesen war in dem untern Raum eingeschlossen und selbst wenn sie von dort hätten einen Ausgang finden können, hätte die Feigheit der Chinesen sicher keinem den Versuch gestattet.

Die Sonne war jetzt unter den Horizont gesunken, und mit jener Schnelligkeit, welcher in diesen Breiten den Tag zur Nacht übergehen läßt, trat fast ohne die in unserer Zone so trauliche und liebliche Dämmerung, die Dunkelheit ein.

An Bord des »Satan« wurde es jetzt lebendig. Bunte chinesische Laternen wurden an den untern Raaen und dem Bollwerk aufgehängt, ein Fäßchen Rum und Körbe mit Weinflaschen aus der Proviantkammer heraufgeschrotet und alle Anstalten zur Feier eines wilden Bachanals getroffen.

Der Spiegel des Schooners war jetzt so gegen die Dschonke gekehrt, daß die Fenster derselben dem Platz der beiden Gefangenen ziemlich gegenüber lagen. Aber sie blieben

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dunkel, und wie sehr auch der Missionair seine Augen anstrengte, konnte er doch Nichts erkennen.

Das leise Stöhnen des armen Malayen in seiner furchtbaren Lage zog endlich die Aufmerksamkeit des Missionairs von jenen vergeblichen Bestrebungen ab und erinnerte ihn an die Pflichten seines heiligen Berufs.

»Armer Mann,« sagte er theilnehmend, »Du leidest um unsertwillen, ohne daß ich Dir zu helfen vermag, denn ich bin hilflos wie Du! Laß uns auf Den vertrauen, ohne dessen Willen Nichts geschieht im Himmel und auf Erden!«

Der Malaye antwortete auf diese Worte anfangs nicht. Nach einer Weile aber sagte er: »Sahib Padre, Du sehen, die leuchtenden Streifen hier um das Schiff?«

»Es ist das Leuchten des Meeres!«

»Nein, Sahib Padre - es sind die Hayfische! Mahadrö wußte, daß Schlimmes geschehen werde, denn seit zwei Tagen folgen die Fische dem »Satan«. Fische können nicht reden, aber haben Verstand und wissen was kommt. Sahib Padre muß sein gefaßt noch auf Schlimmes!«

»Ich fürchte den Tod nicht und hoffe wie ein Mann und Christ zu sterben. Nur Eines ... -«

Ein wilder Jubel vom Bord des Schooners her, in das sich das Gekreisch einiger Weiberstimmen mischte, unterbrach seine Worte. Das höllische Bachanal hatte begonnen, die unglücklichen Frauen und Mädchen mußten der bestialischen Lust der Corsaren dienen, während diese sich in Wein und Rum berauschten und wie die Teufel auf dem Verdeck umhersprangen.

Der Missionair erbebte - das Gebet, das er zu

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dem glänzenden Sternenhimmel emporsandte, erstickte auf seinen Lippen.

»Ich habe erzählen hören,« sagte der Malaye, »daß der Gott der Christen verlangt, daß seine Bekenner ihren Feinden vergeben. Ist dem so, Sahib Padre?«

»Du sollst vergeben Deinen Feinden und wohlthun Denen, die Dich beleidigen und verfolgen,« flüsterte der Unglückliche mit erstickter Stimme, denn in diesem Augenblick begann sich die Kajüte des Schooners zu erhellen.

»Dann ist Allah ein besserer Gott, denn er verlangt nicht das Unmögliche!« knirschte grimmig der Malaye. »Schau hinüber Priester Deines Gottes und sage, ob Du Deinem Feinde vergeben kannst?«

»Schurke - Teufel in Menschengestalt! Wagt es nicht, sie zu berühren! Allmächtiger Gott, hast Du denn keine Blitze für den Schänder!«

Ein Schrei - ein viehisches Hohnlachen - ein Wimmern um Gnade antwortete allein dem Ausbruch dieser Verzweiflung.

Die Kajüte im Spiegel des »Satan« war jetzt glänzend erhellt, die Fenster waren weit geöffnet, und seltsamer Weise vermochten die Augen der beiden Gefesselten immer mehr das Innere zu übersehen, obschon das Piratenfahrzeug weit tiefer im Wasser lag als die Dschonke.

Auf einem Ruhebett von Rohrgeflecht lag die Gestalt eines Mädchens mit aufgelöstem Haar und zerrissenen Kleidern, um den Leib mit einem Strick an das Ruhebett gefesselt. Der Tisch, der in der Mitte der Kajüte stand, wurde eben von einem schwarzen Diener mit Weinflaschen

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und allerlei Gegenständen eines schwelgerischen Mahles bedeckt.

Noch konnte der Missionair nicht genau die Unglückliche erkennen, die dort an der Seite des Gemachs gefesselt lag, aber seine Angst und das vorher Gehörte sagte ihm genugsam, wer sie war.

»Allmächtiger Gott, erbarme Dich ihrer und sende den Engel des Todes über die Unschuldige, ehe Du sie verderben läßt!«

Die Thür der Kajüte wurde aufgerissen, Kapitain Hawthorn trat herein, das Gesicht geröthet von Branntwein und bestialischer Aufregung. Zwei der Offiziere seines Schiffes folgten ihm, jeder eines der chinesischen Mädchen hinter sich drein schleifend.

»Hierher mit den Dirnen, Antonio,« schrie der Kapitain des Satan, »setzt sie an den Tisch und kitzelt sie mit den Dolchen, wenn sie nicht lustig sind; wir wollen den Kerlen da drüben wenigstens noch eine lustige Melodie aufspielen zu ihrer Hinunterfahrt! Schenkt ein Männer! Hussah für die Mission von Shanghai und ihre hübschen Kinder!«

Er hatte eine Flasche Wein in einen silbernen Pokal geleert, der wahrscheinlich früher ein Altargefäß gebildet, und trank ihn aus.

»Lustig, lustig Bursche! Der Teufel soll meine Seele haben, wenn wir nicht leben wollen, wie der Großmogul von Delhi. Ihr habt Euch zwei nette Weiber ausgesucht, aber sie sind doch Nichts gegen die da! Schaut - ist es nicht ein Kapitalmädel, so blond und weiß, wie man sie

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nur in Charlottenlund18 sehen kann! - Nun Dirne, willst Du das Geflenne aufgeben und mit uns vergnügt sein?«

Ein krampfhaftes Schluchzen des Mädchens allein antwortete ihm.

Durch das Gejohl der trunkenen Seeräuber auf den Verdecks des Schooners drang eine kräftige Mannesstimme. »Mann, wenn Du ein Christ bist, wenn eine Mutter, nicht eine Wölfin Dich gesäugt, so schone die Unschuld!«

Der Corsar war zum Fenster der Kajüte getreten, er schwang den vollen Becher in der Hand.

»Hört wie das Pfäfflein da drüben pfeift,« lachte er. »Nun, Gott verdamm seine Augen - er soll uns den Hochzeitsseegen sprechen! Vorwärts Bursche, ein Jeder die Seine!«

Die beiden Chinesenmädchen waren schreiend in einen Winkel geflüchtet, aus dem sie die Corsaren hervorzerrten, ihnen die Kleider vollends vom Leibe reißend. Eine mehr als teuflische Scene begann - die armen Wesen rangen vergeblich in den Armen ihrer Verfolger, bis der Lieutenant Diaz, erbittert durch den Widerstand des einen Mädchens, eines Kindes von fünfzehn Jahren, ihr seinen Dolch durch den Arm stieß, daß sie wehklagend auf die Kokosmatten zurücksank. Squale rouge, der Rothe Hay, hatte sich wie ein Thier auf seine Beute gestürzt.

Das unglückliche Mädchen, angeregt durch den wüthenden Ruf ihres Verlobten, kämpfte vergeblich gegen die

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brutale Kraft. Durch die Bande um ihren schlanken Leib an das Ruhebett gefesselt, vermochte sie nicht, sich zu erheben. Mit der Anwendung der rohesten Gewalt, indem er sogar die Gefährten seines Verbrechens zu Hilfe rief, schnürte der Piratenkapitain ihre Hände und Füße fest, dann schnitt und riß er die Gewänder förmlich von dem unbefleckten reinen Körper der Jungfrau, die vergeblich ihn um Erbarmen oder den Tod anflehte.

Eine wilde entsetzliche Verzweiflung hatte sich des Unglücklichen bemächtigt, der Zeuge dieses furchtbaren und schändlichen Auftritts sein mußte. Er wand sich in seinen Banden, daß die Riemen und Stricke, tief in sein Fleisch einschnitten - tiefer, entsetzlicher noch schnitt der Angstruf, der Schrei des unglücklichen Mädchens in sein Ohr, in seine Seele!

Vergeblich! - Der Frieden Gottes, die gewaltige Ruhe der Natur lag über dem weiten Meeresspiegel, über dem unendlichen Dom voll blitzender Sterne ausgegossen, und drinnen in dem kleinen engen Raum, den der geringste seiner Blitze zu Atomen zerschmettern konnte, feierte, wie das blöde Menschenauge wähnt, das Verbrechen ungestraft seinen scheußlichen Sieg und vernichtete hohnlachend jedes Lebensglück, jede Hoffnung der Tugendhaften und Schuldlosen.

Vergeblich! - die Riemen von Büffelhaut, die Stricke von Hanf hielten fest gegen selbst übermenschliche Anstrengung, unter der das Blut aus der Haut spritzte.

Und immer tiefer und tiefer stieg das hohe Verdeck der Dschonke gleichsam hinab zu der Wasserlinie des Schooners.

Ein gellender Schrei des unglücklichen Mädchens -

»Herr mein Gott!« - Er hing in seinen Banden, kraftlos - willenlos, das Haupt gebeugt - Thränen rollten über sein Antlitz - er wußte, daß sein Glück, sein Alles, verloren war in Zeit und Ewigkeit!

Dennoch murmelten seine Lippen den Vers des erhabenen Psalms:

Und wieder gellte der Schrei!

Ein Echo von hundert Stimmen antwortete ihm - angstvoll - entsetzlich, zum Himmel gellend!

»Das Wasser! Hilfe! das Wasser!«

Und an den Luken hämmerte und pochte es, gegen das Verdeck schlug es mit dem Ungestüm der Todesangst.

»Das Wasser! das Wasser!«

Unwillkürlich - in seiner Angst, in seiner Seelenqual - neigte sich der Missionair zu seinem Leidensgefährten.

»Mahadrö - was wollen sie - was ist geschehen?«

»Sahib Padre, Du weißt nicht, was die Männer des »Satan« gethan auf den Befehl des Massa Kapitain?«

»Was meinst Du?«

»Cäsar, der Zimmermann, hat den Boden der Dschonke durchlöchert - das Wasser dringt ein durch den Leck und sie sinkt; ehe eine Stunde vergeht, werden auch wir im

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Paradiese des Propheten sein und von seinen Houris umgeben werden!«

»Allmächtiger Gott, ich danke Dir, daß Du mir den Tod sendest und segne Die, welche Deine Werkzeuge waren!«

»Wie, Christ, Sahib Padre - Du segnest Deinen Feind?«

»Ich segne Den, der mir den Tod bringt und das bessere Leben. Hörst Du sie, die mich an meine Pflicht mahnen? Gott, Du mein Herr, vergieb mir, daß ich um eine Seele die vielen vergessen habe!«

Und mit kräftiger Stimme in das Geschrei der Todesangst, wie es jammernd aus hundert Kehlen zu ihm empordrang, stimmte er jene ergreifenden Worte an, der Bitte im Leiden:

Und immer tiefer und tiefer sank das Deck - aus dem Innern des Schiffes, in das gurgelnd die Meeresfluth drang, schlossen sich einzelne Stimmen dem mächtigen Choral an, und schwächer und schwächer wurde das Todesgestöhn.

Aus den Fenstern des Schooners aber klang der wüste

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bachantische Jubel, der höllische Triumph der menschlichen Dämonen!

Dann wiederum ein entsetzlicher Jammerschrei: »Erbarmen! Erbarmen! Zu Hilfe, Henry, zu Hilfe!«

Eine wilde Extase hatte sich des unglücklichen Mannes bemächtigt - er sah, er hörte nicht mehr das Mädchen, seine Verlobte, seine Braut - durch den Todesruf seiner Gemeinde, durch das bachantische Geheul der trunkenen Piraten drang gewaltig seine Stimme mit dem Todesgesang: De profundis clamavi ad te -

Dann verstummten die letzten Anstrengungen der verzweifelnden Männer, das Deck zu sprengen, und höher und höher gurgelten die Wasser und stiller und stiller wurde es im Raume des »fliegenden Schwans«.

Ein letzter Schrei - drüben in der Kajüte des Piratenschiffs erloschen die Lichter und die heisern Stimmen der Trunkenheit, der Lärmen auf den Decks, der Jubel der bestialischen Lust und der oft blutige Streit.

Nur der Missionair sang fort mit immer heisererer dumpferer Stimme.

Da unterbrach eine andere die seine.

Es war der Körper, die lebendige Kugel an den Wanten des Schiffes, die zu ihm sprach.

»Sahib,« sagte der Malaye, »hörst Du mich!«

»Ich höre Dich, Heide! warum störst Du mich?«

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»Du bist ein Diener Deines Gottes, und der Deine ist größer als Allah! Der Tod dieser Christen hat mein Herz gerührt, und ich möchte beten zu dem Gott, den Du preisest in Deinen Leiden!«

»Du hast gesehen, Mahadrö,« sagte der Missionair finster, »daß seine Blitze nicht die Frevler vernichten und die Schuldlosen verderben, ohne daß seine Hand sie schützt! Was willst Du mit dem Gotte der Christen? Bleibe bei Deinem Allah, der Dir mindestens die Rache erlaubt!«

»Taufe mich Sahib Padre,« sprach der Malaye, »denn Mahadrö will in dem Himmel der Christen wenigstens der dienen, der er im Leben nicht helfen konnte.«

Der Missionair senkte sein Haupt vor dieser Hingebung, dann sprach er langsam und feierlich die Worte der Taufe aus.

»So laß uns denn zusammen sterben als Brüder im Leiden, als Brüder in Christo! Ich fühle das Schiff sinken und die See meine Füße netzen. Gott vergebe uns unsre Sünden und nehme unser unsterblich Theil gnädig auf in seine Hände!«

Der fliegende Schwan war tiefer und tiefer gesunken, die kräuselnden Wellen des Meeres umspielten in der That schon die Füße des Missionairs.

Leuchtende phosphorisirende Streifen zogen wie Schlangen zwischen der sinkenden Dschonke mit ihren Todten und dem stillen Bord des Corsaren.

Henry Norford fühlte, daß seine Stunde gekommen. Eine ergreifende Stille, die Stille der weiten Gewässer lag nach dem Toben des schrecklichen Bachanals rings um

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sie her, erschütternd in ihrer Ruhe und Majestät, und vom Himmelsdom strahlten Myriaden goldener Sterne.

Nur das Rauschen der Wellen an den Seiten der beiden Fahrzeuge unterbrach den Frieden der Natur, und von drüben her zuweilen aus den Fenstern der Kajüte auf den Schwingen der Nachtluft ein leises Wimmern und Weinen.

Henry Norford wagte nicht, die anzurufen, die ihm bisher das Theuerste auf Erden gewesen. Er wußte, daß seine Stimme sie zum Leben hätte zurückrufen können, und er hoffte doch, daß sie sterben werde.

So erwartete er selbst den Tod! - - -



Aus dem mächtigen Ocean, der Asien und Amerika trennt, stieg die goldene Sonne und goß ihre Strahlen über die leicht bewegte Fläche.

Noch trieben auf ihr die beiden Schiffe langsam, fast unmerklich dahin, dem Wellenzuge folgend, denn noch hatte der Morgenwind sich nicht eingestellt.

Mit Erschrecken sahen die erwachenden Corsaren, daß die gesunkene Dschonke noch immer durch die fesselnden Taue an den Schooner gebunden war und in der Entfernung von wenigen Faden neben ihm schwamm. Sie stand bereits bis zum obern Deck vollständig unter Wasser und die Fluth spielte durch die leichten, von den Seeräubern am Tage vorher an vielen Stellen gänzlich demolirten Bollwerke darüber hin.

Der Missionair, stumm, fast mit dem Blick des

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Wahnsinns vor sich hin starrend, hing, oft bis über die Knie im Wasser stehend, noch in seinen Banden, neben ihm dicht über der Fluth die Kugelgestalt des Malayen. Nur das dunkle leuchtende Auge, aus dem zuweilen ein Feuerstrahl schoß, verkündete, daß noch Leben in diesem mißgestalteten schrecklichen Knäuel war.

Der Missionair und der Malaye waren die einzigen noch lebenden Wesen an Bord des »fliegenden Schwans«.

Die von einem ihrer weniger berauschten Kameraden aufgerüttelten auftaumelnden Seeräuber beeilten sich, ohne die Befehle ihrer Offiziere abzuwarten, die Taue zu kappen, indem sie thörichter Weise glaubten, daß diese allein die Dschonke am gänzlichen Versinken gehindert hätten.

Sie bedachten nicht, daß wäre es Gottes Wille gewesen, das unglückliche Schiff in die Tiefe des Meeres hinabsteigen zu lassen, nach den natürlichen Gesetzen der Schwere der daran gebundene Schooner hätte umschlagen müssen, während sie alle in Trunk und Wollust begraben lagen.

Gott hatte es durch ein einfaches Gesetz seiner Natur anders bestimmt.

Auch Kapitain Hawthorn war jetzt durch den auf dem Deck entstandenen Lärmen aus seinem Schlaf geweckt worden, und erhob sich noch wüst und halbtrunken von dem viehischen Gelage von dem breiten Rohrbett, auf dem er die willenlose Gestalt des unglücklichen Mädchens umschlingend den Rest der Nacht zugebracht hatte. Mit einigen Fußstößen jagte er die beiden Gefährten seiner Schwelgerei von dem Boden der Kajüte auf.

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»Der Teufel gesegne Euch den Schlafs Ihr Faulthiere! Auf und setzt nach dem Schiff, Ihr betrunkenes Viehzeug, damit der »Satan« wieder seinen richtigen Cours steuert. Verdammniß über den Burschen, da steht die elende Dschonke wahrhaftig noch im Wasser und der plärrende Schuft ist noch am Leben!«

Er war an die Fenster im Stern getreten, vor dem eine schmale Galerie lief, und schaute spöttisch und zornig hinüber nach der Dschonke. Der Lieutenant und der Steuermann hatten sich aufgerafft vom Boden und aus der Kajüte geschlichen, ohne sich um die beiden Opfer ihrer viehischen Lust zu kümmern, die an der Wand zusammen gekrochen waren.

Kapitain Hawthorn betrachtete einige Augenblicke triumphirend seinen Feind, dann trat er zurück in die Kajüte und zu dem Lager, das er eben verlassen. Auf dem mit den Resten des Gelages bedeckten Tisch lag ein Messer. Er ergriff es und durchschnitt die Bande, welche das Mädchen gefesselt hielten.

»Nun Dirne,« sagte er rauh und doch nicht ohne einen Anklang des Mitleids, »die Sache ist geschehn und läßt sich nicht ändern. Mein mußtest Du werden, denn ich hatte es geschworen auf's Kreuz von Dänemark! Ich hoffe, Du wirst vernünftig sein und Dich nicht weiter spreizen - Du sollst es gut haben bei mir und in Freuden leben. Die Anderen da sind Deine Sclavinnen und Du magst Dich von ihnen bedienen lassen. Nun auf, und bringt die Kajüte wieder in Ordnung, indeß ich draußen zum Rechten sehe!«

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Die Unglückliche war ohne sich zu regen in der Stellung liegen geblieben, in der er ihre Bande zerschnitten hatte. Kaum verkündete das schwache Heben und Sinken ihres entblößten Busens, daß noch Leben in ihr war.

Der Däne winkte drohend den beiden Chinesinnen und trat aus der Kajüte. Sein erster Blick galt den Masten und Spieren, an denen noch ungeordnet die Segel hingen, wie der »Satan« am Nachmittag vorher die Dschonke angelaufen war. Eben begannen die Wimpel und die schwarze Flagge mit dem schrecklichen Wahrzeichen den ersten Luftzug des Morgenwindes zu fühlen, der von der See her herankam.

»Schickt einen Mann zum Ausguck nach oben, Diaz! - An das Steuer, Toglinton und laßt die Fockseegel aufziehn zum Wenden. Auf, Ihr faulen Hunde und wischt den Rum aus Euren Augen oder ich will Euch peitschen lassen, daß die Fetzen von Eurem Rücken hängen!«

Er stand auf dem Hinterdeck und schaute auf den Haufen von Strolchen und Bösewichtern, die sich mürrisch zur Arbeit bequemten.

»Mastkorb - Ahoi!«

»Ja, ja, Señor!«

»Wer ist da oben?«

»Perez, der Chilene!«

»Zum Teufel mit ihm - er wird uns die scharfen Augen des Malayen niemals ersetzen. Halt guten Ausguck Bursche, oder wahre Deinen Schädel!«

»Ja, ja, Señor!« klang die eintönige Versicherung des Mannes.

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»Und nun an die Arbeit, Bursche. Schweppt das Verdeck und bringt die Taue in Ordnung. Lieutenant, seht, daß das Gut von der Dschonke sicher weggestaut wird, bis wir es theilen können. Alle Hände munter meine Jungen, wir segeln nach Manilla, wo Ihr Euch lustig machen könnt. Höll' und Teufel - was ist das?«

Der Ruf galt einem schneidenden, Mark und Bein durchzitternden Schrei, dem gleich darauf das Hilfgekreisch von Weiberstimmen folgte.

Kapitain Hawthorn war mit einem Sprung am Steuerrad, von dem aus er über das Bollwerk auf die schmale Galerie im Spiegel unter den Fenstern der Kajüte sehen konnte.

»Maria - Dirne - was thust Du -!«

Es war zu spät! -

In der Kajüte hatte sich Folgendes zugetragen.

Die beiden Chinesenmädchen hatten, nach der Entfernung des Kapitains und ihrer eigenen Entehrer, mit dem Stoicismus der Orientalen in das Geschehene ergeben, sich aufgerafft und waren zu der Tochter des Missionairs getreten, die sie ohnehin als ihre Herrin, als ein über ihnen stehendes Wesen anzusehen gewohnt waren. Sie hatten versucht, die Aermste aufzurichten und zum Bewußtsein zurückzurufen, indem sie ihr hundert Schmeichelnamen gaben und ihr sagten, daß ihre ganze Hoffnung auf sie gerichtet sei.

Endlich hatte Maria Ronecamp die Augen aufgeschlagen. Anfangs starrten diese wie bewußtlos ohne Ausdruck und Ziel umher, während die langen blonden, von

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ihren Thränen gefeuchteten Locken wirr um die Brust und die nackten Schultern hingen, - dann fiel plötzlich ihr Blick auf die zerrissene Kleidung, auf die Kajüte umher, auf die beiden Mädchen, und mit einem Wehschrei sprang sie empor.

Die beiden Chinesinnen fielen ihr zu Füßen und flehten sie an, sich zu beruhigen, indem sie ihr die Versprechungen des Kapitain Hawthorn wiederholten, daß sie es gut haben sollte bei ihm, wenn sie sich nur in seinen Willen füge.

»Hawthorn?«

Der Name erschütterte sie wie ein Blitzstrahl - ihr irres Auge suchte umher nach dem Schrecklichen, - das ganze Bewußtsein ihres Unglücks, ihres gränzenlosen Elends brach gleich einer Lawine vernichtend auf sie nieder. Mit einem Sprunge war sie an den Fenstern. Ihr Blick traf auf die Dschonke, die sich immer mehr von dem Schooner entfernte und deren höchste Theile und Masten allein noch aus dem Meere ragten; - er traf auf die dunkle Gestalt des geliebten Mannes, der aus den leuchtenden glitzernden Wellen tretend in seinen Banden hing.

Ihr gellender Schrei drang über die Wogen - der Unglückliche hob das schwere Haupt - ehe die beiden chinesischen Mädchen sie hindern konnten, war sie aus dem Fenster und draußen auf der Galerie.

»Henry! Henry Norford, ich komme!«

Einen weißen lichten Schatten sah der Missionair durch die Luft fliegen - ein besserer, edlerer fliegender Schwan -; einen lichten weißen Körper mit erhobenen

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Händen sah der Corsar niedergleiten zu dem Spiegel des Meeres und die blitzenden Wellen über ihm sich schließen. -

Dem Aufschrei der Verzweiflung von der versinkenden Dschonke antwortete der wilde Fluch des Dänen vom Hinterdeck des Raubschiffes.

»Das Boot! setzt das Boot aus, ihr Schurken!«

Am nächsten Tau schwang sich die breite Gestalt Hawthorn's über die Brüstung hinunter auf die Galerie und war selbst bemüht, das Gigk im Stern von seinen Rollen zu lösen.

Aber sein Ruf war noch nicht verklungen, als er selbst schon einsah, daß jede menschliche Hilfe vergeblich war.

Von allen Seiten schossen dunkle schwarze Streifen durch die goldglitzernde Fluth und tauchten nieder zur Tiefe; - die jammernden Mädchen an den Fenstern der Kajüte schrieen laut auf, und aus der Tiefe des Wassers in das Gold seines Spiegels hob sich ein heller purpurner Blutstrom.

Der Steuermann reichte dem Kapitain die Hand herunter über das Bollwerk, ihm zu helfen. »Kommt herauf Sir - die Dirne ist hin, die Hayfische haben ihre Beute!«

Und gleichsam als Antwort auf die kurze Grabrede klang, von dem Mastkorb des Hauvtmasts die Stimme des Chilenen herab:

»Unten auf Deck! Ahoi!«

»Was giebts?«

»Segel am Steuerbord! ein großes Schiff!«

»Schurke!« Der wilde Corsar war wieder ganz er

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selbst. Mit einem Sprung war er auf dem Deck, mit einem zweiten in einer der Wanten!

»Höll' und Teufel - ein Kriegsschiff! Ich sehe seine untern Segel mit bloßem Auge. Hinunter und holt mein Glas! Die schwarze Flagge herab, eh sie sie sehen, und die amerikanische auf. Bemannt die Spieren, Diaz, und setzt an Segeln auf, was der Schooner tragen will. Laßt den Schurken im Ausguck ablösen, damit er seine Strafe erhält für die schändliche Nachlässigkeit!«

Alles an Bord des »Satan« war jetzt in Bewegung; die Segel wurden gesetzt, das Gepäck von der Dschonke in den untern Raum gebracht, das gräuliche Bild am Boogspriet entfernt und durch das einer Möwe ersetzt, ebenso rasch verschwand der Namen des Schiffes.

In den ersten Augenblicken hatte der Kapitain nicht Zeit, an die Dschonke oder die Frauen zu denken. Der Portugiese hatte ihm das Fernrohr gebracht und Hawthorn beobachtete über die Schiffswand genau den Fremden, dessen Segel bereits vom Deck des Schooners aus sichtbar waren. Alles stand, der Befehle des Kapitains gewärtig, der - so wild und verbrecherisch er auch war, und so tyrannisch er auch die Mannschaft behandelte, - doch als Seemann bei ihr des unbedingtesten Vertrauens genoß.

Die Entfernung von der Dschonke hatte sich durch das Abtreiben der beiden Schiffe bereits auf etwa eine halbe Kabellänge vergrößert.

Jetzt wandte sich Hawthorn um, seine Stirn war finster zusammengezogen.

»Möge die Hand verflucht sein, die ihren Kiel gelegt.

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»Es ist die »Diomede«, unsere Feindin, die uns schon drei Mal gejagt. Sind die Leute an ihren Posten?«

»Ja, Sir!«

»Dann herum mit dem Steuer und laßt den Schooner um zwei Strich vom Winde abfallen. Das ist seine beste Segelkraft, und ich will an der Nocke baumeln, wenn wir ihr nicht entwischen, sobald die Brise stätig bleibt. Aber für alle Falle müssen wir gerüstet sein, um es aufzunehmen mit ihr. Laßt die Waffen bereit halten und Munition herauf langen. Bringt die beiden Dirnen her aus der Kajüte!«

»Was soll mit den Burschen da drüben auf dem Chinesenschiff geschehen?«

»Verflucht seien sie! Wir haben keine Zeit mehr, ein Boot auszusetzen, um ihre Höllenfahrt zu beschleunigen. Aber ehe die Corvette das Wrack erreichen kann, muß mehr als eine Stunde vergehen, und dann liegen sie längst auf dem Meeresgrund und können nicht mehr plaudern. Der Schurke von Zimmermann sollte gekielholt werden, weil er seine Arheit so schlecht gethan. - Schafft die Weiber auf die Laufplanke des Steuerbord!«

»Alle, Kapitain?«

»Alle - ohne Ausnahme!«

Die Chinesinnen wurden von den Corsaren herbeigezerrt und nach dem bestimmten Ort gebracht. Die unglücklichen Geschöpfe trugen meist noch in den wirren Haaren, in den zerrissenen Kleidern und bleichen Gesichtern die Spuren der scheußlichen Orgie - aber gewiß

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hatten sie keine Ahnung von dem schrecklichen Schicksal, das ihnen bevorstand.

Als sie jedoch von ihren Gefährtinnen das traurige Loos von Himmelsblüthe gehört hatten, der sie alle mit Begeisterung zugethan waren, begann ein lautes Jammern und Wehklagen.

»Höll' und Verdammniß!« tobte Kapitain Hawthorn - »werden die Kanaillen ihre Mäuler halten? Sie wären im Stande, uns die ganze englische Flotte auf den Hals zu schreien. Wo sind die Dirnen, die diese Nacht Eure Weiber spielten, Diaz?«

Man zog die Beiden aus der Menge.

»Laßt Cäsar, den Zimmermann, kommen!«

Der große Schwarze trat aus dem Haufen. »Höre Bursche,« sagte grimmig der Kapitain - »Du hast Deine Arbeit da auf der Dschonke so jämmerlich gethan, daß Du die Bastonnade verdientest. Ich hoffe, daß Du die Schreihälse hier nicht wieder so lange singen lassen wirst!«

»Soll ich sie knebeln, Massa Kapitain und unten in den Kielraum stecken?«

»Ich weiß etwas, das sie leichter stumm machen wird, als Dein Knebel. Warum habt Ihr Eure Herrin nicht besser bewacht, wie ich Euch befahl, Kanaillen?« wandte er sich zu den Mädchen.

Sie verstanden ihn wohl nur halb, da er englisch mit ihnen sprach, aber sie merkten aus dem Ausdruck seines von Zorn und Verdruß gerötheten Gesichts, daß er Böses mit ihnen vorhatte, und fielen zitternd auf die Knie!

»Gnade Sahib Kapitain, Gnade!«

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»Wißt Ihr, daß Ihr Gnade winselt vor dem Rothen Hay? Nun zum Teufel, holt sie bei seinen Namensvettern! Hinunter mit ihnen, Cäsar!«

Ein jammerndes Hilfgeschrei - der riesige Aethiopier ergriff eines der Mädchen, schwang es in seinen Armen und schleuderte es über das Bollwerk.

»Kameraden,« sagte wild der Kapitain - »es muß sein! Weiber kriegt Ihr in Manilla zur Genüge wieder, aber wenn eine dieser heulenden Brut am Leben bleibt und jene Corvette erreicht uns, sind wir verloren. Ihr Tod ist Eure Sicherung. In's Meer mit ihnen - die Hayfische warten!«

Ein entsetzlicher Auftritt, gegen den selbst das Bachanal der Nacht ein Kinderspiel gewesen, begann jetzt an Bord des »Satan«.

Die unglücklichen Wesen suchten nach allen Seiten ihren Mördern zu entrinnen. Einige klammerten sich mit so wahnsinniger Angst an die Taue und andern Gegenstände, daß ihnen die Corsaren die Finger mit ihren Dolchen aufbrechen mußten. Andere warfen sich zu ihren Füßen, boten ihnen ihren Leib und erinnerten sie in herzzerreißenden Worten an ihre Hingabe, indem sie nur um ihr Leben flehten. Noch andere stürzten sich in wahnsinniger Furcht selbst in die See, um im nächsten Augenblick in den Rachen der schrecklichen Ungeheuer der Tiefe zu enden!

Mahadrö hatte die Wahrheit gesprochen. Es war, als ob die stummen Tiger des Meers das Fest geahnt hätten, das ihr menschlicher Namensvetter ihnen gab. Nicht

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einer der gräulichen Schaar war bei der versinkenden Dschonke geblieben, um die beiden Gefesselten zu erwarten - alle begleiteten den Schooner und drängten sich jetzt in gräßlichem Gewirr, die schwarzen Leiber über das Wasser erhebend und dann plötzlich sich auf den Rücken schleudernd, den weiten Rachen mit der dreifachen Zahnreihe weit geöffnet, um das Opfer zu empfangen.

Eine breite Blutlache, zwischen den Ungeheuern der Tiefe noch zuckende menschliche Glieder, umfluthete das schreckliche Schiff.

Einem der Mädchen, gewandter und rascher als seine unglücklichen Gefährten, war es gelungen, aus dem Kreise der Mörder zu entkommen, über das Deck zu flüchten und an einer der Strickleitern in die Höhe zu klimmen. Der Corsar, in dessen Arm sie die Nacht gelegen, ein junger wilder Bursche, der in Pondichery von einem französischen Schiff desertirt war, verfolgte sie, vermochte aber erst nahe am Mastkorb sie einzuholen. Mit aller Kraft hielt das schreiende Mädchen sich hier fest, so daß er vergeblich sich bemühte, sie loszureißen.

Hawthorn hatte die Scene gesehen, aber von dem vergossenen Blut bis zum Wahnsinn erhitzt, von dem Verlust Marias und der Ueberraschung durch die Corvette wüthend gemacht, kannte er ein Erbarmen nicht.

»Mach' ein Ende, Bursche!« brüllte er hinauf.

Der junge Franzose hielt mit einem Arm das Mädchen.

»Sie hat Courage, Kapitain,« sagte er halblachend. »Laßt uns ihr das Leben schenken - ich stehe für sie!«

Der Däne riß ein Pistol aus dem Gürtel und spannte es.

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»Hinunter mit ihr, Schurke, oder ich zerschmettere Dir selbst den Schädel!«

»Nun Sacrebleu, wenn's denn sein muß!« Er hatte den Fuß gegen die Leiter gestemmt und riß an ihr. Plötzlich ließ die Chinesin los, und beide stürzten, sich noch umschlungen haltend, hinab. Sie schlugen auf die Taue der Wantung und abprallend von da weit hinaus in's Meer.

Der Matrose kam alsbald wieder nach oben, und da er ein vortrefflicher Schwimmer war, machte er sich bald von seinem Opfer los und brüllte wie ein Stier um Hilfe. Mehre seiner Kameraden waren nach der Backbordseite geeilt, warfen ihm ein Tau zu und hofften ihn zu retten, da die Hayfische auf der andern Seite des Schiffes ihr gräßliches Mahl hielten. Bereits hatte der Pirat das Tau gefaßt und die Schiffswand erreicht, an der ihn seine Gefährten emporzuhiffen suchten, als er einen furchtbaren Schrei ausstieß. Im nächsten Augenblick hob sich der Körper an dem krampfhaft umklammerten Tau aus dem Wasser, aber ein Blutstrom schoß an ihm herunter, denn eines der Beine war dicht über'm Knie abgebissen, als sei es mit Säge und Messer amputirt, und als der Körper an Bord gehoben wurde, rollten die Augen des Mörders bereits selbst im Todeskampf.

Dies endete die schreckliche Scene; - aus den Wogen von Blut, über die verstümmelten Körper und die gräulichen Ungeheuer der Tiefe hinweg furchte der schnelle Schooner die Bahn seiner eiligen Flucht, während die von dem Ende ihres Kameraden betroffenen Piraten stumm

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und erschreckt um seinen im Todeskampf sich windenden Körper standen, obschon sie doch noch wenige Augenblicke vorher den Jammer ihrer Opfer gehöhnt hatten.

Aber die Stimme ihres wilden Anführers riß sie bald aus dieser Betrachtung: »Schüttelt die Oberbramsegel aus, Bursche - rasch hinauf, oder ich will Euch Beine machen! Setzt die Seitensegel an, Lieutenant Diaz und laßt die Enternetze bereit halten. Bei allen Teufeln, die Corvette gewinnt uns den Vortheil ab!«

Unter vollem Segeldruck schoß der »Satan« jetzt vor dem Winde durch die Fluth.

Keines der gefrässigen Ungeheuer umspielte mehr seinen Kiel.



Etwa anderthalb Stunden, nachdem das Piratenschiff die Dschonke verlassen hatte, kam die englische Corvette auf der Jagd nach dem verdächtigen Fahrzeug dort vorüber. Die Berechnung Hawthorn's hatte ihn getäuscht - das unglückliche Fahrzeug war noch nicht in die Tiefe des Meeres mit seiner traurigen Last niedergestiegen und dies aus sehr natürlichen Gründen. Wie bereits erwähnt, ist das Material, aus welchem diese Fahrzeuge erbaut werden, so leicht, daß sie schon dadurch eine enorme Tragkraft haben und nur unter ganz besonderen Umständen sinken. Die Oeffnungen, welche die Corsaren in den Schiffsboden gehauen, ließen zwar das Wasser eindringen, der Umstand aber, daß die Luken verschlossen und vernagelt wurden, preßte die Luft unter dem obern Deck zusammen und ließ das Fahrzeug eben nur bis zu diesem einsinken, wobei

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freilich die unglücklichen Passagiere und die eingesperrte Mannschaft das Opfer wurden.

In dieser Weise hätte das Schiff noch tagelang auf dem Ocean umhertreiben können.

Vom Bord der Corvette hatte man, ohnehin durch die schnelle Entfernung des Schooners aufmerksam gemacht, die Spieren und die unordentliche Takelage des chinesischen Schiffes bemerkt, und als man näher kam mit Hilfe der Gläser die räthselhaften dunkeln Gestalten des Missionairs und des Malayen, die gleichsam aus der Fläche des Meeres sich erhoben und oft von den Wogen mehr als zur Hälfte überfluthet wurden entdeckt. Die »Diomede« gierte daher in der Verfolgung so weit zur Seite ab, um ein Boot hinüber senden zu können.

Als der Midshipman, der es führte, an Bord gelangte, fand er den Missionair ohne Bewußtsein in seinen Banden hängen. So wurde er in das Boot gehoben und auch der Malaye abgeschnitten und in Sicherheit gebracht, obschon es unmöglich war, den armen Burschen sofort von seiner Marter zu befreien, da die Werkzeuge hierzu fehlten. Aus seinen Worten aber vernahm man wenigstens oberflächlich was geschehen, und daß das fliehende Schiff am Horizont der berüchtigte Piratenschooner »der Satan« war. Auf die Frage nach der Mannschaft der Dschonke deutete der Malaye an, wie sie in den Raum des Schiffes getrieben worden und dort umgekommen sei. Obschon kein Zweifel daran sein konnte, da selbst die obern Planken bereits stundenlang unter Wasser gestanden, wollte der junge Offizier doch wenigstens sich überzeugen und befahl

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zweien der Matrosen, an der Vorderluke ein Loch in das Deck zu hauen. Zum Glück für Alle hatte er die Vorsicht dabei genommen, das Boot einige Faden weg legen zu lassen, denn kaum hatten die britischen Seeleute mit dem einen Beil, das sie bei sich führten, eine der Planken gelöst, als die eingepreßte Luft mit einer Explosion wie ein Flintenschuß ausströmte und die Bretter auseinanderriß, wobei einer der Matrosen leicht verwundet wurde. Diese hatten kaum Zeit, sich selbst in die See zu werfen und nach ihrem Boote zu schwimmen, in das sie eiligst aufgenommen wurden, als der »fliegende Schwan« von dem oben eindringenden Wasser gefüllt, in die Tiefe sank.

Nur den kräftigsten Anstrengungen der Matrosen und ihrer Kaltblütigkeit gelang es, das Boot glücklich aus den Wirbeln zu bringen, die das versinkende Fahrzeug um sich zog, und der junge Offizier ließ nun mit aller Kraft die Riemen einsetzen und nach der Corvette, die unterdeß beigelegt hatte, zurückrudern.

Eine halbe Stunde später waren sie an Bord und der Kapitain des englischen Schiffes ließ auf die Nachricht, daß das verfolgte Fahrzeug wirklich der berüchtigte Pirat war, alle Leinwand, die das Schiff nur tragen und der Wind nur schwellen mochte, beisetzen, um die mit der Rettung der beiden Unglücklichen versäumte Zeit wieder einzuholen, während diesen aus dem Hauptdeck von dem Wundarzt der Corvette und den Offizieren, jeder mögliche Beistand geleistet wurde.

Es war ein grauenhafter Anblick, der selbst manchem der harten, Wunden und Tod gewohnten Matrosen eine

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Thräne in die Augen trieb, als der Gehilfe des Waffenmeisters der Corvette die Schlösser der eisernen Reifen losgeschlagen hatte, welche die Glieder des armen Malayen gefesselt gehalten hatten. Die eisernen Spitzen waren tief in das Fleisch gedrungen und hatten zum Theil Muskeln und Knochen zerquetscht. Er mußte fürchterlich während der langen Zeit, fast vierzehn Stunden, gelitten haben, und dennoch hatte er nicht einen Schrei der Klage hören lassen. Seine Beine waren so furchtbar verletzt, daß er nicht aufzustehen vermochte und der Wundarzt achselzuckend versicherte, daß er, wenn er ihm auch das Leben retten könne, doch sein Lebelang ein Krüppel bleiben werde. Nur die Arme, obschon der Knochen des einen über dem Handgelenk gebrochen war, hoffte er ihm in alter Kraft zu erhalten.

Mit finsterem verschlossenen Ausdruck lag der Malaye, während ihm die zweckmäßigsten Verbände angelegt wurden, auf dem Deck, nur von Zeit zu Zeit sich erkundigend, wie es seinem Leidensgefährten gehe, und ob die Corvette auf der Jagd hinter dem Schooner diesem schon einen Vortheil abgewonnen habe.

Henry Norford war durch reichliche Anwendung von flüchtigen Salzen und andern Mitteln wieder zum Leben zurückgebracht worden, aber die erschöpfte Natur forderte ihre Rechte und ehe er noch voll das Bewußtsein seines Elends erlangt hatte, sank er in einen tiefen Schlaf.

Die Sorgfalt um ihn war um so eifriger, als Kapitain Oxbridge, der Kommandeur der Corvette, in ihm einen früheren Schiffsgenossen wiedererkannt und ohnehin

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den Auftrag und die Absicht gehabt hatte, ihn in Shanghai aufzusuchen. Die Corvette war vom Admiral abgeschickt, den englischen Handel auf den beiden nördlichen Factorei-Stationen zu beschützen und im gelben Meere zu diesem Zweck zu kreuzen.

Es war kurz vor Sonnenuntergang, als der Missionair erwachte. Erstaunt sah er sich um - die Wände der engen Kajüte, die ihm Kapitain Oxbridge eingeräumt, versetzten ihn Anfangs in seine Jugendzeit zurück und ließen ihn glauben, er befinde sich noch an Bord der Fregatte »Wa[a]terloo«. Dann plötzlich schoß es wie ein Strahl der Erinnerung durch seine Seele, er fuhr mit beiden Händen nach der Stirn und starrte umher, indem er sich von seinem Lager emporraffte.

Neben demselben saß als Wächter ein rauher alter Matrose.

»Um Gotteswillen - wo bin ich hier, Mann - was ist mit mir geschehen?«

»Wo Ihr seid Sir? Nun Goddam, wo sollt Ihr anders sein, als an Bord der »Diomede«, Ihrer Majestät Corvette von 16 Kanonen. Es läßt sich denken, daß Ihr ein Stück von Eurem Verstande eingebüßt - denn es ist kein Spaß für einen geistlichen Herrn, eine Nacht so im Wasser zuzubringen, Sir, alle Augenblicke gewärtig, daß so ein verfluchtes Beest einem die Beine wegschnappt. Aber Ihr habt doch noch Eure gesunden Glieder bewahrt, während es ein Jammer ist, den armen Kerl, Euren Gefährten, anzusehn!«

Norford faßte heftig den Arm des Matrosen.

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»Mensch - von wem sprichst Du?«

»Ei zum Henker, von wem anders, als von dem braunen Burschen, den man wie eine Kugel zusammengeschnürt an den Wanten neben Eurer Hochwürden gefunden hat.«

»Mahadrö? - Barmherziger Gott - und Maria? Wo ist das Schiff? wo ist das Schiff?«

Er warf sich von dem Lager. »Meine Kleider! wo sind meine Kleider?«

»Na seid nicht närrisch, hochwürdiger Herr!« meinte der Seemann. »Den schwarzen Rock hat das Seewasser verdorben, aber der Kapitain hat Euch einen von den seinen hierher legen lassen durch den Steward, und meinte, der passe ohnehin besser für Euch und es sei eine Schande, daß ein Mann wie Ihr im Pfaffenrock stecke. Aber ich muß jetzt die Meldung machen, daß Ihr wieder bei Verstande seid, was man so nennt, denn der erste Lieutenant hat's im Auftrag des Kapitains streng befohlen.«

Der alte Seewolf verließ die Kajüte, Henry Norford aber stürzte sich von dem Lager und warf die trocknen Kleidungsstücke, die man ihm hingelegt, hastig über. Dann eilte er, ohne sich aufzuhalten, auf das Verdeck.

Hier begegnete er Kapitain Oxbridge.

»Henry Norford! Willkommen alter Schiffskamerad, und Gott sei gedankt, daß ich Ihnen einen solchen Dienst erweisen konnte und nicht zu spät kam.«

Der unglückliche Mann starrte ihn an; dann legte er die Hand an die Stirn. »William Oxbridge - wahrhaftig, ich erkenne Sie! - Aber Maria? bei Allem, was

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Ihnen heilig ist, beschwöre ich Sie, wo ist Maria, meine Verlobte, meine Braut?«

»Sir Henry Norford,« sagte ernst der Kapitain, des alten Freundes Hand erfassend, da er genug aus den kurzen, abgebrochenen Mittheilungen des Malayen entnommen, um das Unglück seines Freundes zu begreifen, - »Sie waren stets ein Mann, beweisen Sie es auch jetzt. Seien Sie meiner innigsten Theilnahme an dem traurigen Schicksal gewiß, das Sie betroffen. Die Flagge Alt-Englands wird nicht ruhen, bis der schändliche Verbrecher seine Strafe bekommen hat.«

»Maria! wo ist Maria? - ich habe ihren Geist gesehen ...«

»Das Mädchen ist im Himmel! Bedenken Sie, daß Sie ein Priester Gottes geworden sind und Ergebung Ihnen geziemt. Wie der Malaye erzählt, hat sie selbst den Tod in den Wellen gesucht vor diesen Ungeheuern.«

Der Unglückliche begrub das Gesicht in seine Hände - die ganze Erinnerung kehrte ihm zurück, - dicke Tropfen perlten zwischen seinen Fingern hindurch.

»Mahadrö! wo ist Mahadrö?«

»Freund,« sagte der Kapitain, »bevor ich Sie zu dem armen Burschen führe, habe ich Ihnen wichtige Nachrichten aus England mitzutheilen. Ich bringe Briefe für Sie nach Shanghai, welche die Zeitungsnachricht bestätigen. Ihr älterer Bruder, Mylord, ist gestorben und da sein Sohn kurz vorher verunglückt ist, fällt die Pairie auf Sie und ich habe die Freude, Sie als Lord Drysdale zu begrüßen.«

Norford hatte kaum auf die Worte gehört - noch weniger

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berührte ihn die wichtige Kunde. »Mahadrö!« wiederholte der Arme - »führen Sie mich zu Mahadrö!«

»Mylord - Ihr Schmerz ist gerecht, aber er wird der Nothwendigkeit weichen. Kommen Sie!«

Indem der Kapitain mit einer Bewegung der Hand den Offizieren und Matrosen andeutete, zurückzutreten, führte er den Missionair nach dem Vorderdeck.

Auf einer Matratze lag die verkrümmte Gestalt des Malayen, die gebrochenen Glieder in Schienen und Banden. Neben ihm lagen noch die Instrumente seiner schändlichen Marter.

Der neue Lord warf sich an seiner Seite nieder und faßte die gesunde Hand. »Mahadrö, mein Freund,« stöhnte er mit tiefem Seelenschmerz - »sprich, rede Du! ist es wahr, was ich meiner Erinnerung, meinen Sinnen nicht glauben will? Wo ist Maria, meine Braut![?]«

»Bei Deinem Gott, Sahib, wohin die Guten und Gerechten gehen, und wo wir sie wiederfinden werden, da auch der arme Malaye ein Christ geworden durch Dich! Himmelsblüthe ist im Paradiese, wohin der Rothe Hay und die Männer des »Satan« niemals kommen werden!«

»Des Satan! Ja bei Gott, ich will ihn zu seiner Hölle schicken!«

Norford - oder vielmehr Lord Drysdale war emporgesprungen und faßte wild den Arm des Commandeurs. »Kapitain Oxbridge,« sagte er heiser - »wenn Sie je mein Kamerad, mein Freund gewesen sind, - stellen Sie mich an die Spitze Ihrer Enterer und dann hinan an den Bord des Corsaren! Zögern Sie nicht länger! Aber daß

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kein Anderer wage, seine Waffe mit ihm zu kreuzen! ich will ihn haben - mein muß er sein!«

Der Kapitain führte ihn an das Bollwerk und zeigte nach dem fernen Horizont, an dem eben das Meer mit Gold und Purpur besäend die Sonnenschein in die Fluth sank.

»Bei unserer alten Kameradschaft, Henry Norford,« sagte er ernst, »ich wollte die Aussicht auf mein Patent als Postkapitain darum geben, wenn ich Ihnen den Degen in die Hand drücken und sagen könnte: Vorwärts! - Aber die Schurken waren rascher als wir, und wissen ihren Vortheil zu benutzen. Wir haben Alles gethan, was britischen Seeleuten möglich ist und jeden Fetzen Leinwand aufgesetzt, den die Diomede tragen konnte. Aber dort sehen Sie ihre Oberbramsegel verschwinden, und ehe die Sonne wieder aufgeht, werden sie uns in ihren Schlupfwinkeln zwischen den Inseln verschwunden sein, während ich meiner Ordre folgen und den Cours nach Norden steuern muß! Vertrauen Sie auf Gott, armer Freund! Seine Hand wird die Bösewichter finden!«

»Ja, Gott! - aber nicht der Gott, zu dem ich vergeblich gerungen! - Du hast den Gott der Christen gewählt, Mahadrö, der Liebe befiehlt zu den Feinden und Vergebung denen, die uns das Theuerste gemordet, - nein, nicht gemordet, - tausend Mal schlimmer als das! zerrissen, zerstückelt, entweiht - entsetzlicher, als der Tiger der Dschung[e]l, als die Hyäne, die die Gräber aufwühlt. Wohl - so wähl' ich den Deinen, der die Rache befiehlt, und die Vernichtung der Feinde! Bei dem Gott, der die

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Unschuld verderben ließ, bei Deinem Allah, der mir das Schwert in die Hand drückt, schwöre ich's, Euch zu rächen, Schatten der Gemordeten und Entweihten! Möge mein Gehirn verdorren unter der Erinnerung, möge der Tropfen Wasser mir zur feurigen Gluth werden und das Blut in meinen Adern verbrennen, wenn ich nicht jeden Augenblick meines Daseins, jeden Schilling meiner Habe daran setze, diesen Bösewicht über die Erde zu peitschen, bis ich ihn erreicht habe und ihn mit diesen Händen zermalmen und mit Martern, wie sie noch kein Menschenwitz erdacht haben soll, ihm vergelten kann! Rother Hay! rother Hay! der schottische Wolf ist hinter dir!«

Und ohnmächtig aufs Neue von der entsetzlichen Aufregung sank er in die Arme Derer, die ihn schaudernd umstanden. - - -



Vier Monate nachher ging von Calcutta eine Brigg unter Segel, die den Namen »der Rächer« führte. Sie war ein überaus schnell segelndes Schiff und für eine große Summe angekauft, frisch kalfatert und aufgetakelt, führte sechs Karonaden und zwei lange Neunpfünder an Bord, und war überhaupt mit der minutiösesten Sorgfalt als Kriegsschiff ausgerüstet. Eine Bemannung von sechszig wettergebräunten, erprobten Seeleuten, Männern, die keine Gefahr und keine Furcht kannten, verkündete die Bestimmung des Schiffes, und in der That hatte auch der Eigner der Brigg, der zugleich ihr Kapitain war, von dem Gouverneur von Indien eine Bestallung als Kaper der Regierung

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erhalten, die ihn ermächtigte, die Piratenschiffe »zu nehmen zu verbrennen und zu versenken,« wo er sie fände.

Auf dem Hinterdeck stand ein hochgewachsener finsterer Mann mit bleichem abgezehrtem Gesicht, aber von fester energischer Haltung. Er trug einfache schwarze Kleidung von europäischem Schnitt, nur statt der Mütze oder des Hutes bedeckte ein malayischer Turban von rother Farbe sein dunkles Haar, in das sich bereits viele Silberfäden mischten, obschon der Mann kaum die Dreißig überschritten haben konnte. Er stützte sich auf eine große Lochaber Axt, die berühmte und schreckliche Waffe seiner gälischen Vorfahren, während er mit fester kräftiger Stimme die Befehle ertheilte.

Neben ihm am Boden hockte, auf zwei Krücken gestützt, mit denen er sich jedoch sehr behend fortzuschieben verstand, ein Krüppel, dessen Beinen jede Muskelkraft zu fehlen schien, obschon sonst, bis auf den gekrümmten Rückgrat, der Unglückliche noch im kräftigsten Mannesalter zu sein schien und seine feurigen schwarzen Augen aus dem gelbbraunen Gesicht wie zwei Dolchspitzen leuchteten.

Es war der Malaye Mahadrö und der Kapitain auf dem Hinterdeck Henry Norford, Lord von Drysdale. -

Von diesem Augenblick an begann »der Rächer« mit seiner Besatzung eine eifrige Jagd durch das indische und chinesische Meer nach dem Piratenschooner »der Satan«. Kein Versteck der Inseln blieb undurchsucht, jeder Theil der Küste wurde sorgfältig durchspäht, jedes Schiff wurde um Nachricht über den berüchtigten Corsaren angehalten.

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Lord Drysdale streute Gold mit voller Hand und unterhielt die besten Spione.

Im Laufe eines Jahres war »der Rächer« zwei Mal dem Piratenschiff begegnet, das ihn auf alle Weise zu vermeiden suchte; denn das Gerücht von dem Schicksal und dem Unternehmen des englischen Pairs hatte sich bald verbreitet, und war auch Kapitain Hawthorn zu Ohren gekommen, der nachgerade diese Meere zu heiß für sich zu finden begann.

Das erste Mal geschah es durch einen glücklichen Zufall, daß der »Rächer« den Schooner in der Nähe der Baschi-Inseln antraf, nachdem er eben wieder ein Kauffahrteischiff geplündert hatte. Die Brigg eröffnete alsbald ihr Feuer, das der Schooner erwiderte, und steuerte gegen ihn, um ihn zu entern. Auf dem Hinterdeck des »Rächers« stand der Lord, die Lochaber Axt in der Hand, auf dem des Schooners der Däne Hawthorn. Wenige Augenblicke noch, und die Schiffe mußten zusammentreffen, als eine volle Lage des »Satan« den Fockmast der Brigg traf und ihn mit dem ganzen zur Lenkung der Brigg nöthigen Segelwerk stürzen machte. Die dadurch entstandene Verwirrung und Unbehilflichkeit des Schiffs benutzte der Däne, der sich in der That nur in Rum den Muth getrunken hatte, seinem Gegner entgegen zu treten, um sofort den Schooner zu wenden und die Flucht zu ergreifen. Ehe der »Rächer« sich von dem Tauwerk befreien und einen Nothmast aufrichten konnte, war das Seeräuberschiff vor der kräftigen Brise in weiter Ferne und bald darauf ganz verschwunden.

Lord Drysdale war außer sich, daß ihm sein Opfer

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durch dies Mißgeschick entgangen war. Einen Monat lang suchte er den Satan unablässig zwischen den Inseln, ohne ihn wieder finden zu können. Nur die neuen Verbrechen, die der »Satan« begangen, gaben Kunde davon, daß er noch existirte.

Aber bald darauf verschwand auch diese, und es schien, als sei das Corsarenschiff gänzlich verschwunden.

Da erhielt im letzten Monat des Jahres Lord Drysdale die Nachricht, daß man ein Schiff, ähnlich dem »Satan«, in der Nähe der Ladronen gesehen und daß es dort einen deutschen Kauffahrer, der von Lima kam, geplündert hätte.

Der Kapitain der »Rache«[des »Rächers«] gönnte seinem ersten Lieutenant kaum Zeit, die Brigg mit Wasser und neuen Vorräthen zu versehen, als er ihren Lauf nach den Inseln richten ließ.

Am einundzwanzigsten Tage darauf hörten in der Nacht die Bewohner von Saypan den Lärmen eines Gefechts auf See und sahen einen amerikanischen Schooner, der seit einigen Tagen in einer Bucht ihrer Küste ankerte, in vollen Flammen stehen. Am andern Morgen hörte man, daß das amerikanische Schiff von einem englischen Fahrzeug überfallen und verbrannt worden sei.

Der Engländer lag noch in der Nähe des bis zum Wasserspiegel niedergebrannten Schiffes und seine Raaen trugen eine schaurige Last. Neunzehn Männer hingen an ihren Nocken - an dreißig waren im Kampf gefallen.

Jetzt erst erfuhr die Bevölkerung, daß das verbrannte Fahrzeug das berüchtigte Raubschiff »der Satan« gewesen war.

Aber der Engländer schien mit diesem furchtbaren Gericht nicht zufrieden; schon am Morgen setzten seine Boote

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eine starke Abtheilung der noch von der Blutarbeit der Nacht erschöpften Mannschaft an's Land, die an der ganzen Küste eifrig nach etwa an's Land geflüchteten Corsaren forschte denn wie es hieß, war das Haupt der Seeräuber, der berüchtigte »Rothe Hay« mit zwei oder drei seiner Gefährten, nachdem er bereits mit dem Kapitain der englischen Brigg im Handgemenge zusammengetroffen und von ihm verwundet worden war, in einem kleinen Boot entkommen, wenigstens wurde er weder unter den Gefangenen, noch unter den Todten gefunden.

Eine ganze Woche lang setzte Lord Drysdale auf das Eifrigste seine Nachforschungen über die ganze Insel und auf den Nachbarinseln fort und bot eine hohe Summe für die Entdeckung der Corsaren und ihres Führers. Er mußte endlich mit der Ueberzeugung die Anker lichten, daß auf diesen Inseln der verhaßte Feind keine Zufluchtstätte gefunden hätte, und daß, wenn es ihm wirklich gelungen war, zu entwischen, er in dem leichten Boot sich den Gefahren des weiten Oceans anvertraut haben mußte, der zweifelsohne längst sein Grab geworden.

Seit diesen Ereignissen bis zu der unvollständigen Erzählung, welche der Pirat davon auf dem Hinterdeck der »Santa Magdalena« gab, indem er dabei fleißig der Grogkkanne zusprach, waren zwei Jahre ergangen.

Niemand hatte seitdem wieder von Squale rouge, oder dem »Rothen Hay« gehört, bis der Mann, welcher in San Francisco sich in die Schaar des Grafen von Boulbon aufnehmen ließ und ihm zu trotzen wagte, sich selbst diesen Namen gab.

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Aber in diesen Gegenden des Erdballs ist der Wechsel blutiger Thaten so groß, die Reihe der Abenteurer, ja der Verbrecher, so zahlreich, daß ein Zeitraum von zwei Jahren mehr als genügt, dem Einzelnen in den Augen der Menge die Verjährung zu sichern, noch dazu wenn der Schauplatz dieser Verbrechen ein anderer Theil der Welt war. Laufen doch die größten Schurken und Diebe der alten Welt in dem freien Amerika als freie Bürger und oft sehr angesehene Männer umher!

Wenn daher auch die Gesellschaft, welche der Erzählung des Piraten beigewohnt, obschon er sie nur gab, als sei er Zeuge dieser Thaten gewesen, wohl überzeugt war, daß er selbst die Hauptrolle gespielt, fiel es doch Niemand ein, ihn darüber jetzt noch zur Rechenschaft zu ziehen; der Corsar erreichte vielmehr vollkommen seinen Zweck, sich unter solchen Abenteurern eben durch die Größe seiner Verbrechen in einen gewissen Respect zu setzen und gefürchtet zu machen, was nach seiner Niederlage durch den Grafen geschwunden war.

Nur der wackere Mayordomo sprach unverholen seine Meinung aus und bedauerte zum ersten Mal, daß ein Engländer nicht seinen Zweck erreicht hatte. -

Als er gleich darauf aufstand, um aus der Nähe des ruchlosen Bösewichts fortzukommen, mit dem Master Slong und sein würdiger Freund eine intime Unterhaltung begonnen, und nach dem Vorderschiff ging, war ihm der Chinese, der schon früher sich möglichst an seine Seite hielt, nachgeschlichen und berührte jetzt leise seinen Arm.

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»Singh-Bonifacio,« flüsterte er - »Du hast die Geschichte des schlimmen Mannes gehört!«

»Corbioux - das hab' ich, und ich wünschte, der Bursche hätte eine vierundzwanzigpfündige Kugel an den Beinen und läge auf dem Meeresgrund!«

»Wenn Singh-Bonifacio nicht den armen Fong-sin verrathen will, kann er Dir ein Geheimniß verrathen.«

»Nur vorwärts; Du stehst unter meinem Schutz!«

»Der Mann dort ist wirklich der Massa Kapitain vom »Satan« und er ist Einer, der nie eine Beleidigung vergiebt, der Sahib General möge sich hüten vor ihm.«

»Woher weißt Du das Erstere, Bursche?«

»Fong-sin,« gestand der Chinese stockend, »war sehr jung und sehr arm, als er drei Monate lang auf dem »Satan« Küchenjunge war, bis er davon lief.«

»Gut! - ich werde mir die Sache überlegen und mit dem Grafen sprechen, daß der Kerl fortgeschafft wird, sobald wir Guaymas erreicht haben. Bis dahin schweige, um Deiner selbst willen, mein guter Langzopf!«

Der Chinese zog sich zurück und der alte wackere Avignote schaute noch lange hinaus auf den prächtigen Sternenhimmel und die leuchtende See mit trüben Ahnungen über das Unternehmen, in das sich sein Freund und Gebieter eingelassen hatte.



Es war am dritten Morgen darauf, - ohne daß sich wieder Gelegenheit gefunden hätte, die nächtlichen Erzählungen am Mast fortzusetzen, - daß die Expedition des Grafen Raousset Boulbon die Rhede von Guaymas erreichte und in dem Hafen der westlichen Handelsstadt ankerte.

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Die ganze Mannschaft stand auf den Decks der beiden Fahrzeuge gedrängt, der Ausschiffung harrend, als plötzlich der Pirat, der sich selbst »Squale rouge« genannt, erbleichte, und eilig sich in das Gedränge zurück und seine neuen Freunde Hesekiah Slong und John Meredith durch die Luke wieder hinab in den Schiffsraum zog.

Sein Blick war auf eine Erscheinung gerichtet, die eine Wirkung auf ihn übte, als sei eine Kanonenkugel zu seinen Füßen niedergeschlagen.

In das Gedräng der Boote, welche die beiden Schiffe umschwärmten - und durch welches die Barke des Grafen sich eben Platz machte, der in großer Uniform mit dem Señor Don Esteban sich zum Gouverneur der Stadt begab, - war das Gigk eines englischen Schiffes gerathen, das auf der andern Seite der Rhede lag, und das von diesem kommend nahe am Bord der »Santa Magdalena« vorüber nach der Stadt ruderte.

Im Stern dieses Bootes saßen zwei Personen: ein hoher blasser Mann in dunkler europäischer Kleidung, das Haupt mit einem rothen Turban bedeckt, und neben ihm kauernd, von seinem weißen Linnenmantel verhüllt, ein armer indischer Krüppel. - -

Die Kanonen des Forts begrüßten mit ihrem Donner die dreifarbige Flagge Mexiko's, die am Mast der beiden Schiffe aufgezogen war, während neben ihr stolz das Sternenbanner Amerika's und die weiße Flagge des alten Königthums von Frankreich hinaus in die Morgenluft flatterte.


Footnotes:

1In dem Roman: »Nena Sahi«B 1. Thl.

2»Mille annos«, eine gewöhnliche spanische Begrüßung.

3Die amerikanischen Tigerjäger.

4Er befindet sich noch im zoologischen Garten von London.

5Wohnplätze der Kabylen; die der Araber heißen Duar's.

6Der Römer. Die Familie der Bel-Hocein leitet wirklich noch ihre Abstammung von den römischen Eroberern her.

7Ein arabisches Landgut.

8Taucher.

9Mäkler.

10Fischerei.

11Schänke.

12Spielbanken.

13Eine halbe geographische.

14Warum?

15Ein Wind im Meerbusen von Kalifornien.

16Beinkleider.

17Muth gefaßt!

18Ein bekannter Vergnügungsort bei Copenhagen.

19Der 69. Psalm.




Werke von Sir John Retcliffe