Villafranca
oder
Die Kabinete und die Revolutionen.
von
Sir John Retcliffe
Dritte Abtheilung:
Magenta und Solferino
Historisch politischer Roman aus der Gegenwart
Dritter Band.
Zweiter Abschnitt.

Frei bis zur Adria!

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Im Schweizer-Saal!

Es war Neujahr - der Abend des Tages, mit dem das alte Jahr 1858 seinem Nachfolger 1859 den Platz in der Weltgeschichte und im Leben der einzelnen Menschen räumte, deren Leiden, Thaten und Leidenschaften eben die Geschichte des Ganzen zusammen bauen.
Der kranke König von Preußen, Friedrich Wilhelm IV., verweilte mit seiner Gemahlin, dieser erhabenen Frau des Duldens und der Liebe, ähnlich der unvergeßlichen Luise, im Palast Caffarelli am Forum von Rom. Es war das Herz durchschneidend gewesen, als der König, das Opfer seiner Treue für den vorangegangenen Schwager, von seinem Volke schied, um schon damals fast willenlos nach dem Süden geführt zu werden, nicht Heilung, sondern nur Linderung seines Zustandes erhoffend, - von seinem Volke, für das er so viel gethan, und das seinem willigen Herzen mit so traurigen Erfahrungen gelohnt hatte. Sein größter, fast sein einziger Fehler war ja doch nur seine Güte und Liebe!
Wir erinnern uns noch genau bis in die kleinsten Details des Oktober-Morgens auf dem Anhalter Bahnhof,
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als er schied. Eine Anzahl seiner Getreuen aus allen Ständen, darunter viele offenbar geringe Leute, hatten sich eingefunden, den scheidenden kranken Herrn noch einmal zu sehen und ihm einen Abschiedsgruß zuzurufen. Der Salonwagen mit dem Königlichen Paar und dem nächsten Gefolge hielt nicht am gewöhnlichen Perron, sondern auf den Seitenschienen der Güterwaggons von der Verbindungsbahn her.
Viele Offiziere und Notabilitäten traten zu dem Wagen und sprachen mit den Allerhöchsten Herrschaften. Der alternde König stand in der Thür des Waggons, als General von Gerlach ihn nach seinem Befinden fragte. »O gut, so ziemlich gut,« sagte der hohe Herr mit seiner gewöhnlichen scharfen und doch so freundlichen Stimme. »Nur hier, hier - da drückt es so schwer!« und dabei fuhr er zwei Mal mit der Hand über die Stirn. Aus dem ehrerbietig den Wagen umgebenden Halbkreis des Publikums trat in diesem Augenblick schüchtern ein junges Mädchen, ein Kind, die Tochter eines einfachen Bürgers, und überreichte der trauernden Königin zwei Blumensträuße für sie und den Königlichen Herrn. Es war so aus dem Herzen des Volkes, so ungekünstelt und ungemacht, daß der kleine Zug tiefe Rührung erweckte. Die Lokomotive pfiff, langsam setzte sich der Train in Bewegung und die Thränen Elisabeths von Preußen träufelten in den Blumenstrauß in ihrer Hand, während das »Seegen! Seegen! Glückliche Wiederkehr!« der Zurückbleibenden mit dem Schnauben des Dampfes und dem gellenden Pfeifen der Lokomotive sich mischte.
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Wenn das Kind, das Mädchen einst zur Matrone geworden, kann sie mit Stolz noch ihren Enkeln erzählen, daß sie die letzten heimischen Blumen Preußens gütigem König auf seinen Dornenpfad gestreut hat!


Es war Neujahr! Obschon alle größeren Hoffestlichkeiten unterblieben, hatte das undankbare Berlin doch in seinem gewöhnlichen Neujahrsjubel die Sylvesternacht durchtobt. Der Pöbel, nicht mehr gezügelt von der eisernen Zuchtruthe Hinckeldey's, sondern bereits privilegirt zu allem Unfug durch die Schwächung der polizeilichen Autorität, diese jämmerliche captatio benevolentiae des spätern Ministeriums Schwerin an den Liberalismus, hatte sich unter den Linden mit Hutauftreiben und Angriffen gegen Alle, die ihr Weg von Bällen und Gesellschaften von Kroll und aus den anderen Lokalen dort vorüber führte, amüsirt und das gewohnte Zeter-Mordio der Neujahrsnacht war um kein Haarbreit anders gewesen, obschon die Zeit schwer und drohend genug schien.
Die neue Aera hatte das Ministerium Manteuffel im Oktober vorher gestürzt, nachdem der Prinz von Preußen am 9. Oktober die Regierung bis zur Genesung oder dem Tode des Königs selbstständig übernommen hatte. Der zähe Premier der Reactionsperiode nach den Stürmen von Achtundvierzig hatte erklärt, sich den neuen Anschauungen und Versuchen nicht fügen zu können und war gegangen, nach einer langen und emsigen Arbeit für Preußen, ohne den politischen Muth und die moralische Kraft zu
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haben, die von dem Regenten ihm angebotenen Ehren als wohlverdient anzunehmen. Neuchâtel war gerächt.
Um den Regenten, der zeigen wollte, wie gänzlich er über seiner hohen Aufgabe alle die Unbill der Vergangenheit vergessen hatte und gern aus den Erfahrungen derselben das Beste ziehen wolle, sammelte sich jenes unglückliche Versuchs-Ministerium, das die triumphirende Demokratie mit dem Namen der Neuen Aera begrüßte, und das später, fast unheilbare Wunden zurücklassend, so kläglich Fiasco machte, weil das Preußische Herz in den Männern mit den unpraktischen, Ideen ihrer Köpfe in Zwiespalt gerieth. Noch waren es eben nur die ersten Anläufe der neuen Aera, die ersten Spatenstiche zum Untergraben der alten soliden Mauern, aber schon dies hatte viele Wandlungen in der Gesellschaft und dem staatlichen Leben hervorgebracht, und es bedürfte später einer starken, einer Königlichen Hand, um dies schwankende Schiff wieder unter das feste Steuer zu bringen.
Alte Freunde gingen - neue kamen, weniger zuverlässig vielleicht, aber bequemer und ehrgeiziger. Der Prinz-Regent hatte in seiner Anrede an die Minister am 8. November männlich erklärt, er wolle keine liberale Ueberstürzung, vielmehr einen gemäßigten Fortschritt. Aber wenn auch der Wille des Regenten der beste war, seine Minister - zum Theil noch befangen in ihren ersten unglücklichen Versuchen von Achtundvierzig, - verstanden nicht, die richtigen Mittel und Wege einzuschlagen und ergriffen die verkehrten, welche die Autorität nur schwächen konnten. Erst als das Schiff festgefahren war, verließen sie eilig
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den Bord, den Nachfolgern überlassend, es heraus zu lootsen.
Wir haben bereits gesagt, daß manche der alten Treuen sich vor dem Jubel der Neuen Aera mißtrauend, zweifelnd, oder zurückgesetzt und gekränkt zurückzogen.
Während im Kabinet diese Veränderungen im Staatsleben vor sich gingen, nahm auch die Gesellschaft einen andern Charakter an.
Eine geistreiche Fürstin bildete einen neuen Kreis um sich, Staatsmänner, Gelehrte der liberalen Richtung, selbst Männer, die wohl nie gehofft hätten, in diese Nähe zu kommen, und deren jüdische Eitelkeit, wie den Erfinder der Dorfgeschichten, sie jetzt verleitete, die erzeigte Gunst durch Verbreitung anmaßender Gerüchte von allerlei Ernennungen ihres vielgerühmten Ichs zu compromittiren. Der hochstrebende Geist der hohen Dame hatte wohl nie dem sterbenden Schwager vergeben können, daß seine übergroße Gewissenhaftigkeit ihren Sohn einer Kaiserkrone beraubt hatte - die neue Zeit, die neue Aera fanden in ihr eine Hauptstütze, und die Gegensätze schärften sich immer mehr.
Nach dieser kurzen Erwähnung der allgemeinen Verhältnisse kehren wir zu den einzelnen Scenen unsers Buches zurück.
Die Französische Straße von Borchard her, dem Sammelpunkt der lebenslustigen jungen Offiziere und der alten Cavaliere der conservativen Partei, während zugleich, wie auf freiem Terrain, die aristokratischen Führer des Liberalismus - die Benennung: Fortschrittspartei war eben erst erfunden! - bei seinen Diners und Soupers dort
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verkehrten, kamen zwei anscheinend noch junge Männer, in ihre Mäntel gehüllt.
Der ältere trug einen Offizier-Paletôt, der zweite, von größerer stattlicherer Gestalt, einen kurzen Mantel.
»Warum gehen wir nicht nach Hause, Fritz?« frug der Letztere. »Es ist bald eilf Uhr!«
»Und Neujahrstag! Pfui, Du solider Philister. Der Vater muß in der That Freude an Dir haben, denn Du bereitest Dich würdig zum Landjunker vor. Auf Ehre, seit Ihr von Paris zurück seid, bist Du ein wahrer Kopfhänger, und ich glaube zuletzt noch, Du gehst in die Betstunden der böhmischen Kirche. Mensch, komm endlich einmal heraus mit der Sprache und gestehe, was dort passirt ist? Sicher hängt es mit der Krankheit Rosa's zusammen, die uns fast ihr Leben gekostet hätte!«
»Was Dir zu wissen nöthig, Bruder,« sagte der jüngere Röbel, denn die Brüder waren es, - »weißt Du bereits. Ich hatte eine Unannehmlichkeit mit der Polizei in Paris und lernte ein Wesen kennen und lieben, blos um es wieder zu verlieren!«
»Bah,« sagte der Offizier - »so wahr ich beim nächsten Avancement endlich die Hauptmannssterne haben muß - der Teufel hole das jämmerliche Avancement! - es giebt Mädels genug in der Welt, daß man sich um eine nicht zu grämen braucht. Die Tante hat mir Allerlei vorerzählt von schönen Kunstreiterinnen und einer Nebenbuhlerschaft vornehmer Herren, oder was sonst zum Henker; ich kann aus dem Gerede nicht klug werden und den Brief ihrer alten pariser Klatschschwester wollte sie
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nicht herausgeben. Meinetwegen - ich habe gerade genug mit mir zu thun, denn der Vater ist so zäh im Herausrücken, wie ein Jude, und ich glaube wirklich, daß die Tante nicht Viel mehr hat!«
»Und wer wäre Schuld daran?«
Der Offizier sah ihn finster an. »Hoho, mein Kleiner, willst Du etwa den Moralisten spielen? Man muß leben und ich kann nicht wie ein Lump oder ein Bettler existiren, das hätte man bedenken sollen, ehe man mich zum Offizier bestimmte. Ich gönne Dir das Gut, das Dir der Vater nach meinem erzwungenen Verzicht übertragen wird, von Herzen; Schulden sind ohnehin genug darauf, aber ich will wenigstens keine Predigten haben von Dir, der Du nicht einmal Verstand und Liebe zu mir genug gehabt hast, um zu sehen, ob sich denn Nichts mehr von der amerikanischen Erbschaft herausschlagen ließ, um die der alberne Eigensinn des Vaters mich gebracht hat!«
»Gutenacht!«
»Halt, Bursche, wo willst Du hin? Du weißt, ich habe den Schlüssel.«
»Es wird sich in irgend einem Hôtel eine Stube für mich finden. Ich will nicht hören, daß Du in meiner Gegenwart den Vater schmähst, der streng nach seinen Grundsätzen gehandelt hat. Die Erbschaft kam uns Beiden nicht zu!«
»Unsinn. Der alte Marquis hätte sie uns ohne Weiteres ausgehändigt, wenn der Vater nicht so eigensinnig gewesen wäre, statt daß wir dann noch die zehntausend Franken an diesen schuftigen Burschen haben zurückzahlen
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müssen. Sei vernünftig Otto, und gehe mit! ich will Nichts weiter auf den Vater sagen, so sehr es mich auch grollt. Aber sprich selbst, ist es nicht sonderbar, daß wir Beide in Paris allerlei Abenteuer haben mußten und daß Du wieder mit dem französischen oder italienischen Abenteurer zusammen kommen mußtest, der uns vor neun Jahren die Nachricht von der Erbschaft brachte?«
»Du meinst den Kapitain Laforgne? Sprich mit Achtung von ihm, François verdient es und ist mein Freund. Du weißt, daß die Mutter selbst ihn hochschätzt.«
»Ja - gerade so hoch, daß Ihr Euch seiner Bekanntschaft nicht vor dem Vater rühmen dürft. Er würde Euch die Rebellen-Freundschaft schön eintränken. Darf doch nicht einmal Rudolphs Name erwähnt werden. Hast Du Nachricht von ihm?«
»Er ist mit der russischen Fürstin in Nizza. Die Familie scheint große Stücke auf ihn zu halten und der Winteraufenthalt hauptsächlich seinetwegen gewählt, um die Nachwehen seiner Wunde zu heilen.«
Der Offizier war stehen geblieben - die Straße war einsam, die Kälte hatte trotz des Festtags schon die Leute in die warmen Stuben gescheucht.
»Höre Otto,« sagte er ernster als gewöhnlich - »manchmal will es mir bedünken, als hätten wir doch Alle ein recht verfehltes Leben. Ferdinand, ein so wackerer Junge als nur einer, mußte sein Leben lassen in der verdammten Rebellion. Und für was? Aber es war vielleicht gut so; denn sein Kopf war so starr wie der des Vaters, und hätte die Kugel jenes Schufts, der jetzt
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wieder oben auf ist und in Equipage fährt, ihn nicht getroffen, - die unsinnige Neigung zu jenem Weibsbild, die nun das Weib seines Mörders ist, hätte ihn zu einem offenen Bruch mit dem Vater und uns geführt. Die arme Rosamunde vertrauert ihr Leben an dem Eigensinn und Vorurtheil, während sie wahrscheinlich eine glückliche Hausfrau wäre, wenn sie des Pastors Sohn geheirathet hätte. Ich selbst - nun zum Teufel, das ist das Schlimmste! Ich diene nun zehn Jahre und bin noch immer Premierlieutenant, weil man einmal ein Bischen über die Stränge gehauen hat. Wahrhaftig, Junge, die Demokraten haben Recht, es ist Nichts zu holen mit dem Adelstolz, wenn man nicht die richtigen Moneten dazu hat! - und mit dem Konservatismus? - Gott bewahre Jeden, der Karriere machen will, heutzutage noch conservative Grundsätze zu haben! Ich sage Dir, Otto, wenn mich heute die Tochter von einem Kleiderjuden haben will, ich mache ihrer hochverehrlichen Verwandtschaft mein Kompliment, sobald ich fünfzigtausend Thaler als Mitgift kriege. Darunter geht's freilich nicht!«
»Pfui, Fritz - ich weiß, Du denkst nicht so niedrig!«
»Zum Henker, was bleibt mir übrig. Man hat mich zum Offizier gemacht und läßt mich in der theuren Residenz dienen. Glaubst Du, daß man mit den vierzig Thalern Sold und lumpigen fünfhundert Thalern Zuschuß auf's Jahr hier durchkommen kann, wo ich nicht einmal in's Theater die Nase stecken darf, ohne im ersten Rang zu sitzen? Oder sollen wir vielleicht jedem Ladenjunker
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nachstehen? Pferde, Spiel, der äußere Anstand und die Weiber kosten ein verteufeltes Geld und« - er schüttelte mit einem verbissenen Groll heftig den Arm des Bruders - »ich sage Dir, mein Junge, wenn die Herren Kommandeure etwas strengere Aufsicht hielten auf die ersten Sprünge des leichten Blutes, und wenn die verteufelten Wucherer nicht wären, die den Unerfahrenen gleich in den Klauen haben und ihn nicht wieder loslassen, bis die Familie ruinirt ist, oder er sich eine Kugel vor den Kopf geschossen hat, es wäre immer noch ein Aufkommen! - So ist es vorbei, und Ihr werdet vielleicht bald Wunderdinge hören! Laß Dich warnen, und hungre lieber, als daß Du je bei Benno oder Lilienzweig und Consorten einen Wechsel entrirst!«
Es sprach bei alle dem leichtfertigen Spott und Wesen ein finstrer Groll, eine verzweifelte Stimmung aus der Rede des Offiziers.
»Ich halte Ordnung in meinen Ausgaben, Bruder,« sagte der jüngere Röbel, »und ich wünschte, Du könntest Dich auch daran gewöhnen!«
»Ordnung! ja wohl! wenn uns so ein hübsches Aeffchen hinter den Coulissen her zunickt, oder beim Pointiren sich das Blut erhitzt! Ich will Dir was sagen, mein Junge, es ist eine verrückte Welt, ein unsinniges Steeple-Chase, in dem Einer dem Andern den Rang abläuft. Diese demokratische Kanaille schimpft auf die Armee und schmäht auf den Adel, während sie wie ein Vampyr sich mästet an ihnen! Auf Ehre - es muß Etwas faul sein
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im Staate Dänemark! Ich werde nächstens unter die Demokraten gehen, oder mich beschneiden lassen!«
»Bruder!«
»Laß gut sein, Otto - ich bin jetzt manchmal etwas toll und wild. Eins ärgert mich nur, daß ich so einfältig war, das Glück nicht beim Schopf zu fassen. Die Tante hatte doch offenbar blos deshalb intriguirt, mich nach Paris zu bringen, damit ich für die zurückgewiesene Erbschaft mich an der Tochter des alten Nabob entschädigte. Und ich glaube wahrhaftig, der Oberst hätte sie mir lieber gegeben, als dem gelbhäutigen Spanier, ihrem Verlobten!«
Der junge Mann erbebte unwillkürlich, als er das Mädchen erwähnt hörte, das ihm eine so tiefe Neigung eingeflößt hatte.
»Wen meinst Du?«
»Nun, wen anders, als die junge Marquise Carmen von Massaignac, die die Unvernunft der Mutter schon in der Wiege verlobt hatte. Apropos, ich habe Dich noch gar nicht gefragt, ob Du Nichts von der Familie gehört hast? Die Kleine soll ja gestorben oder verloren gegangen sein und ihr geiziger Bruder hat jetzt all' die Millionen. Wäre mir damals nicht die fatale Geschichte mit dem Mörder aus den Katakomben in die Quere gekommen, auf Ehre, ich hätte sie vielleicht doch heirathen können!«
»Aber die Dame selbst,« sagte der jüngere Röbel, die Beantwortung der Frage umgehend - »Du hättest doch erst ihre Neigung erringen müssen!«
»Bah - sie war noch ein halbes Kind, obschon diese
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kleinen Creolinnen schneller als bei uns reifen. Sie würde in Deinem Alter sein, und was die Neigung betrifft, nun so hatte sie deren gewiß herzlich wenig zu diesem vertrockneten Spanier. Doch das ist nun Alles vorbei und man muß sehen, sich anders zu helfen. Aber da fällt mir ein, Mensch, wie steht's mit Deiner Heirath mit der Reizendorf? Das Mädchen ist hübsch und eine der besten Partieen in der Mark! Die Tante hat, weiß Gott, ein verteufeltes Geschick im Heirathenstiften. Laß Dir gratuliren, mein Junge, und wenn Du das Heirathsgut hast, wirst Du hoffentlich nicht vor mir Deine Kassette schließen!«
»Ich liebe das Fräulein nicht!« sagte Otto kalt.
»Thorheit - wer fragt heut zu Tage nach Liebe? Der Vater, als alter Kriegskamerad des unsern, wirft sie Dir ja fast an den Hals und Du bekommst schuldenfrei Wehlenberg und Klossen; die beiden Güter sind unter Brüdern ihre Zweimalhunderttausend werth! Bei Dir kann man wirklich sagen, das Glück ist der - na, der Unschuldigen Vormund!«
»Ich werde Luise von Reizendorf nicht heirathen!«
»Was, im Ernst? Bist Du toll? Und was wird der Vater dazu sagen, der geradezu schon sein Wort gegeben hat? Du weißt, der Reizendorf hat eine Hypothek auf unserm Gut!«
»Ich habe ihm bereits meinen Entschluß erklärt - ich liebe das Mädchen nicht, und will sie nicht unglücklich machen. Heirathe Du sie selbst!«
»Auf Parole, lieber heute als morgen, wenn sie mich nur möchte, oder vielmehr der alte Brummbär, ihr Vater.
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Aber er hat Etwas von meinen kleinen Passionen gehört, natürlich übertrieben, und als die Tante Kammerherrin ihm davon sprach, war er Feuer und Flamme. Nein, Junge, Du mußt um der Familie willen die Kleine heirathen! - Aber so - hier sind wir zur Stelle. Ich habe ein kleines Geschäft, ehe wir weiter gehen. Sei so gut, einen Augenblick hier zu warten!«
Er ließ ihn an der Ecke der Oberwallstraße stehen und ging einige Schritte weit in dieselbe hinein. Vor einer der Hausthüren stand ein Mann, behäbig in einen Pelz gehüllt und ungeduldig die Füße auf- und niedersetzend, um sich gegen die Kälte zu schützen.
»Sind Sie es, Günther?«
»In drei Deivels Namen, Herr Lieutenant,« murrte der Angeredete, »Sie lassen man verflucht uf sich warten. Wenn's alleweile nicht der Verwandtschaft wegen jewesen wäre, ik wäre davon jegangen!«
»Kerl - -« er unterdrückte mit Gewalt den auflodernden Zorn über die Vertraulichkeit. »Haben Sie das Geld, Günther?«
»Warum werd ik nich - aber et is theuer, Herr Lieitnant. Ik habe man blos zweihundert jekrigt un auf zwei Monate!«
»Zweihundert Prozent! Es ist eine wahre Schande! Aber geben Sie her. Ich habe mein Ehrenwort gegeben, die Spielschuld von gestern Abend noch heute zu bezahlen und muß in's Schloß. Der Baron hat die Wache dort. - Hier - für Ihre Mühe!«
Er hatte beim Schein der Laterne aus dem Päckchen
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Kassenanweisungen zwei Zehnthalerscheine gezogen und reichte sie dem Commissionair, unserem alten Bekannten, dem wir zuletzt bei der Rückkehr aus dem Spandauer Zuchthaus begegneten. »Hundertfünfzig Thaler zu bezahlen« - murmelte er verdrießlich - »bleiben mir gerade noch dreißig! Es ist zum Tollwerden mit diesen Halsabschneidern. Sie müssen mir in einigen Tagen noch fünfhundert schaffen, Günther!«
»Es geht nich Herr Lieitnant - Gott straf mir, aber et will Keener nich die Wechsel mehr nehmen!«
»Es muß gehen - bieten Sie, was Sie wollen, aber ich muß Geld haben!«
»Ja,« meinte der Kommissionair, »warum wenden Sie sich denn nich an Jonassen? Er hat Ihnen so oft aus der Klemme jeholfen!«
»Ich bin seit vier Wochen nicht dort gewesen. Es genirt mich, hinzugehen, ich bin ihm bereits vier - fünftausend Thaler schuldig, und kann sie jetzt nicht zahlen!«
»Jemine - wat' is denn das vor eenen Cavalier und hat er Sie denn schonst darum jemahnt? Fürsten und Jrafen stehen bei ihm int's Buch und darum brauchten Sie sich man des Vergnügen nich zu versagen. Die Rosalie hat gestern noch nach Sie jefragt und is janz unglücklich darüber, deß Sie sich man nich mehr bei die kleinen Soupers blicken lassen. Jott, ist das en Mädel und hat die Augen im Kopf! Des wär 'ne Jräfin, wie sie in den Büchern steht, die Amande immer liest!«
Der Offizier zuckte ungeduldig die Achseln. »Also Fräulein Rosalie hat nach mir gefragt?«
»Gewiß. Drei Mal - sie hat gar nich uf die schöne Komposition von ihrer Schwester jehört, die des Klavier gespielt hat, als ob sie int's Opernhaus musicirten. Die Jesellschaft war sehr nobel. Een Prinz und drei Jrafens, die Barone jar nich mitjezählt. Von die politische Polizei waren sie ooch da! Der Jonas is en Mordkerl!«
Ein tiefer Ekel befing den Offizier, aber er überwand ihn. »Sagen Sie, daß ich morgen kommen werde!«
»Pirole Honneurs?«
»Auf mein Wort! - Gutenacht! mein Bruder dort wird ungeduldig. Einstweilen besten Dank Günther!«
Der Kommissionair begleitete ihn einige Schritte, dann drehte er um und schloß die Hausthür.
»Zwanzig Thaler und fünfundzwanzig von Jonassen,« murmelte er vergnügt. »Et jeht vortrefflich. Ik werde Amanden morgen en neuen Hut koofen. Der jute Wurm schläft bereits, sonst wollt ik sie wahrhaftig mit nach dem Orpheum nehmen. Jut so jeh ich alleine, oder besser noch, ik bringe gleich Jonassen Rapport! Ik möchte man nur wissen, was dieser Jonas mit meinem Schwager Röbel vor hat, daß er alle die Wechsel so in's Jeheime discontirt!« - - -
Der Offizier war zu seinem Bruder zurückgekehrt. »Laß uns gehn, Otto, mein Geschäft ist abgethan!«
»Wer war der Mensch, mit dem Du so eifrig verkehrtest?« frug der jüngere Röbel. »Der Bursche sah gemein aus, schien aber vertraulich genug mit Dir.«
»Es ist unser Schwager,« sagte weitergehend mit Hohn der Offizier.
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»Unser Schwager? Du redest irre.«
»Nun, bei meinen künftigen Generals-Epauletten, wenigstens behauptet er es. Er ist der Bruder des Mädchens, der ehemaligen Geliebten Ferdinands und hat schon in früherer Zeit der Tante gedroht, er könne dem kleinen Bastard zu einem ehrlichen Namen helfen. Zum Glück ist der Balg gestorben oder verdorben. Jetzt ist der Bursche ein ganz geschickter Kommissionair und verschafft Geld auf höllische Zinsen!«
»Und mit einem solchen Menschen verkehrst Du?«
»Was ist da zu machen? - Ehrenschulden müssen bezahlt werden und von Euch ist Nichts zu haben. Heirathe die Reizendorf, mein Junge, und arrangire mich, das ist nicht zu viel, was Du für Deinen Bruder thust. Doch da sind wir am Gitter. Heda Schildwach, aufgemacht!«
Sie standen auf dem Schloßplatz vor dem Gitter am Portal Nummer 2.
»Parole?«
»Stettin! Ruft den Unteroffizier!«
Der wachhabende Unteroffizier kam mit dem Schlüsselbund.
»Ich will zu Lieutenant von Waldenburg! Er ist doch zu sprechen?«
»Gewiß, Herr Lieutenant - es sind noch zwei Herren bei ihm und sie trinken das Neujahr!«
Er hatte aufgeschlossen und führte sie nach der Treppe zum Souterrain, in dem die Offizierstube liegt.
Obschon es ziemlich kalt war, standen oder saßen doch
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mehre Gruppen von Soldaten vor der Thür des offenen Wachzimmers, das im März 1848 das Studentencorps bezogen und mit solchen gemeinen Unfläthereien beschmutzt hatte, daß sie ein so trauriges Zeugniß der Maturität für die bürgerliche Gesellschaft abgaben, wie es keiner der verhöhnten hinterpommer'schen oder kassubischen »Bauerlümmel« geleistet hätte. Es ist bekannt, daß die Corridore und Stuben, in denen die seelige Bürgerwehr und die Freicorps ihr Wesen getrieben, kaum wieder gereinigt werden konnten.
Als die beiden Röbel in die Wachstube traten, wurden sie freundlichst von dem wachhabenden Offizier begrüßt, der mit zwei Kameraden, die sich bei ihm eingefunden hatten und wacker qualmten, ein Whist en trois spielte, während vom Ofen her der köstliche Duft eines Punschtopfs sich mit den Wolken der guten Havannahs mischte.
Lieutenant von Röbel zog seine Uhr. »Zwanzig Minuten vor Eilf, lieber Baron, die vierundzwanzig Stunden sind also noch nicht abgelaufen. Hier ist meine Schuld und mein bester Dank!«
»Ich würde Ihnen ernstlich böse sein, bester Kamerad, über eine solche unnütze Pünktlichkeit,« erwiederte der Offizier, »wenn sie mir nicht das Vergnügen Ihrer Gesellschaft verschaffte. Kommen Sie, setzen Sie sich und trinken Sie ein Glas Punsch. Crusenstolpe versteht ihn ganz prächtig zu machen, das hat er von seiner schwedischen Abkunft.«
Die Offiziere und Otto von Röbel setzten sich um
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den Tisch, der Robber wurde rasch beendet, um dann einer allgemeinen Unterhaltung Platz zu machen.
»Sie haben heute starke Wache, Kamerad, wie ich an den Gewehren sehe!« bemerkte der Lieutenant.
»Kommandanturbefehl - ich weiß selbst nicht warum. Wahrscheinlich, weil an Festtagen sich immer viel Gesindel umherzutreiben pflegt und mitunter selbst in's Schloß einzuschleichen weiß.«
»Das Ordrebuch wird ja die beste Auskunft darüber geben.«
»Das alte ist nicht mehr da - man hat es heute erneuert. Aber« - -
»Nun?«
»Ich weiß nicht, es muß allerdings Etwas vorgegangen sein in der vergangenen Wache - ich kann nur nicht dahinter kommen. Vielleicht, daß Herr Stieber einen neuen Schloßdiebstahl gewittert hat.«
»Bah - es wird sich bald ausgestiebert haben. Die Demokraten sind höllisch hinter der Polizei her.«
»Es kann ihr nicht schaden - die Lection mit Hinkeldey ist wieder vergessen!«
»Lassen Sie mir die Polizei ungeschoren, Kamerad,« sagte lachend der jüngste Offizier. »Ich hätte wahrhaftig den Abschied nehmen müssen, wenn sie meinem Alten nicht bei dem Arrangement beigestanden hätte. Es wäre sonst kein Auskommen mit diesen Blutegeln. Haben Sie die Geschichte von Graf Falkenburg gehört?«
»Von seinem Arrangement?«
»Ja. Der Krug ging nicht länger und der Alte hat
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sich an den Polizei-Präsidenten gewandt. Man könnte wirklich über die Genialität dieser Gaunereien lachen, wenn sie uns nicht so scharf auf's Blut gingen!«
»Ich habe von der Geschichte gehört, weiß aber nur, daß Falkenburg mit blauem Auge davon gekommen sein soll. Wie war es?«
»Ei nun - für's Erste die gewöhnliche Leier. Er kaufte den »Glorific« von Bamberger für fünfhundert Louisd'or und brauchte Geld. Es ist Anfangs immer, als ob diese Spitzbuben von Blutsaugern riechen könnten, wer Geld braucht, - während sie später nie zu Hause sind. Kurzum, Meyer hatte ihn alsbald in den Händen und Falkenburg wußte bald nicht, wie oft und wie viel er baar erhalten hatte - zuletzt rechnete ihm Meyer sechstausend Thaler vor. Aber er war bereit zu prolongiren, zahlte ihm tausend Thaler baar und tausend in Cigarren, und ließ ihn einen Wechsel unterschreiben auf Zwölftausend!«
»Thaler?«
»Gott bewahre - auf zwölftausend Friedrich'sdor!«
»Heiliger Bonin! das ist stark!«
»Ja. Der Präsident ließ Meyer kommen, der sich erbot, zwölftausend Thaler zu nehmen, statt der Friedrichsdor. Man bot ihm sechs - oder den Staatsanwalt. Er soll gesprungen sein wie die hübscheste Ratte vom Ballet, aber zuletzt nahm er sie und der Gauner soll noch ein gutes Geschäft gemacht haben.«
»Ich zweifle nicht daran. Falkenburg ist ein glücklicher Bursche, er kann noch die Minderjährigkeit vorschützen; bei einem alten Schnurrbart wie ich geht das
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freilich nicht mehr, - es bleibt uns höchstens die Denunciation wegen Wuchers!«
»Pfui, Fritz - das ist doch Dein Ernst nicht! Wo bliebe da die Ehre des Offiziers!«
»Ich bitte Dich, lieber Junge, Du wirst noch Manches in der Welt lernen. Ehre einem Wucherer gegenüber, bah! der Gedanke ist nachgerade albern. Wir befinden uns ihnen gegenüber im Kriegszustand und da sind alle Mittel erlaubt. Aber ich dächte, es wäre genug von den Kanaillen gesprochen. Sie waren gestern mit der kleinen Alwine bei Kroll, Romwitz?«
»Sie hat mich mit Gewalt hingeschleppt, um mit mir Parade zu machen und den portugiesischen Attaché zu ärgern. Auf Parole, ich mußte ihr den Gefallen schon thun. Es war aber verteufelt viel Kanaille da. Wir soupirten in dem zweiten Kabinet mit Rothenfels und seiner Kunstreiterin!«
Fritz von Röbel warf seinem Bruder einen spöttischen Seitenblick zu.
»Wollschläger hat hübsche Pferde und Reiterinnen, das muß man ihm lassen,« sagte er. »Aber es ist jetzt hinter den Logen so sittsam, daß es langweilig wird. Die Alte will die demi monde nicht mehr auf der Tribüne dulden. Ich habe noch keine Sponsade mit einer Kunstreiterin gehabt, - es muß interessant sein, aber verteufelt theuer!«
Seine Miene sagte Otto, daß er nicht ohne Bezug gesprochen, und die Stirn des jungen Mannes röthete sich in Unmuth und Verlegenheit, als er so die innersten Nerven seines Herzens berührt sah.
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»Haben Sie schon die neuesten politischen Nachrichten gehört, meine Herren?« frug er, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben.
»Nein! was meinen Sie? was giebts?«
»Einer der Cavaliere der russischen Legation kam zu Borchardt, ehe wir gingen. Der Gesandte hat eine Depesche aus Paris diesen Abend bekommen, die viel zu denken giebt!«
»Nun?«
»Richtig - es ist wahr, die Börse wird morgen in Aufregung sein und die österreichischen Papiere werden schmählich fallen!« meinte der ältere Röbel.
»Aber was ist es denn - so erzählen Sie doch, Herr v. Röbel!«
»Auf Ehre, nur eine kleine Redensart - aber sie verbirgt am Ende viel. Beim Empfang des diplomatischen Corps in den Tuilerieen heute Mittag hat Herr Louis Napoleon dem österreichischen Gesandten eine Drohung in's Gesicht geworfen.«
»Eine Drohung?«
»Ja - es scheint mir wenigstens eine solche. Der französische Kaiser hat Baron Hübner mit den Worten angeredet: ›Ich bedauere, daß unsere Beziehungen zu Ihrer Regierung nicht eben so gut wie früher sind; aber ich bitte dem Kaiser zu sagen, daß meine persönlichen Gefühle für ihn unverändert geblieben sind.‹
»Und der Gesandte?«
»Nun - er hat wahrscheinlich seine Verbeugung gemacht, ist nach Hause gegangen und hat einen
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Courier abgeschickt, daß die Franzosen den Krieg erklären wollen!«
»Vortrefflich! Dann giebt es Avancement!«
»Oh Kinder, seid nicht so eilig! Wer sagt Euch denn, daß wir mit den Oesterreichern gehen werden? Es sieht mir gar nicht danach aus!«
»Nun - die heilige Alliance ...«
»Die heilige Alliance hat im Krimkriege ein höllisches Loch bekommen.«
Ehe das Gespräch sich weiter spinnen konnte, klopfte es an der Thür. -
»Herein!«
Ein Offizier im Mantel trat ein, ein alter Diener des Schlosses, ein Bund Schlüssel und eine Laterne in der Hand, folgte ihm.
Als der Offizier in den Lichtkreis trat, erkannte man in ihm einen der Flügeladjutanten. Alle waren aufgestanden und achtungsvoll zurückgetreten.
»Der Offizier der Wache?«
»Hier, Herr Oberstlieutenant!«
»Ich will die Herren nur wenige Minuten stören. Ich wünsche, Sie einige Augenblicke im Dienst zu sprechen!«
Der Lieutenant sah seine Freunde an, sie griffen sogleich nach Mänteln und Helmen.
»Nicht doch - nicht doch, meine Herren! Wenn Sie die Freundlichkeit haben wollen, einige Augenblicke in's Wachtzimmer zu treten.«
Die drei Offiziere mit Otto von Röbel folgten dem Geheiß.
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Der Stabsoffizier hatte seine Uhr gezogen.
»Sie haben um zehn Uhr die Posten ablösen lassen?«
»Zu Befehl!«
»Es ist jetzt ein Viertel auf Zwölf. Sie werden mit der Ablösung nicht bis zwölf Uhr warten, sondern dieselbe um halb vornehmen. So bald die Ablösung der äußeren Posten zurückgekehrt ist, werden die Gitter geschlossen und unter keinem Vorwand wieder geöffnet, bis dieser Mann Ihnen die Nachricht bringt, daß es wieder geschehen könne. Die Ablösung der Posten im Schloß selbst erfolgt erst nach Rückkehr der äußeren Ablösung. Haben Sie mich verstanden?«
Der Offizier salutirte. »Zu Befehl!«
»Sie werden selbst die Wachen an den Orten aufstellen, die dieser Herr Ihnen angeben wird. Wählen Sie die Zuverlässigsten und Entschlossensten unter den Leuten. Alle halbe Stunden haben Sie selbst die Ronde im Schloß zu machen und sich von der Wachsamkeit der Posten zu überzeugen. Die Parole ist für die Posten im Schloß zu wechseln, nehmen Sie einen andern Namen - zum Beispiel: Bertha! - Selbst bei der Kenntniß der Parole werden alle Personen, männlichen und weiblichen Geschlechts, die von zwölf bis ein Uhr in den Korridoren oder Sälen die Posten passiren wollen, bis zur Ankunft der Ronde festgehalten und dann nach der Wache gebracht, wo dieser Herr,« er wies auf den alten Diener, »ihre Identität recognosciren wird. Ich brauche Ihnen Vorsicht und strengstes Schweigen wohl nicht erst anzubefehlen. Sie
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werden übrigens gut thun, Ihre Freunde unter einem passenden Vorwand zu entfernen.«
»Zu Befehl!«
»Haben Sie die Ordres ganz genau verstanden, oder muß ich sie wiederholen?«
»Es ist unnöthig. Ich weiß Alles!«
»Dann Gutenacht und gute Wache. - Bleiben Sie nur, ich finde schon den Ausweg.«
Der Stabsoffizier entfernte sich mit dem alten Schloßdiener, - der Lieutenant von Waldenburg blieb in einiger Verwirrung über die Bedeutung der erhaltenen Ordre zurück. Dann ging er nach dem Wachzimmer, seine Freunde aufzusuchen.
Diese hatten jedoch die dunstige, mit dicken[dickem] Qualm angefüllte Stube verlassen und waren in den Schloßhof getreten. Der Lieutenant rief den Unteroffizier der Wache und ertheilte ihm verschiedene Weisungen. Als er sich wieder nach ihnen umsah, hörte er, daß sie es vorgezogen hatten, sich zu entfernen. Es war ihm um so lieber und er ließ alsbald die Ablösungen für die äußeren Posten antreten.
Eine Viertelstunde darauf waren die Gefreiten zurückgekehrt; zu gleicher Zeit hatte sich auch der alte Diener, ein Mann mit weißen Haaren und gutmüthigem ehrwürdigen Gesicht, auf der Brust der Livree die Ehrenzeichen von 1813 und 14, wieder eingefunden.
Der Lieutenant v. Waldenburg ließ sich die Schlüssel der Gitterthore bringen und steckte sie ein.
»Es ist Zeit, Herr Lieutenant!« sagte Jener.
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»Wie viel Mann?«
»Nur zwei Posten außergewöhnlich.«
Der Offizier ließ die Leute antreten und wählte selbst zwei Mann aus. »Ich werde sie aufführen!« befahl er. »Gewehr über. Marsch!«
Voran ging der alte Schloßdiener mit den Schlüsseln und der Laterne. Dann kamen der Offizier, hinter diesem die zwei Mann mit geschultertem Gewehr. Zugleich schwenkten nach den andern Flügeln und Theilen des Schlosses die gewöhnlichen von den Gefreiten geführten Ablösungen ab.
Der Mond goß sein Silberlicht über die mit dünnem Schnee bedeckten Quadern des Schloßhofes und ließ den mächtigen dunklen Bau in seiner ganzen majestätischen Gewaltigkeit hervortreten.
Der alte Mann führte sie in den Durchgang zum innern Hof und quer über diesen den Weg nach dem schönen Portal, in welchem der doppelte Aufgang zu dem Schweizer Saal rechts und links emporsteigt.
Der Aufgang rechts besteht aus breiten, teppichbelegten Stufen. Er windet sich um die Hälfte des Treppenhauses und trifft im ersten Stockwerk vor dem großen Bogenfenster mit dem Aufgang zur Linken wieder zusammen. Hier ist rechts der Eingang zu den Gemächern, welche König Friedrich Wilhelm IV. bewohnte. Eine Galerie läuft nach dem Hof zu an der Zimmerflucht entlang und war bei der Anwesenheit des Königs von Wachen und der Dienerschaft belebt.
Jetzt war Alles öde und still.
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Links von demselben Absatz führt eine Thür über einen Korridor nach den Räumen des Tresors.
Der alte Schloßdiener bedeutete den Offizier, hier seinen ersten Posten aufzustellen. Dann stiegen sie weiter zur nächsten Etage.
Der Aufgang links ist jener berühmte Weg, der bis zum Eingang des Schweizer Saales, im zweiten Stockwerk, wo beide Aufgänge sich wieder vereinigen, zu Pferde oder mit einem Rollwagen zurückgelegt werden kann, mit Ziegelsteinen gepflastert, gleich dem Aufgang des Campanile am Sanct Marcus zu Venedig.
Der Diener öffnete die Flügelthür des Schweizer Saals.
Derselbe bildet ein Oblongum über den ganzen Treppenflur. Gegenüber dem Eingang führt eine Glasthür zu den Hintertreppen, Gemächern und Erkern an der Spree. Die hohe Thür zur Rechten geht nach den sogenannten Elisabethkammern, die zur Linken nach den Paradekammern im Flügel nach dem Lustgarten.
Die Decke des Saales ist hoch, oval gewölbt, und an den Seiten der Wölbung mit der Nachahmung einer belebten Galerie gemalt. Die Möblirung ist ziemlich spärlich, eben so die Dekoration, da er von jeher nur als eine Art Vorsaal zu den inneren Zimmerreihen benutzt wurde. Sein Licht empfängt er durch die mit den breiten Fenstern der Fapade correspondirenden Fenster der eigenen Wand.
Die Beleuchtung ist also gebrochen und ziemlich kärglich. Als sie eingetreten waren, warf dies gebrochene Mondlicht seinen matten gespenstischen Schein auf den Estrich. Die
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Seiten waren in tiefes Dunkel gehüllt, aus dem unheimlich die beiden grotesken Figuren der Nereiden sich hervorhoben.
»Der Posten soll hier in diesem Saale bleiben, und kann auf und nieder gehen. Ich will ihn wenigstens mit der Lokalität bekannt machen.«
Der alte Diener zündete seine Laterne an und leuchtete im Saale umher. Er probirte die drei andern Thüren und verschloß die nach der Spreeseite und nach den Elisabethkammern, indem er sorgfältig die Schlüssel zwei Mal herumdrehte. Der Ausgang nach den Paradekammern war schon vorher verschlossen gewesen.
»So, Herr Lieutenant - wenn Sie fertig sind ...«
Der Offizier wiederholte dem Wachposten die Instructionen. Es war ein kräftiger, großer Uckermärker, mit einem verständigen ruhigen Gesicht.
»Paß auf den Dienst mein Junge und sei wachsam. Findet Dich die Ronde schlafend, so kannst Du Dir gratuliren! Dein Kamerad hat's jedenfalls kälter draußen auf der Treppe.«
»Zu Befehl, Herr Lieutenant!« Der Soldat setzte sich in Marsch, und seine langsamen Schritte auf und ab den Saal hallten von der Wölbung des Saales wieder, als die Beiden ihn verließen.
Die große Thür fiel ohne Geräusch in das Schloß - es kam dem Offizier vor, als thue der alte Mann, der vor ihm herging, einen tiefen Athemzug, gleich als wäre er mit dem Schließen der Thür von einer schweren Last befreit.
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Sie kamen herabsteigend an dem untern Posten vorüber, den der Offizier nochmals erinnerte, aufmerksam Wache zu halten; gleich darauf traten sie wieder in den mondbeleuchteten Schloßhof.
In dem Augenblick, wo sie heraus traten, kam ihnen von der Seite des Flügels nach dem Schloßplatz ein Mann entgegen.
»Gut, daß ich Sie treffe, Herr von Waldenburg,« sagte der Fremde. »Ist mein Bruder wirklich schon fort? Bitte, dann lassen Sie mir öffnen!«
Es war Otto von Röbel, der frug.
Der Offizier war natürlich sehr unangenehm berührt von dieser unerwarteten Anwesenheit seines Besuchs, den er längst entfernt glaubte.
»Aber wo zum Teufel, Herr von Röbel, kommen Sie denn jetzt her?«
»Oh - ein Zufall, oder vielmehr meine Liebhaberei für den Effect des Mondscheins in alten Gebäuden hat mich verspätet,« sagte der junge Mann gleichgültig. »Ich war, als Sie den Offizier empfingen, mit den Andern in den Schloßhof getreten und hatte mich von ihnen getrennt, um einen kurzen Gang durch die Corridors zu machen. Es ist ein so eigenthümlicher Eindruck, in der Stille der Nacht unter diesen mächtigen Gewölben. Eben als ich zurückkehrte, war Niemand mehr in Ihrem Zimmer und man weigerte mir die Oeffnung des Gitters.«
»Es ist in der That unangenehm,« sagte der Offizier - »aber Sie werden sich nun gefallen lassen müssen, für zwei Stunden mein Gast zu bleiben. Es ist strenger
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Befehl, vor der Ablösung um 1 Uhr unter keinem Vorwand die Ausgange zu öffnen!«
»Ei nun,« sagte lachend der junge Röbel, »es hätte mir für meinen Vorwitz gewiß etwas Schlimmeres passiren können, als ein Paar Stunden mit Ihnen zu verplaudern. Das heißt, wenn Sie mich bei sich aufnehmen wollen, anderenfalls gehe ich auch sehr gern bis zu der Zeit hier auf und ab.«
»Gott bewahre, daß ich Sie draußen lasse. Wir haben noch Punsch genug, um uns zu wärmen und munter zu erhalten. Kommen Sie mit herein in die Offizierstube, Alterchen, und trinken Sie ein Glas, es wird Ihnen gut thun.«
Die letzte Einladung war an den alten Lakai gerichtet, und aus Humanität und Neugier hervorgegangen, vielleicht zu erfahren, was die besonderen Befehle für die Posten zu bedeuten hatten.
Der alte Mann verbeugte sich demüthig und nahm nach einer höflichen Weigerung die Einladung an, weil, wie er erklärte, er die Ordre habe, bis 1 Uhr dem Herrn Offizier im Wachlokal zu Befehl zu stehen. - Bald darauf saßen die beiden jungen Männer, ihre Cigarren dampfend, wieder auf dem Ledersopha der Offizierstube, Lieutenant von Waldenburg die Uhr vor sich auf dem Tisch, während der alte Schloßdiener in bescheidener Entfernung an der andern Seite desselben sich niedergelassen hatte und von Zeit zu Zeit mit Behagen den duftigen Punsch schlürfte, den ihm der Offizier eingeschenkt hatte.
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»Sind Sie schon lange im Dienst hier?« frug der Offizier.
»Halten zu Gnaden, Herr Lieutenant,« sagte der alte Diener, »ich bin in diesen Mauern geboren, anno 1790, noch unter Sr. Majestät Hochseligem Großvater, König Friedrich Wilhelm II. Meine Familie ist mit diesem Schloß alt geworden, denn mein Urgroßvater war schon Trabant bei des großen Kurfürsten Gnaden!«
»Ei der Tausend,« lachte der Offizier, indem er von Frischem einschenkte, »da sind Sie ja, was man so nennt, ein wahres altes Möbel des Königlichen Hauses und müssen das Schloß von Innen und Außen kennen.«
»Von Innen und Außen, Herr Lieutenant, das ist wahr. Ach Du mein Gott, aber wie viel hat sich schon hier verändert, seit ich nur denken kann, und wie gar Manches ist in diesen Mauern passirt. Fast alle Potentaten Europas habe ich hier gesehen, den allerhöchstseligen Kaiser Alexander, den Kaiser Nicolaus, wie er unsere liebe Prinzeß Charlotte holte, den Kaiser Napoleon und wie sie alle sonst hier waren. Aber meine Herren, eine traurigere Nacht, als wie jene zum 19. März hab' ich selbst damals nicht erlebt, als die Franzosen in diesen Mauern hausten. Sie hätten den lieben König Fritz nur sehen sollen, wie ihm immer die hellen puren Thränen über die Wangen herabrieselten bei jedem Kartätschenschuß, den sie in der Breiten Straße da thaten.«
»So waren Sie damals in der Nähe des Monarchen?« frug Otto.
»Ja wohl, Herr von Röbel, den ganzen Tag und die
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ganze Nacht, und ich könnte Ihnen Manches davon erzählen, was keine Zeitung je zu erfahren gekriegt hat. Ich freue mich der Ehre, Sie kennen zu lernen, Herr v. Röbel, denn Sie müssen wissen, ich habe Ihren Herrn Vater mehr als einmal im Jahre 1813 im Hauptquartier gemeldet, und er war ein braver und beliebter Offizier. Ich stand ein Paar Schritte hinter des Königs Majestät an jenem Nachmittag, als er auf dem Balkon des Schloßplatzes sich zeigte und die nichtswürdigen zwei Schüsse auf ihn gethan wurden.«
»Blinde Schüsse!«
»Ja wohl, Herr Lieutenant, blinde Schüsse, wer's nicht besser weiß. Ich aber habe die Kugel dicht neben mir oben an die Quadern der Wand klatschen sehen, und als ich sie aufhob und sie später Seiner Majestät überreichte, sagten Sie heftig: »Nichts da, Thiele, thue das Ding weg, und daß Du es Niemanden wieder sehen läßt, bei meinem Zorn!«
»Ich glaube, Sie müssen die Geschichte der Königlichen Familie sehr genau kennen,« bemerkte der junge Edelmann.
»Gott weiß es - darum halten die Allerhöchsten Herrschaften auch einige Stücke auf mich. Thiele vorn und Thiele hinten! Alles möchte der alte Thiele, weiß Gott, alleine machen. Aber ich lasse mich nächstens pensioniren, um wenigstens die letzten Tage in Ruhe zu verleben. Eine Lotteriecollecte wäre auch nicht so übel. - Aber um auf das, was Sie eben sagten, zu kommen - es ist ganz wahr, in einem so langen Leben hört und sieht man gar Vieles, und auch mein Vater seelig hat mir so manche alte
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Geschichte von den hohen Herren erzählt, als das liebe Haus Hohenzollern noch nicht so mächtig und groß war, wie heute. Aber Gott ist immer mit ihm gewesen und hat die hohen Herren wunderbarlich beschützt durch allerlei Wunder und Fingerzeige.«
»Hören Sie, Herr Thiele,« sagte der Offizier, die Gläser füllend, »Sie sollten uns, um die Zeit zu vertreiben, wirklich Eins oder das Andere zum Besten geben. Ich bin nicht neugierig, aber zum Beispiel ...«
»Stille, stille, ich weiß, was Sie sagen wollen, aber das geht nicht. Wir müssen abwarten, was geschieht - dann läßt sich's ja doch Ihnen nicht verheimlichen. Aber um Ihnen eine alte Erinnerung zu erzählen - ist Ihnen die Geschichte vom Ringe des Markgrafen von Bayreuth bekannt?«
»Nein!«
»Nun gut, so will ich sie Ihnen erzählen, wie sie mein Vater seelig selbst mit erlebt hat. Aber nicht mehr einschenken, Herr Lieutenant, ich bitte darum.«
Der alte Mann nippte noch einmal, nickte befriedigt zum Zeichen der Anerkennung für das duftige Gebräu mit dem Kopf und setzte sich in seinen Stuhl zurück, ohne die Cigarre anzunehmen, die ihm schon früher seine Gesellschafter wiederholt angeboten hatten.
»Sie werden aus der Geschichte wissen,« begann er, »daß das Königliche Haus der männlichen Sprossen eben nie sehr viele, in direkter Linie sogar sehr sparsam gehabt hat. So war's auch zur Zeit Seiner Majestät König Friedrich des Großen, dessen schönes Standbild jetzt drüben
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vor dem Palais steht. Der König hatte nach dem Tode seines Bruders dessen Sohn zum Prinzen von Preußen ernannt, und auf diesem beruhte die Hoffnung des Landes, die Königsfamilie fortleben zu sehen. Aber es schien, als ob die Hoffnung nicht in Erfüllung gehen sollte; Gott giebt halt die Kinder und nimmt sie und Menschenwitz kann dazu Nichts thun. Der Prinz von Preußen, ich meine den damaligen, der später König Friedrich Wilhelm II. wurde und von dem ich Ihnen gar Manches hier aus dem Schloß erzählen könnte, war anfangs mit einer Prinzessin von Braunschweig vermählt, hatte sich aber wieder von ihr getrennt, nachdem sie ihm eine Tochter geboren, und seine Hand in zweiter Ehe einer Prinzessin von Darmstadt gereicht. Jahr und Tag waren verstrichen seit der Vermählung, aber immer noch keine Aussicht vorhanden für einen Thronerben. Zu dieser Zeit hatte der Markgraf von Ansbach zwei Kammerherren, von denen der eine, Herr von ..., aus einer Preußischen Adelsfamilie, für einen Sonderling in Bayreuth galt. Er hielt sich fern von den heitern Cirkeln des kleinen Hofes, lebte viel in einem kleinen alterthümlichen Thurmgemach des Schlosses, und ließ sich des Nachts sogar darin einschließen, weil er, wie die Sage ging, dem Schlafwandeln unterworfen war. Diesem menschenscheuen, finstern Herrn träumte eines Nachts, es klopfe drei Mal an sein kleines Thurmzimmer, zugleich öffne sich in dem buntgewirkten Wandteppich eine Thür, die er zuvor nie bemerkt, und durch diese Thür trete ein alter Mann in grauem Pilgergewande ein und bewege sich, ohne auszuschreiten gegen den Alkoven, in welchem Gustav von B ...,
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aber es ist nicht nöthig, daß ich Namen nenne, also der Kammerherr lag. Die Gestalt bleibt vor dem Bette stehen, sieht ihm lange und fest in's Auge und sagt endlich: ›Mache Dich auf und ziehe nach der Begräbnißkirche der Markgrafen von Bayreuth. Laß die Pforte der Gruft aufsperren. Schaue in der Vorrathskammer des Todes weder rechts noch links, sondern gehe gerade aus vorbei an dem Altar. Im dritten Gewölbe am letzten Pfeiler steht einsam ein Sarg, länger und schmäler als die übrigen - ein Sarg von altem braunem Eichenholz, mit geschnitzten Cheru[m]bimköpfen, das ist der rechte. Von dem hebe den Deckel. Ich will Dir helfen, wenn Du mich auch nicht siehst. In dem ersten ist ein zweiter von Zinn eingesetzt auch den wirst Du öffnen. In diesem ruht ein Ahnherr Deines Herrn. An dem Goldfinger der linken Hand steckt ein goldener Ring mit Edelsteinen, den ziehe Du selbst dem Markgrafen vom Finger. Wenn Du es nicht thust, merke wohl - wenn der Ring nicht von seiner Hand kommt, so stirbt der Preußische Stamm der Hohenzollern aus.‹ - Nach diesen Worten verschwand die Gestalt; der Kammerherr schlief ruhig weiter, und als er am Morgen erwachte, dachte er kaum noch seines Traumes, und wenn er es that, so lachte er über die sonderbare Phantasie.«
Der Erzähler machte eine Pause, die beiden jungen Männer sahen sich lächelnd an.
»Sie lachen über mein Geschwätz, meine Herren,« sagte der alte Hoflakai, »aber warten Sie das Ende ab. Was ich Ihnen hier erzähle, darüber liegen genug geschriebene Dokumente im Geheimen Archiv. Es hat mit manchem
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Traum eine gar eigene Bewandniß, ich könnte Ihnen selbst davon eine sonderbare Geschichte aus meinem Leben und aus diesem Schlosse erzählen, als ich noch ein Knabe war. Aber um fortzufahren, einige Wochen später wiederholte sich dem Kammerherrn dasselbe Traumgesicht. Der alte Mann kam wieder zu ihm in die Stube und sah ihn wieder lange an, nur noch bittender und trauriger, als früher. ›Du warst noch nicht in Himmelskron,‹ sagte er vorwurfsvoll, ›noch nicht in der Gruft der Bayreuther. Auf nach Kulmbach! Und vergiß nicht, im dritten Gewölbe der letzte Sarg von Eichenholz. Versäume Dich nicht! Nur einer der Diamanten am Ringe ist noch nicht erblindet. Erbleicht auch sein Glanz, dann geht das Preußische Haus unrettbar zu Ende!‹ - Herr v. B. dachte lange über den Traum nach, er wußte nicht, was er thun sollte, da er den Spott des Hofes fürchtete, wenn er davon spräche, den Unwillen des Markgrafen, wenn er sich in Familien-Angelegenheiten zu mischen schien, und er vergaß nach und nach wieder den Traum. Da wiederholte dieser sich zum dritten Mal. Der alte Mann schien Thränen zu vergießen, indem er ihm zurief: ›Nur ein Stein ist noch hell! Wenn er erblindet am Finger des Markgrafen, dann erlischt das Königshaus für immer.‹ Der Kammerherr erwachte und konnte nicht wieder den Schlaf finden. Früh am Morgen ließ er den Markgrafen um eine Unterredung bitten, aber dieser fand an dem Tage keine Zeit dazu. Erst am nächsten Nachmittag, auf der Spazierfahrt, wo der Kammerherr, der heute den Dienst hatte, den Fürsten begleitete, fand er einen freien Augenblick, wo er
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ihm seine geheimnißvolle Mittheilung machen konnte. Der Markgraf nahm sie sehr kühl auf und zuckte verächtlich die Achseln; bei ernsterer Erwägung fand er aber, daß die Sache damit nicht abgemacht sein dürfe und daß der seltsame Traum wenigstens nach Berlin gemeldet werden müsse. Das geschah und bald darauf kam der Bescheid, man solle mit Vermeidung von unnöthigem Aufsehen doch Nachforschungen in der Erbgruft anstellen und den Ring, falls er sich vorfände, von der Hand des Eigenthümers und aus dem Sarge entfernen. So wurde denn eine Kommission ernannt, die sich nach Kulmbach und Himmelskron begeben sollte. Der Kammerherr war ein Mitglied derselben. Als die Gruft nach einiger Mühe eröffnet war, schritt er, der noch nie darin gewesen war, ohne Zaudern durch die Gewölbe hindurch und rief, auf einen Sarg im dritten deutend: »Der ist's!« Der obere Eichendeckel wurde geöffnet und enthielt in der That einen zweiten Sarg von Zinn mit dem Wappen der Markgrafen von Bayreuth. Als man auch diesen öffnete, bot sich ein tief ergreifender Anblick dar. Der alte Markgraf lag, wie wenn er erst gestern hineingebettet worden wäre, in seinem Arme das Schwert, an seiner Hand einen goldenen Ring mit Edelsteinen. Es war übrigens nur ein flüchtiger Anblick. Durch die Wirkung der eindringenden Luft oder die Erschütterung der Oeffnung fiel die Figur plötzlich zusammen und es blieb von ihr Nichts als Gebeine und ein Häufchen Asche. Der Kammerherr v. B. mußte sich Gewalt anthun, um der Aufforderung des Kommissars gemäß den Ring von dem Knochenfinger zu ziehen. Die Diamanten zeigten sich
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kunstvoll zu einem Blumengewinde gefaßt. Man prüfte sie genau, alle waren erblindet, nur einer blitzte noch hell. Noch an Ort und Stelle wurde ein Protokoll aufgenommen über den Vorgang, dann eilte die Kommission nach Ansbach zurück, wo der Ring mit dem Protokoll in das markgräfliche Archiv niedergelegt wurde. Dort ruhte er wieder wie in einer andern Art Gruft, da der Markgraf bald nachher starb. Aber nicht lange Zeit, nachdem man den Ring aus Himmelskron geholt hatte, lief von Berlin die erfreuliche Kunde ein, daß die Prinzessin von Preußen jetzt mit freudigen Hoffnungen gesegnet sei.«
Der alte Diener schwieg. Die jungen Männer hatten seine Erzählung ohne weitere Bemerkungen angehört, um ihn nicht zu kränken und wollten eben die Rede auf andere Ereignisse bringen, deren Zeuge er selbst gewesen sein mußte, als der alte Mann auf die Uhr wies.
»Herr Lieutenant, es ist Zeit, glaube ich!«
»Richtig - ich hätte in einem Haar vergessen. Das kommt von Ihren Todtengeschichten. Nun Herr v. Röbel, entschuldigen Sie mich für eine kurze Zeit, ich muß die Posten revidiren.«
Er nahm Paletôt und Helm.
Der alte Schloßdiener war gleichfalls aufgestanden und trippelte hin und her. Es schien ihm offenbar Etwas auf dem Herzen zu liegen.
»Herr Lieutenant,« sagte er endlich zögernd, als der Offizier bereits der Thür zuschritt, »wollen Sie nicht vielleicht Herrn v. Röbel erlauben, Sie zu begleiten?«
»Im Dienst? - warum das, mein Alter?«
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»Oh - ich meine nur so; Sie werden dann nicht so einsam durch die düstern Korridore zu wandern haben, und Herr von Röbel sagte ja vorhin, daß er ein Freund von solchen nächtlichen Spaziergängen wäre.«
»Meinetwegen - kommen Sie, Röbel, wenn es Ihnen Vergnügen macht.«
Der junge Mann nahm sogleich seinen Hut.
»Ich werde draußen auf Sie warten,« sagte der alte Lakai.
»Das wäre Thorheit, Papa Thiele. Bleiben Sie hübsch in der warmen Stube und sorgen Sie, daß wir bei der Zurückkunft ein heißes Glas finden, denn der Wind fängt an lustig zu pfeifen. Ich möchte in der That wissen, was die außergewöhnliche Sorge diese Nacht zu bedeuten hat!« Die beiden jungen Männer verließen das Wachlokal und der Offizier wandte seine Schritte zunächst nach den Portalen, an denen die gewöhnlichen Schildwachen ausgestellt waren.
Die üblichen Anrufe und Worte wurden gewechselt, es war Alles in bester Ordnung. Der Wind hatte sich seit einiger Zeit erhoben und jagte flüchtige Wolken an der Mondscheibe vorüber. Die Schatten und das Licht wechselten phantastisch auf den Quadern des Hofes, an den grauen Mauern des Schlosses und in den Fenstern, als sie jetzt durch den Korridor schritten, welcher nach der Seite des Schloßplatzes die beiden Höfe verbindet und aus dem Portal Nr. II. zu, dem innern Hofe und den Lokalitäten des Hofmarschall-Amtes führt.
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Dann schritten sie über den Hof und in das große Mittelportal zum Schweizer Saal.
»Lassen Sie uns möglichst leise auftreten, Herr von Röbel,« empfahl der Lieutenant, »ich will doch sehen, ob meine Burschen auch ordentlich wach sind.«
Sie stiegen die Stufen rechts hinauf.
»Halt! Wer da?«
»Offizier der Ronde!«
»Loosung!«
»Bertha!«
»Offizier der Ronde passirt!«
Der Offizier trat zu dem Posten. Es war ein kräftiger Westphale aus seiner Compagnie, den er sehr gut kannte.
»Nun, Bölte, Alles gut gegangen - Nichts passirt?«
»Nee, Herr Lieutenant. Keene Sterbensseele. Blot een Paar Katten fin un tweten de Föte rumhutscht, ek hebbe de Sackermenters aberst fortjagt.«
»Auch Nichts gehört?«
»Ooch nich. Dat eene Mal war mer's, as wär 'ne Thör toschlagen, oder wat g'fallen, aberst de Wind pfefft ei dem verwetterten Gang so kalt, un rumort an de Fenstern und klappert ewerall, dat man froh is, wenn man sek warmhalten kann!«
»Gut. Wir kommen gleich wieder zurück. Kommen Sie, Röbel!«
Sie stiegen jetzt weiter hinauf, diesmal auf der linken Seite, in dem gemauerten Aufgang.
Der Wind heulte in der That jetzt heftig in dem
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hohen offenen Treppenhause und durch die Gänge und Korridore. Das Eisenwerk klirrte und ächzte mit jenem Ton, der in der Nacht große, alte Gebäude so unheimlich macht; das Holzwerk klapperte und in einem andern Theile des Schlosses mußte ein Laden oder eine Thür offen geblieben sein, oder sich geöffnet haben, denn es schlug wiederholt an und ab.
Sie waren an dem Eingang des Saals.
Der Wind verhinderte wahrscheinlich die Schildwach im Innern, die Nahenden zu hören, ebenso wie er diese ihr Auf- und Niedergehen nicht vernehmen ließ.
Lieutenant von Waldenburg öffnete die Flügelthür.
Es erfolgte jedoch kein Anruf.
Aergerlich, daß gerade seinem Begleiter gegenüber einer seiner Leute sich so nachlässig auf dem Posten zeigte, oder wohl gar eingeschlafen war, ließ er die Thür ziemlich kräftig wieder in's Schloß fallen. Aber das Echo brach sich im Pfeifen des Windes an den hohen Gewölben.
Kein anderer Laut antwortete.
»Schildwach! - he - Schildwach!«
In dem weiten düstern Viereck des Saales blieb Alles stumm.
»Zum Teufel, wo steckt denn der Kerl? He, Wollmann - wo bist Du?«
Otto von Röbel stieß mit dem Fuß an einen Gegenstand. Es klirrte. Er bückte sich und griff danach.
»Wahrhaftig - hier ist das Gewehr des Mannes!«
Ein tiefes Stöhnen rang sich durch den Saal - in demselben Augenblick trat der Mond hinter Wolken
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hervor - ein dunkler Schatten lag auf dem Estrich des Saales, der Körper der Schildwach.
Lieutenant von Waldenburg kniete bereits an seiner Seite. »Um Himmelswillen, was ist Ihnen, Wollmann, sind Sie verwundet? ist Etwas geschehen?«
Der Soldat erholte sich allmählig wieder unter der freundlichen Zusprache. Der kräftige Bursche zitterte in den Armen der beiden jungen Männer.
»Herr Lieutenant! Gott sei's gedankt, Herr Lieutenant, daß Sie da sind! Bringen Sie mich fort,« stöhnte er - »lieber vier Wochen schweren Arrest, als das noch ein Mal!«
»Ermannen Sie sich, Wollmann, sagen Sie, was ist Ihnen geschehen?«
»Nein, nein! hier nicht! Um Himmelswillen, Herr Lieutenant, so wahr Sie an die ewige Seeligkeit glauben, bringen Sie mich fort von hier. Da - da heraus kam es!« Er wies schaudernd nach der Seite der Elisabethkammern.
»Hier muß etwas Besonderes vorgegangen sein,« sagte der Lieutenant von Waldenburg zu seinem Begleiter. »Helfen Sie mir wenigstens den Mann bis herunter zum nächsten Posten bringen.«
»Sehr gern! ich glaube nur, daß die Kälte ihn eingeschläfert, oder der Branntwein seine Phantasieen hervorgerufen hat!«
»Gleichviel, wir müssen thun, was unsere Schuldigkeit ist!«
Der Offizier und sein Begleiter nahmen den noch
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immer halb Betäubten unter den Arm und führten ihn den Aufgang herunter.
Später erinnerte sich Otto von Röbel, daß er, gerade vorher, ehe sie die Thür des Schweizer Saales geöffnet hatten, die Uhr des Doms hatte halb Eins schlagen hören.
Als sie den Soldaten, der sich jetzt wieder körperlich etwas erholt hatte, aber noch immer verstört um sich blickte und bei dem geringsten Geräusch zusammenfuhr, bis zu dem Absatz der ersten Etage gebracht, wo der erste Posten vor den Gemächern des Königs stand, rief der Offizier diesen herbei.
»Ihr Kamerad ist unwohl geworden, Bölte,« sagte er. »Helfen Sie denselben nach der Wachstube bringen und senden Sie sogleich Ablösung herauf.«
»Es würde am Besten sein, wenn Sie selbst mitgingen, Herr von Waldenburg,« meinte Otto von Röbel bedeutsam. »Befragen Sie den Mann in Ihrer Stube, Herr Thiele kann Ihnen vielleicht dabei rathen.«
»Sie haben Recht, - aber ich darf den Posten hier nicht ganz unbesetzt lassen. Es ist strenger Befehl!«
»Nun, ich bin ja Landwehrmann - betrachten Sie mich, als zur Fahne eingezogen. Ich werde den Dienst versehen bis zur nächsten Ablösung, Sie brauchen sich deshalb nicht zu beeilen.«
»Das ist eine Aushilfe, besten Dank Herr von Röbel, ich will Sie nicht lange warten lassen. - Noch Eins! Es ist Ordre, alle Personen, ohne Unterschied des Geschlechts, welche während der Zeit die Gänge passiren, zu verhaften und bis zur nächsten Patrouille festzuhalten!«
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»Gut - es soll geschehen. Welchen Posten soll ich einnehmen? Hier oder im Saal?«
»Wenn Sie die Güte haben wollen, etwa vor der Thür des Saales, wo Sie die beiden Stockwerke des Treppenhauses übersehen können; das genügt. Ich werde Ihnen sogleich Ablösung senden.«
»Nochmals - ich warte gern. Thun Sie erst das Nöthigere.«
Er hatte bereits das Gewehr geschultert, das er oben im Saal vom Boden aufgenommen und seitdem getragen hatte, und stieg den Aufgang hinan, bis zum mittleren Absatz, von dem aus man in das Treppenhaus hinunter, und gegenüber den Eingang zu den Königlichen Gemächern übersehen konnte. Hier blieb er stehen und betrachtete, an die Balustrade gelehnt, den seltsamen Wechsel des von den fliegenden Wolkenschatten unterbrochenen Mondlichts.
Lieutenant von Waldenburg war dem Gardisten gefolgt, der bereits seinen Kameraden über den Hof führte.
Der Wind verstärkte sich mit jedem Augenblick und heulte jetzt in schrillen Tönen durch die Gänge und offenen Korridore. Otto von Röbel, der bei der Begleitung des Offiziers seinen Mantel zurückgelassen, knöpfte schauernd den Rock fester und drückte sich hinter einen der Pfeiler, wo der Zug aus dem Treppenhause herauf ihn nicht erreichen konnte.
So verging einige Zeit.
Die dunklen Schatten spielten wie ein flüchtiges Heer von Nebelgeistern auf den weißen Wanden und Pfeilern.
Dann, in einer kurzen Pause des Sturms, als sammle
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dieser seine Kraft zu einem neuen Angriff, hörte der junge Edelmann aus dem Durchgang der beiden Höfe den klirrenden Tritt der Ablösung kommen und sah sie durch das Fenster über den innern Hof schreiten.
Zugleich hob die Uhr des nahen Doms aus und der erste Schlag der vollendeten vier Viertel der Stunde klang herüber.
Er wandte sich mechanisch um und schaute wieder das jetzt von einer Wolke verdunkelte Treppenhaus hinab.
In demselben Augenblick - - -


Die Ablösung war erfolgt. Otto von Röbel hatte das Gewehr abgegeben und folgte dem Gefreiten, der zur Schloßwache zurückkehrte.
Als der junge Edelmann bei dem Offizier eintrat, der am Tisch schrieb, während der Soldat, welcher den Posten im Saal gehabt hatte und dort krank geworden war, auf einem Schemel saß und der alte Thiele dabei stand, begegnete sein Auge dem aufmerksam und fragend auf ihn gerichteten Blick des alten Dieners.
Der junge Mann war sehr blaß. Er ging schweigend zu dem Ofen, auf dem noch immer der Punschtopf stand, goß den Rest in eines der großen Gläser und trank es leer. Dann schüttelte er sich, als hätte ihn der Frost durchkältet und das warme Getränk machte wieder das Blut durch seine Adern rollen.
Der alte Diener beobachtete aufmerksam alle seine Bewegungen. Als sein Auge wieder noch ebenso ernst und
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fragend das des jungen Edelmanns traf, schlug dieser das seine zu Boden und sein männliches Gesicht überflog eine helle Röthe, gleich als schäme er sich einer bewiesenen Schwäche.
»So mein Junge,« sagte der Offizier, indem er die Feder niederlegte und das Rapportbuch schloß. »Das genügt, und nun geh und leg' Dich auf's Ohr und schlafe den Unsinn aus. Du hast offenbar geträumt, denn wenn wirklich ein Frauenzimmer durch den Saal gegangen wäre und auf Deinen Anruf nicht stehen wollte, würdest Du sie wohl festgehalten haben.«
»Aber Herr Lieutenant,« sagte fast weinerlich der Soldat, »ich kann doch Nichts dafür, wenn das Gewehr mitten durch sie hindurchgegangen ist. Was danach geschehen, das weiß ich halt nicht mehr, denn ich war ja so erschrocken, und erst, als der Herr Lieutenant mich aufweckten, merkte ich wieder, daß ich noch lebendig war!«
»Dummkopf!« murrte der Offizier. »Sie haben offenbar geträumt, Wollmann,« sagte er dann barsch. Wenn wirklich eine solche Weibsperson, wie Sie dieselbe beschreiben, vorbeigegangen wäre, müßte Ihr Kamerad sie doch auch gesehen haben.«
»Ja, Herr Lieutenant, das eben begreife ich nicht!«
»Sehen Sie wohl! - Und nun« er wechselte einen Blick mit dem alten Diener, der schweigend zunickte, »merken Sie sich noch Eins. Wenn Sie drüben in der Wachstube irgend ein faules Gerede machen, durch das Sie zum Spott Ihrer Kameraden werden, so will ich dafür sorgen, daß Sie acht Tage scharfen Arrest erhalten, weil
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man Sie auf Ihrem Posten in höchst zweifelhaftem Zustande gefunden hat. So - nun können Sie gehen!«
Der Soldat machte die Honneurs und entfernte sich.
Als sie allein waren, machte der Offizier ein ernstes, ärgerliches Gesicht.
»So, Herr Thiele, ich habe nach Ihrem Wunsche und Ihrer Anweisung gehandelt. Was nun? Im Ganzen ist und bleibt es eine seltsame und verdrießliche Geschichte. Wollmann ist der nüchternste Bursche in der ganzen Compagnie und das Gerede wird sich doch kaum vermeiden lassen. Ich bitte um Ihr Wort, Herr von Röbel, nicht darüber zu sprechen, aber da Sie durch Zufall nun einmal Zeuge geworden, ist es besser, Sie wissen die Sache ganz. Denken Sie, der alberne Bursche behauptet, die Weiße Frau gesehen zu haben.«
»Die Weiße Frau?«
»Ja, das bekannte Schloßgespenst, von dem so viel gefabelt ist.«
»Aber wäre denn das so unmöglich?«
»Unsinn! wer glaubt heut zu Tage an solchen Kinderschnack! - Aber melden müssen wir's freilich und deshalb habe ich ein kurzes Protokoll mit dem Burschen aufgenommen. Wahrscheinlich war irgend eine Spitzbüberei im Werke oder ein Schloßbewohner wollte sich einen Streich erlauben. Ist's nicht so, Herr Thiele?«
»Gewiß! gewiß, Herr Lieutenant! Aber da nun der Ausgang wieder gestattet ist, will ich mit Ihrer Erlaubniß selber den Herrn von Röbel hinaus lassen. - Der Herr Oberstlieutenant,« setzte er leise hinzu, - »kommt gewiß
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noch ein Mal wieder, um sich zu erkundigen, ob wir den Dieb haben, und es würde zu unnützen Weitläuftigkeiten führen, wenn er den Herrn da fände.«
Es ließ sich wirklich an dem Wesen und Sprechen der beiden Männer, des Offiziers und des alten Dieners nicht recht absehen, was sie eigentlich von der Sache dachten.
Lieutenant von Waldenburg war bestens mit dem Vorschlag einverstanden. Er entschuldigte sich sehr bei dem jungen Edelmann, daß er ihn so ohne Weiteres an die Luft setze. Otto von Röbel erwiederte die Entschuldigung höflich, aber kurz, indem er sich, wie es in der That der Fall war, selbst als die Ursache bezeichnete; denn es drängte ihn, fortzukommen, und allein zu sein.
Der alte Diener nahm seine Schlüssel, mit dem Bemerken, daß er ihn aus dem Portal nach dem Lustgarten zu hinaus lassen wolle, wo er rascher Unter den Linden sei, und führte ihn über den Hof.
Sie gingen schweigend neben einander her. Erst als sie auf der andern Seite unter der großen Wölbung des letzten Portals nach dem Dom zu standen und der alte Mann bereits den Schlüssel in das Schloß gesteckt hatte, brach er mit einem scheuen Blick zurück nach dem Schweizer Saal das Schweigen.
»Sie haben sie gesehen, Herr von Röbel?«
Der junge Mann nickte.
»Ich dachte mir's sogleich, als Sie eintraten. Es thut nicht gut, davon zu sprechen - also schweigen Sie auch, Sie sind ein verständiger junger Herr. Es bringt
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ohnedem wenig Glück, sie gesehen zu haben. Es thut mir leid, es Ihnen sagen zu müssen, Herr von Röbel, aber es ist besser, Sie wissen es und sind darauf vorbereitet. Als sie mir am Neujahrstage 1840 begegnete, starb mein einziger Sohn in dem Jahre!«
Der alte Mann wischte sich eine Thräne aus dem Auge, dann öffnete er das Gitter.
»Nicht wahr - weiß - mit der großen Spitzenhaube, und das Gesicht so bleich wie Schnee?«
Wiederum bejahte der junge Mann schweigend.
»Ja, ja - so ist es. Mit den Schlüsseln in der Hand. So kommt sie vom grünen Hut her - Sie kennen doch den grünen Hut?«
»Nein!«
»Den alten Thurm an der Schloßseite nach der Spree mit dem grünen Kupferdach! - Dort ist es geschehn! - Es nutzt Nichts, daß man die Thüren doppelt und dreifach verschließt, sie läßt sich nicht halten, wenn Gott ihre Zeit bestimmt hat. Durch die Elisabethkammern kommt sie und geht durch den Schweizer Saal nach der Galerie! So war es gestern schon!«
»Nein! - wenn es wirklich eine Erscheinung war, was ich zu sehen glaubte, aus einem Reiche, das unsern Augen verschlossen ist,« sagte der Junker ernst - »so hat sie einen andern Weg genommen!«
»Wie? Herr von Röbel, ich bitte Sie, sagen Sie mir Alles!«
»Der Schatten - die Erscheinung, was es auch sein mochte, doch war sie ganz Ihrer Beschreibung gemäß, kam
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aus dem Eingang zu den Gemächern Seiner Majestät des Königs und glitt dicht an mir vorüber die Treppe hinauf zum Schweizer Saal. Ich sah die starren Augen deutlich auf mich gerichtet, aber ich war in der That zu consternirt, um etwas Anderes zu thun, als schweigend ihr nachzusehen. Erst dann fiel mir ein, daß es eine Täuschung sein könnte. Aber als ich hinaufstieg zum Saal, war Nichts mehr zu erblicken!«
»Sie war es! - Also doch! Aus den Zimmern des Königs! - Gutenacht Herr von Röbel, und nochmals - das Beste ist, Sie schweigen ganz über die Sache! - In Jahresfrist, Herr von Röbel, werden wir einen Thronwechsel haben, oder Kriegsgefahr. Gott schütze das Vaterland!«
Er drückte die Gitterthür in's Schloß - der Edelmann war allein.
Es war still und einsam auf dem weiten Platz - selbst der Wind, der vorhin so sturmartig geheult, war erstorben.


Wir haben den »Schwager,« - wie er sich selbst zu nennen beliebte! - des Lieutenant von Röbel verlassen, nachdem er sich von diesem getrennt, schwankend, ob er sich nach dem Orpheum oder noch zu seinem »Geldherrn« begeben solle.
Als Mann von Verstand, der das Angenehme mit dem Nützlichen zu vereinen weiß, wählte er das Letztere.
Herr Samuel Jonas wohnte Unter den Linden. Der
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Leser weiß, daß er ein ehemaliger Dieb und langjähriger Zuchthaussträfling und jetzt ein Factotum der Geld brauchenden vornehmen Herrn war, daß Fürsten und Grafen sich nicht scheuten, den alten Einbrecher zu besuchen, daß die Polizei und die Presse an seinen Soupers Theil nahm, kurz, daß eben eine jener schmählichen Wendungen vorlag, die eben nur in einer großen Stadt möglich sind.
Herr Samuel Jonas machte ein Haus, er hielt Equipage, stiftete Heirathen in der vornehmen Welt, machte bedeutende Geldgeschäfte, ohne viel persönlich aufzutreten und hatte hübsche Töchter. Die kleine Rebekka, die früher bei ihm in der Jakobsstraße als Nichte figurirte, war längst abgeschafft und an irgend einen »Schnorrer« versorgt, und es ließ sich hoffen, daß Papa Jonas noch immer einmal »Kommerzienrath« werden könnte.
In diese Gesellschaft müssen wir den Leser führen. Sie wird überhaupt bald die »gute Gesellschaft« von Berlin bilden, denn die Herrschaft des Judenthums wächst in der Preußischen Hauptstadt seit 17 Jahren, das heißt seit 1848, mit einer so rasenden Schnelligkeit, daß das ehemalige Bürgerthum immer weiter zurückgedrängt wird und zuletzt noch einmal selbst in den Jüdenhof eingesperrt werden kann. Es fällt dem Verfasser nicht im Traum ein, eine Philippika gegen den jüdischen Glauben zu schreiben, er achtet und ehrt den gewaltigen, seit Jahrtausenden den Orkanen der Weltgeschichte trotzenden Bau, und zählt unter seinen Bekennern wahre und geschätzte Freunde. Er ehrt ihren Fleiß, ihre Strebsamkeit, ihre sittlichen Tugenden, ihr festes Zusammenhalten, ihre Treue gegen die alten
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Satzungen, was Alles den Christen ein wichtiges Beispiel sein sollte! Und dieser Bau wird auch ferner ausdauern und trotzen den Stürmen der Zeit, wenn der selbst erzeugte Wurm ihn nicht untergräbt und seine Grundvesten erschüttert.
Was der Verfasser unter »Judenthum« versteht, ist etwas ganz Anderes - eine Wucherpflanze aus dem kräftigen Stamm, die ihn selbst der besten Säfte beraubt und unter ihren Ranken erdrückt; ein Auswuchs, der so gewaltig wird, daß zuletzt nicht das Messer des Gärtners mehr ausreichen kann, sondern der Axthieb nöthig ist! ein Kriechpflanzenthum, was den ganzen kräftigen Eichenwald des bürgerlichen Lebens überwuchert und erstickt. Das Judenthum ist auch ein Kind von Achtundvierzig, gleich dem französischen Kaiser, und beide zusammen sind die wahre Revolution Europas, nicht die Hängegensd'armen Polens oder die mazzinistischen Verschwörungen!
Mit dem Bettelsack auf dem Rücken einwandernd, frißt es sich, wie ein humoristischer jüdischer Schriftsteller sagt, gleich »Oleum« überall durch, sprengt die seitherigen Ordnungen der Gesellschaft, macht den Handwerker durch die Macht des Kapitals zum Sclaven, rodet dem Landmann seine Wälder aus, wirft den Besitzer aus seinem vielhundertjährigen Erbe, steigert durch seine raffinirte Genußsucht die Bedürfnisse und vertheuert dem Armen sein sauer verdientes Brod, macht Kunst und Wissenschaft zur Speculation, mästet sich mit dem durch gute Freunde ihm in die Hände gespielten Eigenthum des Staates, und baut sich Paläste Unter den Linden! Schlimmer noch als sein
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Einwirken auf die materielle Gesellschaft ist sein Drängen in die Politik, seine Vergiftung der großen politischen und staatlichen Prinzipien, eine Thätigkeit, die ganz gegen den guten conservativen Geist des alten jüdischen Glaubens ist.
Man deckt das schützende Dach ab, um Wind und Regen freies Spiel in das Innere des Baues zu verschaffen! -
Gegen dies Judenthum, das allein die Blindheit der bürgerlichen Gesellschaft, die Binde, welche der mißverstandene Fortschritt ihr um die Augen gelegt hat, ermöglicht, kämpfen wir und werden wir immer kämpfen. Also gegen die rücksichtslose Ueberhebung des Kapitals über die Arbeit, gegen die Entnervung des Bürgerthums, gegen die Unterjochung und Ruinirung des Grundbesitzes zum Vortheil der Börsen-Agiotage, gegen das Eindrängen in fremde Kreise, gegen die Schätzung von Ehre und Recht, Ruhm und Heiligthum nach Thalern und Aktien! Dagegen, daß das christliche Mädchen für die kummervolle Arbeit noch ihren Körper in den Kauf giebt! - dagegen, daß der Börsenjobber steuerfrei bleibt, und der Schweiß des Landmanns, des Handwerkers, die Sorge des Grundbesitzers den Unterhalt des Staates tragen, sein Blut die Schlachtfelder tränken soll - dagegen daß man unsern Glauben profanirt und zersetzt, unsere Heiligthümer zu Contracten herunter zerrt, die Fürstenkronen von Gottes Gnaden zum Ausverkauf eines speculativen Baumwollenfabrikanten oder raffinirten Tribünenschwätzers machen will! - Dagegen Krieg auch mit diesem Buch! - - -
Im Salon des Herrn Samuel Jonas war sehr lustiges
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Leben. Das feine Souper, - das einer der besten Berliner Köche geliefert, - war zu Ende, Madame war nach üblicher Manier bereits mit dem Teller umhergegangen, um die Kosten für das Couvert und den Wein einzukassiren, und die Gesellschaft ergab sich jetzt zwangloser Unterhaltung.
In einem Nebenzimmer wurde eifrig gespielt, ein kleines Tempelchen, bei dem oft Hunderte, ja zuweilen Tausende auf dem Spiel standen, wenn sie auch nicht sichtbar auf der Karte lagen. Die Eingeweihten verstanden sich auf den Wink und wußten, was zwei Schwefelhölzer neben einander oder über's Kreuz gelegt zu bedeuten hatten.
Die Gesellschaft war sehr gemischt - dem Leser bereits bekannte und viele unbekannte Personen. Die, welche die Bank hielt, gehörte zu den ersteren, es war der Doktor Lazare, der mit der Gräfin Törkyöni seit Beginn des Winters sich wieder in Berlin befand, wo jetzt eine offene Arena für die Talente des Paars sich zu bieten schien.
Die Nacht am Stilfser Joch war längst vergessen und die Erinnerung an die Gefahr diente höchstens zu einem höhnischen Witzwort auf das betrogene Mädchen und den tugendhaft gewordenen Bettgenossen der Gräfin oder den halbverrückten Greis, dem sie den Enkel gemordet.
Der Verrath von Mailand hatte seine Früchte getragen: Gräfin Martha hatte in Wien ihren Erbschafts-Prozeß glänzend gewonnen, auch nach den Diamanten der schönen Julia Bignatelli war keine weitere Nachfrage gewesen, auch dieselbe bereits die glückliche Gattin des
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Rittmeister von Trautmannsdorf, und Doktor Lazare hatte einen Antheil von 40,000 Thalern für die glänzende Führung ihres Prozesses von der Gräfin ausgezahlt erhalten, unbesehen verschiedener anderer Vortheile.
Jetzt saß dieselbe mit einem ziemlich häßlichen, magern und kleinen Frauenzimmer von einigen dreißig Jahren, das lebhaft und mit orientalisch heftigen Gestikulationen mit ihr und einem kleinen Herrn mit sauberem, oval vollen glatten Gesicht und goldener Brille sprach und den es in den Anreden Herr Professor nannte, vor dem Kamin.
Ein Herr mit sehr aristokratischen, aber lässigen Manieren und abgelebtem Gesicht, dessen gräfliche Familie die nahe Verwandtschaft sich gerade keineswegs zur besonderen Ehre anrechnete, - ein bildhübscher junger Offizier in Civil, von den Töchtern des Hauses bei jeder Gelegenheit »Herr Baron« angesprochen, und eine dieser Töchter bildeten eine zweite Gruppe auf und neben einer Causeuse, die mit kostbarem Seidenstoff überzogen war, aber bereits verschiedene große Fettflecken zeigte. Am Pianino saß die älteste Tochter des Hauses und präludirte, schmachtend hin und wieder den Kopf hinten überbeugend und zu einem jungen und kräftigen Mann mit blondem Haar und bauschigem Bart emporlächelnd, dessen wirklich männlich hübsches Gesicht durch ein Paar lüsterne blaue Augen belebt wurde.
Zwei andere Gruppen sind jedoch in diesem Augenblick für uns von größerem Interesse.
Auf einem Sopha, von dem aus man das Zimmer mit dem Spieltisch übersehen konnte, um welchen sich der
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Rest der Gesellschaft gesammelt hatte, saß der Kommissionsrath Boltmann, der Hausherr und Freund der Kammerherrin von Werben, der Agent jenes mächtigen Ordens, der im Kampf mit oder neben der Revolution noch immer die Welt zu beherrschen strebt und jedenfalls noch einen mächtigen Einfluß auf die Geschicke der Völker übt.
Der Rath sprach bald mit dem ab- und zugehenden Hausherrn, bald mit einer Dame, die neben ihm auf dem Sopha saß.
Es war eine große schlanke Blondine, über die erste Jugendfrische hinweg, aber von jenen Formen, die auch dann noch einen Mann erhitzen, ja häufig noch mehr erregen können, wenn es beabsichtigt wird, als die jugendlichern, aber eckigeren und naiveren Reize der ersten Blüthe.
Die Dame mochte neunundzwanzig bis dreißig Jahre zählen. Prachtvolles dickes Blondhaar, wie man es selten findet, umgab mädchenartig in zwei breiten, diademartigen Zöpfen die reine Stirn und hing in kurzen, zahlreichen Locken an beiden Seiten des gerundeten Gesichts bis zu dem vollen kräftig zur prächtigen Büste niedergewölbten Halse nieder. Die üppig zum Genuß gewölbten Lippen waren frisch und voll und Alles an diesem Weibe schien zum berauschenden Sinnengenuß der Liebe einzuladen, denn der sonst blassen Gesichtsfarbe hatte die Kunst den Anschein des wärmer pulsirenden Lebens eingehaucht.
Nur die Augen hatten einen dem widersprechenden Ausdruck.
Sie waren lichtblau und starr, von jenem matten,
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erkältenden Glanz, der eine enorme Willenskraft und Energie anzudeuten pflegt.
Die Dame war elegant, ja kostbar nach der neuesten Mode gekleidet und trug werthvolle Schmucksachen, die sich mit denen der Gräfin am Kamin messen konnten, obschon sie nur die Frau eines bürgerlichen Geschäftmannes war. Dieser ihr Gatte saß an dem Spieltisch des Nebenzimmers und schien mit leidenschaftlichem Eifer sich an dem Spiel zu betheiligen. Zuweilen griff seine Hand in das krause, schwarze Haar und riß daran wie in Wuth und Angst, dann wieder beugte er sich weit über den Tisch, als wolle er die schlanken Wachsfinger des Bankiers beim Aufschlagen beobachten, oder er stieß eine halblaute Verwünschung aus, wenn er verlor.
Seine Frau sah diesem Schauspiel mit auffallender Ruhe zu, ja zuweilen, wenn sie sich unbemerkt glaubte und ihrem Gatten wieder ein Zeichen seines leidenschaftlichen Aergers über den Verlust entfuhr, flog ein finstres, unheimliches Lächeln über ihre sonst so schönen und sanften Züge. Ein oder zwei Mal hob sich dabei ihre Hand nach dem Busen, der hoch aufathmete, als feiere seine Herrin einen Sieg.
Madame Polen[t]z, denn es war die ehemalige Geliebte des am 18. März erschossenen Lieutenant von Röbel, die jetzige Gattin des Mannes, dessen tückische Kugel ihn getödtet, war aber keineswegs so unbeobachtet. Das lebhafte graue Auge des Kommissionsraths folgte, ohne daß es den Anschein hatte, lebhaft allen ihren Bewegungen, indem es zugleich die Gruppe der Spieler belauerte.
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Dabei führte der Rath, wenn er sie nicht mit Allgemeinplätzen unterhielt, eine ziemlich bedeutsame Unterhaltung mit dem Hausherrn, die jedoch äußerlich gleichfalls den Anschein gleichgültigen Inhalts bewahrte.
In der Fensternische des Zimmers, in welchem eines der Fräulein Jonas musicirte und mit dem hübschen Journalisten kokettirte, während doch ihr Blick sich oft ungeduldig und ärgerlich nach der Thür wandte, saßen zwei Herren an einem kleinen Tischchen, auf dem im silbernen Eiskühler eine Flasche Champagner stand, die sie nach dem Souper noch leerten. Auch für die anderen Herren, namentlich im Spielzimmer, stand Rothwein und der Feuertrank der französischen Kreideebene, wenn man dem Etiket Glauben schenken dürfte, auf Seitentischen zum Gebrauch, während türkischer Taback und gute Havannahs, daneben lagen. Alles rauchte, selbst die meisten der anwesenden Frauen.
Der eine der beiden Männer war groß, kräftig, mit jenem blassen, unreinen Teint, den häufig das röthliche Haar mit sich führt, und hatte einen starken, rothen Vollbart. Der Andere, über die Fünfzig hinaus, hatte ein etwas zusammen gekniffenes, finstres Gesicht und bereits stark graumelirte Haare.
Während man sonst in den verschiedenen Gruppen sich meist von den Tagesneuigkeiten oder Geschäften unterhielt, sprachen die Beiden von Politik.
»Sie sind zu ungeduldig, lieber Freund,« sagte der Aeltere. »Ich dächte, Sie konnten von dem Ausfall der letzten Wahlen unmöglich mehr erwarten. Wir müssen diese
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Uebergangsperiode haben aus verschiedenen Gründen. Ein plötzlicher Sprung von der manteuffel'schen reactionairen Landrathskammer mitten hinein in eine demokratische Majorität war unmöglich, ohne überall anzustoßen. Wir haben einige tüchtige Kräfte hinein gebracht, die wissen, was sie wollen, und noch mehr Saamen für die Zukunft.«
»Aber sie sind zu schwach, um eine Fraction zu bilden!«
»Desto eher werden sie die Liberal-Constitutionellen sprengen. Glauben Sie wirklich, daß Matthis, Schwerin, Wentzel, Bincke u. s. w., sich auf die Dauer mit Gneist, Grabow, Lette und Reichenheim vertragen werden? Lieber Freund, ein Mann wie Sie kennt doch den ersten Grundsatz der Agitation. Man muß die Leute vorwärts treiben, ohne daß sie es selbst gewahr werden. Unsern Zwecken konnte nichts Glücklicheres kommen, als dies Ministerium und diese Kammer der konstitutionellen Faseleien. Wenn irgend Etwas die Hohlheit dieses Halbwesens und Scheinconstitutionalismus brach legen kann und dem Volk zum Gespött machen, so wird es diese Session thun. Diese Doktrinaire werden sich in lauter Principien festreiten, und wenn sie nicht mehr weiter können, schmählich davon laufen und der Krone die Schuld geben. Uns aber haben sie den Weg gebahnt. Wo sie endigen, da ist unser Anfang. Was zu uns gehört, geht mit fliegenden Fahnen in unser Lager über.«
»Aber wir sind dennoch in der Kammer in der Minorität!«
»Sehen Sie den Professor dort an; bei den nächsten
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Wahlen wird er darin sein und trotz aller Versprechungen an den Minister eine unserer besten Stützen. Es ist schade für die Wissenschaft, aber gut für uns, denn es ist Nichts in der Welt, worüber er nicht schwatzen wird. Bei den Wahlen 1855 haben 16 Prozent der Berechtigten gewählt, diesmal bereits 22 und wir werden es bei den nächsten sicher auf 40 bringen. Die Conservativen sind durch die Haltung des Regenten in sich selbst uneins und werden sich spalten; die Einen werden es für Pflicht halten, blind seiner Person anzuhängen, die Anderen werden das Heil des Conservatismus in dem Festhalten an der Kreuzzeitung finden. So wird Zwiespalt im eigenen Lager und Mißtrauen zwischen dem Prinzen und den Feudalen entstehen, das ihn zuletzt in unsere Hände treibt. Das Nöthigste ...«
»Nun?«
»Ei nun, das ist das Ende dieses Königs, der weder leben noch sterben kann. Dann ist sein Nachfolger gezwungen, eine politische Amnestie zu geben, Auerswald und Patow werden dafür sorgen. Bei den nächsten Wahlen müssen wir sämmtliche Führer der Demokratie in der Kammer haben und dann geht der Tanz los. Die Militairfrage muß die Handhabe liefern, um uns das plein pouvoir über das Budget zu geben. Damit sind wir die Regierenden, und daß unsere Gegner nicht wieder aufkommen sollen, dafür lassen Sie uns sorgen. Wir sind keine Narren wie die Engländer mit ihren Whigs und Torie's.«
»Sie vergessen einen wichtigen Faktor in Ihrer Rechnung!«
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»Welchen?«
»Die Beamten!«
Der Aeltere lachte. »Sind Sie denn wirklich noch so grün in der Politik,« sagte er, »um nicht zu wissen, daß die Geheimen Räthe bei uns unsere besten Stützen sind? Die Clique ist so eingenistet, daß der Chef eine Null ist. Was sie nicht wollen, das geschieht nicht, und ein energischer reaktionairer Minister wäre für sie die höchste Gefahr. So ein Bischen constitutionelle Opposition machen, kitzelt ihre Nase und ich wette, daß das nächste Mal drei Viertheil die offene Opposition zeigen. Sehen Sie mich an - was zum Teufel, ich sage Ihnen hier unter uns, wenn einer meiner Räthe das thäte, was ich alle Tage Herrn Simons anthue, ich jagte ihn auf der Stelle fort!«
Die Unterhaltung stockte einen Augenblick, während Beide den kalten Champagner schlürften, dann nahm sie der Rothbärtige wieder auf.
»Und welche Schritte, welche Taktik rathen Sie uns später?«
»Lassen Sie jetzt die Presse vorarbeiten. Die Angriffe gegen die Polizei von London aus sind ja bereits vorbereitet. Sie muß völlig discreditirt und eingeschüchtert werden, damit sie der Vereinsthätigkeit keine Hindernisse in den Weg legt. Dann kommen die Andern an die Reihe - zunächst das Ansehen der Krone, dann die Armee. Was das Erstere betrifft, so glaube ich, sammelt die da« - er wies nach dem Kamin - »ein tüchtiges Material! Die Angriffe gegen die frühere Regierung, die Mißregierung,
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noch während Friedrich Wilhelm IV. lebt, werden uns die besten Dienste thun. Man muß sich daher beeilen und keine Schonung kennen. Je giftiger, je besser! Vor Allem gilt es, dieses albern spezifische Preußenthum im Volke zu beseitigen, diesen Preußischen Soldatengeist! So lange diese vorhanden, steht das Königthum uns zu fest. Deshalb bin ich auch für die Gründung eines deutschen National-Vereins, er nimmt Preußen die Macht aus der Hand. Ueberdies brauchen wir Mittel, um die Führer für alle Eventualitäten durch Anlage von Kapitalien in London sicher zu stellen!«
»Aber die Regierung wird sich das Alles nicht gefallen lassen?«
»Dieses Ministerium? Je mehr wir aufräumen helfen, desto willkommener wird es ihm sein. Wenn es die Gefahr merken wird, wird es bereits zu spät sein. Die Presse, die sich Auerswald bildet, zieht er für uns. Sie wissen ja am Besten, daß wir die Presse in der Hand haben. Alle jungen frischen Kräfte fallen uns zu, denn die Conservativen sind zu einfältig, um sich bei Zeiten nach dieser Seite und im Beamtenthum zuverlässig zu verstärken, wenn sie am Ruder sind oder Gelegenheit dazu haben. Sie fürchten unser Geschrei, während wir bei unserm Vorgehen uns nicht um das ihre kümmern. Darin liegt eben das Geheimniß unsers Emporkommens, daß wir zusammenhalten und unsere Leute schützen, selbst wenn ihnen einmal etwas Menschliches passirt, das sie mit der Kriminaljustiz in Verbindung bringen könnte, während die Junkerpartei den ihren womöglich noch einen Fußtritt
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giebt. Ein Reaktionair wird niemals Karriere machen, ein tüchtiger Demokrat immer, wenn er will. Bei uns steht das Portefeuille Jedem offen - sie lassen ihre besten Kräfte fallen, wenn der Wind oben einmal ein Bischen anders weht. Zeigen das nicht die gegenwärtigen Wahlen? Diese Mißachtung des Junkerthums gegen das conservative Bürgerthum und seine Kraft ist unser bester Bundesgenosse und schafft uns die meisten Rekruten. Hinckeldey war der Einzige, der das begriff, und sie haben ihn todt geschossen!«
»Man sagt, es soll viel zu der Krankheit des Königs beigetragen haben!«
»Unzweifelhaft, dies und die russische Geschichte! - Zunächst gilt es, daß wir uns des Vereinsrechts bemächtigen. Wir müssen durch ganz Berlin Bezirksvereine gründen, welche die Agitation in die Hand nehmen. Mit ihrer Hilfe wird es möglich sein, die Kommunalbehörden hier und in den Städten überhaupt umzuformen; die conservativen Elemente müssen daraus entfernt werden - sie sind der Demokratisirung der Bevölkerung am gefährlichsten. Die Conflicte mit der Staatsgewalt ergeben sich dann von selbst. Auf dem Lande ersetzen das die Kreisrichter. Diese Souveränität der kleinen ehrgeizigen richterlichen Beamten ist das Dümmste, was die Regierung thun konnte. In drei Jahren werden wir mindestens 33 Prozent Advokaten - denn die kleinen Richter gehören dazu - in der Kammer haben. Aber die Hauptsache ... das Ohr des ...«
Der Redner unterbrach sich, da der Hausherr so eben, sich die Hände reibend, herbei kam.
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»Wie schmeckt Ihnen der Champagner, Herr Geheime Rath? Noch ein Fläschchen gefällig? ich werde gleich dem Friedrich befehlen! Bei Gott, er kostet mir doch selber auf der Auktion im Packhof sieben Franken die Flasche, was ist nach unserm Geld Ein Thaler und Sechsundzwanzig Silbergroschen!«
»Er ist wirklich sehr gut, Herr Jonas!«
»Und haben Sie die Ida, meine Jüngste spielen hören ihre neueste Composition? Gott, was is [s]sohn und Offenbach, und selber der Meyerbeer dagegen? Ich sage Ihnen, es wird ein Genie, wie wir noch keins gehabt haben. Sie schreiben schon in die Zeitungen davon! - Wollen Sie nicht machen vielleicht auch ein Spielchen zur Abwechselung? Es ist gut zur Verdauung.«
»Später, Herr Jonas! - Einen Augenblick, lieber Freund!« - Er hatte den Hausherrn am Arm genommen und entfernte sich mit ihm.«
»Nun, Herr Jonas, wie ist die Geschichte mit dem Bittgesuch ausgefallen?«
»Ganz erwünscht - aber ...«
»Nun?«
»Können Sie schweigen, Herr Geheime Rath?«
»Ich dächte doch, Sie sollten es wissen!«
»Nun dann will ich Sie anvertrauen aus Ehrenwort die ganze Geschichte, die viel Stoff gäbe zum Lachen, wenn sie würde bekannt, die aber doch verschwiegen bleiben muß auf's Geheimste, von wegen der Zukunft, weil wir den Weg brauchen können noch mehr.«
»Erzählen Sie, Sie haben mein Wort!«
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»Sie haben mir doch verschafft die Empfehlung von dem Herrn Professor. Drauf bin ich gegangen zu der jungen Frau, die geweint hat und lamentirt den ganzen Tag von wegen ihres Mannes und hab' ihr gesagt, gehn Sie zu der Excellenz, die's kann machen allein, daß Gnade ergeht vor Recht. Die Excellenz liebt ä schönes Gesicht, und wenn sie auch schon alt ist, hat sie doch noch Blut in den Adern wie ä Jüngling von dreißig. Sie müssen nur sein nicht spröde, und wenn die Excellenz ä Gefallen findt an Ihnen - nu, was is weiter? wer is dabei und wer hat's gesehn? Sie sind so ehrlich wie zuvor, und der Mann is nich kapores für immer!«
»Und die kleine Frau, die so ehrbar thut, ist wirklich da gewesen?«
»Gott bewahre! Wenn Sie hätten gesehn, wie sie auf mir los gesprungen ist bei dem Vorschlag, Sie würden glauben, sie wär geworden eine wilde Katze! Hat sie mir doch wollen auskratzen die Augen! Sie hat geredt wie ä Narr von der Tugend und von der ehelichen Treue und daß sie wär ä ehrliche Frau! Gott im Himmel, was thu ich mit der Treue, wenn der Mann sitzt im Prison? Zuletzt hat sie gewollt lieber sterben, als zu sein gefällig gegen den gnädigen Herrn und hat mir gebeten auf ihren Knieen, zu erfinden ein anderes Mittel!«
»Und Sie?«
»Nun, is mir doch geschossen ä Gedanken in den Kopf wie ä Pfeil. Ich habe gedacht, was brauchts grade zu sein die Eine, wenn die Andere thut denselben Dienst? Ich hab sie beruhigt und hab nur genommen die Papiere
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und hab geschickt ä Andere zu die Excellenz, die sich ausgegeben hat für die Frau!«
»Und die Excellenz?«
»Was kann wissen die Excellenz, ob es ist die rechte oder die unrechte, wenn sie nur ist hübsch und spielt nich die stolze Lukretia, die ich hab gesehen im französischen Theater in Paris!«
»Also ist die illüstre Excellenz wirklich in die Falle gegangen?«
»Was weiß ich? - ich bin nich gewesen dabei. Die Dame hat mir gethan den Gefallen, weil ich ihr hab gethan auch manche Gefälligkeit, das Andere is doch ihre Sache. Aber so viel is gewiß, der Prozeß ist geschlagen nieder und die hübsche junge Frau hat wieder ihren Mann!«
»Darf man denn nich wissen, wer die gefällige Schöne war?«
Der Hausherr lachte behaglich. »Gelt? ich kann mer's denken. Aber ich darf Ihnen sagen Nischt, gar Nischt, obgleich Sie sie kennen recht gut. Aber Jonas, halt Deinen Mund, Sie werden herausbringen Herr Geheime Rath keine Sylbe mehr!«
»Nun gut, die Geschichte ist vortrefflich und wird Ihnen beiläufig ein hübsches Sümmchen Geld eingebracht haben. Dabei fällt mir ein, daß wohl dieser Tage mein Wechsel über die eilfhundert Thaler fällig ist? Sie werden wohl so gut sein, ihn zu prolongiren!«
»Machen Sie sich keine Sorgen, Herr Geheime Rath, ein Wort, ein Mann, ich bin ein dankbarer Mensch für
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meine Freunde und Gönner und es ist doch so gut, als wär es schon geschehn!«
Der Mäcen oder Client des Herrn Jonas kehrte zu dem Champagner und seinem politischen Freunde zurück.
Der Hausherr rieb sich nach seiner Gewohnheit die Hände und trat zu seiner Tochter am Pianino, die er auf die dicke Frisur tätschelte.
»Rosa, mein Kind, was spielst Du doch vor dem Herrn Doktor, der doch ist ein sehr kenntnißreicher Mann? Er muß doch Alles wissen, wenn er sein will ein Kritikus! Sie, spielt ausgezeichnet, Herr Doktor, nicht wahr? Aber es ist doch Nichts gegen das Genie von Ida, meiner Jüngsten!«
Die junge Dame hatte ihre vollen hübschen Lippen, die von großer Sinnlichkeit sprachen, dem Ohr ihres würdigen Erzeugers genähert.
»Papa,« flüsterte sie - »er ist heute wieder nicht gekommen!«
Sie war ein schönes Mädchen, Rosa oder Rosalie Jonas, die Aelteste des neuen Bankiers für die bankerotte Aristokratie oder vielmehr die Aristokratie, die Lust hatte, zu seinem Besten sich bankerott zu machen. Mit jenem Typus der ächt jüdischen Schönheit, der berauschen kann, aber früh verblüht oder in Embonpoint übergeht, vollbusig, jede Linie in üppiger, von der Jugend gefestigter Wellenform, mit weißem Teint und schwarzem Haar und Augen, die wie Raketen zündeten und wie Nachtigallen schmachteten! Das kleine Bärtchen auf der vollen kirschroth und küssenswerth emporgeworfenen Oberlippe stand ihr
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allerliebst und versprach wunderbare Nächte. Nur um die Winkel der hübsch und kräftig geformten Nüstern zuckte bereits jener kleine Spinnenfuß, der daran mahnt, daß es Zeit sei, die Schönheit in Sicherheit zu bringen, das heißt, den Hafen des Ehestands aufzusuchen.
Fräulein Rosa Jonas hatte zwar keine besondere Bildung, aber sie besaß vom Vater die Klugheit, welche den Mangel vertuscht, ohne die Gemeinheit ihrer werthen Eltern damit zu verbinden. Im Gegentheil, sie schämte sich derselben bei jeder Gelegenheit öffentlich und gab Vater und Mutter zarte Winke; denn Fräulein Rosa war sehr ehrgeizig und die Subscriptionsbälle im Opernhaus und eine aristokratische Heirath gehörten zu ihren Lieblingsneigungen.
»Wenn er ist ausgeblieben heute, wird er kommen sicher morgen,« sagte tröstend der Vater. »Ich hab' ihn doch fest in meiner Hand und werd' ihn bekommen noch fester. Herzleben, mein Kind, ich verspreche Dir auf meine Ehre, Du sollst werden ä wirkliche gnädige Frau, noch eh wir haben wieder Neujahr!«
Mit einem schmachtenden Seufzer ließ sich Fräulein Rosa wieder neben ihrem interimistischen Cicisbeo nieder, der that, als ob er Nichts gehört hätte.
»Siehst Du, mein Kind, Du hast Glück! Da kommt der Herr Günther, mein Agent, ich werd' ihn fragen sogleich.«
Damit schoß der Hausherr mit seinem Spitzbauch voran wie ein Pfeil oder besser wie ein Habicht auf den
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so eben ziemlich unbeholfen und linkisch eingetretenen Kommissionair zu und faßte ihn an der Rockklappe. - - -
»Es scheint, daß das Spiel Sie interessirt, verehrte Freundin,« sagte der Kommissionsrath mit wohlwollendem Ton zu der jungen, starren Frau an seiner Seite auf dem Sopha, »und doch habe ich Sie selbst noch niemals spielen sehen?«
»Ich spiele niemals, Herr Rath, ich überlasse das einem Andern!«
Ihr blasses Auge funkelte dabei mit einem unheimlichen Strahl hinüber nach dem Spieltisch, wo ihr Gatte eben wieder mit der Hand in den Haaren wühlte, ein Zeichen, daß er verlor.
»Es ist wahr,« sagte der Rath, eine Prise nehmend - »Herr Polen[t]z giebt sich der Sache zu leidenschaftlich hin. Ich fürchte, es wird nicht glücklich endigen!«
Sie wandte ruhig ihr kaltes und doch durchdringendes und stolzes Auge auf ihn. »Sie wissen vollkommen, Herr Rath,« sagte sie, »daß er bereits ruinirt ist!«
»Nun, nun - so weit ist es hoffentlich noch nicht, liebe Freundin! Man muß nicht gleich immer das Schlimmste fürchten, schon um Ihrer selbst willen.«
Ein verächtliches Lächeln flog über ihr Gesicht. »Sie wissen eben so gut, daß ich gesichert bin, Herr Rath,« sagte sie. »Ich brauche wenig für mich, wenn mein Ziel erreicht ist. Ueberdies ist die Zukunft mir gleichgültig - ich erwarte Nichts von ihr!«
»Wer weiß!«
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Der Ton war so ernst, so gewichtig, daß die junge Frau sich unwillkürlich gegen ihn kehrte.
»Was wollen Sie damit sagen?«
»Sie denken immer noch an Ihr Kind -!«
»Mein Gott, hab' ich es je einen Augenblick aus den Gedanken verloren? Nein, nicht damals, als ich die Erinnerung zu ertränken versuchte in dem wüsten Treiben der Polkahalle, wo Sie zuerst mich kannten und der Unglücklichen, Rasenden Theilnahme zeigten; - nicht am Altar, als ich die Frau Dessen wurde, den ich am Meisten hasse auf der Welt, blos weil ich keinen andern Weg mehr wußte, um ihn zu peinigen und ... Aber lassen wir das. Ihrem Rath, Ihrer Hilfe verdank ich es, daß jener Mensch untergehen mag, ohne daß es mich berührt, daß das Kapital, was er mir damals bei unserer Verheirathung sichern mußte, in den Händen von Jonas sich verdreifacht hat und ich unabhängig bin von ihm.«
»Gewiß, mit fünfzehntausend Thalern könnten Sie als einzelne Frau ganz anständig leben! Aber er wird seinen Antheil daran verlangen - er ist Ihr Mann!«
»Er weiß Nichts von der Vermehrung der fünftausend Thaler, die er mir damals verschrieb, als das blinde Glück ihn wieder reich gemacht hatte und ich ihn heirathete. Aber ich will Ihnen Etwas sagen!«
»Nun?«
»Das Geld, was Polen[t]z dort verspielt - ist der Rest jener Fünftausend!«
»Wie - Sie sind so thöricht gewesen, ihm Ihr Vermögen zu geben?«
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»Nicht mein Vermögen, was mein ist! aber jene Fünftausend, für die er mich und die Hölle auf Erden kaufte. Ich that es, während Sie verreist waren - nach Rom, oder sonst wohin, vor vier Wochen - und es sind die letzten Louisd'ors davon, die er heute verspielt?[!]«
»Ich begreife Ihr Verfahren - Sie wollen von Ihm Nichts besitzen, wenn es zusammenbricht mit ihm!«
»Ja - so ist es, Sie sprechen es aus! Diese Kleider, diese Diamanten, die ich trage, Alles, was ich ihn verleitet, in toller Verschwendung mir zu schenken, die Gläubiger sollen es haben. Und dann ...«
»Was wollen Sie dann thun?«
»Dann soll er das Bettlerbrod aus meiner Hand essen! Wenn er Nichts mehr hat, wenn er im Schuldgefängniß sitzt, dann will ich ihn ernähren; aber jeder Bissen, jeder Trunk soll ihm vergiftet werden durch das Bewußtsein, daß es die Bettlergabe von Der ist, der er ihr Alles gemordet hat!«
»Still - sprechen Sie leiser, Herr Jonas oder die leichtsinnige Gesellschaft dort auf der Causeuse braucht unser Gespräch nicht zu hören und in das Innere Ihres Herzens zu sehen. Aber Sie thun ihm doch vielleicht zu viel Unrecht. Er erschoß Ihren Geliebten - aus Liebe zu Ihnen, aus Eifersucht!«
»Er mordete mein Kind!«
»Sie gehen zu weit!«
»Nein - er allein ist Schuld an dem Tode des Engels. Ferdinand liebte mich, wahr und aufrichtig. Selbst wenn er mich nicht zu seiner Frau gemacht hatte, würde
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ich unter seinem Schutz nie nöthig gehabt haben, mich von unserm Kinde zu trennen und es aus Noth und Elend jenem schändlichen Weibe anzuvertrauen, das mein armes kleines Wesen, das Einzige, was ich auf der Welt hatte, umkommen ließ!«
»Wissen Sie denn so gewiß, daß es todt ist?«
»Wie - was sprechen Sie?«
Ihre Augen, die bisher bei all' den Aeußerungen des Hasses und des innern Jammers so starr, so gleichgültig vor sich hin geblickt, wandten sich plötzlich wieder, wie von einem electrischen Schlage belebt, gegen ihn.
»Sie haben mir selbst gesagt, daß Sie das Kind - es war ja wohl ein Mädchen - nicht todt gesehen?«
»Ja - so ist es! Man hat mich nicht einmal davon benachrichtigt, bis es begraben war! O, es war ja nur ein uneheliches Kind, und seine Mutter nicht besser, als eine Dienstmagd! Aber den Todtenschein - und dann, das andere Kind, das am Leben geblieben, war nicht das meine! Aber warum sprechen Sie so? es ist nicht das erste Mal, daß Sie solche Worte hinwerfen, warum wecken Sie allen Schmerz, alle Leidenschaften meiner Seele immer wieder auf's Neue? -
»Fassen Sie sich, liebe Freundin - hier kommt Ihr Mann!«
Der unglückliche Spieler war in der That von seinem Platz aufgesprungen und näherte sich mit unsicheren, aber hastigen Schritten seiner Frau, die sofort wieder ihre eiskalte Ruhe annahm.
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Sein gelbliches Gesicht war mit rothen Flecken bedeckt, als ob er die Pocken hätte.
»Amalie!«
»Nun? Was soll's?«
»Ich bitte Dich, Kind, - ich habe Unglück gehabt und was ich bei mir hatte, verspielt. Sei so gut, borg' mir Dein Portemonnaie - ich werde Glück haben, wenn Du mir das Geld giebst!«
»Das ist mir gleichgültig!«
»Willst Du nicht so gut sein? ich gebe Dir's wieder - dreifach, wenn wir nach Hause kommen!«
»Du? - Du hast nicht das Einfache in Deinem ganzen Vermögen! Es sind hundertfünfzig Thaler in der Börse.«
Seine Augen funkelten, als er die Summe hörte, - er vergaß darüber das Verächtliche, Demüthigende ihrer Antwort und streckte blos die Hand nach dem Portemonnaie aus.
Wie als schaudere sie vor seiner Berührung, warf sie dasselbe auf den nächsten Sessel.
»Geh! - aber in einer Viertelstunde will ich fort!«
Ohne zu antworten griff der Spieler das Portemonnaie auf und eilte damit zurück an den Tisch.
»Jetzt, Herr Rath,« sagte die junge Frau mit gewaltsam unterdrückter Bewegung, - »sind wir allein. Ich beschwöre Sie, mir zu sagen, warum Sie so oft auf dieses Unglück zurückkommen?«
»Nun - es ist wahrscheinlich zufällig - aber die Sache, obgleich seitdem acht Jahre vergangen sind, scheint
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mir doch immer noch nicht recht aufgeklärt. Es ist ein Unglück, daß Sie das arme kleine Mädchen nicht wirklich als Leiche gesehen haben, das wäre der beste Beweis!«
»Wollen Sie mich denn wahnsinnig machen? Das Kind ist todt!«
»Glauben Sie das wirklich?«
»Aber um Gotteswillen - welche Ursachen könnte man gehabt haben, mit den Gefühlen einer unglücklichen Mutter zu spielen?«
»Sie haben immer behauptet, daß der verstorbene Vater des Kindes in einer Handschrift dasselbe als das seine und seine Erbin anerkannt hat!«
»Ja - so wahr mir Gott helfe in meiner letzten Stunde, das hat er und seinen festen Willen, mich zu heirathen.«
»Nun, könnte das nicht vielleicht Ursache genug für die adelstolze Familie von Röbel gewesen sein, die Miterbin, die illegitime Trägerin ihres Namens, bei Seite zu schaffen?«
Die junge Frau starrte vor sich nieder auf die Hände, die sie im Schooß gefaltet hielt.
»Ja - ja, - doch nein, es kann nicht sein! Der alte Mann ist hart - aber er ist gerecht! - O mein Gott, was frag' ich nach ihrem Gelde, nach ihrem Namen, wenn mir sein Kind nur geblieben wäre!«
»So würden Sie Alles opfern für dies Kind, selbst Reichthum?«
»Fluch über ihn, der so manches wackere Herz
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verdirbt! Was kümmert mich ihr Geld und Gut, wenn ich mein Kind wieder hätte aus seinem engen Grabe!«
»Die Todten stehen zuweilen wieder auf! Halt - so nicht! machen Sie keine Scene!«
Er hatte seine Hand fest auf die ihre gelegt und hielt sie nieder, denn sie war im Begriff gewesen, aufzuspringen.
»Um der ewigen Barmherzigkeit willen - sagen Sie mir's ob ich träume? Ich beschwöre Sie bei dem Andenken an Ihre Mutter - was wissen Sie von meinem Kinde?«
»Still, bleiben Sie ruhig sitzen, sagte der Rath fast hart, »machen Sie keine Bewegung, oder es geht kein Wort mehr über meine Lippen. Ich habe Ihnen keine bestimmte Hoffnung zu machen - aber die Sache war mir seit lange verdächtig und ich glaube, eine Spur gefunden zu haben ...«
Sie sah ihn mit einem so angstvollen, leidenschaftlichen Blick an, daß selbst das wohlgeschulte Herz des alten Jesuiten erbebte.
»So würden Sie also gern auf Geld und Gut verzichten, wenn Ihr Kind nur lebte?«
»Was sind alle Reichthümer der Erde, wenn ich dafür mein Kind aus der Nacht des Todes zurück kaufen könnte!«
»Und Sie würden Dem dankbar sein, der sich der Mühe unterzöge, die Zweifel aufzuhellen, die Spur zu verfolgen?«
»Ich würde der Dankbarkeit Leib und Seele opfern, wie ich Leib und Seele dem Haß geopfert habe!«
»Ich glaube Ihnen. Sie sind ein entschlossener
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Charakter. Nun wohl - enden Sie mit Ihrem Mann machen Sie sich frei, und dann - ...«
Der Rath war aufgestanden.
»Und dann?«
»Dann kann ich Ihnen vielleicht eine Mittheilung machen, die Ihnen Hoffnung giebt!« Er verließ das Sopha.
Die junge Frau sah ihm mit flammenden Augen nach - eine ungewohnte Röthe verdunkelte die Kunst der Toilette auf ihren Wangen. »Wenn es nur das ist!« murmelte sie, während sie einen Blick hinüber warf nach dem Spielzimmer. »Wohlan, noch diesen Abend soll es zu Ende gehen!«
Sie hatte die Hand, wie im festen Entschluß, geballt, als ihr Auge auf den Kommissionair fiel, den Herr Jonas frei gelassen, nachdem er alle ihm wissenswerthen Mittheilungen aus ihm herausgepreßt hatte. Ein gebieterischer Wink rief ihn sofort an ihre Seite,
»Du hier, Franz?«
Die Art, wie der Kommissionair sich gegen seine Schwester benahm, war ein eigenthümliches Gemisch von Unverschämtheit und Kriecherei.
»Guten Abend, Male, bist Du auch hier? Und der Polen[t]z, Dein Mann? Na, ik sehe, er macht wieder en kleenes Spielchen. Wie jeht et Dir? ik habe Dir eine Zeitlang nich jesehn, aber unsereins muß hinter seinem Jeschäfte drin sind und kann nich in die Equipagens spazieren fahren!«
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»Davon ist hier nicht die Rede. Ich brauche Dich noch diese Nacht!«
»Sieh, sieh, des is ja janz wat Neues! I nu, wenn ik Dich dienen kann, Du weißt, ich bin allemal Dein treuer Bruder jewesen.«
»Ja - der mich bestahl um mein Eigenthum, um meine Ehre!«
»Na - das sind man verjeßne Jeschichten. Wenn Du man weiter Nichts hast vor Deine Verwandten ...«
»Höre mich genau an,« sagte sie stolz. »Ich werde sogleich nach Hause fahren. Du mußt uns folgen auf eine Nachtdroschke. Weißt Du, wo mein Schlafzimmer ist?«
»Nee - ich bin ja nich Dein Courmacher.«
»Unverschämter! - Merke wohl auf. Es ist nach dem Garten hinaus im ersten Stock das zweite links von der Ecke!«
»Jut! Jetzt bin ich, was man informirt nennt!«
»Sobald Du dort bist, geh in den Garten und warte unter dem Fenster, bis ich es öffne und Dich rufe, oder Dir selbst die Thür öffne.«
»Aber wie soll ich man in den Jarten kommen?«
»Das ist Deine Sache, ich verlange den Dienst, den Du mir leisten sollst nicht umsonst und werde ihn reichlich bezahlen!«
»O ich weiß - die jnädige Frau Schwester läßt sich man nich lumpen!« sagte der Kommissionair höhnisch.
»Kurz und gut - kann ich auf Dich zählen oder nicht?«
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»Jewiß! ich möchte man nur wissen ...«
»Das ist nicht nöthig. Du hast meine Frage noch nicht beantwortet, wie Du heute hierher kommst?«
»Nu, Du weißt ja Male, daß ich man Jeschäfte mache vor Jonassen. Wir haben uns ja hier schon getroffen, obschon Du mir vor gewöhnlich nich als Bruder behandelst.«
»Ich weiß Deinen Verkehr - aber ich wundere mich, was Du so spät noch willst?«
»O - ich sage Dir, ich bin immer ein jern jesehener Jast, und ich hatte ihm wat zu rapportiren. - Weeßt Du« - er näherte sich ihr vertraulich - »von die Röbel'sche Verwandtschaft!«
Eine dunkle Röthe überzog ihr Gesicht. »Von den Röbels? Was meinst Du?«
»Na - von dem ewigen Premierlieutenant. Ich sage Dich, er steckt wieder bis über die Ohren drinne bei Jonassens, und sie haben mauk wat mit ihm vor!«
»Was kümmert er mich! möge sie verderben die stolze hochmüthige Brut! - Jetzt geh, es ist Zeit für mich!«
Sie sah nach dem Spieltisch, wo eben ein allgemeiner Aufstand erfolgte.
»Sie sind verrückt, Herr Polen[t]z,« sagte die scharfe Stimme des Doktor Lazare. »Wenn Sie sich nicht zu benehmen wissen, so müssen Sie in anständiger Gesellschaft nicht spielen. Uebrigens bin ich es müde, Ihren Schwefelhölzern weiter Credit zu geben. Bezahlen Sie, was Sie verloren haben - es sind hundertzwanzig Friedrichsd'or!«
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Der Spieler wollte eine heftige Erwiderung hervorsprudeln, aber der eiskalte Blick des Doktors ließ ihn die Worte hinunterwürgen. Er riß wild in seinem dichten Haar.
»Ich werde Ihnen morgen das Geld schicken - es ist nicht das erste!« stammelte er finster.
»Gut! - für heute aber halte ich nur noch gegen baar!«
Die Gesellschaft schloß den Kreis wieder um den Tisch - der unglückliche Spieler ließ seine Augen durch die Zimmer laufen und als er den Hausherrn erblickt hatte, ging er auf diesen zu.
Herr Jonas hatte, nachdem er den Bericht seines Agenten über die Aushändigung des Geldes an den Lieutenant von Röbel und dessen Versprechen, in den nächsten Tagen sich einzufinden, empfangen hatte, sich mit dem Kommissionsrath unterhalten.
Die Rede war gleichfalls von der Familie von Röbel.
»Ich bedauere, Ihnen offen sagen zu müssen, Herr Jonas,« sagte der Kommissionsrath, »daß Sie gar keine Aussicht haben, daß die Familie die Wechsel des leichtsinnigen Verschwenders noch einmal einlöst. Die Baronin von Werben hat ihr ganzes Vermögen bereits geopfert und ihre Hand von ihm abgezogen. Der Major ist selbst in keinen glänzenden Umständen und das Gut mit Hypotheken schwer belastet.
»Ich weiß! hab' ich doch selbst gekauft die vierte Hypothek mit fünfzehntausendfünfhundert Thaler vor acht Tagen. Aber das Gut könnte werth sein viel mehr, wenn
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der alte Narr wollte schlagen das Holz und anlegen eine tüchtige Brennerei. Er will nicht fortschreiten mit der Zeit!«
Der Rath hatte ihn erstaunt angesehen. »Wie, Sie haben noch eine Hypothek auf das Gut gekauft? Dann müssen Sie einen besondern Zweck dabei haben.«
Der Banquier wurde einigermaßen verlegen unter dem scharfen Auge des Raths. Aber bald hatte er dies überwunden. »Ich habe gemacht ein Geschäft, wie man kauft Hypotheken da oder dort. Es ist halbjährige Kündigung und ich werde sie kündigen morgen am Tag!«
»Aber bedenken Sie auch, Herr Jonas, diese Kündigung wird vielleicht die Subhastation des Gutes und den Ruin der Familie zur Folge haben, und Sie verlieren damit die Aussicht auf die Bezahlung Ihrer Wechsel!«
»Was heißt? ich will doch haben mein Geld, ich will doch wissen, woran ich bin. Vielleicht läßt sich auch finden ein Ausweg, auszugleichen Alles!«
Der Kommissionsrath sah ihn nachdenkend an. »Dann allerdings, Herr Jonas, ist es das Beste, daß Sie mit einem Mal auch die Wechsel zum Austrag bringen - es ist ein Aufhebens. Ich bitte Sie dann, die beiden Schuldscheine nicht zu vergessen, die mir gehören, und die ich auf Sie übertragen habe.«
»Verlassen Sie sich auf mich, Herr Kommissionsrath. Sie sind gewesen so oft von wichtiger Gefälligkeit für mich mit Ihre Verbindungen bei die Diplomaten und die Hohe Behörden, daß ich mir mache ein Vergnügen daraus, zu besorgen die Kleinigkeit.«
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»Ich sehe, da kommt noch einer Ihrer Schuldner,« sagte der Rath, frostig das Gespräch ändernd. »Ich glaube nach Allem, was ich gehört, Sie werden gut thun, auch mit ihm ein Ende zu machen.«
Ueber Herrn Jonas, den Banquier Unter den Linden, kam Etwas aus den Erinnerungen des Schwarzen Schmuel aus der Jakobsstraße. Er warf sich in die Brust des blauen Fracks, daß die dicke Gestalt ordentlich höher schwoll. »Lassen Sie ihn nur kommen, den Lump,« sagte er - »Sie sollen doch sehn, wie ich abfahre mit ihm!«
Der Spieler trat auf ihn zu. »Auf ein Wort, Herr Jonas!« bat er mit heiserer Stimme.
»Was Sie mir haben zu sagen, kann auch hören hier der Herr Rath! Was wollen Sie? Sie haben wieder Unglück gehabt im Spiel, Sie wollen haben Geld?«
»Nun zum Teufel ja. Der Doktor will nur gegen baar pointiren lassen. Geben Sie mir zwanzig Louisd'ors bis morgen!«
»Daß ich sein werd a Narr, die zwanzig Louisd'ors zu werfen zu dem Andern, was Sie mer schuldig sind!« schrie der Hausherr so laut, daß die ganze Gesellschaft im Salon es hören mußte. »Sie haben immer Unglück - Sie haben schon ä Mal verloren Haus und Hof - Sie werden's verlieren jetzt wieder!«
Der so schmählich Behandelte wurde todtenbleich und biß die Zähne zusammen.
»Herr Jonas,« sagte er, »das ist meine Sache. Erinnern Sie sich, daß ich Gast in Ihrem Hause bin!«
»Was thu ich mit solche Gäste,« schrie der Banquier,
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»die noch dazu haben wollen zum Vergnügen mai Geld! Ich kann geben das Vergnügen umsonst, denn ich bin ä reicher Mann und es is mai Stolz, zu bewirthen die vornehmste Gesellschaft von ganz Berlin. Aber ich will mir dafür nicht lassen schimpfiren von jedem Lump! Wenn Sie wollen spielen bei mir Herr Polen[t]z, dann bringen Sie sich mit Ihr Geld, wie thun die Fürsten und Grafen, die kommen zu mir! Wenn's Ihnen nicht gefällt hier bei mir, können Sie gehn, ich halt Sie nicht! Aber machen Sie bereit morgen die dreitausend Thaler, die ich hab' zu kriegen von Sie, denn ich werd' schicken, zu präsentiren den Wechsel ohne Prolongation!«
Der Spieler ballte die Faust, er war im Begriff, auf den liebenswürdigen Wirth loszuspringen, dessen ungenirter Ton die ganze Gesellschaft zum Zeugen der Beleidigung gemacht und sie ringsumher versammelt hatte. Aber eine Hand faßte seinen Arm und drückte ihn nieder.
»Komm!« -
Die Stimme war so hart, so gebieterisch, daß Alles unwillkürlich sich nach der Sprechenden wandte.
Es war die Frau des Spielers.
»Aber Amalie, Du hast gehört, wie dieser Mensch ...«
»Laß den Wagen vorfahren, sogleich, oder ich gehe allein!«
Er machte eine Bewegung, als wollte er noch einmal widersprechen, aber ihr kaltes, ruhiges Auge beherrschte ihn so fest, wie das Auge des Wärters den Tiger. Er trocknete mit dem Tuch sich wiederholt den Schweiß von der Stirn, während er dem Banquier einen giftigen, grimmigen
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Blick zuschleuderte, dann sagte er mürrisch: »Ich werde den Wagen rufen!« und ging ohne Gruß an die Gesellschaft hinaus.
»Gott der Gerechte, sprach Herr Jonas zu der Frau, »was haben Sie for ä Macht über den Mann! Rachel, meine Frau, hat mir doch auch lieb und ä gewaltiges Wort, aber so'n Respect is noch nich da gewesen! - Sie werden's doch nicht nehmen übel, daß ich ihm ä Mal hab gesagt die Wahrheit!«
Die junge Frau hielt es nicht der Mühe werth, ihm zu antworten. Sie zog den eleganten Seidenbournus, den sie trug, fester um die Schultern, ihr Blick streifte flüchtig aber bedeutsam, den Bruder, der die Gelegenheit benutzt hatte, um sich am Büffet in der Ecke ein großes Glas Champagner einzuschenken, und dann rauschte sie mit einem stolzen, vornehmen Kopfnicken grüßend, zur Thür hinaus, die Herr Jonas überaus höflich ihr öffnete.
Die Gesellschaft war zu sehr an ähnliche Auftritte im Salon des Banquiers gewöhnt, als daß der eben stattgefundene einen besonderen Eindruck hätte machen sollen. Das Spiel nahm bald wieder seinen Fortgang, nur daß Doktor Lazare jetzt die Bank aufgegeben hatte, und die Unterhaltung der verschiedenen Gruppen rauschte wieder durch einander.
Der Kommissionair hatte sich still gedrückt, und, um das Geld für die Nachtdroschke gescheuter Weise zu sparen, sich hinten auf die Miethskutsche gehockt.
Die Gräfin Törkönyi hatte es nicht der Mühe werth gehalten, dem Zank näher zu treten. Nur als Madame
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Polen[t]z fortging, verfolgte sie dieselbe hochmüthig mit dem Lorgnon.
»Ich bin durchaus nicht exclusiv, liebe Camilla,« sagte sie zu der Dame an ihrer Seite, »aber die Gesellschaft bei Monsieur Jonas ist doch manchmal gar zu gemischt! - Ich kann diese Person nicht ausstehen! Sagen Sie lieber Rath, erzählten Sie mir nicht einmal, daß sie in einer Polkahalle früher gewesen ist?«
»Gewiß, gnädigste Gräfin! aber der Geschmack ist verschieden. Ich kenne vornehme Damen, deren Liebhaberei sie in sogar noch verrufeneren Lokalen Stammgast sein ließ!«
Die Gräfin wandte sich ab und brauchte ihren Fächer. »Madame Polen[t]z scheint sich Ihres besonderen Schutzes zu erfreuen!«
»Wenn sie desselben bedarf, sollte er ihr gern zu Theil werden. Aber sie ist ein so selbstständiger energischer Charakter, daß sie männlichen Beistandes kaum nöthig haben wird!«
Die Gräfin begann seit einiger Zeit die Emancipation etwas weniger stark zu treiben, als sonst. Der Scandal und die Intrigue waren ihr zwar zu sehr innere Natur, als daß sie davon hätte lassen können, aber sie suchte beide jetzt auf andern Feldern, wo sie zugleich die vornehme Dame herauskehren konnte. Unter Anderem liebte sie es jetzt, die Mäcenin von Kunst und Wissenschaft, oder vielmehr von Künstlern und Gelehrten, aber auch von vielen andern Klassen der Gesellschaft zu spielen, die thöricht genug waren, auf den vornehmen Namen Etwas zu geben. Sie suchte
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in solchen Kreisen zu dominiren, da ihr die ihrer Standesgenossen größtentheils sorgfältig verschlossen waren. Sie ließ den Gegenstand ihrer Frage an den Kommissionsrath fallen und setzte das Gespräch mit dem Herrn am Kamin fort.
»Ich habe Ihre neue Abhandlung über die Befruchtung gelesen, lieber Professor, sagte sie. »Es sind magnifique Gedanken über den Gegenstand in der Brochüre enthalten, Lazare sagt mir, daß Sie gegenwärtig mit einer Geschichte der russischen Marine beschäftigt sind! Ich bitte Sie um Himmelswillen, wo nehmen Sie die Zeit und das vielseitige Wissen her? Alle Welt weiß, welche Entdeckungen man Ihnen ohnehin in der Pathologie verdankt! Wie ich höre, werden Sie bei der nächsten Doppelwahl für die Kammer als Candidat auftreten? Der ausgezeichnete Rath soll von Ihnen sein, daß unsere Partei die Plätze der früheren Rechten voraus belegt; ich kann mir die Verwirrung der Begriffe lebhaft vorstellen, die dadurch in der Stellung der Fractionen zur Regierung entstehen wird.«
Der geschmeichelte Gelehrte hatte sich bei jeder Frage auf's Höflichste verbeugt. »Ich gebe dem Drängen meiner Freunde nach, gnädige Gräfin,« sagte er, sich in die Brust werfend. »Auch für die Wissenschaft bricht eine neue und glanzvolle Aera an - ihre Träger dürfen sich daher nicht länger dem politischen Leben entziehen!«
»Aber hatten Sie nicht, ich glaube es doch in irgend einem dieser Organe der Reaction gelesen zu haben, - Ihr Wort geben müssen, sich der Politik zu enthalten?«
Dem kleinen Professor schien das Examen nicht ganz
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behaglich zu sein. Zum Glück sprang ihm der Doktor Lazare mit einer sarkastischen Bemerkung bei.
»Sie sollten doch längst wissen, liebe Martha,« sagte er, »daß es für die Politik und die Liebe keine Verpflichtungen giebt, die man unter allen Umständen halten muß!«
»Das Wohl des Ganzen, Madame, fiel der Professor ein, »legt oft dem Manne Pflichten auf, die sich nicht in die gewöhnlichen Gränzen der bürgerlichen Moral einzwängen lassen. Es ist wie bei Verwundungen am menschlichen Körper. Die Oscillationen ...«
Das Fräulein mit dem spitzen Gesicht und dem schlechten Teint unterbrach die gelehrte Abhandlung, die ihm auf der Zunge schwebte.
»Sie wollten mir ja eben für die Sammlung meines Onkels eine neue Anekdote vom Hofe erzählen, Herr Professor!«
Der Mann der Wissenschaft sprang mit beiden Beinen in die Klatscherei. »Gewiß, mein Fräulein! sie ist vortrefflich und dabei sehr unschuldiger Natur. Mein Schwager hat sie mir erzählt, sie kommt also aus bester Quelle.«
»Sie machen uns in der That neugierig!«
»Sie erinnern sich doch der Investitur des Kronprinzen mit den Insignien des Hosenbandordens, damals, als er noch Bräutigam war?«
»Es mag sein, - wer kann alle diese läppischen Ordensgeschichten behalten!«
»Nun läppisch oder nicht, die Anekdote ist folgende: Nach der Verlobung der Prinzeß Royal von England mit dem Kronprinzen von Preußen verlieh die Königin Victoria
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ihrem zukünftigen Schwiegersohn den Hosenbandorden und beauftragte den Feldmarschall Lord Glyde, bekannter unter seinem früheren Namen Sir Colin Campbell, den Orden nach Berlin zu bringen. Als sich der Lord im Windsorschloß meldete, um die Ordensinsignien in Empfang zu nehmen, erhielt er den Bescheid, daß einige dazu gehörige Verzierungen noch nicht fertig seien, man werde ihm jedoch den Orden an seine Adresse in London zusenden. Am nächstfolgenden Tage erhielt er auch von Windsor eine wohlverpackte Schachtel mit dem Königlichen Siegel und noch in derselben Stunde trat der Feldmarschall mit militairischer Pünktlichkeit seine Reise nach Preußen an. Nach der Ankunft in Berlin suchte er sofort um eine Audienz bei dem Kronprinzen nach und dieselbe wurde ihm auch unverzüglich gewährt. Nachdem nun der tapfere Lord eine sorgfältig einstudirte feierliche Ansprache an den Kronprinzen gehalten, erbrach er vor dessen Augen die Königlichen Siegel und öffnete die Schachtel, um die Ordenszeichen herauszunehmen; aber wie gewaltig war die Bestürzung des in mehr als fünfzig Schlachten unerschüttert gebliebenen Helden, als er in der Schachtel anstatt des Hosenbandordens ein wohlbekanntes englisches Familienbackwerk, reichlich mit Rosinen gespickt, erblickte! Die Prinzessin Braut hatte es eigenhändig für den Verlobten gebacken und wollte die gute Gelegenheit benutzen, dem Kronprinzen neben der idealen Gabe auch ein« materielle zukommen zu lassen, die ihm als ein Werk ihrer Hände besonders angenehm sein mußte. Die Schachtel mit dem Orden aber war durch Versäumniß eines Dieners einige
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Stunden später in London abgegeben worden, und so hatte Lord Clyde mit dem Rosinenstollen allein die weite Reise gemacht. Der später nachgeschickte Hosenbandorden wurde dann in einer zweiten Audienz ohne große Ceremonie überreicht, denn der tapfere Campbell konnte es nicht leicht verwinden, daß seine erste feierliche Anrede einen so lächerlichen Ausgang genommen hatte.«
»Die Geschichte ist allerliebst. Der Kuchen anstatt des Hosenbandordens! Honny soit, qui mal y pense!«
»Je nun, sagte der junge Graf - »es passiren mit den Orden manchmal kleine Menschlichkeiten. Ich weiß zwei Fälle aus Hamburg und Westphalen, wo gleichnamige Personen einen Orden zugeschickt erhielten, der ihnen gar nicht bestimmt war. Zum Schluß blieb der Regierung Nichts übrig, als einen zweiten zu geben.«
»Kennen Sie Jules Janin's Wort vom croix d'honneur unter Louis Philipp?«
»Nein!«
»Il est une honte, de l'avoir, et de ne l'avoir!«
Herr Jonas lachte überaus beifällig, obschon er keine Sylbe von dem Witz verstanden hatte.
»Wenn Sie Vergnügen haben an Ordensgeschichten, sagte hämisch der Doktor Lazare, »so könnte ich Ihnen eine ganz famose erzählen, natürlich unter dem Siegel der strengsten Discretion!«
Alles betheuerte die tiefste Verschwiegenheit.
Der Doktor sah sich die Gesellschaft mit seinem gewöhnlichen höhnischen Lächeln an, denn er wußte
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vollkommen, was er von ihrer Verschwiegenheit zu halten hatte, dann begann er seine pikante Geschichte.


Die Wohnung des Polen[t]z'schen Paares befand sich vor dem Potsdamer Thor in einer der neuen, so rasch entstandenen fashionablen Straßen, daß die Häuser nicht einmal Zeit gehabt haben, sich mit ihren Winkeln und mit dem Magistrat über das Pflaster zu arrangiren.
Herr Polen[t]z, der mehrfach glücklich Häuserspeculationen gemacht, seit er mit dem ersten Bankerott sein früheres Geschäft aufgegeben hatte und durch einen Lotteriegewinn wieder zu Geld und zu seiner Frau gekommen war, hatte eines der besten behalten, das einen ziemlich hübschen Garten besaß, und bewohnte darin das hohe Parterre. Diese Wohnung war mit großem Luxus und Ueberfluß meublirt, namentlich der Theil, den seine Frau bewohnte, denn es herrschte ein ganz sonderbares Verhältniß zwischen dem Paar.
Während der Heimfahrt in dem bequemen Miethwagen - noch bis vor zwei Monaten hatte Herr Polen[t]z selbst eine elegante Equipage besessen - war dasselbe sehr schweigsam. Die junge Frau hing ihren finsteren Gedanken nach, die des Mannes waren noch finsterer - er dachte an die Mittel, am nächsten Tag die Forderungen des Wucherers zu befriedigen und den unaufschiebbaren Bankerott wenigstens noch für Tage zu verzögern.
So waren sie angekommen und ausgestiegen, ohne
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daß Herr oder Kutscher den blinden Passagier auf dem Trittbrett bemerkt hatten.
Die Frau rauschte voraus, an dem öffnenden Diener vorbei und wollte sogleich nach ihrem Zimmer, als der verzweifelnde Spieler sie aufhielt.
»Amalie,« sagte er mürrisch, »ich muß Dich sprechen, heute noch!«
»Ich kann es nicht hindern!«
»Ich werde zu Dir kommen, sobald Du Deine Mädchen fort geschickt hast.«
»Gut, in einer halben Stunde. Auch ich habe mit Dir zu reden. Es ist Zeit, daß wir wissen, woran wir mit einander sind!«
»O,« sagte der Spieler fast stöhnend - »es wäre Alles Nichts, wenn Du mir ...« Sie unterbrach ihn mit einem kalten, verächtlichen Blick und ging nach der Thür. »Mein Mädchen wartet.« - -
Die ehemalige Geliebte des erschossenen Lieutenant von Röbel, Mimeli, die Polkasängerin, verstand es vortrefflich, die Dame zu spielen. Ihre Erziehung in der Jugend und ihr energischer Charakter befähigten sie dazu. Wir werden bald sehen, unter welcher schweren und festen Hand der Mann seufzte, dem sie diese nach der Vernichtung aller ihrer Lebenshoffnungen gegeben.
Als sie in ihrem Schlafzimmer angekommen war, ließ sie sich von dem schläfrig wartenden Mädchen halb entkleiden, dann schickte sie dasselbe zu Bett. Das Zimmer, auf der einen Seite an einen kleinen Salon, ihrem gewöhnlichen Aufenthalt, auf der andern an ein kleines
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Bade- und Ga[r]deroben-Kabinet stoßend, war kostspielig eingerichtet. Ein dicker, türkischer Teppich bedeckte den Boden, Fauteuils, Spiegel und ein kunstvoll gearbeiteter, reichbesetzter Toilettentisch nahmen die Wände ein.
Sobald Madame Polen[t]z sich der schweren Seidenrobe und der Chaussüre entledigt, die Frisur gelöst hatte und sich allein sah, warf sie sich in einen der weiten, bequemen Sammetfauteuils und blieb einige Minuten, die Augen starr vor sich hin gerichtet, sitzen.
Wir haben bereits erwähnt, daß sie trotz ihrer dreißig Jahre, immer noch eine begehrenswerth schöne Frau war. Bei manchen Gestalten, namentlich Blondinen, entwickeln sich oft erst in diesem Alter alle jene Reize zur vollen Geltung, die einen Mann verrückt machen können. Madame Polen[t]z schien überdies aus der Erhaltung oder Erhöhung dieser Reize ein förmliches Studium gemacht zu haben, seit sie verheirathet war. Die dunkle Farbe der Tapete des Zimmers, der Sammet der Möbel erhellte in dem weißen milden Schein der Astrallampe noch die weiße alabasterne Farbe ihres reinen Teints und den Goldglanz des prächtigen blonden Haars, das in ungefesseltem Strom jetzt um ihre Schultern rollte.
Dennoch hatte ihre Schönheit, wie sie so da saß und das Haar durch ihre Finger laufen ließ, die Augen starr auf den Teppich gerichtet, die Lippen zusammengepreßt und zwischen den Augen eine kleine tiefe Falte, - etwas überaus Unheimliches. Sie glich der Loreley, die den Schiffer in's Verderben locken will oder der Medea, die an ihr Rachewerk denkt.
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Dann fiel ihr Auge auf das volle Haar zwischen den beringten Fingern ihrer weißen Hand. Ihr wunderbar schön gewölbter Busen hob sich mit einem krampfhaften Athemzug.
»Er liebte es so sehr!« schluchzte sie leise vor sich hin. »Und sein Kind hatte mein Haar - er hätte es auch geliebt! - fort denn! Wenn es möglich ist, daß die Todten aus ihren Gräbern steigen, wie Boltmann sagt, - wohl, so mögen sie bei mir sein in dieser Stunde und mir endlich vergelten helfen, was ich gelitten. Jene Erinnerung soll ein Stein sein, an dem ich das Messer wetze, das ich in sein tückisches boshaftes Herz stoße!«
Sie sprang entschlossen auf, ihr Auge blitzte finster, während sie durch das Zimmer eilte, Kasten und Läden öffnete und eine Menge Schmucksachen, darunter einen werthvollen Brillantschmuck auf ihrem Toilettetisch zusammenhäufte. Dann riß sie die Bracelets von ihrem Arm, die Ringe von ihren Fingern und warf sie zu dem Haufen.
Ein Ausdruck der Verachtung zuckte um ihren Mund, als sie diese Kostbarkeiten betrachtete, die sicher dreitausend Thaler werth waren, aber gewiß viel mehr gekostet hatten.
»Plunder!« murmelte sie - »ein Tropfen warmes Blut ist mehr werth, als dies Alles! Schade nur, daß ich ihm nicht Alles so entreißen kann!«
Dann holte sie ein festes Boulekästchen herbei, warf Alles hinein und verschloß es. Den Schlüssel verbarg sie in ihrem Schreibtisch.
»Es ist Zeit, er wird warten!«
Sie ging in den Salon und öffnete die Thür desselben,
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die auf einen Gartenbalkon führte. Obschon die Luft rauh und kalt und sie ohne Kleid und Tuch war, lehnte sie sich über das Geländer und blickte hinunter.
»Bist Du da?«
»Hier, Male! Immer uf den Posten!«
»Komm hierher - hier dicht unter mir. Da - nimm!« Sie reichte ihm das Kästchen.
»Na - wat soll ich denn damit?«
»Sprich leise! Es ist mein Eigenthum - ich will es nicht auch noch seiner Leidenschaft für das Spiel opfern. Kannst Du es im Garten verbergen, bis Du es dann mitnehmen kannst?«
»Warum dieses nich - aber wat soll ich denn noch? Et is verdammt kalt hier, Schildwache zu stehn!« -
»Es muß sein. Du weißt, daß ich Dich gut bezahlen werde. Ich kann Dir nicht helfen, wenn Du frierst. Höre mich aufmerksam an!«
»Na?«
»Wenn Du das Kästchen in einem sichern Winkel versteckt hast, kannst Du hier auf den Balkon kommen. Ich lasse die Thür unverschlossen. In einigen Minuten wird er -«
»Wer?«
»Polen[t]z! hier durchkommen und in mein Zimmer gehn!«
»Na, - des is doch nichts Besonders von Eheleuten! Amande würde mir schön ansehn, wenn ich sie man alleene schlafen lassen wollte!«
»Schweig mit Deinen unnützen Bemerkungen! - Wenn
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er eingetreten ist, magst Du Dich meinetwegen in den Salon schleichen und irgendwo verstecken, hinter der Gardine, unter dem Tisch oder wo sonst - nur mach' kein Geräusch. Was Du aber auch hören oder sehen magst, Du darfst Deine Anwesenheit nicht verrathen, es sei denn, daß ich Deinen Beistand brauche, denn er ist ein wildes Thier in gewissen Augenblicken. Nur, wenn Du mich rufen hörst, komm mir zu Hilfe!«
»Male - wat hast Du vor?«
»Das geht Dich Nichts an. Wenn Du heute Deine Pflicht als Bruder thust, will ich Dir in meiner Seele den Diebstahl vergeben, den Du an dem unglücklichen Kinde noch unter meinem Herzen verübt hast!«
Der Kommissionair antwortete nicht auf den bittern Vorwurf. Er erinnerte sich, wie wenig der schlechte Streich ihm Glück gebracht und daß er die mittelbare Ursache gewesen war, die ihn in's Zuchthaus geführt hatte.
»Jetzt geh,« sagte sie, - »er könnte uns sonst überraschen!«
Unter der Wirkung ihres letzten Vorwurfs schlich er eilig und stumm davon. Sie wartete einige Minuten, bis sie ihn wieder kommen sah, dann kehrte sie in ihr Zimmer zurück.
Der würdige Kommissionair hatte sich kaum mit einiger Anstrengung für sein Embonpoint auf den Balkon geschwungen, als er Licht im Salon schimmern sah. Er konnte durch die Spalten der Jalousie das Innere deutlich überblicken und sah seinen Schwager, ein Licht in der Hand, aus der gegenüber liegenden Thür kommen und mit
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schwankenden unsichern Tritten über den Parquetboden hinweg nach dem Zimmer seiner Frau gehen.
Der »Rentier« befand sich offenbar in einem Zustand großer Aufregung. Sein fahles Gesicht war von rothen Flecken bedeckt, sein stieres Auge verrieth, daß er noch nach seiner Nachhausekunft getrunken hatte - wahrscheinlich Rum oder ein anderes scharfes Getränk. Er hatte Weste und Halstuch abgelegt und nur einen Hausrock übergeworfen; seine Hand zitterte, indem sie den Leuchter hielt, dennoch schien er einen festen trotzigen Entschluß gefaßt und sich dazu Muth getrunken zu haben; denn ohne anzuklopfen öffnete er das Zimmer seiner Frau und trat ein, obschon er vergaß, die Thür wieder völlig zu schließen.
Herr Günther benutzte alsbald die Gelegenheit, in den Salon zu schlüpfen und sich nach einem günstigen Versteck umzusehen. Der Lichtstreif, der durch den Spalt der offenen Thür und die halb zurückgeschlagene Portière vor derselben drang, zeigte ihm einen großen chinesischen Schirm vor dem Kamin in der Nähe der Thür, und er glitt mit der alten Gewandtheit seiner jüngern Jahre bei Ausführung irgend eines schlechten Streiches dahinter und fand bald, daß er von dem Versteck aus ein Ohrenzeuge der Unterredung des Ehepaars sein konnte.
Als Polen[t]z in das Zimmer getreten war, fand er seine Frau auf einem Lehnstuhl vor dem eleganten Toilettespiegel sitzen, anscheinend beschäftigt, ihre Toilette für die Nacht zu machen.
Das prächtige blonde Haar fiel in goldenem Strom über die entblößten Schultern mit ihren runden vollen
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Linien des Fleisches, der Pudermantel von weißer weicher Wolle hing zurückgeschlagen um die volle kräftig üppige Gestalt, deren Formen nur los noch das Schnürmieder einzwängte.
Sie wandte sich halb um und sah ihn mit einem unbeschreiblichen Blick vernichtender Gleichgültigkeit an.
»Ach - Du bist es! - Was willst Du so spät noch? - wie kannst Du Dich unterstehen, ohne anzuklopfen, herein zu kommen?«
»Zum Teufel, ich dächte, als Dein Mann hätte ich dergleichen nicht nöthig. Ich muß mit Dir reden, Amely!«
»Ich heiße Amalie! - Du scheinst zu vergessen, daß dies mein Zimmer ist, und daß Du Dich verpflichtet hast, ohne meine Erlaubniß es nicht zu betreten! - Meinetwegen, da Du einmal da bist, so sprich! Da - ich habe Bertha zu Bett geschickt. Du hast ja Talent zur Kammerjungfer, wenigstens liefst Du ihnen früher nach. Schnüre meine Stiefel auf!«
Sie hob nachlässig den Fuß und legte ihn auf ein nahe stehendes Tabouret. Der gestickte Rand des kurzen Nachtrocks fiel über die schön geformte kräftige Wade zurück.
Er hatte Anfangs mürrisch das Licht auf den Tisch gesetzt und stürzte jetzt wie electrisirt von der Erlaubniß, die mehr wie ein höhnischer Befehl klang, neben dem Tabouret auf die Knie und begann mit zitternden Fingern an den Knoten und Maschen der Chaussüre zu lösen, die den griechisch geformten kleinen Fuß einzwängte.
»O Amalie! liebe Amalie!«
Sie stieß ihn mit dem Fuß in's Gesicht. »Nun, wird's
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bald! - Zieh auch den Strumpf aus - da - löse das Band! Es ist Dir lange nicht so gut geworden! - Gieb die türkischen Pantoffeln her!«
Sie hob kokett den Rock und ließ ihn das Sammetband lösen, das nach französischer Art den seidenen Strumpf oberhalb des Kniees umschloß.
Sein Gesicht war jetzt mit dunklem fieberhaften Roth übergossen, die kleinen schwarzen Augen flammten. Er umarmte stürmisch die Füße seiner Frau und drückte brennende Küsse darauf.
Mit einer raschen so heftigen Bewegung, daß der vor ihr Knieende fast zu Boden gefallen wäre, stieß sie den Stuhl zurück und machte sich von ihm los.
»Ruhig Blut, ruhig Blut, Carl, das ist gegen den Contrakt!« sagte sie mit spöttischer Koketterie, indem sie das Schnürleib aufzuhaken begann. »Steh auf und sei vernünftig! Du wolltest ja mit mir reden. Du hast Unglück heute Abend gehabt und viel verloren?«
Er war empor gesprungen und schritt mit ausgebreiteten Armen und funkelnden Augen auf sie zu.
»Was kümmert mich das Geld? - ich werde es wieder gewinnen, wenn ich nur Dich habe, - Dich ...«
Sie schlüpfte ihm unter dem Arm durch. »Da, nimm das Corsett und wickle es hübsch säuberlich zusammen, indeß ich den Mantel nehme.«
Ihre volle weiße Büste drängte sich aus den Falten, während sie nach dem Nachtmantel griff und kokett sich in ihn einwickelte, daß das weiche Gewebe die üppigen Formen in unbestimmten Linien verrieth. So warf sie sich in den
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amerikanischen Schaukelstuhl und wippte mit dem nackten kleinen Fuß den zierlichen Pantoffel, während der schöne Kopf mit dem prächtigen Blondhaar zurück auf dem dunklen Sammet der Lehne ruhte.
In dieser Stellung, so natürlich anscheinend und doch so raffinirt, war die Frau zum Entzücken schön oder vielmehr zum Wahnwitzigwerden. Sie hätte einen Heiligen zum Verbrechen verlocken müssen.
»So lieber Mann - nun laß uns plaudern! Setz' Dich dort hin auf das Tabouret! - Keinen Schritt weiter!« sagte sie plötzlich mit eisiger Strenge - »Du kennst mich!«
Er taumelte wie trunken auf den angewiesenen Sitz und schlug die Hände vor das Gesicht. »Weib - Teufel - Engel - Du machst mich noch wahnsinnig!«
Ein kalter spöttischer Blick aus den großen geisterhaften Augen traf ihn.
»Du hast also den Inhalt meines Portemonnaies auch verloren!«
»Ja - diese verfluchte Coeur-Sieben! aber ich glaube, der Schurke betrügt und ich werde ihn das nächste Mal sicher fassen!«
Sie warf den Pantoffel in die Luft. »So fang doch, Carl, Du bist heute auch gar nicht liebenswürdig, obschon Du so selten die Ehre hast, in meinem Boudoir zu sein!«
Es war auch selten genug, daß sie ihn so nannte! - Er haschte wie ein Knabe nach dem Schuh und hing ihn ihr wieder über den Fuß, den sie schäkernd zurückzog, während
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sie sich verführerisch auf dem Stuhle auf- und niederwiegte.
»Amalie - wenn Du wolltest! Du weißt wie rasend ich Dich liebe, wie das Blut in meinen Adern kocht! Ich schwöre Dir zu, keine Karte mehr anzurühren, wenn Du nur ...«
»Unsinn! ein Vergnügen muß der Mensch doch haben, und Du hast wenig genug! - Aber Du hast ja nachher noch gespielt und wohl verloren, wenn ich den Streit recht verstand. Wie viel war es doch?«
»Hundertzwanzig Friedrichsd'or - an diesen teuflischen Doktor! Morgen muß ich sie zahlen und eben deshalb wollte ich mit Dir sprechen!«
»So sprich!« sagte sie kalt.
Er versuchte, das Tabouret näher zu rücken, aber ein gebieterischer Wink ihrer Hand wies ihn zurück. Dabei öffnete sich wie zufällig der Mantel über ihrem Busen, aber sie schien die brennenden flammenden Blicke des Mannes vor ihr gar nicht zu bemerken.
Er mußte mit Gewalt die Augen von ihr wenden.
»Du hast gehört, wie der wucherische Hund der Jonas mich behandelt hat,« sagte er endlich mit heiserer Stimme. »Ich muß ihm morgen dreitausend Thaler zahlen - dreitausend Thaler dem Schurken für Nichts und wieder Nichts, denn ich habe ihm die Wechsel für die Dessauer Creditscheine geben müssen, mit denen ich so schändlich über's Ohr gehauen worden bin. Bei ihm hat sie mir Nuland aufgeschwatzt!«
»Bezahle sie - und gehe nicht wieder zu Jonas!«
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»Bezahlen! zum Teufel - das ist leicht gesagt! Ich habe bei diesem Menschen immer Unglück gehabt, seit ich zum ersten Mal das Haus betreten. Weißt Du noch - damals, an jenem Abend - als Du dort sangst - es sind jetzt acht Jahre her!1
»Ich glaube, Du wirst wohlthun, mich nicht an die Vergangenheit zu erinnern!«
»Meinetwegen - ich bin fast noch verrückter in Dich, als damals, wo ich in der Polkakneipe alle Tage hätte zehn Morde begehen mögen aus Eifersucht! Und dennoch - wenn ich jene Zeit bedenke ...«
Er hatte jenen funkelnden Blick einer Tigerin, wenn sie auf den Jäger sich stürzt, der ihr das Junge geraubt, nicht bemerkt, der aus ihren sonst so kalten Augen schoß bei der Erwähnung eines Mordes aus Eifersucht.
»Warum gehst Du dann zu dem Wucherer?«
»Warum? warum? Das ist leicht gefragt! der Schurke hat mich in Händen!«
»So bezahle ihn!«
Er sah sie starr an, dann brach er in ein wildes Gelächter aus und fuhr sich nach seiner Gewohnheit mit den Händen in die Haare. »Den Teufel - bezahlen! Wovon? - wenn Du es mir nicht borgen willst?«
Er sah sie halb wild, halb bittend an. Sie hatte sich ruhig erhoben, und ging nach dem eleganten Schreibtisch, aus dem sie vorhin die Pretiosen genommen. Es war vielleicht Zufall, daß während sie aus einer Schublade
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ein Notizbuch nahm, der Nachtmantel von den alabastergleichen vollen Schultern fiel und die schöne Büste enthüllte. Wenigstens schien sie diesmal nicht darauf zu achten, als sie sich wieder in den Schaukelstuhl niederließ und in den Notizen blätterte.
»Ich habe Dir Viertausend vor zwei Monaten gegeben zu dem Holzgeschäft.«
»Ja - Du weißt, daß der verdammte Frost nicht kommen wollte. Wir haben schändlich viel Geld verloren bei der Spekulation!«
»Was geht das mich an? - Dann fünfhundert Thaler - und noch einmal vier - als neulich die Wechsel kamen!«
Er fuhr sich durch die Haare. »Ich weiß, ich weiß - Du bist immer eine gute Frau gewesen, - wenigstens in diesem Punkt! Aber ich schwöre Dir -« er stockte, denn seine brennenden Augen hafteten auf dem Marmorbusen der Frau, die seine Gattin war und doch wieder nicht - »ich will Dir Alles zurückgeben, Alles - bei dem nächsten glücklichen Erfolg. Nur diesmal mußt Du mir noch aushelfen.«
Sie sah noch immer in ihr Notizbuch. »Mit den Hundertfünfzig von heute macht die Summe gerade fünftausend und fünfzig Thaler. Die fünfzig schenk' ich Dir - wir sind also quitt!«
Der Mann starrte sie an. »Was willst Du damit sagen?«
»Ich dächte, ich spreche deutlich genug. Es sind die
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fünftausend Thaler, für die ich mich Dir verkaufte. Du hast sie jetzt zurück erhalten, ich schulde Dir Nichts mehr!«
»Schulden? - wie kannst Du so sprechen zwischen Mann und Frau! Du weißt, daß ich Dir Alles erstatten werde, wenn ich jetzt die große Lieferung für das Schloß erhalte, die mir sicher ist. Aber dazu muß ich eben meinen Credit aufrecht erhalten. Ich weiß, wenn Du auch nie darüber gesprochen, daß Du Geld hast ...«
»Bin ich Dir Rechenschaft darüber schuldig?«
»Nein - ich verlange sie ja auch nicht. Aber Du kannst mir aus einer dringenden Verlegenheit helfen. Das ist doch das Wenigste, was eine Frau für ihren Mann thun kann!«
»Für ihren Mann?« Sie lachte spöttisch auf.
»Höll' und Teufel - bin ich's nicht? - wenigstens vor den Augen der Welt, wenn ich auch Narr genug bin, mich von Deinen Launen martern zu lassen, daß ich um die kleinste Gunst bettle, wie ein Schulbube, während doch Alles mein ist - mein! -«
Er war wieder empor gesprungen mit glühendem Gesicht und wollte auf sie zu, - aber ein so kalter, vernichtender Blick aus den Augen der Frau traf ihn, daß er unwillkürlich wieder auf das Tabouret zurücksank.
»Bleiben Sie ruhig auf Ihrem Platz, mein Herr - ich dächte, Sie wissen zur Genüge, daß ich mich nicht zwingen lasse!«
»Du bist ein Teufel - wenn Du nur nicht so schön wärst! - Willst Du mir helfen?«
»Ich mache keine Geldgeschäfte! - Warum verkaufst
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Du nicht von Deinen Papieren an der Börse? Die Course stehen zwar augenblicklich schlecht - aber wenn es sein muß ...«
»Ich habe keine Papiere mehr - Du weißt es nur zu gut!«
»Ah richtig - deshalb schlugst Du mir ja vorgestern die dreihundert Thaler ab, die ich für neue Möbel meines Salons verlangte! So nimm ein Kapital auf das Haus auf!«
»Es gehört mir kein Stein mehr - es ist Alles verpfändet! - um es mit einem Wort zu sagen - ich bin für den Augenblick ruinirt!«
Wiederum traf ihn ein triumphirender dämonischer Blick aus den starren kalten Augen,
»Also ein Bettler?«
»Unsinn - sprich nicht so - wenn ich auch augenblicklich schlechte Geschäfte gemacht und mein Vermögen verloren habe, Du weißt, daß die Lieferung, die mir sicher ist, mir neuen Credit giebt und wenigstens zwanzigtausend Thaler werth ist!«
»Und wenn Du sie nicht erhieltest?«
»Dann, allerdings - dann wäre ich in einer verteufelten Klemme! Aber es ist unmöglich, Du wirst mir helfen, daß ich morgen nicht blamirt werde, und übermorgen wird der Contract geschlossen!«
»Du bist im Irrthum!«
»Was willst Du damit sagen?«
Die junge Frau hatte sich erhoben und war vor den Pfeilerspiegel getreten, den sie beim Ankleiden benutzte. Sie
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begann langsam das volle prächtige Haar zusammen zu nehmen und in einem Knoten am Hinterkopf zu befestigen.
»Reiche mir das Häubchen mit den Spitzen dort von meinem Bett, wenn Du so gut sein willst.«
Die erhobenen runden weißen Arme ließen ihn neue Reize sehen - er war fast wahnsinnig vor Angst und Begierde.
»Amalie, ich beschwöre Dich, die Sache ist zu ernst zum Scherz!«
»Scherzen? ich, mit Dir? - Du rechnest auf den Geheimen Rath?«
»Ja - ich habe sein Wort!«
»Ich war vor drei Tagen bei ihm!«
»Wie - bei ...«
»Nun ja - die Excellenz ist ein recht galanter Mann. Dein Freund Jonas bat mich, ihm einen Gefallen zu thun, und ich hatte meinen eigenen Zweck!«
»Höll' und Teufel! ohne mein Wissen? Er ist ein alter Wüstling, und bekannt, daß er für eine Schäferstunde Alles thut!«
»Du hast ganz Recht! Aber Du vergißt unsern Contrakt - ich bin meine eigene Herrin! er hat mir gesagt, daß Du die Lieferung nicht bekommen wirst - weil Du ein Spieler und ruinirt bist!«
»Wer hat ihm das gesagt?«
»Ich!«
Der Schlag war so stark, so unerwartet, daß er eine Minute lang nicht zu sprechen vermochte, sondern sie nur mit weitgeöffneten Augen anstarrte.
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Die ehemalige Polkakönigin setzte kokett das kleine Nachthäubchen auf die blonden Locken.
»Wie Du? das ist unmöglich! Dann wärst Du ja meine ärgste Feindin!«
»Merkst Du das jetzt erst?«
Er fuhr sich mit den Händen in die Haare. »Weib, mache mich nicht wahnsinnig! Du bist doch meine Frau! Wir haben doch dieselben Interessen!«
»Ich mit Dir? - Du träumst! - Da, wenn Du ein galanter Ehemann sein willst, reich mir das Jäckchen dort her!«
Er rannte wie unsinnig hin und her, indem er die Nägel in das Fleisch seiner Brust preßte. »Dieser Teufel - dieser Teufel! wenn sie nur nicht so schön wäre! Wer anders als Du hat mich ruinirt und zu all' dem Luxus und den Spekulationen getrieben? Jetzt sollst Du mich wenigstens entschädigen mit Deiner Liebe!«
Sie lachte hell auf. »Glaubst Du denn, daß ich Dich geheirathet, um ein Bettlerleben zu führen, Raum in einer Hütte, für ein glücklich liebend Paar?«
»Aber die Frau gehört doch dem Mann!«
»Gewöhnlich! Bei uns ist's umgekehrt!«
»Amalie - ich bitte Dich, ich beschwöre Dich - Du sollst allen Luxus haben, den Du nur willst! Aber gieb mir das Geld - ich muß das Geld haben!«
»Ich habe keins! Du hast das Deine zurück erhalten!«
»Ich will es glauben - aber Du hast Diamanten und Schmuck! Er ist mehre tausend Thaler werth - laß
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mich ihn verpfänden, auf acht - auf drei Tage - bis ich mir geholfen habe!«
»Du weißt, wo er liegt - nimm was Du findest!«
Er stürzte nach dem Schreibtisch und riß die Fächer auf - Alles war leer.
»Aber um Himmelswillen - es ist ja Nichts da?«
»Nein - er ist fort! er ist mein Eigenthum und Du weißt, daß wir keine Gütergemeinschaft haben! Aber tröste Dich, er soll dazu bis zum letzten Stein verwendet werden, Wittwen und Waisen zu vergüten, um was wahrscheinlich Dein zweiter Bankerott sie betrügt!«
»Satan!« Er stürzte auf sie zu und hob drohend die geballte Faust. Sie sah ihn lächelnd an, indem sie fortfuhr, sich auszukleiden und das Nachtzeug anzulegen. »Ei, genire Dich nicht,« sagte sie freundlich. »Wer die Männer aus dem Hinterhalt erschießt, kann wohl auch ein Weib schlagen!«
Er taumelte zurück, die Stube schien sich um ihn her zu drehen, von allen Seiten schienen ihn süße Frauengesichter anzulächeln, während sie im nächsten Augenblick zu Dämonenfratzen wurden.
Er fiel zu ihren Füßen. »Amalie, es war Alles aus Liebe zu Dir, Du weißt es! Zehn Jahre marterst Du mich jetzt mit Höllenqualen. Zeige mir wenigstens einen Funken Gefühl. Gieb mir das Geld, Du weißt nicht, was auf dem Spiele steht für mich!«
»Du wirst es mir sagen, süßer Gatte!« Ihre weiße Hand tändelte mit seinem schwarzen Haare, während ein
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Gefühl sich in ihrem Gesicht malte, als sei sie gezwungen, eine Schlange zu berühren.
»Es laufen Wechsel, ich muß sie einlösen - oder - -
»Nun, Carl? Du hast kein Vertrauen, Carl!«
»Oder - das Zuchthaus ist mir gewiß!«
»Also gefälscht?«
»Ja - gefälscht, wenn Du's denn wissen willst, - für Dich! ich konnte die Ausgaben nicht mehr bestreiten!«
»Und mußtest doch auch Dein Hazard haben! Liebe und Spiel ist freilich zu viel! Du hast eine unglückliche Hand, Carl!« Ein dämonischer Triumph leuchtete in ihren Augen, während sie sprach und der Elende vor ihr, nicht wissend, ob es Spott oder Theilnahme war, sein Gesicht in ihr Nachtkleid verbarg.
»Es ist wahr - ich bin selbst schuld - ich habe unsinnig gespielt! ich bitte Dich um Verzeihung, daß ich Dich anklage!«
»O ich verzeihe Dir das gern - Du sollst sehen, wie ich auch für Dich sorgen will, wenn Du in Spandau bist; für Schnupftaback und einige andere kleine Bedürfnisse darf man jawohl in Spandau einzahlen?«
Er sprang wie rasend empor. »Schweig, oder ich ermorde Dich!«
Sie sah ihn ruhig an. »Du hast seit zehn Jahren keine Uebung darin gehabt. - Wahrhaftig, die Sträflingsjacke wird dem schönen Karl gut stehen!«
»Weib -!« Er trat mit geballten Fäusten, Schaum auf den Lippen, auf sie zu.
Sie lachte verächtlich. »Schade,« sagte sie, - »ich
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hatte es so gut vor mit Dir diese Nacht! Du solltest belohnt werden für all' die Liebe und Enthaltsamkeit! Aber Du wirst begreifen, daß ich mit einem künftigen Zuchthäusler doch unmöglich mein Bett theilen kann - mein verstorbener Engel könnte sonst einen Bruder bekommen, dessen Vater in Spandau sitzt und es ist genug, daß mein eigener Bruder dort Wolle gekrämpelt hat!«
Ein brummender Laut aus dem Salon her antwortete der Infamie, aber der Gatte, der Verhöhnte, achtete nicht darauf; die ganze Brutalität seines ursprünglichen Charakters brach sich endlich Bahn, und hatte er sie erreicht, die ihn so bitter verhöhnte, er hätte sie mit dem Faustschlag, den er nach ihr führte, zu Boden geworfen.
»Kanaille - erst ermorde ich Dich, ehe ich in's Zuchthaus gehe, damit Dich wenigstens kein Anderer haben soll!«
Aber die junge Frau war mit der Gewandtheit einer Pantherin hinter den Tisch gesprungen. »Sachte, sachte Herr Gemahl! Man sollte meinen, Sie wären noch der Hausknecht in Mylius Hôtel aus dem Anfang Ihrer Karriere! - Kommen Sie mir nicht zu nahe, oder ich steche Sie nieder, wie einen tollen Hund!«
Sie hatte von ihrer Toilette ein spitzes Trennmesser ergriffen und streckte es ihm entschlossen entgegen. Ihr ganzes Wesen schien sich mit einem Schlage verändert zu haben. Die spöttische höhnische Miene war verschwunden, das kalte blaue Auge sprühte ein dämonisches Feuer - die Haut unter dem zarten rouge, das sie für die Gesellschaft aufgelegt, war noch alabasterbleicher als gewöhnlich.
Der Elende war vor der blitzenden Klinge, vor dem
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drohenden Auge der Frau zurückgewichen und warf sich jetzt in den Sessel, den sie vorhin verlassen. »Amalie, Amalie, warum behandelst Du mich so schändlich und undankbar! ich wollte, ich wäre todt!«
Sie stand hoch aufgerichtet vor ihm, nur durch die Breite des Tisches von ihm getrennt, ein göttlich schönes Weib mit der Schönheit der Gorgone, deren Anblick zum Marmor erstarren machte. Das achtlos geöffnete Nachtkleid zeigte den kräftigen auf[-] und niederwogenden Busen - der weiße, entblößte Arm war drohend gegen ihn gestreckt, der üppige, des gewöhnlichen Zwanges entfesselte Leib bog, sich wie der schlanke Körper des Jaguars, der auf seine Beute stürzt.
»Es ist Zeit, daß es zu Ende kommt mit uns Beiden,« sagte sie mit tiefer harter Stimme. »Der Augenblick ist da, nach dem mein Herz - wenn ein solches Ding überhaupt noch in meiner Brust wohnt - seit zehn Jahren sich gesehnt hat. Der achtzehnte März soll nicht wiederkehren, ohne daß er und ich und sein Kind gerächt sind an Dir, feiger Mörder und Dieb!«
»Amalie!«
»Nenne meinen Namen nicht, Verächtlicher, Du hast kein Recht daran. Die, welche den Namen trug, gehörte Dem, den Du feig ermordet hast, der Mutter seines Kindes, das durch Deine niederträchtige That entehrt geboren ward, in Jammer geathmet hat und in Fluch gestorben ist. Für Dich aber, höre es Mensch, für Dich ist mein Name Haß, Verdammniß, Rache, Rache!«
»Erbarmen - Du tödtest mich!«
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»Könnt' ich Dich tödten hundertfach, mit allen Martern, die der Menschenwitz je ersonnen, ich würde es thun. So aber hattest Du nur ein Leben, und es wäre eine jämmerliche Strafe gewesen, es Dir zu nehmen. Darum habe ich mich an Deine Fersen geheftet, darum habe ich Deine Laster gehätschelt, Deine gemeinen Begierden gereizt bis zum Wahnsinn! Zwei Mal hat das Glück Reichthum an Dich verschwendet, zwei Mal habe ich Dich zum Bettler gemacht und endlich zum Schurken und Betrüger. Mit dem Ringe, den Du mir an Gottes Altar an den Finger stecktest, hast Du die Furien in Dein Haus genommen. Schritt um Schritt habe ich Dein Verderben bereitet - ich brauchte Deine eigene böse Natur ja nur gewähren zu lassen, Deine Leidenschaften zu nähren. Aber ich habe mehr gethan, denn das genügte mir nicht! hörst Du! diesen Leib, diese Schönheit, nach der Du so rasend begehrt, die Deine Sinne bis zum Wahnsinn reizen konnten, - ich habe sie weggeworfen an Deine Feinde! ich habe sie preisgegeben, um Dich zu ruiniren! Und wenn Du in der Züchtlingsjacke Dich krümmst, will ich Dir noch vor's Gesicht treten so oft es geht, und Dir meine Rache in das Gesicht schleudern für das Weh, das Du mir angethan, indem Du mein Liebstes gemordet, und jede Wohlthat, die ich Dir hinwerfe, soll zur giftigen Mahnung werden an Die, die Dich haßt und verflucht bis zum letzten Athemzug!«
Sie war erschüttert von dem gewaltigen Ausbruch der so lange verhaltenen Gefühle in die Knie gesunken und stützte die Stirn auf den kalten Marmor des Tisches. Ein schmerzliches Stöhnen, als wollte sie ersticken am
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emporquellenden Blut, - dann endlich machte ein Thränenstrom der gequälten Brust, dem gebrochenen Herzen Luft und sie schluchzte laut auf: »Ferdinand! Ferdinand! mein armes verlorenes Kind!«
Polen[t]z war auf dem Stuhl sitzen geblieben, erst sich windend unter den ihn überfluthenden Verwünschungen, dann in einer gewissen Regungslosigkeit. Seine Augen starrten vor sich hin, die Entdeckung, daß gerade das angebetete, bis zur Raserei geliebte Weib mit teuflischer Sicherheit seinen Ruin herbeigeführt, daß sie in den ganzen Jahren ihrer für ihn zur Hölle gewordenen Ehe darauf ausgegangen war, ihn zu verderben, betäubte ihn und schien ihn ganz geistesabwesend zu machen.
Erst nach einer Weile, als das Schluchzen der Frau ihn weckte, taumelte er empor und sah wild umher.
Es war, als übe das starke Getränk, mit dem er sich Muth gemacht zu der Unterredung mit seiner Frau, plötzlich jetzt seine Wirkung. Seine Augen glühten, sein Gesicht war dunkel geröthet, als er auf die schluchzende Frau zutaumelte.
»Gott verdamm' mich - Du bist mein Weib! ich will mein Vergnügen haben diese Nacht wenigstens, wenn ich denn morgen in's Zuchthaus muß, weil Du mir kein Geld giebst! Zu Bett, Malchen, komm zu Bett, Frau!«
Sie sprang, wie von hundert Nattern berührt empor, als er sie umfassen wollte.
»Zu Hilfe! Franz - wo bist Du? zu Hilfe!«
Der würdige Kommissionair erschien zögernd in der Thür, zu der sie geflüchtet war.
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Er war sichtlich etwas angegriffen und erschrocken. »Zum Henker, Male,« sagte er zögernd, »Du machst es ooch zu arg mit ihm. Des kann keen Pferd aushalten. Ick liebe und schätze Amanden zwar sehr, aber wat zu ville is, is zu ville!«
»Wirf ihn hinaus - befreie mich von dem Elenden, wenn Du ein Mann und mein Bruder bist!«
»Sachte, sachte,« sagte der Kommissionair. »Wenn Du's denn mal nich anders willst - aber ik sage Dir, et wird Jeld kosten. Na, kommen Sie man immer mit Herr Schwager, die frische Luft wird Sie am Besten thun.«
Er hatte Polen[t]z am Arm gefaßt; - dieser war wie betäubt von dem Eintritt eines Dritten, er stierte wieder mit dem leeren Blick eines Trunkenen oder Geistesabwesenden auf die Geschwister und ließ sich ohne ein Wort der Widerrede hinaus führen.
»Gutenacht Male,« sagte der Kommissionair - »den Auftrag werde ich besorgen. Morgen früh komm ich wieder!«
Er verschwand mit dem Taumelnden in den Salon, indem er ihn mitleidig unterstützte.
Die Frau folgte den Beiden mit einem unbeschreiblichen Blick, einem Blick voll Haß, Triumph, Verachtung und doch auch nicht ohne Mitleid. Dann preßte sie beide Hände, vor den Busen, als wolle sie den von der stattgefundenen Scene noch stürmisch wogenden beruhigen.
»Es ist geschehn, murmelte sie, »Gott im Himmel mag mir's verzeihen, aber ich konnte nicht anders! Du
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Schatten Dessen, den ich allein geliebt habe auf der Welt, du bist gerächt, schwerer als mit Blut oder Tod, und du mein süßer Engel, wenn es wahr wäre, wenn es nicht der bloße Trost eines Freundes ist, und du wirklich noch weilen könntest unter den Lebendigen, o kehre wieder, um das einzige Glück mir zu bringen, für das ich noch leben will!«
Sie warf sich auf ihr Bett, eine Beute der widerstrebendsten Gefühle.


Der Kommissionair fühlte wirklich eine Art Theilnahme für seinen Schwager. Obschon er den energischen Charakter seiner Schwester kannte, hatte er doch nie einen solchen Schrecken, ja gewissermaßen ein Grauen vor ihr empfunden, als ihn beim Anhören der Scene zwischen ihr und, ihrem Gatten überkommen war. Dies Gefühl war so stark, daß es selbst die anfängliche Lust unterdrückte, durch irgend eine Lüge die Chatoulle mit den werthvollen Schmucksachen, die sie ihm anvertraut, sich selbst zuzueignen.
»Die Male hat heute ihren Rappel, daß sie die dumme Geschichte mit dem erschossenen Lieutenant Ihnen wieder aufwärmt,« sagte er tröstend zu dem Schweigenden, den er noch immer am Arm führte. »Des wird vorüberjehn und ich denke, auch mit des Vermögen wird es jrade noch nich so schlimm stehn, deß Sie sich nich wieder ufrappeln sollten. Sie haben immer en Schwerenoths-Glück gehabt, Herr Polen[t]z und des verläßt den Menschen nich so leichte, der's einmal hat. Mit mir is des eene andere Sache. Aber
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Sie werden doch gut thun, heute man nich wieder bei der Male sich sehn zu lassen, sie is en wahrer Deifel, wenn sie man ihren Kopp ufjesetzt hat. Kommen Sie, schließen Sie mir man die Hausthür auf Herr Schwager, deß ich jetzt in eener anständigen Weise raus kann, und trösten Sie sich man. Amande is manchmal ooch nich bitter!«
Er war bis zur Hausthür gekommen, und schloß sie sich hübsch selber auf, während Polen[t]z dabei stand, ohne eine Hand zu rühren.
»Na Gutenacht Schwager - und ich denke, wir bleiben die alten Freunde wie vor zwölf Jahren, Sie werden auf mir keenen Groll werfen, wenn ich auch meiner Schwester beistehen muß. Des is nich mehr als billig!«
Damit schlüpfte er aus der Hausthür, blieb einige Schritte davon stehen, um zu sehen, ob der Schwager ihm nachgehe oder schaue, und holte dann aus dem Versteck die Chatoulle, mit der er den Weg nach Hause antrat.
Herr Polen[t]z hatte ihm weder nachgesehen, noch war er ihm anfangs nachgegangen. Er blieb vielmehr auf derselben Stelle, wo ihn sein würdiger Verwandter verlassen hatte, eine ganze Weile stehen, immer vor sich hinstarrend, indem er nur von Zeit zu Zeit die gewohnte Bewegung machte und sich in die Haare faßte. Dann endlich trat er aus der Thür, durchschritt langsam den Vorgarten und trat auf die Straße, die promenadenartig an dem Kanal entlang lauft.
Es mochte jetzt etwa 1 Uhr vorüber sein, und tiefe Stille lag über der ganzen Umgebung, nur zuweilen durch den festen Schritt eines Verspäteten oder das entfernte Pfeifen eines
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Nachtwächters unterbrochen. Es begann zu frieren, und die dünne Eisdecke, die noch unhaltbar für eine Last auf dem Wasser des Kanals und des anstoßenden Bassins lag, verdichtete sich.
Der ruinirte Spieler war halb bewußtlos immer weiter geschritten, ohne Kopfbedeckung, in dem leichten Hausrock. Er schien weder ein bestimmtes Ziel zu haben, noch die Kälte zu empfinden. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen und murmelte einige Worte. Es waren immer dieselben: »Komm zu Bett Frau, Du bist mein Weib - ich will in Deinem Arm liegen, eh ich in's Zuchthaus muß!«
Dann wieder schlug er ein häßliches Lachen auf und rieb sich die Hände. »Ich wußt es wohl, es hat sie tief gepackt, daß ich ihr den Lieutenant todt geschossen habe, der die Bürgermädel verführt! Aber ich will den Alten auch todtschießen, - die Excellenz mit dem weißen Bart, der sich mit weißen Frauenleibern die Gnade und die Gerechtigkeit erkaufen läßt! Ha, wie sie toben wird, wenn ich auch den erschossen habe - aber sie muß gehorchen, sie muß mein sein - sie ist mein Weib!«
Er war auf einen öden, noch ziemlich wüsten Platz gekommen, denselben, auf den damals François, die junge Schweizerin aus dem abscheulichen Wollusttheater der Madame Wohlbrück geflüchtet hatte. Das große Hafenbassin war wie der Kanal mit einer dünnen unhaltbaren Eisdecke überzogen; einige Schritte von den Ufern ankerten mehre große Spreekähne, die hier überwinterten, da sie beim Torf- oder Holzbringen der Frost überrascht hatte. Die Schiffer mit ihren Familien bewohnten wie gewöhnlich die
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Kajüten. In einer derselben schien es noch sehr lebendig zu sein. Die kleinen Fenster im Spiegel waren hell erleuchtet, und lustiger Gesang und Gläserklang schallten heraus.
Ein schwanker Steg ohne Lehne führte vom Ufer nach dem vom Thau und Frost überaus glatten Bord.
Der Elende, der halb bewußtlos, getrieben von den Furien der Angst, der aufgeregten Leidenschaften und des ohnmächtigen Zorns, bis hierher gekommen war, stand am Rande des Bassins, gerade dem erleuchteten Schiffe gegenüber. -
Eben erscholl von dort ein altes kerniges Soldatenlied, von einer kräftigen männlichen Stimme vorgetragen, während mehre andere im Chor einfielen.
»Wie sie jubeln und spotten, die Elenden, als ob ich schon im Zuchthaus säße,« murmelte Polen[t]z. »Aber ich will ihnen die Freude nicht gönnen, und ihr auch nicht! nein - nimmermehr, lieber wollt' ich mich aufhängen. Nur kein Blut - kein Blut - ich mag es nicht sehen wie damals, als er die Arme aufwarf, der Schurke, der schmucke Lieutenant in seiner Uniform, der mir ihr Herz gestohlen und ihren Leib. Und wenn er wieder dort vor mir wäre, so - hoch zu Pferde, - wie er winkte mit seinem weißen Tuch - - die Büchse an die Wange und dann - -«
»Ferdinand soll leben! Hurrah, Ferdinand soll leben! Hoch!« klang es jubelnd aus der Kajüte, und die Gläser klirrten zusammen.
»Ferdinand? - Bei der Hölle - so hieß er, und den Namen jammert sie im Traum, wenn ich wie ein
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Hund vor ihrer Stubenthür liege und ihren Schlaf belausche. Will mich denn Alles höhnen? Die Pest über die Schurken, ich schlage ihnen den Schädel ein!«
Und mit drohender Geberde betrat er den schwanken Steg.
Die Schatten der Wolken, welche der noch kurz vorher herrschende heftige Wind an dem Monde vorübergejagt, flogen noch immer - obschon jener sich fast plötzlich in den untern Regionen gelegt, - in phantastischen Gestalten über den öden Platz und die weiße bereifte Eisdecke des Hafenbassins.
Polen[t]z stand auf der Mitte des schwanken Bretts - wenige Schritte entfernt schallten aus der Thür der Kajüte, die trotz des Frostes, wahrscheinlich um frische Luft in das enge von Tabacksqualm und Grogkduft erfüllte Gemach zu lassen, etwas geöffnet stand, ihm heiteres Gelächter und laute Worte entgegen,
»Er war ein wackerer Offizier, der Herr Lieutenant von Röbel, nach dem der kleine Bursche da in der Wiege heute getauft worden ist,« sagte eine kräftige breite Mannesstimme im märkischen Dialekt - »und möge der tückische Bube, der meinen braven Herrn vom Pferde schoß, in seiner Todesstunde noch büßen für den Mord! Fluch dem feigen Mörder!«
Das krause Haar des Lauschenden sträubte sich in starren Fäden - er schaute mit Entsetzen um sich bei dieser plötzlichen Berufung zu solcher Stunde und an diesem Ort. Es klang wie eine Mahnung des rächenden Jenseits in sein Ohr, das nie sich der Stimme der Reue
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über die bübische That bisher geöffnet hatte, und er wandte sich hastig auf dem schmalen Brett, um aus dieser Nähe zu fliehen.
Auf den Mondstrahlen reiten die Geister - bleiche gespenstige Lichter tanzen ihren Todtenreigen, während hinter Thüren und Fenstern die Lebendigen schlummern!
Der bleiche Mondstrahl, wie er auf die ihrer Blätter beraubten Bäume mit den bereiften Zweigen, wie er auf die leere Bank am Ufer, auf den Pfahl, um den die Ankertaue sich schlangen - auf die weiße Warnungstafel fiel, formte sich zur linienlosen Gestalt, die sich bewegte im ersterbenden Lufthauch; - mit weit geöffneten Augen stierte der Mann auf dem schwanken Brett hinüber - - -
Die Thür der Kajüte öffnete sich, der zwischen den scheidenden Männern und Frauen heraus fallende Lichtschein mischte sich mit dem Mondstrahl und warf den eigenen Schatten des Elenden weit hin über die weiße Fläche.
»Nun Gutenacht Kameraden, sagte der seine Gevattern begleitende Schiffer, »und herzlichen Dank für den Liebesdienst. Wäre der jüngste Herr von Röbel hier, hätte er wohl selbst dem Gottlieb die Ehre angethan und auf den lebendigen Ferdinand die Hand gelegt, wie er sie einst auflegen mußte auf die Wunde des braven Todten im Gelöbniß, für unsern Herrn und König treu zu leben und zu sterben, gleich wie der Todte ihm treu gestorben war in seiner Pflicht. So wollen auch wir schlichte Leute dem König treu bleiben in seiner schweren Zeit, und die Hand Gottes wird die Untreuen strafen, wie sie noch stets, und dauere es noch so lange, den Mörder straft!«
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Ein einziges Aufschrei - ein schwerer Fall - die dünne Eisdecke bricht unter einem schweren dunklen Körper.
»Um Gotteswillen, Kameraden zu Hilfe - hier ist ein Unglück geschehen - bring den Schiffshaken herbei Christian, - Licht her Frau, geschwind!«
Der Steg vom Bord zum Ufer war leer - am Ufer spielten allein die gespenstigen Mondstrahlen - aus der dunklen Oeffnung im Eise gurgelte es unheimlich herauf.
Mit zwei Sprüngen war der Schiffer am Land und die nächsten Stufen der Steinwand hinab.
»Ist hier Jemand im Wasser? - Her mit dem Haken - so wahr mir Gott helfe, da taucht eine Hand auf - in den Kahn, Gevatter - er treibt dorthin unterm Eis!«
Die Wackern arbeiteten mit Stangen und Rudern, die dünne Eisdecke, unter die der Verunglückte gerathen war, einzudrücken, die Frauen schrieen um Hilfe, die Nothpfeife des Wächters, der eben auf den Platz kam, schrillte dazwischen - in wenig Minuten waren trotz der späten Stunde zwanzig, dreißig Menschen vom nahen Eisenbahnhofe um den Schauplatz des Unglücks versammelt.
Aber wie rüstig die Braven auch arbeiteten, es vergingen mehr als zehn Minuten, ehe ihre Haken den Körper des Ertrunkenen unter dem Schiffrand faßten und ihn an Bord zogen.
»In die Kajüte mit ihm, gewiß ist er noch zu retten,« befahl der wackere Schiffer Gottlieb Schmidt, vor zehn Jahren der treue Bursche des ältesten Junkers von Röbel. »Schieb die Wiege mit dem kleinen Schreihals zur Seite
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und legt ihn auf das Bett. Lauft geschwind nach einem Arzt - drüben in der Köthener Straße wohnt einer.«
Sie hatten den Leblosen herein gebracht und auf das Bett gelegt, der Schein der Lampe und des angezündeten Lichtes fiel jetzt voll auf das weiße entstellte Gesicht mit den stieren Augen und dem wirr um den Kopf hängenden nassen Haar.
Der Schiffer fuhr unwillkürlich einen Schritt zurück, als er jetzt im hellen Schein dies Gesicht sah - ihm war, als müsse er es kennen, als schaue es zu ihm herüber aus dunklen Erinnerungen - vor Jahren!
»Wahrhaftig - es ist der reiche Partikulier Polen[t]z, der drüben über'm Kanal wohnt und die hübsche Frau hat,« sagte einer der Eisenbahnbeamten, der mit in die Kajüte getreten war. »Ich kenne ihn recht gut - noch vor drei Tagen ist er mit mir nach Potsdam gefahren und jetzt liegt er hier kalt und todt. Wie mag das nur gekommen sein?«
»Polen[t]z?« - der einfache Schiffer wandte sich schaudernd ab und ergriff die Hand seines Weibes, die den vom Lärmen erwachten schreienden Säugling aus seinem Bettchen nahm und ihn an die Mutterbrust legte. »Ja gewiß, so war ja sein Name, der Kerl, der Franz Günther hat ihn oft genug genannt, daß er so eifersüchtig war um seine Schwester - und ich erkenne ihn wieder, obschon ich ihn nur ein einzig Mal gesehn, damals am Fenster, mitten im Pulverdampf, als er höhnisch die Büchse schwang!«
»Was murmelst Du da, Gottlieb?«
»Nichts, Marie - aber es ist doch seltsam und
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Gottes Wege sind wunderbar. Grade am heutigen Abend, wo wir von dem seeligen Junker sprachen - und hier bei mir, der ich dem Schurken den Tod geschworen und ihn niemals nicht wieder gesehen hatte!«
Ein Arzt war glücklich gefunden worden und drängte sich im Schlafrock durch den Kreis.
Er legte mit der Gleichgültigkeit seines Handwerks die Hand auf die entblößte Brust des leblosen Körpers, dann ließ er den Arm entkleiden und schlug im Gelenk eine Ader.
Es kamen zwei dicke Tropfen schwarzen Blutes, dann Nichts mehr trotz aller Versuche.
»Der Mensch ist todt,« sagte der Arzt. »Sparen Sie sich das Reiben, es nutzt zu Nichts. Er ist wahrscheinlich vorher sehr erhitzt gewesen und der Schlag hat ihn in dem kalten Wasser getroffen.«
Der Schiffer Gottlieb hielt die Hände gefaltet, während er sich über sein Kind niederbeugte, das den Namen Dessen trug, der so sichtbar durch Gottes Hand gerächt worden.
Auf den fragenden Blick seiner Frau antwortete er nur mit dem leise, aber aus tiefer Seele gesprochenen Gebet:
»Vergieb uns unsre Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigen!«

Magenta!

1) Das Ultimatum.

Es war Frühling - Frühling in Italien! In der weiten lombardischen Ebene grünte der Mai in seiner vollen Frische und Pracht; in den Alpen schmolz der Schnee und die hundert sprudelnden Wässer kamen, entfesselt der langen Haft, von den Bergen und eilten ihrer Ewigkeit, dem Meere zu.
Man muß den Frühling, diese Jugend des Jahrs, in jenen gesegneten Gegenden genossen, seinen balsamischen Hauch mit vollen Zügen getrunken haben, um zu wissen, wie sich die Brust erweitert, wie das Herz alles Lebenden sich freut und höher schlägt.
Aber in die Hymne der Vögel, in das fröhliche Rauschen der Blätter, in das Murmeln der Quellen und den Odem der Erde sollte sich bald der Donner der Kanonen und das Wehklagen der Sterbenden und Verwundeten mischen.
Der Krieg stand vor der Thür, ein Krieg, den man lange vorher kommen sah, und auf den man sich doch nur wenig vorbereitet hatte. Wiederum wie seit langen Jahrhunderten sollten die Ebenen der Lombardei den Schauplatz abgeben
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zu den Kämpfen zwischen Oesterreich und Frankreich, zwischen der Herrschaft des Germanismus und Romanismus.
Wie oft schon, seit Odoacer mit seinen Rugiern in die Ebenen des Ticino und Po hinab gestiegen, hatte sich dies blutige Schauspiel in immer neuen Formen und doch immer das alte wiederholt. Die Sachsen und Hohenstaufen hatten ihr bestes Blut dort verspritzt, Frankreich, Spanien und Deutschland dort um den Sieg gerungen, bis zu den Namen Lodi, Montebello, Marengo und Novara.
Eine eigenthümliche Komödie war während des Jahres 1858 und namentlich in den ersten Monaten des darauf folgenden von der gesammten europäischen Diplomatie vor den Augen der Welt aufgeführt worden - die Komödie der Friedens- und Vermittelungsversuche, während doch Niemand an deren Erfolg glaubte und Jeder wußte, daß der Mann an der Seine Krieg wollte.
Der Frieden von Paris, welcher den Krimkrieg beendete, hatte eine Menge Fragen unerledigt gelassen und mit der Aufnahme Sardiniens in den Kongreß eine neue in das sogenannte europäische Concert hinein geworfen, die sich nicht so leicht beseitigen ließ, sondern zum Feuerbrand werden mußte.
Der Ehrgeiz des Hauses Savoyen hatte schon 1848 und 49 von einer Krone Italien geträumt und die Lectionen von Custozza und Novara waren höchstens im Stande gewesen, für einige Zeit diese Pläne zu unterdrücken, nicht sie zu beseitigen. In dem Grafen Cavour besaß Sardinien einen Minister, welcher mit dem enthusiastischen Gedanken der Einheit Italiens die Zähigkeit des Fabiers und die
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Klugheit Macchiavelli's verband. Seit dem Beginn seiner politischen Karriere hatte er nie das Ziel: Italien von dem deutschen Uebergewicht zu befreien, es zu einem Gesammtstaat zu vereinigen und die Krone Sardinien zur Krone von Italien zu erheben, aus den Augen verloren.
Er war klug genug, zu wissen, daß sein Staat oder das Haus Savoyen dieses Riesenwerk niemals allein durchführen könne, und daß es mächtiger Bundesgenossen dazu bedürfte. Aber er wußte eben so gut, daß ein mächtiger Bundesgenosse leicht zum Tyrannen des Beschützten wird und er streckte die Hände daher nach zwei verschiedenen Seiten, beide Kinder und Gewalten der Gegenwart und gleich mächtig, aber auch gleich feindselig gegeneinander und eine die andere in Schach haltend.
Er verband sich mit dem Bonapartismus und der Revolution.
Wir haben schon früher2 ausführlicher bei der Uebersicht der europäischen Verhältnisse die Absichten und ersten Schritte des sardinischen Premiers erwähnt. Es wird uns bald die Gelegenheit werden, noch näher darauf zurückzukommen und wir wollen daher hier nur kurz den Gang der Ereignisse bis zum Ausbruch des Krieges recapituliren.
In unserm Roman »Sebastopol« haben wir bereits angedeutet, wie schon gegen das Ende des Krimmkrieges die Stellung Frankreichs zu Rußland - obschon die Armeen beider noch unter Waffen gegen einander standen, - eine ganz andere geworden war.
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Moskau und die Beresina waren gesühnt, die Interessen und weit in die Zukunft greifenden Pläne der beiden Nationen und Dynastieen gingen jetzt wieder zusammen: die Vertreibung des germanischen Elements und seiner Macht aus dem Süden Europas, von den Küsten des mittelländischen Meeres!
Von dem Vertrage von Paris ab herrschte offenbar in allen Schritten unverkennbares Einverständniß zwischen dem Kabinet der Tuilerieen und dem von St. Petersburg.
Im Jahre 1857 brach der indische Aufstand aus, den wir in unserm Buch »Nena Sahib«, dessen Abschluß in unserer nächsten Trilogie3 folgen wird, dem Leser vorgeführt haben.
Das war der Schlag, den Rußland gegen das ohnehin erschöpfte England führte!
Der »Kanal von Suez«, diese große Handelsintrigue Frankreichs, legte von der andern Seite die Art an die Wurzeln des alten Eichstammes britischer Macht.
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Aber noch war es nicht Zeit zu einem direkten Angriff gegen England, man mußte seine unzuverlässige eigennützige Krämerpolitik erst noch verhaßter in Europa machen und seine natürlichen Bundesgenossen auf dem Festland erst einzeln schwächen.
Der erste offene Schlag galt daher Oesterreich, indem man dem Drängen der italienischen Revolution und des piemontesischen Ehrgeizes nachgab.
Rußland erwies sich damit einverstanden.
Es läßt sich nicht verkennen, daß Oesterreich hierbei viel verschuldet hatte. Die Politik Schwarzenbergs hatte selbst die alten Traditionen der heiligen Allianz gesprengt und Europa auf neue Bündnisse verwiesen. Mit der österreichischen Besetzung der Donaufürstenthümer und der Front gegen Rußland im orientalischen Kriege war Rußland des alten Bündnisses entledigt, und ein Zug tiefer und nachhaltiger Erbitterung wegen solchen Dankes für die ungar'sche Hilfe geht seitdem durch die Politik des Winterpalastes.
Die Einigkeit Rußlands und Frankreichs zeigte sich zunächst in ihrer Unterstützung der Agitation in den Donau-Fürstenthümern. Der kranke Mann, den England und Oesterreich mit allen Kräften halten wollen, war für sie nur noch eine Frage der Zeit, das Losreißen der Donau-Fürstenthümer und die Stärkung Griechenlands daher ein erstes Mittel. Oesterreich und England protegirten die Trennung der Moldau und Walachei, Frankreich und Rußland deren Vereinigung. Die Convention vom 19. August 1858, in der Oesterreich scheinbar siegte, war eine bloße Täuschung, denn als der Schützling der Tuilerieen, Oberst Cousa,
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am 12. Januar zum Hospodar der Moldau, und am 5. Februar zum Hospodar der Walachei gewählt wurde, war die Vereinigung faktisch hergestellt und Rußland und Frankreich erkannten sie sofort an.
Damit hatte Oesterreich einen Gegner an der untern Donau.
Der Versuch der Pforte, Montenegro ihrer Botmäßigkeit zu unterwerfen, wurde von der Drohung Frankreichs und Rußlands unterdrückt.
Im Lauf des Jahres 1858 erhob sich eine energische und ungescheute Agitation auf den ionischen Inseln für den Anschluß an Griechenland und die Emancipation vom englischen Protektorat.
Vergeblich schickte das Kabinet von St. James einen Special-Kommissair in Person Gladstone's dahin, die Aufregung zu beruhigen. Die Zeit war vorbei, wo man jedes Mitglied des ionischen Parlaments, das seine Stimme gegen die britische Tyrannei erhob, hängen oder mindestens exiliren konnte, wie noch während des orientalischen Krieges geschah; Frankreich und Rußland bewachten sorgfältig jeden Schritt auf den Inseln und England sah die dritte Station seiner Macht im mittelländischen Meere unter seinen Füßen schwinden.
Rußland trat plötzlich mit der Erwerbung des Hafens von Villafranca als Station für seine Schiffe im Mittelmeer auf.
Unter diesen Umständen mußte die Neujahrsrede des Kaiser Napoleon, der bekanntlich öffentlich nie ein Wort unbedacht und ohne Bedeutung spricht, von jener Wirkung
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sein, die sie in der That auf den Flügeln des Telegraphen in ganz Europa erhielt.
Der Erbe des verunglückten »Spada d'Italia«, der König Victor Emanuel warf in der Rede, mit der er am 10. Januar die Kammern eröffnete, offen den Fehdehandschuh hin, indem er erklärte, daß Sardinien für den »Schmerzensschrei« Italiens nicht unempfindlich sei. Zugleich wurden die sardinischen Truppen aus den entfernteren Theilen des Landes, von der Insel Sardinien und der französischen Gränze nach dem Osten gezogen und am Ticino offene Werbebüreaux etablirt, welche die fanatisirte Jugend der Lombardei und Venetiens und die Deserteure der österreichischen Truppen anlockten.
Die sardinische Presse, die schon während des ganzen Jahres gegen Oesterreich polemisirt hatte, wurde zur offenen Kriegstrompete und predigte geradezu den Krieg gegen die Deutschen.
All' dies bewies klar, daß Sardinien einen bedeutenden Hinterhalt haben mußte.
Dieser decouvrirte sich bald genug in der Rede Louis Napoleons zur Eröffnung der Legislative am 7. Februar, in der er erklärte, der Zustand Italiens stoße der Diplomatie gerechte Besorgnisse ein, aber er hoffe, der Frieden werde erhalten werden, während zugleich die inspirirte Brochüre »Napoleon III. und Italien« die »Berechtigung der Nationalitäten« und die »Revision der Verträge« predigte.
Am 15. Januar war der Prinz Napoleon, der Uhu der Revolution auf dem Vogelheerd seines klugen Vetters,
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in Villafranca gelandet. Der Kaiser verheirathete ihn zur Revange für das Attentat vom 14. Januar. Am 30. Januar fand seine Vermählung mit der ältesten Tochter des Königs Victor Emanuel, der sechzehnjährigen Prinzessin Clotilde zu Turin statt.
Alsbald traten auch die militärischen Rüstungen Frankreichs ziemlich offen trotz ihrer geschickten Einkleidung auf. Kriegsschiffe gingen von Toulon nach Algier und die Avantgarde der Division Renault landete bereits am 12. Februar in Marseille.
Unter diesen Umständen wählte England die schlechteste Rolle, die es nehmen konnte, die Vermittelung, indem es gänzlich die im Hinterhalt drohende Gefahr dieses Krieges übersah.
In Verbindung mit Preußen, wo der englische Einfluß auch durch die vor Kurzem geschlossenen Familienbande überwiegend war und selbst zu einer Karrikatur des englischen Constitutionalismus den besten Anlauf nahm, wurde ein Congreß von Lord Gowley, der sich von dem Kaiser und seinem Minister des Aeußern, Graf Walewski, düpiren ließ, persönlich in Wien vorgeschlagen. Graf Buol bestritt jedes Recht zur Einmischung in die Verträge Oesterreichs mit den italienischen Staaten, und verlangte eventuell die Vorlage aller solcher Verträge, also auch des französisch-sardinischen, und wollte Unterhandlungen nur auf Grund der Wiener Schlußakte von 1815 zugeben.
Oesterreich hatte die ihm drohende Gefahr wohl erkannt und seine Rüstungen begonnen, aber in Folge der unglücklichen Politik der Eifersucht und des Pochens auf die
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Suprematie in Deutschland versäumte es, sich die nöthigen Bundesgenossen zu sichern. Die engere Allianz mit den kleinern italienischen Fürsten und die Ausdehnung seines Besatzungsrechtes konnten ihm bei der Stimmung der Bevölkerung nur wenig nützen.
Schon im Januar wurde das III. Armee-Corps von Wien nach Italien vorgeschoben, ein zweites sollte folgen. Die Festungen wurden in Stand gesetzt, Anfang März die Beurlaubten eingezogen.
Aber Louis Napoleon war mit seinen Rüstungen noch keineswegs fertig und brauchte mindestens noch sechs bis acht Wochen. Deshalb wurde die Komödie der Congreßunterhandlungen fortgesetzt, indem sich Rußland einmischen mußte.
Mit der bekannten Unverschämtheit der französischen Politik im Ableugnen und Verdrehen der Thatsachen mußte der Moniteur am 5. März jede Rüstung Frankreichs ableugnen und die großen Pferdeeinkäufe in Deutschland, denen erst am selben Datum das Ausfuhrverbot des Zollvereins ein Ziel setzte, die Bildung der Alpenarmee, die Formirung von hundert neuen Bataillonen und die Ueberschiffung der Truppen aus Algerien für ganz gewöhnliche Dinge erklären. Ja man brauchte den Prinzen Napoleon wieder einmal als diplomatischen Prügeljungen und entsetzte ihn als Friedenszeichen seines Dienstes als Minister der Kolonieen, indem man unter der Hand verbreitete, er sei der Aufwiegler Sardiniens.
In Wien war man wenigstens klug genug, sich dadurch nicht täuschen zu lassen, und als Lord Cowley am
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16. März von Wien nach Paris zurückkehrte, erfuhr er die russisch-französische Intrigue, und daß das Kabinet von Petersburg unterdeß einen Kongreß der fünf Großmächte über die italienische Frage vorgeschlagen habe. Oesterreich forderte, ehe es auf einen solchen eingehen könne, die Entwaffnung Sardiniens. Graf Cavour eilte nach Paris, und als er am 30. März zurückkehrte, wußte er woran er war, und verlangte die Zulassung Sardiniens zum Kongreß auf gleichem Fuß mit den andern Mächten. Von jetzt ab bis zum wirklichen Ausbruch des Krieges drehten sich, während alle Theile eifrig weiter rüsteten, die diplomatischen Verhandlungen im Kreise um die Frage einer Gesammt-Entwaffnung, zu der natürlich kein Theil Lust hatte.
In Wien sah man die Gefahr des Verzuges und glaubte sich stark genug in Italien, um die Offensive ergreifen zu können. In den süddeutschen Staaten sprach sich jetzt die Stimme offen für Oesterreich aus -, es galt, Preußen wenigstens für eine bedrohende Stellung gegen Frankreich zu gewinnen und damit auch gegen den Osten, das heißt gegen Rußland sich zu decken, das langsam Truppen gegen die ungarische und galizische Gränze vorschob, und Erzherzog Albrecht, der ritterliche Held von Mortara und Novara wurde nach Berlin geschickt, um sein Heil dort zu versuchen.
Aber die Vollmachten, die er hatte, waren leider wiederum ungenügend. Statt Preußen wenigstens für diese Gefahr die unbeschränkte Leitung der Angelegenheiten in Deutschland zu überlassen, und somit im Stande zu sein, seine ganze Kraft auf den Stoß in Italien zu verwenden,
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fürchtete Oesterreich damit seinen Einfluß auf die deutschen Südstaaten aufzugeben und wollte auch hier an der Spitze bleiben, Preußens Kraft blos für Adjutantendienste benutzend. Man empfing daher hier den Erzherzog mit der größten Auszeichnung und gab bei der großen Parade in Potsdam ihm zu Ehren die Parole »Novara«, aber man wich bestimmten Zusicherungen aus, und das Einzige, was mit Sicherheit zugesagt wurde, war, daß Preußen für den Schutz der deutschen Rheingrenze Sorge tragen werde.
Oesterreich wußte aber auch schon aus dieser Zusage Vortheil zu ziehen.
Am 19. April ging von Wien eine Note des Grafen Buol an den Premier Sardiniens ab, in welcher direkt die sofortige Entwaffnung und die Erklärung derselben binnen drei Tagen gefordert wurde, widrigenfalls die österreichische Armee den Ticino überschreiten und in Sardinien einrücken werde.
Die Note blieb in Mailand bis auf weitere Ordre zur Verfügung des Oberstkommandirenden liegen.
Wir bitten den Leser, jetzt genau auf die Daten zu merken, da durch diese sich Vieles erklärt und auch der gegen Oesterreich erhobene Vorwurf, den Krieg begonnen zu haben, entkräftet wird.
Der Kaiser Louis Napoleon hatte schon am 20sten alle Vorbereitungen zum Einrücken der Alpenarmee in Sardinien getroffen. Der Einmarsch sollte theils über den Mont Cenis, auf dem Sardinien 4000 Arbeiter zur Freimachung der Passage vom Schnee aufgestellt hatte, theils zu Schiff über Genua erfolgen. Am 23sten geschah
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die Ernennung der Befehlshaber der französischen Corps. An demselben Tage stellte Preußen am Bundestag den Antrag auf Kriegsbereitschaft der deutschen Bundestruppen.
Die Nachricht von diesem Antrag gelangte unzweifelhaft schon Mittags nach Paris und Wien.
In Paris erfolgte die Ernennung Pelissiers zum Kommandanten eines Observationscorps am Rhein, in Mailand traf gegen 1 Uhr die telegraphische Ordre zur Absendung der Note ein. Ein Extrazug brachte den Ueberbringer nach Turin, um 5\frac12 Uhr wurde das Schreiben dem Grafen Cavour überreicht.
Es liegt sehr nahe, daß Oesterreich damit den Preußischen Antrag in Verbindung erscheinen lassen wollte.


Es war vier Uhr Nachmittag am 26sten - am zweiten Osterfeiertag. Der österreichische Vizepräsident der Statthalterschaft Baron von Kellersberg war im Hôtel Feder abgestiegen. Er war von einem Offizier Gyulai's, dem Rittmeister Baron von Trautmannsdorf, begleitet.
Die Lage der beiden Offiziere während ihrer Mission in Turin war natürlich eine keineswegs angenehme. Aber es galt, die Ehre der österreichischen Armee zu vertreten und deshalb hatte der Feldzeugmeister gerade die Hünengestalt des Kürassiers gewählt, um den diplomatischen Abgesandten zu begleiten.
Die beiden Oesterreicher hatten am 24. und 25. an der Table d'Hôte gespeist, am Nachmittag das Café Le Indie
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und am Abend das Theater besucht, als befänden sie sich vollkommen in Freundesland.
Am Mittag des 26sten hielt sich Baron Kellersberg in seiner Wohnung, der Rittmeister allein erschien an der Table d'Hôte.
Mit dem ersten Blick ließ sich erkennen, daß es auf eine Demonstration abgesehen war.
Eine Menge piemontesische und französische Offiziere, die sich bereits in Turin befanden, hatten sich zur Tafel eingefunden.
Der Rittmeister nahm seinen gewöhnlichen Platz ein, ihm gegenüber blieben zwei Plätze leer. Neben ihm saßen ein Civilist, der Redakteur des »Diritto« und ein französischer Offizier. Die anderen Plätze der Umgebung waren sämmtlich, mit einer Ausnahme, von Militairs eingenommen.
Es war natürlich, daß das Gespräch sich sofort um die Tagesfragen drehte, doch hielten die französischen Offiziere es in jener schicklichen Form, die man dem Feinde, der als Parlamentair Gastfreundschaft genießt, schuldig ist. Dagegen genirte man sich sehr wenig, über die militairischen Dispositionen zu sprechen, man betrachtete den Krieg als eine ausgemachte Sache.
Der französische Offizier, der an der Seite des Rittmeisters Platz genommen, gehörte offenbar der vornehmen Welt. Er trug die Uniform eines Obersten und das Kreuz der Ehrenlegion mit mehreren andern Orden. Einige Narben im Gesicht und das gebrochene Nasenbein vermochten nicht, seine aristokratische Physiognomie zu entstellen.
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Als er den Stuhl nahm, machte er dem Baron eine höfliche Verbeugung. »Herr Kamerad,« sagte er verbindlich, »erlauben Sie mir, mich Ihnen vorzustellen. Ich bin der Oberst Graf Montboisier im Stab des Kaisers, und freue mich, einem Offizier Ihrer tapferen Armee auf dem neutralen Felde einer guten Mahlzeit zu begegnen, ehe wir bei den Gerichten blauer Bohnen uns wiederfinden.«
Der Baron ging sofort gewandt auf den Ton ein.
»Ich hoffe, Herr Graf, daß wir Ihnen ganz nach Ihrem Geschmack serviren werden!«
»Valga me Dios - wir erwarten das nicht anders. Sein Sie versichert, daß wir Ihnen alle Ehre anthun werden, das zeigt die Ernennung der Kommando's.«
»Verzeihen Sie, Herr Graf - die Nachricht ist mir noch unbekannt. Ich weiß seit vorgestern nur, was die Zeitungen berichten!«
»Dann kann ich Ihnen die neuesten Nachrichten geben,« sagte der Graf zuvorkommend. »Marschall Randon hat das Kriegsministerium in Stelle Vaillants übernommen, der mit dem Kaiser einen derben Streit gehabt und zur Ausgleichung zum Chef des Generalstabes ernannt worden ist. Das erste Corps wird der Marschall Graf Baraguay d'Hillier, das zweite mein alter Kommandant Mac Mahon, das dritte Canrobert mit Senneville, das vierte Marschall Niel, der Ingenieur von Sebastopol, und die Garde General Regnaud de St. Jean d'Angely kommandiren. Sie sehen, daß wir es an Höflichkeit nicht fehlen lassen.«
Der Oesterreicher verbeugte sich lächelnd. »Seien Sie
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versichert, Herr Graf, daß wir die Ehre dieser ruhmvollen Namen zu schätzen wissen. Die Helden von Algerien und der Krimm können als Gegner der österreichischen Armee nur zur Ehre gereichen.«
»Der Teufel hole mich!« sagte eine breite Stimme über den Tisch herüber - »es ist wahr, seit Radetzki todt ist, haben Sie ihnen höllisch wenig entgegen zu stellen!«
Der Kürassier schaute auf den Sprecher, der ihm schräg gegenüber saß, der einzige Civilist unter den Uniformen. Es war eine aufgedunsene, unangenehme Figur, mit schlaffen Wangen, lüsternen, brutalen Augen und mongolischer Physiognomie.
»Wenn Sie nach dem Garda-See zurückgehen sollten,« fuhr der Russe fort, »so empfehle ich Ihnen meine Frau mit Gesellschaft zu einiger Berücksichtigung bei der Einquartirung. Sie ist so eigensinnig gewesen, den Aufenthalt in Nizza mit ihrer Villa am See zu vertauschen.«
»Ich habe nicht die Ehre, Ihre Frau Gemahlin zu kennen.«
»Es ist die Fürstin Trubetzkoi und sie wohnt in der Nähe von Toscolano. Chacun a son goût - ich ziehe meine pariser und italienischen Freunde vor.«
Der Baron verbeugte sich steif. »Ich hoffe, mein Herr,« sagte er kalt, »daß wir vorerst keine Gelegenheit haben werden, in die Nähe des Gardasee's zurückzukehren. Sollte mich eine Veranlassung dahin führen, so seien Euer Durchlaucht versichert, daß ich mich dieser zarten Empfehlung erinnern werde.«
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»Nun! Sie müssen wissen, daß die Fürstin eine Oesterreicherin ist, wenigstens eine geborene Ungarin.«
Graf Montboisier unterbrach den brüsken Ton der Unterhaltung. »Die Frau Fürstin ist eine Gräfin Pálffy, ich hatte die Ehre, sie im vorigen Jahre in Paris zu sehen. Aber eine Nachricht, mein Herr, ist der andern werth. Ist es wahr, daß die Preußen nach dem Rhein marschiren?«
Der Rittmeister zuckte die Achseln. »Sie verlangen zu viel von mir, Herr Kamerad. Ich bin kein Politiker, sondern nur ein einfacher Soldat und weiß es wahrhaftig nicht!«
»Cospetto,« sagte der Redakteur an der andern Seite, »ich denke, die Prussiani werden eher mit uns gemeinschaftliche Sache machen. Sie haben alle Ursach dazu.«
Der Oesterreicher antwortete dem kleinen, gallfarbenen Journalisten nur mit einem verächtlichen Blick und setzte seine Unterhaltung mit dem Franzosen fort, während jener mit der Unwissenheit, welche die französische und italienische Presse über deutsche Zustände auszeichnet, mit dem Russen über den Tisch hin den Gegenstand weiter besprach.
Die Unterhaltung wurde gegen Ende der Tafel durch den Eintritt einiger neuer Gäste unterbrochen.
Es waren drei Offiziere verschiedener Uniformen und schienen von den sardinischen Militairs erwartet zu sein, denn sie wurden mit lautem Zuruf begrüßt.
Zwei von ihnen befanden sich, gegen die Gewohnheit
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der Italiener, offenbar in vom Wein ziemlich erregtem Zustand, wie ihre erhitzten Gesichter bewiesen.
Der Dritte trug die Uniform der Garden des Garibaldischen Corps und schien nur zufällig in die Gesellschaft der beiden Anderen gerathen zu sein. Der Graf schien ihn zu kennen, denn er erhob sich und reichte ihm die Hand.
»Kommen Sie hierher, Kapitain Laforgne,« sagte er freundlich. Wir machen Ihnen Platz, um Ihre Gesellschaft zu genießen.«
»Major Laforgne, seit gestern, wenn es Ihnen gefällig ist, Herr Graf,« erwiederte munter der Parteigänger. »Aber es freut mich in der That, endlich ein Mal mit meinen Landsleuten auf derselben Seite zu fechten.«
»Erinnern Sie sich noch, wie der Kaiser Ihnen schon damals bei dem Fest in den Tuilerieen, an dessen Schluß Sie aus Versehen verhaftet wurden, den Eintritt in die Armeee oder Flotte anbot?4
Der neue Major hatte den ihm gebotenen Stuhl angenommen. »Gewiß! wir sind zwar seitdem bei verschiedenen Gelegenheiten keine guten Freunde gewesen,« sagte er mit Bedeutung, »aber ich hoffe jetzt meinen Frieden mit ihm zu machen, seit unsere Patente nicht mehr aus der Machtvollkommenheit der Revolution, sondern von Seiner Majestät dem König Victor Emanuel datiren.«
»Und der General?«
»Er wird in zehn Minuten hier vorüber passiren
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mit den Truppen. Sie sehen aus meiner Uniform, daß ich zu den Guiden gehöre, doch habe ich meinen alten Dienst als sein persönlicher Adjutant behalten.«
»Er kann keine bessere Wahl treffen. Erlauben Sie mir, Sie mit einem unserer achtungswerthen Gegner und jetzigen Gast bekannt zu machen.« Er stellte ihm den österreichischen Offizier vor.
Ein verächtliches Lachen klang von der andern Seite des Tisches herüber. Die beiden mit dem Garibaldien eingetretenen sardinischen Offiziere hatten auf den leeren Plätzen sich niedergelassen und fixirten unverschämt die Gruppe. Einem derselben war gleich beim Eintritt von einem Kellner ein kleines Päckchen in Papier überreicht worden und er hatte es nach einigen leise gewechselten Worten eingesteckt.
Der Baron von Trautmannsdorf hatte ihnen scheinbar bisher keine Aufmerksamkeit zugewendet; als er jetzt den Blick erhob, begegnete er dem boshaft auf ihn gerichteten Auge des Grafen Sforza, an der Seite desselben befand sich der Marchese Ferari.
Der Deutsche wußte jetzt, woran er war. Er faßte den Entschluß, möglichst kaltblütig zu bleiben und die Beleidigungen zu ignoriren. Er wandte sich zu dem Franzosen und Laforgne und setzte mit diesen die Unterhaltung fort.
»Cospetto, Durchlaucht,« sagte Sforza - »Sie sind allzu verschwiegen gegen Ihre Freunde. Man erzählt uns im Barone, daß die russische Flotte Ordre hat, in das mittelländische Meer zu segeln und ein enges Bündniß zwischen Rußland und Frankreich abgeschlossen ist. Wir
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wollen jetzt diese verdammten Tedeschi zwischen zwei Feuer nehmen und ihnen den Weg in ihre elenden Steppen weisen!«
Ein mißbilligender Blick des französischen Obersten traf den Prahler. Um einem Streit vorzubeugen und das beifällige Lachen mehrer der andern Tafelgäste zu maskiren wandte er sich eilig an den Nachbar.
»Obgleich im Dienst des Kaisers, habe ich doch noch viele Freunde unter dem alten Regime. Vielleicht ist Ihnen Herr von Neuillat in Venedig bekannt?«
»Der Kammerherr des Herrn Grafen von Chambord? Gewiß! ein höchst liebenswürdiger Gesellschafter. Ich habe ihn oft gesprochen!«
»Dann würden Sie mich verbinden, Herr Kamerad,« sagte der Graf, »wenn Sie bei Gelegenheit ihm meine Karte zustellen und ihn wissen lassen wollen, daß ich durch einen Zufall in Besitz eines Papiers gekommen bin, das seinen Namen nennt und vielleicht für ihn von Interesse ist.«
»Kann ich Herrn von Neuillat eine nähere Bezeichnung machen?«
»O ja. Es ist ein spanischer Trauschein aus einem Ort Namens Azcoitia; der Henker weiß, wo das Nest liegt! Ich kaufte ihn zufällig gestern hier in Turin mit mehren andern interessanten Autographen aus dem Jesuitenorden von einem buckligen Juden und er ist mir im Gedächtniß, da die Namen darin mir auffielen, eine Donna Ximena Nazena und ein polnischer Fürst, dessen Namen glaub' ich
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auch in Ihrer Armee vorkommt. Herr von Neuillat aber ist als Zeuge genannt.«
»Ich werde mir ein Vergnügen daraus machen, Herr Kamerad, Ihren Gruß zu bestellen, im Fall der Kriegsgott nicht anders über mich bestimmt hat!«
Das Gespräch war bisher theils in französischer, theils in italienischer Sprache geführt worden. Graf Montboisier hatte sich in der Unterhaltung mit dem österreichischen Offizier und Major Laforgne der ersteren bedient, der Graf Sforza seiner Muttersprache.
Obschon er recht gut wußte, daß der Adjutant Gyulai's diese fertig sprach, gab er sich doch den entgegengesetzten Anschein.
Fürst Trubetzkoi that, als hätte er die Erwähnung des russisch-französischen Bündnisses nicht gehört.
Das zustimmende Gelächter seiner Kameraden und der Wein, den er unvermischt in langen Zügen genossen, steigerte sichtlich die Erregung des mailändischen Nobile.
»Kommen Sie Ferari,« sagte er mit einem bezeichnenden Augenblinzeln, - »lassen Sie uns darauf anstoßen, daß wir heute über acht Tage in Mailand im Albergo Reale diniren!«
Eine jubelnde Zustimmung der sardinischen Offiziere folgte dem Toast; die anwesenden französischen Militairs und Major Laforgne jedoch ließen ihre Gläser unberührt. Die Stirn Montboisier's begann sich in Falten zu ziehen - nur der Baron selbst blieb dem Anschein nach vollkommen unbefangen. Der größte Theil der Gesellschaft begann zu glauben, daß er nicht Italienisch verstände.
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Aber man sollte sich sogleich vom Gegentheil überzeugen.
Es mußte eine geheime Ursache sein, welche den Uebermuth des Mailänder Flüchtlings so stark anstachelte und ihn zur Verhöhnung des gefährlichen Todfeindes trieb; denn er wandte sich jetzt direct an diesen, indem er ihn auf unverschämte Weise durch das Lorgnon musterte.
»Per Baccho, ich glaube, eine alte Bekanntschaft von Mailand! Signor von Trautmannsdorf, wenn ich den Namen recht behalten habe?«
Der Rittmeister, so angeredet, sah von seinem Teller empor, auf dem er sich eben mit der Zerlegung einer Bekassine beschäftigte.
Er blickte dem Nobile ruhig in's Gesicht und machte eine kurze kalte Verbeugung.
»Sie sind ja wohl mit dem Baron von Kellersberg in dem sogenannten Ultimatum hier?«
»Ja, Signor Conte!«
»Nun Glück auf den Rückweg! - Aber da Sie direct nach Mailand zurückkehren und wie ich vorhin gesehen, sehr gefällig in der Annahme von kleinen Bestellungen sind, so möchte ich wohl Ihre Güte auch für einen Gruß in Anspruch nehmen.«
»Ich stehe zu Befehl, Signor!«
Eine tiefe Stille war an diesem Theil der Tafel eingetreten, den die Offiziere eingenommen, und übte ihren Einfluß selbst auf das entferntere Ende, wo die andern Gäste des Hôtels saßen.
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Alle fühlten, daß es auf eine Beleidigung abgesehen war und zu einer Scene führen mußte.
»Dann bitte ich Sie um die Gefälligkeit,« fuhr der Nobile höhnisch fort - »in Mailand einer alten Bekanntschaft von mir einen Gruß zu überbringen. Ich werde Sie durch meine Karte legitimiren.«
Er warf die Visitenkarte über den Tisch.
»Der Herr Graf von Sforza,« sagte der Deutsche kalt, »hat noch nicht die Güte gehabt, mir die Adresse zu nennen.«
»O, die ist bekannt. Es ist die kleine Bignatelli, Julia Bignatelli, die Tochter des reichen Seidenhändlers!«
»Signora Julia Bignatelli, Signor Conte, nennt sich seit acht Monaten Baronesse von Trautmannsdorf.«
»Cospetto! Sie haben sie wirklich geheirathet?«
»Ich habe die Ehre, es zu wiederholen, Herr Graf!«
Das Gesicht des Kürassiers war sehr blaß, nur auf den Backenknochen brannten zwei rothe Flecke.
Der Graf lachte höhnisch auf. »Dann lassen Sie sich gratuliren, Signor, Sie haben eine recht lucrative Partie gemacht, und ich glaube, die Signori Tedeschi können das brauchen, ohne nach sonstigen Umständen viel zu fragen!«
Der Graf Montboisier hatte sich zu ihm gewandt.
»Signor,« sagte er in italienischer Sprache: »Ihr Benehmen ist unwürdig! Wenn die sardinischen Offiziere nicht verstehen, die augenblickliche Lage dieses Herrn zu würdigen und ihm Gastfreundschaft angedeihen zu lassen, so sind doch die französischen nicht gewillt, die Ritterpflichten
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ihres Standes mit Füßen zu treten, und ich erkläre Ihnen, daß ich jede fernere Beleidigung, die dem Herrn Kameraden aus Oesterreich angethan wird, als gegen mich gerichtet ansehen werde.«
»Mein Herr,« entgegnete der Graf hitzig, »wir sind hier in unserm eigenen Lande, und wir haben so viel von der deutschen Tyrannei zu ertragen gehabt, daß wir nicht noch französischer Hofmeister bedürfen!«
Ehe der Graf eine Erwiderung der Impertinenz geben konnte, eilte der Wirth des Hôtels herein.
»Signori«, sagte er aufgeregt, »wenn Sie unseren großen Minister Cavour sehen wollen, Se. Excellenza erzeigt meinem Hôtel so eben die Ehre bei ihm vorzufahren!«
Alles sprang auf und eilte an die Fenster, mit Ausnahme der beiden Mailänder, und des französischen Obersten. Auch der russische Fürst war zu bequem, um sich in der behaglichen Fortsetzung seines Diners stören zu lassen, da ohnehin das Gehen und jede Bewegung ihm Beschwerde machte.
Signor Lorini, der Wirth, war bereits wieder aus dem Saal und an die Equipage des sardinischen Premier geeilt, der auf die Nachricht, daß Baron Kellersberg zu Hause sei, so eben den Wagen verließ.
Der österreichische Abgesandte kam dem Premier bereits auf der Treppe entgegen. Baron von Trautmannsdorf, der mit Signor Lorini den Speisesaal verlassen, geleitete den Minister die Treppe hinauf.
»Euer Excellenz,« sagte der Unterstatthalter, »erzeigen
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mir eine große Ehre. Sie hätten nur zu befehlen brauchen, um mich bei sich zu sehen.«
Der Minister reichte ihm lachend die Hand. »Ei, Herr Baron, es war meine Pflicht, Ihnen selbst die Antwort zu bringen, um so mehr, da ich ich Ihnen mein Bedauern dabei auszudrücken hatte. Sie sehen - Punkt 5\frac12 Uhr - daß ich pünktlich bin!«
Er hatte die Worte wahrscheinlich absichtlich so laut gesagt, daß die Tafelgäste, welche an der Flurthür des Saales standen, sie hören mußten. Der Baron und sein Besucher traten in die Gemächer, an deren Thür der Rittmeister von Trautmannsdorf zurückblieb.
Die Aufregung an der Tafel, zu der man jetzt zurückkehrte, war natürlich groß. Die Worte »Ultimatum« und »Sommation« waren auf Aller Lippen und die eben von dem Premier überbrachte Antwort natürlich kein Geheimniß. Man debattirte daher nur die Frage, wann und auf welchem Punkt die Feindseligkeiten beginnen würden.
Da die Ankunft des Grafen Cavour gegen das Ende der Tafel erfolgt war, so waren viele der Gäste nicht wieder zu derselben zurückgekehrt und standen in Gruppen plaudernd umher. Die beiden Mailänder Nobili hatten sich eben gleichfalls erhoben und wollten zu ihren Freunden treten, als Graf Montboisier ihnen folgte.
»Signor,« sagte er, leicht den Arm Sforza's berührend, »Sie würden mich mit einer Erläuterung Ihrer letzten Aeußerung verpflichten.«
Der Marchese Ferari wollte eilfertig eine Entschuldigung
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dazwischen schieben, aber sein Freund selbst, offenbar vom Champagner erhitzt, vereitelte es.
»Ich denke, Signor,« sagte er höhnisch, »das Wort eines Sforza ist genügend klar, und da dieser deutsche Lümmel Verstand genug hatte, seine Bedeutung zu verstehen, wird sie wohl dem Witz eines Franzosen nicht entgangen sein.«
Der Obrist verbeugte sich kalt. »Darf ich fragen, wann und wo Graf Sforza zu treffen ist?«
»Wer mich sucht,« sagte der Nobile hochmüthig, »wird mich bis zum Abend im Café Indie finden. Kommen Sie, Ferari. Unsere Freunde in Mailand werden herzlich lachen, wenn wir ihnen erzählen werden, wie der deutsche Prahler sich ohne Abschied empfohlen hat!«
»Es wäre dies unverantwortlich gewesen,« sagte eine ernste Stimme hinter dem Nobile, »und ich komme, um dies Versehen gut zu machen!«
Der Mailänder erblaßte leicht bei diesen Worten, denn als er sich umwandte, stand hinter ihm der Rittmeister von Trautmannsdorf.
»Die Herren werden entschuldigen,« fuhr er fort, »aber meine Zeit ist sehr kurz. Wie Sie wohl bereits wissen, hat der Herr Graf von Cavour so eben das Ultimatum des Kaisers abgelehnt und einen Extrazug der Eisenbahn zur Verfügung des Ueberbringers gestellt. Unser Geschäft ist demnach abgethan und ich habe gerade noch fünfzehn Minuten für meine Privatangelegenheiten. Darf ich Sie bitten, Signori, einen Augenblick in das Nebenzimmer mit mir zu treten? - Meine Herren,« er hatte sich an den
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Obersten und Laforgne gewendet »ich bitte Sie, von der Partie zu sein; der Herr Graf Sforza wird gewiß leicht noch einen zweiten Zeugen unserer kurzen Unterredung finden!«
Die Miene des Offiziers war so kalt und fest, daß die Aufgeforderten kein Wort dagegen sagten, sondern der Oberst sofort der Bitte entsprach.
François Laforgne folgte ihm.
Der Mailänder schaute sich etwas verwirrt um - der Fürst Trubetzkoi stand ihm zunächst und hatte offenbar die kurze Scene mit angehört, die bei den meisten andern Anwesenden in der herrschenden Aufregung keine weitere Beachtung gefunden.
»Ich stehe sehr gern zu Diensten, Herr Graf!« sagte der Russe. Der Nobile lud ihn mit einer Handbewegung ein. Während er mit seinem Freunde dem voran humpelnden Fürsten folgte, flüsterte er ihm einige Worte zu.
Der Marchese machte eine wegwerfende Bewegung. »Ohne Sorge, Francesco - es ist in meiner Tasche, Du sahst, wie der Bursche es mir gab, ehe ich Dir gestattete, loszulegen!«
Die sechs Personen waren jetzt in einem kleinen, sonst leeren Salon versammelt, dessen Fenster nach der Straße gingen. Eine besondere Ausgangsthür führte nach dem Korridor.
Der Rittmeister zog die Klingel. »Sorgen Sie, daß wir fünf Minuten hier ungestört bleiben,« sagte er, »und melden Sie mir, wenn der Wagen vorgefahren ist!«
Der Garçon verschwand diensteifrig.
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»Jetzt, meine Herren, erbitte ich einige Augenblicke für das, was ich Signor Sforza zu sagen habe, Ihre Aufmerksamkeit.«
Graf Montboisier that einen Schritt gegen ihn. »Vergebung, Herr Kamerad,« sagte er bestimmt - »aber Sie sind in Turin ein Gast der alliirten Armee, und ich habe es bereits übernommen, Ihren Beleidiger zu züchtigen.«
Der Deutsche verbeugte sich höflich. »Herr Oberst, ich konnte nichts Anderes von der Ehrenhaftigkeit eines französischen Soldaten erwarten, und hoffe, Ihnen auf dem Schlachtfeld danken zu können. Aber Sie irren, wenn Sie glauben, daß ich beabsichtige, den Herrn Grafen Sforza zu fordern. Sie haben selbst aus seinem Munde gehört, daß Signora Bignatelli, meine Gattin, aus einer Kaufmanns-Familie stammt, und es ist einfach ein Handelsgeschäft, das ich mit ihm habe.«
Der Kammerherr des Kaisers der Franzosen, sah ihn erstaunt an, er vermochte die Worte mit dem furchtbaren Ernst, der auf der Stirn des deutschen Offiziers lag, nicht recht in Einklang zu bringen.
»Signori,« fuhr der Baron fort, »Sie werden es billig finden, daß zwischen uns und Ihnen vor dem Begegnen auf dem Schlachtfeld die Wechselschulden ausgeglichen werden?«
Der Mailänder lachte spöttisch auf, obschon er auffallend blaß war. Fürst Trubetzkoi zuckte die Achseln. Shorte wos mi!« sagte er verächtlich - »dieser Herr scheint zu glauben, daß wir ein Handelsgericht sind!«
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»Ich verstehe Sie in der That nicht, Herr Kamerad!« bemerkte der Oberst.
Der Rittmeister öffnete langsam die Uniform und zog von der Brust eine kleine Brieftafel, die er an einer Kette um den Hals trug.
»Der Herr Graf von Sforza,« sagte er ruhig, die Brieftafel öffnend, »hat vor seiner Abreise von Mailand die Güte gehabt, mir einen Wechsel auf Sicht auszustellen, und ich erlaube mir, in Ihrer Gegenwart Signori, ihm denselben als Antwort auf den Gruß an die Baronin Julia von Trautmannsdorf zu präsentiren.«
»Demonio!« knirschte der Mailänder - »er lügt - das Portefeuille ...«
»Das Portefeuille,« fuhr der Offizier mit furchtbarem Ernst fort, »das vor zwei Stunden ein Kellner des Hôtels aus meinem Zimmer stehlen mußte, enthielt den Wechsel nicht, sondern gleichgültige Schriften. Ich habe das interessante Papier besser bewahrt und frage Sie jetzt, Graf Franz von Sforza« - er hatte die verhängnißvolle Schrift aus der Brieftafel genommen, und hielt sie empor - »ob Sie Ihre Handschrift einlösen wollen, oder ob ich diese Herren in Kenntniß setzen soll, in wessen Tasche sich in diesem Augenblick das mir gestohlene Portefeuille befindet!?«
Der Unglückliche starrte mit gesträubtem Haar wild umher - ein kalter Schweiß stand auf seiner Stirn. »Ich - ich - bin nicht vorbereitet - -«
Ferari faltete unwillkürlich die Hände. »Signor, Sie werden nicht so grausam sein - es wäre nicht ehrenwerth - -[«]
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»Marchese Ferari,« sagte der Offizier mit finsterm Blick, »ich habe ein scharfes Auge. Sie werden gut thun, noch heute Ihren Abschied aus der Armee Seiner Majestät des König Victor Emanuels zu nehmen. Ich hege als Soldat zuviel Achtung vor unserm Stand, um nicht zu wünschen, daß wenn wir uns auf dem Schlachtfeld begegnen, Männer von Ehre in der Reihe unserer Gegner wenigstens nicht neben Dieben und Meuchelmördern stehen, und deshalb Signor Sforza frage ich Sie zum letzten Mal - werden Sie Ihren Wechsel einlösen, oder nicht?«
Der Sprößling des blutigen Herzogsgeschlechts wankte nach der Thür; die furchtbare Katastrophe hatte längst die Geister des Weins verscheucht, dennoch taumelte er wie ein Trunkener. Ferari wollte ihm nach, aber eine strenge Bewegung des Deutschen bannte ihn an seinen Platz.
»Signor Sforza,« sagte der Baron, »ich lege Ihren Wechsel in die Hand dieser Herrn. Sie haben zehn Minuten Zeit zu seiner Einlösung! Der Wagen wartet auf mich, ich werde Ihre Freunde in Mailand grüßen!«
Der unglückliche Spieler hatte die Korridorthür erreicht - er taumelte hinaus, ohne sie zu schließen.
Der Garçon von vorhin trat ein. »Wenn es gefällig ist, Signor - der Herr Baron von Kellersberg lassen bitten!«
Der Oesterreicher gab das Couvert mit dem verhängnißvollen Papier dem Major Laforgne.
»Sie sind der Jüngste von uns, Herr Kamerad,« sagte er ernst - »ich lege dies Papier in Ihre Hand und bitte Sie, es zu öffnen, wenn der Herr, der uns eben
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verlassen, es in zehn Minuten nicht eingelöst hat. Signor Marchese, Sie werden wohl die Güte haben, mir mein Eigenthum nach Mailand zu senden! - Nehmen Sie meinen Dank, meine Herren für die Freundlichkeit, die Sie mir erwiesen - auf dem Schlachtfeld sehen wir uns wieder!«
Er verließ höflich grüßend das Zimmer; die drei Zeugen des Auftritts sahen sich erstaunt an - sie begriffen, daß derselbe eine furchtbare Bedeutung haben müsse, ohne doch zu wissen, welche.
Der Marchese Ferari war in einen Sessel gesunken und rang bleich und zitternd die Hände.
Man hörte das Rollen eines Wagens und gleich darauf von der entgegengesetzten Seite nahende Hornmusik.
»Zum Henker,« sagte der Fürst ärgerlich - »ich muß gestehen, das war ein komisches Ultimatum und ich bin neugieriger auf die Antwort, als ich auf die des Herrn Cavour war. - Fünf Minuten sind bereits vergangen, - nun, wir werden ja sehen! - Unterdeß, was ist das für Hörnerklang?«
»Es sind die Alpenjäger Garibaldi's - sehen Sie, Herr Kamerad - der General selbst führt sie!«
Laforgne zog den Obersten nach dem Balkonfenster, an dem bereits der russische Fürst stand.
Eine Kolonne des Freikorps, das am Tage vorher von Cuneo eingerückt war, um nach dem Norden, den Ufern des Lago Maggiore in Eilmärschen zu gehen, kam die Straße herauf.
»Sehen Sie Signor Colonello,« sagte eifrig der junge
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Offizier - »es ist das Regiment Medici mit seinem tapfern Obersten und an der Spitze der General selbst mit der ersten Abtheilung der Guiden.«
»Ich habe ihn seit Rom nicht wiedergesehen,« meinte lachend der Graf, »als er in Pietro San Montorio den Befehl gab, mich zu erschießen, eine Gefälligkeit, die ihm zu meiner Freude erspart wurde. Valga me Dios! wer hätte damals gedacht, daß wir noch einmal auf einer Seite fechten würden!«
Die Spitze der Kolonne kam die Strado del Po herauf; hinter der kleinen Abtheilung der Hornisten - denn der General verachtete allen unnützen militärischen Pomp - er selbst mit dem Stab, dann die Abtheilung der Guiden, etwa hundert Mann zu Pferde, in ihren rothen Hemden und weißen Mänteln, die Lanze am Arm, jeder Mann zwei Revolvers im Gürtel, Bursche, leicht und gewandt, und zu jeder Tollkühnheit bereit.
Der General, in möglichst einfacher Uniform, die er seiner Ernennung durch den König zu Liebe tragen mußte, ritt ein schönes englisches Pferd, das letzte Geschenk seines Freundes, des Marquis von Heresford.
Obschon die Jahre und die Schmerzen der Erinnerung nicht spurlos an ihm vorüber gegangen waren, und er lange selbst schwer um die gewöhnliche Existenz gekämpft hatte, weil der Schatz Aniella's ihm ein heiliges Vermächtniß dünkte, das allein der Befreiung Italiens gehörte, in dessen Erde sie ihr Grab gefunden, - so saß er doch noch mit fast jugendlicher Kraft zu Pferde, und der Gedanke, den Urfeinden Italiens, den verhaßten Tedeschi
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entgegen zu gehen, glättete die Furchen auf seiner Stirn, so daß er mit seiner Umgebung heiter scherzte.
»Wer ist der Offizier da zur Linken des Generals?« frug der Franzose.
»Oberst Carrano, der Chef des Stabes. Dort sind Cosenza und Ardoino - wahrhaftig auch Galetti, dieser Teufel! - da hinten reitet Sacchi, unser alter Kamerad vom La Plata - der junge Offizier dort, der den Schimmel tummelt, ist der älteste Sohn des Generals, er soll die Feuertaufe erhalten. - Was wünschen Sie, Signor Principe?«
Der russische Fürst hatte mit krampfhafter Heftigkeit den Arm des Offiziers gefaßt, während die andere Hand, in der er die Uhr hielt, nach dem Zuge deutete.
»Der Mann dort - der im weißen Mantel - wer ist er?«
Die fahle Farbe seines Gesichts war fast zu Aschgrau geworden.
»Der auf dem Braunen hinter dem General? Es ist Major Foresti, der Kommandant der Guiden. Kennen Sie ihn?«
»Nein - der auf dem Rappen, der Große, zur Rechten Garibaldi's - mit dem Kalpak -?«
Die Stimme des Fürsten war heiser, kaum verständlich.
»Ah Caramba! - das ist ein neuer Adjutant des Generals und ein berühmter Name ohnehin. Hätte ihn Schamyl noch in den Thälern des Elbrus gehabt, Ihre Landsleute Durchlaucht, hätten schwerlich sein Felsennest
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Wheden erstürmt! Sie müssen seinen Namen kennen aus der Geschichte der Kämpfe im Kaukasus. Es ist Sefer Bey - ein Ungar von Geburt, Graf Batthyànyi[Batthyányi]!«
Der Russe stieß einen abscheulichen Fluch aus, aber der Oberst und Laforgne hatten keine Zeit, darauf zu achten, denn in dem Hôtel erhob sich ein ungewöhnlicher Lärmen, die Kellner liefen rufend und verwirrt durch einander und Signor Luigi, der Wirth, stürzte in das Zimmer.
»Um aller Heiligen willen, Signori - kommen Sie, helfen Sie - es ist ein Unglück geschehen oder ein Selbstmord, - ich weiß es nicht - -«
»Was? wer?«
»Der Herr Graf von Sforza hat sich im Bosket des Gartens erschossen!«
Der Oberst that erschrocken einen Schritt vor. »Das Papier, Herr Kamerad, das Papier!« sagte er französisch.
Der Adjutant Garibaldi's hatte mit einer hastigen Bewegung das Couvert aufgerissen, - ein Blick auf den Inhalt genügte ihm. Er reichte ihn dem Franzosen.
»Lesen Sie!«
Es war ein richtiges Wechselformular. Der Inhalt lautete:

           Mailand, den 12, Januar 1858.
    »Zehn Minuten nach Sicht« zahle ich für diesen Wechsel an die Ordre »des Vorzeigers« die Summe von »meinem Leben mit eigener Hand;« den Werth »verpflichtet auf Ehrenwort.«
Die Querschrift lautete:

    Angenommen
           Francesco Conte Sforza.
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Der Namen »Heinrich Freiherr von Trautmannsdorf« war durchstrichen.
»Diese Herren, sagte der Graf, während Signor Luigi bereits weiter geeilt war, um einen Arzt zu suchen, »werden uns wohl Aufklärung geben können!«
Er sah sich vergeblich um - weder der russische Fürst noch der Marchese Ferari waren mehr im Zimmer!
In der Ferne verhallten die Hörner der Alpenjäger! -

2) Das Kloster in den Alpen.

Am 27sten war der Baron von Kellersperg mit der Antwort auf die Sommation in Mailand wieder angekommen.
Jedermann erwartete, daß nach dem Vorhergegangenen und bei der mit jeder Stunde Zeitverlust gefährdeteren Lage noch an demselben Tage der Uebergang der österreichischen Truppen über den Ticino und ihr Einmarsch in das sardinische Gebiet erfolgen würde.
Aber er unterblieb.
Erst am 29sten, also zwei Tage nachher, erhielt der Feldzeugmeister Graf Gyulai, der Oberstkommandirende der Armee in Italien, um Mittag die telegraphische Ordre von Wien, die Androhung des Ultimatums zu vollstrecken. Er rauchte eben bei Tisch gemüthlich seine Pfeife im Kreise seiner Offiziere. Als er damit fertig war, klopfte
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er die Asche aus und gab den Befehl, daß die Truppen um 4 Uhr den Uebergang beginnen sollten.
Wir werden sofort auf die Thatsachen zurückkommen.
Wir wissen nicht, ob unsere Leser in dem vegetirenden Dasein des Lebens jenes Intermezzo voll Poesie und Entzücken genossen haben, welches der Ausflug nach den Borromäischen Inseln auf dem Lago Maggiore gewährt.
Wer jenen Traum nicht erlebt, der schwärme ihn wenigstens mit unserm so gedankenreichen Dichter voll Poesie und Träumerei, mit Jean Paul in seinem »Titan.«
An seinem nördlichen Ausgang, wo er den Ticino von dem Flußbett des kleinen Bernardin aufnimmt, einem der Pässe der Schweiz nach Italien, gehört der See vermöge des Canton Tessin, der sich hier weit zwischen den sardinischen und österreichischen Gränzen hineinstreckt, der Schweiz.
Die Straße nach dem Süden führt von Bellinzona über den Monte Cenere, die letzte mächtige Alpenhöhe vor den Ebenen der Lombardei. -
Es war der Abend des 12. Mai, an dem wir unsere Darstellung wieder aufnehmen.
In einer der Schluchten, die von dem gewaltigen Bergabhang nach dem See in der Richtung von Ranzo und Pino, der Schweizer Gränze zu laufen, brannte unter einem überhängenden Felsen ein lustiges Feuer, an dem auf zwei improvisirten Gabeln das Viertel eines Schaafes schmorte.
Die Gesellschaft um den improvisirten Braten war eine eigenthümliche.
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In der Mitte, vor dem Feuer oder vielmehr vor dem Braten und diesen sorgfältig und mit lüsternen Augen beobachtend, saß ein Mann von kolossaler Schulterbreite. Der dicke Kopf auf einem kurzen Stierhals war von einer sehr vernachlässigten Tonsur bedeckt, und die ganze gedrungene breite, aber sonst sehr abgemagerte Gestalt in die schmählich reducirte, hin und wieder mit einem bunten Lappen geflickte Kutte eines Bettelordens gehüllt.
Die großmäulige unverschämte Unterhaltung, die er ziemlich allein führte, war an einen seiner ebenso merkwürdigen Genossen gerichtet.
Die Zahl derselben belief sich auf vier - oder vielmehr auf fünf, wenn wir einen steifen englischen Diener mit wohlgepudertem Toupé dazu rechnen, der in einiger Entfernung mit jener beliebten Beschäftigung aller wohlerzogenen Bedienten, dem Maulaffen feilhaben, hinter seinem Herrn saß.
Dieser, sein Herr, war nichts mehr und nichts weniger, als unser alter Bekannter aus dem Urwald des Diamantendistrikts, dem Blutbad des 2. Dezember, und der Oede der Sahara, Kapitain Peard.
Der würdige Jäger auf Menschenfleisch, um den Todeskampf seines alten Gönners, des Viscount von Heresford betrogen, hatte die Nachricht von dem Ausbruch des Krieges benutzt, um sich alsbald den Freicorps anzuschließen, bei deren Treiben er mehr Amüsement zu finden erwarten durfte, als bei der Ordnung einer festen militärischen Truppe.
Ueberdies war der Empfang, den er im sardinischen
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Hauptquartier gefunden hatte, in Folge einiger Bemerkungen der französischen Offiziere ein keineswegs sehr aufmunternder.
Er hätte wahrscheinlich das Gewissen der weit über die Gränze der beiderseitigen Vorposten hinausschweifenden Marodeurs in arge Versuchung gebracht, wenn er nicht gescheut genug gewesen wäre, außer seinem, zu dem Laden der Gewehre von ihm angelernten Diener nur jenes Gepäck bei sich zu führen, was allein für die Bequemlichkeit seiner Person und für seine Zwecke berechnet war. Ueberdies hatte er nach seiner Gewohnheit einen Contract mit der Gesellschaft geschlossen, der ihr größere Vortheile aus einer ehrlichen Behandlung sicherte, als wenn sie ihn geplündert hätte, was anfangs von ihr versucht worden war und bei welcher Gelegenheit er eben ihre interessante Bekanntschaft gemacht hatte.
Neben dem Exkapitain lag ein großer struppiger Kerl mit einem zerlumpten slowakischen Mantel bekleidet, und wärmte seine nackten Füße am Feuer. Um einen derselben war ein eiserner Ring geschmiedet, der das sehr verdächtige Ansehen hatte, als habe er früher zu einer Sträflingskette gehört und noch nicht entfernt werden können, denn an der Oese desselben hing noch das halb gebrochene Glied einer solchen. Der Kopf des Mannes war kahl geschoren, wie es in den Strafanstalten geschieht, und sein Gesicht hatte einen so finstern, unheimlichen Ausdruck, daß er selbst in besserer Kleidung bei einer einsamen Begegnung jeden ehrlichen Bürger hätte fürchten machen. Ein Knüppel, oder vielmehr eine Art Keule lag neben ihm und er
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brütete mürrisch vor sich hin, ohne sich in die Unterhaltung der Anderen zu mischen. Diese wurde in einem sehr schlechten Italienisch, untermischt mit französischen, spanischen und deutschen Ausdrücken, letztere in dem breiten schwäbischen Dialekt, hauptsächlich von seinem Kameraden geführt, der zwar keinen geschornen Kopf hatte, weil dies bei seinem Haarmangel nicht möglich gewesen wäre, aber sonst in dem verdächtigen Aussehen ihm merkwürdig ähnlich schien. Es war ein alter Kerl mit spitzbübisch pfiffigem, von zahlreichen Falten, durchzogenem Gesicht, auf dem ein langes Leben voll Vergehungen und Leiden seine Spuren eingegraben hatte. Bei alledem lag aber in seiner Physiognomie eine gewisse Bonhommie und Gutmüthigkeit.
Die letzte Figur im Kreise war gleichfalls ein alter Bekannter des Lesers - denn er hat in den vorher beschriebenen außer dem versoffenen irländischen Mönch vielleicht schon die beiden Sträflinge erfannt, die für den Einbruch bei dem Wechsler Mortara vor zwei Jahren auf Lebenslang in's Zuchthaus gewandert waren -, das letzte Mitglied der interessanten Gesellschaft also war der bucklige Jude Abraham, der ehemalige Diener des Juweliers und spätere Kundschafter des Jesuiten-Rektors.
Dies Handwerk war übrigens so sehr seinem Sinne und seinen Liebhabereien ensprechend, daß er es nicht aufgegeben, auch nachdem er im Laufe des letzten Jahres aus Furcht theils vor dem finstern Fanatismus des Prälaten, theils vor der Gewalt, die dieser durch Kenntniß seiner Vergangenheit über ihn besaß, die Gelegenheit der politischen Wirren und der durch sie verursachten Aufregung benutzt hatte, um sich
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der Herrschaft des Jesuiten zu entziehen und jenseits der sardinischen Gränze einen neuen Schauplatz seiner Thätigkeit zu suchen. Schon seit Beginn der Truppenbewegungen war er einer der besten Kundschafter der alliirten Armee und diente namentlich jetzt auf dem nördlichen Terrain des begonnenen Krieges dem Hauptquartier des General Garibaldi und dem Corps des Marschall Canrobert als Spion.
Wir haben bereits aus einer kurzen Erwähnung des dem Stabe des Kaisers vorangegangenen Kammerherrn desselben, des Obersten Grafen Montboisier an der Tafel des »Hôtel Feder« gehört, daß der Bucklige nicht mit leeren Händen seinen geistlichen Gebieter verlassen, sondern eine Chatoulle mitgehen geheißen hatte, in der sich auch verschiedene Papiere befanden. Da sie aber meist sich auf die Thätigkeit des Jesuiten in einer früheren Periode seines Lebens und in weit entfernten Ländern bezogen, zum Theil auch in ihm unverständlichen Sprachen, hatte er sie entweder vernichtet, oder bei zufälligen Gelegenheiten an Büchertrödler und Handschriftensammler verkauft, wie sich deren in den größern Städten Italiens in Speculation auf die Fremden genug finden.
Bei einer solchen Gelegenheit, das heißt bei dem Besuch eines solchen Ladens war es, daß der Bucklige dem französischen Obersten einige Reste seines Diebstahls und darunter das Dokument anbot, das der damalige Pater Antonio über die von ihm verrichtete Trauung des unglücklichen deutschen Fürsten von dem Pfarrer von Azcoitia nach
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dem Verschwinden oder vielmehr nach der Entführung der Moriska hatte aufnehmen lassen.
Die beiden Zuchthaussträflinge waren einfach bei einer der Schanzarbeiten zur Verstärkung der Festungswerke von Verona entsprungen und hatten sich in die Gebirge an der Schweizer Gränze geflüchtet, wo sie sich mit Mehreren ihres Gelichters als Marodeure zwischen den beiden Armeen umhertrieben, die mit den Rechten der Neutralität versehenen Gränzen des Canton Tessin zu ihrem Schutz benutzend. Bei diesem Treiben hatte sich ihnen der Mönch zugesellt, der schon seit mehreren Jahren von Rom verwiesen und in eines der armen Klöster seines Ordens im obern Tessin geschickt worden, von wo er sich zur großen Befriedigung des Superiors und seiner Confratres die Freiheit nahm, auf seinen Bettelzügen weit hinein in's Land zu streifen und oft Wochen lang auszubleiben. Bei der Gelegenheit, die der Krieg zu allerlei Raub und Plünderungszügen bot, hatte der lüderliche Frater keinen Anstand genommen, sich dem Gesindel anzuschließen, wie es bald als Spione, bald als Wegelagerer der Krieg namentlich in solchen Gegenden voll Schlupfwinkel und Verstecke immer erzeugt. Wir haben bereits erwähnt, daß Kapitain Peard die beiden Sträflinge mit ein Paar anderen Marodeurs in eine Art Sold genommen hatte, um die Rolle bei ihm zu spielen, die einst Felsenherz in den Urwäldern des Uruguay gehabt, und wobei sie für jeden österreichischen Posten, den er Gelegenheit haben würde, aus sichern Hinterhalt zu erschießen, eine ansehnliche Belohnung erhalten sollten, ein Handel, der ihnen vortheilhafter gedünkt hatte, als die Ausplünderung seiner
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Person. Den Kapitain amüsirte die Originalität des Bettelmönchs, den er aus den früheren Erzählungen seines ermordeten Freundes, Lord Heresfords, ohnehin kannte.
Mit dieser Gesellschaft war der Spion an der sardinischen Seite des Lago Maggiore zusammen getroffen und hatte sie bewogen, ihn nach den Schluchten des Monte Genere zu begleiten, um so eine Art Unterstützung und Hinterhalt für gewisse Aufträge zu haben, die ihm geworden. Trotz seiner untergeordneten Stellung übte er daher großen Einfluß auf die Banditen aus und leitete eigentlich ihr Verhalten.
Fra Pan, seit wir ihn bei der Warnung des Kardinals am Tage des Auszugs Garibaldi's durch die Porta Laterana aus den Augen verloren, schien ziemlich schlechte Tage gehabt zu haben, denn die aufgedunsene Haut seiner Backen hing in ein Paar leeren Säcken herab und der wohlgemästete runde Bauch war verschwunden. Die armselige Kost des wallisischen Gebirgslandes schien ihm wenig zu behagen, wie seine lästerlichen Reden bald ergaben.
»Ich bitte Dich, Du beschnittener Nachkomme der ungläubigen Hunde, die unsern Herrn und Heiland an's Kreuz genagelt,« murrte er, »lasse diesen gottgesegneten Braten nicht verbrennen mit Deinem Geschwätz, sondern habe etwas mehr Achtung für einen geistlichen Magen, der seit vierundzwanzig Stunden Nichts zu sich genommen, als ein Stückchen harten Käse und sein Brevier. Ich will Dir etwas sagen, Du krummer Schuft, wenn Du mir wieder meine Portion in den Sand fallen läßt, wie gestern, will ich tausend Jahre im Fegefeuer schmoren, wenn ich
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Dich nicht so durchwalke, daß Dein Rücken gerade wird wie eine vierpfündige Wachskerze auf dem Altar der lieben Madonna von Lugano!«
»Haltet Euer Maul,« sagte der Jude giftig »und macht nicht einen solchen Lärmen, Ihr alter Weinschlauch!« Der Bettelmönch verdrehte seine kleinen Augen mit kläglicher Miene und faltete die gewaltigen Fäuste über dem eingefallenen Bauch, während er doch zu faul war, um das Geschäft des Bratenwendens selbst zu versehen.
»Misericordia! misericordia mea!« jammerte er weinerlich - »wie kannst Du mich einen Weinschlauch nennen, Akuschla, mein Liebling, der ich doch seit Jahren Nichts mehr zu mir nehme, als die Milch dieser geizigen Bergbewohner und ihren sauren Bergwein, der mir die Eingeweide zusammen zieht, wie Rattengift, mir, einem Manne, der ein Licht der Kirche war in dem gesegneten Rom und niemals etwas Anderes getrunken hat, als das kühle Gewächs von Orvieto oder den edlen Montefiascone zu fetten Wachteln und Stussato alla casareccia mit Selleri und Mentuccio5 Eheu! der Herr hat meine Sünden schwer heimgesucht, der ich doch meine Lenden mit dem Schwerte Petri gegürtet hatte, um den elenden Rebellen Garibaldi zu schlagen!«
»Uas sagt der Pfaff?« frug der Kapitain.
»Der Kerl ist verrückt, Signor Capitano,« bemerkte lachend der kleine Spion. »Er schimpft wie ein Sperling, auf den edlen Generale Garibaldi, während er doch die
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dreifarbige Kokarde an seiner Kapuze trägt und zur Armee Sr. Majestät des König Victor Emanuel gehören will!«
»Er huat Durst!« sagte der kleine Kapitain. »Man muß ihm gueben zu trinken!«
»Gott segne Sie, Mylord,« rief der Mönch, »und der heilige Antonius von Padua soll Ihnen das schönste Weib dafür in's Bett legen, ohne daß es sich in ein Teufelskind mit Fischschwanz verwandelt, wie ihm selber passirt ist. Wenn Sie einen Tropfen Rum oder gar den gesegneten Thau des grünen Irlands für Ihren Landsmann bei der Hand hätten, wollt' ich Ihnen ein Lied singen oder eine Geschichte erzählen von einem hübschen Kinde von Nonne auf dem Aquilin, und einem kleinen Halunken von Pastetenbäcker, daß Sie sich den Bauch halten sollen vor Lachen!«
»John!«
»Sir!«
»Du sollst geben dem Vicar mit die zerrissene Rock uaine Flasche von meinem Rum!« -
»Signor Capitano,« sagte vorbeugend Abraham, »es geht wahrhaftig nicht, daß dieser Säufer wieder betrunken ist. Er zieht uns mit seinem Lärmen irgend eine Ronde der Vorposten auf den Hals!«
»Ich wollen haben auch mein Vergnügen,« beharrte der würdige Sohn Albions, seine Cigarre abstoßend. »Sie huaben mich heute verhindert, zu schießen auf die Schildwach mit dem weißen Rock, obschon er gewesen ist vor meiner Buchs, ich wuoleen mich jetzt amüsiren wenigstens mit die dicken Pfaff.«
»Sir - ich durfte es unmöglich zugeben, um die
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verdammten Tedeschi nicht auf uns aufmerksam zu machen und wichtigere Leute als wir sind, damit zu gefährden. Morgen mögen Sie meinetwegen so viele Oesterreicher todt schießen, als Sie wollen und können.«
»Uah! - aber ich langweilen mir bis dahin. Sie erwarten einen Besuch, kleiner Abramo?«
»Ja, Signor. Es ist merkwürdig, daß unsere Wachen noch immer nicht hören lassen das Signal!«
In diesem Augenblick vernahm man das entfernte Balzen eines Auerhahns in der Richtung nach den Bergen zu.
»Gott soll mich strafen, wenn der Wolf nicht da ist, wenn man redet von ihm,« sagte hastig der Spion, »Szabó, mein Freund, Du sollst aufstehn und gehn nach dem Weg, wo der Andrea ist aufgestellt als Schildwach und führen den Fremden hierher, wenn er ist der rechte und hat das rechte Wort.«
Der ehemalige Wolfsjäger erhob sich mürrisch und verdrossen, wie er bisher am Feuer gelegen, nahm seine Keule und schritt zwischen die Felsen hinein, in deren Dunkel er sich alsbald verlor.
»Signor Inglese,« sagte demüthig der Jude, »Sie wissen, daß wir sind arme Leute und müssen machen manch kleines Geschäft, um zu verdienen unser Brod. Wir bekümmern uns doch nicht um Ihre Angelegenheiten, Sie werden daher wohlthun, Sich auch nicht zu bekümmern um die unsern, und wenn Sie kennen sollten einen von den Männern, die kommen hierher, werden Sie doch thun, als hätten Sie ihn nicht erkannt!«
»Uah! das geht mich Nichts an! - John!«
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»Sir!«
»Setz den Kessel zum Feuer - ich wollen haben meinen Thee!«
Der lange Bediente holte aus einem Mantelsack einen Blecheinsatz und begab sich daran, für seinen Herrn den Thee zu machen.
»Sollen Sie doch capores gehe, der Inglis und der Pfaff, wenn sie uns kommen in den Weg,« zischelte der Bucklige dem alten Diebe zu. »Es ist schlimm, daß Ihr sie geladen habt Euch auf den Hals und kann uns bringen viel Unglück.«
»Was isch da zu thun, die Sach isch halt nit zu ändern, der Englische bezahlt uns gut und dem Pfaff sollst Du halt nix thun, Abraham, denn er isch doch immer a heil'ger Moa, wenn er auch isch zuweilen betrunken wie a Vieh. Sie haben sich doch einmal mit ihm eingelassen, eh wir Dich getroffen haben drüben am See.«
»Aber ich sage Dir, Ihr sollt weit mehr verdienen, wenn Ihr Euch machen wollt los von dem Gojim und folgen meinem Rath!«
»Wir haben ä schlecht Geschäft gemacht dabei, Buckliger. Statt der Diamanten und dem Geld, das Du uns versprochen haschst damals in Mantua, sind wir gekommen in's Zuchthaus und Du bist gegangen frei aus!«
»Kann ich dafür, daß zwei so starke Kerls wie Ihr, Euch habt fangen lassen von den Soldaten? Hab ich nicht genug Angst ausgestanden seitdem und könnte jetzt sein ä reicher Mann, wenn Ihr hattet zugeschnürt dem alten Mortara fünf Minuten früher die Gurgel, daß er nicht
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konnt erheben ä solches Geschrei? Ihr habt mich bestohlen um mein Geld! Aber es ist vorbei und läßt sich nicht ändern. Wenn Ihr wärt, Du und der Ungar, noch ä Paar Burschen von Muth, könnten wir machen ä Geschäft, das ist eben so gut, wie die Juwelen vom alten Moltara, der sei verflucht!«
»Wasch meinst Du, Buckliger?«
»Hast Du gesehen das Kloster auf der Straße am Berg?«
»Wie sollt ich nicht? Wir trieben uns ja schon drei Tage in der Nähe herum und ich hab doch gehen müssen auf Dein Geheiß heute Morgen selbst in die Kirche zur heiligen Meß!«
Die Augen des Buckligen funkelten. »Hast Du gesehen die Rubinen und Brillanten und das edle Gestein,« flüsterte er ihm zu, »womit ist geschmückt das Bild des Weibes, das Ihr Gojim anbetet mit dem Kind?«
»Wie Schuft, ein Kirchenraub?«
»Was ist ä Kirche anders, wie jedes andere Haus? Wie kann ä alter Makkemer6, der gestohlen hat in Spanien und in Frankreich und in jedem anderen Land sein Leben lang, haben a solches Bedenken!«
Der ehemalige Argelino erinnerte sich in der That an den Diebstahl eines gewissen silbernen Crucifixes zur Zeit, als er unter den Christinos diente7, und begnügte sich, einige unbedeutende Einwendungen zu erheben, indem er zugleich frug, wer bei dem Einbruch dabei sein solle.
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»Du, ich und der Szabó und Andrea der Schweizer werden genug sein, während der Piemontese bei dem Mönch und dem Inglesi zurückbleiben mag. Aber horch - da kommt der Ungar zurück mit dem Mann, den er herführen sollte, - wir werden später darüber sprechen das Nähere.«
Er ging den Ankommenden entgegen, während Fra Pan, so bald er den Rücken gewandt hatte, sich in der Besorgniß, durch die neuen Gäste in seinem Antheil an der Mahlzeit beschränkt zu werden, eilig daran machte, ein großes Stück von dem Lammbraten abzuschneiden und bei Seite zu bringen.
Aus dem Gestrüpp und den Windungen der Felsen, welche die Schlucht umgaben, trat der Slowak, am Zaum ein Maulthier führend, auf dem ein langer, hagerer Mann in der Kleidung eines Vetturins saß, welche die Wagen oder die Züge beladener Maulthiere über die Gebirgsstraßen führen.
Als der Reiter in den Lichtkreis des Feuers trat, sah man, daß er ein bereits bejahrter Mann mit weißem Bart und lebhaftem dunklem Auge war.
Trotz des Alters schien die hagere, sehnige Gestalt um so weniger ein zu verachtender Gegner, als aus dem breiten tyroler Gürtel die Kolben von ein Paar kurzen Revolvers hervorsahen.
Zum Erstaunen des Buckligen, welcher eben nur den Reiter erwartete, war dieser aber nicht allein, sondern von einem Fußgänger begleitet, dessen Aeußeres, so einfach es war, doch Aufmerksamkeit erregen mußte. Es war ein junger, schlank aufgeschossener Mann von etwa ein- oder
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zweiundzwanzig Jahren, in dem engen schwarzen Rock und mit der viereckigen dunklen Kappe eines Schülers oder Novizen des Jesuitenordens. Sein schön und kühn gebildetes Gesicht war hager und blaß unter der Mütze unordentlich von schwarzem halbgelocktem Haar umhangen, und zeigte einen wechselnden Ausdruck von Neugier, Besorgniß und Entschlossenheit.
In dem Augenblick, als der Reiter sich von dem Maulthier schwang und der junge Jesuit an seiner Seite im Schein des Feuers stehen blieb, wurde von zwei Seiten ein Ausruf des Erstaunens und der Ueberraschung laut.
Der kleine bucklige Jude schlug die Hände zusammen. »Fra Felizio? - Gott Abrahams, wie kommen Sie hierher?«
Auch der Dieb, der frühere Argelino, war aufgesprungen und starrte mit weit geöffneten Augen auf den jungen Mann.
»Principe! Principe Felizio,« stammelte er erschrocken.
Der Novize war auf den Juden zugetreten und reichte ihm die Hand. »Abramo!« sagte er sichtlich erfreut. »Das ist ein Glück, daß ich einen Bekannten finde! Du wirst mich nicht verlassen und mir beistehen, wenn man mich verfolgt!«
»Euch verfolgen Fra? wer sollte Euch verfolgen?«
»Wer anders als er! ich habe es gemacht, wie Du, weil ich ihre Tyrannei nicht länger ertragen konnte, ich bin entflohen.«
»Aber wo kommt Ihr her?«
»Von dem Kloster dort drüben - zwei Miglien von hier.«
»Und der Reverendissimo? wo ist der Prälat?«
»Der Rektor? Er ist in dem Kloster, woher ich komme!«
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Der Spion, den diese Nachricht offenbar sehr zu überraschen schien, hätte gern noch weiter gefragt, wenn der Fremde in der Kleidung eines Vetturin sich seiner nicht bemächtigt hätte.
»He Bursche« sagte er rauh, »ich dächte, es wäre Zeit, daß Du Dich etwas um mich bekümmerst. Sind die Personen angekommen, mit denen ich hier zusammen treffen soll?«
»Noch nicht Signor, aber ich erwarte sie jeden Augenblick. Die Bucht, wo ihr Kahn landen soll, ist keine halbe Stunde von hier und es steht ein sicherer Mann dort Wache, um sie hierher zu begleiten.«
Der Fremde nickte. Es ist gut! - Laß einen von den Männern hier das Maulthier besorgen und komm ein Wenig zur Seite, ich habe Dich Einiges zu fragen!«
Der Jude gab Szabó, der sich bereits wieder zu Boden geworfen, den Auftrag, dem Maulthier Zaum und Sattelgurt zu lockern und es zu einer nahen Quelle zu fuhren, dann folgte er dem Vetturin nach einem etwa zwanzig Schritt von dem Feuer entfernten Raum zwischen den Felsen.
»Was befehlen Sie, Signor Gonelli?« sagte er ehrerbietig.
»Du kennst den jungen Priester, der in meiner Begleitung gekommen ist?«
»Ja, Excellenza!«
»Wer ist es?«
»Er heißt Felizio und ist ein Novize des Jesuiten-Seminars in Bologna,« berichtete der Jude, »oder vielmehr der Secretair des hochwürdigen Rektors Corpasini, der ihn
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behandelt hat sehr schlecht, obschon er ist ein guter und stiller Jüngling.«
»Corpasini? der Rektor der Congregation von Bologna, der Spanier? einer der bittersten Feinde der Sache des Volks und der Freiheit! Einer jener Finsterlinge, die unser schönes Land zur Hölle machen.«
»Sie zeichnen recht, Signor - und es hat zu bedeuten nichts Gutes, daß er ist in der Nähe! Aber darf ich fragen, wie Sie gekommen sind an den Jüngling?«
»Ich begegnete ihm etwa eine Miglie von hier auf der Straße, und hielt ihn Anfangs für einen der Unseren, den Du abgeschickt, mir den Weg zu zeigen, bis seine ängstlichen Antworten und sein Geständniß mir erklärten, daß er hier fremd sei und die Absicht habe, zu den Unseren zu flüchten. So trafen wir auf Deinen Posten und ich hielt es für das Beste, ihn mit hierher zu bringen. Was weißt Du mehr von ihm?«
»Es ist ein Geheimniß um den Burschen,« sagte der Jude. »Es haben mir geboten vor einem Jahre in Mailand zwei vornehme Herren Geld, wenn ich könnte ausspioniren Näheres über seine Herkunft, die doch der Priester hält geheim und von der er selber Nichts weiß, als daß er gelebt hat als Kind im Land Spanien. Warum hat ihn gehalten der Prälat bei sich, während er doch hat einen großen Haß gegen ihn?«
»Ich werde später mit ihm sprechen, denn die Anwesenheit des Jesuiten hier im Tessin hat sicher ihre Bedeutung. Behandelt den Burschen gut und bringt ihn zum Reden. Wo ist der Ort zur Zusammenkunft?«
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»Keine zehn Schritte von hier um jenes Gestein ist die verlassene Hütte eines Holzfällers, die geben kann Obhut und Raum. Wir haben zugebracht darin zwei Tage so sicher, wie in Abrahams Schoos.«
»Die Männer, die in Deiner Begleitung sind, darf man ihnen vertrauen? Ich wünsche nicht, daß der verrückte Engländer mehr von uns sieht, als unbedingt unvermeidlich ist!«
Der Jude schnalzte mit den Fingern. »Er ist ein Amalekiter, der dürstet allein nach Blut, bis sie ihm selbst kommen werden an den Hals. Ich habe ihm versprochen, daß er morgen schießen wird auf die Weißröcke, und das ist Alles, was er will.«
»Wo stehen die Posten der Oesterreicher auf dieser Seite des Sees?«
»Auf der Straße von Laveno nach Luveo und Varese und eine Miglia über die Tresa hinaus. Nachdem ich hab' gebracht Euer Excellenza die Botschaft nach Bellinzona, bin ich gewesen auf Kundschaft bis Como hinab.«
»Und welche Nachricht?«
»Die Tedeschi werden sich ziehen morgen bis Como zurück. Ich habe zu bringen dem General Garibaldi ein Papier von dem Kapitain, der ist ein Verräther an seinem Kaiser.«
»Gieb!«
»Ich muß es doch geben in die Hände des Generals selbst oder der Boten, die er senden wird heute Abend zu sprechen mit Euer Excellenz. Aber ich will werden gehangen, wenn das nicht ist das Signal, daß kommen die Signori
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von drüben über'm See. Ich will Euer Excellenza führen zu der Hütte und dann ihnen entgegen gehen.«
»Ich werde Dich begleiten! Geh voran!«
Der Bucklige ging voran dem Eingang der Schlucht zu, von wo man alsbald das Geräusch von Nahenden hörte.
Die Nacht war sternenhell, so daß sich der Weg leicht erkennen ließ. Ehe sie noch den Eingang der Schlucht erreicht hatten, kam ihnen der Marodeur entgegen, der zu der Bande des Spions gehörte, und hinter ihm drei Männer in ihre Mantel gehüllt.
Die weiße Farbe von zweien derselben und das Klirren der Waffen bei ihrem Gang zeigten, daß sie Soldaten waren; der Dritte hielt sich etwas zurück und hatte den Mantelkragen sich über das Gesicht gezogen.
Der Vetturin blieb stehen.
»San Pietro!« sagte er.
»In Montorio!« antwortete der Vorderste. »Es ist Alles in Ordnung. Seien Sie gegrüßt, Giuseppe!«
Der Vetturin reichte ihm die Hand, »Sie sind es selbst? Das ist mir doppelt lieb. Aber ist es nicht ein zu großes Wagniß? wenn die Oesterreicher wüßten, wen sie hier fangen könnten, würden sie mit Vergnügen ein Regiment opfern.«
»Sie könnten einen noch bessern Fang machen, als einen alten Soldaten, der leicht zu ersetzen ist,« sagte munter der Offizier im Mantel, »Aber beruhigen Sie sich, wir sind nicht so ganz ohne Beistand, denn ich habe dieses Herrn wegen ein Detaschement meiner Scharfschützen am Ufer des See's zurückgelassen.«
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»Und wer ist der Signor, General?«
»Das sollen Sie sogleich erfahren, wenn Sie uns erst an Ort und Stalle gebracht haben, wo wir ohne Zeugen mit einander plaudern können. - He Bursche, geh' voran und zeige uns den Weg!«
Der Bucklige, der nicht versäumt hatte, die Ohren zu spitzen und der höchstens einen Offizier des Hauptquartiers statt des Generals selbst erwartet hatte, beeilte sich, die Angekommenen nach der Hütte zu führen, von der er gesprochen, und wollte im Innern alsbald Licht machen, in der Hoffnung, noch Weiteres zu sehen und zu hören, aber seine Absicht wurde vereitelt.
»Es ist gut, Schelm,« sagte der General, »wir haben das Nöthige bei uns. Jetzt pack Dich, bis Du gerufen wirst und sorge dafür, daß sich keine Menschenseele auf fünfzig Schritte nähert, denn ich versichere Dich, dieser Herr hier« - er wies auf den zweiten Offizier - »versteht keinen Spaß und wird Jeden über den Haufen schießen, der ohne Erlaubniß sich nähert.«
»Abramo,« erinnerte der Vetturin, »hat Ihnen noch ein Papier zu geben, das er von unserm Agenten in Como erhalten hat.«
»So gieb - und laß Deine Burschen Aug' und Ohren offen haben, damit uns Niemand überrascht. Wenn irgend eine Gefahr droht, meldest Du es sofort diesem Offizier. Jetzt fort mit Dir und Deinen langen Ohren!«
Der Bucklige verschwand, während der General die Thür öffnete. »Treten Sie ein, Signor, ich werde sogleich
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Licht machen. François, mein Sohn - Du hast Deine Ordre und ich verlasse mich auf Dich!«
»Ohne Sorge, General!«
Der Offizier zog einen Revolver aus dem Säbelgurt, machte den Arm vom Mantel frei und begann seine Ronde um die einsame Gebirgshütte, während sein Befehlshaber im Innern Licht machte und eine Kerze anzündete, die er aus einer Fourage-Tasche nahm, welche sein Adjutant ihm gereicht hatte.
»So, Signori - wir können uns auf Laforgne verlassen, er wird keine Alpenmaus diesem Ort zu nahe kommen lassen. Der Major ist einer der Letzten noch meiner Treuen von der Itaparica! Wir werden alt, Giuseppe, aber es thut Nichts, denn wir haben jetzt die Gewißheit, die Freiheit Italiens auf der Spitze unserer Säbel zu tragen. - Einen Augenblick, damit ich sehe, was man aus Como uns meldet.«
Er nahm das Papier, das der Jude ihm gegeben und suchte bei dem Licht der Kerze den in Chiffern bestehenden Inhalt zu lösen.
Der angebliche Vetturin hatte unterdeß wiederholt den scharfen Blick seines tiefliegenden Auges auf den Unbekannten im Mantel gewandt, der auf einem der Holzblöcke Platz genommen, welche die Vorsorge des Spions in die leere Hütte geschafft hatte.
Plötzlich schlug der Fremde den Mantel zurück, nahm den Hut ab und sagte lachend:
»Guten Abend, Signor Mazzini! Es ist in der That einige Zeit her, daß wir uns nicht getroffen haben - und
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Sie scheinen dadurch vergeßlich für alte Freunde geworden zu sein!«
Der berühmte Verschwörer, denn dieser war es in der That, der von seinem Hauptquartier, dem Canton Tessin aus, eine persönliche Besprechung mit seinem alten Kampfgenossen halten wollte, schien, was ihm gewiß selten passirte, wirklich überrascht.
»Euer Excellenz in Person? in der That, das hätte ich nicht erwartet. Die Ueberraschung ist natürlich um so angenehmer!«
»Wir haben uns nicht gesprochen seit dem Abend im Kabinet des Lord Cowley, Signor, der jetzt Feuer und Flammen speit über die kleine Mystification, die wir uns mit ihm in Wien erlaubt haben.8 Der sardinische Premier reichte ihm die Hand, »Wenn wir uns aber auch nicht gesprochen, so haben wir desto mehr zusammen gehandelt, und weil Sie doch nicht gut zu mir nach Turin oder Alessandria kommen können, da wir übermorgen den Kaiser Louis Napoleon, der Heute abreist, erwarten, so habe ich die Gelegenheit benutzt, um unterm Schutz des Generals Ihnen hier im Tessin einen kurzen Besuch zu machen.«
»Eure Excellenz sehen mich sehr dankbar!«
»Ich bitte, setzen Sie sich, denn Sie können sich denken, daß ich große Eile habe und noch diese Nacht wieder zurück muß. Aber es ist durchaus nöthig, daß wir uns wegen der Bewegungen im Norden verständigen müssen,
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die uns den Rücken decken und Oesterreich isoliren sollen. - Sind Sie fertig, General?«
»Ja, Excellenza. Die Nachricht lautet, daß Giulay in Folge der Nachrichten, die über ein Vorgehen der Aliirten auf dem rechten Po-Ufer gegen Piacenza verbreitet wurden, jeden Gedanken gegen die Dora-Baltea aufgegeben hat und seine Hauptmacht eiligst wieder hinter die Sesia zurückzieht.«
Der Graf lachte. »Es war ein Meisterstreich der Franzosen,« sagte er, »in Wien die Ernennung von Heß zu verhindern und durch die Hofklatscherei über sein Urtheil in Betreff des anonymen Feldzugsplanes des Kaisers Franz Joseph diesen gegen ihn einzunehmen. Die Ernennung des Grafen Giulay zum Oberbefehlshaber der Armee in Italien auch während des Krieges ist für uns so viel, als eine bereits gewonnene Schlacht. - Bedenken Sie, in welche Klemme wir hätten gerathen müssen, wenn die Oesterreicher sofort am Siebenundzwanzigsten, wo noch kein Mann der französischen Hilfe den Mont Cenis überschritten hatte und erst am Tage vorher die Spitze des Corps von Baraguay d'Hilliers in Genua gelandet war, auf dem rechten Po-Ufer zwischen Alessandria und Novi vorgegangen wären und uns so von Genua abgeschnitten hätten! Ja, selbst der Marsch noch am Neunundzwanzigsten dire[c]kt auf Turin, um sich der Bahn nach Susa zu bemächtigen, nachdem man einmal den Fehler gemacht hatte, das linke Ufer zum Schauplatz der Operationen zu wählen, hätte uns die bedeutendsten Nachtheile bringen müssen. Statt dessen hat man uns volle zwölf Tage Zeit gelassen, unsere Vereinigung zu bewirken und unsere Aufstellung zu nehmen.
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Cospetto, ich bin kein Soldat, aber ich glaube, ich hätte mit Hundertvierzigtausend Mann hinter mir die Sache besser gemacht.«
»Der Feldzeugmeister,« sagte der Verschwörer spottend, »hat sich eingebildet, den Feldzug Radetzky's copiren zu können. Er hat genau seine Märsche und seine Hauptquartiere eingehalten!«
»Aber nicht die Siege des Löwen,« bemerkte der General einst. »Man sucht und schlägt den Feind nur dort, wo er wirklich ist, und deshalb muß ich nach Como!«
Der berühmte Condottieri hatte in der That mit wenig Worten den großen Fehler gekennzeichnet, welchen der österreichische Oberbefehlshaber begangen.
Man hatte den rechten Augenblick versäumt, und man hatte den Feind alsdann gesucht, wo er nicht existirte. Aus der mit jeder Chance eines glücklichen Erfolges ausgestatteten Aggressive war man freiwillig in eine unglückliche Defensive zurückgetreten. -
Die wichtige Frage, wer den Oberbefehl über die italienische Armee erhalten würde, hatte vor Beginn des Feldzugs das allgemeinste Interesse erregt. Aller Augen richteten sich auf den Feldzeugmeister Heß, den rechten Arm Radetzki's. Aber leider siegte die büreaukratische Schablone bei der wichtigsten Wahl, und während sonst an allen Stellen die durchgreifendsten Veränderungen erfolgten, gewann hier die altaristokratische Partei in dem Einfluß des Grafen Grünne die Oberhand, und der bisherige Chef der zweiten Armee, Feldzeugmeister Graf Giulay, behielt auch für den Krieg den Oberbefehl.
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Graf Franz Giulay von Máros Nemeth und Nadaska,9 dem vornehmsten ungarischen Adel angehörig, war 1816, damals 18 Jahr alt, in die Armee getreten und schon 1837 General. In den Stürmen des Jahres 1843 war er als Divisionair provisorischer Kommandant des Küstenlandes von Triest, als welcher es ihm gelang, den Aufstand in diesen Gegenden niederzuhalten und die Flotte zu retten. Im Jahre 1845 für kurze Zeit Kriegsminister, wurde er nach Radetzki's Rücktritt Generalstatthalter der Lombardei und Chef der zweiten Armee. Ein gewisses Organisationstalent und seine Strenge beim Niederhalten des Aufstandes hatten ihm das Vertrauen des Kaisers erworben, aber keine Erfahrungen des Schlachtfeldes berechtigten ihn zu der Uebertragung eines so wichtigen Oberbefehls, und der Erfolg zeigte, wie sehr es ihm an den nöthigsten Eigenschaften eines Feldherrn fehlte: der Entschlossenheit und der Thätigkeit.
Wir müssen zum Verständniß der Verhandlungen bei jener geheimen Zusammenkunft an der Gränze des Tessin kurz den Gang der Ereignisse seit der Antwort auf das österreichische Ultimatum einschieben.
Die Sardinier hatten zwar die Dora-baltea[Baltea] Linie zwischen dem linken Ufer des Po und den Alpen befestigt, um auf dieser Turin zu decken, ihre Hauptmacht bildete aber die feste Stellung von Alessandria auf der rechten Seite des Po, der sich oberhalb dieser Festung bei Valenza nach der Lombardei wendet und von Pavia ab an Piacenza, und Cremona entlang ihre südliche Gränze bildet, nachdem er von Norden her zunächst die Dora-Baltea, die
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Sesia und den Gränzfluß der Lombardei im Westen, den aus dem Lago Maggiore kommenden Ticino aufgenommen hat.
Bei Pavia hatte sich zum Uebergang über den Ticino oder Po die österreichische Macht versammelt, die ungefähr 100,000 Mann für den Angriff zählte.
Die ihr gegenüberstehende sardinische Armee - war damals etwa 64,000 Mann stark, also weit schwächer, als die Oesterreicher. Die Stellung, die sie eingenommen, sollte im Norden das Herankommen der Franzosen über den Mont Cenis und Turin, im Süden von Genua her decken.
Wie der Graf Cavour in seiner scharfen Kritik der österreichischen Operation bemerkte, traf die Spitze der französischen Kolonnen über den Mont Cenis erst am 30sten in Turin ein, in Genua am 29sten.
Ein rasches Vorgehen im Norden oder Süden hätte demnach die Oesterreicher in den Stand gesetzt, die Piemontesen gegen die Alpen oder Genua - bei einiger Entschlossenheit selbst auf beiden Seiten, von der französischen Hilfe abzuschneiden, und den Krieg wahrscheinlich gleich zu Anfang mit einem ähnlichen Schlage wie zehn Jahre vorher bei Novara zu enden oder wenigstens ganz anders zu gestalten.
Leider ließ sich das Kabinet von Wien in Folge der französischen und russischen Intriguen nach der Beantwortung seines Ultimatums durch einen Vermittelungsvorschlag Englands und Preußens nochmals hinhalten.
Damit gingen wiederum zwei Tage verloren;
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Frankreich, das jetzt die Spitzen seiner Kolonnen in den sardinischen Gränzen hatte, warf die Maske ab und verwarf die Vermittelung. Jetzt erst traf der Befehl von Wien ein, die Drohung des Ultimatums zu vollstrecken und der Einmarsch erfolgte, wie wir im Beginn des Kapitels erwähnt.
Auch zu dieser Zeit wäre die Isolirung der sardinischen Streitmacht und das Zurückwerfen der französischen Kolonnen noch möglich, ja leicht gewesen. Jeder mit den Verhältnissen des Terrains und der Stellung der Gegner vertraute Militair erwartete daher den Uebergang nach dem rechten Ufer des Po und das Vordrängen der Oesterreicher gegen Novi und Genua, ehe die alliirte Armee sich dort zu concentriren vermochte.
Statt dessen verlegte der Feldzeugmeister sein Operationsterrain nach dem linken, dem nördlichen Ufer des Po. Wäre es geschehen, um direkt auf Turin zu gehen, so hätte diese Wahl eine strategische Bedeutung gehabt; denn die Sardinier in ihrer Stellung bei Alessandria und Casale waren noch nicht stark genug, um ernstlich seine Flanke zu bedrohen. Aber der Feldzeugmeister begnügte sich in der That, wie der Hohn des sardinischen Premier oben bemerkte, mit einer Nachahmung der Märsche und Hauptquartiere Radetzki's in dem fünftägigen Feldzug von 1849, ohne einen Feind vor sich zu haben. Er besetzte ohne Widerstand Vercelli und Novara, und während ein Seiten-Detachement von Laveno her über den Gardasee setzte und seine Posten nach Gozzano vorschob, machte
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man plötzlich am 2. Mai Halt auf dem Wege nach Turin und wandte sich wieder nach dem Po.
Es schien einen Augenblick, als habe der Feldzeugmeister seinen Fehler erkannt und wollte ihn wirklich durch einen Uebergang auf das rechte Ufer verbessern. Bei Casale wurde eine Brücke geschlagen und eine Brigade des 8. Corps ging am 3ten über den Fluß und drang bis Voghera und Tortona vor. Aber jetzt traten heftige Regengüsse ein, welche die zahlreichen kleine Flüsse anschwellten und das sumpfige Terrain der Reisfelder unter Wasser setzten. Um nicht von dem Hauptcorps abgeschnitten zu werden, mußte die Brigade zurück und selbst der Versuch, die Eisenbahnbrücke bei Valenza zu sprengen, konnte in Folge der falschen Minirung erst am 7ten ausgeführt werden.
Alles dies geschah, während doch die starke Festung Piacenza ein offenes und sicheres Thor nach dem rechten Po-Ufer bot!
Jetzt wandte sich der Feldzeugmeister zum zweiten Mal nach dem Norden und dem Wege nach Turin über die Dora[-]Baltea. Die Truppenmassen wurden vom linken nach dem rechten Flügel geworfen und das Gros drang am 8ten und 9ten bis San Germano auf der Straße von Vercelli nach Turin und Ivrea vor, während Streifcorps bis nach Biella und Livorno in der Richtung nach Turin gingen, von dem sie jetzt etwa noch 6 deutsche Meilen oder 24 Miglien entfernt waren.
Man glaubte Turin berei[t]s verloren.
Da machte die österreischische Armee zum zweiten Mal
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Halt, die vorgeschobenen Brigaden wurden zurückgezogen, die Hauptmacht ging wieder über die Sesia zurück, die Regimenter marschirten nach dem linken Flügel und - man stellte sich in die Defensive.
Welchen deprimirenden Eindruck diese ganzen, nutzlosen und ermüdenden Operationen auf die Truppen machen, wie sehr sie das jeder Armee so nothwendige Vertrauen auf den obersten Führer schwächen mußten, läßt sich denken.
Dies war der Stand der Dinge, in welchem wir die Erzählung mit der geheimen Zusammenkunft an der Gränze des Tessin wieder aufgenommen haben. - - -


»Geduld, Geduld General,« sagte lächelnd der Minister. »Noch wenige Tage und Sie sollen plein pouvoir haben, mit Ihren Tapferen hervorzubrechen und die Oesterreicher bis an den Garda-See zu jagen. Es ist einer der Gründe, Signor Mazzini, welcher mich veranlaßt hat, selbst hierher zu kommen, von Ihnen Gewißheit zu erhalten, was wir in den Städten der nördlichen Lombardei zu erwarten haben, nachdem wir Ihrer Agitation im Süden so viel verdanken.«
»Como, Bergamo, Brescia - Signor Conte, warten nur auf Ihren ersten Sieg,« erklärte der Revolutionair, »um sofort die Fahne der Freiheit zu erheben. In Como hat man bereits gestern den Versuch dazu gemacht, aber er wurde von den Tyrannen unterdrückt. Bis nach Verona und dem Gardasee steht das Land Ihnen offen, sobald Sie im Besitz von Mailand sind.«
»Das wird allerdings erst einer blutigen Schlacht
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bedürfen,« meinte der Minister. »Aber was können Sie uns aus Venedig für Aussichten eröffnen?«
»Der neue Imperator des Jahrhunderts,« sagte mit Hohn der Verschwörer, »hat in der Proclamation aus Paris ja seine Ehre verpfändet, daß Italien frei sein soll bis zur Adria, oder die Oesterreicher herrschen müßten bis zu den Alpen. Trauen Sie etwa der Macht oder dem Willen Ihres großen Verbündeten nicht genug, Signor, um zu zweifeln, daß er dieses sein Wort lösen wird?«
Der Minister erwiderte die spöttische Bemerkung mit einem diplomatischen Lächeln.
»Sie wissen so gut wie ich, Signor,« sagte er, »daß der Kaiser Louis Napoleon gerade so weit und nicht einen Schritt weiter gehen wird, wie sein Vortheil es ihm erlaubt. Wir sind vollkommen darauf gefaßt, aber wir wissen auch, daß in diesem Augenblick Frankreich weit genug engagirt ist, um uns nicht mehr in Stich lassen zu können. Eine Niederlage auf diesem Kriegstheater könnte dem Kaiser seine Krone kosten. Die Oesterreicher müssen also geschlagen werden - das wie oft, und wie weit, ist freilich eine Sache, die sich aller Berechnung entzieht. Es kommt vor Allem darauf an, ihm die Unterstützung im Norden abzuschneiden, nachdem Modena und Toscana die Fahne des Aufstands erhoben und die Fürsten verjagt haben. Die Komödie in Parma, daß man die Herzogin wiedergeholt und unsere Freunde verjagt hat, wird nicht lange dauern. Die Oesterreicher können Bologna und die Legationen nicht halten, selbst wenn der Prinz Napoleon mit seiner gewöhnlichen Trägheit ihnen alle Zeit
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läßt. Ich wiederhole also meine Frage, - wie steht es in Venedig?«
»Rigoberti hat mir gestern Bericht gesandt. Die Gräfin Stravelli ist überaus thätig, aber sie muß fürchten, jeden Augenblick entdeckt und mindestens ausgewiesen zu werden. Die Besatzung wird durch die fortwährenden Truppenzüge mehr als verdoppelt und die Oesterreicher sind auf ihrer Hut. Es ist ein Unglück, daß wir den Wechsel der italienischen Regimenter nicht haben verhindern können! Die unteren Volksklassen in Venedig sind leider durch ihren pekuniairen Vortheil apathisch geworden für den Ruf der Freiheit! - Ich fürchte, gerade herausgesagt, Venedig ist für die Revolution verloren und das Waffenglück allein kann es uns gewinnen. Erst wenn die französische und russische Flotte vor dem Lido liegt und Triest bombardirt, sind wir des Sieges gewiß!«
Der Minister zuckte die Achseln. »So ist Ihnen die Erklärung Ihres guten Freundes Palm noch unbekannt?«
»Welche, Excellenza? Sie können denken, daß hier im Tessin die Verbindung mit den äußeren Verhältnissen schwieriger ist, als bei Ihnen in Turin!«
»England hat erklärt, Gibraltar sperren zu wollen, wenn die russische Flotte durch den Sund geht!«
»Was fragen wir nach den Russen, da die französische Escadre im Mittelmeere mit Ihren Schiffen zahlreich genug ist, um die See vom Bosporus bis zu den Säulen des Herkules zu beherrschen. Die österreichische und neapolitanische Marine können unmöglich widerstehen.« -
»Wir haben für das Bündniß vom zweiundzwanzigsten
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einen Kaufpreis zahlen müssen,« sagte der Minister zögernd, indem er zugleich einen besorgten Blick auf den General warf.
»Für das geheime Bündniß Frankreichs mit Rußland und Dänemark?« frug der berühmte Führer der Freicorps. »Euer Excellenz wissen, daß die Politik gerade nicht meine starke Seite ist - Sie werden uns daher verbinden, wenn Sie sich in dieser Beziehung etwas klarer aussprechen wollten!«
Der Graf fühlte offenbar die Schwierigkeit der Aufgabe, die er selbst übernommen, um das Unangenehme der Mittheilung möglichst zu mildern und jeden Zwiespalt zu vermeiden.
»Sie wissen Beide,« sagte er endlich, »wie wichtig und nothwendig uns die Neutralität Englands ist. Tritt England gegen uns offensiv auf, so folgt ihm Preußen und Oesterreich hat dann ganz Deutschland hinter sich. Pelissier mit seinen Observationscorps kann unmöglich den Rhein decken, der Kaiser würde in Paris geblieben sein und die französische Hilfe würde ziemlich kärglich werden.«
»Der Kampf muß am Ende doch kommen, so oder so!«
»Aber erst, wenn Oesterreich geschwächt ist und wir Italien haben. Jetzt einen allgemeinen Krieg der romanischen Stämme gegen die germanischen heraufzubeschwören, würde eine Unvorsichtigkeit sein, die die schwersten Folgen haben könnte. Auf Rußland's unbedingte Hilfe ist nicht zu bauen, so lange es Polen nicht freigeben will, und das thut der Sohn des Kaiser Nicolaus niemals.«
»Kommen wir zur Sache, Signor Conte,« sagte der
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General finster. »Die Mittheilung muß schwer genug wiegen, da Sie es vorgezogen haben, dieselbe nur uns Beiden zusammen zu machen.«
Der Verschwörer hörte stillschweigend zu, ohne eine Bemerkung zu machen. Nur sein scharfes Auge beobachtete streng das unruhige rastlose des Diplomaten.
»Die Sache ist die,« sagte der Graf, »daß wir uns verpflichtet haben, die Adria frei und der englischen Flotte die Sperrung derselben zu überlassen!«
Der Leiter der italienischen Verschwörungen, der Mann, der ein ganzes Leben lang unter tausend Gefahren sich gemüht hatte, endlich sich am Ziel seines Strebens sah, schaute finster auf ihn. - »Wie Excellenz - das haben Sie gethan!«
»Es war nicht anders möglich!«
Der General ließ rasselnd seinen Säbel in der Scheide auf den Boden fallen.
»Und Sie glauben wirklich, daß wir mit diesem Schandvertrag uns einverstanden erklären würden?«
Der Minister zuckte die Achseln.
»Was wird uns anders übrig bleiben!«
»Aber das heißt Italien verkauft!«
»Nicht wenn wir die Oesterreicher besiegen!«
Der Verschwörer lachte spöttisch auf.
»Euer Excellenz und der Kaiser Napoleon haben der Liga versprochen, Italien bis zur Adria frei zu machen, Venedig kann nur mit den Flotten genommen werden! Wie wollen Sie diesen Vertrag mit ihren Versprechungen gegen die Patrioten reimen?« -
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Der Minister hatte sich gefaßt, er sah dem Agitator durch seine Brille jetzt ruhig in's Gesicht.
»Ich habe Ihnen die Gründe auseinandergesetzt, Signor Generale, die uns genöthigt haben, diese Bedingung für die Neutralität Englands anzunehmen. Im Fall es uns gelingt, Oesterreich auch ferner von seinen natürlichen Bundesgenossen zu isoliren, ist der Erfolg dennoch unser. Nicht die Flotten, sondern die Verträge werden es alsdann ganz vom italienischen Boden verdrängen und Venedig befreien!«
Der General schüttelte unwillig den Kopf. »Ich habe Euer Excellenza schon gesagt, ein ehrlicher Krieg sollte auch ehrlich ausgefochten werden. Die verdammten Federfuchsereien dazwischen thun nie gut und verderben die besten Erfolge. Ich will Euer Excellenz wünschen, daß Sie sich und uns nicht damit getäuscht haben, aber ich erkläre offen, daß ich meinen Säbel allen Diplomaten Europas zum Trotz nicht niederlegen will, bis Italien von einem Ende bis zum andern frei ist, und sollte ich allein den Kampf versuchen!« -
Der General hat sein Wort gehalten, von Marsala bis Aspromonte! - Der Graf reichte ihm die Hand. »So lange Camillo Cavour lebt, General Garibaldi,« erwiederte er ernst, »werden Sie in diesem Kampfe niemals allein stehen, Glauben Sie mir, daß auch in der Brust des Mannes der Feder und des Worts die gleiche Begeisterung für das Vaterland, der gleich tapfere Geist lebt, wie in der des Soldaten. Aber die Klugheit lehrt mich, zur rechten Zeit nachzugeben, um den Erfolg zu sichern. Der Vertrag von Plombières, Signori, hat meinem Herzen eine tiefere
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Wunde geschlagen, als die Bedingung Englands Ihnen verursacht. Der Kaufpreis für die Freiheit Italiens lastet schwer auf meinem Herzen!«
»Ich verstehe Euer Excellenza nicht!« sagte fragend der General.
»Es ist nicht nöthig, Giuseppe,« unterbrach ihn der Verschwörer. »Möge der Herr Graf nur sein Wort halten in der Gegenwart, das Weitere ist die Sache der Zukunft. Ich denke, wir sind nicht hier zusammengekommen, um über die Verträge von Plombières und Paris zu jammern, sondern den möglichsten Nutzen aus ihnen zu ziehen. Was, Signor Conte, wünschen Sie von mir, daß die Liga thun soll?«
»Zunächst, Signor Mazzini, ist es unbedingt nothwendig, daß Polen während der nächsten zwei Jahre vollständig ruhig erhalten wird. Die russische Regierung darf dort keine Besorgniß hegen!«
»Die polnische Nation, Signor Conte, hat so lange gelitten, daß sie auch länger warten kann, wenn sie nur weiß, daß ihre Zeit kommen wird. Was weiter?«
»Wenn es nicht möglich ist, einen neuen Aufstand in Ungarn zu veranlassen, muß die Agitation dafür wenigstens so offen getrieben werden, daß durch sie und durch die russische Truppenzusammenziehung an der ungar[']schen und galizischen Gränze Oesterreich gezwungen bleibt, bedeutende Streitkräfte dort zu lassen,«
»Es soll geschehen.«
»Wie glauben Sie, daß die ungar'schen Regimenter
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sich schlagen werden? Können wir darauf rechnen, daß sie im Augenblick der Krisis zu uns übergehen?«
Der General übernahm die Antwort.
»Die Ungarn,« sagte er ernst, »sind brave Soldaten. Ich glaube nicht, daß sie auf dem Schlachtfeld die Fahne verlassen werden, unter der sie fechten.«
»Aber sie haben in der ungar'schen Revolution ja gegen Oesterreich gefochten, und unter den Freischaaren dienen zahlreiche ungar'sche Flüchtlinge!«
Der General lächelte. »Ich sehe, daß Euer Excellenz kein Soldat sind! Denken wir auf andere Mittel.«
»Die Italiener sind consequenter in ihrem Haß,« sagte der Graf. »Wir kennen die Mittel, mit der man die Bitte des Regiments ›Sigismund,‹ in dem Kriege verwendet zu werden, zu Stande gebracht hat. Im Augenblick der Prüfung wird das Vaterland seine Rechte fordern. Es gilt vor Allem die ersten Erfolge für uns zu haben, und dazu ist nöthig, die Oesterreicher zu einem Angriff auf einem ihnen ungünstigen Terrain zu verlocken. Sie müssen entweder durch die Spione getäuscht werden und falsche Nachrichten erhalten, oder jede Nachricht muß ihnen abgeschnitten bleiben.«
»Unsere Agenten entlang der Sesia-Linie werden die nöthigen Instruktionen erhalten. Der Kaiser Napoleon möge sich auf ihre Thätigkeit verlassen.«
»Ist es gelungen, die genaue Stärke der Oesterreicher zu ermitteln?«
Der Verschwörer öffnete ein Portefeuille, und nahm mehrere Papiere heraus.
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»Hier ist die vollständige Ordre de Bataille, Signor Conte,« sagte er, »und hier sind die genauen Notizen über die gegenwärtige Vertheilung der Streitkräfte.«
»Das ist vortrefflich, Signor!«
»Sie, oder vielmehr der König wird daraus ersehen, daß die wahre Stärke der österreichischen Truppen gegenwärtig statt der angegebenen 150,000 Mann noch nicht 99,000 beträgt. Die Artillerie zahlt nur 44 Batterieen und ist schlecht bespannt, eben so der Train. Auf die Kavalerie können sie ohnehin nicht rechnen in unserem Terrain. Die Oesterreicher haben den Fehler gemacht, ihre Kräfte nicht zu sammeln, sondern sie zerstreut. Ueberdies stehen Ihnen nicht mehr die alten Soldaten von Custozza und Novara gegenüber, sondern ganz junge unerfahrene Mannschaften und selbst die älteren sind mit der Handhabung des neuen Gewehrs nicht vertraut!«
»Vortrefflich! Sie sehen also, daß wir alle Chancen für Venedig haben!«
Der Verschwörer hielt es nicht der Mühe werth, auf diese Bemerkung zu antworten. »Man ist zwar in diesem Augenblick,« fuhr er fort, »mit der Bildung einer zweiten Armee beschäftigt, aber man hat nur wenig Truppen noch zur Disposition. Der Anmarsch derselben wird überdies verzögert werden - wir haben an allen Eisenbahnlinien unsere Vertrauten. Hat der Telegraphenbeamte, der Ihnen aus Mailand heimlich die Abschriften der Depeschen von Wien sendet, seinen Eifer bekundet?«
»Wir verdanken ihm viele wichtige Nachrichten, aber der Verkehr über Como ist langwierig und überdies sind
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die meisten in Chiffern, die wir bisher noch nicht haben lösen können.«
»Hier ist der Schlüssel zur Dechiffrirung - ich habe ihn selbst erst diesen Morgen erhalten.«
»Sie thun wahre Wunder, Signor Mazzini!«
Der Agitator lächelte verächtlich. »Ich bin im Begriff, Ihnen noch Besseres zu geben. Die Verpflegung der feindlichen Truppen ist in den Händen einiger Triester Häuser. Unsere Agenten sind dort thätig - und es giebt Schufte genug in Wien an der Spitze der Verwaltung, die bereit sind, ihre Taschen zu füllen. Die Lieferungen werden nur auf dem Papier stehen und jede regelmäßige Verpflegung der Truppen wird verhindert werden.«
»Ich begreife - das muß die beste Armee ruiniren! -Wenn es uns gelingt, die Einmischung Deutschlands und Englands auch nur ein halbes Jahr lang zu verhindern, ist Italien frei!«
»Frei!« Der Verschwörer lachte spöttisch auf. »Euer Excellenz verstehen freilich die Freiheit etwas anders, als wir. Aber Sie sehen, daß wir um des Hauptzwecks willen unsern Zwiespalt vergessen! - Zunächst wird es nöthig sein, unserem Freunde Garibaldi die Erlaubniß zum Vordringen im Hauptquartier zu erwirken, damit ich das Zeichen zum Beginn des Aufstands bis zum Garda-See geben kann.«
»Nach dem ersten siegreichen Gefecht am Po soll er die Vollmacht haben. So lange muß er Turin im Norden decken. Während das Hauptcorps im Centrum die Oesterreicher - zurückdrängt, soll der General sie an den
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Alpen überflügeln und der Prinz10 mit Ulloa und den Appeninenjägern sie aus Bologna werfen und gegen Venedig vordringen, so daß sie in der Falle sind.«
»Bologna! - Euer Excellenz erinnern mich an einen auffallenden Umstand. Sie kennen den Rektor Corpasini?«
»Ich weiß wenigstens, daß er einer unserer schlimmsten Feinde und der gefährlichsten Ränkemacher Italiens ist!« Der gute Graf dachte sehr wenig an sich selbst! - »Was ist mit ihm?«
»Er befindet sich ganz in unserer Nähe, in dem Kloster Santa Ursula, unter ziemlich verdächtigen Umständen.«
»Dann spinnt dieser verdammte Jesuit sicher eine Intrigue, verlassen Sie sich darauf. Das Kloster ist berüchtigt als ein Pfaffennest. Aber woher wissen Sie von seiner Anwesenheit?«
»Durch einen Zufall - einer seiner Schüler oder Secretaire ist entwischt, um sich uns anzuschließen. Ich begegnete ihm auf dem Wege und habe ihn mit hierher gebracht, aber noch nicht Zeit gehabt, ihn näher zu befragen!«
Der Minister überlegte.
»Es wäre vielleicht der Mühe werth und kann jedenfalls nicht schaden! Können Sie ihn hierher rufen lassen?«
»Oh, - sogleich!«
Der falsche Vetturin ging nach der Thür der Hütte, vor welcher der Major noch immer seinen Wachgang fortsetzte und pfiff. Alsbald kam der bucklige Spion herbei
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und erhielt seine Weisung; nach einigen Minuten führte er den jungen Jesuiten zur Hütte.
»Geh' wieder auf Deinen Posten, Schelm, bis wir Dich brauchen,« befahl der Verschwörer. »Kommen Sie herein, junger Mann.«
Er führte den Novizen in die Hütte, wo der General an dem Tisch, der Minister in einem dunklen Winkel saß.
»Ich habe Ihnen bereits meinen Beistand zugesagt,« sprach der verkleidete Vetturin, »und diese Herren sind gleichfalls bereit, Ihren Wunsch zu erfüllen und haben Gelegenheit dazu. Zuvor aber müssen wir doch noch einiges Nähere über Sie hören. Wie heißen Sie?«
»Felizio!«
»Ihr anderer Name?«
»Ich habe keinen, wenigstens kenne ich ihn nicht. Ich bin in Spanien in einem Kloster erzogen, bis vor drei Jahren der Rektor Corpasini mich abgeholt und nach Bologna gebracht hat.«
»Er ist vielleicht Ihr Vater?«
»Nein!« sagte der Jüngling mit einer gewissen Heftigkeit. »Das ist unmöglich, ich hasse ihn und er haßt mich!«
»Dennoch hat er, wie Sie erzählten, Sie in seiner Nähe behalten?«
»Um mich zu quälen! ich muß ihm dienen, ich muß in seiner Nähe sein, aber er macht mir das Leben zur Hülle und sucht jede Gelegenheit, um mich zu peinigen und zu strafen. Ich konnte es nicht länger ertragen. Deshalb bin ich diese Nacht entflohen, und ...«
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»Seit wann waren Sie im Kloster?«
»Wir kamen vorgestern an mit dem General Mortara!«
»Mit dem Modenesen? Per Baccho! ich kenne ihn! Wissen Sie, was die Reise des Rektors hierher nach Tessin und zu dieser Zelt zu bedeuten hat?«
»Es handelt sich um eine Zusammenkunft mit einem Coadjutor unsers Ordens aus Berlin.«
»Wirklich? - Wissen Sie seinen Namen?«
»Nein. Aber er ist diesen Nachmittag angekommen, mit einer Dame, deren Kind in dem Kloster erzogen wird. Der Rektor pflegt eifrige Verhandlungen mit ihm und hatte mich mit der Abschrift von Papieren beschäftigt, die sich auf jenes Kind zu beziehen scheinen. Ich habe die Gelegenheit benutzt, zu entfliehen und außerdem ...«
»Nun?«
»Ich hatte es zwei Unglücklichen versprochen!«
»Novizen wie Sie?«
»Nein - zwei Frauen, Gefangene, die noch schlimmer daran sind als ich.«
»Gefangene? wo? in dem Kloster?«
»Ja, Signor. Ein Zufall hat mich in ihre Nähe geführt. Der Rektor hatte mich wegen eines Versehens diesen Mittag in seiner gewöhnlichen Weise mißhandelt. Ich irrte verzweifelnd durch den Garten des Klosters und warf mich in einem sonst öden Winkel, wohin Niemand zu kommen pflegt, auf den Boden, Verwünschungen über mein Schicksal ausstoßend, als ich über mir einen Zuruf hörte. Es war eine weibliche Stimme; am vergitterten Fenster einer Zelle sah ich zwei Frauen in Klostertracht.
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Ich wollte fliehen, aber die Eine rief mir in der Sprache meiner Heimath zu, deren ich mich unwillkürlich in meiner Verzweiflung bedient hatte, zu bleiben. Sie bestärkte meinen Entschluß der Flucht und bezeichnete mir eine Stelle der Klostermauer, wo es mir gelingen könne, sie zu übersteigen. Dann bat sie mich, ihr und ihrer Gefährtin, die in diesem Theile des Klosters gefangen gehalten würden, zur Befreiung behilflich zu sein, indem ich von einem Papier, das sie durch das Gitter warfen, Gebrauch mache.«
»Das ist wieder einer ihrer pfäffischen Streiche! - Wo ist das Papier?«
»Hier Signor - ich habe versprochen, es in die Hände des ersten Edelmannes oder sonst eines angesehenen Mannes niederzulegen, den ich antreffen würde, wenn ich den Mann nicht auffinden könne, der auf der Außenseite bezeichnet ist.«
»Geben Sie!«
Der Jüngling zögerte mit einem Blick auf die unscheinbare Kleidung des Vetturins, aber der General schlug seinen Mantel zurück und zeigte ihm seine Uniform.
»Sie können es ohne Besorgniß thun, junger Mann,« sagte er. »Ich gebe Ihnen mein Wort, daß die Nachricht, nicht verloren sein soll.«
Der Novize reichte ihm das Papier.
Es war ein zerknittertes schmuziges Blatt, auf dem bei dem Schein der Lampe nur mit Mühe die mit Bleistift geschriebenen Zeilen zu entziffern waren.
Der Verschwörer las sie vor.
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Sie lauteten:

           »An unsere Freunde oder jeden Mann von Ehre!
    Zwei unglückliche Frauen, die Opfer der Bosheit ihrer Feinde und eines Verbrechens, werden wider alles Recht, die eine seit vielen Jahren, in den Mauern des Klosters der heiligen Ursula am Monte Cenere festgehalten. Sie beschwören um Gotteswillen jeden Mann von Herz und Ehre, von ihrer Lage der unten bezeichneten Person, oder, wenn diese nicht aufzufinden ist, - Ihrer«
Der Lesende hielt inne. »Per Bacco!« sagte er - »das ist seltsam!«
»Nun?«

    »Ihrer Majestät der Kaiserin Eugénie von Frankreich persönlich Kunde zu geben.«
»An wen ist der Zettel gerichtet?« frug der Minister.
»An eine mir unbekannte Person, den Doktor Achmet, genannt der Mohrendoktor, früher bei den Garde-Zuaven in Paris.«
»Und führt die Bitte keine Unterschrift?«
»Doch - und sie ist seltsam genug. Es stehen zwei vornehme Namen darunter.«
»Welche?«
»Der eine lautet: ›Faustella, Herzogin von Ricasoli!‹[«]
Der General lachte. »Dann ist es ein alberner Scherz. So hieß die Nichte des Papstes, die ich als Spionin in Rom vor dem Sturm der Franzosen auf San Pietro in Montorio erschießen ließ!«
»Weiter - weiter! der andere?«
»Carmen Marquise von Massaignac!«
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»Cospetto! den Namen kenne ich - aber ich weiß nicht -« Der General ging an die Thür und öffnete sie.
»Komm' einen Augenblick herein, François!«
Der Major Laforgne trat in die Hütte.
»Erinnerst Du Dich, wie die Tochter des Obersten Massaignac hieß, des Haciendero, den wir in Montevideo trafen?«
»Señora Carmen - was ist mit ihr?«
»Da lies! Der Zettel ist aus einem Kloster hier in der Nähe durch diesen Burschen da, der zu uns übertreten will, gebracht worden. Ich würde ihm mehr Bedeutung beilegen, wenn nicht der Name jenes Weibes mit darauf stände, von deren Tod ich überzeugt bin.«
Der Minister war vorgetreten und hatte die Hand auf seinen Arm gelegt.
»Sie meinen die Nichte des Papstes, die Herzogin von Ricasoli?«
»Ja!«
»Haben Sie die Leiche gesehen?«
»Das nicht - aber ich weiß, daß sie füsilirt worden ist, noch ehe wir den Angriff der Franzosen zurückschlugen.«
»Ich erinnere mich allerdings, vernommen zu haben, daß man seit jener Zeit von der Dame Nichts mehr gehört hat und daß sie bei der Belagerung umgekommen sein soll. Aber es geschehen häufig Dinge, die viel wunderbarer sind, als das Wiederaufleben irgend einer Todtgeglaubten. Wichtiger wäre mir ...«
Aber er wurde von dem Ausruf des Offiziers unterbrochen.
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»Gott sei Dank! endlich eine Spur! Sie muß befreit werden unter allen Umständen und sollt' ich das Kloster an allen Ecken anzünden!«
»So glaubst Du wirklich, die Dame zu kennen?«
»Caramba! es ist kein Zweifel, General, es ist die Tochter unsers alten Gastfreunds aus Montevideo. Ich traf sie vor sechs Jahren bei meiner Mission in Paris wieder und war im Begriff, sie aus den Klauen eines habsüchtigen Bruders und ihres ebenso schurkischen Verlobten zu entführen, als sie mir und ihren Verwandten unter den Händen verschwand. Ich hörte Nichts wieder von ihr, bis im vorigen Jahr - als ich heimlich in Paris war - zur Zeit des Orsini'schen Attentats.«
»Ich weiß!« Der General warf einen ernsten Blick auf den Verschwörer. »Wäre es mir damals bekannt gewesen, was sich mit der Mission des Soldaten verknüpfen sollte, Du würdest Paris nicht betreten haben!«
»Das ist vorbei,« sagte achselzuckend Mazzini. »Lassen Sie lieber den Major weiter erzählen.«
»Ich sah damals in Begleitung eines Freundes die junge Marquesa wieder und zwar im Circus der Kaiserin am Tage vor dem Attentat und unter der Maske einer Kunstreiterin. Aber ich hatte nicht Zeit, die Bekanntschaft zu erneuern, denn wie Sie wissen, mußte ich über Hals und Kopf das Weite suchen, da unsere Pläne entdeckt wurden. Ich glaube, daß auch ihre Feinde sie wiedererkannten, denn ich erfuhr, daß sie am Abend des Attentats, aus der großen Oper spurlos verschwunden ist. Jetzt wo ich so unverhofft höre, wo sie zu finden, übe
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ich eine doppelte Freundespflicht, indem ich Alles aufbiete, sie zu befreien und ihr zu ihren Rechten zu verhelfen, und wenn Sie mich nicht durchaus brauchen, General, möchte ich Sie wohl um einen kurzen Urlaub bitten.«
»Geduld! wir wollen sehen, was zu thun ist. Die Pflicht des Soldaten geht vor.«
Der Minister hatte einige Zeit überlegt, dann zog er seine beiden Gesellschafter nach der andern Seite der Hütte und sprach leise und eifrig mit ihnen.
»Sie haben Recht, Signor Conte,« sagte der Verschwörer, - »es wäre allerdings von großer Wichtigkeit, etwas Näheres über die Zwecke dieser Zusammenkunft unserer Feinde zu erfahren. Aber ich weiß in der That kaum, wie es möglich sein soll!«
»Sie wissen, Giuseppe, daß ich ein Detachement meiner Jäger bei mir habe. In einer Viertelstunde können sie hier sein!«
»Nein, das geht nicht - es ist Schweizer Gebiet und die Neutralität darf nicht verletzt werden,« erklärte der Graf.
»Ich muß mich gleichfalls dagegen aussprechen,« sagte der Verschwörer. »Der Tessin ist meine Sicherheit und ich würde die beste Gelegenheit verlieren, unserer Sache zu nützen. Aber es läßt sich vielleicht auf andere Weise ausführen. Ueberlassen Sie mir die Fragen!«
Er trat zu dem Novizen.
»Vorerst Signor Felizio, so ist ja wohl Ihr Name, sichere ich Ihnen den Schutz dieser Herren zu, und Sie können daher vollkommen ruhig sein über Ihre Zukunft.
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Aber Sie müssen uns im Interesse der guten Sache, der Freiheit Italiens, einen Dienst erweisen und zunächst einige Fragen genau beantworten.«
»Fragen Sie!«
»Waren Sie der einzige Begleiter des Rektor Copasini?«
»Nein, Signor - der Fra Andrea ist mit uns und ein Diener des Generals,«
»Stehen Truppen im Kloster oder in dessen Nähe? Befinden sich Männer dort, die Widerstand leisten könnten?«
»So viel ich gesehen, besteht das Dienstpersonal des Klosters aus einem Voigt und vier Knechten. Sie wohnen sämmtlich in den Außengebäuden.«
»Glauben Sie, daß man Ihre Flucht bereits bemerkt hat?«
»Ich hoffe, nein. Es ist ziemlich unwahrscheinlich. Ich habe meine Zelle verschlossen und der Rektor pflegt, nachdem er mir die Pönitenz aufgegeben, nicht mehr nach mir zu fragen bis zur Frühmesse. Ueberdies wird diesen Abend noch ein Fremder erwartet, mit dem sie eine wichtige Unterredung haben wollen.«
»Sie wissen nicht, wer das ist?«
»Nein, Signor!«
»Wissen Sie, wo diese geheimen Unterredungen stattfinden?«
»In der Wohnung der Aebtissin. Dieselbe liegt im Korridor des Hauptflügels und gränzt an das Refectorium.«
»Gut! ich sehe, Sie haben ein gutes Auge für
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Lokalitäten. Nun das Wichtigste. Glauben Sie, daß Sie unbemerkt in das Kloster zurückkehren könnten?«
»Ich? - zu ihm? - Nimmermehr!«
»Seien Sie verständig, junger Mann, es handelt sich um Ihre ganze Zukunft. Ich wiederhole Ihnen, daß Sie unter unserm Schutz stehen und daß wir für Ihre Befreiung bürgen. Aber die wichtigsten Interessen gebieten uns den Versuch, von den Plänen und Mitteln unserer Gegner Kenntniß zu erhalten. Sie allein können uns zu der Gelegenheit verhelfen. Ueberdies, erinnern Sie sich, daß Sie versprochen haben, die gefangenen Frauen befreien zu helfen!«
In den Augen des so lange unterdrückten tyrannisch behandelten Jünglings glänzte ein ritterliches Feuer.
»Ich bin bereit,« sagte er hastig, »und denke die Stelle leicht wieder zu finden. Was habe ich zu thun?«
»Sie können natürlich nicht allein gehen und müssen einen Begleiter haben. Aber wen?«
»Mich, Signor! ich bitte darum!«
Der junge hagere Jesuit sah mit Theilnahme auf die feste kräftige Gestalt des Majors. »Signor,« sagte er - »der Weg ist sehr schwierig, wir müssen die Felsen erklimmen, auf denen das Kloster steht, um unbemerkt hinein zu gelangen. Ich bin in den Pyrenäen geboren.«
»Und ich habe meine Erziehung auf der Itaparika erhalten, sorgen Sie also nicht um mich. Geben Sie uns Ihre Instructionen, Signori!«
»Sachte, sachte!« sagte lachend der Verschwörer. »Wir haben mancherlei Vorsichtsmaßregeln zu beachten. Zuerst,
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Major, ist es unmöglich, daß Sie in Ihrer Uniform den Streich unternehmen!«
»Aber wie soll ich mir hier andere Kleider verschaffen?«
«Cospetto! wir sind hier in einer Gesellschaft von Spitzbuben und die werden für das Nöthige leicht Rath schaffen. Lassen Sie Abramo kommen!«
»Signor,« sagte unterbrechend der junge Jesuit, »ich glaube Ihnen ein besseres Auskunftsmittel bieten zu können. Wenn dieser Offizier nur seinen Mantel ablegt, hoffe ich ihn unbemerkt in das Kloster bringen zu können und gebe ihm dann eines meiner dunklen Gewänder. So wird er am Wenigsten auffallen, wenn wir andern Personen begegnen.«
»Das ist wahr, der Gedanke ist vortrefflich. Aber doch werden wir den Juden noch brauchen. Einstweilen finden Sie am Sattel meines Maulthiers einen alten dunklen Mantel, Major, wie er zu einem bescheidenen Vetturin paßt, und der Ihre Uniform verstecken wird. Wollen Sie Signor« - er wandte sich mit einem Wink zu dem Minister - »einstweilen den jungen Mann hier instruiren, im Fall er allein die Unterredung zu belauschen suchen muß.«
Der Vetturin verließ die Hütte, indem er den Offizier mit sich nahm. Während der General den Posten an der Thür einnahm, um jeden Lauscher fern zu halten, nahm der Graf den Novizen vor.
»Verstehen Sie deutsch oder französisch?« frug er.
»Ja, Signor. Die Schüler der Jesuiten-Kollegien
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müssen möglichst viele Sprachen lernen. Ich spreche das Französische fertig und verstehe auch etwas Deutsch.«
»Es ist nur für den Fall, daß man sich dieser Sprachen bedienen sollte. Sie haben bereits gehört, daß uns sehr viel daran liegt, von den Zwecken der Zusammenkunft Kenntniß zu erhalten, welche der Rektor Corpasini, Ihr Peiniger und Feind, wie er der der Befreiung Italiens ist, mit unbekannten Personen in dem Kloster hält. Können Sie dies erlauschen und uns Nachricht darüber geben, so rechnen Sie auf unsere ganze Dankbarkeit. Der Offizier, der Sie in das Kloster begleiten und Ihnen in jeder Beziehung beistehen wird, soll Sie bei Ihrer Rückkehr zu mir bringen und wird Ihnen sagen, daß ich die Macht habe, mein Versprechen zu erfüllen. Sie hatten sich entschlossen, sich unserer Sache anzuschließen und Sie haben jetzt Gelegenheit, ihr sofort einen wichtigen Dienst zu leisten.«
»Ich will thun, Signor, was ich kann!«
»Das ist Alles, was man verlangen kann. Signor Gonelli wird Sie und Major François bis in die Nähe des Klosters begleiten. Ich höre sie eben zurückkommen. Leben Sie wohl - und möge Alles gut gehen!«
»Aber die beiden Frauen, Signor - die Gefangenen?«
»Ueberlassen Sie das dem Major, und wenn es Ihnen gelingt, sie zu befreien, so bringen Sie dieselben mit nach Turin.«
Der angebliche Vetturin, den der bucklige Spion, vorhin mit dem Namen Gonelli angeredet, kehrte eben mit
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dem Offizier zurück. Zehn Schritt hinter ihnen folgte der Jude mit dem mürrischen Wolfsjäger, der das Maulthier am Zügel führte.
»Je eher wir aufbrechen,« sagte der Verschwörer, »desto besser ist es. Major Laforgne ist durch den kleinen Halunken, ohne daß dieser weiß, um was es sich handelt, mit einer Feile, einem Brecheisen und Stricken versehen. Wenn wir Nichts weiter zu verhandeln haben, Signor Conte, so wollen wir uns trennen. In einer Stunde geht der Mond auf, und die Schwierigkeit für unsere beiden Abenteurer, in das Kloster zu gelangen, würde um so größer sein.«
»Mein Zweck ist erfüllt und ich glaube - wir scheiden als Bundesgenossen!« Er reichte ihm die Hand, die der Verschwörer lächelnd nahm.
»In dem großen Werke der Befreiung Italiens von den Fremden, ja. Das Weitere gehört der Zukunft. In einigen Tagen schon hoffe ich durch Abramo Ihnen weitere Nachrichten senden zu können. Einstweilen Signor Conte, schicken Sie diese Franzosen wacker in's Feuer - so werden wir zwei gefährliche Feinde statt des einen los und -« er trat ihm näher und sagte die folgenden Worte nur ihm verständlich - »der Kaiser Louis Napoleon kann auch Etwas thun für Nizza und Savoyen!«
Der Minister fuhr unwillkürlich zurück.
»Lassen Sie Garibaldi nicht zu zeitig hören,« fuhr der Verschwörer leise fort, »daß der König Victor Emanuel sein Vaterland an die Franzosen verkauft hat, er könnte sonst leicht die Generals-Epauletten ihm vor die Füße
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werfen. Und nun Gott befohlen - und lassen Sie unser nächstes Rendezvous auf dem San Marco des befreiten Venedigs sein!«
Er schüttelte dem General die Hand und winkte Abramo, das Maulthier herbeizuführen.
Der Bucklige begleitete den ehemaligen Wolfsjäger und Henker bis zur Gruppe. »Du weißt, Szabó,« flüsterte er, »daß Du bleiben sollst bei Andrea, bis wir kommen. In einer Stunde werden wir doch sein bei Euch!«
Der Wilde nickte mürrisch.
Wenige Augenblicke darauf entfernte sich der Vetturin, von dem Slowaken geleitet und von Major Laforgne und dem Novizen begleitet in der Richtung des Gebirges, während der General und sein Gesellschafter, dessen Incognito zu durchdringen sich die Neugier des Spions vergeblich bemüht hatte, nach dem Ufer des Sees zurück geleitet wurden, wo nach der Verabredung die Hälfte der Jäger mit einer der Barken bis zum Anbruch des Tages auf den kecken Offizier warten sollte.


Es war fast Mitternacht, als in einer überaus spärlich, fast gefängnißartig möblirten Zelle des Klosters San Ursula zwei Frauen beim Schein einer kleinen Lampe saßen und mit einer groben Nätherei beschäftigt waren.
Das Kloster lag an einem der Abhänge des Monte Cenere, unweit der Straße von Bellinzona nach Lugano, und stand in dem Ruf, eines der besten aber auch strengsten Erziehungsinstitute der Schweiz für junge Damen zu
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sein, die von bigotten und streng katholischen reichen Familien Italiens, Frankreichs und der Schweiz, ja oft aus noch größerer Entfernung hierher gesandt wurden; doch wollte der Ruf, wenigstens in der Nachbarschaft wissen, daß es auch als eine Art Pönitenzhaus und für andere Zwecke der strengsten ultramontanen Richtung benutzt werde, die im Kanton Wallis und Tessin den bedeutendsten Einfluß und fast unbeschränkte Macht besitzt. Die abgeschlossene Lage und die Strenge der Ordens- und Hausregeln, die von der Oberin mit großer Energie geübt wurde, isolirte das Kloster von der übrigen Welt. Manche seltsame Geschichte über Vorgänge in dem Stift circulirte in der Nachbarschaft und hatte auch bereits den Weg in schweizer Blätter gefunden.
Die Lage des Klosters selbst eignete es allerdings zu einer Erziehungsanstalt; denn zwischen den Alpen und der lombardischen Ebene gelegen, vereinigte es die frische stärkende Luft der erstern mit der reichen Vegetation der Ufer des Luganer Sees. Es bestand aus einem ziemlich großen unregelmäßigen Gebäude mit vielen Winkeln und Ecken, auf einem Felsplateau gelegen, das nach drei Seiten rauh abfiel und eine herrliche Aussicht nach den tiefern Gegenden bot, und war mit einer ziemlich hohen, aber baufälligen Ringmauer umgeben.
Die beiden Frauen waren in eine einfache klösterliche Tracht von sehr groben Stoffen gekleidet und, obschon Beide noch jung, doch von verschiedenem Alter, - die eine etwa fünf- bis sechsundzwanzig Jahre, die andere sechs bis sieben Jahre älter, eine Verschiedenheit, welche die
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Spuren längerer Leiden bei ihr noch stärker hervortreten ließen. Selbst die Lage, in der sie sich befanden und die entstellende tief anschließende Leinenhaube konnte nicht verhindern, zu erkennen, daß Beide von besonderer und eigenthümlicher Schönheit waren und jene Eleganz und Sicherheit der Bewegungen besaßen, die gewöhnlich eine Folge vornehmer Geburt und Erziehung ist.
Die Aeltere, deren Züge an die dämonische dreifache Schönheit erinnerten, die vor zehn Jahren den Verstand des mißgewachsenen deutschen Malers in Rom und des kräftigen Schweizer-Offiziers verwirrte, warf mit nervöser Heftigkeit die Arbeit zu Boden.
»Heilige Madonna,« rief sie erregt - »mögen sie mich strafen morgen diese schändlichen Weiber - ich will, ich kann nicht mehr. Lieber will ich den Tod ertragen, als länger dieses Leben! Wär' es nicht besser, die Kugeln der Mörder hätten damals meine Brust zerrissen, als daß ich hier die Magd heuchlerischer tyrannischer Klosterweiber sein muß, nicht besser, als wäre ich in einer Gruft eingemauert! Und mich nicht rächen zu können an diesem schurkischen Priester, der schuld ist an meinem Elend und mich mit Absicht einem lebendigen Grabe überliefert hat!« -
»Ruhe, Ruhe Schwester Paula,« bat die Andere, »Sie wissen, daß wir jetzt wenigstens eine Hoffnung haben, und daß wir sie nicht selbst zerstören dürfen. Es ist bald Zeit zur Mitternachtsmesse und wir müssen die Arbeit morgen früh vollendet haben, wenn wir nicht Verdacht erregen wollen, daß wir uns am Nachmittag nicht damit beschäftigten. Ich bin fertig und will Ihnen helfen!«
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Sie nahm die Arbeit auf, aber der Ungestüm der Aelteren riß sie ihr aus den Händen.
»Nein,« rief sie trotzig - »mögen sie kommen! mögen sie mich zur Geißelung verdammen, oder in ihre Kerker sperren - es muß ein Ende werden. Die Herzogin von Ricasoli, die Nichte des Papstes, will nicht länger die Sclavin dieser verächtlichen Weiber sein! Was habe ich gethan, was habe ich verbrochen, daß man mich gefangen hält! Santa Maria, warum habe ich damals nicht das elende Gaukelspiel durchbrochen, blos aus Furcht um das erbärmliche Leben, daß ich mich für eine Andere ausgeben ließ, zu der der Pöbel wallfahrtete, wie zu einer Heiligen, statt ihnen entgegen zu schreien, daß ich keine Nonne bin, sondern ein Weib, das berechtigt ist zu jedem Genuß des Lebens!«
»Arme Freundin!« sagte beruhigend die Andere. »Man hat uns Beide aus der Welt schaffen, unserer Rechte berauben wollen. Ich weiß nicht, warum es bei Ihnen geschehen, bei mir ist es die Habsucht eines unnatürlichen Bruders oder die Rache eines Verschmähten, die mich zur Ablegung des Klostergelübdes zwingen will. Aber niemals soll es geschehen, und wenn ich, wie Sie, zehn Jahre in diesem Kerker dulden müßte; denn ich trage im Herzen ein Bild, das mich auf Gott und die Heiligen vertrauen läßt!«
Die bleiche Laienschwester mit dem hagern abgehärmten Gesicht lachte höhnisch auf, dann begrub sie unter strömenden Thränen das Antlitz in die Hände.
»Ich habe gehofft und vertraut, wie Du,« schluchzte
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sie, »aber die Jahre sind vergangen und meine Jugend ist vorbei. Heilige Madonna, mein einziges Verbrechen war die Liebe und mein warmes Blut! Aber freuen sich nicht Millionen Herzen der Liebe unter Gottes freiem Himmel, im Gewühl und der Lust der Welt? Warum muß ich, die Reiche, Hochgeborne, die zu allen Freuden des Lebens Berufene, so entsetzlich die kurze Zeit des Glückes und der Freude büßen? Wär' ich ein niedrig gebornes Weib, dann hätte man Tugend und Entsagung von mir verlangen können - aber ich bin die Herzogin von Ricasoli - ich bin ...«
»Still - um des Himmels willen!« Die jüngere Gefangene hatte rasch die Lampe ausgeblasen, »Die Aufseherin kommt durch den Gang, und Sie wissen, daß man Sie straft, wenn Sie jenen Namen nennen!«
In der That schlurfte ein langsamer Tritt durch den hallenden Klostergang an der Thür der Zelle vorüber und ein Finger klopfte warnend an dieselbe.
Mit einem gewissen Schauder hörten die Frauen die Schritte sich entfernen.
»Sie wissen, daß man Sie wahnsinnig schilt, Schwester Fausta, wenn Sie jenen Namen nennen,« bat die Jüngere, »und daß man Sie dann straft und uns trennt. Aber in diesem Augenblick müssen wir dies um jeden Preis vermeiden. Wenn es dem unglücklichen jungen Mann gelungen ist, sein Vorhaben auszuführen und zu entfliehen, wird er gewiß so ehrlich sein, das Versprechen zu halten, und es werden sich brave Menschen finden, die sich unserer annehmen und unsern Freunden Kunde von
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unserer Haft geben. Die Zeitungen werden unsere Namen nennen und man wird uns nicht länger hier in Haft halten können!«
»Ja ja - wir werden frei sein - wir müssen gerettet werden! Wir wollen wieder in's Leben hinaus, in die schöne Welt und zu ihren Freuden! Ich werde wieder die schöne Herzogin von Ricasoli sein, die Gefeierte in hundert Kreisen - nicht die bleiche widerwärtige Nonne Fausta! - Ich will noch lieben und geliebt werden - ich bin noch nicht zu alt dazu! - Aber wissen Sie -« die Unglückliche, deren Verstand und Geisteskraft wirklich das lange Leiden häufig zu umnachten begann, faßte zitternd den Arm ihrer Gefährtin - »was nutzt es, daß wir den Brief ihm gegeben, daß wir unsere Namen hinaus schreien in die Welt! Man wird uns in einen andern Kerker, in ein anderes Kloster schleppen, wie man mich von Rom in diesen Winkel der rauhen Eisberge geschleppt hat, ehe unsere Freunde Zeit haben, uns zu befreien!«
Carmen Massaignac, - denn die zweite Gefangene war in der That die von der Intrigue ihres Bruders und Verlobten Entführte aus Paris, die in diesem entfernten Winkel der pfaffischen Tyrannei zur Annahme des Schleiers gezwungen werden sollte, - fühlte die Wahrheit der Bemerkung aus dem Munde der unglücklichen, bereits oft geistig gestörten Frau, mit der sie die strenge klösterliche Haft theilte. Aber ihr auf besseren Grundlagen ruhendes Gottvertrauen und die Energie ihres Charakters, die selbst die empörende Behandlung wohl beugen, aber nicht hatte vernichten können, unterdrückten die Befürchtung.
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Sie suchte ihre Leidensgefährtin zu beruhigen und wendete ihr Gespräch auf einen anderen Gegenstand.
»Man läßt Sie freier in diesem Theil des Klosters umhergehen, als mich, weil ich noch nicht so lange hier bin,« sagte sie. »Haben Sie nicht von dem Geschwätz der Nonnen erfahren, wer der junge Priester wohl ist, dem wir uns diesen Abend anzuvertrauen gewagt?«
»Ich durfte ja nicht fragen, Sie selbst haben es mir verboten. Aber er gehört sicher zu den Fremden, die seit zwei Tagen im Kloster sind und mit denen die Mutter der wilden Fernanda, ich weiß nicht aus welchem Lande im Norden gekommen ist.«
»Das glückliche Kind,« seufzte unwillkürlich die Argentinerin. »Sie hat eine Mutter gefunden, die ich niemals gekannt habe!«
»Das Kind,« sagte die Herzogin, »ist die einzige von allen Pensionairinnen, die sich nicht verbieten läßt, mit uns zu reden, wenn wir ihr begegnen.«
»Gott segne sie dafür. Es ist so wohlthuend, ein freundliches Herz zu finden, wo man um sich nur Feinde weiß. Aber horch, Schwester Fausta - hörten Sie Nichts?«
Die Herzogin, die unter dem verhängnißvollen Namen ein Opfer der kalten Politik des Kardinal-Staatssekretairs geworden und auf seine Veranlassung bald nach der Wiederherstellung der päpstlichen Macht nach dem entfernten Kloster in den Alpen gebracht worden war, da der Heiligenruf der Schwester Paula bei dem Volk im Kloster der
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Büßerinnen am Esquilin Entdeckung drohte, - beugte sich lauschend nach dem vergitterten Fenster der Zelle.
»Ich höre ein Geräusch - draußen im Garten. Soll ich öffnen?«
»Gewiß!«
Die kühnere und entschlossenere Argentinerin war sofort am Fenster und öffnete es leise. Drunten im Garten, im Licht der Sterne bewegten sich zwei dunkle Gestalten - ihr Herzschlag drohte die Brust zu zersprengen.
»Señora Carmen? Carmen von Massaignac?«
»Wer ruft eine Unglückliche, Gefangene?«
»Kennen Sie die Stimme eines alten Freundes nicht mehr? des Freundes von den Ufern des La Plata - des Mannes, dem Sie im Bois de Boulogne einst Ihre Rettung anvertrauten? - muß ich Ihnen erst einen Namen nennen aus dem Cirque der Kaiserin, der wahren Anspruch auf Ihr Leben hat?«
»Heilige Madonna - diese Stimme - Kapitain Laforgne?«
»Laforgne ist es, der hier ist, selbst mit seinem Leben Sie zu retten für den verzweifelnden Freund!«
»Allmächtiger Himmel, ich danke Dir! mein Vertrauen hat mich nicht getäuscht!«
Sie war vor Aufregung schluchzend in die Knie gesunken. Faustella stand zitternd neben ihr, sie fühlte, daß mit diesem Schutz der Freundin und Leidensgefährtin auch ihr Unglück sein Ende erreichen mußte!
»Vorsicht!« flüsterte der Offizier - »die List muß mir helfen, Sie zu befreien, denn ich bin allein und auf
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fremdem Gebiet. - Signor Felizio - gehen Sie jetzt an Ihre Aufgabe, und lassen Sie uns in einer Stunde einander hier wieder treffen, so lange wird das Durchfeilen der Eisenstäbe dauern!«
Der Novize empfahl ihm Vorsicht, dann glitt er rasch hinweg. Die Kunstreiterin hatte sich von ihrem freudigen Schreck wieder erholt. »Um des Himmels willen, Kapitain Laforgne, sagen Sie mir, wie Sie hierher kommen? Wo ist Doktor Achmet, mein väterlicher Freund? Was macht ...«
Trotz des Dunkels der Nacht stieg die heiße Röthe auf ihre abgehärmten Wangen.
»Otto - Otto von Reuble? Sie haben ein Recht, danach zu fragen und die Pflicht, es zu thun. Mit Freuden habe ich dem Freunde Ihr Vertrauen abgetreten. Er ist in seiner Heimath, verzweifelnd um Sie, nachdem er Alles gewagt, eine Spur von Ihnen zu finden! Vor zwei Monaten erhielt ich seinen letzten Brief. Ihr Name war sein Inhalt!«
Sie preßte die Hände auf die wogende Brust. »Aber Sie, Kapitain - Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet!«
»Der junge Mann, dem Sie sich anvertraut, traf mich auf einem Posten der Unseren - denn Sie werden hoffentlich wissen, daß der Krieg ausgebrochen ist mit Oesterreich und daß die Franzosen an der Gränze der Lombardei stehen. Ihre Zeilen sind in den Händen mächtiger und einflußreicher Männer und mit deren Willen bin ich hier, Sie zu befreien. Lassen Sie uns berathen, wie das am Besten geschehen kann!«
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Es folgten rasch einige Verständigungen, bei der die genauere Kenntniß des Klosters, welche die unglückliche Römerin durch ihren längeren Aufenthalt besaß, helfen mußte. Die Zelle der beiden Gefangenen befand sich in einem abgelegenen Theile des Klosters. Die Thür war zwar nicht geschlossen, wohl aber der Korridor, der zu dieser Seite führte, über die eine der Klosterfrauen die Aufsicht führte, ein hartes, boshaftes Weib, deren Zelle sich am Ende des Ganges befand, zum Glück nicht nach derselben Richtung hinaus. Carmen, die erst von ihrer Leidensgefährtin erfahren, in welchem Lande und in welcher Gegend sie sich befand, da man sie mit Anwendung großer Vorsicht aus dem Kloster in Paris hierher gebracht hatte, wurde mit dieser sehr streng und wie eine mit schwerer Pönitenz belegte Klosterfrau behandelt. Sie war auf den Theil des Klosters beschränkt, in dem sich ihre Zelle befand, sah die Nonnen und die Pensionairinnen nur während des Gottesdienstes, dem sie regelmäßig beiwohnen mußten, und wurde mit groben weiblichen Handarbeiten beschäftigt. Wiederholt war ihr, selbst unter den schwersten Drohungen, der Antrag gemacht worden, den Schleier zu nehmen, aber mit dem energischen Muth, der ihr eigen, hatte sie sich bisher geweigert und allem Druck widerstanden.
Sie sagte dem so unverhofft gefundenen Freunde, daß in wenigen Minuten die Glocke der Klosterkirche das Zeichen geben würde zur Mitternachtsmesse, der sie gezwungen wären, beizuwohnen. Nach kurzer Berathung wurde beschlossen, daß Faustella sich zu der nächtlichen Andacht begeben und
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auf die Frage der Aufseherin antworten solle, daß ihre Gefährtin krank sei, damit Carmen unter dieser Zeit mit aller Kraft an der Durchschneidung des Eisengitters arbeiten könne, welches das Fenster ihrer Zelle schloß und ihre Flucht verhinderte. Während der Offizier an eine herabgelassene Schnur eine Feile und einen Strick band, erklang bereits die Glocke, welche die Nonnen zur Mitternachtsmesse rief.
In verschiedenen Theilen des Gebäudes sah man Lichter durch die Gänge wandern; die Kirche selbst war von dem einspringenden Winkel, in dem sich die Zelle der beiden Gefangenen befand, nicht sichtbar.
Der Offizier gab hastig der jungen Marquise eine Anweisung, wie sie die Feile brauchen solle, dann zog er sich, wobei das dunkle Jesuitengewand ihn noch mehr verbarg, in den Schatten der Mauer zurück und verschwand um den nächsten Vorsprung. - - -
Während dieser kurzen Unterredung, welche die Hoffnung der beiden Frauen auf's Neue anfachte und fast zur Gewißheit erhob, hatte eine andere nicht minder wichtige in einem andern Theile des Klosters stattgefunden, die sich gleichfalls mit ihrem Schicksal beschäftigte.
Wir haben zunächst noch nachzutragen, wie es dem Freischaarenmajor und dem jungen Jesuiten gelungen war, in das Kloster zu gelangen.
Sie waren mit ihrem Begleiter, dem Vetturin, nachdem der ehemalige Wolfsjäger und Profoß bei dem Posten der Bande sie verlassen hatte, auf der Landstraße bis zum Fuß der Felsenhöhe, welche das Kloster trägt, ohne Hinderniß
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und ziemlich rasch vorgeschritten. Dort hatte der Verschwörer sich von ihnen getrennt, um eilig seinen Weg fortzusetzen, während Felizio und Laforgne an der ungebahnten Seite des Felsens emporstiegen und bis zur Umfassungsmauer des Klosters gelangten. Der Novize, nachdem er einmal die Fesseln von sich geworfen, die so tyrannisch bisher auf ihm gelastet, schien ein ganz anderer Mensch, und entwickelte Scharfsinn, Thatkraft und Fähigkeiten, von denen man bisher keine Spur bei ihm bemerkt. Mit dem scharfen Ortssinn, welcher den Kindern der Gebirge eigen, fand er die Stelle wieder, wo eine Lücke der verfallenden Mauer ihm die Flucht erleichtert, und es gelang ihm, unbemerkt durch die offenen Korridore die Zelle zu erreichen, die ihm zur Wohnung angewiesen worden war. Nachdem er sich dort überzeugt hatte, daß seine Flucht noch nicht bemerkt worden war, nahm er eines seiner Gewänder, schlich damit in den Garten zurück, wo der Major versteckt zurück geblieben war, und führte diesen, für eine zufällige Begegnung mit den Klosterleuten durch den schwarzen Talar unkenntlich verkleidet, an dieselbe Stelle, wo am Nachmittag die beiden gefangenen Frauen sich ihm bemerklich gemacht und seinen Beistand erbeten hatten.
Nachdem sie, wie wir erzählt, die Aufmerksamkeit der beiden Frauen erregt hatten, verließ der Novize eilig seinen Begleiter, um an die Ausführung des ihm gewordenen Auftrags zu gehen. - -
In dem Empfangzimmer der Aebtissin befanden sich neben dieser, einer Frau von strengem ascetischem Aussehen und großem hagerem Wuchs, drei Männer in eifrigem
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Gespräch: Der Rektor des Jesuiten-Seminars zu Bologna, der General Graf Mortara und der Agent des Ordens im Norden, der Kommissionsrath Boltmann.
»Der Graf,« sagte der Prälat, indem er von einigen Briefen aufsah, die vor ihm mit Schreibmaterial auf dem Tisch lagen, »hat mir erklärt, daß sie noch diese Nacht ihre Rückkehr antreten mußten, um morgen in Genf den Nachtzug nicht zu versäumen. Er behauptet, daß ihre Abwesenheit von Paris unangenehme Nachfragen erregen könnte, da der Kaiser Louis Napoleon bei der Bestellung der Regentschaft ihn zu einem der Beiräthe ernannt hat. Auch Sie Signor Boltmann, müssen so rasch als möglich zurückkehren. Die Besprechung mit dem Minister in München ist sehr nothwendig und die Verhältnisse erfordern dringend Ihre Anwesenheit in Berlin.«
»Ich hatte die Ehre, es Ihnen zu sagen Monsignore. Nur die Wichtigkeit der Sache konnte mich zu dem Vorschlag dieser Zusammenkunft veranlassen.«
»Sie hatten Recht - eine Million hat in dieser Zeit eine Wichtigkeit, der sich andere Rücksichten unterordnen müssen. Aber nun ist die Angelegenheit geordnet, oder wird es vielmehr noch diese Nacht vollständig sein, und Sie können ungehindert zurückkehren. Wird Madame Günther hier bleiben?«
»Sie ist entschlossen, sich in der Schweiz niederzulassen, aber sie verlangt mit dem ihr eigenen Starrsinn den Versuch, ihrem Kinde den Namen seines Vaters zu sichern.«
»Von Reuble? ein kleiner preußischer Edelmann?«
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»Ja, Monsignore, aber die Sache hat bei dem Charakter der Betheiligten ihre Schwierigkeiten.«
»Wir kommen sogleich darauf zurück, lassen Sie uns erst die wichtigeren politischen Fragen ordnen. Sie sind also gewiß, daß die Preußischen Kammern die Anleihe von vierzig Millionen für die Kriegsbereitschaft bewilligen werden?«
»Es ist kein Zweifel daran - es ist wahrscheinlich in diesem Augenblick schon geschehen. Der Schluß der Kammern soll dann sogleich erfolgen, um dem Ministerium freie Hand zu lassen.«
»Gut! Die Rückkehr des Königs und der Königin, die bereits in Wien angelangt sein müssen, wird alsdann trotz seiner Krankheit ein Gegengewicht gegen die napoleonischen Sympathieen des Ministeriums Hohenzollern sein. Nach der Bewilligung der vierzig Millionen hat Preußen keinen Vorwand, sich den militärischen Maßregeln länger zu entziehen, welche bereits die kleinern Staaten zur Unterstützung Oesterreichs ergriffen haben. Aber Ihre Anwesenheit ist nöthig, um ein wachsames Auge auf die Politik zu richten. Sie wissen, mit welcher thätigen Partei wir zu kämpfen haben, und welche Mittel die revolutionaire Partei durch die Verdächtigungen von London aus anwendet, die innern Angelegenheiten zu verwirren. Auf das Ministerium Hohenzollern ist, obschon katholisch, nicht zu rechnen wegen der französischen Verwandtschaft. Der Einfluß Moustiers ist zwar entfernt, seine Liebesscandale und der Depeschendiebstahl hatten ihn unmöglich gemacht, aber de Launay ist noch da, und seine Verbindungen mit ihm
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sind geblieben. Ich weiß bestimmt, daß dieser in der preußischen Presse intriguirt und das Ohr von zweien der Minister hat. Deshalb ist als Gegengewicht der Fürst Carini jetzt von Neapel ambassadirt worden. Das Kabinet von Wien wird überdies einen sehr gewandten jungen Diplomaten hinschicken mit einer liebenswürdigen Frau - der Einfluß der Frauen in Berlin ist wichtig, man muß mit gleichen Waffen kämpfen. Unterhalten Sie namentlich die Verbindung mit ... und ... Er hat sich sehr geschickt bei dem Regierungswechsel erhalten und die Gräfin ist ganz die unsere. Der Fürstkanzler Metternich selbst ist damit einverstanden, daß man von Wien Concessionen macht. Es geht nicht ohne dieselben, wenigstens vorläufig.«
»Erlauben mir Monsignore die Frage, ob der Fürst bereits nach Berlin abgereist ist?«
»Windischgrätz? - nein - er soll nur im äußersten Fall hingehn und zunächst noch ein Mal es in Petersburg versuchen. Sorgen Sie vorläufig dafür, daß die katholischen Vereine am Rhein sich regen11 und in der Presse unaufhörlich auf die Gefahren aufmerksam gemacht wird, welche für Deutschland aus einem Unterliegen Oesterreichs in Italien drohen. Sie haben an dem Organ der Conservativen in Preußen eine treffliche Stütze, und es ist sehr unglücklich oder sehr ungeschickt, daß Sie noch keinen Einfluß darauf haben erlangen können.«
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»Monsignore,« sagte entschuldigend der Agent, »es befindet sich ein einziges katholisches Mitglied in der Redaktion und dieses ist ein Stockpreuße. Alle meine Versuche, Einfluß auf die Zeitung zu gewinnen, sind gescheitert.«
»So sorgen Sie dafür, daß die katholische Presse jetzt jede Controverse vermeidet. Suchen Sie in der Armee Propaganda zu machen für den Eintritt in die österreichische. Das Beispiel des Prinzen Nicolaus von Nassau muß Nachahmung finden in den deutschen Fürstenhäusern.«
»Der Prinz von Schaumburg ...«
»Das genügt nicht. Wenn es gelänge, einen der preußischen Prinzen an dem Feldzug theilnehmen zu machen! Sie haben einen, der als Soldat viel verspricht und schon nach Indien gehen wollte. Man hat mir gesagt, daß er vor Begierde brennt, in einem größeren Kriege ein Kommando zu führen, und es würde ein Leichtes sein ...«
»Monsignore,« sagte der Agent bestimmt, »das ist unmöglich. Nur wenn die Preußen am Rhein stehen, ist daran zu denken!«
»Gut denn - ich hoffe, Sie haben mich vollkommen verstanden. Sie haben also mit allen Mitteln dafür zu sorgen, daß - im Fall das Kriegsglück, was immer eine sehr zweifelhafte Sache ist, - sich gegen uns erklärt, das Kabinet von Berlin sofort am Rhein sich engagirt sieht und seine kühle Zurückhaltung und Zögerung aufgiebt. Man muß Mittel finden, Preußen zu compromittiren! Der General erwartet auf das Schleunigste Ihre weitern Berichte nach Rom. Und nun lassen Sie uns die andere Angelegenheit ordnen. Noch Eins - man hat mir
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gesagt, daß die Affaire mit dem Judenknaben Mortara in der nordischen Presse viel Lärmen gemacht hat?«
Der Kommissionsrath zuckte die Achseln. »Sie wissen, daß die Hälfte der deutschen Journale in den Händen der Juden ist!«
»Das ist schlimm genug - sorgen Sie indeß dafür, daß die Sache in dem rechten Licht dargestellt wird. Die Autorität der Kirche muß aufrecht erhalten werden selbst unter den schweren Stürmen, die ich für sie heraufziehen sehe. - Sie sagen also, daß die Mutter die Anerkennung des Mädchens verlangt?«
»Ja Monsignore - auch ist dieselbe ohnehin nöthig, wenn von dem Marquis wegen der Erbschaft Schwierigkeiten gemacht werden sollten!«
»Das ist nicht zu befürchten, er hat uns selbst eine Bürgschaft dafür in die Hand gegeben, freilich bevor er eine Ahnung hatte, daß die Erbin auftauchen würde. Ich hege seinetwegen keine Besorgniß trotz seines Geizes, nur die Begleitung des Grafen Montijo gefällt mir nicht. Der Marquis von Massaignac steht offenbar unter seinem Einfluß und es muß ein Geheimniß geben, was ihm diesen verschafft und was wir noch nicht kennen. Aus diesem Grunde ist es nothwendig, daß die Dokumente vollständig in Ordnung sind. Lassen Sie uns daher dieselben noch einmal prüfen.«
Der Coadjutor verneigte sich zustimmend. »Hier ist zunächst das wichtigste, das Heirathsversprechen des erschossenen Lieutenant de Reuble, und die Erklärung, daß das zu erwartende Kind der Amalie Günther, seiner Braut,
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das seine sei! - Ich kenne die Familie und den Charakter des alten Edelmanns. Dies schriftliche Versprechen ist in seinen Augen so gut wie die vollzogene Heirath.«
»Aber Sie sagten, daß die Familie herunter gekommen ist. Wird sie nicht selbst Ansprüche auf die Erbschaft erheben, oder die Vormundschaft über das Kind in Anspruch nehmen?«
»Niemals! Er ist ein Mann von den starrsten Ehrbegriffen. Ueberdies wird die Familie nur erfahren, was unbedingt nöthig ist, und hat nicht die Mittel, die uns zu Gebote stehen. Dadurch, daß Madame Polentz ihren Aufenthalt mit dem Kinde vorläufig in der Schweiz oder in Frankreichs nehmen will, ist allen Befürchtungen ohnehin vorgebeugt.«
»Weiter also!«
»Hier ist das Taufzeugniß des Kindes und eine Abschrift der Anmeldung der Aufnahme desselben bei jener Frau, bei der es angeblich gestorben ist.«
»Das ist der schlimme Punkt, da Sie unmöglich selbst hervortreten können.«
»Die Sache hatte ihre Schwierigkeiten, aber es ist mir gelungen, sie zu lösen, ohne ihren Bruder, ein gefährliches Subjekt, hinein zu mischen. Die Tochter der Frau, bei welcher das Kind untergebracht war, ein leichtsinniges, aber gutmüthiges Geschöpf, hat nach dem Tode ihrer Mutter keinen Anstand genommen, vor unserm Notar die Aussage zu machen, daß das ihnen anvertraute Kind verschwunden oder gestohlen worden ist, und daß ihre Mutter eine andere kleine Leiche untergeschoben hat. Ueberdies
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haben wir das Zeugniß der Schusterfrau über das Muttermal der Wunde auf der Brust des Kindes und der Mutter selbst hat dies genügt, um ihr Kind anzuerkennen!«
»Das ist genug für uns und den Marquis, aber es würde wenig sein für die Gerichte der Laien.«
»Darum genießen wir auch durch Euer Hochwürden Vorsorge jenen Vortheil. Die Identität ist genügend dargethan, im äußersten Fall kann ich sie beschwören. Es handelt sich also noch um den Verzicht, und hier ist die notarielle Uebertragung aller Erbschaftsansprüche seitens der Frau an die Congregation. Da sie auf ein Datum vor der Geburt des Kindes zurückdatirt ist, kann das Dokument seitens der Verwandten des Vaters keinen Anfechtungen unterliegen.«
»Der Orden, Signor Boltmann, ist Ihnen für die gewandte Leitung dieser Angelegenheit verpflichtet. Es handelt sich jetzt demnach nur darum, von diesem rechtmäßigen Eigenthum der Kirche Besitz zu ergreifen. Was ist Ihre Meinung, das der Mutter ausgesetzt werden muß?«
»Wollen Sie das Mädchen zu einer Erbin machen oder nicht?«
»Ein bescheidener Stand wird genügen. Die Kirche braucht alle Mittel.«
»Dann Monsignore, schlage ich eine Summe von fünfzigtausend Franken vor. Die Kongregation behält dann immer noch fast zwei Millionen.«
»Es sei - ich bin damit einverstanden. Lassen Sie
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jetzt den Marquis und die Frau rufen, hochwürdige Mutter, wenn ich Sie bitten darf!«
Die Aebtissin, die bisher ohne Einmischung den Verhandlungen zugehört hatte, ging an die Thür und ertheilte einer im Vorzimmer weilenden Laienschwester den Auftrag.
Der Rektor wandte während der Zeit, die bis zum Eintritt der Beschiedenen vergehen mußte, das Gespräch auf einen andern Gegenstand.
»Wissen Sie, ob die Gensd'armen schon von ihrem Streifzug zurück sind, lieber Graf?«
»Nein - ich habe sie noch nicht kommen hören. Die Besorgniß der ehrwürdigen Mutter, welche sich eine Schutzwache ausbat, scheint etwas zu groß zu sein. Der Tessin ist als neutrales Gebiet anerkannt und die Gränze besetzt.«
»Doch nur ungenügend - die Herrn Schweizer lassen es an sich kommen. Bei einem Krieg treibt sich immer eine Menge Gesindel umher, das weder Freund noch Feind gehört. Die Ankunft des Brigadiers mit seinen sechs Gensd'armen diesen Abend ist daher ganz gut und wird genügen, nach unserer Abreise das Kloster gegen Unannehmlichkeiten zu schützen.«
»Es liegt zu weit vom Schauplatz des Krieges ab, um Besorgnisse hegen zu dürfen. Wissen Sie bereits, Signor Boltmann, daß der Erzherzog Johann in Graz gestorben ist?«
»Der ehemalige Reichsverweser? Wenn ich nicht irre, waren Euer Hochwürden damals in Frankfurt?«
Ein finsterer gehässiger Ausdruck flog über das Gesicht des Jesuiten, indem er von den Papieren, mit denen er
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sich wieder beschäftigte, empor sah. »Nur kurze Zeit, auf der Durchreise. Es war an jenem Tage, als jener Leichtsinnige und Undankbare die Strafe eines schrecklichen Endes fand!«
»Sie meinen den Fürsten Lichnowski?«
»Ja. Das erinnert mich an eine Frage. Haben Sie weitere Nachrichten von jener Frau - aus Helgoland - und ihrem Kinde?«
»Nichts Anderes, als was ich Ihnen früher berichtete. Sie ist verheirathet - das Mädchen bald erwachsen!«
»Seine Tochter!« murmelte der Jesuit. »Aber ich habe seinen Sohn!«
»Ich wußte nicht, daß Sie dem Prinzen noch einmal im Leben begegnet sind?« sagte fragend der General.
»Ich war an seinem Todtenbett und hörte seine Beichte, da kein anderer Priester in der Nähe war,« bemerkte kalt der Prälat12. »Doch dort kommen unsere Leute.«
Die Thür des Gemachs öffnete sich und eine Frau mit einem kleinen Mädchen von etwa 10 bis 11 Jahren trat ein.
Die Dame war einfach schwarz gekleidet, eine große volle Gestalt mit prächtigem blondem Haar. Das Mädchen, das sich zärtlich an sie schmiegte, hatte ein kluges frisches Gesicht.
Es war die Tochter des erschossenen Lieutenant
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von Röbel mit ihrer Mutter, der Schwester des Zuchthaussträflings, der Polkamamsell, der Wittwe des Partikulier Polentz! In den Zügen derselben schien ein einziges Gefühl lebendig, die Liebe zu der wiedergefundenen Tochter, die Sorge um diese.
Herr Boltmann war ihr entgegen gegangen und führte sie zu einem Sessel.
»Setzen Sie sich, meine liebe Freundin,« sagte er deutsch, »Sie sind hier unter Freunden, wenn auch einige Ihre Sprache nicht verstehen. Wir werden uns deshalb bei der weiteren Verhandlung, auf die ich Sie bereits vorbereitet habe, der französischen bedienen müssen, die Sie ja sprechen. Diese würdige Frau, die wie eine Mutter für Ihre Tochter gesorgt und sie erzogen hat, wird Ihnen gern mit ihrem Rath beistehen, wenn der meine nicht genügt.«
Die betrogene und doch so glückliche Frau reichte ihm die Hand. »Sie waren der Einzige, der mir ein theilnehmendes Herz zeigte, als ich keinen Freund auf der Welt hatte in meinem Schmerz, Sie gaben mir die erste Hoffnung, als ich all' mein Glück im Grabe wähnte, und haben diese Hoffnung erfüllt und meinen Engel mir aus diesem Grabe geholt. Ich werde Ihrem Rathe unbedingt gehorchen, und verlange Nichts, als daß man mich ungehindert meiner Tochter leben läßt.«
Selbst das kalte egoistische Herz des Agenten wurde bei diesen hingebenden vertrauenden Worten einer Frau gerührt, deren furchtbare Energie im Haß und der Rache er hatte kennen lernen, und die er so lange um ihr höchstes
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Glück hatte täuschen helfen. Der Vorwurf des Gewissens wurde aber bald durch den Gedanken an das Interesse des Ordens unterdrückt, dem er mit Leib und Seele gehörte, und das kalte ruhige Wort seines Vorgesetzten half ihm über die leichte Regung hinweg.
»Madame,« sagte der Rektor - »wir haben Sie rufen lassen, damit Sie vor Zeugen nochmals die diesem Herrn bereits gegebene, notarielle Abtretungsurkunde bestätigen. Die Personen, die Antheil an Ihrem Schicksal nehmen, sind offen und aufrichtig mit Ihnen zu Werke gegangen. Sie wissen, daß zu Ihrem eigenen und des Kindes Besten die Existenz desselben so lange ein Geheimniß bleiben mußte, weil es Feinde hatte, denen an seinem Tode Alles gelegen war. Sie wissen ferner, daß dieses Kind das Anrecht auf eine Erbschaft hat, daß Sie aber in keiner Weise die Mittel haben würden, einen Prozeß um dieselbe gegen die mächtigen und einflußreichen Personen zu gewinnen, welche sie in Händen haben. In Ihrem eigenen Interesse also war es, wenn wir Ihnen den Vorschlag machten, uns dieses zweifelhafte Anrecht abzutreten, um es zum Besten frommer Zwecke und der heiligen Anstalt, die dies Kind beschützt und erzogen hat, zu verfolgen!«
Der Jesuit überging den Umstand, daß der Mutter eben nur ihre Tochter wiedergegeben war unter der Bedingung dieser Abtretung und nachdem sie dieselbe unterzeichnet hatte.
»Ich weiß das Alles, mein Herr, und welchen Dank ich Ihnen schuldig bin,« sagte hastig die getäuschte Frau,
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ihr Kind an sich ziehend und seine Stirn küssend. »Ich frage nicht nach dem Geld und wünsche nur, daß die unnatürliche Familie seines Vaters gezwungen wird, ihm den Namen desselben zu lassen. Das ist das einzige Erbe, was ich verlange.«
Sie glaubte, es handle sich um das mütterliche Erbe ihres verstorbenen Geliebten, mit dessen Hilfe er beabsichtigt hatte, sie zu seiner Frau zu machen.
»Nicht so, Madame,« sagte der Prälat, »es ist ein Geschäft, bei dem wir die Pflicht haben, nicht blos das Interesse der Kirche und der wohlthätigen Stiftungen zu wahren, sondern auch die weltliche Zukunft dieses Kindes. Sie werden gegen die Entsagung aller Ansprüche fünfzigtausend Franken erhalten, was mit Ihrem eigenen Vermögen diese Zukunft sichert!«
»Aber seinen Namen - soll Ferdinandine nicht den Namen ihres Vaters führen dürfen?«
»Nehmen Sie ihn immerhin an - hier ist der Beweis, daß dieses Kind berechtigt ist, ihn zu führen!«
Er war aufgestanden und reichte ihr ein Papier. Sie entfaltete es mit zitternder Hand und ihr Auge war kaum darauf gefallen, als sie, ohne ihr Kind loszulassen, mit einem Schrei in die Knie brach.
Es war das Heirathsversprechen des Lieutenant von Röbel, das Papier, das ihr Bruder ihr an jenem schrecklichen Abend gestohlen hatte, dessen Verlust den alten Major all' ihre Betheuerungen verachten und sie wie eine Metze behandeln ließ. »Allbarmherziger Gott - seine Schrift! seine Schrift!
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Mein Kind - küsse das Erbe Deines Vaters, das Dir einen ehrlichen Namen giebt! - Herr - wie Sie auch zu diesem Papier gekommen sein mögen, sein Sie gesegnet für diese Gabe!«
Ein Thränenstrom erleichterte ihre Brust, während das Mädchen die Arme um ihren Hals schlang und sie dem kalten hartherzigen Priester zitternd vor Aufregung die Hände entgegenstreckte. Auf einen Wink desselben hob der Kommissionsrath sie auf und setzte sie wieder in ihren Sessel, indem die Aebtissin ihm beistand, sie zu beruhigen.
»Sie sehen, Madame,« sagte sie, »was die heilige Kirche für Sie thut. Bei ihr ist Vergebung und Hilfe für alle Sünder. Sein Sie dankbar und wenden Sie Ihr Herz dem einzig wahren Heil zu!«
Die glückliche Mutter vermochte nicht zu antworten, denn ein Klopfen an der Thür und der Eintritt zweier anderer Personen unterbrach die unwürdige Komödie.
Es waren der Senator Marquis von Massaignac und sein Freund, der Vetter der Kaiserin der Franzosen, der Graf Don Alvaro Guzman de Montijo.
Der würdige Marquis hatte ungefähr das Ansehen eines Bullenbeißers, der zur Schlachtbank geführt wird. Auf seinem ohnehin häßlichen Gesicht spiegelte sich die Angst um seinen Gott, den Geldbeutel, den er auf's Neue bedroht wußte, während sein würdiger Freund ohnehin schon wie ein Blutegel daran sog und zugleich eine offenbare und drückende Herrschaft über ihn übte, gegen die er sich doch nicht zu empören wagte.
Der Spanier dagegen mit seinem mißtrauischen
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finstern Charakter war sich der Zwecke vollkommen bewußt, wegen deren er seinen Freund zu dieser Zusammenkunft begleitet hatte, die auf die dringende und unabweisbare Einladung des Rektors zu Stande gekommen, indem sich Beide heimlich von Paris entfernt hatten. Trotz der Beziehungen, in denen er zu dem Prälaten und dem Orden stand und des Beistandes, den dieser ihnen bei dem Verschwinden der jungen Marquise von Massaignac geleistet hatte, hielt er es doch für zweckmäßig, die Goldquelle, die er als seine eigene Beute betrachtete, zu überwachen, um sie nicht zu sehr schröpfen zu lassen. Auch verband er mi[t] der Reise noch einen zweiten Zweck.
Der Marquis war schon vorher von der erhobenen Forderung genügend unterrichtet und es handelte sich daher jetzt nur um den Schluß der Verhandlungen, da der würdige Senateur die möglichsten Ausflüchte versuchte. Der Orden hatte indeß vortrefflich auf Grund der ersten damals dem Kommissionsrath in Berlin gewordenen Fingerzeige von der Erbschaft manipulirt. Die Abschrift des Testaments des alten Haciendero, des Schwiegervaters des Obersten Massaignac lag vor, ebenso die Beläge über die Sendung Laforgne's nach Berlin. Durch die Kammerherrin von Werben hatte der Kommissionsrath alle Notizen erhalten. Jetzt befanden sich die wirkliche Erbin, deren Recht nach dem Wortlaut des Testaments jedes Gericht anerkannt haben würde, und die notarielle Abtretung dieses Rechts seitens ihrer Mutter in den Händen der Congregation, und wenn auch diese Abtretung oder der Verkauf selbst angefochten werden konnte, da die Erbin minderjährig
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war, - so hatten die Väter Jesu auf der andern Seite einen Rechtsgrund für sich, dem sich der Senator und sein Freund beugen mußten, da sie selbst ihnen denselben in die Hände geliefert hatten: Carmen Massaignac, die bald nach ihrem Verschwinden aus dem Kloster in Paris, wie die Herzogin von Ricasoli aus Rom, nach diesem entfernten Zipfel der Schweiz geschafft worden war, wo die ultramontane Partei die unbedingteste Herrschaft übt und eine solche Einkerkerung leicht durchzuführen war.
Mit saurer Miene hörte der Marquis sich die Papiere über die Identität der Erbin vorlegen, während der Graf sie sorgfaltig prüfte. Nachdem Madam Polentz in Gegenwart der beiden Franzosen die Uebertragung der Erbschaft nochmals anerkannt hatte, von deren Betrag bisher nicht die Rede gewesen war, begleitete sie der Kommissionsrath auf einen Wink des Rektors nach ihrem Zimmer zurück. Sie sollte noch einige Wochen mit ihrer Tochter im Kloster zubringen und dann ihren Aufenthalt am Ufer des Genfer See's nehmen, während Boltmann ihre Geschäfte in Berlin ordnete, wohin sie nur auf kurze Zeit zurückkehren wollte.
Zwischen dem Rektor und dem Marquis begann jetzt ein Feilschen um die Erbschaft. Jedoch, so viel Ausflüchte auch der Geiz und die Habsucht des Senateurs versuchte, die der Kirche war nicht minder groß, und auf den Vorschlag des Spaniers erfolgte zuletzt eine Einigung dahin, daß das Kapital der Erbschaft, wie es vor zehn Jahren der Familie v. Röbel angeboten worden war, ausgezahlt, der Marquis jedoch wegen der unterdeß aufgelaufenen
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Zinsen nicht in Anspruch genommen werden sollte. Der Senateur mußte sich dazu verstehen, sofort Wechsel auf den Betrag auszustellen.
Bis hierher hatte Don Alvaro sich nur wenig in die Verhandlungen gemischt und die Beistand heischenden Blicke seines Freundes höchstens mit einem Achselzucken beantwortet.
»Einen Augenblick, mein Herr,« sagte er. »Ehe ich meinem Freunde rathen kann, diese Papiere zu unterzeichnen, habe ich meinerseits eine Bedingung zu stellen!«
Die Augen der beiden Intriguanten kreuzten sich, der Graf erwiderte den fragenden Blick des Jesuiten sehr ruhig.
»Was wünschen Sie, Herr Graf? Sie wissen, daß wir bereit sind, Ihnen in jeder Weise gefällig zu sein, schon um für Rom Ihren Einfluß auf Ihre erlauchte Verwandte zu sichern.«
»Oh seien Sie in dieser Beziehung unbesorgt, hochwürdiger Herr,« sagte der Graf spöttisch. »Auch wenn ich in diesem Augenblick noch etwas gespannt mit meiner schönen Cousine sein sollte, versteht doch der Beichtvater Ihrer Majestät so gut sein Handwerk, daß Rom selbst sicher ist, wenn es auch die Legationen nicht ganz retten sollte.«
Der Rektor zuckte zusammen bei dieser gefährlichen Andeutung, aber das Gesicht seines spanischen Landsmannes blieb so spöttisch ruhig, daß er nicht wußte, ob es mehr als ein zufällig hingeworfenes Wort sein sollte.
»Was wünschen Sie also, Herr Graf?« sagte er.
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»Ich muß die Novize, die Sie die Güte haben, hier für das Kloster zu präpariren, noch vor unserer Abreise sprechen.«
»Die Schwester Rositta?«
»Ja - wenn sie diesen Namen behalten hat.«
»Aber Freund,« sagte der Marquis - »ich begreife nicht, warum ...«
»Still - es ist nöthig. Oder wollen Sie dieselbe vielleicht sprechen?«
Der Senateur machte eine heftige Geberde der Ablehnung.
»Es ist in der That nicht möglich Monsieur,« erklärte die Aebtissin. »Es ist erstens gegen die Regeln des Hauses und bereits so spät, daß bald zur Mitternachtsmesse für die Seele der hochwürdigen Schwester Veronika geläutet werden wird, welche wir heute begraben haben.«
In der That hatte sie kaum ausgesprochen, als die Glocke der Klosterkirche ihre hellen scharfen Töne erhob.
Der Rektor hatte sich einige Augenblicke bedacht und seinen Entschluß gefaßt.
»Unterzeichnen Sie, Herr Marquis,« sagte er fest - »oder wir sehen uns gezwungen, unsere Rechte in anderer Weise geltend zu machen. Herr Graf, Sie werden die gewünschte Unterredung haben und zwar sogleich. Es muß sein, hochwürdige Mutter, Sie haben vollen Dispens, bei dieser Angelegenheit von den strengen Regeln Ihres Klosters abzugehen, wie dies ja eben schon die Anwesenheit dieser Herren hier beweist. Ich bürge für Alles. Lassen
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Sie die Schwester Rositta von der Nachtmesse zurück und den Herrn Grafen zu ihr geleiten.«
Die Aebtissin machte ein Zeichen des Gehorsams; der mächtige Einfluß des Prälaten übte unbedingte Herrschaft über sie. Sie ging nach der Thür, um der dienenden Schwester die nöthigen Weisungen zu ertheilen.
Der Rektor hatte sich erhoben und sorgfältig die Papiere in ein Portefeuille eingeschlossen.
»Meine Freunde,« sagte er salbungsvoll, »es ist Zeit, daß wir unser Gebet vereinen, ehe wir die wenigen Stunden der Ruhe pflegen. Ich bringe nur diese Papiere in meine Zelle und erwarte Sie bei dem Gottesdienst.«
Ein sehr deutliches Gähnen des Generals, der diese Einladung wenig bequem fand, antwortete ihm; dem Marquis aber schien die Gelegenheit, in der Kirche vielleicht noch eine ungestörte Unterredung mit dem Priester zu haben, sehr willkommen, da ihm der Besuch seines Genossen bei seiner Schwester eine unbestimmte Besorgniß erregte.
Unter diesen Eindrücken verließ die ganze Gesellschaft das Sprechzimmer der Aebtissin, und begab sich nach der Kirche. Ehe die hochwürdige Mutter sich von ihren Gästen trennte, um sich nach dem Korridor zu wenden, der zu dem Chor der Klosterfrauen führte, bat sie den Grafen, einer dienenden Schwester zu folgen, die ihn zu der Zelle der Gefangenen führen sollte, welche in jenem Theile des Klosters lag, der abgesondert von den Räumen der Nonnen war und deshalb das Betreten eines Laien möglich machte.
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Wir geben zur Erklärung der folgenden Ereignisse dem Leser eine nähere Schilderung von der Lage der Baulichkeiten, welche das Kloster bildeten.
Wir haben bereits erwähnt, daß dasselbe auf einem ziemlich rauhen und einsamen Abhang des Monte Cenere in der Entfernung von etwa einer Miglie von der großen Straße liegt, welche aus dem Alpenpaß des Bernardin nach dem Luganer See und Como und von dort in die lombardische Ebene führt.
Wir haben ebenfalls bereits bemerkt, daß das Kloster aus einem Comglomerat verschiedener Gebäude bestand. Dieselben bildeten ein unregelmäßiges Dreieck, dessen Basis, von den Wirthschafts-Lokalitäten gebildet, nach der Seite der Heerstraße sah und nach welcher der Weg von dieser herauf lief, um die Hauptfront des Gebäudes, das eigentliche Kloster und Pensionat, einen neueren Bau, an der Mauer entlang bis zur Kirche sich verlängernd, welche die Spitze des Dreiecks bildete. Diese Kirche hatte außer der Sakristei von Außen noch einen Zugang für die Leute des Gebirges, die hierher zum Gottesdienst kamen.
In dem ursprünglichen Kloster, dem älteren Theil der Gebäude, welcher die dritte Seite des jetzigen Stiftes von der Kirche zurück nach den Wirtschaftsgebäuden bildete, befanden sich theils die Gemächer für fremde Gäste, die Zimmer für die Pensionairinnen und im untern Geschoß die Zellen für die Laienschwestern und Pönitentiaren. Vor diesem Flügel, nach dem schroff abfallenden Felsenabhang des
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Gebirges, von einer Mauer umgeben, befand sich auch der Klostergarten, der bis an die Kirche stieß.
Wir haben Carmen von Massaignac verlassen, als sie nach der Entfernung ihrer Leidensgefährtin sich allein in ihrer Zelle befand, um das Werk ihrer Befreiung energisch fortzusetzen.
Die Schwester Fausta - die Herzogin von Ricasoli - war bei dem Gange zur Kirche auf die Nonne getroffen, welche den Dispens der Marquise von der nächtlichen Messe überbringen sollte; - durch das Vorgeben der Gefangenen war dieser unnöthig geworden, die Nachricht selbst aber erweckte in der Brust der Herzogin verschiedene Besorgnisse. Was hatte man unterdeß mit ihrer Zellengenossin vor? und wie leicht konnte sie bei der Arbeit überrascht werden! - Es ließ sich indeß nicht ändern, sie mußte der Aufseherin nach dem Chor der Nonnen folgen.
Die Marquise hatte sich sogleich mit aller Kraft und Gewandtheit, die ihr abenteuerliches Leben ihr gegeben, an das Durchfeilen des Eisengitters gemacht. Nach einigen Versuchen hatte sie die richtige Art und Weise der Arbeit erfaßt und förderte rasch das Werk.
Plötzlich hielt sie erzitternd inne. Die Thüre ihrer Zelle, die überhaupt keinen innern Verschluß hatte, öffnete sich, und ein Lichtstrahl drang herein.
Zwei Personen traten ein, ein Mann und die Schwester, welche die Aufsicht über diesen Theil des Klosters hatte.
Carmen von Massaignac hatte kaum Zeit, das Fenster vor den Eisenstangen zu schließen und die Feile in ihrem Aermel zu verbergen.
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»Gegrüßt sei Jesus Christ!«
»In Ewigkeit! Amen!« murmelte die Gefangene.
»Die hochwürdige Mutter,« sagte die Nonne, »hat gestattet, daß ein fremder Mann eine Unterredung mit einer armen verirrten und sündigen Schwester pflege, um sie vielleicht durch die Worte der Welt zur Erkenntniß des wahren Heils zu bringen. Ich bin beauftragt, Dich allein mit ihm zu lassen.«
Sie entfernte sich mit den Zeichen des Kreuzes, nachdem sie die Lampe auf den Tisch gesetzt hatte.
Der Eingetretene, in einen kurzen spanischen Mantel gehüllt und das Gesicht bedeckt, blieb an der Thür stehen.
Nach einigen Augenblicken des Stillschweigens hatte sich Carmen gefaßt und ihre ganze Energie wieder gewonnen. Sie wandte sich nach dem Fremden und sagte kurz: »Signor - ich warte!«
Der Angeredete ließ den Mantel fallen und nahm seinen Hut ab.
Ein kurzer halb erstickter Schrei des Schreckens entfuhr dem Munde der Kunstreiterin. »Don Alvaro! Heilige Jungfrau!«
»Ja Señora, ich bin es, und habe die Ehre, meine Verlobte zu begrüßen!«
»Ihre Verlobte? feiger Mörder - Sie können es wagen, mit einem solchen Wort vor mich zu treten?«
»Ich muß bekennen, schöne Dame, daß ich Sie nicht recht verstehe! Wenn Jemand sich zu beklagen hat, so dachte ich, wäre ich das - dem Sie, ich möchte sagen, von dem Traualtar weg vor sechs Jahren spurlos verschwunden sind,
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und ich habe ein so vortreffliches Gemüth, daß ich nicht einmal frage, wo meine Verlobte während der Zeit geblieben ist, was sie getrieben hat, oder ob sie immer in diesen ziemlich unangenehmen Klostermauern sich mit der Präparation für das Himmelreich beschäftigte?«
»Elender Heuchler!« sagte das Mädchen entrüstet. »Glauben Sie wirklich, ich wüßte nicht, daß ich Ihnen diese schändliche Haft verdanke, nachdem es Ihnen mißlungen war, die Kunstreiterin Rositta zu morden?«
»Was geht die Marquise Carmen von Massaignac die Kunstreiterin Rositta an?« erwiederte der Spanier kalt, »das sind für mich zwei ganz verschiedene Personen und ich glaube, Sie werden gut thun, sie auch dafür zu halten!«
»Kommen Sie zur Sache,« sagte Carmen verächtlich. »Wenn Sie nicht blos gekommen sind, um sich an dem schändlichen Werk eines unnatürlichen Bruders zu freuen, so sagen Sie kurz, was Sie wollen; denn Ihre Gegenwart ist mir verhaßter, als die Einsamkeit dieser Gefangenschaft.
Der Graf warf einen kurzen scharfen Blick nach dem Fenster der Zelle, dann setzte er sich auf einen Stuhl in der Nähe desselben, so daß er dadurch das Mädchen nach der anderen Seite manövrirte. Sie blieb, die Arme gekreuzt, mit zurückgeworfenem Haupt und blitzendem Auge an der Wand stehen.
»Sie sind offenherzig, Carmen,« sagte der Graf spöttisch - »aber das ist eine Tugend aus Ihrer Jugendzeit her, die Ihnen der würdige Señor, Ihr Vater beigebracht, und ich schätze dieselbe. Sie wird uns hoffentlich die kleine
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Verhandlung, die wir mit einander haben werden, erleichtern.«
Die Gefangene bewahrte ihr stolzes Schweigen.
»Wissen Sie, daß der verehrungswürdige Senateur, Ihr Bruder, sich in diesem Augenblick keine zweihundert Schritt von Ihnen befindet?«
»Ich konnte mir's denken, da ich Sie hier sehe!«
»Castor und Pollux, Orest und Pylades und wie die classischen Herren alle heißen! Nur möchte ich fragen, ob Sie vielleicht auch wissen, auf was diese große Anhänglichkeit und Freundschaft, die der Herr Senateur Ihr Bruder mir widmet, sich basirt, da das Band, das uns zu Verwandten machen soll, leider noch nicht geschlossen ist!?«
»Was kümmert das mich?«
»Vielleicht doch! - wir kommen wohl später darauf zu sprechen. Beschäftigen wir uns vorerst mit Ihrer eigenen Person. Wann, schöne Señora, soll unsere Hochzeit sein?«
Sie antwortete ihm nur mit einem verächtlichen Blick.
»Ich kann mir denken,« sagte er mit spöttischem Lächeln, »daß Sie gerade nicht große Eile haben um meiner Person willen, obschon ich wie Jakob um Rahel zehn Jahre um Sie gedient habe, - aber je eher wir die kleine Ceremonie vornehmen, desto schneller wird dieser wenig comfortable Aufenthalt enden und werden Sie der unübertrefflichen Pariser Gesellschaft wiedergegeben sein!«
»Wie - Sie denken noch im Ernst daran, mich zu heirathen?«
»Caramba - wir sind ja doch, wie Sie wissen,
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seit Ihrer Kindheit verlobt und nur Ihre räthselhafte Flucht hat unsere Verbindung bis jetzt verhindert.«
»Aber ich glaubte, es handle sich jetzt um ganz andere Absichten! Ich meine, man wolle mich zwingen, den Schleier zu nehmen, damit die Habsucht meines Bruders sich an meinem Vermögen bereichern könne?«
»Ah bah! das mag die Absicht des werthen Senateurs sein - ich bin anderer Meinung geworden! Wir werden uns heirathen!«
»Nie!«
»Por Dios! meine schöne Verlobte, Sie schlagen mich aus!«
»Ich verachte und verabscheue Sie! Sie wissen sehr wohl, daß ich deswegen aus Paris geflohen bin. Ich werde weder Sie heirathen, noch den Schleier nehmen. Ich bin mündig und Herrin meiner selbst. Diese Mauern können mich nicht immer halten - ich habe Freunde, die sich der Mißhandelten annehmen werden. Die Kaiserin selbst, wenn sie erfährt ...«
»Sie wird es vorläufig nicht erfahren!«
Ein Blitz schoß aus ihren Augen. »Wissen Sie das so gewiß?«
Die Stirn des Spaniers zog sich bei dieser unvorsichtigen Drohung, zu der sich Carmen hinreißen ließ, in eine Falte und er warf einen lauernden Blick umher.
»Es dürfte Ihnen doch etwas schwer werden,« sagte er dann. »Jedenfalls wollen wir dafür sorgen. Aber selbst wenn Ihnen dies glückte - wissen Sie, daß Sie bereits bürgerlich todt sind, daß Ihr liebenswürdiger und kluger Bruder Sie bereits vor einem Jahre hat für
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verschollen und todt erklären lassen und Ihr Erbe ist, weil Sie die Frist des gerichtlichen Aufgebots versäumt haben?«
»Sie wissen am Besten, Don Alvaro, durch welche Gewaltthat ich daran verhindert worden bin. Aber es giebt noch Gerechtigkeit in Frankreich, und sobald ich frei bin ...«
»Bah - das Gesetz hat gesprochen, und es würde ein sehr zweifelhafter Prozeß werden. Ich bin der einzige Mensch, dem er nicht wagen wird, Ihr Erbe zu verweigern. Sie müssen mich also heirathen!«
»Niemals - lieber eine Bettlerin!«
Der Spanier erhob sich, seine Stirn war finster wie eine drohende Gewitterwolke.
»Ich wiederhole Ihnen - es muß sein! oder Sie werden nie diesen Ort verlassen. Täuschen Sie sich nicht mit einer unnützen Hoffnung.«
»Niemals! eher wollte ich hier lebendig begraben bleiben. Aber ich biete Ihnen und dem Unmenschen Trotz, Gott wird mir beistehen und der Schatten meines Vaters wird sein verfolgtes Kind beschützen!«
»Und dennoch werden Sie sich fügen! Bei jenem Schatten, den Sie eben heraufbeschworen - bei dem Namen Ihres Vaters - Sie werden das Gelöbniß Ihrer Mutter lösen oder ...«
»Ich kann nicht, - sie selbst würde dies Opfer nicht fordern! ich trotze Ihren Drohungen!«
»Nun denn! meine Geduld ist zu Ende! Auf ihren Knieen soll die stolze Carmen Massaignac mich bitten, ihr Opfer anzunehmen, oder ich will den Namen Massaignac
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so erniedrigen, daß die Henkersknechte selbst sich schämen würden, ihn zu tragen!«
»Lügner! feiger Lügner!« Ihre Stimme zitterte vor Entsetzen und Erregung.
Er trat dicht an sie heran, denn auf dem Gang vor der Zelle wurden Schritte laut,
»Ich weiß, was Sie sinnen!« sagte er mit zischender Stimme. »Aber auch aus diesen Mauern befreit, würden Sie nicht meiner Macht entfliehen. Aus diesem Kloster kehrt nur die Gräfin Gusman Montijo in's Leben zurück, oder Carmen Massaignac - die Schwester eines Vatermörders!«
Sie sank, wie von einem Blitzstrahl getroffen, in ihre Knie, das Gesicht in die Hände verbergend. Erst die Stimme ihrer Leidensgefährtin, der Herzogin von Ricasoli erweckte sie. Der Graf war verschwunden.
»Heilige Jungfrau, was ist geschehen? wer war hier - ich begegnete einem Mann - wir sind entdeckt!«
Mit einem Sprung war die Tochter der Pampas, der wilden Prairieen des La-Plata, empor. Ihr Gesicht war todtenbleich, aber ihre Augen funkelten wie die einer verwundeten Löwin, daß Faustella unwillkürlich zurückbebte.
»Er - er! der Schändliche! Kommen Sie - wir müssen fort um jeden Preis und kostete es das Leben!«
Sie flog an das Fenster und riß es auf, ihre zarten Hände faßten die Gitterstangen und rissen daran, daß die Eisenecken tief in dem Fleisch sich abzeichneten, als habe sie die Kraft der Löwin, deren Auge das ihre glich!
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»Frei - ich will frei sein!«
Eine leise Stimme antwortete ihrem Ausruf von unten herauf.
»Señora - sind Sie es?«
»Kapitain Laforgne, retten Sie mich, befreien Sie mich, bei dem Grabe Ihres Vaters beschwöre ich Sie!«
»Das ist der Ocean!« klang die ernste Stimme des Offiziers - »aber seien Sie ruhig, ich verlasse Sie nicht! - Was ist geschehen? Haben Sie die Stäbe durchfeilt?«
»Nichts! Nichts! ich wurde verhindert, aber ich will sie aus den Mauern graben mit meinen Nägeln! Barmherziger Gott, mache mich frei - laß mich hinaus!«
Die Herzogin riß sie mit Gewalt zurück von dem Eisengitter, das sie vergeblich zu erschüttern suchte.
»Ist alles Andere zur Flucht bereit?« flüsterte sie hinaus.
»Ja - aber wie gelangen Sie heraus?«
»Der Zufall ist uns günstig! eben als ich aus der Kirche zurückkehrte, sah ich, daß die Pforte am Ende des Korridors offen steht. Sie führt zu einer Treppe im untern Raum - wenn es uns gelingt, die Thür desselben von dort zu öffnen ...«
»Wo? wo?«
»Kaum zwanzig Schritt zur Linken, im Winkel, ehe Sie an die Kirche kommen!«
»Ich werde sie sprengen, wenn sie verschlossen ist! - Eilen Sie, den Versuch zu machen!«
Die Herzogin blies die Lampe aus, die der Spanier
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zurückgelassen und faßte die Hand ihrer Schicksalsgefährtin. Diesmal war sie die Besonnene, Entschlossene.
»Kommen Sie, Carmen, geschwind! Wir werden frei sein!«
Sie ahnte nicht, wie bald, wie vollständig sie es sein würde!
Geräuschlos öffnete sie die Thür - fast willenlos ließ sich die Argentinerin von ihr fortziehen. Wie zwei Schatten glitten sie durch den langen gewölbten Gang, der gespenstisch von einem einfallenden Mondstrahl erleuchtet war.
So kamen sie an die offene Thür zur Treppe, die in das Sousterrain des Gebäudes führte, als plötzlich die Herzogin stehen blieb und die Hand ihrer Gefährtin krampfhaft preßte.
»Heilige Madonna - sehen Sie dort - auf den Stufen - die Gestalt, - ich selbst!«
»Sie täuschen sich - es ist das Mondlicht - lassen Sie uns eilen!«
Faustella fuhr sich mit der Hand über die Stirn, dann schritt sie vorwärts und stieg hastig, die Hand ihrer Gefährtin haltend, die Stufen hinab.
Sie befanden sich in voller Finsterniß, bis sie unten in das Gewölbe gelangten, das zur Aufbewahrung von Holz und Gartengeräthschaften diente. In ihrer Hast und ihrem Eifer hörten sie nicht den leisen Schritt, der ihnen folgte.
In dem Gewölbe selbst leiteten einige Mondstrahlen, die durch die schmalen Luftlöcher und Spalten fielen, die
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Schritte der Fliehenden. Zugleich tönte von Außen ein leises Klopfen an das Holz der Thür.
»Sind Sie da?«
Das Klopfen und die Frage zeigten der Römerin in dem Dunkel die Stelle, wo der Ausgang sich befand. Sie waren im Augenblick dort.
»Soll ich sie aufbrechen?« frug der Offizier.
»Noch nicht - lassen Sie uns erst versuchen - hier ist der Riegel! Den Heiligen sei Dank - die Thür ist nicht verschlossen!«
Sie hatte ohne Anstrengung die Riegel zurückgezogen, die Thür flog auf.
»Frei! frei!«
Die beiden Frauen eilten in den Garten, Major Laforgne und der Novize erwarteten sie. Der Letztere trug unter dem Arm ein großes Portefeuille; es war ihm, da die Unterredung des Rektors mit den andern Personen in dem Sprechzimmer der Aebtissin stattgefunden, nicht gelungen, dieselbe irgend belauschen. Sein, durch die jesuitischen Grundsätze verwirrtes Rechtsgefühl glaubte sich aber berechtigt, durch jedes beliebige andere Mittel den Auftrag zu erfüllen, der ihm geworden, und so hatte er sich beeilt, aus dem Zimmer des Prälaten, das ihm zugänglich war, die Papiere zu entwenden, die er in Eile finden konnte.
Als Carmen von Massaignac die Hand des bewährten Freundes aus ihrer sonnigen Jugendzeit faßte, hob sich stürmisch ihre Brust und sie hätte laut aufschreien mögen im Gefühl der erlangten Sicherheit. Aber der schreckliche
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Gedanke, den die teuflischen Worte Don Alvaro's ihr eingehaucht, unterdrückte jedes andere Gefühl.
»Fort! fort! führen Sie mich fort von hier, und ich will Ihnen mein Lebelang dankbar sein!«
Er hatte ihren Arm gefaßt. »Kommen Sie hier, im Schatten der Mauer! In zehn Minuten sind Sie in Sicherheit.«
Der Novize, die Herzogin hinter sich drein ziehend, eilte voran.
Sie bogen im Nu um den nächsten Vorsprung und liefen nach der Kirche zu.
Einen Augenblick hielten sie hier inne. Die Mauer des Gartens stößt hier an die Wand der Kirche, die frei aus dieser heraus auf das Felsplateau tritt, so daß der Besuch des Gottesdienstes durch die Bewohner der Umgegend erfolgen kann, ohne daß sie nöthig haben, das Kloster zu betreten. Eine Thür der Kirche führt auf dieser Seite in's Freie und auf das Plateau, von dem weiterhin ein in die Felsenwand gehauener Fußweg den Niedergang in das Thal und nach der Heerstraße verkürzt. Am Ende der Kirche, gleichfalls außerhalb der Klostermauern befindet sich der Anbau der Sakristei. An der Stelle, wo die Gartenmauer des Klosters an die Kirche stößt, war jene halb zusammengefallen und leicht zu übersteigen. Es war die Gelegenheit, die der junge Novize entdeckt und zu seiner Flucht benutzt hatte. Hierhin führte er seine Gefährten und half den Frauen, die Mauer erklimmen.
Er und Carmen waren die Ersten, der Major wollte den Schluß bilden.
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In dem Augenblick, wo die Herzogin von der Mauer steigen wollte, blieb sie zum zweiten Mal plötzlich stehn und legte die Hand an die Stirn.
»Heilige Jungfrau - sehen Sie dort - dort - das bin ich - mein Geist -«
Sie taumelte, der Offizier faßte sie in seine Arme. »Um des Himmelswillen, fassen Sie sich - es ist Nichts, der Bergwind bewegt die Sträucher. Fort, wir haben keinen Augenblick zu verlieren, ich höre Stimmen!«
Die Herzogin sprang von der Mauer und eilte über den Vorplatz der Kirche dem Abhang zu; Major Laforgne wollte ihr folgen, als er sich von kräftigen Armen umschlungen fühlte.
»Schurken, laßt mich los oder ich tödte Euch!« Ein rauhes Gelächter antwortete ihm, er suchte vergeblich die Pistolen im Gürtel zu erfassen, zwei starke Männer, schweizer Gensd'armen, wie er bei dem Ringen im Mondlicht erkannte, umschlangen ihn und suchten ihm die Arme zusammen zu schnüren.
»Rettet Euch Freunde! flieht so rasch Ihr könnt, ich halte sie auf!« rief der Offizier in spanischer Sprache, so laut er konnte, während er mit aller Kraft gegen die Gensd'armen rang.
In diesem Augenblick hörte man im Innern der Kirche einen Pistolenschuß. Gleich darauf heulte die Thurmglocke, mit aller Kraft bewegt, ihre gellenden Töne durch die Luft!
»Kirchenschänder! Haltet ihn fest!« Das Wort zischte an dem Ohr des noch immer gegen die größere Kraft der beiden Gensd'armen sich Wehrenden. Eine Männergestalt
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glitt an ihm vorbei und sprang über die Mauer, den Geflüchteten nach, die an dem steilen Rande des Abhanges zwischen den Büschen die ersten Stufen des Fußpfades suchten.
Aus dem Innern der Kirche tönte lauter Ruf durch das Heulen der Glocke. »Hilfe! Mord! Räuber! Mord!«
Ein gellender Pfiff von dem Ende der Kirche her - Stimmen wurden im Kloster laut - Lichter flogen an den Fenstern vorüber - - -
In dem Gotteshause selbst, an der heiligen Stätte des Altars hatte eine grauenvolle Scene sich ereignet.
Wir haben erzählt, daß die Glocke die Unterredung im Sprechzimmer der Aebtissin unterbrach, um die Bewohner des Klosters zur Mitternachtsmesse zu rufen, die zum Seelenheil einer zwei Tage vorher verstorbenen und am Abend in der Gruft der Kirche beigesetzten Nonne gelesen wurde.
Der Prälat selbst hatte es übernommen, die Messe zu halten.
Nachdem sie vorüber war, kehrten die Bewohner des Klosters in ihre Zellen zurück, um bis zur Frühmesse die Ruhe zu suchen.
Der Leser weiß, was während dieser Zeit in dem Theil des Gebäudes vorgegangen war, den die beiden Gefangenen bewohnten.
Der Marquis von Massaignac war dem Jesuiten nach der Kirche gefolgt, um an dem Gottesdienst Theil zu nehmen. Er hatte eine bestimmte Absicht dabei - das
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Verlangen seines Gefährten nach einer Unterredung mit seiner Schwester, das ihm ganz unerwartet kam und von dem der Graf vorher mit keiner Silbe gesprochen, hatte ihm bange gemacht. Sein Geiz, seine Habsucht fürchtete neue Opfer.
Deshalb wollte er sich mit dem Prälaten selbst verständigen, um der Fortdauer der schändlichen Haft seiner Schwester sicher zu sein oder weitere Zwangsmaßregeln mit ihm zu verabreden, damit sie endlich die Klostergelübde ablege und er so von seiner ewigen Sorge befreit werde. Er wartete daher, bis sich Alle aus der Kirche entfernt hatten und der Prälat, nachdem er die Meßgewänder in der Sakristei abgelegt, mit dem dienenden Chorknaben aus dieser zurück kam, um sich nach seinen Gemächern zu begeben.
In der Mitte des Schiffs vor dem Chor stand die Gruft noch geöffnet, in der man am Abend die verstorbene Nonne beigesetzt hatte, und die Pforte des Todes gähnte in der Dämmerung so finster und unheimlich, als begehre sie neue Opfer.
Sie sollte sie haben!
Den Marquis rüttelte ein kalter Schauer, als er an der schwarzen Pforte vorüberschritt; er mußte alle Kraft zusammennehmen, um die wenigen Minuten in der jetzt nur von der ewigen Lampe vor dem Hochaltar und den einfallenden Mondstrahlen erleuchteten Kirche auszuhalten.
Endlich hörte er die Thür der Sakristei hinter dem Hochaltar zufallen und sah den Rektor den Gang entlang
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kommen. Das Licht der Laterne, die der Chorknabe trug, fiel auf die Gestalt des Senateurs und der Prälat erkannte ihn.
»Wie, Sie noch hier, Herr Marquis? Hat Sie das Bedürfniß der Andacht noch zurückgehalten, oder hatten Sie einen andern Grund, hier noch zu verweilen?«
»Ich wartete auf Sie, hochwürdigster Herr?«
»Auf mich?«
»Ja - ich wünschte Sie allein und im Geheimen noch vor unserer Abreise zu sprechen.«
Der Jesuit dachte sogleich an den ihm aufgefallenen Umstand, daß der Graf Montijo einen so merkwürdigen Einfluß auf den Argentiner übte, dem jedenfalls ein Geheimniß zu Grunde lag, und beschloß die Gelegenheit zu dessen Erforschung zu benutzen.
»Ich bin bereit, Herr Marquis« sagte er, »und wenn es Ihnen genehm, kann dies sogleich hier geschehen. Geh' in die Thurmhalle und warte dort, mein Sohn,« befahl er dem Knaben.
Der Chorknabe entfernte sich nach dem Haupteingang der Kirche, über welchem sich der kleine Thurm derselben mit dem Glockenstuhl erhebt und der nach dem Klosterhof führt.
Der schwere Vorhang vor dem innern Portal schloß sich hinter ihm.
»Wir sind allein,« sagte der Prälat. »Nehmen Sie hier Platz auf diesen Bänken und reden Sie.«
»Ich weiß nicht - es ist so schauerlich hier,« bemerkte der Marquis - »ich gestehe offen, daß ich nicht Ihre Ruhe habe Monsignore, und es vorziehen würde, an einem andern
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Ort mit Ihnen zu sprechen. Können wir nicht vielleicht in's Freie treten?«
Der Prälat lächelte - er durchschaute den Grund, der neben einer natürlichen Bangigkeit vor den Schauern des Orts den Marquis bewog, eine freiere Umgebung für ihre Unterredung zu suchen.
»Sie brauchen keine Besorgniß zu hegen, daß wir hier behorcht werden könnten. Indeß, wenn Sie es wünschen, kann dies leicht geschehen. Kommen Sie, und sagen Sie mir unterdeß, um was es sich handelt.«
Er schritt ihm voran nach der Seitenthür der Kirche, die, wie wir vorhin erwähnten, in's Freie führt.
»Sie kennen den leichtsinnigen Lebenswandel meiner Schwester,« sagte während des Ganges der Senateur, »und wissen, daß es unser Wunsch, ja daß es nothwendig ist, daß sie zur Büßung ihrer Sünden und der Schmach, die sie über ihre Familie gebracht hat, den Schleier nimmt.«
Der Jesuit nickte spöttisch, indem er die Hand an den Schlüssel der Thür legte und sie aufschloß.
»Es ist eine ebenso eigensinnige, als gefährliche Person,« fuhr der würdige Bruder fort. »Ihr Wiedererscheinen in der Gesellschaft würde nur neuen Scandal hervorrufen. Sie muß also unter allen Umständen hier festgehalten und genöthigt werden, das Gelübde endlich abzulegen. Sie haben meine Bereitwilligkeit gesehen, Monseigneur, mich in die zweifelhafte Forderung der Erbschaft zu fügen. Ich denke, die Congregation kann mit einer solchen Ausstattung zufrieden sein.«
»Wir werden später davon sprechen. Aber warum
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hat dann Ihr Freund, der Graf Montijo, die Unterredung mit dieser so ungeberdigen Novize verlangt?«
»Das eben, hochwürdiger Herr, will ich von Ihnen wissen!«
Dies Geständniß kam dem Jesuiten allerdings etwas unerwartet. Er öffnete die Thür. »Kommen Sie,« sagte er. »Wir müssen die Sache überlegen; wie ich Herrn von Montijo kenne, hat er bei Allem, was er thut, sehr bestimmte Zwecke,«
Die frische Nachtluft kam ihnen entgegen. Sie wollten eben in's Freie treten, als der Rektor seinen Begleiter am Arm faßte und zurückzog.
»Still - hörten Sie Nichts?«
»Nein!«
»Da - wieder - das Zerbrechen einer Fensterscheibe - der Ton kommt aus dem Innern der Kirche!«
Er zog die Thür wieder an und den Marquis in den dunklen Raum zurück. Der Senateur zitterte. »Um Himmelswillen, was haben Sie?«
»Ich glaube, man bricht in die Kirche ein, durch die Sakristei! Bleiben Sie hier, ich will nachsehen!«
Es fehlte dem Prälaten keineswegs an persönlichem Muth; er hatte ihn in den schwierigsten Lagen bekundet, als Missionair in wilden Ländern, auf dem Deck des scheiternden Schiffes an den Felsenklippen von Helgoland und bei vielen andern Gelegenheiten. Er schlich leise im Dunkel die Mauer entlang nach dem Hochaltar zu, hinter dem sich der Eingang der Sakristei befand und stieg die
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Stufen des Altars hinauf, um von diesem verdeckt, besser zu lauschen.
Auch der Marquis, der vor Schreck und Furcht bebend an der entfernten Thür, also in verhältnißmäßiger Sicherheit stand, hörte deutlich das weitere Brechen einer Fensterscheibe, dann einen plumpenden Klang, als fiele ein schwerer Körper auf den Boden nieder, und gleich darauf das Rasseln von Riegeln und Eisenstangen.
Man öffnete offenbar von Innen eine Thür.
Er wollte um Hilfe rufen und hinauseilen, aber die Furcht, auch um den Priester, der sich so kühn der Gefahr ausgesetzt, hemmte jede Bewegung.
In der Stille der Nacht, durch den Wiederhall der Gewölbe, hörte man ein Flüstern.
Dann wurde mit einem schnellen Ruck die Thür der Sakristei zur Kirche geöffnet.
Einige Augenblicke schienen die Eingedrungenen zu lauschen, ob das Geräusch, das ihr Einbruch gemacht, gehört worden, oder ob die Kirche wirklich einsam wäre. Da sich nicht das Geringste hören ließ, glitten vorsichtig drei dunkle Schatten hinter dem Altar hervor und in das Schiff der Kirche.
Der Marquis von seinem entfernten Standpunkt aus konnte dies Alles deutlich bemerken, wenn er auch die drei Gestalten bei dem matten Dämmerlicht nicht näher zu erkennen vermochte. Die eine schien einem großen kräftigen Manne anzugehören, die andere einem Knaben oder Verwachsenen.
Alle drei bewegten sich vorwärts nach der Mitte der
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Kirche zu, als wollten sie die Sicherheit des Raumes weiter untersuchen.
»S'ist Alles still - wir können gehen an's Werk,« flüsterte der Kleine. »Der Andreas hält draußen Wacht - Szabó bleib Du hier und horch nach dem Haus der Weiber hin, die so dumm sind, vorzuziehen die Bessulim13 den Ahuwim14, indeß wir stecken das Geld und das Silber und die Juwelen in den Sack.«
»S'ist gut Jude, eil' Dich!« brummte der Wolfsjäger, denn es war in der That die Bande der Marodeurs, die, von dem Spion angereizt, den Einbruch in das Gotteshaus verübte.
»Indeß ich nehme hier die Steine und das Gold von dem Bilde links,« fuhr Abraham fort, »zünd an Dein Licht Currado15, und steck ein die silbernen Leuchter vor dem großen Altar und schneid ab die goldenen Franzen und such nach dem Gefäß, woraus Ihr Christen zu trinken glaubt das Blut, das ist gekreuzigt worden vor achtzehnhundert Jahren und ist doch längst getrocknet fort!«
»Halt Dei Maul, Du Gotteslästerer, oder i schlag Di auf Deinen verfluchten Judenkopf,« sagte halblaut der ehemalige Argelino, der sich trotz seiner Verderbtheit nur mit einem gewissen Schauder seines ersten Kirchenraubes nach langen Jahren erinnerte. »S'isch a Schand, daß Du hier bist!«
Der Jude lauschte, während er mit einem angezündeten Wachsstreichholz bereits den Seitenaltar beleuchtete
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und zu plündern begann. »S' wird gleich sein den Heiligen, ob ein Jud sie auszieht oder ein Christ,« meinte er spöttisch lachend. »Aber an's Werk Currado, ich helf Dir sogleich!«
Der Schwabe zündete auf gleiche Weise ein Streichholz und steckte das Licht einer Diebslaterne an, die er aus seiner Tasche zog. Dann schritt er nach dem Hochaltar zu. Als er die offene Gruft sich entgegen gähnen sah, die ihm der kurze Umkreis seines Lichtscheins zeigte, schreckte er zusammen,
»Heili Müder Gott's, was isch das?«
Der Jude blickte sich um. »Was wird's sein? der Eingang zum Dalles! Bist Du ein Kind, daß Du hast Furcht?«
Der graue Dieb schritt weiter, die Stufen zum Chor wieder hinauf und näherte sich dem Hochaltar.
Plötzlich stieß er einen halb unterdrückten Schrei aus - in dem ungewissen spärlichen Schein der ewigen Lampe, die von der Decke hing, sah er eine dunkle Gestalt sich vor dem Altar aufrichten und einen Arm sich drohend ihm entgegenstrecken,
»Verfluchte! haltet ein in Eurem frevlen Werk,« sagte eine harte Stimme. »Einen Schritt weiter und der Fluch der Kirche trifft Euch für Zeit und Ewigkeit!«
Der Argelino zitterte und drohte in die Knie zu sinken. In seinem Schreck ließ er den vollen Schein seiner Blendlaterne auf den, wie aus der Gruft emporgestiegenen Vertheidiger des Altars fallen.
Es war der Prälat, der Jesuiten-Provinzial, der auf
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der obersten Stufe des Altars stand. In seiner Rechten, gleich einer Waffe des Himmels, hielt er das Allerheiligste, die Gold und Juwelen strahlende Monstranz und streckte sie drohend wie ein Schild dem Einbrecher entgegen.
Die Strahlen der Diamanten und Rubinen funkelten im Reflex des Lichtscheins aus der Diebslaterne wie Spitzen durch das Dunkel, aber von den beiden, ihm zu Hilfe eilenden Genossen sah nur der Jude mit frechem gierigem Blick auf den kostbaren Schatz - der Wolfsjäger, der wilde Henker und Mörder fiel auf die Knie und schlug seine Brust.
»Herr erbarme Dich meiner Sünden!«
»Hinauf Currado, bist Du ein Weib? Schlag den Pfaffen zu Boden und mach uns reich!« zischte der Spion.
Der alte Dieb hörte ihn nicht - seine Augen hingen starr an den Zügen des Priesters - das Blut kehrte in sein durchwettertes Gesicht zurück, das einen grimmigen teuflischen Ausdruck anzunehmen begann, jede Sehne seines Leibes schien sich zu spannen.
Die Augen des Jesuiten begegneten nicht ohne Erschrecken diesem Tigerblick.
»Exorcisco vos ...«
»Azcoitia! der Mörder der Doña Ximena!« heulte der alte Argelino. »Zur Hölle selber mit Dir und sollt ich auch ewig verdammt sein!«
Und mit der Schnelle des Blitzes riß er das Pistol aus seinem Strickgürtel und feuerte es, die Stufen hinaufstürzend, gegen den Priester.
Ein furchtbarer Schlag - wie das Knirschen
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zerbrochener Knochen - ein entsetzlicher Schrei, ein schwerer Fall - - -
In diese schrecklichen Laute klang von Außen her ein gellender Pfiff und von der aufgerissenen Thür der Kirche der gellende Ruf des erschrockenen Senators: »Hilfe! Mord! Räuber! Mord!«
Zugleich begann vom Thurm die Glocke in gellen Tönen zu heulen. Der Chorknabe, der in der Vorhalle wartete, hatte bei dem Lärmen durch die Thür geblickt und sich dann mit einer über seine Jahre gehenden Geistesgegenwart auf den Strick der Glocke geworfen, und zog sie nun mit aller Macht. -
Dies war der Augenblick, wo Major Laforgne von den Gensd'armen ergriffen worden, dies waren die Töne, welche die Flucht der beiden Gefangenen unterbrochen hatten und sie erschreckten! -
Der bucklige Spion allein hatte seine Besonnenheit bewahrt; er riß den Slowaken empor. »Fort Szabó, fort, laß uns laufen um's Leben!« Er stürzte ihm voran nach der Sakristei - der Wolfsjäger folgte ihm, er stieß ihn im Egoismus der Selbsterhaltung zurück und sprang aus der Pforte, die er achtlos hinter sich zuschmetterte, so dem Gefährten den Weg der Flucht versperrend.
Die Ereignisse folgten sich fast mit der Schnelligkeit des Gedankens, im Raum weniger Augenblicke. In dem Moment, wo der Senateur schreckensbleich aus der Kirche eilte mit dem Hilferuf auf den Lippen, faßte eine Hand seinen Arm. Er glaubte, es sei einer der Räuber und stieß einen Schrei aus, aber indem er sich umwandte, traf
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er auf das boshafte Auge Alvaro's, des Freundes, des Gebieters über sein Leben und seine Habe.
»Muy bien!« rief der Spanier. »Hinter ihnen drein, Marquis, »es ist keine Gefahr mehr dabei, seit der Bursche gefangen ist. Fort, ihnen nach, indeß ich ihnen den Weg abschneide. Es sind ja nur Weiber, Memme!«
»Wer, was? was ist geschehn!«
»Die schöne Carmen entwischt uns! Dort - geschwind! Fasse sie - oder Alles ist verloren!«
Das Mädchen hatte sich umgewandt, das Mondlicht fiel voll auf ihr Gesicht, der Bruder erkannte sein Opfer und begriff, daß sein Gefährte Recht hatte. Der Geiz, die Angst überwand seine Feigheit - er sprang hinter den Flüchtenden drein mit der Gier des hungrigen Wolfes.
Plötzlich schien die Gestalt der Fliehenden sich vor ihm zu verdoppeln, das wehende schwarze Kleid von grobem Zeug, das weiße Kopftuch -
»Carmen - hierher! freche Dirne ...!«
Er erfaßte ihr Gewand - in der Angst rang die Fliehende so nahe der Freiheit in seinen Armen und klammerte sich an das schwache Geländer, das den Felsenabsturz umgab, während ihre glücklichere Gefährtin endlich die Stufen des Fußsteigs gefunden hatte und von dem Novizen fortgerissen, eilig nieder glitt!
»Mordio! Mordio! fangt sie!« - die Klosterglocke heulte - Geschrei - Hilferuf aus allen Fenstern!
In weiten Sprüngen über das Plateau, von der Sakristei her kam eine wilde Gestalt, einen keulenartigen
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Knittel schwingend. »Bassa manelka! Aus dem Wege, ihr Hunde!«
Der spanische Graf sprang hastig zur Seite, dem Schlage zu entgehen. Wie ein Sturmwind fuhr der Wilde - der flüchtende Henker, der Wolfsjäger, der entwichene Sträfling - auf das ringende Paar zu, das ihm den Eingang des Rettungsweges versperrte, denn hinter ihm waren bereits Gensd'armen und Klosterleute mit Allem bewaffnet, was zur Hand gewesen. - Ein Stoß - das Brechen von Holz - ein Doppelschrei ...
Der Szabó sprang die Stufen hinab, einen gellen Triumphruf ausstoßend - der Henker hatte seine Opfer!


Noch keine Viertelstunde war verflossen - das Schiff der Klosterkirche gewahrte einen erschütternden Anblick, die Schlußdekoration des schrecklichen Drama's, das so eben gespielt.
Der noch vor Kurzem einsame Raum war jetzt gefüllt mit Menschen, Laien und Klosterfrauen, das schreckliche Ereigniß hatte für den Augenblick die gewöhnliche Disciplin gelöst - alle Bewohner des Klosters waren herbeigeeilt und aus dem Thale kamen, durch den ungewohnten Klang der Klosterglocke herbeigerufen, jetzt viele Angehörige und Landleute herauf, um Beistand zu leisten, oder zu sehen, was passirt sei.
Auf den obersten Stufen des Hochaltars, bleich, erschöpft sich auf den Altar stützend, sah man den Prälaten.
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Sein schwarzes Gewand war mit Blut befleckt, der linke Arm mit einem Tuch von der Aebtissin selbst verbunden, auf deren Fragen er übrigens nur kurz und unbestimmt antwortete. Die Kugel des Argelino hatte durch eine Bewegung bei dem Schuß nur leicht seinen Arm gestreift; trotz des Blutverlustes aber wollte er den Ort nicht verlassen und ertheilte mit finsterer und entschlossener Miene Befehle.
Fast zu seinen Füßen, auf der untersten Stufe des Altars lag der alte Dieb mit zerschmettertem Schädel. Die Strahlen der schweren silbernen Monstranz waren durch seinen kahlen Schädel gedrungen und das tiefe Stöhnen des Unglücklichen und das krampfhafte Wühlen seiner Hände verkündete, daß die Bemühungen des neben ihm knieenden Kommissionsrathes, der einige wundärztliche Kenntnisse besaß und sie bis zur Ankunft des herbeigerufenen Arztes verwendete, vergebliche Mühe waren.
An der Seite des Chors, von drei Gensd'armen bewacht, standen, die Hände gefesselt, der Major Laforgne und der bucklige Jude Abraham, den man in einem Winkel der Sakristei versteckt ergriffen hatte und der sich scheu vor dem finstern Blick des Prälaten hinter seinen Wächtern zu verbergen suchte. Der Graf Montijo sprach auf der andern Seite angelegentlich mit dem modenesischen General und unter den Klosterfrauen. Unter diesen und den Pensionairinnen, die sich ängstlich wie eine Heerde Schaafe um den sie beschützenden Hund so hinter ihrer entschlossenen und muthigen Vorsteherin zusammendrängten, befand sich auch die Wittwe des Rentier Polentz. Rings umher
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bildeten, bald mit Nachrichten kommend, bald Aufträge erfüllend oder heimlich mit einander flüsternd, die Dienstleute des Klosters und die herbeigekommenen Landleute einen Halbkreis.
Aller Augen aber waren jetzt nach der Kirchenpforte gerichtet, die zum Plateau vor derselben führte und durch welche der Marquis von Massaignac bei dem schauerlichen Kampf zwischen dem Prälaten und dem alten Diebe entwichen war; denn da herein strömte jetzt unter Ausrufungen des Bedauerns, des Schreckens und der Entrüstung ein Haufe Volks.
Begleitet von dem Brigadier des Gensd'armerie-Pikets trugen Knechte des Klosters und Landleute auf einer breiten Tragbahre zwei Körper, über die eine mitleidige Hand eine alte Altardecke gebreitet hatte. Hinter diesem traurigen Zuge aber kam, begleitet von dem jungen Novizen, todtenbleich und das Auge voll Thränen Carmen von Massaignac, und ihr folgten unter der Aufsicht der andern Gensd'armen Bruder Pan, der Bettelmönch mit seiner Gesellschaft, das heißt mit dem Marodeur, den die Vorsicht des Spions in dem Schlupfwinkel zurückgelassen hatte, Kapitain Peard und seinem Bedienten. Bewohner der im Thal belegenen ländlichen Hütten, Männer und Frauen schlossen den Zug.
Wenige Worte werden genügen, das Zusammentreffen dieser Personen in der Klosterkirche und das Geschehene zu erklären.
Der Leser weiß aus der Bemerkung des Prälaten bei der Unterredung im Sprachzimmer der Aebtissin bereits,
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daß auf die Bitte derselben an die Kanton-Behörden am Nachmittag des Tages ein Piket Gensd'armen mit ihrem Brigadier im Kloster eingetroffen war, um als Sauvegarde gegen die umherstreifenden Marodeurbanden und das Gesindel zu dienen, welches der ausgebrochene Krieg an der Gränze in den Gebirgen versammelte. Diesen Umstand kannten weder der Novize Felizio noch die Bande des jüdischen Spions. Der Brigadier hatte noch an demselben Abend mit der Hälfte seiner Leute einen Streifzug in die Umgegend unternommen und war bei der Rückkehr auf die in jener Schlucht zurückgebliebenen Gefährten der Einbrecher gestoßen, die unterdeß ihren am Abend verabredeten Streich gegen die Klosterkirche ausführten. Troß des Protestes des Engländers hatten die Gensd'armen die ganze verdächtige Gesellschaft bis zum nähern Ausweis mit sich genommen und als sie in die Nähe des Klosters kamen, hatte das Sturmläuten der Glocke ihnen verkündet, daß ein Unglück oder Frevel verübt worden. Obschon es ihnen nicht gelang, den auf der Flucht ihnen entgegenkommenden Slowaken mit seinem Genossen zu ergreifen, wurden sie doch bald durch den entstandenen Lärmen auf dem Plateau noch aufmerksamer gemacht und der Hilferuf Carmen's veranlaßte den Brigadier, zwei seiner Leute den Felsensteig zum Kloster empor zu senden, während er mit seinen Gefangenen den breiteren Fahrweg benutzte. Fast auf der Mitte des Steiges trafen die Gensd'armen mit Leuten aus dem Kloster zusammen, die auf den Ruf des Grafen Montijo hinabgestiegen waren, und fanden Carmen und ihren Begleiter neben zwei blutenden Körpern, die von der Höhe
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der Felswand durch die Hand des sich Bahn brechenden Wolfsjägers herabgeschleudert an den Zacken der Felsen und in den Aesten der Büsche hingen.
Es war die unglückliche Herzogin von Ricasoli, die auf dem Wege zur Rettung, zur Freiheit die Hand eines geheimnißvollen unheimlichen Geschicks erreicht, indem sie der Senateur durch die gleiche Kleidung getäuscht, für die entweichende Schwester gehalten hatte; - es war der Vatermörder, den hier bei neuem Frevel gerechter Weise die Hand eines Henkers getroffen hatte!
Wir haben nur noch zu erwähnen, daß der Graf Montijo bei seinem Eintritt in die Zelle Carmen's ihre Beschäftigung wohl bemerkt und sofort Verdacht geschöpft hatte. Bei seinem Fortgehn hatte er dann die beiden im Kloster zurückgebliebenen Gensd'armen gerufen und mit ihnen den Flüchtenden aufgelauert.


Der Brigadier ging durch das Schiff der Kirche auf das Chor zu und befahl den Trägern, ihre traurige Last dort nieder zu setzen.
»Hochwürdige Frau,« sagte er - »ich höre von dem Verbrechen, das man diese Nacht hier versucht hat. Fürchten Sie Nichts - es ist uns, denk' ich gelungen, die meisten Mitglieder der Bande zu ergreifen, wenn auch einige derselben leider entkommen sind. Meine Pflicht, und ich bitte dies zu entschuldigen, ist jetzt, die Beweise und Thatsachen sofort festzustellen, bis die Gerichte anlangen. Sie, mein Herr,« er wandte sich an den Prälaten -
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»sind nach Allem was ich weiß, der erste Zeuge. Ich bitte Sie um Ihren Namen.«
»Mein Name, Herr, ist Diego Corpas oder vielmehr Corpasini, Provinzial und Rektor des Kollegiums Jesu zu Bologna!«
Man bemerkte, daß der Leib des Argelino bei diesem Namen zusammen zuckte und der blutige Kopf sich hob. Die bisher geschlossenen Augen öffneten sich und irrten mit wildem Ausdruck im Kreise umher.
»Dieser Mann, den Sie zu Boden geschlagen, ist einer der Banditen, welche den Einbruch in die Kirche verübten?«
Er wies auf den Schwaben.
»Es ist ein Bösewicht, der, als ich ihm am Altar entgegentrat, versuchte, mich zu morden!«
Der Körper des Diebes, des Einbrechers, erhob sich - seine verstümmelte Hand streckte sich gegen den Ankläger.
»Mörder Du selbst! Denk an Azcoitia - an die Brautnacht meines Herrn!«
»Er redet irre! Sein Gehirn ist verletzt. Fahren Sie fort in Ihrer Untersuchung, Herr!«
»Der bucklige Schelm dort ist sein Gefährte. Er wurde, wie ich höre, in der Sakristei versteckt ergriffen?«
»Er ist ein früherer Diener von mir - ich werde den Gerichten weitere Beweise gegen ihn liefern.«
»Und dieser Mann? - Wo hat man ihn ergriffen?« Der Brigadier wies auf den Major.
»Ein Kirchenschänder - er ist in das Kloster
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eingedrungen und hat zwei der Schwestern gewaltsam entführt!« sagte gehässig der Spanier.
»Lügner!«
Die Stimme war ernst und schwer - jedes Auge wandte sich nach der Stelle, von der sie hergekommen.
Man sah eine junge bleiche Frau mit entschlossener Miene, mit flammendem Auge, in der niedern Tracht einer Klostermagd, vortreten.
»Mein Herr,« sagte sie mit fester lauter Stimme, »wenn Sie ein Beamter der Schweizer Republik sind, so fordere ich Schutz und Gerechtigkeit. Ich bin weder eine Nonne dieses Klosters, noch sonst ihm in irgend einer Weise dienstbar oder verpflichtet. Ich bin eine Gefangene, die man ohne Recht und Ursach in der schändlichsten Weise, gerade wie die Unglückliche, die ein Opfer unserer Flucht geworden, hier ihrer Freiheit beraubt hielt. Ich erkläre hier öffentlich und vor Zeugen, daß ich die Marquise Carmen von Massaignac und gegen jedes göttliche und menschliche Recht, um mich meines Erbtheils zu berauben, hier gefangen gehalten worden bin!«
Die unerwartete, mit flammendem Blick, mit lauter Stimme gegebene Erklärung machte offenbar unter allen Anwesenden große Sensation.
Der Brigadier sah verlegen bald auf die Aebtissin, bald auf den Prälaten.
»Diese Person,« sagte endlich die Erstere, »ist uns von ihren Verwandten als eine Gefallene und Sünderin übergeben worden, damit wir sie durch Beispiel und Gebet auf den Weg des ewigen Heils bringen sollen. Ich kenne
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sie nur als das Mitglied einer Gaukler- und Tänzer-Gesellschaft mit dem Namen Rositta.«
Die junge Marquise trat einen Schritt zurück, ihre Hand faßte entschlossen die Altardecke über den zerschmetterten Leibern und schleuderte sie zurück, während sie mit funkelndem Auge auf die verlegene Vorsteherin der heiligen Anstalt sah.
Unter der Decke lagen zwei Körper - Faustella - starr und todt - die linke Schläfe trug die dunkle Wunde eines scharfen Steines, auf den sie im Fall geschlagen, und ein rother Blutstreif zog sich aus dieser entlang - sonst war die einst so reizende herrliche Gestalt unverletzt. Die Falte zwischen den Brauen, der fest geschlossene Mund und der Zug um die jetzt zusammengezogenen Nüstern gab ihr eine wunderbare Gleichheit mit Faustina, der gespenstigen Venus von Rom!
Neben ihr, noch sie halb umschlingend, lag der Körper des Senateurs, des zehnfachen Millionairs, beglückt mit allen Ehren und Gütern des Lebens und dennoch der verworfenste, ein von den Furien des Gewissens gepeinigter Mann - ein Vatermörder. Nicht der augenblickliche Tod war ihm von der Faust des Henkers zu Theil geworden - jedes Glied, jeder Knochen in diesem jämmerlichen Leib schien gebrochen und zerschlagen, und doch war das Leben noch nicht entwichen, sondern klammerte sich fest mit der rasenden Angst vor der Vernichtung und der Verzweiflung des Gewissens an diese willenlose Masse von in entsetzlichen Qualen erzuckendem Fleisch. Selbst das Gesicht war zerschellt und der Unglückliche, Verworfene, vermochte
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nicht einmal ein Wort zu lallen - nur die im gräßlichen Ausdruck rollenden Augen gaben Zeugniß von dem noch vorhandenen Leben.
Der Beistand des Kommissionsrathes war sofort von dem Argelino auf den so furchtbar Zerschmetterten übergegangen, aber sein flüchtiges Achselzucken gab zu erkennen, daß von Hoffnung auch hier nicht mehr die Rede war.
»So wahr diese Unglückliche,« rief die Argentinerin laut, »die einst so glückliche und stolze Herzogin von Ricasoli, die Nichte des Papstes war, seit zehn Jahren ihrer Jugend, ihrer Güter, ihres Namens beraubt durch die schändlichen Intriguen Derer, welche sich die Diener der Religion nennen, so wahr bin ich Carmen von Massaignac, die einzige Schwester dieses Mannes, den das Gericht Gottes getroffen hat, und es ist mehr als ein Mund hier, der dies bezeugen kann! Ich wiederhole Ihnen, mein Herr, ich fordere Ihren Schutz und sofortige Befreiung!«
»Wenn es eines Zeugen bedarf, sagte spöttisch der Major, »so steht hier ein solcher, zwar vorläufig mit gebundenen Händen gegen alles Völkerrecht, aber ich hoffe, daß die Neutralität der hochachtbaren Eidgenossenschaft sich nicht länger darin bekunden wird, Offiziere der sardinschen Armee wie Spitzbuben und Wegelagerer zu behandeln!«
»Wie Herr - Sie wagen es, sich für einen Offizier des Königs von Sardinien auszugeben?« frug der Beamte.
»Ich bin der Major Laforgne von dem Stabe des Generals Garibaldi. Wenn Sie mir die verdammte
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schwarze Kutte vom Leibe ziehen wollen, wird Ihnen meine Uniform den Beweis liefern. Außerdem steht Ihnen mein Patent zu Diensten! Deshalb bitte ich, jetzt die unwürdige Behandlung, die mir widerfahren ist, und für die ich den Urheber zur Rechenschaft ziehen werde, zu enden!«
Der Brigadier war sichtbar in der größten Verlegenheit, da die ernste Sprache des Offiziers ihm imponirte.
Die Aebtissin kam ihm zu Hilfe. »Dieser Herr, selbst wenn er die Person ist, für welche er sich ausgiebt, hat jedenfalls den Vertrag der Neutralität verletzt, der die Anwesenheit feindlicher Truppen auf schweizer Gebiet verbietet. Ueberdies ist er bei einem Ueberfall des Klosters, bei einer gewaltsamen Entführung von Angehörigen desselben betroffen worden!«
Laforgne zuckte die Achseln. »Bedenken Sie wohl, was Sie thun, mein Herr,« wiederholte er. »Ich befinde mich in Privatangelegenheiten hier auf schweizer Gebiet, was durch Nichts verboten ist, wie die Anwesenheit eines Offiziers von der österreichischen Armee« - er wies auf den modenesischen General - »beweist. Diese Dame gehört, wie Sie aus ihrer Erklärung vernommen haben, nicht zu den Angehörigen des Klosters. Sie von hier fortzuholen ist demnach kein Verbrechen gegen die bürgerlichen Gesetze und ich habe nicht einmal das Haus betreten. Wollen Sie mich losbinden lassen oder nicht?«
Die Blicke der Betheiligten wandten sich auf den Prälaten, gleichsam seine Entscheidung fordernd, doch dieser sah finster zu Boden und schien über einem Entschluß zu
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brüten oder einen innern Kampf zu bestehen. Der Brigadier gab den Gensd'armen ein Zeichen, die Bande des Offiziers zu lösen, was alsbald geschah.
Er riß sofort den schwarzen Novizenrock von den Schultern und trat zu der Marquise. »Jetzt Señora,« sagte er entschlossen, »fürchten Sie Nichts mehr, ich bin meinem Freunde Otto von Reuble für Ihre Sicherheit verantwortlich.«
Eine Bewegung unter den Klosterfrauen machte sich bemerklich bei der Nennung dieses Namens, auf welche die Meisten nicht geachtet; Amalie Günther - denn sie wies mit Abscheu den Namen ihres Mannes von sich - trat unwillkürlich einen Schritt näher und betrachtete Die mit neuem Interesse, der man einen Namen genannt hatte, welchen ja auch ihr eigenes Kind trug.
Die Marquise wandte sich einen Augenblick ab - sie öffnete ihr Busentuch und zog einen Gegenstand hervor, den sie auf ihrer Brust verborgen hatte.
Es war das Einzige, was sie vor den gierigen Händen der Harpyen im Kloster der Camaldulenserinnen in Paris gerettet hatte - es war der Ring mit dem schwarzen Diamanten der Kaiserin.
Sie reichte ihn dem Offizier.
»Nehmen Sie Freund - ich habe hier eine Pflicht zu erfüllen. Wenn Sie in Zeit von acht Tagen nicht von mir hören, wenn man es wagen sollte, mich nochmals meiner Freiheit zu berauben, so liefern Sie diesen Ring auf sicherm Wege in die Hände der Kaiserin von Frankreich mit dem Bericht dessen, was hier geschehen, und ich
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weiß, daß Carmen Massaignac dann der mächtigste Schutz oder eine schwere Rächung nicht fehlen werden.«
Ihr stolzer herausfordernder Blick suchte den boshaften Feind im Kreise - der Graf Alvaro war verschwunden!
Eine Handbewegung des Prälaten, der einige Worte mit dem Kommissionsrath gesprochen, welcher den Zustand des Senators untersucht hatte, bedeutete sie, den Ring zu behalten.
»Es ist unnöthig, Madame,« sagte er -, »die Marquise Carmen von Massaignac, die nur durch einen Irrthum und eine Täuschung der hochwürdigen Aebtissin über ihre Person hier zurückgehalten wurde, hat Nichts mehr zu fürchten. Sie ist frei und ich selbst stelle ihr meine Mittel und all' meinen Einfluß zu Gebote.«
Der Jesuit hatte, als er erkannte, daß es unmöglich sein werde, die früheren Pläne auszuführen und nachdem ihn der Kommissionsrath versichert hatte, daß der Marquis rettungslos verloren sei, sofort mit der Klugheit seines Ordens das bisher verfolgte System aufgegeben und sich den Umständen gefügt. Seine Kenntniß der Verhältnisse sagte ihm, daß mit dem Tode des Marquis die Umstände gänzlich geändert wären und Carmen die alleinige Erbin des kolossalen Vermögens werde, da der Senateur keine Kinder hinterließ. Schon um des Anspruchs willen, den die Gesellschaft Jesu auf das Erbe der alten Haciendero erhob, mußte man jetzt vermeiden, die Besitzerin des Vermögens sich noch mehr zu verfeinden.
Die Aebtissin begriff zwar diese plötzliche Sinnesänderung nicht, aber sie war zu gewöhnt, dem gewichtigen
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Einfluß des Prälaten sich unterzuordnen, um sich einen Widerspruch zu erlauben. »Hochwürdige Mutter,« fuhr der Rektor fort - »ich bitte Sie, passende Zimmer für diese Dame in Bereitschaft setzen zu lassen, denn ich denke, daß sie von der schrecklichen Scene dieser Nacht angegriffen und der Ruhe bedürftig sein wird.«
Die junge Marquise verneigte sich kalt, sie wußte, was sie von diesem plötzlichen Eifer zu halten hatte. »Ich bin gezwungen Madame,« sagte sie - »von Ihrer Gastlichkeit noch länger unfreiwilligen Gebrauch zu machen, denn meine Pflicht gebietet mir, diesen Mann, der mein Bruder ist, nicht zu verlassen. Eine heiligere Pflicht für mich aber ist, nicht von der Leiche einer Freundin und Genossin schrecklicher Tage zu weichen, damit wenigstens ein theilnehmendes Herz der Unglücklichen zur endlichen Stätte des Friedens folgt!«
Sie war neben der Bahre niedergekniet und küßte die bleiche Stirn der Todten, ohne dem gräßlichen Leiden des Mannes an deren Seite einen Blick zu schenken.
Der Brigadier hielt es an der Zeit, sich wieder in die Verhandlungen zu mischen. Während die meisten Anwesenden dem Arzt ihre Aufmerksamkeit zuwandten, den man aus dem Flecken Birenico am Fuß des Berges herbeigeholt hatte und der endlich angekommen war und sofort die Untersuchung der Verwundeten vornahm, befahl er, die andern Gefangenen, die sich bis jetzt im Hintergrunde gehalten hatten, näher treten zu lassen.
Die Miene des würdigen Bettelmönchs glich sehr der eines armen Sünders unter dem Galgen. Das Kupfer
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seiner Nase hatte sich trotz der Rumflasche, dem Geschenk des englischen Kapitains, stark in eine mattbläuliche Farbe verwandelt und er ließ sein gewaltiges Mundwerk wie ein erwischter Pudel hängen, da er sich hier in einem Kloster, also auf eignem Grund und Boden sah, was ihm höchst unbequem und verdrießlich war. Dennoch hatte er Unverschämtheit genug, sofort das Handwerk zu begrüßen, als er die geistliche Kleidung des Prälaten sah.
»Uf!« sagte er, ohne Weiteres dem Rektor die breite Hand zum Gruß entgegenstreckend, »Ave Maria purissima! ich will keinen Tropfen vernünftiges Getränk mehr zu mir nehmen, wenn ich nicht froh bin, wieder unter heiligen Leuten zu sein! Ich hoffe, man wird hier ein unwürdiges Mitglied der Kirche, das seit zwei Tagen keine ordentliche Mahlzeit gehalten hat, nicht verschmachten lassen!«
»Wer ist dieser Mensch?« frug der Rektor streng, ohne die dargebotene Hand eines Blickes zu würdigen!
Dem Bettelpfaffen begann sofort wieder der Kamm zu schwellen. »Oho! sachte! sachte. Akuschla, mein Liebling! Ein Mensch? ei seht mir doch! weil meine Kirchen-Uniform nicht mehr ganz so neu ist, als die Eure, glaubt Ihr mich mit Naserümpfen betrachten zu können? Aber ich habe vielleicht bessere Weihen erhalten, als Ihr, müßt Ihr wissen, wenn ich auch jetzt mit dem Sack auf dem Rücken terminiren muß, statt daß ich sonst meinen ehrlichen Esel hatte!«
»Es ist ein Bruder Terminirer aus einem Kloster in der Waadt, Herr,« berichtete der Brigadier. »Ich kenne
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ihn wohl, denn er ist der unersättlichste Schlauch im ganzen Waadtland und Tessin, aber sonst ein lustiger Bursche. Nur treibt er sich gewöhnlich in der schlechtesten Gesellschaft umher und das eben ist mir verdächtig gewesen.«
»Haben Sie die Güte, diesen Schandfleck für den geistlichen Stand morgen früh nach seinem Kloster per Schub zurückbringen zu lassen. Ich werde an den Bischof seinethalben berichten.«
»Goddam,« sagte der Engländer, »Sie suaind sehr streng mit diese Bruder Pan, der suaind ein sehr gutes Mensch und huaben viel Durst! - Ich möchten nun aber wissen, ob Sie mir werden morgen geben Gelegenheit zu schießen die Weißröcke, wie man mir hat versprochen!«
»Es ist ein Engländer,« berichtete der Gensd'arm. »Er erklärt, daß er hierher gekommen sei, um auf die österreichischen Schildwachen zu schießen und will sich das nicht ausreden lassen. Seine Papiere sind in bester Ordnung. Wir haben ihn mehr mitgenommen, um ihn selbst vor einer Ausbeutelung durch die Gesellschaft zu schützen, in der wir ihn gefunden; denn ich hege keinen Augenblick Zweifel daran, daß die Spitzbuben, die hier eingebrochen, dazu gehören.«
»No - no!« erklärte der Kapitain. »Es suaind muaine Freunde und ich habe gemacht mit sie uainen Contrakt. Vor jueden Oesterreicher uaine Guinee. Ich habe geschossen die Wilden in Amerika und die Schwarzen in Dahomei und die Indier, die gebunden gewesen sind vor die Kanonen und es hat mich gekostet viel Geld. Jeder Gentleman kann haben seine Liebhaberei und ich
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wünsche jetzt zu schießen die zahmen Soldaten, um zu sehn, wie sie thun sterben.«
»Ich glaube, ich habe von diesem Manne gehört,« sagte der General. »Er ist ein Kapitain Peard und unter dem Namen der »Menschenjäger« bekannt, da er zur Schande der englischen Nation ein Geschäft daraus macht, dem Ende von Verunglückten beizuwohnen oder wo er dies unter dem Schutz des Krieges oder der britischen Macht ungestraft thun kann, unschuldige Menschen hinterrücks niederzuschießen!«
»Yes, yes!« sagte der Kapitain, sich vergnügt die Hände reibend - »das suaind so. Ich suaind ein großer Freund zu sehen den Tod. Ich werden beobachten diesen Mann, dem Feind eingeschlagen der Schädel und diesen andern, der zerschlagen hat alle seine Knochen.«
»Ich möchte Ihnen rathen,« bemerkte der Prälat strenge, »möglichst schnell die sardinische Gränze zu gewinnen und unter die Schaaren des Herrn Garibaldi zu gehen, wozu Ihnen dieser Herr vielleicht helfen kann; denn bei den schweizer Behörden, oder in der Armee des Kaiser Franz Joseph dürfte Ihre Liebhaberei wenig Schutz finden. Dieses Haus frommer Frauen hat jedenfalls kein Dach für Sie!«
»Well! Aber ich suayn sehr müd' und werde bleiben diese Nacht hier. John!«
»Sir!«
»Seh zu, daß meine Buchs ist in gutem Stand; Du kuanst legen mein Decke dort an die Seite zum Schlafen.« Er trat zu der Bahre, ohne sich um die Umgebung weiter zu kümmern, und klemmte das Lorgnon in's Auge, um
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den Versuchen des Wundarztes zuzuschauen, an den zerschmetterten Gliedern des Marquis, den man jetzt auf eine herbeigeschaffte Matratze gelegt, einen Verband anzulegen. Der Prälat widmete ihm so wie den andern Gefangenen keine Beachtung mehr, denn sein finsteres Auge hatte sich jetzt mit allem Haß seiner Seele auf den Novizen gerichtet.
»Tritt näher, Felizio!«
Der junge Mann, bleich, das Auge auf den Boden gesenkt, aber die Lippe fest und trotzig geschlossen, gehorchte dem Befehl.
»Wo bist Du gewesen? wie kommst Du außerhalb des Klosters?«
»Ich war auf der Flucht - ich kann es nicht länger ertragen, Ihr Sclave zu sein! ich will frei werden!«
»Unsinniger! vergißt Du, daß Du der Kirche gehörst?«
»Ich habe das Gelübde noch nicht abgelegt. Ich will nicht länger mich unterdrücken und behandeln lassen wie ein Kind. Seit ich denken kann, habe ich in meinem traurigen Leben Nichts als Haß und Druck empfunden. Ich verabscheue den Stand, zu dem Sie mich zwingen wollen; dieses Leben ohne Willen, ohne Selbstachtung, wo jedes menschliche Gefühl erstickt wird und der Mensch eine bloße Maschine, der Fußschemel Derer ist, die sich zu seinen Gebietern aufgeworfen, ist schlimmer als der Tod!«
»Undankbarer - so redest Du von den Wohlthaten der heiligen Kirche, die sich des Kindes der Sünde und des Fluches angenommen, damit es nicht untergehe in den Verbrechen seiner Erzeuger?«
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»Ich weiß nicht, wer meine unglücklichen Eltern waren,« sagte der Jüngling mit leidenschaftlichem Ausbruch. »Ich habe nie weder Vater noch Mutter gekannt, aber ich weiß, daß seit meiner Kindheit mich der Haß verfolgt hat. Warum habe ich nicht, wie der Sohn des geringsten Bettlers meiner Heimath mich erfreuen dürfen, an dem sonnigen Himmel Biskayas, spielen dürfen an dem Felsenstrande des grünen Meers oder schweifen durch die Thäler der Pyrenäen, statt eingekerkert zu sitzen in den finstern dunklen Mauern jenes Klosters, jeder kindlichen Freude beraubt, unter der Geißel mich windend, mit Vorwürfen überladen, wenn der Geist der Jugend sein Recht verlangte! Und dennoch war dies Leben des Zwanges und der Tyrannei ein glückliches gegen das, was ich führte, seit Sie in unsere Berge kamen, um mich abzufordern - nur der Himmel weiß, mit welchem Recht. Damals athmete ich wenigstens die Luft meiner Heimath, ich sah die mächtigen Gipfel der Pyrenäen sich zu den Wolken thürmen, ich hörte die theuren Laute meiner Sprache und durfte glauben, daß derselbe Himmel sich über den Gräbern meiner Eltern wölbte. Da rissen Sie mich los von dem Allen und machten aus dem vollen Herzen, das dem Leben so gern entgegen geschlagen hatte, einen Sclaven Ihrer Laune, ein Geschöpf ohne Glauben, ohne Freude an Gott und der Welt, einen Frevler an den besten Gefühlen der Menschen - Sie machten aus mir einen Jesuiten!«
»Wahnsinniger - Du vergiltst mit Lästerung die Sorge und Liebe!«
»Liebe?« wiederholte der junge Mann mit dem
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Ausdruck bitterer Verachtung. »Wagen Sie es Liebe zu nennen, wenn das Raubthier mit seiner Beute spielt, ehe es sie zerreißt? Sie haben mich gehaßt, seit ich geboren bin - ich weiß nicht warum, aber ich fühle es tief in meinem Innern, daß es so ist. Aus Haß haben Sie mich zu sich genommen, um mich quälen zu können; aus Haß haben Sie mich zum Eintritt in Ihren Orden bestimmt und gezwungen; - aus Haß fesseln Sie mich an sich, um mich verderben zu können, wenn meine Zeit gekommen! Darum bin ich geflohen - darum will ich ein freier Mensch werden!«
»Meinst Du?«
Die Erregung des jungen Mannes, die nach jahrelangem Dulden so plötzlich sich Bahn aus dem Herzen auf die Lippen gebrochen, hatte sich in der Sprache seiner sonnigen Heimath Luft gemacht, deshalb war sie von den Meisten der Anwesenden nicht verstanden worden.
Aber unter den vier Personen, welche die ritterliche Sprache des Cid außer dem Prälaten redeten, hatten die Worte ein lebhaftes Echo gefunden.
Der Offizier Garibaldi's stand, entschlossen, seinem jungen Gefährten bei der Entführung der beiden Frauen beizustehen in dem Werk der Emanzipirung von der Knechtschaft, die ihn bisher gedrückt, die Arme gekreuzt und erwartend, was folgen würde. Selbst der Modenese heftete einen Blick neugieriger, forschender Theilnahme auf den Jüngling und wandte ihn dann aufmerksam auf den Jesuiten; die Marquise hatte die todte Freundin verlassen und ihre Hand faßte warm die des Novizen.
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»Sie haben ein Herz für mich in meiner Noth gehabt,« sagte sie in der Sprache seiner Heimath, »und sind zurückgekehrt, um mir beizustehen, während Sie bereits unter Freunden und in Freiheit waren. Carmen von Massaignac bietet Ihnen eine Heimath in ihrem Hause, denn sie kann unmöglich glauben, daß die Kirche Anspruch auf Jemand erheben wird, der keinen Beruf zu ihrem Dienst fühlt.«
Die letzten Worte waren wie eine Frage an den Rektor gerichtet, aber die unglückliche Andeutung, daß der Jüngling bereits seine Flucht vollzogen und daß er den garibaldischen Offizier zu ihrer Befreiung herbeigeführt hatte - ein Umstand, der dem Prälaten bisher unbekannt gewesen - vermehrte nur dessen finstern Groll.
»Die Gesellschaft Jesu hat eine Schlange in ihrem Busen genährt,« sagte er hart. »Sie wird sie zertreten. Der Abtrünnige soll seiner Strafe nicht entgehen!« Er wandte sich zu dem Brigadier. »Wir haben keinen Theil an den Anderen, mein Herr, aber dieser Jüngling ist ein Novize des Stiftes von Bologna, und ich hoffe, daß Sie der geistlichen Gerichtsbarkeit über ihre Angehörigen Nichts in den Weg legen werden!«
»Nicht im Geringsten, hochwürdiger Herr! wir haben Nichts mit der Geistlichkeit zu thun,« erklärte der Beamte. »Ehe Sie aber weiter entscheiden, muß ich Ihnen dies Portefeuille übergeben, das wir bei dem Gefangenen gefunden und ihm abgenommen haben.«
Der Jesuit fuhr bei diesen Worten empor - trotz
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seiner großen Selbstbeherrschung konnte er es nicht hindern, daß eine dämonische Freude aus seinen Augen blitzte.
Das Portefeuille war dasselbe, dessen sich der Rektor bei der Zusammenkunft im Sprachzimmer der Aebtissin bedient, in das er die Wechsel des Marquis von Massaignac gelegt, und das er, als er die Messe in der Klosterkirche lesen wollte, in seinem Zimmer niedergelegt hatte. Hier hatte es der Novize gefunden und fortgenommen, als er nach dem mißglückten Versuch, die Unterredung zu belauschen, während des Beginns der Messe das Zimmer des Prälaten betrat, ehe er nach dem Klostergarten zurückkehrte, um den Major dort zu treffen.
Der Blick voll Haß des Prälaten ruhte einige Augenblicke auf dem unglücklichen jungen Mann, ehe er sprach.
»Also nicht ein Abtrünniger,« sagte er dann kalt und vernichtend, »sondern ein Dieb, ein gemeiner Dieb, der seine Wohlthäter bestohlen hat!«
»Sie lügen Herr - ich bin kein Dieb!«
»Was anders denn?« der Jesuit öffnete das Portefeuille mit einem Schlüssel, den er aus seiner Tasche zog. »Sehen Sie selbst, Brigadier, damit Sie es nöthigenfalls bezeugen können, in diesem Portefeuille sind Werthpapiere von hohem Betrag. Es ist ein gemeiner Diebstahl, den dieser Mensch begangen. Jetzt weiß ich auch, wer jenem verwachsenen Burschen zu einem ähnlichen Verbrechen geholfen hat.«
Der unglückliche junge Mann, zerschmettert, vernichtet von der furchtbaren Anschuldigung, der er sich nicht zu entziehen vermochte, verbarg sein Gesicht in die Hände.
»Sie werden ihn nicht unglücklich machen, Signor,«
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sagte flehend die Marquise, von der furchtbaren Anklage erschüttert - »es ist gewiß nur ein Versehen - er ist so jung!«
Der Major begriff besser, um was es sich handelte, aber er sah auch ebenso die Gefahr, in welcher der junge Mann durch seine unvorsichtige Handlung schwebte, und daß er keine Macht hatte, ihn zu retten, wenn der Jesuit auf seinem Willen bestand. Dennoch machte er den Versuch.
»Mein Herr,« sagte er - »wir sind zwar Gegner, aber lassen Sie mich für den jungen Mann ein Wort einlegen. Er mag gefehlt haben, aber sicher wollte er kein Dieb sein. Machen Sie einen Soldaten aus ihm, wenn nicht auf unserer Seite, so auf der Ihren, und er wird besser seine Bestimmung erfüllen, denn als ein gezwungener Diener der Kirche!«
Der General beobachtete schweigend den Prälaten - auch er nahm offenbar ein großes Interesse an der Entscheidung.
Der Rektor wandte sich kalt zur Seite. »Fra Andrea!« befahl er.
Der große vierschrötige Jesuit trat sofort aus dem Haufen,
»Nimm den Schuldigen und bring' ihn in Gewahrsam - Du haftest für ihn. Das geistliche Gericht wird über den Verbrecher entscheiden. - Signor Brigadiers,« wandte er sich zu dem Gensd'armen, »ich werde in Betreff jenes Menschen, meines früheren Dieners, an Ihre Behörde berichten. Es ist Zeit, daß diese Scene endet; lassen Sie das Volk die Kirche räumen und bringen Sie Ihre Gefangene für diese
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Nacht in sichere Haft. Hochwürdige Frau, ist die Krankenzelle zur Aufnahme dieses Unglücklichen bereit?«
»Es ist Alles nach Kräften geordnet, wenn dieser Herr die Fortschaffung erlaubt.«
Der Arzt machte ein bejahendes Zeichen, die Träger erhoben die Matratze, auf welcher der Marquis mit dumpfem Schmerzensstöhnen lag.
»Es ist ein furchtbarer Zustand,« sagte flüsternd der Doktor - »er ist rettungslos verloren, aber seine Leiden können noch mehre Tage dauern und das Schlimmste ist, daß er das volle Bewußtsein derselben hat.«
»Aber ich sehe seinen Freund, den Grafen Montijo nicht?« frug der General.
»Der Herr Graf,« berichtete der Kommisssonsrath, »hat, wie man mir eben gesagt, bereits mit der Chaise, die unsern Doktor aus dem Thal heraufgebracht hat, das Kloster verlassen.«
Die Blicke Carmen's und des Majors begegneten sich - das Gefühl gemeinsamer Verachtung sprach aus beiden. Die Marquise trat zu dem bewährten Freund. »Ich muß diesen Unglücklichen begleiten und werde meine Pflicht erfüllen bis zum letzten Augenblick. Die Macht unserer Feinde ist gebrochen mit dem Tode des Unseligen. Ich bin frei und Herrin meiner selbst. Wenn wir uns nicht mehr sehen sollten, ehe Sie sich entfernen, so nehmen Sie meinen Dank. Von Paris hören Sie und der Freund im Norden weiter von mir!« Sie wandte sich, um die Bahre mit dem Leidenden zu begleiten und fand sich der Wittwe gegenüber, die auf diesen Augenblick gewartet hatte.
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»Madame,« sagte die Berlinerin, »verzeihen Sie, daß ich Sie einen Augenblick aufhalte. Sie nannten vorhin einen Namen, der mir theuer und wichtig ist, den Namen von Röbel?«
»Sie kennen ihn?«
»Meine Tochter führt ihn gleichfalls.«
Eine dunkle Röthe überflog das Gesicht der Marquise - ihr Busen hob sich heftig. »Die Tochter Otho'ns de Reuble?«
»Nein Madame, die Tochter seines unglücklichen älteren Bruders Ferdinand. Aber wenn Sie den Namen des jüngeren meinten, so haben Sie ein edles und wackeres Herz genannt, das schon in der Brust des Knaben schlug, und in der Erinnerung daran bitte ich Sie über mich zu verfügen, wenn ich Ihnen irgend von Nutzen sein kann.«
Die junge Marquise reichte ihr freudig die Hand - das Lob Otto's von Röbel hatte sofort ihr Herz gewonnen. »Kommen Sie Madame,« sagte sie freundlich - »begleiten Sie mich, wir wollen viel von diesem Namen sprechen. Sie sehen Kapitain, indem ich einen Freund verlasse, gewinne ich sofort eine neue Freundin!«
Sie reichte ihm nochmals die Hand, dann folgte sie mit der Wittwe der Bahre des Marquis. -
Die Kirche hatte sich unterdeß geleert, nur die Gruppen der Gefangenen und der anderen Hauptpersonen befanden sich noch dort.
Der Prälat war zur Seite getreten und winkte den General, die Aebtissin, und den Agenten zu einer raschen Berathung.
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»Sie wissen gewiß, daß der Graf Montijo bereits das Kloster verlassen hat?«
»Ich hörte, wie einer der Klosterdiener den Doktor dort frug, ob der Einspänner, der ihn hergebracht, abfahren könne?«
»Haben Sie Gefähr im Kloster?« frug er die Aebtissin.
»Einen einfachen Wagen.«
»Dann geben Sie Befehl, daß er sofort angespannt wird mit den schnellsten Pferden. Sie, Signor Boltmann machen sich bereit, in zehn Minuten abzufahren.«
»Nach Berlin?«
»Nein - nach Paris. Sie werden mit den Pferden des Klosters bis Bellinzona gehen und von dort Kurierpferde nehmen bis zu den Schweizer Bahnen. Kommen Sie nicht zu rechter Zeit an, so nehmen Sie einen Extratrain. Auf jeden Fall müssen Sie schon bis zur nächsten Station den Grafen Montijo überholen. Ihre Aufgabe ist es dann, zu verhindern, daß er unterwegs Pferde bekommt, um so rasch als Sie zu reisen. Er muß achtundvierzig Stunden später in Paris eintreffen als Sie. Nehmen Sie diesen Ring, er wird Ihnen den unbedingten Gehorsam jedes unserer Agenten sichern. Es ist schade, daß er nicht eine Stunde gezögert hat, ich hätte ihm jenen Condottieri dort auf den Hals geschickt und wir wären seiner los gewesen. Aber der Satan ist schlau und hat sofort seinen Entschluß gefaßt, als er sah, daß sich durch das Unglück des Marquis alle Verhältnisse mit einem Schlage geändert haben. Hier nehmen Sie diese Wechsel auf das Haus Miron. Dasselbe
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wird durch den Telegraphen vor Ihrer Ankunft benachrichtigt werden, damit es die Summen flüssig machen kann. Sofort nach Ihrem Eintreffen discontiren Sie die Wechsel an unsere Bankiers und lassen Sie dieselben Aktien, Werthpapiere oder andere Wechsel nehmen, wenn die Baarzahlung nicht zu erreichen ist. Es ist besser, einen Verlust zu erleiden, als unser Eigenthum den Chancen eines Prozesses auszusetzen, was gewiß geschehen würde, wenn der Graf Montijo mit seinen Nachrichten Paris erreicht oder die Marquise Carmen früher ihre Rechte dort geltend macht. Sind wir im Besitz des Geldes, so kann man uns dasselbe nicht mehr vorenthalten. Sie sehen, daß der Orden großes Vertrauen in Ihre Umsicht und Thätigkeit setzt, Signor Boltmann, und ich hoffe, daß Sie ihm entsprechen werden. Sobald das Geschäft geordnet ist, benachrichtigen Sie mich durch den Telegraphen in unverfänglicher Form nach Verona, wohin ich morgen gehe, und reisen sofort nach München und Berlin ab, um dort Ihre anderen Aufträge auszuführen. Sie haben jetzt Ihre Instructionen und zehn Minuten Zeit, Ihr Gepäck zu ordnen. Gott sei mit Ihnen!«
Der Agent, obschon die Kurierreise bei Nacht seiner Neigung für Wohlleben und Bequemlichkeit wenig behagte, verbeugte sich ohne Erwiderung und entfernte sich mit dem blinden Gehorsam, den die Ordensregeln jedem Mitglied zur Pflicht machen.
Der Prälat kehrte zu der Gruppe vor dem Chor zurück und wandte sich zu dem Arzt, der bei dem Argelino zurückgeblieben war.
»Warum lassen Sie diesen Menschen nicht an einen geeigneteren Ort schaffen, Signor Dottore?« frug er. »Er kann unmöglich hier bleiben und mag in den Räumen der Dienerschaft bewacht werden, indeß die Leiche jener Frau hier stehen bleibt.«
»Sie können Beide zusammen lassen, Signor,« sagte der Doktor ernst. »Es wird in wenig Augenblicken mit ihm vorbei sein. Er liegt im Delirium des letzten Kampfes - sehen Sie selbst! ...«
In der That hatte der alte Dieb, seit man den Novizen als Gefangenen hereingeführt und der Prälat ihn angeredet hatte, mit weit geöffneten Augen da gelegen, die fest auf dem Jüngling hafteten. Von Zeit zu Zeit durchlief ein krampfhaftes Zittern den Körper und die verwitterten, mit Blut bedeckten Züge, aber die Augen blieben mit grauenhafter Starrheit auf den Jüngling geheftet, der noch immer bleich und gebrochen, die Hände fest in einander geschlungen an dem alten Fleck in der Nähe der Bahre stand, während der Frater Andrea ihn wiederholt mahnte, ihm gutwillig zu folgen, und Major Laforgne von der andern Seite ihm Muth einsprach und seinen und seiner Freunde Beistand verhieß.
Kapitain Peard hatte einen der niedern Rohrschemel genommen und saß neben dem Sterbenden, die Fortschritte des Todes auf seinen Zügen beobachtend.
Der Prälat widmete dem Erschlagenen nur einen flüchtigen finstern Blick. »Glauben Sie, Signor Dottore, daß dieser Elende, im Fall er nicht ein Ketzer ist, noch die Segnungen der heiligen Kirche erhalten kann?«
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»Man muß es wenigstens versuchen, hochwürdigster Herr!«
Der Rektor dachte einen Augenblick nach; - da seine eigene Hand dem Unglücklichen den Tod gegeben, konnte er unmöglich selbst ihm den letzten Dienst der Religion erweisen, aber eben so unangenehm wäre es ihm gewesen, den Jesuiten, seinen Begleiter, die Beichte des Argelino hören zu lassen. Seine Blicke fielen auf den Bettelmönch.
»Habt Ihr die Weisen[Weihen] in articulo mortis empfangen, Fra Pancratio?« frug er.
»In articulo mortis und jedem andern Artikel, wenn er sich der Mühe lohnt, so wahr das letzte Familienschwein der O'Patriks beim Tode meiner Mutter seelig, der Schlumpe, zum Leichenschmause geschlachtet wurde, Euer Hochwürden! Ich habe sie selber zum Himmel präparirt, nachdem sie in der großen Prügelei mit den O'Tooles einen Stein auf die Brust gekriegt hatte, von dem sich die gute Frau nicht wieder zu erholen vermocht hatte. Es war bei der Gelegenheit, Hochwürden, als ich noch ein junger Kerl war, daß der Bischof mich geschwind aus dem Kloster auf die Fahrt nach dem gesegneten Rom schickte, weil die Orangemänner mich sonst gehenkt hätten, ohne viel zu fragen, ob es dem heiligen Vater auch recht wäre. Laßt sehen, es war im Jahre dreißig oder da herum; eins mehr oder weniger thut Nichts zur Sache, da es mit den Jahren nicht ist, wie mit dem Wein.«
Der Rektor zuckte ungeduldig und verächtlich die Achseln. »Höret diesem Mann die Beichte und ertheilt
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ihm die letzte Oelung,« befahl er. »Und nun führt die anderen Gefangenen fort.«
Sein Wink deutete auf den Novizen. Frater Andrea faßte ihn am Arm und zog ihn mit sich fort, während die Gensd'armen den Juden und seinen Spießgesellen wegführten.
Plötzlich ereignete sich Seltsames.
Der unglückliche Jüngling, der sich willenlos fortführen ließ, kam auf seinem Wege dicht an der Bahre des Argelino vorüber.
In dem Augenblick, wo sein schwarzes Gewand die Bahre streifte, richtete sich der Sterbende auf, streckte die verstümmelte Hand aus und erfaßte dasselbe. Die weit geöffneten Augen schienen noch größer zu werden - die Kiefern schlugen auf und nieder, als wollten die Worte nicht aus der Kehle heraus.
Der junge Mann starrte mit Entsetzen auf diese Erscheinung - sein Haar sträubte sich.
Dann gurgelten die Worte herauf in abgebrochenen Lauten »Azcoitia! - Der Mörder Deiner Mutter! - i' wollt' sie retten - der Mönch - hier hier -« die verstümmelten Finger hoben sich ihm entgegen und ballten sich gegen den Prälaten - »Er! er! - die Königstochter von Granada - Dein Vader ...«
Der Novize warf sich an der Bahre nieder, seine Hände faßten krampfhaft den erhobenen Arm des Sterbenden.
»Mein Vater? Ihr habt meinen Vater gekannt? Seinen Namen - bei Eurem ewigen Seelenheil, seinen Namen!«
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»Du bischt sei Ebebild - der Fürscht - der Fürscht -«
Der Prälat stürzte sich auf den Jüngling und riß ihn empor. »Fort mit ihm Fra Andrea, bei Deinem Eid des Gehorsams! Der Elende spricht im Delirium!«
Der Argelino hob die Hand empor, als wolle er den Himmel zum Beistand rufen, - während der Jesuit den Jüngling fortschleppte. Dann gurgelte es herauf in der Kehle, sein Mund schnappte nach Luft, ein dunkler Blutstrom brach aus den geöffneten Lippen und während seine Augen starr und drohend auf den Priester gerichtet waren, fiel er langsam hintenüber; - der alte Dieb war todt.
Alle Zeugen der schrecklichen Scene standen stumm und tief erschüttert umher, selbst der Rektor trocknete den kalten Schweiß von seiner Stirn. Nur die furchtbare Selbstbeherrschung, welche die Selbstertödtung seines Ordens, die willenlose Verfolgung des einen Zwecks ihn gelehrt, gab ihm zuerst die Fassung wieder.
«In manus tuas Domine commendo spiritum suu!« sagte er mit Salbung. [»]Der Unglückliche ist ohne die Segnungen der heiligen Kirche gestorben, aber es sollen Messen gelesen werden für seine arme Seele, sobald dies Gotteshaus wieder geweiht ist nach dem Blut, das es entheiligt hat. - Ehrwürdiger Bruder, Ihr werdet bei diesen beiden Leichen bis zum Morgen wachen und die Todtengebete sprechen. Es soll in meinem Bericht an Euren Vorgesetzten Euch zu Gunsten gedacht werden. Kommen Sie, ehrwürdige Mutter, es ist Zeit, daß wir diesen Ort der Trauer und des Schreckens endlich verlassen!«
Und mit dem kalten Marmorgesicht, das sein Inneres verhüllte, ruhig, als ob nicht das Geringste von alle dem Entsetzlichen geschehen sei, was sich in die vergangene Stunde zusammengedrängt, verließ er das Chor und die Kirche.
Die Aebtissin folgte ihm mit dem General, der in tiefen Gedanken noch einen Blick auf den Gestorbenen warf.
»Ich hoffe,« murmelte er leise - »Herr von Neuillat hat den Grafen von Chambord nicht nach England begleitet; es ist nöthig, daß er erfährt, was hier vorgegangen.«


Der Bettelmönch, von dem Brigadier aufgefordert, die ihm befohlene geistliche Pflicht an der Seite der beiden Todten zu üben, die man neben einander vor einem der Seitenaltäre niedergesetzt hatte, erklärte bei dem Erblicken der Leiche der einst so schönen und lebensfrohen Herzogin mit Entsetzen, daß keine Macht der Erde und selbst eine Clausur bei Wasser und Brod ihn nicht vermögen solle, allein in dieser Nähe zurückzubleiben. Der würdige Bruder Pan schwatzte so Vieles und so Unsinniges von der wiederauferstandenen Venus von Rom, von dem Sturm auf Villa Corsini und der heiligen Fausta zusammen, daß der Führer der Gensd'armen zu der Einsicht kam, er müsse noch betrunken oder in seinem Kopf längst nicht mehr ganz richtig sein und es wäre eine Blasphemie der Todten, ein solches Glied der Kirche zu ihrem Dienst zu lassen.
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So wurde, nachdem die Zugänge der Kirche wieder verschlossen und gesichert waren, der Mönch sammt dem Juden fortgeschafft und in dem Dienstgebäude des Klosters in eine Kammer gesperrt, wo er mit dem Rest seiner Rumflasche bald den Schlaf der Gerechten fand und träumte, er sei zum Abt einer fetten Benediktiner-Abtei in Galloway oder Connaught ernannt worden; auch der garibaldische Major und der britische Kapitain mit seinem Diener und Büchsenspanner fanden für die noch übrigen Stunden der Nacht ein Unterkommen in dem für die Dienstleute und Laien bestimmten Flügel des Stiftes.
Die beiden Leichen blieben allein - die vornehme Dame, die Aristokratin, deren Schönheit und Lebenslust einst das halbe Rom zu ihren Füßen gesehen, die noch vor zwei Stunden dem neuen Leben, der Freude wieder entgegen zu eilen gehofft, - und der alte Dieb, der Vagabond aus der Hefe des Volks. Die bleiche Scheibe des Monds war längst hinter die Berge gestiegen und nur das einsame Licht der ewigen Lampe warf seinen matten Schein in das gespenstige Dunkel des entweihten Gotteshauses und auf die weißen Gesichter der Todten.
Um die Pfeiler wogten die Schatten der Nacht und ballten sich dunkler und dunkler hinauf zu dem Gewölbe - dann wehte es wie kalter Grabeshauch herauf aus der offenen Pforte der Gruft durch den weiten Raum, lautlos, und dennoch ein Leben, ein unheimliches, grauenvolles. Auf zischte das einsame Licht und verlosch - was
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sollte die heilige Flamme in dem Blutgeruch des entweihten Raums!
Aber das Gesicht der todten Frau leuchtete weiß durch die Finsterniß und über sie beugte es sich gleich zwei gespenstigen Spiegelbildern, weiß und todt und küßte ihre Stirn, als wolle es sie emporziehn, die dritte zum gespenstigen Reigen aus dem tiefen Geheimniß des Grabes - Faustella - Faustina - Fausta!
Ueber die Schluchten des Monte-Cenere dämmerte der Morgen! - - -

Im Haupt-Quartier.

Die kleinern italienischen Städte und Flecken sind abscheuliche Nester mit einer prächtigen Dekoration von Weinreben, Akazien, baufälligen Balkons und schlumpiger Bevölkerung. Garlasco ist nicht besser als der allgemeine Typus, vielleicht noch etwas schlechter.
In Garlasco hatte der Feldzeugmeister jetzt sein Hauptquartier genommen; die Regiments-Musiken spielten Mittags und Abends auf dem sogenannten Marktplatz, und der Champagnerkeller des Oberbefehlshabers wurde stark in Angriff genommen. Von dem Feinde dagegen wußte man seit dem Treffen bei Montebello herzlich wenig.
Man stand noch immer in der Lomellina, auf dem linken Ufer des Po zwischen der Sesia und dem Ticino,
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aber der Feldzeugmeister hatte mit dem Rückgang über die Sesia und der blutigen Recognoscirung auf dem rechten Po-Ufer jeden Gedanken an eine weitere Offensive aufgegeben und der franko-sardischen Armee alle Zeit gelassen, ihre Aufstellungen zu vollenden. Er hatte den rechten Flügel, der früher bis zum Comer See hinauf Mailand deckte, wieder möglichst entblößt und seine Hauptstärke zwischen Mortara und Pavia concentrirt. Nur so viel wußte man, daß der Kaiser Napoleon, der bald nach seinem Eintreffen in Alessandria (am 14. Mai) den Oberbefehl über die verbündeten Armeen übernommen, noch sein Hauptquartier in der Festung hatte.
Dieser Unthätigkeit und Unentschlossenheit des oesterreichischen Oberbefehlshabers gegenüber bereitete der Kaiser die Offensive vor. Aber der Feldzeugmeister blieb darüber in der vollsten Unkenntniß, oder wurde von den Spionen getäuscht. Kurz vor Beginn der Bewegung der Franzosen, am 26sten, war ein österreichischer Parlamentair in der Nähe von Bassignana (links von Valenza am Po) eingetroffen, unter dem Vorwand, Nachrichten über einige bei Montebello vermißte Offiziere einzuholen und anzufragen, ob es gestattet sei, Bauern zurückzuschicken, die mit ihren Gespannen noch seit der Fouragirung von Tortona bei der Armee waren. Die gewünschte Auskunft wurde auf's Höflichste von den Franzosen ertheilt, dagegen verbaten sie sich sehr bestimmt alle weitere Kommunikation mit ihrem - dem rechten - Po-Ufer.
Wir nehmen am Spät-Nachmittag des 29. Mai die Darstellung der näheren Scenen wieder auf.
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Der kleine Marktplatz von Garlasco bot ein überaus lebendiges Bild. Offiziere und Soldaten aller Truppengattungen bewegten sich auf dem Platz, standen und saßen in Gruppen umher an den aufgehäuften Bagagestücken oder Feldwagen, Schildwachen standen bei den Geschützen und Karren, Marketenderinnen hatten ihre fliegenden Buden aufgeschlagen, viele Bewohner des Fleckens trieben sich unter den Soldaten umher, da der Eigennutz den Haß gegen die Tedeschi überwog, dabei immer die Ohren gespitzt auf jedes Wort, auf jede Nachricht, um sie auf hundert verborgenen Wegen zum Feinde zu schaffen; ein Trupp Bauern plagte einen obern Offizier mit Klagen um ihre Gespanne und Streitigkeiten um die Zahlung; Stabsoffiziere drängten sich durch die Menge, Ordonnanzen für das Hauptquartier kamen und gingen jeden Augenblick und vor der Kapelle eines Infanterie-Regiments, die auf der Mitte des Platzes sich aufgestellt hatte und Märsche und Tänze spielte, hatte sich ein Kreis gebildet, in dem muntere Burschen vom Palatinal-Huszaren-Regiment Graf Haller von Hallerkeö in ihren lichtblauen Attilas und weißen Csakos mit lustigen Sprüngen den Csikos tanzten.
Die Spekulation der Lombarden hatte aus den meisten Parterres mit ihren Laubengängen um den Platz her Caféhäuser und Restaurationen zum großen Aerger der beiden privilegirten Schänken gemacht, die seit Jahren dort Haus gehalten und sich jetzt durch die patriotische Gesinnung ihrer Nachbarn mit den riesengroßen Vatermördern und der schmuzigen Serviette um die Hüfte in ihrem Verdienst beeinträchtigt glaubten. Indeß war der Verkehr so lebendig
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und der Zuspruch überall so zahlreich, daß Jeder bei der unverschämten Prellerei der Preise seinen Vortheil fand.
Bis jetzt war die Verpflegung der Truppen, da man nicht auf die Armeelieferanten angewiesen war und in der Lomellina requirirte, ziemlich gut, nur der Wein begann zu mangeln.
Das merkte man freilich nicht an den Kreisen der Offiziere, von denen die meisten Geld genug hatten, um sich die Spitzbübereien der Wirthe gefallen zu lassen. Ueberall unter den Lauben und vor den Thüren waren Tische aufgestellt und saßen Offiziere und Soldaten. Die vielen bunten Monturen, das Braun der Gränzer-Regimenter und Artillerie, die weißen Waffenröcke der Grenadiere, die prächtigen Uniformen der Stabsoffiziere, das Grau der Jäger und Pioniere, unter dem nach langem Regenwetter endlich wieder in seinem vollen Azur prangenden italienischen Himmel gaben ein wirklich prächtiges Bild. Kaum daß, mit dem Leichtsinn und der Gleichgültigkeit des Soldaten, Einige daran dachten, welche schwarzen Schatten des Grabes hinter dem lichten Bilde lauerten.
So bunt und bewegt dasselbe übrigens auch war, mit Ausnahme einiger der lautesten Gruppen machte sich doch in fast allen eine gewisse Abspannung, ein leiser Mißmuth in allerlei Zügen bemerklich. Die gewöhnliche leichtherzige, militairische Prahlerei, der Uebermuth, der nur von Vorwärtsdringen und Siegen träumt, fehlte; ernste nachdenkliche Gesichter zeigten sich überall, in den Kreisen der Offiziere wurde mit halber Stimme lebhaft debattirt und
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hin und wieder machte sich ganz offen eine mißbilligende ärgerliche Aeußerung Luft.
An einem Tisch unter den Lauben saßen mehre Offiziere, Haller Husaren, vom Ulanen-Regiment Sicilien, von Cüloz-Infanterie und vom dritten Jäger-Bataillon, dazwischen ein Offizier vom vierzehnten in lebhaftem Gespräch.
»Ihr wißt, daß wir erst gestern in Mailand angekommen sind,« sagte der letztere - »von der Affaire also noch höllisch wenig wissen. Uebrigens ein teufelmäßiger Marsch. Vor vier Tagen noch in Böhmen und heute am Po vor dem Feind. Wir glaubten Euch übrigens längst auf dem andern Ufer.«
»Der Versuch hat mit den Vermißten fast 1300 Mann gekostet,« sagte einer der Ulanen - »ich habe heute die Verlustliste gesehen. Darunter 41 Offiziere - drei Stabsoffiziere sind geblieben.«
»General Braun ist verwundet?«
»Ja - zum Glück nicht schwer. Wir zählen im Ganzen dreihundert Todte, aber die Franzosen haben sicher keinen minderen Verlust, namentlich an Offizieren. General Beuvet fiel an dem Kirchhof von Montebello und der wackere Prokosch räumte nicht schlecht mit seinen Kartätschen unter den Sturmkolonnen auf, als wir auf der Chaussee zurückgedrängt wurden. Er sparte sein Feuer bis auf dreihundert Schritt. Auch Ihr Jäger habt vortrefflich geschossen.«
»Richtig, Isser,« sagte der Lieutenant vom Corps Clam Gallas - »Sie sollen ja eine besondere Affaire gehabt haben mit Cavallerie?«
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»Bah - nicht viel! Chevauxlegers vom sardinischen Regiment Novara attakirten meine Abtheilung, aber wir schickten die Blauröcke mit blutigen Köpfen zurück. Aber um der Wahrheit die Ehre zu geben,« fuhr der wackere Oberlieutenant fort - »auch die Infanterie hat sich sehr gut bewährt trotz der neuen Gewehre. Dort der Bursche von Rainer16 - ich glaube, Thalhammer heißt er« - er wies nach einer Gruppe Soldaten, - »schoß dicht vor der französischen Tirailleurkette einen ihrer Stabsoffiziere vom Pferde.«
»Die Rainer haben sich vortrefflich geschlagen,« erklärte ein Hauptmann von Culoz-Infanterie. »Lieutenant Colny, selbst schon verwundet, rettete noch seinen Major, den Grafen von Welsersheim. Aber ich meine, auch unsere Leute haben sich wacker gehalten.«
Man bestätigte es von allen Seiten und nannte verschiedene Namen von Offizieren.
»Mit dem Allen,« sagte der Unterlieutenant von den vierzehnten Jägern, »erfahre ich nur Einzelnes von Euren Heldenthaten. Aber zum Henker, wir kommen frisch aus Böhmen und ich möchte gern etwas Ganzes über das Treffen haben. Da Sie alle dabei gewesen sind, werden Sie mir doch wohl ein Bild davon geben können. Erzählen Sie, Graf Hardenberg.«
Der Rittmeister lachte. Lieber Ehrenburg,« sagte er, »wir Husaren haben zwar die Attake begonnen und verfolgten den Feind nach Genestrello, aber einen
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ordentlichen Schlachtbericht kann ich Ihnen schwerlich geben, da ich bald darauf zum Prinzen von Hessen mußte. Wenden Sie sich hier an den Baron - er war bei Stadion und hörte also die Meldungen.«
»Sie würden mir eine große Gunst erzeigen.« Der Ulan drehte seinen Schnur[r]bart. »Was ich weiß, sollen Sie gern erfahren - Erfreuliches ist es nicht viel. - Es ist eine bekannte Sache, daß wir in diesem verfluchten Winkel wie in einem Sack sitzen, nicht vor und nicht rückwärts, das dritte und siebente Corps und der Teufel wußte, wo die Franzosen standen, wie stark sie waren und was sie ausheckten. Ich traue noch jetzt dem Schwindel nicht und glaube den Henker, daß sie auf Piacenzci los gehen und uns hier in die Arme laufen werden. Aber da droben müssen sie's wohl besser wissen, sonst hätte man uns nicht mit dem ewigen Hin- und Hermarschiren ermüdet und wäre drauf gegangen, statt die Leute Kamaschendienst treiben zu lassen. Genug, der Feldzeugmeister glaubte, mit jener unglücklichen Erfindung, der Recognoscirung en gros über das, was er wissen wollte, in's Klare zu kommen, und da General Urban bereits seit dem 13ten mit einer Brigade seiner mobilen Colonne auf dem rechten Po-Ufer gegen Voghera patrouillirte und am 17ten gemeldet hatte, daß er sich vor überlegenen Streitkräften auf Stradella zurückziehen mußte, wurde die Division Paumgarten am 19ten nach der Brücke von Vaccarizza dirigirt, wo sich die Truppen zur Recognoscirung sammelten.«
»Ich kann Ihnen sagen, Herr Kamerad,« unterbrach einer der Husaren-Offiziere den Bericht, - »es war ein
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verfluchtes Patrouilliren damals da drüben, die Bauern in vollem Aufstand, und ich mußte mich einmal durch ein Dorf mit dem Säbel in der Faust durchschlagen, wobei die Kanaillen mir einen Husaren mit der Heugabel vom Pferde stießen und zwei andere verwundeten.«
»Feldmarschall-Lieutenant Urban,« fuhr der Erzähler fort, »ließ deshalb auch bei dem Vormarsch am 20sten neun solcher Kerle niederschießen, die auf uns gefeuert hatten oder mit Gewehr und Munition betroffen wurden. Doch um nach der Ordnung zu berichten, es waren zwei Divisionen, Paumgarten und Urban mit 25 Bataillonen und 6 Eskadrons nebst einigen 40 Geschützen zu der Recognoscirung bestimmt, zu wenig, um etwas ausrichten zu können, wenn wir auf das Gros des Feindes stießen, zu viel, um sich nicht ernstlich zu schlagen. So rückte denn am Morgen des 20sten die Division Urban auf der Chaussee nach Casteggio vor, die Brigade Schaffgotsche als Avantgarde mit den Herren dort« - er wies auf die Husaren - »voran, zur Rechten flankirt von Paumgarten, die Brigade Gaal bis Robecco, Bils mit dem Regiment Kinski und den Ogulinern nach Casatisma. Der Prinz von Hessen - die Herren vom Regiment Culoz können Ihnen das näher erzählen - kam von Norden, von Castelletto und sollte den linken Flügel des Feindes hindern, über die Coppa zu gehen. Er hätte den Tag zu einem Siege machen können, wenn -«
»Nun?«
»Nun zum Henker,« rief der Infanterie-Hauptmann,
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mit der Faust auf den Tisch schlagend, »wenn es uns erlaubt worden wäre!«
»Geschehene Dinge sind nicht zu ändern,« fuhr der Offizier fort. »Genug, Graf Stadion kommandirte, das Ganze und die Avantgarde ging lustig vor, bald nach 11 Uhr waren wir in Casteggio, das Städtchen war unbesetzt, Thüren und Fenster verschlossen. Sardinische Cavallerie-Patrouillen zogen sich vor uns her auf ihre Soustiens hinter Montebello zurück und unsere braven Husaren jagten sie bis Genestrello, während die nachfolgende Brigade Braun mit den Regimentern Roßbach und Heß Casteggio besetzte. - Nun müssen Sie wissen, Herr Kamerad, daß nach der Disposition des Grafen hier allerdings hatte Halt gemacht werden sollen, aber das Terrain auf der linken Flanke ist der Art, daß wir Genestrello haben mußten, wenn wir von dieser Seite gegen die Ebene vor uns und auf der rechten gedeckt stehen sollten. Genestrello war schwach von feindlicher Infanterie besetzt, denn das Gros der Division Forey stand damals noch in guter Ruhe bei Voghera, und nur das 84ste Regiment war auf Genestrello vorgeschoben. General Urban war mit der Ansicht des wackern Schafgottsche einverstanden, und die drei Bataillone Miguel, Heß-Grenadiere und das zweite Jäger-Bataillon mit zwei Escadrons der Husaren und vier Geschützen gingen zum Angriff vor. Die Franzosen leisteten tüchtigen Widerstand, aber unsere Braven von Don Miguel waren rasch in den Gehöften und die Jäger besetzten links die Höhen.«
Die lebhafte Erzählung hatte nach und nach einen
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größeren Kreis von Offizieren um den Tisch gesammelt, von denen hin und wieder einer seine Bemerkung einschob. Der Ulan warf einen Blick um sich und fuhr dann etwas kühler fort. »Ich wurde zwei Mal mit Ordres in die Gefechtslinie geschickt und kann daher auch als Augenzeuge berichten, obschon unsere Waffe sonst diesmal leider das Zusehen hatte. Um diese Zeit - es war ein Uhr -, sahen wir Forey mit zwei Bataillonen und Geschützen zur Unterstützung seiner Avantgarde ankommen, und bald darauf den Rest der Division. Das Gefecht stand jetzt von den Höhen an der Fossa gazza entlang über die Chaussee bis zum Eisenbahndamm, wo das Bataillon Rainer die linke Flanke des Feindes in Schach hielt. Die Franzosen waren nunmehr bereits stärker als wir und Forey ging in zwei Kolonnen zum Angriff auf uns vor - links General Blanchard mit 3000 Mann und der piemontesischen Kavallerie, rechts auf Genestrello die ganze Brigade Beuret gegen unsern linken Flügel, indem sie uns zugleich auf den Höhen umgingen. Graf Schaffgotsche hielt sich wundervoll, unsere Grenadiere fochten wie die Teufel, aber der Feind war zu überlegen, wir verloren viele Leute und mußten gegen drei Uhr unsere feste Stellung räumen und uns langsam nach Montebello zurückziehen. An der Eisenbahn schlug der brave Welsersheimb mit seinem Bataillon gegen den größten Theil der Brigade Blanchard und hatte einen schweren Rückzug. Die Divisionen17 mußten Quarrée's
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formiren, um sich die piemontesische Cavallerie vom Leibe zu halten, die bis an die Bayonnette heranprallte, aber tüchtig gepfeffert wurde. Der Rückzug war ein Heldenstück und Sie haben vorhin schon die wackere That des Lieutenant Colny gehört, wie er den Major rettete.«18
»Aber zum Teufel, warum erhielt denn Graf Schaffgotsch[e] keine Unterstützung? Sie konnten es doch nicht mit einer Division aufnehmen!«
Der Erzähler sah sich nach dem Redner um, einem alten Kapitain vom Regiment Liechtenstein und zuckte die Achseln. »Was sollten wir in Genestrello machen - wir hätten uns ja doch jenseits des Po nicht halten können. Genug, als die Brigade Brann zur Unterstützung herankam, war es schon zu spät, der Graf war froh, daß er seine hart mitgenommenen Bataillone durch die frischen Truppen zurückführen konnte und ging nach Casteggio, während drei Bataillone Roßbach und eins von Heß Grenadieren in Montebello Stellung nahmen und zwei Bataillone Carl Infanterie und die Liccaner Gränzer die rechte Flanke deckten. Ich war eben wieder zur Front gekommen, als die Grenadiere den Gottesacker und die Landhäuser am nördlichen Ende des Dorfs besetzt hatten. Das muß wahr sein, im Angriff sind die Franzosen famos und wahre Teufel. Ihre Jäger und das 84. und 74ste Regiment hatten das Gepäck abgeworfen und waren von Genestrello aus über den bewaldeten Bergrücken
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vorgedrungen, daß sie fast noch früher im Dorf waren, als wir auf der Chaussee. Hier mußten die zwei Geschütze, die allein disponible waren, den Feind aufhalten, während man im Dorf Mann gegen Mann schlug. Doch Sie müssen ja dabei gewesen sein, Herr Kamerad.«
Der Liccaner Offizier, an den er sich wandte, strich sich den lang herabhängenden Schnur[r]bart und zeigte im grimmigen Lächeln die weißen Zähne.
»Tessék«19, sagte er lachend, »war sich ein wahres Höllen-Gedrängniß in die engen Gaß! Baszom a lelkedet! Waren wir doch so zusammen, Braunrock und Weißrock gegen verfluchtige Rothhos, daß Leute mein oft nix mal brauchen konnten das Bayonnet. Haben sich gestampft weiß Gott mit Kolben auf Kopf! Haben gestanden die Todten in der Menschenmauer und sind umgefallen, erst wenn gewesen ist Raum dazu. Ebbadta - haben wir gekriegt zuletzt doch Schläge von Sapristi verfluchtigen, haben sie uns geschlagen raus von Haus zu Haus bis zum Kirchhof, wo hat geschossen ein Kerl von meiner Compagnie den General!«
»Bravo Hauptmann Sivkovic! ich sah, wie Ihre wilden Burschen sich vortrefflich schlugen. Aber was half alle Tapferkeit gegen die Uebermacht, - in vier Stunden hatten die Franzosen unsere beiden Abtheilungen von 3000 und 6000 Mann zurückgedrängt und um 6 Uhr würde der Rückzug nach Casteggio befohlen.
»Aber um Himmelswillen,« frug der Jäger vom
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Clam'schen Corps, »ich meine, Graf Stadion disponirte über 22000 Mann. Was thaten denn die 12- bis 14000 Mann frische Truppen? Zu welchem Zweck hatte man sie denn eigentlich mitgeführt? Denken Sie doch nur, was ein erster Sieg über die Franzosen für einen Eindruck in der ganzen Armee, ja in ganz Europa gemacht hätte.«
Der Ulan zuckte wiederum mit den Achseln. »Sie, sind gewiß noch sehr jung im Dienst, Herr Kamerad,« sagte er höflich mit einem bezeichnenden Blick auf den Kreis der Zuhörer. »Enfin, - 13,000 Mann mit der ganzen Reserve Artillerie standen 1\frac12 Meile zurück; der Graf war unzufrieden, daß die Avantgarde allein vorgerückt, da man angenommen, der Feind stehe bei Montebello und man könne ihn hier gleichzeitig angreifen. Deswegen erhielt Graf Schaffgotsche Befehl, zurückzukehren!«
»Das hole der Teufel,« murrte der Offizier von Culoz Infanterie, »das Gefecht war einmal engagirt und mußte unterstützt werden. Ich habe mir sagen lassen, daß, wäre es geschehn, wir mit leichter Müh die Franzosen bis über Voghera hinaus gejagt hätten. Die beste Ordre im Krieg ist, ohne Weiteres dahin zu marchiren, wo man Kanonendonner hört, und der Prinz20 war im Begriff, von Branduzzo vorzurücken, als er den verteufelten Befehl bekam, zurückzugehn. Kein Mensch konnte ihn mit dem heftigen Schießen zusammen rennen, und er galoppirte selbst auf's Schlachtfeld und nach Casteggio, um die Erlaubniß zum Vorgehen zu holen. Es sollen einige scharfe Worte gefallen
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sein. Um 4 Uhr, zur Zeit als Montebello gestürmt wurde, griffen unsere Jäger an, zur rechten Zeit, denn das Bataillon vom Regiment Carl hatte sich bereits ganz verschossen, und die Brigade Blanchard, wenn wir sie nicht aufgehalten, hätte Euch in Montebello erdrückt. Der Prinz leitete selbst hier das Gefecht und war fortwährend im Feuer gegen das 91., 98. und 93ste französische Regiment und die Cavalleggieri. Weiß Gott, wir standen ganz in der Flanke der Franzosen, und hätten ihnen den Rückzug abgeschnitten, trotzdem die Eisenbahn von Tortona und Voghera fortwährend neue Truppen heranbrachte; da war Montebello verloren und wir erhielten den Befehl gleichfalls zum Rückzug.«
»Und was thaten die Franzosen?«
»Sie begnügten sich mit Montebello und kamen nicht darüber hinaus. Am Abend ließ der Marschall Baraguay die gewonnene Stellung wieder räumen und sie kehrten nach Voghera zurück, während man uns durch blinde Wachtfeuer täuschte. Bei Casteggio waren noch 16 Bataillone, zum Theil noch gar nicht im Kampf gewesen, als um Mitternacht der Rückzug nach Vaccarizza angetreten wurde, ohne daß ein Flintenschuß weiter auf uns fiel. Der Teufel hole die zu große Vorsicht!«
Es war plötzlich eine allgemeine Stille im Kreise eingetreten. Dann sagte eine Stimme: »Wissen Sie, wie der Bericht des General Forey von unserm Rückweichen spricht?«
»Nun? - Man sieht in diesem Hundeloch ja keine vernünftige Zeitung!«
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»Er sagt, wir seien gewichen »avec la tenacité et l'ordre particulière à l'armée autrichienne!«
»Ein schlechtes Pflaster auf die Wunde!«
»Ich kann Ihnen nicht beschreiben,« bemerkte der junge Jägeroffizier, »wie sehr die Nachricht von Montebello alle Gemüther erregt hat. Ein Kamerad erzählte mir, daß er auf dem Wege vonPavia hierher gewesen, als die ersten Transporte der Verwundeten kamen. Unser wackerer Bauer aus Venedig21, der Sie jetzt im Hauptquartier mit der einzigen vernünftigen Restauration versorgt, kam eben mit einem großen Fouragewagen von Delikatessen aller Art und den feinsten Weinen. Der erste Karren mit den Verwundeten hielt, und ein halbverschmachteter Bursche frug bescheiden, ob er nicht für Geld einen Trunk haben könne? - »Für Geld, Landsmann, nein! - aber nehmt Alles was ich habe, Ihr habt's ja mit Eurem Blut bezahlt!« sagte der brave Wiener und fünf Minuten drauf war der ganze Fourgon geleert und die armen Bursche schmausten in Trüffelpasteten und Burgunder!«
»Bravo! heute Abend trinke ich eine Flasche Champagner darauf in Bauer's Zelt!«
»Wir werden am Ende keine Zeit dazu haben« meinte der Rittmeister von Haller Husaren. »Es geht dort drüben was vor - Poschacher22 ist schon zwei Mal auf dem Platz gewesen und hat Ordonnanzen fortgeschickt und sehen Sie, was der General für ein verteufelt ernstes
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Gesicht macht, indem or dort am Fenster mit Stankowisch spricht.«
»Wer - Giulay? ich sehe nicht so weit!«
»Nein - die Hand, nicht der Rock Radetzky's! ich meine Benedek.«
Es war in der That der Roland der österreichischen Armee, der tapfere kühne Feldmarschall-Lieutenant Ludwig von Benedek, der Mann, der bei Curtatone die doppelte Geschützlinie in drei Stürmen mit dem Bayonnet brach, der bei Edow den polnischen Aufruhr bändigte, bei Mortara eine ganze sardinische Brigade mit seinem Regiment gefangen nahm und auf der Pußta von Harkaly Görgey nach Comorn zurückwarf, jetzt ein Schrecken der treulosen Italiener, die seine Energie und Strenge aus der Schule Haynau's kannten und fürchteten. Der Soldat der österreichischen Armee liebte ihn nach dem greisen Heß am meisten, und wie er da am offenen Fenster des Hauses stand, in dem der Oberbefehlshaber wohnte und das von Stabsdragonern, Wachen und ab- und zugehenden Offizieren umlagert war, - der fünfundfünfzigjährige Held mit dem kräftigen martialischen Soldatengesicht - und mit dem ersten General-Adjutanten Feldmarschall-Lieutenant Stankowisch sprach, dem tapfern Generalstabschef des alten Rukowina bei der glorreichen Vertheidigung Temeswar's23, schollen wiederholt Eljen's und Zivio's zwischen dem deutschen Hurrah ihm aus den Gruppen, denn
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der Soldat hoffte, daß wo Benedek im Kriegsrath, es zum Schlagen kommen werde! -
Bald darauf sah man den Oberst Kuhn, den Chef des Generalstabs Giulay's, zu ihnen treten. Der Oberst erst 40 Jahre alt, hatte schon im Feldzug von 1849 das Theresienkreuz erworben und galt als einer der fähigsten Offiziere in der ganzen Armee. Aus diesem Grunde hatte man in Wien ihn auch dem unfähigsten Führer beigegeben.
»Wahrhaftig,« sagte der Ulanen-Offizier, »ich glaube, man hält Kriegsrath und wir werden bald etwas Neues hören, denn ich habe außer Benedek, Zobel und den Fürsten Schwarzenberg vorhin gesehen. Was zum Teufel mögen sie aushecken?«
»Da kommt Hauptmann Roch,« rief einer der Offiziere. »Er kommt aus dem Norden und hat gewiß Meldungen gebracht. He - Cospetto, hören Sie nicht, Roch?«
Der angerufene Offizier wandte sich zu der Gruppe und reichte Zweien oder Dreien die Hand, die er kannte.
»Sieh da, Kehlfeld und Sie Czába! Es freut mich, Sie zu sehen. Aber Kinder, um Gotteswillen, habt Ihr etwas Vernünftiges zu trinken da? In einer Viertelstunde soll ich schon wieder im Sattel sein - dieser Poschacher ist ein wahrer Tyrann!«
»Wo kommen Sie her? Was giebt es Neues?« klang es von allen Seiten.
»Sie werden bald Arbeit bekommen,« sagte der Offizier von Erzherzog Leopold Infanterie. »Sie wissen, daß wir den rechten Flügel bilden, und es ist dort in den
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letzten Tagen scharf hergegangen. General Weigl hat mich mit Rapport an den Feldmarschall-Lieutenant Zobel nachgesandt, in einer halben Stunde reiten wir ab. Seit dem 20sten, daß Sie bei Montebello schlugen, haben wir keinen Tag Ruhe gehabt an der Sesia. Am 21sten schlugen wir den Versuch ihres Uebergangs zurück und am 23sten warfen unsere drei Bataillone den Feind. Donnerwetter, ich kann Ihnen sagen, es war ein schönes Gefecht, als Ober-Lieutenant Buberl mit seiner halben Kompagnie die Brücke nach Vercelli gegen ein ganzes Bataillon eine halbe Stunde lang hielt, bis der arme Bursche den Heldentod dort fand. Gestern raufte ich mich mit den Sardiniern bei Palestro. Unsere Grenadiere kamen dem Feind so dicht auf den Leib, daß sie nur noch von den Kolben Gebrauch machten, bis Hauptmann Csikos unsern Rückzug vor der Uebermacht deckte. General Weigl wurde gleich im Anfang verwundet, aber er wich nicht vom Platz. Auch die Ottochaer und Jellacic-Infanterie schlugen sich vortrefflich!«
»Also ein ernsthaft versuchter Uebergang?« lautete die Frage von mehreren Seiten.
»Ja wohl - und was ich eben im Kriegörath mit angehört, bestärkt meine Meinung noch mehr, daß der Feind uns überflügeln will. Nur der Graf mißt dem keinen Glauben bei. Ich will mich hängen lassen, wenn der Angriff von Garibaldi nicht damit zusammenhängt!«
»Garibaldi? wir haben nicht die geringsten Nachrichten hier, was es mit den Freischaaren ist?«
»Er ist am 20sten von Biella aufgebrochen, am 23sten war er in Sesto Calende, wie Sie wissen werden; am
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Tage darauf besetzte er Varese und Urban war nicht zur Hand, da Sie ihn hier bei Montebello gebraucht hatten und in Vaccarizza zurückhielten. Erst am 24sten war er in Camerlata und griff mit der Brigade Rupprecht und einigen Compagnieen Melzers das barrikadirte Varese an. Aber, der Teufel hole das Pech, wir wurden geworfen, verloren an hundert Mann, und obschon das Regiment Prinz von Preußen zu den Unsern stieß, waren wir zu schwach, um Como zu halten. Garibaldi hat es am 27sten erobert und die Halunken scheinen blos darauf gewartet zu haben, denn überall am Gebirge, wo nicht gerade unsere Truppen stehen, weht die italienische Trikolore.«
Der Aerger der österreichischen Offiziere über die Nachrichten machte sich in verschiedenen Ausrufungen Luft. Man fragte ungestüm, welche Maßregeln denn zum Zurückwerfen der kecken Freischärler ergriffen worden, aber außer der Thatsache, daß die Brigade Schaffgotsche in Marschbewegung war, wußte Niemand Näheres.
In dem Augenblick kam einer der Adjutanten des Feldzeugmeisters aus dem Hause und ging nach der entgegengesetzten Seite über den Platz. Die Offiziere, die jetzt aufgestanden und aus der Laube getreten waren, um weitere Nachrichten zu hören, umringten ihn.
»He Durchlaucht - einen Augenblick! - Ist es wahr, was Hauptmann Roch uns erzählt, daß Garibaldi Como genommen hat?«
»Leider! - was hatte Urban auch hier zu thun? es wimmelt, dacht' ich, in diesem Winkel von Generalen. Aber ich habe die größte Eile!«
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Der Husar hielt ihn fest. »Nichts Neues sonst? warum ist denn der Kriegsrath?«
»Ich hoffe,« sagte der Adjutant kurz, indem er sich losmachte, »Sie werden bald Ordre bekommen, aufzusitzen. Es heißt, die Franzosen sind in B[e]wegung, Lilia hat zum zweiten Mal schon rapportirt, aber der Feldzeugmeister besteht darauf, daß sie gegen Piacenza rücken werden. Vielleicht hören wir jetzt gleich Näheres!«
Er hatte sich losgerissen und ging in die nächste Gasse. Einige Minuten darauf sah man ihn zurückkommen, hinter ihm ein Unteroffizier mit zwei Mann Wache, die in ihrer Mitte eine auffällige, kleine verkrüppelte Gestalt führten.
Es war Niemand mehr und weniger, als unser alter Bekannter, der Jude Abraham, der bei dem Einbruch in die Kirche auf dem Monte Cenere gefangene Spion. Wir werden später sehen, auf welche Weise er aus den Händen der schweizer Polizei und aus den weit gefährlicheren und festeren des Jesuiten-Provincial entkommen war. Der Adjutant führte die Wache und ihren Gefangenen in das Haus des Feldzeugmeisters. Der Spitzbube, der übrigens ziemlich gut costümirt war und die großen Vatermörder trug, welche die italienischen Spießbürger so sehr lieben, zeigte große Gemüthsruhe.
»Sehen Sie diesen Kerl an, den der Fürst da über den Markt transportirt,« sagte lachend einer der Husaren - »sieht er nicht aus wie eine Vogelscheuche, die an den nächsten Baum gehängt werden müßte? Weiß Gott - wenn ich der Feldzeugmeister wäre, ich ließe es thun!«
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»Es ist leicht möglich, daß es geschieht,« meinte einer der andern Offiziere. »Er sieht ganz aus wie ein Spion!«
Einige der älteren Offiziere waren unterdeß zusammen getreten, sie schienen einen wichtigen Gegenstand zu besprechen.
»Die Leute murren darüber,« sagte ein Major, - »daß sie nicht ihre vorschriftsmäßige Portion Wein bekommen, und das Fleisch wird auffallend knapp. Wenn der Soldat seine Schuldigkeit thun soll, muß er seine ordentlichen Rationen haben. Erinnern Sie sich an das Beispiel Sinzendorff's unter Prinz Eugen. Seitdem ist es mehr als einmal so gewesen!«
»So glauben Sie an Unterschleife?«
»Ich glaube nicht blos daran, Herr Oberst,« behauptete der graubärtige Offizier, »ich bin fest überzeugt davon. Vor Radetzki hatten sie Angst, weil der zwei von den Commissairen an einem Tage aufhängen ließ.«
»Aber wie meinen Sie, daß ein solcher Betrug möglich ist?«
»Bah! nichts leichter als das, wenn er von oben her geleitet wird. Ich weiß von meinem Bruder aus Wien, daß schon zu Anfang des Monats die Gelder ausgezahlt worden sind, um dreitausend Ochsen in Ungarn anzukaufen und hierher zu treiben, und wir haben noch keine Klaue ungarisches Vieh hier gesehen!«
»Sie sind wahrscheinlich noch unterwegs!«
»Unterwegs in die Tasche der Lieferanten, - vielleicht auch höher hinauf. Ich sage Ihnen blos, die Sache thut nicht gut, wenn ihnen nicht bald auf die Finger gesehen
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wird. Sieh doch, Herr Kamerad von den Gränzern - die drallen Frauchen dort von ihrem Bataillon sind auf Ehre die hübschesten Marketenderinnen in der ganzen Armee und alte Bekannte von mir. Ich kenne sie schon als Mädchen von damals her, als wir Wien belagerten!«
Er wies nach einer der fliegenden Marketendereien, die sich eben erst auf dem Platz etablirt hatte, aber bereits von Offizieren und Soldaten umlagert war. Zwei junge Frauen in der kurzen Jacke und dem Kopftuch der Kroatinnen schenkten munter auf ihrem Wagen ein und hatten für Jeden ein freundliches Wort, während auf der Deichsel hinter dem blinden zottigen Gaul ein alter Kerl sah in einen weiten rothen Sheckler Mantel gehüllt, die rothe Mütze auf dem Kopf und aus einer kurzen Pfeife dampfend. Das Gesicht war von Falten durchzogen und verwittert, aber der lange weiße Schnur[r]bart, der wohl eine halbe Elle lang zu beiden Seiten des Mundes herabhing, war so schön geflochten und gewichst, als sei er auf einer Parade der alten Rothmäntel, und wenn dies Kleidungsstück sich einmal verschob, sah man auf der linken Brust des Alten über dem silberbeschlagenen Knauf der Pistole und des Handjars die goldene Militair-Verdienstmedaille glänzen.
Der Likaner strich sich vergnügt den eigenen Bart. »Kutya lelkeded[lelkedet]! Bizony! is sich das veramente der Boghitschewitsch von Ottochanern, ein alter Kerl verfluchtiger, den grüßt der Kaiser selber. Hat sich abgeschnitten viele Köpfe, der Anton Boghitschewitsch, bis ihm die Kanonenkugel abgeschnitten selber Füße alle beidigte, rein
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weg bei Comoin und kutschirt jetzt mit seinen Töchtern den Marketenderinnen im Lande herum.«
»Er war ein braver Soldat,« bestätigte der Major. »Der alte Bursche hat sicher seine gute Pension, aber das Soldatenblut leidet ihn nun einmal nicht friedlich zu Hause in Kroatien. -
In dem alten verwitterten Gesicht des Mannes ohne Füße würde der jüngste Röbel, wenn er zugegen gewesen wäre, einen alten Bekannten, gefunden haben, denselben, der dem Knaben die silberne Medaille vererbte, als er von der Hand des Fürsten die goldene erhielt24. Und die beiden jungen Frauen, mit den frischen braunen Kroaten-Gesichtern, die eine den Säugling im Tuch vor der Brust hängend, waren gewiß jene hübschen Dirnen Marina und Kumria, die vor zehn Jahren dem ungar[']schen Grafen zur Flucht halfen. Freilich war die Kumria mit den schwarzen Augen schon seit fünf Jahren Wittwe und ihr Illés draußen in der Wal[a]chai während des Krimrieges an der Cholera gestorben; aber deshalb funkelten ihre Augen nicht weniger und war ihre Hand nicht langsamer, wenn es galt, den Landsleuten einen Slibowitza einzuschenken oder einem Offizier ein Glas Rothwein zu kredenzen und dem alten Vater ihre kräftige Schulter zu leihen, wenn er auf seine Deichsel kroch oder herabgehoben werden mußte.
»Schade,« meinte der Unterlieutenant von den Kaiserjägern, »daß unsere alten Rothmäntel nicht mehr existiren,
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die Tracht war wirklich romantisch und hätte ein hübsches Bild zu den Turcos und Zuaven gegeben. Ich bin neugierig, die Kerls zu sehen.«
Der alte Rothmantel hatte die Bemerkung gehört. »Bassamalika, gnädiger Herr Offizier - Franzos ist Franzos, ob er hat geschoren Kopf oder buschig, wie Dornhecke, schneid sich einer so gut ab, wie der andere. Hat sich Bonaparte blos gemacht die Zuav nach Vorbild von uns und wird Kaiser in Wien sehn, was hat verloren, daß die Sereschaner nix mehr haben Pistol und Handjar. Spuck ich auf Messer da!« Er zeigte verächtlich auf die kurzen Seitengewehre der Jäger.
Die Offiziere lachten - ein Kreis hatte sich um den grimmigen Alten und die beiden noch immer hübschen Frauen gebildet und die meisten Gedanken um das, was da oben der Kriegsrath beschloß, waren im Nu vergessen in der Neckerei, mit der sie den alten Korporal aufzogen oder ihn durch hinterlistige Fragen anreizten, von seinem Stambulzug zu erzählen, als er den schwarzen Aga erschlagen und mit der weißen Odaliske über das Wasser geflohen war.
Und doch war das, was da droben berathen und beschlossen wurde, gewiß wichtig genug, um sie alle Odalisken des Orients vergessen zu machen! Handelte es sich doch um das Wohl und Wehe der österreichischen Armee, - nicht um den Waffenruhm! den konnte ihr kein Eigensinn, keine Blindheit eines Führers rauben, den die wiener Camarilla an ihre Spitze gestellt, - aber wohl darum, ob die Leiber der Tapfern vergeblich die Erde der Lombarde
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decken, ob das warme Blut von der Ens, der Moldau, der Theiß her nutzlos die Ufer des Ticino feuchten füllte! -
In dem ziemlich großen Gemach, in welchem der Kriegsrath gehalten wurde, saß der Feldzeugmeister behaglich an dem Tisch in einem bequemen Sessel. Der Graf war eine kräftige untersetzte Gestalt, und trotz seiner 61 Jahre noch ein stattlicher Mann von aristokratischem Aussehen, auf das er sehr viel hielt. Der lange spitze Schnur[r]bart, den er wiederholt durch die Finger seiner weißen fleischigen Hand zog, stand dem kräftigen Gesicht gut, doch mangelte es demselben an jenem Ausdruck namentlich des Auges, der meist den geborenen Feldherrn verkündet, obschon es ihm nicht an dem Bewußtsein und dem Stolz der Macht fehlte. Er hörte ohne besondere Aufmerksamkeit und mit den Nägeln seiner Finger spielend, dem Verhör zu, das der Souschef des Stabes, Oberst Poschacher mit dem eingebrachten Spion anstellte. Der Chef des Generalstabs, Oberst Kuhn, ein überaus fähiger und gediegener Soldat, erst 40 Jahr alt und bereits im Feldzug von 1849 als Hauptmann im Generalstab für seine Tapferkeit und Umsicht mit dem Theresienkreuz dekorirt, stand noch mit Benedek am Fenster, während der Feldmarschall-Lieutenant Stankowitsch wieder zum Tisch zurückgekehrt war und hier mit dem Fürsten Schwarzenberg, den Generalen Burdina von Löwenkampf und Boér von Nagy und dem zweiten General-Adjutanten des Grafen Gallas dem ernsten strengen Obersten Pokorny und einigen andern hohen Offizieren saß.
»Die Nachrichten, die dieser Kerl giebt,« sagte der
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Verhörende, »stimmen mit dem Bericht des Feldmarschall-Lieutenants Lilia überein, daß die Vorposten heute sieben Züge in der Richtung nach Vercelli gesehen haben.«
»Sieben Trains,« meinte achselzuckend der Graf, »sind keine Armee.«
»Aber Euer Excellenz wollen bedenken, daß die Franzosen ihren Marsch nicht der Beobachtung aussetzen würden. Was mit den Eisenbahnen befördert wird, sind Dinge, die sich sonst nicht so rasch transportiren lassen, oder die Spitzen von Truppen, die man an einen bestimmten Punkt werfen will.«
»So ist Ihre Meinung also, daß die Sardinier uns angreifen werden?«
»Nicht die Sardinier allein,« warf der Fürst ein, »sondern das Gros der französischen Armee.«
»Sie haben eine Frontstellung von 16 Meilen,« meinte der Feldzeugmeister, »während wir auf der Diagonale der Krümmung nur die Hälfte zu bewachen haben. Ich dächte, Sie müßten einsehen, in welcher vortheilhaften Lage wir ihnen gegenüber sind.«
»Euer Excellenz wollen jedoch bedenken,« sagte Generalmajor Boér, »daß die französischen Truppen leicht beweglich sind. Es ist nicht unmöglich, daß der Kaiser Louis Napoleon den Plan gefaßt hat, am obern Po überzugehen und den Versuch zu machen, unsern rechten Flügel zu umgehen und uns von Mailand abzuschneiden. Der Angriff Garibaldi's und die Nachrichten dieses Burschen stimmen auffallend damit überein.«
Der Feldzeugmeister wandte sich direkt an den Juden.
»Ich rathe Dir die Wahrheit zu sagen. Der geringste Betrug bringt Dich an den nächsten Baum. Ich traue Deinem Schurkengesicht ohnehin nicht!«
Der Jude hob beide Hände in die Höhe. »Allergnädigster Herr General, wie können Euer Excellenz Gnaden nur denken, daß ich belügen würde einen so großen Herrn, der das Schwert hat von Gideon und unter die Feinde fährt, wie Simson unter die Philister. Ich bin doch gewesen mein Lebelang ein guter Oesterreicher, und hab mich doch geschlichen durch die französischen Vorposten, um zu bringen Nachricht von dem Feind, wenn man glauben will einem Jüd, der treibt seinen ehrlichen Handel durch's Land.«
»Der Bursche scheint in der That ein wandernder Handelsjude,« berichtete der Adjutant, der ihn her geführt. »Man hat ihn mit seinem Packen an den Vorposten aufgegriffen, und unter den Sachen befindet sich nichts Verdächtiges.«
Ein spitzbübisches Lächeln flog blitzschnell über das Gesicht des Spions bei diesem Zeugniß. Im nächsten Augenblick aber war wiederum nur Furcht und Demuth darauf zu sehen.
»Du weißt also bestimmt, daß der Kaiser Napoleon noch in Voghera ist?«
»Ich will den Dalles haben, wenn ich ihn nicht gestern noch gesehen.«
»Und was hast Du über die Stellung der Franzosen erfahren?«
»Der Herr Marschall, der doch nur hat die eine
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Hand25, hat Casteggio und Pizzole besetzt. Es sind gekommen vor drei Tagen nach Genestrello die Division Autemarre und sie haben erwartet täglich die Herrn Oesterreicher von Vaccarizza her! Sie haben gebaut vorgestern und gestern bei Cervesina, wo die Staffara fließt in den Po, Batterieen und wollen schlagen eine Brücke über den Po.«
»Sehen Sie, meine Herren, daß ich Recht habe,« warf mit triumphirendem Lächeln der Feldzeugmeister ein. »Ich begreife nur nicht, daß darüber noch keine Meldung eingegangen ist. Gaal läßt über die Paar hin- und herfahrenden Bahnzüge das Wichtigste aus den Augen!«
Oberst Kuhn wechselte einen Blick mit General von Zobel und zuckte ungeduldig die Achseln.
»Ich habe doch gehört, daß der Herr Marschall Canrobert jetzt steht bei Alessandria und daß gerückt ist die Garde nach Occimiano. Es sind gegangen viele Couriere mit Botschaft nach Norden.«
»Das Alles harmonirt ganz mit der Stellung gegen Stradella,« beharrte der Oberbefehlshaber, den Finger auf die vor ihm liegende Karte legend. »Sie werden sehen, der Kaiser will den Uebergang über den Po erzwingen und uns von Valenza her angreifen, während zugleich der Marschall Baraguay mit dem ersten französischen Corps auf Piacenza los geht und uns davon abzuschneiden sucht. - Wie hoch schätzt man die Stärke der französischen Armee drüben im Volk?« wandte er sich an den Spion.
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»Ich habe doch gehört, daß die Herrn Offiziere gesprochen haben selbst von zweimalhunderttausend Mann!«
»Baszom! das ist ihre gewöhnliche Prahlerei. Sie sind bei Weitem nicht so stark. - Lassen Sie den Burschen auf die Hauptwache bringen Oberst, und bis morgen festhalten. Wenn die Nachricht von dem Brückenbau sich bestätigt, soll er zehn Dukaten haben. Senden Sie sogleich einen Offizier nach den Posten am Po gegenüber von Castelletto, um sich Gewißheit zu verschaffen.«
Der Adjutant des Feldzeugmeisters gab dem Juden einen Wink, ihm zu folgen; der würdige Abraham schien aber an dem bloßen Versprechen der zehn Dukaten kein Gefallen gefunden zu haben und nach mehr zu verlangen, daher blieb er an der Thür stehen und sagte mit frecher Miene:
»Wenn der Herr General Excellenz noch legen wollen zwanzig oder dreißig Dukaten baar dazu, möcht ich doch noch melden ä wichtige Nachricht.«
»Den Strick für Dich, Halunke,« rief ärgerlich der Graf. »Wir wissen jetzt, was wir von Dir wissen wollten, und so mach, daß Du fortkommst!«
Indeß der Oberst Kuhn hielt den Mann mit einem Wink zurück. »Erlauben Euer Excellenz, daß ich den Menschen weiter befrage. Es könnte doch möglich sein, daß er noch einige wichtige Fingerzeige gäbe.«
»Meinetwegen - Sie werden Ihr Geld unnütz an das Galgengesicht verschwenden.«
Der Oberst war auf den Spion zugetreten. »Du
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behauptest, daß Du uns noch wichtige Nachrichten geben, kannst?«
»Zu Befehl, Euer Gnaden. Aber ich will doch nicht gebracht haben mein Leben für Nichts in die Gefahr.«
»Wenn die Nachrichten wichtig sind, sollst Du dreißig Dukaten auf der Stelle haben, auf mein Wort. Aber was bürgt uns für die Wahrheit?«
»Euer Excellenz Gnaden sind doch ein erfahrener Mann,« sagte der Jude. »Wir werden uns doch verständigen sehr leicht. Wenn ich sehe baar Geld, thut sich doch auf mein Mund. Wollen Euer Gnaden erlauben, daß gebracht wird mein Packen hierher?«
Der Oberst gab dem Adjutanten einen Wink, dieser ertheilte an der Thür einen Befehl und gleich darauf brachte man den ziemlich schmalen Waarenpack des Juden in das Zimmer.
Abraham machte sich sogleich darüber her und öffnete ihn. Es waren ganz gewöhnliche Artikel, wie sie sich zum Verkauf an die Soldaten eignen: Nähgarn, Knöpfe, Hosenträger, Handspiegel, Karten und Würfel, Tabackpfeifen, schlüpfrige Lectüre und ähnlicher Kram. Der Jude öffnete ein Kästchen mit Nähutensilien, nahm einen Knäuel gewöhnlichen Zwirn heraus und begann ihn eilfertig aufzuwickeln.
Die Mitglieder des Kriegsraths waren näher getreten und bildeten einen Kreis um den Spion. Nur der General-Feldzeugmeister war sitzen geblieben und schien absichtlich dem Juden keiner Beachtung zu würdigen, indem er mit dem Fürsten Schwarzenberg sprach.
Endlich war der Knäuel aufgewickelt und es kam ein, wie gewöhnlich den Kern bildendes, zusammen gefaltetes Papier, zum Vorschein.
Abraham hielt es in der Hand und wandte sich jetzt zu dem Chef des Generalstabs.
»Kann ich reden hier ganz frei?«
»Gewiß - sprich ungescheut!«
»Sie sollen doch hören. Ich will verschwarzen, wenn es nicht ist wahr. Die ganze französische Armee ist seit gestern Abend auf dem Wege nach Norden. Sie geht bei Casale über den Po und es sind befohlen zu morgen fünfmalhunderttausend Portionen Proviant nach Vercelli!«
General Benedek ließ sich einen ungar[']schen Fluch entschlüpfen, der Feldmarschall-Lieutenant Zobel pfiff durch die Zähne. »Dreitausend Teufel, das wäre!«
»Womit willst Du das beweisen?« frug der Oberst streng. »Bedenke, daß es sich um einen Strick für Dich oder eine anständige Belohnung handelt.«
»Ich kann doch leisten einen leiblichen Eid, daß die französische Armee ist auf dem Wege nach Vercelli. Die Division Bourbaki ist abgefahren gestern auf dem Bahnhof von Ponto curone, zwei andere folgen auf der Eisenbahn. Das vierte Corps ist gegangen über den Tanaro und heute mit der Garde bei Casale über den Po. Das erste wird bilden die Arrieregarde bei Valenza. Ich will sein gehängt, so weh es thut, wenn ich nicht geredt habe die Wahrheit.«
»Die Nachricht ist allerdings von der größten Wichtigkeit. Haben Euer Excellenz gehört?«
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Der Feldzeugmeister wandte verächtlich den Kopf. »Es ist zu unwahrscheinlich. Was bürgt für das Wort eines solchen Burschen?«
»Euer Excellenz Gnaden,« rief der Spion, »werden kennen den Namen vom Herrn General Grafen Mortara aus Florenz!«
»Ja. Was ist's damit?«
»Und auch den Namen vom hochwürdigsten Rektor Corpasini aus Bologna?«
»Meinetwegen! Halte uns nicht unnütz auf.«
»Die gnädigen Herrn haben mir doch gegeben ein Zeugniß, daß ich bin ein ehrlicher Spion und sehr brauchbar für den Herrn General!«
Er überreichte das Papier, das in dem Zwirnknäuel gewesen war. Der Feldzeugmeister entfaltete und las es, dabei wurde er sehr roth und seine Brauen zogen sich finster zusammen.
»Teremtete!« rief er wild. »Was soll das heißen, Du mißgestalteter Schuft? Rechnung für Mylord Kapitain Peard. Zwei österreichische Schildwachen zum Schuß gebracht. Für jeden Kopf zwei Napoleonsd'or. Drei Tage Mylord und Bedienten bei der Gesellschaft der lustigen Freischärler unterhalten - pro Tag 20 Lires macht 140 Lires. Unverschämter Halunke, ich will Dich lehren, Deine Possen treiben! Entfernen Sie den Kerl sogleich und lassen Sie ihn krumm schließen, bis morgen der General-Auditor ihm sein Urtheil spricht!«
Der würdige Abraham stand, ein Bild des Schreckens, mit weit geöffnetem Mund. Endlich begriff er, daß
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ein unglücklicher Zufall ihm hier einen Streich gespielt und ihn die Garnknäule hatte verwechseln lassen. Er wollte sich rechtfertigen, aber der Adjutant hatte ihn bereits am Kragen gefaßt und stieß ihn ohne Weiteres aus dem Zimmer, mit der Bedeutung, den Mund zu halten, wenn er nicht sofort zu der Aussicht, am anderen Morgen gehängt zu werden, noch eine Tracht Stockprügel erhalten wolle.
»Sie sehen meine Herren,« sagte der Feldzeugmeister noch ärgerlich, »was auf diese Nachrichten zu geben ist. Der Bursche ist offenbar gedungen, uns falsche Berichte zu machen; die Sache soll morgen streng untersucht werden. Wollten die Franzosen versuchen, unsern rechten Flügel anzugreifen, so würden sie ihre Verbindung mit Genua aufgeben und mit dem Rücken nach der neutralen Schweiz stehen. Urban wird spätestens morgen die garibaldischen Räuber zu Paaren treiben und mit der Ankunft des ersten Corps aus Böhmen disponiren wir dort nöthigenfalls über genügende Deckung.«
»So befehlen Euer Excellenz,« sagte der Oberst Pokorny rasch, »daß der Graf Clam Gallas nicht bis Piacenza geht?«
»Sie mögen ihm den Befehl bringen, bis auf weitere Ordre in Mailand zu bleiben. Seine Truppen können uns dann um so frischer hier unterstützen.«
»Wollen Euer Excellenz nicht wenigstens das siebente Corps näher nach Palestro dirigiren?« frug auf einen Wink des Feldmarschall-Lieutenants der Generalstabschef. »Ich finde, daß Oberst Czeschi in Novara etwas zu sehr
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exponirt ist. Die Brigade Weigl deckt allein die Stellung von Robbio bis Vercelli.«
»Ich denke, sie genügt vollkommen, um die Sardinier im Zaum zu halten. Wir müssen unsere Kraft jetzt hier concentriren, um den Stoß der Franzosen zurück zu werfen. Wir wollen übermorgen eine neue Recognoscirung unternehmen und diesmal mit stärkeren Kräften.« -
Es war das einzige Mal in dem ganzen Feldzug, daß das österreichische Hauptquartier von einem Spion wirklich gut bedient wurde und alle Warnungen von den Manövern des Feindes erhielt. Aber das Unglück wollte, daß gerade dies eine Mal die Nachrichten wenigstens an der entscheidenden Stelle nicht geglaubt wurden.
Es sollte übrigens auch an einer weiteren und dringenderen Mahnung an die eigensinnige Einbildung des Feldzeugmeisters über die Absichten der Franzosen nicht fehlen.
Die Mitglieder des Kriegsraths waren noch in lebhafter Debatte, als man einen Reiter im vollen Galopp über den Platz und den Hof sprengen hörte. Der letzte Schimmer des Tageslichts ließ erkennen, daß sich ein staubbedeckter Offizier von dem keuchenden Pferde warf.
In der nächsten Minute klopfte der diensthabende Adjutant an die Thür.
»Depeschen für Feldmarschall-Lieutenant Baron von Zobel vom Generalmajor Weigl!« berichtete er.
Der »Schlächter vor Melegnano,« wie die italienischen Patrioten den General von seiner entschlossenen Erstürmung des Ortes her nannten, dessen Bewohner ihm bei
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der Revolution von 1848 den Weg verlegten, als er die Wagen des Hofes bei dem Rückzug von Mailand escortirte, war rasch bei der Hand. »Sieh da, Graf Pálffy, was bringen Sie?«
»Ich habe den Befehl, Euer Excellenz zu melden, daß die Piemontesen über die Sesia vordringen. Die Division Cialdini steht bereits auf dem linken Ufer und wie Kundschafter melden, haben sich die Divisionen Fanti, Durando und Castelborgo bei Vercelli concentrirt. Bei Prarolo gegenüber Palestro trifft der Feind Anstalten zum Brückenschlag und wir sind zu schwach, ihn an dem Uebergang zu verhindern.«
»Sagen Sie rasch - wie stehen unsere Truppen?«
»Erzherzog Leopold Infanterie und die Jäger halten Palestro. Die Brigade Dondorf steht in Vinzaglio, die Vorposten sind bis zur Brücke von Roggia Gamara vorgeschoben.«
Der General wandte sich zu dem Feldzeugmeister. »Euer Excellenz sehen, daß die Sache dort ernst wird. Ich bitte um die Erlaubniß, sofort nach Mortara aufbrechen zu dürfen, um Weigl zu unterstützen. Euer Excellenz würden wohlthun, diesem Angriff Ihre Beachtung zuzuwenden; die Recognoscirung des Königs Victor Emanuel ist demnach nicht ohne Bedeutung gewesen.«
»Gut, gut - ich werde Ihnen morgen Kudelka oder Szabó senden, wenn der Feind zu stark wird. Senden Sie mir Bericht. Einen guten Ritt, Herr Baron, das Wetter ist vortrefflich!«
Der deutsche General - Baron von Zobel, ist der Sohn eines bairischen Generals und 1799 in Bremen geboren - nahm sehr kalt die gebotene Hand und entfernte sich eilig. Der Fürst und Benedek begleiteten ihn in den Hof.
»Wollen Euer Excellenz nicht weitere Dispositionen treffen?« frug der General-Stabschef, der sich einige Augenblicke mit seinem Kollegen besprochen hatte. »Ich muß gestehen, die Sache erscheint mir bedenklich. Die Sardinier müssen an achtzigtausend Mann stark sein und es stehen ihnen augenblicklich nur zwei Brigaden entgegen. Wenn der Spion Recht hat und die Franzosen im Anmarsch gegen Vercelli sind, könnte die Sache sehr schlimm werden.«
»Sie irren sich, lieber Oberst,« beharrte der Feldzeugmeister. »Es ist offenbar ein Scheinangriff der Sardinier, um die Bewegung der Franzosen gegen uns zu maskiren. Sie werden morgen sehen, daß ich Recht habe. Geben Sie sogleich an Schaffgotsch[e] Ordre, daß unsere Truppen bis Robbio im Trebiathal vorgeschoben und die Defileen von Stradella starker besetzt werden, damit wir Herrn Baraguay gebührend empfangen. Und jetzt lassen Sie uns einen Augenblick hinunter gehen und unsere Cigarren auf dem Markt rauchen!« -
Eine Viertelstunde darauf saß der Feldzeugmeister in der That von dem Generalstab umgeben, wie er alle Abend pflegte, auf dem Marktplatz und schaute dem Treiben der Soldaten zu. Das »Eljen« und »Hurrah,« mit dem er
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empfangen wurde, klang aber diesmal ziemlich spärlich. - Nach kurzem Verweilen zog er sich wieder zurück. -
In der That mußte Graf Schaffgotsche von Pavia aus seine Posten über Stradella hinaus vorschieben, während die französische Armee diese Stellung bereits geräumt hatte.
Der Kampf von Montebello, obschon er mit dem Rückzug der Oesterreicher endete, hatte doch seine Wirkung gehabt. Die sardinische Kavallerie und die französische Infanterie hatten eine Lection bekommen, die nicht verloren war. So sehr man sich auch bemühte, die empfindlichen Verluste zu vertuschen, welche der Sieg kostete, - General Forey selbst mit seiner derben Offenheit erkannte den heldenmüthigen Widerstand der österreichischen Bataillone an, und der sichere Schuß der Jäger hatte diese prächtige Truppe der österreichischen Armee in den größten Respect gesetzt. Der Kaiser und die Marschälle sahen ein, daß ein Angriff auf die Po-Linie bei einem so starken Rückhalt, wie Piacenza und Pavia boten, seine großen Bedenken habe, weil hier die Schwerfälligkeit und Ungeschicklichkeit des Führers keine Chancen des Sieges bot, indem er gerade für diesen Punkt seine ganze Kraft concentrirt hatte.
Mit dem raschen Entschluß der französischen Führer faßte daher der Kaiser Louis Napoleon den Plan, den österreichischen Feldzeugmeister ruhig in seiner Position zu lassen und die feindliche Armee zu umgehen und von ihrer linken Flanke aus anzugreifen.
Der Plan war kühn und erforderte Schnelligkeit und Geheimniß. Am 28sten begann der möglichst verborgene
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Linksmarsch der französischen Corps, wobei man zugleich die Oesterreicher in fortwährender Täuschung über die Anwesenheit ihrer Feinde unterhielt, indem das erste Corps als das am Weitesten vorgeschobene langsam nach Valenza zurückging, bestimmt, die Arrieregarde zu bilden. Von dem am entferntesten stehenden dritten Corps (Canrobert) wurde die Artillerie und der Train schon am 26sten über Alessandria nach Casale dirigirt, die Infanterie am 28. bis 30sten mit der Eisenbahn dahin transportirt. Die Garde und das vierte Corps (Niel) rückte in zwei Fußmärschen nach Casale und überschritt auf der Draht- und einer Schiffbrücke hier den Po. Die sardinische Armee erhielt mit der peremtorischen Ordre »Le 30. mai l'armée du Roi s'etablira en avant de Palestro« den Befehl, den Aufmarsch der französischen Armee und ihren Uebergang über die Sesia und den Ticino zu decken. Indem man so viel als möglich nur piemontesische Truppen zeigte, erhielt man die Oesterreicher bis zum letzten Augenblick in Täuschung.
Am 30sten standen das 3. und 4te französische Corps und die Garde bei Vercelli zum Uebergang über die Sesia bereit. Die ganze Bewegung war mit eben so großem Geschick als Glück ausgeführt worden.
Vergeblich schlug am 30sten auf die Nachricht von dem begonnenen Kampf der Generalstab dem Feldzeugmeister vor, die ganze Kraft zwischen Robbio und Mortara zu concentriren und auf die Sardinier zu weisen. Selbst der kühne, aber nicht unausführbare Vorschlag, den rechten Flügel preiszugeben, bei Vaccarizza mit dem Gros
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der Armee über den Po zu gehen, so dem Feind in den Rücken zu fallen und ihn von Genua und Turin zugleich abzuschneiden, wurde verworfen, indem sich der Feldzeugmeister bis zum letzten Augenblick nicht von der Idee losmachen konnte, daß die Franzosen noch zwischen Voghera und Valenza ständen.
Unterdeß wüthete bereits der blutigste Kampf um Palestro.
Das Dorf liegt auf dem Weg von Vercelli nach Mortara, auf einer Höhe, die von lang hingestreckten Reisfeldern mit breiten und tiefen Kanälen umgeben ist. Die Straße bildet in der Nähe des Dorfs einen engen, ziemlich langen Hohlweg und war gut befestigt - aber viel zu schwach besetzt. Eine einzige Brigade, noch nicht einmal vollzählig, sollte hier Widerstand gegen zwei Divisionen leisten und zugleich die Verbindung mit den rückliegenden Linien erhalten. Es war jenes verhängnißvolle Schicksal der Opferung der einzelnen Regimenter und Brigaden eine nach der andern im heldenmüthigsten Kampf gegen einen überlegenen Feind, welches diesen ganzen Krieg characterisirt und das Unglück der österreichischen Armee herbeiführte.
Wir haben die Stellung der sardinischen Uebermacht bereits bezeichnet. Der König Victor Emanuel ergriff mit beiden Händen die Gelegenheit, die Niederlage von Novara hier zu rächen.
Für den 39sten war der Angriff von 4 Divisionen, also fast der ganzen sardinischen Armee gegen die eine Division Lilia befohlen. Das Regiment Erzherzog Leopold (Brigade Weigl) und das Regiment Wimpfen-Infanterie
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(Brigade Dondorf) hielten allein Casalino, Confienza, Vinzaglio und Palestio besetzt.
Während General Durando Vinzaglio, Fanti Confienza angriff, und Castelborgo gegen Casalino losging, drang Cialdini mit der Brigade Königin und dem 7ten Scharfschützen-Bataillon auf der Straße von Vercelli gegen Palestro vor.
Das tapfere Grenadierbataillon von Erzherzog Leopold vertheidigte allein den Ort. Die nur von wenigen Posten besetzte Brücke über den Roggia-Gamara-Graben wurde im ersten Anlauf genommen, unter dem Eisenhagel ihrer vier Geschütze gegen zwei stürmten das 9. und 10te sardinische Regiment das Dorf - ein wüthendes Handgemenge, ein Mann gegen sechs! - die tapfern Grenadiere wurden, aber erst nach stundenlangem Kampf, geworfen. Aber verbissen, wie die Bulldoggen in ihren Feind, kehrten sie zurück. General Weigl mit zwei Kompagnieen ihres eigenen Regiments, einem Bataillon Wimpfen und vier Geschützen kam von Robbio her und versuchte den verlornen Posten wieder zu nehmen, fünfzehnhundert Mann gegen sechstausend, wohlpostirt! Mit Hurrah drangen die Grenadiere in die Straße und besetzten die ersten Häuser; um den Kirchhof auf der Ostseite schlug man sich mit Kolben und Bayonnet, aber die Uebermacht erdrückte die Tapfern, schnitt sie in den eroberten Häusern ab, überwältigte sie am Kirchhof - dreihundert Gefangene, aber größtentheils verwundet, blieben in den Händen der Sardinier.
In Vincaglio schlug sich Oberst Fleischhacker mit drei Compagnieen Leopold und zwei Geschützen gegen die
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ganze Division Durando, ein wahrer Fleischhacker in Menschenfleisch! Sieben Offiziere und 167 Mann des Feindes waren gefallen in anderthalbstündigem Kampf, ehe die Tapfern aus dem Ort wichen. Fechtend zogen sie sich auf Palestro zurück, fanden das Dorf aber leider bereits vom Feinde besetzt. Von allen Seiten umringt, von der Uebermacht erdrückt, brach sich die kleine Heldenschaar Bahn durch die Feinde auf dem kürzesten Wege nach Robbio, in den tiefen Gräben, die sie durchwaten mußte, die zwei Geschütze und viele Verwundete zurücklassend.
Die erste und zweite sardinische Kolonne hatten ohne Kampf Casalino und Confienza besetzt. Als die Nacht herankam, stand die sardinische Armee in der Stellung Palestro Casalino hinter dem tiefen Busco-Graben aufmarschirt.
Die Oesterreicher hatten durch den Eigensinn und die geringe militärische Uebersicht des Mannes, dem leider die Leitung des Feldzugs anvertraut war, die Chance des Angriffs verloren - sie waren schon in diesem Augenblick auf dem gezwungenen Rückzug.
Vier sardinische Divisionen hatten gegen eine einzige österreichische Brigade gestanden. Fluch Denen, die die Tapfern nutzlos geopfert!


Es war Abends 10 Uhr. Während des Tages war der Regen in Strömen gefallen und hatte alle Operationen und den Kampf unsäglich erschwert. Die Sesia und die
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Gräben, die in allen Linien das Land durchziehen, waren bis zum Rand gefüllt.
Der König Victor Emanuel hatte sein Hauptquartier in Torrione genommen, diesseits der Sesia, an der Straße von Vercelli nach Palestro und Robbio, wo der Feind stand.
Der König, das neue spada d'Italia, schien sich trotz des ersten billigen sardinischen Sieges über die Oesterreicher keineswegs behaglich zu fühlen. Die Gefangenen hatten ausgesagt, daß größere Streitkräfte in Robbio versammelt wären. Die Fürsten des Hauses Carignan sind zwar tapfre Soldaten und gute Heerführer - am Schotten-Thor zu Wien steht jetzt das Reiterstandbild des Prinzen Eugen, fürwahr ein Zeichen der österreichischen Loyalität! - stets gewesen, aber meist indem sie andere Truppen zu kommandiren hatten, als die Piemontesen und Savoyarden!
Der König hatte sich in das Haus des Pfarrers einquartiert und die Kommandanten der beiden zunächst stehenden Divisionen, Cialdini und Durando zu sich berufen. Er begriff sehr wohl, daß wenn im Laufe der Nacht ein ernstlicher Angriff der Oesterreicher auf Palestro erfolgen sollte, seine Lage eine sehr schwierige werden würde, da die Anstalten zum Uebergang des französischen Corps Mac Mahon noch keineswegs vollendet waren, und die Aufstellung des Kaisers bei Novara erst am nächsten Tage beendet werden konnte. Ein mit gehöriger Kraft ausgeführter Angriff von Robbio her drohte ihm diesseits der Sesia einen gefährlichen Stand.
Aber die Feldherren der Oesterreicher hatten in diesem Kriege nur das Talent, ihre Brigaden einzeln der Uebermacht des Feindes im heldenmüthigen Kampfe zu opfern, aber nicht das Talent, zu siegen!
Die Persönlichkeit König Victor Emanuels ist zu bekannt, als daß wir sie zu beschreiben brauchten. Damals führte er freilich noch nicht den Titel des »König Ehrenmann!« womit die demokratische Partei ihn später lächerlich machte, sondern war nur ein brüsker Jäger und Soldat, seinem Vergnügen mit Mademoiselle Rosina bis zum Exceß lebend, in übermüthiger wüster Kraft die Gefahren der Jagd auf die Moutons der Alpen achtlos aufsuchend und von den Plänen seines Minister Cavour aufgestachelt, sich bereits als den Befreier Italiens von der deutschen Zwingherrschaft ansehend.
Mit den Nachrichten über den erfochtenen Sieg war daher an das Hauptquartier des 3ten französischen Corps zugleich die Bitte gestellt worden um Verstärkung, und Marschall Canrobert ertheilte dem 3ten Zuaven-Regiment den Befehl, sich der sardinischen Armee noch an demselben Abend anzuschließen. General Trochu, der Kommandant der ersten Brigade der Division Bourbaki überbrachte die Nachricht und sollte zugleich im Auftrag des Marschalls mit dem König die weiteren Maßregeln für den morgenden Tag besprechen, um den Uebergang der Franzosen über die angeschwollene Sesia zu decken. Fast zugleich mit ihm war ein Stabsoffizier des Kaisers aus Vercelli eingetroffen, der Kammerherr desselben, Oberst Graf Montboisier.
In der Wohnung des Königs war das Nachtessen
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servirt, an dem die beiden Franzosen, die sardinischen Divisionaire, der Chef des Generalstabs Victor Emanuels General-Lieutenant Marazzo Della Rocca und General Pastore, der Kommandant der Artillerie, Theil nahmen. Der König sprach nach seiner Gewohnheit stark der Flasche zu und ermunterte seine Gäste zum Trinken in bester Laune über den Erfolg des Tages. Dieser bildete natürlich den Gegenstand der lebhaften Unterhaltung. So eben hatte ein Offizier des 3ten Zuaven-Regiments, der Lieutenant Armand de Chapelle die Meldung gebracht, daß dasselbe die Sesia glücklich passirt habe. Man sprach gerade über die Stellung, die das Regiment nehmen sollte, als der diensthabende Offizier einen Courier des Generals Garibaldi meldete. »Parbleu!« sagte General Trochu, »da werden wir endlich erfahren, was der Herr treibt, oder ob die Oesterreicher ihn bereits gehängt haben, wie die Proclamation des Grafen Giulay in Aussicht stellt!«
Der König wandte sich an den meldenden Offizier, nachdem er mit Stirnrunzeln die Depesche gelesen hatte und indem er sie dem General-Stabschef über den Tisch reichte: »Wer ist der Ueberbringer?«
»Ein Adjutant des Generals, der Major Laforgne.«
»Ich kenne ihn,« bemerkte Montboisier - »ein tapferer Offizier, aber ...«
»Nun, Signor Conte?«
»Kein großer Freund des Kaisers! Wenn ich mich recht erinnere, war sein Namen sogar bei den letzten Aufstandsversuchen der Rothen in Paris compromittirt.«
»Das sollte mich nicht wundern,« sagte General Trochu, »die ganze Gesellschaft besteht aus gebornen Revolutionairen und Euer Majestät könnten zufrieden sein, sie bei passender Gelegenheit los zu werden.«
»In der That,« meinte General Cialdini, »die Freischaaren bleiben ein sehr gefährliches Element jeder Armee. Man muß sie unter der strengsten Aufsicht halten und zu den verlornen Posten brauchen.«
»Ich weiß in der That nicht, wie wir ihm Beistand leisten sollen,« bemerkte Della Rocca.
»Wie - so befindet Herr Garibaldi sich in der Klemme?«
»Wie es scheint in einer ziemlich argen, lesen Euer Excellenz selbst. Das Glück, das ihn Anfangs begleitet, hat sich gewendet. Die Oesterreicher bedrohen ihn mit einer starken Kolonne und haben ihn gestern bei Como geschlagen. Er ist auf dem Rückzug nach Varese und Laveno.«
»Wenn ein französischer General,« sagte Trochu bestimmt, »sich in der Nähe des Herrn Garibaldi befände, dieser wäre vom Feinde bedrängt und er könnte ihm helfen, so würde er es nicht thun! Er würde dieses rothe Gespenst dem Verderben überlassen, das es verdient hat.«
Die Aeußerung ist historisch! sie bekundet zur Genüge, und erklärt damit die Vorgänge der folgenden Jahre, wie man in dem französischen und sardinischen Hauptquartier über Garibaldi und die demokratische Partei dachte. Die Alpenjäger des berühmten Condottieri waren in der That kein zusammengelaufenes Gesindel, sie waren Männer, zum
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Theil von großer Bildung und Wohlhabenheit26 aus allen Theilen Italiens, meist ausgesprochene Republikaner. Garibaldi war bis jetzt bei seinem Einfall in die Lombardei ausnehmend glücklich gewesen. Warum sollte man es nicht für möglich halten, daß er die ganze Lombardei revolutionire und dadurch die privilegirten Befreier wenigstens halb und halb überflüssig mache? Durften aber diese das dulden? Hatte doch Garibaldi schon am 23. Mai seine Richtung nach Mailand genommen, und wenn er das kühne Unternehmen alsbald auch wieder aufgegeben, so war er doch der Mann, es jeden Augenblick wieder aufzunehmen, und daß er in Mailand mit ganz anderem Enthusiasmus erwartet wurde, als der Kaiser Napoleon oder der König Victor Emanuel, das wußte man sehr gut. Aber ein Einzug Garibaldi's als Befreier in Mailand wäre für die beiden Monarchen keineswegs sehr wünschenswerth gewesen.
Wir wissen aus den früheren Unterredungen, daß die Klugheit des sardinischen Premiers allein es war, welche den kühnen Condottieri und die republikanische Partei unterstützte oder vielmehr benutzte. Der Graf Cavour hatte es daher durchgesetzt, daß der König ihn zum sardinischen General ernannte und so der Freischaarenbildung ein offizielles Mäntelchen umhing. Aber unter den vertrauteren Kreisen war es kein Geheimniß, daß der neue General
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ungeduldig über die Hinhaltung und Verzögerung auf eigene Faust den Einfall in die Lombardei mit dem Zug über den Tessin unternommen hatte, um die franko-sardinische Armee zum Angriff zu zwingen. Witzelten doch die Pariser bereits: »Garibaldi se porte sur Milan et l'Empereur se porte bien!« und die ersten glücklichen Erfolge des berühmten Freischaarenführers waren vielleicht kein geringer Grund mit zu dem Entschluß des Kaisers, die österreichische Armee im Norden zu umgehen.
Die gute Laune des Königs war völlig geschwunden bei den Andeutungen über die Person des Kuriers, den der General in das Hauptquartier des Königs geschickt hatte. Dennoch konnte er nicht umhin, ihn kommen zu lassen, um ihn über die näheren Umstände zu befragen. Er ertheilte daher den Befehl dazu und der Major Laforgne wurde eingeführt.
Der Adjutant Garibaldi's schien vollkommen zu wissen, daß seine Botschaft sich keiner besonders wohlwollenden Aufnahme zu erfreuen haben würde, denn seine Haltung, wenn auch respectvoll gegen den König, war straff und kurz.
»Sie sind der Ueberbringer der Depesche meines Generals Garibaldi?«
»Ja, Sire!« Ein leises Lächeln hatte der Offizier bei der Bezeichnung nicht unterdrücken können.
»Ihr Namen?«
»Major François Laforgne, vom Stabe!«
»Der Name klingt französisch?«
»Mein Vater war ein Seemann von Marseille, Sire.
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Ich bin, wie mein General, auf dem Meere geboren, also frei!«
Der König biß auf den Schnur[r]bart - seine Laune wurde durch die Antwort keineswegs verbessert.
»General Garibaldi verlangt Unterstützung,« sagte er brüsk, »nachdem er sich selbst in eine gefährliche Lage gebracht hat. Wer zum Teufel hieß ihn ohne Befehl vorgehen?«
»Sire,« erwiderte der Major fest, »General Garibaldi hatte den Zweck im Auge, seinen Landsleuten in der Lombardei so rasch als möglich die versprochene Hülfe zu bringen. Der Weg war offen, warum sollte er also nicht vorwärts gehen? Der Enthusiasmus von Varese und Como hat bewiesen, daß er Recht hatte!«
»Ein Soldat muß gehorchen,« sagte der König streng, »und darf nicht in höhere Pläne eingreifen. Die Herren Freischaaren müssen sich daran gewöhnen. Wo haben Sie Signor Garibaldi« - er sagte nicht mehr: meinen General, »verlassen?«
»Auf dem Wege nach Laveno, Sire, das er morgen angreifen will, um die Dampfer im Hafen zu nehmen und damit sich nach Intra am piemontesischen Ufer zurückzuziehen.«
»Und wenn es ihm nicht gelingt?«
»Sire, General Garibaldi rechnet auf eine Diversion Eurer Majestät im Rücken des Urban'schen Corps, damit er nicht gezwungen wird, sich über die schweizer Grenze zurückzuziehen und sein Corps zu entwaffnen. Wir haben gethan, was möglich war.«
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»Es wird das Beste sein, was Ihre Truppe thun kann,« sagte General Trochu rauh. »Von Nutzen für die faktischen Operationen der Armee sind diese Plänkeleien ohnehin nicht und da sie keinen Hinterhalt geben, müssen die Bewohner der insurgirten Strecken nur bedeutenden Schaden von dem augenblicklichen Rausch haben, wenn die Oesterreicher Sie verjagen.«
Der Major wandte sich zu dem Franzosen.
»Mein Herr,« erwiderte er - »wie ich die Ehre habe, an Ihrer Uniform zu sehen, sind Sie französischer General. Die Bewohner von Como und Varese sind italienische Patrioten und werden die Wendung des Kriegsgeschicks zu tragen wissen. Ich erlaube mir aber, Ihnen zu bemerken, daß wir nur noch 15 Miglien27 von Mailand waren und daß General Garibaldi sich um Beistand an seine Landsleute, nicht an die Franzosen, wendet!«
Der General wollte eine heftige Antwort geben, aber der General-Stabschef kam ihm zuvor.
»Wie stark ist das Corps des Generals, Signor?«
»Nach den Verlusten vom gestrigen Tage etwa 4000 Mann. Die Zersprengten werden sich indeß bald wieder sammeln.«
»Mit Euer Majestät Erlaubniß,« sagte der General della Rocca, »werden wir dem General sobald als möglich Antwort geben. Der Herr Major wird unbedingt bis morgen warten müssen, da von dem Ausfall des morgenden Tages alle weiteren Beschlüsse abhängen.«
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Der Garibaldien verbeugte sich. »Ich hoffe, erwiderte er, »daß bis dahin meine Kameraden sich selbst geholfen haben werden und bedaure nur, dabei nicht an ihrer Seite zu sein. Haben Euer Majestät noch weitere Befehle?«
»Nein! - Morgen! - Melden Sie sich bei dem Quartieramt des Stabes, damit für Sie gesorgt wird!«
Eine Bewegung der Hand verabschiedete den Offizier. Er verließ in derselben Haltung das Gemach und trat mit sorgenvoller Stirn in die Straße des Dorfes. Der Empfang, der ihm, obschon nicht ganz unerwartet, geworden, zeigte ihm, daß sein geliebter Führer herzlich wenig auf die Hilfe der regulairen Armee bauen konnte und sich als verlorenen und preisgegebenen Posten betrachten mußte, dessen glückliche Erfolge man gern benutzte, während man beim Gegentheil vollkommen beabsichtigte, ihn im Stich zu lassen.
Der Regen, der während des Tages sich ergossen, hatte aufgehört und der Himmel zeigte sich wieder sternenklar.
Die Gasse des Dorfes war überaus belebt. Infanterie, Cavalleggieri, die Artillerie und die Bersaglieri bivouacquirten in bunten Gruppen in dem Dorfe und um dasselbe, überall flammten luftige Feuer, an denen nach der blutigen Arbeit des Tages das Essen gekocht oder im wirren Durcheinander jedes Ereigniß recapitulirt wurde. Zwischen der Masse der sardinischen Truppen bewegten sich eine Anzahl Zuaven, die nach dem Uebergang des Regiments auf Pontons unter Zurücklassung ihrer Bagage hierher gekommen waren, um zu fouragiren. Sie wurden überall von den Sardiniern mit Jubel aufgenommen und fraternisirten
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willig bis zum letzten Tropfen der Feldflaschen mit den Soldaten des Königs.
Die kleine, kapellenartige Kirche des Ortes war zum Lazareth eingerichtet worden, wo die Verwundeten aus dem Gefecht des Tages lagen, die man noch nicht hatte weiter schaffen können. Hierher wandte sich Major Laforgne zunächst, um zu erfahren, ob unter den Kranken Bekannte von ihm aus der sardinischen Armee sich befänden.
Er hatte jedoch den Eingang der Kirche noch nicht erreicht, als sich ihm eine Hand auf die Schulter legte.
»Major Laforgne, es freut mich herzlich, Sie wieder zu sehen.«
Aufblickend erkannte der Garibaldien den Grafen Montboisier, der ihm die Hand bot.
»Wir haben uns nicht wieder gesehen, Herr Major, seit jenem Vorfall in Turin,« sagte der Graf. »Wir werden wahrscheinlich Beide morgen oder noch diese Nacht im Gefolge des Königs dem Angriff der Oesterreicher beiwohnen müssen, der unmöglich ausbleiben kann, und ich komme daher, Ihnen anzubieten, mein Quartier zu theilen, obschon dasselbe nur in einer schlechten Kammer besteht. Aber dies Nest ist so überfüllt, daß man froh sein muß, das geringste Unterkommen zu haben und ich glaube schwerlich, daß Sie ein solches finden werden.«
Der Garibaldien nahm es auf das Dankbarste an. »Es war ein unangenehmer Vorfall damals in Turin,« sagte er - »aber ich bin vor Kurzem Zeuge einer Scene gewesen, die in jeder Beziehung blutiger und schrecklicher war, deren Ausgang Sie aber wahrscheinlich interessiren
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wird, Herr Graf; denn wenn ich mich recht erinnere, waren Sie im vorigen Jahre an dem Abend vor Orsini's Attentat auf den Kaiser ja auch im Circus, als jener Unfall der Kunstreiterin Rositta sich ereignete.«
Der Oberst sah ihn bedeutsam an. »Gewiß war ich dort und nahm den größten Theil an dem unglücklichen Mädchen. Es war der letzte Abend, an dem man Sie in Paris sah! Man suchte Sie später sehr!«
»Ah - Caramba! sprechen wir nicht mehr von den alten Geschichten« lachte der Abenteurer. »Ich habe immer Unglück in Paris gehabt und wir sind ja jetzt Verbündete. Uebrigens kann ich Ihnen mein Ehrenwort geben, daß ich keine Ahnung von dem Plane der Meuchelmörder hatte, sondern einfach blos ein wenig Revolution machen helfen wollte.«
»Warum bringen Sie mich auf jenen Abend?«
»Sie werden sich vielleicht selbst erinnern, daß die Reiterin Rositta damals plötzlich verschwunden ist?«
»Gewiß! es war eine eigenthümliche Geschichte, die unaufgeklärt geblieben ist, obschon sich selbst sehr hohe Personen für die Señora interessirten. Aber der Lärmen über das Attentat beseitigte damals alles Andere! Ich erinnere mich, daß ich damals wiederholt von einem früheren Zuavenarzt, dem Begleiter der Señora im Circus, Dr. Achmet, in Anspruch genommen wurde, aber alle Nachforschungen waren vergeblich.«
Sie waren am Eingang der Kirche stehen geblieben, aus der so eben der junge Offizier heraustrat, welcher die
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Meldung von dem erfolgten Uebergang des dritten Regiments über die Sesia in's Hauptquartier gebracht hatte.
Armand de Chapelle war begleitet von einem seiner Leute. Der Zuaven-Sergeant war ein Mann, erst in dem Alter des Offiziers, also kaum vier- oder fünfundzwanzig Jahre, aber ganz gegen die Gewohnheit seiner wilden und übermüthigen Kameraden beschattete ein tiefer Ernst, oder vielmehr eine tiefe Melancholie seine Züge, und in dem von der Sonne der Wüste gebräunten Gesicht sah man die Furchen des Grams oder Schmerzes eingegraben.
Der Zuave trug einen seltsamen Schmuck auf seiner Brust: zwei Löwentatzen an einer Schnur von Kameelhaar, die um seinen Hals geschlungen war.
Die Offiziere salutirten im Vorübergehen, aber der Graf blieb stehen,
»Halte-Là!« sagte er munter - »heute ist ein Glückstag für alte Bekanntschaften. Lieutenant de Chapelle - unser wackerer junger Freund und Befreier aus arger Klemme damals im Arba-Gebirge, am Rand der Sahara!«
»Wenn Sie sich des kleinen Dienstes erinnern wollen, mein Herr, den ich Ihrer Gesellschaft damals zu leisten das Glück hatte,« erwiederte der Offizier, die dargebotene Hand schüttelnd, »so schätze ich mir die Erneuerung unserer Bekanntschaft zur Ehre.«
»Und dies Gesicht da - Valga me Dios! ich muß es kennen, und diese Zeichen, die der Herr trägt, erinnern mich an eine der traurigsten Stunden meines Lebens.«
»Sie haben Recht, Herr Graf, - es ist Jacques Fromentin, der Gefährte meiner Kindheit, jetzt mein treuer
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Kamerad in den Waffen, der Bruder unsers unglücklichen Freundes, des Matadreo!«
Der Oberst reichte gleichfalls dem Zuaven die Hand und drückte warm die seine, ohne ein Wort hinzuzufügen. Dann stellte er die beiden Offiziere einander vor.
»Ich kenne bereits einige Offiziere des Generalstabs,« sagte der Oberst, »und so wird es mir wohl möglich sein, von der Tafel des Königs noch Einiges für uns anzuschaffen. Begleiten Sie mich also in mein Quartier, meine Herren, denn schwerlich wird in diesem Loch eine Osteria sich finden lassen, oder sie ist so überfüllt, daß nicht anzukommen ist.«
Der Lieutenant dankte freundlich und bedauerte, daß er von der Einladung keinen Gebrauch machen könne, da er jeden Augenblick die Ordre aus dem Generalstab für sein Regiment erwartete.
»Parbleu,« lachte der Oberst, - »so will ich wenigstens sehen, was ich für Sie fouragiren kann; denn wie ich höre, haben Sie ohne Gepäck und Bagage den Fluß passiren müssen. Warten Sie hier einen Augenblick.«
Er eilte nach dem Pfarrhaus zurück. Bald darauf kam er wieder, begleitet von einem der Offiziere des Generalstabs. Der Bursche des Obersten folgte, in jeder Hand zwei Weinflaschen und unter dem Arm in Papier gewickelt einige gebratene Hühner.
»Hier, Herr Kamerad, das ist Alles, was ich für Sie anschaffen konnte, und es war die höchste Zeit, denn dieser Herr hier verlangt nach Ihnen. Wenn irgend möglich, suche ich Sie morgen auf.«
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»Der Adjutant des dritten Zuaven-Regiments?« frug im dienstlichen Ton der Generalstabs-Offizier.
»Hier, mein Herr!«
»Ordre für den Oberst de Chabron! - Gute Nacht und guten Dienst, mein Herr.« Er ging. Jacques Fromentin brachte das Pferd seines Freundes herbei; die Flaschen waren bald in den Pistolenhalftern untergebracht und der junge Offizier im Sattel.«[]
»Sergeant Touron,« befahl er dem Freunde, der unter dem alten Schlachtennamen seines Vaters, des Invaliden vom Pont de la Concorde diente, - »sammeln Sie Ihre Fourageurs so bald als möglich und folgen Sie zum Regiment. Gute Nacht, meine Herren. A Propos - noch Eins, Herr Graf. Sie sprachen vorhin, als ich die Ehre hatte, Ihnen zu begegnen, wenn ich recht verstand, von unserem wackeren Doktor? Wenn Sie Etwas an ihn zu bestellen haben, stehe ich zu Diensten!«
»Wen meinen Sie denn, Herr de Chapelle?«
»Corbiou! wen sonst, als den Doktor Achmet, den Mohrendoktor, wie man ihn nennt! Er ist mit unserem Regiment nach Italien gekommen. Auf Wiedersehen also morgen!«
Er gab dem Pferde die Sporen und jagte davon.
Der Graf wandte sich zu dem Freischaaren-Offizier.
»Sie haben gehört, was der junge Herr uns sagte. Das trifft sich also ganz vortrefflich, wenn Sie davon Gebrauch machen können. Aber eigentlich weiß ich noch immer nicht, was Sie mir von dem Schützling des Doktor Achmet
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mittheilen wollten. Was ist's mit der hübschen und etwas geheimnißvollen Kunstreiterin?«
»Ich habe sie wiedergefunden!«
»Señora Rositta?«
»Ja - oder vielmehr die Marquise Carmen von Massaignac!«
»Die Marquise von Massaignac, die damals vom Ball auf und davon ging, wie man anfangs den Verdacht hegte, von Ihnen selbst entführt?«
»Dieselbe!«
»Und was zum Teufel hat die reiche Erbin mit der Kunstreiterin zu thun?«
»Einfach dies, daß Beide ein und dieselbe Person sind!«
Der Oberst schlug sich mit der Hand vor die Stirn. »O ich Dummkopf - wo hab' ich meine Augen gehabt! Valga me Dios, es fällt mir wie Schuppen davon. Und damit ist auch die Theilnahme der Kaiserin für die Dame erklärt. Aber wo in aller Welt haben Sie dieselbe nach dem zweiten räthselhaften Verschwinden wieder getroffen?«
»In einem Kloster [im] Tessin am Monte Cenere, wo sie die Intriguen der Jesuiten und ihres nichtswürdigen Bruders gefangen gehalten haben.«
»Ihres Bruders - des Senateurs? des Gemahls meiner alten Liebe? Aber wenn mir recht ist, habe ich ja gestern oder vorgestern in pariser Blättern gelesen, daß er bei einem Ausflug in der Schweiz verunglückt ist!«
»Der Tod hat ihn an demselben Ort ereilt, als ich seine
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Schwester aus ihrer schmählichen Gefangenschaft befreien wollte. Sie ist wahrscheinlich jetzt schon in Paris.«
»Wissen Sie auch, daß die Dame durch diesen Tod, welchen übrigens wohl Niemand beklagen wird, eine der reichsten Erbinnen Frankreichs geworden ist, da der Marquis keine Kinder hinterlassen hat? Sie ist ja wohl, wenn ich mich recht erinnere, mit dem Vetter der Kaiserin, Don Alvaro Montijo verlobt?«
»Um diesem Bündniß zu entgehen, ist sie das erste Mal entflohen.«
»Bah - sie ist jetzt Herrin ihrer Hand und wird Bewerber genug finden trotz ihrer abenteuerlichen Irrfahrten. Valga me Dios! wenn ich nicht bereits über die vierzig zählte, ich würde mich selbst noch an ihren Triumphwagen spannen. Ein so interessanter Ruf und dazu verschiedene Millionen - das ist etwas für unsere guten Pariser!«
»Ich glaube, Sie würden zu spät kommen,« sagte lächelnd der Major. »Die Marquise ist eine ächte Spanierin, die mit ihrem Herzen einen Ritterdienst bezahlt. Mein junger Freund aus Preußen hat sie redlich verdient.«
»Monsieur de Reuble?«
»Ich meinte ihn!«
»Seltsam!« sagte der Graf nachdenkend, »wie das Schicksal oft so wunderlich spielt und die Menschen zusammen führt. Vor einigen Jahren griff die Anwesenheit seines älteren Bruders schon so merkwürdig in unser Leben ein, und ich erinnere mich, daß er bei dem alten Oberst
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Massaignac sehr wohl gelitten war. Es war eine dunkle Geschichte, ein schreckliches Duell mit seiner Person verknüpft. Den jüngeren de Reuble kenne ich nur flüchtig, durch Empfehlungen seines Bruders und seiner Tante, aber was ich von ihm gesehen, seine Entschlossenheit bei dem Unglück im Circus und die Ruhe bei seiner Verhaftung im Foyer der Oper haben mir sehr gefallen. Sie müssen mir mehr davon erzählen noch diesen Abend Major, und von Ihrem Abenteuer am Monte Cenere. Wenn es Ihnen genehm, kehren wir nach unserm Nachtquartier zurück.«
Die beiden Männer verließen die Straße des Dorfs, wo um die Bivouacfeuer jetzt Mancher auf dem regengetränkten Boden eine kurze Ruhe suchte, der schon am nächsten Morgen die ewige finden sollte! Bald darauf lagen auch auf dem Stroh in ihrer Kammer der Aristokrat, der frühere Legitimist, jetzt der Trabant des Kaisergestirns - und neben ihm der kecke Abenteurer, der Soldat der Revolution, jetzt der eines Königs - und gewiß doch Beide im Herzen noch immer der alte Legitimist und der alte Republikaner!
Es ist doch etwas Mächtiges um die Treue und um die Consequenz! - - -
Das dritte Z[o]uaven-Regiment, 2600 Mann stark, nahm auf der Südfront Palestros hinter dem in die Sesietta mündenden Arm des Cavo scotti seine Stellung. Der Punkt war jetzt von 14,000 Mann besetzt.


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Im Hauptquartier von Garlasco waren am Abend die Berichte von den Gefechten des Tages eingetroffen; aber auch die klare Thatsache, daß die Sardinier sich nicht so weit exponirt haben würden, wenn sie nicht an der französischen Armee vollen Rückhalt gewußt, konnte den Feldzeugmeister überzeugen, daß die Franzosen gar nicht mehr sein Gros und seinen linken Flügel bedrohten, sondern ihre Operationen nach Norden, also gegen seinen rechten Flügel geworfen hatten. Ja, man glaubte nicht einmal, daß die ganze sardinische Armee bereits diesseits der Sesia stand.
Aus dieser Ansicht hervorgehend wurden auch wieder ganz ungenügende Maßregeln getroffen. Die Division Jellacic vom 2ten Corps erhielt Befehl, sogleich von Cerignano nach Robbio aufzubrechen, die Division Herdy sollte bis Mortara folgen, das 3te Corps sich am nächsten Morgen in Trumello concentriren und dort weitere Befehle erwarten - drei eine halbe Meile vom Schlachtfeld! Auf diese Weise wurden zwar ungefähr 50,000 Mann auf der Straße von Pavia nach Vercelli echelonnirt, aber an 4 Meilen auseinander, und gegen 80,000 Sardinier und die französische Armee dahinter!
Graf Giulay ritt noch am Abend mit seinem Stabe nach Mortara, um mit Feldmarschall-Lieutenant von Zobel den Angriff auf Palestro zu verabreden, der dem Gegner die errungenen Vortheile entreißen sollte. Aber seine Person konnte unmöglich die verkehrten Maßregeln ersetzen!
Indem ganz unnütz das 5., 8., und 9te Corps an dem untern Po stehen gelassen wurden, statt bei Mortara concentrirt zu worden, um entweder den Uebergang der
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Franzosen zu hindern oder sich auf die übergegangenen zu werfen, legte man damit den Grund zu all' dem nachfolgenden Mißgeschick des tapferen österreichischen Heeres.
Die Franzosen hatten unterdeß ihren Flankenmarsch fortgesetzt, das 4te Corps Niel schon diesseits der Sesia von Borgo Vercelli nach Navara, die Garde an der Sesia hinauf nach Albano, das zweite Corps bis Borgo Vercelli, das dritte, Canrobert, versuchte schon am Abend des 30sten bei Pravolo - gegenüber von Palestro über den Fluß zu gehen, konnte aber erst den andern Morgen die Brücke vollenden und begann um 7 Uhr früh den Uebergang. Das 1ste französische Corps, Baraguay, bildete jetzt die Arrieregarde und stand in Casale.
Wäre es demnach den Oesterreichern gelungen, bei Zeiten Palestro wieder zu nehmen, so war die Uebergangslinie des Feindes durchbrochen, die sardinische Armee in der größten Gefahr.
Die Division Jellacic traf jedoch erst Vormittag um 9 Uhr in Robbio ein. Der Angriff sollte von drei Brigaden - also mit ganz unverhältnißmäßig geringen Kräften - von drei Seiten erfolgen, die Reserven standen wiederum nach dem unglücklichen System in viel zu weiter Entfernung, um in das Gefecht unmittelbar eingreifen zu können.
Um 10 Uhr fiel der erste Kanonenschuß, - das 21ste Jäger-Bataillon, das der Brigade Dondorf beigegeben war, begann auf der Chaussee trotz des heftigen Tirailleurfeuers tapfer den Angriff, warf die sardinische Brigade Regina aus den Verschanzungen und drang bis an die ersten Häuser
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vor. Aber das Gros der Angriffscolonne, das Regiment Wimpffen und das Ottochaner Gränz-Bataillon waren zu rasch heran gestürmt und vermochten athemlos im Feuer nicht zu halten - als die tapfern Jäger weichen mußten, wandte sich auch die Infanterie - nur das Grenadier-Bataillon hielt den verfolgenden Feind auf und deckte den Rückzug. Vergebens waren die Anstrengungen des tapfern Kommandanten - Hauptmann Graf Wurmbrand von den Jägern, aus einem der ersten Tyroler Geschlechter, fiel mit zerschmetterter Kinnlade im Augenblick, als er sich den Retirirenden entgegenwarf - die Brigade mußte mit 750 Mann Verlust den Kampf aufgeben.
Der rechte Flügel der kleinen österreichischen Macht, (etwa 15,000 Mann zunächst gegen 35,000 Piemontesen und wieder auf eine ganze Meile Front vertheilt, ein ewig sich wiederholender Fehler österreichischer Generale!), hatte zur gleichen Zeit Confienza angegriffen. Die Brigade Weigl fand hier die ganze Division Fanti; die zwei Geschütze, die der General allein auf einem schmalen Wege auffahren konnte, wurden von den überlegenen sardinischen Batterieen zusammengeschossen, und obschon die Bataillone des Regiments »Erzherzog Leopold« trotz ihrer Verluste vom Tage vorher sich mehrer Häuser bemächtigten, konnten sie sie doch nicht behaupten und mußten wieder zurückweichen. Ihr Widerstand war so wüthend, sie sind mit den Feinden so eng zusammen, daß die Grenadiere nicht mehr von dem Bajonnet Gebrauch machen können und nur mit den Kolben drein hauen! General Weigl, mit einem Schuß durch
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den Arm gleich im Beginn des Gefechts, hielt tapfer bis zum letzten Augenblick aus.
Noch unglücklicher war das Schicksal des linken Flügels, der Brigade Szabó.
Das siebente Jäger-Bataillon an der Spitze, gefolgt von der 12-Pfünder-Batterie, ging das Regiment »Erzherzog Wilhelm« von Rosasco auf schmalem Wege, links von der Sesia, rechts von Gräben eingeengt, bis La Brida vor und warf hier die Posten des 9ten sardinischen Regiments mit Hurrah zurück. Die Batterie protzt links vom Wege ab - ihre Kugeln bestreichen die Pontonbrücke, auf welcher das Corps Canrobert über die Sesia geht - Oberst Duhamel wird dort erschossen.
Jetzt debouchiren die Jäger auf das freie Feld, auf welchem die Cascina di San Pietro steht, ein fünfzig Fuß langes Gebäude, von den Bersaglieri Cialdinis besetzt. Ihr Oberst Schnorbusch führt die wackern Krainer gegen das Haus; der brave Bataillons-Adjutant Mammer von Mammern treibt sie vorwärts - Freiherr v. Lempruch -, Meeden, Wallerstein kämpfen an der Spitze, durch die Fenster und Thüren dringen sie ein - Hurrah! Die Bergsaglieri hinaus! fort geht's im Sturmlauf bis an die ersten Häuser von Palestro - das Regiment Erzherzog Wilhelm folgt mit seinen Bataillons über die Kanalbrücke, - die Batterie rasselt noch - im Rausch des Erfolgs vergißt man sogar die Brücke zu besetzen. Wer denkt an Rückzug in einem solchen Augenblick?
Da wirft sich in Palestro ihnen die ganze Brigade Savona entgegen und bringt die Jäger zum Stehen. Ein
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Tirailleurgefecht entspinnt sich um die Häuser - über das Kornfeld nach der Sesietta fliegt ein Adjutant Cialdinis mit wehendem Tuch - zugleich eröffnet vom Sesia-Ufer her eine französische Batterie ihr Feuer und schmettert in das Regiment.
Athemlos ist der sardinische Adjutant an der Pappelreihe, hinter der verborgen jenseits der Sesietta, deren sonst trockenes Bett jetzt über 4 Fuß hoch, mit Wasser gefüllt ist, die Zuaven von Philippeville, die Zähne in wilder Kampflust auf einander gepreßt, funkelnden Auges des Rufs harren.
»Colonel - es ist Zeit! General Cialdini bittet um Ihren Beistand. Dort hinaus, Sie fassen die Oesterreicher im Rücken und in der Flanke.«
Colonel de Chabron hebt den Säbel - die Kommandanten Du Moulin, Labrousse, Bocher ordnen rasch die Bataillone. Marche! Marche! im Sturmschritt eilen die Kolonnen vorwärts, da hält die Sesietta sie auf, die ersten Reihen sinken bis über die Brust in's Wasser, die Kolonnen stocken - sie sehen die Kameraden, die bereits am andern Ufer des Flußarmes emporsteigen, mit dem Wasser kämpfen, das ihre weiten Pumphosen füllt und jeden ihrer Schritte wie mit Centnerlast erschwert.
Der Angenblick droht sie zu decontenanciren - da schwingt Major Souville sein Käppi: »Pardious, meine Schakals! habt Ihr denn ganz vergessen, wie Ihr im Atlas über die geschwollenen Bergströme setztet?« Die braunen Gesichter sehen sich an, es zuckt wie Lachen über die wilden Mienen, - im nächsten Augenblick schlägt ein helles
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Gelächter durch die Reihen - im Nu sind die weiten orientalischen Hosen heruntergerissen, die neuen Sansculottes stürzen sich jubelnd in das Wasser und drüben angekommen mit fliegendem Hemd, wer ein solches aufzuweisen hat, gegen den erstaunten Feind. Die Offiziere mit geschwungenem Säbel mitten dazwischen - die meisten Gewehre sind untauglich zum Schuß geworden, die Munition ist verdorben. En avant! en avant par bajonette! - Vive l'Empereur! Mordious! Der Ansturm, ganz unerwartet kommend, ist furchtbar - er faßt die österreichischen Jäger in die linke Flanke, - er fällt in ihrem Rücken - drittehalbtausend wilde Kerls, Bestien im Blutdurst, die den Verwundeten, Hilfslosen noch mörderisch an den Boden nageln! wilde Teufel, unbekümmert um das eigene Leben, Dämonen, die einen Blutsabbath feiern und über die Pferde, die Räder, die zum letzten Mal den Tod in die Feinde schleudernden Rohre der Kanonen herstürmen, klettern, springen - - - in wenig Minuten sind fünf der österreichischen Geschütze, die, zwischen den Gräben eingekeilt, nicht wenden können, genommen! - die andern drei erobert das 7. Bataillon der Bersaglieri und das 16te piemontesische Regiment, das zugleich bei der Kirche San Antonio über die Cavobrücke dringt und die Cascine wieder nimmt. Unaufhaltsam drängen die Zuaven die überraschten Gegner gegen die enge Kanalbrücke und den Kanal zurück, der - 20 Schritt breit, 10 Fuß tief, - von 25 Fuß hohen Dämmen eingefaßt ist. Hier ballt sich im letzten wilden Ringen der Menschenknäuel, man stürzt einander die Brücke hinab, man springt in den Kanal, in
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die Sesia selbst, sich zu retten - Hunderte kämpfen mit dem Wasser - versinken - tauchen auf - dort ragt ein Arm über das Wasser, noch das Gewehr in der Hand, das der Tapfere selbst im Tode nicht lassen will! - zwei Feinde, Jäger und Zuave, in einander verschlungen, wie kämpfende Bulldoggen, rollen von dem hohen Damm und die blutgerötheten Wasser schlagen über ihnen zusammen; - Hilferuf der Ertrinkenden - aber selbst der Bruder hätte nicht Zeit, den Bruder zu retten - unter dem Mordio der Sieger, unter dem Wuthgeschrei der Kämpfenden verhallt das Stöhnen der letzten Angst. Wie Löwen schlagen sich die Krämer gegen die halbnackten Teufel, die Oberjäger Richter, Seidl und Luft, Führer Klang, Unteroffizier Riemer, die Jäger Kuharsik und Heßler brechen sich Bahn, schlagen Alles nieder - vergeblich! Die Uebermacht bricht jeden Widerstand - es gilt nur noch, dem Kaiser die Reste seines tapfern Bataillons zu erhalten. Das Regiment »Wilhelm« - ungarische Infanterie aus den Sümpfen von Comorn - hat eine Salve gegeben, dann erfaßt panische Verwirrung die sonst so Wackeren. Seit dem Tage vorher fast ununterbrochen auf dem Marsch, ohne Verpflegung, in der brennenden Hitze des Tages zum Angriff geführt, haben sie alle Willenskraft verloren. Vergeblich sucht sie der tapfere Verannemann von Watervliet, ihr Kommandant, zum geordneten Widerstand zu sammeln, vergeblich werfen sich die braven Hauptleute Souvent, Hiller, Vogel vor die Kompagnien, sie zum Widerstand ermunternd; Lieutenant Haschka schlägt sich wie ein Teufel, - die Menge hat den Kopf verloren, wie sie in diesem Augenblick
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ihren tapferm Kommandanten verliert. Oberstlieutenant von Kreyßern übernimmt den Befehl und giebt das Signal zum Rückzug - die Bataillone ballen sich zusammen, gleich dunklen, eisenstarrenden Massen, in denen der Tod seine reiche Erndte hält - so dringen sie gegen die schmale Brücke zurück - über Freund und Feind - fünfhundert Mann lassen sie auf dem Wahlplatz! - Hauptmann Csikos von Leopold-Infanterie der Weigl'schen Brigade, die auf dem rechten Flügel den Kampf hat aufgeben müssen, deckt herbeikommend mit vier Kompagnien den Rückzug der letzten Bataillone und wirft den verfolgenden Feind zurück. So rettet sich das Regiment, aber nur, um wenige Stunden darauf, bei Magenta seine blutige Revange zu nehmen. Nur eine Kanone, die noch nicht die unselige Brücke passirt war, bringt die Brigade mit aus den Kampf zurück!
Noch einen Versuch machte Feldmarschall-Lieutenant v. Zobel, der das Gefecht kommandirt hatte, als die Brigade Kudelka eintraf, mit den vier Bataillonen des Regiments »Jellacic« Palestro zu nehmen. Aber der - ohnehin gegen 21 Bataillone des Feindes hoffnungslose - Angriff wurde schon im Beginn an den tiefen Gräben des Terrains aufgehalten. Um 3 Uhr Nachmittags mußte das Feuer auf allen Punkten eingestellt werden und wurde der Rückzug befohlen. Die beiden Tage von Palestro hatten den Oesterreichern 44 Offiziere und 2165 Mann an Todten, Verwundeten und Vermißten gekostet. Von Letzteren fanden sich jedoch viele - namentlich von den tapfern
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Jägern - wieder zu ihrem Corps. Der Verlust der Verbündeten war nur wenig geringer.


Gleich nachdem die Zuaven und das 16te piemontesische Regiment die Brigadebatterie der Oesterreicher genommen hatten und die Jäger und das Regiment »Wilhelm« nach dem Kanal zurückdrängten, kam der König mit dem Generalstab aus Voghera und ritt auf das blutgetränkte Schlachtfeld.
Zwei der Reiter der Suite hielten an den eroberten Kanonen, wo Leichen und Verwundete von Freund und Feind noch über einander gehäuft lagen und von der Wuth des Kampfes zeugten. Ein französischer Militair-Arzt mit seinen Gehilfen war bereits rüstig daran, die Verwundeten zu verbinden und aus dem Bereich des Feuers schaffen zu lassen.
An einer der Lafetten saß ein junger Offizier, er hatte einen Streifschuß am Arm und eine Contusion am Kopf von einem Kolbenschlag, der ihn zu Boden geworfen, bereits aber wieder unter der Hand des Arztes und eines Sergeanten seines Bataillons die Besinnung wieder erhalten.
»Valga me Dios,« sagte der Oberst Graf Montboisier, denn dieser war einer der beiden Reiter, - »sehen Sie dahin Major, da ist ja unser junger Freund von gestern!«
Er parirte sein Pferd vor der Gruppe - Laforgne war an seiner Seite.
»He Lieutenant de Chapelle! ich hoffe, Sie sind
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nicht gefährlich verwundet? Wie steht es mit ihm, mein Herr?«
Er hatte sich an den Militair-Arzt gewandt, einen Mann von höhern Jahren, braun, mit schmalem klugem Gesicht.
»Wenn Sie an diesem Herrn Antheil nehmen, so kann ich Ihnen die trostreiche Auskunft geben, daß er übermorgen wieder seinen Dienst thun wird. He, Lavasseur - reichen Sie das Besteck her - der arme Bursche hier muß auf der Stelle amputirt werden, wenn ihm das Leben erhalten werden soll!«
Der wackere Doktor war bereits bei dem seiner Hilfe Bedürftigen. Die Hand des jungen Zuaven-Offiziers hielt ihn zurück.
[»]Arretez Doktor! Lassen Sie mich unter dem Pulverdampf und dem Kugelpfeifen eine Vorstellung halten. Monsieur le Comte de Montboisier, Major Laforgne - unser vortrefflicher Doktor Achmet, genannt der Niggerdoktor!«
»Hol' Sie der Henker mit Ihren Niggern und Affen, Sie junger Teufel,« sagte der Arzt halb lachend, während er zwei plündernde Zuaven herbeiwinkte, das Bein ihres Kameraden zu halten. »Aber es freut mich, Ihnen zu begegnen, denn ich kenne Sie Beide wenigstens von Ansehn und aus einer schrecklichen Stunde.«
Der Major war rasch aus dem Sattel gesprungen. Ohne den Arzt in seiner menschenfreundlichen, aber schrecklichen Beschäftigung zu hindern, war er dicht an ihn heran getreten. Der Doktor schnitt bereits in dem zerrissenen
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Fleisch des armen Kerls. »Herr - ich hoffe, ich bin der Erste, der Ihnen die gute Nachricht bringt - Ihre Schutzbefohlene, Rositta - oder vielmehr die Marquise von Massaignac ist gefunden!«
Ein lauter Aufschrei des Verwundeten antwortete der Nachricht - der Doktor hatte tief in das Fleisch geschnitten.
»Um Gotteswillen, Herr - halten Sie ein!« stöhnte der Arzt - »wenn nicht um meinet-, so doch um dieser armen Kerle willen - ich darf jetzt nichts Anderes hören! - Reichen Sie mir die Zange, Lavasseur - ich muß die Knochensplitter herausziehen. - Wo, Major - wo ist mein Kind, meine Carmen? Das Einzige sagen Sie mir, ob sie in Sicherheit ist?«
»Beruhigen Sie sich - wahrscheinlich befindet die Marquise sich bereits in Paris. Sie wissen vielleicht, daß ihr Bruder todt ist?«
»Ich habe es aus den Zeitungen gehört!« Er arbeitete mit Zange und Messer - »er war ein Schurke und sicher betheiligt bei dem Verschwinden seiner Schwester!«
»So ist es - er und die Jesuiten!«
»Die Jesuiten? Tausend Flüche über sie, die mir die Schwester gemordet! - Hebt den Mann auf, Kinder, behutsam, behutsam - dort kommt ein Wagen der piemontesischen Sanitätscompagnie aus dem Dorf. Haltet ihn an! es ist das Wenigste, was sie für Euch thun können, nachdem Ihr sie aus der Klemme gehauen habt! - Den Nächsten her, Bursche, den Nächsten!«
»Sehen Sie, Major,« sagte der Graf, sein
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Feldperspectiv vor dem Auge - »die Oesterreicher sind im vollen Rückzug - sie haben ihre Leute ganz nutzlos geopfert. Ich denke, nun können diese Burschen wieder bequem ihre Hosen anziehen des öffentlichen Anstands halber! - Herr Giulay hat Garibaldi gerettet, Sie können ihm die Nachricht bringen, daß der Kaiser in höchstens drei Tagen über dem Ticino sein wird und auf dem Weg nach Mailand, ihm also den Rang abläuft!«
Die beiden Offiziere ritten auf dem Schlachtfeld umher - als sie zu der Batterie wieder zurückkehrten, fanden sie den jungen Zuaven-Offizier mit dem Arm in der Binde bereits wieder auf den Füßen und mit Hilfe des Sergeanten, der vergeblich im dichtesten Kampfgewühl den Tod gesucht, beschäftigt, seine Leute zu sammeln.
Doktor Achmet kam ihnen entgegen, mit Blut bedeckt, aber mit freudestrahlendem Auge in dem verwitterten redlichen Gesicht.
»Que gozo!« sagte er - die Hand an den Hals des Pferdes abwischend und sie dann dem Major bietend. »Ich habe glücklicher Weise jetzt einen Augenblick Luft, da die regulairen Kollegen angekommen sind und ich nur als überzähliger Doktor, als Freiwilliger für meine alten Kinder, diese teuflischen Schakals, fungire! So kann ich eine Viertelstunde meinen eigenen Angelegenheiten widmen, wegen deren ich doch blos nach Italien gekommen bin.«
»Ich wiederhole Ihnen - Ihr Schützling ist in Freiheit und Sicherheit! Ich selbst habe sie aus ihrem Gefängniß geholt.«
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»Nicht wahr - eine Klosterzelle mit einem vergitterten Fenster - Nonnen ihre Wächter?«
Laforgne sah ihn erstaunt an. »So ist es. Aber woher wissen Sie das?«
»O ich weiß noch mehr -, sie besaß noch den schwarzen Diamanten - das Pfand der Kaiserin! Dies Kleinod allein hatte sie ihren Wächterinnen verbergen können!«
»Ja - es ist wahr! ich begreife nicht ...«
»Wer mag sagen, junger Mann,« sagte der Arzt mit tiefem Ernst - »daß er die Wunder und die geheimen Kräfte der Natur begriffen und ermessen hat? Ich habe das Kind meines Herzens in ihrem Kerker geschaut, während ich durch Länder und Berge von ihr getrennt war. Ich sehe, daß Sie mich nicht verstehen - aber der Herr Graf wird es, wenn ich ihm sage, daß ich seitdem an die magnetische Kraft des Herrn Hume glaube!!«
Der Major, der Schule der allzu fortgeschrittenen Aufklärung angehörig, auch ohne eigentliches Interesse für dergleichen Dinge, unterdrückte ein Lächeln, um den älteren Mann nicht zu kränken, und begnügte sich damit, ihm die Umstände der Auffindung und der Flucht der jungen Marquise zu erzählen. Da er keine Ursache hatte, die Namen dabei zu verschweigen, nannte er wiederholt auch den des Abbé Corpasini und des Generals Grafen Mortara.
Je weiter er in seiner Erzählung kam, desto höher schien sich das Interesse des Abkömmlings der alten Könige von Granada zu steigern.
Als der Major davon sprach, wie der junge Jesuit, sein Gefährte in der Befreiung der beiden Gefangenen, sich
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gegen die Tyrannei des Rektors aufgelehnt, wie er ihm von seiner spanischen Heimath gesprochen und der alte verstümmelte Dieb ihn an Azcoitia erinnert, begannen die Augen des Hacenen sich eigenthümlich zu beleben, und er bat in der höchsten Erregung den Offizier, auch nicht das geringste Detail, nicht das kleinste Wort, dessen er sich erinnern könne, auszulassen. Es mußte etwas Großes und Wichtiges sein, was den sonst so ruhigen besonnenen Mann der Art erschütterte.
»O si! plega á Dios! ó llegue el dia28, daß meine alten Augen noch das Glück empfänden und das Verbrechen an's Licht des Tages käme,« sagte er, die Hände faltend. »Wie, Señor Mayor, sagten Sie doch, daß der Namen des Jünglings wäre?«
»Felizio nannte man ihn.«
»Und er sei aus Biscaya? er sprach von Azcoitia? Welches, Señor, war etwa sein Alter?«
»Er konnte etwa zweiundzwanzig Jahre alt sein, war aber über diese hinaus ernst und schwermüthig. Sie können sich denken, daß ich großen Antheil an seinem Schicksal nahm, das ich leider nicht ändern konnte. Bei meinen Erkundigungen während der Nacht meines Aufenthaltes in dem Kloster, wobei ich nochmals Gelegenheit hatte, ihn zu sprechen, hörte ich bestätigen, daß er von Geburt ein Spanier sei, daß er weder Vater noch Mutter gekannt habe, und der Rektor Corpasini ihn aus einem Kloster in Biscaya, wo er seine Jugend verlebt, abgeholt habe,
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um ihn zum Zögling seines Ordens zu machen; mit welchem Recht? konnte ich nicht erfahren. Alles was ich hörte und sah, schien mir zu beweisen, daß der Jesuit einen tiefen Haß gegen den Jüngling nährt und ihn in den Fesseln behalten will, die er ihm seit seiner Jugend auferlegt hat.«
»Und die Worte, die jener Sterbende, der Räuber, den der Jesuit erschlagen hatte, sprach?«
»Bei dem Eindruck, den sie auf Alle, die Zeugen der Scene waren, machten, habe ich sie genau gemerkt. Der sterbende Räuber nannte den Namen Azcoitia - er bezeichnete den Prälaten als den Mörder der Mutter des Novizen, die er zu kennen schien - er sprach von der Königstochter von Granada - -«
»Weiter, weiter! und sein Vater?«
»Der Tod überraschte ihn, ehe er einen Namen nennen konnte. ›Du bist sein Ebenbild - der Fürst - der Fürst -‹ waren seine letzten Worte, der Jesuit selbst verhinderte ihn, weiter zu sprechen.«
»Er ist es, er ist es, es ist kein Zweifel mehr!« stöhnte der Maure. »Ah, wenn ich ihn sehen könnte, nur einen Augenblick - ich würde das Blut erkennen, das in seinen Adern rollt, das Blut zweier fürstlichen Geschlechter! O arme Schwester, unglückliches Kind, wenn es mir gelänge, dem letzten Nachkommen der Hacenen seine heiligen Rechte wieder zu gewinnen! wenn es mir gelänge, den Namen Ximene Hacena von jedem Flecken zu reinigen!«
Der Kammerherr des Kaisers hatte mit Aufmerksamkeit auf die jedem Fremden seltsamen Exclamationen
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des Mauren gehört. Jetzt, bei dem Namen, legte er die Hand auf seine Schulter.
»Ximena da Hacena?« frug er - »ich kenne den Namen! Wer ist das?«
»Meine Schwester - meine unglückliche Schwester, Señor Conde!«
»Die Gemahlin des Fürsten Lichnowski?«
»Ich glaube es fest, denn er war ein edler Mann, der über die letzte Tochter der alten Könige von Granada nicht Schmach gebracht haben würde. Aber leider kann ich ihre Heirath nicht beweisen, denn beide sind todt!«
»So kann ich Ihnen diesen Beweis geben, Señor,« sagte der Graf. »Ein Zufall hat mich in den Besitz des Trauscheins gebracht, ausgefertigt in Azcoitia von Pater Antonio!«
»Don Diego Corpas - der Rektor Corpasini! - Er und immer Er! der ewige Feind und Verfolger meiner Familie! Ay Dios mio! ich danke Dir, daß Du mir dieses Glück noch bereitet und jetzt, jetzt weiß ich, wo ich meinen rechtmäßigen Neffen, wo ich den letzten Zweig des Stammes der Hacenen, die einst über Spanien herrschten, zu suchen habe!«
»Wie, Doktor - jener Novize - jener junge Jesuit?«
»Er ist der Sohn meiner Schwester - in seinen Adern rollt das Blut des nordischen Fürstenstammes, das sich mit dem der alten Könige von Granada vermischt hat!«
Drüben am Kanäle bliesen die Trompeten der Zuaven zum Sammeln - einzelne Kanonenschüsse aus der französischen Batterie an der Sesia folgten noch dem abziehenden
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Feind - aus weiter Entfernung nur antworteten die Hörner der österreichischen Jäger keck dem Siegesruf - Palestro war verloren, der Weg nach der Lombardei, um die schon so viel deutsches Blut geflossen, dem Feinde geöffnet.
Wehe über Giulay!

Auf der Brücke von Magenta!

Der Kaiser Napoleon benutzte rasch die errungenen Vortheile - er sah ein, wie gefährdet trotz des Sieges der Piemontesen die Stellung der verbündeten Armee war, wenn der österreichische Heerführer die Entschlossenheit und das kriegerische Genie hatte, mit der ganzen Armee die Offensive zu ergreifen und sich in den Zwischenraum der beiden Stellungen zu werfen. Denn während das 4., 2. und 1ste französische Corps bei Novara bereits concentrirt war, General Niel südlich des Orts vorwärts La Bicocca stand, also ungefähr 60,000 Mann dort versammelt waren, blieb das kaiserliche Hauptquartier mit der Garde in Vercelli, standen das 3te Corps und die Sardinier - also 100,000 Mann bei Palestro. Zwei Meilen Entfernung trennten die beiden Stellungen.
Dennoch war man am Morgen des 1. Juni im österreichischen Hauptquartier zu Mortara, wenigstens was den Kommandirenden selbst betraf, noch immer unklar über
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die Stellung und die Absichten des Feindes. Im Laufe des Vormittags ging die Nachricht ein, daß französische Abtheilungen bereits bis Vespolate streiften; Oberst Czeschi meldete den Anmarsch der Franzosen auf Novara. Eine Compagnie Grueber[Grüeber] hatte eine Stunde lang die Agogna-Brücke gegen zwei Brigaden vertheidigt. Feldmarschall-Lieutenant v. Zobel und Oberst Kuhn schlugen den Angriff gegen Novara vor, der damals von größtem Erfolg hätte sein können und zu dem vollständig die nöthigen Truppen zur Hand waren; - aber Graf Giulay hatte keinen Hang mehr oder vielmehr kein Vertrauen, Radetzki nachzuahmen. Er beschloß den Rückzug über den Ticino und die Reserve-Cavallerie wurde am 2ten gegen Olengo, die vier Brigaden des 3ten Corps (Fürst Schwarzenberg) bei Vespolate aufgestellt als Schirm, hinter dem die Corps weg marschiren und über den Ticino nach der Lombardei zurückgehen sollten, das zweite (Fürst Liechtenstein) und siebente Corps (Zobel) über Vigevano, das fünfte (Stadion) und achte Corps (Benedek) auf Bereguardo. Das neunte Corps (Schaffgotsche) blieb zwischen Pavia und Piacenza.
Am 3ten frühzeitig verließ der österreichische Generalstab Garlasco und ging nach Bereguardo.
Hier traf man auf den Feldzeugmeister Heß, den der Kaiser, der am 30sten in Verona eingetroffen war, unwillig über die nur andeutungsweise ihm zugekommene Nachricht von dem beabsichtigten Rückzug sofort mit unbeschränkter Vollmacht in's Hauptquartier gesandt hatte.
Der Mangel an Pferden und die schlechten Wege hatten leider den General verhindert, noch am Abend des 2ten
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Garlasco zu erreichen - er kam erst am andern Morgen nach Aereguardo und traf, wie erwähnt, hier das Hauptquartier schon auf dem Rückzug. Sofort erfolgte eine ernste Unterredung zwischen dem Boten des Kaisers und seinem Feldherrn in dem Posthause des Dorfs und schon verbreitete sich unter den Truppen die Nachricht, daß Giulay sein Kommando niedergelegt habe und durch Heß ersetzt worden sei und wurde überall mit Freuden aufgenommen. Die donnernden Hurrahs und Eljens der Soldaten begrüßten den Feldzeugmeister, so oft sein charakteristisches edles und strenges Soldatengesicht am Fenster sich zeigte.
Heinrich Freiherr von Heß, der Chef des Generalquartiermeisterstabes der österreichischen Armee, zu dieser Zeit ein bereits 71jähriger Greis, aber körperlich und geistig gleich rüstig, war unbedingt der Liebling der Armee nach Radetzki's Tode, und auf ihn hatte sie als Führer gehofft in diesem Feldzug, als - wie früher erwähnt ist - der Einfluß des Grafen Grünne siegte. Er hatte schon die Feldzüge von 1805 bis 1815 mitgemacht und war von 1830 ab die rechte Hand Radetzki's und der Schöpfer der neuen Feld- und Manövrir-Instruction, die der österreichischen Armee eine neue und erhöhte Bedeutung verschaffte. Mit Recht nennt man ihn den Gneisenau des österreichischen Blücher's, denn seinem Kopf entsprangen die Pläne und Entwürfe, welche die Energie Radetzki's so glorreich ausführte. Mit edler Bescheidenheit schrieb der alte Löwe nach jenem glänzenden Feldzug von nur fünf Tagen seinem Kaiser: »Dem Feldmarschall-Lieutenant Heß - ich bezeuge es hiermit von ganzem Herzen - gebührt der
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bei weitem größte Antheil an den Erfolgen.« 1850 bewahrte Heß seinen strategischen Ruf als kommandirender General der österreichischen Armeen bei dem orientalischen Kriege gegen die Russen.
Leider erwies sich bald das Gerücht von dem Wechsel des Oberkommando's für diesmal noch unbegründet!
Der alte bewährte Krieger machte kein Hehl aus seiner Meinung, daß wenn er zeitig genug eingetroffen wäre, er den Rückzug aus der Lomellina nicht zugegeben haben würde, und nach einer ernsten Debatte, zu welcher Oberst Kuhn von Rosate zurückgeholt wurde, eilten die Ordonnanz-Offiziere mit dem Befehl nach Vigeoano und Garlasco, den Rückzug einzustellen.
Aber das Glück hatte bereits den edlen Fahnen Oesterreichs den Rücken gewendet und die eingehenden Meldungen zwangen, von dem kräftigen Entschluß wieder abzugehen.
Das zweite Corps hatte bei Vigevano bereits den Ticino passirt.
Wir müssen uns schon jetzt einen Augenblick nach der Position von Magenta wenden. Das erste Armeecorps unter dem Grafen Clam Gallas war am 22. von Prag aufgebrochen und hatte den Marsch von 200 Meilen über Leipzig, Insbruck und den Brenner mittelst der Eisenbahn in 10 Tagen zurückgelegt. Der Leser wird sich erinnern, daß es von dem unglücklichen Eigensinn des Oberbefehlshabers zuerst gleichfalls nach Piacenza bestimmt war, bei dem Kriegsrath in Garlasco es aber dem vorausgeeilten Stabschef, Oberst Pokorny gelang, den Befehl zur Aufstellung bei Mailand zu erhalten. Seit dem 1sten stand
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Graf Gallas mit der Division Cordon bei Magenta und war durch einige Bataillone anderer Corps verstärkt worden, so daß er über etwa 13,900 Mann verfügte, um dem Feinde den Uebergang über den Ticino streitig zu machen, der, wie man jetzt zu spät im österreichischen Hauptquartier erkannte, von Novara aus beabsichtigt wurde und nach den strategischen Verhältnissen zunächst etwa 1\frac12 Meile nördlich von Magenta und der Straße nach Mailand bei Turbigo und bei Magenta selbst über die Chaussee und Eisenbahnbrücken durch das tiefe Thal des Ticino erfolgen konnte.
Die Straße und der Eisenbahndamm von Novara (Trecate) nach Magenta (Mailand) überschreitet etwas mehr als eine halbe Meile westlich Magenta die Arme des Ticino bei San Martino. Es ist dies die Ponte nuovo di Boffalora. - Wir müssen den Leser bitten, der folgenden Schlachtereignisse wegen sich die Namen und die Tophographie etwas zu merken. - Chaussee und Eisenbahn theilen sich dann und laufen in kurzer Entfernung durch einen ziemlich tiefen Thalgrund mit hohem Geländer bis zum Naviglio grande, dem großen breiten Schiffahrts-Kanal, der von Lonato (Turbigo) her an dem östlichen Ufer des Ticino bis Abbiate Grasso, etwa eine Meile unterhalb Magenta läuft und sich dann östlich nach Mailand wendet. Ueber diesen Kanal, etwa \frac14 Meile vor Magenta führen die Heerstraße mittels der Ponte Nuovo di Magenta, die Eisenbahnbrücke und weiter abwärts die Ponte vecchio di Magenta, die Brücke der alten Straße mit einer kleinen Ortschaft gleichen Namens auf beiden Seiten des Kanals.
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Etwa 2000 Schritt oberhalb der Ponte nuovo, d. h. der Chaussee, liegt das Dorf Boffalora, auch auf beiden Seiten des Kanals.
Magenta ist ein unbedeutendes offenes Städtchen.
Unterhalb der Ponte vecchio - d. h. etwa eine halbe Meile unterhalb der Eisenbahn - liegt auf dem Wege nach Abbiate Grasso am westlichen Ufer des Naviglio der Ort Robecco.
Dies ist die allgemeine, möglichst einfache Beschreibung des engeren Schlachtfeldes.
Der Graf Clam Gallas hatte eine Division (Cordon) gegen Turbigo vorgeschoben und mit einigen Bataillonen den mit mehreren schweren Geschützen armirten Brückenkopf von San Martino (auf dem westlichen Ufer des Ticino) besetzt.
Sobald er jedoch Kunde bekam, daß die Franzosen im Norden gegen Turbigo anrückten und dort Vorbereitungen zum Brückenschlag machten, glaubte er den Brückenkopf bei San Martino nicht mehr vertheidigungsfähig und räumte, ohne irgend wie angegriffen zu sein, in der Nacht zum 3ten denselben so eilig, daß ein Theil der Geschütze und Munitionswagen darin zurückblieb und von den Franzosen, als sie am Vormittag endlich einrückten, zu ihrem Erstaunen vorgefunden wurde.
Es war selbstredend, daß man für einen solchen Fall, Anstalten getroffen hatte, die Brücke in die Luft zu sprengen. Aber hier zeigte sich wieder das Verderbliche der bevormundenden Kriegsführung, welche der tapfern österreichischen Armee schon seit der Hofkriegskanzlei zu Wallenstein's Zeit
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manchen Sieg entrissen oder erschwert hat. Das Genie-Komite in Wien hatte sich die Mühe gemacht, eine Berechnung der zur Sprengung dieser besonders festen, ganz von Quadern für den Uebergang der Chaussee und der Eisenbahn gebauten Brücke nach Italien zu senden und genau auch nur dieses Quantum Pulver war dem, mit der Sprengung beauftragten Genie-Offizier geliefert worden. Da derselbe aber auf Befehl des Corps-Kommando's auch noch einige andere kleine Objecte sprengen sollte, nahm er von diesem Pulver, in der Voraussetzung, die Sprengung der Brücke sei noch nicht so eilig und es werde sich das Fehlende leicht von Mailand herbeischaffen lassen.
Jetzt drängte plötzlich der Feind heran - die in zwei Pfeilern liegenden Minen wurden entzündet, aber die Explosion vermochte nur, den zwischenliegenden Bogen zu erschüttern, ohne ihn einzustürzen, und die Brücke blieb für die Infanterie des Feindes passirbar und wurde es mit geringer Reparatur auch bald für die Artillerie wieder gemacht.
An wie kleinen Fäden hängt oft das Schicksal der Schlachten und der Völker. Ein Centner Pulver vielleicht mehr - und der Kaiser Napoleon vermochte nicht, über den Ticino zu gehen, Mac Mahon wurde vereinzelt geschlagen und die Lombardei blieb wahrscheinlich Oesterreich erhalten!
Die Meldung dieses Unfalls, den das Corps-Kommando keinen Versuch machte oder nicht mehr machen konnte, zu verbessern, nach dem Hauptquartier in Belleguardo war es hauptsächlich, was Heß bestimmte, nunmehr auch
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der rückgängigen Bewegung der Armee seine Zustimmung zu geben, da sie jetzt eine Nothwendigkeit geworden war. Von diesem Augenblick an blieb der alte Soldat nur als Zuschauer der nächstfolgenden Ereignisse bei der Armee, als »Volontair« wie er sich ausdrückte; er hatte mit Recht keine Lust, seinen Kriegsruhm hier noch auf's Spiel zu setzen.
Die Ausführung der ersten Dispositionen wurde daher in's Werk gesetzt.
Es war der ursprüngliche Plan, die Armee in der Flanke der Mailänder Straße zu concentriren und hier die Franzosen zu erwarten. Aber in diesem Fall hätte man nicht am 4ten schlagen dürfen, da die Truppen noch nicht heran waren, und Clam Gallas mußte die Anweisung erhalten, sich angegriffen auf Abbiate Grasso und das Hauptcorps zurückzuziehen, statt daß er den Kampf aufnahm und einzelne Corps ihm zu Hilfe gesandt wurden, um sich vereinzelt schlagen zu lassen.
Ebensowenig war die Schlacht wohl die Absicht des Kaisers der Franzosen; denn unmöglich konnte er erwarten, den Uebergang bei San Martino ohne Widerstand unternehmen zu können, er hoffte denselben vielmehr erst durch das Anrücken Mac Mahon's von Norden ermöglicht zu sehen. Darum war auch die Stellung der Franzosen zwischen Novara und San Martino, also auf dem rechten Ticino-Ufer zuerst mit der Front gegen Süden gerichtet, weil sie von Vigevano her ein Vordringen der Oesterreicher erwarteten. In Magenta sollten die Divisionen der Garde sich mit dem Corps Mac Mahon's und den Sardiniern
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vereinigen. Da am 3ten beide Uebergänge ohne Kampf in den Händen der Verbündeten waren, konnten diese schwerlich noch daran denken, in Magenta Widerstand zu finden und der König Victor Emanuel erließ seine Einladungen zu einem großen Diner dahin für den nächsten Tag.
So leicht sollte ihm die Prahlerei freilich nicht werden, - er hätte denn unter Haufen von Leichen sein Gastmahl halten wollen!
Die Division Camou war bereits am Abend des 2ten bei Ponte di Turbigo angelangt und hatte eine Brigade Garde-Voltigeurs auf Pontons übergesetzt, ohne einen Feind zu treffen. General Leboeuf leitete den Brückenschlag über Nacht, Die Voltigeurs unter Oberst Mongin besetzten sofort die Navigliobrücke und schoben ihre Posten nach Süden vor. Am Morgen war die Ticinobrücke fertig, Mac Mahon verließ um 8\frac12 Uhr Novara und traf gegen Mittag im Dorfe Turbigo ein. Von dem Thurm des nahe liegenden Robechetto aus nahm er die Gegend in Augenschein, als man eine anrückende feindliche Colonne bemerkte. Der Erstürmer des Malakoff hatte kaum noch Zeit genug, mit seinen Begleitern die Pferde zu erreichen und davon zu jagen, ehe die Oesterreicher - von der Brigade Cordon - das Dorf besetzten. Zehn Minuten später, wäre er gefangen gewesen.
Mac Mahon ertheilte dem General Motterouge den Befehl, das Dorf mit drei Bataillonen der algier'schen Tirailleurs anzugreifen und sandte die andern Regimenter seiner Division nach.
Die Turcos (wie die algier'schen Tirailleurs zum
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Unterschied von den Zuaven von den Italienern und Oesterreichern genannt wurden) stürzten sich in drei Kolonnen, ohne einen Schuß zu thun, auf das Dorf, von einer Batterie der Korpsreserve unter General Auge unterstützt. Sie wurden mit einem lebhaften Gewehrfeuer empfangen, drangen aber mit dem Bayonnet ein und erwiderten dann erst das Feuer in die dichtgedrängten Trupps der Gegner.
Bereits in seinem Tagesbefehl an die Armee aus Genua vom 12. Mai hatte der Kaiser Napoleon gesagt:

    »Die neuen gezogenen Waffen sind nur gefährlich, so lange ihr ihnen fern bleibt; sie werden nicht hindern können, daß das Bayonnet, wie sonst, die furchtbare Waffe der französischen Infanterie bleibe.«
Und dies war es eben, was die französischen Generale hauptsächlich dem Feinde entgegenstellten - das Treiben zum Gemetzel, zum »Krieg auf's Messer,« das rücksichtslose Hineinwerfen und Opfern von Menschenleben! Darum auch möglichst die auf dies Gemetzel dressirten wilden Horden der algierischen Armee voran!
Von diesen, den Zuaven und Turcos - das heißt dem verwegenen Auswurf der französischen und der afrikanischen Soldaten - wurde eine Kampfart verfolgt, die mehr der Grausamkeit und Hinterlist der Wilden, als der bisherigen Kriegssitte civilisirter Nationen glich. Der schon wehrlose Verwundete und Gefallene wurde noch durchbohrt; ihre anscheinenden Todten kamen plötzlich wieder zum Leben, sobald sich ihnen der Feind arglos näherte, schossen die Offiziere nieder und entflohen; zuletzt wurde auch auf Seiten
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der Oesterreicher die Schonung aufgegeben und das Handgemenge damit um so grausamer geführt.
Diese wilde haßvolle Kampfführung erstreckte sich bald nicht blos auf die beiderseitigen Krieger.
In Palestro schossen die Bewohner, die beim Einmarsch den österreichischen Truppen mit der größten Freundlichkeit entgegengekommen waren, aus den Fenstern auf die Jellacic-Jäger, als sie nach dem zweiten Sturm Palestro räumten. Die Jäger hatten jedoch keine solche Eile, als die Italiener glaubten, drangen in die Häuser und übten hier blutige Vergeltung. In einem der Nachbarorte hatten die Bewohner sogar die österreichischen Verwundeten mit Knitteln erschlagen.
Es läßt sich denken, wie das Alles die gegenseitige Erbitterung steigerte.
Haus um Haus, Schritt um Schritt nur zogen sich im wüthenden Kampf die Oesterreicher zurück - nach halbstündigem Kampf war Robechetto von den Turcos genommen - die blauen fliegenden Gewänder und weißen Turbane deckten mit den weißen Röcken der Oesterreicher die Straßen. -
Während der Kampf noch im Dorf wüthete, und als eben das 65ste französische Regiment unter Oberst Drouchot das Plateau des Thalrandes erstiegen hatte, den Oesterreichern in die Flanke zu fallen, zeigte sich Cavallerie von Castano her vom mobilen Corps des Feldmarschall-Lieutenant Urban und drohte, den Franzosen in den Rücken zu fallen, Mac Mahon ließ Geschütz gegen sie auffahren und
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das 65ste Regiment sich gegen sie wenden. Die österreichischen Reiter mußten Kehrt machen.
General Cordon zog sich fechtend auf Malvaglio zurück. Seine linke Flanke war am Naviglio auf die Gardevoltigeurs gestoßen und auch dort von der bedeutenden Uebermacht zurückgedrängt worden.
General Cordon trat seinen Rückzug auf Cuggiono an, ein demontirtes Geschütz in den Händen des Feindes lassend; Mac Mahon blieb seiner Instruction folgend auf dem occupirten Terrain stehen, die Division Motterouge voran, die Division Camou dahinter. Bereits waren auch die Sardinier in der Reserve.
So endete der Tag des Dritten. -
Wir haben bereits erwähnt, daß der Kaiser Napoleon nach der Occupation der beiden Ticino-Uebergänge unmöglich noch einen ernsten Widerstand bei Magenta bei dem für den 4ten bestimmten Uebergang der Hauptarmee erwarten konnte und glauben mußte, daß der Gegner erst am 5ten oder 6ten eine Schlacht vor Mailand liefern werde.
Am Morgen des 4ten war daher die Stellung der beiden Armeen folgende:
Mac Mahon stand auf etwa \frac34 Meilen nördlich von Magenta mit dem zweiten Corps und einer Division Garde, als Soutien die ganze piemontesische Armee.
Ihm gegenüber stand Anfangs blos eine österreichische Brigade der Division Cordon. Zur Unterstützung wurden die Brigade Baltin (nach Boffalora) und die Brigade Kudelka (nach Cascina nuova) vorgeschoben. Drei
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österreichische Brigaden hatten demnach drei französischen Divisionen - also gerade der doppelten Uebermacht den Weg zu verlegen.
Um Magenta bis hinunter Robecco standen die drei Brigaden Reznicek, Szabó Burdina und Kintzl. Bei Beginn des Kampfes disponirte Graf Clam Gallas demnach um Magenta über etwa 30,000 Mann gegen 80,0000.
Die Division Reischach stand mit den Brigaden Gablentz und Lebzeltern westlich bei Corbetta, etwa \frac34 Meilen, die Division Lilia mit den Brigaden Weigl und Dondorf bei Castelletto südöstlich, etwa 1\frac14 Meile entfernt. Ebenso im Süden das 3te Corps Schwarzenberg. Es waren demnach für den Kampf etwa 70,000 Mann verfügbar, aber eben wieder in etappenweise Stellungen. Die Corps Stadion (5.) und Benedek (8.) waren am Morgen 2\frac12 und 3\frac12 Meilen entfernt.
Um 9\frac12 Uhr Morgens traf die zweite Brigade der französischen Garde-Grenadiere unter General Wimpffen - es standen in diesem Kriege zwei Wimpffen einander gegenüber - von Trecate an der Brücke von San Martino ein und ging nach dem linken Ufer über. Die vorgeschobenen österreichischen Tirailleurs und Geschütze wurden bald aus dem Flußthal bis über den Naviglio zurückgedrängt. Gegen Mittag folgte die Garde-Brigade Cler mit dem Divisionsgeneral Mellinet und dem Corps-Kommandanten der Garde, dem alten General Regnault de St. Jean d'Angely, der schon den Feldzug von 1812 mitgemacht und im griechischen Befreiungskampf als Freiwilliger gefochten hatte. Der Kaiser, der bereits selbst an der
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Brücke von San Martino angekommen war, wartete mit Ungeduld auf das Signal, daß Mac Mahon von Turbigo her den Angriff begonnen hätte.
Der künftige Herzog von Magenta war in der That um 16 Uhr aufgebrochen und rückte mit seinen vier Divisionen gegen Boffalora und Magenta. Bei Cafale traf er um etwa 1\frac12 Uhr zuerst auf den Feind. Die Oesterreicher räumten nach kurzem Gefecht den Weiler. Bald entspann sich der Kampf auf der ganzen Linie nördlich von Magenta. Die erste Brigade der Division Motterouge (Lefèbvre): die Turkos und das 45ste Linienregiment unter Oberst Manuello griffen Boffalora an.
Sobald der Kaiser Napoleon das Feuer Mac Mahon's hörte, befahl er - obschon sie hier noch einer Uebermacht entgegen standen, - den Angriff auf den Naviglio durch die Garde-Division Mellinet. Zugleich wurden Adjutanten ausgesandt, die Corps Niel und Canrobert zu suchen und zur Beschleunigung des Anmarsches anzutreiben.
Das zweite Garde-Grenadier-Regiment unter Colonel d'Alton ging links von San Martin gegen Boffalora vor und vereinigte hier seinen Angriff von Westen mit dem der Brigade Lefèbvre von Norden her.
Die Oesterreicher hatten eine starke, sehr günstig gelegene Batterie auf dem Monte rotondo, nördlich des Dorfs, errichtet, deren Feuer vernichtend wirkte. Die Häuser am linken Ufer des Kanals waren zur Vertheidigung eingerichtet - ein heftiger Kampf entspann sich. Die Brigade Baltin, 2 Bataillone vom Linien-Infanterie-Regiment Hartmann Nr. 9 unter seinem Obersten Edlen v. Carnelius
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bewährte glänzend seinen mehr als hundertjährigen Ruf. Eben so tapfer wehrten sich die mährischen Jäger, das 16te Bataillon unter Major Burkhardt von der Klee. Die französischen Grenadiere, angefeuert von ihren Bataillons-Chefs Demé de Lisle, Rivière und Sée bogen links vom Wege, drangen durch das feindliche Feuer, stürzten sich in den Kanal, der das Dorf umgiebt, übersprangen die Mauern und kletterten wie die Katzen an den Weinspalieren in die Höhe, oder versuchten, einer auf dem andern, in die Fenster der Häuser zu dringen. Aber sie wurden zurückgeworfen - die Bärenmützen deckten den Boden, das Feuer der Jäger wüthete vernichtend unter den Franzosen, mehrere Häuser gingen in Flammen auf; die Grenadiere vermochten nicht, weiter vorzudringen.
Unterdeß hatte der Kaiser das 3te Garde-Grenadier-Regiment, seine Lieblinge von Saint Cloud, unter Colonel Metmann und dem Chef der Brigade General Wimpffen auf dem Eisenbahndamm vorrücken lassen. Das Regiment warf sich rechts in die Wiesen, erstieg Ponte vecchio di Magenta gegenüber den Thalrand und griff das von den Feinden verschanzte Dorf an.
Hier hatten die Ottochaner Gränzer vor der Eisenbahnbrücke eine kleine Schanze aufgeworfen - ein Bataillon Wasa stand dahinter. Die Brigade Szabó: Erzherzog Wilhelm Infanterie Nr. 12 und das 7. Feldjäger-Bataillon vertheidigt Ponte nuovo und die Naviglio-Linie, unterstützt von der Brigade Kudelka, zwei Bataillone der Brigade Kintzl (Regiment Sigismund) halten Ponte vecchio besetzt. Der Rest dehnt sich bis Robecco aus.
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Auf diese Truppen trafen die dritten französischen Grenadiere, gefolgt von dem 1sten Regiment, das sich gedeckt gegen das Feuer der Oesterreicher rechts vom Eisenbahndamme bei Bovica aufstellte, um gegen einen Angriff von Süden her Front zu machen. Zugleich warf sich das Garde-Zuaven-Regiment unter Colonel Guignard in eine Terrainfalte der Chaussee. Nur zwei französische Geschütze konnten auf dieser das Feuer der Feinde beantworten.
Die dritten Grenadiere drangen mit unwiderstehlicher Heftigkeit vor - so wüthend die Ottochaner, so tapfer die Jäger sich schlugen - die Bataillone von Kintzl hielten nicht Stand und wurden aus dem Dorf und über die Brücke (ponte vecchio) zurückgedrängt. Der Befehl zur Sprengung der Brücke erfolgte -, aber es war zu spät. Lieutenant Fayet de Montjoye stieß dem Unteroffizier, der eben die Leitung zünden wollte, seinen Säbel in die Brust; - mit den Ungarn und Jägern zusammen drangen die Grenadiere über die erstürmte Brücke an's linke Ufer und breiteten sich sofort hier aus, die Dämme zum Schutz benutzend. Aber weiter vermochten sie trotz aller Tapferkeit nicht vorzudringen, immer und immer wieder warf sie das Feuer der braven Jäger zurück.
Während seine Grenadiere sich an der Brücke festsetzen, läßt Oberst Metmann ein Bataillon unter Oberstlieutenant de Tryon am westlichen Ufer des Kanals im Laufschritt auf Ponte nuovo di Magenta, die Chausseebrücke, vorgehen und die beiden Stationshäuser an diesem Ufer des
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Naviglio angreifen. Man schlägt sich mit Erbitterung - die Oesterreicher werden aus den beiden Häusern geworfen - sie weichen »raufend« Schritt um Schritt über die Brücke und halten ihre Gegner mit scharfem Feuer zurück. Die Grenadiere wollen ihnen folgen, aber sie werden drei Mal geworfen. Oberlieutenant Kleinert weist heldenkühn mit seinem Geschütz die Angriffe der Garden zurück29, die Kugeln der Jäger schlagen in ihre Reihen - an der Brücke steht der Kampf!
Diesen Augenblick benutzt der Führer der in der Tiefe an der Chaussee versteckten Garde-Zuaven. Oberst Emguard giebt das Zeichen - die Bataillone »Pissonnet de Bellefonds«, »Weißenburger« stürzen sich vorwärts - die Capitaine Godinot de Vilaire, Goetzmann, de Couvigny, Lapasset stürmen mit ihren Kompagnieen heran - - -
»Zündet die Lunte! Hurrah!«
Aber es ist keine Lunte da - die in den Brückenpfeilern angebrachten Minen sind noch nicht einmal geladen - das Pulver steht in Fässern sogar noch in den Häusern jenseits der Brücke, die bereits von den Grenadieren genommen sind, und die Zuaven sind bereits zur Stelle!
»Verflucht!«
»Vive l'Empereur!« das kurze Horn ruft seine melancholischen Tacte zum Sturm, rechts und links werfen diese Teufel ihre eigenen Kameraden die Garden vom
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Damm. »En avant! en avant!« Lieutenant Richaud ist der Erste auf der Brücke, er fällt! Gautier, Rapp springen an seine Stelle - beide sinken verwundet. Kapitain Vial de Sablincy schwingt den Säbel: En avant chacaux! - er stürzt! - aber Renauld, Maisonneuve fassen Fuß mit ihren Braven - sie sind über die Brücke, sie dringen in das Haus zur Rechten - was nicht durch die Fenster springt, wird niedergestoßen; das Blut rinnt wie ein Bach über die Schwellen.
Aber es ist nicht genug, das Haus rechts zu haben; - um die Brücke halten zu können, muß man auch das zur Linken besetzen, und schon rücken die Reserven des Liechtenstein'schen Corps heran und das Feuer der Oesterreicher aus den Fenstern und Schießscharten des Hauses ist furchtbar.
Mit der Todesverachtung, welche diese Tollköpfe auszeichnet, stürzen die Zuaven noch einmal auf den Feind. Von hüben und drüben knallt es aus den Fenstern, der Pulverdampf verhüllt Freund und Feind, die rothen Hosen und blauen Jacken decken förmlich den Boden der Straße; über die Leichen der Ihren, die noch im Tode einen wilden Fluch gegen den Feind geschleudert, treiben die Capitaine, die Offiziere sie immer wieder gegen das Haus; Cauvigny fällt, die Zuaven, gleich ihren Katzen, einer auf des andern Schultern klimmen zu den Fenstern empor, und stürzen von Kugel und Bayonnet getroffen, zurück - immer und immer wieder werden sie zurück geworfen und immer und immer wieder stürzen sie heran; der Arm erlahmt von der gräßlichen Blutarbeit, die Jäger haben
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keine Patronen mehr, man schlägt und stößt sich mit den Kolben, man beißt sich wie die Bestien der Wildniß noch im Todesringen auf den Stufen der Treppen, in dem dichten Qualm ist kaum Freund von Feind zu unterscheiden! - da donnert der Ruf »Vive l'Empereur!« aus den Fenstern des Hauses - die Zuaven sind eingedrungen, gräßlich wüthet der Mord - kein Pardon wird gegeben - Niemand verlangt ihn! jeder einzelne ein Held, sterben die Grauröcke zwischen den kugeldurchlöcherten Wänden, die sie so tapfer vertheidigt haben.
Auch das zweite Zollhaus ist in der Gewalt der Franzosen.
Die französischen Geschütze fliegen auf der Chaussee herbei, von jenseits des Naviglio den Kampf mit der Artillerie der Gegner aufzunehmen. Clam Gallas selbst sprengt an den Platz - Oberst Herle leitet das Feuer - Graf Mengersen fällt - - es ist zwei Uhr! Vergebens sieht der Graf sich nach der Hilfe um, die der Rittmeister Prinz Ahremberg aus dem Hauptquartier holen sollte. Viel zu spät hatte der Feldmarschall-Lieutenant seine gefährliche Lage erkannt und die Meldung um Beistand nach Abbiate-Grasso gesandt. Sie ist um 12\frac14 Uhr dort eingetroffen - um 2 Uhr erst setzt sich der Feldzeugmeister zu Pferde, nachdem das 3te Corps (Fürst Schwarzenberg) Befehl erhalten hat, nach Robecco vorzurücken. Er muß erst sein Diner in Ruhe vollenden! Zugleich erhält die Division Lilia des siebenten Corps Ordre, von Castelletto nach Corbetta, also nicht in das Gefecht, sondern östlich von Magenta zu rücken. Das 5te
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und 8te Corps sollen ihren Marsch - 2\frac12 und 4 Meilen, beeilen!
Zum Glück hat Graf Clam den Feldmarschall-Lieutenant Reischach, dessen Division hinter Magenta bei Corbetta steht, von seiner Noth direkt benachrichtigen lassen.
Da geht die Nachricht ein, daß die Brigade Baltin nicht länger Boffalora zu halten vermag. Während das 2te Grenadier-Regiment noch immer von Westen, vom Naviglio her das Dorf bestürmt, hat die Brigade Lefèbvre: die Turcos, das 45. und 65ste Linien-Regiment, von Norden her den Angriff begonnen. Durch den Verlust von Ponte nuovo war die Brigade Baltin in Gefahr, abgeschnitten zu werden; Graf Clam befahl die Räumung - er zieht das 1ste Corps in der Richtung von Cascina nuova zurück. Dort stellen sich die Brigaden Burdina, und Rezniczek den Feinden entgegen.
Mac Mahon läßt das zweite Garde-Grenadier-Regiment und das 70ste Linienregiment unter Colonel Donay Boffalora besetzen und schickt die Division Motterouge zur Verfolgung. Die erste Brigade, das 45ste Regiment stürmt das Gehöft - vergebens leisten die beiden ungarischen Regimenter »Wasa« und »Erzherzog Joseph« und das 2te Feldjäger-Bataillon kräftigen Widerstand - der Oberst der Jäger fällt, auf seiner Leiche kämpft man um die Fahne, sie wird den Jägern entrissen! Mit Verlust vieler Gefangener müssen sich die Oesterreicher zurückziehen, aber der Erfolg hat auch den Franzosen schwere Opfer gekostet, die Division Motterouge ist völlig aufgelöst - sie muß aus dem Feuer gegen Boffalora zurückgezogen
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werden, um sich erst wieder zu sammeln und auf die Garden Camou's zu stützen.
Das Feuer der Franzosen schweigt auf der ganzen Linie - Mac Mahon hat seine Truppen zurückgezogen - nur die Tirailleure beider Parteien schießen sich noch herum.
Es ist drei Uhr; kurz vorher ist Giulay in Magenta angekommen.
Die Brigaden Liechtenstein's (Szabó und Kudelka) haben sich nach dem Fall von Boffalora von Ponte nuovo zurückgezogen und so den 3ten Garde-Grenadieren und den Zuaven Luft gegeben.
Der Kaiser Napoleon hält auf dem Eisenbahndamm von San Martino, - er sendet Adjutanten auf Adjutanten aus, um Niel und Canrobert herbeizuholen - denn er begreift seine gefährliche Lage; er steht mit 8000 Garden einer bedeutenderen Macht entgegen, als er gedacht, die mit jedem Augenblick verstärkt werden und über ihn herfallen kann. Aber General Niel hat, der Disposition nach, in Trecate Bivouaks bezogen und Canrobert ist eben erst von Novara aufgebrochen. Nur die Brigade Piccard: das 8te Jäger-Bataillon und das 23. und 41ste Linien-Regiment ist zur Hand. Sie überschreitet um 2 Uhr die Ticino-Brücke und wendet sich rechts von Ponte nuovo, um die Flanke der Division Mellinet zu decken und das 1ste Grenadier-Regiment abzulösen.
Der Kaiser ist in größter Besorgniß - das gänzliche Schweigen des Feuers im Norden läßt ihn in Ungewißheit, ob Mac Mahon, auf den er so sehr gezählt hat, den Kampf
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aufgegeben, ob er zurückgedrängt ist. Keine Nachricht kommt von dort. Er weiß nicht, was beginnen!
Diese Gefahr sollte noch erhöht werden. Die Ankunft der Brigade Piccard reißt General Cler zu einem kühnen Versuch hin. Er befiehlt Colonel Auzony, ihm mit zwei Bataillonen des 23sten Regiments zu folgen, setzt sich an die Spitze der 3ten Grenadiere und der Zuaven, welche Ponte di Magenta erstürmt, läßt das 1ste Grenadier-Regiment den Angriff unterstützen und dringt über die Brücke vor; die Zuaven breiten sich an den Dämmen aus, eine Escadron Chasseurs à cheval und vier reitende Geschütze sprengen über die Brücke und die Kolonne der Franzosen stürzt sich wie ein unwiderstehlicher Strom gegen Magenta.
Das Regiment Wasa, schon decimirt durch den Kampf vorher, leistet nur schwachen Widerstand. General Burdina von Löwenkampf, der Führer der Brigade, der bei Custozza, bei San Lucia und Novara sich ausgezeichnet, wird der Schenkel zerschmettert. Sein Kaiser kann ihm zu Verona nur den Orden »Eiserne Krone« auf's Sterbebett legen, nicht den Tod aufhalten. Alles weicht bis an die Cascinen - die Vorgehöfte - von Magenta zurück; hier erst stellt sich der Kampf wieder und Bataillone von Burdina, Baltin und Kudelka schlagen sich vereinzelt mit den Garden.
Der Feldzeugmeister Giulay ist um 3 Uhr auf dem Kampfplatz eingetroffen; er befiehlt, daß die Division Reischach vorrücke und Ponte nuovo wieder nehme; dann eilt er
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nach Robecco, um dort einen Flankenangriff mit dem anrückenden Corps Schwarzenberg zu ordnen.
In Magenta selbst herrscht eine grauenvolle Verwirrung. Alles Fuhrwerk, das man auf der Chaussee zwischen Ponte nuovo gelassen, drängt sich am Eingang des Städtchens mit den zurückgeworfenen Truppen, während die französischen Granaten bereits in die Straßen einschlagen.
In diesem Augenblicke erscheint die Tête der Division Reischach, die Brigade Gablentz.
Aber das Thor ist versperrt - es ist unmöglich, zu debouchiren.
Der sächsische Freiherr, so gefällig und hofmännisch sonst in seinen Formen, versteht auch ein Mann zu sein im Augenblick der Gefahr, seine höflichen, honigsüßen Reden werden dann zum kurzen, harten Befehl. Was alle Anstrengungen der »Vorgewaltigen« nicht zu Stande bringen können, vermag sein Wort. Rasch packen die tapfern »Grüber« und die Kaiserjäger an, rücksichtslos wird Alles zur Seite geworfen, Wagen, Pferde und Menschen, Munition und Train, in zehn Minuten ist eine Bahn gebrochen, die Brigade debouchirt und stellt sich à cheval! der Chaussee. Sofort setzt sich General Reischach selbst an die Spitze und führt sie zwischen den kämpfenden Bataillonen gegen den Feind. Oberst Ceschi[Czeschi], der sich so lange an der Sesia geschlagen, wirft sich mit seinen Grübern auf die Grenadiere und Zuaven, die Majore Jonak von Freyenwald, Merl, Medricro führen die Bataillone zum Angriff, die Hauptleute Hubatschek, Brada, Bognow schlagen sich mitten in den Feinden, Kastanek, Graf Vrecourt
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sind unter den Vordersten - die französischen Garden werden geworfen, unaufhaltsam geht ihre Flucht zum Naviglio zurück. Ueberall ermunternd, die Truppen in's Feuer treibend ist der Freiherr.
Major Sieberer führt das 3te Bataillon des berühmten Tyroler Jäger-Regiments, der »Kaiser-Jäger.« Die braven Tyroler sind so »schneidig« zum Raufen, daß es eine Freude ist. Keine Kugel aus ihrem Stutzen verfehlt das Ziel - die Bärenmützen, die rothen Turbans fallen wie die Fliegen. Ueberall finden die braven Schützen ihre Deckung, mit der Schnelligkeit der Gemse, mit dem Auge des Adlers ihrer Berge und Firnen wissen sie jede Blöße zu benutzen. Der tapfere Bruckner, Höffern von Saalfeld, die Hauptleute Crescini, Stefenelli, die Lieutenants Tava, Ritter von Straßern, der Freiherr von Cliatscheck sind überall, ihre Schützen ermunternd und anweisend. Schon sind die Franzosen bis gegen die Brücke zurückgedrängt, da sieht Lieutenant Lantschner eine der feindlichen gezogenen Kanonen auf seine vordringende Kolonne gerichtet. »Zu mir, Jäger! vorwärts!« ruft er, und stürzt sich auf das Geschütz, das die Artilleristen eben zum Feuern fertig gemacht. Sie wenden sich gegen ihn, sie wollen über ihn her - aber sein Säbel blitzt im Kreise und im nächsten Augenblick sind seine Tyroler bei ihm und schlagen den Kanonier mit der Lunte zu Boden. Hurrah! das Geschütz ist genommen - die Bedienung ergiebt sich, nur Einem gelingt es, zu entfliehen!
General Cler, der wüthend über das Entreißen des gewonnenen Sieges seine Garden mit Säbelhieben
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zurücktreibt, fällt von einer Kugel durchbohrt, es ist jetzt kein Rückzug mehr, es ist eine Flucht! In diesem Augenblick bricht General Cassaignolles mit der Escadron de Mazag von den Gardejägern zu Pferd (früher das 4. Regiment Chasseurs d'Afrique) von der Brücke vor, rücksichtslos die Masse der Weichenden spaltend, und wirft sich mit Todesverachtung auf die verfolgenden Tirailleurschwärme. Aber nur einen Augenblick vermag der ritterliche General sie aufzuhalten. Der Chef d'Escadron Mazag, Kapitain Deschamps de Brûche, Lieutenant Maigret fallen - in fünf Minuten ist die kleine Schaar von 110 Reitern auf kaum sechszig geschmolzen und sie jagen im Karriere über die Brücke - in den Schutz der Stationshäuser zurück.
Dennoch hat die heldenmüthige Aufopferung der kleinen Schaar wenigstens so viel erreicht, daß die flüchtenden Grenadiere und Zuaven Zeit gewinnen, sich wieder in den Stationshäusern jenseits der Brücke festzusetzen; die auf dem östlichen Ufer nehmen die Jäger - ein heftiges Feuer entspinnt sich über die Brücke hin, über die keine der Parteien vorzudringen vermag.
Während das Gefecht in der Front wüthet, haben auf dem mit Leichen und Verwundeten übersäeten Wege die in ihrer Aufopferung und Pflichttreue keine Gefahr kennenden Aerzte bereits ihre fliegenden Ambülancen aufgeschlagen. Wer sie je gesehen hat - eine dieser ersten improvisiren Verbandstätten dicht hinter der Front, selbst in der Gefechtslinie, der kennt die entsetzlichen Bilder, die sie bieten und den Trost der Hilfe, den sie bereiten, Ehre den tapfern
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Aerzten, deren Herz gewiß muthig schlagen muß! An der Seite der Sterbenden, im Verband, den sie dem Leidenden leisten, lernen sie oft besser den aufopfernden Geist des Soldaten in hundert Zügen kennen, als der Offizier, der ihn in die Kugeln und Bayonnete führt.
Zum Tode getroffen lag ein Kaiserjäger; der Arzt untersucht seine Wunde. »Armer Bursche, es steht schlimm mit Dir!« »Ja, Doktor,« sagt der Sterbende - »wenn's noch was nützt, verbinden's mich immerhin, sonst lassen's mich lieber. Aber« und er richtete sich empor und streckte die Hand nach zwei neben ihm liegenden Franzosen - »die Beiden sind mein, Herr Doktor!«
Ueberall ähnliche Züge. Wer die Bilder unserer Maler von Schlachtfeldern beschaut, den schüttelt das Grauen der Lebendigen vor diesen gleichsam halbverwesten Todten, den grünen eingefallenen verzerrten Gesichtern im Todesschmerz. Sie haben gewiß nie ein Schlachtfeld gesehen in der Stunde nach dem Kampf! Frisch und kräftig, als ob sie lebten, als ob sie mit der Waffe, die ihre Hand noch festhält, im nächsten Augenblick wieder aufspringen und sich auf den Feind stürzen wollten, liegen diese Männer und Jünglinge. Der Tod hat gleichsam keine Macht über sie gehabt, und das Leben scheint nur in Marmor erstarrt auf den Gesichtern mit all' dem Ausdruck, den es im selben Augenblick hatte, wenn nicht etwa die Wucht des Eisens das ganze Menschenantlitz zerschmettert hat.
Es ist eine alte Sage, daß der Tod auf dem Schlachtfeld für das Vaterland seine Schrecken verliere!
Dulce est, pro patria moiri!
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Und in der That - wer je ein Schlachtfeld gesehen, nicht Tage, sondern Stunden nach dem Kampf, wird die oben erwähnte seltsame Erfahrung machen.
Die im Kopf oder im Herzen getroffenen Todten scheinen hinübergegangen ohne Schmerzen, ohne Kampf. Auf dem blassen Gesicht liegt oft eine himmlische Ruhe der Resignation - die Hände sind zum Gebet gefaltet, die starren Augen vertrauend zu dem Himmel gerichtet - ein Lächeln scheint auf ihren Zügen zu schweben, das letzte Wort noch auf der bleichen Lippe zu weilen.
Oder es ist der finstere Männertrotz, muthige Entschlossenheit, mit der sie in den Tod gegangen, deren Ausdruck noch zwischen den zusammengezogenen Brauen, in den auf einander gepreßten Zügen liegt; - vorn über gefallen - die Kugel wirft nur selten zurück! - hält die Faust noch krampfhaft die Waffe oder ist drohend gegen den Feind gestreckt. Selbst der Reiter sitzt noch fest im Sattel des mit ihm erschossenen Pferdes, die Spitze des Säbels nach vorn zum Angriff erhoben. Dr. Armand constatirt einen solchen Fall vom Schlachtfelde von Magenta!
Nur jene schmerzhaften Wunden in den Unterleib, welche langsamer den Tod herbeiführen, krümmen den Körper zusammen und zerren das Gesicht des Sterbenden in Falten.
Auf dem Schlachtfeld nach der Schlacht sieht man die Hand Gottes. O, Ihr Mächtigen der Erde, die mit dem Blut der Völker sie tränken, mißbraucht nicht den Beistand Gottes für die Opfer Eures Ehrgeizes und Eures Stolzes!


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Während die Brigade Gablentz gegen Ponte nuovo vordrang und die Garden siegreich zurückwarf, war die Brigade Lebzeltern, das Regiment »Kaiser Franz Joseph« Nr. 1 angetreten, um sich gegen Boffalora zu wenden. Aber es waren erst zwei Bataillone beisammen, als der wiederholte Befehl zum eiligen Vormarsch kam. Das 3te Bataillon sollte folgen - das Grenadier-Bataillon bei Magenta als Reserve zurückbleiben.
Mit wiederum ganz ungenügenden Kräften - zwei Bataillone gegen zwei Regimenter und Artillerie - sollte eine feste Stellung genommen werden. Wiederum eine von vorn herein nutzlose Opferung tapferer Soldaten!
Unbeirrt, treu ihrer Pflicht, marschirten die wackern Schlesier - das Regiment hat seinen Haupt-Ergänzungsbezirk in Troppau - vorwärts. Die vorausgeschickten Offiziere finden auf weiter Strecke keinen Feind - Jäger der Brigade Gablentz zeigen ihnen die Direction - so kommt man am Naviglio, dann endlich am Dorf an und wird von einem heftigen Feuer begrüßt. General Lebzeltern, da er keine Artillerie bei sich hat, den Kampf vorzubereiten, führt das eine Bataillon selbst zum Sturm vor; - er wird durch die Schulter geschossen und muß sich zurück führen lassen. Die Bataillone machen ihrem Namen Ehre - Oberstlieutenant Thill, die Majore Freiherr von Haan, Drasenovic dringen mit ihnen bis in die Mitte des verschanzten Dorfes vor! - Zurückgeworfen kehren sie wieder! Die Hauptleute Lettinger, von Schwarzenfeld, Kuhn von Kuhnenfeld, von Schmidt kämpfen an der Spitze ihrer Compagnieen; Kerbler, Haager,
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Freiherr von Kutschera, Seibert und andere Tapfere holen sich mit dem Säbel in der Faust das Kreuz - vergeblich, die Bataillone sind zu schwach, den Ort zu halten, sie können den Feind nicht aus den Häusern werfen und müssen zurück!
Während man so vergebens versuchte, Boffalora mit ungenügenden Kräften wieder zu nehmen und die Brigade Gablentz, an Ponte nuovo sich mit den zurückgeworfenen französischen Garden schlug, - dauerte das Gefecht am Ponto vecchio fort. Ein Theil des Liechtensteinschen Corps ist decimirt zurückgezogen - ein anderer schlägt sich noch. Vom Regiment »Hartmann« ist Oberstlieutenant von Stromfeld gefallen, - die Hauptleute Bonjean von Mondenheim und Grenso haben den Heldentod gefunden! Nichts beirrte die Tapfern! Mit der brennenden Cigarre im Munde, dem Tode Trotz bietend, als sei der dichte Kugelregen ein fröhliches Ballspiel, ermunterten die Offiziere und Soldaten, - Winterle, Ochtzim, Pelikan von Plauenwald, Tomicic, Skwarzek, der eben erst vom Cadetten zum Lieutenant avancirt ist und all' die andern Tapfern.
Das 3te österreichische Armee-Corps ist unterdeß im Anmarsch auf Robecco und ein Angriff auf beiden Ufern des Naviglio auf die französischen Grenadiere bei den Brücken muß in diesem Augenblick höchst verderblich wirken, indem er sie von der Chaussee ab nach dem Fluß zurückdrängt.
Dies erkennt der Feldmarschalllieutenant Fürst
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Schwarzenberg. Da die Tête seines Corps noch nicht heran ist, und dessen Anmarsch auf den schmalen Feldwegen noch lange Zeit dauern muß, setzt er sich an die Spitze der jetzt bei Robecco stehenden Brigade Kintzl - das italienische Regiment »Erzherzog Sigismund« Nr. 45 - und führt sie auf dem westlichen Ufer des Naviglio gegen den Feind.
Er stößt auf die Bataillone Piccards!
Das Regiment - Veroneser - hatte ausdrücklich um die Vergünstigung gebeten, an dem Feldzug Theil nehmen zu dürfen und sie erhalten, während die andern italienischen Regimenter nach dem Innern Deutschlands geschickt worden sind.
Jetzt bewährt sich schlecht das gezeigte Vertrauen! Vergebens geben der Oberst Chevalier Depaix und seine Offiziere das Beispiel des aufopfernden Muthes, - vergebens reitet Fürst Schwarzenberg selbst den Bataillonen voraus bis in die Tirailleurkette, - sie kommen, sie wollen nicht vorwärts. Die zwei Bataillone des Garde-Grenadier-Regiments sind zwar wieder auf die westliche Seite von Ponte vecchio zurückgeworfen und die Oesterreicher haben die Brücke gesprengt, aber jene können sich jetzt, unterstützt von einem Bataillon der 1sten Grenadiere, gleichfalls gegen den Fürsten wenden und das Regiment Sigismund weicht, eine große Anzahl Gefangener - freiwillige! - in den Händen der Franzosen lassend. Vergeblich ist die Tapferkeit der Offiziere, des Major Hummel, Hauptmann Pillepich, der Lieutenants Niemeczek, Samsa und anderer, vergeblich stürzt sich Graf Auersperg in den Tod!
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Es ist 4 Uhr.
Aber jetzt ist das Corps Schwarzenberg heran. Die Brigade Ramming: das Regiment König der Belgier unter seinem Obersten, dem tapfern Herzog Wilhelm von Württemberg und das 13. Jäger-Bataillon geht am östlichen Ufer des Naviglio vor, um sich hier mit Reischach und den Resten der Liechtenstein'schen Brigaden zu vereinigen; die Brigade Hartung (Großherzog von Hessen-Infanterie Nr. 14 und »Preußen-Husaren«) überschreitet, von der Brigade Dürfeld (Inf.-Reg. Fürst Liechtenstein Nr. 5) gefolgt die Brücke bei Rodecco und dringt auf Carpenzago gegen die Garden; die Brigade Wetzlar endlich, das Regiment »Erzherzog Stephan« Nr. 58 und das 15. Jäger-Bataillon, wendet sich nach der Ticino-Niederung, um an der Brücke von San-Martino die Kommunikation des Feindes zu unterbrechen.
Der Kaiser Napoleon erhält die Nachricht von der Erneuerung der Schlacht, von dem drohenden Anrücken der frischen österreichischen Bataillone; fortwährend wird Verstärkung nach allen Seiten gefordert, während Mellinet mit den Grenadieren an der Ponte Nuovo und der Eisenbahnbrücke nur mit äußerster Anstrengung die Brigade Gablentz zurückzuhalten vermag. »Je n'ai personne à envoyer! - Qu'on barre le passage! - Qu'on se maintienne!« Das sind die einzigen Antworten, die er zu geben vermag.
Wo bleibt Canrobert? wo bleibt Niel? Was ist mit Mac Mahon geschehen?
Es steht Alles auf dem Spiel - der Verlust der
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Schlacht! der Verlust des Feldzugs - vielleicht der Armee!
Siegreich dringen die beiden österreichischen Brigaden auf dem westlichen Ufer des Kanals vor. Die Piccard'schen Bataillone werden geworfen, die Garden aus Pontevecchio getrieben - die französische rechte Flanke ist entblößt, schon dringen die Kolonnen gegen die Eisenbahn vor!
Da stoßen die Bataillone von Härtung in der Niederung auf die Verstärkung des Feindes.
Einer der vom Kaiser entsandten Generalstabsoffiziere ist der Division Vinoy des vierten Corps (Niel) bei Trecate begegnet. Im Laufschritt legen das 15te und 21ste Linienregiment mit dem 10ten Bataillon der Chaussiers à pied, die Brigade Niol, die ganze Strecke von Trecate über San Martino bis zur Ponte Nuovo zurück.
Schon vorher, um 4 Uhr, ist die Spitze der Canrobert'schen Corps bei San Martino eingetroffen, nachdem sie alle Hindernisse auf der Straße rücksichtslos bei Seite geworfen hat.
Vier Bataillone werden sofort gegen Ponte vecchio beordert, Canrobert selbst setzt sich an ihre Spitze. Von diesem Augenblick an folgen Truppen auf Truppen des dritten und vierten Corps und schließen sich den Kämpfenden an. Die Oesterreicher werden zurückgedrängt und aus Ponte vecchio geworfen. Sieben Mal geht das tapfere Regiment Hessen unter seinem Obersten Mumb von Mühlheim vor - sieben Mal wird es aus den Häusern getrieben, es ist unmöglich sich in den Gehöften zu halten! Die Majore Ullrich, v. Prinzinger, Freih. v. Sterten,
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die Hauptleute Schiffer, Jofa, v. Gröller, von Kreyßern, Zillich, Hiltl, Wolf, Benesch, Rosner, Hödl, Gstier, Fischer, Hugo von Henriquez, die Lieutenants Danninger, Hund, Kern, Pauly, Kirkovic, Eggner kämpfen mitten im Gedräng, fast keiner ist ohne Wunden, Major Tögli von Hosenvest stürzt mit zerschmettertem Schenkel, fast die Hälfte der Offiziere ist gefallen! Wie Rasende schlagen Korporal Sagel, Feldwebel Schäffer, Korporal Kowaßky, Soldat Nagel mit Kolben und Bayonnet drein; Hornist Wieser bläst verwundet zum Angriff, der Tambour Ulascsi wirbelt, seinen Kameraden voran, den Sturmmarsch, Enzenhofer vertheidigt mit seinem Blute die Fahne - vergebens - Alles vergebens - die Uebermacht treibt sie hinaus - sie müssen weichen!
Ebenso erfolglos schlägt sich das Regiment »Liechtenstein« und versucht, die Gegner zu überflügeln. Oberst-Lieutenant Hauschka findet den Heldentod - Mann an Mann wird der Kampf geführt - auf beiden Seiten sind die Opfer gleich! - Die französischen Grenadiere, die Bataillone des 85. und 73sten Regiments sind decimirt - um 6 Uhr noch wüthet der Kampf, als die Brigade Jannin mit dem 56. und 90sten Regiment unter Colonel Doens und Charlier eintrifft und die Uebermacht von Ponte vecchio hervorbrechend die beiden tapfern österreichischen Regimenter zu erdrücken droht.
Da plötzlich schmettern die Trompeten der »Preußen Husaren.« Oberst Edelsheim bricht im Augenblick, wo schon alle Hoffnung verloren, mit fünf Schwadronen von Carpenzago her in den Feind.
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Trotz des ungünstigen Terrains stürzen sich, ihre Führer Graf Hunyady, Rittmeister Schmidt, Lipovnitzki, v. Wehlem, Frh. v. Majthenyi voran, die Schwadronen, einzeln attakirend, um den Feind über ihre Zahl zu täuschen, von allen Seiten auf die zwischen den Bäumen gedeckte Infanterie.
Die Säbel blitzen im Sonnenschein! Eljen! Eljen! Hussah! Ueberall die grünen Csakos, die lichtblauen Dollmanns mitten zwischen den Infanteristen! Lustig schmettert Trompeter Knauer das Signal zum Einhauen. Gleich der wilden Jagd wälzt sich der Strom der Kämpfer zurück nach dem Dorf - das Bayonnet vermag Nichts gegen den flinken Säbel, der die Käppi's und Bärenmützen spaltet. Eljen! Eljen! Korporal Vadasfalvony haut seinen Rittmeister aus dem Gedräng der Franzosen - Husar Gerges spaltet einem Grenadier den Schädel, der eben von hinten dem Obersten sein Bayonnet in den Leib bohren will. Die Franzosen eilen flüchtend dem Dorfe zu - unter Maulbeerblumen drängt ein Menschenknäuel - weiße Federbüsche, gallonirte Hüte in der Mitte! Hurrah! Hurrah! Eljen! Eljen! Oberlieutenant Graf de la Motte mit seinen Husaren ist bereits heran, Wachtmeister Fakals haut sich Bahn in das Gedränge - Huszar Tuskar wirft den französischen Offizier, der sich ihm entgegendrängt, Roß und Reiter zu Boden, sein Säbel langt nach dem Marschall, denn Canrobert selbst ist es, der Oberbefehlshaber der Krim-Armee bei Balaclava und Inkermann ist es, der sich hier vertheidigt; die fliegenden schwarzen Locken, die großen Augen, der starke Bart um das feine hübsche
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Gesicht machen ihn kenntlich. Ein Säbelhieb des Lieutenant Freiherrn von Gerlach wirft ihm den schief aufgesetzten Hut vom Kopf, Korporal Lestal streckt bereits die Hand nach ihm, - da werfen sich die Adjutanten, die Offiziere des Stabes vor ihn und drängen den Marschall, mit ihren Leibern ihn deckend, aus dem Sturm des Gefechts. Die meisten sind verwundet, drei Offiziere der Umgebung zusammengehauen.
»Hussah!« Im Galopp, Alles zu Boden werfend, sprengen die Husaren bis in die Mitte des Dorfs, bis an den Naviglio, wo die abgebrochene Brücke ihnen Halt gebietet. Jubelnd werden sie von drüben her, von den Tapfern, Jägern und Infanterie, von den Flankeurs der Brigade Rammina, begrüßt. Doch hier ist ihr Siegeslauf zu Ende - Graf Hunyady giebt den Befehl zum Rückzug, Trompeter Traszek bläst nur unwillig gehorchend das »Kehrt!«
Aber der Rückweg geht über eine Straße des Todes! Der Marschall hat die Zersprengten gesammelt, alle Gebäude, die Mauern der Gehöfte rechts und links starren von französischen Gewehren. Ein entsetzlicher Kugelhagel begrüßt die Tapfern und räumt die Sättel. Die Pferde bäumen im Todeskampf, die Reiter stürzen über einander, der Kamerad wirft den getroffenen Kameraden über seinen Sattelknopf, ihm den letzten Dienst zu erweisen. Ist doch selbst der furchtlose Regimentscaplan Tribaltsik auf seinem grauen Pferdchen mitten unter ihnen, bereit, seinen Samariterdienst im Kugelregen zu üben. Was sich im Sattel halten kann, braust vorwärts. Nur wenige
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Schwerverwundete werden notgedrungen in den Händen der Feinde zurückgelassen; so jagt die tapfere Schaar zurück. Der Verlust ist ungeheuer, aber die Bataillone von Hessen Infanterie und Liechtenstein haben Zeit gehabt, sich zu sammeln und geordnet zurückzuziehen, und die französische Infanterie gelüstet nicht zum zweiten Mal, zu ihrer Verfolgung über die Lisiöre des Dorfes hinauszugehen. -
Die drei Bataillone der Brigade Wetzlar (Regiment Erzherzog Stephan Nr. 58) haben auf ihrem Wege durch die Ticino-Niederung so viele Terrainschwierigkeiten gefunden, daß sie nicht vorwärts kommen und ihre Aufgabe nicht erfüllen konnten.
Die 9te und 10te Compagnie des Regiments fand dabei zur Linken ein größeres Haus, zur Rechten eine Reihe zusammenhängender Häuser, die vom Feinde besetzt waren. Hauptmann von Zangen befahl sofort den Sturm auf das Gebäude links. Drei Mal mußte der Angriff unter dem vollen Feuer der Gegner von der rechten Seite erneuert werden, ehe es gelang, das verrammelte Thor einzubrechen. Ueber die stürzenden Trümmer drangen Feldwebel Franz Slanina, Corporal Holod, Gefreiter Demkow und die Gemeinen Burak und Bolozenik als die Ersten ein!«30
Mit dem Eintreffen der französischen Brigade Jannin war, wie gesagt, jede Hoffnung des Erfolges auf dieser Seite für die braven österreichischen Bataillone vorüber - fechtend, Schritt um Schritt vertheidigend, zogen sie sich
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nach Casterno und Robecco zurück, denn um diese Zeit war bereits der westliche Theil von Ponte vecchio wieder in Besitz des Feindes. -
Um 4\frac12 Uhr erst war das 2te Corps der Franzosen - Mac Mahon - wieder angriffsfähig. Die Division Motterouge mit der Gardedevision[Gardedivision] Camou erhielt den Befehl, auf dem rechten Flügel, von Boffalora her, vorzugehen, die Division Espinasse, - das 72ste Linien-, das 1ste und 2te Fremden-Regiment, die 11. Fußjäger und das 2te. Zuaven-Regiment - rückte auf dem linken Flügel über Marcallo vor. Die Brigade Rezniczek (ein Theil des Regiments Erzherzog Joseph Nr. 37 und das 2te Bataillon des 2ten Banat-Grenz-Regiments) stand allein hier der französischen Division entgegen und vermochte nur kurze Zeit, ihr Debouchiren aufzuhalten.
Der General-Feldzeugmeister war um 4 Uhr wieder in Magenta eingetroffen. Er fand nirgends mehr intakte Bataillone, dem Vordringen der Franzosen vom Norden entgegen zu werfen. Freilich standen die Division Lilia, die Brigaden Weigl und Dondorf und die ganze Kavallerie-Reserve-Division noch unberührt in Corbetta, kaum eine halbe Meile vom Kampfplatz, aber er hatte nicht den Muth, ihre Flankenstellung aufzugeben und sie in den Kampf zu ziehen. So wurde denn Alles, was in dem Städtchen von Mannschaften der verschiedenen Regimenter sich zusammenbringen ließ, nach Norden geworfen, aber zu der durchaus nöthigen Unterstützung der Brigade Lebzeltern gegen die Division Motterouge von Boffalora her blieb nur die Brigade Gablentz, die an der Ponte nuovo die
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Garden im Schach hielt, aber durch das Vordringen von Motterouge in der Flanke und im Rücken bedroht war. Ihre Stellung wurde dadurch unhaltbar - der Feldzeugmeister ertheilte den Befehl, sie solle die Vertheidigung am Naviglio aufgeben und mit zwei Bataillonen der Brigade Ramming sich gegen Motterouge wenden. General Reischach war durch die Hüfte geschossen, - Generalmajor von Gablentz übernahm den Befehl über beide Brigaden. Es kommt zum Kampf bei Cascinanuova, einem großem Gehöft, und 599 Oesterreicher bleiben gefangen in den Händen des Feindes.
Espinasse drängt die Brigade Rezniczek zurück nach Magenta!
Der Kanonendonner Mac Mahons - die anderweite Verwendung der Brigade Gablentz ist für den Kaiser das Signal zum erneuten Vordringen von der Ponte nuovo. Die Brigade Martimprey wird von General Vinoy am östlichen Ufer des Naviglio nach Ponte vecchio dirigirt und zwingt die Brigade Ramming, die, um einigermaßen die Verbindung Reischachs mit dem 3ten Corps zu erhalten, in einer Linie von Ponte vecchio bis Magenta sich ausgedehnt hat. Alle neuen ankommenden Truppen des 4ten Corps - die Brigaden O'Farrel, Saunin, Douay, Lenoble werden vom Kaiser vorwärts nach Magenta geschickt.
Vergebens führt der ritterliche Herzog Wilhelm von Württemberg, hoch zu Pferde, die Fahne selbst in der Hand, das berühmte Regiment »König der Belgier« fünf Mal in
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die Flanke des stürmenden Feindes31. Die Hauptleute Gasteiger Edler von Rabenstein, Ludwig von Pieter stürzen sich in den dichtesten Feindeshaufen, Huf, Entner, von Sabatavicz, Tonic, Heydt, Stöklepper, Soukup, der Ritter von Haydegg, Andreols, Graf Sternberg, Markmann-Lichtabell, von Vatterneaux, Convalina, Froschauer von Mosburg zeigen ihren braven Steyrern den Weg in die französischen Bayonnette; - Korporal Neufelner, Führer Füßler schlagen sich wie die Teufel - Fahnenführer Zeilbauer haut den Herzog aus dem Gedräng - Herwaly, Feldwebel Freudenthaler, Kremser, Korporal Grillwitzer, die Gemeinen Pollantz, Zottler, Kottnig häufen Leichenhaufen - - Nichts! Nichts! Der Feind dringt vorwärts! im blutigen Knäuel rollt sich Alles nach Magenta zurück - was von zwei Kompagnieen der tapfern Grenadiere noch übrig ist, wirft sich in das Pfarrhaus und verrammelt Thüren und Fenster - entschlossen, in den Mauern zu sterben!
Es ist kein Kampf mehr - es ist ein Morden! Oberst Pokorny, der Adjutant des ersten Corps fällt, schwer verwundet, an der Seite seines tapferen Kommandanten Grafen Clam Gallas und wird in ein Haus getragen; - General Senneville, der General-Stabschef Canroberts zahlt mit seinem Leben Revanche; - Colonel Drouhet, der Kommandant des 65ten Regiments ist beim Vorstürmen von Boffalora gefallen - Charlier,
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der Oberst der Neunziger vor Ponte vecchio, als die Brigade Jannin sich mit den Husaren haut!
Was noch kämpfen kann, was noch kämpfen will von allen Brigaden, von allen Waffen bunt durch einander, wirft sich in die Häuser; fünf österreichische Geschütze, auf der Nord- und West-Seite des Orts, schleudern allein noch den Tod in die feindlichen Reihen, während bis an die Mündung heran die um sie gesammelten Bedeckungsmannschaften die Stürmenden abwehren und mit dem eigenen Blute den Boden tränken.
Es ist 6 Uhr vorüber. General Auger, der Artillerie-Chef des 2ten Corps pflanzt die Batterieen der Division Motterouge und der Korpsreserve auf dem genommenen Eisenbahndamm auf - vierzig Geschütze schleudern gegen fünf ihren grimmigen Eisenhagel nach Magenta hinein - mit dem Bayonnet und dem Kolben hauen die Oesterreicher ihre Kanonen aus dem Gewühl und ziehen sie zurück.
Die Bataillone Mac Mahon's stürmen Magenta von Norden - de Grauet Lacroix de Chaorisre, der Oberst des 2ten Fremden-Regiments fällt - Menouvrier de Fresne, Major Alavoine sind schwer verletzt - General Wimpfen an der Spitze der Garde-Grenadiere wird verwundet! - Delacombe - Caillot - Debrouart, die tapfern Chefs der Voltigeure fallen einer nach dem andern - General Espinasse, der Kommandant der 2ten Division - der Kommandant des schrecklichen Zuges in die Dobrudscha«), der schonungslose
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Minister des Innern nach dem Attentat vom 14. Januar des vergangenen Jahres (Orsini - 1858) fällt, von einer Kugel durchbohrt, als er den Zuaven des 2ten Regiments gegen ein Gebäude vorangeht, das sie stürmen sollen und von dem sie der Kugelhagel der österreichischen Jäger zurückgetrieben. Er stirbt in den Armen des Kapitain de Perthuis! Die Ordonnanzen der Presse sind gerächt!
Schritt um Schritt ist mit Blut erkämpft - Haus um Haus wird erstürmt - Niemand verlangt Pardon - Niemand giebt ihn - die hier zurückgeblieben sind zur Vertheidigung der österreichischen Ehre haben sich dem Sterben geweiht; mit den Zähnen noch, nachdem ihnen der Stahl entrungen, fassen sie den Gegner! - Und droben - eine halbe Meile entfernt - stehen zwei Divisionen - kaum zwei Tagemärsche weit - drei Armeekorps! - Neunzigtausend Mann der Oesterreichischen Armee, zähneknirschend, kampfbegierig! - Fluch über den Ungarn Giulay, der am Tage nach der Schlacht in Binasco lachen konnte über einen erbärmlichen Witz!
Haus um Haus wird erstürmt - das Blut rieselt in Bächen über die Schwellen!
Der größte Theil der österreichischen Verwundeten, die im Laufe des Tages nach Magenta gebracht worden sind, fällt in die Hände des Feindes. Man hat zwar am Nachmittag einen Eisenbahntrain von Mailand heraus kommen lassen, um die Verwundeten dahin zurückzuführen, aber der Schurke von Zugführer fährt bei dem Kanonendonner davon, bevor die Kranken eingeladen waren. Vielleicht zu
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ihrem Glück - denn französische Siegestrunkenheit ist immer noch besser, als der feige Haß der Italiener!
Aber die Ehre der französischen Armee erhält in Magenta eine Scharte.
Nur ein einziges Gehöft noch der ganzen Stadt ist von den Oesterreichern besetzt, - es ist der Pfarrhof! Zwei schwache Kompagnien des Grenadier-Bataillons vom Regiment »König der Belgier« haben sich hier seit anderthalb Stunden gegen Brigaden vertheidigt und den Lorbeer unsterblichen Ruhmes um die Fahne des Regiments Nr. 27 gewunden!
Die Nacht ist hereingebrochen - die letzten österreichischen kampffähigen Truppen sind von Clam Gallas und Fürst Liechtenstein aus Magenta zurückgeführt - noch immer sprüht der Pfarrhof Tod und Wunden in die feindlichen Reihen - doch schwächer und schwächer wird das Feuer - den Estrich der Zimmer, die Erde des Hofes decken die Leiber der braven Steyermärker - fast jeder Verwundete durch den Kopf getroffen.
Durch das Dunkel der Nacht - durch das Blitzen der Schüsse weht ein weißes Tuch. Ein französischer Offizier - er jagte sich später eine Kugel durch den Kopf, weil man ihn zwang, wortbrüchig zu werden - naht dem Gehöft und verlangt, den kommandirenden Offizier der »Belgier« zu sprechen.
Das Kommando hat bereits zwei Mal gewechselt, der Tod hat seine Ernte gehalten. Der Oesterreicher kommt ihm entgegen - Tapfere ehren den Tapfern! so soll es sein in jedem Ringen. Die Franzosen bieten den beiden
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Compagnien ehrenvollen Abzug mit Waffen und Gepäck; man wird sie über die französischen Vorposten hinaus begleiten.
Es wäre Wahnsinn, - noch mehr, es wäre Verbrechen, das ehrenvolle Anerbieten nicht anzunehmen. Die Kapitulation wird schriftlich geschlossen. - Die österreichischen Grenadiere öffnen das Thor und marschiren heraus, fast Jeder einen verwundeten Kameraden tragend, unterstützend.
Da kommt ein Befehl des französischen Generals - die Capitulation ist nicht anerkannt, Offiziere und Mannschaften werden entwaffnet und den übrigen Gefangenen zugetheilt!32
Der Ruhmesschild vom Malakoff hat einen Flecken! -
Um halb acht Uhr waren die Franzosen Herren der Stellung von Magenta. Schon um 7 Uhr hatten die Oesterreicher aus allen Punkten den Rückzug angetreten, nachdem noch die Brigade Dormus (früher Hessen), die Tête des V. Korps von Besate in Robecco angelangt war und bis Casa Limido vorrückend am Kampfe Theil genommen, ohne natürlich das Resultat aufhalten zu können. Am Sturm vor Magenta hatte auf der anderen Seite die piemontesische Brigade Fanti Theil genommen.
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Die Oesterreicher waren zwar auf allen Punkten zurückgedrängt, aber sie waren keineswegs besiegt und standen durch die herankommenden Korps neu gestärkt im drohenden Halbkreis vor Vittuone und Corbetta an der mailänder Straße über Robecco bis Carpenzago. Noch spät am Abend erreichte das VIII. Korps Bestazzo und rückte in die Reihe für eine Erneuerung des Kampfes am nächsten Morgen. Bei Beginn desselben standen 100,000 Mann Truppen gegen den Feind. - Die Aufstellung der Brigade Weigl bei Corbetta hatte den Hauptanhaltpunkt für die Sammlung der Versprengten gebildet, deren Zahl schon am Nachmittag so groß war, daß Fürst Liechtenstein sich dahin begeben mußte, um Ordnung in die aufgelöste Masse zu bringen.
Aber die Truppen, die im Kampf gestanden, waren meist zum Tode erschöpft durch den eiligen Marsch und den Kampf, mit dem vollen, fast 47 Pfund wiegenden Gepäck in der glühenden Sonnenhitze, oder vollständig desorganisirt. Ein Bataillon der »Kaiser-Infanterie« war durch den jüngsten Lieutenant (Seyffert) auf kaum 200 Mann zusammengeschmolzen, aus dem Gefecht geführt worden. Von einem andern Bataillon kehrten nur einige Rotten zurück. Die Jäger, die in all den einzelnen Treffen immer im dichtesten Feuer gewesen, waren decimirt.
Die meisten der im Kampf gewesenen Truppen hatten seit zwölf Stunden keine Nahrung zu sich genommen - während der heißen Schlacht, während des Rückzugs nicht einen Tropfen Wein, indeß die empörende Fahrlässigkeit der Verpflegungsbeamten in Garlasco 200 Eimer Rum -
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in Vigevano 400 Eimer Wein den Feinden zurückgelassen hatte, statt sie den abziehenden Truppen preiszugeben.
Aber die Franzosen waren von dem Kampf ebenso desorganisirt und erschöpft und beschränkten sich darauf, Magenta, Ponte nuovo und Ponte vecchio besetzt zu halten. Am letzten Punkte war erst Abends 8 Uhr die Brigade Bataille der Division Trocchu angelangt, die zweite Brigade Collineau traf später - die Division Bourbaki erst um 1 Uhr in der Nacht ein. Die Vorposten jenseits des Dorfes standen wenige hundert Schritt von denen der Oesterreicher.
Magenta selbst war während der Nacht von dem Gros der beiden Armeen geräumt, nur die Verwundeten, die Todten und die ungeordneten Trümmer der beiden Parteien trieben sich im Ort umher, bald plündernd, bald ruhig neben einander liegend, bald sich bekämpfend, wie der Zufall oder die Laune der Einzelnen es veranlaßte.
Der Verlust der Oesterreicher betrug einschließlich 4000 Vermißter: 281 Offiziere und 9432 Mann, der der Verbündeten 246 Offiziere und angeblich 4198 Mann, - die französischen Privatberichte geben ihn auf sechstausend an!
Es war Mitternacht vorüber - ein kurzer Regen war gefallen, hatte aber eher erfrischend als belästigend auf Erde und Menschen nach der glühenden Hitze des Tages und der blutigen Arbeit gewirkt. Die Straßen des Städtchens, das noch wenige Stunden vorher der Schauplatz
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aller Schrecken des Krieges gewesen, waren jetzt dunkel. Nur an den Ecken, auf dem Marktplatz und vor der Kirche brannten zahlreiche Feuer, mit Thüren, Fensterrahmen und Meubeln aus den Häusern genährt, an denen in buntem Gemisch Soldaten aller Waffengattungen durch einander lagen, entweder durch den Lauf des Gefechts, durch einen andern Zufall oder absichtlich versprengt und auf eigene Hand zurückgeblieben, von der entsetzlichen Anstrengung erschöpft, oder in der Absicht, zu plündern und zu marodiren.
Die Krieger hatten ihr Werk gethan - die Raben schwärmten jetzt gleich schwarzen Schatten über das Schlachtfeld. Mit kundigem Griff verstanden sie die Todten, Freunde wie Feinde, ihrer Habe zu berauben und sie oft bis zum nackten Leibe auszuplündern. Schon der nächste Morgen bot in dieser Beziehung ein Schauspiel, das die unvermeidlichen Schrecken des Krieges noch zu vermehren geeignet war. Sorgfältig weichen sie den Gruppen der Wundärzte und Ambulancesoldaten aus, die beim Scheine einer Fackel oder Laterne noch auf dem Schlachtfeld weilten, einzelne Verwundete aufzusuchen, - oder den Patrouillen und einzelnen braven Soldaten, die nach einem gefallenen Kameraden forschen.
Wie gar mancher Tapfere, der stundenlang unter Leichen gelegen, vielleicht erst in dem Dunkel der Nacht durch den erfrischenden Regen aus dem Scheintod erwacht war, der jetzt das Rettung verheißende Licht sich nähern sah und sich mühsam, mit der Anstrengung der letzten Kräfte erhob, um die Retter herbeizurufen, machte diesen
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Ruf zu seinem Todesurtheil! Aus dem Dunkel heraus faßte ihn die mörderische Faust der Raben des Schlachtfelds, erstickte den Laut der lechzenden Kehle, erdrosselte den letzten Funken des Lebens!


Durch die Gasse von Magenta schritt ein Offizier des dritten Zuaven-Regiments mit einem Sergeanten und vier Mann. Er kam von der Aufstellung der Posten, die das Regiment, gegen Mitternacht eingetroffen, auf der Ostseite des Orts vorgeschoben, und hatte den Weg zurück durch die Straßen genommen, um ein Bild von den Folgen des Sturms zu gewinnen.
Die Helle, welche gleich flammenden Zungen die im Winde flackernden Feuer hinein in die Dunkelheit warfen, zeigte einen schrecklichen Anblick. Thüren und Fenster ausgeschlagen oder von den Kugeln zertrümmert -, an den Wänden der Häuser Leichen auf einander geschichtet, wie man sie achtlos dahin geworfen, um Platz in der Mitte der Straße zu gewinnen; der weiße Leinwandrock des Oesterreichers neben der rothen Hose des Franzosen, dem blauen Spenzer des Zuaven; dazwischen häufig noch ein todter Körper mitten auf dem Weg, mit der klaffenden Todeswunde und den in den Nachthimmel starrenden offenen Augen.
Ueberall zerbrochene Waffen, Kopfbedeckungen, geleerte Tornister auf dem Boden - umgestürzte oder zur Seite geworfene Magen - ausgeplündert und der Inhalt, der den Plünderern nicht gepaßt, auf der Erde umhergestreut.
Ein großer Jagdhund kauert unter einem Thorweg an der Leiche eines österreichischen Offiziers. Das treue
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Thier blutet aus einer Wunde in der Seite, die der rohe Bayonnetstich eines Zuaven ihm zugefügt hat. Es ist vom abziehenden Train entsprungen, um seinen Herrn auf dem Schlachtfeld zu suchen - sein klägliches Geheul schneidet dem Offizier durch die Seele.
Plötzlich bleibt er stehen und faßt den Arm des Sergeanten.
»Jacques - sieh dahin! diese Bursche sind wahrhaftige Teufel!«
Die Scene ist schrecklich genug.
Vor der Thür der Kirche, deren Inneres zum Lazareth, zur Aufnahme der Verwundeten eingerichtet ist, brennt ein Feuer, um das sich eine Bande Turkos gelagert hat. Die vom Blut und Staub der Schlacht bedeckten Gestalten mit den braunen grimmigen Gesichtern, aus denen das Weiße der Augen seltsam wie Email leuchtet, haben ohnehin schon ein unheimliches wildes Aussehen, aber das Treiben eines Theils macht die Scene noch schrecklicher.
Eine Anzahl von ihnen bildet, auf ihren Tornistern liegend oder mit untergeschlagenen Beinen sitzend und den Rauch der Schibuks verschluckend, einen Halbkreis, während etwa ein Dutzend dieser braunen Teufel einen wilden Tanz um eine Art Hügel in der Mitte und um Gegenstände auf dem Boden aufführen. Zu ihren Sprüngen und Kapriolen verzerren sie die Gesichter, schlagen die Waffen zusammen und singen eine eintönige Melodie, oder verführen ein Geheul wie eine Heerde Schakals.
Der Offizier bemüht sich, die Gegenstände in dem
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ungewissen Licht zu erkennen, um die und auf denen sie ihren satanischen Tanz halten.
»Um Gotteswillen, - Jacques - es sind doch nicht ...«
»Was weiter - mordieux! es sind ja nur Oesterreicher!«
Die Gleichgültigkeit der Antwort macht das Herz des Offiziers erbeben. Es sind in der That die Leiber gefallener österreichischer Grenadiere, auf denen die afrikanischen Teufel einen scheußlichen Siegestanz ausführen, schlimmer als die Karaiben oder die Rothhäute in den Einöden des Rio grande.
Plötzlich geschieht Etwas - was selbst auf diese Wilden seinen Eindruck nicht verfehlt. Weiter hin außerhalb des Kreises leuchtet es weiß und grau auf dem Boden - es regt sich darunter - es sind Lebendige und Todte. Aus diesen unheimlichen Schatten unterbricht den Tanz der Turcos der Klang einer jener kleinen Pickelpfeifen, wie sie zur Musik der österreichischen Corps gehören.
Die Töne werden zur Melodie, es ist ein ungarischer Tanz - ein Csardas - den sie spielen - Anfangs leise, unterbrochen, dann immer kräftiger und lauter.
Die Tänzer lauschen der Melodie. Aus den weißen Gestalten, die drüben am Boden liegen, erhebt es sich, mühsam, eine schwanke schmuzige Figur, nur kenntlich an dem leinenen Waffenrock. Es ist ein ungar[']scher Grenadier. Das braune Gesicht mit dem langen pechschwarzen Schnur[r]bart ist todtenbleich, blutleer, und dennoch sickert das Blut in schweren dunklen Tropfen unter dem baumwollenen Tuch
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hervor, das er um den Kopf gewunden trägt. Die Augen des Mannes haben eine gewisse unheimliche Starre, wie er so in den Lichtkreis tritt, oder vielmehr schwankt. Alle Blicke wenden sich auf ihn - die wilden Kinder des Setif, der Schluchten des Atlas, der Arba stehen unbeweglich - die Pickelpfeife spielt fort, herausfordernd, wie zum Kampf, zum Sturm, immer lauter und rascher. Der Grenadier stemmt die linke Hand in die Seite, er hebt schnalzend die Rechte, die Absätze klirren an einander, die schlanken Glieder beugen sich nach dem Takt der einsamen unheimlichen Musik; der Fuß schlägt den Boden, in den gewandten kecken Sprüngen seines Nationaltanzes bewegt sich der gespenstige Tänzer in dem Kreise, der sich rasch um ihn bildet von Turcos, Voltigeuren und ungar[']schen Grenadieren, die, wie aus der Erde gewachsen aus dem nächtlichen Dunkel der Straße, wo sie gleichgültig neben dem Feind gelagert, emportauchen. Die Franzosen applaudiren, die Turcos heulen vor Vergnügen, die Söhne der Pußta jubeln ihr »Eljen!« - zwei, drei kecke, gewandte Pas, die Arme des Tänzers heben sich, die Absätze klirren, das Knie zieht sich zusammen zum gewandten Sprung - über das blasse Gesicht sprudelt unter dem Tuch hervor ein dunkler Blutstrom - der Tänzer stürzt vorn über auf den Boden - der Tänzer ist todt!
Im selben Augenblick schweigt mit einer gellen Dissonanz die Flöte.
Die Stille dauert nur einen Augenblick - dann springen zwei der Turkos vor und auf den Todten zu, den sie mit wunderbarer Geschicklichkeit zu entkleiden beginnen.
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Aber sogleich sind die Ungarn bei ihrem Landsmann, wilde Flüche, Säbel klirren, ein wüstes Raufen entsteht; die Voltigeure, der Zuaven-Lieutenant mit seiner Ronde schlagen mit Säbel und Kolben dazwischen und treiben sie auseinander. »Haltet Ruhe, Kanaillen! es ist genug des Mordens! die Schlacht ist vorüber - aus einander bis morgen!«
In diese Rauferei schrillt aus dem Gebäude zur Seite der Kirche, - dem Pfarrhause, das die Grenadiere vom Regiment Belgien so tapfer vertheidigt haben, - eine Frauenstimme: »O Dio! misericordia! soccorso! salvamento!«33
Der Zuaven-Lieutenant schaut empor - von den Fußtritten der Raufenden, die achtlos das Feuer auseinander werfen, lodert die Flamme hell auf und zeigt auf dem hölzernen Balkon vor einem der leeren Fenster des Hauses eine ringende Frauengestalt, die sich herausstürzen will, in den Armen zweier Männer, deren Turban sie als Zuaven kennzeichnet.
Lieutenant de Chapelle wirft einen Blick hinter sich - zwei seiner Leute fehlen. Wiederum gellt der Schrei um Erbarmen in den Lärm. Mit einem Sprung hat er einen Brand aus dem umherstiebenden Feuer gerissen, mit einem zweiten ist er in dem offenen Thor der Pfarrei und eilt die von Blut schlüpfrige Treppe des Gebäudes hinauf - der in ein Wimmern der Angst ersterbende Hilferuf leitet ihn.
Es war die höchste Zeit. Die beiden Zuaven hatten das Mädchen trotz ihrer Anstrengung vom Fenster
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weggerissen und zu Boden geworfen. Während der eine ihr den Mund zupreßte, um ihr Geschrei zu ersticken, versuchte der andere ihren Widerstand zu brechen und ihre Kleider wegzureißen, um seinen brutalen Begierden an ihr Genüge zu thun.
In diesem Augenblick war es, wo der Lieutenant auf der Schwelle der ausgebrochenen Thür erschien - der Brand, den er in der Hand trug, zeigte ihm im Erlöschen die widrige Scene und die Gefahr des Mädchens.
»Fort, Schurken! laßt auf der Stelle das Weib!«
Nur ein wilder Fluch antwortet ihm. »Sie ist unser, Lieutenant, kümmern Sie sich um Ihre Angelegenheiten!«
Ein Säbelhieb über den Schädel des Zuaven, der auf dem sich windenden Körper des Mädchens kniet, wirft ihn blutend nieder - der andere Mann ergreift im Dunkel sein Gewehr und schwingt sich mit der Gewandtheit einer Katze von dem Balkon in den Hof.
Armand de Chapelle hob die Zitternde, Athemlose vom Boden auf - da der Holzbrand erloschen war, konnte er nicht einmal sehen, ob sie jung oder alt; aber die Ritterlichkeit seines Charakters bewog ihn, sein Werk nicht zur Hälfte zu thun. Bereits war auch sein einsylbiger Freund, der Sergeant, ihm gefolgt und stand an der Thür des Gemachs.
»Die Schurken haben ein wehrloses Frauenzimmer überfallen,« sagte unwillig der Offizier. »Einem habe ich einen Denkzettel gegeben - dort stöhnt er. Suche Licht zu bekommen und sieh nach ihm, unterdeß ich diese Frau fortführe; denn nach dem, was wir unten gesehen, möchte
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sie schwerlich hier sicher sein. - Sagen Sie mir, wohin ich Sie geleiten soll?« wandte er sich in italienischer Sprache an die Unbekannte.
Sie hatte seinen Arm gefaßt. »Ich beschwöre Sie, mein edler Retter,« flehte sie, - »verlassen Sie mich nicht, oder ich bin verloren! Ich bin ein unglückliches Mädchen, die Verwandte des Curato,34 dem dieses Haus gehört, aus der Gegend von Verona. Meine Eltern hatten mich vor drei Monaten zu meinem Oheim geschickt, und da er erkrankte, konnte ich den alten Mann nicht verlassen, als der Krieg ausbrach.«
»Aber wo ist Ihr Verwandter, Signora, wo sind die Leute des Hauses? Wie konnten Sie bei den Schrecken der Schlacht hier zurückbleiben?«
»Die Besetzung der Stadt durch die Soldaten überraschte uns. Die Eisenbahn ließ keine Züge mehr abgehen - unser kleines Gefähr war in Beschlag genommen; als ich endlich auf dem Karren eines Nachbars meinen kranken Onkel untergebracht hatte, wurde ich von meinen Freunden abgedrängt und gerieth mitten unter die Soldaten. Ich flüchtete zurück in unser Haus und in eine abgelegene Kammer, wo ich mich einschloß und stundenlang im Gebet auf den Knieen lag, während um uns her die Schlacht tobte. Endlich, als die Nacht gekommen war, als Alles umher still schien, wagte ich mich aus meinem Versteck. Ich schlich mich in die vorderen Zimmer und lauschte auf dem Balkon hinunter nach dem Platz. Dabei
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muß man mich unglücklicher Weise bemerkt haben; denn ich sah zwei Soldaten von fremdartiger Tracht in unser Haus eilen und gleich darauf, als ich mich zurückziehen wollte, fühlte ich mich ergriffen und festgehalten. Der heiligen Jungfrau und Ihnen danke ich es, Signor, daß ich aus den Händen der Abscheulichen gerettet bin!«
Die Erzählung trug so offenbar den Stempel der Wahrheit, daß dem Offizier kein Schatten eines Zweifels kommen konnte und seine Theilnahme für die Verlassene nur noch wuchs. Er hatte sie aus dem Hause und in den Hof geführt, aber er begriff, daß er sie nicht in dieser Umgebung lassen konnte, ohne daß sich die Gefahr, die sie gelaufen, sofort erneuern würde.
Er deutete ihr dies mit einigen Worten an und frug, was sie beabsichtige und wohin sie gebracht zu werden wünsche.
»Mein Oheim und die Nachbarn,« sagte sie schaudernd bei dem Gedanken an die Gefahr, »sind sicher nach Mailand. Wenn ich nur dahin gelangen könnte, würde ich sie wohl auffinden, oder doch Mittel, in meine Heimath zu kommen.«
Sergeant Touron kam in diesem Augenblick zurück, seine Gegenwart war dem Offizier, der nicht wußte, was er rathen oder thun sollte, sicher sehr willkommen.
»Nun, wie steht es, Jacques?« frug er.
»Es ist aus mit ihm - er braucht keinen Feldscheer, Dein Säbelhieb hat ihm den Kopf gespalten. Es war Lenard le Diable, wie sie ihn nennen, der tollste Teufel
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im Bataillon, aber ein Liebling des Kommandanten trotz seiner Schlechtigkeit. Die Sache wird Aergerniß abgeben!«
»Ich werde es verantworten und habe meine Pflicht gethan. Weißt Du, wer der andere Schurke war?«
»Nein, Armand - ich habe in der Eile nicht hingesehen, welche Beiden zurückgeblieben waren und verlaß Dich darauf, wir werden es schwerlich erfahren. Aber was soll mit dem Frauenzimmer hier geschehen?«
Der Lieutenant setzte ihm kurz die Lage auseinander.
Jacques Fromentin oder Touron warf einen bedauernden Blick auf die Fremde. »Wenn sie nach Mailand will,« sagte er, »so ist es am Besten, daß wir sie sofort nach den österreichischen Vorposten bringen statt sie nach unserem Bivouak mitzunehmen. Verlaß Dich darauf, Armand, es würde ihr dann nicht so leicht werden, ihre Absicht auszuführen und Du kannst nicht ihren irrenden Ritter spielen. Laß uns umkehren zu unsern Posten und die nächste feindliche Ronde anrufen.«
Der junge Offizier fand, daß der Rath des Freundes gut war; denn er wußte, welchen Spöttereien und noch Schlimmerem er sich aussetzen würde, wenn er mit diesem Beuteantheil in das Bivouak seiner Kameraden zurückkehrte. Er sagte daher der Fremden, was sie beschlossen und da sie zustimmte, führte er sie in's Freie.
Die Rauferei zwischen den Turcos und den ungarischen Grenadieren hatte längst aufgehört, - sie lagen wieder friedlich in geringer Entfernung von einander zwischen den Todten auf dem Boden, um sich in kurzem
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Schlaf für den nächsten Tag zu stärken. Auf der nämlichen Stelle, wo er sie verlassen, standen, Gewehr im Arm, die Zuaven seiner Patrouille, aber nicht zwei, sondern drei. Der Lieutenant begriff, daß jedes Fragen nach dem Schuldigen nutzlos war und daß er Nichts erfahren würde. So befahl er ihnen nur einfach, Kehrt zu machen und schritt ihnen voran, den Weg zurück, den sie aus der Postenkette gekommen waren.
Als sie an dem jetzt wieder brennenden Feuer vorüberkamen, sah er zum ersten Mal im Licht seine Begleiterin, die zwischen ihm und dem Sergeanten ging. Es war ein junges schönes Mädchen von kaum achtzehn Jahren, mit dem dunkelblonden Haar und blauen Augen, wie sie Tizian und zuweilen auch Paul Veronese zu malen liebten. Ihre Blicke begegneten sich, denn auch sie sah in diesem Moment aufmerksam ihren Retter an und erröthend schlug sie die Augen nieder.
Der Sergeant schritt stumm neben dem Paare her oder ihm voran. Seit der Genesung von jener Krankheit, in die ihn der Tod des unglücklichen Arabermädchens gestürzt und, während der ihn im Fort in der Arba Armand de Chavelle treulich gepflegt hatte, war der sonst so lustige Bursche ein anderer Mensch geworden. Er hatte Dienste genommen in dem Regiment des Freundes und bei zehn Gelegenheiten den Tod gesucht. Aber der Tod hatte ihn geflohen und seine Tollkühnheit ihm vielmehr Beförderung eingebracht.
Sie waren etwa zweihundert Schritt über das Dorf hinaus, als sie die äußerste Postenlinie erreichten. Der
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Offizier frug, wo die nächsten des Feindes ständen. Es war kaum hundert Schritt gegenüber und er brauchte nicht lange zu warten, denn bald nachher vernahm er die Schritte einer österreichischen Ronde und den Anruf ihrer Wachen.
Er ließ das Mädchen unter der Obhut des Sergeanten und trat vor, die feindliche Ronde anrufend. Der österreichische Offizier verstand zum Glück französisch und kam ihm höflich entgegen. Bald hatten sie sich verständigt und der Zuavenlieutenant kehrte zurück, seinen Schützling zu holen.
»Der Kamerad dort,« sagte er ihr, »wird sie mit bis zur nächsten Feldwache nehmen und Sie nach Corbetta geleiten lassen, von wo Sie morgen früh leicht nach Mailand kommen können, - wahrscheinlich eher als wir,« fügte er heiter bei. »Aber freuen würde es mich, Ihren Namen zu wissen, wie ich Ihr hübsches Gesicht gesehen, damit ich mich in Mailand nach Ihnen erkundigen kann, wenn wir erst unsern Einzug gehalten haben!«
»Ich werde nicht dort bleiben,« erwiederte sie hastig, »meine Mutter wird ohnehin in tausend Angst schweben um mich. Ich heiße Angelina Romello und bin die Tochter des Meiers von Solferino, unfern Verona. Aber nennen Sie mir Ihren Namen, Signor Ufficiale, damit ich ihn täglich, in mein Gebet schließen kann!«
Er that es lächelnd - dann reichte er ihr die Hand, denn sie waren bei der österreichischen Patrouille, der seine Zuaven, die ihm gefolgt waren, bereits in größter Cordialität ihre Feldflaschen reichten.
»Leben Sie wohl,« sagte er - »und mögen Sie nie
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wieder die Schrecken des Krieges erleben, wie in den vergangenen Stunden. - Herr Kamerad, ich empfehle dieses junge Mädchen Ihrer Ehre.«
»Unbesorgt, mein Herr,« lautete die Antwort, »sie wird sicher zu den Ihren gebracht werden. Besten Dank, Herr, im Namen meiner Landsleute und Gutenacht, bis auf Morgen!«
Die beiden Patrouillen salutirten, dann zogen sie nach verschiedenen Seiten ab.
Armand de Chapelle hatte bei dem letzten Druck der Hand seiner Geretteten einen Gegenstand in der seinen zurückbleiben gefühlt. Als er ihn auf dem Rückweg zum Bivouak am nächsten Wachtfeuer betrachtete, fand er, daß es ein Ring war, mit einem dunkel blitzenden Steine, offenbar von großem Werth. Es war ein Diamant - ein schwarzer Diamant - der Diamant des Mohren - Aniella's - der Ring der Kaiserin!
Wie kam der Ring der Kaiserin in die Hand der Pfarrersnichte von Magenta?


Graf Giulay beschloß, am andern Morgen mit den neu eingetroffenen Corps die Schlacht wieder aufzunehmen und die Brigade Härtung, so sehr sie auch von dem Kampf am Tage vorher gelichtet und angegriffen war, rückte auf Ponte veccchio und erstürmte den Ort. Der Feldzeugmeister rechnete bei der Absicht der Erneuerung des Kampfes auf die Demonstration des Urban'schen Corps von Norden her,
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und in der That hatte dieses schon am Mittag des Vierten die von Turbigo anrückenden Sardinier bedroht, so daß die Division Durando sich dagegen wenden mußte und keinen Antheil an dem Kampf nehmen konnte.
Aber es war unmöglich, ihm eine Nachricht zukommen zu lassen, denn das ganze Land zwischen Mailand und Como war im vollen Aufstand.
Da ging von Clam Gallas, der keine Ordre erhalten, die Meldung ein, daß er nicht mehr bei Bareggio stehe - kaum zwei Stunden vom Schlachtfeld, - sondern um 3 Uhr Morgens gegen Mailand bis Cisliano zurückgegangen sei und daß seine Truppen einer vollständigen Reorganisation bedürften. Obschon dieselben jedenfalls nur hätten die Reserve des bereits bis Bestazzo vorgerückten 8. Korps (Benedek) bilden können, bewog dies doch den General-Feldzeugmeister, seine Absicht aufzugeben, die Brigade Härtung aus dem Gefecht zurückzunehmen und den Franzosen das Schlachtfeld zu überlassen, indem der allgemeine Rückzug der Armee über Mailand und Pavia hinter die Adda angeordnet wurde. Das Hauptquartier kam einstweilen nach Binaseo an der Straße und dem Kanal von Mailand nach Pavia.
In Mailand hatte sich die Nachricht von der Schlacht, die wenige Meilen davon geschlagen wurde und über sein Schicksal entscheiden mußte, rasch verbreitet - die Bevölkerung drängte sich, den Todhaß gegen alles Deutsche in den Augen auf den Straßen und den öffentlichen Plätzen, wenn auch der Mund unter der Strenge des Belagerungszustandes den Mund noch verschloß, daß die
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leidenschaftlichen Gefühle des Herzens sich nicht Luft machen konnten. Patrouillen mit geladenem Gewehr durchzogen fortwährend die Straßen, die Garnison war in der Citadelle und in den Kasernements consignirt - schon waren einzelne Soldaten in den abgelegenen Stadttheilen ermordet worden; - Feldmarschall-Lieutenant Melczer, der Kommandant, wußte sehr wohl, auf welcher Pulvermine hier die österreichische Herrschaft stand!
Schon am Abend verbreitete sich die Nachricht, die Oesterreicher hätten die Schlacht verloren - man sah es an der boshaften Freude, die aus allen Augen leuchtete! Aus den Gruppen, die sich im Dunkel der Straßen drängten, erscholl im Rücken der Patrouillen der Ruf: Evviva Italia! - Vengono i Francesi! - Evviva Garibaldi! - An den König »gentiluomo« dachte man nicht!
Bald kamen Versprengte an - bereits am Abend des 4ten auch Transporte von Verwundeten - der Rückzug der gehaßten Deutschen war jetzt sicher. Seit siebenhundert Jahren hatte sich Mailand ja in diesem Haß und Empörung geübt, und immer wieder der gewuchtigen deutschen Faust unterlegen! Schändlich - scheußlich waren die Grausamkeiten, die der Pöbel in den unbewachten Stadttheilen an einzelnen Versprengten und Verwundeten verübte.
Auf den Befehl des Kommandanten hatten sich gegen Abend die Beamten in dem Kastell versammelt, - bei Sonnenuntergang verließen zwanzig Wagen unter starker Bedeckung die Stadt - es waren die Staatskassen, die nach Verona abgeführt wurden. Die Nacht hindurch
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dauerten die Zuzüge von Verwundeten und Versprengten fort - an 4000 der letzteren sammelten sich in Mailand und lagerten auf dem Platz vor dem Kastell.
Am Morgen kam die Ordre zur Räumung der Stadt. Um 9 Uhr erfolgte der Abzug der Garnison und der Beamten zur Eisenbahn, zwei Batterieen voran, die Kanoniere mit brennender Lunte neben den Geschützen. Das Volk begrüßte die französischen Gefangenen, die in der Mitte der Infanterie marschirten, mit »Evviva la Francia!« Am Ende des Zuges war bereits Messer und Bayonnet in Thätigkeit.
Zehn Minuten nach dem Abgang des Bahnzugs wehte die Tricolore auf dem Marmorthurm des Mailänder Doms. -
Die Lombardei war verloren!


Wir schließen der Erzählung der Schlacht und des Rückzugs hier nur noch einen kurzen Zug an, zum Beweis, daß es auch an Beispielen der Ehre und Treue nicht fehlte.
Die österreichische Militairzeitung erzählt ihn, wie folgt:
»Oberlieutenant Baron G ...vom 56sten Infanterie-Regiment, nun Hauptmann, war dem fliegenden Korps des FML. Baron Urban zugetheilt und hatte mit demselben alle Kreuz- und Querzüge gegen Garibaldi mitgemacht. Am 5. Juni d. J. lagerte das Urban'sche Korps mit 2 Brigaden bei Castellanza, während die 3te Brigade noch vor Varese lag; um 10 Uhr Abends wurde Oberlieutenant Baron G. zu dem FML. beschieden und als Kourier nach Mailand und weiter zur Hauptarmee geschickt, von welcher letzterer man nicht wußte, wo sie stand. Ein Gensd'arm, aus Mailand gebürtig, und ein Korporal der
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12. Kompagnie des Regiments Baron Kellner war die ganze Bedeckung. Die Depeschen, welche der Oberlieutenant zu überbringen hatte, waren von großer Wichtigkeit, weil die Rückzugs-Dispositionen des Korps darin enthalten waren. In Monza den 6. Juni 2 Uhr Früh langte der Kourier vor der Post an, und Baron G. verlangte vom Postmeister Pferde, die gleich versprochen wurden. Nach 10 Minuten stieg der Gensd'arm aus dem Wagen und ging in den Stall, um die Pferde selbst zu holen. Plötzlich weckte die rauhe Stimme einiger Leute den Schlummer des Oberlieutenants; sie verlangten von ihm die Waffen, indem sie gleichzeitig eine Pistole und eine Pike auf seine Brust setzten. Von der Dunkelheit der Nacht begünstigt und die Wichtigkeit seines Auftrages kennend, ergriff der Offizier mit der linken Hand die Pike und stieß die Pistole rasch weg, welche losgedrückt wurde. Die Kugel ging zwischen Arm und Brust an Baron G. vorüber; mit der Doppelpistole, die er in der rechten Hand hielt, stieß derselbe einen Mann nieder und erschoß 2 Revolutionäre. Der Gensd'arm sprang aus dem Stall und schoß; hierauf wollte er mit dem Bayonnet sich einen Weg zum Wagen bahnen, was ihm leider nicht gelang, - er wurde von der wüthenden Menge erschlagen. Der am Bocke des Wagens sitzende Korporal von Baron Kellner-Infanterie schoß den die Pferde haltenden Mann nieder und erstach einen andern, der auf den Bock steigen wollte. Der Postillon aus Saronna, ein Italiener, ein ehrlicher, braver Mann, hieb in die Pferde und fuhr im Karriere durch die Stadt gegen Mailand zu. Der Oberlieutenant verlor seine Geistesgegenwart nicht, obwohl er, inmitten einer aufständischen Bevölkerung, mit wichtigen Depeschen in der Tasche, beinahe allein sich befand. Er langte glücklich bis eine halbe Stunde Entfernung vor den Thoren Mailands an, dort kam ein junger Kutscher berauscht einhergefahren; dieser Mensch rieth mit aufgehobenen Händen vom Weiterfahren ab, denn in Mailand sei kein Soldat mehr und lauter Barrikaden &c. &c. Nach anderwärtig noch eingeholten Erkundigungen sah der Offizier sich genöthigt, zu seinem Korps zurückzukehren. Nach kurzer Berathung beschloß der Postillon, den Oberlieutenant auf lauter Feldwegen zurückzubringen, doch früher verrammelte er den Wagen mit Lederpolstern &.,
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damit Niemand hineinsehen könne. Jeden Bauer am Wege fragte der Postillon aus, wo die Franzosen stünden und der Garibaldi jetzt sei, während der Offizier diese Aussagen in seinem Wagen niederschrieb. Um 11 Uhr gelangte der Offizier in's Lager zurück, und kaum war der FML. von Allem unterrichtet, so tönte auch schon die Allarm-Trompete. Der Umsicht des FML. Baron Urban hatten die Truppen es zu verdanken, daß durch einen forcirten Nachtmarsch die Addabrücke bei Vaprio noch erreicht wurde; denn als die Avantgarde anlangte, sagten die Bewohner, daß Garibaldi's Sohn, Menotti, mit 70 Mann einige Stunden vorher schon die Brücke habe zerstören wollen und wahrscheinlich mit einer größeren Anzahl bald eintreffen dürfte. Nebenbei gesagt, erhielt der Postillon 100 fl. vom Oberlieutenant B. G. und der Korporal wurde zur Betheilung mit der großen silbernen Tapferkeits-Medaille vorgeschlagen.«
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Schwarz-Weiss!

Der Salon eines Jobbers.

In dem Salon des Herrn Samuel Jonas in Berlin - das Zimmer war ausnahmsweise zu dem Geschäft gewählt, - war Familien-Conferenz.
Der Privat-Bankier in seinem blauen Frack mit den vergoldeten Knöpfen und dem schmuzigen weißen Halstuch schob stoßweise, wie er zu gehen pflegte, in dem Zimmer auf und ab. Madame Jonas in der Glorie alles jüdischen Embonpoints und eines kolossalen Crinolins saß so breit auf dem Sopha, daß ihre beiden Töchter keinen Platz mehr gefunden und sich in die Sessel daneben zurückgezogen hatten. Fräulein Rosalie hatte etwas rothe Augen, vielleicht mehr von dem consequenten Gebrauch des Schnupftuchs, als von wirklichen Thränen. Dazwischen lächelte sie sehr süß und schmachtend den Premierlieutenant von Röbel an, der neben ihr saß, mit einem Gesicht, das eher alles Andere war, denn das eines glücklichen Bräutigams.
Denn Bräutigam oder vielmehr verlobt war der Offizier in der That und am nächsten Tage sollte diese Verlobung öffentlich gefeiert werden und in den Zeitungen stehen. Diese Frist hatte sich der Lieutenant noch
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ausbedungen, um zuvor mit seiner Familie die unvermeidliche Sache in Ordnung zu bringen.
Der Lieutenant von Röbel mußte weit genug heruntergekommen sein, daß er sich zu diesem «coup de désesperation« hatte entschließen können, aber es war ihm in der That Nichts mehr übrig geblieben, als dieser Ausweg, und wir haben bereits bei der Erzählung der Vorgänge in der Neujahrsnacht gesehen, daß er sich mit einer gewissen Philosophie bei Zeiten darauf vorbereitet und an den Gedanken gewöhnt hatte, Fräulein Rosalie Jonas als Frau von Röbel und den früheren Einbrecher und Zuchthäusler als Schwiegerpapa zu betrachten.
Leider war der Ehrgeiz des Herrn Jonas bei dieser Verbindung nicht stehen geblieben.
Wir bedauern, dem Leser so nahe dem Ende unseres Buches noch eine neue bisher nicht aufgetretene Person vorführen zu müssen. Es ist dies der junge Herr Jonas, der älteste Sohn seines Erzeugers, ein angehender Börsenjobber und Spekulant in Getreide und zwar, zum Besten seiner Nebenmenschen, immer in der hausse. Herr Jonas junior hielt sich ein Reitpferd, mit dem er eine sehr schlechte Figur unter den Linden spielte, und hatte sich bereits eigenes Vermögen gesammelt, indem er, eine keusche Lilie im Thale Josaphat, in seiner frühen Jugend den Louis bei alten wohlhabenden Wittwen und Jungfern spielte, sich reichlich beschenken und zwei Mal für kleine Gefälligkeiten adoptiren ließ. Gegenwärtig paßte ihm das nicht mehr, er sah im Opernhaus Parket zwischen den Prosceniumslogen, trug fuchsrothe Handschuhe, die
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damalige Modefarbe, und machte wie gesagt in Getreide. Beiläufig war er jetzt sechsundzwanzig Jahre.
Papa Jonas hatte aber bedeutend höhere Speculationen mit ihm, als den einfachen Kornwucher. Er hatte beschlossen, daß sein Stammhalter der Begründer einer neuen Aera in der Familie, daß er Rittergutsbesitzer werden solle. Der Stand als Rittergutsbesitzer gilt der haute finance als Passepartout in die adelige Gesellschaft.
Leider war der Weg zu diesem Ziel, den sich Herr Samuel Jonas ausgesucht, die Familie von Röbel, zu dem alten, aber leider nicht befestigten Grundbesitz der Mark gehörend.
Im gegenwärtigen Augenblick, bei dem Familien-Congreß, rekelte sich Herr Jonas junior rittlings auf einem Stuhl gegenüber seinem künftigen Schwager, indem er eine jener Stellungen nachzuahmen suchte, die bis zum Jahre 48 bei den Gardelieutenants auf der Kranzler'schen Rampe beliebt waren und seitdem von der Fonds- und Wechselbörse mit etwas weniger geraden Beinen, aber mit desto größerer Unverschämtheit executirt werden, und rauchte dazu eine sehr starke Cigarre.
»Es ist abgemacht,« sagte Herr Jonas auf- und niedergehend mit großer Bestimmtheit - »der Herr Major ist doch ein verständiger Mann; denn er ist ein alter Mann, der trägt das eiserne Kreuz, vor dem ich habe großen Respect, weil es beweist, daß er gewesen ist ein Simson in der Schlacht. Er wird einsehen, daß er nicht behalten kann das Gut, denn die Güter stehen schlecht im Preis, weil man nicht wissen kann, ob es giebt Krieg und
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weil der Grundbesitz nur bringt vier Procent. Ich hab' es taxiren lassen durch Hirsch Jüngling und die Hypotheken sind gerade eilftausendvierhundert Thaler mehr, als ist der reelle Werth.«
»Das ist, weil man gerade diese Krisis benutzt hat, um meinem Vater diese Hypotheken zu kündigen, die er unmöglich anschaffen kann,« bemerkte unwillig der Offizier.
»Sie reden, wie Sie's verstehn, Herr Sohn,« sagte wichtig der Alte, während Herr Jonas junior sich bemühte, aus den mit einiger Mühe gespitzten wulstigen Lippen fliegende Ringe in die Luft zu blasen. »Ich meine es gut mit Ihrer Familie, weiß Gott, und ich werde es beweisen, wie ich es schon hab' bewiesen, als ich gegeben habe meinen Seegen zu Ihrer Verheirathung mit meiner Tochter Rosalie, die hätte haben können den Itzig Pinkus aus Bentsche mit baaren hunderttausend Thalern, während ich jetzt bezahle Ihre Schulden bis zum letzten Pfennig und gebe meinem Kind jährlich fünftausend Thaler Revenue, weil sie wird eine gnädige Frau. Ich werfe mir nicht weg und laß mich nicht lumpen, denn ich bin ein Mann, der's kann! Aber das Gut hat kein Holz, das man könnte schlagen, um zu stopfen das Loch und drum ist es hin. Warum soll es kommen lassen der Herr Major, vor dem ich hab' großen Respect, zur Subhastation? Eine Subhastation ist ein Bankerott, und die Herrn Edelleute müssen niemals machen Bankerott, weil sie nicht verstehen daraus zu machen ein Geschäft, wie andre kluge Leute. Der Herr Major hat es nicht nöthig, ich werde kaufen das Gut und zahlen einen guten Preis,
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daß er sich zurückziehen kann in Ruhm und Ehren, wie so viele Herren vom Militair, wenn er hört auf einen vernünftigen Vorschlag!«
»Aber warum wollen Sie mir nicht sagen, worin Ihr Vorschlag bestehen soll?« frug mit Besorgniß der Offizier. »Sie wissen, mein Vater ist etwas eigensinnig, ja stolz und hat veraltete Ansichten über gewisse Dinge.«
»Eigensinn hin, Eigensinn her,« sagte der Bankier patzig. »Was thu ich mit dem Stolz und mit den Ansichten, wenn kein Geld ist dahinter? Daß der Herr Major ist ein vernünftiger Mann, das beweist, daß er meinen Vorschlag einer Besprechung hat angenommen und sogar erklärt, daß er kommen wird hierher, damit ich nicht zu kommen brauche zu ihm. Darum wollen wir heute feiern zusammen ein Familienfest.«
Der Lieutenant zuckte bedauernd die Achseln - je näher der Augenblick kam, desto besorgter wurde er.
»Sie können sein übrigens ganz ruhig, Herr Sohn,« fuhr Herr Jonas senior fort, sich in die Brust werfend. »Ich bin ein guter Vater und will machen das Glück meiner Kinder, und wenn ich sage, ich will, so ist's so gewiß, als ob's schon wäre geschehn. Ich hab' doch gesorgt für ein Mittel, das bekehren mag einen Kopf, der noch viel härter ist, als der des Herrn Majors.«
Und gleich, als hätte er einen solchen Kopf gefunden, tätschelte er behaglich auf dem Toupé der Fräulein Rosalie Jonas umher.
Die Andeutung des unfehlbaren Mittels schien aber den künftigen Schwiegersohn noch weit weniger zu
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beruhigen, als alle andern Versprechungen, denn er warf einen hastigen scheuen Blick auf den zärtlichen Papa, den dieser jedoch nicht zu bemerken schien, und wechselte die Farbe.
Ehe er jedoch eine weitere Frage thun konnte, wurde er durch das Erscheinen des Kommissionair Günther unterbrochen, der hastig in's Zimmer polterte, den Hut auf dem Kopf.
»Der Alte ist da,« schrie er, ohne gleich den Lieutenant zu bemerken, - »er hat gleich die ganze Familie mitgebracht, die Blasse auch, ik sage Ihnen, Herr Jonas, et jeht vortrefflich, Victoria! Sie sind Alle mank in's Brittische Hôtel abjestiegen, der Alte jeht zu keinem Andern, als zu Krüjern!«
Herr Jonas steckte vornehm die Hand in den Busen der weißen Weste.
»Ich muß sehr bitten Herr Günther - Sie sind hier nicht in Ihrer gewöhnlichen Gesellschaft - es ist Besuch hier!« Er nickte vornehm nach dem Lieutenant.
Der würdige Kommissionair schlenkerte mit den Fingern. »Ah so - des is wahr! - Na,« fügte er leiser hinzu, nachdem er mit einem Kunstruck den Hut abgenommen, »ik sage Ihnen, er wird nich schlecht Oogen machen, der Alte is verflucht tücksch, ik weiß et von der Male her. Apropos Male, haben Sie man Nischt von sie jehört?«
»Der Kommissionsrath Boltmann,« sagte der Bankier, »der gekommen ist vorgestern von Paris, hat mir erzählt, daß die Polen[t]zen ist dort mit einer vornehmen Dame von
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Adel, und daß sie will fortziehen ganz von Berlin, weil sie hat wiedergefunden ihr Kind, ihre Tochter!«
»Ihr Kind?« stammelte der Kommissionair, und er mußte sich am nächsten Stuhl anhalten, so hatte die plötzliche Nachricht ihn überwältigt. »Aber das ist ja todt!?« -
»Was weiß ich?« sagte Hartmann Jonas - »das muß wissen eine Mutter am Besten. Gehn Sie jetzt hinein Günther in mein Zimmer und halten Sie sich bereit, wenn der Alte zeigt Mucken. So mir Gott helfen soll,« fügte er bei, und unter den grauen buschigen Brauen hervor blitzte die alte tückische Wildheit des Einbrechers von Profession, »ich will haben meinen Willen, oder die ganze Familie soll mir mit Schande an den Bettelstab!«
Er schob den Kommissionair in ein Seitenzimmer, denn so eben kam der Bediente herein mit der Anmeldung.
»Herr Major von Röbel und Sohn!«
Herr Jonas schoß auf die Thür zu und riß sie weit auf. »Sehr willkommen! äußerst willkommen! Nur hier herein, Herr Major - freut uns unendlich, Sie einmal bei uns zu sehn! Aber warum haben Sie nicht Ihre Frau Gemahlin und das gnädige Fräulein mitgebracht? - Erlauben Sie, Herr Major, meine Frau, meine Tochter Rosalie, sie ist es! meine Tochter Ida - ein sehr talentvolles Mädchen, spielt Ihnen, weiß Gott besser Klavier wie der Vieuxtemps oder Paganini. Mein Sohn Levy, mein Stammhalter!«
»Ich habe Dir schon oft gesagt, daß ich nicht Levy heiße, Papa, sondern Leon!«
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»Leon oder Levy,« meinte der Alte vergnügt, indem er dem Edelmann die Hand bot, »es kommt auf Eins 'raus, wenn man nur Geld hat, nicht wahr, Herr Major?«
Der alte Edelmann verneigte sich steif vor den drei Damen, die in ihren Crinolins zusammen knixten, namentlich Madame Jonas mit ihrem Embonpoint, wegen dessen auch Herr Jonas ihr verboten hatte, sich auf den Balkon zu setzen, damit sie ihm nicht, wie er sich ausdrückte, die neue Façade schimpfte. Den Lieutenant, der stark erröthend ihm zwei Schritte entgegen getreten war, grüßte er nur mit einem kurzen Kopfnicken, ohne ihn anzusehn. Desgleichen schien er ganz die dargebotene Hand des Hausherrn zu übersehen, der damit einige Zeit in der Luft herum fuhr und sie dann wieder in die Hosentasche steckte, wo er mit dem Gelde klimperte.
Auch Otto von Röbel grüßte kalt, aber höflich die Familie. Dem Bruder reichte er die Hand.
»Wollen der Herr Major nicht die Güte haben, sich zu setzen und ein kleines Frühstück anzunehmen?« invitirte Madame Jonas, die es an der Zeit glaubte, auch ihr Wort einzuschieben, obschon ihr gestrenger Eheherr es ihr scharf untersagt hatte, »wir haben doch ganz vortreffliche Salomon-Wurst und Staßfurter Gänseleberpastillen dazu holen lassen alles von Borchardt in der französischen Straße!«
Die beiden Mädchen wurden sehr roth und ihr würdiger Bruder lachte spöttisch auf. Der Major aber unterdrückte ein flüchtiges Lächeln und sagte freundlich: »Meine gute Frau, ich danke Ihnen bestens, aber ich habe mit Ihrem
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Mann einige dringende Geschäfte und meine Zeit ist sehr gemessen!«
Die »gute Frau« fiel wie ein Wasserguß auf die Familie und Madame Jonas sank wieder in ihren Divan zurück.
»Ich bitte Sie, Herr Jonas,« fuhr der Major ernst, fast streng fort, »mich gefälligst in Ihr Arbeitszimmer zu führen, oder an einem Ort, wo unsere Geschäfte Ihre Familie nicht stören. Ich glaube, wir haben Dinge zu verhandeln, die sich eben nur für Männer eignen.«
»Es ist nicht nöthig, daß wir gehn wo anders hin. Geht hinaus, bis ich Euch ruft!« befahl der Bankier ziemlich unwirsch den Frauen. Diese erhoben sich gehorsam, und entfernten sich mit einer Verbeugung, welche die beiden Edelleute höflich erwiederten. In gewissen Dingen war Herr Jonas ein Haustyrann und duldete keinen Widerspruch oder Zögerung. Herr Jonas junior und der Lieutenant wollten ihnen folgen, aber der Veteran hielt sie durch eine Geberde zurück.
»Wenn Sie Nichts dawider haben, Herr Jonas,« bemerkte der Major hierzu, »so mögen diese Herren bei unserer Unterredung zugegen bleiben.«
»Ganz wie Sie befehlen - um so mehr, da es sich ja handelt mit um sie selber. Aber bitte, Herr Major, wollen Sie nicht Platz nehmen!«
Der alte Edelmann machte eine ablehnende Bewegung. »Ich danke Ihnen, mein Herr, ich werde mich möglichst kurz fassen.«
Er blickte einen Augenblick starr vor sich hin, als
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wolle er einen Entschluß in seinem Innern nochmals kräftigen. Dann richtete er sich straff empor, seine Blicke fielen kalt auf den Offizier.
»Dieser Herr,« sagte er kalt, »hat mich und seine Mutter benachrichtigt, daß er sich mit Ihrer älteren Demoiselle Tochter verlobt hat. Ist dem so und mit Ihrer Einwilligung geschehen?«
»Vater -!«
»Still, mein Herr, ich spreche jetzt mit Herrn Jonas! Antworten Sie gefälligst, mein Herr!«
»Der Herr Lieutenant hat uns die Ehre angethan, um die Hand meiner Rosalie anzuhalten, und da er ein sehr anständiger und braver Cavalier ist und die jungen Leute sich lieben, habe ich mit Vergnügen Ja gesagt. Ich hoffe, Herr Major, wir werden ausmachen eine vortreffliche Familie, wie sie im Buch steht!«
»Ich weiß nicht, was Sie darunter verstehen, aber ich muß Sie in dieser Beziehung auf Eines aufmerksam machen. Hat dieser Herr Ihnen auch gesagt, daß er keinerlei Erbtheil von mir zu erwarten, daß er jedes Anspruchs darauf sich längst verlustig gemacht, und Nichts als sein Lieutenantsgehalt und wahrscheinlich noch Schulden überdies hat?«
»O ich weiß, ich weiß Herr Major,« unterbrach ihn der Bankier hastig - »aber es ist doch Alles in Ordnung und wenn Sie ihm auch mitgeben kein Geld - nu, für was bin ich ä reicher Mann? Ich werde sie ausstatten, wie sich's gehört für eine künftige Frau von Röbel« - der alte Edelmann zuckte unwillkürlich bei diesem Namen, -
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ich gebe ihnen Fünftausend jährlich, denn ich kann's thun, - und was die Schulden betrifft, main, Herr Major, er ist doch ä Cavalier und wir sind doch auch Beide gewesen jung! ich und Sie!«
»Es ist nur der Unterschied,« bemerkte der Veteran stolz, »daß ich meine Jugend auf den Schlachtfeldern des Vaterlands zugebracht habe, und Sie ...« er brach, sich gewaltsam fassend ab. »Indeß, lassen wir das. Der Herr Lieutenant von Röbel ist längst mündig, und weiß, was er zu thun und zu lassen hat. Gegen den persönlichen Ruf des Mädchens kann man, wie ich höre, Nichts sagen, und ich habe daher kein gesetzliches Recht zu einer Einsprache, auch die Mittheilung der Verlobung überhaupt nur als das, was sie sein soll, eine Höflichkeit, betrachtet. Meine letzte Pflicht war es, Sie vor falschen Erwartungen zu warnen. Der Herr Lieutenant von Röbel wird hoffentlich selbst wissen, welche Stellung er künftig mir und seiner Mutter gegenüber einzunehmen hat.«
Der Bankier rieb sich mit ziemlich gut geheuchelter Befriedigung die Hände und that, als mißverstehe er den Major. »Ausgezeichnet, ausgezeichnet, Herr Major! ich wiederhole doch meinen Kindern auch täglich, daß sie niemals, so alt sie auch sein mögen, vergessen sollen den Respekt gegen ihre Eltern. So wäre denn Alles in Ordnung und Sie sollen sehn, sie werden leben, wie die Turteltauben, die Rosalie hat ä gar zu gutes Gemüth!«
Der junge Herr Jonas begann halblaut eine Melodie vor sich hin zu summen und an die Scheiben des Fensters zu trommeln, an dem er stand. Die Eintracht und das
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Familienglück schien ihm nicht so sehr einzuleuchten wie seinem Herrn Papa.
Otto von Röbel stand finster und stumm an einen Sessel gelehnt. Der Bruder, so sehr er auch dessen Handlungsweise mißbilligte, that ihm leid in der traurigen Rolle, die er hier, in eine Ecke des Sophas gedrückt und die Augen finster zur Erde gerichtet spielte, indem er bald einen gewissen Trotz, bald ein spöttisches Lächeln zu heucheln strebte.
»Gehen wir zu etwas Wichtigerem über mein Herr,« fuhr der Major fort. »Sie wissen, Herr Jonas, daß Röbelsberg, das Gut meiner Familie, verschuldet ist.«
Ein Strahl boshafter Freude und Genugthuung brach - aber nur einen Moment lang - aus den Augen des Bankiers, verschwand aber sogleich wieder.
»Lieber Himmel,« seufzte Herr Jonas - »welcher Grundbesitz ist das heutzutage nicht, Herr Major! Weiß Gott - es ist ä theures Vergnügen! Vier Prozent Ertrag, die Mißerndten nicht mitgerechnet, und fünf Prozent die Kapitalien zum Mindesten. Ich hab' mir immer gewundert, Herr Major und hab' oft davon gesprochen zum Herrn Lieutenant, warum Sie nicht gründen eine Brennerei, oder eine Raffinerie?«
»Der Edelmann sollte kein Schnapsfabrikant sein!« sagte der Major kurz. »Doch das ist keine Sache zur Erörterung zwischen uns. Das Gut hat- in der alten Ritterschaftstaxe freilich nur einen Werth von 52,000 Thaler, aber es ist seine neunzig werth.«
»Gewiß, gewiß Herr Major,« - bemerkte der
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Bankier, sich die Hände reibend. Aber wie ich gehört habe, stehen hinter meiner dritten Hypothek noch zwei andere jetzt darauf, im Ganzen dreiundsechszigtausend Thaler, so daß ...«
»Kein Ziegel über dem Kopf mehr mein ist! Aber wem hab' ich's zu danken? Noch vor zehn Jahren standen nur fünfunddreißigtausend Thaler auf dem Gut!«
Er warf einen finstern Blick auf den Sohn.
»Die schlechten Zeiten, Herr Major, die schlechten Zeiten! Sie wissen, daß Sie haben verloren viel Geld bei der Aufkündigung von der zweiten Hypothek vor drei Jahren, als es geben sollte Krieg!«
»Nein - nicht den schlechten Zeiten allein will ich die Ursach geben,« sagte der Greis streng, - »Der dort ist die Ursach von der Verarmung seiner Familie. Der Schlag in Paris mit den zehntausend Thalern und die andern Schulden, die er gemacht, und die ich um der Ehre der Familie willen bezahlen mußte, haben das Eigenthum seiner Familie gefährdet. -«
»Es wird nicht so schlimm sein, Herr Major!«
»Es ist so schlimm und noch schlimmer, und Sie wissen das so gut oder besser wie ich,« sagte der alte Edelmann, unter den buschigen Brauen hervor einen strengen Blick auf den Wucherer heftend. »Vor acht Tagen ist mir von dem Gericht diese Anzeige zugegangen, wonach die Subhastation meines Gutes beantragt ist!«
Der Lieutenant sprang empor. »Wie? was? davon hatte ich keine Ahnung! Sie müssen helfen, Jonas!« Er
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faßte heftig den Arm des Bankiers, der sich ruhig los machte.
»Geduld! Geduld - es wird sich Alles finden. Sie wissen, Herr Major, daß ich nicht schuld bin daran. Ich habe gekauft die zweite Hypothek auf Ihr Gut mit Siebenzehntausend, weil ich wußte, daß mir das Geld sicher ist, und weil man helfen muß seinem Nebenmenschen in der Verlegenheit. Ich lasse sie Ihnen stehn, so lange Sie sie haben wollen, das bin ich der Verwandtschaft schuldig. Wie ich seh' aus dem Papier, hat der Hirsch Meyer gekündigt die sechstausend auf der vierten Hypothek.«
»Man hat mir gesagt, daß Herr Meyer, gleich dem Besitzer der fünftausend Thaler vor denselben nur vorgeschobene Personen und Sie der wahre Eigenthümer der Hypotheken wären!«
»Gott soll mir helfen, wie können Sie so was von mir glauben, Herr Major!« schrie der Bankier. »Ich will verschwarzen, wenn's wahr ist. Aber freilich, die Leute brauchen ihr Geld-, der Krieg hat die Papierchens heruntergedrückt und der Hirsch Meyer hat eine große Ohrfeige gekriegt an der Börse mit den Metalliques!«
Der alte Edelmann sah finster vor sich nieder, ohne auf diese Betheuerungen zu achten, von denen er vollkommen wußte, was sie werth waren.
»Röbelsburg ist seit vierhundert Jahren in dem Besitz meiner Familie gewesen, schon damals, als die Hohenzollern in die Mark kamen,« sagte er, wie vor sich hin. Der Vater hat es auf den Sohn oder Enkel vererbt. »Sie sind keine Grafen und Barone geworden, wie Andere, aber
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sie waren die alten von Röbel, und wo die schwarz-weiße Fahne auf einem Schlachtfeld wehte, da standen sicher auch die Söhne meines Hauses! Jetzt geht's zu Ende und ich wollte gern meinem Letzten das kleine Gut mit dem alten Thurm auf dem Hügel am See erhalten, - das Einzige, was von all' dem Grundbesitz übrig geblieben; denn das Haus Derer von Röbel ruht jetzt allein noch auf zwei Augen!«
Die Trauer des alten stolzen Mannes, die sich, kaum daß er selbst daran dachte, vor wem er sprach, über seine Lippen gedrängt, machte selbst auf das kalte gemeine Herz des Wucherers Eindruck, daß er mehrere Minuten lang schwieg. Der Offizier preßte die Hand vor die Augen.
»Dennoch,« fuhr der Greis fort - »hat sich keine Hand unter meinen Standesgenossen gefunden, so viel Mühe ich mir auch gegeben, die bereit wäre, den Röbel's ihr altes Erbe erhalten zu helfen; der Einzige, der es gethan hätte und gern, mein alter Waffenbruder, ist seit einem halben Jahre todt und seinen Nachlaß verwalten die Pupillen-Gerichte. - Sie haben sich erboten, mir zu einem Arrangement mit den Gläubigern zu helfen, mein Herr, deshalb bin ich hierher gekommen. Sie sollen Ihre guten Prozente haben, das verspreche ich Ihnen bei meiner Ehre, wenn Sie die Rücknahme der Kündigung vermitteln können. Die nächste Erndte wird nicht so schlecht als die vorige sein und es trifft nicht alle Jahre ein solches Unglück wie im vergangenen die Seuche unter meinem Viehstand. Wir werden uns leicht wieder erholen von dem Schlag und ich und mein Sohn« - er sprach immer, als hätte er nur
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den einen - »werden es an redlichem Fleiß und Arbeit nicht fehlen lassen!«
Der Bankier rieb sich verlegen die Hände, seine gewöhnliche Geste, wenn er sie nicht in den Hosentaschen hatte. »Es sind schlechte Zeiten, Herr Major,« sagte er - »bei Gott - nirgends baar Geld an der Börse - und der Hirsch Meyer ist in großer Verlegenheit, und Friedenthal, der die dritte Hypothek besitzt, will, wie ich höre, auch seine Kapitalien einziehen. Bei Gott, ich lasse Ihnen meine Hypothek so lange Sie wollen. Aber der Hirsch Meyer ist nicht zu bewegen. Ich will Ihnen doch machen einen andern Vorschlag, wenn Sie wollen die Güte haben, mir zu beantworten ein Paar Fragen.«
»Fragen Sie!«
»Sie glauben also nicht, Herr Major, daß Sie aufbringen können die 11,000 Thaler Hypotheken, wenn der Hirsch und der Friedenthal nicht warten wollen?«
»Hätte ich mich sonst an Sie gewandt?«
»Und Sie meinen, das Gut wäre seine Neunzigtausend werth?«
»Zum Mindesten, in einer Zeit, die die Preise nicht drückt,«
»Es hat, glaub' ich, die Standschaft als Rittergut?«
»Es hat seine Stimme auf den Kreis- und Provinzial-Landtagen und bei der Wahl in's Herrenhaus.«
»Gut! Warum wollen Sie also behalten mit Gewalt das Gut, wenn ich Ihnen schaffe einen Käufer, der giebt nicht neunzig, sondern fünfundneunzigtausend Thaler?«
»Fünfundneunzigtausend?«
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»Fünfundneunzigtausend Thaler baar und blank. Sie können dann abzahlen alle Schulden auf dem Gut, und behalten noch Zweiunddreißigtausend baar, womit kaufen kann der junge Herr dort ein anderes Gut. Wenn man anzahlt Zweiunddreißigtausend heut zu Tag, kann man doch kaufen für Hunderttausend!«
»Aber warum kauft Ihr Klient dann nicht selbst ein solches Gut?«
»Er hat doch nun einmal einen Narren an dem Gut Röbelsburg. Wer kann dafür? Ja, Herr Major, der Käufer ist sogar der Mann, der sich freuen wird, wenn Sie wohnen bleiben auf dem Gut, das er will kaufen, so lange Sie leben, als wären Sie der Herr, es braucht Niemand anders zu wissen!«
»Ich verstehe Sie nicht recht,« sagte der alte Edelmann mit einer gewissen Ahnung. »Wer ist denn dieser merkwürdige Käufer?«
»Wer soll es anders sein,« sprach hastig, als wünsche er die Sache mit einem Male abzuschütteln, der Bankier - »hier steht er, Levy oder Leon Jonas mein Sohn, mein Aeltester!«
»Wie - und Sie glauben ...«
Herr Jonas legte vertraulich die Hand auf den Arm des Edelmanns. »Ich glaube Nichts, gar Nichts, Herr Major, als daß ist noch eine kleine Bedingung bei dem Kauf, das beste Mittel, Alles zu arrangiren zu unserer Zufriedenheit! Sie sind ein Mann von Erfahrung, Herr Major, und Sie sind ruinirt. Sie haben eine Tochter, Herr Major, und ich habe einen Sohn. Ich bitte um die Hand
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Ihrer Fräulein Tochter, Herr Major, für meinen Sohn, und es bleibt beim Alten, bis der liebe Gott, was noch lange anstehn soll, über Sie verfügt!«
So ernst die Situation war, so sehr es sich um die Existenz seiner Familie handelte, Otto von Röbel konnte sich nicht enthalten, aufzulachen.
Der Major sah den Bankier starr an, als habe er nicht recht gehört.
»Wie - Ihr Sohn will Fräulein von Röbel, meine Tochter, heirathen?«
»Er wird es sich doch rechnen zur Ehre und zum Vergnügen, zu heirathen in eine so anständige Familie, wenn er auch erhält keine Mitgift und die Braut ist ein wenig älter wie er. Ich werde ihr aussetzen ein gutes Nadelgeld. Die beiden Familien werden dann sein doppelt verschwägert und Ihre Enkel werden behalten das Gut, das ist seit vierhundert Jahren im Besitz der Herren von Röbel. Levy, mein Sohn, ich werde Dir kaufen den Adel; geh jetzt her und bring Dein Wort selber an!«
»Ersparen Sie es dem Herrn!« sagte der Major straff emporgerichtet. »Ist das die Bedingung für den Ankauf?«
»Sie werden sie finden doch sehr billig, wie könnt' ich sonst geben ein solches Geld für das Gut, das doch ist schon in meiner Hand!«
»Das also war's! Nun ich muß gestehn, Sie haben gut operirt, mein Herr, aber die Unverschämtheit ist denn doch zu stark. Lassen Sie Röbelsburg subhastiren, sobald Sie wollen. Nur bitte ich, daß so lange ich auf dem
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Gut bin, weder Sie noch Ihr Sohn wagen, einen Schritt darauf zu setzen, oder ich lasse Sie durch die Knechte vom Hofe jagen!«
Die Stirn des Bankiers färbte sich dunkelroth, die dicken Adern darauf schwollen empor. »Was wollen Sie damit sagen, Herr Major?« rief er mit erhöhter Stimme. »Wollen Sie mich beleidigen? Ist mein Sohn keine Partie für Ihre Tochter, da doch heirathen kann der Ihre Rosalie, mein Kind?«
»Ich habe nur einen Sohn noch,« sagte stolz der Edelmann, »der Herr dort ist nicht mehr der meine. Komm Otto, unsere Geschäfte sind beendet!«
Er nickte kurz und vornehm zum Abschied und ging nach der Thür, die der Sohn ihm ehrerbietig öffnete. Stock und Hut hatte er während der ganzen Unterredung nicht aus der Hand gelegt.
Das Gesicht des Bankiers schien auf einmal seinen ganzen Ausdruck, ja seine ganze Form zu verändern; - nicht mehr der behäbig listig lächelnde Herr Jonas, sondern der schwarze Schmuel aus der Jakobsstraße, wie er dem alten Zuchthausgenossen gegenüber stand, schien in dem reichen Salon Unter den Linden zu stehen, so teuflisch blitzten seine Augen, so drohend war die Falte auf der niedern Stirn,
Der Major wollte eben aus der Thür schreiten, als ihn die kreischende Stimme des Hausherrn zurückhielt.
»Einen Augenblick, mein Herr - einen Augenblick, es handelt sich um Ihren ehrlichen Namen!«
Der alte Soldat wandte sich wie von einer Kugel
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getroffen um. »Meinen ehrlichen Namen? Schurke, wenn Sie es wagen, daran zu tasten, dann wehe Ihnen!«
»Was schmusen Sie von Schurken? wenn hier die Rede ist von Schurken, dann soll's treffen den Herrn Edelmann mit dem vornehmen Namen, der sich zu gewaltig dünkt, zu werden verwandt mit dem Jüd, während der Jüd ist ä ehrlicher Mann und das Blut und Fleisch vom Edelmann nicht! Herr Günther, kommen Sie herein!«
Der Veteran hatte zwei Schritte zurück in's Zimmer gethan, er stand zitternd und sehr bleich in dem Salon, aber er hielt mit der freien Hand den jungen Mann zurück, der in aufbrausendem Zorn den Beleidiger beim Kragen fassen wollte.
Die Seitenthür hatte sich geräuschlos geöffnet; Herr Günther, der Kommissionair, war eingetreten und blieb mitten zwischen beiden Parteien stehen, denn sowohl der Lieutenant als der junge Börsenjobber hatten sich unwillkürlich ihren Vätern genähert.
»Ruhe, Otto - ich befehle es Dir - ich, Dein Vater! Das geht mich an! - Was wollen Sie, Herr - was soll diese Sprache bedeuten?«
»Das soll bedeuten,« sagte der Bankier giftig, »daß sich der Hartmann Jonas anders besonnen hat und nicht zuläßt die Verlobung seiner Tochter mit einem Herrn Offizier von Habenichts, der wird sein infam gekassirt vom Regiment!«
»Herr Jonas ...«
»Still - Sie haben hier mitzureden gar Nischt! Die Rosalie wird heirathen den Itzig Pinkus aus Bentsche
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mit 100,000 Thalern, weil sie ist ä wohlerzognes Kind; der Herr von Röbel aber werden gehen in's Zuchthaus, weil der Herr von Röbel haben gemacht ä falschen Wechsel!«
»Das ist niederträchtig - das ist nicht wahr!«
»Ich werde doch beweisen, was ich hab gesagt. Herr Günther, Sie sind der Zeuge, Sie haben mir doch gebracht das Papier. Soll mir Gott helfen, hier stehts schwarz auf weiß! Ä Wechsel auf fünfhundert Thaler, ausgestellt vom dreißigsten Dezember vom Herrn Hauptmann von Röbel und acceptirt vom Herrn Lieutenant Grafen von Ringsheim.«
»Unserm unglücklichen Vetter?« frug der jüngere Röbel erstaunt.
»Sie wissen, Herr Jonas,« sagte der Lieutenant, »daß Sie mehr als einen Wechsel mit dem Accept meines Vetters in Königsberg discontirt haben, weil Sie sein Vermögen kannten, und daß alle richtig eingelöst worden sind. Nur der unglückliche Tod desselben ist schuld, daß es mit diesem nicht geschehen.«
Otto von Röbel athmete auf - aber schon der nächste Augenblick sollte seine Hoffnung zu Schanden machen.
Der Wucherer lachte hämisch auf. »Wissen der Herr Major von Röbel vielleicht, an welchem Datum der Herr Graf von Ringsheim in Königsberg im Duell erschossen worden ist?«
»Es war am 29. Dezember vorigen Jahrs,« sagte der jüngste Röbel hastig.
»Richtig, der junge Herr ist ein Salomon. Wenn
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also der Wechsel ausgestellt ist am Dreißigsten - muß sein die Unterschrift falsch, denn die Todten können nicht schreiben ein Aceept. Wer hat gefälscht die Unterschrift - wer?«
Der Lieutenant sank bei dem teuflischen Triumph, der sich auf dem Gesicht des Juden spiegelte, vernichtet auf einen Stuhl.
»Barmherziger Gott - mein Sohn ein Ehrloser, ein Fälscher!«
»Wenn der Herr Lieutenant von Röbel nicht mehr ist Ihr Sohn,« höhnte der Wucherer, »weil er wollte heirathen die Rosalie Jonas mit hunderttausend Thalern Mitgift, braucht er auch nicht zu sein Ihr Sohn, wenn er hat gemacht falsche Wechsel. Herr Günther, Sie haben mir gebracht den Wechsel am Sylvestertag, Sie werden sein der Zeuge. Wo ist die Denunciation an den Herrn Staatsanwalt, daß er sorgt für die Gerechtigkeit?«
»Hier!« - Der Kommissionair vermied, so schlecht er war, dabei auf den Greis zu sehen, der gebrochen, mit der Hand, aus der Hut und Stock gefallen war, auf die Lehne eines Stuhls gestützt, dastand, der Veteran, der in zehn blutigen Schlachten dem Feinde ohne Zucken des Auges getrotzt, der nie in seinem langen Leben ein Haar breit von dem Wege der Ehre und Redlichkeit gewichen war.
Otto von Röbel dachte mit Schaudern jener Sylvesternacht - des Geschäfts des Bruders - seiner damaligen Andeutungen.
»Ich bin in Besitz von noch tausend Thalern aus einem Legat meines Onkels,« sagte er vortretend, »nehmen
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Sie die Summe, mein Herr, und geben Sie mir das unglückliche Papier.«
Der Wucherer lachte spöttisch auf. »Sie sind meschukke, junger Herr! Wenn Sie mir geben zehntausend, ist es mir nicht feil für das Vergnügen, das ich hab' in dem Augenblick, mich zu rächen für die Beleidigung.«
»So haben Sie wenigstens Achtung vor diesem grauen Haar! welchen Nutzen könnte Ihnen eine solche schändliche Denunciation gewähren? Wir werden jedes Opfer bringen, die Vernichtung dieses Papiers zu erkaufen.«
»Achtung? was thu ich mit der Achtung! Die Familie will mir abkaufen das Papier? Hat die Familie von Röbel Geld? Nein! sie sind Bettler! ich will haben die Familie selbst zur Satisfaction, weil sie glaubt, sie wäre was Bessres als der Jud! - Die Sache ist eine Familiensache unter uns - wenn ich zerreiße dies Geschrift, ist der Name von Röbel so ehrlich wie zuvor und es bleibt Alles beim Alten und ich bei meinem Wort mit dem Verkauf. Herr Major von Röbel, der Hartwig35 Jonas bittet um die Hand Ihrer Fräulein Tochter für seinen Sohn Levy!«
Der alte Edelmann fuhr, wie aus einem Traum, empor. Er that zwei Schritte gegen den Offizier, der vernichtet, mit verhülltem Gesicht, in dem Sessel hing.
»Friedrich von Röbel,« sagte er eintönig - »hörst Du mich?«
Der Offizier zuckte empor, er warf einen flehenden Blick auf den Alten und streckte die Hand nach ihm aus. »Vater, verurtheile mich nicht, ehe Du mich gehört hast!«
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»Ich fürchtete längst, daß es dahin mit Dir kommen werde! - Beantworte meine Frage wenigstens als ein Mann. Rührt diese Unterschrift von Dir her?«
»Vater - ich hatte ein Recht dazu - ich habe dem Vetter ähnliche Gefälligkeiten erwiesen - nur sein Tod ...«
»Hast Du den Namen geschrieben?«
Er zögerte - endlich brachte er ein stockendes »Ja« über die Lippen.
»Also ein Fälscher - ein Röbel ein Ehrloser!« sagte der alte Mann mit schneidender Verachtung. »Gott im Himmel - und dieser Fälscher mein Sohn!«
Der Bankier schob seine Vermittelung ein. »Es ist nicht so schlimm, als es aussieht, Herr Major,« sagte er begütigend - »die Jugend ist leichtsinnig - es kann ja noch Alles geordnet werden, wenn Sie annehmen wollen meinen Vorschlag!«
Der alte Edelmann wandte sich schroff gegen ihn. »Wollen Sie Röbelsburg annehmen für die darauf lastenden Hypotheken gegen Rückgabe jenes Papiers?«
»Ich gebe fünfundneunzigtausend, aber nur im Fall der Heirath!«
»Ist das Ihr letztes Wort?«
»Mein allerletztes!« sagte der Jude brüsk.
Der Major von Röbel wandte sich nochmals an seinen älteren Sohn.
»Was sagst Du zu dieser Heirath? Willst Du Dich mit dem Opfer Deiner Schwester loskaufen?«
Der Offizier kämpfte sichtbar einen schweren Kampf in seinem Innern. Die Forderung des Wucherers war
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ihm selbst ganz unerwartet gekommen. Endlich sagte er zögernd, mit niedergeschlagenen Augen: »Nur, wenn Rosamunde selbst einwilligte ...«
Der Major hatte nur ein Wort. »Elender!« Dann kehrte er sich zu dem Juden. »Thun Sie, was Sie wollen. Rosamunde von Röbel ist nicht für den Sohn eines Zuchthäuslers! Kommt! - Du auch! ich befehle es, bei meinem Fluch!«
Er ging nochmals nach der Thür; der Wucherer warf sich ihm in den Weg - seine Augen sprühten Haß und Bosheit.
»So wahr ich Hartwig Jonas heiße, er soll gestoßen werden mit Schimpf aus dem Regiment!«
»Ich werde es verhindern!«
»Sie glauben, weil Sie sind ä Herr Von, wenn Sie auch Schulden haben bis über die Ohren - die Gesetze wären nicht für Sie! Aber die Zeiten sind vorbei - wir haben eine Constitution und ich werd's bringen in die Volkszeitung und in die Nationalzeitung und überall hin. Sie wollen ihm helfen zur Flucht! Gut! Aber es wird sich machen recht hübsch, wenn der Herr von Röbel verfolgt wird mit Steckbriefen in der Zeitung wegen Fälschung und Betrug!«
»Mensch! der Name meiner Ahnen in einem Steckbrief!«
Der Jude sah mit teuflischer Freude, daß er die wunde Stelle des Greises getroffen hatte. »Ich werde gehen sogleich zum Herrn Staatsanwalt. Und wenn Sie mich würden bitten jetzt auf den Knieen, ich würd's doch
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thun. Das Recht ist für Alle gleich, steht in der Verfassung! Der Herr von Röbel soll stehen vor dem Kriminalgericht oder im Steckbrief, und der Jude wird machen den Namen von Röbel so klein, so klein ...«
»Schurke!« Die kräftige Hand des jungen Edelmanns schleuderte den geifernden, kreischenden Wucherer zurück, während die Frau und Töchter auf den Lärmen in den Salon stürzten und stieß die Thür auf.
»Kommen Sie, mein Vater!«
Der Veteran schritt hinaus - nicht mehr den Kopf erhoben, sondern tief gesenkt; auf eine fast befehlende Geberde des jüngeren Bruders folgte ihm der Offizier, dann verließ Otto von Röbel, dessen strenger Blick währenddeß den Hausherrn stumm und in gehöriger Entfernung gehalten hatte, den Salon.
Die Thür hatte sich kaum geschlossen, als der Wucherer wie ein Besessener umhersprang und die lästerlichsten Flüche und Verwünschungen ausstieß. Der Vorschlag an den Major war einer seiner Lieblingspläne aus verschiedenen Ursachen und er hatte ein Mißlingen nicht für möglich gehalten nach den eben so schlauen, als niederträchtigen Manövern, mit denen er sein Opfer umgarnt hielt.
»Aber lieber Himmel, Jonas, was ist denn geschehen?« frug die dicke Frau - »Du bist ja so älterirt - warum kommen der Herr Major und der Herr Schwiegersohn nicht zum Theejünöh? Ich muß Dir sagen, Jonas, wenn ich wär die Rosalchen, hätt ich mir lieber genommen den Andern!«
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»Es hat sich was zu nehmen,« schrie der erzürnte Hausherr - »sie soll nehmen gar keinen von der Lumpenbagage, die Rosalie wird heirathen den Itzig Pinkus aus Bentsche! Punktum!«
Mutter und Tochter kreischten laut auf - die Letztere hielt es sogar für nöthig, auf dem Sopha in Ohnmacht zu fallen.
Aber Papa Jonas war keineswegs in der Stimmung, sich daran zu kehren, er tobte noch immer umher, wie ein angeschossener Eber.
»Günther - wo sind Sie? Kommen Sie her, hierher zu mir!«
Der Kommissionair, der ein stummer Zeuge der Scene gewesen war, eilte zu seinem Patron.
»Haben Sie gehört, was er gesagt hat, der hochmüthige alte Narr? aber ich will sie noch bringen selber über den Berg! - Sie werden gehn sogleich zum Staatsanwalt - hören Sie, zum Staatsanwalt, nicht zur Greiferei36, damit sie ihm nicht hilft durch - und werden einreichen die Denunciation mit dem faschen Wechsel!«
Der Kommissionair kraute sich verlegen hinter den Ohren.
Obschon er auf die andern Mitglieder der Familie Röbel nicht besonders gut zu sprechen war und sie sogar für den kleinen Unfall verantwortlich machte, der auch ihn »über den Berg« gebracht hatte, so hatte er doch die Gewohnheit, sich in einer Art von Verwandtschaft zu ihnen
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zu denken und der vielfache Verkehr mit den leichtsinnigen jungen Cavalieren, namentlich auch mit dem Lieutenant von Röbel, hatte ihm ein gewisses Faible für die Aristokratie eingeflößt, das ihn - nicht vor deren Ruinirung - aber vor solchen Maßregeln, wie der alte Einbrecher sie rachsüchtig jetzt ergriff, zögern ließ.
»Warum wollen Sie es nicht selbst thun, Herr Jonas?« sagte er vorsichtig - »Sie wissen besser mit den Herrn zu sprechen, als ich - und sie könnten mir unangenehme Fragen thun!«
Bei all' seiner Wuth und Erbitterung aber verlor Herr Hartmann Jonas doch keineswegs sein Interesse aus dem Auge. Er wußte sehr wohl, daß eine direkte Denunciation seinerseits so viel gewesen wäre, als in ein Wespennest zu stechen, dessen Bewohner dann alle sich gegen ihn gekehrt hätten. Der Esprit du Corps hätte die Cavaliere gezwungen, den Geschäftsverkehr mit ihm abzubrechen, der seine zweihundert Prozent abwarf. Mit dem Commissionair war das etwas anders, das war eine zu untergeordnete und zu gemeine Person, um in Betracht zu kommen und konnte auch nöthigenfalls ganz geopfert werden.
Er beeilte sich daher, alles Gift und alle Galle, die er vorhin nicht hatte auslassen können, auf sein unglückliches Werkzeug auszuschütten und befahl ihm, sofort nach dem Molkenmarkt zu gehen und die Denunciation einzureichen, mit der Drohung, sonst auf der Stelle jede weitere Verbindung mit ihm abzubrechen.
Das half natürlich und Herr Günther wanderte
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alsbald nach dem Molkenmarkt, bis zur Thür des alten unheimlichen Gebäudes von Jonas junior auf Ordre des Alten vorsorglich escortirt.


Otto von Röbel hatte den Arm seines Vaters genommen und führte ihn aus dem Hause. Er zog es vor, noch einen kurzen Gang mit ihm zu machen und die nöthigen Schritte zu besprechen, ehe er ihn nach dem Hôtel zu den Frauen geleitete.
So gingen sie die Linden hinauf - der alte Edelmann, der schon nach einigen Schritten seinen Arm dem Sohn wieder entzogen hatte, schweigend und düster, offenbar über einen Entschluß brütend. Der Offizier ging an des Bruders Seite, unruhig und finster.
Sie waren bis in die Nähe des mächtigen Denkmals, gekommen, das Rauch's Meisterhand dem großen König und seiner Tafelrunde geschaffen hat und das so leuchtend zwischen den Königspalästen steht, daß es gern der ruppigen Beleuchtung entbehren kann, welche die Berliner Stadtverordneten dafür votirt haben.
Auf der Rampe vor dem Palais des Prinz-Regenten hielt eine Equipage.
Der alte Edelmann blieb stehen - er schien seinen Entschluß gefaßt zu haben. Die Söhne folgten seinem Beispiel. Die Blicke Otto's hatten sich unwillkürlich nach dem Palais gewandt - rasch legte er die Hand auf den Arm seines Vaters.
»Sehen Sie, Vater! das ist der Fürst!«
»Welcher Fürst?«
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»Der Fürst Windischgrätz, der so freundlich gegen mich war, den Knaben, damals bei der Erstürmung von Wien!«
»In der That!«
Die beiden Posten auf der Rampe vor dem Palais hatten präsentirt. Aus den geöffneten Thürflügeln war ein alter Herr in Civil getreten, von einem Adjutanten begleitet. Es war in der That der fühere Generalissimus Feldmarschall Fürst Windischgrätz. Die zweiundsiebenzig Jahre, die er damals bereits zählte, hatten die hagere Gestalt des alten Helden nur leicht zu beugen vermocht, nur die Falten des gutmüthigen und doch so ernsten Gesichts waren noch tiefer und schwerer geworden.
Die Lakaien rissen den Wagenschlag auf, der Fürst stieg ein mit dem Offizier und die Equipage rasselte die Rampe hinunter und den Fahrweg an den Linden hinauf nach dem Hôtel Royal zu, wo der alte Held, den sein Kaiser in einer geheimen Mission nach Berlin gesandt hatte, abgestiegen war.
Als er an den drei Röbel vorüber kam und diese ihn ehrerbietig grüßten, nickte er freundlich zum Gegengruß.
Der Major wandte sich zu seinen Söhnen, aber er richtete seine Worte nur an den jüngeren.
»Kehre nach dem Hôtel zurück, Otto, kein Wort von dem, was vorgefallen! Dieser da wird Dich begleiten - Du verläßt ihn keinen Augenblick - Du haftest mir für ihn!«
»Ja Vater!«
»Geh! - In einer Stunde werde ich dort sein!«
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Er wandte sich mit einem kurzen Kopfnicken und ging auf die Rampe des Palais zu.
Otto von Röbel nahm den Arm des Bruders und führte ihn den Weg, den sie gekommen, zurück.
»Was soll das heißen, Otto - was will der Vater thun? wo geht er hin?«
»Du siehst es - zum Prinz-Regenten!«

Der Salon eines Veteranen.

Es lag eine traurige, düstere Stimmung über der Familie Röbel, als sie jetzt, - mit Ausnahme des Majors - in den zwei Zimmern des British-Hôtel versammelt war, die ihr Logis bildeten. Otto hatte natürlich von den Vorgängen geschwiegen, aber der Ernst des jüngeren, die verzweifelte Stimmung des älteren Bruders war trotz aller Mühe, sie zu verbergen, zu sichtbar, um nicht die beiden Frauen auf das Höchste zu beunruhigen. Wir haben uns bereits früher bemüht, dem Leser den Charakter der Edelfrau zu entwickeln: sanft, gutmüthig, - muthig und entschlossen nur in der Aufopferung für die Ihren, - den Willen, das Wort ihres Gatten als die unbedingte Entscheidung betrachtend, selbst wenn es ihr das Herz brechen mochte, - an ihren drei Kindern mit unsäglicher Liebe hängend.
Frau von Röbel empfand demnach die schrecklichste Angst - eine unbestimmte Ahnung ihrer feinconstruirten nervösen
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Natur sagte ihr, daß etwas Schreckliches im Werke sei. Aber alle ihre Fragen scheiterten an dem finstern Schweigen der Brüder.
Etwa eine Stunde nachher, nachdem er die Söhne Unter den Linden verlassen, kam der alte Major nach dem Hôtel zurück.
Die kurze Zeit hatte ihn merkwürdig verändert - seine - trotz des Alters - sonst noch feste gerade Haltung war auf einmal gebeugt und gebrochen, - die strengen Falten um Augen und Mund schienen noch tiefer, finsterer.
Rosamunde eilte ihm entgegen. »Vater, um Himmelswillen - bist Du krank?«
Auch die Majorin trat zu ihm, ihre gewöhnliche Schüchternheit überwindend; aber er wehrte Frau und Tochter zurück. »Laßt mich einen Augenblick - ich habe Nichts! - ich werde später mit Dir sprechen, Marie - jetzt habe ich ein dringendes Geschäft mit Denen da!« -
Er winkte den Brüdern nach dem Nebenzimmer und schloß hinter sich die Thür.
Dann trat er auf sie zu.
»Weißt Du, wo der Fürst Windischgrätz logirt?« frug er den Jüngsten.
»Im Hôtel Royal, Vater, ich sah den Wagen dort halten.«
»Glaubst Du, daß er sich Deiner erinnern würde, daß er Dir noch wohl will?«
»Ich hoffe es!«
»Wohl. Du wirst Dich sofort bei ihm melden lassen
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und ihn um ein Empfehlungsschreiben für den ehemaligen preußischen Lieutenant Friedrich von Röbel an den kommandirenden General in Italien bitten, damit ihm der sofortige Eintritt als Freiwilliger in eines der Feldregimenter gestattet wird.«
»Vater ...«
»Keine Widerrede! -« Er wandte sich an seinen älteren Sohn und zog ein Papier aus der Tasche. »Nimm!«
»Was ist das - ich beschwöre Sie, mein Vater -«
»Es ist Dein Abschied aus dem Dienst. Seine Königliche Hoheit, der Regent, haben ihn mir bewilligt. Es ist das Einzige, was er für mich thun konnte. Es wird wenigstens jetzt nicht ein Schandfleck für die Armee sein, wenn Dein Steckbrief in den Zeitungen steht. Es betrifft ja jetzt nicht mehr den Offizier - es betrifft nur die Familie Röbel!« - Es zitterte ein Klang von Bitterkeit durch seine Worte, in dem Ton seiner Stimme. Im nächsten Augenblick war auch das überwunden. - »Die Gerechtigkeit ist eine nothwendige Sache und die beschworene Verfassung sagt: Alle Preußen sind vor dem Gesetz gleich!« -
»Vater - ich ertrage das nicht länger! noch bleibt mir Gott sei Dank ein Weg, der Alles ausgleicht!«
»Und der wäre?«
»Eine Kugel vor den Kopf!«
Der alte Mann sah ihn mit Verachtung an. »Also ein Selbstmörder? - Das ist Eure ganze Kunst, Ihr Jünger der neuen und fortgeschrittenen Zeit! Keine Ehre im Leben und keinen Glauben im Tode. Du bist ein
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Christ, und das Gebot Gottes verbietet dem Christen, Hand an sein Leben zu legen!«
»Dann geben Sie mich also der Schande Preis?«
»Nein! Der Name von Röbel soll wenigstens nicht in den Registern der Zuchthäuser paradiren. Du hast meinen Willen gehört - Du wirst heute Abend nach Italien abreisen. Otto wird Dich bis Wien begleiten!«
»O Dank, tausend Dank Vater für diesen Ausweg. Ich schwöre Ihnen, daß ich jeden Leichtsinn von mir werfen, daß ich Ihrem Namen wenigstens auf dem Schlachtfelde keine Unehre machen werde!«
»Das wirst Du nicht, denn der Tod auf dem Schlachtfeld für das Königthum ist immer ein ehrenvoller!«
Die beiden Söhne sahen ihn an.
»Ein Röbel«, fuhr der Greis fort, und seine Stimme zitterte leicht, - »ein Röbel, der dem Zuchthause lebend gehört, kann unmöglich leben wollen. Als Christ darf er nicht die Hand an sich selbst legen. Du weißt jetzt, warum ich, Dein Vater, Dich nach Italien sende. Dem Lebenden müßte ich fluchen - dem Todten kann ich verzeihen. Du gehst, um zu sterben!«
Friedrich von Röbel senkte schweigend seine Stirn; seine Lippen waren krampfhaft auf einander gepreßt.
Dann fühlte er, daß eine Hand sich auf seine Schulter legte, - es war die Hand seines Bruders.
»Vater,« sagte der junge Mann ruhig und fest, - »ich wage es nicht, Ihrer Entscheidung zu widersprechen, aber ich habe Sie, ehe ich zu dem Fürsten gehe, meinerseits um Etwas zu bitten.«
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»Was ist es?«
»Um die Erlaubniß, meinen Bruder Friedrich nicht bis Wien, sondern auf das Schlachtfeld begleiten zu dürfen. Wir haben an einer Brust gelegen, und als Knaben unsere Freuden und Leiden getheilt. Friedrich von Röbel soll jener schweren Stunde nicht entgegen treten, ohne daß sein einziger Bruder an seiner Seite steht! Will es Gott, daß zwei Röbel fallen, so wird die Ehrenschuld des Einen doppelt bezahlt sein!«
Das Herz des leichtsinnigen Mannes brach - heiße Thränen stürzten unaufhaltsam aus seinen Augen, als er sich in die Arme des Bruders warf.
Der Major hatte sich nach dem Fenster gewandt - die welke zitternde Hand verhüllte sein Gesicht.


Wir führen den Leser in einen andern Salon - in den Salon eines preußischen Veteranen.
Mit dem Recht der Unsichtbarkeit, das der Schriftsteller hat und das ziemlich das einzige ihm unbestrittene ist, nehmen wir Dich, Leser, an die Hand und führen Dich die breite Treppe hinauf in dem Hause, vor dem zwei Schildwachen ihren einförmigen Gang halten. Hand in Hand treten wir in den großen Saal, der das Vorgemach bildet zu der Reihe der vorderen Zimmer.
Einige Gemälde bilden allein seine Decoration. Dort rechts an der Wand hängt das lebensgroße Bild eines
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Mannes mit edlem, braunem Gesicht und befehlendem Auge, die große stattliche Gestalt in den knappen, schwarzen Soldatenrock gekleidet, der jedem Deutschen wohlbekannt ist von Quatre Bras! Es ist Einer vom Stamm der Welfen - der Herzog von Braunschweig, der Letzte des alten Heldengeschlechts! Wer wird künftig wohnen in der Burg Heinrich des Löwen?
Neben dem letzten Welf hängt einer seiner Ahnen - weiterhin auch ein Herzog, - aber kein Welfe!
An der Thürwand ist ein großes Bild - die Zeitungen haben seiner Zeit davon erzählt. Die Offiziere des 3ten Armeecorps schenkten es ihrem alten Chef am Tage, an dem er sechszig Jahre das Preußische Reiterschwert führte. Es zeigt eines der großen Reiter-Manövre, mit denen der preußische Feldmarschall die ritterliche Waffe wieder zu ihrer vollen Massenwucht im Kriegssturm herangebildet hat. Dort in der Mitte des Bildes hält er selbst und um ihn herum all die bekannten Soldatengesichter! - Die Thür öffnet sich - treten wir ein.
Da, links vom Salon, ist auch eine Ahnen-Gallerie - freilich aus der modernen Zeit und doch alt und ehrwürdig! Die ernste dunkle Rittergestalt dort im Hintergrund, der schwedische Feldmarschall, hat bereits seinem Enkel, dem preußischen, den Weg gezeigt über die Eider und Schlei - und die Dänen geklopft zu Wasser und zu Land. Was er an Brandenburg versündigt, das hat sein Enkel gesühnt. Die eiserne Hand des großen Kurfürsten strafte es überdies bei Rathenow und Fehrbellin und zerriß den Schweden den Siegeskranz von Femarn, Zusmarshausen
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und Warschau. - Hier der Malteserritter mit dem frischen kühnen Gesicht, in den dunklen Rittermantel gehüllt, - von Mademoiselle Bardoi gemalt - wer würde da glauben, daß der junge Kürassiermajor von 1814, der bei Etoges sich mit seinem Regiment durch den Feind hieb, wie drüben die Skizze zeigt, der faltige alte Feldmarschall ist, dessen Bild von Krügers Meisterhand gemalt dort unter den andern Familienbildern hängt über dem Dom der alten Wiedertäuferstadt Münster, wo zum ersten Mal der freche Aufstand seine feste Hand fühlte, damals, als der Erzbischof von Köln König von Preußen spielen wollte.
Auch das Nebenzimmer ist ernsten Erinnerungen geweiht. Dort steht das Geschenk eines großen Todten; - Kaiser Nicolaus - der eherne Kaiser, der auf dem Bett den Heldentod für sein Land starb, sandte ihm die Silbervase mit den Schlachtgruppen von Heilsberg und Etoges an seinem fünfzigsten Soldatentag, die Vase und den Marschallstab, und darunter liegt das silberne Porte-d'epee, die Reliquie des Todten. Drüben aber im Salon hängt sein Bild mit den großen durchbohrenden Kaiseraugen, die er so oft freundlich und dankend gerichtet hat auf den preußischen Reitergeneral, der auch die Rebellion hielt unter eiserner Faust.
Auch ein anderer großer Todter ist da - kein Fürst, aber ein Held, der seinem Fürsten den starken Arm bot und ihm festhielt die eiserne Krone der Lombardei, bis er selbst auf dem Paradebette lag des undankbaren Mailand. - »Radetzky« ist es, der Heldengraf, der sein Bild dem alten Waffenfreunde geschenkt hat.
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Von Erinnerungen zu Erinnerungen! Es ist ein Stück preußische Geschichte, die hier zusammengedrängt ist in dem einfach geschmackvollen Salon. Zwei Kamine erwärmen ihn, wenn draußen der Wintersturm tobt. Ueber dem einen hängen die schönen Bilder König Friedrich Wilhelm's IV. und seiner Königin Elisabeth, daneben König Friedrich Wilhelm's III. und seines Generals »Drauf!«, Blüchers - des Marschall »Vorwärts!« Daneben stehen die schönen Bronzegruppen von Drake's St. Georg im Kampf gegen den Drachen und des Erzengel Michael aus dem Babelsberger Schloß, Geschenke der Königin und des Kronprinzlichen Paars - in dem Kamin, aber liegt ein großer Steinkohlenblock und darauf steht mit einfacher Schrift: »Glück auf dem Vater Wrangel! 1849.«
Eine charakteristische, vielleicht Wenigen bisher bekannte Anekdote verknüpft sich mit dem Kohlenblock. Es war im Frühjahr des oben bezeichneten Jahres, als es den Bergleuten eines Kohlenschachtes bei Waldenburg in Schlesien einfiel, auch ein Wenig Rebellion zu spielen. Sie weigerten die Arbeit, zerschlugen die Geräthe und vertrieben den Besitzer. Dieser wußte sich nicht anders zu helfen, als daß er in der Gegend das Gerücht verbreitete, General Wrangel in Berlin habe die Bergwerke gekauft und werde in Kurzem hinkommen. Ueber den Eingang wurde: Wrangel-Schacht geschrieben. - Kaum hörten die Revoltanten das Gerücht, so war es mit ihrer Courage vorbei, sie schickten geschwind eine Deputation an ihren bisherigen Brodherrn, erklärten, daß sie gerne wieder arbeiten wollten und baten um Himmelswillen, den Kauf wieder rückgängig zu machen,
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damit nur »der olle Tüfel aus Berlin« nicht hinkäme! -
Der Bergwerksbesitzer aber, hocherfreut über den Erfolg seiner List, ließ von den bekehrten Knappen jenen Block aushauen und schickte ihn an den General, der ihn zum Andenken aufbewahrt hat.
Auf dem Kohlenblock liegt ein antikes Marmorgebild - ein Medusenhaupt. Die revoltirenden Redifs in Smyrna ließen es für den »Brennibor-Pascha«, als sie den ihren erschlugen und den Sarkophag zertrümmerten, zu dem es gehörte. Auf der Platte des Kamins aber liegt ein anderer Stein: ein Stück vom Wrangelthurm an der preußischen Ostmark, - in Königsberg!
Selten wohl sieht man ein so scharfes gewaltiges Bild des großen Königs, des »Alten Fritz«, als da von der Wand auf all' die andern Heldengestalten herunterschaut, und ernst zu nicken scheint, daß der dritte Kriegsherr des alten Reitergenerals, König Wilhelm dort über dem zweiten Kamin einen York und Gneisenau nicht blos im Bilde zur Seite hat! Sinnig hat der König seinem Reitergeneral sein Portrait auch gerade in Reiteruniform geschickt! Die festen Soldatengesichter sehen recht seltsam zu der Madonna della Sedia in ihrer Gesellschaft. Da liegt auch die Erinnerung an das Jubiläum des Ordens pour le mérite, den der 23jährige Dragoner-Lieutenant sich bei Heilsberg aus den Franzosen heraushieb. Daneben unter dem vorhin erwähnten Bild des Kaiser Nicolaus, hängt ein anderes - eine öde Gegend - ein Hünengrab darauf! Es ist der Hügel, den ein anderer Romanoff, Peter der Große, über den Leichen der Schweden und
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Russen nach der grimmen Schlacht von Pultawa thürmen ließ, und zwanzig Wrangel liegen unter jenem Hügel. Der Gouverneur von Poltawa schenkte es seinem Namensvetter, dem preußischen Feldmarschall, als dieser im September 1852 an diesem Hügel stand. Das einfache, aber merkwürdige Reiterbild des Schwedenkönigs, Karl XII., paßt dazu! -
Licht und hell unter diesen blutigen Erinnerungen steht die schöne Marmorbüste der Kronprinzessin mit dem einfachen Kornblumenkranz geschmückt und ihr sinniges Geschenk an den alten Maltheser, der gelbe Marmorstein von Malta mit dem Kreuz. Die Hand der Prinzessin Carl hat ihre Jubiläumsgabe daneben gestellt, den wunderbar schönen Leuchter von dem seltenen rothen Marmor. Drüben an der Fensterwand steht aus dem Kreise der Paladine, die den Weg zum Throne bewachten: Brandenburgs, des edlen Grafen Büste. Des Prinzen Albrecht Dragonerbild, die Erinnerungen aus Pompeji, das Bild des Prinzen, dem der alte Held fünf Jahre später den lorbeerumflochtenen Kommandostab reichen sollte, und die prächtigen Albums und Bürgerbriefe von Berlin, Rathenow, Stettin und Pollnow und hundert andere Erinnerungen bedecken die Tische umher. Bald, in Jahresfrist, werden sich ihnen die sinnigen schönen Gaben zum goldenen Hochzeitsfest anreihen!
In diese Räume, Leser, haben wir Dich geführt, um den Schmutz der vorigen Umgebung aus Deinen Erinnerungen zu wischen. -
In dem größeren Salon befinden sich in diesem Augenblick zwei Greise - nein, nicht zwei Greise, zwei alte Leute, - sondern zwei jener Männer, die alt geworden an Jahren und an Erfahrung, aber jung geblieben im warmen Herzen und frischen Geist, und denen Gott der Herr gleichsam zum Wahrzeichen für die jüngeren körperlich und geistig markloseren Geschlechter zu ihrer ehernen Seele auch Muskeln von Stahl und Leiber von Eisen gegeben hat, an denen die Marken der Zeit keine
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Macht zu haben scheinen, bis der Herr sagt: Bis hierher, nicht weiter!
Diese beiden Männer, - der eine 75, der andere 72 Jahre - sind die Repräsentanten der unbefleckten Ehre, des nie gebeugten Muthes und der unverbrüchlichen Treue, Paladine des deutschen Königthums von Gottes Gnaden - der eine am Thron des Doppeladlers, der andere die eiserne Hand am Reichsschwert der Aare, die ihren Flug glorreich vom Felsen zum Meere genommen - die wahren Feldmarschälle und Schildhalter Preußens und Oesterreichs gegen die Legion der Untreue und der Empörung!
Es herrscht eine seltsame Uebereinstimmung zwischen den beiden Männern und ihrem Wirken, - nur ist der Preuße, der Aeltere, der Rüstigere, auch der Glücklichere. Aus seiner Jugend schon leuchtet eine Heldenzeit herüber mit den Namen: Heilsberg, Haynau, Groß-Görschen, Leipzig, Montmirail, Champaubert, Laou! Die Erinnerungen an den Wald von Etoges und an den Wald von Beaumont sind es vielleicht, die ihn noch zum rüstigen Jägersmann in den grünen Wäldern der Mark machen - und kein Mißlingen hat das Vertrauen der Gekrönten prüfen und erschüttern können, denen er sein Leben geweiht und sein Blut vergossen hat; denn seine Ehren sind mit ihm gewachsen in unverändertem Glück und seine Treue hat selbst den Haß seiner Feinde besiegt! Wie er dem Königthum, so ist das Königthum ihm treu geblieben und selbst die Wetterlaunen der Volksgunst fetern seinen Abend!
Wir sind beiden Veteranen schon früher in unserm Buche begegnet - damals auf dem Belvedere von Wien37 - damals im Park von Charlottenburg, als der alte Soldat seinen König bewachte und von ihm gejagt wurde. Es sind dem Leser bekannte Gestalten, ohne daß wir ihren Namen zu nennen brauchen.
Vor den beiden Veteranen auf dem Tisch liegt eine Karte, auf welche der Eine wiederholt bei seiner Rede
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hinweist. Es ist die Karte der Lombardei und Venetiens. Die Stirn des österreichischen Feldherrn und Diplomaten ist sehr sorgenvoll, das offene, martialische Gesicht des Andern mit dem spitz in die Höhe gedrehten Schnur[r]bart freundlich und zuversichtlich.
»Ich gehe mit schwerem Herzen nach Wien zurück, Herr Kamerad,« sagte der Oesterreicher. »Ich muß Ihnen allerdings Recht geben, daß Oesterreich bei den unglückseligen Zerwürfnissen von Warschau und Ollmütz und in Dresden nicht so gegen Preußen gehandelt hat, als es hätte thun sollen, und daß die Schuld des Bruchs jenes großen Gedankens, der heiligen Alliance, die so lange Europa den Frieden gesichert hat, sich jetzt schwer an uns rächt. Aber Schwarzenberg ist todt - und meine Mission hierher ist der Rath eines Sterbenden, der immer in dem festen Zusammengehen Oesterreich und Preußens nicht blos das Heil Deutschlands erkannt hat. Das Telegramm von heute Morgen meldet den Tod des Fürsten Staatskanzler38 - aber sein Geist soll uns bleiben. Der Kaiser ist bereit, jede Forderung Seiner Königlichen Hoheit in Betreff des Oberkommando's der Bundestruppen zu genehmigen. Aber Ihre Regierung darf sich auch nicht über die Gefahren täuschen, die auch ihr drohen.«
»Durchlaucht,« sagte der Preuße, »wir wissen sehr gut, daß uns man von Frankreich noch nie was Gescheut's gekommen ist - aber von Oesterreich auch nicht viel!«
»Hören Sie mich an, Excellenz,« sprach der Andere eifrig. »Sie können in kleinlicher Rache für begangene Fehler, wie es Rußland thut, unmöglich wollen, daß Oesterreich geschwächt wird. Der Kampf, den wir jetzt kämpfen, ist nicht ein Streit um die Lombardei. Lebte Der dort noch, unser alter Freund,« es wies nach dem Bilde Radetzki's, »wir hätten auch die nicht verloren. Es ist ein Racenkampf, der Krieg des Romanismus gegen das Germanenthum, und über uns hinweg reichen sich Frankreich und
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Rußland die Hand. Der König Victor Emanuel ist für die Pläne in Paris nur die Puppe. Wird Oesterreich von seinem Vorposten im Süden der Alpen zurückgedrängt, so ist ganz Süddeutschland dem Andrang des Romanismus, das heißt der ewigen Revolution geöffnet. Das Festungsviereck von Peschiera, Mantua, Verona und Legnano deckt allein die Pässe nach Deutschland durch Tyrol und selbst durch die Carnischen Alpen. Der Sieg des Romanismus in Italien ist nichts Anderes, als das Signal auch für die griechischen und slavischen Stämme. Wir drei - Preußen, Oesterreich und England müssen treu zusammenstehen, wenn das Gleichgewicht in Europa festgehalten und nicht eine zweite napoleonische Herrschaft mit Rußland sich in Europa theilen soll. England sieht die Gefahr sehr wohl, aber der indische Krieg macht es in diesem Augenblick schwach. Steht Preußen aber zu Oesterreich, so wird die Gefahr wenigstens abgewendet bis wir zu dem großen Kampfe gerüstet sind, der einmal doch kommen muß! Baiern und die Kleinstaaten sind bereit, eine Bundesarmee am Oberrhein aufzustellen - aber das ist nutzlos, wenn Preußen nicht sein Schwert in die Wagschaale wirft. Oesterreich verlangt jetzt Preußens Beistand - wird Preußen Oesterreich im Stich lassen gegen den gemeinsamen Feind?«
Der alte Feldmarschall sah lächelnd auf den Fürsten.
»Schwerenoth, Durchlaucht,« sagte er herzlich, »für was hatten wir denn zusammen bei Leipzig geschlagen? Ich sage Ihnen, der Prinz ist man ein ganzer Soldat, und was der arme König gethan hätte, das wird er auch thun, trotz aller neuen Aera und wie der Schnickschnack sonst heißt! Danken Sie's unserer lieben Elisabeth! denn schlecht, Durchlaucht, haben Sie doch nun einmal an uns gehandelt und wenn's auch bloß mit dem verfluchten Neuchâtel gewesen wäre!«
Der Fürst streckte ihm erfreut die Hand über den Tisch entgegen. »Ich denke, Excellenz, das läßt sich ausgleichen im Norden. Ich hoffe, daß unsere Fahnen zusammen noch einmal an der Eider wehen!«
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Der alte Reitergeneral schüttelte ihm die Hand. »Ich bin kein Diplomat, wie Sie, Durchlaucht,« sagte er biederherzig, »dergleichen Versprechungen müssen Sie den Herren Ministern am grünen Tisch sagen. Aber der Teufel soll mir holen, wenn es mir nicht gerade so viel Freude machen sollte, noch ein Mal droben in Schleswig die Dänen zu klopfen, wie die Franzosen, und meinetwegen mögen die Oesterreicher auch dabei sein, obschons nicht nöthig ist, bloß damit die Andern 's Maul halten. Reisen Sie mit Gott, Durchlaucht, und wenn's Ihnen eine bessere Fahrt machen kann,« er war mit dem Fürsten aufgestanden und hatte von einem andern Tisch ein Papier genommen, das er ihm reichte - »so lesen Sie immerhin das da! Ich werd's verantworten!«
Der Fürst hatte nur einen Blick auf das entfaltete Papier geworfen, dann sah er freudig erschrocken in die munter leuchtenden Augen des preußischen Veteranen.
»Wie - Excellenz - ist es wahr? Sie zum Befehlshaber der Main-Armee?«
»Still, still, Durchlaucht,« sagte lächelnd der Veteran, seinen Finger erhebend, - »morgen ist auch noch ein Tag und wir alten Knaben dürfen nicht aus der Schule plaudern. - Glückliche Reise, Durchlaucht - und, à propos,«, - ein alter Kamerad von uns, von 1813 und 1814, ist vor einer Stunde bei mir gewesen und will seine Söhne zu Ihrer Armee schicken. Dem Jüngsten habe ich Landwehr-Urlaub gegeben, der Aeltere hat seinen Abschied. Es ist eine verfluchtige Geschichte, aber es läßt sich nicht ändern! Diese Halunken ruiniren mir noch die ganze Armee! Wenn Sie ihnen eine Empfehlung geben können, so thun Sie's, der Alte verdient es und er jammert mich in der Seele!«
Der Fürst entgegnete, daß er es bereits gethan und schied sichtlich erfreut und beruhigt. Der preußische Veteran begleitete ihn bis zum Wagen. Als er zurückkam, fand er in seinem Arbeitszimmer einen höheren Offizier, welcher zu seinem Truppentheil, einer Cavallerie-Abtheilung, ging und sich verabschieden wollte. Der alte Reiter-General trat
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auf ihn zu - er war wieder ganz der stramme, straffe Kommandeur. »Kennen Sie die Kabinetsordre Friedrich des Großen vom 10. Juni 1764, Herr Oberstlieutenant?« - Der Offizier schweigt etwas verlegen. - »Nun, dann will ich sie Ihnen zur Richtschnur sagen: ›Die preußische Cavallerie läßt sich nicht angreifen, weil sie immer zuerst angegriffen hat!‹ Und jetzt Gott befohlen; wir sehen uns als wackere Soldaten wieder; sollte es aber auf Erden nicht mehr sein - nun, dann ist auch Nichts daran gelegen!« - - - Zwei Tage darauf wurde der Befehl zur
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Mobilmachung von sechs preußischen Armeecorps bekannt.


Es ist gleich 11 Uhr Abends - bereits hat die Glocke zum ersten Mal das Zeichen für den Breslauer Schnellzug gegeben - denselben, der nach Wien, nach Italien führt.
Es ist ein hastig Getreibe, ein Drängen und Stoßen auf dem Perron und am Eingang, denn jeden Augenblick rasseln noch Droschken heran und bringen verspätete Reisende.
Draußen auf der Straße unter dem Sternenhimmel, nicht in der Athmosphäre[Atmosphäre] des Wartezimmers, stehen drei Männer - ein Greis und zwei jüngere, in der Vollkraft des Lebens - es ist der Major mit seinen beiden Söhnen.
Die Söhne selbst haben die Begleitung von Mutter und Schwester verweigert. Die Frauen wissen nur, daß der Offizier, um jene Heirath abzubrechen, die Erlaubniß erhalten hat, zur Armee nach Italien zu gehen, und daß Otto ihn begleiten will. Dennoch ist der Abschied schwer und herzzerreißend genug gewesen; welches Mutterherz ließe sich auch täuschen?
Ihr weniges Gepäck ist übergeben, die Plätze sind belegt - sie selbst haben den Vater gebeten, hier allein von ihnen zu scheiden, nicht im Gewühl der Menge.
Da stehen sie - die drei Letzten eines alten treuen und ehrenfesten Geschlechts - die Träger eines Jahrhunderte lang unbefleckten Namens, durch den Gott der modernen Zeit, das Geld, dem Untergang geweiht. Der
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Jüngste liegt an der Brust des alten Mannes - der Schuldige steht finster und stumm neben ihnen.
Da schallt die Glocke zum zweiten Mal!
»Vater - laß ihn nicht so scheiden!«
Und das Vaterherz ist stärker, Zorn und Leid - ein dumpfes Schluchzen bricht sich aus der Brust des alten Mannes den Weg und er legt die zitternden Hände auf das sich in Thränen beugende Haupt des schuldigen Kindes. »Gott vergebe Dir, Sohn, wie Dein Vater Dir vergiebt aus vollem Herzen, und stehe Dir bei in der schweren Stunde, die Alles sühnt!« Er drückt das Haupt des Sohnes an seine Brust und zwei schwere Thränen fallen darauf nieder. Dann reißt er sich los aus ihren Armen - er winkt mit der Hand nach der Bahn - er verschwindet im Dunkel! -
Otto von Röbel zieht den Bruder, der kaum sich aufrecht zu halten vermag, mit sich fort.
Wenige Augenblicke darauf schallt die Glocke zum dritten Mal - der gellende Pfiff der Locomotive schneidet durch die Luft - der Zug rasselt davon.
Unter dem Nachthimmel aber steht ein einsamer Vater - die Hände gefalten - das Auge zu den Steinen erhoben.
»Vater, dort oben, vergieb uns Allen unsre Schuld, und laß ihn enden, treu und mit Ehren, wie ein Röbel sterben soll!«

Footnotes:

1»Zehn Jahre«, II. Band, S. 244.
2»Magenta und Solferino« I. Band, S. 60 u. folg..
3Nach Beendigung des vorliegenden Werkes wird der Herr Verfasser alsbald die Fortsetzung seiner Darstellung der Tagesgeschichte folgen lassen in dem Buch: »Gaëta. - Warschau. - Düppel. - Historisch-Politischer Roman in drei Abtheilungen von Sir John Retcliffe, Verfasser des Romans »Sebastopol.«
Der Unterzeichnete benutzt die Gelegenheit, um nochmals der literarischen - Speculation auf den Namen des Autors gegenüber darauf aufmerksam zu machen, daß nur die Romane »Sebastopol«, »Nena Sahib«, »Villafranca«, »Zehn Jahre«, »Magenta und Solferino« und »Puebla« von diesem herrühren und andere unter dem Pseudonamen »Retcliffe« neuerdings verbreitete Schriften nicht von ihm geschrieben sind.
       *2cmDer Verleger: C. S. Liebrecht.
4»Zehn Jahre«, III. Band, S. 211.
5Ein Lieblingsgericht in den römischen Restaurationen.
6Einbrecher.
7Villafranca, II. Theil S. 86.
8II. Band. S. 303.
9Anmerkung HP: Graf Franz Gyulay von Máros-Nemeth und Nádaska
10Der Prinz Napoleon mit dem 5. Corps. General Ulloa war nach Ausbruch der Revolution in Toscana und Modena mit der Bildung einer gleichen Freischaar wie Garibaldi im Norden beauftragt.
11Bekanntlich wurden damals von mehreren rheinischen Vereinen antifranzösische Demonstrationen gemacht.
12Villafranca, I. Abtheilung 2. Band. S. 153.
13Jungfernschaft.
14Liebhabern.
15Konrad.
1659. Infant.-Reg. (Salzburg) Erzherzog Rainer, schon 1682 errichtet.
17Eine österreichische Bataillons-Division besteht aus 2 Kompagnieen. Das Bataillon hat 3 Divisionen.
18Ein Bild aus dem Verlag der K. K. Hof- und Staatsdruckerei in Wien ehrt diese That.
19Belieben Sie!
20Prinz Alexander von Hessen und bei Rhein.
21Der Wirth des Hôtel d'Horloge am Marcus-Platz.
22Der Souschef des Stabes.
23»Zehn Jahre« II. Band, 1. Kap.
24Villafranca, II. Band, Seite 198.
25Graf Baraguay d'Hilliers verlor 1813, erst 18 Jahr alt, die linke Hand.
26Die folgende Anekdote ist characteristisch. Man fragte einen der Freischärler, wie viel Sold er täglich erhalte. »Ah - sechs Soldi (Kreuzer) täglich,« war die Antwort. »Aber es genügt, denn ich bekomme täglich 200 Lires von Hause!«
27Etwa vier deutsche Meilen.
28O wollte Gott! möchte doch der Tag kommen!
29Ein Bild im Verlag der K. K. Staatsdruckerei in Wien. »Heldenzüge aus dem Jahre 1859« zeigt den Moment.
30Heldenzüge aus dem Jahr 1859. Verlag der K. K. Staatsdruckerei.
31Bild der Staatsdruckerei in Wien.
32Der Ruhm von Magenta war es, der dem glorreichen Regiment seitens der Berliner, eine so glänzende Aufnahme bei seinem Durchmarsch nach Schleswig am 25. Januar 1864 verschaffte. Die Tochter des Verfassers hatte die Freude, im Namen der preußischen Landsmänninnen dem edlen Führer ein Glas zu bringen auf das Wohl seiner Tapfern, deren Blüthe wenige Tage darauf die Schneefelder von Oeversee decken sollte!
33Erbarmen! Hilfe! Rettung!
34Pfarrer.
35Anmerkung HP: Die Namen Hartmann und Hartwig wechseln ab.
36Die Kriminalpolizei.
37Villafranca II. Bd.
38Fürst Metternich, f am 11. Juni.




Werke von Sir John Retcliffe