Villafranca
oder
Die Kabinete und die Revolutionen.
von
Sir John Retcliffe
(Verfasser des Romans »Sebastopol.«)
Vierte und letzte Abtheilung:
Solferino
Historisch-politischer Roman aus der Gegenwart
(Nachtrag zu »Magenta und Solferino.«)
Dritter Abschnitt.
Ein Provisorium!

Die Villa am See.

Die Folge der Schlacht bei Magenta war die völlige Räumung der Lombardei und das Zurückgehen der österreichischen Armee auf die Mincio-Linie, das heißt auf die Stütze des bekannten Festungsvierecks.
Dies geschah natürlich nicht so rasch und nicht ohne einzelne Kämpfe. Von diesen war der bei Melegnano der wichtigste und blutigste.
Wie am Schluß der vorigen Abtheilung erwähnt worden, war das Hauptquartier zunächst nach Binasco verlegt worden, nachdem sich der Generalfeldzeugmeister trotz der Ankunft der frischen Truppen, der günstigen Gelegenheit und der Desorganisation des Feindes gegen den Rath der meisten Generale entschlossen hatte, die Schlacht nicht wieder aufzunehmen und sie somit verloren zu geben. Als Rückzugspunkt wurde zunächst Lodi und die Addalinie angegeben, die auch in den früheren Kriegen der Oesterreicher und Franzosen eine bedeutende Rolle gespielt hat. Pavia und Piacenza wurden verlassen, vieles Kriegsmaterial und eine Menge Proviant zurückgelassen.
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Der Rückzug an die Adda geschah, ohne daß bis zum 8. Juni auch nur ein französisches Corps zu erblicken war oder gar die Verfolgung wagte.
Erst am 6. Juni, als der Abmarsch der Oesterreicher sicher war, verlegte der Kaiser Napoleon sein Hauptquartier nach Magenta; am 7ten rückte Mac Mahon in Mailand ein, am Tage darauf hielt unter dem Jubel der Bevölkerung, die sich seit vier Tagen und vier Nächten in einem unaufhörlichen Taumel befand, der Kaiser an der Spitze der Garden mit dem König Victor Emanuel seinen Einzug.
Von hier aus erhielten das 1. und 2te Corps (Baraguay d'Hilliers und Mac Mahon) den Befehl, die Oesterreicher aus Melegnano zu verdrängen, das die Brigade Roden zur Deckung des Rückzugs besetzt hielt. Fünf französische Divisionen suchten hier die einzige österreichische Brigade zu umzingeln und zu erdrücken, stießen aber auf einen heldenmüthigen Widerstand. Das erste Zuaven-Regiment erstürmte die Barrikaden am Eingang des Orts und den Kirchhof - die 2te französische Division drang von San Brera her in die Stadt und drängte die Szluiner Gränzer nach dem Marktplatz, während die Brigade Ladmirault die Brücke über den Lambro und sechs Geschütze nahm. Von ihrer Rückzugslinie über den Fluß abgeschnitten, von allen Seiten eingeschlossen, blieb dem tapfern Regiment Kronprinz von Sachsen Nr. 11 Nichts übrig, als sich zu ergeben oder bis zum letzten Mann zu fechten. Sein tapferer Kommandeur, Oberst Plankenstein, wählte das Letztere. Von dem Gemetzel, was auf dem Marktplatz der berühmten Schlachtstätte - Melegnano ist das Marignano, bei
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welchem am 13. und 14. September 1515 König Franz I. die Schlacht gegen die Schweizer schlug, und das im Frühjahr 1848 bei Radetzky's Rückzug von Mailand die tollkühnen Einwohner sperrten, bis der Sturm und die Plünderung ihr Lohn ward - erzählten die Pariser Journale selbst so abscheuliche Einzelnheiten, daß es ihnen verboten wurde, dergleichen zu wiederholen. Die Oesterreicher schlugen sich in dem Verzweiflungskampf, jeder Mann ein Held, gegen die Uebermacht. Das 33ste französische Regiment war in der größten Gefahr, seinen Adler zu verlieren, nur die Aufopferung der Offiziere und Soldaten befreiten ihn. Aber die französische Uebermacht war zu gewaltig - fast der fünfte Mann der Oesterreicher war todt und verwundet; - um die Fahnen zu retten, warfen sich zwei Offiziere mit ihnen in den reißenden Lambro und durchschwammen den Fluß - das brave Regiment gab sich bereits verloren, als die Brigade Boer von Lodi her im entscheidenden Augenblick eintraf und die Lambro-Brücke und die verlornen Geschütze wieder nahm. General Boer und sein Adjutant wurden dabei erschossen, aber unter dem Beistand des Regiments Miguel gelang es dem Rest des tapfern Regiments Sachsen das linke Ufer zu erreichen. Bis nach 8 Uhr wüthete der Straßenkampf, erst ein heftiges Gewitter und die Dunkelheit machten ihm ein Ende.
Wie wüthend der Kampf gewesen, zeigt, daß trotz der geringen Truppenzahl, die wirklich zum Gefecht kam - von den Franzosen drei, von Seiten der Oesterreicher zwei Brigaden - der Verlust der erstern allein 15 todte und
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56 verwundete Offiziere, darunter zwei Generale betrug. Die Division Bazaine verlor allein 800 Mann.
Nach dem Treffen von Melegnano wurde alsbald der Rückzug der Oesterreicher gegen den Mincio und Chiese fortgesetzt, am 10ten die Brücke bei Pizzighettone und Lodi zerstört, am 16ten stand die Armee bereits wieder schlagfertig am Chiese, auf den Gardasee, Peschiera und Mantua gestützt; kampflustig und bereit zu schlagen, wie der Feldmarschalllieutenant Ramming bereits am 14ten im kaiserlichen Hauptquartier zu Verona meldete, und in der That bestand auch Anfangs, auf den Rath von Heß, die Absicht, von hier aus wieder die Offensive zu ergreifen.
Aber leider verhinderte das Schwanken der Meinungen den wirklichen Entschluß.
Der einzige Gewinn der Armee war die Entlassung des Grafen Gyulai.1 Selbst seine Beschützer fühlten, daß er nicht länger zu halten war und der allgemeinen Mißstimmung und dem erschütterten Vertrauen ein Opfer gebracht werden mußte. Am 16. Juni ward der Feldzeugmeister zum Kaiser nach Villafranca berufen und bat hier um seine Entbindung vom Kommando, die sofort ertheilt wurde.
Der junge Kaiser selbst übernahm den Oberbefehl und verkündigte dies zwei Tage darauf durch eine Proklamation der Armee; Heß trat an die Spitze der Operations-Kanzlei, der tapfere und fähige General Ramming wurde Souschef des Generalstabs. Das Kommando der ersten Armee behielt Feldzeugmeister Graf Wimpffen, das der zweiten Armee der aus Ungarn berühmte Reiter-General
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Graf Schlick, ein Veteran von 70 Jahren. Unter den Divisions- und Brigade-Generalen fanden gleichfalls vielfache Veränderungen statt und am Schlachttag von Solferino führte die Hälfte der Divisionairs und ein Dritttheil der Brigadiers zum ersten Mal die ihnen untergebenen Truppen, ein von vorn herein mißlicher Umstand.
Am 16ten gleich nach der Entlassung Gyulai's wurden die Couriere aus dem Hauptquartier abgeschickt, um den weitern Rückzug der Armee zu verhindern - aber sie kamen zu spät, ein Theil der Armee hatte bereits den Mincio erreicht, und da man das Heranziehen des französischen Corps unter dem Prinzen Napoleon von Toscana her in der Flanke besorgte, wurde der Rückzug über den Mincio fortgesetzt und am 20. und 21sten ungestört beendet.
Freilich hatte man dabei der schlechten Kopie des großen Onkels zu viel zugetraut; - der Prinz Napoleon war keineswegs sehr beeilt, mit seinem Corps die Oesterreicher anzugreifen, hatte am 31. Mai sein Hauptquartier in Florenz genommen und erreichte erst nach der Schlacht von Solferino Parma. Der Kaiser hatte ohnehin weniger auf seine Hilfe gerechnet und mit seiner Detaschirung nach den Herzogthümern mehr die Absicht verfolgt, diese dem Einfluß der italienischen Bewegung zu entziehen und die Entscheidung in Mittel-Italien in der Hand zu behalten. Die Herzogin-Regentin hatte am 9. Juni bei der Räumung von Piacenza Parma wieder verlassen und sich nach der Schweiz begeben, der Herzog von Modena vermochte sich gegen die Revolutionspartei gleichfalls nicht zu halten
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und war einige Tage später über Brescello in das Hauptquartier des Kaiser Franz Joseph gegangen. Die Legationen waren gleichfalls von den Oesterreichern geräumt und Ferrara - das doch den untern Po und somit Venedig deckte - aufgegeben worden. In den Herzogthümern und den Legationen verlangte die italienische Partei bereits offen die Vereinigung mit Piemont.
Schwerer und entscheidender noch wogen für den Entschluß des Rückzugs der österreichischen Armee die jetzt immer offener zu Tage tretenden Mängel in dem Verpflegungssystem. Jene schändlichen Betrügereien, die später die Ursache mehrfacher Untersuchungen in Wien und Triest wurden und den Selbstmord des Generals Eynatten herbeiführten, zeigten bereits ihre Früchte. Die Truppen wurden auf das Mangelhafteste verpflegt, oft fehlten die Brodlieferungen, weil entweder keine Bäckereien vorhanden waren oder das Brod bergehoch auf dem Bahnhof zu Verona aufgestapelt liegen blieb; ganze Kolonnen-Magazine blieben aus und selbst die Ernennung des Feldmarschall-Lieutenant Melczer zum Armee-Ober-Intendanten vermochte das seither Versäumte und Unterlassene in diesem Augenblick nicht gut zu machen. Dazu war die Zahl der Verwundeten und Kranken so bedeutend gestiegen, daß um das kaiserliche Hauptquartier zu Verona bereits an 50,000 Mann in den Spitälern lagen. Diese Lage war so entsetzlich, daß man sich entschließen mußte, auf jede Gefahr hin den ganzen Bestand aus Italien fortzuschaffen und täglich mindestens 1200 allein auf der venetianischen Bahn nach den innern Provinzen zurückzusenden.
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Am 22. Juni stand die österreichische Armee in einer 4 Meilen langen Stellung hinter dem Mincio mit drei Korps vorwärts desselben. Vier Brücken vermittelten den Uebergang. Der rechte Flügel stützte sich auf Peschiera und den Garda-See, der linke auf Mantua. Das Hauptquartier der zweiten Armee war bei der unglücklichen Eintheilung in zwei besondere Armeen in Valeggio, das der ersten in Rouerbella, das des Kaisers in Villafranca auf der Straße von Verona nach Mantua. Die Stärke der Oesterreicher betrug jetzt etwa 160,000 Mann mit 800 Geschützen. Alles fühlte, daß es hier zu einem entscheidenden Kampf kommen mußte und drängte danach.
Die Armee der Verbündeten war langsam dem Rückzug der Oesterreicher gefolgt - man war trotz des Sieges von Magenta in 16 Tagen nur 16 Meilen - vorgegangen. Sie hatte am 21sten den Chiese zu überschreiten begonnen und stand an beiden Ufern desselben; das Hauptquartier des Kaiser Napoleon in Castenedolo. -
Unsere Darstellung muß jetzt die allgemeinen Dispositionen verlassen, um sich mit den Bewegungen des Garibaldi'schen Freicorps zu beschäftigen.
General Garibaldi war nach dem verunglückten Angriff auf Laveno am Lago Maggiore, wie wir wissen, nur durch den Sieg von Magenta aus seiner gefährlichen Lage befreit worden, aber er war ganz der rastlos thätige, entschlossene und kluge Parteigänger, der jeden Vortheil benutzte und dessen Kriegsprogramm allein das »Vorwärts« war! Er folgte daher im Norden an den Alpen entlang Schritt um Schritt dem Rückzug der Oesterreicher aus der
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Lombardei, nachdem er am 10ten in Mailand eine Zusammenkunft mit dem Kaiser Napoleon und dem König Victor Emanuel gehabt hatte.
Es war das erste Mal, daß der Kaiser seit jener Vorstellung im Salon des Herrn Baroche, als er selbst noch das intriguirende Mitglied der Nationalversammlung war, den berühmten Condottieri persönlich wiedersah, der seitdem - 1849 in Rom - seine Generale so ruhmreich, wenn auch nicht glücklich bekämpft hatte und von dem er argwohnte, daß er dem Attentat vom 14. Januar und der beabsichtigten Erhebung nicht fremd gewesen sei.
Das Zusammentreffen dieser beiden Männer, der beiden hervorragendsten Typen der Revolution, war daher von besonderem Interesse. Der ehrliche Charakter des Generals ließ ihn auch hier gerade und offen sein Ziel verfolgen und er sprach von der Befreiung Italiens von der deutschen Herrschaft und der Vereinigung der ganzen appeninischen Halbinsel als von einer selbstverständlichen Sache und in einer Weise, die dem König Victor Emanuel verschiedene Verlegenheiten bereitete. Der Kaiser schien dies jedoch nicht zu beachten, machte dem General sehr schmeichelhafte Komplimente über seine Waffenthaten und hielt sonst die Unterredung in den Gränzen der Verständigung über die nächsten militärischen Maßregeln. Von den französischen Generalen wurde dagegen der berühmte Freischaarenführer sehr kühl behandelt und er überzeugte sich sehr bald, wie Recht Mazzini hatte, und daß der sardinische Premier seine einzige Stütze war. Stolz und im Bewußtsein seines redlichen Willens und seiner Verdienste um sein Vaterland
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zog auch er sich zurück und selbst die Ovationen, welche die Begeisterung der Mailänder seiner Person und seinem Namen zum großen Aerger der Franzosen und Sardinier brachten, konnte ihm den Eindruck nicht verwischen. Verstimmt, aber mit dem Entschluß, so unabhängig als möglich den Kampf zu führen, kehrte er nach Como zurück. - Man will wissen, daß jene Unterredung nicht unwesentlich mit dazu beigetragen hat, den Kaiser Napoleon zu dem Entschluß zu stimmen, der später so rasch den Feldzug beendete und das »Frei bis zur Adria!« desavouirte.
Am 8ten schon hatten die Freischaaren Bergamo besetzt und drangen jetzt, ohne das Vorrücken des Hauptcorps abzuwarten, auf die Nachricht am 11ten, daß Brescia geräumt werde, über die Mella vor. Die Bevölkerung von Brescia, bekanntlich eine der unruhigsten und fanatisirtesten von ganz Italien, empfing sie am 13ten mit Jubel.
Auf diesem Marsch und in Folge der Schlacht von Magenta strömten dem General zahlreiche Freiwillige zu, so daß bald seine früheren Verluste ersetzt waren. Einzelne Abtheilungen wurden in das Valtellin - das obere Adda-Thal, - und das Val Camonica, das obere Thal des Oglio, detaschirt und bedrohten somit bereits die tyroler - also die deutsche Gränze und die Alpenpässe.
Nachdem in der Nacht zum 15ten die piemontesische Avantgarde in Brescia angekommen, war Garibaldi nach dem Chiese vorgegangen, um bei Ponte San Marco eine Brücke zu schlagen und das westliche Ufer des schönen Gardasees gegen Südtyrol hin zu besetzen.
Seine nach Castenedolo hin detaschirten Vorposten
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geriethen dabei jedoch mit der Arrieregarde des nach dem Mincio abziehenden Corps Urban, mit der Brigade Rupprecht, in Kampf. Die Alpenjäger wurden mit bedeutendem Verlust zurückgeworfen und Garibaldi selbst war in Gefahr, abgeschnitten zu werden. Nur der Umstand, daß der König Victor Emanuel von Brescia aus die ganze Division Cialdini zum Beistand sendete, rettete die Freischaaren, und General Urban zog sich vor der Uebermacht zurück.
Es ist hier wohl die Gelegenheit, der Proclamation zu erwähnen, mit der dieser energische und strenge Krieger das ihm vom Kaiser übertragene wichtige Amt des Festungskommandanten von Verona antrat. Ihr Schluß lautete:
Mit diesem Rückzug der österreichischen Truppen breiteten sich die Freischaaren am westlichen Ufer des Garda-Sees aus und drangen bis Gargageano gegen Tyrol vor.


Es war gegen Abend des 21. Juni, einem Dienstag, als an dem Ufer des Sees in der Gegend von Maderno, zwischen Salo und Toscolano, ein sehr lebendiges militärisches Treiben herrschte. Gruppen der garibaldischen Alpenjäger, die ihre Gewehre zusammengesetzt hatten, lungerten mit der gewöhnlichen Fahrlässigkeit und Willkür der Freischärler im Dienst am Ufer umher, vergnügten sich wie
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die Kinder, Steine auf den Wasserspiegel zu werfen oder andere Spielereien zu treiben, - einige Wenige setzten ihre Waffen in Stand, und nur eine kleine Anzahl war beschäftigt, mit Hilfe der Fischer und Schiffer aus dem Ort neun große Barken am Ufer in Stand zu setzen und mit allerlei Munition zu versehen.
Zwei Gruppen verdienen unsere nähere Aufmerksamkeit und zeigen dem Leser bekannte Figuren.
Auf einer Erhöhung des Ufers, ein Stück Brod und eine Zwiebel verzehrend, anscheinend sich wenig um die Anstalten umher kümmernd, saß der schurkische Gehilfe des Wechsler Mortara von Mantua, der bucklige Spion. Seine Anwesenheit unter den Freischaaren, nachdem er kaum drei Wochen vorher im Hauptquartier des österreichischen Oberbefehlshabers seine Nachrichten von dem Linksmarsch der alliirten Truppen verwerthet hatte, schien ihn wenig zu tangiren und war offenbar der Beweis, daß er auf beiden Seiten sein löbliches Handwerk betrieb. Daß er außerdem auch das eines gewöhnlichen Spitzbuben nicht aufgegeben hatte, zeigte die Gesellschaft, in der er sich befand. Diese bestand in Niemand Geringerem, als seinem Raubgenossen von Mantua und dem Monte Cenere her, dem Henker Janko's, dem Wolfsjäger Szabó.
Der Wilde schien einen seiner lichten Augenblicke zu haben, in denen seine verdüsterte, haß- und grimmerfüllte Seele sich nicht blos mit seinen blutigen Erinnerungen beschäftigte, sondern im Stande war, den giftigen Rathschlägen und neuen Verlockungen seines kleinen Gefährten zu lauschen. Es war die grimmige rohe Bestie der
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menschlichen Wildniß, die brutale Kraft neben der Bosheit und List der Schlange. Obschon er ihn zuweilen, in den rohen Ausbrüchen seiner Wuth, sogar mißhandelte, schien der Henker doch eine gewisse Neigung für den kleinen buckligen Schurken zu empfinden und tätschelte ihn oft wie ein Kind, obschon der boshafte Schelm so alt war, wie er selbst.
»Bizony!« lachte der Henker, der um den Hals geknotet einen grauen österreichischen Offiziermantel und dazu ein Paar rothe französische Hosen trug, beides Dinge, die er auf dem Leichenfeld von Magenta in der Nacht nach der Schlacht erplündert - »sag' ich Dir Bursch, war der Kerl nix todt und nur das Bein zerschossen. Kutya teremtete! hat sich der Schuft gewehrt wie toll, als ich ihm wollte abnehmen die Uhr, um die Du mich willst bestehlen Spitzbub, bis ich ihm einschlug den Schädel mit meinem Stock da, mausetodt. Gieb zurück die Uhr Kleiner, oder schlag' ich Dir auch den Kopf ein!«
Abramo schien aber wenig Lust zu haben, die schwere goldene Uhr und Kette, die er seinem Gefährten abgelockt hatte und in der Hand wog, wieder zurückzugeben. Er ließ sie vielmehr mit einer geschickten Bewegung in die weite Tasche seines Rocks gleiten und wandte sich mit einschmeichelndem Grinsen zu dem Slowaken.
»Was soll Dir doch nützen die Uhr, Szabó, mein Freund,« sagte er begütigend. »Du würdest zerdrücken das Ding, das ist leichter Tomback, daß es hatte gar keinen Werth mehr.«
»Teremtete! ich dachte, es wäre Gold!« murrte der Henker.
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»Unsinn, Freund Szabó, - verlaß Dich auf mich, der ich zwanzig Jahre bei dem ersten Juwelier der Welt gewesen bin - mögen alle bösen Engel seine undankbare Seele verderben! Es ist Tomback und höchstens werth fünfzehn Lire, der ganze Bettel. Trink, Szabó, mein Freund!« Er reichte ihm eine jener runden Holzflaschen, welche die österreichischen Soldaten tragen. »Es ist ächter Rum, und daß Du siehst, daß ich haben will keinen Vortheil an Dir, werd' ich Dir geben die vollen fünfzehn Lire.«
Dem Slowaken schien der Handel doch nicht so ganz richtig, denn er setzte die Flasche vom Munde ab. »Zeig' die Uhr noch einmal her, Kleiner! Bei der Hölle, schlag' ich Dich mausetodt, wenn Du mich wieder betrügst, wie mit dem silbernen Leuchter, dem einzigen Ding, das ich aus der Kirche stahl, als sie uns beinahe beim Kragen hatten!«
»Daß Du verschwarzen sollst!« rief der Jude giftig und zugleich erfreut, das Gespräch auf einen andern Gegenstand bringen zu können. »Hast Du mich nicht gelassen damals schändlich im Stich, als Du gelaufen bist davon und hast zugeschlagen die Thür, daß ich nicht habe gekonnt heraus und bin geworden gefangen, Du und der Andrea, den die Herrn Franzosen haben erschossen bei Palestro, als er geplündert hat die Todten, was doch ist ein Recht blos von die Herrn Zuaven und ihren Kameraden! Wenn ich Dich anzeig, daß Du hast gemaust die Uhr und den Herrn Offizier todtgeschlagen, der sie hat nicht hergeben wollen gutwillig, werden sie nicht machen mit Dir viel Federlesens und Dich hängen an Deinem eigenen Strick!«
Der Wilde hob grimmig die Hand bei der Drohung,
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um sie auf dem Schädel seines Genossen fallen zu lassen, aber der Kleine wich dem Schlage behend aus, hielt ihm die Flasche entgegen und sagte listig: »Sei kein Narr, Starker, und laß uns halten Frieden. Was hätt' ich davon, wenn ich Dich wollte anzeigen, daß Du würd'st gehangen? Hier nimm die fünfzehn Lire und die Flasche dazu und wir wollen machen hoffentlich noch manchen Handel und manchen Tausch. Die Villa drüben über'm See steckt voll von Gold und Reichthum und wenn Du aufthust Deine Augen und brauchst Deine Hand, bist Du heute Nacht ein gemachter Mann!«
Der Wolfsjäger brummte etwas in den Bart, steckte aber das Geld ein und trank den Rest der Flasche aus. »Baszom a lelkedet!« schwor er - »Du weißt, daß der Szabó keinen Freund im Stich läßt in der Gefahr - aber die Thür flog mir unwillkürlich aus der Hand und wenn sie mich hätten erwischt, würden sie mich sicher gehangen haben, wo Du mit Deinem Schlaukopf Dich durchgelogen hast. - Aber wissen möchte ich doch, wie Dir's gelungen ist, wenn sie Dich nicht etwa deshalb haben laufen lassen, weil sie zwischen Deinem Kopf und Deinen Schultern keine Stelle finden konnten, um die Schlinge anzubringen.«
Der Kleine warf ihm einen giftigen Blick über diese Anspielung auf sein körperliches Gebrechen zu, dann sagte er: »Erinnerst Du Dich an den Baas, den jungen Rabbi, der gekommen ist in unser Lager an jenem Abend, nachdem er entsprungen war aus dem Kloster?«
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»Baszom! das Milchgesicht! hol der Teufel alle Kuttenträger! Was ist mit ihm?«
»Nun, ich meine doch, daß der Teufel dicht genug ist auf seinem Nacken. Ich denke, er wird büßen müssen noch einmal mit dem Strick für unsre Sünden, wie Ihr sagt, daß Euer Messias gebüßt hat für Alle!«
»Hund von Juden, lästere nicht! Was den Pfaffen anbetrifft, so mögen sie meinetwegen alle baumeln. Aber ich verstehe nicht, was wir dabei zu thun haben, es müßte denn sein, daß ich mein altes Handwerk an ihm üben soll!«
»Er hat doch einen Feind, einen mächtigen, was weiß ich, warum? und er will ihm gehen an's Leben. Du bist ein Thier, das nur versteht, wenn man sagt: da - schlag zu! oder: nimm! Aber ich hab doch erlauscht und erkundschaftet Mancherlei und weiß, daß es ist ein Geheimniß mit ihm und daß er sein muß von vornehmer Geburt. Aber wenn er hat Feinde, hat er doch auch Freunde, und wer bezahlt den Abramo am Besten, der wird haben seinen Beistand. Siehst Du dort sprechen die Zwei zusammen?«
»Den Offizier?«
»Ja und den Mann mit dem dunklen Gesicht, der ist ein Chaldäer, ein gelehrter Arzt aus Afrika drüben überm Meer, wie die Leute erzählen!«
»Du hast mir gesagt, daß der Offizier ist derselbe, der mit dem Kuttenträger im Kloster war und wie Du gefangen wurde?«
»So ist's - er ist doch die rechte Hand von dem großen General. Hast Du gesehen, wie er mit ihm spricht?
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Nun, höre, Szabó, und streng an Dein Gehirn, denn ich werde vielleicht brauchen Deine Hilfe. Der weise Mann dort, der große Doktor, hat mich gefragt, als er gehört hat, daß ich bin ein Spion, der ihnen bringt Nachricht aus dem Lager der Tedeschi - die Narren! - ob ich kenne den jungen Priester Felicio, der ist bei dem Prälaten aus Bologna, welcher hat große Macht und Einfluß unter den Christen und ist ein Licht ihrer Kirche. Ich habe ihm gesagt, daß er ist in Verona und in strenger Clausur. Ich soll ihm bringen einen Brief, den er mir hat gegeben für ihn und soll ihm helfen zur Flucht.«
»Und was willst Du thun?«
Der Bucklige lächelte verschmitzt - es war offenbar, daß er nicht Luft hatte, seinem Gefährten volles Vertrauen zu schenken, und daß er ihn blos so weit benutzen wollte, als er seine rohe Kraft brauchte.
»Was ich werde thun? Gott Moses - wie kann ich wissen das vorher? Der weise Doktor dort hat mir versprochen eine gute Belohnung, wenn ich bringe diesen Brief dem jungen Rabbi und helfe ihm zur Flucht. Aber was thu ich mit dem Versprechen - wer zahlt baar und am meisten, der hat uns.«
»Und was soll jetzt geschehn, Buckliger?«
»In einer halben Stunde wird doch gehn die Sonne unter und das Dunkel wird liegen auf dem See, daß sie nicht sehn die Boote. Der große Simson, unser General, wird abschicken seine Krieger, daß die eine Hälfte nimmt das Schiff und die andere landet am Ufer und erschlägt die Deutschen, die nicht einmal sind Deutsche, sondern aus dem Land
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Ungarn und der Türkei, wie ich mir hab' sagen lassen. Wir aber werden folgen in dem Boot mit unserm Freund dem Mylord, der ist so toll darauf, zu schießen die Weißröck, wenn er's thun kann ohne Gefahr, und es müßte zugehn mit großem Unglück, wenn sie sich abgeschlachtet haben und wir nicht erwischen sollten dann von der Beute Etwas für uns, ohne daß wir tragen unsere Haut zu Markte, wie die Narren. Ich werde dann Gelegenheit finden, zu gehn nach Verona, und zu machen mein Geschäft, eh' wir wieder treffen zusammen.«
Der Slowak starrte vor sich hin, dann wandte er seine gerötheten Augen auf den Gefährten.
»Höre, Abramo,« sagte er mit ungewöhnlicher Milde des Tons - »Du bist ein Schurke, schlimmer als der Teufel selbst - aber ich habe Dich lieb, weil wir Kameraden gewesen sind bei mancher schlimmen That, und selbst ein Kerl wie ich doch Etwas haben muß, an dem er hängt. Du sprichst davon, daß wir uns wieder treffen werden, wenn Du zurückkehrst von Verona?«
»Cospetto - das versteht sich. Zwei so gute Kameraden, wie wir, werden uns doch nicht sollen trennen? Wir werden noch machen zusammen manch gutes Geschäft!«
Der Henker schüttelte den Kopf.
»Wir werden uns wohl nicht wieder sehen, Abramo und darum, fene eggemek! behalt meinetwegen die Uhr und nimm Deine fünfzehn Lire zurück, aber gieb mir Branntwein, wenn Du noch welchen hast; denn seit sie mir diese Nacht erschienen, möcht ich, ich hätte den Offizier nicht auf den Kopf geschlagen!«
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Der Kleine sah seinen Gefährten theilnehmend an; es war nicht das erste Mal, daß er so sprach.
»Ich glaube, Du bist wieder krank, Freund,« sagte er egoistisch besorgt. »Geh zum Doktor dort, und bitt' ihn, Dir abzuzapfen ein Maaß Blut. Es ist schade, denn Du wirst taugen heute wenig zu dem Zug!«
»Meinst Du? - Laß meine Faust nicht Deinen Arm fassen, sie würde ihn zerbrechen wie Rohr! Was soll mir der Doktor? Hörst Du nicht, daß ich gesagt habe, daß sie mir erschienen ist? Teremtete! gieb mir zu trinken, Schurke!«
Der Bucklige holte aus einer seiner weiten Taschen eine zweite Flasche und reichte sie seinem Gefährten.
»Wer ist Dir erschienen, daß es Dich gemacht hat so schwach?«
»Wer anders als die Wolfsbraut!« Der Wilde hatte den Namen nie vor dem Ohr seines Gefährten genannt, dieser sah ihn daher erstaunt an.
»Die Wolfsbraut?«
»Oder Hanka - wenn Du's besser verstehst! Weißt Du nicht, daß sie jede Nacht, wenn ich schlafe, ihren blutigen Leib an meine Seite legt?«
Der kleine Jude rückte mit unwillkürlichem Grauen einen Schritt von seinem Gefährten weg. Obschon er ein verzweifelter Halunke und zu jeder Nichtswürdigkeit fähig war, konnte er sich doch von dem Aberglauben nicht los machen.
»Szabó, mein Freund,« sagte er - »es hat Dich getroffen der böse Blick!«
»Hund von einem Juden - ihr Auge war diesmal mild und lieblich, wie ich es nie wieder gesehn seit jenem unglücklichen
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Tage der Mägdeschau. Nur das Todtenauge des Wudkoklaks grinste mich an, wenn der zerrissene Leib sich an meine Seite legte seit mehr als zehn Jahren jede Nacht, und immer Blut und wieder Blut verlangte. Darum erschlug ich den Offizier und habe so Viele erschlagen - nicht, daß ich mich an ihrem Todeskampfe weiden mochte, wie der Schurke von Engländer dort, sondern weil ich Blut brauchte für den Vampyr!«
Der Bucklige erbebte. Die Sage vom bösen Blick und dem Vampyr ist in allen südlichen Ländern, nicht blos in den slavischen verbreitet, wenn auch die letztere in diesen mehr ausgeprägt ist.
»Höre mich an, Abramo,« sagte flüsternd der Wolfsjäger, dem es Bedürfniß zu sein schien, sein Herz auszuschütten. »Seit jenem Tage ist sie, wie ich Dir sagte, mir nur mit dem blutig zerrissenen Leib erschienen, wie der Wolf sie auf dem Brautbett ließ in der Nacht, da ich mit meinen Zähnen seine Fesseln löste und ihn auf sie hetzte! Baszom! selbst als ich ihn den Wölfen hinwarf zum Fraß, den Schurken, tausendmal schlimmer als wir Beide, der mir mein Glück stahl, kam sie so! Aber in der vergangenen Nacht, Abramo, als ich am Feuer lag dort in der Schlucht am Ufer des Sees und auf Dich harrte, da trat sie zu mir, wie zur Hochzeit geschmückt mit der Bunda von Luchsfell, die ich ihr geschenkt, mit der golddurchwirkten Parta und dem Frangengürtel! Ihr Auge war wie das des Rehs vor jenem Unglückstag, wenn sie zu mir kam in die Pußta, und sie lächelte, wie die Sonne durch den Nebel der Theiß
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und sprach zu mir vom Bonifaciustag, und daß der Török, ihr Bruder, kommen würde zu unserer Hochzeit!«
»Ein lustiger Traum, Schwarzer,« höhnte der Bucklige. »Beim Haupte Jakobs, ich kann mir Dich denken als geputzten Hochzeiter!«
Der ehemalige Sauhirt hörte nicht auf den Spott, er hatte das mit den ergrauenden wilden Haarzotteln umgebene Haupt auf die Hand und den Ellbogen auf das Knie gestützt - so schaute er auf die Fläche des Sees, die im letzten Gold der Abendsonne erglühte.
»Sie müssen Alle zur Hochzeit kommen,« sagte er halb unbewußt vor sich hin, »der Török und die Mutter, der Rózsa und sein Weib, Abrahám und die andern Bethyáren. Auch Petrike, der Zigeuner, mit seiner Geige muß dabei sein, den ich an die Thurmzinne henkte in Enyád, damit er uns aufspielt zum Tanz, wenn der Staregessy2 uns aufführt. Wenn die Hanka erst des Szabó's Weib ist, kann selbst der stolze Graf sie nicht mehr unter die Strapazirmenscher zählen und der Pandur muß auf seinem Bett allein schlafen! -« Plötzlich fuhr er empor.
»Sagtest Du nicht vorhin, Buckliger, daß drüben am Ufer die Seressaner stehn?«
»Du meinst die Gränzer, Freund Szabó? Eine Kompagnie steht dort - ich habe es Seiner Excellenza, dem General gemeldet, und die Freischaaren werden sie angreifen.«
Das Aussehen des Kanász3 hatte sich geändert - der
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Ausdruck tiefer Melancholie war wieder aus seinen rauhen Gesichtszügen verschwunden, die blutig unterlaufenen Augen glühten wieder in wildem Feuer. »Isten nyéla!« knirschte er - »tragen sie freilich nicht mehr die rothen Mäntel, aber sind doch die alten Hunde auch in den braunen Röcken! - Die Hand meinigte muß dabei sein, wenn der Tod in ihre Reihen kommt und die Hanka soll ihre Opfer haben, auch wenn sie solche nicht fordert. Mach Dich fertig Kleiner, wir wollen dem Engländer dort helfen, Boot seinigtes bereit zu machen für die Nacht!«
Er war aufgestanden und ging nach dem Ufer hinunter, wo in der That Kapitain Peard sich wiederum befand und seinem langen Schlingel von Diener und zwei Schiffern Anleitung gab, ein altes leckes Boot eiligst wieder in Stand zu setzen, um der Fahrt des zum nächtlichen Ueberfall bestimmten Detaschements folgen zu können. Die Lection, die er durch seine Gefangennahme auf schweizer Gebiet in den Schluchten des Monte Cenere erhalten, hatte ihn von seiner Inclination nicht zu heilen vermocht und, von den schweizer Behörden freigelassen, hatte er sich alsbald wieder den Alpenjägern angeschlossen, deren Führer ihn wenigstens nicht offen zurückweisen mochten, um nicht bei der englischen Presse anzustoßen, die sich bekanntlich jedes Landsmannes, und wenn er der niederträchtigste Schurke ist, gegen das Ausland annimmt. Ueberdies hatte General Garibaldi, wie wenig sein ehrenhafter Charakter auch Sympathieen für den englischen Mörder aus Liebhaberei empfinden konnte, durch den Gang der Ereignisse bald Wichtigeres zu thun, als sich um die Anwesenheit
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eines Abenteurers mehr oder weniger bei seiner Truppe zu kümmern, und so hatte der Kapitain volle Freiheit erlangt, nach Belieben und auf seine Gefahr hin den Freischaaren voranzuziehen oder ihnen zu folgen und auf eigene Hand den Krieg - wenn man diese Menschenjagd aus dem Hinterhalt so nennen kann - gegen die Oesterreicher fortzusetzen. In der Nähe von Brescia war er wieder mit dem Spion, der - je nach seinem Vortheil jetzt beiden Parteien diente - und dessen wildem Begleiter zusammengetroffen und hatte ihren alten schändlichen Vertrag erneuert.
Der Leser wird, wie schon oben erwähnt wurde, später Gelegenheit haben, zu erfahren, wie es dem Buckligen gelungen war, dem wohlverdienten Strick für die Theilnahme an dem Kirchenraub zu entgehen und sich den mächtigen Schutz des Jesuiten-Provinzials wieder zu erwerben.
Am Vormittag des Tages hatte an der Stelle, an welcher wir unsere Darstellung wieder aufgenommen haben, das heißt am westlichen Ufer des Gardasees unfern Salo ein Gefecht stattgefunden. Der österreichische Kriegsdampfer »Taxis« hatte den schützenden Hafen von Peschiera verlassen, um eine Recognoscirungsfahrt an dem Ufer entlang zu machen, zur Erforschung, ob bereits die feindlichen Vorposten bis dahin vorgedrungen waren. Der Mangel jeder Nachricht ließ das österreichische Schiff sich unvorsichtig dem Ufer nähern, und als es um einen Vorsprung bog und sich kurz vor der Bucht von Salo in den Seearm zwischen dem Ufer und den dort liegenden Inseln wagte, sah es sich plötzlich auf der Höhe von Isola di Garda einer dort aufgefahrenen
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Batterie gegenüber, die ihr gefährliches Feuer gegen den Dampfer eröffnete.
So tapfer auch der österreichische Kapitain und seine Mannschaft waren, blieb ihnen doch Nichts übrig, als auf das Eiligste den Rückzug anzutreten, wobei das Schiff in Brand gerieth. Nur mit Mühe vermochte der Dampfer sich aus dem Feuer zu retten und nahm seinen Weg quer über den See nach dem gegenüberliegenden Ufer, da der Kapitain es nicht wagte, den weiteren Rückweg nach Peschiera anzutreten, und ankerte bei San Vigilio, vor der Villa, welche der Banquier Mortara vor drei Jahren für die Fürstin Trubetzkoi gemiethet und wo diese seither bis auf die Zeit gewohnt hatte, die sie von ihrem Gemahl gezwungen worden war, in Paris zuzubringen oder die sie der Heilung der Wunde ihres Secretairs und Freundes, des deutschen Erziehers, in Nizza gewidmet hatte.
Am Nachmittag hatte ein italienischer Schiffer, dem es gelungen war, weiter oberhalb über den See zu setzen, dem General Garibaldi die Nachricht gebracht, daß der Dampfer in einem Zustand, der ihn zum Widerstand unfähig machte, an dem gegenüberliegenden Ufer ankere und die Mannschaft Anstalt treffe, ihn zu verlassen, und da schon am Abend vorher Abramo sich wieder bei den Vorposten der Alpenjäger eingefunden, mit der Nachricht von dem beabsichtigten Auslaufen des Schiffes aus der Festung neues Vertrauen erworben und Nachrichten über die österreichischen Posten auf dem östlichen Ufer des Sees gebracht hatte, beschloß der General, sofort den schon früher gehegten Plan eines Landungsversuches auf diesem Ufer
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auszuführen, um sich dort festzusetzen und dann auf beiden Seiten des Sees gegen die tyroler Alpenpässe vorzudringen.
Aus diesem Grunde sah man jetzt die Alpenjäger nebst einer Anzahl Schiffer aus der Umgegend von Salo beschäftigt, die zur Expedition bestimmten neun großen Kähne, von denen jeder zehn bis fünfzehn Mann aufnehmen konnte, in Bereitschaft zu setzen. War es gelungen, sich des gewünschten Punktes auf dem jenseitigen Ufer zu bemächtigen und ihn zu befestigen, so sollte alsbald eine größere Anzahl folgen.
Der General selbst befand sich an der Abfahrtsstelle und ordnete mit seiner gewöhnlichen Ruhe die Anstalten, die mit dem üblichen Lärmen und der übertriebenen und unnützen Beweglichkeit ausgeführt wurden, welche alle Arbeiten der Italiener begleiten. Weiter hinauf am Ufer hatte sich die Abtheilung der Jäger gelagert, welche zu der Expedition bestimmt war, und verbrachte die Zeit bis zur Einschiffung mit Gesang, Trinken, Spiel und Geschwätz. Wenige nur hielten sich, trotz der ernsten Bemühungen ihres Führers, mit der Instandsetzung und Ordnung ihrer Waffen auf.
Der Offizier, dem die Ausführung der Expedition übertragen worden, war der Adjutant des Generals, unser alter Bekannter, der Major Laforgne.
Der Major, obschon selbst in einer Schule voll Mühen und Gefahr erzogen, kannte doch zu gut den Charakter der Freischaaren, um sich mit der Erzwingung einer streng militärischen Ordnung aufzuhalten. Er wußte, daß mit
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diesen meist jungen übermüthigen und eigenwilligen Männern wohl ein kühner Streich auszuführen, aber schwerlich einem Angriff regulairer Truppen Widerstand zu leisten war und verließ sich daher nur auf sich selbst und einige alte Soldaten, die in fremden Kriegsdiensten ihr Leben zugebracht und als fahrende Landsknechte sich bei dem ersten Signal des ausbrechenden Krieges dem General angeschlossen hatten. Von diesen ließ er die Gewehre und Munitionsbeutel visitiren und hatte ihnen strengen Befehl gegeben, dafür zu sorgen, daß keine berauschenden Getränke in die Boote mitgenommen werden durften. Er war jetzt mit allen Anordnungen fertig und kehrte eben zu der Gruppe zurück, die sich auf der Höhe des Ufers um den General gesammelt hatte.
Der berühmte Condottiere saß auf einen Holzblock, den ihm lästigen Uniformsrock geöffnet, und zeichnete mit der Scheide seines Säbels Figuren in den Sand. Menotti, sein ältester Sohn, hatte sich zornig abgewandt, weil der General seine wiederholte Bitte, den nächtlichen Zug mitmachen zu dürfen, abgeschlagen hatte; Sacchi, der alte Freund und Kampfgefährte des Generals, beruhigte ihn. Unter den zehn oder zwölf Offizieren, die um den General her standen oder saßen, zeichneten sich die hohen schlanken Gestalten des Grafen Batthyányi und des Obersten Türr aus, die beide mit einander sprachen, während der General sich mit einem französischen Stabsoffizier an seiner Seite unterhielt.
Der Letztere war der Oberst Graf Montboisier, der Kammerherr und Adjutant des Kaisers, und von diesem
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am selben Morgen in das Hauptquartier geschickt, um eine combinirte Bewegung zu verabreden.
In der Gruppe der Offiziere, dem Major entgegentretend und ihm die Hand reichend, befand sich auch der Mohrendoktor, Achmet der Hacene, der treue Freund der Marquise von Massaignac. Glücklich über die Nachrichten, die er von ihr aus Paris erhalten, wo sie schon vor zwei Wochen eingetroffen war und sofort alle nöthigen Schritte gethan hatte, um sich wieder in den Besitz ihres Erbes und ihres Ranges zu setzen, obschon sie vermied, diesen durch ihr öffentliches Erscheinen geltend zu machen, hatte er auf die Kunde, die er an jenem Tage von Palestro durch Major Laforgne erhalten, seinen Abschied von dem Corps erbeten, dem er sich zugesellt, und da sein Eintritt und seine Thätigkeit überhaupt nur eine freiwillige gewesen waren, konnte derselbe ihm nicht verweigert werden und er hatte zum Bedauern aller Offiziere und Soldaten das 3te Zuaven-Regiment verlassen und sich dem Corps der Alpenjäger angeschlossen, da er hier mit Beistand des Major Laforgne leichter Verbindungen mit dem österreichischen Gebiet unterhalten und die ihm gegebene Spur einer Existenz seines Neffen verfolgen zu können hoffen durfte. Mit Hilfe des buckligen Spions hatte er in der That auch bereits Briefe mit dem Herrn von Neuillat gewechselt, der leider gerade in Venedig krank lag, und die Mittheilungen des Juden hatten ihn immer mehr überzeugt, daß mit der Person des jungen Jesuiten-Novizen ein Geheimniß verbunden war, welches der Rektor zu bestimmten Zwecken sorgfältig fest hielt, und das wahrscheinlich
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seine jahrelangen vergeblichen Nachforschungen nach seiner Schwester und, seit jenem Zusammentreffen der Todfeinde der Jugend an dem Körper des ohnmächtigen Trappers im Garten der Tuilerieen, - nach deren Kinde berührte! Jetzt, nachdem die zufällige Entdeckung bei jener Unterredung mit Major Laforgne und dem Grafen Montboisier auf dem Schlachtfeld von Palestro ihm auch den Beweis gegeben, daß seine unglückliche Schwester wirklich mit dem Fürsten Lichnowski getraut worden, - denn der Oberst hatte keinen Anstand genommen, ihm das von Abramo gekaufte Dokument einzuhändigen, - war seine Sehnsucht um so größer, ihr hinterlassenes Kind, den letzten Zweig seines Königlichen Geschlechts, aufzufinden.
Der General war, wie wir gesagt, in einer Unterhaltung mit dem Adjutanten des Kaisers begriffen.
»Und wann, sagen Sie, lieber Oberst, glaubt man im Hauptquartier diese Schwierigkeiten beseitigt zu haben?«
[»]Nach den gestern eingegangenen Nachrichten sind die zerlegbaren Kanonenboote von Toulon in Genua eingetroffen und bereits verladen worden. Die Ingenieure hoffen, die fehlende Strecke der Eisenbahn von Magenta bis Mailand und die Wiederherstellung der gesprengten Brücken spätestens in vierzehn Tagen vollendet zu haben, so daß Euer Excellenz darauf rechnen können, bis zum 10. Juli die Schiffe am Ufer des Gardasees zu haben. Man wird dann die Verbindung mit Tyrol abschneiden und die Belagerung von Peschiera auch von der Wasserseite beginnen können.«
Der Condottiere lächelte. »Vorerst, Signor Colonello,«
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sagte er - »nennen Sie mich einfach General und lassen Sie alle Titel weg - ich liebe sie nicht! Was das Versprechen Ihres Hauptquartiers betrifft, so hoffe ich, am 10. Juli bereits auf dem Wege nach Innspruck zu sein, ohne Ihre Kanonenböte. Ich habe zwar eine ziemlich undisciplinirte Schaar unter mir, aber meine Leute haben den besten Willen, vorwärts zu gehen, und so darf ich sie nicht halten. Nehmen Sie nur Verona und Venedig - für die Alpen werde ich sorgen!«
Der Graf schwieg einige Augenblicke - er fühlte, daß er dem gutmüthigen und doch so scharfen Blick des Generals schwer würde verbergen können, daß er eigentlich eine ganz andere Mission hatte, als die einfache Benachrichtigung wegen der Ueberführung einer französischen Flotille.
»Wir werden wahrscheinlich in den nächsten Tagen einen Hauptangriff der Oesterreicher haben,« sagte er dann. »Wir zweifeln nicht an dem Sieg, aber es wird auf alle Fälle nöthig sein, unsere Kräfte zu concentriren und unsere Flanken zu decken. Auf unserer Rechten thut dies das heranziehende Corps des Prinzen Napoleon. Es genügt, um Mantua bei unserm Vorwärtsgehen zu beschäftigen. Auf unserer Linken aber, General, haben Sie diese Aufgabe. Es wäre deshalb gefährlich, sich zu sehr auszudehnen und nach Norden vorzudringen.«
Wiederum zog das bekannte flüchtige gutmüthige Lächeln über die wettergebräunten Züge des bewährten Kriegers.
Die kleinen freundlich blickenden Augen wendeten sich mit einem Ausdruck leichten Spottes auf den Abgesandten.
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»Cospetto!« sagte er heiter - »sagen Sie es immer frei heraus, man will, daß ich die deutschen Gränzen nicht angreife?«
»Es dürften allerdings viele Gründe vorhanden sein, General,« meinte der Oberst mit der Vorsicht des Diplomaten, »welche es nicht wünschenswerth erscheinen lassen, das Gebiet des deutschen Bundes anzugreifen. So lange wir uns auf das lombardisch-venetianische Gebiet beschränken, haben die Deutschen keine Ursache, sich einzumischen, und Preußen offenbar auch nicht den Wunsch, es für Oesterreich zu thun. Ein Angriff auf Tyrol heißt, die Hilfe Deutschlands für Oesterreich erzwingen! Der Kaiser will es nicht!«
Das Gesicht das Condottiere nahm einen ernstern Ausdruck an, sein Auge richtete sich fest auf den Abgesandten.
»Signor Colonello,« sagte er - »ich glaube, es ist Zeit, daß wir uns verständigen, da Sie mir gesagt haben, daß Sie uns die Ehre anthun wollen, einige Zeit in meinem Hauptquartier zu bleiben. Diese Herren hier« - der erhobene Ton seiner Stimme und eine Geberde rief die Offiziere näher herbei - »können unsere Unterredung immerhin hören, denn es betrifft ihre nächsten Interessen. Sie haben mich an ihre Spitze gestellt, um Krieg für die Befreiung Italiens von der deutschen Herrschaft zu führen. In dem allgemeinen Kriegsplan ist mir der Angriff auf der linken Flanke - das heißt, die Vertreibung der Oesterreicher aus dem Norden - übertragen worden. Ich habe zwar die Ernennung als General des Königs Victor
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Emanuel angenommen, aber es kann Ihnen nicht unbekannt sein, daß ich eigentlich auf eigene Hand den Krieg mit den Deutschen führe und in dem Bündniß des Kaisers von Frankreich und des Königs von Sardinien als das dritte Element das italienische Volk vertrete. Das italienische Volk aber ist da, wo das Kind seine ersten Laute in unserer Sprache lallt. Wir haben den Säbel gezogen für das Recht unserer Nationalität und sind bereit, die Rechte anderer Nationalitäten zu ehren. So weit aber die unsere reicht, werden wir gehen, auch wenn zufällig die Politik der Fürsten die Gränzen Deutschlands auf dem Papier bis in den Garda-See vorgeschoben haben sollte. Abgesehen davon, hat uns die Erfahrung von Sesto Calende gezeigt, daß wir in diesem Kriege nur auf uns selbst rechnen können, und somit wird Se. Majestät der Kaiser Napoleon uns auch erlauben müssen, für Italien den Krieg nach unserm eigenen Gewissen zu führen!«
Ein stürmisches »Evviva Italia! Evviva Garibaldi!« seitens der Offiziere beantwortete diese unverholene und ziemlich undiplomatische Erklärung.
Der Oberst fand es für besser, auf diese sehr offenherzigen, aber eben nicht sehr vorsichtigen Worte möglichst wenig einzugehen.
»Es ist dies eine Sache, Excellenza,« sagte er höflich, »die in dem Kriegsrath der Majestäten zu erörtern ist, ich habe nur den Auftrag, gegen eine Ueberschreitung der Gränzen des deutschen Bundesgebiets zu warnen; - und da es mir scheint, daß wir noch nicht so weit sind, habe
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ich Nichts weiter zu thun, als mich Ihrer Siege zu freuen.«
»Sie mögen übrigens unsere Ansicht immerhin dem Kaiser berichten,« sagte der Kapitain Cavaliere Landucci aus dem Kreise der Offiziere barsch. »Wir fechten für unsere Nationalität, nicht für ihn, gerade wie die Ungarn. Die Proklamation Klapka's aus Genua ist uns Italienern ein zuverlässigerer Bundesgenosse, als Louis Napoleon!«
Der Oberst maß den Sprecher mit einem kalten Blick: »Sie sprechen von der Proklamation, Signor, welche die in der österreichischen Armee dienenden Ungarn auffordert, fahnenflüchtig zu werden und zu uns zu desertiren?«
Bei aller republikanischen Unverschämtheit vermochte Landucci doch nicht die Röthe zu unterdrücken, die sich über seine Stirn verbreitete.
»Von was sonst? Sollen die braven Ungarn etwa die Söldner ihres Tyrannen bleiben? Haben sie nicht eben so gut wie wir damals die Waffen erhoben, wenn sie auch von der Uebermacht besiegt wurden? Jetzt ist die Gelegenheit da, sich zu rächen und das Joch abzuschütteln. Sie mögen dem Beispiel ihrer Landsleute folgen, die bereits in unseren Reihen stehen, - wenn auch manchmal nicht fechten!«
Der Graf Batthyányi, der bisher ruhig, ohne sich mit einem Wort einzumischen oder an den lauten und leidenschaftlichen Demonstrationen der Italiener Theil zu nehmen, zur Seite gestanden hatte, wandte sich rasch gegen den Sprecher.
»Es scheint, Signor Capitano,« sagte er ernst, »daß Sie mit Ihren Worten auf mich zielen?«
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»Corpo di Baccho! ich glaube es selbst! aber wenn auch irgend ein Grund oder Gelübde, wie man mir erzählt hat, Sie verhindert, Ihren Säbel gegen die Oesterreicher zu brauchen, sind Sie doch wenigstens hier und werden als Ungar fühlen und denken!«
»Gewiß, Signor! und als ungar'scher Edelmann nehme ich keinen Augenblick Anstand, meine Meinung auszusprechen!«
»Und die wäre, Signor Conte? Sie sehen, daß wir Alle etwas darauf gespannt sind.«
»Die ist, Signor, mein tiefes Bedauern, daß ein tapferer Mann, wie der General Klapka, sich durch schlechte Rathgeber hat verleiten lassen, Soldaten, und noch dazu seinen Landsleuten eine Schurkerei zuzumuthen!«
Ein Ausruf des Erstaunens, der Mißbilligung aus dem Kreise der Italiener antwortete dieser freimüthigen und ehrenhaften Erklärung. Nur der General bewahrte ein tiefes Schweigen.
»Cospetto, das ist stark! und darf ich Sie in unser Aller Namen vielleicht, wenn Ihnen dies nicht etwa mehr Mühen verursachen sollte, als das Ziehen Ihres Säbels, um eine Erläuterung bitten, Signor Conte,« sagte der Florentiner spöttisch, »warum Sie die Proklamation Ihres Landsmannes schmähen, der es wenigstens ehrlich mit der italienischen Sache zu meinen scheint?«
»Diese Erklärung, Signor Capitano,« erwiederte der Graf stolz, »ist wohl kaum nöthig. Der Soldat, der vor dem Feinde die Fahne verläßt, der er geschworen, wenn sie in Gefahr ist - gleichviel, ob er mit politischen
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Sympathieen dafür kämpft oder nicht, ist in meinen Augen ein Feigling und ein Verräther!«
Eine Todesblässe überzog das Gesicht des Florentiners, denn es war bekannt und von seinen Gesinnungsgenossen gerühmt genug, daß er einer der ersten Offiziere der Truppen des Großherzogs von Toscana gewesen war, welche zu den Piemontesen übergingen. Er unterdrückte mit Gewalt ein brutales Schimpfwort, aber aus seinen Augen sprühte das Feuer des verhaltenen Zorns.
»Wäre es Ihnen vielleicht gefällig, Signor Conte, mir zu sagen, mit welchem besseren Recht Sie sich hier befinden?«
»Mit Vergnügen, Signor, und ich hoffe, daß dies meine Stellung in Ihren Reihen etwas klären wird. Was mich und meine Kameraden anbetrifft, die wir bereits in der italienischen Armee dienen oder noch in ihre Reihen zu treten beabsichtigen, so hat im Jahre 1848 Ungarn offen Oesterreich den Krieg erklärt. Wir haben unser Vaterland verlassen müssen und stehen hier, wie dort, Oesterreich als offene Feinde, bis es die Rechte Ungarns anerkannt und sene[seine] Pflichten erfüllt hat, gegenüber. Wäre ich aber noch ein Soldat unter der Fahne Oesterreichs und stände heute unter dieser, so würde ich nie desertiren, oder ein Uebergehen zu dem Feinde für ebenso feig als schimpflich halten.«
So sehr auch diese Erklärung an einer gewissen revolutionairen Logik litt, so war sie doch so dem ritterlichen ungarischen Charakter entsprechend und so kühn und
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männlich, daß sie ihren Eindruck wenigstens auf die besseren Elemente der Umgebung nicht verfehlte.
»Was übrigens Ihre persönliche Bemerkung betrifft, Signor Capitano,« fuhr der Ungar fort, »so bin ich jeden Augenblick bereit, Ihnen zu beweisen, daß wenn auch der Säbel einem ungar'schen Magnaten durch Ehrenwort seinen ehemaligen Kameraden gegenüber in seine Scheide gebannt ist, er doch sehr locker sitzt, wenn es gilt, die Beleidigungen eines Dritten zurückzuweisen!«
Ein Paar der Garibaldiens klatschten in die Hände. »Brava! brava! - Ein Duell!«
Der Graf Montboisier von der einen und Major Laforgne von der andern Seite waren dem Grafen sofort nahe getreten, gleich als wollten sie ihm ihren Beistand anbieten.
Aber ein Anderer kam ihnen zuvor.
Der General hatte sich erhoben. Seine Miene hatte keinen Augenblick den Ausdruck der gewöhnlichen Ruhe und Milde verloren.
»Signor Landucci!«
»Signor Generale!«
»Rufen Sie augenblicklich Ihre Abtheilung zusammen und begeben Sie sich in die beiden Boote, welche zu Ihrer Aufnahme bestimmt sind!«
»Aber General - Sie haben gehört - -«
Garibaldi zog seine Uhr. »Ich hoffe, Sie haben meine Worte verstanden. In zehn Minuten werden die beiden Boote abstoßen und in der Entfernung von fünf Faden vom Ufer liegen bleiben.«
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Unter den Umstehenden, deren Kreis sich durch eine Menge Freischärler verdichtet hatte, die bei dem sehr ungenirten Ton und dem Umstand, daß unter den Soldaten ein großer Theil den bessern, oft den höchsten Ständen angehörte, außer dem Dienst mit den Offizieren fraternisirten, - erhob sich ein Murren der Mißbilligung. Man wollte sich erstens nicht die Unterhaltung eines Zweikampfs entziehen lassen und andererseits Partei für den Italiener zeigen.
»Verzeihen Sie General, wenn ich diesmal nicht gehorche, aber meine Ehre steht auf dem Spiel.«
»Major Laforgne!«
»Hier, General!«
»Ist die Flotille zum Embarkiren bereit?«
»Ich wollte es so eben melden!«
»So lassen Sie zum Antreten blasen!«
Der Adjutant entfernte sich. Gleich darauf hörte man die Hornsignale.
Die meisten Jäger, die zu der Expedition bestimmt waren, eilten zu den Gewehrpyramiden, - nur einige wenige zögerten; Landucci mit seinen Freunden befand sich darunter.
Der Freischaarenführer that, als bemerke er den Ungehorsam nicht. Er wandte sich zu dem Chef seines Stabes: »Oberst Carrano!«
»General!«
»Lassen Sie sofort den zurückbleibenden Zug der Scharfschützen antreten und Jeden, der Ordre zur Einschiffung hat, und beim dritten Signal nicht auf seinem
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Posten ist, festnehmen und ohne Ansehen der Person erschießen!«
Als ob Nichts vorgefallen, wandte er sich an den französischen Obersten. »Wenn es Ihnen genehm ist, Signor Colonello, begleite ich Sie zum Strande.«
Eben erklang das zweite Hornsignal zum Sammeln. Oberst Carrano ertheilte bereits dem Offizier der Scharfschützen seine Befehle.
Seine Freunde, Menotti, der Sohn des Generals, an ihrer Spitze, zogen den Cavaliere Landucci fast mit Gewalt von dem Platz weg nach seiner Abtheilung. »Bei der Madonna, Capitain,« sagte Menotti - »ich kenne meinen Vater! er ist im Stande, mich selber erschießen zu lassen mit nicht mehr Umständen, als man einen Alpenhasen tödtet, wenn er so spricht und ich nicht gehorchen wollte.«
Der Florentiner fühlte, daß er dies thun müsse. Im Umdrehen kehrte er sich noch gegen den ungar'schen Grafen, der jetzt allein stand, und schüttelte mit jener unnachahmlichen Geberde, mit welcher der leidenschaftliche italienische Charakter Haß und Verachtung ausdrückt, seine Hand gegen ihn. »Wir werden uns wiedersehen, Signor - nach der Expedition!«
Der Graf nickte stolz mit dem Kopf. »Bei dieser, Signore!« dann folgte er dem General zum Wasser. Die einzelnen Abtheilungen, wie sie für die acht Boote bestimmt waren, stiegen bereits ein; die Ersten waren, wie der General befohlen, Kapitain Landucci und seine Leute - Jeder
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hatte sich gehütet, zurückzubleiben, als das dritte Hornsignal erklang.
Die Sonne war bereits unter dem Horizont, es begann rasch dunkel zu werden, um so mehr, als von Nord-Westen her aus den Alpenpässen ein scharfer Wind strich und eine schwere Wolkenbank herauf trieb.
Alles unnütze Geräusch, das Lärmen und Singen war streng untersagt worden. Die Offiziere hatten den Befehl, so bald sie auf die Höhe des Sees gelangt wären, jeden Mann, der gegen das Verbot handelte, ohne Weiteres niederzustoßen und in's Wasser zu werfen. Das Gelingen der Expedition hing offenbar von dem Schweigen ab.
Major Laforgne ertheilte den Befehl, daß die Boote abstoßen und in kurzer Entfernung auf den Rudern liegen bleiben sollten; dann trat er zu dem General, die letzten Ordres zu empfangen.
»Ihre Aufgabe, Major,« sagte der Führer, »ist, zunächst sich des Dampfers zu bemächtigen. In seinem Besitz werden Sie leicht das Ufer beherrschen und den österreichischen Posten aus seiner Stellung vertreiben können. Wahrscheinlich ist der Dampfer bereits ausgebessert, so daß er seine Fahrt wieder aufnehmen kann, oder man ist damit beschäftigt. Halten Sie in diesem Fall die Arbeiter an Bord und thun Sie alles Mögliche, damit der Dampfer morgen früh hier sein und ich Ihnen Unterstützung senden, kann. Und nun, mein Sohn - Du bist Seemann und siehst, was sich dort an den Bergen braut. Du hast keinen Augenblick zu verlieren! Gott beschütze Dich!«
Er schüttelte dem Offizier die Hand, der von dem
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französischen Obersten, dem Ungarn und Doktor Achmet begleitet, das neunte Boot bestieg. Der General hatte Anfangs Lust, den Grafen Batthyányi zurückzuhalten, um einen weiteren Streit zu verhindern, aber er bedachte, daß ihm diese Gelegenheit entziehen, ihn noch größeren Anfeindungen und Verdächtigungen preisgeben hieße und er überließ daher die Lösung des Zwistes den kommenden Ereignissen.
Laforgne winkte noch einmal den Zurückbleibenden.
Die neun Boote stießen ab.
Sie waren noch nicht im Dunkel, das bereits auf den Wellen lagerte, verschwunden, als hinter dem Vorsprung des Felsens her, welcher die Seite der kleinen Bucht bildete, ein Kahn hervorkam und von vier kräftigen Armen, gerudert, der kleinen Flotille nachfuhr.
In dem Kahn saßen außer den beiden Ruderern zwei Männer.
»A reviderdi[reviderci]!« rief der General - »was ist das? Die Zahl der Kähne ist nein - ruft den Burschen zu, zurückzukehren, oder gebt Feuer auf sie!«
Menotti Garibaldi machte eine abwehrende Bewegung. »Es ist keine Gefahr - ich habe sie erkannt,« sagte er. »Es ist der verrückte Engländer mit seinen Dienern und dem Spion. Vielleicht befreit uns eine österreichische Kugel diesmal von dem englischen Narren! Dem Juden aber hast Du selbst den Befehl gegeben, nach Verona zurückzukehren, und er erfüllt ihn.«
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Der General zuckte die Achseln und stieg das Ufer hinauf.


Es war zehn Uhr, als die Boote der Freischaaren nach einer angestrengten und gefährlichen Fahrt die Höhe von San Vigilio erreicht hatten.
Der Wind hatte fortwährend an Heftigkeit zugenommen und die Wellen gingen ziemlich hoch in jenen kurzen Stößen, wie sie dem Wasser dieses halb Berg-, halb Binnensees eigen sind und bei ungünstigem Wehen selbst die Dampfschiffe häufig verhindern, an ihrem Bestimmungsort einzulaufen.
Major Laforgne hatte die Mitte seines kleinen Geschwaders eingenommen, um dasselbe leichter beaufsichtigen und seine Befehle ertheilen zu können, indem seine Barke zugleich die Spitze bildete. Vier mit dem See wohlvertraute Schiffer von Salo und Maderno ruderten sie und der Major selbst hatte sich an's Steuer gesetzt. Außer den drei Offizieren, dem Arzt und den Ruderern trug die Barke sechs Scharfschützen, die der Major selbst ausgewählt.
»Valga me Dios!« sagte der Graf Montboisier, »Ihr General hat Recht gehabt, Herr Kamerad, und ich hätte wirklich besser gethan, in einem der großen italienischen Betten von Salo mich den Angriffen ihrer schwarzen Bewohner geduldig preiszugeben, als mich hier von den verteufelten Wellen dieses See's zu Brei schütteln zu lassen. Ich wünschte, wir wären erst handgemein mit den Oesterreichern und auf festem Boden.«
Laforgne hatte sich mit den Ruderern besprochen.
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Obschon bei dem Dunkel umher es für jeden Laien unmöglich gewesen wäre, sich zu orientiren, ließ jener Instinkt, der den Seemann leitet, sie doch recht gut erkennen, wo sie sich befanden.
»Einen Augenblick Geduld, Excellenza,« sagte der Veteran der Ruderer, einen Moment mit seinem Gegenpart die Arbeit ruhen lassend, - »wenn wir zehn Faden weiter sind, müssen wir die Lichter von San Vigilio sehen, das am Ende der Bucht ist, die uns jetzt noch die Höhen verbergen. Wenn das Schiff wirklich an der Stelle liegt, wo es der lange Pietro gesehen haben will, werden wir in einer Viertelstunde bei ihm sein. Heiliger Antonio - dieser Wind bläst, als ob er die Steine von Limone aus ihrem Grunde reißen wollte. Möge er den Tedeschi drüben Verderben bringen!«
Einige kräftige Ruderstriche brachten die Barke weiter und Major Laforgne, der sich mit der Sicherheit des Seemanns im Stern derselben aufgerichtet hatte, sah bei dem Emporsteigen des kleinen Fahrzeuges zu seiner Linken ein Licht blinken und gleich darauf anscheinend tiefer und ferner mehrere andere.
»Es ist die Villa Elena, die von den Fremden bewohnt wird und wo der Posten der Oesterreicher liegt,« berichtete der alte Schiffer. »Die Terrasse des Hauses geht nach dem Meere hinaus, bis der Fels senkrecht abfällt in's Wasser. Das da unten sind die Lichter von San Vigilio. Mögen die Heiligen ihm bald eine andere Herrschaft geben! Unter der Terrasse der Villa ist der See tief genug und hat guten Ankergrund. Wenn der Kapitain
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des Dampfers ein Seemann ist, wird er sein Schiff dort in Sicherheit vor dem Wogenschwall gebracht haben.«
Der Major setzte die silberne Pfeife an den Mund, um den andern Booten das Signal zu geben, so gut als sie konnten, heranzukommen. Es war nicht möglich, bei dem Heulen des Windes und dem Brausen der Wellen nähere Befehle zu ertheilen und der Major mußte sich daher auf die früher gegebenen allgemeinen und einige verabredete Signale verlassen.
Er befahl daher seinen Schiffern, weiter zu rudern und den Eingang der Bucht zum Zielpunkt zu nehmen, auf deren Seitenwand die Villa Elena liegt.
Wer je den prächtigen See auf dem brausenden Dampfer von Riva her nach Desenzano oder Peschiera durchmessen, wird sich der herrlichen Ansichten erinnern, welche die bis zur Wasserfläche niedersteigenden Ausläufer des Monte Baldo an dem östlichen Ufer bilden.
Auf einem der letzten derselben liegt die Villa Elena, dieselbe, welche der Bankier Mortara drei Jahre vorher für die Fürstin Trubetzkoi gemiethet und die sie seitdem gekauft hatte.
Wir müssen zur Erläuterung der folgenden Scenen eine kurze Beschreibung der Villa und ihrer Lage dem Leser geben.
An der nördlichen Seite der Bucht, an deren Rundung sich das uralte Pfarrdorf Garda befindet, erhebt sich das Terrain zu einem felsigen Vorsprung, der in den See hinaus tritt und in einer Höhe von etwa 50 bis 60 Fuß an einer Stelle schroff hinabfällt zum Wasser. Dies ist das Cap San Vigilio.
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Auf dieser Höhe, durch eine mit Weinreben überdeckte Galerie mit den landeinwärts liegenden Hauptgebäuden der Villa verbunden, liegt ein aus einem mittelalterlichen Thurm eingerichtetes Belvedere, von dessen offenen Hallen und Platform man eine prachtvolle Aussicht über die Fläche des See's, seine schönen Ufer und die judikarischen Alpen hat, an deren Hochwänden und fernen Gletschern sich die ersten Strahlen der aufsteigenden Sonne brechen.
Offene Bogengänge, von Weinreben und Rosen bekränzt, ziehen sich an der dem See zugekehrten Seite des Plateaus entlang, bis auch hier die Terrasse durch ein, jedoch niedrigeres Bauwerk unterbrochen wird, das auf kolossalen Grundmauern wahrscheinlich noch aus der Römerzeit errichtet ist, halb Pavillon, halb Citadelle, zwei Stockwerk hoch, oben gleichfalls mit flachem Dach.
Der Fels, welcher die Terrasse bildet, endet hier und fällt weniger steil in vorspringenden Blöcken, durch die sich eine schmale und ziemlich gefährliche Treppe von roh eingehauenen Stufen windet, zum Strande hinab. Der höhere Thurm bildet das Nordende der Terrasse, der breitere, niedrigere das südliche, doch steht durch die Senkung, der Terrasse die Höhe der beiden Platformen sich gleich.
Die Villa selbst, das Hauptgebäude, ist in einfachem modernem, italienischen Styl gleichfalls auf den Trümmern eines alten Forts oder einer Burg erbaut, die wahrscheinlich im Mittelalter hier stand und einem jener veronesischen Geschlechter, die um die Herrschaft der alten Römerstadt mit den Scalingern stritten, ein wichtiger
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Besitz war, da sie ihm große Macht auf dem Gardasee und an dessen Ufern sicherte. Das Gebäude ist ein Viereck, einstöckig außer dem Parterre, auf hohem - eben aus den Trümmern der alten Zwingburg bestehendem - Sousterrain mit Veranden und Balkons, und mit der Hauptfront, dem hallenartigen Hauptbalkon - nach dem Garten und dem See schauend, aber auch auf der Seite nach Osten mit einigen englischen Anlagen umgeben, welche die Auffahrt vom Lande her bis zur breiten Rampe in zierliche, mit Blumen-Medaillons besetzte Rasenflächen einschließen. Weiter hin liegen der Hof und die Wirtschaftsgebäude der Villa.
An dem Abend des Tages, an welchem wir unsere Darstellung auf dem gegenüberliegenden Ufer des Sees wieder aufgenommen haben, also am Dienstag den 21. Juni, befand sich eine ziemlich zahlreiche und sehr verschieden zusammengesetzte Gesellschaft in dem großen Salon des obern Stockwerks der Villa, der mit hohen Glasthüren sich auf den Balkon öffnet. Die Gesellschaft war in verschiedene Gruppen getheilt, die auf den Divans, den Fauteuils und den Plaudersopha's sich zusammen gefunden, - Whist spielten, - oder im Gespräch auf- und niedergingen, während der Samowar, der russische Theekessel, dampfte und der Wind heftig an den Jalousieen der großen Glasthüren und Bogenfenster rüttelte, von denen eine geöffnet war, um den Blick auf das Unwetter und die dunkle weißschäumende Fläche des Sees zu gewahren.
Je rauher draußen das Wetter tobte, einen desto behaglicheren Anblick gewählte das Innere des hell erleuchteten
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mit Comfort und Geschmack ausgestatteten Gemachs. Dennoch zeigte ein Blick auf die Gesellschaft, daß - während draußen die Elemente kämpften - auch hier genugsam Kampf und Krieg vertreten war, den die Menschen unter sich heraufbeschwören, und ein scharfer Beobachter der einzelnen Personen hätte leicht bemerkt, daß nicht blos das Kleid auf Haß und Streit deutete.
Die beiden Nebenthüren des Salons waren geöffnet und vermehrten mit den sinnreichen Einrichtungen der Decke den Luftzug, welcher die drückende schwüle Hitze draußen erträglicher machte.
In einer Ecke des Salons vor einem großen runden Tisch, auf welchem der Samowar brodelte, saß in ihrem Fauteuil die Herrin des Hauses, die Fürstin Trubetzkoi. Obschon eilf Jahre vergangen waren, seit wir sie - am Beginn unseres Buches - als Cäcilie Helene Pálffy auf flüchtigem Roß von dem glänzenden Schloß ihres Vaters zu dem Dorffeste niederjagen sahen, das ein so trauriges Ende nahm, und obgleich Scenen des Schreckens und der furchtbarsten Leiden seitdem ihr Herz zerrissen und ihre Augen umschattet hatten, war das edle blasse Gesicht doch immer noch von imponirender Schönheit und ein Ausdruck von Stolz, ja von kalter Härte hatte sich gerade heute über diese Züge gelagert, die sonst gewöhnlich nur den Ausdruck einer stillen leidenden Trauer zeigten.
Drei Tage vorher nämlich war ganz unerwartet ihr Gemahl, der Fürst Trubetzkoi von Paris über Dresden und Wien angekommen und hatte sich unter dem Vorwand
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eines kurzen Besuchs bei seinem Sohn in der Villa einquartiert.
Es war das erste Mal seit ihrer Trennung, ja seit ihrer ganzen unglücklichen Ehe, daß der Fürst sich einen solchen aufgedrungenen Besuch erlaubte, und es hatte allerdings sofort eine von Seiten der Fürstin ernste und bestimmte Erörterung darüber stattgefunden. Indessen der Fürst hatte sich, ganz gegen seine Natur, diesmal so ausweichend und so höflich benommen, er hatte so viel von seiner Sorge um Gattin und Sohn wegen der Kriegsgefahr gesprochen und von seiner unüberwindlichen Sehnsucht, das Kind wieder zu sehen - er hatte endlich so geschickt jede Erörterung ihres Verhältnisses zu vermeiden verstanden und erklärt, daß sein Aufenthalt nur wenige Tage dauern werde, da er alsdann nach Petersburg sich begeben müsse, - daß die Fürstin Nichts entgegnen konnte, als mit kalter Verachtung die Achseln zu zucken und ihre Einwilligung geben, um einen Scandal vor der Dienerschaft zu vermeiden.
Der Fürst hatte also eine Wohnung in den zu Fremdenzimmern eingerichteten Räumen des nördlichen Thurms bezogen, erwies seiner Gemahlin die größte Höflichkeit, schien jedoch sonst damit ganz einverstanden, daß sie sich außer den gesellschaftlichen Berührungen ganz fern und abgeschlossen hielt; denn er schien sehr viele und zum Theil - wie das scharfe Auge des Secretairs beobachtete, - sehr geheimnißvolle Geschäfte zu haben. Er schickte häufig Boten fort und bekam solche, und Tunsa erzählte an den Erzieher, daß sie in der Nacht nach der Ankunft des Fürsten gesehen,
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wie sein Kammerdiener einen kleinen verwachsenen Menschen durch den Garten zu ihm geführt, dessen Physiognomie ihr schon früher bei irgend einer Gelegenheit aufgefallen war. Auch hatte der Fürst sofort nach seiner Ankunft, die über Verona erfolgt war, verschiedene Besuche in der Nachbarschaft bei den Führern der dort stationirten Truppen-Detaschements gemacht und die Offiziere auf das Gastfreieste zu sich eingeladen. Selbst von Verona her kamen jetzt täglich Besuche.
Neben der Fürstin befand sich Feodora - das Geschäft des Einschenkens ihr erleichternd, während zwei Diener den starken Thee und Rum umherreichten. Der Knabe hockte neben seiner Mutter auf dem Divan, neckte sich mit Feodora und hatte es mit Eigensinn und Thränen, die der Fürst sofort mit einer Bitte unterstützte, schon zwei Mal durchgesetzt, daß die alte Kammerfrau, die ihn zu Bett bringen sollte, wieder fortgeschickt wurde.
Man rauchte, mit Erlaubniß der Hausfrau, in dem Salon. Der Fürst ging, auf seinen Stock gestützt, mit einem älteren Herrn von aristokratischem Aussehen und ruhigen eleganten Manieren in angelegentlichem Gespräch auf und nieder, das er nur zuweilen mit einer Frage an einen oder den andern Offizier unterbrach. Die Zahl derselben betrug sechs, wovon zwei, ihrer blauen Uniform nach der Marine angehörten. Es waren Beide noch junge Leute, der eine Lieutenant, der zweite Aspirant von dem Kriegsdampfer »Taxis«, der unter der Höhe des Caps ankerte, und von dem Befehlshaber desselben mit der höflichen Entschuldigung in die Villa geschickt, daß er durch
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den Dienst verhindert sei, den Besuch des Fürsten zu erwiedern, den dieser sofort nach der Anfahrt des beschädigten Dampfers an Bord abgestattet hatte, um die Hilfe der Bewohner der Villa anzubieten und die Offiziere dahin einzuladen. Beide saßen mit einem Huszaren-Lieutenant von dem Regiment »Kaiser Franz Joseph« an dem Theetisch. Ein Jäger-Offizier spielte in der andern Ecke des Salons mit zwei Kameraden Karten, und an dem Fenster, dessen Jalousieen geöffnet waren, stand der Secretair und Geschäftsführer der Fürstin, Rudolph Meißner, im Gespäch mit einem jungen stattlichen Mann in halb militaitairischer[militairischer], halb bürgerlicher Kleidung, der im Knopfloch seines Rockes das goldene Verdienstkreuz trug.
Die drei Offiziere am Kartentisch waren von sehr verschiedenem Aussehen. Der Jäger war ein Mann von etwa dreißig Jahren, ein Tyroler von Geburt, mit frischem gutmüthigem Gesicht, der Kommandant eines Postens in Garda am Ende der Bucht. Sein Partner dagegen trug die Uniform eines Hauptmanns von den Gränz-Bataillonen, war schon an die Fünfzig und hatte ein wildes, böses und von tiefen Narben, als hätten die Pocken arg darin gehaust, zerrissenes Gesicht. Sein ganzes Wesen hatte einen gemeinen brutalen Ausdruck und er spielte gierig und habsüchtig, ja, nur die Gutmüthigkeit des Jäger-Offiziers ließ diesen übersehen, daß er wiederholt den Versuch machte, die Unaufmerksamkeit seiner Gegner zu benutzen, um dieselben zu übervortheilen.
Der dritte Spieler war ein Mann von anderer Art. Er trug die Uniform eines Offiziers aus dem Generalstab
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und mochte etwa vierzig Jahre zählen. Sein Auge war intelligent, aber sein Geist offenbar mit ganz andern Dingen beschäftigt, als mit den Karten, Das Gesicht des Offiziers war regelmäßig und dennoch von keinem angenehmen Eindruck. Es lag in der zusammengezogenen Stirn, in den buschigen Brauen und um die schmalen blassen Lippen etwas Hartes, Unzufriedenes, ein Ausdruck von Mißvergnügen und Groll, der sich bis zum Haß steigern konnte.
Wir haben - indem wir diese Figur in unsere Erzählung mischen - zwar die Absicht, eine der Ursachen, vielleicht die wichtigste, aber den Wenigsten bekannt gewordene - zu bezeichnen, welche die traurige Katastrophe von Solferino für die tapfere österreichische Armee herbeiführten, aber wir bemerken ausdrücklich, daß wir hierbei genügend von der Freiheit des Schriftstellers Gebrauch gemacht und Charge und Namen des Verräthers seines Kaisers und seiner Landsleute wie auch andere Umstände vollständig verändert haben.
Kehren wir noch einen Augenblick zu der Gruppe am Fenster zurück.
Rudolph Meißner, der Secretair der Fürstin, der Erzieher ihres Kindes und ihr treuer Freund und Geschäftsführer, und deshalb von dem Fürsten im Stillen bitter gehaßt, war zwar noch immer etwas bleich und leidend an den Folgen der schweren Krankheit, die er überstanden, und in der ihn anfangs Rosamunde und dann die Fürstin und Feodora so sorgsam gepflegt hatten, aber er war doch wieder vollständig hergestellt und im Besitz seiner Kräfte, und
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heute strahlte auch sein offenes Gesicht und sein ehrliches Auge in ungetrübter Freude; denn der Mann an seiner Seite, dessen Hand er hielt und mit dem er so herzlich plauderte, war ja ein Freund aus der Heimat, der Bürge, daß so Manches ausgeglichen und besser geworden, der Bote einer theuren, nie geschwundenen Erinnerung und vielleicht der Verkünder einer bessern Zukunft. Und wenn auch die Kunde, die er ihm gebracht, ernst genug, wenn auch die Ursache, die ihn hierher an die Ufer des Gardasees geführt, eine traurige und düstere war, die noch mehr der Trauer und des Schmerzes bringen mußte, - alles das verschwand vor der Erinnerung an die Heimat und vor dem Gedanken, daß wenigstens sein treues Herz und seine Ehre wieder makellos in den Augen Derer dastand, an deren Achtung ihm am Meisten im Leben gelegen war.
Der Mann, dessen Hand er jetzt in der Seinen hielt, der Freund aus der Jugendzeit und der Heimat war Otto von Röbel.
Die beiden Brüder waren einige Tage vorher bei der Armee am Mincio angelangt und die warme Empfehlung des Fürsten Windischgrätz an die Oberstkommandirenden, so wie ein Brief an seinen Neffen, den Obersten des Infanterie-Regiments Khevenhüller, hatten den sofortigen Eintritt Friedrich von Röbel's in die Armee und seine Einstellung in dem Regiment des jungen Fürsten ermöglicht. Otto von Röbel hatte zwar selbst keinen Dienst genommen, aber die Erlaubniß erhalten, als Volontair sich dem Regiment anzuschließen, und die Offiziere desselben hatten die beiden Preußen auf das Kameradschaftlichste aufgenommen.
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Da der jüngere Röbel in dieser Stellung noch keinen Dienst zu thun brauchte und Herr seiner Zeit war, während sein Bruder natürlich sogleich alle Pflichten des Dienstes vor dem Feind übernommen hatte, so war er von Verona aus an diesem Tage nach der Villa gekommen, wo er wußte, daß der Freund seiner Knabenzeit, der Mann, der so aufopfernd für ihn in Paris eingetreten war und ihm die Rettung seines Lebens damals bei der Erstürmung von Wien gelohnt hatte, sich aufhielt.
Er war mit der innigsten Freude von Rudolph, mit Freundlichkeit von der Fürstin und mit Achtung selbst von dem Fürsten empfangen worden, der sich der muthigen That des jungen Mannes im Circus mit einigen Bemerkungen und Fragen erinnerte, die finstere Schatten auf Otto's Stirn beschworen, denn noch wußte er Nichts von dem Wiederauffinden der Marquise und der Aenderung ihres Schicksals. Ein Brief seines Freundes Laforgne, der ihn von dem seltsamen Abenteuer in Kenntniß setzte, war auf dem Umweg über Paris erst nach ihrer Abreise eingetroffen und Briefe aus der Heimat hatte er hier im österreichischen Lager noch nicht erhalten und es war auch bei dem kläglichen Zustand der Feldpost nicht wahrscheinlich, daß er sobald deren erhalten würde.
Nur ein Auge beobachtete den jungen Mann mit einem bittern Gefühl, wenn auch nicht mit Haß oder Widerwillen. Es war das Tunsa's - Feodora's. Das ganze Wesen der Zigeunerin, das durch den Einfluß der edlen Natur ihrer Gebieterin eine so wesentliche Veränderung zum Bessern erfahren hatte, die sie aus der wilden
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übermüthigen Maitresse der brutalen Launen des Fürsten zu einer ergebenen aufopfernden Dienerin der duldenden Frau machte, schien seit jenem Zusammentreffen mit Rosamunde am Schmerzenslager des von Beiden so verschieden und doch so tief geliebten Mannes eine neue Wandlung erfahren zu haben. Sie war häufig in tiefe Gedanken versunken, ihr sonst so blitzendes, in seinem Ausdruck ewig wechselndes Auge starrte finster, ja oft unheimlich vor sich nieder, sie sonderte sich von ihrer Umgebung ab und liebte es, allein oder nur mit dem Knaben auf den einsamsten Wegen der Umgebung umherzustreifen. Dies hatte sie schon während des Winters in Nizza und jetzt wieder an den Ufern des Gardasees gethan, so daß die Fürstin häufig gezwungen war, bei der Gefahr, welche die kriegerische Umgebung mit solchen Gängen verknüpfte, ihr diese zu untersagen. Dabei hörte man sie jetzt, wenn sie allein umherirrte oder des Abends - was sie sehr zu lieben schien, - bis spät in die Nacht auf der Terrasse oder den Felsabhängen am See saß, die seltsamen melancholischen Lieder und Melodieen ihres Volkes singen, was sie seit Jahren nicht gethan, und der kleine Prinz vertraute seiner Mutter, wie ihm Feodora gar traurige Geschichten von Mumeli Swa und dem Zigeuner Petrike zu erzählen pflege, dessen Geige erklungen, bis der Henker ihn hinüber in das ewige Nichts gestoßen habe.
Die Fürstin verwies dem Mädchen diese Reden, aber sie brachte es nicht über sich, hart gegen sie zu sein, und da ihre Bemühungen, Tunsa wieder aufzumuntern, erfolglos blieben und sie an dem eigenen Leid zu tragen genug hatte,
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überließ sie sie schließlich ihren Launen, von der Zeit deren Aenderung erwartend.
Rudolph selbst war sich immer gleich gegen das Mädchen geblieben, dankbar für ihre Aufopferung und ihre Liebe, gegen die er nicht blind sein konnte, aber ruhig und ernst. Sie vermied auch seit längerer Zeit, seit seine Krankheit ihre direkte Pflege nicht mehr erforderte, mit ihm allein zu sein, und ein stilles Uebereinkommen schien zwischen Beiden getroffen, nicht die Vergangenheit zu berühren. Feodora wußte, daß der angekommene Fremde der Bruder Rosamundens, des Mädchens, zu dem sie wie zu einer Heiligen aufsah, war, und die leuchtende Freude auf dem Antlitz ihres Hausgenossen zeigte ihr, welche Botschaft dieser empfangen.
Wie es kaum anders sein konnte, bewegte sich die Unterhaltung meist in der Politik und in den Neuigkeiten vom Kriegsschauplatz. Obschon man durch die Offiziere des Dampfers erfahren hatte, daß die Alpenjäger Garibaldi's bereits auf dem westlichen Ufer des Sees schwärmten, fühlte man sich hier auf dem östlichen doch vollkommen sicher, da es bekannt war, daß die Feinde noch keine Flotille auf dem See hatten und Fürst Trubetzkoi die Nachricht mitbrachte, daß der Admiral Dupouy, welcher diese auf dem Gardasee bilden sollte, erst in diesen Tagen Paris verlassen würde. Ueberdies waren alle Landungspunkte an der Küste besetzt; in San Vigilio, das unten an der Bucht lag, befand sich ein Detaschement Gränzer, deren Hauptmann eben im Salon sich mit dem Kartenspiel beschäftigte; in Garda - am Ende der Bucht - eine Abtheilung Jäger.
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Weiter hinab nach Peschiera standen Infanterie- und Cavalerie-Pikets.
Der Fürst spazierte mit dem Herrn in Civil auf und ab. Der Letztere konnte etwa 52 bis 54 Jahre zählen und hatte ein feines aristokratisches Gesicht.
»Sie bleiben auf jeden Fall hier, Baron,« sagte der Fürst - »und fahren erst morgen nach Verona zurück. Es ist genug, daß uns Kapitain Müller diesen Abend seines Dienstes halber verlassen muß, und in meinem Thurm drüben giebt es Raum genug. Ich bin so lange aus Italien fort, und es giebt der Ereignisse so Viele, daß ich herzlich froh bin, aus so vorzüglicher Quelle zu schöpfen.«
Der Baron wandte sich mit einer höflichen Verbeugung zur Fürstin. »Wenn ich nicht fürchten darf, Ihro Durchlaucht lästig zu fallen, nehme ich die Einladung an. Ich war in Venedig nicht anwesend, als der Fürst mir seinen Besuch machte, und es war mir eine angenehme Pflicht, denselben zu erwiedern, da mich ein Geschäft nach Verona rief. Wir sind nicht mehr die Jüngsten, und eine Doppeltour von fünfzehn Miglien ist schon etwas zu viel für uns.«
»Ah - bah, Neuillat, Sie machen sich mit Gewalt alt, Sie haben sich vortrefflich conservirt und in den letzten fünf Jahren - ich glaube, wir sahen uns zuletzt in Mantua, ehe die Fürstin die Laune bekam, sich hier anzusiedeln, - fast gar nicht verändert. Schorte wos mi! Da sehen Sie mich an - ich bin nicht älter wie Sie und seit eilf Jahren ein Krüppel!«
Ein giftiger Blick streifte die Fürstin, die von der Anspielung jedoch keine Notiz nahm, sondern die
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Einladung ihres Gemahls mit einigen höflichen Worten wiederholte.
»Euer Durchlaucht brachten die wichtigste Nachricht mit sich,« setzte der alte Diplomat mit einem feinen Lächeln das Gespräch fort - »die Mobilmachung der preußischen Armee.«
»Oh,« sagte der Fürst eifrig - »es ist noch keineswegs so weit. Einige Armeecorps - wie es die Zeitverhältnisse erfordern. Es ist mehr eine Kriegsbereitschaft, wie ich Sie versichern kann. Der Regent wird herzlich wenig Lust haben, sich für Oesterreich in einen Krieg mit Frankreich und - nun vielleicht auch noch mit andern Mächten zu verwickeln. Die Note des Fürsten Gortschakoff kann nicht ohne Eindruck geblieben sein.«
Der Baron lächelte sein. »Verzeihen Sie Durchlaucht wenn ich mir unter uns eine Bemerkung erlaube. Die sogenannte »Russenfurcht« scheint mir in Europa etwas außer Mode gekommen, sogar in Deutschland. Ich halte zwar nicht besonders viel von diesem Herrn von Beust und ihn mehr für einen Intriguenmacher, als für einen Staatsmann, aber diesmal - das muß ich gestehen - hat er mit seiner Antworts-Note der öffentlichen Meinung ziemlich gut Ausdruck gegeben.«
Der Russe biß sich auf die Lippen und wechselte die Unterhaltung. »Haben Sie neuere Nachrichten von Rom?«
»Eine wichtige war gestern Abend in Verona verbreitet. Der heilige Vater hat sich ermannt und seine Zustimmung gegeben, daß ein Regiment der Schweizer nach Perugia abrücken sollte, um es wieder zu besetzen.
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Oberst Schmidt ist ein Mann von Energie, und da die Perugesen sehr fanatische Köpfe sind, dürfte es zu einem harten Zusammenfluß gekommen sein. Die Truppen müssen gestern Perugia4 erreicht haben.«
»Wie - so hat also die Sendung Pietri's nach Rom Nichts geholfen?«
»Signor Pietri,« sagte spöttisch der Andere, »der zwar nicht verstanden hat, die Orsini'schen Bomben zu verhindern, hat jedoch vortrefflich gewußt, aus der Orsini'schen Erbschaft Kapital zu machen, wie der gegenwärtige Krieg zeigt. Aber bei der Forderung, den Cardinal Antonelli zu entlassen, hat man sich erinnert, daß unter den gleichen Umständen bei Napoleon I. die Entlassung des Cardinals Consalvi nach vierzehn Monaten die Aufhebung des Kirchenstaats und die Wegführung Pius VII. zur Folge hatte. Ein Pius und ein Napoleon sitzen wiederum auf dem Thron.«
»Sie sind ein unverbesserlicher Legitimist,« sagte halb lachend, halb ärgerlich der Fürst.
Der Baron wandte sich kurz zu ihm. »Sie nicht?«
Die Frage überraschte etwas den Russen. »O -« sagte er endlich, »es kommt darauf an, wie weit Sie den Begriff ausdehnen. Natürlich, vor Allem der Willen des Kaisers! Aber die Nationen sind nicht mehr in den Kinderschuhen. Sie sehen doch, wie sich in Italien Alles regt, in Parma, in Modena, in Rom, selbst in Neapel. Die Adresse der Geistlichkeit in Brescia an Victor Emanuel
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und den Kaiser Napoleon ist eine Thatsache, die sich nicht wegleugnen läßt.«
»Man hat sich Mühe genug gegeben, um diesen Erfolg herbeizuführen,« erwiederte der Baron kalt. »Seit Jahren standen die Regierungen auf einem Boden, unter dem systematisch jeder Halt fortgebrochen wurde. Daß Herr Pietri dabei natürlich auch etwas für die weite napoleonische Tasche conspirirt hat, läßt sich nicht verargen. Herrn Cavour, wenn er nicht etwa selbst das kleine Handelsgeschäft betrieben haben sollte, was ich von vorn herein geglaubt habe, dürfte die Petition von Chambery um Einverleibung Savoyens in Frankreich doch etwas die Augen öffnen. Und wenn nicht ihm, so doch den Italienern. - Es ist ein schlimmes Ding Durchlaucht für einen Monarchen, die Revolution zu Hilfe zu rufen!«
»Aus diesem Grunde,« sagte der Fürst hastig, »hat unser Gesandter in Turin auch Protest gegen die Bildung der ungar'schen Legion eingelegt. Sie wissen, daß Kossuth, Klapka, Kiß und Perczel bereits in Genua sind!«
»Die Führer, ja, aber die Legion fehlt. Die Ungarn sind im Ganzen eine brave Nation; sie zanken sich wohl im eigenen Hause, aber des Kaisers Feinde sind ihre Feinde. Sie haben ein schlimmeres Element in Ihrem eigenen Staat.«
»Sie meinen die Polen, Baron?«
»Ja, die Polen. Passen Sie auf, die Reihe kommt bald an Sie und ich wünsche Ihnen, daß Ihre jetzige Politik sich dann nicht rächen möge.«
»O - Sie irren sich in Ihren Voraussetzungen,
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Baron - das Kabinet von St. Petersburg hält sich ganz neutral, obschon Sie mir zugestehen werden, daß wir in der That nicht viel Ursach zur Freundschaft gegen Oesterreich haben. Ein Beweis dafür ist, daß der Kaiser den Obersten Tornauw als Militair-Agenten nach Verona sendet!« -
»Und Euer Durchlaucht als Civil-Agenten?« sagte der Andere lächelnd. »Für den bevorstehenden Besuch der Kaiserin Mutter in Nizza und das Verfahren Sr. Kaiserl. Hoheit des Großfürsten Konstantin in Konstantinopel gegen den englischen Gesandten muß eine andere Höflichkeit als Gegengewicht ausgetauscht werden. Apropos, Durchlaucht, Sie wissen wahrscheinlich bereits, daß Graf Esterhazy heute in außerordentlicher Mission in London angelangt sein muß?«
»Ich hörte in Wien von der bevorstehenden Abreise,« sagte der Fürst. »Was denken Sie, Baron, daß der Erfolg sein wird?«
»Ei, das kann Niemand wissen,« sagte der Baron mit angenommener Gleichgültigkeit, - »obschon die englische Presse die preußische Mobilmachung jetzt in ganz Anderm Sinne betrachtet. Ich denke -«
»Nun?«
»Ei nun - wir werden die englische Flotte bald von Corfu auslaufen sehen!«
Der Russe biß sich wiederum in die Lippen. »Das gäbe also einen europäischen Krieg,« sagte er.
»Wahrscheinlich! - indeß ich hoffe, der Kaiser Louis Napoleon wird sich sehr besinnen, ehe er einen solchen
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heraufbeschwört - selbst mit der besten Bundesgenossenschaft. Die Deutschen, wenn sie einmal einig sind, was leider für sie selten der Fall, sind nicht zu verachtende Gegner.«
Der Fürst machte an seinem Stock einige Gänge durch den Saal, ohne zu antworten. Er schien in tiefes Nachdenken verloren. Dann blieb er wie zufällig an dem Spieltisch stehen. Obschon er dem Baron den Rücken zugewendet, entging es diesem doch nicht, daß er mit dem Offizier des Generalstabs einen bedeutsamen Blick austauschte.
Der Robber war bald nachher zu Ende - Kapitain Müller legte die Karten nieder und sah nach der Uhr.
»Es ist die höchste Zeit,« sagte er, »daß ich aufbreche. Ich habe fast vier Meilen bis Villafranca zu reiten und werde schwerlich vor Mitternacht dort sein. Ihre Durchlauchten sind so liebenswürdige Wirthe, daß man darüber fast seine Pflicht vergißt. Brechen wir zusammen auf, meine Herren?«
»Gott bewahre -« sagte einfallend der Fürst, »man ist in dieser Einsamkeit froh, wenn man Gesellschaft hat. Kapitain Jurisch hat fünfhundert Schritt bis in sein Quartier und Lieutenant von Wurmser noch keine Viertelmeile bis Garda. Auch Graf Pálffy ist ein zu guter Husar, um wegen eines Rittes bis Peschiera schon jetzt seine Verwandten zu verlassen. In einer Zeit, wo jede Stunde die Schlachtenwürfel aufs Neue rollen können, muß man mit den Minuten geizen. Bei Ihnen, Kapitain, darf ich leider keine Einsprache thun - der Dienst geht
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vor, aber wenn nicht ernstere Ereignisse eintreten, hoffe ich Sie bald wieder hier zu sehen!«
Der Hauptmann verabschiedete sich von der Fürstin und der Gesellschaft, der Fürst selbst begleitete ihn aus dem Salon und die Treppe hinunter.
»Treten Sie einen Augenblick hier ein, Kapitain,« sagte er, nach einem der Seitenzimmer weisend, »indeß die Diener Ihren Burschen mit den Pferden rufen.« - Der lange Kosak Petrowitsch saß auf dem Flur; der Fürst sprach einige Worte zu ihm auf Russisch; der Kosak erhob sich und nahm wie zufällig seinen Platz in der Nähe der Thür, durch welche der Fürst und sein Gast in das Zimmer getreten waren.
Die beiden Männer befanden sich allein.
»Sind Sie gewiß, Kapitain,« frug mit gedämpfter Stimme der Fürst, »daß die Angriffsbewegung erfolgen wird?«
»Ich wiederhole Euer Durchlaucht, daß der Feldzeugmeister Heß bereits gestern den Entwurf für das erneuerte Vorgehen der Armee bearbeiten ließ. Wir könnten nur unter großem Nachtheil eine Defensivschlacht auf dem linken Ufer des Mincio annehmen, da das rechte meist Weit höher gelegen ist. Die Vertheidigungslinie würde über vier Meilen betragen, während die Brücken bei Ferri und Goito nebst den beiden Schiffbrücken unser Vorgehen sichern. Das einzige Bedenken ist ...«
»Nun?«
»Wenn der Kaiser Napoleon so rasch vorrückte, daß wir nicht ohne Kampf über den Mincio gehen können.
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Aus diesem Grunde hat Baron Heß noch gestern Abend den beiden Armee-Kommandanten eröffnet, daß trotz der damit verbundenen Nachtheile die Vorwärtsbewegung, statt am 24sten, schon übermorgen, den 23sten, stattfinden soll.«
»Und welches sind die Nachtheile hiervon?«
»Die Truppen verlieren nach der Concentrirung ihren Ruhetag. Sie haben zahlreiche Detaschirungen abgeschickt, um Fourage und Lebensmittel in entfernten Empfangsorten zu fassen. Die Rückkehr derselben kann also nicht abgewartet werden. Auch wird man nicht Zeit haben, Truppen des zehnten Corps heran zu ziehen.«
»Wenn wir auf die Erfüllung Ihres Versprechens rechnen können, glaube ich behaupten zu können, daß der Kaiser Napoleon den Uebergang Ihrer Truppen über den Mincio nicht hindern wird. Wann gedenken Sie mir die Details der Dispositionen zu schicken?«
»Wenn es möglich ist, morgen - am Besten übermorgen, da noch Veränderungen vorgenommen werden könnten.«
»Gut. Mein Kammerdiener wird in der bekannten Locanda in Verona Sie oder Ihren Boten erwarten. Für alle Fälle, Ihre Loosung?«
»Villafranca!«
»Gut - die meines Boten wird sein: Revange für Sebastopol.« -
Man hörte die Pferde draußen auf der Rampe der Villa stampfen.
»Es ist Zeit - leben Sie wohl, Durchlaucht,« sagte der Offizier. »In den nächsten Tagen werden wir uns
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schwerlich sehen, denn ich muß sorgfältig jede Unvorsichtigkeit vermeiden, und der Zufall ist nicht immer so günstig wie heute mit meiner Sendung nach Bardolino. Indeß ich werde das Möglichste thun und ich denke, Sie sollen mit mir zufrieden sein. Ich denke, man soll es bitter bereuen, mich so schmählich zurückgesetzt zu haben!«
»Es ist schändlich,« sagte höhnisch der Fürst, »wie man mit einem Mann von Ihrem Verdienst umgesprungen ist. Doch seien Sie überzeugt, wir halten unser Wort. Das Patent als Oberster und die zehntausend Napoleond'or sind Ihnen sicher nach der Schlacht, sobald Sie eintreten wollen!«
»Ich habe Ihr Wort und wehe Dem, der gewagt hatte, sein Spiel mit mir zu treiben. Gutenacht!«
»Gutenacht und glücklichen Weg!«
Der Offizier schwang sich in den Sattel, hüllte sich fest in den weißen Mantel und sprengte hinaus in das Wetter, gefolgt von seiner Ordonnanz. Hätte er gesehen, mit welchem spöttischen verächtlichen Blick der russische Fürst ihm nachschaute, er würde die Wahrheit des Wortes erkannt haben, daß man den Verrath liebt, aber den Verräther verachtet.
Als der Fürst sich umwandte, um wieder die Treppe hinauf zu steigen, sah er im Vestibüle einen Unteroffizier der Gränzer mit einem Mann in der durch halb Europa bekannten Tracht der slawonischen Hechelkrämer stehen.
»K tschorte! Was will der Kerl hier?« frug der Fürst.
»Halten zu Gnaden Durchlaucht,« berichtete einer der
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Diener, »der Soldat hat den Mann hierher gebracht, weil er darauf besieht, den kommandirenden Offizier des Postens sprechen zu müssen und behauptet, wichtige Nachrichten für ihn zu haben.«
»Was willst Du? wer bist Du?« frug der Fürst den Slowaken.
Der Mann antwortete nichts sogleich - der Anblick des Fürsten schien ihn betroffen gemacht zu haben.
»Nun, Kerl, verstehst Du nicht Italienisch?«
»Doch, gnädiger Herr,« erwiederte der Mann respektvoll, aber doch mit einem Ausdruck, der sehr von der gewöhnlichen Redeweise dieser Vagabonden abstach. »Euer Durchlaucht sehen, daß ich Einer des wandernden Volkes bin, das von den Ufern der Theiß in fremde Länder zieht, um sein dürftiges Brod zu suchen.«
Der Fürst schenkte auf die Worte ihm den ersten Blick. Der Slowak, der den Hut abgenommen, mochte ein Mann von dreißig oder zweiunddreißig Jahren sein und seine Gesichtsfarbe war blasser als der gewöhnliche braune Teint seiner Landsleute, auch gegen die Gewohnheit derselben reinlich, wenn auch die Kleidung ärmlich und rauh war, der braune Filzmantel und Hemd und Beinkleider von schmuzigem Leinen.
»Was bringst Du?«
»Eine wichtige Meldung, Herr, von dem kommandirenden Offizier!«
Der Fürst stampfte unwillig mit dem Stock auf die Marmorfliesen. »Sukiensyn! das habe ich schon gehört,
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Kerl! aber was? der Kapitain ist drinnen beschäftigt - ich werde es ihm bestellen!«
»Verzeihen Euer Durchlaucht,« erklärte der Slowake ehrerbietig aber fest - »ich kann meine Nachricht nur einem österreichischen Offizier sagen!«
Der Fürst hob einen Augenblick den Stock, als wolle er eine solche Unverschämtheit züchtigen, aber der Wunsch, die Nachricht selbst zu erfahren, ließ ihn davon abstehen. Zugleich bedachte er, daß auch wenn er den Hauptmann der Gränzer herausrufen lassen wollte, er doch vielleicht nicht Alles erfahren würde, da ihm die Sprache ihrer Unterredung unbekannt sein konnte. So stieg er denn die Treppe hinauf und befahl dem Unteroffizier, mit dem Slowaken ihm zu folgen.
Der Kosak Petrowitsch hatte eine Bewegung gemacht, als wolle er seinem Herrn einige Worte sagen; aber der rasche Entschluß des Fürsten hinderte ihn daran und er begnügte sich, kopfschüttelnd dem seltsamen Besuch nachzuschauen.
Droben war unterdeß der Fürst in den Salon eingetreten, mit einer Handbewegung seine beiden Begleiter vor der Thür zurückhaltend. Er ging sogleich auf den Gränzer-Offizier los.
»Kapitain Jurisch,« sagte er mit jener herablassenden Vertraulichkeit, welche so leicht die Niederen kirrt, »draußen ist einer Ihrer Unteroffiziere, der einen Kerl aufgegriffen hat, welcher behauptet, Ihnen wichtige Nachrichten zu bringen. Ich habe ihn gleich mit heraufgenommen,
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damit Sie ihn hier verhören können, und wir haben gewiß Alle gleiches Interesse, Nachrichten zu hören.«
»Wenn Euer Durchlaucht befehlen und erlauben,« erwiederte der Kapitain devot, »ich will ihn sogleich hereinkommen lassen.«
Auf einen Wink des Fürsten öffnete jedoch einer der Diener die Thür und führte den Soldaten und den Slowaken ein. Die Männer unterbrachen sofort ihr Gespräch - auch die beiden Franen richteten ihre Augen auf den in solchen Räumen ungewöhnlichen Gast.
Feodora konnte eine Bewegung nicht meistern, als sie den Slowaken näher angeblickt - ihr Auge wandte sich sogleich auf die Fürstin. Diese war noch bleicher als gewöhnlich geworden und ihre Hand hatte sich unwillkürlich erhoben und auf das Herz gepreßt. Dann faßte sie den Knaben, welcher sich furchtsam vor der fremden Gestalt an sie schmiegte, und zog ihn auf ihren Schooß.
Das Auge der Dienerin und der Herrin kreuzten sich auf eine bedeutsame Weise - die Fürstin lehnte in den Divan zurück, während Feodora ihren Blick starr, mit drohendem Ausdruck, auf den Slowaken gerichtet hielt.
Dieser hatte nur flüchtig sich umgesehen und gegen die Anwesenden eine höfliche, durchaus nicht linkische Verbeugung gemacht. Die vier Offiziere hatten sich erhoben und waren näher getreten. - Otto von Röbel und sein Freund hielten sich zurück, ohne daß ihnen jedoch ein Wort des nachfolgenden Verhörs entging.
Als Hauptmann Jurisch ein Mitglied der so sehr verachteten, lange Jahre von ihm mißhandelten Klasse vor
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sich sah, tauchte die ganze Brutalität seines Charakters wieder auf.
»Was willst Du, Hundesohn, daß Du Dich erdreistest, hierher zu kommen in so vornehme Gesellschaft?«
Die Frage war in ungarischer Sprache gethan, aber der Fürst legte sich sogleich in's Mittel, dadurch seinen Zweck verfehlt sehend. »Ich bitte Sie, Kapitain, befragen Sie den Menschen auf Italienisch, was wir Alle verstehen und auch er, wie ich mich überzeugt habe. Wir sind nicht alle solche Mezzofanti's wie Sie oder Seine Majestät, Ihr Kaiser, daß wir alle Idiome der großen österreichischen Monarchie kennen!«
»Der gnädige Fürst hier,« antwortete der Slowak sofort ruhig in italienischer Sprache, »hat es befohlen. Ich wollte Euer Gnaden herunter rufen lassen.«
»So - und glaubst Du, daß ich nichts Besseres zu thun habe, als auf den Ruf eines slowakischen Viehes zu kommen? Was willst Du?«
Der Andere antwortete mit einer Gegenfrage. »Sind Sie der Kommandant des Postens in San Vigilio?«
»Das siehst Du, Kerl. Was weiter?«
»Ihr Namen, Herr?«
»Baszom a lelkedet! ich glaube, der Kerl ist verrückt oder betrunken, daß er es wagt, einen kaiserlichen Offizier zu examiniren!«
»Verzeihen Euer Gnaden,« sagte der Slowak fest - »aber ich muß wissen, mit wem ich spreche, damit ich Denen Rechenschaft geben kann, die mich geschickt haben.«
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Der Hauptmann wollte eine heftige Antwort geben, aber auf einen Wink des Fürsten änderte er diese.
»Fene egyemek! Meinetwegen denn, aber nimm Dich in Acht Bursche, daß Deine Nachricht der Mühe werth ist, sonst will ich Dich striegeln lassen. Ich bin der Hauptmann Jurisch.«
Der Name schien eine schreckliche Wirkung auf den Slowaken zu machen. Er schauderte zurück, als wenn er auf ein giftiges Thier getreten wäre, dann überflog eine dunkle Röthe sein Gesicht, seine Fäuste ballten sich und ein Blitz tödtlichen Hasses schoß aus seinen Augen.
Während die Andern mit Staunen auf dies Gebahren sahen, schien der wilde Gränzer sein Behagen daran zu haben. Er betrachtete es als eine Wirkung der Furcht vor seinem Namen und es fiel ihm nicht im Traum ein, daß es eine andere Bedeutung haben könnte.
»Kutya teremtete!« sagte er, sich behaglich den langen grauen Schnur[r]bart streichend, - »ich will es meinen, daß Landstreicher wie Du Furcht vor dem Hauptmann Jurisch haben. Ich kenne das Gesindel aus Ungarn her, aber der Jurisch versteht unter ihnen aufzuräumen!«
Der Slowak schien sich unterdeß wieder gefaßt zu haben, er war auffallend blaß geworden, aber er blieb ruhig und hielt seine Augen auf den Boden geheftet.
»Woher kommst Du?«
»Vom Stilfser Joch!«
»Wo Ihr Gesindel Euch doch überall umhertreibt! Was ist's, was willst Du eigentlich?«
Der Slowak hatte den doppelten Holzboden einer
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seiner Mausefallen aufgeschoben und brachte aus der Höhlung ein kleines Papier zum Vorschein, das er dem Hauptmann reichte. Dieser zögerte mit der Annahme. »Bah - was wird's sein, irgend ein Bettelbrief!«
Der Jäger-Offizier jedoch, der die Ursach der Ablehnung kannte oder merkte, nahm das Blatt und entfaltete es.
»Es ist ein unverwerfliches Zeugniß für die Ehrlichkeit dieses Mannes, sagte er. »Wir sind hier unter Freunden, also kann ich es vorlesen:«
Das Blatt lautete:
Die Meisten der Anwesenden begannen, den armen Slowaken mit größerer Aufmerksamkeit und Achtung zu betrachten.
»Es scheint, sagte der Jäger-Offizier, »daß Sie nur diese Verkleidung gewählt haben, um unbehindert durchzukommen?«
»Nein, Herr,« sagte der Mann ernst - »ich bin nichts Anderes, als ich scheine. Ich bin ein armer Slawonier, von dem Gute des Grafen Pálffy, Telek genannt an der Theiß, aber schon lange aus der Heimat fort. Ich habe keine Verwandten mehr, seit meine Schwester Hanka am Lätaretag dort der Wolf zerrissen und meine Mutter in Gram darüber gestorben ist.«
Der Hauptmann der Gränzer schra[c]k unwillkürlich zusammen und trat einen Schritt zurück. Feodora - Tunsa - war aufgesprungen und zu den Männern
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getreten. »Es ist wahr, sagte sie mit funkelnden Augen, »und es wissen mehr Leute hier, daß er die Wahrheit spricht.«
Nur die Fürstin blieb bleich, odemlos in der Ecke ihres Divans zurückgelehnt. Sie hielt noch immer die Hände auf das Herz gedrückt, als wolle sie dessen gewaltiges Klopfen bändigen. Aber zum Glück achtete Niemand auf sie.
»Ich bin manches Jahr gleich meinen Brüdern, dem verachteten Volk, durch die Länder gewandert, bis ich eine Heimat in der Region des Schnees und des Eises gefunden habe. Um es kurz zu machen, meine gnädigen Herren, Sie wissen, daß die Pässe über die Alpen in's Tyrol bedroht sind und vertheidigt werden. Auch die tyroler Schützen von Meran und Mals und dem Traf[f]oi sind auf ihrem Posten. Der Feldmarschall-Lieutenant wünschte Nachricht zu haben, wie weit die Italiener und Franzosen bereits auf dem westlichen Ufer des Gardasees vorgedrungen sind, da dem Volk dort nicht zu trauen ist und Alles im offenen Aufruhr steht. Ich habe übernommen, in dieser meiner alten Kleidung in's Land zu gehen und sichere Nachricht zu bringen.«
Die Art und Weise, wie der Hechelkrämer sprach, überzeugte die Anwesenden immer mehr, daß er ein Mann weit über diesem Stand war.
»Aber wie kommen Sie hierher auf das östliche Ufer?« frug der Husar. »Das war doch Ihre Aufgabe nicht?«
»Ich war diesen Morgen in Gargnano, Herr! Dort hörten wir Kanonendonner. Die Posten der Alpenjäger
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erzählten, daß General Garibaldi heute oder morgen einen Uederfall des östlichen Ufers versuchen will, um sich hier festzusetzen. Ich war Zeuge, daß Fahrzeuge nach Salo geschafft wurden.«
»Teufel, das wäre!« sagte der Jäger-Offizier und sah sich nach seinem Säbel um.
»Die Nachricht ist sehr unwahrscheinlich,« meinte der Fürst - »General Garibaldi weiß gewiß, daß hier überall Truppen stehen. Wenigstens heute sind wir sicher bei dem Wetter!«
»Vorsicht ist nie unnütz,« meinte der Baron. »Ich glaube, daß die Nachricht dieses wackern Mannes alle Beachtung verdient. Wie aber ist es Ihnen gelungen, mein Freund, auf das diesseitige Ufer zu gelangen?«
»Ich mußte bis über Piovese zurück - deshalb komme ich so spät. Aber der Wunsch, meinem Kaiser zu dienen, hat mich alle Hindernisse überwinden lassen. Jenseits Piovese hatte ich das Glück, an einem Landhaus im Bootschuppen einen kleinen Kahn zu entdecken. Mit meiner Zange gelang es mir, das Schloß zu erbrechen und ich vertraute mich ihm an.«
»Und Sie sind ungehindert fortgekommen?«
»Man bemerkte mich freilich zu zeitig und hielt mich für einen Dieb. Man schoß nach mir, aber ich ruderte, was die Arme halten wollten,«
Der Sprecher hob einfach seinen Mantel auf der Schulter, man sah ein Kugelloch darin und auf dem Aermel des Hemdes einen Blutfleck.
»Zum Glück war die Wunde nur unbedeutend - kaum
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die Haut geritzt. Aber es ist ein weiter Weg für einen kleinen Nachen und zwei Arme. Es war sechs Uhr, ehe ich das Ufer erreichte, und dann hatte ich einen langen Marsch. So sehr ich mich beeilt habe, konnte ich nicht eher den Ort hier erreichen, von dem man mir gesagt hat, daß es der erste große Posten wäre.«
Der Gränzerhauptmann murmelte etwas vor sich hin, wie Bedauern klingend, daß die Kugel des Schützen nicht eine Spanne breit weiter herüber geschlagen sei; auch der Fürst schien nicht sonderlich aufgeregt von der Nachricht und suchte sie noch immer als übertrieben und unwahrscheinlich darzustellen; doch der Husaren-Offizier war bereits während der Erzählung an die Thür gegangen und hatte befohlen, daß sein Pferd so rasch als möglich gesattelt und vorgeführt werde. Auch der Jäger hatte bereits sein Kasket in der Hand und trat mit den beiden Marinen zur Fürstin, um sich zu verabschieden.
Der Secretair derselben kam eben aus dem Vorzimmer zurück. »Herr von Wurmser,« sprach er höflich, »ich habe mir erlaubt, ein Pferd für Sie satteln zu lassen. Wenn auch der Weg nach Garda nicht weit ist, wird es Ihnen bei diesem Wetter und unter den Umständen doch willkommen sein, so rasch als möglich auf Ihren Posten zu kommen.«
»Sie sind sehr freundlich, Herr,« sagte der Offizier, »und ich nehme es mit Dank an.«
»Ich habe ferner geglaubt, im Sinn Eurer Durchlaucht zu handeln,« fuhr der Secretair zur Fürstin fort, »indem
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ich einige Befehle wegen Sicherung des Hauses und Aufnahme des wackern Mannes dort gegeben!«
Die Fürstin nickte ohne ein Wort zu sprechen.
Der Baron Neuillat hatte dem Slowaken die Handgereicht, die dieser bescheiden anzunehmen zögerte, während der Fürst keinen Blick mehr für ihn hatte. »Nehmen Sie, Herr,« sagte der Baron - »es ist die Hand eines ehrlichen Mannes, der damit Ihre aufopfernde Treue ehren will. Ich bin der Baron Neuillat, Kammerherr Sr. Majestät des Grafen von Chambord in Venedig, und wenn ich Ihnen je gefällig sein kann, so wenden Sie sich ohne Weiteres an mich. Sie beweisen aufs Neue, daß ein wackeres Herz unter jedem Kittel schlagen kann. Ich hoffe Sie noch zu sehen, ehe ich oder Sie San Vigilio verlassen!«
»Aber meine Herren, meine Herren,« rief der Fürst, - »Sie wollen wirklich mein kleines Souper im Stich und uns hier ohne allen militairischen Schutz lassen? Hätte ich dies ahnen können, ich hätte eher alles Andere gethan, als diese Unke hier selbst herauf zu führen!«
Die Offiziere, auch der Gränzer Hauptmann, der ein sehr ärgerliches Gesicht schnitt bei der Erwähnung des Soupers, waren bereits an der Thür, als plötzlich durch die Höflichkeiten des Abschieds und das Rütteln des Sturms an den Fenstern ein anderer Klang brach.
Ein Schuß - gleich darauf eine Salve von Schüssen!
»K tschorte wos mi! ich glaube, diese naseweisen Freischärler haben es wirklich gewagt, Sie anzugreifen, trotz des schlechten Wetters!« sagte kaltblütig der Fürst.
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Die Schüsse kamen offenbar von dem See her. Einen Augenblick standen die Offiziere betroffen über das Unerwartete, dann eilten der Husar und der Jäger aus dem Salon und die Treppe hinunter, Otto von Röbel aber riß die Thür des Balkons auf und stürzte auf diesen. Der Fürst, der Baron und der Gränzer-Hauptmann gingen ihm nach.
Die beiden Marine-Offiziere wollten folgen, als der Secretair der Fürstin mit dem kalten Blute des geprüften Mannes ihren Arm faßte.
»Nicht dort hinaus - der Balkon hat keinen Ausgang! Folgen Sie mir - ich werde Sie auf dem kürzesten Wege führen!«
Er zog sie mit sich aus dem Saal.
Durch die geöffnete Thür drang der Sturm in heftigen Stößen in das Gemach und verlöschte mehrere Lichter. In das Toben des Wetters mischte sich das Krachen von Schüssen und wildes Geschrei. In einzelnen Pausen konnte man deutlich den Ruf hören: »Evviva Garibaldi! Evviva Italia!«
Während dies geschah und der Saal fast leer war, ereignete sich eine andere seltsame Scene.
Feodora hatte den auf dem Schoos der Fürstin eingeschlafenen Knaben, den selbst der entstandene Lärm nicht wecken konnte, auf ihren Arm genommen. Sie trat jetzt mit ihm zu dem Slowaken, der noch immer auf seinem Platz an der Thür stand, ungewiß, ob er sich entfernen solle, und bot ihm die Stirn des Kindes.
»Küsse ihn,« sagte sie slawonisch - »der glänzende
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Aldobaran leuchtet heute über Deinem Haupte, Sohn des Unglücks und der Leiden!«
Fast unwillkürlich drückte mit einer gewissen Ehrfurcht der Hechelkrämer seinen Mund auf die Stirn des Kindes, das schlaftrunken und ohne die Augen zu öffnen, die Aermchen um den Hals des fremden Mannes schlug.
Die Fürstin, gleichgültig gegen die Gefahr des feindlichen Ueberfalles, hatte die Hände vor das Gesicht gepreßt, - eine Thräne quoll durch die feinen weißen Finger.
Indem traten der Fürst und der Baron mit Otto von Röbel und dem Gränzerhauptmann wieder vom Balkon hastig herein und schlossen die Thür. Der Fürst warf dem Mädchen einen finstern Blick zu, der sie mit dem Kinde von dem Slowaken fortscheuchte.
»Zum Teufel - es ist richtig, man schlägt sich drunten, wahrscheinlich auf dem Wasser dicht unter den Felsen, denn man kann nur das Blitzen der Schüsse sehen und das Geschrei hören.«
»Befehlen Euer Durchlaucht,« frug der Gränzer devot, »daß ich Ihnen eine Sicherheitswache für das Schloß heraufschicke?«
»Ich denke, mein Herr,« sagte der Baron von Neuillat streng, »es wird dringend nöthig sein nachzusehen, wie es mit der Sicherheit Ihrer Mannschaft selbst steht. Die da unten sich schlagen, die wackern Mannen sind Landsleute und bedürfen Ihrer Hilfe!«
»Es ist wahr - eilen Sie, Kapitain,« bemerkte der Fürst. »Ich darf Sie nicht länger aufhalten. Es ist am Besten, wenn Sie kein Militair herauf schicken - so
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bewahren wir die Neutralität und diese werden beide Parteien achten!«
Während der Gränzer-Offizier jetzt sich eilig entfernte, was längst seine Pflicht gewesen wäre, trat der Secretair der Fürstin wieder in den Salon.
Er wollte zu der Fürstin gehen, als die Frage des Freundes ihn aufhielt: »Was bringst Du für Nachrichten? Rudolph, wo kommst Du her?«
»Ich habe den Offizieren den Weg von der Terrasse zum Ufer gewiesen - garibaldi'sche Freischaaren wollen sich des österreichischen Dampfers bemächtigen, -« er lachte heiter - »sie mögen es thun - sie werden sehen, was sie gewinnen, und sie haben einen warmen Empfang gefunden. - Aber es ist möglich, daß sie den Ort angreifen und sich festsetzen wollen. Die Villa selbst läßt sich nicht vertheidigen, Durchlaucht, aber ich habe bereits Anstalt getroffen, das Castell« - so wurde von den Bewohnern der Villa der niedere Thurm an dem Südende der Terrasse genannt, der zugleich dem Secretair selbst zur Wohnung, diente - »in Vertheidigungsstand zu setzen. Es sind Gewehre genug dort und Munition, daß wir uns halten können, bis Hilfe von Garda kommt, und ich erbitte Eurer Durchlaucht Befehl, ob Sie sich dahin zurückziehen wollen?«
Der Bericht und die Frage war an die Fürstin gerichtet, aber der Fürst nahm sogleich in hochmüthigem Ton die Antwort auf sich:
»Ich muß jede Betheiligung an dem was vorgehe meinen Leuten auf das Strengste untersagen. Dieses Landhaus ist im Besitz eines Unterthans Sr. Majestät des
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Kaisers von Rußland, also so gut wie neutrales Gebiet. Der Krieg zwischen Oesterreich und Italien geht uns Nichts an - beide Parteien werden unsere Rechte ehren!«
Der Secretair sah ihn erstaunt an, während Otto von Röbel finster die Stirn runzelte.
»Ich glaube, Euer Durchlaucht haben mich mißverstanden,« sagte ernst der Erzieher. »Wir befinden uns hier Gott sei Dank noch auf österreichischem Grund und Boden!«
Der Fürst stieß erzürnt mit dem Stock auf den Boden. »K tschortu! ich brauche Ihre Belehrung nicht - es bleibt bei meinem Befehl!«
»Einen Augenblick, Herr Meißner!« Die Fürstin hatte sich erhoben und war zu den Männern getreten, ihr Gesicht war noch so bleich wie vorhin, aber ihre Miene energisch und entschlossen. »Euer Durchlaucht scheinen zu vergessen, daß Sie sich hier bei mir - als Gast befinden und ich es bin, der Befehle zu ertheilen hat!«
»Madame,« rief der Fürst ...
»Die Feinde des Königs von Ungarn, mein Herr, sind auch die meinen. Herr Meißner, ich bitte Sie, Alles sofort zu thun, was Sie glauben, das für uns ziemt und unsern Landsleuten Beistand leisten kann.«
Der Fürst biß sich in die Lippen, aber er wagte, namentlich in der Gegenwart des Barons, keinen offenen Widerspruch.
Meißner verbeugte sich. »Und Euerer Durchlaucht Person?«
Die Fürstin schüttelte verächtlich das Haupt. »So gern,
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wie ich mich Ihrer Treue und Ihrem Muth anvertrauen würde,« sagte sie, »so habe ich doch Nichts zu befürchten, man führt ja nicht mit Frauen Krieg und ich bleibe hier unter dem Schutz - meines Gemahls! - Aber eilen Sie, Herr Meißner - das Gefecht scheint heftiger zu werden, - nehmen Sie von meinen Dienern mit, wem Sie Vertrauen schenken - Sie haben unbeschränkte Vollmacht!«
»Und ich hoffe, ihr Ehre zu machen! Vorwärts Otto!«
Er verbeugte sich gegen die Fürstin und kurz gegen die Herren und wollte eilig mit dem Freunde das Zimmer verlassen, als Feodora auf ihn zuflog.
»Dein Gott wird Dich beschützen - Tunsa wird für Dich beten, wenn Du sie auch verachtest! Nimm diesen mit Dir« sie wies auf den Slowaken, der von den überstürzenden Ereignissen gefesselt noch immer an der Thür stand - »es thut nicht gut, daß er hier bleibt; der Geist Mumeli-Swa's ist über ihrem verlorenen Blut und sagt ihm, daß er Dir nützen wird. Nicht über Deinem Haupt, sondern über dem Anderer schwebt Astaroth, der Engel der Vernichtung!«
Meißner hatte kaum auf die exaltirten Worte der Zigeunerin geachtet, die ihm mit starrem Blick nachsah, als er dem Slowaken winkte und eilig den Salon verließ. Dann kehrte sie stumm und ohne sich um die Andern weiter zu kümmern nach dem Divan zurück, auf dessen Kissen sie das schlummernde Kind niedergelegt hatte.
Das Schießen draußen wurde immer heftiger. Der Fürst, erbittert über den Widerstand, den er gefunden, hatte sich mürrisch in einen Sessel geworfen, nachdem er sich
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überzeugt, daß der kurze Handrevolver, den er in der Brusttasche seines Ueberrocks trug, sich schußfertig darin befand. Baron Neuillat suchte die Fürstin zu beruhigen, die heftig bewegt auf und nieder ging und auf den Lärmen des Kampfes draußen horchte.
Der Secretair hatte schon vorher seinen deutschen Diener nach dem Kastell geschickt - jetzt rief er nach dem ungar'schen Reitknecht der Gräfin und ihrem Jäger, einem Steyrer, aus der Dienerschaft, die unten im Parterre erschrocken durch einander lief und eilte mit ihnen durch den Garten nach der Terrasse. -
Ihr Lauf war so eilig, daß sie sich nicht einmal Zeit nahmen, über die steinerne Balustrade der Terrasse hinweg nach dem Strande hinunter zu schauen, von wo das Geschrei der Kämpfenden erscholl.
Im Nu waren sie an dem Castell - Meißner schlug die Thür hinter ihnen zu und befahl den Dienern, sie zu verbarrikadiren.
Die schmalen Oeffnungen in den ungeheuren Mauern des Erdgeschosses waren mit Eisenstäben versperrt. Der ziemlich große Raum war leer und diente eigentlich nur zur Aufbewahrung von Gartengeräthschaften und für die Orangerie im Winter. Eine hölzerne Treppe führte in das obere Geschoß, das der Secretair bewohnte, und das aus einem kleinen Flur mit dem Aufgang zur offnen Zinne, einem geräumigen Wohnzimmer und einem Schlafzimmer bestand. Das Kastell bildete den vorspringenden Winkel der Terrasse, deren Balustraden von beiden Seiten bis an das alte Gemäuer stießen, und die steilen und rauhen
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Felsstufen, welche von dem Strande herauf führten, mündeten an einer zweiten Pforte im Parterre des Kastells, die den einzigen Durchgang dazu bildete.
Da Meißner ein Liebhaber der Jagd war und häufig mit dem Jäger der Fürstin durch die Berge streifte oder auf das Geflügel im See schoß, befanden sich mehrere Gewehre in seinem Zimmer mit hinlänglicher Munition. Der Jäger hatte bei dem Befehl, zu folgen, seine Büchse nicht vergessen und somit war für Waffen gesorgt, da auch Otto von Röbel Säbel und Revolver im Gemach des Freundes bei der Ankunft abgelegt hatte. Jetzt steckten beide nur hastig ihre Waffen zu sich und stürzten nach dem Ausgang, der nach der Bucht hinab führte und aus dem wenige Minuten vorher die beiden jungen Marine-Offiziere ihren Kameraden zum Beistand geeilt waren. - -
Wir müssen unsere Darstellung jetzt eine Viertelstunde zurück verlegen zu dem Augenblick, als Major Laforgne, der Kommandirende der kecken Expedition der Alpenjäger, seinen Boten das Signal gab, sich zu sammeln und auf den Eingang der Bucht von Garda loszusteuern.
Da der Sturm und der Wellenzug hierher ging, waren die Schiffer mit einigen Dutzend Ruderschlägen auf der Höhe des Eingangs.
Major Laforgne hielt sich aufrecht im Stern - mit einem raschen Blick hatte er die Lage der Dinge überschaut.
Im Schutz des felsigen Vorsprungs des Caps, etwas weiter in die Bucht hinein und etwa zwanzig Faden vom Ufer, auf dem weiter rückwärts der kleine Ort San Vigilio liegt, während am Ende der Bucht die Lichter von
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Garda blinkten, lag der österreichische Dampfer vor Anker. Man sah Lichter an Bord sich auf und nieder bewegen und trotz des stürmischen Wetters gingen Boote ab und zu nach dem nahen Ufer, wo von dem Sturm oft zu hohen Flammenzungen gepeitscht ein Feuer brannte und zahlreiche Gestalten sich bewegten.
Das Feuer warf seine Reflexe weithin über die hochgehenden Wellen und der kühne Parteigänger erkannte sogleich, daß es schwerlich möglich sein werde, unentdeckt bis an den Dampfer zu kommen.
Sein Plan war sogleich gefaßt, als ein ungünstiger Zufall oder eine Unvorsichtigkeit die Ausführung beschleunigte.
Er hatte eben den neben ihm Sitzenden seinen Plan in fliegenden Worten mitgetheilt und sein Boot angehalten und das nächste herankommen lassen, - als von dem entferntesten ein Schuß fiel. Gleich darauf stieg von dem Deck des Dampfers ein Leuchtfeuer in die Luft - die weiße Kugel platzte und streute ihr weißes Licht umher, daß auf weite Strecke die stürmische Wogenfläche fast tageshell erleuchtet war.
In diesem Augenblick sah der Major das nächste Boot zur Rechten dicht an seinem Bord. Mit einem raschen Sprung hatte er sich in dasselbe geschwungen. »An's Ufer, Graf, nehmen Sie mit den Booten links die Häuser und de Villa, indeß ich den Dampfer mit den andern entere!« befahl er und sogleich hatten sich vom Wellenschlag die Kähne wieder getrennt.
»Setzt die Ruder ein!« klang das Kommando des
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Majors durch den Sturm. »Gebt ihnen eine Salve Bursche, daß sie das Deck räumen! Vorwärts. Es lebe Italien! es lebe Garibaldi!«
Die Schüsse krachten, von den nächsten Booten wiederholte sich die Salve. Erst im Feuer der Schüsse bemerkte der Major, daß er sich in dem Boote befand, das Kapitain Landucci kommandirte.
Aber merkwürdiger Weise antwortete dem Angriff der Freischärler von Bord des »Taxis« kein Schuß. Nur die Bootsmannspfeife gellte ihre Signale und im Schein der ausgehängten Laternen sah man die dunklen Gestalten der Mannschaft aus den Wanten und über das Deck huschen und verschwinden.
»Avanti! Avanti!«
Die vier Boote legten am Boogspriet und dem Steuerbord an, da ihnen diese bei der Lage des Schiffs zunächst - mit lautem Evviva-Geschrei kletterten die Alpenjäger in die offenen Luken und am Takelwerk empor, um so muthiger und lärmender, je gefahrloser es war.
Keine Seele leistete Widerstand - das Deck war leer, wie die im Winde schaukelnden Laternen zeigten.
Major Laforgne und die Offiziere standen einen Augenblick verdutzt, während die Mannschaften bereits über das Deck schwärmten und in die Lücken drangen, um zu plündern - sie dachten an einen Hinterhalt unter dem Deck.
Aber es war Nichts mehr zu plündern - das Deck war leer, wie gesagt - nicht einmal ein eingebraßtes Segel, ein aufgerolltes Tau - in den Luken fehlten die Kanonen - -
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Die Bestürzung des Majors dauerte übrigens nur wenige Minuten; vom linken Ufer her, wo das Feuer brannte, klang das Angriffsgeschrei der Seinen herüber, Schüsse fielen, er sah die Boote in der Brandung - plötzlich krachte ein Karonadenschuß, der eigenthümliche Ton einer Kartätschenladung rasselte über die schäumenden Wellen her, und aufprallende Kugeln schlugen an Bord oder ricochettirten an dem Boogspriet vorüber.
Wehgeheul, Wuthgeschrei, folgte Flintensalven, das Lärmen eines heftigen Kampfes!
»Carrajo! - und ich bin nicht dort!« Im Augenblick übersah er die Lage der Dinge, daß die Besatzung das Schiff verlassen, vielleicht, weil sie das Nahen der Boote bemerkt, obschon einzelne Umstände allerdings räthselhaft blieben. Gleich darauf aber hatte er auch erkannt, was das Nothwendigste war. »Kapitain Landucci« befahl er - »schnell zurück in die Boote. Nehmen Sie alle Mann bis auf zehn, kappen sie das Ankertau so tief als möglich, indeß wir versuchen, Ihnen noch andere Taue nachzuwerfen. Der Dampfer muß trotz des Sturmes so rasch als möglich aus dem Hafen bugsirt werden. An die Ruder, Kameraden und wenn ...« Eine Gewehrsalve von Rechts her, aus der Bucht unterbrach ihn, und die pfeifenden Kugeln verwundeten zwei Mann. »Diavolo! - die Oesterreicher haben sich getheilt - ihre Boote sind dort hinaus entwischt - sie greifen uns von beiden Seiten an! Presto! presto! jeder Augenblick ist kostbar!«
Er trieb mit Gewalt die Männer in die Boote zurück, während wiederholt von der Bucht her gegen das Schiff
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gefeuert wurde und auch vom linken Ufer häufig Kugeln herüber schlugen, wo ein erbitterter Kampf wogte.
Die Alpenjäger, bis auf die Wenigen, die der Major an Bord zurückhielt, waren wieder in den Booten und hatten an das Ankertau ihre Seile geknüpft, auch war es gelungen, einige andere Taue noch an Bord aufzufinden und sie den Freunden zuzuwerfen. Mit aller Kraft legten sich die Männer in die Ruder und da der Sturm etwas weniger heftig tobte, gelang es in der That, den Dampfer zu bewegen, und langsam gegen die anstürmenden Wellen aus der Bucht zu bugsiren.
In diesem Augenblick, als das Schiff eben die Spitze des Caps passirte, hörte man wie aus der Luft eine kräftige frische Stimme:
»Hurrah für Oesterreich!«
Ein dunkler Schatten glitt pfeilschnell an der Wantung des Mastes am Backbord nieder, einen Augenblick sah Major Laforgne, der auf der Brücke zwischen den Radkasten mühsam sich festhielt und einen der Schiffsleute seines Bootes an das Steuerruder gestellt hatte, die Gestalt eines jungen Matrosen oder Kadetten, das Tau noch in der Hand fast neben sich auf dem linken Radkasten stehen, - dann schwenkte die Gestalt ihre Hand: »Es lebe der Kaiser!« und sie verschwand mit kühnem Sprung in den Wellen.
Ein entferntes »Hurrah!« offenbar von den Kameraden des muthigen Burschen, die den Dampfer verfolgten, ließ den Major verwundert und suchend den Blick umherwerfen, als der schwere Schlag wie eines im Sturm
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flatternden Segels seine Aufmerksamkeit nach oben lenkte und das Räthsel der kecken That ihm löste. Von der großen Stange, etwa mannshoch über dem Mastkorb, flog in schweren Falten die rothe Flagge Oesterreichs mit dem weißen Querstreifen durch die Nacht.
Er wollte eben Befehl geben, ein Mann solle trotz der Gefahr des Sturms hinaufsteigen und sie herunterreißen, da sie an der Stange selbst befestigt war, als ihm unwillkührlich die eigene kühne That seiner Knabenzeit einfiel, als er, der arme unbekannte Schiffsjunge, die Flagge der Itaparika aus den Wellen des La-Plata holte und sie seinem Beschützer - seinem jetzigen Freund und General - zu Füßen legte5, und achtend auch den Muth des Feindes beschloß er, sie dort oben zu lassen, bis er das vierfache weiße Kreuz im blauen Felde, die Flagge seines neuen Vaterlandes, als Zeichen des Sieges darüber aufziehen könne.
Das Schiff war jetzt aus dem Bereich des Caps und des Feuers der österreichischen Boote gelangt, die ihre Verfolgung einstellten, aber der ganzen Wucht der Wellen und des Windes Preis gegeben und Major Laforgne an das Boogspriet geeilt, um die Leute in den Booten zu ermuntern, die trotz der rasendsten Anstrengungen es nicht vorwärts bringen konnten, als ein eigenthümliches Schlingern ihn fast zu Boden warf, und der Mann am Steuer seinen Posten verließ und nach dem Vorderdeck stürzte.
»Heilige Jungfrau beschütze uns! Retten Sie sich Kapitain - das Schiff sinkt!«
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Ein Blick belehrte ihn von der Wahrheit des Rufs. Das Schiff schlingerte hin und her und hob sein Hinterdeck über die Wellen, daß das Boogspriet tief versank. Er begriff, daß ihm nur wenige Augenblicke blieben. Mit einer Stimme, die selbst das Heulen deß Sturmes und das Toben des Gefechts übertönte, befahl er: »Hinunter in die Boote, wer sein Leben liebt!« und schwang sich selbst über das Bollwerk und an dem Ankertau in das schäumende Wasser. Der Steuermann folgte ihm mit noch fünf Anderen - vier der Fieischärler aber, die entweder den Befehl nicht gehört hatten oder trotz des Verbots sich unter Deck befanden, konnten nicht folgen. Laforgne hatte kaum das nächste Boot erreicht und befohlen, die Taue loszulassen, als der Dampfer sich mit seinem Hinterdeck tief in die Wellen senkte und das Boogspriet wie ein sich bäumendes Ungeheuer bis zum Kiel hoch aus dem Wasser trat. Dann tauchte das Schiff wieder zurück, schwankte nach beiden Seiten wie ein Taumelnder und versank unter den Wogen, während der Wind bis zum letzten Augenblick die edle deutsche Flagge über die dunkle Fläche des Wassers fliegen ließ.
Die Ruderer der Boote, die Gefahr erkennend, hatten hastig zur Seite gehalten und nur mit Mühe konnte der Major, als der entstandene heftige Strudel, der förmlich die Wellen umher zu ebnen schien, sich etwas beruhigt hatte, sie vermögen, noch einmal über die Stelle zu fahren, wo der Dampfer versunken, oder vielmehr versenkt war, denn es erwies sich später, daß das Schiff bei dem Gefecht mit der feindlichen Batterie vor Salo so schwere Lecke erhalten
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hatte, daß es kaum noch über See bis zum Cap Vigilio zu bringen gewesen war und daß sein Kapitain beschlossen hatte, nachdem es so viel als möglich noch während des Tages geräumt worden war, es in der Bucht zu versenken. Dabei war, er von dem Angriff der Boote überrascht worden und, diese noch zeitig genug bemerkend, hatte er mit Recht vorgezogen, die noch nicht am Land befindliche Mannschaft zu saldiren, als sich auf einen unnützen und in jedem Fall verderblichen Kampf am Bord des Schiffes einzulassen, dessen Sinken nach Aufhören der Arbeit der Pumpen alsbald erfolgen mußte. Da die nach dem linken Ufer eilenden Fahrzeuge der Freischärler ihm zunächst den Weg dahin versperrten, hatte sich das Boot, das den Rest der Mannschaft des Taxis trug, nach Rechts in die Bucht gewandt und von dort mit ihrem Feuer die Angreifer belästigt, den Augenblick des Sinkens abwartend.
Das Suchen der Boote Laforgnes war vergeblich, - die auf dem Dampfschiff Zurückgebliebenen mit den beiden Verwundeten waren verloren; in den Booten selbst war ein Mann erschossen und einer der Ruderer verletzt.
Sehen wir uns jetzt nach dem Kampf am Lande um, der einen für die Oesterreicher nicht so glücklichen Ausgang genommen hatte. Der größere Theil der Boote, wie wir wissen also vier, war dem gefolgt, in welchem die Alpenjäger ihren Anführer glaubten, der den Grafen Batthyányi hier an seine Stelle gesetzt hatte. Die Entfernung war zu rasch, als daß der Graf den Auftrag hätte ablehnen können, und sein Mannesstolz erlaubte ihm natürlich jetzt nicht im Augenblick der Gefahr zurückzutreten. So ertheilte er den
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Ruderern den Befehl, so rasch als möglich gegen den Strand zu rudern, wo das Feuer brannte und eine Menge Gestalten sich bewegten und, wie er sah, sich zu ihrem Empfang bereit machten.
Dies war in der That der Fall. Man hatte während des Nachmittags hierher in die Nähe der wenigen Fischerhäuschen, welche hier liegen und von dem Cap den Namen führen, die Armirung des Dampfers geschafft und sie aufgehäuft. Marinesoldaten und Matrosen arbeiteten mit Hilfe der Gränzer, sie in Sicherheit zu bringen, denn die italienische Bevölkerung des Dorfes zeigte wenig Lust, mit Hand anzulegen. In San Vigilio stand allerdings eine halbe Compagnie der Gränzer -, aber da von ihr die Küste bis Montagna und Castelleto hinauf bewacht werden mußte, befanden sich in Wahrheit kaum fünfundzwanzig Mann mit einem Officier in dem Dorf, so daß die Zahl der Vertheidiger des Landungsplatzes mit der anwesenden Mannschaft des Dampfers wenig über fünfzig betrug.
Man war eben fertig geworden mit der dringendsten Sicherung der Armirung und der größere Theil der Mannschaften des Dampfers und des Gränzer Kommandos hatte bei dem Unwetter bereits das Ufer verlassen und sich in die Gebäude zurückgezogen, während der Rest die Kameraden erwarten oder der Versenkung des Schiffes beiwohnen wollte, als der erste Schuß von den Booten fiel und gleich darauf die Theilung derselben erfolgte. Zum Glück war der erste Lieutenant des Dampfers anwesend, und da die eine der Karonaden noch nahe am Ufer stand und
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Munition zur Hand war, stieß er selbst eine Kartätschbüchse ein und richtete das Geschütz.
Die fünf Boote der Alpenjäger rannten in zwei Linien gegen den Strand unter dem Ruf: Evivva Italia! Evviva Garibaldi! und waren etwa noch zehn Faden entfernt, als das Geschütz sich entlud. Da in der Eile aber der Schuß zu nah auf das Wasser aufgesetzt war, ricochettirten die meisten Kugeln über die Boote weg und nur in dem vorderen wurden drei oder vier Mann verwundet.
»Avanti!« befahl der Graf - »hinan, ehe sie ein zweites Mal schießen können!«
Die Ruder strichen aus, die Boote flogen durch die Brandung, während von beiden Theilen ein flüchtiges Gewehrfeuer unterhalten wurde, und ehe in der That die Karunade noch einmal geladen werden konnte, stießen die Kähne der Freischärler an das Ufer oder die dort befestigten Boote des Dampfers und die Nachen der Fischer.
»Avanti!«
Durch das Schießen und das Lärmen stürzten die Bewohner und die bei ihnen Einquartirten aufs Neue aus den Häusern. Ueberrascht - die Zahl der Feinde nicht kennend, die ohnehin die Uebermacht bildete - wurden die Marinen und die Gränzer trotz ihres muthigen Widerstandes zurückgedrängt und auseinandergesprengt. Graf Stephan, den Säbel in der Scheide, kommandirte ruhig mitten in dem Gedräng. Es war, als ob er den Tod herausfordere, aber keine der Kugeln verletzte ihn, obgleich die eine seinen Rock zerriß und der Bayonnetstoß eines Marinesoldaten nur durch die rasche Parade des Obersten Montboisier, der
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mit dem Mohrendoktor nicht von seiner Seite wich, von seiner Brust abgewandt wurde. Ein trauriges Lächeln überflog sein Gesicht, als er dem Franzosen dankend zunickte.
Unter den Freischärlern zeichnete sich ein großer ungeschlachter Kerl aus, der nur mit einem keulenartigen, großen Ast und einem Messer bewaffnet war und mit diesem Pfahl, den er so leicht wie einen Rohrstock handhabte, die Gewehre der Gränzer - denn er hielt sich wie absichtlich nur an diese - unter wilden slawonischen und ungarischen Flüchen nieder- und sie selbst zu Boden schlug. Er trug einen grauen österreichischen Offiziermantel um den Hals geknotet und sein Anblick und Wesen hatte etwas so Furchtbares, daß Alle ihm möglichst auswichen.
Während so das Gefecht Mann gegen Mann tobte, schlug regelmäßig von fünf zu fünf Minuten eine Kugel aus dem Dunkel von der Fläche des Wassers her in die Reihen der tapfern Vertheidiger des Ufers und tödtete oder verwundete einen Mann.
Es war das Boot des englischen Kapitains, von dem die Schüsse her kamen und dieser der Schütze. Es hielt sich sorgfältig in kurzer Entfernung vom Ufer und während der buckliche Spion seinem Freunde, die Brandung durchwatend, gefolgt war und jetzt hinter einem der Kähne sich in Todesangst sorgfältig gedeckt hielt, mußten die beiden Schiffer und der lange englische Diener des kleinen Menschenjägers das Boot mittels einer langen Stange vom Ufer abhalten.
»By Jove!« murrte der Kapitain, - »Sie halten den Kahn nicht fest - ich habe gefehlt schon zwei Mal, und
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das ist fatal! - Jetzt - bleiben Sie möglichst ruhig - ich habe den Mann gerade unter'm dritten Knopf!«
Aber ehe der Engländer seine menschenfreundliche Absicht ausführen konnte, erhielt er einen solchen Schlag gegen das Gesicht, daß ihm drei Zähne ausgebrochen wurden und er bewußtlos über den Bord seines Bootes fiel. Der lange Bediente ließ das Gewehr, das er lud, fahren und zog seinen blutenden Herrn wieder in den Kahn, ihn so vor dem Ertrinken rettend. »Goddam,« murmelte er - »ich habe es immer gedacht, es ist eine uncomfortable Beschäftigung für einen Gentleman und ich will den Dienst aufgeben. Shocking!«
In dem Augenblick, wo der würdige Jäger auf seine Mitmenschen nämlich das Léfaucheux-Gewehr geladen und aufgehoben hatte, um einen neuen Schuß abzufeuern, hatte von dem Ufer her eine wohlgezielte Kugel den Lauf getroffen, das Mordinstrument zersplittert und den Kolben ihm gegen die Kinnbacken geschleudert. Der Schuß kam von den Stufen des Felsens, die hinauf zu dem Kastell der Villa führten und Otto von Röbel, der von dort das heimtückische Manöver beobachtet hatte, war der Schütze.
»Hierher, Landsleute - hier - ziehen Sie sich hierher zurück!« klang zugleich der Ruf des Secretairs.
Die beiden jungen Marine-Offiziere, die beim Beginn des Gefechts so eilig den Salon der Fürstin verlassen hatten und, von Meißner an die Treppe geleitet, ihren Kameraden zu Hilfe geeilt waren, fochten am Fuß derselben mit etwa fünf oder sechs Matrosen und Marinesoldaten gegen eine überlegene Anzahl der Garibaldiens. Ihnen galt der Zuruf des Secretairs und gedrängt von der Uebermacht
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zogen sie sich in der That nach dieser Seite zurück, die ihnen den einzigen Ausweg bot, während die beiden Freunde von der Mitte des Aufgangs her und oben der Jäger und der deutsche Diener Meißners, ein ehemaliger Soldat, sie mit ihren Schüssen deckten und die Freischärler verhinderten, ihnen zu folgen.
Während des kurzen Gefechts war es dem jungen Röbel ein Paar Mal gewesen, als sähe er draußen im Gedränge des Handgemenges bekannte Gestalten, aber die Beleuchtung des von den Streitenden zertretenen und auseinander geworfenen Feuers und der aufblitzenden Schüsse war so unsicher und schwach, daß die Spuren rasch wieder verloschen oder er sich geirrt zu haben glaubte. Jedenfalls hatte er keine Zeit und Gelegenheit, jetzt darüber nachzudenken; denn mit Verlust eines Mannes, der von den Stufen heruntergeschossen und eines andern, der leicht verwundet wurde, gelang es den Offizieren mit ihrer kleinen Abtheilung, die Terrasse zu erreichen und sich in das Kastell zurückzuziehen, dessen schwere Thür sofort geschlossen und wohl verwahrt wurde.
Das Gefecht unten am Strand hatte unterdeß ein rasches Ende genommen, als Major Laforgne mit seiner Abtheilung nach dem Versinken des Dampfers den Seinen zu Hilfe eilte. Die Uebermacht war jetzt so groß und der Angriff wurde so ruhig und gut geleitet, daß die Marinen, und die Gränzer sich zurückziehen mußten und endlich in der Dunkelheit zerstreuten.
Ehe dies geschah, ereignete sich aber eine eben so seltsame, als schreckliche Scene.
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Der Hauptmann der Gränzer war erst in dem letzten Theil des Gefechts zu den Seinen gekommen und hatte daran Theil genommen. Er war ein alter wilder Soldat und es fehlte ihm nicht an Muth in einem gewöhnlichen Kampf. Er hatte bisher an einer andern Stelle gefochten, im Dränge des Gefechts wenig auf das Geheul geachtet, das der wilde Kämpfer mit dem Baumast ausstieß, und war eben im Begriff, seine Leute noch einmal zu sammeln, als er sich dem schrecklichen Freischärler gegenüber fand.
Die Dunkelheit war zu groß, als daß er das Gesicht desselben zu erkennen vermocht hatte, aber ein ungewohntes Erzittern überlief ihn, als er die Stimme des Mannes jetzt nahe vor seinen Ohren hörte, denn - so roh und abgestumpft auch seine Nerven und Gefühle sein, so wenig Spuren von Gewissen er auch haben mochte, - die unerwartete Begegnung mit dem Bruder des armen Slowaken-Mädchens und die Erinnerung an dessen schrecklichen Tod so wie an den Racheschwur ihres Geliebten war nicht ohne Eindruck geblieben.
Und kaum vermochte er zu zweifeln, daß ihn jetzt, nach langen Jahren, nachdem er damals in dem Wolfslager der Haide von Enyád6 durch einen glücklichen Zufall, der Rózsa Sandor dort vorüber geführt und den glücklichen Schuß zur rechten Zeit hatte thun lassen, der schrecklichen Rache des Kanász entgangen war, - das waltende Geschick, die Hand der ewigen Gerechtigkeit ihn auf's Neue seinem Todfeind gegenüber geführt habe.
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In diesem Augenblick erklang laut der Ruf von rückwärts her: »Kapitain Jurisch, decken Sie die linke Flanke! Zurück! zurück!«
»Jurisch?!« es war, als ob alle Teufel der Hölle in diesem einen Schrei aufjauchzten. »Wo? wo?«
Der Kanász, der Henker und Räuber sprang zurück. Er ließ den Baumast fallen, der seither seine furchtbare Waffe gewesen war und raffte einen der letzten großen Brände aus dem zertretenen Feuer, den er wie rasend durch die Luft schwang. »Der Jurisch! wo? wo?« - die stiebenden Funken zeigten ihm eine fliehende Gestalt im braunen Rock der Gränzer - ein Soldat warf sich ihm mit dem Bayonnet entgegen - ein einziger Schlag auf den Kopf des Mannes, und er fiel zu Boden. Ueber den Körper hinweg sprang die Riesengestalt des Henkers. »Hussah Jurisch - elender Bräutigam steh! die Wolfsbraut kommt!«
Einen Augenblick ermannte sich der Hauptmann - er drehte sich um, zum ersten Mal seit zehn Jahren starrten die beiden Todfeinde einander wieder in's Auge, während der Offizier ein Pistol auf seinen Verfolger abschoß. Der mächtige Körper des Wolfsjägers erbebte, wie von einem Schlage, dann aber stürzte er wieder vorwärts, und der Hauptmann floh in die dunkle Nacht hinein.
»Hussah, Wolfsbraut! Der Szabó kommt, heute ist Hochzeit!«
Die Stimme verlor sich in der Ferne; - die Scene hatte einen solchen Eindruck gemacht, daß einige Momente
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lang die Feindseligkeiten geruht hatten. Aber jetzt erklang die ruhige feste Kommandostimme des Majors:
»Avanti! Avanti! Graf Stephan, nehmen Sie zwanzig Mann und besetzen Sie rasch die Gebäude dort oben. Kapitain Landucci, sichern Sie die Boote, indeß ich den Feind verfolge und bemächtigen Sie sich des Geschützes! Avanti, Avanti, meine Bursche! Es lebe Italien!«
Die Befehle wurden vollzogen, der Major mit dem Rest seiner Schaar verfolgte die zersprengten Oesterreicher, während Abramo, der jetzt wieder zum Vorschein kam, dem Grafen den gewöhnlichen Weg hinauf zur Villa zeigte, als sei er hier wohl bekannt. - - -


Das Wetter hatte sich während des kurzen Gefechts bedeutend geändert, es war, als ob der Föhn von den westlichen Alpen her nur die Fahrt über den See der kecken Expedition habe verleiden wollen, und mit dem schnellen Gange der Gebirgswinde war der Sturmwind bereits über die Bucht von Garda hinweg gebraust und tobte in der Richtung der Adria weiter. Es war, als sei das Wetter das Vorspiel der furchtbaren Naturerscheinung, die drei Tage später dem blutigen Kampfe der Menschen zeigen sollte, daß der Donner Gottes gewaltiger ist, als der ihrer Kanonen. -
In dem Salon der Fürstin Trubetzkoi herrschte die größte Aufregung. Niemand wagte sich zu entfernen, selbst den Knaben konnte man nicht zu Bett bringen und Feodora trug ihn auf ihrem Arm. Die noch im Hause gebliebenen Diener kamen und gingen unaufhörlich,
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Nachrichten bringend oder in ihrer eigenen Besorgniß Schutz von der Herrschaft hoffend.
Der Fürst stand an den Tisch gelehnt, verdrießlich und erregt, und horchte auf die Schüsse. »Es ist Wahnsinn, es ist eine schändliche Frechheit,« murrte er, »meinen Befehlen zu trotzen. Was soll die Gegenwehr der Handvoll Leute, sie wird uns nur Verlegenheiten bereiten! Der Teufel hole diesen Kerl, der hier im Hause den Herrn spielt - er wird wohl wissen, warum! - Hören Sie, Baron - mir ist, als fielen die Schüsse seltener - der Sieg ist wahrscheinlich entschieden, und ich will einmal hinunter schicken, - - -«
Er wurde durch einen heftigen Lärmen unterbrochen, der von unten aus dem Hausflur die Treppe herauf drang. Im nächsten Augenblick wurde die Thür aufgerissen und Hauptmann Jurisch stürzte in den Salon.
Der Offizier der Gränzer bot einen entsetzlichen Anblick. Er hatte keine Waffen mehr - den Säbel fortgeworfen, - als die abgeschossene Pistole in seiner Hand. Das struppige graue Haar - unbedeckt - starrte gleich den Schlangen der Medusa um ein todtenbleiches wild verzerrtes Gesicht, auf dem die rothen Flecken der einst vom Wolfe gerissenen Narben sich wie feurige Maale hervorhoben. Die Uniform war geöffnet, zerrissen, an vielen Stellen von Funken verbrannt - aus dem Munde floß Schaum, die kräftige Brust keuchte wie die eines Verendenden.
So stürzte er - während alle Anwesenden erschrocken
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aufsprangen - bis in die Mitte des Salons und sank dort athemlos zu Boden.
»Kapitain Jurisch!« rief der Fürst.
»Um Himmelswillen - nicht den Namen! Bei Gottes Barmherzigkeit, verbergen Sie mich! Halten Sie ihn auf, den Furchtbaren - den Schreckl ...«
»Hussah Wolfsbraut! Die Hanka wird diese Nacht nicht allein schlafen! Hussah, der Szabó kommt!« brüllte es die Treppe herauf zwischen dem Gekreisch der Diener.
Der Unglückliche versuchte sich emporzuraffen - die Glieder versagten ihm das erste Mal den Dienst - dann taumelte er auf, öffnete die Balkonthür und verschwand durch diese. Gleich darauf hörte man einen Fall, einen Schrei - - -
»Die Wolfsbraut kommt! Hussah blanker Jurisch, halt an! Tót nem ember! Der Slowak ist kein Mensch! Der Slowak ist der Wolf!«
Wie ein Sturmwind - wie ein vernichtender Orkan brauste es herein in den Saal - die Funken stoben umher - der weiße Offizierrock flog um die Schultern - das blutunterlaufene Auge blitzte grimmig, suchend, umher.
»Jurisch! Jurisch! blanker Bräutigam!« Sein Blick fiel auf die geöffnete Balkonthür - die Hand schwang den Brand um den Kopf, daß die Funken auf Möbel und Kleider stoben.
Mit einem Satz war der Schreckliche an der verhängnißvollen Thür - mit einem zweiten an der Brüstung - ein zweiter schwerer Fall - ein gräßlicher Fluch - - -
Die Fürstin war halb ohnmächtig in ihren Fauteuil
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zurückgesunken, der Baron sprang zu ihr, Beistand zu leisten, da Tunsa gleich einer Statue regungslos dastand, den weinenden Knaben auf dem Arm, und dem Gräßlichen nachstarrte.
Fürst Trubetzkoi hatte einen Augenblick den kurzen Revolver, den er aus der Tasche gezogen, erhoben, um auf die schreckliche Erscheinung zu schießen; aber diese ging mit Blitzesschnelle vorüber und er ließ die Hand wieder sinken.
»Tschort mienia wa\'zmi! Was kümmert's im Grunde mich? - ich fürchte, Kapitain Jurisch wird eine schlimme Viertelstunde haben!«
Er wandte sich gleichgültig nach der Eingangsthür aber er fuhr zusammen und legte die Linke wie nachsinnend an die Stirn und der Ruf nach dem Kosaken Petrowitsch blieb auf seinen Lippen stocken.
Draußen auf dem Flur erklang eine ernste sonore Stimme. »Wer ist der Herr dieser Villa? - wo ist er?«
Gewehre rasselten auf den Marmorfliessen[Marmorfließen]; - auch die Fürstin war zusammengezuckt bei dem festen Ton dieser Stimme.
Ein Hauch quoll über ihre Lippen, ein Hauch, der aus dem Herzen kam, das sich so lange Jahre verschlossen: »Stephan!«
Er war es!
Nur die Zigeunerin hatte den Namen gehört und hob ihre blitzenden Augen. In die Thür des Salons trat eine hohe schlanke Gestalt, den Säbel - die einzige Waffe, - in der Scheide im Arm. Hinter ihm kamen der Oberst
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Montboisier und der Mohrendoktor. Freischärler in ihren Blousen, das Gesicht vom Pulverdampf geschwärzt, folgten.
»Wo ist der Herr dieser Villa?« wiederholte der Ungar seine Frage. Aber plötzlich fuhr er zurück; sein Blick war auf den Russen getroffen, der mit weit geöffneten Augen ihn anstarrte. »Fürst Trubetzkoi!«
»Ja, der Fürst Trubetzkoi ist's, Verfluchter! Will sich denn das Grab niemals über Dir schließen?«
Aber der Graf hörte ihn nicht - seine Blicke flogen suchend umher - sie trafen die Fürstin, die bleich, zitternd, wie von dieser Stimme geweckt sich aus ihrer Ohnmacht erhoben hatte.
»Cäcilie!«
Er that rasch, alles Andere um sich her vergessend, zwei Schritte auf sie zu.
Aber der Fürst warf sich vor seine Gemahlin. Diesmal senkte sich der erhobene Arm nicht, - diesmal knallte der Schuß.
»Tschort w twoju duschu!«
Ein Schrei des Entsetzens - die Sinne der Fürstin wurden nochmals von wohlthätiger Ohnmacht umschleiert - der Fürst ließ erstarrt den Revolver fallen, als er das Schreckliche sah, das er angerichtet.
In dem Augenblick, da er die Hand hob und gegen die Brust des verhaßten Feindes abdrückte, war Tunsa, die Zigeunerin, vor denselben gesprungen. »Tödte ihn nicht, Gospodar, die Mumeli-Swa hat mir's verkündet, daß die Kugel sich auf Dich selbst zurücklenkt! - Mörder! Mörder!«
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In das Gekreisch des Mädchens mischte sich der Schreckensruf der Männer. Die Kugel hatte sich auf den Schützen zurückgewandt - das Haupt des Knaben sank zurück, aus dem Rücken unterhalb der Schulter spritzte ein Blutquell.
»Mörder!« wiederholte der Ungar - »schändlicher Mörder! - Corporal Morelli, bemächtigen Sie sich dieses Mannes, Sie stehn mir mit Ihrem Leben für ihn ein!« - Er war zu der bleichen, bewußtlosen Gestalt der Fürstin getreten und stand mit gefalteten Händen vor ihr. »O Gott!« sagte er leise, »so müssen wir uns wieder sehen, nach all' den Jahren des Leidens!« Er kniete an ihrer Seite nieder und küßte ehrerbietig ihre herabhängende Hand.
»Schamloser Bube!« - knirschte der Fürst - »es war eine abgekartete Sache mit dieser Buhlerin und ich der Narr, der in die Falle ging!« Er rang vergebens in den Armen zweier kräftiger Freischärler, die sich der seinen bemächtigt hatten.
Der Graf, sah ihn mit einem Blick tiefer Verachtung an.
»Hüten Sie sich, Fürst Trubetzkoi,« sagte er fest, - »denn die Stunde der Abrechnung von Temesvár und Kiel ist gekommen. Nicht der Graf Batthyányi, sondern Sefer-Bey, der Krieger des Elbrus steht vor Ihnen und Ihre Rechnung ist schwer. Ich weiß nicht, mit welchem neuen Verbrechen Sie diese jetzt belastet haben - aber was ich hier sehe ...«
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»Ein Bankert! Fluch über die Metze - das Blut des Trubetzkoi fließt nicht in seinen gemeinen Adern!«
Die Wuth ließ ihn selbst die Liebe zu dem Kinde vergessen, das eifrige Verlangen, seinen Namen fortdauern zu sehen, das ihn zu dieser merkwürdigen Anhänglichkeit und Einbildung gebracht hatte, mit der er sich glauben machte, es sei wirklich sein Kind.
Die Stirn des ungar'schen Grafen zog sich finster zusammen. »Corporal Morelli, schaffen Sie den Mann hier in ein anderes Zimmer und bewachen Sie ihn wohl! - Signoritta -« wandte er sich zu dem jammernden Mädchen, das den Knaben auf den Divan gelegt und schreiend vor ihm kniete - »hier ist keine Zeit zu Klagen und Thränen - rufen Sie die Frauen der Dame und lassen Sie sie fortbringen. Doktor Achmet, ich bitte Sie, sehen Sie nach ihr und dem Kinde!«
Der Baron hob den Kopf, als er den Namen des Arztes hörte. Dieser hatte die Aufforderung nicht erst abgewartet, um seine Hilfe zu bringen, die bei dem Knaben am Nöthigsten war. Er schüttelte bedenklich den Kopf, als er jetzt die Wunde untersuchte und befahl, nachdem er sie verbunden, das Kind zu Bett zu bringen und sorgfältig in der angegebenen Lage zu halten. Die Frauen der Fürstin waren jetzt jammernd um das Unglück herein gekommen und hatten sie weggetragen.
Dies hatte einige Zeit fortgenommen und jetzt erst achtete der Graf auf den Umstand, daß im Garten der Villa ein Gefecht fortzudauern schien, denn man hatte zwei Schüsse hintereinander von daher vernommen, und als
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der Graf sich jetzt nach dem Balkon wandte, sah man aus dem Garten eine Feuersäule emporsteigen.
Eine dunkle Röthe des Zorns überflog die Stirn des Ungarn. »Was geht dort vor?« donnerte er - »wer wagt es, Privateigenthum anzutasten und den Mordbrenner zu spielen? Sehen Sie sofort zu, Sergeant Alosta, und bringen Sie mir Rapport, während ich die Villa besetzen lasse. -
Ein Schrei - obschon entfernt - so furchtbar, so gellend, daß er die Nerven der blutgewohnten Männer erbeben machte, klang vom Garten herauf, und ein Geheul folgte darauf wie das eines wilden Thiers in Todesnöthen, während sich ein kurzes gellendes Hohnlachen hinein mischte.
»Stimm' das Hochzeitslied an, Hauptmann Jurisch! Wo ist der Zigeuner mit seiner Geige? Der Staregessy7 kommt! Hussah, der Wolfsjäger ist da!«
Es war ein schreckliches Autodafé, das hier gehalten wurde. Das Geheul, das nichts Menschliches an sich hatte, wurde schwächer und schwächer - ein widriger süßlicher Geruch begann sich zu verbreiten - - -


Als der Gränzer-Offizier in Todesangst vor seinem Verfolger auf den Balkon flüchtete und hinunter in den Garten sprang, hatte er den Fuß gebrochen. Dennoch schleppte er im Dunkel sich weiter und es gelang ihm, einen kleinen chinesischen Pavillon zu erreichen, der sich
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zwischen der Villa und dem sogenannten Kastell befand. Er kroch in das Innere und blieb auf dem Boden liegen.
Der schreckliche Wolfsjäger war ihm mit einem Sprung gefolgt und schwang den brennenden Holzscheit um sich, sein Opfer zu entdecken. Aber es war vergeblich, daß er hier und dorthin stürzte, bis ein leises Stöhnen ihm den Aufenthalt des Unglücklichen verrieth. Mit einem Ruf bestialischer Freude stürzte er in den engen Kiosk und warf sich auf sein Opfer, das keinen Widerstand mehr leistete.
Im Nu hatte er den Strick von seiner Hüfte gerissen und den Elenden so zusammengeschnürt, daß er sich nicht zu regen vermochte. So ließ er ihn am Boden liegen und trat auf die Schwelle, wo der Brand eben am Verlöschen war. Ein Schlag schüttelte auf's Neue die Funken, dann hielt er bedächtig die auflodernde Flammee an die ausgetrockneten Holzwände und steckte sie an.
Er selbst setzte sich mit verschränkten Armen auf die Schwelle des Kiosk und begann eine Todtenklage seiner Heimat zu singen, die nur zuweilen von einem Fluch oder einem Hohnlachen unterbrochen wurde.
Dies war der Augenblicks wo kurz hinter einander vom Kastell her Schüsse fielen. Es waren der Jäger und die Offiziere, welche sie thaten, um dem Gränzer zu Hilfe zu kommen. Jedesmal schüttelte sich der Wilde, aber er blieb auf seinem Posten und hütete den Ausgang des Kiosk. Jetzt auch erscholl jener schreckliche Schrei und darauf das Geheul des Gebundenen, dem die Flammen immer näher rückten und den sie mit fallenden Bränden und Funken überschütteten.
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Meißner rang die Hände und bedeckte seine Augen vor dem schrecklichen Schauspiel. »Barmherziger Gott, das ist entsetzlich! Laßt uns einen Ausfall machen und versuchen, den Unglücklichen zu retten!«
Otto von Röbel hielt ihn zurück. »Es ist zu spät, die Baracke muß gleich zusammenstürzen und dort schwärmen bereits die Freischärler. Wir werden selbst Mühe genug haben, uns ihrer zu erwehren!«
In der That füllte sich die Terrasse mit Garibaldiens, die von der Verfolgung der Marinen und der Gränzer kamen und von dem Feuerschein angelockt wurden.
»Maledetto, das riecht ja abscheulich,« sagte der Sergeant. »Wie verbranntes Fleisch! Auf Kerl und sprich, was hier vorgeht? Du wirst verbrennen, wenn Du hier nicht fortgehst!«
Er stieß den Kanász mit dem Fuß an; dieser taumelte empor, seine blutunterlaufenen Augen glühten wie die eines Wahnwitzigen, der er in der That war.
»Was wollen Sie von mir? Ich feiere die Hochzeit der Hanka, ich singe dem da drinnen sein Hochzeitlied?[!]«
»Wie Schurke - dort drinnen ist ein Mensch, der verbrennt? Aus dem Wege, Nichtswürdiger!«
Der Wolfsjäger aber breitete die Arme vor der Pforte aus. »Der Wolf mochte ihn nicht, er war selbst zu schlimm für die Bestie der Pußta! Ich hab' das Hochzeitsmahl erkauft mit meinem Blut, und Niemand soll es mir stören!«
Er riß den Offizier-Paletôt von seinen Schultern und das schmutzige Hemd auseinander.
Auf seiner mit Haaren bedeckten Brust waren drei
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rothe Punkte, aus denen in dicken dunklen Tropfen Blut quoll.
Drei Kugeln hatten ihn getroffen - die eine des Gränzers, zwei von den Schützen drüben im Kastell.
»Die Hanka wird Blut genug haben, wenn sie kommt! warum stört Ihr des armen Slowaken Hochzeitsfest?«
Er taumelte schwer zu Boden - in demselben Augenblick stürzten die Trümmer des brennenden Kiosk zusammen. Das Geheul des Verbrennenden hatte schon lange aufgehört. -
Schüsse knallten aus der Ferne - sie kamen näher und näher! Das langgezogene Hornsignal der wackern österreichischen Jäger klang dazwischen! - -
In das Nebenzimmer des Salons der Villa, in dem zwei Freischärler den Fürsten bewachten, war der Oberst Montboisier getreten.
Der Fürst saß jetzt theilnahmlos, finster vor sich hinstarrend in einem Lehnsessel. Der Oberst trat zu ihm.
»Ich bedauere aufrichtig, Durchlaucht,« sagte er tröstend, »daß wir uns hier so begegnen müssen und das Unglück, das geschehen ist. Aber ich komme, um Ihnen zu sagen, daß Doktor Achmet Hoffnung giebt, das Leben des Kindes zu erhalten. Nur wird die größte Ruhe und Sorgfalt nöthig sein, und auch die Fürstin, Ihre Gemahlin, bedarf derselben.«
Der Russe schien die Worte kaum zu hören, wenigstens antwortete er nicht darauf. »Verstehen diese Leute Französisch?« frug er leise.
»Ich glaube nicht, Durchlaucht, doch können wir uns
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leicht überzeugen. - Sie sehen, Kameraden,« fuhr der Oberst an die beiden Wächter gewendet fort, »daß dieser Herr sich in sein Schicksal fügt. Es wird also keiner harten Bewachung mehr bedürfen.«
Der Korporal schüttelte den Kopf. »Verzeihen Sie, Signor,« sagte er, »wir sind Italiener und verstehen Ihre Sprache nicht. Da Sie die unsere sehr gut sprechen, bitte ich Sie, in dieser uns zu sagen, was Sie wünschen.«
Der Oberst wiederholte seine Worte und da die beiden Freischärler gesehen, in welchem vertrauten Verhältniß der französische Offizier zu ihrem eigenen Anführer stand, traten sie zurück und nahmen keine Notiz weiter von dem Gespräch.
»Sie haben gehört, Durchlaucht, sprechen Sie jetzt!«
»Hören Sie mich an,« murmelte der Fürst - »die Augenblicke sind kostbar. O daß der Tag erst da wäre, der sie Alle vernichten soll - sie, ihn, sie Alle! - Die österreichische Armee wird am 23sten eine Vorwärtsbewegung machen über den Mincio und am 24sten die verbündete Armee angreifen!«
»Das ist wichtig - wissen Sie das gewiß?«
»Es ist aus derselben Quelle, aus der ich Ihnen bereits vorgestern die Nachrichten durch den buckligen Spion sandte.«
»Er ist wieder hier - er ist mit herüber gekommen!«
»Desto besser. Senden Sie dem Kaiser die Nachricht, aber bleiben Sie selbst in der Nähe. Morgen - oder spätestens übermorgen Abend werden wir die genauen Dispositionen des Angriffs erhalten!«
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»Valga me Dios - das wäre famos! Dann wäre der Sieg uns sicher!«
»Ich wünsche ihn!« knirschte der Fürst. »Dann werde ich Herr hier sein! Doch sorgen Sie dafür, daß der Uebergang der Oesterreicher über den Mincio nicht gestört wird.«
»Das wäre ein großer Fehler! Verlassen Sie sich darauf, es wird nicht geschehen. Kann ich Ihnen sonst in Ihrer Lage irgendwie dienen?«
»Nein - doch wenn Sie mir einen Dienst leisten wollen, sorgen Sie - daß dieser Mann - Graf Bathyányi, nicht wieder in meine Nähe kommt! Verflucht sei die Kugel, die ihn verfehlt!«
»Ich werde das Möglichste thun.«
»Noch Eins, - Der Thurm links auf der Terrasse, über der Einfahrt in die Bucht muß sofort gestürmt werden. Er sichert Ihnen den Verkehr mit Ihren Booten unten am Ufer, da dort eine Treppe ist, und den Erfolg der Expedition. Massakriren Sie Alles, was darin ist - eine Handvoll Rasender hat sich dort hinein geworfen!«
»Auf Wiedersehen, Durchlaucht - sobald wir hier festen Fuß gefaßt, kehre ich zu Ihnen zurück und werde dafür sorgen, daß Ihre Haft aufgehoben wird. Ich höre Major Laforgne und muß zu ihm.«
Es war in der That Laforgne, der von der Verfolgung der Feinde zurückkehrend in die Villa gekommen war, in deren Erdgeschoß man die Verwundeten gebracht hatte, Freund und Feind, denen der Mohrendoktor jetzt hilfreiche Hand leistete. Graf Stephan erstattete ihm
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Bericht von dem Vorgefallenen. »Ich kann Ihnen die Verhältnisse nicht erklären, Kamerad,« sagte er düster - »aber ich bitte Sie, die Verantwortlichkeit des Befehls in diesem Hause von mir zu nehmen. Die Last erdrückt mich!«
»Wie Sie wollen, Herr Graf - Alles was ich höre, beweist aber, daß Sie als tapfrer Mann und als Ehrenmann gehandelt haben. Ich bin Ihrer Meinung, daß wir das Privat-Eigenthum achten müssen, aber diesmal wird die Nothwendigkeit gebieten. Ich höre von den italienischen Bewohnern des Dorfs, daß in Garda, etwa zwei Miglien von hier, ein starkes Detaschement Jäger steht, und da mir die Villa am günstigsten scheint, um uns hier festzusetzen, bis Hilfe von Salo kommt, und wir wahrscheinlich noch diese Nacht angegriffen werden, müssen wir unsere Vorbereitungen treffen.«
Der Oberst Montboisier, der dem Gespräch beigewohnt, machte den Major sofort mit der Mittheilung bekannt, die ihm der Fürst von dem Kastell gemacht.
»Das ist wichtig,« sagte Laforgne. [»]Landucci ist stark genug, sich an der Bucht zu halten, er hat den größern Theil der Leute bei sich, aber wir müssen mit ihm in Verbindung bleiben. Dieser Thurm oder das Kastell muß unbedingt genommen werden, um uns den Ausweg zu sichern. Lieutenant Caffarelli,« befahl er dem Offizier, der ihn bei der Verfolgung begleitet, »fordern Sie die Leute zur Räumung des Thurms auf und wenn man sich weigert, so nehmen Sie ihn!«
Der Offizier entfernte sich - dies war der Augenblick,
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in dem man die entfernten Schüsse hörte und die Hornsignale der österreichischen Jäger.
»Caramba,« sagte der Major - »ich glaube, sie greifen bereits unsere Vorposten an. Jetzt gilt es, sich seiner Haut zu wehren. Graf Batthiányi[Batthyányi], lassen Sie die Bewohner des Hauses in die hintern Räume oder die Keller in Sicherheit bringen.«
Der Major traf jetzt rasch seine Anstalten zur Vertheidigung der Villa, indem er Schützen in die Wirthschaftsgebäude legte und den Rest seiner Mannschaft so gut als möglich postirte. Die Zahl derselben war aber in der That nur gering, da die Ausstellung der Posten und der Auftrag des Lieutenants Caffarelli sie noch mehr geschmälert hatte. Dieser mußte bereits mit den Vertheidigern des Kastells sich im Kampf befinden, denn man hörte Schüsse von dort knallen.
Auch der Angriff vom Lande her näherte sich hörbar immer mehr. Die Posten der Alpenjäger zogen sich eilig vor der Uebermacht des andringenden Feindes zurück.
Lieutenant von Wormser war auf dem Pferde, das die Vorsorge Meißner's für ihn hatte satteln lassen, rasch genug nach Garda gelangt und hatte das Detaschement, das aus achtzig Mann bestand und von einem Oberlieutenant kommandirt wurde, allarmirt. Noch ehe sie ausrückten, stieß der Kommandant des gesunkenen Dampfers, der nach der Aufgabe des Gefechts sofort nach dem Innern der Bucht gerudert war, mit seiner Bootsmannschaft zu ihnen, und sie nahmen die Gränzer und Marinen auf, die von den Freischärlern vertrieben worden. Ihre Zahl
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war jetzt mehr als genügend, um diesem Feinde gegenüber den Angriff zu beginnen und rasch wurde derselbe organisirt. Die Posten der Alpenjäger wurden leicht zurückgetrieben und am Fuß der Anhöhe, die zur Villa emporstieg, trennte sich die Kolonne der Angreifenden, indem der eine Theil sich nach den Fischerhütten und dem Eingang der Bucht, der andere nach der Villa wandte.
Während unten am Strand sich Kapitain Landucci mit Glück wehrte und die Oesterreicher nur langsam vorwärts dringen konnten, versuchte Laforgne vergeblich einen gleichen Widerstand auf der Höhe. Die kleinen beweglichen Jäger, eine vortreffliche Truppe der österreichischen Armee, drangen unaufhaltsam vor und warfen die Freischärler aus den Wirtschaftsgebäuden. Bald blieb ihnen nur die Villa selbst noch als Halt, aber Major Laforgne sah ein, daß er auch hier nicht mehr lange werde Widerstand leisten können. Er sandte Boten auf Boten an Lieutenant Caffarelli, sich um jeden Preis des Thurms zu bemächtigen.
Dies war indeß ein schwieriges Unternehmen, denn ehe Aexte und Balken oder Steine herbeigeschafft waren, um die starke Eingangsthür zu zertrümmern, waren zwei von den Alpenjägern durch die Schüsse der Vertheidiger getödtet und drei verwundet. Endlich gelang es ihnen, an die Thür selbst zu kommen und hier waren sie durch die Dicke der Mauern vor den Kugeln der Besatzung selbst aus dem obern Stockwerk gesichert. Die Schläge der Aexte krachten gegen die Thür und die kühnen Vertheidiger des Kastells, einsehend, daß sie das Erdgeschoß nicht länger zu halten vermochten, zogen sich in das obere Stockwerk
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zurück und schickten sich an, mit ihrem Leben den Zugang dahin zu vertheidigen.
Selbst Matthias der Slowak, der vorhin der schrecklichen Scene mit Szabó, dem ehemaligen Kanász, den er im Feuerschein wieder erkannt, mit verhülltem Gesicht beigewohnt und jede Kugel, die nach ihm geschossen wurde, gleichsam selbst empfunden hatte, - ergriff jetzt ein Pistol und stellte sich zur Vertheidigung.
Die Nacht war darüber vorgeschritten und bereits zeigte sich der Schimmer des beginnenden Tages.
Montboisier war noch einmal zu dem Fürsten hinaufgestiegen, von dem man die beiden Wächter längst zurückgezogen hatte, weil man sie nöthiger zur Vertheidigung brauchte. Er traf ihn noch in demselben Gemach, aufmerksam auf das Schießen lauschend.
»Durchlaucht,« sagte er - »wir sind angegriffen worden und müssen uns zurückziehen, wenn dies überhaupt möglich sein wird. Wenn ich fallen oder gefangen werden sollte, so senden Sie die Botschaft auf einem andern Wege - bei dem Geist der Bevölkerung werden Sie leicht einen solchen finden.«
»Gott sei Dank - er kann fallen!«
»Wer?«
»Der Verfluchte, der Verhaßte, für den ich mein Kind getödtet habe!«
Der Franzose zuckte die Achseln. »Ich habe keine Zeit, Ihnen weiter Rede zu stehn. Entkommen wir glücklich, so findet Ihr Bote mich im Salon!«
Er ging, ohne sich weiter um den Fürsten zu kümmern,
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der seine Entfernung kaum bemerkte und mit geballten Händen, mit flammendem Auge auf jeden Schuß lauschte.
In dem Speisesaal der Villa, der im Parterre unter dem Salon des ersten Stocks lag, fand er den Major, der eben die Nachricht von seinem Lieutenant erhalten hatte, daß es ihnen gelungen sei, die Thür des Kastells zu sprengen und daß Kapitain Landucci sich noch unten wacker an den Booten halte. Der Franzose flüsterte ihm einige Worte zu, die Andeutung der wichtigen Nachricht, die er vorhin von dem Fürsten erhalten.
»Das entscheidet und kürzt jeden Entschluß ab. Wir haben genug gethan für die Ehre und müssen uns jetzt zu retten suchen. Doktor Achmet, Sie müssen Ihre Patienten zurücklassen, wenn Sie nicht gefangen werden wollen.«
Der Doktor mit den Verwundeten beschäftigt, die zu ihm hereingebracht worden waren, wollte antworten, als eine Hand sich auf seine Schulter legte. Es war der Herr, den er vorhin flüchtig im Salon der Fürstin bemerkt und der menschenfreundlich bisher bei dem Verbinden Beistand geleistet hatte.
»Bleiben Sie,« flüsterte dieser in spanischer Sprache, welche die meisten der Anwesenden nicht verstanden. »Ich bin der Baron Neuillat, den Sie suchen, und bürge für Alles!«
Der Major hatte sich übrigens bereits wieder abgewendet, die Augenblicke drängten.
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»Nun gilt es noch Eins, Signori - wer übernimmt es, den Rückzug zu decken?«
Es war natürlich der gefährlichste Posten - den Major und Montboisier riefen höhere Pflichten.
»Ich!« sagte ruhig der Ungar.
»Sie, Graf Stephan?«
»Ich werde der Letzte sein, der dies Haus verläßt! Kümmern Sie sich nicht um mein Schicksal. Kapitain Landucci schlägt sich am Strand - ich habe ihm zu beweisen, daß ich die Gefahr nicht scheue, auch ohne die Klinge in der Hand. Geben Sie Ihre Befehle Major, und beeilen Sie sich!«
Es war in der That keine Zeit zu verlieren - Laforgne bestimmte sechs der kaltblütigsten und besten Schützen, die unter dem Befehl des Grafen den Rückzug decken sollten; dann wurden rasch die andern Leute von den Fenstern und dem Gitter, das die Flanken der Villa bildete, nach der Terrasse zurückgezogen.
Etwa fünf Minuten noch hielt der Graf das Gefecht an der Front der Villa, denn schon drangen in dichtem Tirailleurschwarm die österreichischen Jäger über den Platz, dann gab er gleichfalls das Zeichen zum Weichen.
Die kleine Schaar, von der erst ein Mann gefallen war, hatte kaum das Parterre verlassen, als die Jäger in das Haus drangen; Lieutenant von Wurmser war einer der Ersten.
Er traf auf den Baron. »Ich nehme Ihren Schulz in Anspruch Herr,« sagte dieser, »für die Verwundeten und den wackern Arzt, der ihretwegen zurückgeblieben ist. Lassen
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Sie dem fliehenden Feind einen Ausweg, es ist des Unheils schon genug geschehen in dieser Nacht.« Der Offizier stellte sogleich eine Wache in das Gemach, wenn auch seine Pflicht ihm nicht erlaubte, dem zweiten Wunsche nachzukommen. Ueberdies war ein Anderer zur Stelle, der mit aller Wuth des Hasses zum Gegentheil mahnte.
Es war der Fürst. Das Morgenlicht hatte ihm den Todfeind unter den Letzten der flüchtenden Freischärler gezeigt, die langsam Schritt um Schritt sich über die Terrasse nach dem Kastell zurückzogen, während der größte Theil ihrer Kameraden bereits durch die Pforte nach dem See zum Strande hinunterklomm. All' seine Gedanken concentrirten sich jetzt nur auf diesen.
»Auf sie - auf sie Lieutenant!« kreischte der Fürst mit wüthender Geberde - »hier über den Balkon ihnen nach, oder sie entkommen Ihnen. Tausend Gulden dem Mann, der den Schurken dort niederschießt - den Offizier mit dem Säbel im Arm -! Was thun die Feiglinge dort oben, daß sie keine Hand rühren?«
Der letzte Ausruf, mit einem gräßlichen russischen Fluch vermischt, galt der kleinen Besatzung des Kastells, die in der That ihr Feuer eingestellt hatte.
Die Ursach war folgende.
Als Lieutenant Caffarelli in das Erdgeschoß des Thurms, oder, um den Namen beizubehalten, des Kastells drang, waren allerdings rasch einige Schüsse mit den Vertheidigern des obern Stockwerks gewechselt worden. Aber sie thaten beiderseitig nicht viel Schaden, da das Dämmerlicht ungünstig für das Zielen war und die Eile so wie
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Stellung der beiden Parteien dasselbe ohnehin nicht viel erlaubten und somit die Schüsse nur auf's Gerathewohl gethan werden konnten. Einer der beiden Marine-Lieutenants war dabei leicht verwundet worden.
Jetzt kamen die Freischärler von der Villa her in vollen Haufen. Der Jäger hob eben die Büchse, um auf sie aus dem Fenster zu schießen, ehe sie den Eingang erreicht, aber Otto von Röbel hinderte ihn daran, da es ihn anwiderte, auf die Fliehenden aus dem Hinterhalt zu feuern, und im nächsten Augenblick erkannte er die Stimme, die mit ruhigem Ton Befehle ertheilte und in dem kommandirenden Offizier, als er sich umwandte, den Freund.
»Ruhig Leute, ruhig! zieht Euch langsam zurück - Front gegen den Feind! Wir dürfen die Braven, die unsern Rückzug decken, nicht im Stich lassen. Kümmert Euch um den Thurm nicht, wenn sie nicht selbst uns angreifen! Caramba! lauft nicht wie eine Heerde Schaafe, wenn der Wolf kommt! - Wer kein Blut sehen kann, der muß nicht Soldat werden! - So - nun ruhig durch den Thurm und den Felsen hinab - spart das Feuer - spart das Feuer für unten! Caraï - wir werden noch gepfeffert genug werden in dieser Rattenfalle und kehren wie die begossenen Hunde zurück ohne Schiff und Gewinn! - Halten Sie die Leute in Ordnung bei dem Hinuntersteigen, Oberst Montboisier - indeß ich dem Grafen das Zeichen gebe!«
Der Preuße war während der ruhigen, wie auf der Parade in kurzen Pausen gegebenen Befehle nach der Treppe gesprungen, wo Meißner seinen Posten hatte. »Um
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Himmelswillen Rudolph - kein unnützes Feuern. Weißt Du, wer der Offizier ist, der sie kommandirt?«
»Sprich!«
»Laforgne - mein Freund! dem Du am Circus in den Elysäischen Feldern mit mir aus den Händen der Polizei halfst!«
»Mein Gott - welches Zusammentreffen!«
Otto von Röbel hatte bereits des Secretairs Platz eingenommen, als eben sein alter Feind und Freund, der Kämpfer der Revolution, in die Pforte des Kastells trat, während Batthyányi und seine Leute sich bereits im Garten mit den österreichischen Jägern schlugen.
»François! François Laforgne!«
»Caramba - welche Stimme?«
»Es ist die meine!« - den Kampf umher vergessend, die Büchse in der Hand, sprang Otto mit zwei Sätzen die Treppe hinunter und warf sich an die Brust des Freundes. Nur die Geistesgegenwart des Obersten Montboisier rettete dabei sein Leben, da einige der letzten Freischärler glaubten, es handle sich um einen Angriff auf ihren Anführer und ein Bayonnetstoß ihn von hinten durchbohrt hätte, wenn nicht der Säbel des Franzosen das Gewehr noch im rechten Augenblick zur Seite geschlagen.
»Othon - wo kommst Du her?«
»Wir stehen bei der österreichischen Armee - ich und Friedrich! Leider wieder Dir gegenüber!«
»Du weißt doch, was geschehen?«
»Was? - Doch wir haben keine Zeit zum Erzählen - fort! fort mit Dir, oder Du wirst der Gefangene
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der Oesterreicher!« Er drängte den Freund nach dem Ausgang.
»Die Marchesa - Rositta ...«
»Himmel, was ist mit ihr?«
Meißner war dem Freunde gefolgt. Er schob mit Gewalt den Major nach der Pforte.
»Carmen ist frei, gerettet! - ich lasse Dir Doktor Achmet, er weiß Alles! Gott schütze Dich! - Avanti cacciatori!«8.[]
Die letzten Worte klangen schon von den Stufen zum Ufer her - drei der Alpenjäger, die übriggebliebenen von dem kleinen Arrieretrupp des Grafen, stürzten ihm nach durch das Sousterrain, mit Gewalt sich Bahn brechend - hinter ihnen durch die Thür nach dem Garten klang bereits das jubelnde »Hurrah!« der österreichischen Jäger - das Kommando des Offiziers - dazwischen eine gelle kreischende Stimme: »Haltet auf ihn, brave Jäger! Tausend Gulden, wer den Verräther niederschießt!«
Eine hohe Gestalt schwankte in die Thür des Sousterrain, der Letzte auf seinem Ehrenposten - Stephan Batthyányi - den Säbel in der Scheide im linken Arm, den rechten blutend herabhängend[d], - das stolze, blasse Gesicht noch immer dem Feinde zugekehrt!
Die fliehenden Alpenjäger kümmerten sich nicht um ihren Offizier; - Laforgne, der gewiß nicht gewichen wäre, ehe er auch ihn in Sicherheit gewußt, war durch die Freunde fast mit Gewalt hinausgedrängt worden -
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Graf Stephan war allem in der Gewalt seiner Feinde, die von dem Garten her jetzt herbei eilten und die im Innern des Kastells den Durchgang sperrten.
Die Jäger waren bis auf einige Schritte heran, als der Fürst, der hinter ihnen drein kam, seinen Ruf wiederholte. In diesem Augenblick glitt der Slowak die Treppe herab und faßte den Arm des Secretairs. »Retten Sie ihn,« flüsterte er - »Sie retten das Leben der Fürstin!« Er hatte die Worte kaum gesprochen, als Graf Stephan langsam rückwärts in den innern Raum trat - mit starrem Blick umhersah und zwei Schritte nach dem gegenüberliegenden Ausgang that. Dann entrang sich ein leises Stöhnen des Schmerzes seinen Lippen und er brach zu Boden.
Im Moment war Meißner an seiner Seite, während der Slowak bereits den Kopf des Gefallenen unterstützte. »Ergeben Sie sich, Herr, Sie sind mein Gefangener!«
Ein ernster, doch nicht unfreundlicher Blick des Grafen, ein leichtes Nicken des Hauptes war die Antwort und die Linke hob den Säbel, der seine Scheide nicht verlassen, zum Zeichen der Erklärung. Der Secretair nahm die Waffe und richtete seine Blicke nach dem Eingang, durch den die Jäger jetzt, die Büchse mit dem Hirschfänger darauf zum Angriff in der Hand, herein sprangen. Als sie in dem Gewölbe nur die Vertheidiger desselben mit dem Verwundeten beschäftigt sahen, eilten die Vordersten flink dem Ausgang zu und bald knallten ihre Büchsen wieder auf dem Felsen munter hinter den Flüchtenden.
Major Laforgne und der französische Oberst hatten glücklich das Ufer erreicht, wo Kapitain Landucci noch
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immer tapfer sich mit den Oesterreichern schlug, obschon diese ihn hart bedrängten. Der Major übernahm sofort den Befehl und gab die Ordre zum Einschiffen. Es gehörte all' seine Energie dazu, um zu verhindern, daß das nicht in eine regellose und dadurch um so gefährlichere Flucht ausartete. Auch hier behauptete er einen der letzten Posten und hielt mit scharfem Feuer den Weg vom Kastell herunter rein und den Feind an dem schmalen Strand in gehöriger Entfernung, während Oberst Montboisier und die Offiziere der Alpenjäger die Embarkirung der stark gelichteten Mannschaften leiteten.
Das erste Boot, das schon vorher vom Ufer stieß und eilig hinaus auf den im Morgenroth erglühenden Spiegel des Sees ruderte, war das des englischen Kapitains, der sich mit beiden Händen den Kinnbacken hielt und keine Lust vorläufig zu weitern Schießversuchen hatte.
Erst während des letzten Gefechts auf dem Strande hatte Laforgne bemerkt, daß der tapfere ungar'sche Graf fehlte, aber es war unmöglich, um seinetwillen einen Versuch zu machen und er mußte ihn mit Bedauern seinem unbekannten Schicksal überlassen. Mit dem letzten Boot und einem so schweren Herzen über den starken Verlust und das mißlungene Unternehmen, daß er kaum dem Wiederfinden des Freundes einen Gedanken widmen mochte, verließ er das Ufer, von dem die Jäger und Gränzer mit Siegesjubel noch so lange als möglich fortfuhren, ihren Rückzug zu beunruhigen. - - -


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Hinter den Jägern drein, welche nach der Einnahme der Villa den Garten von den Feinden gesäubert, war, von jenem Haß getrieben, welcher selbst die eigene Gefahr gering achtet, der Fürst gefolgt, wie wir oben gesehen haben, sie fortwährend anspornend, den Offizier der Feinde, der ihren Rückzug leitete, speziell auf's Korn zu nehmen. Er konnte in der Morgendämmerung und in der Entfernung nicht bemerken, daß in der That eine der Kugeln ihn bereits verwundet, und als der Graf in dem Eingang des Kastells verschwand und er ihn entkommen wähnte, kannte seine Wuth keine Gränzen und er drängte durch die Soldaten, um wo möglich vom Felsen herab selbst noch einen Schuß hinter ihm drein zu thun.
Plötzlich sah er da seinen Feind hilflos, blutend und ohnmächtig zu seinen Füßen liegen.
Eine dämonische Freude zuckte über sein häßliches Gesicht, nur geschmälert durch den Umstand, daß der Bewußtlose blos durch den Arm geschossen war, und er hätte am Liebsten befohlen, ihm mit einigen Bayonnetstößen den Garaus zu machen oder dies selbst gethan, wenn er es gewagt hätte.
Dennoch konnte er nicht ganz den Ausbruch seiner Freude mäßigen. Indem er mit dem Fuß nach ihm stieß, rief er frohlockend: »Da liegt der Nichtswürdige! - Nehmt Stricke, Soldaten, schnürt ihm die Glieder zusammen, daß er sich nicht zu rühren vermag! Der Bursche ist einer der schlimmsten Hochverräther an Eurem Kaiser und verdient den Galgen, dem er schon einmal entlaufen ist, und an dem er baumeln soll, oder ich will nicht Trubetzkoi
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heißen! fort mit ihm, werft ihn zu den Andern und bewacht ihn wohl!«
Der Secretair hatte sich unwillig aufgerichtet. »Euer Durchlaucht sehen, daß dieser Offizier verwundet ist!«
»Was thut's - er ist nicht besser, wie die Andern und ich will, daß meinem Befehl Folge geleistet wird!«
»Ich bedauere, Eurer Durchlaucht widersprechen zu müssen, aber dies wäre ein unwürdiges Verfahren, in das ich nicht willigen kann. Der Offizier hier ist mein Gefangener!«
»Skotina! Wie - Sie erdreisten Sich ...«
»Ich bitte Eurer Durchlaucht nicht zu vergessen, daß ich die Ehre habe, nicht in Ihren Diensten zu stehen!«
»Und ich,« sagte der junge Röbel, »werde dafür sorgen, daß diesem Offizier die Behandlung eines Gentleman zu Theil wird!«
Der Fürst warf Beiden einen wüthenden gehässigen Blick zu, der sie erdolcht oder vergiftet hätte, wenn er die Macht dazu gehabt. Dann drehte er sich um und humpelte erboßt davon, um den kommandirenden Offizier aufzusuchen und dort durch seinen Bericht möglichst ungünstig für den Gefangenen zu wirken. Bald darauf, während die Freunde noch berathschlagten, was am Besten zu thun, kam ein Oberjäger mit dem Befehl, daß der verwundete Offizier nach dem Parterre der Villa gebracht werden solle, wo der Wundarzt des Detaschements mit Hilfe des fremden zurückgebliebenen Arztes beschäftigt war, in den durch den Zwang der Umstände rasch zur Verbandstätte und zum
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Lazareth eingerichteten Räumen den Verwundeten beider Parteien Beistand zu leisten.
Man mußte sich dem Befehl fügen und Otto von Rubel und sein Freund begleiteten die Jäger, welche den Offizier auf einer Gärtnertrage fortschafften.
Auch Szabó, der Wolfsjäger, der blutend an den rauchenden Trümmern des Kiosk lag, wurde fortgetragen.
Die eiligen Worte, welche der flüchtende Freund ihm zugerufen, beflügelten übrigens die Schritte Otto von Röbel's und als sie nun mit ihrer blutigen Begleitung - Graf Stephan war unterdeß wieder zu sich gekommen, und blieb schweigend und finster auf seinem harten Lager - den Haupteingang der Villa erreicht hatten, eilte er voraus in die Speisehalle.
Der Major hatte die Wahrheit gesagt, er sah die bekannte Gestalt des Mohrendoktors sich eifrig unter den Verwundeten bewegen und mit seiner aufopfernden Menschenliebe ihnen jeden möglichen Beistand leisten.
»Doktor Achmet!«
Der kleine Arzt blickte rasch empor: »Die Stimme kenne ich! - bei Boabdil, meinem Ahnherrn - das ist mein wackrer Deutscher, der Retter meines Herzblatts! - Einen Augenblick, Monsieur de Reuble - es ist der letzte Verband, den ich anlege und sogleich bin ich bei Ihnen!«
Der junge Mann aber trat zu ihm. »Ich bitte, Doktor, lassen Sie sich nicht stören in Ihrem Werk der Pflicht und Barmherzigkeit. Da ist meine Hand - und hier ein Offizier, dem Sie Ihre Hilfe widmen müssen. Sagen
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Sie mir nur das Eine - habe ich François recht verstanden, ist Señora Rositta aufgefunden?«
»Aufgefunden und gerettet aus den Händen der Schwarzkutten, mein Junge, und in Paris und so viel ich glaube, voll Sehnsucht und bestem Willen, ihrem Lebensretter ihren Dank zu beweisen,« berichtete der Arzt in französischer Sprache. »Bei der Krone der Hacenen, die einst über das schöne Granada herrschten, das ist ein merkwürdiger Tag und dies hier« - er wies auf den zerschmetterten Arm des Ungarn, »eine verteufelte Wunde, die ihrem Eigenthümer das Glied kosten würde, wenn mich nicht ein glücklicher Zufall hierher geführt hätte. - Kommen Sie einen Augenblick hierher, mein Herr,« wandte er sich zu dem deutschen Wundarzt, »und sagen Sie mir, was Ihre Ansicht von diesem Arm ist?«
»Er muß abgenommen werden eine Handbreit unter der Schulter,« erklärte dieser mit der Gleichgültigkeit seines Metiers. »Das Ellenbogengelenk ist zerschmettert - es ist keine Rettung als Amputation, wenn man dem Mann das Leben erhalten will. Wenn Sie es wünschen, können wir sogleich daran gehn!«
»Lento! Tardo! Kollega,« lächelte der Mohrendoktor, der trotz des Blutes und der Leiden und seiner Theilnahme daran sehr vergnügt und zufrieden zu sein schien. »Haben Sie niemals von einer Operation gehört, die man Refection der Gelenke nennen kann?«
»Nein!«
»Bueno! Mit Ihrer Hilfe will ich sie morgen ausführen, nachdem wir vorläufig den Arm verbunden haben.
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Diable - dem Burschen da - ich erinnere mich seiner - wird diesmal seine Riesennatur schwerlich helfen. Es ist zuviel! drei Kugeln in der Brust, von denen jede einzelne hinreichend ist, einen Stier zu tödten! - So hat Ihnen also der Major nichts Näheres erzählt von dem Zufall, der ihn Carmen - denn das ist ihr rechtmäßiger Namen jetzt! - finden ließ und von den verhängnißvollen Umständen ihrer Befreiung?«
»Keine Sylbe, und - der Wahrheit die Ehre - er war auch wahrhaftig nicht in der Lage dazu!«
Der Doktor lächelte vor sich hin. »Das glaube ich selbst! Bei meinen Vätern von Granada - Ihre österreichischen Jäger sind etwas zuverlässigere Bursche als unsere garibaldischen Alpenjäger. Es wird dem Major verteufelt angekommen sein, so retiriren zu müssen! - Aber denken Sie, Monsieur de Reuble, daß man die Marquise von Massaignac wie die niederste Magd als eine Gefangene in ein Kloster gesperrt hatte und sie zwingen wollte, eine Nonne zu werden! Rositta - die beste Reiterin - eine Erbin von Millionen!«
Der junge Deutsche stieß unwillkürlich einen Seufzer aus. Selbst Rositta, die Kunstreiterin, hatte ihm näher, erreichbarer gestanden, als die reiche und schöne Marquise von Massaignac. »Ich brauche nicht zu fragen, wer der Schurke war, der die Schuld trägt!«
»Gewiß nicht! derselbe und sein guter Freund, die Sie damals im Foyer der großen Oper verhaften ließen, um ihren niederträchtigen Plan auszuführen. Aber der Eine steht jetzt vor dem Richterstuhl Gottes und den
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Andern wird seine Verwandtschaft mit der schönen Kaiserin der Franzosen sicher nicht schützen.«
»Wie - der Senateur Marquis von Massaignac ...?«
»Wurde am Monte Cenere, in dessen Kloster seine einzige Schwester eingesperrt war, durch einen Sturz von dem Felsen zerschmettert, und ich glaube nach aller Beschreibung, daß der arme Teufel hier, der bereits im Delirium liegt, seine Hand dabei im Spiel hatte. Carmen, das Goldkind, ist jetzt die einzige und bereits anerkannte Erbin des ganzen Reichthums der Massaignac!«
Wiederum entfloh bei dieser Ankündigung ein tiefer Seufzer der Brust des jungen Mannes, - er vermischte sich mit dem wilden Schrei der Phantasieen des Sterbenden.
»Der Slowak ist kein Mensch! - Hui - wie die Zähne des Wolfs in der Brust wühlen! Ducke Dich! ducke Dich Wölflein - es hilft Dir Nichts - der Szabó schnürt Dir die scharfen Klauen zusammen, damit sein Hochzeitsgeschenk hübsch säuberlich ausschau! Warum stößt der General mächtiger des armen Slowaken Geschenk mit dem Fuße von sich? Tót nem ember - der Slowak ist kein Mensch! - Laßt den Wolf los! Es ist Hochzeitsnacht und der alte Mann mit dem weißen Haar kommt die Treppe herunter - ich muß sein Blut sehen!«
Auf Matthias, des Slawoniers Bitten, hatte man den unglücklichen Landsmann desselben in eines der Seitenzimmer gebracht. Dort hinein auch war der Graf, der vornehme Magnat, auf eine Matratze gelegt worden.
Matthias war jetzt allein bei ihnen, während die
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beiden Freunde sich entfernt hatten, um nach den Vorgängen draußen zu sehen, nach dem Befinden der Fürstin und des Kindes sich zu erkundigen und sich ihres Gefangenen anzunehmen, denn die Offiziere waren so eben vom Ufer heraufgekommen, da von einer Verfolgung des Feindes nicht die Rede sein konnte.
Es war jetzt die Sache Meißners, in Stelle der kranken Herrin und des Fürsten, der finster umherhinkte, den Wirth zu machen und für eine Erfrischung der Offiziere und Mannschaften nach dem Gefecht zu sorgen, und auf ihm allein lag die Last, da weder Feodora noch eine der andern Frauen sich sehen ließen; sie schienen alle mit der Herrin und dem Kinde beschäftigt, an dessen Bett der Arzt sich jetzt befand.
Wiederholt ging ihm dabei der Gedanke an den verwundeten Ungarn und sein Verhältniß zur Fürstin durch den Kopf. Er hatte von Tunsa-Feodora allerdings gehört, daß die Fürstin früher vor der ungar'schen Revolution mit einem jungen Magnaten, der in dieser eine Rolle gespielt, verlobt gewesen sei, daß aber jenes Verhältniß sich in einer schrecklichen Weise mit dem gewaltsamen Tode des jungen Grafen gelöst habe, an dem der Fürst, ihr Gemahl, nicht unbetheiligt gewesen sei. Und jetzt plötzlich tauchte derselbe Mann lebend wieder auf; denn nach Allem, was er von dem Slawonier gehört über die That des Fürsten bei seinem Erscheinen, konnte es keinem Zweifel unterliegen, daß es der frühere Geliebte der unglücklichen Frau war. Obschon der Secretair in Vielem noch nicht klar sah, verehrte und achtete er die Fürstin doch zu aufrichtig, um nicht alsbald
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auch fest entschlossen zu sein, was irgend in seinen Kräften stand, für den Mann zu thun, der ihrem Herzen einst theuer gewesen und wahrscheinlich noch war.
Mit diesen Gedanken wollte er eben wieder das Zimmer verlassen, in welchem der Räuber und Mörder in wilden Phantasieen lag und in dem er nochmals nach dem Grafen gesehen, als ihm Feodora auf der Schwelle entgegen trat.
Das Gesicht der Zigeunerin, immer beweglich und der Spiegel der Seelenaufregungen, die sie verzehrten, hatte einen finstern entschlossenen Ausdruck, wie er kaum je sich erinnerte, an ihr gesehen zu haben. Es war bleich, übernächtigt, aber die schwarzen runden Augen funkelten wie zwei glühende Kohlen.
»Ist er todt? Hat er wirklich ihn ermordet?« frug sie mit heiserer Stimme.
»Wer? Wen meinen Sie, Feodora?«
»Wen soll ich meinen anders, als ihn - den er geschworen hat, zu vernichten und den ich selbst verderben half, ich - die nichtswürdigste Creatur, die That, wessen ich sie beschuldigte, die nicht werth war, daß ihr Fuß mich von sich stieß! Den blanken Grafen meine ich, der auf dem schwarzen Roß an ihrer Seite wie der Sturmwind daher brauste an jenem Tag, als die Tochter der Haide das Feuer ihrer Väter verließ, - um dem bösen Geist Leib und Seele zu geben. Wo ist der blanke Ungarngraf, todt oder lebendig?«
»Graf Batthiányi[Batthyányi]?« Er hatte sie in das Vorzimmer zurückgedrängt. »Gott sei Dank, er lebt, nur der Arm ist
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zerschmettert von einer Kugel, und auch diesen giebt der Arzt Hoffnung, zu erhalten. Er ist mein Gefangener und ich hoffe, nicht blos sein Leben zu retten!«
Sie hatte die Hände auf die Brust gepreßt, als wolle sie das stürmisch pochende Herz bewältigen. Jetzt brach sie in Thränen aus und ehe der Secretair es verhindern konnte, hatte sie seine Hand gefaßt und geküßt.
»Du bist ihr guter Engel, wie ich ihr Dämon war,« sagte sie leidenschaftlich. »Laß mich hinein zu ihm, damit ich ihm ein Wort des Trostes flüstere, das alle Wunden heilen wird. Glücklich die, welche es zu hören vermögen!«
»Liebe Freundin,« beruhigte sie der Secretair, »es ist mir lieb, daß ich Sie traf. Sagen Sie der Fürstin, daß ich in Allem zu ihren Diensten bin, was auch die unglückliche Dame mir zu befehlen hat. Wie ich zu meiner Freude höre, ist Hoffnung, das Leben meines kleinen Zöglings zu erhalten, das die Hand des eigenen Vaters gefährdet hat. Lassen Sie uns Beide zusammen stehen, um den Verwundeten da drinnen zu schützen; denn ich will Ihnen nicht verhehlen, daß er in dem Fürsten auch jetzt einen schlimmen und gefährlichen Feind zu haben scheint und wir müssen ihn daher sorgfältig bewachen!« Die Augen der Zigeunerin, noch eben von den leidenschaftlichen Thränen getrübt, funkelten wieder wild und drohend. Sie schüttelte das schwarze Haar zurück, das in aufgelösten Strähnen um ihren Kopf flog.
»Wehe ihm, wenn er es wagt, die blutige Hand nach Jenem zu strecken!« rief sie heftig. »Die Mumeli-Swa ist der entarteten Tochter ihres Volkes erschienen und die Todtenfidel des Vaters klingt rufend in ihr Ohr! Tunsa's
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Auge liegt auf der Lauer, wie der Luchs auf den Aesten des Baumes - der bleiche Stern des Ungarlandes soll wieder leuchten frisch und roth und wenn es Tunsa's Herzblut kosten sollte!«
Sie drängte sich an ihm vorbei in das Gemach; Meißner, der ihr excentrisches Wesen kannte, ließ sie gewähren und ging eilig zu den versammelten Offizieren. -
In dem Gemach der beiden Kranken war es trotz des prächtigen Scheins der Morgensonne draußen doch recht düster und schwer. Die vier Kinder desselben Landes, die hier so plötzlich versammelt waren, trugen alle ein schweres Herz. Die kleine Zigeunerin, die an der Matratze des Grafen zusammengekauert sah, erzählte ihm von ihrer Herrin, von jener fürchterlichen Nacht, nachdem sie in die Trennung gewilligt, um die Mutter zu retten und den Geliebten, und wie sie erst am Morgen erkannt, wie schändlich sie getäuscht worden. Die Zigeunerin verhehlte dabei ihre eigene Schuld nicht, noch versuchte sie, dieselbe zu beschönigen; dann erzählte sie, wie das Unglück der stolzen Magnatentochter so gräßlich, so entsetzlich geworden, daß das elendeste Geschöpf der Pußta gewiß nicht mit ihrem Loos getauscht hätte, und von der Ergebung, mit der sie dies Alles ertragen; wie der stumme und stolze Schmerz ihr boshaftes Herz gerührt und sie aus der Aufpasserin der unglücklichen Frau, die zum Hohne ihr Haus mit ihr theilen mußte, zu ihrer treuen Dienerin gemacht hatte, die sie vertheidigte wie der Hund seinen Herrn gegen die brutalen Launen des Fürsten, bis ihr Geist sich selbst wieder so weit empor gerafft, um selbstständig ihm trotzen zu können. Nur von dem Opfer -
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jener traurigen Hingebung an die Forderung des Fürsten - das die Herrin für die Bewilligung der Trennung von ihm gebracht und dessen lebendiger Zeuge jetzt von der Hand desselben Mannes getroffen war, von dem Kinde, vermied die Zigeunerin zu sprechen.
Graf Stephan war kaum in weniger erregter und fieberhafter Stimmung gewesen bei dieser Erzählung, als der Sterbende in der andern Ecke des Gemachs, der bald in wilden Phantasien raste, bald stöhnend sich auf dem Lager wälzte. Wie gering war Alles gewesen, was er selbst erduldet, gegen das Leid und Elend, das die Geliebte getragen, und wie schweres Unrecht hatte er ihr gethan bei der Beschuldigung der Treulosigkeit und des Vergessens, als er sein Herz loszureißen versuchte von ihrem Andenken.
Aber eine grimme Wuth erfaßte ihn gegen den Mann, der ihm und ihr, die er mehr liebte als sein Leben, all' dies Leiden bereitet, der ihr Glück, ihren Frieden gestört hatte mit roher Hand und teuflischer Bosheit, und er raffte sich von seinem blutigen Lager empor und hob den zerschmetterten Arm, bis der zuckende Schmerz ihn daran erinnerte, daß er ein Gefangener, ein Krüppel sei, preisgegeben der Bosheit seines Feindes, und während das Gefühl seiner Ohnmacht ihm den kalten Schweiß auf die Stirn trieb, sank er zum Schrecken des Mädchens wieder zurück in die Kissen vom Fieberfrost geschüttelt.
So fand ihn zu seinem Bedauern der Doktor und trieb unmuthig die gefährliche Wärterin von seinem Lager. Der Arzt war nicht allein gekommen, in seiner Gesellschaft befand sich der alte ehrwürdige Pfarrer von Garda, ein in
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der Villa von der Fürstin gern gesehener Gast, der auf die Nachricht von den Ereignissen eilig herauf gekommen war, zu trösten und zu rathen. Der Doktor - obschon selbst ein arger Freigeist - führte ihn an das Sterbelager des Räubers.
In dem Kreis der Officiere war es indeß zu ernsten Erörterungen gekommen. Der Baron von Neuillat hatte sich sofort an den Kommandanten des versenkten Dampfers, dem seinem Range nach jetzt der Befehl zukam, mit der Anzeige gewandt, daß auf seine Veranlassung Doktor Achmet bei dem Rückzug der Franzosen zurückgeblieben sei, um die Verwundeten nicht zu verlassen, und die Aufopferung, mit welcher er sich derselben ohne Unterschied der Nationalität angenommen, veranlaßte die Offiziere zu der Erklärung, daß man nicht daran denke, ihn als Gefangenen zu behandeln und daß er nur sein Ehrenwort geben solle, die Villa bis zum Eingang der weiteren Entscheidung aus dem Hauptquartier nicht verlassen zu wollen, um von jeder anderweiten Beschränkung befreit zu bleiben.
Eine ernstere Erwägung und sogar einen ziemlich scharfen Wortwechsel veranlaßte die Bestimmung über den andern Gefangenen, den Grafen Batthiányi[Batthyányi]. Der Fürst hatte sich auf das Eiligste angelegen sein lassen, den Rang und Stand des Verwundeten zu verkünden, so wie daß er bereits aus der ungar'schen Revolution von 1848 und 49 geächtet und eines der gefährlichsten Häupter derselben gewesen sei, das man bis jetzt irriger Weise todt geglaubt. Der Umstand, daß er als österreichischer Unterthan jetzt wieder in den Reihen der Feinde im Kampf gegen die
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kaiserliche Armee gefangen genommen worden, mußte seine Schuld erhöhen und in den Augen der Offiziere sie zu Hochverrath stempeln. Die Bemerkungen des Fürsten trugen dazu bei, die feindliche Stimmung zu erhöhen; der Einspruch des Secretairs, daß Graf Batthyányi eigentlich als sein persönlicher Gefangener betrachtet werden müßte, wurde daher scharf zurückgewiesen und nur die ganz bestimmte Erklärung der beiden Aerzte, daß ein längerer Transport des Verwundeten ohne die größte Lebensgefahr vorläufig nicht auszuführen sei, schützte ihn davor, sofort mit Escorte nach Verona gebracht zu werden.
Es handelte sich nun darum, eine Stelle zu finden, wo neben der ärztlichen Pflege eine sichere Bewachung möglich war, da man so viel als möglich die Villa selbst mit militairischer Besatzung verschonen wollte. Der Secretair bot seine Wohnung im Kastell an, der Fürst aber erklärte dasselbe für nicht genügend sicher und bot dafür den Raum im zweiten Stockwerk seines Thurms, der ein Gemach mit vergitterten Fenstern enthielt und in dem die Bewachung leicht und jede Flucht unmöglich wäre. Sein Haß, der sich an dem Unglück des Todtfeindes weiden und ihn selbst bewachen wollte, wußte alle Einwände zu beseitigen und es wurde daher die Ordre gegeben, den Gefangenen dahin zu schaffen und mit aller Rücksicht zu behandeln, aber zugleich mit der größten Strenge zu bewachen, während eines der vor der Villa liegenden Wirthschaftsgebäude zum einstweiligen Lazareth für die andern Verwundeten eingerichtet wurde.
Für den Arzt wurde ein Zimmer im Parterre der
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Villa in Bereitschaft gesetzt, da der Fürst, der jetzt - seines Opfers sicher! - plötzlich wieder die größte Zärtlichkeit für den verwundeten Erben seines Namens entwickelte, - dessen unmittelbare Nähe bei dem Kinde verlangte.
Während die Dienerschaft im Innern die Spuren des Kampfes der vergangenen Nacht so gut als möglich beseitigte, die Offiziere ihre Rapporte machten und die Gefallenen begraben wurden, - trat der Tod in seiner schrecklichsten Gestalt an das Lager eines Menschen, den die Sünde Anderer aus dem stillen Frieden eines unbedeutenden und deshalb glücklichen Daseins gerissen und zum Mörder und Verbrecher gemacht hatten.
Auf dem Strohsack am Boden lag die kräftige Gestalt des Räubers ausgestreckt und seine Hand hatte im wilden Delirium selbst den mühsam ihm angelegten Verband abgerissen, daß die Wunden bloß lagen und die Tropfen schwarzen Blutes über die behaarte Brust quollen.
Achselzuckend hatte der österreichische Chirurg das Lager verlassen, - er wußte, daß menschliche Hilfe vergeblich war. Auch der alte Geistliche konnte nichts Anderes bieten, als sein Gebet, denn die wilden Fieberphantasien des Kranken machten jeden geistlichen Zuspruch unmöglich.
So saß er in einiger Entfernung und betete die Worte der Kirche für den Sterbenden.
Nur Zwei hatten den Armen nicht verlassen - zwei Wesen, welche die Armuth der Jugend, die Verachtung der Menschen, die Leiden und Freuden der Heimath einst mit ihm getheilt, - Matthias, der wandernde
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Kesselflicker, der Bruder des Mädchens, dessen Tod ihn hinausgetrieben durch die Welt, bis er heute entsetzlich sie und sich an ihrem Mörder gerächt, und Tunsa, das Zigeunerkind, die wilde Blüthe der Haide, die mit allem Glanz und aller Lust der Welt nicht die Erinnerung an jene Haide und an die zersprungene Fidel des armen Zigeuners ihres Vaters hatte betäuben können.
Der Slowak hielt die Hand des Mörders in der seinen, während Tunsa von Zeit zu Zeit die heiße Stirn des Mannes kühlte, der ihren Vater gehenkt.
»Der General mit dem weißen Haar« murmelte der Sterbende - »was will er von mir? - Die Hanka will Blut haben! - Und der Offizier dort - Leichen rings um! warum saugst du an ihnen nicht dich satt, gieriger Wolf, daß ich seinen Schädel zerschmettern muß? - Wie er die Hände flehend empor hebt - ein Schlag - hu, wie es knirscht, und der Vampyr mit dem weißen Leichentuch fliegt über das Todtenfeld! - Barmherzigkeit - sie sind Alle hinter mir - Petrike und die Wolfsbraut - das Weib am Kloster und der alte Mann dort in Wien! Haltet die Gespenster von mir - sie sind schlimmer als der Vampyr! Verflucht sei die Hand, die mir das Bayonnet in die Hand gab! - Hussah! Der Wolf ist los! der Wolf kommt!«
Er rang sich los von den Armen der ihn Haltenden und richtete sich auf dem Lager empor. Plötzlich wurden seine flammenden wilden Blicke ruhiger, indem sie auf dem Mann und dem Mädchen an seiner Seite hafteten, und er fuhr mit der Hand über die Stirn.
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»Was ist geschehen - wo bin ich? Das ist Matthias, der Bruder Hankas - aber die Hanka ist nicht hier!« -
»Sie ist im Himmel, Szabó mein Bruder, sie erwartet uns!« - »Im Himmel? - wie - wie - es ist Nacht vor mir - der Himmel ist nicht für den armen Slowak - der Mann mit dem weißen Haar steht dort - an der Laterne hängt sein Leib - - -«
»Gott ist barmherzig! Der Heiland ist für uns Alle gestorben am Kreuz, auch für den Aermsten und Sündigsten! Hoffe auf seine Gnade, Szabó mein Bruder und laß uns beten zu ihm!«
»Beten - beten! Weißt Du auch Matthias, daß Mörder blutige nicht können beten zu Gott? Sie sind verflucht in Ewigkeit!«
»Szabó, des Herrn Gnade ist unermeßlich, auch für den schwersten Sünder, wenn er bereut!«
Der Geistliche war näher getreten. »Miserere Domine gemituum, miserere lacrimarum ejus: et non habentem fiduciam, nisi tua misericordia, ad tuae sacramentum reconciliationis admitte!«
Der Sterbende sah in starr an. »Was will der Pfaff hier? Schafft ihn fort, die Hanka feiert die Brautnacht, eh der Priester Segen seinigten gesprochen! - wer kümmert sich um den Slowak? Laßt den Petrike kommen, daß er die Fidel spielt! Baszmo teremtete! Der Petrike kann nicht kommen, der Szabó, sein Freund, hat ihn aufgehenkt am Thurme von Enyád, während Tochter seinigte, die Hure, jubelt mit den blanken Herrn! - Laßt den Wolf los - Hussah, Jurisch, der Szabó kommt!«
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Der Geistliche wandte sich ab von dem Lager und hob die Hände: »Herr, erbarme Dich seines unsterblichen Theils und gehe nicht ins Gericht mit seinen Sünden!«
Die Zigeunerin blickte finster nach dem Sterbenden. »Tunsa vergiebt Dir, denn sie weiß, wie die Liebe das Herz zerreißt! Geh voran auf dem dunklen Weg in das Nichts - sie wird Dir folgen!«
Der Slowak war zurückgesunken - er hielt noch immer die Hand des Bruders seiner Geliebten - seine Augen hatten sich weit geöffnet und starrten empor, ein mildes freundliches Lächeln stieg auf die rauhen finstren Züge, gleich denen eines Kindes, das träumt.
Es ist eine wohlthuende heilige Sage, daß die Visionen jener Unglücklichen, denen das Leben ein schweres Kreuz voll Leiden und Elend, voll Schrecken und Schmerzen war, - in ihrer Todesstunde ihnen freundliche Bilder der Heimath oder der Jugend vorzaubern, während der Glückliche im Leben gar oft die dunkelsten Gestalten dieses Lebens mahnend und rächend um sein Sterbebett versammelt sieht!
Die ewige Gerechtigkeit beginnt ihr Werk in jener großen Stunde.
Mit Staunen sah Matthias die Züge des sterbenden Mörders sich verklären.
»Siehst Du die Pußta, Török - wie sie sich ausdehnt, weit, weit, - bis zum Fichtenwald, wo wir so oft gespielt, Du, und die Hanka und der arme Szabó. Die Leute sagen, Herr gnädiger drüben im blanken Magnatenschloß wolle einen Kanász machen aus dem Szabó Palko,
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wie sein Vater war. Aber der arme Szabó will ein Csikos9 werden, der durch die Pußta jagt, wie der Wind vom Theiß! Und vor sich hat er die Braut in der Paria und der Bunda und der Staregessy ladet die Gäste und die Zigeuner spielen auf dem Gerüst den Csardas und die Bauern tanzen mit der hübschen Slowakenbraut, - Török - die Hanka ruft mich - und es ist Frühling in der Pußta - die Blumen blühen und der Reiher streicht durch das Schilf - der Himmel ist blau überm schönen Ungarland und der Slowak ist ein Mensch - frei - frei - die Hanka - -« er breitete die Arme aus - der Kopf sank zur Seite - der Mörder war todt!


Als der Fürst, von Petrowitsch, dem Kosaken begleitet, um Mittag sich in seine Wohnung in dem alten Veroneser Thurm zurückzog, in dessen oberem Geschoß mit doppelten Posten bewacht, jetzt Graf Stephan im Fieber lag, fand er Abramo, den buckligen Spion auf seiner Schwelle kauern. Er nickte ihm gnädig zu und befahl dem Kosaken, ihn einstweilen an einem sichern Ort unterzubringen, bis er ihn rufen lasse.
Eine Stunde vorher waren der Baron Neuillat und Otto von Röbel nach Verona zurückgekehrt. Beide - jeder für sich - hatten eine lange Unterredung mit dem spanischen Arzt gehabt; beide Gespräche schienen wichtig
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genug, denn alle Drei befanden sich in ernster nachdenklicher Stimmung, als der Doktor sie zum Wagen geleitete, da Otto von Röbel, dem der Baron sehr gefiel, mit Vergnügen die Einladung angenommen hatte, mit diesem zu fahren.
Der Baron reichte aus dem Wagen nochmals dem Arzte die Hand, während an der andern Seite Meißner bei dem Freunde blieb und ihm Grüße in die Heimath auftrug, wohin Otto sogleich von Verona aus schreiben wollte, ob vielleicht Briefe aus Paris eingegangen wären, und der Fürst mit einigen Offizieren des starken Truppendetaschements, das im Laufe des Vormittags in Eilmarsch angekommen war, im Eingang der Villa stand und den Kneifer im Auge spöttisch und mißtrauisch den ihm räthselhaften Verkehr beobachtete.
»Seien Sie versichert, Doktor« sagte der Baron, »daß ich sofort Alles aufbieten werde, der Sache auf den Grund zu kommen. Graf Mortara - wenn sich auch seine genaue Verbindung mit dem Orden nicht in Abrede stellen läßt, - ist doch ein Mann von Ehre und Rechtschaffenheit, und wird sich nicht weigern, sich gleichfalls der Sache anzunehmen. Daß Sie auf so merkwürdige Weise in Besitz des Dokuments gekommen sind, ist von größter Wichtigkeit, verwahren Sie es wohl. Wenn sich unser Argwohn bestätigt, so hat der junge Mann vollen Anspruch auf den Titel wie auf das Erbe, und der Orden kann sich nicht weigern, ihn frei zu geben. Aber wir müssen mit der größten Vorsicht verfahren, indem wir das Terrain sondiren, denn unsre Gegner sind schlau, sie
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halten fest an ihren geheimen Plänen und glauben Sie mir, es fehlt ihnen auch keineswegs an Macht und Einfluß, auch wenn sie vorläufig die Rolle von Flüchtigen und Vertriebenen spielen. Ich wünschte nur, Sie könnten des kleinen Schurken, jenes jüdischen Spions, wieder habhaft werden, dessen ich mich von Mantua und Mailand noch sehr wohl erinnere, und der den Verkehr mit dem Prälaten uns sehr erleichtern könnte!«
»Ich weiß mit Bestimmtheit, daß er von Salo mit herüber kam, aber seitdem ist er spurlos verschwunden. Er hat versprochen, meinen Brief dem jungen Felicio einzuhändigen, aber ich kann natürlich nicht wissen, ob es ihm gelungen ist, sich nach Verona durchzuschleichen, oder ob er mit den Alpenjägern wieder nach dem andern Ufer zurückgekehrt ist, während sein wilder Genosse sein Ende gefunden hat.«
»Vamos! es läßt sich nicht ändern - wir müssen suchen, ohne ihn fertig zu werden. In jedem Fall erhalten Sie so bald als möglich Nachricht von mir aus Verona, und ich hoffe, daß die Beschränkung Ihrer Freiheit ohnehin nicht lange dauern wird. - Wenn es Ihnen gefällig ist, Monsieur de Reuble!«
»Ich bin zu Ihrem Befehl!«
»Vorwärts denn! - Leben Sie wohl, meine Herren und auf ein besseres Wiedersehen unter glücklicheren Umständen!«
Der Wagen rollte davon. - Der Fürst, dessen Neugier über das Verhältniß des fremden Arztes zu dem Kammerherrn des Grafen von Chambord durch den
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Umstand noch mehr gesteigert wurde, daß die letzte Unterredung in spanischer Sprache stattfand, die er nicht verstand, versuchte vergeblich seine Kunst an dem Doktor unter dem Vorwand, sich über den Zustand des Kindes zu vergewissern. Doktor Achmet verstand allen, über diesen Punkt hinausgehenden Fragen auszuweichen, und entzog sich ihm bald, da an dem Bett des leidenden Kindes mit dem Militairarzt, welcher die größere vor einer Stunde angekommene Truppenabtheilung begleitet hatte, und dem gewöhnlichen aus Bardolino herbeigeholten Hausarzt der Familie eine Konferenz stattfinden sollte.
Darum war der Fürst nach seiner Wohnung zurückgekehrt, wo - wie wir wissen - er den jüdischen Spion fand, der schon einmal den Verkehr zwischen ihm und dem französischen Hauptquartier vermittelt hatte.
Der kleine Jude hatte mit Schrecken von dem Kosaken das Ende seines Gefährten erfahren. So boshaft, verworfen und egoistisch er auch war, hatte er doch eine gewisse Anhänglichkeit an den ungeschlachten Genossen seiner Verbrechen gehabt, gleich wie dieser ihn als eine Art Schützling seiner rohen Kraft betrachtete. Selbst die Ereignisse im Kloster des Monte Cenere hatten Nichts daran geändert. Als Abramo sich nun durch den Tod seines Gefährten so allein sah, faßte ihn eine unbestimmte Furcht und Besorgniß, er hatte sich am Liebsten aus dem Staube gemacht, beide Parteien, die er betrog, im Stich lassend, und daß ihn der Kosak auf den Befehl des Fürsten in einer Kammer des Thurms einschloß, wollte ihm wenig behagen.
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Der Fürst war den Rest des Tages über emsig mit Schreiben beschäftigt; Petrowitsch durfte den Thurm nicht verlassen, es war, als traue er nicht einmal den beiden Schildwachen, von denen eine unten vor dem Eingang, die andere vor dem Zimmer des Verwundeten ihren Posten hatte. Noch am Abend mußte ein Reitknecht mit den Briefen nach Verona und der Fürst rieb sich mit sichtlichem Behagen die Hände, seines Erfolges gewiß, als er den Mann davon traben sah.
Dann erst frug er wieder nach dem Knaben.
Die Konferenz der drei Aerzte hatte, wie dies häufig der Fall, kein Resultat ergeben - der österreichische Militair-Arzt und der Doktor aus Bardolino widersprachen der Ansicht und den Vorschlägen ihres französischen Kollegen, und Doktor Achmet trat bescheiden zurück, jenem die weitere Behandlung des Kindes überlassend.
Dagegen bestand er, von dem Secretair der Fürstin unterstützt, fest auf der beabsichtigten Operation an dem Arm des Gefangenen und der nächste Morgen wurde zu ihrer Ausführung bestimmt.
Man hatte an dem Tage nur wenig von der Fürstin gehört; man wußte nur, daß sie - aus ihrer Ohnmacht wieder zum Bewußtsein zurückgekehrt, an das Bett ihres Kindes sich gesetzt hatte, und dort seitdem stumm und einer Abgeschiedenen gleich mit gefalteten Händen und starrem thränenlosen Auge verweilte. So blieb sie auch, während die Aerzte den Knaben untersuchten und an seinem Lager conferirten. Nur ihre alte Kammerfrau und
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Tunsa hatten Zutritt in das Krankenzimmer - selbst der Fürst hatte nicht gewagt, ihn zu verlangen.
So war der Mittwoch, der 22ste, und die darauf folgende Nacht vergangen.
Am nächsten Morgen - Donnerstag - verbreiteten sich Gerüchte über das Vorrücken der österreichischen Armee.
Die Verstärkung der Posten am Ufer des See's, die in Folge des Ueberfalls von Salo her angekommen war, wurde größtentheils wieder zurückgezogen - die verschiedensten Nachrichten kreuzten sich, - man erwartete offenbar in den nächsten Tagen, wenn auch nicht so rasch, wichtige Ereignisse.
Im Laufe des Vormittags war der Fürst nach Verona gefahren, nur sein Kammerdiener begleitete ihn. Petrowitsch hatte die strengste Ordre, den Thurm nicht zu verlassen.
Während der Abwesenheit des Fürsten vollzog Doktor Achmet die Operation. Sie ging glücklich von Statten, aber es war nöthig, daß der Kranke der strengsten Ruhe genoß. -
Es war etwa 7 Uhr Abends, als die leichte Equipage des Fürsten wieder an der Villa vorfuhr. Weißer Schaum bedeckte die Pferde, die Flanken der Thiere bebten, - wie der Kutscher erzählte, hatten sie die 16 Miglien von Verona in zwei Stunden zurückgelegt.
Meißner befand sich gerade mit dem Mohrendoktor auf der Rampe der Villa, als der Wagen anfuhr und der Fürst ausstieg. Ein satanisches Lächeln des Triumphes lag auf seinem Gesicht, als er den Secretair anblickte.
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»Nun Doktor,« sagte er lustig, »ich glaube, Sie werden in den nächsten Tagen viel zu schneiden bekommen! Man erwartet übermorgen eine Schlacht und - die Ordre, Sie und gewisse andere Leute nach Verona zu schaffen, ist unterwegs. Jeder gehört auf seinen Posten, der Arzt in die Ambulance, der Hochverräther an den Galgen! He he - ich sage Ihnen, Feldmarschall-Lieutenant Urban, der neue Gouverneur von Verona ist ein ganzer Mann! er versteht mit den Leuten umzuspringen und giebt keinen Pardon! - Jebu waschu mat'! ich denke, die Villa der Fürstin Trubetzkoi am Gardasee wird von keinem ungar'schen Rebellen mehr belästigt werden!«
»Wenn Euer Durchlaucht mit diesen Worten den unglücklichen ungar'schen Offizier meinen,« sagte der Secretair, »der hier verwundet wurde, - so muß ich Sie darauf aufmerksam machen, daß sein Transport von hier vorläufig unmöglich ist. Graf Batthyányi hat sich heute Vormittag einer Operation unterwerfen müssen, um den Arm zu retten.«
Der Fürst schielte ihn hämisch von der Seite an. »Ich denke, mein sehr menschenfreundlicher Herr Secretair, Ihr ehrenwerther Schützling wird zunächst zu thun haben, seinen Kopf zu retten, und ich glaube, daß dies ihm schwerlich gelingen wird. Hier ist vorläufig die Ordre an den kommandirenden Offizier in Garda, den Herrn Grafen Batthiányi[Batthyányi] oder Sefer Bey mit tüchtigen Hand- und Fußeisen binnen vierundzwanzig Stunden nach Empfang lebendig oder todt in die Citadelle von Verona abzuliefern!«
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»Das wäre unmenschlich - ein reiner Mord!«
»Was weder Ihre noch meine Sache ist. Aus diesem Grunde werden Sie auch die Güte haben, dies Dienstschreiben sofort nach Garda zu schicken, während ich meine Zimmer aufsuche, wo ich nicht gestört sein will!«
Der Fürst warf hochmüthig das Schreiben auf die Steinbank am Eingang und ging, von seinem Kammerdiener gefolgt, nach dem Thurm.
Der Secretair und der Arzt sahen einander an. Da der Fürst zu dem Ersteren Deutsch gesprochen, hatte Doktor Achmet nur Wenig verstanden und Meißner verdolmetschte es ihm jetzt.
»Aber das wäre geradezu jetzt ein Mord, den Kranken nach der Operation in der Junihitze nach den ungesunden Kasematten zu schaffen,« rief entrüstet der Arzt. »Ich könnte für sein Leben nicht stehen, auch wenn ich ihn begleite.«
»Das habe ich ihm auch gesagt, aber ich denke, Sie müssen bemerkt haben, daß dies gerade das Ziel ist, welches er verfolgt!«
»Aber warum dieser Haß? - ich bin zwar Zeuge der Begegnung dieser beiden Männer gewesen, aber was ich gehört, genügt nicht, mir die Sache zu erklären und hat mir nur gezeigt, daß hier schlimme Dinge verborgen liegen!«
Der Secretair zuckte die Achseln. »Auch ich kenne nur unvollständig die Verhältnisse, da ich erst später in den Dienst der Fürstin getreten bin und sie niemals über die Vergangenheit spricht.«
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»Und was denken Sie zu thun?«
»Das weiß ich noch nicht. Die Fürstin muß Alles wissen und mag entscheiden!«
»Aber diese Ordre?«
»Ich muß sie abschicken, der Fürst könnte uns beobachten lassen und leicht Verdacht schöpfen. Aber sie soll deswegen uns morgen nicht im Wege sein. - Dort kommt gerade der rechte Mann!«
Es war der Slawonier, der trübe und ernst von der Terrasse her kam, einen Stock in der Hand, auf der Schulter seinen ärmlichen Kram.
»Wo wollen Sie hin, Herr Matthias?«
»Ihnen Lebewohl sagen. Ich will diesen Abend noch nach Garda, um zu hören, ob man für den Feldmarschall-Lieutenant auf dem Joch eine Botschaft hat. Der Priester in Garda hat mir versprochen, für den Freund meiner Kindheit, der mir nahe stehen sollte durch die Bande des Blutes und der ein so schreckliches Ende genommen, morgen in der Frühe eine Messe zu lesen und wenigstens ein Gebet aus vollem Herzen soll dem Unglücklichen nicht fehlen!«
»So werden wir Sie nicht wieder sehen?«
»Ich denke von Garda den Rückweg nach Castelletto anzutreten. Es ist Zeit, daß ich mein Versprechen halte und Botschaft bringe nach dem Joch!«
Der Secretair warf einen raschen Blick umher - in der Nähe stand einer der Diener und Petrowitsch, der Kosak des Fürsten, kam eben den Weg vom Thurm her,
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um anscheinend nach dem Sousterrain zu gehen und in der Küche die Bedürfnisse seines Magens zu befriedigen.
»Da Sie doch nach Garda gehen,« sagte der Secretair laut, »so möchte ich Sie bitten, diesen Brief mitzunehmen und dort auf der Wache oder an eine Ordonnanz abzugeben.«
»Sehr gern, Signor!«
»Wollen Sie der Fürstin einen Dienst erweisen?« fuhr Meißner leise fort.
»Gewiß, Signor, mit meinem Herzblut! ich kannte sie, als sie noch als Kind mit dem Grafen Stephan zu Telek auf dem Rasen des väterlichen Schlosses spielte!«
»Wohl, Sie müssen den Brief mit sich nehmen, aber es kommt Alles darauf an, daß er nicht heute oder morgen, sondern so spät als möglich oder besser gar nicht abgegeben wird. Es handelt sich um das Leben Ihres Landsmanns.«
Der Slawonier nickte unmerklich. »Es soll geschehen! Was kümmert es die Welt, ob ein Slowak einen Brief unterschlagen oder verloren! Leben Sie wohl, Signor. Gott segne Sie für das, was Sie an dem Grafen thun. Grüßen Sie ihn von Matthias, dem Slowak und erinnern Sie ihn an die Gewässer von Kiel dort oben im Norden!«
»So kennen Sie ihn näher und trafen schon früher so weit entfernt von hier mit ihm zusammen?«
»Wo wandert der Slowak nicht hin? Genug - schützen Sie ihn, der sich jetzt nicht selbst zu schützen vermag, vor dem Herrn dieses Hauses - er ist sein Todfeind! - Und jetzt, Signori - leben Sie wohl und Gott erhalte Sie und das arme Kind!«
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Sein letzter Gedanke gehörte diesem, als er sich jetzt wandte und, den Brief in der Tasche seines Mantels bergend, rasch davon schritt.
Meißner bemerkte wohl, daß der Kosak sich in der Nähe aufgehalten, um zu spioniren. Er rief ihn deshalb heran und beauftragte ihn, dem Fürsten zu melden, daß - da sich gerade ein Bote nach Garda gefunden, - er diesem die Depesche an den kommandirenden Offizier zur Besorgung anvertraut habe.
Damit war er seines Auftrags ledig, den er absichtlich nicht von sich gewiesen hatte. -
Der Fürst war eifrig mit Schreiben beschäftigt, nachdem er sich sorgfältig erkundigt, was in seiner Abwesenheit vorgekommen. Er hätte leicht selbst die obenerwähnte Ordre in Garda abgeben können, da die Straße von Verona durch das Pfarrdorf führt, aber einerseits hätte er sich deswegen aufhalten müssen, und die Minuten waren ihm kostbar; - andererseits, und das war der Hauptgrund, wünschte seine Bosheit sich an dem Schrecken und Verdruß zu erfreuen, den er mit diesem Beweise seines Sieges den Bewohnern der Villa verursachen wollte. Aus diesem Grunde auch hatte er dem Secretair den Auftrag ertheilt, den Brief abzusenden, da er wohl wußte, daß die Fürstin es nun erfahren werde. Als Petrowitsch, den er alsbald zum Spioniren gesandt, zurückkehrte und berichtete, wie er Zeuge gewesen war, daß der Slowak den Brief mit sich genommen, war er zufrieden, da die Anwesenheit desselben in der Villa ihm ohnehin - er wußte selbst eigentlich nicht warum - unangenehm war.
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Das Gemach, in dem der Fürst sich befand, bildete eine halbe Rundung mit einem vorspringenden Erker und gewährte eine prächtige Aussicht nach dem See. Es wurde als Fremdenzimmer benutzt, wenn die Fürstin - was selten genug vorkam - Besuch erhielt und war bequem und elegant eingerichtet. Ein offener Alkoven, nur durch eine seidene Portière geschlossen und ein kleines Ankleidezimmer stießen daran und bildeten mit einem Vorzimmer die Wohnung.
Während der Fürst schrieb, trank er von Zeit zu Zeit aus einem großen Kelchglas den schweren Portwein, der vor ihm stand.
Petrowitsch, der Kosak, hielt sich unbeweglich an der Thür.
Der Fürst war fertig und siegelte das ziemlich dicke Couvert. -
»Wo ist der Jude?«
»In der Kammer, Batuschka, wo ich ihn eingeschlossen. Es hat ihm schlecht genug gefallen und er wollte mit Gewalt heraus und davon.«
»Bring' ihn hierher - aber vorsichtig, daß Niemand ihn sieht.«
»Wie Du befiehlst, Herr!«
Petrowitsch ging; - der Fürst stürzte ein großes Glas des schweren Weins hinunter - die rothen Flecken, die ersten Folgen seiner Orgien - begannen sich auf der fahlen ungesunden Farbe seines Gesichts zu zeigen.
Er stieß einen jener schändlichen gotteslästerlichen und
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rohen Flüche aus, an denen die russische Sprache reich genug ist.
»Ich will lustig sein - die Dirne soll kommen, sie hat lange genug sich ihrer Pflicht entzogen. - Verflucht sei jenes weiße Gesicht - ich will Alles thun, was sie kränkt - das Blut aus dem Herzen will ich ihr saugen! Ha - wie sie ihn ansah, mit welchem Blick, wie er zu ihren Füßen eilte! und ich bin der Herr - ich bin ihr Mann! Verdammniß über sie - ich will mich rächen! Hussah - ich will eine lustige Nacht feiern, während die Kanonen da drüben brüllen! Morgen möge er in Ketten vor ihr enden und ich werde der Herr sein!«
Und wieder stürzte er den schweren feurigen Wein hinunter.
Der Kosak hatte die Thür geöffnet und schob den kleinen buckligen Juden, der sehr unwirsch aussah, vor sich her.
Der Fürst hob das Glas und blinzte prüfend darüber hinweg.
»Schau, Hundesohn, da bist Du ja!«
»Warum halten mich Euer Excellenza hier fest?« frug der Jude giftig. »Warum lassen Sie mich nicht gehn meinen Geschäften nach? Sie haben doch keine Macht über meinen Leib und meinen Willen!«
»Dummkopf!« sagte der Fürst. »Halt Deinen Mund, wenn Du bezahlt wirst. Hast Du die Mittel, binnen einer Stunde über den See zu kommen?«
»Ich muß doch gehen nach Verona, ich habe doch wichtige Geschäfte dort!« brummte mürrisch der Jude.
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»Jedes Geschäft hat einen Preis. Um es kurz zu machen, hier ist ein Brief, der in spätestens zwei Stunden in Salo sein muß. Es ist jetzt 8 Uhr - also vor zehn. Was verlangst Du, um es möglich zu machen?«
Der Eifer des Spions, nach Verona,zu kommen, war auf einmal abgekühlt. Er schüttelte bedächtig den Kopf. »Es ist viel Gefahr dabei. Eine Miglie aufwärts giebt es zwar einen Schiffer, der es wagen würde, aber er verlangt viel Geld!«
»Kurz und gut - was verlangst Du?«
»Unter tausend Lire kann ich es nicht wagen!«
Der Fürst ging an den Secretair und nahm eine Rolle aus einem Fach. »Hier sind fünfzig Napoleond'or. Fünfzig weitere erhältst Du in dem Augenblick, wo Du bis 19 Uhr diesen Brief in Salo oder dem Hauptquartier des General Garibaldi in die Hände des Obersten Grafen Montboisier lieferst.«
»Ist dies gewiß, Altezza?«
»Dummkopf! lies!« Er hielt ihm das Couvert vor, das unten in der Ecke die Bemerkung enthielt: »Tausend Lires sind dem Ueberbringer zu zahlen.«
»Altezza,« sagte der Jude - »das Geschäft ist gemacht! Geben Sie mir den Brief - um 19 Uhr ist er in den Händen des Signor Conte!«
Der Fürst reichte ihm die Depesche. »Nimm und erinnere Dich, daß, wenn Du nicht Wort hältst oder Verrath übst, ich Dich auffinden werde, und wenn Du im Bauch der Erde stecktest! Petrowitsch!«
Der Kosak trat näher. »Was befiehlst Du, Batuschka?«
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»Rufe Matthieu!«
Der Kammerdiener trat sofort ein.
»Der Bursche hier, befahl der Fürst, »muß aus der Nähe der Villa geschafft werden und das sofort, ohne daß es müßigen Augen auffällt.«
»Ein Mantel wird die nöthigen Dienste thun. Ich werde ihn selbst begleiten, wenn Euer Durchlaucht mich beurlauben wollen.«
»Bene! und es soll mir lieb sein, wenn Du ihn nicht verläßt, bis er im Kahn sitzt und auf hohem Wasser ist. Fort denn! - Petrowitsch!«
Der Kammerdiener des Fürsten ergriff den Juden, der noch viele Worte machen wollte, am Arm und zog ihn mit sich fort, der Kosak trat näher.
»Du befiehlst, Herr?«
»Ich will lustig sein, lustig diese Nacht! Schaff Champagner her und Rum. Suche die Tunsa auf, die Teufelshexe, und befiehl ihr, hierher zu kommen, bei meinem Zorn!«
»Und wenn sie sich weigert, Batuschka?«
»So schlepp' sie mit Gewalt hierher - sie ist meine Leibeigene so gut wie Du - ich habe sie gekauft, Seele und Leib.«
»Aber Klein-Gospodin, der Prinz, Durchlaucht - ich habe von den Weibern gehört, daß es schlecht mit ihm steht.«
»Der Teufel möge ihn holen, meinetwegen!« Der Kosak beugte den Kopf, - sein Herz hing sehr an dem Knaben, den er auf seinen Armen getragen, mit
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dem er so oft gespielt hatte. Er war ihm nicht ein Spielzeug gewesen, das - wie sich jetzt zeigte - nur Laune und Eitelkeit aus ihm für den Fürsten gemacht hatten.
Er wußte so Viel von den Geheimnissen seines Gebieters und dennoch war auch er diesem nur die willenlose Maschine.
»Wie steht es mit dem Schurken dort oben?« frug der Fürst, der sich auf den Divan geworfen und ihm die Füße entgegenstreckte, sie von den Stiefeln zu befreien. »Haben die Pflasterkasten mit ihren Zangen und Messern tüchtig in seinem Fleisch gewühlt?«
»Es ist gut mit ihm, Herr. Er hat den Schmerz ertragen wie ein Mann und der Doktor mit dem braunen Gesicht ist jetzt bei ihm und hat die strengste Ruhe geboten.«
Der Russe lachte hämisch auf. »Die Ruhe soll ihm bald genug werden - einstweilen aber wollen wir uns hier nicht geniren. Ich wünschte, sie hätten ihn in Stücke zerschnitten! - Hat von den Weibern eine nach ihm gefragt?«
»Feodora ist zwei Mal hier gewesen.«
»Die Kanaille! Es soll ihr vergolten werden! - Gieb meinen Schlafrock her und das Nargileh - ich bin müde von der Fahrt und will eine Stunde ruhen. Wenn Matthieu kommt, führe ihn sogleich zu mir - und um zehn oder eilf Uhr die Dirne!«
Der Kosak erfüllte die Befehle seines Herrn und verließ dann das Gemach. Der Fürst lehnte sich in die Kissen
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des Divans zurück und blies die blauen Wolken des Latakia von sich, während von Zeit zu Zeit ein tückisches Lachen sein Gesicht überflog.
»Tschort mienia wa\'zmi! - ich möchte wohl dabei sein, wenn diese Weißröcke geklopft werden und die Franzosen über sie herfallen! Revange für die Donau und für Sebastopol! - Wenn die Nachrichten zeitig genug im Hauptquartier eintreffen, müssen, sie auf allen Punkten geworfen werben bis hinter Verona, und dies Ufer ist übermorgen in den Händen der Verbündeten! - Wie ich sie peinigen will mit jedem Wort, - wie ich ihr stolzes Herz brechen will mit seiner Schmach!«
Die lichten Ringe des Rauchs wurden schwächer und schwächer - der golddurchwirkte seidene Schlauch des Nargileh glitt aus seiner Hand - - -


Rudolph Meißner stand in dem Salon des ersten Stocks vor Feodora.
»Ich habe Carlo zu Pferde nach Bardolino geschickt, um den Doktor zu holen. In anderthalb Stunden kann er hier sein. Wie steht es mit Dimitri?«
»Ich fürchte schlimm! Er ist seit diesem Abend sehr verändert.«
»So lassen Sie Doktor Achmet rufen, - ich glaube, die Fürstin hätte besser gethan, ihm allein die Behandlung des Kindes anzuvertrauen. Wir wissen von Paris her, wie geschickt und aufmerksam er ist, und er sagte mir, daß er mit der Behandlung des Doktor Clementi in diesem Fall durchaus nicht einverstanden ist.«
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»Sie hat ihm den Freund anvertraut!«
»Eben deshalb muß ich die Fürstin sprechen!«
»Es ist vergeblich - die Gospodina will Niemand sehen, so lange das Leben des Kindes in Gefahr ist!«
»Sagen Sie ihr, es muß sein! Sie allein kann entscheiden, was geschehen soll. Es handelt sich um Tod und Leben.«
Das Mädchen starrte vor sich hin. »Du hast Recht, Freund, der Tod ist eingekehrt in dieses Haus! Es ist Zeit, daß es zu Ende kommt - die Mumeli-Swa ruft ihre Kinder!«
Der Secretair hatte freundlich ihre Hand gefaßt. »Muth Feodora! Was sollen die seltsamen Reden? Lassen Sie uns fest und ehrlich zusammenstehen, um unsere Gebieterin und Freundin zu schützen gegen ihren schlimmsten Feind und sei es mit unserm eigenen Leben.«
»Mit unserm Leben!« Sie blickte ihn mit seltsamen Ausdruck an. »Du hast Recht, Rodolpho. - Sie wollen die Fürstin sprechen?«
»Es muß sein - der Mann dort drüben« - er wies nach der Richtung des Thurms - »hat einen so boshaften, schändlichen Anschlag vorbereitet, daß das größte Unglück daraus entstehen muß, wenn ihm nicht vorgebeugt wird.«
Die Augen der Zigeunerin funkelten wiederum unheimlich. »So sei es denn! - Warten Sie hier - und - - - wenn Sie in Ihre Heimath schreiben, - sagen Sie ihr, ihr - daß Tunsa immer an sie gedacht hat und auch in dieser Stunde!«
»Feodora!«
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Die Zigeunerin trat ihm rasch nahe - er fühlte bestürzt, wie ihre Arme sich heftig um ihn schlangen und einen Augenblick ihr Haupt an seiner Brust ruhte, während ein wildes krampfhaftes Schluchzen ihren ganzen Körper erbeben machte. Als er sich faßte von seiner Ueberraschung über den so seltsamen Ausbruch ihrer Leidenschaft und sich diesem sanft, aber fest entziehen wollte, war sie verschwunden.
Er war noch bewegt und in unruhigen Gedanken, als die Fürstin eintrat.
Sie war von einer erschreckenden Blässe und ihre großen schwarzen Augen lagen geisterhaft in dunklen Ringen. Sie trug noch das Kleid von dem Abend, an dem die garibaldischen Alpenjäger den Angriff auf die Villa gemacht, und ihre schönen Haare hingen ungeordnet auf ihre Schultern nieder.
Sie ging langsam auf den Secretair zu und blieb vor ihm stehen.
»Ich kenne Ihre Treue, Rodolpho,« sagte sie mit matter, leiser Stimme - »aber warum rufen Sie eine Mutter vom Sterbebett ihres Kindes?«
»Das wolle Gott verhüten - der Zustand des Prinzen wird nicht so hoffnungslos sein. Ich werde sofort Doktor Achmet bitten, nachzusehen.«
Sie machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand. »Gott wird entscheiden,« sagte sie eintönig - »Gott ist gerecht und straft die Sünden! - Was haben Sie mir zu sagen?«
»Die Operation an dem Arm des Grafen Batthyányi,
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Ihres Landsmanns und Verwandten, Durchlaucht, ist glücklich ausgeführt worden.«
Sie neigte das Haupt. »Ich habe es gehört!«
»Doktor Achmet bürgt für seine Herstellung - aber der Kranke bedarf der größten Schonung, und der Fürst ...«
Sie sah ihn starr an. »Sprechen Sie frei - ich weiß es nur zu gut, er haßt ihn. - Aber hier bin ich Herrin - ich habe es theuer genug erkauft!«
»Ich weiß nicht, wie es dem Fürsten gelungen ist, aber er hat in Verona eine Ordre ausgewirkt, daß Graf Batthyányi als Hochverräther lebendig oder todt binnen vierundzwanzig Stunden in die Citadelle von Verona abgeliefert werden soll.«
Sie sah ihn erschrocken an. »In diesem Zustand?«
»Es ist nichts Anderes als sein Todesurtheil! - Das habe ich mir selbst gesagt, und da der Fürst glücklicherweise so boshaft oder so unvorsichtig war, sich zu verrathen und die Ordre in meine Hand zu legen, wenigstens versucht, Zeit zu gewinnen.«
Ein Strahl zuckte in ihrem Auge auf. »Sie haben sie vernichtet?«
»Das war unmöglich - ich mußte sie absenden nach Garda, ich wurde beobachtet. Aber es galt vor Allem nur Zeit zu gewinnen; denn wenn die Ordre in die Hand des kommandirenden Offiziers kommt, so muß er gehorchen, Feldmarschall-Lieutenant Urban ist seiner rücksichtslosen Strenge wegen bekannt.«
»Dann ist er verloren!«
»Nein - denn der Brief, den ich einem Boten
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gegeben, wird morgen erst spät - oder gar nicht an seine Adresse gelangen.«
»Wie - der Bote ...«
»Er ist morgen um diese Zeit weit von hier und ich rechne auf ihn.«
»Wer ist es?«
»Der Slowak, der arme Kesselflicker, der vorgestern Abend die Nachricht von dem Ueberfall brachte. Er ist ein wackerer Mann und mehr als sein äußerer Stand ihn scheinen läßt. Er verehrt in Euer Durchlaucht die Tochter seines alten Gutsherrn.«
Die Fürstin hatte die Hände gefaltet und ihren Blick zum Danke erhoben. »Allmächtiger Gott - Deine Wege sind wunderbar! - Aber - wird der kurze Aufschub, denn ein solcher kann es nur sein - genügen?«
»Das nicht, aber er giebt uns wenigstens Zeit. Ich kenne nur ein Mittel, die strenge Ordre des Generals Urban und damit die Absicht des Fürsten zu vereiteln.«
»Welches?«
»Die Gnade des Kaisers. Euer Durchlaucht müssen morgen diese selbst erbitten für Ihren Verwandten - der Kaiser wird sie sicher gewähren, wenn Sie persönlich darum anhalten. Das ist auch der einzige Weg, einen Gegenbefehl zeitig genug zu erlangen.«
Die Fürstin hatte sich auf einen Tisch gestützt, sie kämpfte sichtbar einen schweren Kampf in ihrem Innern. Meißner, obgleich von der innigsten Theilnahme für die unglückliche Frau durchdrungen, wagte doch nicht, sie mit einem Wort zu stören.
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Endlich schien sie ihren Entschluß gefaßt zu haben. Sie reichte dem Secretair die Hand.
»Ich danke Ihnen für Ihre Treue und Ihre Absicht« sagte sie mit bewegter Stimme. »Lassen Sie uns auf Gottes Beistand hoffen für den Grafen - meinen Vetter! - Aber der Platz einer Mutter ist am Krankenbett ihres Kindes. - Gehen Sie, mein Freund und bitten Sie im Namen einer angstvollen Mutter Doktor Achmet, so bald als möglich zu Dimitri zu kommen.
Der Secretair verneigte sich schweigend und ging, - er hatte es nicht vermocht gegen diese heilige Entschließung ein Wort zu sagen.
Unten im Vestibüle begegnete er dem Kosaken Petrowitsch, der mit betrübter Miene sich nach dem Zustande des kleinen Gospodin erkundigte und deshalb Feodora zu sprechen verlangte.
Bald kam auch Doktor Achmet und eilte in das Krankenzimmer. Eine Stunde drauf traf der Hausarzt der Fürstin von Bardolino ein. -
Es war dem Secretair unmöglich sich zur Ruhe zu legen. Er ging in seinem Zimmer im Kastell, das auf seine Einladung Doktor Achmet mit ihm theilte, unruhig auf und nieder, an die mannigfachen Vorfälle der letzten Tage denkend und voll Kummer und Besorgniß um das Schicksal der Personen, die ihm werth und theuer waren, - hier der Fürstin, des Kindes und des Gefangenen - dort, im Angesicht des Feindes und in der Erwartung einer Schlacht - der Freunde seiner Jugend, der Brüder des Wesens, dem noch immer seine Liebe gehörte.
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Kurz vor Mitternacht endlich erschien der Arzt; sein Gesicht war ernst, ja kummervoll. Meißner eilte ihm besorgt entgegen.
»Um Gotteswillen, was ist geschehen? befindet sich der Knabe schlimmer?«
»Er ist vor einer halben Stunde gestorben - ich wußte es, als ich ihn diesen Abend sah - er war nicht mehr zu retten; aber die Ignoranz dieser italienischen Doktoren hat offenbar die traurige Katastrophe beschleunigt.«
»Mein Gott, welches Unglück! - Und die Fürstin, die arme Frau, wie erträgt sie es?«
»Wie eine Christin - mit tiefem Schmerz, aber mit edler Fassung. Es muß ein Geheimniß mit dem armen Kinde verbunden sein, das sie so sehr geliebt, aber ich wünsche nicht hinter den trüben Schleier zu blicken - sie hat der Leiden ohnedem genug. Ich bin bis jetzt bei ihr geblieben. Doktor Clementi ist nach seiner Wohnung zurückgekehrt. Auf den Wunsch der Fürstin soll der Tod des Kindes bis zum Morgen verschwiegen bleiben. Sie hat um 5 Uhr ihren Wagen bestellt, ich weiß nicht, zu welchem Zweck.«
Es durchzuckte den Secretair - er ahnte, was die Fürstin wollte. Gott hatte ihre Pflicht an dem Lager des Kindes gelöst - eine andere lag vor ihr.
»Und Feodora?« frug Meißner.
Sie sitzt an der Leiche des Knaben und hat verlangt, daß man ihr die Wache dabei während der Nacht überlasse. Niemand soll sie stören - selbst die unglückliche Mutter hat versprechen müssen, sich fern zu halten und ich habe
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sie in diesem Verlangen unterstützt, denn die arme Frau bedarf dringend der Ruhe und Schonung, wenn sie nicht selbst zusammenbrechen soll.«
Meißner drückte dem theilnehmenden menschenfreundlichen Arzt, der über dem Leid Anderer die eigene Sorge vergaß, die Hand. Dann suchten Beide ihr Lager - der Secretair mit dem Entschluß, bei der Abfahrt der Fürstin zugegen zu sein.


Gegen 10 Uhr war Matthieu, der Kammerdiener des Fürsten zurückgekehrt. Dem Befehl desselben gemäß führte ihn Petrowitsch sogleich zu ihm - Beide hatten eine lange Unterredung und der Fürst war darauf sehr vergnügt und lustig. Er ließ Wein in Menge bringen, in dem Zimmer einen Tisch für zwei Personen decken und befahl dann seinem Kammerdiener, indem er ihm zwei Flaschen Champagner zuwarf, sich niederzulegen, indem Petrowitsch genüge, ihn weiter zu bedienen.
Es war eilf Uhr vorüber. Der Fürst lag, in seinen Schlafrock gehüllt, in seinem Lehnstuhl und ließ, wie die Russen und Orientalen zu thun pflegen, die eine fortwährende Bewegung der Finger lieben, eine Schnurkugel, eine Art Rosenkranz, durch die Hände laufen. Die Farbe seines Gesichts bewies, daß er bereits stark getrunken hatte.
»Schenk ein, Petrowitsch!«
Der Kosak goß gehorsam einen Kelch voll Champagner ein - zwei große Thränen rollten über die braunen Wangen
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des alten Burschen in seinen grauen Bart; der Fürst bemerkte es gar nicht.
»Jebi waschu mat! - warst Du drüben? wo bleibt die Dirne?«
»Sie wird kommen, wasche swijatielswo!«10 der Kosak brauchte die fremdere, - ceremoniösere Anrede, statt der gewöhnlichen vertraulichen Worte, die der Russe im Umgang selbst mit den Dienern so sehr liebt, und deren er sich sonst bediente.
Der Fürst lachte hämisch vor sich hin. »Hat sie sich willig gefügt, die tolle Katze? Sie ist doch sonst eigensinnig genug!«
»Sie hat mich angeschaut so groß, so groß mit den schwarzen Augen, als ich ihr gesagt Durchlauchts Befehl, daß es mir ging wie ein Messer durch die Seele. Dann hat sie gesagt, sie würde kommen - so bald sie könne - wenn Alles still im Haus, freiwillig, aber Zwang ließe sie sich nimmer anthun!«
»Mierzawiec!11 ich will's ihr lehren! wenn sie nicht in fünfzehn Minuten hier ist, will ich sie selber holen.«
»Thu's nicht Gospodin,« bat der Kosak - »sie wird gewiß kommen. Wenn die Feodora Etwas gesagt hat, so thut sie's, und wenn es ihr Leben kosten sollte!«
»Schenk ein, Durak!12 - Was thun sie drüben?«
»Es ist Alles still, Herr, - nur in dem Schlafgemach der Gospodina ist noch Licht und in dem Zimmer der Feodora.«
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»Sie soll sich eilen, oder - Tschort mienia wa\'zmi! - sie soll die Peitsche bekommen. Schenk ein, Tölpel!«
Der Kosak füllte wiederum das Glas seines Herrn - wiederum rann eine Thräne in seinen Bart. Er hatte das Kind wirklich geliebt, den kleinen freundlichen Burschen mit den melancholischen Augen, und trotz des Befehls der Fürstin flüsterte die Dienerschaft wenigstens, daß es bereits seine Leiden überstanden habe, und auch der Kosak hatte es gehört, ohne daß er wagte, seinem Herrn in dessen gegenwärtiger Laune die Trauerkunde zu sagen.
Die Stutzuhr unter dem Spiegel schlug Mitternacht. Der Fürst warf sich unwirsch auf seinem Stuhl umher und wollte eben dem Diener einen neuen Befehl ertheilen, als man ein Klopfen an der äußeren Thür hörte.
»Das ist sie, Herr!«
»So öffne, Durak!«
Der Kosak ging hinaus - gleich darauf riß er die Thür des Zimmers auf.
Der Fürst hatte sich behaglich zurückgelegt, sein spöttischer boshafter Blick war auf die Eintretende gerichtet.
Es war in der That Tunsa - Feodora - die Zigeunerin -, die in der Thür erschien.
Ihr Haar war phantastisch aufgesteckt mit Band und Flittern, wie damals, als die vierzehnjährige Zigeunerdirne bei der Mägdeschau zu Telek sich unter die Töchter der Bauern drängte und das brutale Auge des Gourmands in Menschenfleisch auf sich zog. Aber die frische braune Farbe, durch die das Roth des pulsirenden Blutes auf den Schläfen und Wangen durchleuchtete, war verschwunden und
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hatte einer gespenstigen Blässe Platz gemacht, aus der die dunklen Ringe der Augen und der starre Ausdruck derselben um so unheimlicher abstach.
Das Mädchen war in einen weiten schwarzen Mantel gehüllt, unter dem sie mit beiden Armen eine schwere Hast zu tragen schien.
Sie blieb einen Augenblick auf der Schwelle stehen und warf einen Blick umher.
»Nun, Dirne,« sagte der Fürst, »beliebt es Dir endlich zu kommen? Du scheinst ganz vergessen zu haben, wer Du bist! Was hast Du da unter dem Mantel?«
»Mein Nachtzeug!«
Der Fürst lachte auf. »Wahrhaftig, mojë ditia13, ich sehe doch, daß Dir der Verstand noch nicht ganz davon gelaufen ist bei der Jammersippschaft da drüben. Du sollst lustig sein heute und trinken mit mir und tanzen und singen, denn der Teufel hat heute Festtag, roth angestrichen im Kalender, verdammt roth!«
Das Mädchen ging statt der Antwort nach dem Schlafkabinet, schlug die Portière zurück und legte ihre Last in den Mantel gehüllt auf das Bett.
Dann trat sie in das Zimmer zurück und schritt zu dem Tisch, an dem der Fürst saß. Sie war in eines jener reichen, durch Schnitt und Farben phantastischen Gewänder gekleidet, der Tracht der spanischen Zingana's ähnlich, die der Fürst ihr in der ersten Zeit ihres Verhältnisses oder vielmehr ihres erbärmlichen Dienstes hatte machen lassen,
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um seine brutalen wilden Launen an ihr zu reizen, bis sie später die Herrschaft über ihn selbst gewann und sich geschmacklos und überladen mit allem Tand der pariser Moden zu behängen vorzog.
Die Zigeunerin war bis dicht an den Russen herangetreten, ihr linker Arm war in die Hüfte gestemmt, ein trotziger höhnischer unheimlicher Zug lag auf ihrem Gesicht.
»Du hast befohlen - da bin ich! Was willst Du, Fürst Dimitri Iwanowitsch?«
»Was ich will Närrin? Du sollst diese Nacht bei mir bleiben und mir wieder einmal die Zeit vertreiben. Ich bin lustig heute und Du sollst mir helfen dabei!«
Sie wies nach dem Kosaken. »Schick den da fort!«
»Warum? er soll uns bedienen!«
»Tunsa wird Dich bedienen, Dimitri Iwanowitsch. Ich denke, es wird Dir angenehmer sein!«
»Meinetwegen! - Du hörst es, so pack Dich!«
Die Zigeunerin ging auf den Kosaken zu, der an der Thür zögerte. Sie reichte ihm die Hand. »Geh immerhin, Väterchen,« sagte sie, »und lege Dich aufs Ohr. Es wird morgen ein schlimmer Tag sein für Dich. - Wir brauchen Nichts weiter - Lebe wohl, Petrowitsch!«
Sie drückte ihm die Hand, fest, herzlich, daß es dem Kosaken auffiel, und schob ihn zur Thür hinaus, die sie hinter ihm verschloß.
»Warum verriegelst Du die Thür?« frug der Fürst.
[Absatz]»Ei Dimitri Iwanowitsch, ich denke, wir wollen allein sein!«
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»Das ist wahr - komm' setz' Dir[Dich] zu mir und schenk' uns ein!«
»Gleich Herr - ich will Dir's zuvor nur bequem machen!« Sie sprang wie eine wilde Katze behend umher, ordnete den Tisch vor ihm, holte Kissen herbei, um sie ihm unter die Füße zu schieben und im Stuhl zurecht zu legen und brachte das Nargileh, das sie füllte und anrauchte, indem sie ihm dann aus ihren Lippen die dicke Spitze von weißlichem Bernstein reichte.
»Will mein Väterchen die Kugeln, die ihn zum Herrn des Paradieses machen?«
»Wetterhexe! - aber nicht zu viel - ich will frisch bleiben heute Nacht und brauche morgen meine Gedanken. Der Teufel soll mich holen, wenn es nicht ein lustiger Tag wird, Dirne!«
Sie hatte aus seiner silbernen Reise-Toilette eine kleine vergoldete Büchse genommen und schüttete daraus drei kleine Kugeln von einer grünlichen undurchsichtigen Masse in ihre hohle Hand. Indem sie sich umwandte, ließ sie jedoch die Kugeln aus der Büchse fallen und vertauschte sie geschickt mit drei ähnlichen, die sie aus der Tasche ihres Kleides holte. Dann nahm sie eine derselben zwischen die Fingerspitzen, zeigte sie dem Fürsten und legte sie auf die glühende Kohle, welche den Taback des Nargileh in Brand setzte. Dabei ließ sie geschickt die beiden andern zwischen das Kraut gleiten, während sie vor ihm kniete.
«Hast Du etwas Besonderes vor morgen, Batuschka, daß Du Dich darauf freust?« frug sie, die Kohle anblasend.
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»Ich wette, Du willst der Fürstin, Deiner Frau, ein schönes Geschenk für den Schreck von vorgestern machen!«
Der Fürst mußte recht hämisch auflachen. »Ein Geschenk? ja wahrhaftig Dirne, Du hast es getroffen! ich will ihr ein Geschenk machen.«
»Das ist recht von Dir, Dimitri Iwanowitsch. Ich weiß, Du liebst sie so sehr und sie liebt Dich auch, wie es einer treuen und zärtlichen Frau zukommt!«
»Natter! willst Du die Peitsche haben?« Er stieß mit dem Fuß nach ihr, fuhr aber im nächsten Augenblick stöhnend mit der Hand danach, da er sich dabei schmerzlich gestoßen.
»Siehst Du, Dimitri Iwanowitsch«, sagte die Zigeunerin spöttisch, indem sie sich erhob - »ich habe es Dir immer gesagt, Du mußt nicht so ungestüm in Deiner Liebe sein. Wer ein solches Unglück hat wie Du, muß hübsch sanft und gefällig bleiben, wenn er den Weibern gefallen will!«
»Blad! - Mierzawiec! - willst Du mich verhöhnen?« Er griff nach seinem Stock und wollte sich erboßt vom Stuhl erheben.
Sie kam ihm zuvor und sprang wie eine Katze lachend auf ihn zu. »Ruhig, ruhig, Batuschka, wer wird gleich so wild sein! Wir wollen ja lustig sein heute Abend! Trink Dimitri Iwanowitsch und laß Dein Nargileh nicht ausgehen!«
Sie hatte den Arm um ihn geschlungen und zog ihn zurück in den Sessel, sie kraute ihm den Bart und reichte ihm den Champagnerkelch. Dann hob sie das Rohr des
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Nargileh wieder auf, nahm die Spitze zwischen die Lippen und steckte sie ihm dann in den Mund.
»Teufelsdirne - Du wirst mich noch ein Mal toll machen und dann wehe Dir! Halt Deine giftige Zunge im Zaun, setz Dich hierher auf meinen Schloß und küsse mich!«
Er bemerkte nicht, wie sie im Schatten hinter ihm zusammenschauderte, noch den umheimlichen Blick, den sie auf ihn warf. Aber sie setzte sich auf seinen Schooß, sie schlang den Arm um seinen Hals und drückte ihren Mund auf seine breiten Lippen, lange, lange, während seine Hände gierig ihr Seidenmieder aufrissen und an ihrem Busen tasteten.
Dann riß sie sich plötzlich los und sprang empor, indem sie zugleich den am Sessel des Fürsten lehnenden Stock mit der Fußspitze in einen Winkel schleuderte.
»Weg mit dem da - es könnte Dir einfallen, mich zu schlagen und ich würde Dir die Augen auskratzen dafür! - Trink Batuschka und erzähle mir, wie Du Dich morgen freuen wirst!«
Sie hatte ein Kissen herbeigezogen und sich zu seinen Füßen gesetzt. Dann begann sie ihre langen, schwarzen Flechten aufzulösen und sie regellos um den Kopf und ihre entblößten Schultern zu werfen.
Der Fürst stürzte einen Kelch Champagner hinunter, die rothen Flecken auf seinem Gesicht wurden größer und größer - seine matten Augen begannen einen eigenthümlichen stieren Glanz anzunehmen.
Sie lehnte ihre Arme auf seine Knie und stützte ihr
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Gesicht darauf, während seine Hand in ihren Haaren wühlte.
»Also es ist ein rother Tag für Dich morgen, oder vielmehr heute, Batuschka?«
»Ha, ha - roth genug! Wenn die Sonne aufgeht, wird sie sich im Blut spiegeln. Schade, daß wir nicht dabei sein können!«
»Wie Batuschka - es wird eine Schlacht geben?«
»Wenn Deine kleinen Ohren zwanzig Miglien reichten, würdest Du den Donner der Kanonen hören! ich wünschte nur, sie schnitten sich gegenseitig die Hälfe ab. Nun, was ich dazu thun konnte, ist geschehen!«
»Trink Fürst - Du vergißt Dein Nargileh ganz! Und ist die Schlacht zwischen den Oesterreichern und den Franzosen etwa das Geschenk, das Du der Fürstin machen willst?«
»Durak! ich habe was Besseres!«
»So sage es mir, damit ich mit Dir mich freuen kann. Ich habe Dir auch ein Geschenk zu machen!«
»Wetterhexe! - Du sollst das schönste Kleid haben, was ich in Paris kaufen kann. Die Dirnen dort sind nicht halb so lustig und feurig wie Du! ich habe mich ordentlich gesehnt nach Dir. Komm her, Tollkopf und küsse mich!«
»Nachher, Dimitri Iwanowitsch! Jetzt sage mir, was Du der Fürstin, Deiner Frau, schenken willst?«
»Den Teufel ist sie, aber nicht meine Frau, und Du weißt's am Besten, nichtswürdige Kupplerin! Hast Du dem Satan, der niemals sterben will, nicht mit vom Galgen
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geholfen? Ihr Weiber steckt alle unter einer Decke, wenn es gilt, die Männer zu betrügen!«
Sie lachte spöttisch auf. »Es würde sich auch der Mühe lohnen bei Dir!«
»Hexe - ich lasse Dir die Knute geben!«
Sie zuckte die Achseln. »Der Wein spricht aus Dir, Batuschka! Komm, trink und dann vergiß das Rauchen nicht!« - Sie zündete auf's Neue den Taback an und steckte nochmals zwei jener Kügelchen dazwischen.
Der Fürst unterlag offenbar schon dem Einfluß des Getränks; aber während die Geister des Weins seinen Geist aufregten, schien ein anderer Einfluß eine entgegengesetzte Wirkung auf seine Glieder und seine körperlichen Organe auszuüben. Seine Zunge wurde schwer, die Hand, wenn sie sich erhob, um nach dem Glase zu greifen, sank mehr als ein Mal kraftlos nieder.
Feodora nahm das Glas und hielt es ihm an die Lippen.
»Trink Väterchen und vergiß das Rauchen nicht! - Nun sprich, Dimitri Iwanowitsch, was willst Du der Fürstin, Deiner geliebten Gemahlin, schenken?«
»Einen todten Liebhaber, Närrin! - Wenn der Morgen kommt, werden sie ihn holen und in Ketten nach Verona schleppen, todt oder lebendig - es ist gleich! fort muß er, und der Schurke von Doktor, der brave Bursche, hat geschworen, daß er krepiren müßte, wenn sie ihn morgen fortbringen! Ich hab's ihm besorgt und will Euch Alle zur Hölle schicken, die Ihr im Komplot gegen mich seid!«
Er hatte die giftigen Worte stockend, schwer, mit
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wiederholten Unterbrechungen gesprochen. Seine Stirn war kupferroth - das Blut schien ihm in die Schläfe zu steigen.
»Gieb mir Wasser, Dirne - Wasser!«
»Nicht doch, Väterchen - pfui, Du bist ja ein Fürst! Wer wird Wasser trinken, das ist für die Zigeuner und Slowaken gut! - Champagner Väterchen und vergiß das Rauchen nicht!«
Sie goß aus einer Flasche Rum in den neu gefüllten Champagnerkelch und hielt ihm das schreckliche Getränk an die Lippen. Er sog es ein. Seine Augen begannen hervor zu quellen, - der Blick wurde immer stierer.
Wiederum beugte sie sich zu dem Nargileh - wiederum warf sie eines der geheimnißvollen Kügelchen in den glimmenden Taback und steckte ihm die seiner Hand entfallene Spitze in den Mund.
Er that zwei, drei Züge, dann ließ er sie von Neuem fallen.
»Feodora - Dirne - nichtswürdige Vettel - bring' mich zu Bett! Rufe den - Petrowitsch - mir ist - so schwer!«
»Der Petrowitsch schläft, Väterchen - Tunsa wird Deine Kammerfrau sein. Dann kommt sie zu Dir in's Bett Väterchen, und will lustig mit Dir sein, so lustig, daß der Großherr im Serail ein Eunuch dagegen ist!«
Seine Augen sprühten auf bei dem schändlichen Hohn, aber im nächsten Moment schon nahmen sie wieder den starren Ausdruck an. Nur sein Mund lallte eine Verwünschung.
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»Gleich, geliebter Fürst, will ich unser Brautbett bereiten. Ich will Dir nur mein Geschenk zuvor geben, den Verlobungsring!«
Sie zog eine dünne seidene Schnur hervor, an der ein einfacher silberner Reif hing. Sie zerriß die Schnur und steckte den Ring an einen Finger des Fürsten, der kraftlos zum Widerstand es geschehen ließ. Eine immer schwerere Lethargie schien sich seines Körpers zu bemächtigen.
»So, Dimitri Iwanowitsch, bist Du doch der Vater zu Deinem Kinde! - Und nun warte einen Augenblick!« sie verschwand rasch hinter der Portière, machte sich mit dem niederen Bett zu schaffen und kam dann wieder hervor, indem sie den Vorhang zur Seite hing. »So, Gospodin - unser Hochzeitsbett ist bereit! - trink Batuschka, vielleicht wirst Du wieder ein Mann!«
Sie hielt nochmals das höllische Getränk an seine Lippen, aber er sprudelte es halb von sich.
»Es ist Zeit - komm!«
Sie hob ihn mit einer Riesenkraft, wie man sie gar nicht in diesem kleinen zierlichen Körper für möglich gehalten hätte, empor und schleppte ihn mehr als er ging, da er nur schwerfällig die Füße bewegte, nach dem breiten Bett, auf das sie ihn niederließ. Dann ordnete sie sorgfältig sein Lager, legte die Füße zurecht, schob ihm ein Kissen unter den Kopf und zog die seidene Decke über seinen willenlosen Körper.
Es war, als ob ein Schauer durch denselben lief -
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die starren Augen wandten sich nach ihr, der Mund öffnete sich wiederholt zum Sprechen.
»Da - neben mir - was ist das - so kalt - - -«
»O Nichts, Dimitri Iwanowitsch - Du sollst doch nicht allein liegen, bis ich zu Dir kommen kann. Es ist einstweilen nur Dein Kind, das Du erschossen hast und das vor zwei Stunden gestorben ist!«
Sie holte das Licht vom Tisch, schlug die Decke zurück und leuchtete gleichgültig hinüber.
Es war in der That der arme Knabe in seinem weißen, blutbefleckten Röckchen, der hier lag - todt und starr, das junge in Sünde geborene Leben gebrochen, vernichtet von dem, der sein Dasein mit einem Verbrechen erzwungen!
Der Fürst versuchte sich aus dem Bett zu wälzen, aber er vermochte es nicht; seine Augen hatten in ihrer Starre einen gräßlichen Ausdruck, die Zunge lallte unverständliche Worte.
Die Zigeunerin lachte unheimlich auf, dann stellte sie den Leuchter auf den Nachttisch zur Seite, daß die Kerzen die beiden Schläfer, den lebendigen und den todten, beleuchteten, und setzte sich auf ein Tabouret zu den Füßen des Bettes.
»Fürst Dimitri Iwanowitsch,« sagte sie langsam, »die Stunde, da wir Beide den Weg in das Nichts antreten, ist gekommen. Ich habe mit Dir zu reden! Höre!«
Wie sie so dasaß, zusammengekauert in dem bunten zerrissenen Kleide mit dem blassen hohlen Gesicht, das fast so starr war, wie das der beiden Schläfer im Bett, und
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die langen schwarzen Strähne ihrer Haare durch die Finger gleiten ließ, glich sie einem der unheimlichen Nachtgespenster, dem Grabe entstiegen, um das Herzblut der Lebendigen zu saugen, von denen die finstern Sagen ihrer Heimat erzählen.
»Die Mumeli-Swa hat mich gerufen« fuhr sie eintönig fort - »meine Zeit ist um! - Aber ich wollte nicht allein gehen, und da Du Seele und Leib des wilden Zigeunerkindes verdorben, Dimitri Iwanowitsch, als es lüstern und eitel in Lumpen durch die Haide sprang, bis alle bösen Geister in ihm lebendig und mächtig geworden, - so ist es billig, daß Du mit mir gehst. Das Leben Tunsa's ist unnütz auf der Welt und hindert Andere an ihrem Glück - das Deine gleichfalls. Wenn Dimitri Iwanowitsch Trubetzkoi in seinem Grabe liegt, kann Cäcilie Pálffy noch glücklich sein!«
Man konnte an den arbeitenden Gesichtsmuskeln, an dem Zittern des Körpers sehen, daß der Fürst eine furchtbare Anstrengung machte, die Bande der seltsamen Regungslosigkeit zu durchbrechen, die immer schwerer sich um ihn schlangen, aber es war vergebens.
Die Zigeunerin lächelte spöttisch.
»Gieb Dir keine Mühe, Dimitri Iwanowitsch« sagte sie - »das Opium, das Mumeli-Swa geknetet, ist gut! - Höre mich an, denn meine Zeit ist kurz und nicht so lang als die Deine. - Damit Du weißt, was Dich erwartet, will ich es Dir sagen!«
Sie stützte einige Augenblicke den Kopf auf die Hand
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und sah finster vor sich hin. Dann, als habe sie ein Gefühl in ihrem Innern überwunden, fuhr sie eintönig fort!
»Wenn ein Mitglied der Schwarzen14 fühlt, daß seine Zeit nahe ist, wo es in das ewige Nichts zurückkehren soll, ohne daß die Blanken das Ziel seines Lebens gewaltsam herbeigeführt, dann tragen die Seinen es in die Haide, wo sie am Stillsten ist, damit es dort sterben mag, und geben ihm die Pfeife der Träume, - Fürst Dimitri Iwanowitsch, Du hast sie oft geraucht, um Dich in wilde böse Lust zu stürzen, wie die Moslems thun, denen sie das Paradies öffnet und die Houri's um sie versammelt. Aber es ist ein Geheimniß der weisen Frauen unseres Volkes, daß sie das Opium des Todes kneten läßt anders und besser, als das berauschende Gift des Moslem, mit den geheimen Kräutern der Haide, auf denen der giftige Thau des Sumpfes liegt! Das Opium der weisen Frauen erstarrt die Glieder und stockt das Blut, damit nicht der Schmerz des Körpers den scheidenden Geist belästigt, indem er in das All' zerfließt. Die Blanken halten den Körper dann längst für todt und gestorben, weil er kalt und starr, indeß die Seele noch in ihm wohnt und sich vorbereitet auf das große Zerfließen in das Nichts. Für die Guten ist diese Zeit der Erinnerung der Seele in dem todten Körper die Zeit der Ruhe, des Glücks - für die Bösen die Zeit der Strafe. Fürst Dimitri Iwanowitsch, Du hast von dem Kraut der Mumeli-Swa genossen - in wenig Stunden werden die Deinen Deinen Leib todt
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finden, daß selbst ein Messer, in Dein böses Herz gestoßen, nicht ein Zucken der Nerven hervorrufen würde, aber Dein Geist wird leben, hören und fühlen Alles, was um Dich her vorgeht, und denken und sich erinnern, bis er sich auflöst in das Nichts.«
Wiederum zuckte es über das Gesicht des Mannes bei der Ankündigung des furchtbaren Schicksals. Die Adern auf seiner Stirn, an seinem Hals schwollen blau empor, als wollten sie bersten.
»Wenn die große Scheidung vollendet« fuhr die Zigeunerin fort, »begraben die blanken Leute ihre Todten in den Schoos der Erde, aber die Romi15 lassen sie den Winden. Ehe drei Mal die Nacht und der Tag gewechselt, wird Alles vorüber sein!«
Wieder schwieg das Mädchen und stützte den Kopf in die Hand.
»Du warst einer der Reichen der Erde« sprach sie dann weiter »und ich ein armes Kind der Haide mit wildem Blut. Fluch über mich, daß ich Dir gefolgt bin. Der Nebel vor meinen Augen ist geschwunden in der Stunde des Todes - dort seh ich die Aeltermutter meines Stammes, die ich verleugnete und höre die Hußta meines Erzeugers, wie sie die Tochter rief, ehe die bösen Männer ihn von der Zinne des Thurmes warfen. Die schlimme Saat, die Du pflegtest in meinem Herzen, hat gewuchert und viel des Unheils ist daraus entstanden, bis ein besserer Geist ist gekommen über die Tochter der Mellelitschehl!16 Aber noch
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sind die finstern Geister mächtig in ihr und Tunsa ringt vergeblich mit ihnen. Deshalb ist es besser, sie kehrt in das Nichts zurück und Du sollst ihr folgen.«
Sie erhob sich und trat an das Bett.
»Dimitri Iwanowitsch« sagte sie - »die Stunde ist da. - Deine letzten Gedanken sollen Dir sagen, daß all' Deine Bosheit an Dir selber zu Nichte geworden! Der Samen des Verachtetsten aus dem Volk hat Deiner Gattin Bett befleckt, denn als Du ihr, die Deinen Namen trägt, ohne Dein Weib zu sein, damals die Wahl gestellt, Deinem Stamm einen Erben zu geben, oder mit Dir zu leben, hat sie den Aermsten ihres Volkes gewählt, den verachteten Slowaken, zum Vater ihres Kindes! Du selbst hast die Kette gelöst, die Cäcilie Pálffy von dem Mann ihres Herzens schied, indem Du dies Kind ermordet! - Deine Bosheit ist zu Nichte geworden - Matthias, der Slowak, der Vater Deines Kindes ohne es zu ahnen, hat den Brief vernichtet, der Deinem Feinde den Tod bringen sollte. Wenn die Sonne über die Berge steigt, eilt die Fürstin nach Verona, für die Freiheit und Sicherheit ihres Verwandten zu sorgen, indeß Du hier todt und machtlos liegst, alle Dämonen der Finsterniß in Deiner Seele auf dem Wege zum Nichts, während die Geister des Lichts gesiegt! Die Gabe meines Volkes ist über mir - mein Auge schaut in die Zukunft und schaut ihr Glück - freundlich und still, geläutert durch das Unglück ihrer Vergangenheit! - Da auf der Terrasse seh' ich sie stehen, Hand in Hand - im Kreis treuer Freunde - Rodolpho, Rosamunde - und der blaue
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Himmel ist über ihnen - indeß Astaroth, der Engel der Vernichtung uns Drei in seinen schwarzen Schleier hüllt. Lebewohl Dimitri Iwanowitsch - der Aldobaran fordert sein Kind!«
Sie beugte sich über ihn hinweg und küßte die Stirn des todten Knaben. Dann - ohne einen Blick zurückzuwenden auf den Mann, den sie dem furchtbarsten Todeskampf überließ, löschte sie die Lichter und schritt durch das Zimmer.
Leise öffnete sie das Fenster, das hinausführte nach dem Balkon, knüpfte an die Eisenstäbe die seidene Schärpe, die ihre Hüften umschlungen und schwang sich über die Balustrade.
Im nächsten Augenblick stand sie auf der Terrasse am See.
Die Pracht der Sterne blitzte und leuchtete mit jenen geheimnißvollen Strahlen, von welchen die Gelehrten berechnet haben, daß sie vor der Existenz der Erdgeschichte erzeugt worden sind.
Was wußte die arme Zigeunerin mit dem zerrissenen Herzen von dieser Berechnung der Allmacht!?!
Es war finster ringsum, die Gebäude der Villa Elena lagen in tiefem Schatten, - nur aus dem zweiten Stockwerk des Veroneser Thurms schimmerte ein einsames Licht. Der deutsche Diener des Secretairs hatte dort in dieser Nacht die Wache bei dem Kranken.
Es fröstelte das Mädchen und sie hatte keine Hülle, sie um sich zu ziehen. Warum auch? - in wenig Minuten
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war ja doch Alles vorüber - die Vernichtung - das ewige Nichts!
Von dem Thurm her klangen die eintönigen Schritte der Schildwach, die dort ihren einförmigen kurzen Gang machte vor dem Eingang, der zu den Gefangenen, - jetzt auch zu den Todten! - führte.
Die Zigeunerin huschte die Terrasse entlang zwischen den Weinreben und den Rosen bis zu dem Kastell.
Alles war dunkel dort - kein Fenster erleuchtet! - sie schliefen den Schlaf der Gerechten!
Die Zigeunerin suchte umher - eine Anzahl Steine, die sie zusammen häufte.
Die Arbeit war gethan - die letzte im Leben! sie nahm die Steine, schürzte das bunte Seidengewand, das sie trug, in die Höhe und knotete die Steine hinein. Dann nahm sie den Shawl von ihren Schultern, und that damit dasselbe. -
Das Alles geschah so ruhig, so sicher, so überlegt, daß das Blut in den Adern hätte erschauern müssen!
Als sie den Shawl mit der schweren Last auf den Rand der Balustrade gelegt, welche die Terrasse von dem schroffen Abfall der Felsen hinunter zum See schied, schien es, als wolle sie abschließen mit dem Irdischen - nach dem traurigen Glauben ihres Volkes auch mit der Ewigkeit.
Sie saß auf den Steinen, die Hände gefalten, das Auge zu dem Fenster erhoben, das so dunkel über ihr lag - sie wußte ja, dort athmete er, den sie allein geliebt im Leben mit aller wilden Gluth ihres Herzens, den ruhigen Schlummer.
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Finster und still war Alles umher!
Sie lehnte die bleiche Stirn an die mächtigen Grundmauern des Kastells - sie weinte bitterlich!
»Weißer Christ! weißer Christ! Deine Lehre ist Liebe - warum mußte diese allein mir fehlen, auf daß ich nicht verworfen wäre, die arme Zigeunerin, - in das Nichts! sondern lebte mit Deinen Gläubigen das ewige Leben, für das Du am Kreuze gestorben bist!«
Ihre Thränen beflutheten die kalten Steine, ihre Hände rangen sich empor - o wie sehnte sich diese Seele, der Vernichtung geweiht, nach der Rettung des in Wahrheit seelig machenden Glaubens.
Aber die Steine blieben feucht und kalt - das Fenster da oben dunkel; - für sie, die verachtete Zigeunerin, die keinen Werth hatte in der menschlichen Gesellschaft, als die geile Wollust ihres Körpers, gab es keinen versöhnenden Glauben! -
Sie sprang empor - noch einen Blick warf sie zum Fenster, hinter dem der Mann ihrer Liebe schlief, dessen Wort sie gut und glücklich, sie hätte zur wahren Christin machen können - Alles dunkel, Alles still. Kein Laut für sie!
»Glänzender Aldobaran - nimm die Atome eines Wesens, das gelebt, gesündigt und geliebt, auf in dein Nichts!«
Sie schlang den Shawl mit der Steinlast um den Hals - mit entsetzlicher Ruhe befestigte sie ihn um ihren Körper.
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»Rodolpho! - Cäcilia! - Euer Gott sei mit Euch! Vater - Dein Kind folgt Dir in das ewige Vergessen!«
Die Stelle auf der Rampe war leer - die Wässer des See's rauschten auf - ein dunkler Fleck - dann flossen die Wellen im Sternenglanz darüber - und Kreise rundeten sich immer weiter und weiter.
Der Aldobaran warf auf den See sein kaltes Licht!
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Die Schlacht.

Wir haben bereits bemerkt, daß die österreichische Macht, die jetzt den Franko-Sarden gegenüber stand, die unglückliche Eintheilung in zwei Armeen mit besonderen Befehlshabern erfahren hatte.
Zwar bestand die Eintheilung der Gegner sogar in drei besonderen Armeen: der französischen unter dem Kommando des Kaisers Napoleon, der sardinischen unter dem König Victor Emanuel und dem Armeecorps des Prinzen Napoleon, das von den Herzogthümern gegen Mantua her vorrückte; indeß ging doch hier der Oberbefehl direkt von einem Punkt, dem Hauptquartier des Kaisers aus und die Fehler der Gegner sind keineswegs eine Entschuldigung für die eigenen!
Um die nachfolgende Darstellung der Schlacht besser zu verstehen, wolle der Leser uns zunächst in eine kurze Uebersicht des Terrains und der getroffenen Dispositionen folgen.
Der Leser wird hoffentlich längst die Ueberzeugung gewonnen haben, daß dem Autor des Buchs die Darstellung
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dieses kurzen und für die deutschen Waffen durch die gänzlich verfehlte Initiative so unglücklichen Feldzugs unmöglich gewesen wäre, wenn er nicht selbst das Terrain aus eigener Anschauung kannte. Aus dieser sagen wir denn auch, daß außer einigen Schlachtfeldern des Alterthums wohl kaum eines von großartigerer Schönheit des Terrains existirt, als das Schlachtfeld von Solferino!
Die tapfern und heldenmüthigen Soldaten, die treu ihrer Fahne und ihrem Kaiser auf der Höhe des Kirchhofs von Solferino fielen, konnten sicher kein schöneres Grab finden, als an dieser Stelle! - - -
Am 23sten rückte die österreichische Armee über den Mincio dem Feinde entgegen, der im Allgemeinen noch die Chiese-Linie hielt. -
Die kaiserliche Armee stand jetzt innerhalb ihres berühmten Festungsvierecks, das den Weg nach Deutschland deckt, oder stützte sich vielmehr auf dasselbe, auf Peschiera, Verona und Mantua, das heißt auf die Linie des Mincio, der bei der ersteren Festung aus dem südlichen Ende des Garda-Sees tritt und unterhalb Mantua sich in den Po ergießt, welcher die Gränze und den Schutz von Venetien im Süden gegen die empörten Herzogthümer (Parma, Modena) und die Legationen (Ferrara, Bologna) bildet, von denen her das Corps des Prinzen Napoleon die linke Flanke der Oesterreicher zu bedrohen begann.
Dem Laufe des Mincio entsprechend flieht weiter westlich, diesseits des Garda-See's aus den trompianischen Alpen kommend der Chiese gleichfalls von Norden nach Süden und ergießt sich in den Po.
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An diesen beiden gleichsam parallelen Wasserläufen standen seit dem 21. Juni die beiden feindlichen Heere einander gegenüber, und auf dem Terrain zwischen ihnen wurde die blutige Schlacht von Solferino geschlagen.
Wir haben bereits früher bemerkt, daß es für die Oesterreicher eine strategische Nothwendigkeit war, über den Mincio wieder vorzugehen, wenn sie einen Kampf hier an der äußeren Linie des Festungsvierecks aufnehmen und nicht bis an die Etsch zurückgehen wollten, da ihre Stellung auf dem östlichen Ufer des Mincio sich nicht zur Vertheidigung eignete, weil das westliche weit höher und deshalb dominirend ist.
Dies Vorgehen geschah also am 23sten.
Das Terrain der Schlacht, die wir, so weit der Romanschriftsteller auf das Gebiet der Strategie sich einlassen darf, ohne seine Leser zu ermüden, jetzt zu beschreiben haben werden, theilt sich in zwei verschiedene Gruppen.
Südlich vom Garda-See bildet die Gegend ein bergiges Dreieck, dessen Basis das Ufer des Garda-See's von Desenzano bis Peschiera und dessen Spitze Volta ist, während der gewundene Lauf des Mincio den östlichen Schenkel und die Linie von Lonato, Castiglione, Solferino und Cavriana nach Volta die westliche Seite bildet.
In der Mitte dieses Dreiecks liegt Pozzolengo. Dieser bergige Theil steigt vom See amphiteatralisch in Hügeln und Thälern sanft zu Höhen von 3 bis 400 Fuß bis zum äußeren Rand, wo er ziemlich schroff nach Süden in die Ebene von Medole und Guidizzolo abfällt. Einer der höchsten Punkte ist hier La Rocca bei Solferino. Rings
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im Lande umher erblickt man aus Meilen weiter Entfernung den auf dieser Höhe erbauten Thurm, bezeichnend La Spia d'Italia (die Spähe Italiens) genannt.
Südlich dieses hügelreichen Dreiecks breitet sich eine Weite steinige Ebene aus.
Es ist sonst nicht Gebrauch in einem Roman und mit der einfachen Hilfe der Lettern eine erläuternde Zeichnung der Lage der verschiedenen Punkte zur bessern Orientirung zu geben, aber der Verfasser hat diese kleine Hilfe in seinem Buch »Sebastopol« so praktisch gefunden, daß er es auch hier im Interesse der Leser versuchen will. Die natürlich sich auf bloße Linien beschränkende Angabe des Terrains ist daher folgende:
             Garda-See
\bigcirc Lonato \bigcircDesenzano\bigcirc Peschiera
\bigcircSan Martino
\bigcircCastiglione \bigcirc Pozzolengo
      \bigcircSolferino
\bigcircMedole \bigcirc Cavriana
            \bigcircRebecco
            \bigcircGuidizzolo\bigcircVolta

                                                                            Mincio
Das wären flüchtig skizzirt die Hauptpunkte für die Verständniß der Schlacht. Die Entfernung vom Pozzolengo bis Medole beträgt etwa 1\frac12 Meile, von Solferino
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nach Robecco \frac34 Meilen, vor Peschiera bis Volta (Richtung nach Goito und Mantua) 2\frac12 Meile.
Dies zur Topographie!
Noch einige Worte zur Eintheilung und Stärke der beiden Heere.
Ueber das Oesterreichische hatte der Kaiser Franz Joseph bereits am 16ten den Oberbefehl übernommen, Feldzeugmeister v. Heß stand an der Spitze der Operations-Kanzlei und hatte auch die, nach dem Urtheil aller Militairs vortrefflichen Dispositionen zu dem Vorrücken der Armee über den Mincio und gegen den Feind entworfen, wobei die früher 4 Meilen lange Front (von Peschiera bis Goito) auf 1\frac12 Meile zusammengezogen wurde.
Wir haben bereits erwähnt, daß das österreichische Heer in zwei Armeen eingetheilt war.
Die erste Armee, welche beim Vorrücken den linken Flügel bildete, also auf dem Terrain der Ebene zu operiren bestimmt war, bestand aus dem III. (Fürst Schwarzenberg), IX.,[] (Graf Schaffgotsch[e]), XI. (Weigl) und II. (Fürst Lichtenstein) Armee-Corps und der Reserve-Cavalerie-Division Graf Zedtwitz, und wurde vom Feldzeugmeister Graf Wimpffen kommandirt.
Die zweite Armee unter dem General d. Kav. Grafen Schlick umfaßte das VIII. (Benede[c]k), V.,[] (Graf Stadion), I.,[] (Graf Clam-Gallas) und VII. Armee-Corps (Zobel) und die Reserve-Cavalerie Division Mensdorf[f]. Sie bildete den rechten Flügel und das Centrum. Die Stärke der Oesterreicher bei der Schlacht betrug etwa 150,000 Mann
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und 102 Batterieen (816 Geschütze), von denen aber unglücklicher Weise nur 360 in's Feuer kamen.
Am Spätabend des 23sten hatten die österreichischen Truppen nach dem Uebergang über den Mincio folgende Stellung erreicht.
Das Benede[c]k'sche Corps (VIII.), unterstützt durch die Brigade Reichlin aus Peschiera stand bei Pozzolengo.
Das V. (Stadion) bei Solferino, das I. (Clam) bei Cavriana.
Das III. (Fürst Schwarzenberg) bei Guidizzolo, das VII. (Zobel) bei Foresto und Volta.
Das IX. Corps bivouakirte bei Guidizzolo bis Rebecco, das XI. zwischen diesem Ort und Volta.
Die Cavalerie-Division der I. Armee (Zedtwitz) war bis Medole vorgegangen, die der II. Armee stand zwischen Guidizzolo und Cavriana.
Feldmarschall-Lieutenant Benede[c]k auf dem rechten Flügel in dem Bergland mit 25,000 Mann, hatte eigentlich eine abgesonderte selbstständige Stellung, da das Hauptquartier der II. Armee ganz entfernt in Volta war; - deshalb vielleicht war der kühne und energische General auch der einzige, welcher die ihm gegenüberstehenden bedeutend überlegenen Feinde tüchtig klopfte, und die Schlacht leicht noch zum Siege gewendet hätte, wenn er besser hätte unterstützt werden können.
Im Centrum auf dem dominirenden Rande von Solferino bis Cavriana befanden sich 41,000 Mann. Der linke Flügel mit der vorgeschobenen Cavalerie war 47,000 Mann stark, dahinter als Reserve das 7. und 11. Corps, 39,000 Mann.
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Man wollte den Feind am andern Tage am Chiese angreifen, aber man mußte auch gewärtig sein, jeden Augenblick auf ihn zu stoßen. Unter diesen Umständen konnte die Aufstellung nur eine ganz vortreffliche genannt werden. Die Strategie des Generalstabs hatte das Ihre geleistet, das Weitere war nun Sache der Feldherrn,
Aber ein großer Uebelstand war es, daß der Aufmarsch der Truppen erst des Vormittags um 9 Uhr begonnen hatte, sie also durch den Marsch in der glühenden Sonnenhitze erschöpft auf den disponirten Punkten ankamen.
Und nun fanden sie auf diesen keine Verpflegung. Den meisten Truppentheilen fehlten die Brodlieferungen - einigen ihre ganzen Kolonnen-Magazine. Die wenigen Bissen, die sie vielleicht noch im Brodbeutel hatten, bildeten bei mehreren Regimentern seit 24 Stunden die einzige Nahrung.
Auf dem Bahnhof in Verona lag unterdeß verschimmelnd und verdorrend das Brod bergehoch - ungeheure Geldsummen für Wein- und Fleischlieferungen steckten in den Taschen der Lieferanten von Triest, und den Beamten des Verpflegungs-Departements in Wien bis zu Generalen und Ministern hinauf hatte das Geld der Lieferanten eine Binde um die Augen gelegt.
Man weiß jetzt, daß z. B. Contracte auf Lieferungen von 5000 Ochsen abgeschlossen und bezahlt waren, von denen nicht tausend Stück die Armee erreicht haben, oder überhaupt geliefert wurden. Die Ernennung des Feldmarschall-Lieutenant Melczer zum Armee-Oberintendanten war noch zu neu, um die beabsichtigte Controlle genügend zu üben
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und den Betrügereien und dem Schlendrian des Büreaukratismus abzuhelfen.
Als die Bataillone und Escadrons auf den ihnen angewiesenen Stellen angekommen waren, warfen sie sich erschöpft nieder und suchten in einem kurzen Schlaf Stärkung und Ruhe.
Wenden wir uns einige Augenblicke zu der Armee des Feindes.
Der Kaiser Napoleon war auf eine bevorstehende Schlacht zwar vorbereitet, aber man glaubte sie nicht so nahe.
Am 23. wußte man im Hauptquartier zu Montechiaro jenseits des Chiese nur, daß die österreichische Armee sich über den Mincio zurückgezogen hätte. Man ließ vorwärts Castiglione einen Luftballon steigen, um das sehr bedeckte Terrain aus der Höhe zu recognosciren, aber man bemerkte eben nur unbedeutende Abtheilungen. Der Kaiser wartete, bevor er vorwärts gehen und die Oesterreicher angreifen wollte, auf das Eintreffen der Division Autemarre, die bei Piacenza über den Po gegangen war. Die meisten Corps hatten bereits den Chiese überschritten und standen in der Front von Lonato nach Mezzano dicht vor dem künftigen Schlachtfeld - sie hatten bis zum Mincio höchstens Märsche von zwei Meilen. Sie standen in drei Hauptgruppen, gleich den Oesterreichern. Den linken Flügel, auf Lonato und Desenzano sich stützend, bildeten die Piemontesen, 44,000 Mann, - das Centrum die Garde (General Regnaud de St. Jean d'Angely), das I. (Marschall Baraguay d'Hilliers) und II. Corps (Graf Mac-Mahon),
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57,000 Mann stark; - den rechten Flügel nach der Ebene das III. (Marschall Canrobert) und IV. Corps (General Niel) und die beiden Kavallerie-Divisionen, zusammen 50,000 Mann.
Die Stärke war demnach fast ganz dieselbe - der Position nach standen den Oesterreichern auf ihrem rechten Flügel und im Centrum überlegene feindliche Kräfte entgegen, dagegen hatten sie den bedeutenden Vortheil des Terrains, während sie in der Ebene entschieden stärker waren.


Vor einem großen Hause in Montechiaro, das am östlichen Ufer des Chiese auf der Straße von Brescia nach Mantua liegt, war trotz der späten Abendstunde ein lebhaftes militärisches Leben und Treiben. Feuer brannten, vor den Thüren und Kirchen und auf dem Marktplatz, auf dem die französischen Garde-Kürassiere von Versailles bivouakirten; Ordonnanzen mit Handpferden hielten in einer zahlreichen Gruppe zusammen, ein leichter Jagdwagen mit vier Pferden bespannt, hielt vor dem Hause, und ein Doppelposten der Gensdarmen des Obersten Primonville de Maisonthou bewachte die Pforte, durch welche fortwährend Offiziere aller Grade ein- und auspassirten.
Einige Tische waren unter den steinernen Laubgängen aufgeschlagen und hier verkehrten Offiziere jedes Ranges und jeder Waffengattung.
Es mochte eilf Uhr sein, als von der Strada Castigliona her zwei Offiziere in der Uniform des Generalstabs im Galop auf den Marktplatz sprengten und vor dem Eingang des Hauses parirten; - sogleich hatte sich eine
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Anzahl der unter den Lauben promenirenden oder sitzenden Militairs um sie versammelt.
»Ha D'Augerau, wo kommen Sie noch so spät her? Giebt es was Neues? haben die Oesterreicher etwa Verona geräumt? wir zweifeln keinen Augenblick, es könnte den Piemontesen kein größerer Gefallen geschehen!«
Der Aeltere der Stabsoffiziere beantwortete keine der gethanen Fragen, sondern wendete sich an den anwesenden Gensdarmerie-Offizier. »Heda Bernelle, ist der Marschall hier?«
»Sapristi, welchen Marschall wollen Sie denn? wir haben ihrer nicht weniger als vier Stück hier und einen König dazu.«
»Ich meine den Grafen Baraguay.«
»Gewiß Kapitain, - aber ich glaube, sie werden säm[m]tlich bald aufbrechen. Es ist Zeit, wenn wir noch einige Stunden Schlaf genießen wollen.«
Die beiden Offiziere vom Generalstab sprangen aus dem Sattel und warfen die Zügel einigen lungernden Gensdarmen zu. »Das ist glücklich, daß ich Sie hier noch treffe. Würden Sie wohl so gefällig sein, wenn der Kriegsrath noch nicht zu Ende ist, General Foltz auf einige Augenblicke heraus rufen zu lassen? Bitte, lassen Sie ihm nur meinen Namen sagen, Forey schickt mich.«
Der Gensdarmerie-Offizier ging in das Haus - die beiden Offiziere blieben im Kreise ihrer Kameraden.
»Sind heute Nachrichten aus Paris eingetroffen, Denné de Lisle?«
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»Besseres als das - zwei lebendige Boten, wie wir sie selten hier zu sehen bekommen.«
»Was meinen Sie?«
»Sehen Sie die Equipage dort?«
»Nun?«
»Es ist der Wagen des Königs der Sardinier. Der Re gentiluomo ist ein gentiluomo gewesen - er hat uns zwei Damen von Paris mitgebracht, die heute Mittag direkt aus jener Quintessenz aller irdischen Genüsse in Brescia angekommen waren und aus irgend einer Caprice durchaus zur Armee wollten, ohne daß ihnen diese Wagenburg Platz machte, die jetzt alle Straßen sperrt!«
»Jung? hübsch?«
»Die eine - sie scheint eine Deutsche nach den blonden Haaren, - ist nicht mehr ganz frisch, aber eine stolze Figur. Aber die jüngere - Tonnerre de Dieu! - eine Schönheit ersten Ranges! Sie muß die besten Recommandationen haben, denn der Kaiser hat die jüngere sofort empfangen und Bretteuille, der Oberst des Ersten, hat sein Quartier räumen müssen, um ihnen Platz zu machen.«
»Also vom Hofe oder von Familie? Aber was wollen sie hier?«
»Beide Schönheiten scheinen zum Glück für uns Wittwen, - sie trugen beide Trauer, vielleicht um einen Mann oder Vater, der todt ist oder den sie in irgend einem Lazareth aufstöbern wollen. Sie haben dazu ein passendes Subject gefunden, einen Burschen, der in allen Ambulancen umherschnüffelt.«
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»Der Name?«
»Henry Dumont heißt er, ein Schweizer, aus Genf.«
[»]Der Generalstabsoffizier lachte.[«] »Unsinn - danach frage ich nicht. Ich meine die Damen.«
»Ach so - eine merkwürdige Aehnlichkeit, ich muß das hübsche Gesicht und diese herausfordernden Augen schon irgendwo gesehen haben, aber ich weiß nicht wo. Sie ließ sich als eine Gräfin Fourichon anmelden, ich glaube ...«
»Capitain d'Augereau, der General wünscht Sie augenblicklich zu sprechen!«
»Also bis nachher! - halten Sie sich bereit, es giebt Etwas!« Die beiden Offiziere sprangen die Treppe hinauf, ihre Meldung zu machen, während die leise geflüsterten, letzten Worte bereits unter den Gruppen die Runde machten und eine lebhafte Bewegung hervorriefen.
Fünf Minuten später führte der Graf Baraguay, den der Chef seines Generalstabes gerufen, den Boten selbst in das Berathungszimmer.
Die Versammlung war, wie bereits der kommandirende Offizier des Hauptquartiers den Angekommenen mitgetheilt hatte, im Begriff, nach beendetem Kriegsrath auseinanderzugehen, und hatte sich in einzelne Gruppen zurückgezogen, während der Kaiser noch am Tisch sitzend sich mit dem König von Sardinien und Marschall Vaillant, dem Chef des Generalstabes, unterhielt.
Unter den Mitgliedern des Kriegsrathes bemerkte man den Generallieutenant Della Rocca, Mac Mahon, Canrobert, Niel, Regnaud d'Angely, den Divisionsgeneral Leboeuf und den General Menabrea.
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»Sire« sagte der Graf Baraguay, das Gespräch der beiden verbündeten Monarchen ehrerbietig unterbrechend, »General Forey schickt eine wichtige Meldung: Solferino ist von den Oesterreichern besetzt.«
Der Kaiser hob mit der bekannten matten Bewegung die Augenlieder und sah auf den Offizier, der die Meldung gebracht, die in dem ganzen Kreise die größte Sensation hervorrief; denn bis diesen Augenblick hatte man ganz bestimmt noch die Oesterreicher hinter dem Mincio geglaubt.
»Sie sind Capitain d'Augerau, wenn ich mich recht erinnere?«
»Zu Befehl, Sire!«
»Oh - der Name ist nicht gemacht zum Vergessen. Rapportiren Sie!«
»Auf Befehl des General Forey Sire in Abwesenheit des Herrn Marschall haben Capitain Ricouart und ich diesen Abend eine Recognoszirung über Castiglione hinaus in die Berge unternommen. Wir sind bis an den Fuß des Monte Carnal gelangt, wo er von dem Schloß von Solferino zur Contrada Fatorelle abfällt, als wir dort einem jener kleinen italienischen Wagen begegneten. Der Kutscher, der ein junges Mädchen von Solferino zu Anverwandten nach Desenzano bringen sollte, war von den österreichischen Vorposten, durch die wir zufällig in der Dunkelheit hindurch gekommen sein müssen, angehalten und zurückgewiesen worden, da Niemand über ihre Linien hinauspassiren durfte.«
»Weiter!«
»Von dem Mann und dem Mädchen, das eine
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italienische Patriotin zu sein schien, erfuhren wir, daß die Oesterreicher bereits in Solferino eingerückt sind und etwa 6000 Mann stark das Schloß besetzt hatten. Aber es scheint, als ob der Feind im Ganzen eine größere Vorwärtsbewegung über den Mincio gemacht und die Gebirglinie von San Martino bis Rebecco occupirt hat.«
»Woraus schließen Sie dies?«
»Die Personen, von denen ich sprach, berichteten uns von bedeutenden Truppenmärschen und daß sie eben deshalb hätten flüchten wollen.«
»Und wie gelang es Ihnen wieder, unbemerkt zurückzukommen?«
»Das wackere Mädchen, - die schon bei Magenta das Unglück hatte, zwischen die kämpfenden Truppen zukommen, - ließ uns durch ihren Begleiter den Weg zeigen, während sie selbst ihr Cariol nach Solferino zurückfuhr.«
Der Kaiser sann einige Augenblicke nach, dann wandte er sich zu Marschall Vaillant.
»Hat Montboisier noch Nichts wieder hören lassen?«
»Nein Sire - seit dem Bericht über die verunglückte Expedition der Freischaaren gegen San Vigilio fehlen weitere Nachrichten.«
»Das ist sehr unangenehm. Er hoffte sie zuverlässig zu erhalten von jenem ... Die Relais sind doch gelegt?«
[»]Die Couriere können in anderthalb Stunden die vierzehn Miglien von Salo hierher zurücklegen.«
»Ich danke Ihnen für Ihren Diensteifer Capitain d'Augerau« bemerkte der Kaiser. »Baraguay wird wohl
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einige Befehle für Sie an General Forey haben. - Lassen Sie die Position von Solferino durch eine starke Recognoscirung jedenfalls angreifen.«
Der Offizier trat ab.
»Nehmen Sie wieder Platz meine Herren« befahl der Kaiser, nachdem er einige Worte mit dem König von Sardinien gewechselt hatte. Die große Karte des Terrains wurde auf's Neue herbeigezogen.
»Sire« fuhr der Kaiser fort, mit dem Rothstift, den er in der Hand hielt, den Weg auf der Karte bezeichnend - »es bleibt demnach dabei. Ihre Truppen gehen von Lonato und Desenzano in dem Bergterrain in der Richtung nach Pozzolengo vor. - Sie Herr Marschall« - er wandte sich zu Baraguay - »haben bereits Ihre Richtung von Esenta nach Solferino. Treffen Sie Ihre Anstalten demgemäß, daß wenn Sie auf Widerstand stoßen, Sie alsbald zum Angriff übergehen können. Graf Mac Mahon, - Sie werden sich südlicher wenden und von Castiglione Ihre Richtung auf Cavriana nehmen, indeß die Garden Sie bei Castiglione ersetzen. General Niel und die beiden Kavallerie-Divisionen wenden sich nach der Ebene über Medole nach Guidizzolo, und Marschall Canrobert wird nach der Ueberschreitung des Chiese Ihre Reserve bei Medole bilden. Die Truppen werden um 5 Uhr aufbrechen.«
Während die Generale sich noch Notizen machten und einige Fragen wechselten, hörte man auf dem Pflaster des Platzes den scharfen Galop mehrerer Pferde. Eine
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Minute später öffnete der dienstthuende Adjutant die Thür des Gemachs.
»Sire - der Oberst Graf Montboisier!«
»Er selbst - vortrefflich!« Der Kaiser war hastig aufgestanden und reichte dem Kammerherrn die Hand. »Kommen Sie, kommen Sie, - ich habe Sie mit Sehnsucht erwartet! Begleiten Sie uns Sire, wenn es Ihnen gefällig ist.«
Er winkte nach einem Nebenzimmer. - Der Kammerherr öffnete die Thür, und die beiden Monarchen gefolgt von ihm traten ein.
Sobald die Thür wieder geschlossen war, wandte sich der Kaiser an den Grafen.
»Nun, Graf, daß Sie selbst kommen, hat offenbar etwas zu bedeuten. Was bringen Sie?«
»Sire - Sie wissen vielleicht bereits, daß die ganze österreichische Armee heute über den Mincio gegangen ist?!«
»Also doch - wir erhielten eben nur die Meldung, daß Solferino besetzt sei. Wissen Sie Näheres?«
»Hier Sire ist die Abschrift der vollständigen ordre de bataille.«
»Ah - Parbleu! Das wäre vortrefflich! - Und Sie sind sicher, daß es richtig ist?«
»Der Jude hat die Papiere überbracht - im Auftrag des Fürsten, vor fünfviertel Stunden!«
»Dann beschämen Sie die Lokomotiven! ich danke Ihnen für Ihren Eifer General Montboisier!« Er überflog die Papiere. »Vraiment - der Kaiser von Oesterreich muß eine gute
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Partie Schurken in seiner Nähe haben, - dies Papier sichert vollständig den Sieg. Bitte, rufen Sie Vaillant und Della Rocca! - Nein - bleiben Sie da,« fuhr er fort, als die Genannten eingetreten waren und der Flügeladjutant sich entfernen wollte, »Sie können uns vielleicht über Manches Auskunft geben.«
Die Berathung dauerte nur kurze Zeit. Man beschloß, die bereits getroffenen Dispositionen unverändert zu lassen und nur die Aufbruchszeit um zwei Stunden früher anzusetzen. Damit gewann man auf der ganzen Linie des Angriffs eine vollständige Ueberraschung des Feindes. Der Kaiser befahl, jedoch, dafür zu sorgen, daß die Truppen vorher ihr Frühstück einnähmen. Alles Gepäck sollte, um eine freiere Bewegung zu gestatten, zurückgelassen werden. General Leboeuf, der Chef der Artillerie erhielt den Auftrag, mit allen Kräften dafür zu sorgen, daß die Batterieen in dem occupirten Terrain vorwärts gebracht werden könnten.
Es war dies bei der später folgenden Schlacht der große Vortheil, wodurch sie gewonnen wurde, da die Oesterreicher im Gegentheil auf das Terrain vertrauend den Fehler gemacht hatten, nur einen verhaltnißmäßig kleinen Theil ihrer Artillerie vorzubringen. Durch die französischen Dispositionen wurde überdies ohne ermüdenden Marsch trotz der hindernden Natur des Bodens die Angriffsfront auf kaum 1\frac12 Meile concentrirt. Die Divisionen Ladmirault und Forey wurden bestimmt, den Angriffsstoß zu machen. Bazaine sollte als Reserve ihnen folgen. Im französischen Hauptquartier wußte man jetzt genau, wo und in
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welcher Zahl man auf den Feind stoßen werde; - im österreichischen hatte man keine Ahnung davon! -
Nachdem alle Dispositionen getroffen waren - es war bereits gegen Mitternacht, trennte sich der Kriegsrath. Der König von Sardinien war schon früher in sein Hauptquartier zurückgekehrt. Der Kaiser selbst wollte auf die Bitte seiner Umgebung noch ein Paar Stunden der Ruhe genießen.
Als er die Generale verabschiedete, befahl ein Wink dem Grafen noch zu verweilen.
»Wissen Sie, lieber Graf, daß ich heute Nachmittag Besuch aus Paris erhalten habe?«
»Euer Majestät wollen bedenken, daß ich so eben erst angekommen bin.«
»Sogar eine Dame! rathen Sie!«
»Ich bin außer Stande, Sire!«
»Eh bien - was sagen Sie dazu? Es ist die kleine Marquise von Massaignac, die Erbin ihres Bruders, die wie Sie schon gehört haben, plötzlich wieder zum Vorschein gekommen ist. Madame Eugénie protegirt sie ganz besonders und hat ihr spezielle Empfehlungen mitgegeben. Es scheint, daß ihr Herr Vetter auf die reiche Braut verzichten muß.«
»Ich habe von einigen Abenteuern gehört - doch scheint ein gewisser Schleier ist darüber gezogen. Was den Herrn Grafen von Montijo betrifft, so scheint die Dame allerdings keine besondere Sympathie für ihn empfunden zu haben und es war wohl mehr der Wille ihres Vaters oder Bruders, der sie ihm bestimmte.«
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»Zum Henker, ich dächte, ich hätte Anderes zu thun, als mich um Heirathen oder Liebschaften zu kümmern. Suchen Sie morgen die abenteuerliche Dame auf, die sich hier einquartirt hat, und erforschen Sie, was sie eigentlich will. So viel ich aus ihr klug werden konnte, sucht sie einen gewissen Major Laforgne auf, der so viel ich mich erinnere, einer der Abenteurer Garibaldis, wenn nicht in noch schlimmere Geschichten verwickelt war; wahrscheinlich ihr Liebhaber.«
Der neu ernannte General lächelte. »Major Laforgne« sagte er - »ist glücklich verheirathet und befindet sich in diesem Augenblick sogar vor dem Hause Eurer Majestät, denn er hat mich begleitet, um etwaige Befehle Eurer Majestät für General Garibaldi in Empfang zu nehmen.«
»Gott soll mich bewahren, daß ich den General in unsere morgende Affaire menge« sagte der Kaiser hastig. »Monsieur Garibaldi hat eine sehr unglückliche Hand. Aber ich erinnere mich des Offiziers - lassen Sie ihn heraufkommen, ich will ihn noch einige Augenblicke sprechen.«
»Wenn Euer Majestät« bemerkte der General, indem er zur Thür zurücktrat, - »einiges Interesse an den Abenteuern der Marquise von Massaignac nehmen, so ist Major Laforgne grade der Mann, der die beste Auskunft geben kann. Es ist damit noch eine andere traurige Geschichte verknüpft, die einen schrecklichen Blick giebt in die Intriguen der Jesuiten in diesem Lande.«
Einige Minuten später führte der General den Offizier bei Freischaaren in das Gemach des Kaisers.


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Es ist gewiß eine schwierige Aufgabe für den bloßen Romanschreiber, eine Schlacht zu beschreiben, so daß auch der nicht militärische Leser dem Gang derselben übersichtlich folgen kann.
Wir wollen uns bemühen, diese Aufgabe so gut als möglich zu lösen, rechnen aber auf die Nachsicht des Lesers.
Die Schlacht von Solferino zerfällt eigentlich in drei verschiedene Theile nach dem Terrain, gleich der gewöhnlichen Eintheilung der Schlachtlinien; - es wurde auf dem rechten Flügel, im Centrum und dem linken Flügel zugleich geschlagen;- daß dies dennoch vereinzelt geschah in Folge der mangelhaften Dispositionen und der Ueberraschung war eben das Unglück der Oesterreicher.
Die Höhen von Solferino bis Cavriana bildeten das österreichische Centrum und waren von dem V. und I. Corps (Stadion und Clam Gallas) besetzt)[] - der Hauptpunkt dieser Stellung war La Rocca mit dem Schloß und dem Kirchhof von Solferino auf der Kuppe des Berggeländes, das sich von dem Thurm (La Rocca) in zwei parallel laufenden Rücken: dem Monte Carnal und Monte Mezzana, nach Westen zieht. Die Abfälle beider etwa 100-150 Fuß hohen Bergrücken sind meist so steil, daß sie nur mit Mühe erklimmt werden können - terrassenförmiger Weinbau macht sie streckenweise ganz unzugänglich. Das Dorf Solferino liegt unterhalb des Schlosses, das mit der Kirche und den Wirthschaftsgebäuden ein von Mauern umschlossenes Oblongum bildet, am Fuß der Rocca. - Der Kirchhof, etwa 300 Schrit vor dem Schloß nach
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Westen gelegen, ist mit 6 Fuß hohen Mauern umgeben. Schon diese einfache Beschreibung wird genügen, um dem Leser klar zu machen, daß hier die Stellung der Oesterreireicher[Oesterreicher] sehr stark war.
Der rechte Flügel der Oesterreicher, gegen die Sardinier gerichtet und wie bereits erwähnt von dem VIII. Corps unter Feldmarschalllieutenant Benede[c]k und der Brigade Reichlin gebildet, vertheidigte die Linie von San Pietro (nördlich von Solferino) am Nedone bis Pozzolengo. Auch hier ist das Terrain größtentheils sehr hügelig.
Die Hauptmacht der Oesterreichs, der linke Flügel, das III., VII., IX. und XI. Corps mit der gesammten Cavallerie stand südlich der Höhen von Solferino und Cavriana, in einzelnen Positionen weit vorgeschoben, zum Theil sehr zerstreut in dem Terrain der Ebene um Guidizzolo und die Straße von Mantua. Gelang es den Oesterreichern, dem ursprünglichen Plan des Vormarsches gemäß, hier über Medole nach Carpenedolo, das heißt bis zur Sesia vorzudringen, so war der rechte französische Flügel aufgerollt oder vom Centrum abgeschnitten und dies zwischen zwei Feuer gedrängt. -
Um 3 Uhr Morgens ließ der Marschall Baraguay die 2. Division aufbrechen, um Solferino auf der nordöstlichen Seite anzugreifen. Die Brigaden Martimprey (das 6. Fußjäger-Bataillon, das 52. und 72. Linien-Regiment) und de la Charrière (das 85. und 86. Regiment) rückten über Santa Maria und und Barche di Solferino vor.
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Aber obschon die 1. Division (Forey) eine Stunde später ausgerückt, war ihr Weg der kürzere und General Cambriels mit den 17. Fußjägern und dem 74. und 84. Linienregiment stieß schon bei Le Fontane an der Chaussee auf die bis hierher vorgeschobene Avantgarde der Oesterreicher, die Brigade Bils.
Nach kurzem Widerstand wurden dieselben bis über Le Grole zurückgetrieben und setzten sich erst auf den Vorbergen von Solferino.
Um 8 Uhr Morgens waren die Oesterreicher auch aus der vortheilhaften Stellung auf dem Monto Fenile vertrieben. Die Brigade Dieu mit dem 91. und 98. Regiment war hier stark im Gefecht.
Um diese Zeit rückte von Barche her die Division Ladmirault ins Feuer.
Aber jetzt brach sich hier im Centrum der französische Vormarsch.
Die Brigade Bils mit dem Regiment Kinsky und den Oguliner Gränzern deckte den südlichen Höhenzug, Generalmajor Festetics mit dem Regiment Reischach den nördlichen, den Monte Carnal. Das 6. Kaiser, Jäger-Bataillon warf sich nach San Martino, das 4. und Culoz-Infanterie gegen den Fenile.
Vergebens donnerte von dessen Höhe die hier vortheilhaft placirte französische Artillerie; - die französischen Regimenter, die des schwierigen Terrains halber nur in einzelnen Abtheilungen und im Thalgrund heran kommen konnten, wurden mit großen Verlusten zurückgeworfen.
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General Dieu wird schwer verwundet und muß das Commando an Oberst Cambriels vom 84. Regiment abgeben. Vergebens führt der tapfere Guyot de Lespart das 74. im Sturm bis an die Rocca, bis an die ersten Häuser von Solferino - Thomas, Landois - zehn Offiziere fallen hier! Capitain de Brenier bemächtigt sich mit seiner Compagnie der 17. Jäger von Arras eines Gehöfts - die 4. Kaiserjäger schlagen ihn heraus. Die Bataillonschefs des 84., Béhagle, Lacretolle, Roquemont, sammeln drei Mal ihre Colonnen - die Kugeln der 4. Kaiserjäger decimiren die Franzosen! Hauptmann Weinsberg, Hauptmann Zini decken mit ihren Divisionen die zurückgedrängten Abtheilungen von Culoz-Infanterie, die endlich Schritt um Schritt dem furchtbaren Raketen- und Granatenfeuer weichen müssen. Mit dem Bayonnet werfen die tapfern Jäger die französischen Colonnen den Bergrücken hinab - Oberlieutenant Steiger von Ruggisburg fällt, - Lieutenant Baron Breidbach und Kunze sinken schwer verwundet, - der junge Conte Poggi in den Reihen der gemeinen Jäger schlägt sich mit Löwenmuth, den später die goldne Medaille ehrte, - die Oberjäger Schreck, Lang und Fischer, Zugführer Oberhammer und andere Tapfere brauchen Kolben und Bayonett im dichtesten Handgemenge; - Hauptmann Ammon von Culoz-Infanterie unterstützt mit seiner Compagnie tapfer die Jäger, der kecke Bataillons-Hornist Gavrille bläst mitten unter den weichenden Kameraden zum Angriff, die Feldwebel Aron Jakotsch und Klein führen ihre Compagnieen, nachdem alle ihre Offiziere gefallen -
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endlich zwingt das französische Flankenfeuer die Jäger zurückzuweichen bis zu dem furchtbaren mit Blut getränkten Steinwall, der den Schlüssel der Hauptstellung des Berges bildete. Bis hier und nicht weiter - hier ist die Stelle, wo die braven Tyroler zu sterben beschließen. Zwölf Offiziere und fast alle Unteroffiziere sind gefallen, einundsiebenzig Jäger schon todt oder verwundet - sie weichen nicht. Namen wie der des wackern Payr zu Thurn, Thaler - der Jäger Paintner, Kühbacher, Hinteregger, Dallaporta leben in der Geschichte des Bataillons! Handhoch liegen um die Tapfern her schon die Patronenhülsen - da zum Unglück beginnt die Munition zu fehlen und von dem Höhenrand der Straße, wohin die wackerem Siebenbürgner17 sie zurückgetrieben haben, schmettern die Franzosen mit einer neuen Batterie gegen die kühnen Vertheidiger von Solferino.
Bis gegen Mittag dauerte die Kanonade, ohne daß die Franzosen weiter Terrain an diesem Punkte gewinnen.
Ladmirauld[Ladmirault] hat sich unterdeß der Höhen zwischen Barche und dem Thal des Nedone bemächtigt - aber die Oesterreicher vertheidigen tapfer den Weiler von San Martin: das Regiment Kinsky und die wilden Oguliner von der Carlstädter Militair-Grenze.
Generalmajor von Bils schickt Adjutanten über Adjutanten an den Corps-Commandanten um Unterstützung auf seinem rechten Flügel, den der Feind zu umgehen droht.
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Hier - gegen 8 Uhr - hatten die Piemontesen ihren Angriff begonnen.
Graf Stadion hatte die Intervalle zwischen seinem und dem VIII. Corps schon früher mit zwei Bataillonen Este der Brigade Koller besetzt. Dieser Punkt, Madonna della Scoperta, an der Straße von Lonato nach Pozzo lengo, bildete einen der wichtigsten Kämpfe des Tages.
Die alte Klosterkirche mit einigen Nebengebäuden liegt auf einem schmalen Bergrücken, der sich nach Westen hin sanft verflacht. Zwei Bataillone der Division Durando mit zwei Geschützen stürmten die Höhe, warfen die Oesterreicher zurück und setzten sich im Gehöft fest.
Unmöglich, ohne die ganze Verbindung mit dem rechten Flügel zu gefährden, konnte man die Position in den Händen des Feindes lassen. Graf Stadion zog seine Reserve herbei, die Brigade Gaal, und befahl dem Feldmarschall-Lieutenant Graf Pálffy mit dieser das Kloster wieder zu nehmen. General-Major Gaal an der Spitze nahm das Regiment Carl-Ludwig mit den Liccaner Gränzern die Madonna wieder, indem sie die Redone und Fossetta unter dem Feuer der Piemontesen auf schnell erbauten Laufbrücken überschritten und die Feinde bis Fenile vor sich hinjagten. - Hier findet Oberstlieutnant Zagitschek von Kehlfeld den Heldentod; hier vertheidigt der Fahnenführer Uzellaz das anvertraute Kleinod, um das seine Kameraden einen Wall von Leichen bilden.
Auch auf diesem Punkt stand jetzt das Gefecht - König Victor Emanuel selbst befand sich an dieser Stelle und beorderte Succurs herbei. Aber die Grenadier-Brigade
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vermochte den Kampf nicht wieder herzustellen und mußte sich darauf beschränken, den wiederholten Aufforderungen des Kaisers an General Durando gemäß, die Verbindung mit dem linken Flügel des I. französischen Corps herzustellen.
Unterdeß war der rechte Flügel der Oesterreicher im siegreichen Vordringen begriffen, obschon der Feind auch hier sie überrascht hatte. Die Avantgarde der piemontesischen Division Cucchiari war früh \frac127 Uhr bei Ponticello auf die Vorposten getroffen und hatte sie zurückgeworfen. Es war dies die zweite und vierte Division Prohaska-Infanterie der Brigade Waterfliet. Die Truppen waren eben im Abkochen hinter dem Monte Giacomo begriffen, und mußten von ihren Kochkesseln forteilen, um die Bergränder zu besetzen, ehe die Bersaglieri sich ihrer bemächtigten. Oberst Prohaska selbst und der tapfere Hauptmann Wassilda mit zwei Kanonen stellten rasch das Gefecht wieder her. Der Hornist Elsler vollführt sein wackeres Jägerstücklein. Kaum fünfzig Schritt mit den Seinen zurückgewichen, bleibt er plötzlich stehen, kehrt sich gegen die Verfolger und fängt an aus Leibeskräften Sturm zu blasen, ohne sich um den nahen Feind zu kümmern. Das Signal wird von anderen Hornisten aufgenommen, die Jäger stürmen vor und die Bersaglieri müssen eilig sich gegen San Martino zurückziehen. Bei diesem Handgemenge schlägt sich der brave Kaiserjäger Ungerer mit drei Gegnern, seine Kolbenschläge werfen zwei derselben zu Boden, dem Bayonnetstoß des dritten weicht er durch einen behenden Sprung aus, kehrt mit Blitzesschnelle das Gewehr wieder um und stößt ihm den Hirschfänger in die Brust.
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Während das Regiment Prohaska und die 2. Kaiser-Jäger hier die Piemontesen aufhielten, sammelte Feldmarschall-Lieutenant Benedek das Gros seines Corps, die Regimenter Erzherzog Rainer, Dom Miguel, Hohenloh und Kronprinz von Sachsen mit den 5. Kaiser-Jägern und den Schluiner Gränzern und formirte sie zum Angriff gegen General Mollard, der auf der Strada Lugana heran kam, seine rechte Flanke bedrohend.
Benedek war von 7 Uhr an auf den wichtigsten Punkten und seiner Energie gelang es überall, die verzettelten Corps der piemontesischen Armee trotz ihres Widerstandes zurückzuschlagen. Die Dispositionen der piemontesischen Generale waren höchst unglücklich, ja erbärmlich. Während sie die bedeutende Uedermacht von mehr als 40,000 Mann gegen die 25,000 des Benedek'schen Corps hatten, kamen ihre Divisionen und Brigaden fast durchgängig einzeln in's Feld und wurden zurückgeschlagen. Hier war es, wo Benedek sich jenes Vertrauen und jenen Ruf erwarb, der Oesterreich später so theuer zu stehen kommen sollte. Die Höhe von San Martino mit der kleinen Wallfahrtskirche in der Nähe der Strada Lugana und ihrer Durchschneidung des Eisenbahndammes war der wichtigste beherrschende Punkt der Stellung und von den Piemontesen besetzt. Hierhin wendete sich der Angriff der Oesterreicher über die Hügel von Corbe, die Artillerie voran, Rainer- und Sachsen-Infanterie dahinter und auf den Flanken. Hauptmann von Ortenburg vom ersteren Regiment erstürmt unter den Augen des Feldherrn eine schwere feindliche Position, Lieutenant Kuenberg fällt,
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die Hauptleute Baron Baselli, Sztankowicz und der Brigade-Adjutant Kautsch werden schwer verwundet, aber Nichts hält die Tapferen auf. Der Führer Stefan Laschitz stürzt sich in eine feindliche Batterie, die Führer Gillesberger, Erlach, Niedermaier, Preinersdorfer stürmen ihren Salzburgern voran in die piemontesischen Linien; - Oberstlieutenant Wiedemann führt mit der Fahne in der Hand das Regiment »Kronprinz von Sachsen« in's Handgemenge, - immer aufs Neue geht das Regiment zum Sturm - immer auf's Neue wird es zurückgeworfen. Der Feind erkennt die Wichtigkeit der Position und strengt alle Kräfte an. Der Feldmarschall-Lieutenant selbst sprengt heran und befiehlt noch einmal den Augriff durch die sechste Division des Regiments. »Wir haben keine Patronen mehr!« ruft der Commandant Hauptmann Steiger. »So geht's ihnen mit dem Kolben zu Leibe!« lautet die Antwort Benedek's, und angefeuert durch diese Worte und das Beispiel ihrer heldenmüthigen an der Spitze stürmenden Offiziere, der Hauptleute Steiger und Täuber, des kühnen Ober-Lieutenant Wanka, den vom Sterbebett im Lazareth noch der Orden der eisernen Krone in's frühe Grab geleitet, des Feldwebel Schmidt und des Gefreiten Simon Ilinsky werfen sich die beiden böhmischen Compagnieen auf den Feind und vertreiben ihn von der Höhe mit Kolben und Bayonnet. Der Sieg war errungen, San Martino in den Händen der Oesterreicher!
General Mollard läßt die Brigade Cuneo einen Sturm versuchen - sie gelangt bis zur Höhe, dort wird sie geworfen und kann von Glück sagen, daß zwei der
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Division Cucchiari voraneilende Batterieen sie, in Schutz nehmen. Die österreichischen Jäger - das dritte und neunte Feldjäger-Bataillon, das zweite und fünfte Bataillon Kaiserjäger kämpften hier - sind bereits bis über den Eisenbahndamm vorgedrungen, als um 10 Uhr das Gros der Division Cucchiari mit sechzehn Bataillonen, drei Escadrons und zwanzig Geschützen auf dem Kampfplatz anlangt und aufs Neue zum Sturm auf die Kirche San Martin losgeht. Unter dem mörderischen Feuer der Oesterreicher dringen sie um Mittag siegreich vor. Auf der ganzen Linie wird gekämpft, die Regimenter Dom Miguel und Hohenloh-Infanterie halten in blutigem Widerstand die Position, der wackere Oberst des letzteren Regiments Dorninger, die Hauptleute Falkenberg, Fannenburg und vier andere, sechs Oberlieutenants und fünf Lieutenants fallen todt oder verwundet, das Regiment verliert über vierhundert Mann - dennoch scheint um Mittag das Glück den Piemontesen wieder zu lächeln. Aber Benedek ist überall - dreißig Geschütze, ihren Kartätschenhagel von den Höhen von Corbe auf den linken Flügel der Sardinier schmetternd, bringen ihn zum Weichen, ein Vorstoß und der Sieg ist den Piemontesen nochmals entrissen, die Division Tucchiari, zersprengt, auf's Furchtbarste zugerichtet, reißt in ihrer Flucht die Reserven von Mollard mit sich fort und erst bei Rivoltella und St. Zeno, eine Stunde vom Schlachtfeld, gelingt es wieder sie zu sammeln.
Aber auch die Kraft der Oesterreicher ist erschöpft - um San Martino tritt eine dreistündige Pause des Kampfes ein.
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Wir müssen uns nunmehr zu dem Schauplatz des Hauptkampfes, der Ebene wenden.
Das (2.) französische Corps Mac Mahon mit den Divisionen Motterouge und Decaen war um 3 Uhr Morgens von Castiglione auf der Straße nach Mantua abgerückt - seine Tête traf bei Ca Marino die Vorposten des III. österreichischen Corps (Fürst Schwarzenberg) und schlug sich mehrere Stunden im Plänklergefecht mit ihnen herum, indeß die Kolonne herankam und rechts und links der Straße nach Guidizzolo aufmarschirte.
Während dessen wurden die Massen auf den Höhen von Solferino immer dichter, der Kampf dort immer heftiger und Mac Mahon war in Verlegenheit, ob er das erste Corps in seinem Angriff auf Solferino unterstützen oder seine Position bewahren sollte, um den Feind zu hindern, aus der Ebene her das Centrum zu sprengen.
Noch immer war von dem Corps des General Niel, das mit dem dritten (Canrobert) den rechten Flügel bilden sollte, Nichts zu sehen. Er sandte seinen Generalstabschef, General Lebrun in der Richtung nach Medole aus, und dieser fand hier General Niel um etwa 6\frac12 Uhr mit dem Dispositionen zum Angriff beschäftigt.
Bis hierhin nämlich waren die Oesterreicher vorgegangen. Graf Zedtwitz und General Lauingen hatten das Dorf und den Campo besetzt. Graf Zedtwitz hielt mit zwei Bataillonen des Regiments Franz Carl vom 9. Corps und sechs Escadrons das Dorf, General Lauingen mit zehn Escadrons Dragonern und seiner Artillerie das Campo. Bald nach 4 Uhr stießen die Franzosen auf die
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Cavallerie-Vedetten, die Artillerie fuhr auf und General de Luzy Pelisac formirte seine Division zum Angriff.
Auf die Nachricht des General Leboeuf, daß General Niel sich an seinen rechten Flügel heranziehen wolle, sobald Medole genommen und Marschall Canrobert im Anschluß sei, beschloß Mac Mahon die Meierei Ca Marino zu nehmen, um einen Halt gegen die immer bedrohender von Cavriana und Guidizzolo her sich sammelnden österreichischen Massen zu gewinnen. Ca Marino wurde gegen 9 Uhr genommen. Vierundzwanzig Geschütze wurden in die Front und die Tirailleurlinie gezogen und nahmen den Kampf gegen die österreichische Artillerie auf, die mit einer starken Kolonne des ersten Corps (Clam-Gallas) in der Entfernung von 1200 Schritt sich aufgestellt hatte. Ein furchtbarer Artillerie-Kampf entspinnt sich, General Auger, der ihn auf französischer Seite leitet, verliert den linken Arm, Granaten und Kartätschen furchen die Haide.
Hier ist es, wo zum ersten und - letzten Mal ein italienisches Regiment, Wernhardt-Infanterie aus dem Werbebezirk Treviso seine Schuldigkeit thut und mit Ehren für die Fahne kämpft, der es geschworen hat. Der brave Galizier Major Microys führt mit der Fahne in der Hand sein Bataillon gegen die feindlichen Batterien; - er fällt von einer Kugel getroffen. Sein achtzehnjähriger Sohn, Lieutenant im Regiment, will ihn zurücktragen - aber des Vaters Hand weist streng nach dem Feind, seinen Fall zu rächen, und eine Granate reißt den Kopf des jungen Offiziers ab, noch ehe er zehn Schritte gegen den Feind gethan. Da ergreift
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Hauptmann Moritz Ettner vom Generalstab das Panier und führt begeistert die Trevisaner gegen die feindliche Batterie. Major Baumgarten und Resich von Ruinenberg stürmen von der andern Seite, die Hauptleute Kraft, der Ritter von Osoppo wollen den Tod der wackeren Kameraden rächen, - aber die französischen Kartätschen rasseln wie Hagel über die Fläche. Ettner's Pferd stürzt - er schwingt sich rasch auf ein anderes; - auch dieses fällt! doch noch unverletzt steht der Held. Zu Fuß mit der Fahne in der Hand stürmt er den Tapferen voran, - da trifft ihn eine dritte Kugel - der Träger, die Fahne sinkt - der Angriff stockt - das Bataillon tritt den Rückzug an und rettet den tapferen Offizier.
Mit ähnlichem Heldenmuth schlägt man sich an anderen Stellen. -
Um 10 Uhr trafen die beiden Linien - Cavallerie-Divisionen Portouneaux und Desvaux, die der Kaiser ihm zur Disposition stellt, auf Mac Mahon's rechtem Flügel ein und decken die gefährlichen Intervalle. Eine Charge auf die österreichische Infanterie treibt sechshundert Mann in die Linie der französischen Tirailleurs und macht sie zu Gefangenen. Der Succurs erlaubt dem Marschall, zwei Escadrons der 4. Chasseurs à cheval zur Unterstützung der siebenten auf seine linke Flanke zu ziehen und Mensdorff im Schach zu halten, während die Brigaden des I. Corps ihren Rückzug auf Cavriano nehmen.
Wir haben hier eine Episode einzuschalten, die eine der glorreichsten der Schlacht, ja des ganzen Feldzugs ist.
Der Leser erinnert sich des kühnen Reiterangriffs, den
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das Husaren-Regiment des Obersten Edelsheim bei der Schlacht von Magenta am linken Ufer des Naviglio machte, und der Ponte vecchio wieder in die Hände der Oesterreicher brachte.
Einen ähnlichen Coup, nur noch in großartigerem Maaßstabe, führte dasselbe Regiment bei der Schlacht von Solferino aus.
Wir wollen versuchen, ihn zu schildern, zu Ehren der österreichischen Cavallerie, die hier zum letzten Mal ihren alten großen Ruf behauptete.
Schon am Morgen hatte Oberst Edelsheim, der tapfere Kommandeur des Regiments »Preußen-Husaren Nr. 10«, den Befehl erhalten, mit einer Division die rechte Flanke der gegen die Intervalle des I. und II. französischen Corps vorgehenden Brigade Hartung zu decken.
Der Oberst sandte seinen Adjutanten und bat um die Erlaubniß, mit seinem Regiment die linke Flanke des Corps von Mac Mahon umgehen zu dürfen.
Die Erlaubniß wurde ertheilt. Ein Offizier überbrachte dem \frac14 Meile mit der Reserve-Kavallerie-Division zurückpostirten Feldmarschall-Lieutenant Mensdorff die Bitte, dem kecken Angriff unterstützend zu folgen.
Mensdorff versprach es.
Die Signale schmetterten »Trab!« Oberst Edelsheim mit 4 Eskadrons Preußen-Husaren, die bei dieser Affaire glänzend ihren Namen bewährten, ging von Val de Termine, seinem Bivouak, mit dem Terrain vollkommen vertraut, gegen die Chaussee von Castiglione nach Guidizzolo, also gegen die erwähnte Intervalle vor.
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Die feindlichen Kavallerie-Patrouillen wurden zurückgetrieben - die Chasseurs von Blidah, die unter der afrikanischen Sonne erprobten Truppen, unter ihrem Obersten Savaresse stellten sich ihm entgegen.
In drei Attacken warfen die tapfern Grünmützen18 die Afrikaner über den Haufen.
Rittmeister von Töröck holte sich hier die Eiserne Krone - Oberlieutenant Graf Walderdorf, Graf Kalnóky das Militär-Verdienstkreuz.
»Vorwärts!«
Die Eskadrons traben weiter - die Höhe von Casa Marino liegt vor ihnen, sie ist von den Bataillonen der Division Decaen (früher Espinasse), dem Zuaven-Regiment und dem 72. Linien-Regiment besetzt.
»Rittmeister Majthenyi werfen Sie die Tiralleurs zurück!«
Die tapfere Schwadron galopirt vor - während sie die dichte Tiralleurreihe auf ihre Bataillone zurückjagt, setzen die drei andern Escadrons ihren Heldenweg fort. Commandant Charlemagne mit zwei Escadrons der Chasseurs von Mostagenma wirft sich ihnen entgegen.
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Ein wildes Handgemenge entsteht. Roger, Leféron d'Eterpigny führen vergeblich ihre Schwadronen gegen die tapfern Ungarn - nicht umsonst hat der edle Graf von Zichy die Eiserne Krone erworben - Benkner, Mastai, Graf Geldern und der wackere Wachtmeister Fakals schlagen sich wie die Löwen, durch zwei Säbelhiebe verwundet, bläst der Trompeter Fraszek noch lustig sein Signal zum Einhauen - die Chasseurs werden geworfen, Hussah! geht die wilde Jagd vorwärts, indem die Eskadron, die mit den Tirailleuren gefochten, die Arrieregarde bildet.
Es ist 9 Uhr - die Husaren stehen auf der Höhe von Le Grole - die französische Linie ist durchbrochen!
Aber vergeblich schauen die Tapfern sich nach der versprochenen Unterstützung um - keine Spur der Division Mensdorff ist zu erblicken.
Die rückwärts gesandten Patrouillen, welche sie aufsuchen sollten, brachten allein die Nachricht, daß die feindliche Infanterie sich immer mehr im Rücken ausbreite.
Dennoch gaben die Tapfern die Hoffnung noch nicht auf und Oberst von Edelsheim den Befehl zum Vorrücken. Rittmeister Freiherr von Lederer mit seiner Eskadron bildete die Avantgarde. Nach kaum zehn Minuten schmetterten französische Trompeten - es war die Tête der Garde-Cavallerie, die eben auf der Chaussee auf den Kampfplatz rückt.
In demselben Augenblick trabte eine Chasseur-Schwadron von der Seite heran zum Angriff.
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Die ungarischen Trompeten bliesen ein einziges Signal »Einhauen!«
Im Nu waren die Husaren über den Garde-Lanciers von Compiegne her.
Graf Einsiedel, Hranac kämpfen wie die Löwen - der tapfere Baronkai stürzt - Wachtmeister Mocker und Marky hauen sich in einem dichten Knäuel der Feinde, - der wackre Bernard fängt den Stoß auf, der seinen Obersten durchbohren soll und haut einen Kapitain der Lanciers vom Pferde, - die Eskadron Delard wird geworfen, sie bringt die folgenden in Verwirrung - die ganze Kolonne stockt und wird zurückgetrieben - die Husaren immer vorwärts, ohne das Feuer der Infanterie zu achten, die wo der Weg von Contrada Levadello nach Le Grole die Chaussee schneidet hinter steinernen Mauern ihr Feuer giebt. Ueber die Mauern hinweg sehen die muntern Pferde und der Säbel kreuzt sich mit dem Bayonnet!
Da endlich entschließt sich der Oberst, der die Chasseurs nach hitzigem Gefecht vertrieben, zum Rückzug, denn die Reserve-Artillerie des französischen Corps fährt in einiger Entfernung auf. Welchen Erfolg hätten in diesem Augenblick zwei frische Regimenter erzielt, - aber Leute und Pferde sind erschöpft, und es gilt jetzt noch allein, durch die französische Infanterie sich den Rückzug zu hauen.
Dies geschieht, bei Casa Marino; - mit 8 Offizieren, 125 Mann und 126 Pferden Verlust trifft das
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Regiment wieder bei der Brigade Rösgen ein, die den Weg von Medole nach Cassiano deckt.
Auch der wackere Artillerie-Lieutenant Fichter, der sich den Husaren attachirt, wird vermißt - Graf Geldern, der brave Unterlieutenant, der so wacker sich herumgehauen, ist verwundet in die Hände der Feinde gefallen!
Nur ein Mann ist durch einen Granatsplitter verwundet worden, alle anderen haben die Wunden und den Tod im Handgemenge empfangen!
Der kühne Zug hat - weil nicht unterstützt - seinen Zweck verfehlt.
Diesem Heldenzug gegenüber steht der kaum erklärliche feige Rückzug des General von Lauingen mit der ganzen Reserve-Cavallerie, der die Division Mensdorff an der Unterstützung der kühnen Attaque verhinderte, und offenbar auf diesem Theile des Kampfplatzes viel zum Verlust der Schlacht beitrug.
Wir müssen zur Schilderung desselben zu den Vorgängen bei dem IV. französischen Corps (General Niel) zurückkehren.
Es ist bereits erwähnt, daß General Niel im Augenblick, als ihn General Leboeuf verließ, mit der Anordnung eines Angriffs auf Medole beschäftigt war, das Feldmarschall-Lieutenant Zedtwitz besetzt hielt. Um 7 war Medole genommen und Graf Zedtwitz zog sich mit seinen sechs Escadrons auf der Straße nach Guidizzolo zurück, wo er General Lauingen mit seinen zehn Escadrons Dragonern finden mußte.
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Aber General Lauingen mit den Dragonern war verschwunden!
Als die ersten Tiralleurschwärme des Corps Niel und Mac Mahon der Haide nahe gekommen waren und die ersten Kugeln seine Reiter-Colonne erreichten, hatte General Lauingen es für gut gefunden, mit seiner Brigade die Stellung zu verlassen und einen gänzlichen Rückzug vom Schlachtfeld bis nach dem fast zwei Meilen entfernten Goito in einem Striche anzutreten. Vergeblich schickte Graf Zedtwitz einen Offizier aus, ihn zu suchen - endlich machte er, seine Division im Stich lassend, sich selbst auf, ihn zu holen, in dem guten Glauben, daß es auf der verlassenen Position sich nur um einen Zusammenstoß der Vortruppen handele. Doch

    »Roß und Reiter sah man nimmer wieder,«
und da zugleich Generalmajor Vopaterny mit dem Regiment Bayern-Husaren von den Vortruppen des endlich heranziehenden Marschall Canrobert auf der linken österreichischen Flanke aus Castel Gofferedo geschlagen worden war und statt sich an General Zedtwitz heranzuziehen - auf der äußersten Linken während des ganzen Schlachttages in unthätiger Beobachtung stehen blieb, verlor Graf Wimpfen seine ganze achtundzwanzig Escadrons starke Reserve-Cavallerie aus der Hand.
Es ist uns unbekannt, ob General von Lauingen vor ein Kriegsgericht gestellt worden ist - verdient hat er es sicher!
General Canrobert begnügte sich in Folge einer vom Kaiser erhaltenen Nachricht, daß von Mantua her ein
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österreichisches Corps am Nachmittag des 23. gegen die rechte Flanke der Verbündeten über Marcaria ausgerückt sei, auf der Position von Castel Goffredo stehen zu bleiben und nur General Renault mit 4 Bataillonen des 41. und 56. Regiments über die Seriola Marchionale vorrücken zu lassen, statt kräftig sich der rechten Flanke des Niel'schen Corps anzuschließen und dasselbe zu unterstützen. Vergebens sandte Niel sieben Offiziere nacheinander an den Marschall, ihn zu bitten, die Division Renault eine Demonstration gegen Rebecco machen und ihm zu Hilfe kommen zu lassen. Zähneknirschend standen das brave 23., 41., 56., und 90. Regiment während voller 5 Stunden an der Straße, durch Canroberts Neid oder Unfähigkeit verhindert, ihren Kameraden von der Division de Luzy zu Hilfe kommen zu können, die bereits 99 Offiziere und 1828 Mann verloren hatten. So wurde General Niels Absicht, bis Guidizzolo vorzudringen und die Oesterreicher vom Mincio abzuschneiden, vereitelt und er mußte sich begnügen, wie Mac Mahon die Linie von Ca Marino und Cassiano, so die von Rebecco und Ca Nova gegen das wüthende Anstürmen der Oesterreicher von Guidizzolo und Castel Grimaldo her zu halten.
Wieder fochten hier die Oesterreicher: das IX. Corps - Graf Schaafgotsche - und eine Brigade des III. vereinzelt, während die anderen Abtheilungen, namentlich das XI. Corps (Veigl[Weigl]) noch über eine Meile rückwärts standen. Das unglückliche System der Reserven möglichst weit von dem Platz, wo sie zu dem Erfolg einer Action eingreifen konnten, trug auch hier seine Früchte.
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Auf allen Seiten hatte unterdeß die Schlacht fortgetobt - die Franzosen sammeln sich im Centrum zum entscheidenden Stoß.
Dort kommandirt der Kaiser!
Wir müssen einige Stunden zurückgreifen, um dem Anmarsch der Garden zu folgen.
Um 5 Uhr Morgens setzte sich die Infanterie der Garde von Montechiaro aus in Bewegung nach Castiglione - der Kaiser folgte eine Stunde später, während von Le Grole und Ca Marino her schon der Kanonendonner herübertönte. Unterwegs sandte er der Garde-Cavallerie nach Castenedolo den Befehl, sofort - statt erst um 9 Uhr - aufzubrechen und in die Reserve der rechten Schlachtlinie einzurücken.
Es war kurz vor 7 Uhr, als Louis Napoleon in Castiglione mit seinem zahlreichen Stabe ankam, unter dem sich auch der Graf Montboisier und Major Laforgne befanden. Beide hatten vor dem Abreisen aus dem Hauptquartier noch einige Augenblicke gefunden, nach dem Wunsche des Kaisers die junge Marquise von Massaignac und ihre deutsche Freundin aus dem Kloster aufzusuchen, um sie zu bewegen, wenigstens nach Brescia zurückzukehren. Hier erfuhren sie, daß allerdings die aus Berlin erhaltene Nachricht, die beiden Brüder von Röbel seien verschwunden und der ältere von ihnen werde sogar steckbrieflich verfolgt, so wie ein unbestimmtes Gerücht: sie befänden sich bei der österreichischen oder französischen Armee in Italien, die junge Marchesa zu dem raschen Entschluß gefühlt hatten, nach Oberitalien zurückzukehren und
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zunächst Doktor Achmet aufzusuchen, den sie bei der französischen Armee glaubte.
Die Nachricht, die ihr Laforgne von seinem Zusammentreffen auf der Villa Elena mit dem Freunde gab, verbunden mit der Anzeige des bevorstehenden Entscheidungs-Kampfes dienten aber bei dem entschlossenen Character Carmen's eher zu allem Anderen, als sie zu bewegen, jetzt die Nähe der Armee zu verlassen. Montboisier und der Major hatten nur noch Zeit, sie zu benachrichtigen, daß Doktor Achmet in der Villa am Garda-See unterm Schutz der Fürstin zurückgeblieben sei und ihr jeden Beistand zur Uebermittelung einer Botschaft an denselben zuzusagen, als die Trompeten der Gulden sie erinnerten, sich der Suite des Kaisers anzuschließen.
Der französische Herrscher war nicht sobald in Castiglione angekommen, als daß die Meldungen von allen Seiten sich jagten, daß der Kampf auf der ganzen Linie von Peschiera bis Castel Goffredo entbrannt sei. Sie bestätigten die durch den Verrath aus dem österreichischen Hauptquartier schon am Abend vorher erhaltenen Nachrichten von der Ausdehnung der feindlichen Linie und bestärkten den Kaiser noch mehr in der Ueberzeugung, daß der Sieg in dem Durchbrechen des österreichischen Centrums und in der Wegnahme von Solferino und Camiana liegen werde. In diesem Sinne gingen sogleich Befehle an die äußersten Flügel ab, die Oesterreicher dort im Gefecht festzuhalten. Der König von Sardinien wurde aufgefordert, schleunigst die Verbindung mit Baraguay d'Hilliers herzustellen.
Bald nach 8 Uhr befahl der Kaiser seinem Stabe, in
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Castiglione zurückzubleiben und ritt - nur von drei Adjutanten, einem halben Dutzend Offizieren und einem Zug Guiden begleitet - auf der Straße nach Guidizzolo vor, um sich zu dem Herzog von Magenta zu begeben. Man wußte, daß dieser das Vorterrain vor Ca Marino besetzt hielt, es konnte also von einer Gefahr nicht die Rede sein. Marschall Vaillant, der in Castiglione zurückblieb erhielt den Befehl, dem Kaiser die Rapporte nachzusenden.
Der kleine Reitertrupp hatte die Chaussee verlassen, auf welcher Cavallerie und Artillerie vorrückte, und sich gegen die Höhen von Borgo Ravello gewandt, wo die Division Bazaine damals noch als Reserve stand. Von hier aus kehrte der Kaiser auf einem Feldweg gegen die Chaussee in der Höhe von Barcaccia zurück, als Lieutenant Faramond Lafajole, der voraus ritt, plötzlich Halt machte und zurückgesprengt kam.
Die Reitergruppe hielt sogleich, als der Offizier sein Pferd parirte. In demselben Augenblick sah man einen Mann eilig von der Chaussee hergeritten kommen.
»Was haben Sie - warum halten Sie an?« frug der Kaiser.
»Sire - ich glaube Gewehrchargen vor uns in der Richtung des Weges nach Guidizzolo zu hören. Es lagern dichte Staubwolken dort, die jede Aussicht verhindern.«
»Bah - Sie irren sich durch den Luftzug. Die Brigaden des Grafen müssen wenigstens noch eine halbe Stunde vor uns stehen. Jener Staub muß von der Garde-Cavallerie herrühren, die im Anrücken ist. Vorwärts meine Herren.«
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Es wagte Niemand zu widersprechen - der Trupp war im Begriff, seinen Weg fortzusetzen, als der vorher bemerkte Reiter in voller Hast heransprengte.
Er bildete eine ziemlich seltsame Figur und war offenbar kaum Herr des Pferdes, das seiner Sattelung nach ein Bagagepferd österreichischer Reiterei war. Der Reiter selbst war dem Anschein nach noch sehr jung, sein Gesicht aber von Staub und Pulverdampf bis zur Unkenntlichkeit entstellt; seine Kleidung bestand aus einem österreichischen Militairmantel und einer gleichen Fouragiermütze. Am Handriemen hing ihm ein Husarensäbel herab. Wiederholt schien er sich umzusehen, ob er verfolgt würde.
Der Guiden-Offizier war mit einem Satz seines Pferdes an dem fremden Reiter und packte seinen Zaum. »Halt Bursche - steh! wer bist Du? - wo kommst Du her?«
»Sind Sie Franzosen Herr?« keuchte der Gefangene statt der Antwort in italienischer Sprache.
»Parbleu, das siehst Du! Herunter vom Pferd - wirf den Säbel fort!«
»Ich komme als Freund, Herr Offizier,« rief der Fremde. »Ich bin den Oesterreichern entflohen - ich ergebe mich. Bringen sie mich zum nächsten General oder zum Kaiser, Herr! ich will seinen Schutz anrufen!«
Das naive Verlangen des Flüchtlings erregte ein Gelächter unter Denen, welche Italienisch verstanden, der Fremde aber hatte trotz seines Aussehens als gemeiner Soldat bereits die Aufmerksamkeit des Kaisers erregt.
»Bringen Sie den Menschen hierher Monsieur
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Lafajole,« befahl er. »General Montboisier, verhören Sie ihn!«
Man hatte dem Flüchtling unterdeß Pferd und Säbel abgenommen und sich überzeugt, daß er keine weiteren Waffen bei sich führte. Zu ihrem Erstaunen hatten die Umhauenden dabei bemerkt, daß der Ueberläufer unter dem alten Reitermantel eine schwarze Civilkleidung trug, fast wie die eines Geistlichen.
»Gehen Sie nicht weiter« sagte der Gefangene mit heiserer Stimme - »dort drüben sind die österreichischen Husaren, ich bin ihnen entflohen!«
»Oesterreichische Husaren? das ist unmöglich! Wo?«
»Auf dem Wege nach Castiglione! Ihre Reiter sind zurückgeworfen - es ist Oberst Edelsheim mit seinen Schwadronen!«
Die Nachricht erregte die größte Bestürzung, man wußte sich erst die Sache nicht zusammen zu reimen und zweifelte an der Wahrheit. Der commandirende Offizier der Escorte, Chef d'Escadron Lathulade sandte sofort den jüngeren Offizier mit drei Mann zur Recognoscirung in jener Richtung vor, während der Kaiser das Verhör fortsetzen ließ.
Der Gefangene, der einen General oder höheren Offizier vor sich zu haben glaubte, berichtete ohne Stocken von dem Zuge der österreichischen Husaren, dessen Nachtrab er begleitet hatte, bis es ihm gelungen war, sich während des Gefechts mit den Chasseurs von seinen Begleitern frei zu machen und die Flucht zu ergreifen. Da er in dem Glauben war, daß eine stärkere Cavaleriemasse folgte, berichtete er
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auch dies und die Umgebung des Kaisers drang in denselben, sich auf das Schleunigste zurückzuziehen.
Unterdeß hörte man von der Seite der Chaussee her immer schärferes Gewehrfeuer - es war der Augenblick, als Oberst von Edelsheim in das Feuer der französischen Infanterie gerieth und zum Halt gezwungen wurde. Der Kaiser winkte jedoch, das Verhör unbeirrt fortzusetzen und ließ den Gefangenen über die Stellung der österreichischen Corps befragen; doch vermochte derselbe darüber wenig Auskunft zu geben.
»Sind Sie Soldat?«
»Nein, Monsieur!«
»Ihr Name?«
»Ich bin eine Waise und besaß bisher keinen Namen, Herr, denn meine Feinde hatten mir ihn geraubt. Erst seit gestern weiß ich, daß man aus dem Sohn des Fürsten Lichnowski einen Jesuiten machen wollte, und deshalb bin ich meinen Henkern entflohen und suche Schutz bei Ihrem Kaiser und in Ihrer Armee!«
Die Worte riefen eine lebhafte Bewegung des Grafen hervor, der sich sofort an den Kaiser wandte. »Sire« sagte er - »der Zufall scheint hier ein merkwürdiges Spiel zu treiben. Erlauben Euer Majestät, Major Laforgne zu befragen, er vermag vielleicht Auskunft zu geben, ob die Worte dieses jungen Menschen Wahrheit sind.«
Major Laforgne hatte kaum sein Pferd näher gelenkt, als der Gefangene, der aus der Anrede des Grafen und der Erfurcht, die man ihm bezeugte, zu ahnen begann,
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in wessen Gegenwart er sich befand, jenen sofort wieder erkannte.
»O Signor« rief er, ihm die Hände entgegenstreckend - »Sie werden sich des Unglücklichen erinnern, der Sie nach dem Kloster am Monte Cenere führte und der um Ihretwillen wieder in die Gewalt seiner Feinde fiel! Bitten Sie um Schutz für mich - ich will eher sterben, als wieder in die Hand meiner Peiniger fallen! Und Sie, wenn Sie wirklich der mächtige Kaiser der französischen Nation sind, Gnade und Hilfe Sire, für einen Unglücklichen!«
»Wir haben keine Zeit, Herr,« sagte der Kaiser wohlwollend, »uns in diesem Augenblick mit Ihren Familienangelegenheiten zu beschäftigen. Lassen Sie ihn sich der Begleitung anschließen, Graf, und versuchen Sie, was von ihm noch zu erfahren ist. - Dort kommt Lafajole zurück.«
In der That kam der Guiden-Offizier herangalopirt und hinter ihm eine Abtheilung des Garde-Dragoner-Regiments der Kaiserin mit General Champeron, der den Rückzug der österreichischen Cavalerie meldete und den Kaiser nach Ca Marino geleitete, wo der Herzog von Magenta commandirte.
Oberst von Edelsheim mit seinen tapfern Husaren hatte keine Ahnung gehabt, als er das Zeichen zum Abbruch des Gefechts und zum Antritt seines kühnen Rückzugs gab, wie nahe der Zufall das Schicksal des ganzen Krieges, das Geschick Oesterreich's, ja ganz Europa's seiner Hand gebracht halte! Die weitere Umgebung des Kaisers erfuhr von der Gefahr, in der er geschwebt hatte, erst am anderen Tage.
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Während der Kaiser mit Mac-Mahon sich besprach, hatten Graf Montboisier und Major Laforgne Gelegenheit, den jungen Mann näher über die Umstände seiner Flucht zu befragen.
Der junge Novize war nach der schrecklichen Scene in der Klosterkirche des Monte Cenere, von Fra Andrea streng bewacht, am andern Morgen nach Verona abgeführt worden, wohin ihm der Rector zwei Tage später folgte.
Hier wurde der Jüngling in der strengsten Clausur gehalten. Seine offene Erklärung, lieber den Tod erleiden zu wollen, als die Gelübde abzulegen, die ihn für sein Leben in die Knechtschaft des Ordens bringen sollten, wurde mit der Anklage des Diebstahls beantwortet; die härteste Haft und wiederholte Mißhandlungen wurden angewendet, seinen Widerstand zu brechen,
So hochsinnig und von jugendlicher Stahlkraft geschwellt aber auch sein Gemüth war - er wäre der Härte dieser Verfolgungen sicher erlegen, wenn nicht ein Ereigniß dazu gedient hatte, seinen Muth aufzufrischen und zu stärken.
Wie wir bereits wissen, hatten die zufälligen Mittheilungen über den unglücklichen Zögling des ehemaligen Priester Corpasini dem maurischen Arzte einen Fingerzeig gegeben, den er eifrig verfolgte. Während der Jüngling in seinem Klosterkerker verzweifelte, waren seine ungeahnten Freunde für ihn thätig und der bucklige Spion Abramo, der alle Partheien betrog, von dem Golde Doctor Achmet's bestochen, hatte Gelegenheit gefunden, dem Gefangenen einige Zeilen zuzustecken, die seine Hoffnungen erhoben.
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Sei es nun, daß dieser neue Widerstand den Verdacht des Rector's erweckte, sei es, daß die Ankunft des Baron Neuillat in Verona und seine Nachforschungen ihm unbequem waren, kurz, er hatte ihn unter strenger Aufsicht mit sich genommen, als er aus irgend einer dem Jüngling unbekannten Ursache am 22. sich nach Villafranca in das Hauptquartier des Kaisers Franz Joseph begab. -
Die Erzählung des jungen Mannes stockte hier, er wollte offenbar einen Freund nicht verrathen, den er gefunden und der ihm zur Flucht verholfen hatte. Aus einzelnen Worten schloß Major Laforgne jedoch, daß es der modenesische Oberst gewesen sein müsse, welchen er damals in Begleitung des Prälaten im Kloster des Monte Cenere getroffen, der im Schutz der Nacht und des Gewühls dem Novizen zur Flucht verhalf, indem er ihn mit einem Militairmantel und Kappe versah und ihm rieth, sich unter die abmarschirenden Truppen zu mischen und unter ihrem Schutz die erste Gelegenheit zur weiteren Flucht zu benutzen. Die letzten Worte seines unverhofften Beschützers und Retters, indem er ihm eine Börse in die Hand drückte, waren, wie Felicio erzählte: »Armer Bursche, sie wollen Dich nach Bologna oder Rom bringen in ihre Kerker, die Du nie verlassen würdest! Aber es soll nicht geschehen, wenn ich es verhindern kann! Ich habe Deinen Vater nicht sonderlich geliebt, aber das fürstliche Blut der Lichnowski ist zu gut für ihre Geißel und Bußgürtel! Suche Dir Freunde und Gott sei mit Dir!«
Aufs Gerathewohl hatte sich der junge Mann dann in den Troß der marschirenden Truppen geworfen und war
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mit diesen am 23. vorgerückt, indem er nur bestrebt war, so weit als möglich sich von dem Ort zu entfernen, wo er seinem Tyrannen entflohen war. Der kolossale Troß, welcher stets die österreichische Armee begleitet und ihre Bewegungen so schwerfällig macht, ließ es ihm leicht werden, in der Menge zu verschwinden, und ein Zufall und die gefüllte Börse, die ihm sein Befreier gegeben, verschaffte ihm die Bekanntschaft einiger ungarischen Husaren vom Regiment des Obersten Edelsheim, und einen Platz auf ihrem Marketenderkarren. So war er mit bis in das Bivouak von Val de Termine gekommen und zu dem kühnen Reiterzug der Husaren. Sein jugendliches Herz hatte begeistert dem soldatischen Leben und Treiben sich angeschlossen; da er aber wußte, daß ihm im österreichischen Lager nur Gefahr drohte und sein gänzlicher Mangel an Lebenserfahrungen ihn kein anderes Mittel der Sicherheit auffinden ließ, hatte er von vornherein beschlossen, bei erster Gelegenheit zu den Franzosen zu flüchten. Ein altes Notizbuch, das er in seinem Mantel fand, hatte ihn veranlaßt, sich über das, was er hörte, allerlei Bemerkungen aufzuschreiben, doch war das Wichtigste, was er daraus seinen Beschützern mittheilen konnte, die aus der Unterhaltung der Offiziere im Bivouak entnommene Nachricht von dem Ausrücken eines österreichischen Corps aus Mantua am Nachmittag des 23. - Während des Gefechts der Husaren mit den Chasseurs und der Spitze der Garde-Cavalerie wurde der im Nachtrab befindliche Karren umgeworfen, und Felicio nahm die Gelegenheit wahr, im Tumult ein herrenloses Pferd zu besteigen und die Erinnerungen seiner baskischen
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Knabenzeit zusammen raffend, auf die Gefahr den Hals zu brechen oder von den Husaren zurückgeholt zu werden, in einer Richtung davon zu flüchten, wo er hoffte, auf französische Truppen zu stoßen.
Das war die Erzählung, die er seinen Beschützern gab.
»Die Freunde« sagte der Major, dem Jüngling warm die Hand drückend, »haben Sie gefunden, und wie ich glaube, auch einen nahen Verwandten, den Bruder Ihrer Mutter! Ich glaube, der Kaiser selbst wird die Gelegenheit nicht unbenutzt lassen, den Herrn Jesuiten einen kleinen Verdruß zu bereiten. Was meinen Sie, General, wir wollen den angehenden Principe mit einer Ordonanz nach Montechiaro zur Marchesa schicken und ihn einstweilen unter ihren Schutz stellen.«
»Es wird das Beste sein« stimmte der Graf zu; »ich muß sofort Sr. Majestät Meldung machen von der Nachricht, daß ein österreichisches Corps von Mantua ausgerückt ist.«
Dies geschah alsbald; der ehemalige Novize wurde näher befragt, aber er vermochte eben nur zu wiederholen, was er gehört hatte. Die Nachricht gab indeß Veranlassung zu jener Mittheilung an Marschall Canrobert, die diesen bewog, General Niel seine Unterstützung zu verweigern und mit dem größten Theil seines Corps in einer Observationsstellung nach Rechts während der Schlacht unthätig zu bleiben.
Der Kaiser mit dem Stabe verließ jetzt die Aufstellung Mac Mahons und kehrte zu den Garden zurück, die unterdeß südwestlich vor Solferino ihren Aufmarsch
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genommen hatten, nachdem er die Cavalerie-Divisionen Desveaux und Portouneaux, die ursprünglich zum Niel'schen Corps gehört hatten, Mac Mahon zur Deckung und Verbindung seiner rechten Flanke zur Disposition gestellt hatte.
Als sie dort angelangt waren, wollte der Graf den jungen Novizen mit einem Transport Verwundeter nach Castiglione und Montechiaro zurücksenden, aber der junge Mann, in dem sich der Geist und das Blut seiner Vorfahren regte, begeistert von jenem Dampf der Schlacht und des Blutes, der eine so berauschende Wirkung übt, flehte so dringend, ihn an ihrer Seite zu lassen, daß seine neuen Freunde ihm den Willen thaten.
Es war 11 Uhr, als der Kaiser bei Marschall Baraguay anlangte; er erkannte mit einem Feldherrnblick, der selbst seinem großen Onkel Ehre gemacht haben würde, auf der Stelle, daß hier die Entscheidung lag.
Die Voltigeurdivision der Garde deployirte um diese Zeit in Linie hinter dem ersten Corps; etwa 600 Schritt rückwärts derselben in Kolonnen aus der Mitte mit Divisions - (doppelter Pelotons) - Front die Grenadier-Division.
Nunmehr seiner Reserven sicher, gab der Kaiser, der sich bei den Batterien der Division Forey aufhielt, den Befehl zum entscheidenden Angriff auf Solferino.
Es war Mittag.
Die zweite Brigade (d'Alton) der Division Forey, das 91. Linien-Regiment von Peronne, und das 98. von Alenpon unter der persönlichen Führung des General Forey,
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begleitet von 4 Stücken der Reserve des ersten Corps tritt auf dem rechten Flügel zum Sturm an. Ihr Hauptziel ist die Rocca mit ihren Tod und Verderben sprühenden Batterien nebst dem südlich daran an der Straße nach Cassiano gelegenen Theil des Städtchens. Die Signalhörner geben das Zeichen, - die dichten Tirailleurschwärme des 91. Linien-Regiment gehen voran Colonel Méric de Bellefond, den Degen in der Faust - führt das Gros.
Ein wüthendes Gewehr- und Kartätschenfeuer vom Castell, vom Kirchhof, von den Mauern, welche die Weingärten von Solferino einfassen, empfängt sie. Vergeblich führen Meuriche, Moré de Pongibaud, Duchet, Breton, ihre Bataillone gegen die Höhe - der eiserne Hagel zerreißt wieder und wieder ihre Glieder; die wenigen Tirailleurs, die bis an den Fuß der Rocca gelangt sind, fallen unter den österreichischen Bayonetten - die Colonnen sind erschüttert - sie wanken - sie weichen zurück - der Angriff ist abgeschlagen.
Auf dem linken Flügel hat die Division Ladmirault den Weiler San Martino angegriffen und genommen, aber Stadion hat endlich die Brigade Koller und Gaal herangezogen und wirft sie Ladmirault entgegen. Das Regiment Este stürzt sich mit den Oguliner Gränzern die Thalränder des Redone entlang und wirft sich zwischen die Franzosen und Durando. Nur die Batterie die General Forgeot gegen sie aufführt, hält den Siegeslauf der braven Ungarn auf und treibt sie wieder zurück. Der Gemeine Carl Handler tödtet fünf Feinde, Fahnenführer
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Pataky, Hornist Gertsitz mit den Offizieren Németh, Hertzka, Haleki von Nordenhorst und Andere schlagen im Handgemenge, Schritt um Schritt nur geben sie die gewonnenen Vortheile wieder auf.
General Ladmirault stürmt aus dem Weiler, eine Kugel aus den Reihen des Regiments »Carl Ludwig« verwundet ihn - er zieht sich zurück, indeß das 52. Linien-Regiment vorzudringen sucht.
Kaum verbunden, ist der General wieder an ihrer Spitze, aber aufs Neue verwundet, muß er den Befehl dem General Negrier übergeben und sich zurückziehen.
Das mährische Regiment des Erzherzogs steht wie eine Mauer und läßt jeden Angriff abprallen; sein Oberstlieutenant Freiherr Breidbach Bürresheim, Hauptmann Fuchs, Lieutenant Göttlicher fallen beim ersten Angriff, die Hauptleute Hackel und Edler von Pichler werden verwundet, aber die Reihen wanken nicht, und eben so fest trotz der enormen Verluste stehen die Liccaner Gränzer und rächen den Tod ihres geliebten Führers des Oberstlieutenant Zagotsek von Kehlfeld.
Auch hier ist der Angriff verunglückt, auch hier ist der entscheidende Angriff der Franzosen abgeschlagen.
Es ist 1 Uhr.
Die Adjutanten des Kaisers fliegen. Die Brigade Manèque der Garde-Voltigeurs von Paris erhält den Befehl, die weichende Brigade d'Alton zu unterstützen und an ihrer rechten Flanke gegen die Rocca vorzurücken. Montboisier jagt zur Division Bazaine, dem General den Befehl zu bringen, mit den noch wenig in's Gefecht gekommenen
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Truppen zur Unterstützung Ladmiraul[t]'s vorzurücken.
Das erste Zuaven-Regiment von Golnah stellt sich unter Colonel Paulze d'Ivoy eben zum Sturme an, als der Graf an seiner Front vorüberreitet. Eine Stimme ruft ihn an.
»Valga me Dios! Lieutenant des Chapelles, Sie hier? ich glaubte Sie beim Dritten?«
»So war es Herr Graf - aber man hat mich changirt nach Magenta. Eine kleine Affaire, die unserm Colonel nicht gefiel! Wir sind avancirt zum Ersten, ich und mein Freund!«
Sergeant Fromentin, an den Löwentatzen über seiner Brust kenntlich, erwiedert finster den Gruß- des Generals.
»Jaques ist heute schlechter Laune« scherzt Armand. »Er behauptet, daß dieser Tag uns Unglück bringen werde.«
»Für Sie Lieutenant Chapelles« sagt der Bruder des Löwentödters. »Mich wird das Blut, das vor meinen Augen flimmert, endlich mit Zela vereinigen!«
Graf Montboisier hat kaum Zeit, dem jungen Offizier, der ihm in der Arba das Leben gerettet, einen Gruß, ein au revoir après la victoire! zuzurufen, als die Hörner zum Angriff blasen.
Im Sprungschritt gehen die Bataillone der Zuaven vor, gefolgt von dem 33. und 34. Linien-Regiment, den Wächtern der Bagnos von Marseille und Toulon!
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Der Graf sieht sich eilig nach dem Novizen um, der ihm gegen seinen Befehl mit der Ordonanz gefolgt ist und den er erst bemerkt hatte, als es zu spät zur Zurückweisung war. Der Feld-Gensdarm, hielt das Pferd, das Felicio geritten - aber der Sattel ist leer!
»Sacre Dieu! wo ist der junge Bursche?«
[Absatz]»Dort Monsieur! Er meinte, er sei ein zu schlechter Reiter und ließ sich nicht halten!« Er weist auf das letzte Bataillon der Zuaven, das so eben vorstürmt; - mit einem kurzen flüchtigen Blick glaubt der General den weißen österreichischen Mantel des Unbesonnenen mitten zwischen den rothen Hosen und blauen Jacken zu sehen! Es ist zu spät - er kann ihn nicht mehr hindern - sein Schicksal muß der Hand Gottes überlassen bleiben!
Der Graf schließt sich unwillig über die unbesonnene und doch so verzeihliche That dem Stabe des Generals Bazaine an, der der Attake folgt.
Man weiß nicht, welcher Dämon, welcher Feind Oesterreichs dem Feldherrn den unglücklichen Gedanken eingegeben hatte, grade in diesem Augenblick die allerdings erschöpften Corps der wichtigsten Vertheidigungs-Punkte durch andere frische ersetzen zu lassen, die erst aus ziemlich entlegener Position heran geholt werden sollten.
Denn während der französische Kaiser seine Reserven nahe zur Hand hatte, kaum Tausend Schritt von den Kämpfenden und bereit, - wie er that - sie jeden Augenblick in das Gefecht zu werfen, standen die österreichischen viel zu starken Reserven entfernt, verzettelt, nutzlos, nur für den Fall des Rückzugs vorgesehen.
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Wer bei einer Schlacht glaubt, daß er verlieren könnte, der wird immer verlieren!
Obschon die tapfern österreichischen Truppen vom 5. und 1. Corps um 1 Uhr Mittag auf allen Positionen von Solferino Sieger gewesen waren und den Sturm der französischen Colonnen abgeschlagen hatten, - obschon Louis Napoleon nur über wenige Reserven noch zu gebieten hatte, während General Schlick deren in Masse zurückhielt - freilich mußte man zu deren Mobilmachung auf dem Kampfplatz selbst sein!! - fand sich Graf Stadion veranlaßt in diesem Augenblick Solferino bis auf die Hauptpunkte des Kirchhofs, des Castells und der Rocca zu räumen, zu deren Besetzung er die Reservebrigade Festetics: das Regiment Reischach Nr. 21 - Böhmen von Czaslau! - und das 6. Bataillon Kaiser-Jäger zurückließ.
Die zurückgehenden Truppen schlugen sich auf beiden Flanken der nördlichen und südlichen Abhänge der furchtbaren Position von Solferino, nur widerwillig Schritt um Schritt weichend und noch heldenmüthig dem Ansturm widerstehend. Hier war es, wo Major Basz mit drei Compagnien des braven Regiments Culoz die Spia d'Italia vertheidigte, wo so mancher Brave und Wackere fiel.
Aber der Raum unserer Darstellung ist zu kurz für ihren Ruhm - auf der Höhe von Solferino ist der Platz des Erzählers!
Die Kaiserjäger stehen auf der Höhe vor dem Kirchhof - Reischach vertheidigt den Kirchhof und das Castell.
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Ein wüthender Ruf: En avant! en avant! schlägt aus der Tiefe herauf - die Zuaven stürmen die Höhe!
Der Colonel Paulze d'Ivoy ist mitten in der Colonne - er versucht zu Pferd den Berghang zu ersteigen. Lian, Rousseau, Lümel führen die Bataillone - Laffaille, Steinheil, Geoffre, de Chabrignac, de la Chevardièzre, Massénat stürmen an der Spitze ihrer Compagnien, Lieutenant Callet schwingt unter enthusiastischem Zuruf die Fahne - er ist einer der Ersten, der fällt; furchtbar räumen unter den Stürmenden die Kugeln der Jäger auf - aber aus den Leichen der Fallenden machen die Rasenden eine Stufe zum Vordringen - höher und höher - da fällt Berrincourt, der Lieutenant-Colonel - fünfzehn Offiziere sind im ersten Sturm gefallen - der Oberst des 34. Regiments ist durch den Kopf geschossen - die Sturmkolonnen weichen, sie drängen zurück - der Sturm ist abgeschlagen.
General Bazaine sprengt wüthend herbei. Seid Ihr die Männer von Afrika? Pfui der Schmach! Vorwärts General Gose!
Die Hörner blasen - die Trommeln wirbeln, die Zuaven, die Touloneser und Marseiller stürzen sich zum zweiten Mal in das furchtbare Kreuzfeuer der Raketen und Granaten vom Kirchhof und der Rocca.
Vergeblich - Ströme von Blut tränken die Erde - der Fuß gleitet auf den Leichen!
Die Jäger schlagen sich wie Männer von Erz - das Gesicht geschwärzt vom Pulverdampf, die Kehle zu trocken selbst zum heisern Wuth- oder Todesschrei - die
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Büchsenläufe bereits glühend von Schuß auf Schuß! die Oberjäger Draxl, Schupfer, Bernhart, die Zugführer Unterkirchen, Gropper, Posch, Grünfelder. March, Keßler fechten wie die leibhaftigen Teufel, Hornist Wucherer wird das Horn am Munde zerschmettert: er greift nach der Büchse des nächsten Todten! - Wie hier die Jäger, schlagen sich am Kastell die Böhmen und werfen den zweiten Sturm am Kirchhof mit dem Bayonnet zurück.
In der Mitte des zweiten Bataillons als attachirter Offizier kämpft der Lieutenant Friedrich v. Röbel. Sein Bruder Otto ist neben ihm. Eine Kugel zerschmettert den rechten Arm des Offiziers - er läßt sich von dem Bruder ein Tuch um den Nacken schlingen, und den Degen mit der Linken schwingend, ermuntert er die wackern Böhmen zum Widerstand.
Hauptmann Hafner von den Jägern, Lieutenant Prinz Solms und Wurzelhofer sind verwundet, aber zum zweiten Mal sind die Franzosen zurückgeworfen, ja die Oesterreicher haben eine Abtheilung Zuaven abgeschnitten und zu Gefangenen gemacht.
Unter diesen Gefangenen befindet sich ein Ueberläufer - ein junger Mensch im österreichischen Militär-Mantel, der mit einem Säbel in der Hand, mitten unter den Stürmenden gefochten und einer der Vordersten war. Nur mit Mühe haben die Offiziere ihn vermocht, vor der Erbitterung ihrer Soldaten zu schützen, daß er nicht auf der Stelle niedergestoßen wurde. Blutend, mißhandelt, gebunden, wird er zurückgeschleppt - ein anderes Schicksal soll ihm werden, als ehrlicher Soldatentod.
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Montboisier sucht vergeblich unter den geschmolzenen Bataillonen des ersten Zuaven-Regiments nach seinem unvorsichtigen Schützling.
Eine kurze Pause des Kampfes entsteht - dann ist es, als ob die Höhen Solferinos erbebten von dem furchtbaren Eisenhagel, der gegen sie schlägt.
Marschall Baraguay hat auf 400 Schritt vom Kirchhof eine Batterie von 6 Geschützen auffahren lassen, um Bresche in seine Mauern zu schießen. Zugleich haben alle in der Nähe befindlichen Batterien, auch die Bergatillerie der Division Ladmirault Befehl erhalten, ihr Feuer zu concentriren. Es ist, als ob die Hölle all' ihre Flammen spiee auf den kleinen Friedhof, als sollten die Todten aus ihren Gräbern gerissen werden! Das Thor fliegt in Stücken - die Mauer bricht zusammen - dann bläst das Zuavenhorn sein eintöniges Signal, die Trommeln wirbeln zum Sturm - die Linien formiren sich - »En avant! en avant! Vive l'Empereur!«
Eine Wolke von Rauch, Feuer, Staub, Geschrei, Todesächzen verschlingt Freund und Feind! - - -


Reischach Infanterie schlägt sich am Castel - Lindenberg, Weyracher von Weidenstrauch, Czappuk, Fellner von Feldegg kommandiren - sechs Offiziere decken bereits mit ihren Leibern den Rasen, - Führer Schenk und Korporal Spaczek, die Feldwebel Eschladt, Grünhut, Pollak, die Grenadiere Alexa, Jerzabec, Lancarevic kämpfen mit Todesverachtung im dichtesten Feuer. Unten bei San Martino unterstützt Hauptmann Zaremba
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die 24. Jäger-Compagnie, die Tapfern halten noch immer die Häuser und nehmen, vertrieben, sie stets mit dem Bayonnet aufs Neue.
In dem Hofraum des Castells hat der Oberarzt Dr. Hlavac seine blutige Werkstatt errichtet und arbeitete mit den aufgestreiften Aermeln mit Messer und Säge - während ringsumher die Verwundeten und Sterbenden am Boden lagen, bis die Reihe des Verbandes an sie kam. Dazu schlugen Schlag auf Schlag die französischen Granaten und Vollkugeln in die Mauern des Castells oder spritzten im Zerspringen ihren Eisenhagel umher.
Unter diesen blutigen Reihen, unter den Leidenden, Fluchenden und Jammernden bewegt sich, gleich einem Wesen aus andern Regionen, ein Bild der Barmherzigkeit und Liebe, ein junges schönes Mädchen umher, unermüdlich vom Brunnen in ihrem Steinkrug Wasser holend und die Verwundeten damit labend, - denn ein Trunk Wasser ist nach der Erfahrung dasjenige, was der von Kugel und Bayonnet Zerrissene am meisten begehrt. Unbekümmert um die Gefahr übt sie ihr Werk aufopfernder Menschenliebe und der letzte Hauch des Sterbenden segnet die Hand, die ihn noch einmal gelabt.
Jetzt tritt sie zu einer Gruppe - ein junger Offizier, dem das Blut aus einer leichten Stirnwunde über das traurige schöne Gesicht läuft, mit einer schweren Thräne sich mischend, kniet am Boden neben einem Anderen, den er im Arm hält; - selbst ihr unerfahrenes Auge belehrt sie, daß hier kein Arzt mehr helfen kann.
Sein rechter Arm ist zerschmettert, ein Säbelhieb klafft
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über die Stirn, aus einer Bayonnetwunde in der Seite strömt bei jedem Athemzug eine schwarze Blutwelle.
»Signor« sagt das Mädchen, indem Thränen ihre Augen feuchten, - »wollen Sie Wasser? Es ist das Einzige, was ich Ihnen zu bieten vermag.«
Der junge Offizier sieht empor und in das freundliche Gesicht des Mädchens. »Ich danke Ihnen Signora - aber ich fürchte, mein armer Bruder bedarf bald keiner Hilfe mehr!«
»So erlauben Sie wenigstens, daß ich ein Tuch um Ihre Stirn binde, bis der Doktor Zeit hat - Sie sind ebenfalls verwundet!«
Er winkt dankend und abwehrend mit der Hand. Der Sterbende hat die Augen aufgeschlagen, sein Blick, seine unzerschmetternde Hand suchen ihn - seine Lippe bewegt sich -
»Otto - Bruder Otto!«
Der junge Mann beugt sich zu ihm. »Armer Friedrich! Sprich - wie fühlst Du dich? Fasse Muth - es ist noch Hilfe ...«
Ein freudiges Lächeln gleitet über das blasse blutige Gesicht, das erste seit vielen Tagen. »Mir ist geholfen, Bruder! Kannst Du wirklich mir Anderes wünschen? Grüße die Mutter, Rosamunden - den Vater! Sage ihm ...«
»O Friedrich!«
»Sage ihm, das Blut eines Röbel hätte den Steckbrief ausgelöscht - ich fühle es - der Sterbende ist wieder sein Sohn! - - -«
»Denke an Gott und an den seinen, Fritz.«
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»Ich denke an ihn - sein Blut ist für uns Alle vergossen und er wird mir barmherzig sein, weil ich das meine hingab zur Sühnung der Schuld. Otto, mein Bruder - Deine Hand - es wird Nacht - Nacht - der Vater - ein Röbel - Preußen - Preußen!«
Sein Haupt sinkt hinten über - das Auge starrte unbeweglich - er war todt!
Minutenlang hörte der Bruder, der des Bruders Leiche im Arm hielt, Nichts von dem furchtbaren Lärmen, der Verwirrung umher, dem Toben des Kampfes, den Commandoworten, die den Rückzug befahlen.
Zwei - drei Salven - dann donnerte der Ruf »Vive la France! Vive l'Empereur!« an den Mauern des Castells!
»Fort Kamerad - kommen Sie mit uns! Der Feind dringt ein!« Er schüttelte die Hand unwillig von sich, die sich in freundlicher Warnung auf seine Schulter gelegt.
»Was kümmert mich Ihr Streit? ich habe über einen Todten zu wachen!«
»Hierher Lieutenand[Lieutenant] Nowotny - lassen Sie zum Teufel diese Preußen!« Der wackere Adjutant folgte dem Befehl - im nächsten Augenblick jubelte der Siegesruf der Zuaven innerhalb des Gehöftes, wie ein Strom unaufhaltbar, brüllend, brausend in seiner entfesselten Wuth stürzte die Masse der Rothhosen von Golnah in den weiten Hofraum.
»Halt! - Kehrt! - Schlagt an! - Feuer!«
Der Eisenhagel rasselte über den Hof! - Ein wilder Schmerzensruf, denn die österreichischen Kugeln hatten fast
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auf Pistolenschußweite in die dicht gedrängte Schaar geschlagen - dann stürzte, was lebte, mit dem wilden Tigersprung über die Fließen des Hofes, und das Bayonnet verrichtete sein Werk, während neue und neue Schaaren nachdrängten. »En avant! en avant!«
»Sind Sie Männer oder rasende Thiere? Morden Sie Weiber und Verwundete?« Der junge Preuße hielt jetzt nicht mehr die Leiche seines Bruders, er hielt ein halb bewußtloses Weib im Arm, und schlug mit dem Säbel die Haubayonnete der Rasenden zurück, die ihn und sie bedrohten.
»Arretez barbares! - Halte là! - Rendez vous, Monsieur!«
Der Säbel eines jungen Zuaven-Offiziers schlug die Gewehre zurück - es war zu spät, das breitezum Stoß erhobene Bayonnet des wildwüthigen Sergeanten, der hinter ihm war, blitzte im Sonnenstrahl - der Lieutenant warf sich vor die Gefährdete - und die Klinge begrub sich in seine eigene Brust.
Der That folgte eine Pause des Entsetzens - dies allein rettete wohl das Leben des Preußen.
Dann erfolgte ein wilder gellender Schrei! »Armand! Barmherziger Gott - Armand, was ist geschehen?«
Der junge Offizier stützte sich wankend auf seinen Säbel, indem er die Linke auf die Wunde preßte, aus der das Blut in Strömen drang.
»Ruhig Jacques - es ist nicht Deine Schuld - ein Tod von Freundeshand!«
Er sank langsam in die Knie.
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Jacques Fromentin, der Zuaven-Sergeant, hatte sein Gewehr zu Boden fallen lassen, er stand - die Hände im Entsetzen von sich gestreckt - gleich einer Bildsäule des Schreckens da.
»Das ist das Blut! das ist das Blut vor meinen Augen! zu Hilfe, er stirbt! Armand, mein Freund, mein Bruder, ich der Unselige, der sein Leben tausend Mal für Dich gelassen hätte, habe Dich gemordet!«
Commandant Rousseau war herangekommen - die rauhen Krieger, die Männer in zehn Schlachten, in jahrelangen blutigen Kämpfen gebräunt, machten ihm Platz. Otto von Röbel übergab ihm seinen Säbel. »Dieser Brave« sagte er, »hat in unserer Vertheidigung die Wunde empfangen. Vielleicht ist noch Hilfe möglich, ich sehe dort ist einer unserer Aerzte zurückgeblieben, ich bitte Sie um Erlaubniß, ihn herbei zu holen.«
Er hatte das Mädchen sanft auf den Boden niedergelassen, wo sie neben dem Verwundeten auf den Knien lag. Ihr gegenüber kniete jetzt starr und stumm der unglückliche Sergeant.
Nur der Verwundete allein schien heiter und ruhig. »Erkennen Sie mich, Signora?« frug er.
Sie schüttelte weinend den Kopf, Pulverdampf und Schmutz hatten sein Gesicht zur Unkenntlichkeit entstellt.
Der junge Franzose hielt ihr seine Hand entgegen - am Ringfinger blitzte unheimlich ein kostbares Juwel - der schwarze Diamant19 Aniella's - des Mohren.
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Sie schrak zurück. »Heilige Madonna, dann sind Sie der Offizier, der in Magenta meine Ehre rettete? Das ist der Ring, den Fra Pancraz, der Bettelmönch, wie er sagte gefunden, und meinem Oheim für zwei Bottiglias Wein verkaufte!«
»Nehmen Sie ihn wieder, Signora - zum Andenken an mich, und daß es mir vergönnt war, Ihnen zwei Mal einen Dienst zu leisten! - Dank mein Herr« - er wandte sich zu dem österreichischen Oberarzt, der seine Wunde zu untersuchen begann - »aber Ihre Hilfe ist hier vergeblich - ich fühle, daß mein Leben mit diesem Blute verrinnt. Wie viel Zeit noch, Monsieur? ich bin ein Mann!«
»Es thut mir leid, Ihnen rathen zu müssen, Ihre Angelegenheiten zu ordnen - ich fürchte, Sie haben bei dieser innerlichen Verblutung kaum eine Stunde noch zu leben.«
Die Gleichgültigkeit des österreichischen Arztes gegen das Leben eines Franzosen entsprach der feindlichen Stellung der beiden Nationen und der gewöhnlichen Rücksichtslosigkeit der Militairärzte. Dennoch machte der Ausspruch auf die Zeugen der Scene einen peinlichen Eindruck.
Das junge Mädchen schrie laut auf. »Heilige Jungfrau! Sie dürfen nicht sterben! Meine Gebete sollen Sie zurückhalten! Ich habe immer an Sie gedacht, mein Freund! O sagen Sie mir, daß Sie nicht sterben werden!«
Ihre Thränen überströmten die Hand des Verwundeten, indeß sich der weite Hof des Castells immer dichter und dichter mit den Schaaren der Stürmenden füllte und
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der Kampf schon weit darüber hinaus am Fuß der Rocca sich fortzog.
In diesem Augenblick ritt der Marschall in den Hof, begleitet von dem Stabe, und hielt einen Augenblick bei der Gruppe um den Sterbenden.
Montboisier, der ihn begleitete, war vom Pferde gesprungen und hielt die Hand des Verwundeten.
»Ist dies der Offizier« frug der Marschall, »der zuerst in das Castell eingedrungen ist?«
»Ja Monsieur - Sergeant Fromentin zuerst, der Lieutenant mit ihm!«
»Und der arme Bursche ist nicht mehr zu retten?« Ein Achselzucken war die Antwort.
»Dann - im Namen des Kaisers! - nehmen Sie dies mit auf den Weg, den wir Alle gehen!« Er hatte das Kreuz von seiner Brust gehakt und warf es auf den Blutenden, der es mit verklärter Miene auffing. »Vorwärts Messieurs - wir dürfen den Oesterreichern keine Ruhe gönnen, bis sie wieder jenseits des Mincio sind!«
Er ritt, ohne auch nur einen zweiten Blick des Bedauerns zurück zu werfen, dem vorderen Ausgang nach dem Städtchen zu, in dessen Straßen man sich noch immer schlug.
»Mein armer junger Freund« sagte Montboisier, der zurückgeblieben war, »ich hoffte auf ein glücklicheres Wiedersehen!«
»Und nennen dies Sie nicht ein solches? Ich sterbe in der Stunde des Sieges, geschmückt mit dem Kreuz, an meiner Seite Freunde und eine Dame, für die ich gern
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mein Blut gegeben, und selbst der Schmerz der Todeswunde ist ein leichterer, da ich sie von Freundes Hand empfing. Können Sie einem Mann einen schöneren Tod wünschen?«
Der Graf und Alle umher schwiegen, nur das Schluchzen des Mädchens unterbrach die Stille.
»Jacques, mein Freund ...« murmelte der Sterbende.
»Hier Armand, hier!«
»Tröste meinen Vater und bitte ihn um Vergebung für den vielen Kummer, den ich ihm gemacht. - Ich - gehe - zu Deinem Bruder - das Kreuz - es lebe - der Kaiser!«
Ein Blutstrom stürzte aus seinem Munde, die jungen kräftigen Glieder zuckten - - -
»Er hat es überstanden« sagte kalt der Arzt. »Geben Sie ihm ein Gebet und ein Grab, Signora, das ist Alles, was Sie für ihn thun können! Muß ich mich als Gefangener betrachten Monsieur? ich bin ein Arzt und aus Menschenpflicht zurückgeblieben.«
Montboisier zuckte die Achseln. »Ich muß Sie an den kommandirenden Offizier verweisen, ich gehöre nur zum Stab. Aber Sie werden die traurigen Gewohnheiten des Krieges kennen.«
Der österreichische Doktor packte sein Verbandetui zusammen. »Dann lassen Sie gefälligst die französischen Aerzte kommen, ich habe hier Nichts mehr zu thun.«
Der Graf wollte weiter reiten, als eine Hand sich auf seinen Sattelknopf legte.
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»Verzeihen Sie, wenn ich eine kurze Bekanntschaft in Paris geltend mache« sagte der junge Preuße. »Mein Name ist Otto von Röbel.«
»Monsieur de Reuble!? Valga me Dios! Das ist ein glücklicher Fund. Willkommen Herr, selbst in dieser traurigen Umgebung! Wie wird Major Laforgne erfreut sein, Sie wieder zu sehen, und auch eine andere Person ...«
»Laforgne?« unterbrach ihn der Preuße. »Wo ist er?«
»Ich habe ihn beim Stabe des Kaisers zurückgelassen. Ich will Sie sogleich zu ihm schicken, denn Sie sind ja doch, wessen ich mich sehr freue, unser Gefangener, und daß diese Fessel Sie nicht allzusehr drücken soll, dafür lassen Sie mich und gewisse andere Personen sorgen.«
»Ich erkenne ganz Ihre große Güte an, Herr Graf,« sagte der junge Mann, »aber ich habe eine heilige Pflicht zu erfüllen, für die ich jene allein in Anspruch nehme. Mein Bruder Friedrich ...«
»Was ist mit ihm? ich erinnere mich seiner sehr genau.«
»Sie sind zu spät gekommen, um ihm noch einmal die Hand zu reichen, wie jenem jungen Franzosen. Sehen Sie dahin und ich bitte Sie, Ihren Einfluß geltend zu machen, daß ich ihn nicht zu verlassen brauche.«
»Todt? o wie bedauere ich ihn!«
»Bedauern Sie ihn nicht. Herr Graf« sagte erschüttert der Preuße, »er ist einen so glücklichen Tod gestorben,
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wie Ihr junger Landsmann dort, einen Tod mit Ehren!«
Und da lagen sie in der That Beide, der Franzose und der Preuße, beide fern vom Vaterlande und Kämpfer für eine fremde Sache, jetzt beide friedlich vereinigt, denn der große Gleichmacher auf Erden, jene furchtbare Erbschaft unseres Daseins, hatte auch hier jeden Kampf und Zwiespalt geendet.
Die Hand des Sergeanten Jacques Fromentin hatte die beiden Leichen auf einen Wink des Mädchens neben einander gelegt - seine Farbe war noch bleicher, wie die der Todten, sein Auge starr und trocken - es giebt Schmerzen und Leiden, die über den Thränen stehen. Die österreichischen Kugeln hatten ihn verschmäht, der blutige Flor, der seine Augen geblendet, hatte eine schrecklichere Bedeutung gehabt, als den eigenen Tod. Während seine Kameraden den Sieg verfolgten, blieb er zurück - ein stummer Wächter des todten Freundes, den seine eigene Hand erschlagen!


Der weitere Verlauf der Schlacht, nachdem das österreichische Centrum durchbrochen und genommen war, theilt sich gleichfalls in drei Phasen - den bis zum letzten Augenblick siegreichen Kampf auf dem nördlichen Terrain um Pozzolengo, den mißlungenen Versuch eines Vorstoßes auf der Ebene gegen den rechten französischen Flügel und den allgemeinen Rückzug.
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Wir werden uns möglichst kurz fassen, da den nicht militärischen Leser Berichte von Schlachten nur ermüden, sobald er nicht den Schicksalen der einzelnen Gestalten darin folgen kann, die vielleicht sein Interesse gewonnen haben.
Während die Brigade Bazaine den Kirchhof, die Rocca und die Nordseite von Solferino nahm, hatte die Brigade Manèque, unterstützt von der Division Forey unter dem Schutz der Artillerie die Südseite genommen; es war etwa 2\frac12 Uhr, als das V. österreichische Corps (Stadion) seinen Rückzug gegen Contrada Mescolaro und Pozzolengo antrat.
Zur selben Zeit hatte der Herzog von Magenta das Dorf und die Höhen von San Cassiano erstürmt, die von dem I. Corps (Clam Gallas) nur noch schwach besetzt waren, auf denen aber einzelne Bataillone - verlassen und ohne Unterstützung, - noch einen heldenmüthigen Widerstand leisteten. Hier fielen unter den Kugeln und Bayonneten der algier'schen Tirailleurs der tapfere Kommandant des Regiments »Erzherzog Ernst« Osmolski von Boncza, Hauptmann Nachtmann von den 14. Feldjägern, Major Kozell und Hauptmann Hein von Wasa-Infanterie, während Oberst von Mariassy verwundet wurde und Major von Dobrovollny, die Hauptleute Baron Schnehen und Graf Strachwitz in Gefangenschaft geriethen, in der das 33. französische Linien-Regiment bald dem tapfern Major die letzte Ehre erwies. Auch Graf Thun-Infanterie, die mit Bataillonen der Regimenter »Wimpffen« und »Leopold« und einer Schwadron
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»Haller-Husaren« noch mannhaft an einzelnen Punkten Widerstand leistete, erlitt schwere Verluste. Das Regiment war erst um 2 Uhr Morgens in die Reserve-Stellung bei Cavriana eingerückt und hatte sich todtmüde an dem Wege niedergeworfen, um abzukochen. Kaum brodelten Fleisch und Reis, als die Trommeln wirbelten. Die Menage wurde ausgeschüttet und fort gings nach den Höhen. Hauptmann Edler von Mainoni und Oberlieutenant Fischer fielen im Kampf, Berg von Falkenburg wurde schwer verwundet aus dem Feuer getragen, sein Verwandter der Oberstlieutenant dieses Namens und die Hauptleute von Leinner und Graf Thurn wurden gefangen.
Der Weg nach Cavriana war geöffnet und der Kaiser befehligte das II., I. Corps und die Garde zur Verfolgung, während das österreichische Centrum vollständig desorganisirt und die Truppen des V., III. und I. Corps bunt durcheinander gewürfelt waren.
Während so das Centrum gesprengt und geworfen sich erwies, war dies keinesfalls auf dem linken Flügel, der ersten Armee unter Feldzeugmeister Wimpffen, der Fall.
Aber leider war auch hier wieder jeder Angriff vereinzelt und ohne Unterstützung.
Der Kaiser Franz Joseph war gegen 10 Uhr von Volta nach der Höhe von Cavriana geritten, wo er bis zum Rückzug oft im schwersten Kanonenfeuer blieb. Hier erst erkannte er - was General-Major Ramming, der Faiseur der ganzen Leitung, so lange geläugnet hatte, - daß es sich um eine allgemeine große Schlacht handelte. Der Kaiser erließ daher um \frac1212 Uhr an den
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Feldzeugmeister den Befehl nach Guidizzolo, die frühere Marschdisposition nach Carpenedolo aufzugeben und auf der großen Straße gegen Castiglione vorzugehen, um so die französische Aufstellung zu durchbrechen und dem Centrum bei Solferino Luft zu schaffen.
Der Plan war gewiß vortrefflich, aber die Ausführung scheiterte an der Zersplitterung der Corps und den Einzelkämpfen.
Man schlug sich bei Rebecco, bei Balle, bei Casa Nova - man hinderte zwar mit großem eigenen Verlust General Niel, nach Guidizzolo zu dringen und hielt Mac Mahon im Schach, aber man kam selbst nicht vorwärts.
Rebecco wurde wiederholt genommen und eben so oft verloren. Endlich um 2 Uhr setzte ein Angriff der Division Luczy und des 73. Regiments die Franzosen in den schließlichen Besitz des so blutig vertheidigten Ortes und trieb die Oesterreicher, das III. (Schwarzenberg) und IX. Corps (Schaffgotsche) mit den Brigaden Dobrzenski und Host vom XI. (Weigl) zurück. Um diese Zeit endlich - 3 Uhr - entschloß sich Marschall Canrobert, die Division Renault und die Brigade Bataille zur Unterstützung Niels vorgehen zu lassen und sofort ging dieser französische Heerführer zum Angriff gegen Guidizzolo vor. -
Hier war es, wo Oberst Mumb von Mühlheim, der Commandant des Regiments Hessen-Infanterie, sich den feindlichen Colonnen mit todesverachtender Tapferkeit entgegenwarf und den Heldentod fand. Aus dem dichtesten
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Kampfgewühl trug seine Mannschaften wenigstens die Leiche ihres Führers zurück!
Hier war es, wo das wackere Regiment Khevenhüller - Böhmen - die wüthenden Angriffe der französischen Cavalerie unter dem furchtbarsten Feuer zurückwarf, wo Oberlieutenant Ruczicka einen französischen Oberst und vier Cavaleristen gefangen nahm, wo Oberstlieutenant Zamagna fiel und der achtunddreißigjährige Oberst des Regiments, Fürst Karl zu Windischgrätz, der Neffe und Schwiegersohn des alten Feldmarschalls, fünf Mal an der Spitze seiner Grenadiere gegen die sie umgebende Mauer der Zuaven und Cavalerie stürmend, den Tod als Held fand.
Hier war es, wo ein einfacher Führer des Infanterie-Regiments »König von Hannover« - Plescher mit Namen, obschon selbst schwer verwundet, seinen durch eine Kanonenkugel geblendeten Oberlieutenant Meichelbök vor der Gefangenschaft rettete.
Doch was nützen die blutigen Opfer, die Heldenthaten der Einzelnen, wenn das unerbitterliche Geschick die eherne Waage senkt!
All' dieser Aufopferung gelang es nur, den Angriff der sechs Bataillone von der Division Luczy und de Failly aufzuhalten, nachdem sie bis zu den ersten Häusern von Guidizzolo vorgedrungen waren. Die frischen Truppen der Brigade Bataille, das 43. und 44. Linien-Regiment und das 19. Fußjäger-Bataillon waren jetzt von Medole herangekommen und General Trochu führte um 4 Uhr sie zum neuen Sturm gegen Guidizzolo, während Prinz Alexander von Hessen, mit den letzten intacten Truppen der
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Oestereicher, den Brigaden Wussin und Gablenz von Cavriana her noch einen letzten Stoß beabsichtigend, den günstigen Augenblick verpaßte und sich darauf beschränken mußte, den Rückzug der ersten Armee zu decken.
Da endlich mischte sich der Donner Gottes in den Donner der Menschen und sprach: Verstumme!
Die deutsche Feder weigert sich, vom Schlachtfelde zu scheiden, ohne einen deutschen Sieg zu beschreiben. Aber sie kann allein ihn an diesem Tage auf den Höhen von San Martino und Pozzolengo suchen!
Wir haben die Darstellung des Gefechts zwischen dem VIII. österreichischen Corps und den Piemontesen auf dem nördlichen Theil des Schlachtfeldes abgebrochen, als die Erschöpfung beider Theile nach dem Kampf um die Höhe San Martino einen Stillstand der Feindseligkeiten herbeigeführt hatte.
General Mollard war nach dem Rückzug der Division Cucchiari auf seine eigene Division beschränkt geblieben, und hielt sich an dem Knotenpunkt der Eisenbahn und der Strada Lugana, bis der König ihm die Brigade Alosta zu Hilfe sandte und der Division Cucchiari befahl, aufs Neue vorzurücken. Mollard versuchte nunmehr, - gegen 4 Uhr - vom Val di Sole her die Stellung bei San Martino auf's Neue anzugreifen. Aber trotz ihrer Uebermacht vermochten die Piemontesen kaum bis zur Hälfte der Höhe vorzudringen. Major von Stransky, der wackere Commandant des 4. Bataillons vom Regiment »König der Belgier« machte es durch seinen kühnen Flanken-Angriff der Brigade Reichlin möglich, den weit überlegenen Feind
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in die Flucht zu jagen; Oberlieutenant Rumpold mit der Fahne in der Hand führte seine tapfern Steyrer in den Kampf, Cadetfeldwebel Müller, zwei Mal von dem heftigen Feuer zurückgeworfen, führt seine Abtheilung mit dem Ruf: »Steyrer, mir nach!« gegen die Piemontesen und macht zahlreiche Gefangene, Hauptmann Lohr vom gleichen Bataillon erstürmt mit seiner Division ein vom Feinde stark besetztes Haus und halt es gegen jeden Andrang,
Schon während dieses Kampfes war eine drückende Schwere in der Luft eingetreten, der Himmel hatte das heitere Blau verloren, das so lieblich und friedlich bisher über dem Morden der Menschen gelächelt, und die Sonne, welche die Ströme von Blut gesehen, verbarg sich hinter dem Nebel.
Von den Alpen her, über den See, rauschte der Sturm mit grimmigem Fittich!
Ein Donnerschlag durchbebte die Luft - in Feuerflammen schien rings der Horizont zu stehen, Schlag auf Schlag machte die Erde beben und zitternd, beschämt von dem Donner des Allmächtigen ließen die winzigen Menschen ihre Kanonen schweigen und bargen sich vor dem Zorn des Herrn, der in den Wettern daherrauschte und in den Fluthen des Himmels niederströmte.
Auf allen Stellen des weiten Schlachtfeldes ruhte der Kampf!
Feldmarschalllieutenant Benedek hatte bereits seit einer Stunde den Befehl des General Schlick erhalten, das Gefecht abzubrechen und sich auf Peschiera zurückzuziehen.
Unter den Donnern des Himmels sandte der
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Feldmarschall-Lieutenant seine Adjutanten an die einzelnen Bataillone, den Rückzug anzuordnen.
Wie der Löwe der Wüste sich vor der Meute der feigen Araber zurückzieht, Schritt um Schritt, das Auge gegen sie gewendet, wenn er die Mähne schüttelt oder die Tatze hebt, die klaffende Meute weit zurückscheuchend, - so zogen sich die Regimenter und Bataillone unter dem Feuer des Himmels langsam gegen Pozzolengo.
Damals war es, wo vier Tapfere vom Regiment Rainer sich eine Viertelstunde lang hinter einer Barrikade von Leichen gegen die zehnfache Uebermacht der Bersaglieri vertheidigten.
Damals geschah es, daß der Feldwebel Johann Brunner von »König der Belgier«, bemerkend, daß die Piemontesen eine der zurückgelassenen vier Kanonen eben vernageln, mit seinem Zuge den Feind stürmt, und das Geschütz zurückführt.
Noch im Dunkel wirft Benedek die Brigade Waterfliet vor Pozzolengo, das bereits von den Kugeln der von Solferino her nachdrängenden Franzosen beworfen wird: das Regiment Prohaska und das zweite Bataillon Kaiserjäger der Verfolgung entgegen.
Ein Preuße - der - wie der Bericht der Wiener Militair-Zeitung ihn mit dem charakteristischen tyroler Ausdruck bezeichnet: »schneidige« Major von Jena - der Held von Düppel - greift mit dem Grenadier-Bataillon und zwei Geschützen über Ceresa gegen den Eisenbahndamm hin die Piemontesen an und wirft sie drei Mal mit dem Bayonnet zurück, so der Brigade Philippovic
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Zeit zum Rückzug und zur Salvirung aller Geschütze gebend.
Bis halb eilf Uhr Nachts hält das Regiment Prohaska die Stellung auf der Höhe von Bacoli und die Straße von Pozzolengo nach Peschiera; bis 11 Uhr Nachts weicht das zweite Bataillon Kaiserjäger nicht von dem Eingang Pozzolengo's, bis der letzte Mann aufgenommen, der letzte Verwundete fortgeschafft ist. Hier rettet der Jäger Joseph Lutz seinen schwerverwundeten Hauptmann Breitbach von der Gefangenschaft, indem er ihn auf seinen Schultern aus dem Hagel der Kugeln trägt!
Es war 9 Uhr, als Benedek selbst Pozzolengo verließ - am Ausgang des Orts hindert ihn die dichtverfahrene Colonne der Wagen, seinen Weg fortzusetzen, und er weicht zur Seite aus über das Gelände. Da fällt sein Blick auf eine Gruppe, die seine Aufmerksamkeit erregt. Es ist ein umgestürzter Marketender-Wagen, um den die wilden Gestalten der Liccaner und Oguliner sich im Kreise gesammelt. Neben dem Pferde, das von einer springenden Granate zerrissen am Boden liegt, ruht eine merkwürdige Gestalt im rothen Serassaner-Mantel, ein Greis mit langem weißen Schnauzbart, das goldene Ehrenkreuz auf der Brust, die von einem Splitter der Granate schwer getroffen ist. Beide Füße fehlten ihn[ihm] - es ist Boghitschewitsch der alte Serassaner-Korporal vom Sturm von Wien.
Seine beiden Nichten sind weinend um ihn beschäftigt, ein Feldscheer will seine Wunde verbinden, aber der alte Kopfabschneider will Nichts davon hören.
»Baszom!Baszom! is sich Zeit zu gehen für alten Kerl wie
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ich bin. Verflüchtige Franzosenkugel ist mein Tod. Heult nicht, Weibsbilder einfältige, als ob der Boghitschewitsch anders sterben könnte, als für Kaiser seinigten in der Schlacht!«
Der Feldmarschalllieutenant ist herangeritten. Er erkennt den alten Krieger, mit dem er oft genug zusammengetroffen.
»He Kamerad, wie geht Dir's? Du bist verwundet? ich hoffe, nicht gefährlich. Ich werde Befehl geben, für Dich Sorge zu tragen, damit Du nicht zurückgelassen wirst.«
Der alte Seressaner lachte, die noch immer weißen festen Zähne weisend. »Grüß Dich Gott Excellenz! Der Boghitschewitsch freut sich, daß Du glücklich davon gekommen, aber mit ihm ist sich's aus. Er wird bleiben auf Fleck diesem.«
»Es thut mir's Leid Kamerad, das zu hören. Aber es ist Soldatenloos, wir Alle müssen darauf gefaßt sein! Ein Trost für Dich mag es sein, daß - wenn auch die andern Corps kein Glück gehabt haben, - das unsere wenigstens tüchtig den Feind geklopft hat!«
»Den Feind? Welchen Excellenz? Sag es dem Boghitschewitsch, er war doch nicht bei dem Corps Deinigten!«
»Den König von Sardinien, dem wir es Alle am meisten gönnen!«
»Den König?! - Ist sich gut Excellenz! Aber höre das Wort von Sterbendem. Sieht sich das Auge weit fort, fort in die Zeit, wenn es sich will schließen für immer. Hat der Boghitschewitsch doch das zweite Gesicht!
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Hüte Dich vor dem König Excellenz! hüt' Dich vor dem König! - dem König geräths! - Wird schlimme Zeit kommen für Oesterreich und Blut wird fließen gleich Strom, während hier ist der Bach! Leb wohl Excellenz, leb wohl!«
Der alte Seressaner legte sich zur Seite und zerrte den rothen Mantel über den Kopf, gleich als wollte er mit sich allein sein.
Der Feldmarschall-Lieutenant wendete kurz sein Pferd und ritt in ernster Stimmung, von seinen Adjutanten gefolgt, weiter. - - -


Auch in der Ebene war der Erfolg der Franzosen keineswegs so weitgreifend, als es im ersten Augenblick geschienen. Die zweite österreichische Armee behauptete mit den Brigaden Wussen und Fleischhacker nach dem Gewittersturm die Stellung bei Madonna della Pieve und eine Raketen-Batterie warf die aus Cavriana debouchirenden Voltigeurs zurück. - Die gänzlich erschöpften Franzosen versuchten keinen weiteren Angriff. Die Brigade Gablenz als Arrieregarde verließ erst spät am Abend dies Terrain, blieb in Volta bis zum Morgen stehen und ging dann erst bei Ferri hinter den Mincio zurück.
Auch die Arrieregarde der Ersten Armee hielt Guidizzolo bis 10 Uhr Abends besetzt und trat dann erst ihren Rückzug an, ohne verfolgt zu werden.
Das Hauptquartier der II. Armee etablirte sich spät Abends in Valeggio, das der I. in Goito, das Kaiserliche Hauptquartier in Villafranca.
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Die Franzosen und Piemontesen bivouacquirten die Nacht überall auf dem Kampfplatz, der Kaiser Napoleon brachte sie in Cavriana zu.
Der Verlust war auf beiden Seiten sehr groß, die Oesterreicher zählten an Todten, Verwundeten und Vermißten 4 Generale20, 630 Offiziere und 19,311 Mann, (davon 6,890 vermißt) und verloren 19 Geschütze, davon 6 ganz demolirt. Eine Fahne fiel in Feindes Hand.
Die Sardinier gaben sehr bescheiden ihre Verluste auf 216 Offiziere21 und 5,305 Mann, die Franzosen an Todten und Verwundeten auf 720 Offiziere22 und 12,000 Mann an.
Die Verluste der Alliirten an Todten und Verwundeten waren also bedeutend stärker. -
Das war der Tag von Solferino!


Im Kanonenfeuer von Cavriana hatte der Kaiser Franz Joseph gegen 3 Uhr die schriftliche Meldung des Grafen Wimpffen empfangen, daß derselbe die Schlacht verloren gab und seine Corps den Rückzug antreten ließ.
Der junge Kaiser war auf's Tiefste bewegt, obschon er keinen Augenblick seine ruhige Haltung verlor.
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Nachdem er die Befehle zum Rückzuge der beiden Armeen gegeben[,] ritt er von Volta nach Valeggio, und übernahm hier persönlich die Leitung der Maßregeln zur Deckung des Rückzugs, indem er sogleich alle noch kampffähigen Leute, namentlich die Versprengten des I. Corps und die schwachen Reste einiger Bataillone von Clam Gallas sammeln ließ, um die Brücke zu vertheidigen. Dieselbe wurde verbarrikadirt und der Bergrücken mit Geschützen aus der Artillerie-Reserve versehen, um den Uebergang zu verhindern.
Wir haben gesehen, daß die Anstalten unnöthig und die Feinde nicht im Stande waren, ihren Sieg weiter zu verfolgen und den Rückzug der österreichischen Corps über den Mincio zu belästigen.
Es war 9 Uhr, als sich der Kaiser Franz Joseph in einem offenen Wagen von Valeggio nach Villafranca begab, um dort sein Hauptquartier und Nachtruhe zu nehmen - wenn nach diesem Tage voll Blut und Schmerz eine solche möglich gewesen wäre.
Zwei Ordonnanz-Offiziere waren voraus gesprengt und hatten die Rückkehr des Kaisers in sein altes Quartier gemeldet.
Eine halbe Stunde nach ihrer Ankunft trabte der Zug der Leibgarde-Gensdarmerie heran, welcher die Escorte des Monarchen bildete.
Die Bevölkerung des kleinen Ortes füllte in Gruppen flüsternd die Straße; die Nachricht von der Niederlage der österreichischen Armee hatte sich bereits auch hier verbreitet, den ganzen Tag über hatte man den Kanonendonner
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gehört, und mit einer schlechtverhehlten Schadenfreude sahen die italienischen Bewohner die Spuren des Kampfes und die gedrückte Stimmung an den Ankommenden.
Vor der Locanda des Ortes, wo einst König Carlo Alberto sein Hauptquartier in den Tagen der Niederlage der italienischen Armee durch die raschen Schläge des alten Löwen Radetzki, - am Abend vor der Schlacht von Custozza - hatte, hielt ein mit vier Postpferden bespannter Wagen, eine seltene Erscheinung in diesem militärischen Trubel, der alle Transportmittel in Anspruch genommen hatte. Es war ein Beweis, daß der Reisende sehr reich oder von sehr vornehmem Stande, wahrscheinlich beides zugleich sein mußte.
Der Wagen war bereits am Vormittag von Verona her eingetroffen; eine Dame, tief verschleiert, hatte allein darin gesessen und als sie hörte, daß das Kaiserliche Hauptquartier sich in Valeggio oder Volta befand, den Postillonen Befehl gegeben, dahin weiter zu fahren. Aber der Versuch hatte bald die Unmöglichkeit heraus gestellt, auf den von dem Train und den Proviantkolonnen gänzlich gefüllten Straßen vorwärts zu dringen und der Wagen war bald nach Mittag wieder zurückgekehrt.
Die Einladungen des Ostiere,23 auszusteigen, hatte die Dame abgelehnt und nur etwas Wein und kalte Küche sich reichen lassen. Die reiche Bezahlung aber hatte den Wirth zu ihrem devoten Diener gemacht, der jede Nachricht,
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die von dem entfernten Schlachtfeld einlief, sofort der Excellenza mit tiefem Bückling überbrachte. Die Fremde war mit großer Erregung jeder Botschaft gefolgt, obschon der Ostiere trotz aller Schlauheit seines Handwerks nicht darüber in's Klare kommen konnte, für welche Partei sich die Unbekannte interessirte.
Endlich war die Nachricht gekommen, daß der Kaiser in kurzer Zeit eintreffen werde, und jetzt hatte die Dame den Reisewagen verlassen.
Die Garde-Gensdarmen rasselten vor das Haus, in dem Kaiser Franz Joseph sein Quartier genommen, und das in wenigen Wochen durch die berühmte Zusammenkunft eine so welthistorische Bedeutung erlangen sollte. Gleich darauf hielt der Wagen und der Leibjäger öffnete den Schlag, während die Adjutanten herbeisprangen.
Der Kaiser stieg aus - er war sichtlich bleich und angegriffen, Generalmajor Ramming folgte ihm.
»Sind die Relais gestellt?« frug der junge Monarch.
»Euer Majestät Befehle sind erfüllt!«
»Dann bitte ich Sie, mich nur zu stören, wenn wichtige Nachrichten eingehen. Ich wünsche allein zu bleiben.«
Er wollte eben in das Haus treten, als der Ton einer Frauenstimme ihn zurückhielt.
»Euer Majestät bittet eine Unglückliche um ein kurzes Gehör!«
Es war die in tiefe Trauer gekleidete Fremde, die ihn angesprochen. Sie hatte jetzt den Schleier zurückgeschlagen und man konnte das bleiche, schöne Gesicht einer Dame
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von etwa 29 bis 30 Jahren, mit kühnem aristokratischem Schnitt aber leidendem Ausdruck erkennen.
Der Kaiser wandte sich rasch um. »Was wünschen Sie Madame?«
»Gnade Majestät für einen Mann, der ohne diese verloren ist!«
»Ich fürchte, Madame, Sie haben einen schlechten Augenblick für Ihre Bitte gewählt. Ich bin erschöpft von den Anstrengungen einer unglücklichen Schlacht, und das Blut und der Tod von Tausenden, die für ihr Vaterland und ihren Kaiser gefallen sind, nehmen meine Gedanken in Anspruch. Kommen Sie morgen wieder, wenn es irgend möglich ist, werde ich Sie empfangen.«
Er wollte vorwärts gehen - eine Handbewegung der Dame hielt ihn auf. Er trat erstaunt über diese Dreistigkeit zurück.
»Majestät - morgen ist es zu spät. Wenn Gott Ihnen Unglück und Schmerzen gesandt hat, so sollte dies um so mehr eine Mahnung an Sie werden, milden Herzens zu sein.«
»Aber wer sind Sie, Madame? was wollen Sie?«
»Ich heiße Cäcilie Pálffy, Fürstin Trubetzkoi. Ich komme, den König von Ungarn um Schutz für einen verwundeten Landsmann zu bitten, den die Grausamkeit eines Ihrer Generale morden will.«
»Wie Fürstin - Sie in diesem Augenblick hier? Verzeihen Sie, daß ich Sie nicht erkannte, aber ich glaube, ich habe nur einmal vor mehreren Jahren das Vergnügen gehabt, Sie in Wien bei Hofe zu sehen.«
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Die Fürstin verneigte sich schweigend.
»Darf ich Sie bitten, einzutreten und mir Ihr Anliegen mitzutheilen?«
»Euer Majestät Zeit ist kostbar - und die meine auch, ich habe den ganzen Tag auf diesen Augenblick gewartet und habe noch einen weiten Weg vor mir, selbst wenn Ihre Gnade, Sire, mir diesen leicht macht. Mein Wagen wartet und die Minuten sind gezählt.«
Der Kaiser ließ mit einer Handbewegung die Nächststehenden zurücktreten. »Machen Sie mich mit Ihrem Wunsche bekannt, Fürstin!«
»Majestät - ich komme, Sie um Gnade für einen edlen Ungarn, den Grafen Stefan Batthyányi zu bitten, der auf meiner Villa am Garda-See bei einem Angriff in die Gefangenschaft Ihrer Truppen gefallen ist.«
»Ein Batthyányi - ein Verräther an seinem Kaiser, an seinem Vaterland?« rief der Monarch unwillig. »Und Sie wagen für ihn in einem solchen Augenblick zu bitten?«
»Majestät,« sagte die Fürstin stolz, »ein Ungar ist nie ein Verräther an seinem Vaterland. Ein Ungar kann Ihr Feind sein, aber nie Sie verrathen!«
»Er hat seinen Landsleuten, seinem König mit den Waffen in der Hand gegenüber gestanden, wie Sie selbst zugestehen. Das Völkerrecht dictirt ihm den Tod eines Verräthers.«
»Majestät« - sprach die Fürstin mit tiefer erschütterter Stimme, »ich komme vom Todtenbett meines einzigen Kindes, um Sie um Schutz zu bitten für meinen Verwandten, bei dessen Verfolgung der Mann, den ich
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meinen Gemahl nennen muß, das Blut dieses Kindes vergossen hat. Urtheilen Sie, ob Ihr Schmerz größer ist, als der einer Mutter. Stefan Batthyányi hat seit dem Tage von Wien nie seinen Säbel gezogen gegen Sie, wenn er auch ein Gegner der österreichischen Regierung war. Glauben Sie Majestät, daß die ungarischen Regimenter, die heute ihr Blut vergossen haben, dies für den König von Ungarn, oder für den Kaiser von Oesterreich gethan haben? - Fühlen Sie wie ein Ungar, dann werden Sie gerecht und nachsichtig über einen seiner edelsten Söhne urtheilen.«
Der junge Monarch, der drei Königskronen und eine Kaiserkrone trug, war von der letzten Berufung sichtlich bewegt. Er sah still vor sich nieder, dann hob er sein Auge freundlich auf die blasse Frau.
»Ich bedauere herzlich das Unglück, Fürstin, das Sie betroffen hat, auch ohne die Umstände näher zu kennen,« sagte er gütig. »Ihre Landsleute haben sich heute so brav für mich geschlagen, daß ich kein Recht habe, streng gegen einen Irregeleiteten zu sein, der einen ungarischen Namen trägt. Sagen Sie mir, um was es sich handelt.«
Die Fürstin trug mit kurzen Worten die Gefahr vor, in welcher der Gefangene durch den grausamen Befehl des Feldmarschall-Lieutenant Urban schwebte, ohne dabei zu erwähnen, daß ihr eigener Gemahl denselben tückisch hervorgerufen.
»In der That, das wäre grausam,« sagte der gütige Monarch. »Eine solche Strenge darf unsere gute Sache nicht entwürdigen. - Ihre Brieftafel, Ramming!«
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Der Generalstabs-Chef reichte sie hin, - Der Kaiser schrieb einige Worte auf ein Blatt, riß es aus und gab es der Fürstin.
»Hier, Durchlaucht,« sagte er galant, - »dies wird genügen. Sagen Sie dem Herrn Grafen, den ich mich in meiner Jugend erinnere, in Wien und Pesth gesehen zu haben, als wir Alle noch gute Freunde waren, daß seine Landsleute sich brav geschlagen haben und kein Verräther an ihrem König unter ihnen war. Und nun erlauben Sie mir, Sie zu Ihrem Wagen zu führen, denn - offen gestanden - ich bin so müde und hungrig, wie gewiß jeder meiner Soldaten!«
Und sich jedem Dank entziehend reichte er der jetzt vor Erregung weinenden Frau mit chevaleresker Höflichkeit den Arm und führte sie an den Schlag ihres Wagens. Dann erst betrat er das Quartier.
Als Cäcilie Pálffy - die Wittwe ohne es zu wissen, die Mutter ohne Kind der Sünde, der Schmerzen - bei dem Schein der Laterne des im Galop dahin fliegenden Wagens das Blatt entfaltete und las, fand sie die Worte und drückte sie weinend an's Herz:

    »Der Graf Stefan Batthyànyi[Batthyányi] ist begnadigt und Angesichts dieses in Freiheit zu setzen.
                   Franz Joseph.«

Spondalunga!

Wer gedenkt über den gewaltigen Geschicken, die Throne stürzen und das Leben der Völker verändern, der Leiden und Freuden unbedeutender, in dem gewaltigen Wogen der Geschichte verschwindender Menschen?
Und dennoch ist die große mächtige Geschichte der Welt Nichts, als der Ausgang der tausend Fäden, die in der unbeachteten Stille gewebt werden, und Throne werden erschüttert, weil ein armes Mädchen seine Krone einem kecken Verführer giebt, oder ein spitzbübischer Advokat vergeblich nach einem Titel petitionirt.
Die großen Thatsachen haben oft die erbärmlichsten Ursachen - die Vapeurs einer Kokette, - die Spitzbübereien eines meineidigen Beamten!
Wir kennen einen Thron, der an dem schlechten C. eines Opernsängers zu Grunde ging, und einen Kriegsruhm, der die Stütze eines Reiches war, und durch gebackene Pflaumen verloren wurde!
Weil das Große aus dem Kleinen entsteht, deshalb überläßt der Romanschreiber gern dem gelehrten Professor
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die gedruckte Weltgeschichte, und ist zufrieden, wenn er wieder Schmerz, Liebe und Leidenschaft der Einzelnen malen kann. - -
Ueber den blutigen Schlachten und den Zusammenstoß der Großen und Gekrönten der Erde hat der Leser gewiß längst das arme tyroler Mädchen vergessen, dessen Leid und Liebe ihr Großohm mit dem eigenem Schmerz in die Schluchten der Felsenstraße von Trafoi geflüchtet hatte.
Des Kaisers Aufruf war durch das Land Tyrol gegangen, und wie er noch nie an die Herzen der getreuen Tyroler ohne Antwort geschlagen, so hatte auch diesmal das Klirren der treuen Stutzen und der Jodler der freien Schützen-Compagnie geantwortet.
Die Landes-Hauptmannschaft von Tyrol hatte den Landsturm des Vinschgau's, von Botzen und Meran aufgeboten bis hinauf bis zum Brenner und Innspruck, zur Vertheidigung der Gränzen gegen die Wälschen und Franzosen.
Alle Uebergänge und Passe über die Berninischen Alpen waren von wackern Mannen besetzt zur Unterstützung und Ablösung der wenigen hier postirten regulairen Bataillone und jener besten und schönsten Truppe der österreichischen Armee, der tyroler Kaiserjäger!
Von den letzteren standen zwei Compagnien an der Bergstraße, die an schwindelnden Abhängen hin und durch lange Felsgalerieen, über Gletscher und Thäler, hoch über die gewöhnliche Region des menschlichen Treibens hinaus, von den herrlichen Thälern Süd-Tyrols an der Ortlerspitze hin durch ewigen Schnee und Eis zu den sonnigen
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Fluren der Lombardei und zu dem Jugendtraum der lombardischen Seen führt, an der Straße des Wormser und Stilfser Jochs. Außerdem waren die dritten Bataillone von Roßbach-, Mamula- und Erzherzog Ludwig-Infanterie hier versammelt; das Burggrafenamt hatte seine Studenten-Compagnie, Schlanders, Sils und Prad hatten ihre Schützen-Compagnien gestellt.
Der Leser wird sich vielleicht errinnern, daß General Garibaldi bereits vor der Schlacht von Solferino seine Freischaaren an der westlichen Seite des Garda-See's bis gegen Niva hinauf vorgeschoben hatte. Sie waren jetzt in die Pässe der Berninischen Alpen vorgedrungen und hatten die Straße besetzt, die vom Wormser Joch über Trafoi, Spondalunga, Bormio und Sondrio nach dem herrlichen Comer See, dieser Perle der südlichen Alpen führt.
Am 7. Juli hatte Generalmajor Graf Huyn die Nachricht erhalten, daß Garibaldi mit 10,000 Mann in Bormio stand, und ein Angriff auf den Paß, entlang der Straße und vom Kälberthal aus jeden Augenblick zu erwarten stehe. Er hatte sofort durch den Chef seines Stabes, den jungen Hauptmann Gustav von Döpfer, die Stellungen verstärken lassen. Man konnte jedoch nur 3000 Mann dem Feinde entgegensetzen.
Das Centrum der kleinen österreichischen Schaar stand auf der Höhe der Kunststraße, wo diese bereits auf lombardischem Gebiet sich von San Maria am Fuße des Monte Braulio in südlicher Richtung, in schlangenartigen Windungen hinabzieht und bei Spondalunga durch mehrere in den Berg gehenden Galerieen läuft. Zwei Sechspfünder
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deckten hier den terrassenartigen Aufgang mit voller Sicherheit, wenn die beiden Flanken vor einer Umgehung geschützt waren.
Westlich von San Maria, dem kleinen über 7000 Fuß hoch in der Region des ewigen Schnees gelegenen Weiler, also rechts von der Straße, zieht sich ein Bergsteig gegen den zackigen Kalkfelsen des Monte Braulio hinauf, einen schneebedeckten eingesenkten Sattel bildend, der das Eisen- (Farkola) Thal begränzt, das bei Bormio mündet. Hier - auf der rechten Flanke - hatten eine Kompagnie Kaiserjäger mit einem Schützenzuge als Reserve die Bergspitzen besetzt, um dem Feinde den Uebergang und die Abschneidung des Centrums durch Gewinnung der oberen Straße bei San Maria zu wehren. Es ist der einzige Punkt in der wilden Gebirgsmasse, wo eine solche Ersteigung möglich ist.
Auf dem linken Flügel hatten 50 Jäger unter Lieutenant Aigner in erster Linie mit der Schützencompagnie des Burggrafenamts und einer Abtheilung Roßbach-Infanterie die zum Theil mit Schnee bedeckte Ebene besetzt, welche von der Ferdinandshöhe aus, dem höchsten fahrbaren Punkt in Europa, sich gegen das Veltlin senkt und das von dem ewigen Eise und Schnee der Vorberge des Monto Crystallo umgebene Kälberthal beherrscht, das nach Spondalunga sich öffnend von hier aus eine Ersteigung der Höhe, also gleichfalls eine Umgehung des Centrums möglich machte.
Wohl noch nie ist in einer solchen Höhe, in Mitten, ja über den Wolken - ein Kampf geschlagen worden. Man
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muß diesen Weg mit seinen Windungen hoch über den abfallenden Gletscherwänden hin und mit seinen Felsgalerien gemacht haben, um das Erhabene der Scenerie zu begreifen, deren hehre Einsamkeit, die nur der Flug des Adlers, der Sprung der Gemse oder der Sturz einer Lauine unterbricht, jetzt durch die erbärmlichen Feindseligkeiten der Menschen gestört werden sollte.
Der größte Theil der drei Bataillone Roßbach, Mamula und Erzherzog Ludewig bildete zwischen San Maria und der Ferdinandshöhe eine Reserve, die rechtzeitig nach jedem bedrohten Punkte hingebracht werden konnte.
Es war in der Nacht vom 7. zum 8. Juli, Donnerstag zu Freitag, als unter einem überhangenden, Schutz gegen den eisigen Ostwind von Ortler herüber gewährenden Felsen um ein kleines Feuer eine Gruppe von Kaiserjägern und Landesschützen sich versammelt hatte. Die kräftigen behenden Gestalten der Jäger in ihren stahlgrauen Röcken mit den schwarzbefiederten Hüten und die oft riesigen Figuren der tyroler Bergschützen und Landleute, mit den weittragenden, sichern Tod bringenden Stutzen, mächtigen Partisanen und mittelalterlichen Morgensternen bewaffnet, beschienen von den flackernden auf dem Schnee reflectirenden Lichtern des kleinen Feuers aus Laatschen und Tannenholz, gewährte ein seltsames Bild. Trotz des Frostes der nächtlichen Scene herrschte Fröhlichkeit und lustiges Wort unter der kleinen Schaar, und munteres Gelächter bei dem kreisenden Wermuthbecher weckte oft das Echo der einsamen Bergwände.
Nur eine kleine Gruppe unter der heiteren Schaar
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bewahrte eine stille ernste Haltung und schloß sich den Gesprächen der Anderen wenig an, wie gern auch die Soldaten das Haupt dieser Gruppe, einen weißbärtigen Greis von mächtiger, kaum vom Alter gebeugter Gestalt hinein gezogen hätten, um ihnen von alten Zeiten und seinem gewiß an Erfahrungen und Gefahren reichen Leben zu erzählen. Der alte Tyroler, dessen weißer Bart bis auf den Brustlatz nieder hing, saß mit dem Rücken gegen die Felswand gelehnt, den Stutzen zwischen den nackten Knieen, und starrte mit finsterer gedankenvoller Miene hinaus auf die aus dem matten Dunkel leuchtenden Schneefelder, während die zwei zu ihm gehörigen Personen an seiner Seite sich leise unterhielten.
Die beiden Männer - der alte Haspinger und Matthias hatten schon seit Wochen ihre einsame Hütte an der nördlichen Senkung der Straße verlassen, um auf dem Joch die Wache zu halten gegen die Feinde des Kaisers, und Nandl oder der Knecht Kolbele waren mehr als ein Mal herauf gestiegen, um ihnen Nahrung und Munition zu bringen.
Am Abend des Tages war es die Enkelin des Greises
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wieder gewesen, die mit ihrem Korb den langen Weg gekommen war, ihre Lieben zu erfrischen. Jetzt - während der alte Nazi in seine alten traurigen Gedanken versunken war, sprach sie mit dem Freunde und ließ sich wieder und wiederum die Geschichte aus seiner Wanderung nach den Ufern des Gardasees und dem nächtlichen Ueberfall der Villa Elena erzählen, dem er beigewohnt, obschon sie den Bericht bereits früher von seinem Munde gehört hatte. Namentlich schien es ihr Interesse zu erregen, von der schönen vornehmen Dame zu hören, die trotz all ihres Reichthums und Glanzes so unglücklich war und mit solcher Liebe an dem armen Knaben hing, von dessem Tode Matthias natürlich noch nicht wußte.
Es war, als ob die Seele des einfachen Gebirgsmädchens eine gewisse Sympathie ihrer Leiden und Schmerzen ahne.
»Es is halt gar zu schreckhaft« sagte sie mit Thränen des innigen Mitgefühls an den Fremden, »döß der eigene Vadar sin Kind derschossen und döß so a vornehme Dame halt um ihren Liebsten groad so a Leid tragen muaß, wie a gemein Bauerndiarndarl. I möcht wohl wissen, wie's dem armen Bübl 'gangen und ob der Liebst von der Frau, den Du 'kannt hoast seit Jugend af und der uns g'rettet aus der Lauine, wieder g'sund worden is?«
»Sobald wieder Ruh im Land, Nand'l« sagte Matthias, »will ich hinunter wandern, um zu sehen, was geschehen ist. Ich weiß selbst nicht, was mich da hinunterzieht; alle Erinnerungen und alle Schmerzen vergangener Jahre
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sind damit wieder aufgetaucht, - aber ich will gehen Nand'l Dir zu lieb, wenn nicht ...[«]
Sie sah fragend auf ihn.
Er zögerte einen Augenblick, dann sagte er ernst:
»Wenn ich bis dahin nicht etwa mein Grab unter diesen Eisfeldern gefunden habe.«
»Dös is gar aus! Schaam Di was, Hoisal'« schmälte das Mädchen. »I glaub', daß D' z' nicht bist im Kopf und s'is gar nit schön, döß Du mi zum Herzlaid solch' Dinge plauscht. Waißt Dechter, doß i Sorg' g'nug hab' um den Nön'l und Di und den losen Bull!«
Die hellen Zähren rannen ihr über die Wangen, - der arme Matthias hätte sie so gern weg geküßt und sie in seine Arme geschlossen, die er so innig liebte, - wenn er nicht den Spott der Soldaten gescheut hätte. Er gab deshalb keine Antwort und hing seinen Gedanken nach, während die Jäger neben ihm eines jener Nationallieder anstimmten, deren naive Melodieen so innig zum Herzen dringen.
So ungesellig und zurückgezogen der alte Haspinger auch lebte, seit dem Tage, daß sie ihn und die Seinen aus dem Schneegrabe der Lauine geschaufelt, hatte er sich nicht ganz der Bekanntschaft der Nachbarn entziehen können, die in der Bergwüste, in der seine Wohnung stand, ohnehin spärlich genug waren, und wenn einer oder der andere, seitdem sie ihm seine Hütte wieder aufbauen geholfen, hinauf wanderte von Trafoi oder von San Maria heimkehrte in's Thal, konnte die Thür ihm nicht verschlossen bleiben, wenn er eintreten wollte, sich die Pfeife anzuzünden und mit einem Grüß Di Gott! dem
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Greise die Hand zu schütteln, den das ganze Volk umher als einen absonderlich von Gott Beschützten ansah.
Doch hatte der alte Mann es nie zu einer weiteren Vertraulichkeit kommen lassen und wich noch immer vor Allem sorgfältig jeden Fragen und Anspielungen über seine Vergangenheit aus; denn selbst unter diesen einfachen Leuten und in diesen Schneewüsten bewahrte die menschliche Schwäche, die Neugierde, ihren Einfluß. Nur die Freundschaft und vielfach bezeigte Achtung des Leutpriesters von Trafoi sicherte ihn vor größerer Zudringlichkeit. Somit begnügte man sich immer noch mit dem Namen des »Gams-Nazi« und daß seine Hütte wenigstens jetzt dem Besuch der Nachbarn geöffnet war.
In dem Verhältniß der Familie hatte sich übrigens seit jener Nacht im Schneegrabe Manches geänderte Das Bekenntniß ihrer Liebe, das Matthias an seinem Schmerzenslager aus dem Munde des Mädchens gehört, hatte all' seine Entschlüsse der Entsagung erschüttert, und als der alte Mann jetzt selbst mit ihm offen redete und es als eine sich von selbst verstehende Sache betrachtete, daß sie Beide nächstens zur Kirche gehen würden, da hatte der arme gequälte vom Leben mißhandelte Mann geglaubt, daß der Himmel seine Sühne angenommen habe und seine Buße zu Ende sei.
Aber sein offenes Wort hatte an einer anderen Stelle Widerstand gefunden, - das Mädchen selbst war es, das sich des an ihr verübten Verbrechens halber nicht würdig halten wollte, die ehrliche Frau eines von ihr wahrhaft geliebten Mannes zu werden, und es hatte des bestimmten
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Willens des alten Haspinger und der ganzen religiösen Beruhigung des würdigen Priesters bedurft, um ihr endlich die Einwilligung abzugewinnen, in Jahresfrist mit dem Mann ihrer Liebe zum Altar zu treten.
Diese Frist hatte sie für nothwendig gehalten, um Matthias Gelegenheit zu geben, auch jetzt - nachdem er wußte, wess' Kind der Knabe war, - seine Liebe zu prüfen und zu bewähren. Der Slowak selbst war mit dem Aufschub einverstanden, um auch in seinem Innern die nöthige Ruhe zu gewinnen und sich eine bescheidene Existenz zu gründen. Wir wissen, daß der verrückte Teufels-Toni ihn seiner reichen Erbschaft beraubt hatte. Die Goldstücke, welche der Wahnsinnige bei dem Diebstahl aus den zerrissenen Taschen in der Hütte wieder verloren, und die geliehene Summe, die Graf Stefan ihm wieder erstattet hatte, bildete seine ganze Habe. Aber der alte Haspinger erklärte, daß seine Großnichte seine einzige Erbin sei und einst genug für die geringen Bedürfnisse der Familie haben werde.
Indem der ehemalige Student der Medicin seiner früheren Ken[n]tnisse sich wieder erinnerte und sie unter den Bewohnern der benachbarten Thäler und des Joches bei Gelegenheit zur Anwendung brachte, erwarb er sich damit eine kleine Existenz und sicherte sich die Liebe und Freundlichkeit der Bergbewohner, die sich bald an sein fremdes Wesen und seine Tracht gewöhnten; denn nicht eher wollte Matthias das Gewand seiner Niedrigkeit und seiner Reue ablegen, als am Tage, der ihn ganz einem neuen Leben wiedergeben sollte.
Das Jahr der Prüfung war vergangen, bereits hatte
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der Leutepriester von Trafoi das Paar zum ersten Mal aufgeboten, als der Aufruf des Kaisers seine wackern Tyroler zum Schutz der gefährdeten Gränzen gegen den drohenden Einbruch der Feinde entbot.
Da hatte der greise Gams-Nazi den Stutzen von der Wand genommen, und sein künftiger Eidam hatte erklärt, daß er mit ihm hinauf zur Vertheidigung des Jochs ziehen und der Sache des Kaisers sein Leben weihen werde. Das Tyroler Mädchen aber hatte kein Wort der Einsprache gesagt, sondern gehorsam dem Großohm und Bräutigam den Ranzen mit dem Nothwendigsten gepackt, und als der commandirende General ihrem Geliebten den Auftrag gegeben, hinunter zu wandern nach den Ufern des Garda-See's, um Kunde zu suchen von Freund und Feind, da hatte sie still die Hand auf das angstvoll pochende Herz gedrückt, auf die heilige Jungfrau vertrauend, und nur die Stille der Nacht hatte ihre bangen Thränen gesehen.
Matthias war glücklich zurückgekehrt, und der General und die Offiziere hatten ihn hoch belobt wegen seines Muthes und seiner Umsicht; sie aber drückte ihm dankbar und zärtlich die Hand, als er ihr erzählte, wie er am Sterbelager des Freundes seiner Knabenjahre, des Verlobten seiner armen Schwester gesessen und in der Kirche zu Garda seinem Seelenheil die Messe gewidmet hatte, und wie er dann auf Gefahr schwerer Strafe den Uriasbrief unbestellt in den See warf, um den ritterlichen Landsmann, den unglücklichen Freund der schönen Fürstin zu retten zum zweiten Mal, weil der vornehme Graf sich auch nicht gescheut
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hatte, ihm, dem Bettler aus verachtetem Volksstamm, einst die Hand zu reichen.
Jetzt - in zwei Tagen - am nächsten Sonntag sollten sie in der Bergkapelle getraut werden, und sie war, den Knaben unter der Aufsicht des lahmen Knechts zurück lassend, nochmals heraufgekommen, um dem Nön'l und dem Bräutigam die Botschaft des Leutpriesters zu überbringen und sie zu ermahmen[ermahnen], nicht unvorsichtig ihr Leben zu wagen.
Dennoch, obschon die Erfüllung ihrer Herzenswünsche so nahe war, hatten Beide es nicht vermocht, die muntere Stimmung der wackeren Landesvertheidiger zu theilen und fühlten sich unwillkürlich von dem Trübsinn des Greises angesteckt.
Matthias suchte die trüben Gedanken zu überwinden und weil er wußte, wie gern die Mutter von ihrem Kinde sprach, erwähnte er des Buben und frug nach ihm.
Aber leider hatte sie ihm nichts Gutes zu berichten. Der zehnjährige Wildfang hatte sich am Morgen vorher wieder der Sorge der Mutter zu entziehen gewußt, war viele Stunden in den Bergen umhergeschweift und als er endlich gegen Abend zurückgekehrt war, kurz vorher, ehe sie nach dem Joch aufbrach, hatte er sie mit Gewalt begleiten wollen. Nur mit Mühe war es ihr gelungen, ihn durch Versprechungen in dem Hause und unter der Aufsicht des Knechtes zurückzulassen. Die arme Mutter klagte, daß seit des Großvaters und Matthias' Abwesenheit der Bube immer trotziger und wilder geworden und ganze Tage und Nächte vom Hause abwesend sei. -
Der Jodler der Jäger war unter diesem Gespräch
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verhallt, - Einer nach dem Andern begann, in die rauhe Kotze sich hüllend, den Schlaf auf dem harten Felsboden zu suchen, um sich für die morgende Arbeit zu stärken, und auch der alte Nazi hatte sein weißes Haupt an die Steinwand zum Schlummer gelehnt. Es wurde stiller und stiller umher, nur der Schritt der ausgestellten Wache auf dem engen Plateau, oder das Knistern der Aeste in der von Zeit zu Zeit durch den Posten gespeisten Flamme unterbrach noch die Stille. Das Brautpaar allein war noch munter und flüsterte leise mit einander von Vergangenheit und Zukunft, oder schaute träumend, wie vorhin der Greis, auf die jetzt vom Lichte des Mondes versilberten Eiswände der mächtigen Gebirgsriesen.
Endlich sank das Haupt des Mädchens ermüdet an die Brust ihres Gefährten und ihre regelmäßigen Athemzüge verkündeten, daß sie im Schlafe Vergessen ihrer Sorgen und ihrer Hoffnungen gefunden habe.
Der Slowak wachte jetzt allein - kein Schlaf kam in sein Auge; er hielt die warme Gestalt der Geliebten an seinem Herzen - - aber unwillkürlich schweiften seine Gedanken zurück zu jener geheimnißvollen Nacht dort in der nordischen Königsstadt, als die räthselhafte weiche Hand das Geschenk des Scheidens in die seine gedrückt hatte.
Seine Hand faßte nach dem Ringe unter dem groben Hemd auf der Brust - er zerriß mit einer energischen Bewegung die Schnur und schleuderte das Zeichen seiner Sünde hinaus in den Abgrund!


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Mit dem ersten Morgenroth waren die Jäger und Schützen wach, und als Oberlieutenant Moser kam, den Posten zu revidiren, fand er sie mit dem Frühstück beschäftigt.
Das prächtige Schauspiel der mit den Nebeln und Dünsten im Thal kämpfenden Sonnenstrahlen, während sie die Spitzen der mächtigen Ferner, die gewaltigen Schneefelder und Kuppen im rosigen Licht erglänzen ließen, ging trotz der Gewohnheit nicht ohne Eindruck an den Männern vorüber. Wie wenig die Bewohner des Hochgebirges auch Worte darüber machen, sie haben eine tiefe Empfänglichkeit für die Herrlichkeiten der Alpenwelt und eben dieses Gefühl ist es, das im fremden Lande ihr Herz von Sehnsucht schlagen macht und sie am Heimweh kranken läßt.
Die Offiziere vervollständigten jetzt die Aufstellung, ermahnten die Leute, langsam und sicher ihr Ziel zu nehmen und trafen weitere Anstalten, dem erwarteten Angriff zu begegnen; denn ausgesandte Späher verkündeten, daß der Feind sich dazu rüste und bereits beim ersten Tagesgrauen Bormio verlassen habe.
Vergeblich hatten der alte Nazi und ihr Bräutigam das tyroler Mädchen gebeten, vor Beginn des Kampfes ihren Rückweg nach dem Hause anzutreten; sie weigerte sich dessen auf das Bestimmteste und das Einzige, wozu sie sich verstand, war das Versprechen, aus der Feuerlinie zu bleiben und sich bei der kleinen für etwaige Verwundungen auf dem Platz, wo sie genächtigt, eingerichteten Verbandstätte aufzuhalten, wo Matthias dem Militairarzt seine Hilfleistungen angeboten hatte.
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Wie man vermuthet, hatte der Feind beschlossen, vom Eisenthal her seine Angriffe zu beginnen, um die Höhen des Monte Braulio zu gewinnen und sich, St. Maria's und der Straße im Rücken zu bemächtigen. Da die Aufstellung der Tyroler sich bereits jenseit ihrer Gränze auf italienischem Gebiet befand, hatte es dem Feind an Spionen nicht gefehlt und er war mit der Zahl der österreichischen Streitkraft und ihrer Vertheilung wohl bekannt.
Es war 8 Uhr, als man die Compagnieen der Alpenjäger sich im Thale formiren und mit einer zahlreichen Tirailleurlinie voran den Bergrücken erklimmen sah. Bald knallten die Büchsen und das Gefecht entspann sich auf der ganzen Linie.
Während hier gekämpft wurde, griffen die Freischaaren gleichzeitig das Centrum und den linken Flügel an. In den geschützten Felsen-Galerien unterhalb Spondalunga hatte Garibaldi, der selbst den Angriff leitete, eine Sturmkolonne gebildet, die sich jetzt in drohender Masse, mit einer 16pfündigen Kanone voran, die Straße herauf gegen den Punkt bewegte, wo die beiden leichten österreichischen Geschütze aufgestellt waren.
Die österreichische Artillerie hat von jeher des besten Rufs genossen. Mit großer Ruhe ließ sie die feindliche Colonne bis auf die vorher genommene Distance herankommen und dann erfolgte eine Salve, welche sofort dem beabsichtigten Angriff ein Ende machte. Die Kugel des Sechspfünders tödtete zwei Pferde der Bespannung des italienischen Geschützes und zerschmetterte das ganze Räderwerk desselben.
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Kaum war der wohlgezielte Schuß gefallen, als sofort zum großen Aerger ihrer Offiziere die ganze Kolonne der Freischärler ihren eiligen Rückzug nach den schützenden Galerieen nahm. Man hatte durchaus keine Lust, auf einem Wege, auf dem man mindestens eine Viertelstunde zubringen mußte, dem Granaten- und Kartätschenfeuer des Feindes ausgesetzt zu bleiben. Von da ab beschränkte sich das Gefecht im Centrum auf ein gegenseitiges Kanoniren, ohne weiter viel Schaden zu thun.
Ernster war der Kampf auf dem linken Flügel.
Der Plan Garibaldi's war kühn genug und wiederholt kommandirte er selbst hier die ausgesuchten 4 bis 500 Mann, die dazu bestimmt waren, die Ebene des Kälberthals zu nehmen, gegen die Ferdinandshöhe vorzurücken und das Centrum und den rechten Flügel abzuschneiden.
Aber die fünfzig Kaiserjäger, die hier in erster Reihe die Vorposten bildeten, hielten Stand. Wohlgedeckt hinter Felsen und Laatschen ließen sie den schon in weiter Ferne das Feuer eröffnenden Feind bis auf etwa 700 Schritt herankommen und gaben dann ihr Pelotonfeuer, das von schwerer Wirkung war. General Garibaldi ließ sofort seine Leute sich in eine Kette auflösen und so die Schneewände herab steigen. Aber die dunklen Gestalten auf der weißen Fläche gaben den Jägern eine vortreffliche Zielscheibe ab, und Schuß um Schuß aus dem fast unsichtbaren Hinterhalt nahm seinen Mann. Lieutenant Aigner, ein vortrefflicher Schütze, ließ sich unablässig von zwei Jägern die Büchsen laden; - ein Mann rollt die gegenüber liegende Schneewand herunter - ein zweiter will ihn
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zurücktragen - auch er fällt! - ein dritter nimmt seinen Posten ein, - wenige Augenblicke, und das tödtende Blei der nie fehlenden Hand wirft ihn nieder! - fünfzehn Mann erschießt der österreichische Offizier einen nach dem andern auf dieser unglücklichen Stelle. Der Kampf wird zum bloßen Schlachten - der General muß endlich den Befehl zum Rückzug geben, denn selbst wenn die schwache Linie der Jäger durchbrochen wäre, wartet der Stürmenden ein furchtbarer Gegner: ein mächtiger Steinwall, den die Studenten des Burgsteinamtes in zweiter Linie aufgethürmt, und der als Lawine in Bewegung gesetzt, jedes lebende Wesen mit sich hinab in den Abgrund reißen würde.
Die Entscheidung des Tages liegt auf dem rechten Flügel, am Monte Braulio.
Ein Bataillon des Regimentes Medici und die Abtheilung der Scharfschützen ist hier beauftragt, den Uebergang über den Bergsattel zu erzwingen. Ein zweites Bataillon des Regiments Cosenza bildet unter Major Laforgne das Soutien.
Mit großer Bravour gehen die Alpenjäger vor, - es sind geübte Schützen aus den rauhen Bergklüften von Savoyen und dem Montblanc, die am Monte Rosa und in den Felsenschluchten des Mont Cenis das Bergschaaf und den Steinbock gejagt, deren Hand niemals fehlt, deren Fuß am Felsen klebt und niemals strauchelt.
Die Gegner, die hier sich gegenüber stehen, sind einander würdig.
Das Echo der Bergwände rollt den Knall der Büchsen
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zehnfach zurück; die reine Luft des Hochgebirges läßt das Auge auf weite Entfernung jeden Gegenstand, jede Bewegung genau erkennen und ein tödtliches Ziel nehmen. Drei Mal wird Hauptmann v. Döpfer gesendet, um Verstärkungen von der rückwärts postirten Infanterie zu holen, denn trotz des trefflichen Feuers der Tyroler dringen die Garibaldianer langsam vor - sie scheinen jeden Gemssteg, jede Stelle, wo sich ein Menschenfuß bewegen kann, vorher zu kennen, und die Fallenden werden unaufhörlich durch neue Streiter ersetzt.
Hinter einem mächtigen Felsblock mit einem Cadetten der Kaiserjäger und einem Corporal vom Regiment Roßbach liegt der greise Haspinger im Hinterhalt, und sein alter Stutzen hat schon zwei Mal - und niemals vergeblich geknallt.
»Wo zum Teufel, Kamerad, bist Du zu dem alten Schießbuchserl gekommen?« frug der Corporal. »Sie schaut grad' aus wie 'n alt Möbel von Anno Eins oder eine von den Luntenflinten, die ich im Zeughaus zu Prag gesehn!«
Der Alte lächelt grimmig.
»Der Stutzen, Corp'ral, hat schon die Franzosen und Bayern z'sammen g'wettert, as Oes noch nit af der Welt wart! - Aber schaut, wann Oes noch a Mal so mit 'm Kopf über den Stein guckt, werd't Oes bald a Blei schmecken!«
»Erzählt's Gams-Nazi, denn so heißt Ihr ja wohl,« bat der Kaiserjäger - »ich hör die Schnurren aus alter
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Zeit gar zu gern, Ihr wart am Ende gar am Isel, als der Andreas Hofer die Bayern schlug?«
»Am Isel uod af dem Sterzinger Moos, Bursch! awer den Stutzen da trug i damals noch nit! den hab i erst später kriegt und viel zu früh war's, döß er in mei Hand kam, obschon sie ihm, waiß Gott und seine Heili, kai Unehr gemacht hat!«
Er sah mit einem tiefen Ernst auf das alte Gewehr und klopfte den dunkeln Kolben, als sei es die Hand eines Freundes.
»Nun, was ist's mit der Buchs? Heraus damit, Gams Nazi!«
»S'is a Erbstück,« sagte der alte Mann feierlich, - »und der sie einst g'führt, schläft im Dom zu Spruck24, obschon der Marmorstein af seinem Grab kai bess'res Denkmal is, as jeder Berg im Tyrolerland!«
«Was Mann, Ihr wollt doch nicht sagen ...«
»Der Stutzen da, Herr, war des Andreas Hofer's sei G'wehr, und er hat mir's geschenkt, als i den General zu ihm führt hab nach dem Passeier, denselbigten, den sie so rüdig gemordet draußen in Wien!«
»General Latour, den Kriegsminister?«
Der Greis nickte. »I hätt's verhindert gern mit mei Leben, Herr - awer 's half nix. I hab' sonst nit den Stutzen braucht und ihn heili g'halten seit des Andreas Tod; awer annerst, wo's gilt für des Kaisers Dienst, und die Hand ihn bald nit mehr führen wird, durft er nit
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z'Haus bleiben. - Awer schaut dahin, Herr - der Teufel mag's Ihnen verrathen hab'n, döß der Steig dort in die Höh führt, wo sie schlimm für uns hausen könnten. Mei Augen sind nit mehr so gut, wie damals am Sterzinger Moos, - aber i wollt schwören, döß i schon zwei Mal unter ihnen a Dörcher25 g'sehn, der nit ausschaut wie a Soldat, und der muß es ihnen verrathen hob'n!«
In diesem Augenblick legte sich eine Hand auf seine Schulter und eine zitternde Stimme flüsterte seinen Namen. Der Greis drehte sich um - es war seine Großnichte, die todtenbleich mit gerungenen Händen hinter ihm stand. »Nandl - verhutzelte Diarn - wo kommst hieher?«
»Seid nit fuchtig, Nön'l!« jammerte das Mädchen, der dicke Thränen über die Wange rollten, - »'s is a Unglück g'passirt!«
»Was? - der Hoisal?« Sie schüttelte den Kopf. »Der Kölbele is da!«
»Wenn's waiter nix is, was soll's mit dem Kölbele?«
»Nön'l, der Bros is fort - seit gestern Abend!«
Der Alte zuckte ärgerlich die Schultern. »Hol der Henker den Putz!«26
»Was grämst' Dir um den sirichen Fratz!27 - S'is nit dös erste Mal, d'ös a fortläuft!«
»Ja, Nön'l, awer der Bua is die ganze Nacht nit nach Haus kommen, und der Kölbele meint - Heili Maria Joseph!« unterbrach sie sich erschrocken und schlug die Hände zusammen, denn der Corporal von Roßbach,
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der eben wieder unvorsichtig sich über den Felsblock erhoben, stürzte durch den Kopf geschossen über sie hin.
»Sackers!« fluchte der Alte - »hab i's em nit g'sagt? Ruf den Doktor, Nandl - g'schwind!«
Aber die Tyrolerin achtete nicht des Blutes, das sie bespritzt hatte, noch des Befehls des Alten, der mit dem Jäger um den Sterbenden beschäftigt war. Ihr Auge hing starr auf der Felskuppe, von der her der Schuß gekommen war.
»Nön'l! Heili Mueter Gottes - der Bros! der Bros! - der Teufels-Toni hat mai Kind!«
Der Alte fuhr empor - sein Auge richtete sich auf die gegenüberliegende Steinwand, deren schmalen Zugang ihr Feuer so lange bestrichen hatte.
Die wenigen Minuten, die sie mit dem todten Manne sich beschäftigt, hatten genügt, dem Feinde einen gefährlichen Erfolg zu sichern.
Ein Felsengrat erhob sich aus der Schneewand gegenüber der österreichischen Stellung und diese von seinem Gipfel beherrschend. Er schien auf drei Seiten steil abzufallen, und nur wenigen Bergbewohnern war ein schmaler Zugang bekannt, auf dem ein sicherer Fuß, von Stein zu Stein springend, seine Höhe erreichen konnte, die ein vortheilhafter Anstandpunkt für die Gemsjäger bildete, da sie einen Wechsel der Thiere überwachte.
Diesen gefährlichen Weg, der eben nur von dem Posten des alten Tyrolers aus bestrichen werden konnte, hatte ein halbes Dutzend der kecksten Feinde, die augenblickliche Verwirrung ihrer Gegner benutzend, zurückgelegt und als der
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alte Mann sich erhob, lagen sie bereits wohl gedeckt hinter dem Felsengeröll und der Blitz ihrer Büchsen bewies, daß sie sich sofort ihren Vortheil zu Nutze machten.
Dieser war in der That sehr groß, denn die Stellung überragte und beherrschte vollständig die gegenüberliegenden Postirungen der österreichischen Soldaten, so daß diese nicht wagen durften, sich zu rühren, ohne sich den sichern Kugeln der Feinde bloßzustellen, und als der Greis emporsprang und entsetzt auf jene Stelle schaute, riß ihm das Blei den Hut vom Kopf.
Dennoch duckte der alte Mann sich nicht und schaute, die Hand über die Augen haltend, um sie vor dem Schneeglanz besser zu schützen, gleich einem Steinbild nach jener Seite, während die unglückliche Mutter neben ihm auf den Knieen lag und die Arme hinüber streckte dahin, wo das Kind der Sünde der schrecklichsten Gefahr ausgesetzt schien.
Denn auf der höchsten Spitze des Grates, mit den Füßen sorglos über dem Abgrund baumelnd, saß ein etwa neun- bis zehnjähriger Bursche, bei jedem Schuß jauchzend in die Hände klatschend, und das alte Auge Nazi's erkannte in dem Unvorsichtigen leicht den wilden Jungen, das Kind seiner Großnichte.
Hinter dem Burschen aber, in einen alten zerrissenen Soldatenmantel gehüllt, stand die wüste Gestalt des verrückten Teufelstoni und schwang ihren Stecken gleich einem Gewehr und sprang und schrie mit wahnwitzigen Geberden umher offenbar zum großen Vergnügen des kleinen Unholds.
»Hoho! - Hoi!« klang es herüber durch das Knallen
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der Büchsen - »der Franzos ist da und bringt Gold, rothes Gold für die Tyroler! Nazi Haspinger! Nazi Haspinger, Dei Fleisch und Blut führt die Franzosen in's Tyrolerland und Du wirst nit mehr verschärzen28 den Donei!«
»Waiß Gott, der vermaledeite Laninger hat dem Feind den Weg wiesen und den Bua dabei mit g'nommen! I wünscht, i hätt ihm längst Eins auf den Pelz gebrannt! Geb' den Bua heraus, vermaledeiter Dörcher, oder Du sollst an den Nazi denken! Dai Maaß is voll!«
Ein wildes Hohngelächter antwortete seiner Drohung - Schuß auf Schuß krachte herüber und das Blei plattete sich rings an den Felsenwänden. Dazu verstärkte sich der Posten auf dem Felsgrat immer mehr und schon begannen die Alpenjäger ihre Anstalten, um unter dem Schutz des Feuers zu dem Grunde nieder zu steigen und die österreichische Position zu stürmen.
Noch immer stand der alte Tyroler aufrecht, den Stutzen in der Hand, und schien die Kugeln gar nicht zu achten, die um ihn her an das Gestein schlugen. Sei es nun, daß man ihn absichtlich schonte, sei es, daß durch Zufall ihn keine Kugel traf, genug, er blieb unverletzt.
In dieser gefährlichen Situation, während all' seine Aufmerksamkeit auf den gegenüberliegenden Felsgrat gerichtet war und er schon zwei Mal nach dem wahnwitzigen Unhold die Büchse erhoben hatte, indem er sie immer wieder sinken ließ, fühlte der Greis eine leichte Berührung seines Knies.
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Als er um sich blickte, sah er am Boden neben sich den kommandirenden Offizier Oberlieutenant Moser, der im Schutz des Gesteins bis hierher gelangt war.
»Gams-Nazi,« sagte der Offizier - »Ihr seid der Aelteste unter den Schützen und ein Mann von Erfahrung, der - wie ich hörte - schon unter dem Sandwirth gefochten hat. Es kann Euch nicht entgehen, daß unsere Lage eine schlimme ist, wenn der Feind nicht von jenem Grat wieder vertrieben wird!«
»Ja, Herr!«
»Wißt Ihr einen Ausweg, Mann?«
Die Antwort des alten Tyrolers war eine Gegenfrage. »Habt Oes Steiger in Eurer Compagnie, Herr?«
»Drei Gemsjäger aus dem Oetzthal und zwei vom Mattrey!«
»Und Oes selber, Herr, wo seid Oes her?«
»Nun, ich bin bei Innspruck zu Haus!«
»Dös g'nügt, Herr,« erwiederte der Tyroler, »obschon i's lieber g'habt, döß der Taufers-Lex und der Schnader-Wastl dabei wesen wären, 's sayend tüchtige Staiger - awerst sie stehen drüben am Kalberthal.«
»Aber was wollt Ihr mit all den Fragen? Die Zeit drängt!«
Der Alte hatte sich jetzt wieder in den Schutz des Felsblocks gezogen. »Sackra, was seid Oes ungeduldig! Oes müßt hübsch statt29 werden und bedächtig, wann Oes a rechter Schütz werden wollt. Schaut Oes die Spitze da?«
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»Den Felsen, der senkrecht abfällt oder nach dem Sattel hinüber hängt?«
»Ja, Herr, - da droben hinauf muaßt Oes mit a besten Steigern.«
»Aber das ist unmöglich, Mann, ohne Hals und Beine zu brechen.«
Der alte Mann lächelte finster. »An'm Tyroler Gamsschütz is Nix unmöglich, Herr! As i so jung wie Oes war, hätt' i dös nimmer g'sagt!«
»Und selbst wenn es möglich wäre, Gams Nazi, es würde Nichts nützen - die Spitze ist nicht höher als das Grat, eher niedriger, und wir würden eine neue Zielscheibe den Wälschen abgeben.«
Der Greis schaute ihn fest an. »Mai Haar is weiß, Herr und Enk fains schwarz! Warum fragt Oes nach mai Erfahrung, wann Oes nit glauben wollt? Die Spitz is zwei Ellen höher, as das Grat un Oes könnt jeden Moa wegschießen wie a Haas, wann Oes droben seid!«
»Auf Euer Wort, Gams Nazi?«
»So wahr i mit dem Andree's Seit' an Seit g'fochten!«
»Dann will ich's versuchen. Und Ihr? wollt Ihr uns führen?«
»Naa, Herr - mai Knochen sind zu steif für da Weg! Mai Platz is hier und wann Oes mi zwei oder drei Schützen herschicken wollt, soll ka Mann lebendig den Grat drüben wieder verlassen. Um Eins bitt' i Enk - schont den Fratz drüben - der Teufel muß ihn hin führt hob'n, awerst s'is um seiner Mueter willen!«
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Der Offizier versprach es und zog sich in gleicher Weise zurück, während der Alte die weinende Frau zu trösten suchte und sie fast mit Gewalt abhielt, daß sie nicht die Schneewand hinabzuklimmen und in die Linie der Feinde zu dringen suchte, um ihren Knaben wieder zu holen, dem jetzt die Garibaldianer wahrscheinlich befohlen hatten, zu ihnen hinter die Steine zurückzukommen, denn er hatte seinen Platz verlassen und auch der Wahnwitzige war nicht mehr zu sehen.
Unterdeß begann sich am Eingang der Schlucht, vom Eisenthal her eine Sturmkolonne der Freischärler zu formiren, um unter dem Schutz des Feuers der Alpenjäger heranzukommen und die günstigste Stelle zum Ersteigen der Bergwand zu benutzen, auf welcher die Oesterreicher sich postirt hatten und die weit weniger steil war, als die gegenüberliegende.
Die Aufregung des alten Mannes hatte jetzt einen hohen Grad erreicht, der ihn alles Andere nicht beachten ließ, außer den Erfolg der von ihm vorgeschlagenen Maßregel. Er hatte ganz richtig geschlossen, daß der verrückte Bettler, dessen Bosheit und Nichtswürdigkeit er zur Genüge an sich selbst erfahren, den Verräther gespielt und bei seiner genauen Kenntniß des Gebirges den Wälschen den zugänglichsten Weg nach dem Monte Braulio und dann auf den Felsengrat gezeigt hatte. Die Erzählung des Knechts an Nandl ergab ferner, daß er wahrscheinlich den Knaben, für den er seiner gleichen Vorliebe zum Unheilstiften wegen eine besondere Neigung an den Tag legte und der durch keine Strafe abgehalten werden konnte, ihn
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aufzusuchen und mit ihm durch die Schluchten und Schneefelder des Jochs umherzuschweifen - auch verführt hatte, sich von Hause wegzustehlen und dem Verbot seiner Mutter entgegen mit ihm dem Zusammenstoß der Truppen beizuwohnen, was ganz dem wilden unbändigen Sinn des Burschen entsprach.
Alles dies, die Gefahr des Kindes, selbst der Jammer des Mädchens verschwand jetzt in dem Interesse, das der alte Mann an dem Kampf selbst nahm, nachdem er von den drei Schützen, die ihm der Offizier zum Beistand gesandt, erfahren hatte, daß derselbe wirklich mit sechs Freiwilligen das kecke Wagniß unternommen, die Felsenspitze zu erklimmen.
Es war darüber eine längere Zeit vergangen - die Garibaldianer auf dem Grad hatten ihr Feuer seit einer Viertelstunde gespart, um ihre Gegner zu einer Unvorsichtigkeit zu verlocken und die Hornsignale vom Eingang der Schlucht begannen anzudeuten, daß der Sturm alsbald beginnen würde, als plötzlich, - nachdem er schon alle Hoffnung aufgegeben, - der alte Tyroler von der Höhe der Felsspitze den Blitz einer Büchse sprühen sah und im nächsten Augenblick einen gellen Todesschrei mit dem Knall sich vermischen hörte.
Mit einem lauten Halloh! sprang er, die Gefahr nicht achtend, auf den Steinblock und schwang seinen Stutzen.
»Hurrah, tyroler Bua's - gebt's ihnen - schießt sie dernieder die wälschen Dörcher! Laßt sie a Schädel zerstoßen an den tyroler Bergen, döß ihnen das Wiederkommen vergeht! Hurrah, es leb der Kaiser!«
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Schuß auf Schuß krachte unterdeß von der Spitze des Felsens nieder auf den Grat, von wo man vergeblich das Feuer zu erwiedern suchte, und ein Geschrei des Schreckens und der Wuth erhob sich unter den Alpenjägern, als sie sich vertheidigungslos den unbarmherzigen Kugeln ihrer Feinde preisgegeben sahen, denn die Angabe Nazi's hatte sich in der That bestätigt, und die Felsenspitze war wirklich mehr denn zwei Ellen höher, als der schräg gegenüberliegende Grat und bot zugleich einen vortrefflichen und gesicherten Anschlag, der jenen vollkommen von der Seite bestrich.
Dem ersten Schrecken folgte der verzweiflungsvolle Versuch der Gegenwehr; als diese aber als gänzlich nutzlos erkannt worden war, stürzten Alle, die noch ungetroffen oder wenigstens im Stande waren, sich fortzuschleppen, nach der Seite hin, von der man unter der Wegweisung des Tollen den Aufgang gewonnen hatte.
Aber es war zu spät - der Weg der Rettung war versperrt!
Der Gams-Nazi hatte, wie er dem Offizier versprochen, seine Maaßregeln genommen.
In dem Augenblick, wo der erste Alpenjäger aus dem Versteck auf dem Grat den gefährlichen schwindelnden Rückweg betrat, warf er auch die Arme in die Luft und stürzte, von einer Kugel durchbohrt, in den Abgrund.
Der Zweite hatte dasselbe Schicksal, nachdem er einige Augenblicke hin und hergetaumelt war und vergeblich versucht hatte, sich zu halten. Der Dritte stutzte zurück, aber nur um unter einer Kugel von der Felsspitze her zu fallen.
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Die Wahl war eine schreckliche - die Garibaldianer warfen sich auf den Boden und versuchten, von Stein zu Stein kriechend, die gefährliche Passage zurückzulegen; aber die kleine Truppe des alten Tyrolers - der sich bisher auf das bloße Kommando beschränkt hatte, ohne selbst von seiner Waffe Gebrauch zu machen, war von einer tödtlichen Aufmerksamkeit, und fast Keinem gelang es, wenigstens ohne schwere Wunde den schrecklichen Weg zu passiren.
Vergebens war das Feuer der Italiener von den andern Stellen her. Sowohl die Schützen auf der Felsspitze als auf dem Posten des Gams-Nazi waren nur von dem Grat aus zu erreichen, und die jetzt eilig aus der Reserve herangezogenen Compagnieen der Infanterie-Bataillone beschäftigten auf der ganzen Linie so kräftig die Gegner, daß an den beabsichtigten Sturmversuch nicht mehr gedacht werden konnte.
Plötzlich unterbrach ein Ruf des alten Mannes und ein gellender Aufschrei des Mädchens das Büchsenfeuer von dem Felsblock her nach dem Grat.
»Maria Joseph - der Bros! der Bros!«
»Halt, Männer - schießt nit!«
Der alte Tyroler hatte durch seine Unerschrockenheit und seine Umsicht bei dem Kampf sich die Achtung der Kaiserjäger in so hohem Grade erworben, daß sie auch ohne die Bestürzung und das Interesse, welche das Schauspiel, das sich ihren Blicken bot, erregte, ihm gehorcht haben würden.
Hinter dem Steinwall jenes Felsgrates hatte sich eine
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Gestalt erhoben, die einen lebendigen Schirm gegen die Kugeln der Jäger trug.
Es war der Tolle, dem der Mund und der Abscheu des Volkes den Namen »Teufels-Toni« gegeben hatte. Er hielt mit unwiderstehlicher Kraft in seinen Armen den sträubenden und schreienden Knaben, als sei es ein Wickelkind, und streckte ihn den Tyrolern entgegen, während er mit gellendem, triumphirendem Hohnlachen langsam seinen Rückzug antrat.
»Mai Kind, mai Bua - heile Mueter Gottes, mai Buaberle!«
In diesem Augenblick - unbeachtet von der verzweifelnden Mutter - sah man einen eben herangekommenen Mann über die Schützenlinie hinausspringen und mit einer wunderbaren, keine Gefahr achtenden Schnelligkeit an der Schneewand des Berges hinab nach dem Grunde der Schlucht gleiten.
Der Gams Nazi war mit fast jugendlicher Kraft auf den Felsblock gesprungen und hielt den Stutzen zum Anschlag bereit - seine Augen sprühten Feuer, seine Stimme übertönte das Knallen der Büchsen.
»Teufels-Toni - stah! ka Schritt weiter, oder Du bist a Kind des Todes! Setz den Bua nieder!«
Ein wildes Hohngelächter und das Hilfgeschrei des Knaben, den der Tolle um seinen Kopf schwang, als wolle er ihn in den Abgrund schleudern! »Hussah, rother Haspinger, ich kenne Di!« schrie der Tolle. »Af die Knie nieder, Ihr Lüt, döß ich Euch den Segen gebe mit der Teufelsbrut! In nomine Domini, filii et Spiritus sancti!«
[304]
»Zum letzten Mal, Toni - oder baim Herrgott im Himmel - nieder mit dem Bua -«
Der Tolle setzte seinen Weg fort. »Schieß, Haspinger, Du erschießt Dai eigen Verrätherblut! Der Haspinger is a Verräther, a Haspinger hat Tyrol verrathen, - Halloh!«
»Schurke!« Der Kolben war an der Wange des Greises, der Schuß krachte - - mit einem Wehschrei: »Heili Antoni, Nön'l! was hast 'than?« barg das arme Weib das Gesicht in den Händen, um das Schreckliche nicht zu sehn.
Einige Augenblicke schwankte der Tolle hin und her, dann öffnete er die Arme und ließ den Buben fallen. Der Knabe wäre über die Felswand gerollt und in den Abgrund gestürzt, wenn er sich nicht an einem Laatschennetz angeklammert hätte, an dem er jetzt zappelnd um Hilfe kreischte.
Der Teufels-Toni drohte mit der Faust herüber, während er die andere auf die Seite preßte, aus der ein Strom schwarzen Blutes ihm über die Finger quoll, dann schien plötzlich das Bewußtsein seines nahen Endes über ihn zu kommen und die Schatten des Wahnsinns zu zerreißen. Er winkte mit der geöffneten Hand hinüber nach den Schützen. »Sei gesegnet, Nazi Haspinger, für Deinen Schuß! Das Blut von Mantua ist gesühnt - Miserere mei Deus, secundum magnam misericordiam tuam!«
Das wenige Haar auf dem Haupte des Greises begann sich zu sträuben bei dem Ton dieser durch die Nähe des Todes von dem Kreischen des Wahnsinns befreiten Stimme.
»Heili Mueter Gottes - die Stimm' kenn i - D' bischt - -«
[305]
In diesem Augenblick war der Mann, der sich die Bergwand hinabgestürzt hatte nach dem Grunde der Schlucht - zerfetzt, zerrissen, blutend von dem scharfen Gestein, an der Wand des Felsgrates emporgeklimmt, Fuß um Fuß, nicht achtend der Gefahr, an jedem Vorsprung, an jeder Wurzel sich festklammernd, bis er den Rand des Grates erreicht hatte, auf den er, den Knaben unterstützend und emporhebend mit ihm sich eben schwingen wollte, während angstvoll die Augen der Krieger, die ihre Büchsen ruhen ließen, an jeder seiner Bewegungen hingen.
»Ewige Mueter Gottes - s'isch der Hoisal - er rettet mai Kind - -«
Eine schreckliche unerwartete Katastrophe unterbrach den Dankruf der Mutter und Braut - der Tolle hatte kaum das dunkle mit Blut und Erde bedeckte Haupt des hochherzigen Retters, von den langen schwarzen Locken umwallt, sich über die Felswand heben sehen, die fremdartige Gestalt mit der zottigen Bunda um die Schultern, als er mit grellem Schrei emporsprang und die Keule ergriff, die seine Hand mit dem Knaben hatte fallen lassen. Der Blitz der Vernunft war im Augenblick wieder verschwunden - der Wahnsinn glühte verstärkt in seinen Augen, während er mit beiden Händen die furchtbare Waffe um seinen Kopf schwang.
»Das ist der Teufel, der Teufel mit dem rothen Gold, der meine Seele zu holen kommt! - Le grand Napoleon et son digne fils ne seront jamais les protecteurs du peuple tirolien! - Apage - Retro Satanas
Nieder krachte der furchtbare Schlag - ein
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Schmerzensschrei - die Hände ließen los den Halt - über den schmalen Felskamm hinweg taumelte der Mörder von der gewaltigen Wucht des Schlages, und in den Abgrund rollten sie Alle, der Knabe und die Keule, der Tolle und sein Opfer - Matthias, der Slowak!


Bis zum Nachmittag hatte der Kampf am Monte Braulio gewährt - dann zogen die Freischaaren sich zurück, indem sie 32 Todte an der Bergwand zurückließen und achtzig Verwundete mit sich führten; - an dreihundert Mann hatte Garibaldi am Tage von Spondalunga verloren!
Die letzten Strahlen der Sonne, die hinter den Fernern und Spitzen der Bernina niedersank, vergoldete die Eiswände des mächtigen Ortler, als im tiefen Schatten des Grundes, auf dessen Wänden gekämpft worden, ein Kreis von Soldaten und Schützen um eine traurige Gruppe stand, während Andere eine Art von Bahre bereiteten, oder ein Grab in den Schneeboden gruben zur Aufnahme der gefallenen Feinde.
Neben den Todten - dem Mann ihrer Liebe und dem Kind ihrer Schmerzen - kniete die arme Mutter und Braut, und Thräne auf Thräne rann über ihre blasse Wange, wie Kugel auf Kugel ihres Rosenkranzes durch die zitternden Finger, während der alte Mann, ihr Großohm, auf das geschwärzte Gewehr des Sandwirths gestützt, stumm und finster an ihrer Seite stand.
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Der Knabe hatte bei dem furchtbaren Sturz das Genick gebrochen - der Slowak war aller Wahrscheinlichkeit nach schon ein todter Mann, ehe der stürzende Körper den Grund der Schlucht erreichte, - die Keule des Tollen hatte seine linke Schläfe eingeschlagen und all' seinen Prüfungen und Leiden, seiner Reue und seinem Hoffen ein Ende gemacht.
Während die Männer, - mit Schweigen und Flüstern den Schmerz der armen Frau ehrend, welcher der Leutpriester von Trafoi, am Nachmittag heraufgekommen, jene heiligen Verheißungen zusprach, die alle Unglücklichen und Bedrückten auf Erden nach dort Oben weisen! - mit der gefertigten Trage herankamen, die beiden zerschlagenen Körper aufzunehmen, war der Jäger-Offizier zu dem alten Tyroler getreten.
»Ist Euer Name Haspinger, Vater?« frug er in achtungsvollem Ton.
«Ja, Herr! i bin der Nazi Haspinger, der Vetter vom Rothbart und hob' mit em g'fochten bei'm Sandwirth. Der heut'ge Tag hat, denk i zur Genüg' bewiesen, döß der Haspinger dem Kaiser getreu is, wie Anno Neun!«
»Niemand hat daran gezweifelt, Vater. Der Verräther, der die Wälschen auf die Höhe führte, muß Euch gekannt haben, da er Euren Namen rief?«
Der Greis nickte schweigend.
»Es scheint,« fuhr der Offizier fort, »daß Eure Kugel und der Sturz von dem Felsen ihm nicht sofort den Tod gegeben, wie den beiden Unglücklichen, die er erschlug. Er muß erst später auf dem Grunde der Schlucht seine schwarze
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Seele ausgehaucht und einen langen Todeskampf gehabt haben, denn der todte Körper war noch warm, wie die Jäger berichten, als wir Stunden nachher hier herunterstiegen. Man hat in seiner Hand diese alte Brieftafel gefunden, die für Euch bestimmt scheint, denn sein Finger hat mit dem eigenen Blut das Wort »Haspinger« darauf geschrieben. Seht selbst!«
Er hielt ihm die alte schmutzige Brieftasche hin, auf deren innerem Blatt in der That der Namen in schwankenden Zügen geschrieben stand.
»Ich halte es für meine Pflicht, Euch die Tasche auszuhändigen, aber ich muß zugleich verlangen, daß Ihr den Inhalt alsbald in meiner Gegenwart untersucht, um zu sehen, ob sich vielleicht Papiere darin finden, die Nachrichten vom Feinde enthalten.«
Der alte Tyroler hielt die Brieftafel einige Augenblicke zögernd in der Hand, - er schien offenbar von einem Gedanken schwer bedrückt.
»I' bin ka Gelehrter, Herr,« sagte er endlich, »und les nix außer mei Gebetbüchl. Oes mußt Enk selber überzeugen, Herr - awerst ...«
»Nun?«
Haspinger führte den Offizier einige Schritt zur Seite, wo sie von den Andern nicht gehört werden konnten.
»Der Rock des Kaisers, Herr, is a Ehrenkleid! Oes müßt mir das Wort geben, Herr, döß Oes nit weiter ratschen wollt, was in dem Täschel da is, wenn's nit die Wälschen betrifft.«
[309]
»Mein Wort darauf!« - Er durchsuchte die Brieftasche, die offenbar sehr alt war, - sie enthielt Nichts, als ein Paar alte gedruckte Blätter und Papiere.
»Der alte Tollhäusler,« sagte der Offizier, »scheint im Tyroler Krieg gleich Euch gedient zu haben, auf der einen oder der andern Seite - das hier ist eine Proklamation des General Baraguay d'Hillier's, - hier der Ausschnitt einer italienischen Zeitung mit dem Bericht über die Erschießung des Sandwirth in Mantua - und da ein altes französisches Paßformular ohne Namen, aber von Eugen Napoleon, dem Vicekönig von Italien unierzeichnet.«
»Ein's von den Vierundzwanzig,« murmelte der Greis - »i war dabei im Sterzing - as er sie bracht!«
»Was meint Ihr?«
»Nix, Herr - schaut weiter im Taschel!«
»Ich finde Nichts weiter - die Papiere sind werthlos, alte Erinnerungen, die höchstens für einen Sammler Interesse haben. Halt, da ist noch eins - aber von gleichem Charakter! Weiß der Teufel, warum der verrückte Bettler das Zeug aufbewahrt hat.«
»Was ist's mit dem Papier, Herr - s'is a Siegel drauf!«
»Es ist eine Verleihung der Kaplanei zu Loretto - ausgestellt in München von der bayrischen Regierung vom Jahr 1807.«
»Und für wen, Herr, für wen?«
»Für Joseph Donei, Priester aus dem Missionscolleg
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zu Rom - den Namen sollt' ich kennen, - - wenn mir recht ist - -«
»Laßt die alten G'schichten ruhn, Herr,« sagte der Haspinger rauh, indem er sein Gewehr aufnahm. »Der Stutzen hier könt aine erzählen, döß der alte Herrgott im Himmel lebt und jede Sünd' straft, wann wir Menschenkinder auch denken mögen, döß sie längst vergessen sei! - Oes habt Recht, s'is nix as unnütz Papier, dös der verhutzelte Dörcher gefunden oder gestohlen hat, und s' wird am Besten sein, wir legen das Taschel mit em in's Grab. Der Herr Jesu Christ erbarme sich seiner Seele!«
Und ohne weiter zu fragen, nahm er die alte Brieftasche aus der Hand des Offiziers, schritt zu der Grube, in welche die Soldaten eben die Leichen der gefallenen Feinde und des verrückten Bettlers legten, und warf sie hinterdrein zu den Todten, über welche der Leutpriester von Trafoi einen kurzen Seegen sprach.
Der alte Nazi hielt seinen zerschossenen Hut vor die Augen und betete still. Dann wandte er sich um und ohne mit Jemand zu sprechen, folgte er mit gesenktem Haupte der Bahre, auf welcher vier Schützen von Silz die zerschmetterten Körper des Slowaken und des Kindes hinauf zur Höhe trugen.
Als er den Zug erreicht, hinter welchem leise schluchzend die arme Mutter schritt, legte der alte Mann seine schwielige Hand auf das Haupt des unglücklichen Mädchens.
»Der Herr hats 'geben, Nandl, der Herr hats 'nommen! Der Name des Herrn sei gepriesen in Ewigkeit, auch wann Er uns prüft noch so hart! Droben im Himmel
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wird a Gericht sein für die Schlimmen und a Vergeltung für die Armen, die hier rehren!«30 -
Hinter den Felswänden des Monte Stella versank die Sonne - das Land Tyrol war dem Kaiser gewahrt! - - -


Am andern Tage brachte ein Parlamentair des General Garibaldi, sein Generalstabschef Major Corti, die Nachricht von dem Abschluß des Waffenstillstandes zu Villa-Franca.

Berlin unter der neuen Aera.

1. Im Tugendbund!

Es ist Sonnabend, der Tag, an dem sich der Tugendbund, eine ziemlich leichtfertige, aber geniale Gesellschaft, versammelt.
Im Friedrich-Wilhelmsstädtischen Theater hatte Luise Mühlbach sich im »Tage vor Roßbach« patriotisch versucht; kritisirend, lachend, Witze reißend, politisirend und klatschend zieht das lustige Völkchen die einsame Straße am Kupfergraben daher, um in seine Stammkneipe in den Kellern des ehrwürdigen Rathhauses einzufallen, bei dessen Neugeburt der Berliner Magistrat später so schildburgisch schlau sein sollte, die Majestäten im Regenguß eine stundenlange Rede anhören zu lassen. Es sind Herren und Damen, bunt durcheinander: Die Presse hat ihr Contingent gestellt und der Gerichtshof, der kleine Wucher und die Diplomatie, das Theater und der Zunftzwang, die höhere Kleiderverfertigung und die französische Schweiz - selbst die Väter der Stadt haben es nicht verschmäht, ein pockennarbiges Individuum zu liefern -
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kurz man ist sehr gelehrt, sehr lustig, sehr geistreich und sehr liebenswürdig - nur leider nicht sehr tugendhaft!
»Wastel,« sagt der Journalist, »geh' aus dem Wege, mein Sohn, und sperre mit Deiner unverschämten Peripherie nicht besseren Leuten, als Du bist, die Stiege zur Unterwelt, wo Margaux und Bowle fließen. Es ist nicht nöthig, daß Du den Damen, welche das Trottoir der Königsstraße süß oder unsicher machen, die Enkel siehst. Weiche von hinnen, oder ich gebe der löblichen Gesellschaft Deine Abenteuer vom vorigen Sommer im Campanile oder auf dem San Marco der schönen Venetia zum Besten!«
Wastel der Dicke sieht den Redner mit dem Ausdruck niederschmetternder Verachtung an, schlägt den Carbonari, den er auch im Sommer zu tragen gewohnt ist, über die Schulter, daß die Spitze den Gamsbart auf dem tyroler Hut streift und spricht: »Was ich mir davor koofe!« aber er macht in der That ehrerbietig Platz, denn der Präsident des Bundes schreitet eben den Eingang herab mit einer Dame am Arm und sagt blos die Worte: »Dicker, benimm Dich anständig, Du bist ja noch nicht betrunken!«
Die Gesellschaft ist jetzt in der zweiten Halle versammelt und rückt die Tische und Stühle und schimpft auf Deigmüller, daß er noch immer das Sopha nicht hat polstern lassen, in dem man bis über die Hüften versinkt. Joly, ein abscheulicher Köter der würdigen Junggesellen-Wirthschaft, bellt alle Mitglieder an. Friedrich mit der gebissenen Wange, der Ober- und einzige Kellner, Buchhalter und naseweise Küfer macht sich nützlich, indem er den Damen
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die Hüte und Mantillen abnimmt, woran keiner der Herren denkt, und wird dann zu Charlotten, der Antiquität der Küche, geschickt, um Nachricht zu holen über den Bestand der Küche, der sich gewöhnlich auf Ochsenschwanz und Kalbscotelettes beschränkt.
Deigmüller wird vor die Rathsversammlung citirt, um sich auszuweisen, ob Erdbeeren und Eis zur Bowle vorhanden sind - er hat diesmal glücklicher Weise Wort gehalten und erhält die Erlaubniß, sich neben la beauté de la Suisse zu setzen. Der unglückliche Wastel als Proviantmeister des Bundes wird beauftragt, die Bowle zu brauen, krämpelt dazu seine Hemdärmel in die Höhe und streicht seine rabengefiederte Lockenmähne zurück, bereit, Jeden mit Grobheit zu regaliren, der Etwas an seinem Gebräu auszusetzen hat.
Jetzt sind die Gläser gefüllt mit den leichten Vorposten des Estèphe und der Präsident schlägt mit dem Rohrstock auf den Tisch und erklärt: »Das Gesprächsel ist eröffnet! Seid tugendhaft, meine Kinder, in Wort und That!« Eine Fluth von Stadtneuigkeiten und Politik, von Theaterklatsch und Anekdoten, von Wissen und Scherz, Liebe und Bosheit, Industrie und Personalien füllt alsbald die Atmosphäre und fällt über den unglücklichen Präsidenten her, der sich die Ohren zuhält.
»Seid Ihr des Teufels, tugendsame Brüder und Schwestern, könnt Ihr nicht der Reihe nach reden, statt einen Lärmen zu machen, wie in einer Judensynagoge oder einer Volksversammlung? Laßt uns ein vernünftiges Gesprächsel führen, wie es sich gebührt und der Zwiebelduft
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aus Charlotten's Heiligthum es zur würdigen Vorbereitung auf die culinarischen Genüsse erfordert. Josephine, mein Kind, meinst Du nicht auch?«
»Ich verstehe Nichts von Ihren Dummheiten, Monsieur!« lautet die Antwort der schönen Französin.
»Graf Goltz - der constantinopolitanische Gesandte, tritt das Unterstaats-Secretariat an!« lispelt die Stimme des angehenden Diplomaten hinter dem Glase Rothspon herüber.
»Dann Gnade Dir, Spiegelthal! Fare well, Akropolis von Smyrna und Butterhandel von Holland! Die Gräber von Sardes werden der Wissenschaft hinfüro verschlossen bleiben!«
»Leg' ein Wort ein für ihn, Strambo - Ihr wäret ja wohl Schulkamraden?«
Der Zeitungsschreiber zuckte die Achseln. »Das ist das Schicksal der Welt - ich, die Bürger-Canaille, schlage mich im Staub meines Angesichts - er der Graf, wird einmal Minister der Auswärtigen! Achtundvierzig war er übrigens unter den Conservativen Der, welcher arbeitete, während die Bethmann's und Pourtales viel Redens trachten. Manteuffel hat damals undankbar an ihm gehandelt und ihn zu den Schwerinern getrieben, gerade wie Harkort zur Demokratie. Niemand weiß das besser als ich, da ich mitten im Getrieb stand!«
»Bist Du vielleicht dafür Unterstaatssecretair geworden?«
Der Journalist lachte herzlich. »Wer bei uns in der conservativen Presse nicht nebenbei etwa einen Käsehandel oder derlei betreibt, wird ewig ein Hungerleider bleiben.
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Die Regierung versteht nicht, sich eine Presse zu erziehen - sie protegirt nur die Apostaten und Ueberläufer von Euch! - Seht den Burschen da an, schlank, groß, geistreich, ein junger Jaguar! Er soll seine Kraft an der Begründung eines Contreblatts der Volks-Zeitung erlahmen, ohne andere Unterstützung zu haben, als hemmende Vorschriften -, und ich wette Zehn gegen Eins, daß er, ehe zwei Jahre vergehen, ausgewandert ist!«
»Und glauben Sie, daß ich deswegen weniger ein Preuße bleiben werde?«
Der ältere Journalist reichte ihm die Hand über den Tisch. »Sie wissen, Kollege, welch' große Stücke ich auf Sie halte. Es sind zwei Männer, von deren preußischem Furor: Preußen vor Allem vorwärts, ob mit Reaktion oder Demokratie! ich im Innersten überzeugt bin. Das sind Sie und ...
Der Andere!«
»Ist auch ein Gesandter, draußen in Petersburg, Bismarck. Ich denke oft daran, wie wir Achtundvierzig in der Dessauerstraße so manch' liebes Mal an einem Tisch saßen!«
»Ich kann es nicht billigen,« sagte der jüngere Schriftsteller, »daß Herr von Manteuffel in dieser Weise das Feld geräumt hat.«
»Wie ein Hund, der den Schwanz zwischen die Beine klemmt! Er mußte sich selbst die Gerechtigkeit anthun, den vom Regenten angebotenen Grafentitel und den Sitz im Herrenhause als das Geringste, das man ihm schuldete,
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anzunehmen. Seine Empfindlichkeit war ein großer politischer Fehler, der sich an uns Allen rächt!«
Die Justiz lachte spöttisch. »Arme Jungens, Eure Zeit ist vorüber - eine neue Aera hat begonnen!«
»So haltet sie hübsch warm und seht vor Allem zu, daß sie die Gehälter der Justizbeamten erhöht, damit sie nicht nöthig haben, schlechte Opposition zu treiben. Ich fürchte stark, die Sparsamkeit im Beamten-Etat wird sich rächen und eine Phalanx von Assessoren und Kreis-Dichtern erziehen, die jedem Ministerium sehr unbequem sein dürfte. Die Arena ist offen - jeder Referendar trägt das Portefeuille in seinem Maulwerk, wie einst der napoleonische Soldat seinen Marschallstab im Tornister!«
»O Himmel,« flüsterte eine süße Frauenstimme, »können diese Männer denn nicht wenigstens fünf Minuten zusammen sein, ohne von ihrer leidigen Politik zu sprechen? Bitte, erzählen Sie doch lieber Anderes - so etwas Gerichts-Zeitung oder Publizist, - ein wenig Scandal! nicht »Zuschauer«, der ist gar zu fade, seit er fromm geworden, vielleicht leistet das Volksblatt Etwas!«
Alles lachte. »Wir überlassen das der Preußischen Zeitung!« sagte der Journalist pikirt.
»Kinder, wißt Ihr, was das neue Ministerium Schwerin bereits für die Presse gethan hat?«
»Nun?«
»Kinkel hat seinen »Hermann« offerirt. Man sucht einen Correspondenten zu kleinen Enthüllungen nach London.«
»O - ich wüßte einen - Heu ...«
»Man hat ihn schon, Eichhof heißt der Tapfere. Aber
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welches Opfer wirft man dem Moloch öffentlicher Meinung hin zum Zerfleischen, wie Nero die Christen den Tigern des Circus?«
«Wen anders als Euch, die Reaction,« sagte der kluge Vater der Stadt!«[]
»Lieber Freund, seien Sie etwas weniger einfältig. Das zieht nicht mehr. Waldeck'scher Prozeß und Engel'sche Brochüren, Arbeiterfrage und Kirchenpatrone, Vaterlandsverrath und Muckerthum, Kreuzzeitung und Junker, das sind längst überwundene Standpunkte, - darauf beißt kein verständiger Demokrat mehr an. -[«]
»Aber es giebt ja keine Demokratie mehr ...«
»Optime! - Erfinden wir einen neuen Namen für die neue Aera - sagen wir: »Fortschritt!« - also ...[«]
»Angenommen«, brummte die Stimme des Dicken. »Du bist doch ein Hauptkerl, Doktor - ich setze mich morgen in drei Omnibusse und erzähle von der neuen Partei - dann ist die Taufe fertig.«
»Laß das Fahrgeld auf unsere heutige Rechnung setzen, Wastel. Also - der neue Fortschritt will etwas Anderes haben. So etwas Feines - Officielles - das Ministerium muß sich in's eigne Fleisch schneiden und ein Stück aus der Regierung opfern.«
»Sagen wir die Steuern - Patown - die neue Anleihe!«
»Dummkopf - als ob eine liberale Regierung nicht doppelte Steuern brauchte! wovon soll sie denn ihre Macher bezahlen? Nein, es muß Nichts kosten und viel Stoff
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geben. Die Justiz wäre so etwas, aber es könnte die Kreisrichter unpopulair machen und ihrer Wahl schaden!«
»Mon Dieu, warum zerbrechen so kluge Leute sich ihren Kopf. O Messieurs, Sie seind sehr schwach. Maken Sie's wie wir sonst in Paris, nehmen Sie den Könik - er kann sich jetzt nix vertheidigen - er seind ein kranker Mann!«
»Josephine, - Rebellin! - nein, das ist noch zu früh! aber es wird kommen - man wird einen Vogelheerd bauen zum Zerrupfen des sterbenden Adlers! - nein, ich weiß etwas Besseres! sie werden die Polizei nehmen! Zedlitz, Patzke, Nörner, Stieber - - -«
»Hängt ihn! ich bezahle den Strick ...«
»Mein Sohn,« sagte der Präsident zu dem eifrigen Journalisten, »die Nürnberger henken keinen, sie hätten ihn denn zuvor. Ueberdies fühle ich einige Freundschaft für ihn aus süßer Jugendzeit, - damals, am Ufer der Spree, dort wo sie noch Schwan ist, und als er noch Fleischlieferant war. Aber Ihr habt dennoch Recht, nehmt die Polizei - es finden sich da Federn genug zu rupfen, die Sache wird populair sein, und in Betreff der Armee könnte man doch zu empfindlich werden. Man unterhandelt bereits mit Wentzel für die Justiz.«
»Aber wer wird den Angriff wagen?«
»Bah - haben wir nicht Schwark? Er hat sich so tapfer genommen, bei der Affaire mit den fünf Kirchen-Patronen!«
Ein schallendes Gelächter rings um die Tafel antwortete der kitzlichen Anspielung. »Es muß kostbar
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gewesen sein, als ihm Graf Wartensleben mit Escorte auf die Bude rückte und die Ehrenerklärung diktirte!«
»Bei den Stiergefechten machen die Bandrillero's, die man in's Fleisch wirft, den Stier desto wilder. Aber ich hoffe es auch noch zu erleben, daß ein Staatsanwalt oder Stadtrichter das Cartel eines Generals annimmt!«
»Politik! Pfui - laßt den Wastel lieber eine Geschichte erzählen. Doktor, wie war es doch mit der italienischen Contessa?«
Der neue Ganymed, der sich nach Erfindung der Photographie blos mit einem Schlachtbeil und einer Jakobinermütze als Visitenkarte für seine Freundinnen hatte aufnehmen lassen, drohte mit der Schöpfkelle herüber. »Ich schlage Dir das ungewaschne Maul ein, wenn Du ihnen Lügen erzählst! Ich will lieber einen Rebus aufgeben!«
»Um Himmelswillen nicht!« Die Damen hielten die Finger gespreizt vor die Augen.
»Man zu, Dicker - die Geschichte kommt nachher!«
Wastel schleuderte ihm ein wüthendes Augenrollen zu. »Seien Sie unbesorgt, meine Damen - ich weiß, wo ich mich befinde - er ist ganz anständig!« Er nahm das Glas seiner Nachbarin und goß es über den Tisch, daß der Wein heruntertropfte und die Schönen schreiend ihre Kleider salvirten. »So - nun rathen Sie?«
»Pfui! - Friedrich! bringen Sie eine Serviette zum Abtrocknen, rasch!«
Der Dicke lachte, daß ihm die Thränen in den Augen standen. »Bei meinem Hosenträger! Sie können doch vortrefflich rathen!«
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»Wie so? - was denn?«
»Nun den Rebus - Sie haben ihn ja gleich errathen und ich muß dafür von jeder Dame einen Kuß haben!«
»Das fehlte uns noch - Sie gehn immer polnisch betteln auf anderer Leute Unkosten. Aber wie habe ich denn Ihren Rebus errathen.«
»Nun - Servietten!«
»Serviette? - Unsinn, Sie gossen meinen Wein auf den Tisch, daß er überlief!«
»Also! ein »überflüssiges Möbel!« fragen Sie nur Friedrichen![«]
Das Gelächter wurde homerisch.
»Wastel,« sagte der Journalist, »ich vergebe Dir, daß Du mich am Walchensee um die hübsche Schiffer-Marie betrogen hast und selbst die Geschichte im Münchener Volkstheater!«
»O was war das - bitte, erzählen Sie, Doktor!«
»Nicht viel - eine kleine Anekdote, wie sie auf Reisen passirt. Wir saßen in der Prinzenloge zu 30 Kreuzern und der Dicke glaubte dafür auch die Erlaubniß gekauft zu haben, den Leuten im Parterre auf den Kopf zu spu[c]ken!«
»Sie konnten ja aus dem Wege gehn!« murrte der Ganymed.
»Das sagte der persische Gesandte auch im Drurylane. Aber die Logenschließerin meinte, es sei an dem Abend zu voll für dies Vergnügen. Als unser Freund sich nun darin gehindert sah, versuchte er sich in einer andern Weise zu amüsiren und machte eine Attake auf seine Nachbarin, indem er angab, er hätte ein Zweigroschenstück verloren, das er suchen müsse!«
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»Wenn die Bayern ihn gekannt hätten, wie wir, schaltete der Präsident ein, »so hätten sie gewußt, daß das von vorn herein eine Lüge war!«
»Ich hatte immer gehört,« brummte der Beschuldigte, »daß die Mädels in Bayern so schöne Enkel hätten!«
»Ja - aber man sucht sie selbst in München an der richtigen Stelle! Kurz um, schließlich sammelten sich die sämmtlichen Logenschließerinnen und spedirten uns aus der Prinzenloge die Treppe hinunter, - mich, das unschuldige Opfer seiner sultanischen Launen, den leipziger Studenten, den Bösewicht und die Dame!
»Aber warum in aller Welt denn diese?«
»Einfach, weil sie geschrieen hatte! Wir gingen dann selbander friedlich zum Hofbräu!«
»Ich habe seit der Zeit einen Groll auf die Bayern,« sagte der Dicke.
»A propos Sultan - wissen Sie, meine Damen, daß die Odalisken von Tschiragan, die dem kranken Mann das Leben versüßen, in Berlin Conkurrentinnen bekommen?«
»Pfui - Sie meinen doch nicht die abscheuliche Geschichte von der Einrichtung für den Gesandten -«
»Nein! er ist gegenwärtig ein Christ! Gestern ist die erste Sodawasser-Bude an der Schloßpuppenbrücke eröffnet worden.
»Ah! Sodalisken!« schrie der Dicke roth vor Vergnügen über sein Begriffsvermögen.
»Dummer Witz!«
»Es ist ein Fortschritt der Cultur. Man kann nicht
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überall Kapellen bauen. - Höre, Justiz, wie ist der Prozeß gegen Wedicke und Sonntag ausgefallen?«
»Verurtheilt!«
»Ist das derselbe Wedicke,« lispelte der Diplomat, »der die Affaire mit dem Kaiser Nicolaus hatte?«
»Ja - er steckte sich in einem Zimmer des Schlosses in den Kamin, um eine wichtige Unterredung zu belauschen. Aber der Ruß kam ihm in die Nase und er polterte herunter, worauf ihn der Herrscher aller Russen erstechen wollte, bis er sich zuletzt begnügte, ihn tüchtig durchprügeln zu lassen.«
»Der Dummkopf - ich hätte mir die Nase verbunden.«
»Man sagt, in Olmütz sei es Ihnen damals auch nicht recht geglückt,« bemerkte der Journalist boshaft.
»O - Schwarzenberg verbat sich ausdrücklich, daß man mich mitbrachte. Wir kannten uns!«
»Dann wundert es mich nicht! Er hat ja bekanntlich gesagt, daß der Dank Oesterreichs die Welt in Staunen sehen werde. - Ist Jemand bei der Eröffnung des Handwerkervereins in Villa Colonna gewesen?«
»Ich, Herr Doktor!« sagte mit Selbstgefühl der Kellner Friedrich, der gern sein Wort einschob. »Herr Steinert hat eine Rede gehalten.«
»Was sagte er, mein Sohn?«
»O - dies und das - genau kann ich's nicht mehr sagen. Es war sehr feierlich und sehr voll!«
»Schön, Fritz - Du bist ein Mann der Zukunft. Wenn ich Dir rathen soll, laß Dir einen chemikalisch
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experimentalischen Vortrag halten, wie man die Weine fälscht, ohne der Gesundheit zu schaden!«
»Das weiß ich allein!«
Der würdige Kellervater versetzte ihm zum Dank unter dem Jubel der Gesellschaft einen Tritt.
»Wißt Ihr, daß der Marschbefehl ergangen ist?«
»Ich melde mich als Regimentstochter!«
»Ich auch!«
»Pfui der Untreue - als ob es am Rhein kein schönes Geschlecht gäbe!«
»Mon Dieu,« lispelte die schöne Josephine, ihre Cigarette aus den Lippen nehmend, »sie haben immer so große Füße dort!«
»Noscitur ex pedibus,« parodirte der Jurist. »Es kann nicht Jedermann oder vielmehr jede Frau eine griechische Fußspanne haben. Ueberdies müßte man sich erst überzeugen, Kind, ob Du auch ein Recht zum Tadeln hast?«
»Sie sind ein mauvais sujet! Aber wenn Sie nicht unbescheidener sein wollen - voilà!« Sie sprang auf's Sopha und setzte ihr allerdings sehr hübsches Füßchen in koketter Weise auf den Tisch gerade vor den dicken Ganymed, der darob in Verzückung gerieth.
»Wastel, wie wird Dir?«
»Er beginnt zu schnauben und die Augen zu rollen, um Himmelswillen, Josephine, kommen Sie herunter, oder dieser Joseph läßt seinen Mantel nicht im Stich!«
»Lassen Sie sie reden! kümmern Sie sich nicht um den gemeinen Neid,« lächelte selig der Dicke. »Die Brut
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gönnte Einem nicht einmal Schweinsknöchelchen, viel weniger Damenfüßchen!«
»Fi donc, Sie Méchant! Ist das ein Vergleick vor die Damen?«
Sie setzte den hübschen Fuß, den er eben fangen wollte, auf seine Schulter und sprang mit einem Satz über ihn weg - in die Arme des Kommissionsrath Boltmann, der unbemerkt eingetreten war, während Wastel mit dem Stuhl am Boden lag.

    »Ich muß Dich nur vor allen Dingen
    In lustige Gesellschaft bringen,
    Damit Du siehst, wie leicht sich's leben läßt!
Und so weiter,« sagte der Agent, der den Meisten bekannt war, jovial einstimmend. »Ich höre im Vorbeigehen so herzliches Lachen und das hat mich verlockt, gegen meine Gewohnheit noch Abends ein Fläschchen zu trinken. »Kellner - eine Flasche Jacqueson! es ist der solideste Wein, und wenn Sie erlauben, trinke ich ihn in Ihrer Gesellschaft!«
»Mephisto in Auerbach's Keller,« flüsterte der jüngere Journalist zu seiner Nachbarin, »er brauchte nicht erst die Verse zu citiren.«
»Wollen Sie mein Faust sein?« frug der Andere, der sehr scharfe Ohren hatte, lächelnd. »Ein Gretchen werden wir allenfalls finden.«
«Ich danke, Herr Kommissionsrath - ich lasse mich nicht gern beeinflussen!«
»O mein lieber junger Freund,« sagte der Rath mit
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Salbung, indem er den Damen Champagner einschenkte, »wer in aller Welt ist so selbstständig, daß er nicht einem Einfluß unterläge?! Tausendfach sind seine Wege und selbst der stärkste Charakter hat seine Achillesferse. Die Sache ist blos, sie nicht zu fühlen oder fühlen zu lassen.«
»Ich werde gerade in meiner Stellung mir immer volle Selbstständigkeit zu wahren wissen!«
Der Rath lächelte sein. »Ich zweifle nicht daran und eben diese geistige Kraft hat bereits die Aufmerksamkeit in anderen Kreisen auf Sie gelenkt. Daß mit dieser sogenannten neuen Aera Sie hier nicht an Ihrer Stelle sind, wird Ihnen doch gewiß längst eingeleuchtet haben.«
Er hatte sich zu dem Journalisten gesetzt, während die Anderen eben einer schlüpfrigen Geschichte lauschten, die der Dicke mit unvergleichlicher Virtuosität vortrug.
»Gerade jetzt gilt es ernsten Kampf für die conservativen Grundsätze.«
»Eine Kraft wie Sie muß ihr eigenes Feld haben, nicht neben der Kreuzzeitung. Es freut mich, Sie hier getroffen zu haben - seit zwei Tagen habe ich einen Brief des Grafen Thun für Sie.« Er nahm ihn aus der Brieftasche. »Apropos -« er wandte sich an den Schriftsteller »werden Sie uns nicht bald wieder ein Buch zum Besten geben, wie Ihr Sebastopol, oder Nena Sahib? Der jetzige Feldzug in Italien wäre ein nicht übler Stoff.«
»Vielleicht - aber ich müßte so kosmopolitische Figuren haben, wie Sie, Räthchen!«
»O - was mich betrifft, ich gebe Ihnen plein pouvoir
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- bringen Sie unsere ganze hübsche kleine Gesellschaft hinein, versteht sich mit gehöriger Discretion. Ich könnte Ihnen manche hübsche Geschichte an die Hand geben. Ich sammle, wie Herr Varnhagen van Ense, wenn ich auch keine Nichte habe, der ich die kleinen Scandälchen vererben kann! Noch heute Abend hörte ich eine höchst interessante Geschichte!«
»Darf man sie wissen?«
»O - Sie werden sich der Personen erinnern. Sie lebten einige Zeit hier - selbst in meinem Hause. Erinnern Sie sich der Gräfin Törkyönyi und ihres Freundes oder Liebhabers, eines Doktor Lazare?«
»Gewiß - ein verkappter Jesuit oder Agent der revolutionairen Propaganda!«
Der Rath lächelte. »Ich weiß es nicht, - aber er ist todt!«
»Todt?«
»Ja - er war ein Mann von großer Philosophie, der das Duell verachtete und dennoch ist er im Duell erschossen worden.«
»Wo? wie ist das geschehen?«
»O - in der Schweiz! - es heißt: aus Eifersucht, und daß die Gräfin ihn dabei sekundirt hätte. Es hängt damit noch eine kleine Geschichte zusammen, die ich vielleicht nachher noch zum Besten gebe.«
Er heftete das graue kleine Auge dabei mit einem eigenthümlichen Ausdruck auf die junge Französin, die mit einem Mitglied der lockern Gesellschaft gekommen war und
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seit dem Eintritt des Kommissionsraths auffallend still und scheu sich zurückgezogen hatte.
»Nach Allem, was ich höre,« fuhr der Rath fort, »wird es jetzt Ernst mit dem Krieg.«
»So scheint es. Das 7. Corps nimmt Stellung bei Cöln, das 8. und 4te bei Düsseldorf und Wesel, das 3te bei Frankfurt a. M., das 5te bei Mainz, die Garde als Reserve in Thüringen. Die Bundescorps kommen an den Oberrhein!«
»Also 8 Armeecorps, das kann allerdings Marschall Pelissier nicht paralysiren.«
»Lord Russel hat einen neuen Vermittelungsvorschlag gemacht!« sagte der Diplomat.
»Die Weltgeschichte geht über die Vermittelungsvorschläge zur Tagesordnung über. Ich bin neugierig, welche Mängel sich bei Ihrer neuen Mobilmachung herausstellen werden. Man sagt, der Regent gehe schon seit Jahren mit dem Plan einer Reorganisation der Armee um. Schade, daß sie noch nicht ausgeführt ist, sie würde Oesterreich zu Gute kommen.«
»Wenn nicht diesmal, so ein andermal,« sagte der Städtische trocken. »Verlassen Sie sich drauf, daß es geschehn wird. Was übrigens die Mängel der Armee betrifft, so lauten die Berichte aus dem österreichischen Hauptquartier ganz absonderlich. Ich habe mich nur gewundert, daß Sie nicht dort sind?«
Die Frage galt dem älteren Journalisten.
»Die Kammer hat mich so lange aufgehalten; ich hatte die Hand voll gewichtiger Empfehlungen, aber als ich in
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Wien die Erlaubniß verlangte, schrieb Graf Rechberg einen langen, sehr höflichen Entschuldigungsbrief, dessen Inhalt war, daß man sich nicht durch die preußischen Zeitungen in die Karte schauen lassen könne.«
»Das habt Ihr Reactionaire für Eure österreichischen Sympathieen - es wird noch besser kommen!«
»Das sagt die Schule der Neuzeit - die Aelteren können sich des Gedankens noch nicht entschlagen, daß Preußen und Oesterreich Hand in Hand Europa Gesetze vorschreiben könnten. Aber freilich gehört dazu aufrichtiges Wollen gegenseitig - keine Hinterlist von Olmütz und Dresden. Dieser Zwiespalt wird noch viel Unheil bringen, bis sich der Phönix einer wirklichen neuen Aera aus dem Nebel dieser Versuchspolitik emporringt und ein entschlossener Geist Alles daran setzt.«
Der Commissionsrath war nachdenkend geworden - die Ursach, weshalb er die Gelegenheit benutzt hatte, um in die lustige Gesellschaft hinein zu fallen, war ja großentheils mit, die verschiedenen Stimmungen in der Bevölkerung der Residenz kennen zu lernen.
»Der arme König meinte es gewiß aufrichtig,« äußerte er endlich.
»Das haben traurige Opfer genug gezeigt,« sagte der jüngere Journalist. »Diese ehrliche Gefühlspolitik des Glaubens und Vertrauens hat Preußen nachgerade aus seiner Stellung als Großmacht gedrängt. Heutzutage ist Alles Wettlauf. - Seine Zeit ist vorbei, und dennoch waren es stets große und würdige Ideen, die aus dem Herzen des Sohnes, Luisen's zu seinem Haupte emporstiegen.«
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»Ist es nicht auch eine erhabene Idee des Königs gewesen, den Johanniter-Orden wieder in's Leben zu rufen zur Pflege der Kranken und Verwundeten? Sie wissen doch, daß die Ballei Brandenburg unter unserem ritterlichen Prinzen Carl sich bereits zur Uebernahme der Verpflegung der Verwundeten erboten hat?«
»Wer hat die Sache in der Hand?«
»Graf Eberhard Stolberg, der Kanzler des Ordens!«
»Ein wahrer Ritter -, das Ideal eines Edelmanns vom Scheitel bis zur Sohle. Ich wünschte, Preußen hätte Viele wie er - dann hätten wir eine wirkliche Aristokratie, wie sie jedes Land haben soll! - Aber jener erhabene Gedanke des Königs wird seine Früchte tragen. Die Schlachtfelder regeneriren das stagnirende Blut der Völker. Es ist Zeit, daß der Preußische Adel dem Lande zeigt, wie er seine Ausgabe erkennt, an der Spitze der Nation zu stehen. Daß die adlige Jugend in Berlin den Wohlstand der Familien an die Herren Meier, Jonas und Lilienthal, oder wie die Gesellschaft heißt! in dreihundert Prozenten vergeudet, und sich nicht schämt, Gaunern gegenüber selbst zu Schwindlern zu werden, - daß sie die Ehre alter Namen an Metzen wegwirft und mit Loretten Arm in Arm Unter den Linden und bei Kroll paradirt - beim Styx! das ist der Demokratie Wasser auf die Mühle. Laßt das Herrenhaus eine wahre Pairskammer sein, die sich nicht hinter Privilegien versteckt, sondern für das Volk klaren Sinn und redliches Herz hat! laßt den Regenten mit fester Hand den jungen Adel der Armee in würdige Bahnen weisen, - laßt die Johanniter zeigen, daß
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die erhabensten Aufgaben der christlichen Liebe sie beseelen, daß der Muth eine Tugend ist, nicht blos eine physische Eigenschaft - und bei Gott, alles Gekläff der Demokratie, alles Schmuzwerfen der revolutionairen Presse wird dem Adel in Preußen seine Stellung am Thron nicht rauben und dem Bürgerthum nicht die Achtung für wahre Vornehmheit schmälern können!«
Ein schallendes Gelächter der lustigen Gesellschaft antwortete den ernsten, erregt gesprochenen Worten. Der Sprecher wandte sich unwillig von ihnen. »Ihr seid ein leichtfertiges Gesindel, das nur Sinn für seine Amüsements, nicht für ernste Fragen und Aufgaben der Zeit hat. Per Baccho - auch dem Bürgerthum thut eine tüchtige Aufschüttelung herzlich Noth! - Fülle die Gläser, Wastel - auf einen fröhlichen Krieg mit Frankreich und einen raschen Siegesmarsch nach Paris!«
»Daß ich ein Narr wäre, zu solchen verrückten Toasten meinen guten Wein herzugeben! Der Krieg stört Handel und Wandel, und bringt die Papiere herunter. Wenn wir die Französinnen haben, was brauchen wir Frankreich!«
»Am allerwenigsten die Franzosen! - aber was hat der dicke Commissionsrath mit der kleinen Marianne? Sprecht Deutsch, Kinder, wie es deutschen Männern und Jungfrauen geziemt. Sie schulden uns noch die Geschichte, Räthchen - von dem Duell, oder wie es gekommen!«
»Sie sollen sie haben,« sagte der Agent mit einer gewissen energischen Bosheit, indem er sich von dem Stuhl an der Seite der kleinen Französin erhob, den er während des letzten Gesprächs eingenommen hatte, obschon sie so
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sichtbar von Anfang an sich in möglichster Entfernung von ihm hielt. Hier hatte er seitdem leise in französischer Sprache zu ihr geredet, offenbar sehr eindringlich, während sie nur einzelne ablehnende Worte zur Antwort gab, bis der Widerspruch und der Ruf des Präsidirenden der lustigen Gesellschaft ihn veranlaßte, das Gespräch aufzuheben.
Jetzt nahm er den vorigen Sitz neben dem Journalisten ein, dem er vorhin den Brief gegeben.
»Sie sollen die Geschichte hören,« wiederholte er. »Sie ist pikant genug, um in der Gerichtszeitung oder der Tribüne unter den auswärtigen Criminalfällen eine amüsante Rolle zu spielen, namentlich da Personen in Berlin leben und wahrscheinlich selbst von Ihnen gekannt werden, die nicht ohne Bezug zu den Vorgängen sind. Die Anekdote spielt in Genf!«
Die Gesellschaft sah den Erzähler an, neugierig durch diese Einleitung, sonst hätte vielleicht Einer oder der Andere bemerkt, daß die kleine Französin stark erbleichte und auf den Erzähler einen flehenden ängstlichen Blick warf.
»Doktor Lazare hielt sich in irgend einer seiner politischen oder socialistischen Intriguen in Genf auf und logirte in der ›Krone‹,« erzählte der Rath weiter, ohne die Bitte zu beachten. »In dem Gasthof servirte ein junger Mann als Kellner, der zwei hübsche, noch sehr junge Schwestern hatte. Monsieur Henry, so wollen wir ihn nennen, ließ sich vom Teufel blenden und stahl dem Doktor einen Diamantring. Aber der Doktor Lazare, wie Einige von Ihnen wissen, hatte Luchsaugen, er entdeckte bald den Dieb und wollte ihn der Polizeibehörde übergeben.
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Die Gräfin, die zufällig die Schwestern gesehen hatte oder kannte, legte sich in's Mittel - vielleicht, daß Monsieur Henry selbst einen Stein bei ihren kleinen Liebhabereien im Brett hatte. Sie schickte die beiden Mädchen zu ihrem Galan, um Gnade zu bitten, und Doktor Lazare war kein Mann, der die Gelegenheit vorbeigehen ließ. Kurz und gut, die beiden Mädchen zahlten für ihren Bruder - ziemlich schwer, denn die jüngste stürzte sich zehn Monat darauf mit ihrem Kind von der prächtigen Brücke an der Rousseau's-Insel in den See! - der anderen bekam der Gnadenpreis zwar nicht so unglücklich - sie ließ blos den Orangenzweig zurück und ging in's Ausland. Aber sie hätte gewiß auch jenen Preis nicht gezahlt, wenn sie gewußt hätte, daß Lazare sehr vorsichtig nach seiner Gewohnheit alle Beweise jener kleinen Escamotage aufbewahrt hatte, selbst ein handschriftliches Eingeständniß des jungen Burschen, wozu er ihn gezwungen. Ich glaube, die hinterlassenen Papiere des Doktors könnten eine halbe Provinz an den Pranger oder auf die Festung, wenn nicht auf das Schaffot bringen!«
»Und wer ist in ihren Besitz gekommen?« »Nicht die Gräfin - dazu kannte er sie zu gut! - Genug - der unbesonnene junge Mensch hat seine leichtsinnige Handlung von damals ehrlich gesühnt und sich auf einen besseren Weg gewandt. Er diente in der französischen Armee während des Krimfeldzugs, zeichnete sich bei dem Sturm auf den Malakoff aus und wurde zum Offizier ernannt und dekorirt!«
»Aber was hat das Alles mit dem Duell des Doktor
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Lazare zu thun - er hat sich doch nicht mit seinem ehemaligen Diebe geschlagen?«
»Nein - aber ein eigenthümliches Verhältniß wollte, daß der französische Offizier einer der Beistände des Russen sein mußte, mit dem sich Lazare, alle seine bisherigen Grundsätze diesmal einem blinden Haß und seiner Geschicklichkeit nachsehend, schoß. Wahrscheinlich wollte er die Chancen des Zufalls in Voraus corrigiren und scheint Herrn Henry in dieser Beziehung einen Vorschlag gemacht zu haben - was? hat man nicht erfahren. Der Offizier hat die Zumuthung zurückgewiesen, und Lazare ...«
Der Rath schwieg einige Augenblicke und warf einen eigenthümlichen Blick auf die Französin.
»Nun!«
»Lazare hat noch auf dem Todtenbett die Niederträchtigkeit begangen, einen meiner Geschäftsfreunde - von dem ich eben die Geschichte weiß, - zu verpflichten, jenes Papier, das er ihm übergab, die Quittung über den Diebstahl könnte man sagen, zu veröffentlichen, oder an den Regimentscommandeur des Offiziers, der bei Magenta verwundet und Kapitain wurde, zu schicken.«
»Das ist Nichtswürdigkeit! - Wie heißt der arme Mann?«
»So viel ich mich erinnere - ich glaube ...«
Ein tiefer Seufzer unterbrach die Antwort - die Französin Marianne fiel ohnmächtig von ihrem Stuhl, zum Glück auf Joly, den Hund, der aufmerksam daneben gesessen und jetzt heulend und hinkend in einen Winkel flüchtete.
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»Zum Teufel mit Ihrer Geschichte,« rief gutmüthig der Dicke, indem er sich eifrig mit dem Corset der Ohnmächtigen zu schaffen machte, »solche Bosheit kann kein Pferd anhören, vielweniger das butterweiche Herz eines Frauenzimmers, noch dazu, wenn von einem Landsmann die Rede ist! Es ist ein Glück, daß der Kerl todt ist, ich glaube, ich hätte ihn selber auf - meinetwegen auf 500 Schritt Distance gefordert!«
Der unangenehme Zufall hatte die ganze Gemüthlichkeit gestört, - die Damen waren um die kleine Französin beschäftigt, die sich unter Eau de Cologne und Wasser erholte, der Präsident erklärte die Sitzung für heute geschlossen und die Herren bezahlten an Friedrich ihre Zeche; dabei war der jüngere Journalist zu dem Kommissionsrath getreten.
»Ich weiß nicht, wie weit Sie mit dem Inhalt des Briefes bekannt sind, Herr Rath,« bemerkte er ernst. »Wenn aber dies der Fall ist, und Sie an den Herrn Grafen schreiben, so sagen Sie ihm, daß ich nicht abgeneigt bin - aber nur unter der Bedingung, - daß ich nicht gegen meine Ueberzeugung und nicht gegen mein Vaterland zu schreiben brauche!«
Der Rath verbeugte sich leicht. »Ich glaube, Herr Doktor, Sie haben nur Ihre Bedingungen zu stellen. Man ist der feilen jüdischen Federn dort müde und wünscht eine frische selbstständige Kraft.«
Er wandte sich zu den Damen und nahm dem Kellner den Hut und die Mantille für die junge Gouvernante ab, auf
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die seine Erzählung einen so merkwürdigen Eindruck gemacht hatte.
»Erlauben Sie, Mademoiselle?« frug er, die Mantille öffnend, und indem er, sich umblickend, alle Anderen beschäftigt und einige Schritt entfernt sah, fügte er leise hinzu:
»Soll ich den Namen nennen!«
»Ich flehe Sie an - ich gehorche!«
Er ließ einen Schlüssel und ein Papier in ihre Hand gleiten.
»Noch diese Nacht also,« flüsterte er. »In dem Arbeitskabinet - der zweite Schrank von der Thür links. Von oben das dritte Fach - der Zettel enthält die Aufschrift des Aktenstücks. Wann pflegt Se. Excellenz schlafen zu gehen?«
»Um ein Uhr gewöhnlich!«
»Dann warten Sie eine Stunde - und es wird ohne Gefahr sein. Sie werden morgen Vormittag unter einem Vorwand das Hôtel verlassen - ich erwarte Sie am Goldfischteich. Der Schlüssel paßt - Muth und ein Bischen Geschicklichkeit, so ist keine Gefahr!«
»Und mein Bruder ...?«
»Auf mein Ehrenwort - wenn Sie mir das Aktenstück bringen, erhalten Sie jenes Papier und damit jeden Beweis!«
»Heda, Kommissionsrath,« rief der Innungsälteste, von der ganzen Gesellschaft der Onkel genannt und gewöhnlich mit der Zusammentrommelung des Tugendbundes beauftragt oder mit der Rolle der Anstandsmutter für die
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weiblichen Mitglieder betraut - »Sie machen unserer kleinen Marie allzusehr die Cour!«
Der Agent trat zurück: »Ich bin fertig - ich habe dem Fräulein nur meine Entschuldigungen gemacht, daß meine Geschichte von vorhin sie so erregt hat.«
»Vorwärts - vorwärts! sonst giebt's keine Droschken mehr!«
Friedlich hielt die Thür zu der Treppe und die Hand offen.
»Es ist Schade, daß Sie heute so früh gehen - der Herr Wastel hat doch noch so wenig Geschichten erzählt!«
Für die Frechheit, sich des nomme de guerre bedient zu haben, erhielt er kein Trinkgeld - der Dicke wußte immer eine Ursach ausfindig dazu zu machen.

2. An dem Sterbelager eines Gerechten!

An demselben Abend - während die eben beschriebene Gesellschaft in leichtfertigem Jubel sich des Lebens freute - streckte der Tod seine Geisterhand in einen besseren Kreis der Gestalten, die unser Buch dem Leser bekannt - vielleicht lieb gemacht hat. -
Tiefe Stille herrschte in dem Parterre-Zimmer eines Hauses in einer der Seitenstraßen der Linden, jene Stille, wie sie die Vorsicht der Liebe sorgsam beobachtet, um den Schlummer eines theuren Kranken nicht zu stören. Der gedämpfte Schein einer Lampe verbreitete ein Halbdunkel, das nur undeutlich die Gestalten erkennen ließ. Das
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Gemach war einfach bürgerlich möblirt - die ganze Einrichtung zeigte, wenn auch nicht Mangel, doch strenge Vermeidung jedes Ueberflusses. Und doch waren die Bewohner desselben noch vor wenigen Wochen der weiten aristokratischen Räume und aller Bequemlichkeiten des Lebens gewohnt.
In der Mitte des Zimmers saß auf einem unbequemen Lehnstuhl ein alter Mann, die hohe, einst so straffe Gestalt weniger durch die Last der Jahre, als der Leiden gebeugt. Er war vollständig angekleidet und trug eine verbrauchte Armee-Uniform von altmodischem Schnitt, im Knopfloch das Eiserne Kreuz. Die wenigen Haare waren weiß wie Schnee, die Wangen abgemagert, die geschlossenen Augen tief eingefallen.
Der alte Mann schlief. - Gewiß nur Wenige würden in der abgezehrten, gebrochenen Gestalt die noch vor fünf oder sechs Wochen so straffe soldatische Haltung des alten Major von Röbel wieder erkannt haben.
Und dennoch war er es. Neben ihm, auf niederem Stuhl, saß in Trauerkleidung seine stille Gemahlin, mit ängstlicher Sorge jede Bewegung des Kranken beobachtend, während Thräne auf Thräne über ihre blassen Wangen lief. Nur zuweilen wendete sie das kummervolle Auge von dem Gatten ab auf den jungen Mann, der ihre Hand in der seinen haltend vor dem Greise kniete und mit gleichem Schmerz zu ihm aufsah, und ein gewisser freudiger Trost, eine Empfindung des Glücks belebte dann ihr mildes Auge, denn es war ja ihr Sohn, ihr geliebtes
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Kind, das hier gerettet und ihrer Liebe wieder gegeben an ihrer Seite kniete.
Es war in der That Otto von Röbel, wiedergekehrt aus dem blutigen Kampf im fernen Land - wiedergekehrt mit schwellendem hoffnungsbewegtem Herzen für die Zukunft - - - zu dem Sterbelager des Vaters.
Rosamunde war an seiner Seite. Erst zwei Stunden war er hier und die Geschwister hatten noch keine Gelegenheit gehabt, ihre Herzen einander auszuschütten. Die Sorge für das theure Haupt vor ihnen verdrängte alles Andere und nur leise geflüstert erhielt der junge Mann von ihr jetzt einige Mittheilungen und Antworten auf seine Fragen.
Sie lauteten traurig genug.
Auch nach der Abreise der Söhne war der alte Edelmann verschlossen, aber thätig und ungerührt geblieben. Bereits fünf Tage nachher war es ihm gelungen, das Gut seiner Väter, auf dem die Familie Röbel seit Jahrhunderten gesessen, zu verkaufen. Der Käufer war einer jener Spekulanten, die in unserer spekulirenden Zeit den Grundbesitz durch Entholzung und Parzellirung zu Geld machen, oder durch Spiritus-Brennereien und Fabrikanlagen verwerthen - einer jetter Ritter der Neuzeit, deren Vasallen die Fabrikarbeiter, deren Adelsbrief der Courszettel und deren Lanze der Dampfschornstein ist. Er hatte wohl verstanden, sich im Kaufpreis den Druck der Zeitverhältmsse zu Nutze zu machen, aber er hatte sofort bezahlt, und das war Alles, was der Major verlangte. Mit den Kapitalien waren sofort die Hypotheken bis zum letzten Pfennig so
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wie alle Schulden des leichtsinnigen Offiziers bezahlt worden, ja der Major hatte auch den Betrag jener unglücklichen Wechsel bei einem Banquier nebst einem erheblichen Ueberschuß für den Wucherer deponirt, obschon der Familie dadurch nur das Leibgedinge der Frau übrig blieb, das kaum hinreichte zu ihrem beschränkten Lebensunterhalt. Die Familie hatte, den Bedingungen des Verkaufs und dem starren Willen des alten Edelmanns gemäß sofort das Gut verlassen, wo bereits Schaufel und Kelle rüstig arbeitete, um eine Spinnerei und andere Anstalten rasch entstehen zu lassen, und war nach Berlin gezogen, um hier einstweilen in der Stille zu leben, bis alle Geschäfte beseitigt wären.
»Und der Vater - o mein Gott, wie ertrug er Alles dies?«
»Fest und ruhig - Du kennst seine Weise. Nur - damals -« das arme Mädchen brach auf's Neue in Thränen aus.
»Sprich Rosamunde - erzähle Alles! Gott hat in seiner Gnade mir die Macht gegeben, wenn Gold es verrichten kann, Alles wieder gut zu machen - Röbelsburg soll der Familie zurückgegeben werden und müßte ich Alles daran setzen. Mein Vater soll sein ehrwürdiges Haupt unter dem Dach seiner Ahnen zur Ruhe legen.«
Die Frauen weinten, indem sie ihr Schluchzen kaum zu unterdrücken vermochten. »Zu spät, Otto, zu spät! Er hätte Alles ertragen, nur als jener Schändliche ...«
»Jonas?«
»Er hat alle Anerbietungen verschmäht, obwohl wir
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das Letzte opfern wollten, um seinem Haß und seiner Rache Genüge zu thun. Damals Otto war es - an dem Tage ...«
»Sprich!«
[»]An dem Tage, wo der Steckbrief mit dem Namen Friedrichs, mit unserem Namen in den Zeitungen erschien, war es, wo des Vaters Herz und Kraft brach. Obschon wir gewarnt waren von einem Freunde, den das Unglück uns zugeführt und der auch dem Vater den Käufer des Gutes vermittelt hatte, - die unglückliche Anzeige ihm fern zu halten, schien er eine Ahnung davon zu haben, und suchte die Zeitungen in einem öffentlichen Lokal auf. Es war eine schreckliche Stunde, Otto, als er nach Hause kam, das Herz gebrochen und das Auge so starr! - Seitdem hat er das Zimmer nicht wieder verlassen!«
Der junge Mann hatte die Hände krampfhaft zusammengeballt, zwischen seinen Augenbrauen lag eine dunkle, tiefe Falte auf der Stirn, die eine breite, kaum verharschte Narbe zierte. Er hatte die Schwester leise zum Fenster geführt, damit der Kranke nicht von ihrem Flüstern erwache.
»Was sagt der Arzt, Rosamunde? Verschweige mir Nichts!«
»Er ist am Nachmittag über eine Stunde bei uns gewesen - Du weißt, der Geheime Rath war stets ein Freund des Vaters. Er ist einer der Wenigen, die unser Unglück nicht von uns gescheucht.«
»Er ist ein Ehrenmann - die Arnim's sind so alt wie die Röbel. Und sein Ausspruch?«
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Das Mädchen schluchzte. »Er hat uns alle Hoffnung benommen und mich auf das Schlimmste vorbereitet, damit ich die Mutter unterstützen möge. - Der Vater hat nach seinem Besuch das heilige Abendmahl empfangen, er selbst verlangte danach.«
Der junge Mann bedeckte sein Gesicht mit den Händen, schwere Thränen des Schmerzes perlten durch seine Finger. »Gott im Himmel, warum mußte ich zu spät kommen, warum hielt mich die Verwundung und ihre Liebe so lange zurück, statt hier, wenn auch nicht das verlorene Leben, doch Friede und Sicherung zu bringen, Du wenigstens, Schwester, sollst den Lohn Deines Duldens empfangen! - Aber hat die Tante sich Eurer nicht angenommen?«
»Sie bot mir und der Mutter Wohnung bei sich an - aber wir wollten den Vater nicht verlassen. Das hat sie erzürnt. Ueberdies ist sie jetzt ganz fromm geworden und wie es heißt, katholisch. Sie läßt eine Kapelle bauen und will in ein Stift gehen!«
»Ihre Nachsicht hat Fritz verderben helfen,« sagte er finster. »Fort mit ihr! - Aber Du sprachst von Jemand, der sich Euch gefällig und freundlich gezeigt in Eurem Unglück?«
»Es ist ein Mann aus unterem Stande, ein Commissionair! Er kommt täglich mehrmal, um sich nach Papa zu erkundigen und hat sich in jeder Weise nützlich und dienstfertig gezeigt.«
»Sein Namen?«
»Günther heißt er.«
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»Der Schurke! er ist der Diener und Helfershelfer eines noch größeren als er! ich kenne ihn wohl - er ist der Sache mit Fritz nicht fremd, ich traf ihn selbst bei dem Wucherer! Wehe ihm, wenn er es wagt, noch jetzt seine Bübereien mit Euch zu treiben!«
»Nein, Otto, sei nicht ungerecht,« sagte das Mädchen eifrig. »Es ist wahr, daß er ein Werkzeug jener gemeinen und schlechten Menschen gewesen ist, aber er bereut es aufrichtig und scheint wirklich eine gewisse Anhänglichkeit an unsere Familie zu haben, ich weiß nicht warum. Er hat jenem Manne den Dienst oder alle Verbindung aufgekündigt, weil er jene unglückliche Sache gegen Friedrich bis zum Aeußersten trieb, und hat sich geweigert, als Zeuge gegen diesen aufzutreten. Der Advokat sagte es dem Vater in meiner Gegenwart. Seitdem hat er uns hundert kleine Dienste erwiesen, ohne je eine Vergütung dafür anzunehmen. Er sagt, er habe den seeligen Ferdinand noch gekannt! - Aber Friedrich - sprich Otto - warum hast Du uns noch kein Wort von ihm gesagt - ich muß das Schweigen brechen, da die arme Mutter es nicht wagt! Die kurze Nachricht von seinem Tode, die uns ein fremder Offizier schrieb, ist Alles, was wir wissen!«
»Graf Montboisier - ich lag damals im Wundfieber! - Aber still - der Vater regt sich - der Vater erwacht!«
Er eilte zu den Füßen des Greises und bedeckte seine welke Hand mit Küssen.
In der That bewegte sich der Kranke und war aus
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seinem Schlaf der körperlichen und geistigen Erschöpfung erwacht, ohne die Augen zu öffnen.
»Marie,« sagte er leise, ihre Hand suchend, »ich habe ihn gesehen, er war hier.«
Die Edelfrau hatte seine Hand gefaßt. »Er ist hier, mein Theurer, Gott hat ihn uns wiedergegeben!«
»Nein Marie,« flüsterte der Greis - »nicht hier, dort oben, wo ich bald sein werde, bei ihm und Ferdinand. Dort, wo Alles vergeben und nur die Liebe geblieben ist. Gewiß - ich habe ihn gesehen - wie ich Dich sehe, wie ich ...«
Er öffnete die müden Augen, um sie auf Gattin und Tochter zu richten und heftete sie erstaunt auf seinen jüngsten Sohn.
»Otto - Otto, mein Sohn - Du hier!«
»Es ist mein Platz, Vater, und nicht meine Schuld, daß ich nicht eher an ihm sein konnte!«
Er legte beide Hände an das Haupt seines Jüngsten und schaute ihm fest und innig in das männlich schöne kräftige Gesicht.
»Du kommst zur rechten Zeit, Otto,« sagte er nach einer langen Pause der Rührung - »Du wenigstens bist ein ächter Röbel und mit Ehren zurückgekehrt, wie Du gegangen, das zeigt mir diese da!«
Er legte den Finger in die rothe Narbe auf seiner Stirn.
»Ich erhielt sie, Vater,« sagte der junge Mann fest, »als ich meinen Bruder, der mit seinem Leben die Fahne gerettet, aus dem Getümmel trug. Auch er ist als ein
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ächter Röbel gestorben, und daß Du es wissen solltest, war sein letztes Wort!«
Der alte Mann nickte still. »Erzähle mir, wie der Fritz gestorben ist!«
Der junge Mann that wie ihm geheißen, während Mutter und Schwester neben ihm standen und mit gefalteten Händen und thränenbefeuchtetem Antlitz der einfachen ergreifenden Erzählung zuhörten.
»Die Nachricht von seinem Tode kam acht Tage zu spät für unsere Ehre,« murmelte der Greis. »Aber Gott, mein Herr, ich danke Dir, daß Du mich nicht zur Grube fahren läßt, ohne zu wissen, daß das Kind meiner Liebe werth seines Namens gestorben ist! Du aber sei gesegnet für das, was Du an Deinem Vater und Deinem Bruder gethan hast!«
Er hielt die Hand auf das Haupt seines Jüngstgeborenen gelegt, der eben antworten wollte, als es leise an die Thür klopfte.
Rosamunde ging, sie zu öffnen.
»Vater,« sagte sie - »es ist Herr Günther, der heute zum dritten Mal kommt, zu fragen, wie es Dir geht?«
»Laß ihn herein, mein Kind,« antwortete der Greis - »laß ihn herein! Er ist ein Freund - erst im Unglück lernt man diese kennen, und das Unglück ist nöthig, um uns die Lehren des Buches Gottes ganz verstehen zu lassen.« Er reichte dem zaudernd näher tretenden und bei dem unerwarteten Anblick des jungen Röbel tief erröthenden und sich abwendenden Mann die Hand. »Es geht zu Ende, Herr Günther,« sagte er, »aber es ist sehr gut, daß Sie
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gekommen sind, damit ich Ihnen doch noch danken kann für Ihre viele Freundlichkeit!«
Es schnürte dem jungen Mann das Herz zusammen, als er seinen Vater, den festen, nicht stolzen, aber abgeschlossenen, den Unterschied der Stände durch sein ganzes ehrenvolles Leben streng aufrecht haltenden Mann jetzt an der Schwelle des Grabes die Hand des Zuchthaussträflings, eines Menschen halten sah, dessen Berührung er früher mit Verachtung von sich gewiesen haben würde, und er mußte sich unwillkürlich abwenden, um seine Fassung wieder zu gewinnen.
»Jott bewahre, Herr Major,« stammelte das achtbare Individuum, »machen Sie sich man doch jetzt nich solche Jedanken! Sie werden noch lange nicht sterben, un jetzt, da der Herr Sohn wieder da sind, so frisch un jesund, erst jar nich. Ik freue mir aufrichtig, des zu sehen, un Amande wird sich ooch höllisch freuen, un - un -« er stockte und wußte nicht, wie er es anbringen sollte, bis er von einer kleinen Assiette, die er unter dem langen Rockschoos verborgen getragen hatte, eine sauber gefaltete Serviette abzog - »Sie müssen's ihr mank nich übel nehmen, aber sie kocht janz vortreffliches Fliedermus, des für die Kranken so jut is, und da hat sie nich jeruht, die jute Seele, bis ik mir die Erlaubniß nehmen dhäte - nanu, un nu will ik nich länger stören!«
Er manövrirte das Schüsselchen auf den nächsten Tisch und sich nach der Thür, wurde aber dort von Otto aufgehalten, der ihm nachging.
»Herr Günther, auf ein Wort!«
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So unverschämt und abgebrüht der Commissionair auch im gewöhnlichen Leben war, überkam ihn bei der Ansprache des jungen Mannes doch ein sehr unbehagliches Gefühl, und er hätte wer weiß was darum gegeben, glücklich aus dem Wege zu sein. Um so erstaunter war er, als der junge Röbel, nachdem er ihn vor die Thür gewinkt, ihn freundlich ansprach.
»Ich habe Sie um einen Dienst zu bitten, Herr Günther. Haben Sie einen Augenblick Zeit zu einem Gang für mich?«
»Ob ik Zeit habe vor Sie, Herr Baron? Donnerwetter, schicken Sie mir meinetwejen in die Hölle, und Scabell's seine janze Feuerwehr soll mir nich raus holen! Soll ik vielleicht den alten schäbigen Hund, den Jonas, noch heute Abend durchwammsen? Mit Verjnügen, Herr Baron - aus ufrichtigem Plaisirverjnügen, deß Sie heil wieder da sind und nich wie der Herr Lieutenant ...«
Der junge Mann unterbrach ihn mit einer Handbewegung. »Nichts davon - ich wünsche, daß Sie sogleich nach dem Hôtel de Rôme gehen, diese Karte abgeben« - er schrieb mit Bleistift einige Worte darauf - »und die Personen, an die sie gerichtet ist, schleunig hierher führen. - Aber halten Sie dieselben nicht auf, auch wenn Sie Jemand darunter finden sollten, der Ihnen nicht unbekannt ist, denn die Minuten sind kostbar!«
Der Kommissionair legte betheuernd die Hand auf die Brust und schob eilig nach einem militärischen Gruß ab, der in jedem andern Augenblick das Lächeln des jungen Mannes erregt haben würde.
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Otto kehrte mit trüber Stirn in das Zimmer zurück wo ihn Mutter und Schwester besorgt anschauten.
»Du hast ihm doch nicht wehe gethan?« frug die Majorin. »Gewiß, er meint es ehrlich und freundlich, wenn auch seine Manieren nicht die besten sind.«
»Warum hätte ich das thun sollen, Mama? wir haben Wichtigeres zu sprechen.« Er hatte sich wieder neben den Kranken gesetzt und seine Hand genommen. »Sie haben mich noch nicht gefragt, Vater, woher ich jetzt komme!«
Der alte Mann sah ihn fragend an.
»Ich komme von Röbelsburg!«
»Ich begreife,« murmelte der Kranke, »Du hast uns vergeblich dort gesucht.«
Die Edelfrau verhüllte ihr Gesicht.
»Nein Vater, - ich hörte bereits unterweges das Unheil, den Verkauf. Röbelsburg soll, ehe drei Tage vergehen, wieder in den Händen seiner alten Besitzer sein, und sollte ich den zehnfachen Kaufpreis dafür geben!«
Die von ihrem Unglück erdrückte Familie sah ihn mit Erstaunen an.
»Du, Otto? - Du weißt nicht, was Du sprichst!«
»Ich weiß es wohl, Mama! Doch davon später. Vater - ich bin nicht allein nach Röbelsburg gekommen!«
Der alte Mann sah ihn an - ein Blitz des früheren Geistes loderte in seinen erloschenen Augen auf. »Ich will nicht hoffen, daß man mich belogen hat,« sagte er streng. »Der Lieutenant von Röbel durfte lebendig nicht nach Preußen zurückkehren!«
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»Aber dem Todten war es erlaubt!« sagte der junge Mann mit tiefer Stimme. »Ich habe die Leiche meines Bruders, des auf dem Felde der Ehre mit Ehren gefallenen Lieutenant Friedlich von Röbel in der Gruft seiner Väter in der Kirche, die seine Ahnen gebaut, seinem letzten Wunsche gemäß beigesetzt.«
Eine tiefe Stille herrschte in dem Krankenzimmer nach diesen Worten, nur unterbrochen von dem leisen Stöhnen des alten Mannes und dem Weinen der Frauen.
»Du hast wohlgethan, mein Sohn Otto,« sagte endlich der Greis, »und meine Urstätt wird bald neben ihm sein.«
»Vater,« fuhr der jüngere Röbel fort, »ich habe Dir noch mehr zu sagen. Du weißt, daß ich Dir nie ungehorsam gewesen bin, aber ich habe mir ein Vergehen gegen Deine Autorität zu Schulden kommen lassen, als des Hauptes der Familie.«
Der alte Mann sah ihn fragend an.
»Ich bin nicht allein zurückgekommen! - meine Gattin bittet um Deinen Seegen!«
»Du bist verheirathet? - Wer ist sie, der ein Röbel seine Hand gereicht, ohne Vater und Mutter zu fragen? Bist Du auch in die Klauen jener Menschen gefallen, die nur Wucher und Gold kennen? dann Schande über Dich, meinen Letzten!«
»Meine Gattin,« sagte der junge Mann stolz, »ist die einzige Tochter Ihres alten Waffenfeindes und Freundes, des verstorbenen Obersten Fourichon Marquis von Massaignac, also aus dem edelsten Blute Frankreichs!«
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»Carmen?« riefen Mutter und Tochter wie aus einem Munde.
»Sie ist es - die Wiedergefundene, die mich auf meinem Wundlager pflegte. Sie wartet nur auf Eure Erlaubniß, Mutter, vor Euch zu erscheinen!«
»O dann führe sie her, Otto, in meine Arme, damit ich sie segnen kann und das Glück wieder einkehrt über diese Schwelle nach so vielen Leiden!«
»Sie wird sogleich hier sein, Mutter - und ich kann Dir nicht sagen, wie innig sie sich nach Deinem Mutterherzen sehnt, denn auch sie hat Viel gelitten und getragen. Zuvor aber habe ich noch eine Pflicht zu üben! - Vater, fühlen Sie sich stark genug, eine solche zu erfüllen?«
»Ein Röbel soll immer seine Pflicht thun, gegen Gott, die Ehre und den König!«
»Auch wenn es die Wiedergutmachung eines Unrechts ist, wenn es Ihre Meinungen, ja Ihren wohlberechtigten Stolz verletzt?«
»Mein Fuß ist im Grabe! ich möchte Niemand hinterlassen, dem ich Unrecht gethan.«
Otto von Röbel nahm aus der Brusttasche seines Rockes ein Papier und reichte es dem alten Mann, indem er den Schein der Lampe ihm näher rückte.
Der Kranke las das Papier, seine Hand zitterte, dann ließ er es sinken, eine hohe Aufregung sprach sich in seinem ganzen abgezehrten Wesen aus.
»O mein Gott, vergieb mir!« stammelte er - »sie sagte damals die Wahrheit und ich habe sie und sein Kind
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in's Elend gestoßen! Otto, mein Sohn - das macht meine Sterbestunde sehr schwer!«
»Sie wird leicht sein, Vater, wenn Sie selbst, den Fluch in Segen verkehren! Dieses Testament meines seeligen Bruders Ferdinand, das eine verworfene Hand stahl, und das jesuitische Speculation zum Mittel jahrelangen Druckes machte, bis die Opferung eines Reichthums der Mutter ihr Kind wiedergab, ist genügend, den Anspruch, wenn nicht auf Ihre Liebe, so doch auf Ihren Segen und Ihre Anerkennung zu beweisen, und hier Vater -« er ging nach der Thür bei dem leisen Geräusch, das er vor derselben hörte, und öffnete sie, - »hier bringe ich Ihnen Die, welche ein früheres Recht auf Ihren Segen haben, als selbst Ihre lebenden Kinder!«
In der geöffneten Thür standen zwei Frauen und ein Kind, ein Mädchen von etwa 11 Jahren. Die eine war jung und schön, mit den Rosen des Glückes auf den Wangen und dem Feuerstrahl der Liebe in dem dunklen stolzen Auge, die andere - eine imponirende Gestalt von etwa dreißig Jahren mit blassem angegriffenem Gesicht, das von schönem Blondhaar umrahmt war. Sie hielt das kleine schüchtern sich an sie schmiegende Mädchen an der Hand. Hinter den Frauen erblickte man im Halbdunkel des Flurs die Gestalt des Commissionairs und ehemaligen Zuchthäuslers, der sich in einer seltsamen Aufregung zu befinden schien.
Otto von Röbel winkte der ersten Dame freundlich, die sofort das Kind nahm und mit ihm sich dem Kranken nahte, vor dem sie niederkniete. »Mein Vater,« sagte sie
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in französischer Sprache, »segnen Sie Ihre Tochter und Ihre Enkelin!«
Der Greis sah von Einer zur Anderen, als wollte er das Bild ihrer Züge recht fest in sich aufnehmen. Dann legte er die abgezehrte Hand auf die blonden Locken des Kindes. »O meine Kinder,« sagte er - »ich habe nur wenig Zeit noch, Euch zu lieben, aber ich werde im Himmel für Euch beten! - Und auch Sie, Madame,« fuhr er fort und streckte die Hand nach der blassen Frau an der Thür, »vergeben Sie einem Sterbenden seine Härte und was er an Ihnen verschuldet hat, damit ich dem seeligen Geist meines Ferdinand dort Oben mit Ruhe begegnen kann!«
Die Wittwe hatte sich auf seine Hand gebeugt und überströmte sie mit ihren Thränen - das starke, harte Herz in ihrer Brust schlug krampfhaft. »Sagen Sie ihm,« flüsterte sie, »daß sein Weib ihn gerächt und daß sein Kind Ihren Segen erhalten hat!«
Der Kommissionair an der Thür hob wie im Veitstanz ein Bein um das andere und rieb sich die Hände. »Wenn das die Amande hören wird - Donnerwetter! Die Male hat auch versprochen, zu mir zu kommen, - un der Deibel soll mir frikassiren, wenn ik nicht jehe un dem Jonas, dem Halunken, ein Mißtrauensvotum jebe!« damit drückte er leise die Thür zu und verschwand.
Die Glücklichen, Trauernden im Zimmer achteten nicht auf sein Fortgehen. Carmen von Massaignac, oder vielmehr jetzt Carmen von Röbel, lag in den Armen ihrer neuen Mutter und Schwester, die schon damals für die
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Fremde, die Kunstreiterin, so lebhafte Theilnahme gezeigt hatten, und Frau von Röbel mit dem zarten Gefühl, das sie auszeichnete, zog die Wittwe des Selbstmörders Polen[t]z freundlich zu ihrer Gruppe, indeß der alte Mann das Kind noch immer zwischen seinen Knieen hielt und in seinen Locken spielte, während es ihn mit den großen Augen seines verstorbenen Sohnes so verständig und freundlich anlächelte, als hatte es ihn seit Jahren gekannt.
Otto von Röbel war zu den Frauen getreten. »Schwester Rosamunde,« sagte er - »Carmen hat auch Etwas für Dich mitgebracht. Der wackere Mann in Mantua ist uns leider zuvorgekommen!«
Die junge Frau zog aus ihrem Busen einen Brief und reichte ihn dem Mädchen, auf deren zartem, der Mutter so ähnlichem Gesicht die Trauer der stillen Entsagung und durchgekämpfter Leiden lag. »Er ist von Ihrer aufrichtigen Freundin, der Fürstin Trubetzkoi,« sagte sie. »Sie bittet Sie darin um Ihre Hand für einen Mann, dem sie Vieles verdankt, für Herrn Meißner, dem das Testament des kürzlich verstorbenen Bankiers Mortara in Mantua aus Dankbarkeit hunderttausend Lire ausgesetzt hat. Der wackere Freund Ihrer Brüder wird durch den Tod des Fürsten und die Verhältnisse in der Villa am Gardasee festgehalten, aber ich habe versprochen, seine Freiwerberin bei Deinem Vater zu sein!«
»Nicht heute, meine Theure,« bat ihr Gatte, den Arm zärtlich um sie schlingend - »ich fürchte, alle diese Aufregungen könnten bei seiner Schwäche eine schlimme Wirkung auf ihn üben. Seht - er winkt uns!«
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Der Major machte in der That ein Zeichen, daß sie zu ihm kommen sollten. Sohn und Schwiegertochter setzten sich an seine Seite und nahmen seine Hände.
»Sie müssen wissen, Papa, sagte Carmen, »wie große Freude es mir jetzt macht, daß mein Mann reich ist. Morgen schon soll Otto Alles ordnen und Ihren alten geliebten Landsitz zurückkaufen, obschon wir Ihnen weit schönere für Ihre alten Tage bieten können, wo wir Sie pflegen wollen!«
Der Greis schüttelte trübe den Kopf. »Der Name Röbel,« sagte er fest, »muß mit mir verlöschen - mein Sohn soll keinen befleckten Namen tragen - wenn Sie ihm Ihre Hand gegeben, so geben Sie ihm auch den Ihren! Er muß das Land seiner Väter verlassen und jenseits des Meeres eine neue Heimath gründen - in Preußen giebt es keine Röbel mehr, seit die Steckbriefe der Gerichte ihren Namen an den Pranger schlugen!« -
Seine treue Hausfrau war zu ihm getreten. »Vater - es ist zu Viel für Dich! Du mußt Dich schonen um unser willen!«
Ein sonniges Lächeln flog über seine eingefallenen Züge. »Du hast Recht, Marie,« sagte er milde, - »ich bin müde und muß ein Wenig ruhen. Verlaßt mich auf kurze Zeit, Ihr werdet so Vieles zu sprechen haben, und laßt das Kind bei mir!«
Sie winkte den Anderen, sich in das Nebenzimmer zu entfernen, und rückte ihm die Kissen in dem alten Lehnstuhl zurecht. Als Otto das Zimmer verlassen wollte, rief ihn noch einmal der Greis.
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»Du kamst von Potsdam. Wie geht es dem König?«
»Ich war auf Sanssouci, Vater, mich zu erkundigen. Die italienische Reise scheint den hohen Herrn wenigstens körperlich wieder gekräftigt zu haben - er macht weite Spaziergänge durch den Park! Die Königin pflegt ihn treu.«
»Gott segne sie Beide und stehe ihnen bei in ihrem Leid! - Jetzt, Otto, mein Sohn, verlaß mich! Gott segne auch Dich!« -
Der junge Mann folgte der Familie, das Kind blieb mit dem Greis allein, der seine Hand hielt, während er mit geschlossenen Augen zu ruhen schien.
Nach einer Weile erst richtete er sie wieder auf die Kleine.
»Wie heißest Du?«
»Julie!«
Es war der Namen seiner verstorbenen ersten Gattin.
»Kannst Du lesen?«
»Ja, Großvater,« sagte das Kind in seinem schweizer Deutsch.
»Nimm die Bibel hier vom Tisch und lies mir ein Kapitel.«
Sie folgte gehorsam. »Wo soll ich lesen, Großvater?«
»Es ist gleich - in dem Buch, mein Kind, ist jedes Wort Trost und Weisheit, dort suche Beide in Deinem künftigen Leben!«
Das Kind hatte die heilige Schrift geöffnet und las. Es war der 146. Psalm, den es aufgeschlagen, und
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die erhabenen Worte in der kindlichen Sprache klangen leise durch das Gemach.

    Lobe den Herrn, meine Seele!
    Ich will den Herrn loben, so lange ich lebe, und meinen Gott lobsingen, weil ich hier bin.
    Verlasset euch nicht auf Fürsten, sie sind Menschen, die können nicht helfen.
    Denn der Menschen Geist muß davon und er muß wieder zur Erde werden.
    Wohl dem, deß Hoffnung auf den Herrn, seinen Gott steht, der Himmel, Erde, Meer und Alles, was darinnen ist, gemacht hat; Der Glaube hält ewiglich.
Der Greis hatte die Hände gefalten, seine Augen waren geschlossen - das Kind las noch einige Verse, immer leiser und leiser, - dann schwieg es, um den Schlummer des Großvaters nicht zu stören. - - -


Ein Wagen hielt vor dem Hause - ein jovialer alter Herr mit weißem Haar, von dem aristokratischen Ansehen eines Lebemannes, mit einem freundlichen Zug um Mund und Augen trat in das Familienzimmer.
»Guten Abend, Frau Majorin - ach, es geht also meinem alten Freunde besser, da Sie so viel Besuch haben - aber was frage ich noch, wenn meine alten Augen oder der leidige Burgunder, den ich trinken mußte, mir Nichts vorspiegeln - das ist ja unserer wackerer Otto, heimgekehrt zu den Penaten und wahrlich zur rechten Zeit! Solche Freude ist zehn Mal besser, als alle unsere Medizin!«
Er schüttelte dem jungen Mann herzlich die Hand.
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»Ich war zum Diner bei dem Major v. Wulcknitz, und da dauert es immer etwas lange, denn Gesellschaft und Wein sind beide gleich gut. Aber ich wollte doch nicht nach Hause zurückkehren, ohne noch einmal nach dem Major gesehen und Sie beruhigt zu haben. Ich wäre auch schon eher gekommen, wenn nicht ein Auflauf Unter den Linden meinen Wagen aufgehalten hätte. Irgend ein Kerl hatte sich das Vergnügen gemacht, Monsieur Jonas die Fenster einzuschmeißen, und die Bummler, an denen es nie bei solcher Gelegenheit fehlt, wollten den Burschen den Schutzleuten wieder abnehmen, die ihn beim Kragen hatten. - Aber nun, lassen Sie mich einen Augenblick nach meinem Patienten sehen.«
Die Edelfrau führte den Geheimen Rath in das Krankenzimmer, die Anderen folgten leise.
Vor dem Greise in seinem Lehnstuhl saß noch immer das Kind.
»Sst!« - der Großpapa schläft!«
Der Geheime Rath trat langsam zu dem Sorgenstuhl des Freundes und beugte sich über ihn, die Hand mit der Vorsicht und Zartheit des Arztes an seinen Puls legend. Plößlich fuhr er, wie erschrocken zurück - die fröhliche Burgunderröthe war von seinem jovialen Gesicht verschwunden.
»Er schläft fest,« flüsterte die Majorin, näher kommend.
Der Arzt schwieg einen Augenblick - dann sah er ihr mit Theilnahme in's Auge. »Gnädige Frau,« sagte er ernst - »Ihr Gatte schläft den Schlaf der Gerechten!
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Gott hat einem Ehrenmann eine bessere Welt geöffnet - als die hier unten!«
Dir Major von Röbel war unter dem Gebet des Kindes still und schmerzlos verschieden.

3. Zur Diplomatie.

Zwei Männer, in leichte Sommerpaletôts gekleidet, der eine hoch gewachsen, der andere kleiner, schmächtiger, kamen in ziemlich leise geführtem Gespräch vom Pariser Platz her über die Linden und gingen nach der Behrenstraße.
Ihre Unterhaltung wurde französisch geführt.
»Ich weiß in der That nicht,« bemerkte der Größere, »was man sich in Sanssouci um meine Familien-Verhältnisse zu kümmern hat. Wenn Madame la Marquise es für gut findet, sich nach ihren Gütern in Belgien zurückzuziehen, so hat Niemand danach zu fragen als höchstens ich. Ich werde in diesem Winter keine Soiréen geben und - voilà tout!«
»Aber die Gräfin? Man sagt, daß sie selbst eifersüchtig auf die kleine Luzy ist und Ihrer Gemahlin gewisse Nachrichten hat zukommen lassen.«
»Die Gräfin mag meinetwegen nach Turin gehen und sich einen Mann suchen, der mit ihrer Marmor-Atmosphäre zufrieden ist. Aber sprechen wir von unsern Geschäften, denn Sie haben doch nicht umsonst mein Tête à Tête gestört. Also der Fürst ist bei dem Baron?«
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»Seit einer halben Stunde - ich sah ihn das Palais verlassen und folgte ihm nach dem Hôtel und hierher.«
»Gut - dann ist es gerade der günstige Moment. Es wird ein ziemlich komischer Empfang sein. Sind die Agenten aufgestellt?«
»Es kann Niemand die Gesandtschaft verlassen, ohne daß ihm gefolgt wird.«
»Und Ricouart?«
»Er ist auf seinem Posten in der Wärterbude mit dem Apparat. Sobald er das Zeichen sieht, wird er die Drähte wechseln.«
»Ich hoffe, daß er den richtigen nicht verfehlt.«
»Sorgen Sie nicht, Monsieur, ich war selbst dabei, als wir gestern die Probe machten.«
»Nun gut - lassen Sie die Pferde bereit halten, damit Sie mir so bald als möglich Nachricht bringen können. Ich soupire bei Luzy. - Diese Russen, lieber Beaumont, sind wirklich vortreffliche Bursche, wo es gilt, Jemand einen Wink zu geben, der einem Dritten Kopfschmerzen macht oder eine Provinz kostet. Ich könnte Budberg wirklich unsere kleine Erfindung der fliegenden Telegraphen-Apparate ablassen, wenn sie nicht gar so vortheilhaft, wäre!«
»Haben Sie Neuigkeiten von Turin oder aus dem Hauptquartier gehört?«
«Mon Dieu - als ob Launay je Etwas erführe! Man behandelt wirklich den Re gentilhuomo zu negligère. Graf Cavour ist in Desenzano angekommen, und man trifft Anstalten, Peschiera zu beschießen, da die
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Kanonenboote zusammengesetzt sind. Der Höflichkeitsaustausch zwischen Verona und Valeggio ist noch immer im besten Gang.«
»König Leopold, der Fürst von Chimay und Graf Esterhazy haben sich in der That Mühe gegeben.«
»Ja - aber wir werden Besseres thun, wie ich hoffe. Au revoir denn - und passen Sie auf! Wenn Herr von Schleinitz eine Ahnung von dem Besuch hätte, den ich zu machen im Begriff stehe, würde er gewiß diese Nacht keinen Schlaf finden.«
Der Größere verabschiedete lachend sich mit einem vertraulichen Kopfnicken bei seinem Begleiter und zog die Schelle an der Einfahrt eines der großen Häuser, die an der Nordseite der Behrenstraße liegen, nachdem er den Kragen seines Paletôt etwas in die Höhe gestrichen hatte. Die Thür sprang auf, der Herr trat ein und schritt wie ein berechtigter Besucher ohne Frage an der Portier-Loge vorüber die Treppe hinauf. Eine Antichambre stand offen, ein Diener saß darin am Tisch. -
Der Fremde nahm eine Karte, die in ein Couvert verschlossen war, aus der Tasche und gab sie dem Diener.
»Bringen Sie dies dem Herrn Baron!«
Der Diener sah erstaunt bald auf das Couvert, bald auf den Fremden.
»Halten's zu Gnaden, aber - der Herr Baron ist nicht zu sprechen - er hat halter Besuch ...«
»Eben deshalb - bringen Sie die Karte nur hinein!«
Der befehlende Ton imponirte dem Mann - er ging in der That in die Zimmerreihe.
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Es dauerte eine Zeit, ehe er wieder kam - der Lauschende hörte mit einem spöttischen Lächeln um die Lippen Stühle rücken und anderes Geräusch - dann ward die Thür aufgerissen und der Herr des Hauses selbst, ein großer hagerer Mann von einigen fünfzig Jahren kam auf den Fremden zu mit den Worten: »Wie, Herr Marquis - dieses unerwartete Vergnügen? - haben Sie die Güte, näher zu treten!« und führte ihn in den anstoßenden Salon.
Aus einer Bergère im Hintergrund erhob sich ein alter Mann von vornehmer Haltung, und ruhigem, etwas leidendem Gesicht. Er trug einen einfachen Uniforms-Ueberrock, dessen Oeffnung jedoch noch den Großcordon eines hohen Ordens zeigte.
Der Marquis, wie ihn der Wirth genannt, ging sogleich auf den alten Militair zu und reichte ihm mit dem Zeichen großer Achtung die Hand. »Lassen mich Euer Durchlaucht zunächst die Gelegenheit ergreifen,« sagte er, »Ihnen mein aufrichtiges Beileid über den Tod Ihres tapferen Neffen auszudrücken. Ich weiß, daß dieser unglückliche Fall auch Se. Majestät den Kaiser tief betrübt hat.«
»Er ist gefallen für den seinen auf dem Felde der Ehre, sagte der alte Soldat mit Würde. »Das ist Soldatenloos, das dem Fürsten so gut gehört, wie dem ärmsten Rekruten!«
Mit der ganzen Sicherheit des Weltmannes nahm der Marquis den dargebotenen Sessel und die präsentirten Cigarren. »Sie sind berechtigt, meine Herren, einiges Erstaunen zu hegen,« sagte er leicht, »mich so ganz ohne
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Ceremoniell und Erlaubniß hier zu sehen, aber Sie werden den Besuch entschuldigen, wenn ich Ihnen sage, daß ich so eben hörte, Se. Durchlaucht wollen uns morgen oder übermorgen wieder verlassen und befände sich bei Ihnen, Herr Baron, und es wäre mir in der That schmerzlich gewesen, Durchlaucht, Ihnen meine Verehrung nicht haben ausdrücken zu können. So entschloß ich mich denn privatim zu einem kleinen Ueberfall - überdies hoffe ich, ist ja auch die Diplomatie in dem Waffenstillstand mit einbegriffen!«
Die Beiden wußten sehr gut, daß der Herr Marquis zu täuschen beliebte; indeß in der Diplomatie ist ja fast Alles Täuschung und Verstellung und es kommt nur darauf an, wer am geschicktesten trügt. Sie begnügten sich daher mit einer höflichen Verbeugung.
»Ich hoffe, lieber Baron,« fuhr der Franzose fort, »daß wir unsern offiziellen Verkehr recht bald wieder anknüpfen werden. Ich weiß ganz bestimmt, daß der Kaiser, trotz des Krieges, von den freundlichsten Gesinnungen für Ihren jungen Monarchen beseelt und keineswegs mit den Plänen Preußens auf die Suprematie in Deutschland einverstanden ist. Es ist also wahr, Durchlaucht, daß Sie morgen Abend schon nach Wien zurückkehren wollen?«
Ein leichtes Lächeln spielte um die Lippen des alten Fürsten, als er ruhig erwiederte: »Sie sind falsch berichtet, Herr Marquis, ich habe meine Abschiedsbesuche noch nicht gemacht!«
»Desto besser - so haben wir das Vergnügen, Euer Durchlaucht noch länger hier zu sehen - ich wünschte nur
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bei einer günstigeren Veranlassung; denn Ihr Contre-Antrag von vorgestern am Bundestag dieses lieben etwas meinungsverschiedenen Deutschlands wird Ihre Verhandlungen am hiesigen Hofe doppelt schwierig gemacht haben!«
»Sie sind beendet, verlassen Sie sich darauf, Herr Ambassadeur!« sagte der alte General steif und fest.
»O, ich bitte Sie, Durchlaucht, nicht diesen unangenehmen Namen, wo wir freundschaftlich plaudern!« Wer den Franzosen ganz genau kannte, hätte an dem leichten Zucken der Augenwinkel bemerkt, daß er sich eines gewonnenen Stichs in diesem Spiel erfreute. »Ich kann Ihnen im Vertrauen sagen, daß ich alle Aussicht habe, nach Beendigung des Krieges diesen unangenehmen Posten mit der angenehmeren Stellung in Wien zu vertauschen!«
»Aber so viel ich weiß,« bemerkte der Baron, »erfreuen Sie sich doch am hiesigen Hofe einer besonderen persönlichen Gunst.«
»Ah - bah - vielleicht in Sanssouci, aber nicht im Palais. - Man protegirt mich der Nachbarschaft wegen etwas in der Wilhelmsstraße.«
Alle Drei, er selbst natürlich eingeschlossen, wußten, daß er auf das Unverschämteste log und gerade das Gegentheil der Fall war; denn der Marquis hatte bei jenem unglücklichen Gedanken, den rechtmäßigen Erben in der Regentschaft zu übergehen und sie etwa auf einen anderen Agnaten oder eine Frau zu übertragen, sehr entschieden und selbst mit geheimen Drohungen die Partie des Ersteren genommen.
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»Dann bitte ich um Verzeihung für meinen Irrthum,« meinte trocken der Baron.
»Ich spreche offen,« fuhr der Marquis fort, »da wir hier nicht auf offiziellem Boden sind. Ihre Politik in Frankfurt beweist, wie wenig Sie selbst auf die Intervention Preußens rechnen oder daß Sie eine selbstständige kaum wünschen, da sie Ihnen Verpflichtungen für die Zukunft auferlegen würde. Die Lombardei kann nicht in Betracht kommen gegen Ihre Suprematie in Deutschland. Auf der anderen Seite sind wir bereits für eine Action am Rhein vollkommen gerüstet und haben gewichtige Bundesgenossen.«
»Es wird Ihnen nicht unbekannt sein,« sagte der Fürst, »daß Se. Königl. Hoheit der Prinz-Regent seinen Truppen Marschordre für den 13ten bereits gegeben hat.«
»Ich weiß das - aber die Dispositionen dürften eine Aenderung erfahren, so wie die dänische Flotte von Kopenhagen ausläuft!«
»Eine solche Demonstration wird sicher Oesterreich und Preußen verbinden, um den Herzogthümern ihre Selbstständigkeit wieder zu geben.«
»Wie, Durchlaucht, - Sie halten ein solches Bündniß für möglich?«
»Warum nicht? - ich glaube sogar ...« er unterbrach sich, aber es war zu spät - der schlaue Franzose lächelte flüchtig bei diesem neuen Erfolg.
»Haben Sie die Güte, Se. Majestät, Ihren Allergnädigsten Herrn zu versichern,« sagte er, »daß der Kaiser Louis Napoleon von den freundlichsten Gesinnungen für
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seine Person beseelt ist. Ich weiß das ganz positiv nicht allein aus früheren eigenen Wahrnehmungen, sondern aus den gestern erhaltenen Depeschen des Grafen Walewski. Aufrichtig gesprochen, Sie sind uns in Italien unbequem - aber ein Königreich Italien würde uns noch unbequemer sein. Sie sehen, wie offenherzig ich bin.«
Der greise Fürst lächelte über die durchsichtige Naivetät. »Sie rechnen ohne den dritten Faktor, Herr Marquis. Selbst wenn wir Italien aufgeben, bleibt Seine Heiligkeit, der Papst!«
»O - Rom ist uns lieber wie Avignon!«
Der Fürst verbeugte sich leicht. »Sie bezeichnen sehr richtig den Charakter der Italiener, oder besser der ganzen katholischen Christenheit, Herr Marquis. Pius IX. würde zum Märtyrer werden, sobald er gezwungen wird, Rom zu verlassen.«
Diesmal fühlte sich der Franzose geschlagen und erhob sich. »Es geht uns Diplomaten wie den Schauspielern, wir können nicht zusammentreffen, ohne von der leidigen Politik zu reden. Und dennoch hatte ich es mir fest vorgenommen, blos Euer Durchlaucht meine persönliche Achtung zu beweisen. Ich nehme also meine Adieu's und bitte Sie, mir ein freundliches Andenken zu bewahren!«
Der alte Fürst geleitete mit dem Wirth den so unerwarteten Besuch bis auf die ersten Stufen der Treppe.
Als er in das Zimmer zurückkehrte, ließ er sich herzlich lachend in den Lehnstuhl zurückfallen. »Bei Sankt Stefan -« sagte er heiter - »der Stoß ist parirt, aber die Finte war nicht schlecht. Jetzt, lieber Baron, lassen
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Sie Ihren Secretair wieder eintreten, wir wollen unserer Depesche noch eine kleine Nachschrift beifügen.« -
Mit ruhigem, elegantem Schritt hatte der Franzose das Haus verlassen. Ein scharfer Blick durch die Dunkelheit der berliner Laternen zeigte ihm, daß an einer der Hausthüren schrägüber ein Mann noch mit einem Dienstmädchen sehr intim plauderte.
Erst als er um die Ecke gebogen war, dort am Palais, wo Prinz Friedrich, einst »der erste Kavalier Europa's«, jetzt still und resignirt den Kampf mit jener furchtbaren Macht, dem Alter begann, das ihm Nichts von all' den glänzenden Eigenschaften lassen wollte, als ihre schönste: die unendliche Herzensgute! - förderte er seinen Schritt, sprang bald eine Rampe hinauf und trat in das glänzend erleuchtete Foyer eines Hôtels, in dem der Portier und mehre Lakaien ihn mit ehrerbietigen Verbeugungen empfingen.
»Der Graf?«
»In Ihrem Arbeitskabinet, Monseigneur!«
Der Marquis nahm drei Stufen der teppichbelegten Marmortreppe auf einmal und ging von der Antichambre rasch durch mehre Zimmer bis zu einem in Braun und Grün dekorirten Kabinet, wo der Kavalier, der ihn vorhin begleitet hatte, an einem großen Tisch schrieb.
»So, Beaumont,« sagte er heiter, »wir werden heut mit Vergnügen zusammen bei der kleinen Luzy soupiren; ich weiß ihr Geheimniß.«
»Dann gratulire ich Euer Excellenz und mache Ihren
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bewunderungswürdigen Talenten mein Compliment. Darf man es erfahren?« -
»O ja - es heißt Schleswig-Holstein! - Ein Wort verrieth es mir.«
»Ah - das wird unsern Verbündeten im Norden rasch auf die Beine bringen.«
Der Diplomat schüttelte den Kopf, während er sich niedersetzte und die Feder ergriff, um einige Notizen nieder zu schreiben. »Ihre Pferde sind doch bereit?«
»Ich wiederhole es, in fünf Minuten werde ich im Sattel sein.«
»Und wissen Sie genau selbst den Weg oder bedarf es Ihres Reitknechts?«
»Ich habe ihn gestern noch gemacht!«
»Dann werden wir Ihren Diener zurücklassen - ich habe mich anders besonnen, ich werde Sie selbst begleiten.«
»Wie Sie befehlen.«
»Noch Eins - ehe ich es vergesse. Ist der Kerl wieder bei Ihnen gewesen, der uns damals bei der Belagerung von Sebastopol so gute Dienste leistete?«
»Er kommt alle acht Tage, um sich einige Winke für die auswärtige Presse zu holen. Er unterhält Verbindung mit einigen republikanischen Blättern in der Schweiz und England.«
»Desto besser. Ich werde mich seiner bedienen, um mich für die Censur meiner Moralität mit einigen kleinen Artikeln zu revangiren. Ich zahle stets dergleichen aus und wenn die Münze bis an die Stufen eines Thrones
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rollte. Doch - ich glaube, da kommt unser Bote! - Herein!« rief er auf das leise Kratzen an der Thür.
Der Kammerdiener führte einen gewöhnlich aussehenden Mann herein, der sehr eilig aussah.
»Ich bin mit der Droschke gekommen,« sagte der Mensch. »Der Secretair des Herrn Gesandten ist eben nach dem Schloßplatz zu gegangen. Ich kenne ihn ganz genau; er steckte ein Papier in die Brusttasche, als er aus dem Hause trat.«
»Es ist gut -« bemerkte der Graf, »die Sache ist bereits erledigt, ich brauche heute Ihre Dienste nicht weiter. Nehmen Sie!«
Er reichte ihm zwei Fünfthalerscheine. Der Mann empfahl sich mit einem Kratzfuß. Er hatte kaum das Zimmer verlassen, als der Diplomat ungeduldig Hut und Handschuh ergriff.
»Das ist rascher, als ich dachte. Sie müssen sie fertig gehabt haben, und wir brauchen die weitere Nachricht nicht erst abzuwarten. - Vorwärts, sonst könnten wir zu spät kommen.«
»O Sie wissen ja - es dauert mindestens eine halbe Stunde. Die Chiffern müssen sorgfältig copirt werden.«
»Das wird nicht viel nutzen - das Wiener Kabinet wechselt sie sehr oft. Der Fürst wird sich jedenfalls des neuen Signalbuchs bedienen. Es ist ein Glück, daß unser letzter Courier es mitgebracht. Haben Sie das Licht?«
»In der Tasche!« Der Attachée öffnete die Thür, die beiden Männer verließen das Zimmer, das der Kammerdiener sorgfältig verschloß und stiegen die Treppe hinab.
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Vor der Thür richteten sie ihren Gang nach dem Anhalter Thor - in dem unbelebteren Theil der Wilhelmsstraße stand ein Thorweg offen - ein Reitknecht hielt im Hofe zwei gesattelte Pferde.
»Guillaume!«
»Hier, Herr Graf!«
»Du wirst zurückbleiben - warte, bis ich zurückkomme!« Die beiden Cavaliere schwangen sich in die Sättel und trabten die Straße entlang, durch das Thor - als sie auf der öden Militairstrahe waren, galopirten sie. - - -
»Ist denn auf Tivoli noch so spät Feuerwerk heute?« frug fünf Minuten später ein von Backes in der Hirschelstraße her mit Frau und drei Hunden heimkehrender Stammgast.
»Warum?«
»Es stieg eben da in der Richtung eine Rakete mit blauen Sternen in die Höhe! Es ist doch bald eilf Uhr.«
»Sie probiren vielleicht für Morgen. Gehen wir morgen dahin - das Bier soll gut sein.«
»Warum nicht, liebe Ida. Einstweilen, bis wir nach München und Tegernsee kommen, müssen wir uns behelfen. Was kochst Du morgen zu Mittag?« - - -


Eine der kleinen Wärterbuden an der Eisenbahn nach Dresden auf einsamem Feld, etwa eine halbe Meile von der Stadt, hatte um diese Zeit einen eigenthümlichen Bewohner.
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Der wirkliche stand draußen an der Bahn an einem Feldweg, der von der Chaussee heran führte und schien dort zu horchen oder auf Posten zu sein. Endlich näherte er sich dem Häuschen, dessen Fensterläden und Thüre fest verschlossen waren, während man doch durch die Spalten bemerken konnte, daß im Innern helles Licht schien.
Der Mann klopfte an den Laden. Erst als er es drei Mal gethan, antwortete eine Stimme mit ausländischem Accent.
»Wer ist da? was wollen Sie?«
»Es kommen Reiter über das Feld, Herr. Von der Seite her, wo das blaue Licht aufstieg.«
»Gut! Gehen Sie ihnen entgegen und führen Sie dieselben hierher, damit sie keinen falschen Weg nehmen.«
Der Mann that, wie ihm geheißen. Nach einigen Minuten kam er den Feldweg entlang mit zwei Reitern, die er bis zu dem Häuschen führte.
»Steigen Sie ab, meine Herren,« sagte er, »Ihr Freund erwartet Sie. Ich werde die Pferde einstweilen dort hinten an den Baum anbinden, da fällt es nicht auf, wenn der Güterzug kommt. Wenn Sie dieselben bedürfen, so rufen Sie mich nur, - aber im Andern bleibt es dabei - ich weiß nicht, was Sie da drinnen treiben, und es muß Alles in Ordnung bleiben, damit ich keine Ungelegenheiten habe.«
»Ich stehe dafür, und die zweiten hundert Thaler erhalten Sie, ehe wir gehen!«
Der Mann faßte an die Mütze, nahm dann die Zügel der Pferde und entfernte sich damit.
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Die beiden Fremden - dieselben, die wir vorhin verlassen - traten zu der Bude.
»Oeffnen Sie, Dulon, wir sind es!«
Die Thür öffnete sich sofort, und warf einen breiten Lichtschein auf den Bahndamm. Als die Beiden eingetreten waren, wurde sie rasch wieder geschlossen.
»Wie, der Herr Marquis selbst?!«
»Wie Sie sehen. Einige Umstände machten es nothwendig. Außerdem erspart es uns Weitläuftigkeiten. Nun - wie weit sind Sie?«
Er warf einen prüfenden Blick rings umher. »Mein Himmel,« sagte er - »mit welchen wenigen Bequemlichkeiten und wie beschränkt diese Leute doch leben!«
Das Innere war kaum acht oder zehn Fuß im Geviert, ein einfacher, kaum weißgetünchter Raum. Ein hölzernes Gurtbett mit einem Strohsack und einer Decke nahm einen großen Theil ein, daneben stand ein Tisch. Zwei Schemmel, ein Schränkchen an der Wand, ein kleiner Spiegel, eine Wanduhr und ein Kleiderrechen bildeten das ganze Mobiliar. Auf dem Tisch stand eine Lampe, daneben auf alte Bierkruken gesteckt, brannten zwei Wachskerzen und erhellten vollständig den kleinen Raum.
Zwei Holzdielen aus der einfachen Decke des Stübchens, die einen kleinen Boden bildete, waren ausgehoben. Eine kurze Leiter lehnte an der Wand. Aus der Oeffnung hingen zwei lange starke Drähte herab, die bis zu einem eigenthümlichen Apparat auf dem Tisch reichten, von dem sie wieder aufwärts gingen.«
Sachverständige hätten ihn sofort als einen sehr
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geschickt und zierlich gefertigten Morse'schen Telegraphenapparat erkannt, dessen leicht transportable Batterie sich unter dem Tisch befand. Ein langer Papierstreif und das eigenthümliche Schnurren, mit dem er abrollte, zeigte, daß der Telegraph eben in Thätigkeit war. Der gegenwärtige Inhaber des Häuschens, offenbar ein Mann von Fach, einige vierzig Jahr, mit vollem schwarzem Backenbart und etwas verschmitztem Gesicht, war eben im Begriff gewesen, die Depesche zu copiren.
»Nun, Monsieur Dulon, wie weit sind Sie?«
»Ich glaube, Ihr Signal, Monseigneur, zum Einhängen der Drähte kam gerade zur rechten Zeit. Kaum fünf Minuten darauf war mein kleiner Bursche in Thätigkeit. - So - jetzt eben schließt er.«
Das Surren des sich abwickelnden Streifens hatte in der That aufgehört.
»Dann bitte - copiren Sie so rasch als möglich. Lieber Graf, machen Sie sich an die Arbeit. Was sind es?«
»Ziffern - einzelne Zahlen!«
»Es ist wie ich dachte. Hier ist das Buch, Graf!«
Während der Telegraphist die Punkte der Depesche in Buchstaben oder Zahlen copirte und die einzelnen Streifen hinüber reichte, hatte sich der Attaché auf dem Bett des Wärters etablirt und war eifrig beschäftigt, die Depesche auf Grund des Schlüssels zu dechiffriren.«
»Seine Durchlaucht haben gewiß keine Ahnung von unserer kleinen Abendunterhaltung,« sagte lachend der Marquis. »Aber - was wollen Sie! - Chacun a son tour! - Geben Sie her!«
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Er las die ziemlich lange Depesche, - dann setzte er die Unterhaltung in italienischer Sprache fort, welche der seinen Apparat beobachtende Telegraphist nicht verstand.
»Es ist, wie ich sagte. Hier haben Sie es. Unter der Bedingung, daß Preußen den Oberbefehl der Bundesarmee erhält und daß Oesterreich der Führung eines Krieges mit unserm Bundesgenossen an der Eider und dem Einrücken in Schleswig-Holstein sich nicht widersetzt, soll der Abmarsch der Truppen nach der französischen Gränze sofort und die Kriegeserklärung bei einer Ueberschreitung der Waffenstillstandslinie erfolgen.«
»Und was soll geschehen?«
»Nun, wir können natürlich nicht verhindern, daß der Courier, der heute Nacht über Breslau abgeht, den Inhalt überbringt, aber wir können die vorläufige Benachrichtigung verzögern, und ich denke, es wird für dem[den] Kaiser von Wichtigkeit sein, sechsunddreißig Stunden eher in den Besitz der Nachricht zu kommen, als der Kaiser Franz Joseph in Verona.«
»Sollen wir also die Depesche ganz fallen lassen?«
»Das wäre gefährlich. Ueberdies sehen Sie hier am Ende - Nummer 23. Das bedeutet, wenn ich mich recht erinnere: Empfangsbescheinigung erwartet.«
»So ist es!«
»Das Ausbleiben derselben würde Verdacht erregen. Wir müssen also eine temporisirende Antwort abgehen lassen. Lassen Sie sehen. Der Courier, welcher mit dem Nachtzug geht, ist morgen Abend um 8 Uhr in Wien. Um 9 Uhr sind die Depeschen übergeben - um 10 Uhr, wenn
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Graf Rechberg nicht in Gesellschaft ist, - gelesen. Die Differenz mit der telegraphischen Meldung wird natürlich Anfragen in Berlin veranlassen - schwerlich bei Nacht, man kennt die Schwerfälligkeit des wiener Büreaudienstes. Ein Entschluß des Kabinets und der Rapport an den Kaiser Franz Joseph selbst mit dem Telegraphen wird daher schwerlich vor Montag Nachmittag oder gar Abend in Verona sein, also 24 Stunden später als unsere Nachricht über Paris in Valeggio, wenn Sie morgen früh mit dem ersten Zug nach Dresden gehen und von dort um 12 Uhr telegraphiren.«
»Die Combination ist vortrefflich.«
»Ich werde morgen den dänischen Gesandten avertiren, jede Avancirung in Copenhagen bis auf weitere Ordre von Paris zu inhibiren.«
Er schrieb mit Bleistift einige Augenblicke auf die Rückseite des Papiers, das die Depesche enthielt. »So - das wird genügen. Dauernde Unentschlossenheit des Preußischen Kabinets - Empfindlichkeit über den Antrag in Frankfurt am 7ten; - unerfüllbare Forderungen - der Courier das Nähere - Empfangsbescheinigung erwartet. Der Salat ist so gemischt, daß man die Unbestimmtheit der Floskeln wahrscheinlich der Vorsicht gegen die preußische Telegraphie zuschreiben wird und das kleine Quiproquo am Ende gar nicht an den Tag kommt - jedenfalls spät genug, daß man in Paris und am Mincio die nöthigen Entschlüsse gefaßt haben kann!«
Der Begleiter oder Secretair des Diplomaten war
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mit der Einchiffrirung beschäftigt. Als sie beendigt war, reichte er den Zettel dem Telegraphisten.
»Hier, Monsieur Dulon - nehmen Sie die unterbrochene Leitung wieder auf und befördern Sie diese Depesche nach Wien. Sie werden die Abgangszeit natürlich um eine halbe Stunde später ansetzen müssen.«
»Sehr wohl, Monsieur le comte!«
»Ihr Wagen hält an der Chaussee. Seien Sie vorsichtig mit ihrem Koffer bei der Rückkehr in die Stadt und mit der Herstellung der Drähte.«
»Es soll keine Spur des Abschneidens zurückbleiben - es ist an der Verbindung der Faden geschehen.«
»Gut - ich denke, wir haben dann Nichts weiter hier zu thun, Soll ich die Pferde holen?«
»Wenn ich Sie bitten darf! Es ist Zeit, daß wir zu Luzy kommen. Das arme Kind wird gar nicht wissen, wo ich bleibe.«
»Ich bitte um Urlaub, wenn ich morgen abreisen soll.«
»Ach richtig - nun ich glaubte, Sie würden die Zeit bei einer Flasche Champagner mit uns abwarten. Aber ganz nach Ihrer Bequemlichkeit! - Adieu, Monsieur Dulon. Lassen Sie sich nicht stören.«
Draußen führte ein Pfiff die Pferde mit ihrem Aufseher herbei.
Als der Graf aufstieg, drückte er dem Mann, der sie herbeigebracht, ein Päckchen Kassenscheine in die Hand. »Hier mein Freund, es sind zwanzig Thaler drüber - Einthaler-Scheine, damit Sie beim Ausgeben sich nicht auffällig machen. Vorsicht und Schweigen!«
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»Ich schwöre Ihnen - überdies weiß ich ja gar nicht, warum Sie eigentlich mein Hundeloch gemiethet haben. Wenn Sie wieder was brauchen, für solche Miethe steht's Ihnen immer zu Diensten. - Sehen Sie - da kommt das Signal vom Güterzug, ich muß die Laternen aufholen!«
Die Glocke über dem Wärterhäuschen schlug an. - Während der Beschäftigung des Mannes sprengten die Reiter davon. - - -


Am Sonntag Nachmittag bei dem Diner in der Casa Mastei zu Valeggio sagte der Kaiser Louis Napoleon zu seiner Umgebung, als von der Dauer des Waffenstillstands die Rede war, die Worte: »Faisons miexx, faisons la paix!«
Zwei Stunden später traf in Verona der General Fleury mit der Einladung an den Kaiser Franz Joseph zu einer persönlichen Zusammenkunft in Villa-Franca ein.

Villa-Franca

Es war am Vormittag, Montag den 11. Juli.
Zum Ort der Zusammenkunft der beiden Kaiser war das Städtchen Villafranca, - Station an der Eisenbahn von Verona nach Mantua - also auf dem durch den Waffenstillstand neutralisirten Terrain zwischen den beiden Heeren gelegen, bestimmt.
Louis Napoleon machte den Wirth, er war zuerst auf dem Platz. In der Begleitung des Kaisers befanden sich der Marschall Vaillant und der General Fleury nebst einigen Adjutanten.
Der Kaiser von Oesterreich war bei seinem Eintreffen von seinem bösen Engel in all' den inneren und äußeren Wirrnissen, dem ersten General-Adjutanten Grafen von Grünne, Feldmarschall-Lieutenant Freiherr von Kellner, Freiherr Schlitter von Niederburg, Feldzeugmeister Heß und Generalmajor von Ramming begleitet.
Als der Wagen des Kaiser Franz Joseph vorfuhr, kam ihm Louis Napoleon an der Schwelle des zur Zusammenkunft bestimmten und in aller Eile eingerichteten
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Hauses entgegen und bewillkommnete ihn auf das Zuvorkommendste.
Der junge Monarch von Oesterreich - der Kaiser Franz Joseph ist am 18. August 1830 geboren - erschien gedrückt, verstimmt, er konnte offenbar nur mit Anstrengung seiner trüben Stimmung Herr werden. Dennoch zeigte sich eine gewisse Bestimmtheit in seiner Miene - ein Talleyrand oder Metternich würden die Deutung daraus gezogen haben, daß er entschlossen sei, sich mit dem wirklichen Feind zu vertragen, um dem ihm verdächtigen Freunde zu entgehen.
Der Kaiser Louis Napoleon war ernst, beobachtend ohne den Anschein zu haben, aber überaus zuvorkommend. Kein Wort, keine Bewegung verrieth den Sieger, der die Bedingungen des Friedens diktiren konnte.
Die französischen Wachen salutirten, die Trommeln wirbelten - der Kaiser Napoleon faßte die Hand seines Gegners und führte ihn in das Haus.
Hier folgten zunächst die Vorstellungen des Gefolges und eine kurze allgemeine Unterhaltung. Dann wandte sich der französische Kaiser an seinen erlauchten Gast.
»Sire,« sagte er - »ist es Ihnen gefällig, die Unterredung, die ich Ihnen vorgeschlagen und in die Sie so freundlich gewilligt, zu halten, indem wir diese Herren für einige Zeit sich selbst überlassen.«
»Ich bin zu Eurer Majestät Bestimmung. Ich werde die Ehre haben, Ihnen zu folgen.«
»Sie sind auf Ihrem Grund und Boden, Sire, -
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ich habe die Pflichten des Wirthes nur für einige Stunden übernommen.« Er öffnete die Thür.
Der Kaiser Franz warf einen Blick auf seine Umgebung, ehe er folgte.
Graf Grünne stand neben ihm.
»Vergessen Euer Majestät den Heiligen Vater nicht!« flüsterte er in ungarischer Sprache.
Der Kaiser nickte schweigend und trat in das nächste Zimmer, dessen Thür der General Fleury hinter den beiden Monarchen schloß. Sie gingen durch die leere Antichambre und traten in ein zweites Gemach, das zu der Unterredung bestimmt war.
In der Mitte stand ein Tisch, rechts und links zwei Lehnsessel. Auf dem Tisch lagen zwei Karten von Ober-Italien und Deutschland.
Mit einer höflichen Bewegung lud Napoleon seinen Gast ein, Platz zu nehmen.
Es ist natürlich Niemand von der jetzt folgenden Unterredung Ohrenzeuge gewesen - und wenn auch der Roman der Phantasie des Schriftstellers eine weite Berechtigung giebt und seiner Darstellung Vieles verzeihen läßt, so hat auch selbst der Romanschreiber nicht das Recht, die Worte der geheimen Unterredung als genau so gesprochen auszugeben, die er eben nur aus den Umständen und später laut gewordenen Mittheilungen für den Zusammenhang seiner ganzen Erzählung zusammenstellen kann.
Was die vertraulichen Annalen der beiden Höfe darüber geben, ist folgendes.
Der Kaiser Napoleon eröffnete die Unterredung.
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»Sire,« sagte er - »ich bin es zunächst, der Sie um den Frieden bittet. Warum sollen wir länger das Blut unserer tapferen Soldaten vergießen, da eine Einigung so leicht ist? Ich komme Ihnen mit der ganzen Offenheit entgegen, die zwischen den Herrschern zweier mächtigen Reiche bestehen kann und bestehen muß. Wir Beide sind die weltlichen Beschützer der katholischen Kirche. Wir haben also ein gemeinsames wichtiges Interesse, das uns immer wieder vereinigen wird, wenn wir aus politischen Mißhelligkeiten uns auch eine Zeitlang im offenen Felde bekämpfen.«
»Euer Majestät,« sagte der junge Monarch - »sind der Verbündete eines Souverains, welcher die Heiligkeit und Unverletzlichkeit dieser Interessen am wenigsten anerkennt.«
»Der König Viktor Emanuel!« Ein leichter Hohn überflog das Marmorgesicht des französischen Kaisers. »Das Haus Savoyen wünscht allerdings die Krone von Italien zu tragen, selbst die dreifache, und ist dafür zu Opfern nach allen Seiten bereit. Lassen Sie uns offen sprechen, Sire. Es ist ein alter Streit, nicht von heute, den Frankreich in Italien auszufechten hat. Von den Anjou's und den Valois's ist er meinem Onkel überkommen und es ist das Schicksal unserer Dynastieen, den Kampf zu Ende zu bringen. Lassen Sie uns die Gelegenheit benutzen - halten wir uns an die Facta. Ich rede ganz offenherzig. Frankreich konnte den überwiegenden Einfluß Oesterreichs in Italien nicht dulden, weil unter dieser Hülle immer und immer wieder die Bourbonen stecken.
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Meine Dynastie ist jung, darum kann sie nicht nachgeben, wie die der Habsburger. Frankreich hat den Fuß in Rom und Sie werden mir zutrauen, daß ich nicht Lust habe, ihn zurückzuziehen, außer unter genügenden Garantieen. Auf der andern Seite kann dem Kabinet von Wien unmöglich die französische Suprematie gerade in Rom lieb sein. Nun Sire, wir wollen gemeinsam diesen Schutz geben. Die Thatsache, daß Sie durch das Waffenglück die Lombardei verloren haben, läßt sich nicht läugnen.«
»Aber nicht an den König Victor Emanuel!«
»Kein verständiger Mensch denkt daran! Sie haben die Provinz an Frankreich verloren, und die erste Friedensbedingung ist, daß dieselbe an dieses abgetreten wird. Allerdings bin ich dann verpflichtet, die Lombardei an Sardinien unter gewissen Bedingungen zu geben. Dies Verfahren schont vollständig die militairische und politische Ehre Oesterreichs.«
»Euer Majestät,« sagte der Kaiser Franz Joseph, »haben noch einen schlimmeren Bundesgenossen als den König Victor Emanuel!«
»Der wäre?«
»Die italienische Revolution!«
»O Sire,« sagte Napoleon lächelnd, »wenn ich es wollte, hätte ich auch die Revolution in Ungarn und Polen zur Disposition. Aber man benutzt diese Bundesgenossen nur im äußersten Fall und auf den verlorenen Posten. Was nun Italien betrifft, so war seit Jahrhunderten die Revolution dort in Permanenz, selbst unter dem strengsten Regime der französischen Bayonnete und
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ich glaube, wir Beide werden wirklich am Besten thun, Se. Heiligkeit, die Bourbons und den König Victor Emanuel damit selbst fertig werden zu lassen, so gut sie können. Bleiben wir zunächst bei der Hauptsache stehen, daß die Lombardei verloren ist, Sie also kein Opfer mehr bringen, wenn Sie dieselbe auch politisch aufgeben.«
»Das Kriegsglück, Sire, kann sich ändern. Wir sind geschlagen, aber nicht besiegt und stehen jetzt zwischen unseren Festungen. Der deutsche Bund ist gerüstet, seinen Verpflichtungen gemäß bei jedem weiteren Angriff einzutreten.«
»Der Deutsche Bund! Ah Sire - verlassen Sie sich wirklich auf diesen Rattenkönig, der jeden Augenblick bereit sein wird, wenn er Gefahr sieht, sich zu einem neuen Rheinbund zu verwandeln?«
»Preußen allein kann eine Armee von zweimalhunderttausend Bayonneten stellen.«
»Ich glaube, selbst mehr - wenn es ein populairer Krieg wäre. Haben Sie neue Nachrichten von Berlin?«
»Der Marsch der Preußischen Armeecorps wird am 13ten beginnen.«
»Das ist eine ziemlich alte Nachricht, Sire. Außerdem bedenken Sie wohl, daß eine Observationsaufstellung noch lange kein Krieg ist. Preußen hätte sie längst meiner Armee von Chalons gegenüber nehmen müssen. Ich habe heute Morgen über Paris von meinem Gesandten ein Telegramm erhalten, das mich über die Preußischen Absichten vollständig beruhigt. Vielleicht wird es Euere Majestät interessiren, dasselbe zu lesen.«
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Er nahm von dem Tisch ein Depesche und reichte sie seinem Gegner.
Es ist jenes verhängnisvolle Telegramm des französischen Gesandten aus Berlin, das den Frieden von Villa-Franca diktirte.

           »Sire!«
    »J'ai l'honneur, d'assurer Vôtre Majesté, que le Prince-Régent de Prusse ne viendra jamais en aide à l'Autriche, à moins que cette puissance ne lui assura la suprematie en Allemagne.
                    Vôtre Majesté três humble serviteur
                           Moustier.«
Wer sollte es Napoleon III. verargen, daß er das spätere Telegramm, datirt von Dresden, d. 10. Mittag 12 Uhr, mit jener Nachricht des endlichen Erfolges der Mission des Fürsten Windischgrätz in seinem Portefeuille behielt!?
Eine Todtenblässe hatte das Antlitz des jungen Monarchen überzogen - vielleicht dachte er in diesem Augenblick an jenen Moment, als er an der Seite des Königs Friedrich Wilhelm IV., seines Oheims, an der Spitze des prächtigen Kaiser-Franz-Garde-Grenadier-Regiments vor wenig Jahren durch die Linden von Berlin ritt!!
»Euer Majestät,« fuhr der französische Kaiser nach einer Pause, die er den Gefühlen seines Gegners gegönnt hatte, fort, »haben, selbst unsere Unterredung auf einen Punkt gebracht, den ich andern Falls kaum berührt haben würde, um Sie nicht zu verletzen. Ich bitte Sie, meine klare Darlegung der Verhältnisse ruhig anzuhören und danach Ihre Entscheidung zu fassen. Ich bin viel
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älter an Jahren als Sie, und mein Thron ist ein allen Gefahren weit exponirterer, als der Ihre. Sein Halt ist die französische Armee. Wenn ich sie in ihrem Siegeslauf hemme, müssen die Gründe und Rücksichten also sehr wichtige sein!
»Die Lombardei, Sire, war für Oesterreich stets ein sehr kostspieliger Besitz, welcher Sie zwang, eine große Armee auf den Beinen zu haben, und Ihre Finanzen zerrüttete. Wenn Sie dieselbe aufgeben und dagegen die starke Stellung am Mincio und der Etsch behalten, wird der scheinbare Verlust ein wirklicher Gewinn sein.
»Das Opfer, was ich bringe, ist - wie ich Ihnen bereits angedeutet, - ein weit größeres. Ich bringe es aus mehreren wichtigen Gründen. Ich weiß, daß Ihre Hilfsquellen noch lange nicht erschöpft sind, - daß sich das Kriegsglück bei einer nächsten Schlacht an der Etsch gegen mich wenden kann. Was wird die Folge sein? Meine Flotte wird sich gezwungen sehen, zur großen Befriedigung der Engländer Ihre Küsten im adriatischen Meere zu verwüsten und den orientalischen Handel Triest's zu vernichten. Ich werde genöthigt sein, den Plänen des Herrn Cavour nachzugeben, denen ich so lange um der Ruhe Europa's Willen widerstand, und die Revolution in Ihrem Rücken von der Gränze von Albanien bis Krakau wachzurufen. Bedenken Sie wohl, daß eine Landung französischer Truppen in Dalmatien gleichbedeutend ist mit einer Erhebung Ungarns.
»Und wer, Sire, sind die Bundesgenossen, auf die Sie rechnen könnten? Rußland freut sich jeder Niederlage
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Oesterreichs und wird nicht verfehlen, im günstigen Augenblick sich die Herrschaft an der unteren Donau zu sichern. England wird sich hüten, activ für Sie einzutreten, weil dies sofort Amerika nachziehen würde. Und der deutsche Bund, oder vielmehr Preußen?!
»Ich habe Ihnen vorhin schon angedeutet, Sire, was von dem deutschen Bund zu halten ist. Er ist allerdings eine nicht zu verachtende Macht - wenn er einig wäre, aber er schwebt wie Mohamed's Sarg zwischen Oesterreich und Preußen. Die Tradition und der Machtbesitz haben bisher Oesterreich die Suprematie in Deutschland gesichert; aber es ist unverkennbar, daß Preußen sich rüstet und intriguirt, um Ihnen diese streitig zu machen. Ich sehe die Zeit kommen, wo man versuchen wird, Sie aus Deutschland zu verdrängen und auf die außerdeutschen Länder zurückzuwerfen. Es ist möglich, daß Preußen mir später den Krieg erklärt, aber es wird dies nicht im Interesse Oesterreichs thun, sondern in seinem eigenen, zunächst, um sich die Hegemonie in Deutschland zu sichern. Ihr letzter Antrag am Bundestag beweist, wie sehr Sie selbst dies erkennen und fürchten. Setzen wir den Krieg fort, so sind Sie gezwungen, alle Ihre Reserven aus Deutschland herauszuziehen und Preußen freie Hand zu lassen.«
»König Friedrich Wilhelm ist mein Oheim - er liebt mich, und wird Oesterreich nicht verlassen in der Gefahr!«
»Bah - Sie vergessen, daß König Friedrich Wilhelm IV. aufgehört hat, zu regieren und daß der Prinz-Regent nicht Ihre Tante zur Gemahlin hat, sondern eine Dame von hochstrebendem Geist, die ihrem Sohne schon
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einmal die deutsche Kaiserkrone sichern wollte. In Berlin ist es nur die gazette de la croix, welche noch Heil im Bündniß mit Oesterreich predigt. Das Höchste, was Sie mit einer Fortsetzung des Krieges erringen können, ist der Wiederbesitz der Lombardei. Wollen Sie ihn mit dem Verlust Ihres Einflusses in Deutschland erkaufen? - Mir, Sire, liegt Nichts daran, daß das protestantische Deutschland sich auf Kosten des katholischen Oesterreichs stärke! Aber wenn Sie mich zwingen, wird den französischen Interessen auch ein Bündniß mit Preußen möglich sein!«
Der junge Monarch kämpfte einen schweren Kampf; - er fühlte, wie bitter sich Dresden und Olmütz rächten.
»Mein Herr und Bruder,« sagte der französische Kaiser mit dem Ausdruck aufrichtiger Cordialität, indem er die offene Hand über den Tisch hinüber bot, - »ich bitte Sie um den Frieden, damit unsere braven Soldaten einer besseren Gelegenheit ihr Blut aufbewahren!«


Der Kaiser Franz Joseph ließ langsam seine Hand in die seines klugen Gegners sinken.


Nach einer kurzen Pause nahm der Kaiser der Franzosen wieder das Wort.
»Jetzt, Sire, wo wir über die Hauptsache einig sind, werden wir es auch leicht über die Nebenfragen werden. Sprechen Sie Ihre Wünsche aus, und seien Sie überzeugt,
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daß ich Ihnen in jeder Beziehung nach Kräften entgegenkommen werde.«
Der Kaiser Franz Joseph verbeugte sich; - ein Lauscher würde sicher bemerkt haben, daß ihm eine große Last vom Herzen genommen war.
»Vor Allem,« sagte er, - »wie denken Euer Majestät über die weltliche Macht des Heiligen Vaters? Die Verpflichtungen des Schutzes, welche Oesterreich hat, können Ihnen nicht unbekannt sein, und wenn Ihre Truppen Rom verlassen, würde dies das Signal zum Einzug der Herren Mazzini und Garibaldi werden.«
»Einen Augenblick, Sire!«
Der Kaiser Napoleon beschrieb ein Blatt, dann reichte er es seinem neuen Verbündeten.
»Sehen Sie zu, mon frère, ob Sie damit einverstanden sein können!«
Der Entwurf lautete:

    »Seine Majestät der Kaiser von Oesterreich und Seine Majestät der Kaiser der Franzosen sind über Nachfolgendes übereingekommen:
    Die beiden Herrscher werden die Bildung einer italienischen Conföderation befördern; dieser Bund soll unter der Ehrenpräsidentschaft des Papstes stehen.
    Der Kaiser von Oesterreich tritt dem Kaiser der Franzosen seine Rechte auf die Lombardei mit Ausnahme der Festungen Mantua und Peschiera ab, dergestalt, daß die Grenze der österreichischen Besitzungen nunmehr von dem äußersten Rayon der Festung Peschiera ausgehend längs des Mincio bis le Grazie läuft; von da ab über Scorzarolo nach Luzzara am Po, von welchem Punkte ab die bisherige Grenze Oesterreichs bleibt. Der Kaiser der
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    Franzosen wird das abgetretene Gebiet dem König von Sardinien, übergeben (remettra).
    Venetien macht einen Theil des italienischen Bundes aus, bleibt aber dessenungeachtet der Krone des Kaisers von Oesterreich.
    Die beiden Kaiser werden den heiligen Vater auffordern, in seinen Staaten die durchaus nothwendigen (indispensables) Reformen einzuführen.
    Eine volle unbedingte Amnestie wird von beiden Theilen den Personen zugestanden, welche sich gelegentlich der letzten Ereignisse auf den Gebieten der kriegführenden Parteien kompromittirt haben.«
Der Kaiser Franz Joseph las diesen Entwurf aufmerksam durch - er holte tief und schwer Athem, als er dabei zufällig auf die vor ihm liegende Karte von Oberitalien einen Blick warf.
»Ich erkenne Euer Majestät Freundlichkeit vollkommen an,« sagte er endlich, - »aber es ist mit meiner Ehre und Verwandtenpflicht unvereinbar, das Schicksal von Toscana und Modena der Willkür der Piemontesen zu überlassen.«
Der Kaiser der Franzosen lächelte. »Ist es nur das, Sire, was Sie beunruhigt? Dem ist leicht abzuhelfen, - wenn nach meiner politischen Ueberzeugung damit auch nur ein Provisorium geübt wird.«
Er schaltete den nachstehenden Satz ein:

    »Der Großherzog von Toscana und der Herzog von Modena kehren in ihre Staaten zurück und geben eine allgemeine Amnestie.«
»Das Weitere,« fuhr der Kaiser Napoleon fort, »wird allerdings Sache der Fürsten und ihrer Unterthanen sein, und ich fürchte, Sire, die Sache wird keinen Bestand haben.
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Um Ihnen jedoch zu beweisen, daß ich - schon in der Erinnerung an die Verwandtschaftsbande meines Oheims - aufrichtige Freundschaft für Ihre Familie hege, will ich Ihnen einen anderen Vorschlag machen.«
Der Kaiser Franz Joseph sah ihn fragend an.
»Sie erinnern sich, Sire, des Attentats Orsini's?«
»Es war ein abscheulicher Frevel!«
»In diesem Licht muß ich es natürlich auch betrachten, da ich der Hauptbetheiligte dabei bin. Und dennoch, Sire, befinden sich in meiner Armee oder in der meines Bundesgenossen, ja in meinem Hauptquartier Leute genug, welche bei jenem Versuch eine Rolle spielten. Wenn Sie eines gewissen Briefes gedenken wollen, den der Mörder aus seinem Gefängniß an mich richtete, wird sich Ihnen die Ursach leicht vor Augen stellen. Der Krieg in Italien war eine Nothwendigkeit für meine Existenz, ohne denselben würde ich wahrscheinlich längst das Opfer einer italienischen Hand geworden sein. Aus derselben Ursach kann ich die Regierung der Herzöge nicht mit Gewalt aufrecht erhalten, so gern ich es thun möchte. Man vergiebt mir Rom des Papstes willen und weil die Revolution nicht mit der ganzen katholischen Christenheit brechen kann, aber Parma, Modena und Toscana, die recht eigentlich der Heerd der Propaganda sind, würde man mir nicht vergeben. Das sind meine persönlichen Interessen! Auf der anderen Seite erlauben die Frankreichs, des Staates, nicht, daß österreichische Bayonnete die italienischen Fürstenthümer besetzt halten. Ihre Souveraine müssen demnach versuchen, mit eigenen Mitteln der Revolution Herr zu
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werden - sie haben plein pouvoir dazu. Diese Mittel werden hart, selbst grausam sein müssen - was kümmert's uns? Die Kirche selbst hat uns Beispiele genug gegeben und wird dies wahrscheinlich auch wieder thun - die Italiener sind an Blut gewöhnt und ohne Blut nicht zu regieren. Aber ich fürchte, auf die Dauer wird selbst das nicht helfen! Nun, Sire, wenn die Mitglieder Ihrer Familie einen Thron verlieren sollten, bin ich gern bereit, einem oder dem andern - Sie haben ja Brüder, Sire! - zu helfen, sich einen neuen Thron an einer Stelle des Erdballs aufzurichten, wo die Interessen Frankreichs und Oesterreichs nicht collidiren. Zum Beispiel im Orient, in Amerika - selbst in Athen! Behalten Sie dies Versprechen im Gedächtniß!«
»Ich hoffe, wir werden es nicht nöthig haben.«
»Ich will es wünschen. Wenn ich mir erlaube, Ihre Aufmerksamkeit auf einige Punkte der Politik zu richten, so gestatten Sie mir dies, als einem älteren Manne. Ich kann meine Theilnahme für Oesterreich und Euere Majestät nur in dem Rath zusammenfassen: Vertrauen Sie nicht auf England und hüten Sie sich vor Preußen!«
Die finstere, entschlossene Miene des jungen Monarchen bewies, wie tief die wohlberechneten Worte getroffen.
»Es liegt Etwas in diesem Preußen,« fuhr der Kaiser fort, »was ihm eine Zukunft verheißt, eine gewisse Kraft, die seine Polypenglieder unwiderstehlich concentriren kann. So lange der gegenwärtige König lebt oder - ich darf sagen existirt, - ist wenig zu fürchten, aber der Regent ist ein Mann in der vollen Bedeutung des Wortes; wenn es
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ihm einst gelingt, die rechte Person für Leitung seiner auswärtigen Politik zu finden, kann Preußen leicht noch in unserer Zeit eine sehr bedeutende Rolle spielen. An der Zähigkeit dieser Nation ging schließlich mein großer Onkel zu Grunde, der sie nicht ohne Vorahnung so klein gemacht. - Hüten Sie sich vor Preußen! - Und da wir einmal beim Kapitel der Warnungen sind, Sire, so erfordert die Wahrheit, Ihnen zu sagen, daß Ihre tapfere Armee die Schlacht von Solferino kaum würde verloren haben, wenn sie nicht einen argen Verräther in ihrer Mitte gehabt hatte!«
»Ein Italiener?«
»Nein, Sire, kein Italiener und kein Ungar - es war ein Deutscher! Ich habe keine Rücksicht zu nehmen, denn der Schurke bot sich selbst an und hat es für schweres Geld gethan. Hier, Sire, ist die am Abend vor der Schlacht mir zugegangene Abschrift Ihrer ganzen Marsch-Disposition mit der vollständigen Ordre de Bataille!«
Der Kaiser Napoleon schob seinem Gegenüber einige Papiere über den Tisch mit einer Miene der Verachtung und des Ekels zu. »Gott im Himmel, Sire!« sagte er, »die schwere Last des Regierens, die uns Fürsten obliegt, wäre um die Hälfte leichter, wenn wir nicht so viele Schufte und Speichellecker in unserer Nähe hätten!«
Der Monarch von Oesterreich warf einen traurigen Blick auf die verhängnißvollen Papiere und nickte zustimmend.
»Darf ich sie mitnehmen, Sire?«
»Gewiß - das Bekanntwerden der Sache kann der
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Ehre meiner Armee keinen Eintrag thun. Der einzige Mann, den ich dabei zu schonen gehabt hätte, ist todt. - Und nun, mon frère, denke ich, können unsere Minister das Weitere abmachen und ich kann mich dem Vergnügen hingeben, Ihre Gesellschaft zu genießen!«
Die beiden Monarchen erhoben sich und reichten sich die Hände. -
Der Frieden von Villafranca war geschlossen!


Unter den Papieren, welche der Kaiser Franz Joseph zu sich steckte, befand sich - durch Zufall und ohne Absicht mit hinübergeschoben und aufgenommen - ein verhängnißvolles Blatt: die Notizen, welche General Montboisier auf den Befehl des Kaisers am Vormittag des Schlachttages aus den Angaben des Flüchtlings gemacht hatte, der sie vor den Husaren von Edelsheim gerettet.
Aber es giebt keinen Zufall! eine dämonische Kette der unbedeutendsten Ereignisse, deren Glieder durch die Verbindung zur Riesengewalt werden - zieht sich durch das Leben des Einzelnen, wie der Völker!


Verona! - An den Ufern des mächtigen La Plata im fernen Süden Amerika's begann unser Roman - an dem Ufer der Etsch unter den Trümmern des riesigen Römerwerks geht er zu Ende.
Verona! - Wer, der je von jener großen Tragödie der Liebe gehört, der für Julia's Schatten und für
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Romeo's Trauer Begeisterung empfand, nennt diesen Namen ohne Sympathieen?
Verona! Vaterstadt des Catull und Cornel, des Aemilius, jenes treuen Freundes des Sängers der Aeneide, des Pomponius, des größten tragischen Dichters der Römer, des Vetruv und der beiden Plinius's - Schirm Dante's, als Florenz den Dichter der divina comoedia ausstieß, und Erhalterin seines Geschlechts! - wo ist Deine Vergangenheit, wo sind Deine mächtigen Erinnerungen?
Die Rhätier gründeten Dich im sagenhaften Alterthum, die Römer kämpften um Dich mit den sennonischen Galliern. Marius schlug hier in der raudischen Ebene 113 vor Christo die Cimbern, Augustus gab Dir Deine Rechte zurück, Attila verwüstete Dich; Odoaker hielt hier sein Heerlager und unterlag Theodorich; Narses, der Feldherr Justinians, machte es den Griechen unterthan; die Longobarden wichen hier Karl dem Großen und Pipin ernannte es zur Hauptstadt Italiens. - Jene Ruinen der Piazz[a] Brà tragen das Gedächtniß des Antonin und 70,000 Menschen schauten einst von ihren Stufen auf die Arena, in der die Löwen Nubiens die christlichen Märtyrer zerrissen, an derselben Stelle, wo jetzt der Buffo eines Sommertheaters seine Späße macht. Titus Noricus erbaute jenes Thor - Ezelino ließ am San Zeno maggiore die Köpfe seiner Feinde fallen und das mächtige Geschlecht der »Hunde«, die Scalinger, schmückten mit ihren ehernen Bildnissen San Maria antica, bis die Her[r]schsucht Venezia's die Visconti von Mailand und Carrara von Padua
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vertrieb und Dich an den schwarzen Mantel seiner Nobiles und die gehörnte Mühe seiner Falieri's heftete.
Nur die Farbenschätze Paul Veronese's, die Venezia sammelte, können die Tyrannei der Lagune in den Gedanken des Wanderers entschuldigen.
Über auch die Neuzeit knüpft ihre blutigen Erinnerungen an diese Stätte.
In Deiner Nähe bei San Bonifacio wölbt sich die Brücke von Arcole - bei Montebello holte sich Lannes, der neue Roland von Frankreich, den Herzogshut! - bei Caldiero, den römischen Bädern, focht Massena mit den Oesterreichern - im Jahre 1822 tagten hier die Fürsten und Metternich schmiedete seine Fesseln für die armen deutschen Demagogen! -
Verona - ich liebe Dich - um Julia's willen, um jener Erinnerung willen, die noch heute die Pulse des alternden Mannes durchbebt, wenn er an die hohe Gestalt der Contessa Luisa in ihren schwarzen Schleiern denkt, wie sie an der Porta vecchia einer Königin gleich in den Waggon trat und im Canale grande in seinen Schooß sank! -
O Jugend des Mannes - ich liebe Dich, sonniges Verona!! - - -


Die österreichischen Uniformen und Bayonnete wimmelten durch alle Straßen - die ganze Bevölkerung war auf den Füßen und füllte die Plätze, die Kaffeehäuser. Die Nachricht von dem zu Villafranca abgeschlossenen Frieden hatte sich mit Blitzesschnelle verbreitet - die österreichischen Gesichter leuchteten Freude und Befriedigung -
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zwischen den Zähnen der Italiener zischte das verhängnißvolle Woit: il traäitoi-e! - Der Feldruf: Frei bis zur Adria! war zum Hohn geworden.
Es war am späten Abend; vor einem Café der Piazza Brà, saßen drei Männer in eifrigem Gespräch: der Baron von Neuillat, der Graf Mortara und der Mohrendoktor.
Der Letztere war erst vor einer Stunde wieder mit den französischen Bevollmächtigten, welche die Unterzeichnung des Friedensinstruments beim Kaiser Franz Joseph einholen sollten, nach Verona zurückgekehrt, nachdem er sich mehrere Tage im französischen Hauptquartier aufgehalten hatte, um hier die Nachforschungen nach seinem verlorenen Neffen fortzusetzen.
»Ob Sie es uns zugestehen wollen oder nicht, Herr Graf,« sagte der Maure, - »ich bin überzeugt, daß Ihr Beistand es war, welcher dem armen Burschen davon half. Wenn Sie so freundlichen Antheil an seinem Schicksal genommen, so verweigern Sie uns jetzt nicht Ihre Hilfe, wo wir sie so dringend brauchen, um das geheimnißvolle Dunkel aufzuklären, das über ihm schwebt.«
»Lassen Sie die Todten ruhen,« sagte der Graf finster - »die Gräber von Solferino decken so Viele, und er ist dort einen Soldatentod gestorben.«
»Wenn ich es wüßte, würde ich mich drein fügen. Ich bin so lange ohne Hoffnung und Aussicht gewesen, daß das Blut der alten Könige Granada's mit dem welken Strom in meinen Adern nicht ersterben müsse, daß ich mich daran gewöhnt hatte. Aber jetzt, wo mir die Aussicht, ja
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die Gewißheit geworden, daß ein Zweig des alten Stammes noch vor wenig Tagen grünte trotz alles Hasses und aller Verfolgung, daß das Kind meiner unglücklichen Schwester lebte, ohne daß sein Dasein mit Schmach für ihr Gedächtniß verknüpft war, kann ich mich nicht entschließen, zu glauben, daß die Allmacht in demselben Augenblick, wo sie mir diese Bergütung eines einsamen und sorgenvollen Lebens gegeben, schon die Fackel wieder verlöscht hat.«
»Theilen Sie uns nochmals genau mit, Doktor,« sagte der Baron - »was Sie drüben herausgebracht haben.«
»Es ist Viel und doch wenig genug! Nach der Erzählung des General Montboisier und Major Laforgne's, der leicht verwundet in Brescia liegt, kann es keinem Zweifel unterliegen, daß es wirklich der Novize Felicio, mein unglücklicher Neffe war, der bei Ca Marino auf die Suite des Kaisers traf und mit ihnen dem ferneren Gang der Schlacht beiwohnte, bis ihn das Soldatenblut in seinen Adern mit den Zuaven Bazaines, meinen alten Freunden, zum Sturm auf den Kirchhof trieb. In ihrer Mitte soll er gefochten haben, ein Offizier erinnert sich der auffallenden Gestalt im weißen Militairmantel mitten zwischen den Zuaven - aber Niemand kann weiter bestimmte Auskunft geben, ob er gefallen - ob er gefangen worden - ob er sonst verschwunden ist!«
Der Sprecher bedeckte das Gesicht mit den Händen in tiefem Kummer.
»Und Sie haben Alles versucht, um die Sache festzustellen?«
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»Sie können denken, wie es bei einer solchen Gelegenheit hergeht. Die Eindrücke sind so rasch aufeinander folgend, so überwältigend, daß das Einzelne keinen Halt hat im Gedächtniß. So kann selbst Graf Montboisier kaum mit Bestimmtheit angeben, ob er wirklich den Unglücklichen unter den Stürmenden erkannt hat. Das halbe Bataillon ist bei jenem Angriff gefallen - auch ein Freund und Schützling des Grafen, von dem wir noch Auskunft hofften, Lieutenant des Chapelles; und dessen unzertrennlicher Gefährte, Sergeant Touron, der das Unglück hatte, ihn selbst zu tödten, ist tiefsinnig und weigert jedes Wort.«
»Wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben,« sagte der Baron. »Ich habe unterdeß hier das Mögliche versucht, mich nach den französischen Gefangenen zu erkundigen. Sie befinden sich theilweise hier, zum Theil in Mantua. Aber ich mußte vorsichtig sein, um unserem aufmerksamen Gegner nicht selbst die Spur zu zeigen. Der Superior befindet sich hier, und würde gewiß sofort den Novizen für die geistliche Gerichtsbarkeit reclamiren, die ich mehr fürchte, als die weltliche. - Nach dem Friedensschluß von heute wird eine Auswechselung der Gefangenen schon in den nächsten Tagen erfolgen, und dann werden wir eher Gelegenheit haben, etwas Sicheres zu ermitteln.«
Ein höherer Offizier kam langsam durch das Volksgewühl über den Platz geritten, von seiner Ordonnanz gefolgt. Als er an der Gruppe vorbeikam, grüßte er vertraulich den Grafen, der zu ihm trat und mit ihm plauderte. Nach einigen Minuten erst ritt der Oesterreicher weiter, dem Kastell zu - der Modenese kehrte zurück.
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»Es geht Etwas vor da drüben,« sagte er zu dem Baron mit dem Kopf nach der Seite des Kastells winkend.
»Was ist's?«
»Man hat noch spät Abends ein Kriegsgericht berufen. Der General gehört dazu. Er weiß nur, daß nach der Rückkehr des Kaisers ein Offizier des Generalstabs plötzlich verhaftet worden ist.«
»Wahrscheinlich wieder ein Fehler eines Oberen, den ein Untergeordneter büßen muß! Es ist leider so Sitte!« sagte der Baron bitter. »Ich erinnere mich einer Stelle aus Schiller's Wallenstein, die schon diesen Fehler rügt!«
Der Graf Mortara schüttelte den Kopf. »Ich glaube, es handelt sich diesmal nicht um einen Fehler, sondern um ein Verbrechen. Dem Herzog entfiel vorhin, als ich ihn sprach, eine Andeutung in dieser Beziehung. - Geht weg, Bursche - wir wollen Nichts von Eurem Kram!«
Die letzten Worte galten einem jener zudringlichen Tabuletkrämer, die mit Cigarrenspitzen, venetianischen Perlen, Seife und Bürsten die Gäste der Kaffeehäuser belästigen.
Es war ein kleiner alter Bursche mit kohlschwarzem Bart, eine große blaue Brille vor den Augen, den Hut tief in's Gesicht gedrückt, große Vatermörder - ein Putz, den die niedern Italiener sehr lieben, - bis an die Nasenspitze ragend, ohne daß sie doch deren jüdischen Typus verbergen konnten.
»Gott der Gerechte,« weimerte der Krämer mit schnarrender Stimme, - »so ä vornehme Excellenz wird doch geben an dem Freudentag, da aufhört der grausame Krieg,
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zu verdienen Eppes em armen Mann? Wenn der Herr General nich will kaufen ä ächten Meerschaum, wird der gnädige Herr hier doch vielleicht kaufen ä Brille mit vortrefflichen Gläsern, die sind so gut, daß man kann sehen was man sucht, und sollt' es auch sein noch so weit, oder gar hinter de Wälle und de Mauern von ä Festung!«
Doktor Achmet, dem diese Anpreisung gegolten, schaute betroffen empor - sein scharfes Auge fixirte den Verkäufer, der rasch einen Finger auf seinen Mund legte.
»Ab ...«
»Wenn der gnädige Herr fremd sind in Verona,« fuhr der Krämer hastig fort, - »und er hat noch nicht gesehen den Circus im Mondlicht, könnt er haben jetzt die schönste Gelegenheit dazu. Die Sache is grausam schön und der Herr Verwalter von der Thür is mei Freund und wird uns öffnen den Eingang.«
Der Arzt war aufgestanden. »Das war schon längst mein Wunsch,« sagte er hastig. »Entschuldigen Sie mich eine Viertelstunde, aber ich bitte, verlassen Sie den Platz nicht - ich denke, ich habe noch Wichtiges mit Ihnen zu sprechen.«
Ohne die Antwort seiner Gesellschafter abzuwarten winkte er dem Krämer voranzugehen, und schritt hinüber nach den Verkaufsläden unter den inneren Bogen des riesigen Gebäudes, in welchen sich die Eingänge befinden.
Der kleine Händler wand sich vor ihm her durch die Menge, erst als sie in der Nähe des Eingangs waren, drängte er sich an ihn.
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»Gehen Sie hinein,« flüsterte er - »in zwei Minuten werd' ich sein bei Ihnen.«
Damit war er verschwunden. Doktor Achmet zahlte ein Trinkgeld und trat durch die dunklen Bogengänge, in denen man noch die Logen der Gefangenen und der wilden Bestien zeigt, denen sie bestimmt waren, in den weiten Raum des Amphitheaters.
Der bleiche Schein des Mondes lag auf den fünfundvierzig Marmorreihen, die sich hier im gewaltigen Oblong zur Höhe der Arkaden emporheben. Während draußen Alles Leben und Bewegung athmete, herrschte in dem Riesenbau eine feierliche Stille.
Einige Minuten lang verfehlte der Anblick selbst in der gegenwärtigen Erregung seinen Eindruck nicht auf den Sohn des fernen Granada. Er mochte unwillkürlich an den jetzt gleich einsamen Bau der Alhambra und des Generalife denken, an all' die mächtigen Geister, die diese Riesenwerke geschaffen! Dann schauderte er zusammen, denn er gedachte auch des Weibes, dem zu Ehren der fromme Antonin diesen Bau aufgethürmt - Faustina's, der wollüstigen Megäre, und er erinnerte sich der dunklen geheimnißvollen Erzählungen Laforgne's von den Namensschwestern der vom Fluch des Volkes und des Gatten verfolgten Kaiserin zur Zeit des neuen Kampfes Roms auch unter einem Pius, und wie eine derselben im Kloster am Monte Cenere mit den beiden einzigen theuren Wesen, die er auf der Welt hatte, mit Carmen und seinem Neffen zusammengetroffen war und sie in Gefahr gebracht hatte.
Die wirre Erinnerung kam wie eine schlimme Ahnung
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über ihn und nur der Gedanke, daß er ja Carmen jetzt glücklich in den Armen eines geliebten Gatten wußte, ermannte ihn und gab ihm die Hoffnung wieder, daß auch das andere Kind seines Herzens, das Kind seines Blutes gerettet und glücklich werden möge.
Ueber die Marmorstufen huschte ein dunkler Schatten, er stieg ihm entgegen, - es war der Jude.
»Abramo,« sagte der Doktor - »Gott sei gesegnet, daß ich Dich endlich finde. Warum hast Du mich nicht längst aufgesucht, wo ich so dringend Deines Beistands bedarf?«
»Gott Moses,« zischelte der kleine Spion, denn dieser war es in der That unter der Maske des Tabuletkrämers, - »was brauchen Sie so zu schreien, damit hört ganz Verona, daß der arme Abraham wieder ist in seinen Mauern mit Gefahr seines Halses, blos um Ihnen zu leisten einen Dienst! Hab' ich doch verloren beinahe mein Leben, als ich hab' zugesteckt dem jungen Frater, der jetzt ist kein Frater mehr, sondern zu seinem Unglück ä Makkabäer, ä Kriegsmann, den Zettel, den Sie mir gegeben haben für ihn.«
»So weißt Du um seine Flucht?«
»Main! Soll ich nicht wissen von seiner Flucht, da ich doch weiß, daß er gehabt hat das Unglück zu werden wieder gefangen in der grausamen Schlacht und ist geworden getreten, und gestoßen und geschlagen, daß der Athem ist fast ausgegangen aus seiner Brust!«
»Gott sei Dank - also er lebt?«
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»Gewiß thut er leben - obschon er ist geworden sehr gemaltraitirt!«
»Und wo ist er - kannst Du mich zu ihm führen?«
»Wo er thut sein? Seit zwei Tagen erst weiß ich's, und hab mich gewagt hierher, um zu suchen seine Freunde, mit großer Gefahr, da ich doch nicht weiß, wie denken die großen Herren über die kleinen Dienste, die geleistet hat der arme Abraham. Gott der Gerechte, wär' ich geblieben bei meinem Herrn in Mantua, würd' er mich gesetzt haben in sein Testament und ich wär' jetzt ä reicher Mann!«
Der Doktor begriff, was der kleine Schurke wollte. »Du sollst zehn Napoleons haben, wenn Du mir Alles sagst, was Du weißt und mich zu dem Unglücklichen bringst. Es ist Alles, über was ich augenblicklich verfügen kann.«
»Gott Moses! Das Leben ist schwer und theuer! - Geben Sie her das Geld!«
Der Arzt schüttete seine Börse in die Hand des Spions. »Der junge Herr - Gott schenke ihm langes Leben und Gesundheit! - sitzt mit den andern Gefangenen drüben im Kastell. Ich weiß es ganz bestimmt, denn der gestrenge Herr Prälat ist gewesen zwei Mal bei ihm.«
»Wie, so hat Don Corpas aufs Neue ihn in seiner Gewalt?«
»Ich weiß doch nicht, wer ist der Don Corpas, aber ich weiß, daß der Monsignore Corpasini ist bei aller Heiligkeit ä schlimmer Feind und ä gewaltig strenger Mann. Wenn ich geben soll Euer Excellenz einen Rath, so ist es
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der, daß die Freunde von dem jungen Herrn Felicio nicht versäumen mögen die Zeit, ihm zu helfen aus der Klemme.«
»Sind das alle Nachrichten, die Du mir geben kannst?«
»Main! ist das nicht genug für zweihundert Lire, wo ich gesetzt habe doch mein Leben ein? Aber ich weiß, daß Sie werden sein großmüthig, wenn der junge Herr ist frei, und ich werde thun alles Mögliche, um zu erfahren noch mehr.«
»Wo kann ich Dich finden, wenn ich Deiner bedarf?«
»Ich muß doch sein wie der Wind, bald hier, bald da. Wollen Sie mir sagen, wo Sie logiren?«
»Im Aquila nera, bei Baron Neuillat.«
»Gut - ich werde Sie sehen morgen! Aber -« der kleine Schurke zögerte, als habe er noch Etwas auf dem Herzen, doch schien er sich zu besinnen und sagte blos: »Erinnern Sie sich, Signor Dottore, daß der Abramo gesagt hat, zu helfen rasch! - Gute Nacht!«
Er schlüpfte über die Stufen und verschwand durch eine der Oeffnungen.
Doktor Achmet suchte mit sorgenvoller Stirn den Ausgang und kehrte zu seinen beiden Gesellschaftern zurück, die noch im Café seiner harrten. Hier theilte er ihnen mit, was er so eben erfahren, und frug sie um ihren Rath.
Eine unbestimmte Angst erfüllte den Doktor, er drang darauf, noch diesen Abend Schritte zu thun. Aber welche? - Man wußte ja nicht einmal, in welcher Eigenschaft der Novize im Fort gefangen gehalten wurde. Daß er noch nicht an seine geistlichen Obern ausgeliefert worden,
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obschon der Superior, wie Abramo versichert hatte, von seiner Gefangenschaft wußte, war ein auffallender Umstand.
»Sie sagen,« bemerkte endlich der Graf, »daß Corpasini Ihr Jugendfreund gewesen ist?«
»Er war es, bis eingetretene Verhältnisse ihn zum erbittertsten Feinde und Verfolger unserer Familie machten. Erinnern Sie sich an den Thurm von Azcoitia? - Ich bin ein Hacene, jener Knabe ist der letzte Sprosse Boabdils, des Beherrschers von Granada, und unser Feind weiß es nur zu gut.«
»Wann sind Sie zuletzt mit ihm persönlich zusammen getroffen?«
»Im Garten der Tuilerieen vor vier Jahren! Damals war es, wo sein Haß mir die Existenz eines Kindes meiner Schwester verrieth!«
»Und scheuen Sie sich, ihm persönlich entgegen zu treten?«
»Ich habe Nichts zu scheuen in meinem Leben.«
»Wohl! Dann lassen Sie uns zu ihm gehen,« sagte der Baron entschlossen. »Fordern Sie geradezu von ihm den jungen Mann als Ihren Neffen zurück; ich werde Sie unterstützen, selbst auf die Gefahr hin, daß der Bruch auf einer anderen Seite Mißbilligung erregt. Es liegt Etwas in den Erinnerungen unserer Jugend, das die kühlen Rücksichten und Bedenken des Alters überwindet, wenn es nöthig ist. Begleiten Sie uns, Graf? Sie sind ein Glied in der Kette.«
»Wenn es nicht unbedingt nöthig ist - nein! ich glaube, man beargwohnt mich schon ohnehin in dieser
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Angelegenheit, und es giebt augenblicklich eine Sache, weswegen ich nicht mit dem Priester brechen möchte.«
»Wir sind Ihnen dann wenigstens dankbar, für die Theilnahme, die Sie bisher gezeigt. Wir werden nur im Nothfall Ihr Zeugniß anrufen.«
»Und Sie sollen es haben. Sie haben Recht, Baron - man macht im Alter gern eine Schuld der Jugend gut. Ich werde Sie hier erwarten.«
»Wo und wie gelangen wir zum Superior?«
»Er wohnt im Bernardino, wie Sie wissen. Sagen Sie dem Pförtner Ihren Namen, Baron, und er wird Sie gewiß trotz der späten Stunde empfangen. Drohen Sie ihm mit Kardinal Antonelli - das ist der einzige Mann, den er fürchtet, und der mehr Einfluß auf seine Entscheidungen hat, als selbst der General des Ordens.«
»Ich danke Ihnen. - Haben Sie den Trauschein bei sich, Doktor?«
»Ich verwahre ihn auf meiner Brust, seit ich ihn erhielt.«
»Wohlan, - so lassen Sie uns die Schlacht wagen. Kommen Sie!«
Die beiden Männer erhoben sich und verließen nach einigen Worten den Modenesen, der zurückblieb.


In einem einfachen, geräumigen Gemach des aus dem 15ten Jahrhundert stammenden Klosters, neben der ehemaligen Bibliothek mit den Fresken von Cavazzolo, saß an einem mit Papieren bedeckten Arbeitstisch der Superior,
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während ein Frater ehrerbietig harrend, anscheinend reisefertig, in der Nähe der Thür stand.
»Hier ist der Brief an den Präsidenten des Gerichtshofes,« sagte der Prälat. »Wir bestehen auf der Beschlaghaltung des Vermögens des jüdischen Juweliers Mortara, um das Recht der Kirche als Vormund seines Neffen zu sichern, soweit es der Familie selbst hinterlassen und nicht durch besondere Legate bestimmt ist. Setze von dieser letzten Klausel Signor Maffio, unseren Advokaten, in Kenntniß. Es ist am Besten, wir haben nur mit den österreichischen Behörden zu thun, und müssen die Einmischung der fremden Consuln oder Gesandten vermeiden. - Sorge dafür, daß der Brief an den Cardinal-Erzbischof in Neapel sofort von Rom durch eine vertraute Person befördert wird. Don Troja muß in Kenntniß gesetzt werden, welche Gefahr dem Königreich durch diesen abscheulichen Vertrag droht, der offenbar nur aufgestellt ist, um ihn zu brechen. Man muß unnachsichtliche Strenge jetzt gegen jede liberale Agitation in Neapel und Palermo anwenden, wie sie gewiß augenblicklich von Turin aus in's Werk gesetzt werden wird. Das Kastell von San Elmo bietet einen vortrefflichen Aufenthalt für alle unruhigen Köpfe. Es ist jetzt keine Zeit, mit den Schweizern über ihre Fahnen zu zanken. - Du kennst Deine Instruktionen für Rom?«
Der Pater - ein Mann von hagerer Gestalt mit viereckigem massivem Gesicht machte ein Zeichen der Bejahung.
»Füge ihnen bei, daß Kardinal Merode sofort
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Werbungen beginnen muß. Wir werden durch den Beichtvater der Kaiserin in Paris dafür sorgen, daß ihnen kein Hinderniß in den Weg gelegt wird. Die besten Werbebüreau's werden Sitten, Feldkirch und Gratz sein. Auch im Norden Münster. Man soll um Himmelswillen nicht auf die Herstellung von Modena und Toscana rechnen. In den Legationen müssen die geistlichen Gerichte mit den Rechten der Inquisition versehen werden, oder wir werden die Revolution niemals zu Boden werfen und niederhalten. - Biete jede mögliche Ueberredung auf, den Kardinal zu bewegen, daß er unserem Plan in Betreff des General Lamoricière beistimmt. - Ich wünschte, wir hätten eine gleiche Kraft für Neapel, aber die Unfähigkeit und Eifersucht ist dort zu groß. Man ist zu bornirt, um einen Protestanten zu nehmen - sonst holten wir ihn aus Preußen. Man hat dort Condottieri's genug, die Lust haben, in Spanien oder Italien zu dienen, und ich würde ihnen lieber vertrauen, als nach diesen Proben der ganzen österreichischen Generalität.«
»Die Königin ist so gut wie der beste General!«
»Sie ist eine Kraft und wird ihre Rolle spielen, wie - der Teufel hole alle Schwiegermütter!« fügte der Superior sehr ungeistlich bei. »Die Leute in Neapel sind blind gegen den Sturm, der herauf zieht und selbst in Rom bedarf es klarerer Köpfe und stärkerer Hände. Du bist der Einzige, Fra Ignacio, dem ich vertrauen kann. Leite die Unterhandlungen wegen der Kardinalswahl geschickt. Es ist endlich Zeit, daß man das Versprechen hält. Mattei und Altieri sind die Einzigen, auf die wir mit Bestimmtheit
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zählen können, die Anderen sind von Eifersucht gegen den Orden verblendet und doch nicht die Männer, um Antonelli die Wage zu halten. Besprich mit ihnen, ob es nicht möglich ist, Hohenlohe zum Verzicht auf die Wahl zu bewegen, dann können sie nicht anders, als mir ihre Stimmen geben. Was ist's?«
Ein Klopfen an der Thür hatte die Unterredung unterbrochen.
Fra Andrea war eingetreten. Er überreichte eine Karte. »Der Signor Barone bittet dringend um eine kurze Unterredung - es befindet sich noch ein zweiter Mann bei ihm.«
»Kennst Du ihn?«
»Es ist derselbe, der in voriger Woche sich hier aufhielt und oft mit dem Signor Ciambellano31 verkehrte.«
Ein Ausdruck des Hasses zuckte über das strenge Antlitz des Prälaten. »Also doch!« murmelte er - »Nun es sei! es muß zu einem Ende kommen zwischen uns, damit mein Auge wichtigeren Dingen zugewendet werden kann. Wer nicht mit mir ist, ist wider mich! - Nimm meinen Seegen, Bruder Ignacio,« sagte er laut - »und tritt Deinen Weg an. Man wird Deiner Carriola das Festungsthor öffnen, wenn Du diese Karte vorzeigst. - Lasse die Signori eintreten!«
Die beiden Jesuiten entfernten sich - der Superior bedeckte einige Augenblicke das Gesicht mit beiden Händen - ein Kampf schien in ihm vorzugehen, oder alte
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Erinnerung mächtig zu werden. Aber als er bei dem Geräusch der aufgehenden Thür die Hände entfernte, war sein Antlitz kalt und ruhig, sein Blick freundlich und zuvorkommend.
Der Baron Neuillat, Kammerherr des Grafen Chambord, und der französische Arzt waren eingetreten.
»Seien Sie willkommen, lieber Baron,« sagte der Prälat, seinem Besuch entgegen gehend, und ihm die Hand reichend. »Sie gewähren mir jetzt so selten das Vergnügen Ihrer Gesellschaft, daß ich es um so höher anschlagen muß, Sie bei mir zu sehen an einem so wichtigen und ereignißreichen Tage.«
Eine Bewegung der Hand lud die Besucher ein, Platz zu nehmen. - »Sorge dafür, Fra Andrea, daß wir unter keinen Umständen gestört werden.«
Der dienende Bruder entfernte sich.
»Sie haben Recht, Monsignore,« sagte der Baron, »daß Sie diesen Tag einen wichtigen nennen. Er ist es nicht allein für ganze Staaten, sondern auch für einzelne Personen, und eine solche habe ich mir erlaubt, bei Ihnen einzuführen, - einen Landsmann von Ihnen, der hoffentlich Ihrem Gedächtniß nicht ganz entschwunden ist.«
»Herr Doktor Achmet, französischer Arzt, wenn ich nicht irre?« sagte der Prälat mit einer kalten, aber höflichen Verbeugung.
»Diego Corpas, ich bin es - der Freund und Gefährte Deiner Jugend - später ...«
»Wenn Ihnen oder Ihren Freunden«, unterbrach der Jesuit den Arzt, das letzte Wort besonders betonend,
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»mein geringer Einfluß in irgend Etwas dienen kann, lieber Baron, so befehlen Sie über mich. Aber Sie wissen selbst, daß die Erinnerungen meiner Jugend nicht so angenehm sind, um sich ihnen bei den wichtigen Anforderungen der Gegenwart ohne Noth zu überlassen.«
»Dennoch Monsignore,« sagte der Baron, »bin ich gezwungen, auf einige Augenblicke Sie darum zu bitten. Sie erinnern sich unseres neulichen Gesprächs über einen jungen Mann, der Novize Ihres Ordens ist.«
»Des Fra Felicio! - ich dächte, die Sache wäre abgethan. Der Undankbare hat alle Wohlthaten, die ihm erwiesen wurden, mit Füßen getreten und sich der Strafe für seine Vergehen durch die Flucht entzogen, wozu ihm Einer behilflich gewesen ist, der besser gethan hätte, seine Hand davon zu lassen, wie er auf Kosten einer gewissen Erbschaft bemerken wird.«
Der Ton der Prälaten war bei dieser Antwort spitz und scharf geworden.
»Ich beklage lebhaft die Unvorsichtigkeit des jungen Mannes,« fuhr der Baron fort, - »denn seine thörichte Flucht hat sicher nur dazu gedient, die Entwickelung seines Schicksals und die Einsetzung in seine bürgerliche Stellung zu verzögern, die von Ihrem Wohlwollen und Ihrem Beistand abhängt.«
»Ich verstehe Sie nicht ganz, Signor Barone,« sagte der Prälat kalt; »doch wenn Ihre Worte auf gewisse Fragen und Andeutungen zielen, die Sie mir früher über die vorgebliche Herkunft dieses Menschen machten, so glaube ich
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Ihnen bereits gesagt zu haben, daß Sie sich im Irrthum befinden.«
»Es ist der Sohn meiner unglücklichen Schwester,« rief der Arzt ungestüm, »und Du weißt es, Diego Corpas, der Du ihrem Tode nicht fern warst!«
»Ich bin der Rector Antonio Corpasini, ein geringes Mitglied der heiligen Kirche und des Ordens Jesu,« sprach der Prälat mit festem Ton. »Nur als dieser werde ich anhören, was Sie mir zu sagen haben.«
»Ich bitte Sie, Signor Dottore,« unterbrach der Baron - »Ihre Gefühle zu zügeln und mich die Verhandlung führen zu lassen. - Es sind jetzt zweiundzwanzig Jahre her,« fuhr er fort, »als wir uns am Thurm Zureda32 kennen lernten und Ihr Vater, Don Corpas, den Tod dieses Mannes, damals jung wie wir Alle, verlangte. Ein Cavalier, mein Freund, den leider eilf Jahre später ein trauriges Schicksal traf, rettete ihn und seine Schwester Ximene. Der Cavalier - ich will ihn nicht entschuldigen, daß er seine wackere That also schmähte, - brachte das Mädchen nach Azcoitia in den Palast de Narros, um es gegen den Haß Ihres Vaters und Ihren eigenen zu schützen.«
»Ich habe stets gewußt, daß Herr von Neuillat zu den Gegnern meiner Familie gehörte,« sagte der Prälat mit kaltem Hohn, »auch wo wir an einem gemeinsamen Werke arbeiteten.«
»Das Schicksal hat es gewollt, uns in anderen Lebenslagen wieder zusammen zu führen und wenigstens
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äußerlich zu verbünden. Aber ich fahre fort. Die Intriguen Ihres Vaters machten es nöthig, daß, um das Mädchen zu schützen, mein Freund dasselbe wenigstens scheinbar zu seiner Gattin machte. Ich war Zeuge dieser Trauung.«
»Der Baron Léon von Neuillat, der Kammerherr und Vertraute des rechtmäßigen Königs von Frankreich hat demnach den Helfershelfer eines Wüstlings gemacht, um ein armes spanisches Mädchen zu verführen!«
»Ich dachte damals leichtfertiger als jetzt und lange hat es mir schwer auf der Seele gelegen. Aber die Vorsehung hatte es besser mit uns Allen gemeint, als wir selbst, und eine schlechte That verhindert. Jene Trauung die ein unbekannter Priester vollzog, war in der That gültig!«
Der Prälat zuckte die Achseln mit einem verächtlichen Blick auf den Arzt. »Man hat es mir schon einmal gesagt. Ihre Geschichte, Herr Baron, ist sehr interessant, aber höchst unwahrscheinlich.«
»Sie irren - wir haben die Beweise!«
»Ihr Zeugniß, Herr Baron, der Sie selbst bei dem Betrug halfen, und das eines Diebes und Galeerensclaven, wie dieser Herr mich in Paris versicherte!«33
»Nein, Monsignore, wir haben die legalisirte Abschrift der geheimen Eintragung dieser Trauung in die Kirchenregister des Dominikanerklosters zu Azcoitia, und hier ist sie, obschon ich nicht weiß, wie jener uns unbekannte
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Priester dazu gekommen ist, diese Eintragung zu veranlassen und meinen Namen als Zeugen beizufügen.«
Eine fahle Blässe hatte bei diesen Worten das Antlitz des Jesuiten überzogen, und er machte eine hastige Bewegung, als wollte er dem Baron das wichtige ihm so wohl bekannte und so lang verwahrte Dokument entreißen, dessen Diebstahl mit anderen Papieren durch den jüdischen Spion das Geheimniß seiner Rache gefährdete. Aber im nächsten Augenblick ließ er die Hand sinken und unterdrückte mit gewaltiger Anstrengung jedes Zeichen der Aufregung.
»Wenn dieses Papier die Wahrheit spricht,« sagte er kalt, »so soll es mich um jenes Mannes willen, der mich seinen Feind wähnt, freuen, daß eine Tochter Spaniens nicht zur Metze eines polnischen Abenteurers geworden ist, wie ich bisher glaubte.«
»Sie können mehr thun, Monsignore, Sie können seinem Alter Glück und Freude wieder geben und sein Mißtrauen in Dank und Seegen verkehren!«
Der Moriske konnte sich nicht länger halten, erstreckte ihm beide Hände entgegen. »O Diego, bei den Tagen unserer Jugend, bei dem Andenken der unglücklichen Ximene, gieb mir ihren Sohn zurück, und ich will Dir Alles vergeben und Dich segnen!«
Der Superior erwiederte den Aufruf mit einem eisigen Blick.
»Ich verstehe Sie nicht!«
»Hören Sie mich,« sagte der Baron hastig, »und mögen meine Worte Eingang zu Ihrem Herzen finden.
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Sie selbst haben diesem Mann vor Jahren in Paris34 gesagt, daß seine unglückliche Schwester, die auf so geheimnißvolle Weise - ich will nicht näher darauf eingehen, ob durch den Haß Ihres Vaters - in der Nacht der Trauung verschwunden war, gestorben ist, indem sie einem Kinde das Leben gab, der Frucht jener Verbindung.«
»So sagte ich!«
»Und Sie sprachen die Wahrheit?«
»Ich sprach sie. Das unglückliche Weib ist, wie ich vernahm, neun Monat nach ihrer Flucht im Kindbett gestorben! Gott rächt Alles! - Barmherzige Menschen haben das Kind zu sich genommen, um es zur Ehre Gottes und zur Sühne der Sünden seiner Eltern zu erziehen. - Weiteres, Herr, können Sie von mir nicht erfahren! - Lassen Sie damit diese Unterredung enden!«
»Nein, Mensch von Stein und ohne Erbarmen,« schrie der Arzt in leidenschaftlicher Aufregung - »nicht eher weiche ich von Deiner Schwelle, als bis Du mir das Kind meiner unglücklichen Schwester, den Sohn meines Blutes, zurückgegeben hast, - denn jener Jüngling, den Du selbst für Deinen Orden erzogen, den Deine Härte in's Verderben getrieben, - der Novize Felicio ist mein Neffe!«
Der Jesuit kreuzte die Arme, zum ersten Mal begegnete sein hartes drohendes Auge dem des ehemaligen Jugendgenossen, zum ersten Mal richtete er das Wort an diesen.
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»Du kennst ihn?«
»Ich habe ihn nie gesehen, aber mein Herz sagt mir, daß er es ist, das Zeugniß meiner Freunde und Dein Haß gegen ihn!«
Der Baron mischte sich ein, um die lange zurückgedrängte Leidenschaft des Morisken nicht die einzige Aussicht auf Erfolg verderben zu lassen.
»In der That Monsignore, sprechen alle Beweise dafür, daß Sie hier, ohne es gestehen zu wollen, ein Werk der Barmherzigkeit geübt haben. Wir wissen von dem jungen Mann selbst, daß er seine Kindheit in Biscaya verlebt hat und unter Ihrem Schutz, wenn er Sie auch selten sah, in einem spanischen Kloster erzogen worden ist, bis Sie ihn zur ferneren Vorbereitung für die Kirche auf einige Reisen und nach Italien mitnahmen. Ich darf Ihnen sagen, daß mich schon bei unserem ersten Begegnen in Mailand seine Aehnlichkeit mit meinem verstorbenen Freunde dem Fürsten überraschte, und ebenso erkannte sie Einer, der ihn eben nicht liebte, der General Mortara.«
»Seine Aussichten für das Erbe in Mantua sind sehr schwach!« murmelte der Jesuit.
»Selbst eine furchtbare Scene in einem Kloster des Monte Cenere, der Sie selbst beiwohnten, und von der ein Anwesender, Major Laforgne von der sardinischen Armee dem Doktor Achmet erzählt hat, spricht für die seltsame Aehnlichkeit. Seien Sie großmüthig, Monsignore - geben Sie uns den Beweis seiner Identität, den Sie allein führen können, entlassen Sie ihn seiner Verpflichtungen gegen die Kirche, für die sich der Jüngling nie
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eignen wird, und machen Sie damit manche Erinnerungen unserer Jugend gut.«
»Und wer sagt Ihnen, Herr Baron, daß jenes unglückliche Kind, gleichviel ob Bastard oder ehelich geboren, nicht ein Mädchen war, daß es nicht längst gestorben ist, daß es jener verworfene undankbare Bösewicht sein muß, der seine Wohlthäter bestahl und der gerechten Strafe sich nur durch die Flucht zu dem Feinde entzog?«
»Es ist es - mir sagt es mein Herz!« rief der Arzt.
Der Rector lächelte spöttisch. »Was kümmert es im Grunde mich! Sie bestehen also auf dieser Person für Ihre Selbsttäuschung?«
»Ja - Mann ohne Herz und Gewissen!«
»Sie wissen, daß der Novize am Tage vor der Schlacht von Solferino seiner Haft entflohen ist?«
»Ich weiß es, denn ein Zufall oder vielmehr die Hand Gottes führte ihn zu seinen Freunden!«
»Und wissen Sie, wo der bethörte Mensch sich jetzt befindet?«
»Seit einer Stunde wissen wir es, Diego Corpas, deshalb kommen wir zu Dir,« rief der Moriske. »Felicio ist als Gefangener in den Händen der Oesterreicher, im Kastell San Pietro, und Du willst ihn auf's Neue als Dein Eigenthum, als den Gefangenen und Sclaven Deines furchtbaren Ordens reclamiren! Wir kommen, ihn dagegen zu schützen!«
Ein seltsames furchtbares Lächeln lagerte sich auf die finstern Züge des Jesuiten - ein Lächeln, das selbst den gewiegten Diplomaten in der Tiefe seines Herzens schaudern
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machte, ohne daß er sich Rechenschaft über die Ursach zu geben vermochte.
»So wollen Sie sich also begnügen mit der Person des Novizen Felicio?«
»Ja - tausend Mal ja!«
»Und Sie verlangen, daß unsere Congregation ihn aufgiebt, daß die Kirche den Meineidigen und Dieb ihrer Gerichtsbarkeit entläßt?«
»Ja, - Herr - wenn er nur dieser Fesseln frei wird, für das Andere wollen wir sorgen!«
Der Baron nickte zerstreut Zustimmung. Die plötzliche Wandlung des Priesters erregte ihm Unruhe.
Der Prälat trat zu dem Tisch und nahm eine Schrift, die hier lag. »Hier ist die Reclamation der Gesellschaft Jesu, kraft welcher sie die Auslieferung des Novizen Felicio, als bereits der ersten Weihe theilhaftig, von der weltlichen Gerichtsbarkeit verlangt. - Ihr Wille geschehe!« Er zerriß die Schrift, setzte sich an den Tisch und schrieb ein kurzes Dokument.
»Lesen Sie!«
Der Doktor nahm es mit freudezitternder Hand und las den Inhalt: -

       »Kraft meines Amtes und der mir ertheilten Vollmacht des Generals vom Orden Jesu erkläre ich den bisherigen Novizen Felicio, gegenwärtig Kriegsgefangener im Kastel San Pietro, aus der Gemeinschaft des Ordens und der Gerichtsbarkeit der Heiligen Kirche entlassen,
                           Antonio,
           Superior der Congregation und Rector
                   des Kollegiums zu Bologna.«
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»Genügt dies, und wollen Sie weiter keine Ansprüche an mich erheben?«
»Ich danke Dir, Diego Corpas!«
Wiederum flog jenes dämonische Lächeln über das Gesicht des Jesuiten. Er nahm das Papier aus der Hand seines Jugendgefährten und verschloß es mit dem Siegel der Congregation. Dann schlug er mit einem kleinen Stahlhammer an eine silberne Glocke.
Sogleich öffnete sich die Thür und der dienende Bruder Fra Andrea trat ein.
»Was ich thue,« sagte der Prälat, »liebe ich sogleich zu thun. Ich denke, unsere Geschäfte sind zu Ende. Dieser Mann wird das Schreiben sofort an Se. Excellenz den Gouverneur Feldmarschall-Lieutenant Urban bringen. Vielleicht wollen Sie ihn dahin begleiten, um unseres Verzichtes sicher zu sein.« - Er wandte sich zu seinem Untergebenen. »Du hast meinen Auftrag gehört - in einer Viertelstunde muß das Schreiben in den Händen des Generals sein.«
Steif und kalt blieb er stehn, als mahne er an den sofortigen Aufbruch seiner Besucher. Fra Andrea öffnete ihnen die Thür.
Der Arzt trat auf ihn zu - er bot ihm offen und bieder die Hand.
»Was Du und die Deinen auch verschuldet an uns,« sagte er mit Rührung, »es sei vergeben und gesühnt in dieser Stunde. Gott lohne es Dir, daß Dein Herz sich zur Milde gewendet - Ximenens Geist möge segnend
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niederschauen auf ihr Kind, dem meine Liebe so spät noch Vater und Mutter ersetzen soll!«
Der Jesuit hatte die Hände auf den Rücken gelegt, sein Auge maß kalt, fast drohend den Gefährten seiner Kindheit, den Bruder des Mädchens, das er einst so sehr geliebt.
»Um 6 Uhr werden die Thore von San Pietro geöffnet,« sagte er kalt - »Du wirst mich dort finden, Achmet Hacena, um von jenem Undankbaren Abschied zu nehmen - auf Nimmerwiedersehen. - Geh, und mögest Du niemals bereuen, ihn der Kirche entzogen zu haben!«
Er winkte auf eine Bewegung, die der Baron machte, ihn anzusprechen, gebieterisch nach der Thür.
Der Kammerherr faßte den Arm des Arztes - mit stummem Gruß verließen die Beiden das Refectorium in Begleitung des dienenden Bruders.
Der Superior blieb allein - sein dunkles Auge fest auf die Thür geheftet, durch welche jene das Gemach verlassen hatten.
Zu seinen Füßen lagen die zerrissenen Stücke Papier - - -
»Vengánza á muerte!«


Ein Kreis ernster, finsterer Männer, sieben an der Zahl, saß zwei Stunden später um einen schwarz behangenen Tisch in einem Gemach des Kastel San Pietro. Ihre Uniformen zeigten österreichische Militairs aller Grade
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vom General bis zum Gemeinen - ihre strengen Gesichter wiesen tiefen Ernst und Trauer über das Verbrechen, das sie richteten.
- Vor dem Tisch standen zwei Gefangene - der eine in der Uniform eines Offiziers, ein Mann von mittleren Jahren, sehr bleich, die grauen Augen waren fast beständig an den Boden geheftet.
Der Andere war ein junger, krankhaft und leidend aussehender Mann, aber sein dunkles Auge blitzte unaufhörlich von Einem auf den Anderen, auf seinen Wangen glühte ein rother Fleck hektischer Erregung. Von Zeit zu Zeit legte er die Hand auf die Brust, als wolle er dort einen Schmerz unterdrücken, wandte sich zur Seite und spu[c]kte Blut aus.
Er trug einen beschmuzten zerfetzten österreichischen Reitermantel über ärmlichen schwarzen Unterkleidern.
Auf dem Tisch selbst vor dem Vorsitzenden, einem alten finstern General, lagen die verhängnißvollen Papiere, welche der Kaiser Louis Napoleon seinem erlauchten Gegner am Mittag in Villafranca eingehändigt hatte, - daneben ein altes schmuziges Notizbuch - dasselbe, in welchem der unglückliche junge Gefangene seine Bemerkungen im Lager von Cavriana eingetragen.
Der Auditeur am Ende des Tisches erhob sich.
»Ich habe jetzt die traurige Pflicht,« sagte er mit leiser aber deutlich vernehmbarer Stimme, »nachdem das Hohe Kriegsgericht die beiden Gefangenen des ihnen zur Last gelegten Verbrechens des Landesverraths und der Spionage zum Nachtheil der kaiserlich königlichen Armee
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einstimmig für schuldig erachtet hat, gegen Beide laut Artikel 5 des Kriegsgesetzbuchs die Todesstrafe zu beantragen und verlange, daß sie bei Tagesanbruch an die Richtstätte geführt nach Entkleidung ihres Ranges und ihrer Würden durch die Hand des Profoß den schimpflichen Tod durch den Strick erleiden mögen zur Sühne ihrer Vergehen und der beleidigten Ehre des Landes.«
Der Vorsitzende richtete seinen ernsten Blick auf die Angeklagten.
»Haben Sie oder Ihr Vertheidiger noch Etwas dagegen vorzubringen, daß die Todesstrafe nicht über Sie ausgesprochen werden kann?« frug er.
Der ältere Gefangene schwieg, finster zu Boden blickend, der andere rief heftig: »Mit welchem Recht wollen Sie mich verurtheilen? ich bin kein Oesterreicher - ich gehöre nicht unter Ihr Gericht! Ich gehöre zum geistlichen Stande!«
Der Offizier, der neben ihm saß und mit der Vertheidigung der Angeklagten beauftragt war, nahm das Wort. »Die Berufung des Angeklagten ist gegründet. Er hat die ersten Weihen in dem Jesuiten-Kollegium zu Bologna empfangen und gehört der geistlichen Gerichtsbarkeit, wenn diese ihn reklamirt. Ich protestire in deren Namen gegen eine Urtheilssprechung.«
Der Auditeur nahm ein Papier aus seinen Akten.
»Auf Befehl Seiner Excellenz des Festungskommandanten Feldmarschall-Lieutenant Urban habe ich hier die Erklärung der geistlichen Vorgesetzten des Angeklagten zu übermachen, wodurch sie jeder Reclamation seiner Person
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zu Gunsten der geistlichen Gerichte entsagen und unter Verstoßung aus dem geistlichen Stande ihn dem Urtheilsspruch der weltlichen Gerichtsbarkeit überantworten.«
Ein Aechzen war die Antwort auf diese Erklärung, der jüngere Angeklagte sank auf den Stuhl zurück, der hinter ihm stand, und verhüllte das Gesicht mit seinen Händen.
»Der Gerichtshof wird sein Urtheil sprechen,« sagte der Vorsitzende - »ich glaube, es ist unnöthig, daß er sich zurückzieht.«
Ein stummes Zeichen der Zustimmung war die Antwort - die Mitglieder des Gerichts flüsterten einige Augenblicke mit einander, dann erhob sich der alte General.
Ein tiefes feierliches Schweigen herrschte in dem Gemach.
»Kapitain ...« - (wir unterlassen es, den uns wohlbekannten Namen eines Elenden zu nennen, aus Rücksicht für eine tapfere, aber unglückliche Armee, denn der schändliche Verrath ist nicht Erfindung der Phantasie des Romanschreibers, sondern eine traurige Thatsache) -
»Kapitain ..., das auf Seiner Kaiserlich Königlichen Majestät Befehl von dem Oberstkommandirenden der Armee eingesetzte Kriegsgericht erkennt Sie nach Anhörung der Anklage und Ihrer Vertheidigung des Landesverraths durch Mittheilung von Dienstgeheimnissen an den Feind im Felde schuldig und verurtheilt Sie, unter Entsetzung Ihres Ranges und Ausstoßung aus der Armee eine Stunde nach Sonnenaufgang durch den Profoß im Rayon dieser Festung
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an dem Halse aufgehangen zu werden, bis der Tod erfolgt ist.
»Angeklagter Felicio, das Kriegsgericht verurtheilt Sie gleichfalls, wegen Spionage, und Kriegsverrath den Tod durch den Strang zu erleiden. - Gott sei Ihrer Seele gnädig!«
»Ich appellire gegen das Urtheil«, schrie der Offizier - »ich appellire an die Gnade des Kaisers!«
Der alte General wandte sich verächtlich von ihm. »Entehren Sie wenigstens nicht durch Feigheit das Kleid, das Sie noch tragen, wie Sie es durch Verrath beschimpft haben,« sagte er streng. »Wache - führt die Gefangenen zurück!«
Die Gewehre der Grenadiere rasselten auf dem steinernen Fußboden der Halle. Zwei Unteroffiziere traten zu den Verurtheilten.
»Haben Sie Mitleid mit meiner Jugend,« flehte der Novize. »Ich beschwöre Sie, den Superior Corpasini von meiner Noth in Kenntniß zu setzen, mich mit ihm sprechen zu lassen!«
»Wenn Sie seinen geistlichen Beistand verlangen, unglücklicher Mann, so soll er davon in Kenntniß gesetzt werden. Führen Sie den Gefangenen fort - das Gericht ist geschlossen!« -


Es war 6 Uhr früh - ein sonniger Morgen lagerte über der alten Stadt des Antonin.
Den Weg von der Stadt herauf, an den unterirdischen
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Eingängen des alten Theaters vorüber kam ein Fiakre. Zwei Männer saßen darin und stiegen am äußeren Wall aus. Es waren der Baron und der maurische Arzt.
Während sie den Wagen verließen, hörte man das entfernte Läuten einer kleinen Glocke. Die Töne kamen aus dem Innern der Citadelle und durchbebten mit klagendem zitterndem Klang die Luft, die Herzen der Hörer erschauern machend.
Vor dem äußeren Thor des Kastels, das noch nicht geöffnet war, hatte sich ein Haufe von Menschen gesammelt, Soldatenfrauen, Handelsleute, Boten, die Geschäfte im Kastel hatten.
Unter dieser Menge machte sich ein auffallendes Paar bemerklich, ein zart gebauter, unansehnlicher Mann in fashionablem englischem Morgenanzug, die Daumen in den Aermellöchern seines Gilets, den Kneifer auf der Nase. Der Andere war offenbar sein Diener von echt britischem Schlage, seine steife Haltung, der Hut im Nacken, die unverschämte stiere Miene über der sauberen Kleidung bewiesen dies.
Der Herr schien sehr unwillig, er perorirte seinem Diener vor, der ihn mit unvergleichlicher Ruhe anhörte.
»Bob!«
»Sir!«
»Du suayn ein Dummkopf! Hab' ich dafür bezahlt fünf Guineen, daß ich komme zu spät? Du hast getroffen die Anstalten miserable schlecht!«
Er wandte sich zu den Ankommenden, deren Aeußeres
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ihm versprechender erschien, als das seiner bisherigen Umgebung.
»Good[en] morning, Gentlemen!« sagte er, höflich an seinen Hut fassend. »Sie wollen hinein in die Fortress?«
»Ja, mein Herr!«
»Sie suaind geöffnet noch no! Ich werden verlieren das ganze Schauspiel und das Geld dazu, das ich haw gegeben dem Schuft von Feldwuabel, daß ich komm zu sehen dem Galgen.«
»Den Galgen?«
»Yes. Es werden suayn zwei gehenkt am Hals. Ich sehen sehr gern das werden gehenkt! Hören Sie - da hört auf die Glock! Es suaynd abscheulicher Betrug, - ich werde beschweren mir bei dem Gesandten von Ihrer Majestät.«
Den Arzt erfaßte eine furchtbare Angst, obschon er sich selbst keine Rechenschaft darüber zu geben vermochte. Er stieß Kapitain Peard, den Menschenjäger zurück und sprang gegen das Thor.
»Oeffnet! öffnet - um der Liebe Jesu willen, lassen Sie mich ein!«
In diesem Augenblick rollte von der Stadt her ein Wagen heran, zwei Männer stiegen aus in der schwarzen Kleidung von Priestern, - ein Blick des Barons belehrte ihn, daß der Eine Fra Andrea, der dienende Bruder war.
»Wo ist der Superior?« frug er hastig.
»Seit drei Stunden dort -« sagte der Jesuit. »Seine Hochwürden haben es nicht verschmäht, selbst die Beichte zu hören und die Verbrecher zum Tode vorzubereiten.
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Aber ich muß ihn stören, da Depeschen von Rom gekommen sind.«
Ein kurzer Trommelwirbel erscholl innerhalb der Citadelle - dann hörte man das entfernte Kommando des Abmarsches, den schweren Tritt marschirender Truppen - das Herausrufen der Thorwache und das Kommando der Ablösung.
Nochmals rasselte die Trommel - dann öffnete sich das Thor der Citadelle - Alles drängte herein - - -
Der große Vorhof war noch gefüllt mit Militair, das sich eben erst aus den Kolonnen aufgelöst hatte, und jetzt in Gruppen aller Chargen umherstand.
Trotz dieser Menge herrschte eine gewisse feierliche Stille, alle Augen waren nach dem Zugang des innern Hofes gerichtet.
Der Arzt, von dem Baron gefolgt, eilte ungestüm dahin - Kapitain Peard, gefolgt von seinem langen Bedienten, schlenderte gemächlich hinterdrein, die Hände in den Taschen.
Die Gruppen der Soldaten und Offiziere machten unwillkürlich den Männern Platz - einige Stabsoffiziere näherten sich ihnen, aber schon hatten sie den Durchgang erreicht.
Auf dem innern Plateau bot sich ihren Augen ein schrecklicher Anblick.
In der Mitte des Platzes erhob sich jenes furchtbare einfache Gestell, das 11 Jahre vorher eine so traurige Rolle in Ungarn gespielt hatte.
An dem Fuß dieses Gestells knieten zwei Geistliche -
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der eine ein Weltgeistlicher, der andere in dem schwarzen einfachen Gewand der Congregation Jesu. In ihrer Nähe gingen zwei Schildwachen, ihren Weg kreuzend, auf und ab.
Jenes Gestell oder Gerüst aber bestand aus drei aufrechten, oben verbundenen Balken, - zwei Leitern lehnten daran - an den Querbalken hingen langgestreckt, das Antlitz mit langen Mützen bedeckt, zwei menschliche Gestalten - regungslos - die Hände auf den Rücken gebunden.
Mit dem Schrei einer zum Tode getroffenen Löwin war der Doktor über dem Platz - unter dem Galgen - seine Hand fiel schwer auf die Schulter des betenden Jesuiten, sein blutunterlaufenes Auge starrte auf ihn - die Stimme klang heiser, wie das Aechzen des Todes.
»Diego Corpas - Diego Corpas! - wo ist mein Neffe?«
Der Superior hatte sich erhoben - er schloß sein Brevier. Sein Angesicht war steinern - sein Auge dämonisch und doch von eisiger Kälte, als er die Hand hob und nach dem Galgen wies.
»Du hast es selbst gewollt - dort! - Dein ist die Schuld!«
Der Mohrendoktor brach mit einem Aechzen zusammen, der Baron unterstützte ihn. Der Jesuit hatte sich nach einem langen finstern Blick auf ihn umgewandt und schritt davon.
Da raffte sich der letzte Sprosse der Maurenkönige Granadas empor - mit einem Sprunge war er an der Seite des Priesters - seine kleine feine Gestalt streckte sich, als seine Hand den Arm des Todfeindes wie mit ehernen
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Schrauben packte und ihn festhielt, während die andere hinauf zum lichten Morgenhimmel wies.
»Diego Corpas! - Mörder! - Mörder! - denke daran, - heute über zwei Jahr wirst Du mit mir vor Gott stehen!«
Er fiel ohnmächtig in die Arme des Legitimisten! - - -


Offiziere und Soldaten hatten sich rasch im Kreise umher gesammelt und schauten fragend auf den Geistlichen und die beiden Männer, während der Engländer sich mit den Schildwachen stritt, die ihm eine größere Annäherung an die Gerichteten nicht gestatten wollten.
»Wer ist der Mann?« frug ein höherer Stabsoffizier, auf den Ohnmächtigen zeigend.
»Es ist ein französischer Arzt,« sagte ruhig der Superior, indem er sich zum Fortgehen wandte. »Der Arme bildet sich irrig ein, in einem der Unglücklichen, die ich zum Tode vorbereiten half, einen Verwandten besessen zu haben.«
Er machte das Zeichen des Kreuzes, - die Reihen öffneten sich, die Häupter beugten sich ehrerbietig, während er hindurch schritt.
An dem Ausgang des Kastels erwartete ihn der Bruder Andrea mit seinem Begleiter und dem Wagen.
Er verbeugte sich demüthig vor seinem Obern.
»Es ist vor einer Stunde ein Bote von Rom gekommen,« sagte er, »mit einem Schreiben des Generals und dem Befehl, es Euer Hochwürden zur Stelle
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einzuhändigen. Wir wollten keine Zeit verlieren und ich habe den Wagen mitgebracht, wie Sie befohlen.«
Der Superior warf einen scharfen Blick auf den kleinen spärlichen Begleiter seines brüsken massiven Untergebenen. Der Bote beugte sich demüthig, aber mit einem gewissen lauernden Auge, das dem Prälaten keineswegs entging.
»Geben Sie mir das Schreiben.« Der Frater überreichte es.
Sie waren bereits außerhalb der Citadelle, auf dem Wege, der zum Thor führt. In der Nähe hielt der Wagen.
Der Rektor Corpasini erbrach das Siegel, nachdem er es vorher sorgfältig geprüft. Die Kenntniß seines Ordens veranlaßte ihn, dabei wie zufällig dem Ueberbringer den Rücken zu kehren.
Trotz dieser Vorsicht - trotz der furchtbaren Selbstbeherrschung, welche dieser Mann besaß, vermochte er nicht, eine Bewegung des Erbebens zu unterdrücken, als er die wenigen Zeilen las, die der Brief enthielt.
Sie lauteten:

       »Unser vielgeliebter Bruder in Jesu, der Rektor Antonio, wird Angesichts dieses die Geschäfte seines Kollegiums dem Ueberbringer des Schreibens übergeben und von Ancona am 14. dieses Monats mit dem Dampfer nach Indien abreisen, um die Missionen in China und der Südsee zu inspiciren. Er wird seine Instructionen in Ancona finden.
    In nomine Domini, filii et spiritu sancti
                   Der General des Ordens Jesu:
                            f   f   f
                           gez. Bekx.«
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Die Hand des Superiors ballte sich krampfhaft in das Papier - ein rother Tropfen quoll von seiner Lippe unter dem Druck der Zähne.
»Antonelli!« murmelte er dumpf. »Die Thoren! ich war der Einzige, der den Stuhl Petri zu retten vermochte! - Mögen sie es haben - zu ihrem Verderben!«
Er wandte sich hastig um, sein stolzer schwarzer Blick traf für einen Moment das lauernde Auge des Boten.
»Fra Andrea,« sagte er ruhig, »wir werden diesen Abend nach Ancona abreisen. Triff Deine Anstalten - Du wirst mich nach Indien begleiten.«
Der große ungeschlachte Mönch erblaßte. - - -


Zu Ende!
An zwei Gräbern knieen zwei Frauen!
Leser - wenn Dich Dein freundliches Geschick durch, die sonnigen Fluren der Lombardei führt und Du weit hinaus in's Land lugend die Spia d'Italia zum Ziel eines Deiner Ausflüge gewählt hast, um auf dem Felde blutiger Erinnerungen zu stehen, einer der scheidenden großen Erinnerungen deutscher Macht auf Hesperiens Fluren, - wirst Du sicher den kleinen Kirchhof von Solferino auf der Höhe des Kastels besuchen.
Als ich - der Schreiber dieser Zeilen, - ihn zuletzt sah, hing das zerschossene Thor noch offen in den gebrochenen Angeln - waren die Mauern noch zerschlagen von den französischen Kugeln!
Ich weiß nicht, wie es jetzt ist - aber ich weiß, wenn
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Du Deinen Schritt wendest in dem breiten Gang durch den Garten der Todten, dann findest Du an der Nordseite der Mauer einen einfachen Marmorstein. Und auf diesem Stein lies die Worte:
Ci gît
Armand de Chapelles
Lieutenant au 3. Regiment
des Zouaves.
f le 24. Juillet 1859.
Und am Fuß dieses Steines ist ein anderes Grab, - keine Inschrift deckt es! aber wenn Du die bleiche Frauengestalt fragst, die täglich an jenem Stein ihr Gebet verrichtet, wird sie Dir sagen: »Er rettete mein Leben, Signor, und das Grab zu seinen Füßen deckt den Unglücklichen, der es ihm nahm, seinen Jugendgenossen, der nie wieder ein Wort sprach, bis er ihm gefolgt zu jenen Gefilden, wo kein Schmerz der Erde und nur seeliges Wiedersehen ist!« -
Und Du Wanderer, der Du den Muth hast, von der Straße des Finstermünz nach dem wonnigen hesperischen Duft athmenden Meran abzubrechen zu den gewaltigen Gletschern des Ortler auf dem eisbedeckten einsamen Terrassenweg des Stilfser Jochs - gehe nicht vorüber dem stillen Friedhof von Trafoi!
Kein Stein deckt hier das Grab eines Armen, der viel gelitten und viel gesühnt. O Fluch der Geburt - der das Beste in uns zu Sünde und Schmerzen verkehrt! - An dem Grabe des armen Slowaken und ihres Knaben betet ein Tyroler Mädchen - die Jahre ziehen über sie hin und
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welken ihr Antlitz und trüben ihre Augen - aber die Thränen aus ihnen versiegen nicht!
Die Vornehmen, die Glücklichen - sie freuen sich der bestandenen Prüfungen des Lebens - - die Armen, sie haben nur Thränen!
Und die Weltgeschichte rollt auf gewaltigem Rad - der mächtige Kampf zwischen Monarchie und Republik geht seinen Weg!
Nicht das Provisorium von Villa-Franca vermag das rasselnde Schwert Europa's zu nieten in die Scheide der alten Formen - willst Du mir folgen, Leser, zu den neuen Phasen? - - -


                           Der Autor!

(Ende des Buches »Villa-Franca«.)

Berlin, Januar 1867.

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Epilog

Sylvester!

Es ist Sylvesterabend - das Jahr 1860 scheidet, - das neue 1861 tritt in seine Rechte.
Ein verhängnißvoller Wechsel auch für Preußen! Die Regentschaft mit dem Ministerium der neuen Aera dauert fort, der sterbende König liegt bewußtlos auf seinem Todeslager zu Sanssouci, und die Umnachtung seines einst so herrlichen Geistes erspart ihm wenigstens all' die bittern Erfahrungen des Undanks und der Gehässigkeit, mit welchen die Politik Auerswald-Schwerin vor ihrem totalen Fiasco alle die Freunde und Männer des alten Systems verfolgte, um bei der Gegenpartei captatio benevolentiae zu machen, die klug genug ist, die Ruinirung der bisherigen Autoritäten anzunehmen, dann aber dem Ministerium in die Zähne zu lachen und ihre eigene Macht zu sichern.
Es ist eine traurige Periode des Uebergangs! Gar mancher Fehler der reactionairen Regierung und der Junkerkammer rächt sich - denn auch diesen mangelte es an
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politischen Sünden wahrhaftig nicht! - aber schwerer und gefährlicher, auf der Zukunft Preußens lastet das System liberaler Versuche. Man reißt die alten Pfeiler des Baues ein - ohne zuvor neue gesichert zu haben; - eine tiefe Verstimmung herrscht im Lande und keine der Parteien ist zufrieden.
Herr von Manteuffel war gegangen - wir wollen nicht sagen, ein Numa zum Pfluge zurück; aber den Preußens Geschichte von Achtundvierzig schändenden Scandal hatte er sicher nicht verdient, daß ein auf Beförderung gieriger Assessor auf criminalistische Speculationen in das Tusculum des November-Mannes abgesandt wurde und sich die Hypothekenbücher nachschlagen ließ, ob der zähe Gegner und Besieger der Demokratie etwa mit dem Vertrauen seines Königs selbst Speculationen gemacht! - Die Staatsanwaltschaft - in Zeiten politischer Schwankungen oft ein sehr gefährliches Institut! - hatte sich dazu brauchen lassen, die Autorität der Polizei und ihrer eigenen Vorgänger an Zedlitz, Stieber, Nörner, Patzke, Spiegelthal u. s. w. zu ruiniren, um zuletzt kläglich an der Ehre Preußischer Gerichtshöfe zu scheitern! - Räthe aus den Ministerien schämten sich nicht, Entdeckungsreisen in die Provinzen zu machen, um Anklagepunkte gegen politische Gegner zu suchen, die bisher ehrenwerth, aber zu conservativ oder zu schroff an den Spitzen der Verwaltung gestanden! - die Dispositionsstellungen regneten, ohne daß Einer die Auerswald'sche Geistesgegenwart von 48 besaß, sich für das Patent eines Tages 2000 Thlr. Pension zu sichern! - Namen wie Kleist, Peters, Byern, Mirbach u. A.
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waren der demokratischen Verfolgung vervehmt! - alte gediegene Beamte wichen den Privatsecretairen der neuen Machthaber und speculativen Ränkemachern; - der alte Adel des Landes zog sich zurück - das Professorenthum begann sich in den Sattel der hohen Politik zu schwingen - und die Schöpfung der Kreisrichter sich als die bestallte Censur der Minister zu fühlen!
Die Demokratie nützte so viel als möglich die Gelegenheit, um ihre Leute in die Behörden zu schieben und die alten vervehmten Freunde wieder zu Ehren zu bringen; - denn man muß ihr das Verdienst lassen, sie ist dankbar und klug, zwei Eigenschaften, die der Gegenpartei völlig fehlen! Der Nationalverein etablirte sein Regiment neben den deutschen Kabineten!
Nur die Schöpfung des sterbenden Königs, das Herrenhaus, bildete noch einen Damm gegen die Herrschaft des Liberalismus und man debattirte eifrig seine Reorganisation.
Unter all' dieser Zerfahrenheit und diesen innern politischen Kämpfen arbeitete der Regent still und ernst an einer anderen - an jenem gewaltigen Werk, das sechs Jahre später durch seine Früchte Europa in Staunen und Schrecken setzen sollte, und seine Hand allein hielt eine feste Stütze seines Werkes in diesem Ministerium des Wirrwars aufrecht in dem ehernen Charakter eines Roon während der kluge Heydt es verstand, auch der neuen Aera gerecht zu werden und Industrie und Finanzen zu fördern. Si vis pacem - para bellum! - Mit Entrüstung hatte der edle Prinz den Antrag des Mannes an der Seine
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zurückgewiesen, Preußen zu arrondiren gegen Abtretung des linken Rheinufers, während der König von Hannover seinen Minister Borries für den Vorschlag in den Grafenstand erhob, das Ausland gegen Preußen zu Hilfe zu rufen. Das Jahr 1860 bereitet Düppel, Königgrätz und Langensalza vor!
Aber auch draußen in der andern Welt wogte und gährte es gewaltig an allen Ecken und Enden!
Das Provisorium von Villafranca - in Zürich sehr mangelhaft besiegelt! - war mit Hohn zerrissen! - Louis Napoleon hatte seinen Wechsel auf Graf Cavour und Victor Emanuel mit der Komödie der Volksabstimmung von Nizza und Savoyen einkassirt! - Die Politik Englands hatte die Freibeuterschiffe Garibaldi's geschützt, als der kühne Condottieri mit seinen Rothhemden die Revolution nach Sicilien und von da über die Meerenge trug und den Thron der Bourbons in Neapel stürzte, - wohl mehr, um die Mürat'schen Pläne und somit das Wachsthum der Napoleoniden zu hindern, als aus Sympathieen für den Re gentilhuomo, der die beutelustige Hand auf ganz Italien legt und trotz des Kirchenbanns die Armee des Heiligen Vaters schlagen und von Persano Ancona bombardiren läßt.35 Die französische Flotte schützt den Golf von Gaëta, um den Todeskampf des Bourbons und seiner heldenmüthigen Gemahlin zu verlängern. Es war ein böses Jahr für die Söhne des heiligen Ludewig.
An der Seine ist man eifersüchtig auf die spada d'Italia
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und England hält Revuen über seine Milizen zur Landesvertheidigung gegen die Gelüste Frankreichs! In Beyrut und Damaskus ist das Christenblut in Strömen geflossen und die Expedition französischer Truppen kann vierzigtausend unterm Schutz der türkischen Regierung Ermordete nicht wieder in's Leben rufen. Dafür steuerten die unglücklichen Chinesen mit dem erstürmten Peking zum gloire der beiden großen humanen Nationen bei; - Spanien hat einen Fetzen von Marokko, 20 Millionen Piaster und einen Herzog von Tetuan gewonnen; - das kleine Dänemark höhnt das große Deutschland und knechtet die Herzogthümer; - Kaiser Alexander trinkt wieder auf's Wohl seines besten Bundesgenossen, Oesterreich's, das den Kaufpreis von 30 Millionen Napoleond'ors für Venetien verwirft, um es nach sechs Jahren für einen Wilhelmsd'or einem Louis zu Füßen zu legen, und das einstweilen sich die drohende Revolution in Ungarn vom Halse zu schaffen sucht, indem es sie in Warschau begünstigt.
Verwirrung - Zerfahrenheit - Kampf - Rebellion und Umsturz überall - Sturm und Gewitter auf allen Strichen der politischen Windrose: - das ist die Zeit, mit der unser neuer Roman beginnen soll - sei nicht so thöricht, Leser, Dich aus alter Freundschaft für den Autor in diese Erinnerungen zu stürzen und Deine politische Moral zu riskiren - sondern folge ihm lieber zu Kroll, wo ein Engel dirigirt und die anderen sehr precairer Natur nur Deine bürgerliche auf dem Sylvesterball bei schlechtem Champagner in Gefahr bringen!
Die Polka rauschte und hob die Füße - einige
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Commis von Gerson oder der Disconto thaten sich hervor in Linksum und Hackenschottisch - die Hälfte der Schönen schaute sehnsüchtig nach dem Römischen Saal, ob es nicht bald Zeit wäre, daß sie statt des unfruchtbaren Tanzes zur Tafel geführt würden.
Droben in der Loge Nr. 9 saß eine lustige Gesellschaft, der Tugendbund und seine Leidensgefährten im Studium des Genusses. Nur der Kommissionsrath fehlte - seit Jahr und Tag, und Niemand wußte, wohin er ohne Abschied gegangen, anscheinend auf Nimmerwiederkehr, denn sein Haus in der Stadt und seine Villa in Charlottenburg waren unter der Hand durch den Kommissionair Günther verkauft worden, oder vielmehr hatte dieser selbst das Haus gekauft und saß jetzt als Berliner Partikulier und Grundbesitzer mit langer Pfeife darin, hielt die Dienstmädchen seiner unglücklichen Miether durch tägliche Predigten an der Hofpumpe zur strengen Moral an, und hatte Aussicht, nächstens zum Armenvorsteher des Bezirks gewählt zu werden.
Die Putzmachermamsell, die Schlächtertochter und die seidenumrauschte Lorette der Prinzenstraße amüsirten sich prächtig. Die lungernde und bummelnde Herrenwelt Berlins, die am Tage auf den Comtoirbänken und den Büreaustühlen rutscht, die Bilder fabricirt für den Kunstverein und Journalartikel schreibt - die Zeile sechs baare Pfennig! - die Attachés der hohen Diplomatie und die Lieutenants und Fähnriche in Civil - alte und junge Taugenichtse in Menge »immer mit'm Hut«, - Schauspieler und Cavaliere, Börse und Wissenschaft - Alles florirte
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und flanirte bunt durch einander und zeigte vor Allem das Streben, eine Dame am Arm zu haben, oder über die Paare seine Glossen zu machen und einen Unglücklichen zu hänseln, der es gewagt hatte, sich wirklich zu einem Maskenkostüm zu emancipiren und eine Larve mit Bulldoggnase aufzusetzen.
Auch an Mitgliedern der vornehmeren Welt fehlte es nicht - selbst Damen, Fremde und Einheimische, die sich unter dem Schutz des Domino's und der Halbmaske, wie der Ball masqué et paré es gestattete, das bunte Treiben ansahen und bis Mitternacht mitmachen wollten. Der Vergnügteste von Allen aber war der Schöpfer all' dieses Vergnügens, wie er so durch den Saal strich, eine Choristin kneipte und zur nöthigen Tugend ermahnte, für seine neue erste Liebhaberin schwärmte und den lackirten Backenbart strich, oder dem Orchester ein vornehmes Kopfschütteln zuwarf, weil die Bratsche gequikt, oder die zweite Clarinette um einen Takt zu spät eingesetzt hatte, da die Augen und Gedanken des Bläsers ganz wo anders waren! -
Der glückliche Engel - er kannte nicht nur Jedermann, sondern auch Jedemännin, schüttelte den Ersteren die Hände und duzte die zweiten.
Zwei Herren, der eine von hoher schlanker Gestalt, der andere kleiner und blond, beide in gewöhnlichem Domino, wie sie der Garderobier am Eingang verleiht, stehen im Gedräng an den Pfeilern zur Conditorei.
»Merk' auf - da kommt sie!«
Die Worte werden geflüstert. Aus dem Gewühl der Paare des sich eben auflösenden Contretanzes kommt langsam
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ein Paar herbei, das offenbar den vornehmeren Ständen angehört.
Der Herr ist ohne Maske, tadellos elegant gekleidet, der kostbare Solitair in seiner Cravatte ist allein ein Kapital, das eine ehrliche Handwerker-Familie viele Jahre nähren könnte. Er ist etwa 35 oder 36 Jahr, seine Züge sind fein, aber etwas abgelebt, der Mund sinnlich, die Augen klug, aber etwas müde, hängen mit großer Aufmerksamkeit an seiner Begleiterin.
Diese ist von mittlerer Größe und überaus zierlicher Figur wie selbst trotz des kostbaren Spitzendomino's zu sehen ist. Das Capuchon ist zurückgeschlagen, eine Menge durch die Hand des Friseurs künstlich um einen goldenen Kamm mit Amethystbehängen geordneter dunkelbrauner Locken quillt auf den Hals und den feinen Nacken. Domino und Robe sind schwarz und vom modernsten Geschmack, Fuß und Hand, wie sie bei den Bewegungen aus beiden hervorsehen, von untadelhafter Form und Kleinheit.
Die Dame lehnt sich leicht auf den Arm ihres Begleiters und blickt munter und kokett umher, während sie nur wenig auf die französisch geführte Unterhaltung ihres Cavaliers zu achten scheint, der sie mit großer Aufmerksamkeit führt.
Dies verhindert ihn auch, zu bemerken, daß im Augenblick, wo das Paar sich ihnen nähert und das Auge der Dame auf sie fällt, der größere der beiden Herren einen Moment lang die Maske lüftet.
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Es ist nur ein Moment, aber er scheint zum Erkennen genügt zu haben.
Die Dame zuckt leicht zusammen - dann hebt sie die Hand aus der Wolke der Spitzen und bleibt stehen.
»Himmel, mein Fächer - ich muß ihn an der Stelle verloren haben, wo wir eben standen. Bitte, Baron, gehen Sie zurück, sehen Sie nach - ob man ihn gefunden!«
»Lassen Sie mich erst Sie zur Loge führen, Alice!«
»Nein, gehen Sie sogleich, oder man zertritt ihn - ich werde hier warten, oder finden den Weg allein! Ich bestehe darauf, mein Herr!«
Sie hat ihm ungeduldig den Arm entzogen - die Unterhaltung, vielleicht gerade, weil sie französisch geführt wird, hat bereits einige Zuhörer.
»Gehen Sie, Baron, ich bitte darum!«
Der Cavalier drängt eilig zurück und verschwindet unter der Menge. Sie hat ihn so lange mit den Augen verfolgt, dann verläßt sie rasch durch die Seitenthür, wohin eine leichte Bewegung ihres schönen Kopfes gewiesen, den Königssaal.
Draußen auf der Treppe, die zu den Logen führt, bleibt sie einen Augenblick stehen, im Nu ist der hohe Mann, der die Maske gelüftet hatte, an ihrer Seite.
»Um Himmelswillen, Hypolit, Du hier?«
»Ich bin vor zwei Stunden von Dresden gekommen und hörte, daß Du hier warst. War dies der Baron?«
Sie machte ein Zeichen der Bejahung, während sie langsam emporstieg.
»Ich muß Dich sprechen, Wanda - sofort! Es steht Alles auf dem Spiel!«
Sie dachte einen Moment nach. Dann wies sie leicht nach dem Eingang zum Corridor, der neben dem Rittersaal hinläuft.
»Dort sind die Privatzimmer. Suche den Oberkellner auf und nimm ein Zimmer - in einer Viertelstunde bin ich bei Dir! - Geh rasch vorwärts - dort kommt er!«
Ihr Cavalier kam hastig aus dem Saal und sprang die Treppe herauf, an deren oberen Biegung sie wie ihn erwartend stand.
»Ich habe Ihnen vergebene Mühe gemacht, lieber Freund,« sagte sie liebenswürdig, ihm die Hand reichend - »das alberne Ding hatte sich an meinem eigenen Kleide festgehakt.«
Er küßte galant ihre Hand. »Das belohnt' mich hundert Mal, meine Süße! - O wenn Sie wüßten, Alice, wie toll mich Ihre Grausamkeit macht!« l
»Still! ich, will jetzt Nichts hören davon!« Der Fächer, den Sie niemals verloren, schlug ihn neckisch auf den Mund. »Kommen Sie zur Gesellschaft, oder ich erkälte mich in diesem Luftzug, und dann haben Sie gar Nichts!«
Der Kellner öffnete die Logenthür, aus der muntere Unterhaltung und das Klingen der Champagnergläser, drang.
Aus der Loge Nr. 9 konnte man das Innere von Nr. 7 bequem übersehen. Mancher neugierige Blick den lustigen munteren Gesellschaft flog da hinüber.
»Da kommt sie wieder - es ist ein reizendes Geschöpf!«
»Wer?«
»Die Pariserin! - Das wär' ein Bissen für Dich, Dicker!«
»Pah - Sie ist mir zu mager! Wenn ich einen Louisd'or daran wenden wollte ...«
Der Andere lachte ihm in's Gesicht. »Du bist ein Narr! - Unter einer Diamantbroche würde sie Dir nicht einmal Prosit Neujahr sagen! Wer ist der Herr, liebster Assessor, der mit ihr zurück kam?«
»Ein russischer Baron, der seit drei Wochen sich hier aufhält.«
»Von der Gesandtschaft?«
»Nein. Aber er verkehrt, wie Sie sehen, mit ihren Cavalieren.« Der Polizeiassessor beugte sich zu dem Fragenden. »Ich glaube, daß er in einer besonderen Mission hier ist,« sagte er leiser. »Jedenfalls muß er sehr reich sein, denn er giebt viel Geld aus.«
»Und er ist der begünstigte Anbeter der Pariserin?«
»So scheint es. Ich weiß nicht recht, was ich denken soll.«
»Wie so?«
»Das Mädchen ist offenbar eine Erzkokette und spielt mit ihren Courmachern, wie die Katze mit der Maus. Ich weiß nicht, was ich aus ihr machen soll - an Geld fehlt es ihr nicht, sie giebt vielmehr, für ihre Toilette, wie mir Gerson's sagen, sehr Bedeutendes aus und bezahlt immer baar. Sie muß, im Stillen, einen reichen
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Liebhaber haben - aber ich bin noch nicht dahinter gekommen, wen?«
»Das will allerdings viel sagen, Assessor, denn ich kenne keinen Menschen in Berlin, der in der hiesigen Damenwelt so Bescheid weiß, wie Sie!«
Der Beamte lächelte unter seinem blonden Toupet behaglich. »Es ist wahr,« sagte er, die Hände reibend, »ich schmeichle mir einer ziemlichen Bekanntschaft, auch beim Theater, und es entgeht mir selten etwas Neues. Aber diese da ist ein kleiner Satan. Sehen Sie die Zündholz-Marie, die Dame in Blau mit den aschblonden Locken - sie geht viel mit ihr, obschon sie nur wenig Deutsch radebrecht, und das Mädchen ist mir manche Verbindlichkeit schuldig. Sie veranstaltete es, daß wir in einer Prosceniums-Loge im Victoria-Theater zusammenkamen und dann miteinander soupirten. Die kleine pariser Hexe war die Liebenswürdigkeit selbst, aber der Teufel soll mich holen, wenn ich auch nur einen Fingerbreit weiter kam, und die Zündholz-Marie behauptet steif und fest, keiner ihrer Liebhaber hätte bis jetzt mehr von ihr gehabt, obschon sie alle Abende in Gesellschaft und die Ausgelassenste unter den Tollen ist.«
»Warum nennen Sie das Mädchen Zündholz-Marie? sie sieht doch nicht aus, wie eine gemeine Grisette.«
»Sie verkaufte als Kind vor sieben Jahren Zündhölzer in allen Kneipen, bis ein alter Rentier an ihren knospenden Reizen Vergnügen fand und sie in eine Pension schickte. Das Mädchen ginge für ihre Freunde durch's Feuer. Es ist überhaupt etwas Sonderbares um diese
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Frauenzimmer. Sehen Sie die Brünette in dem gelben Domino, die dem Attaché der brasilianischen Gesandtschaft auf dem Schoos sitzt?«
»Cora?«
»Ja - die schwarze Cora, wie sie unter ihren Genossin[n]en heißt, - eine Jüdin. Glauben Sie wohl, daß das Mädchen bereits zweimal Heirathsanträge ausgeschlagen hat, obschon sie nur eine arme Choristin ist, das erste Mal von einem Baron, der drei bedeutende Güter in der Altmark hat, das zweite Mal von einem Banquier, der mindestens über zweimalhunderttausend Thaler kommandirt. Und wissen Sie, warum?«
»Nun?«
»Weil sie einen Friseurgesellen liebt und keinen Anderen heirathen will.«
»Und dennoch ist sie in dieser flotten Gesellschaft?«
»Sie hält die körperliche für keine Untreue. Wenn sie so viel zusammen gespart, daß ihr Geliebter ein eigenes Geschäft beginnen kann, wird sie ihn heirathen und sicher eine vorzügliche Frau sein, die ihn bald wohlhabend macht. Ich kenne ein solches Geschöpf, das 20,000 Thaler im Vermögen hat, die sogenannte schlanke Schröder, und die dennoch alle Bälle in der Musenhalle und im Orpheum besucht.«
»Sehen Sie - die Pariserin verläßt die Loge!«
Es war in der That so - die Dame in dem schwarzen Domino hatte einer ihrer Gefährtinnen, derselben, welche der Lauscher mit dem Namen der »Schwefelholz-Marie« bezeichnet hatte, Etwas zugeflüstert. Die beiden Damen
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erhoben sich, machten der Gesellschaft einen Knix und entflohen aus der Loge. -
Der hohe Fremde, der vorhin die Französin in so auffälliger Weise angesprochen, hatte den Oberkellner, Meister Schwarz, aufgesucht, der in der behaglichen Anschauung des Treibens mit seinem Wink die Kellner leitete. Es war freilich längst kein cabinet privé mehr zu haben, aber ein Louisdor war ein vortrefflicher Schlüssel für eine halbe Stunde.
Auf der Treppe hielt die Pariserin den blauen Domino fest.
»Wollen Sie mir thun eine große Freundschaft, Mademoiselle Marion?«
»Gewiß Alice, mit Vergnügen. Sie wissen, daß ich Sie gern habe!«
Die Französin löste ein schweres Armband von ihrem Gelenk. »Sie haben immer gefunden so großen Gefallen an diesem Bracelet,« sagte sie - »nehmen Sie es zum Andenken!«
»Aber Alice! das Armband ist wenigstens hundert Thaler werth!«
»Was kümmert das mich?« sagte die Andere hochfahrend. »Hören Sie, Marion - ich habe ein Rendezvous, ich muß sprechen eine Person, die mir ist lieb. Sorgen Sie dafür, daß ich ungestört bleibe zehn Minuten und warten Sie in der Garderobe auf mich!«
»Weiter Nichts, Alice - eine kleine Nase für den Russen? Wer zum Teufel würde nicht gern helfen, einem dieser vornehmen Liebhaber, die uns doch nur wie Waare
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behandeln, einen Streich zu, spielen. Unbesorgt, Kleine, es soll Niemand da oben etwas merken!«
»Und kann ich mich verlassen auf Ihr Schweigen?«
»Ich wollte mir die Zunge eher abbeißen,« sagte die Schwefelholz-Marie lustig. »Ich bin nur froh, daß Sie auch solche Streiche machen. Aber jetzt rasch mein Engel, damit der liebe Baron nicht ungeduldig wird und herunter kommt!«
Sie zog die Pariserin die Treppe vollends hinab. »Wohin also?«
Der schwarze Domino wies nach der Thür des Corridors. -
»Ah - dort! oh, wir haben schon lustige Abende da verlebt. Es war wirklich ganz vernünftig von dem Baumeister, die Zimmerchen da so versteckt hinein zu bauen zum Amüsement lustiger Paare! Aber nur geschwind und kommen Sie sobald als möglich wieder!«
Sie schob die Pariserin nach dem Corridor und verschwand in das Toilett[e]zimmer.
Als die Dame in Schwarz den schmalen, nur matt erleuchteten Gang betrat, sah sie an der dritten Thür einen Herrn stehen - sie flog auf ihn zu, er zog sie in das Zimmer und verschloß die Thür.
»Hippolyt, was ist geschehn?«
Er hatte bereits die Maske abgelegt, führte sie zu dem Sopha und entfernte dann die ihre.
Ein weniger durch Regelmäßigkeit als seinen Ausdruck interessantes und schönes Gesicht zeigte sich. Der Teint hatte jene gewisse matte Färbung, die der Wangenröthe
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entbehren kann, ohne dadurch aufzuhören zart und frisch zu sein. Die junge Dame konnte auch höchstens 20 oder 22 Jahr alt sein. Ihre sehr schön und weit geschnittenen Augen waren von einem leuchtenden Braun, das durch die langen Wimpern, wenn sie den Blick aufschlug, wie ein zündender Strahl brach. Dunkle, etwas über der Nasenwurzel emporstrebende Brauen, eine in eigenthümlich seiner Form leicht gebogene Nase und ein frischer hübscher Mund von kühnem Schnitt über dem kleinen, aber gewölbten Kinn bildeten eine ebenso eigenthümliche als fesselnde Schönheit.
Der Mann, der jetzt vor ihr saß, zeigte eine unverkennbare Aehnlichkeit mit ihr, obschon die Ausprägung der Züge in dem schmalen brünetten Antlitz noch kühner, entschlossener waren und die hohe Stirn von tiefen Gedanken, das kräftige Kinn von großer Festigkeit zeugten.
»Unheil, Wanda,« sagte er in polnischer Sprache, ihre Frage beantwortend. »Alles ist verloren, wenn Du nicht hilfst!«
»Ich?«
»Ja - Du allein bist es im Stande. Aufrichtig und ohne Ziererei - wie stehst Du mit diesem Russen?«
All' jener frivole, gelangweilte, launenvolle und kokette Ausdruck, der vorhin ihr Gesicht, in der lustigen Gesellschaft der Loge Nr. 7 belebt hatte, war verschwunden und hatte einer aufmerksamen, fast finsteren Miene Platz gemacht.
»Ich denke, Du kennst mich und erwartest solche Thorheiten nicht von mir. Ich habe Dir geschrieben, daß
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er mir sehr eifrig den Hof macht - ich glaube, daß er wirklich verliebt ist.«
»Uebst Du eine gewisse Herrschaft über ihn?«
Ihre Lippe schwellte sich in verächtlichem Stolz.
»Er ist der Sclave meines Winks!« sagte sie. »Er würde sein Vermögen für meine Launen opfern!«
»Und für Deine Gunst seine Ehre?«
Eine dunkle Röthe überflog ihr Gesicht, ihre Augen blickten hochfahrend. »Wie meinst Du das, Bruder?«
»Höre mich an, Wanda - unsere Augenblicke sind gemessen. Wenn Baron Schippink seine Wohnung betritt, ehe wir ihm den schändlichen Raub abgenommen, sind wir verloren und Polens letzte Hoffnungen gescheitert!«
»Sprich!«
»Du kennst, wenigstens dem Namen nach, Lafare-Kolnitzki?«
»Den Schurken! - den Spion, den Verräther?!«
»Denselben - er verdient die Namen hundertfach. Aber seine Eigenschaften lassen sich nicht leugnen. Er ist eben so schlau als keck. Ich bin diesen Abend mit ihm von Dresden gekommen.«
»Mit dem Spion?«
»Ja - natürlich ohne sein Wissen. Dein Verlobter ist mit mir?!«
»Laroche?«
»Ja - Lafare kennt mich, aber nicht den Marquis. Das war ein Glück. - Seit vierzehn Tagen befindet sich Kolnitzki im Auftrag der russischen Regierung und Deines Barons in Dresden, die Spuren des Comités zu verfolgen. In
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vergangener Nacht ist es ihm gelungen, durch eine schlau angelegte Intrigue Correspondenzen und Listen in die Hände zu bekommen, die, wenn sie nach Warschau gelangen, das Verderben von hundert Patrioten sein und die Demonstration am 25sten verhindern würden!«
»Wo sind die Papiere?«
»Hier - in diesem Augenblick ohne Zweifel in Deiner Wohnung. Er hat sie hierher gebracht.«
»Und Ihr seid Männer und wußtet, was auf dem Spiel stand, und habt diesem Menschen gestattet, lebendig mit seinem Raube hierher zu kommen?«
»Du sprichst wie ein Weib!« sagte der Fremde unwillig. »Nur unter der Bedingung der Vermeidung jeder Gewaltthat wird die Propaganda stillschweigend in Dresden geduldet. Der sächsische Minister täuscht sich freilich in dem ehrgeizigen Plan, daß die Wiederherstellung Polens zu Gunsten der sächsischen Königsfamilie geschehen werde, aber wir brauchen ihn, und eine Vertreibung von Dresden würde alle unsere Pläne stören. Hier in Preußen sind gewaltthätige Schritte unmöglich - wir müssen sie vermeiden!«
»Und dafür können hundert Freunde des Vaterlands nach Sibirien wandern!« sagte sie empört.
»Nicht - wenn Du bereit bist, es zu verhindern.«
»So sprich!«
[»]Laroche ist dem Schurken nachgegangen von dem Bahnhof, indeß ich nach Deiner Wohnung eilte. Er hat ihn nicht aus dem Auge gelassen. Er trägt ein grünes Portefeuille bei sich, das die uns gestohlenen
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Papiere enthält. Er hat sich direkt vom Bahnhof nach der Wohnung des Barons begeben. Nach zehn Minuten ist er wieder heraus gekommen, begleitet von dem Kammerdiener des Barons. Dieser hat ihn zu Deiner Wohnung geführt.«
»Baron Schippink hat mich abgeholt zum Ball; er hat seinem Diener wahrscheinlich, wie schon öfter, befohlen, wenn eine dringende Bestellung an ihn käme, sie zu mir zu schicken.«
»Das stimmt und ist unser Glück. Ich hatte kaum Zeit, in das Nebenzimmer zu treten, als Lafare mit dem Diener erschien. Martha sagte ihnen, daß der Baron mit Dir in Gesellschaft gegangen sei und erst in mehreren Stunden zurückkehren werde. Was für ihn bestimmt wäre, solle sie in Empfang nehmen. Sie hütete sich kluger Weise, zu sagen, wo er war - dieser Spürhund hatte ihn sicher bis hierher verfolgt. So bat er nur um die Erlaubniß, dort warten zu dürfen, weil er so rasch als möglich den Baron sprechen und mit dem Frühzug wieder abreisen müsse. Auf einen Wink von mir hat Martha ihm dies gestattet und seit einer Stunde sitzt der Schurke dort und versucht, sie auszuforschen.«
»Das Alles sagt mir nicht, wie ich helfen soll?«
Der Pole saß eine Weile stumm vor sich niederblickend. Dann, wie zu einem Entschluß gekommen, hob er die finstern Augen fest auf sie.
»Du mußt diesen Ball so bald als möglich verlassen, Wanda,« sagte er, »und mit dem Baron Schippink nach Deiner Wohnung zurückkehren.«
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»Das wird nicht schwer halten, ein Unwohlsein oder eine Laune genügt. Aber ich sehe nicht ein, was das weiter helfen soll. Der Baron wird diesen Mann finden und ihn mit sich nehmen. Ihr habt dann mit Zweien zu thun und ich kann Dir sagen, daß der Baron ein nicht zu verachtender Gegner ist.«
»Er darf nicht mit Lafare Dein Haus verlassen!«
»Ich verstehe Dich nicht!«
»Lafare mag gehen, nachdem er ihm die Papiere übergeben. Der Baron muß bleiben.«
»Bruder ...« - sie war todtenbleich bei dem Worte geworden.
»Der Russe darf diese Nacht - vor morgen früh Deine Wohnung nicht verlassen - nicht eher, als jenes Portefeuille in meinem Besitz ist!«
»Bruder!«
»Machen wir keine Umstände!« sagte er rauh. »Du hast der Sache des Vaterlandes geschworen: mit Leib und Leben! Wir brauchen nicht Dein Leben, sondern Deinen Leib, - Du wirst ihn geben!«
»Entsetzlich - Alles, nur meine Ehre nicht! Und dieser Vorschlag von Dir?«
»Deine Ehre? Wer glaubt denn hier an Deine Ehre, nachdem Du zwei Monate die Rolle der Courtisane gespielt hast - ich frage nicht, mit welchen Mitteln. Aber ich, Dein Bruder, ich, einer der Oberen des Bundes, dem Du geschworen, ich verlange jetzt für Stunden diesen Leib, der dem Vaterlande gehört, so gut wie Deine Seele! Es
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ist Deine Sache, wie Du ihn fesselst und mir das Portefeuille zurückverschaffst.«
»Habe Erbarmen mit mir - Alles, nur dies nicht!«
»Denke an Judith!«
Sie rang leidenschaftlich die Hände. »Bruder - ich bin rein, meine Ehre ist unbefleckt, wenn ich mich auch zu dieser schändlichen Rolle auf Euren Befehl hergegeben habe. Bedenke, daß ich verlobt mit einem Ehrenmann bin!«
»Er mag die Sache nachher mit dem Grafen arrangiren - wenn ich unterwegs bin, nach Warschau!« sagte der Andere spöttisch.
»Bruder - ich flehe Dich, suche ein anderes Mittel, bei dem Andenken an unsere Mutter!«
»Es geht nicht! - Judith opferte ihren Leib für das Vaterland und jeder nennt sie eine Heldin, nicht eine Metze!«
»Ja - aber sie tödtete ihn, ehe sein Mund sich ihrer Schande rühmen konnte!«
»Das wird Laroche übernehmen!«
»Was geht Laroche meine Ehre an!« rief sie leidenschaftlich. »Ich liebe ihn nicht - ich ...«
»Er ist Dein Verlobter!«
»Ich liebe einen Andern ...« sie war an ihm niedergesunken und hatte seine Knie umfaßt. »Du weißt nicht, was Du forderst, Hypolit - beschwöre das Verderben nicht auf unsere reine Sache! - Ich kann Dir nicht gehorchen, weil ich liebe!«
»Wen?«
»Fordere den Namen nicht - rufe nicht die Geister
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der Hölle wach!« rief sie leidenschaftlich - »Sieh - wenn Ihr Männer den Muth nicht habt, ich selbst will mich auf jenen Schurken werfen und ihm meinen Dolch in's Herz stoßen, daß Du frei und ungehindert mit den Papieren von dannen gehst, während meiner das Schaffot wartet!«
»Thörin,« sagte er finster - »glaubst Du, daß es mir an dem Muth fehlt, mein Leben zu opfern? Aber die Zukunft braucht uns, Dich und mich! Mein Leben gehört so wenig mir, wie Dir Deine sogenannte Ehre. Dieser Russe wird heute Nacht in Deinen Armen schlafen und morgen in seinem Leichentuch, so wahr ich ...«
»Halt,« unterbrach sie ihn, mit leidenschaftlicher Energie emporspringend. »Nicht weiter! - Wenn das Opfer gebracht werden muß, soll es wenigstens auf meine Bedingungen geschehen! Bruder - Du, der mit mir unter einem Herzen gelegen - im Namen der heiligen unbefleckten Jungfrau, auf Deine Ehre frage ich Dich, muß es sein?«
Er senkte den Kopf, ohne sie anzusehen. »Es muß!« sagte er leise. »Es handelt sich nicht allein um den Wiederbesitz der Papiere, sondern auch darum, daß wir nicht verfolgt werden, daß von der Kenntniß unserer Geheimnisse kein Gebrauch gemacht wird.«
»Aber der Spion wird es thun!«
»Er vermag es nicht. Es sind nur wenige und unbedeutendere Papiere in französischer und polnischer Sprache abgefaßt - die meisten in der früher von uns gebrauchten Chiffreschrift, wozu Baron Schippink durch den früheren
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Verrath in Paris wahrscheinlich den Schlüssel besitzt. Deshalb auch hat sich Lafare beeilt, seinen Raub hierher zu bringen und dem Baron zu übergeben, als dem Hauptagenten der russischen Regierung.«
Die Polin sah starr vor sich nieder, die Hände im Schoos gefalten.
Es klopfte an der Thür. »Fräulein Alice, sind Sie hier?«
»Ja, Marie - wenige Minuten noch!«
»Eilen Sie sich, der Baron ist schon einmal im Saal gewesen, um sich nach uns umzuschauen.«
»Ich komme sogleich, Kind - halten Sie nur noch einige Augenblicke Wache.«
Die Warnerin hatte sich wieder entfernt, der Pole faßte die Hand seiner Schwester.
»Ich weiß, was ich von Dir verlange - aber denke an die Unglücklichen, die man hinausschleppen wird nach Sibirien, wenn die Knute oder der Strick nicht vorher ihr Leben enden, im Fall es uns nicht gelingt, sie vorher zu warnen, denke an die Mütter, die um ihre Söhne jammern; an die Weiber, die Kinder, die den Gatten und Vater gemordet sehen - an Deine Schwestern, die Jungfrauen, deren Liebstes auf der Welt der Wind am Galgen dreht - denke an das Vaterland, das seine letzte heilige Flamme im ersten Aufzucken ersticken sieht, und dann frage Dich - was ist eines Mädchens Ehre gegen die Tausende von Thränen?«
Sie hatte mit den Händen ihr Gesicht bedeckt und schluchzte laut während seiner Worte, ihr Busen hob sich
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stürmisch, während er sie umfaßte und ihr Haupt an seine Schultern legte.
»Glaube mir, Wanda - gäbe es noch in diesem Augenblick ein anderes Mittel, ich würde es wählen und sollte ich meinen Kopf auf ein Schaffot dafür legen - aber sie sind auf ihrer Hut gegen jede Gewalt. Dieser Bursche ist ein Teufel in seiner Kraft und Vorsicht, - an wen es ihm gelingt, die Hand zu legen, der ist verloren. Wir können selbst nicht wissen, wie weit er bereits in die Geheimnisse jener unglücklichen Papiere eingedrungen ist, - nur der Befehl seines Oberen wird ihn bewegen zu schweigen. Dennoch - verweigere Deine Hilfe, und ich gehe hin und schieße ihm eine Kugel durch den Kopf - zur Vernichtung der Papiere werde ich wenigstens Zeit behalten, mag dann kommen, was da will.«
Das Mädchen hatte ihr bleiches, thränenbenetztes Gesicht erhoben, ihre dunklen Augen glühten in einem unheimlichen Feuer. »So möge es denn sein - erinnere Dich, Du selbst hast es gewollt! - Du sollst die Papiere haben und Baron Schippink wird nicht daran denken, davon zu sprechen. Aber nur unter einer Bedingung!«
»Sprich!«
»Niemand darf sich einmischen in das, was zwischen mir und ihm geschieht. Du schwörst mir, daß Niemand die Hand gegen sein Leben zu erheben wagt - von dem Augenblick an gehört es mir! In einer halben Stunde werde ich diesen Ball verlassen - um 3 Uhr Morgens sei an der Thür meines Hauses - Martha wird Dir den Preis der Schande bringen, wenn es gelingt. Dann magst
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Du mit dem ersten Zug nach Warschau abreisen! Nimm den Marquis mit Dir - ich mag ihn nicht sehen - ich bin seine Verlobte nicht mehr!«
Er hob gelobend die Hand und wollte Etwas erwiedern, aber eine strenge Bewegung der Hand gebot ihm Schweigen - ihr Kopf verschwand unter der Maske und der Kapuze des Domino's - im nächsten Augenblick hatte sie das Zimmer verlassen.
Die Augen finster auf den Boden geheftet, die Zähne zusammengepreßt, die Hand geballt, blieb der Mann in der Mitte des Zimmers stehen, während ein feuchter Schweiß an den Wurzeln seiner Haare perlte. -
»Werdet Ihr Barmherzigkeit von diesem da verlangen, Ihr Söhne Ruriks, wenn Einer der Euren in seine Hand fällt?
Krieg auf's Messer!


Lustig klangen die Champagnergläser, es war 11 Uhr vorüber, bald Mitternacht.
In der Ecke des Divans lehnte die schöne Alice, den Kopf zurückgebogen, die dunklen Augen träumerisch zur Decke gerichtet, während Baron Schippink auf dem Stuhl zur Seite der Lehne saß, mit ihrer kleinen Hand spielte und ihr leidenschaftliche Artigkeiten in's Ohr flüsterte. Die tolle Gesellschaft um sie her kümmerte sich wenig um das Paar, nachdem die Französin für heute ihrem Scepter entsagt zu haben schien, oder warf nur hin und wieder eine muntere Neckerei in die Herzensergießungen des Russen.
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» Sie sind so seltsam heute, so fatiguirt, Alice,« sagte der Baron. »Befinden Sie sich unwohl, mein Engel?«
»Vielleicht - ich weiß es selbst nicht, aber diese Hitze ist unerträglich! ich wollte, ich wäre zu Hause!«
»Ich freute mich so sehr ma Mignone, diesen Abend mit Ihnen zu verleben! Freilich wäre es noch schöner gewesen, allein an Ihrer Seite in Ihrem Boudoir das alte Jahr zu Grabe zu tragen. Aber Sie sind ja so unerhört streng, Sie versagen das geringste tête à tête, und werden mich noch wahnsinnig machen mit dieser Zurückweisung. Sie wissen, daß ich Ihnen mein halbes Vermögen zu Füßen lege!«
»Ich bin nicht gewohnt, meine Liebe für Geld zu verkaufen! - Aber wirklich - ich bekomme Kopfschmerzen in dieser Atmosphäre. Wollen Sie mich nach Hause begleiten, Alexander?! Martha ist sicher noch wach und wird uns den Samowar heizen für Ihr Lieblingsgetränk.«
Das Gesicht des Russen röthete sich vor Vergnügen, es war das erste Mal, daß sie ihn vertraulich bei seinem Vornamen nannte.
»Wie, Alice - Sie wollen wirklich fort und ich - ich darf noch bei Ihnen bleiben?«
»Wenn Sie mir Gesellschaft leisten wollen!«
»Aber ich habe unsern Wagen um 3 Uhr bestellt.«
»Lassen Sie ihn Marion. Ich denke, es wird doch Droschken geben. Lassen Sie uns ohne Aufsehen gehn - als wollten wir die Quadrille mittanzen. Wir entkommen dann leicht!«
Der Diplomat, von dem Champagner und der
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Aussicht auf das so lang ersehnte tête à tête berauscht, war bereits aufgestanden und bot der Dame seine Hand. »Allons Messieurs, hören Sie nicht den Contretanz? Pfui, wer wird so träge sein! Chevalier, wir sind Ihr vis-à-vis, wenn Sie nicht zu spät kommen!«
Die Loge war im Nu leer, die luftigen und lustigen jungen Schönen ließen die Blasirtheit ihrer Cavaliere wenig gelten und drängten zum Ballsaal.
Die Polin zögerte geschickt, bis sie als das letzte Paar die Treppe hinunter stiegen. Aber statt in das Gedränge des Königsaals stiegen sie zum Tunnel-Corridor hinunter und eilten nach der Garderobe.
Zehn Minuten darauf rollte die Droschke mit dem Paar durch den Thiergarten dem Brandenburger Thor und den Linden zu, wo bereits der wilde Trubel der Neujahrsnacht sein wüstes Spiel zu treiben begann.
Zum Glück war es noch nicht Mitternacht, - so gelangten sie wenigstens ohne ernstlichere Gefährdung durch die sich drängende, heulende und lachende Menge nach der Wohnung der Dame. Sie hatte während der Fahrt stumm in die Ecke zurückgelehnt gesessen, nur ihre Hand dem Begleiter überlassend, der sie mit Küssen bedeckte.
»Ihre Hand ist wie Eis - Sie sind krank, Alice! Ich werde auf das Vergnügen verzichten müssen, noch ein Stündchen mit Ihnen zu plaudern!«
»Nein,« sagte sie - »es ist nur ein leichter Schauder - Ihr Karavanenthee, den Sie von Moskau kommen ließen, wird mich erwärmen und ich will, daß Sie
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bleiben. Und sehen Sie, da ist Licht in meinem Zimmer, Martha ist wirklich noch auf.«
Der Baron hob sie aus dem Wagen und öffnete mit dem ihm gereichten Schlüssel die Thür. Während er den Kutscher bezahlte, schlüpfte sie die Treppe hinauf und klopfte.
Ihre bejahrte Dienerin öffnete mit dem Licht in der Hand. »Wie, Comtesse - Sie sind es schon? - Wissen Sie, daß der Graf ...«
»Still!« ihr Finger legte sich auf die Lippen.
»Aber da drinnen ist Jemand ...«
»Kein Wort - ich weiß Alles! - Leuchte dem Herrn Baron, Martha! - Es ist gut, daß wir nach Hause gekommen sind, lieber Freund - Martha sagt mir eben, daß Sie ein Herr seit zwei Stunden erwartet, den Ihr Kammerdiener hierher gewiesen hat.«
»Eine unverantwortliche Freiheit, meine Theure, die nur Ihre Güte entschuldigen kann. Aber wer zum Henker kann das sein, der mich so aufdringlich sucht!« Er öffnete die Thür und trat in das Zimmer, wo ein Mann sich bereits vom Stuhle erhoben hatte und ihn mit einem achtungsvollen Gruß empfing.
»Wie Lafare - Sie hier?« rief erstaunt der Diplomat, als er in dem hellen Schein der Astrallampe den Fremden erkannte. »Wo kommen Sie her? was wollen Sie hier?«
»Herr Baron,« sagte der Fremde in russischer Sprache, »ich bitte um Entschuldigung, daß ich Sie hier aufgesucht und erwartet habe, aber die Sache war zu wichtig und
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dringend, und ich muß mit dem Frühzug nach Dresden zurück. Ich muß Sie allein sprechen - ich bringe die wichtigsten Entdeckungen mit!«
Der Diplomat sah sich zaudernd nach seiner Dame um, die unterdeß von der alten Dienerin des Pelzes und Dominos entledigt worden war, aber noch immer ihre Maske vorbehielt.
Sie schien kein Wort der kurzen Unterredung verstanden zu haben und wandte sich jetzt zu der Dienerin.
»Geschwind Martha, Feuer unter den Samowar. Der Baron soll eine Tasse seines Lieblingstrankes haben!«
»Hat das Geschäft nicht Zeit bis morgen?« frug der Russe.
»Wie Sie befehlen, Herr - aber ich bin von Dresden gekommen, um wichtige Papiere in Ihre Hände zu legen. Ich kann mich nicht näher aussprechen in Gegenwart anderer Personen.«
Der Spion - wie ihn vorhin der Pole bezeichnet - war ein Mann von etwa 40 Jahren. Seine Gestalt war von mittlerer Größe, fest und gedrungen, und allem Anschein nach von bedeutender Muskelkraft. Er hatte auf dieser Figur einen eigenthümlich kleinen Kopf mit einer stark zurückfallenden Stirn und eingedrückten Schläfen. Der Unterkiefer war groß entwickelt und sprach von Muth und Energie. Die kleinen grauen Augen blickten überaus beweglich und scharf.
Er trug unter dem kurzen Paletôt, den er nicht abgelegt, um die Hüfte die Tasche eines Revolvers geschnallt, dessen Griff handgerecht an seiner linken Seite hervorsah.
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Der Baron trat zu der Herrin der Wohnung. »Theure Alice,« sagte er, dieser Herr bringt mir wichtige Nachrichten - ich muß ihn einige Augenblicke ungestört sprechen. Wollen Sie mir gestatten, dies in einem Ihrer Zimmer zu thun, damit ich nicht gezwungen bin, Sie schon zu verlassen?«
»Wie, mich verlassen, Alexander, nachdem ich Ihnen erlaubt, mir Gesellschaft zu leisten?« schmollte die Dame kokett. Eh bien, Baron, ich werde meinen Thee allein trinken, aber lassen Sie sich sobald nicht wieder blicken. Graf Villeneuve ist jedenfalls galanter!«
»Aber ich denke nicht daran Alice, das seltene Glück zu verscherzen! ich bat Sie nur ...«
»Ach der abscheuliche Mensch - welch' fatales Gesicht!« flüsterte sie. »Er braucht das meine gar nicht zu sehen. Schicken Sie ihn fort, während ich meine Toilette mache. Wir wollen Ihnen das Zimmer räumen für Ihre vielen Geschäfte, Sie vielgeplagter Diplomat!«
Sie winkte der Dienerin und glitt hinaus in ihr anstoßendes Boudoir; noch nie war sie so liebenswürdig gewesen - der Baron war ganz berauscht von ihrem Wesen.
»Nun, Monsieur Lafare,« sagte der Baron, »was hat Sie hierher geführt? So gern ich Sie sonst sehe, diesmal stören Sie mir wirklich eine angenehme Stunde!«
Der Fremde hatte die kleine Scene, ohne sie anscheinend zu beachten, doch mit einem leichten Zuge des Hohns um den Mund beobachtet. »Ich bedauere aufrichtig, Herr Baron,« bemerkte er, »aber die Sache erschien mir zu
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wichtig. Ich bin dem revolutionairen Comité auf der Spur - ja es ist mir gelungen, mich gestern Nacht wichtiger Papiere und Listen zu bemächtigen.«
»Wahrhaftig?«
»Ueberzeugen Sie sich selbst! ich bringe sie Ihnen und das ist der Grund meines Kommens - ich wollte sie nicht aus den Händen lassen, bis ich sie in die Ihren übergeben konnte.«
Der Baron hatte auf einem Sessel Platz genommen, und dem Anderen gewinkt, sich niederzulassen.
»Und wie sind Sie in Besitz der Papiere gekommen?«
»Ich habe Ihnen bereits in voriger Woche gemeldet, daß mehre neue Agenten des Central-Comités aus Paris eingetroffen waren und an verschiedenen Stellen der Stadt Wohnung genommen hatten. Die dresdener Polizei ist eine vortreffliche - sie mußte also darum wissen. Ueberdies sind wir ja längst überzeugt, daß die polnische Agitation unter dem Schutz der sächsischen Regierung oder vielmehr des Herrn von Beust steht. Fürst Gortschakoff will unserer Gesandtschaft ihre freie Stellung bewahren, deshalb ist die Gegenintrigue uns anvertraut und ich darf nur in unvermeidlichen Fällen ihre Hilfe in Anspruch nehmen. Mit den hundert Imperials, die ich in voriger Woche erhielt, habe ich die neu angekommenen Mitglieder, unter denen ein Herr Langiewicz der gefährlichste ist, beobachten lassen und einen der gewandtesten Agenten der sächsischen Polizei gewonnen. Wie Sie wissen, ist ein Kaufmann Heindorf das thätigste Mitglied des Comités -
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und ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich in ihm den Grafen Ogilski wieder erkannt habe!«
Ein leichtes Geräusch an der Seite des Boudoirs machte den Agenten aufschauen. Der Baron, beruhigte ihn mit einer Bewegung der Hand. »Es ist Nichts, - Madame macht wahrscheinlich ihre Toilette. Ueberdies sprechen wir ja Russisch.«
Die Bemerkung, schien jedoch den Agenten nicht vollständig zu beruhigen, denn er sprach jetzt, leiser wie früher.
»Ich erfuhr durch meine Spione, daß im Laufe, des gestrigen Tages ein Bote von Paris gekommen war und am Abend eine Versammlung des Comités bei Graf Ogilski statthaben werde. Genug - in derselben Nacht wurde in der Wohnung des Grafen eingebrochen und unter den gestohlenen Gegenständen hat sich dies Portefeuille befunden, das ich den Dieben für zweihundert Thaler abkaufte.
Er legte ein ziemlich großes Portefeuille von grünem Maroquin, das er unter dem Rock auf der Brust eingeknöpft getragen hatte, auf den Tisch.
»Sind die Papiere von Wichtigkeit?«
»Von der höchsten!« der Agent hatte die Mappe geöffnet. »Hier sind Briefe von zwölf Gutsbesitzern in Litthauen und Wolhynien, die erhebliche Summen für die Zwecke des Comités zeichnen und Waffensendungen verlangen. Dieser Brief ist angeblich im Auftrag des Erzbischofs geschrieben und erbietet, drei Klöster zu Depots. Hier sind Briefe aus Posen -, Graf Dzialinski legt den Plan einer gemeinschaftlichen Action vor. So viel aus
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diesen Briefen aus Paris entnehmen kann, die zum Theil in einer Chiffreschrift geschrieben sind, deren Schlüssel Sie wahrscheinlich haben, so soll in Warschau in nächster Zeit an einem bestimmten Tage eine Demonstration des Volkes auf den Straßen und in den Kirchen stattfinden; und dies Papier, das wichtigste von allen, scheint die Namen der Verschworenen in Warschau, oder wenigstens der Führer zu enthalten. Wie Sie sehen, ist es ebenfalls in Chiffern.«
»Das ist allerdings ein bedeutender Fang und von der höchsten Wichtigkeit,« sagte der Baron. »Lassen Sie das Verzeichniß sehen! Das Gouvernement in Warschau muß sofort benachrichtigt werden. Aber Sie haben Recht, es ist nothwendig, daß Sie sofort auf Ihren Posten zurückkehren. Die Bewegungen dieser Leute müssen auf das Strengste überwacht werden. Ich hoffe, es findet sich noch eine Gelegenheit, wo wir dem Kabinet von Dresden seine Intriguen vergelten können. Ich bin keinen Augenblick in Zweifel, daß die Fäden auch nach Wien, Lemberg und Krakau laufen.«
»Die Verhaftung und Auslieferung des Grafen Teleki ist ein bedeutsames Zeichen von dem Einverständniß der beiden Kabinete,« sagte der Agent. »Ich habe jetzt die Papiere in Ihre Hände gegeben, Herr Baron, das Weitere ist Ihre Sache!«
»Jedenfalls! - Brauchen Sie Geld?«
»Ich hatte bereits die Ehre, Ihnen zu sagen, in welcher Weise die hundert Imperials verwendet worden sind.«
»Gut, Sie werden morgen neue Wechsel erhalten.
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»Lassen Sie uns - ehe Sie gehen, - die Liste dieser Rebellen durchsehen. Ich führe die Schlüssel der Chiffern bei mir.«
Er nahm aus seiner Schreibtafel zwei Papierstreifen und legte sie vor sich hin. In dem Augenblick aber, als er das Dokument ergriff, das der Andere ihm bot, öffnete sich die Thür des Boudoirs und die schöne Herrin der Wohnung in einem ebenso verführerischen als geschmackvollen Negligée trat ein.
»Ei, mon cher baron,« sagte sie in leichtem Ton, »Ihre Geschäfte müssen in der That sehr wichtiger Natur sein, daß Sie mich so ganz vergessen. Seit zehn Minuten siedet das Wasser und Ihre ergebenste Dienerin ist bereit, Ihnen den Thee zu serviren.«
Der Baron erhob sich mit einiger Verlegenheit, während der Agent ruhig die Papiere wieder zusammen schob und in das Portefeuille verschloß.
»In der That, beste Alice,« lispelte der Diplomat, »ich fürchte, ich werde von Ihrer Güte keinen Gebrauch machen können. Geschäfte der dringendsten Art zwingen mich, Sie zu verlassen und die ganze Nacht mit Depeschen zuzubringen!«
Ihre schönen dunklen Augen legten sich feucht und schmachtend auf das Opfer. »Wie Alexander,« sagte sie leise, ihm näher tretend - »es ist in wenig Minuten Mitternacht, und Sie wollen nicht einmal mit mir das neue Jahr begrüßen? Der mächtige Kaiser von Rußland wird durch eine Stunde, die Sie meiner kleinen Person schenken, gewiß nicht zu kurz kommen. - Ich hatte mich so darauf gefreut!«
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Die letzten Worte entschieden. Der Baron trat zu dem Agenten.
»Sie wollen also morgen früh zurück?«
»Mit dem ersten Zug?[!]«
»Und haben Sie schon ein Unterkommen für die Nacht?«
»Es giebt Hôtels genug in der Nähe, die noch offen sind.«
»Geben Sie mir also das Portefeuille - ich werde es mit mir nehmen.«
»Aber Herr Baron ...«
»Geben Sie her,« sagte der Diplomat ungeduldig. »Sie haben das Ihre gethan und sind der Verantwortlichkeit dafür entledigt. Ueberdies - hören Sie den Lärmen da draußen - es wäre in der That nicht ungefährlich, jetzt mit wichtigen Papieren über die Straße zu gehen!«
»Ein glückliches Neujahr, Baron! - Rathen Sie, wer es wünscht!« rief, - während in der That draußen auf der Straße ein wildes Jauchzen und Schreien, untermischt mit einzelnen Schüssen und Kanonenschlägen losbrach, - eine lachende Stimme, indem sich zwei zarte weiche Hände von hinten über seine Augen legten.
»Wer anders als die schöne Herrin dieser Wohnung,« sagte er munter - »Sie haben mir in der That das Neujahr abgewonnen, Alice, aber bedenken Sie, daß das unsere erst in zehn Tagen fällt!«
»Wir leben in Deutschland, mein Herr, und es geht uns Nichts an, daß die Russen immer gegen andere Nationen zurück sind. Aber jetzt kommen Sie - fort mit den Geschäften. Geben Sie her - ich werde es unterdeß weglegen!«
Sie griff nach dem Portefeuille, aber der Baron zog es unwillkürlich zurück - er schämte sich seiner Schwäche vor dem Agenten und wünschte ihn ungeduldig fort. Dieser hatte bereits seinen Hut genommen, war aber an der Thür stehen geblieben, und sein rastloses scharfes Auge betrachtete aufmerksam das jetzt von der Maske nicht mehr verhüllte Gesicht der Dame.
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Der Ausdruck desselben schien übrigens sehr verändert durch das Negligée. Die halb entfesselten dunklen Flechten lagen unter dem kleinen koketten Häubchen, das kaum den Scheitel deckte, weit hinein in die sonst so freie und offene Stirn, das breite Band des Häubchens rahmte mit großer Schleife das Kinn ein und verbarg es fast.
Der schönen Herrin der Wohnung entging die Beobachtung nicht. Sie machte dem Agenten eine zierliche Verbeugung. »Verzeihen Sie, mein Herr,« sagte sie mit der freundlichsten naivsten Miene, »daß ich Ihnen nicht bereits auch ein glückliches Neujahr gewünscht habe, aber es galt die Wette, den Herrn Baron zu überraschen. Nehmen Sie meine aufrichtigen Wünsche, und amüsiren Sie sich noch gut zum Sylvester.«
Der Schatten, in dem ihr Gesicht lag, da sie den Rücken der Astrallampe zugekehrt hielt, verhinderte den Agenten den Blitz von Hohn und Haß zu sehen, der bei den Worten aus ihren Augen funkelte. Dennoch schien es, als wolle er noch einmal vortreten und seinem Vorgesetzten Etwas sagen - aber der Ruf der Dame: »Martha, leuchte dem Herrn!« und die dreiste, fast frivole Weise, wie sie den Arm des Barons ergriff und ihn fortzog, verhinderte und beruhigte ihn zugleich. Er zuckte die Achseln, erwiederte den vertraulich vornehmen Gruß des Diplomaten mit einem bezeichnenden Blick auf das Portefeuille und empfahl sich.
Dennoch war er keineswegs ruhig, als ihm die alte Dienerin die Hausthür geöffnet hatte und er nun draußen auf der durch die vielen erleuchteten Fenster und die ausnahmsweise in der reinen kalten Winterluft einmal genügend brennenden Gaslaternen ziemlich hellen Straße stand. Von den nahen Linden her tönte der übermüthige Jubel der Neujahrsgänger, ganze Schaaren von Lärm- und Scandallustigen zogen durch die Straßen und begannen, die aufgestellten Schutzleute zu verhöhnen und das ruhigere Publikum zu belästigen. Der Ruf: »Runter mit dem Hut!« »Haut ihm!« klang bereits an verschiedenen Stellen
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und viele Personen flüchteten in die Nebenstraßen, um der socialen Reform des »Hutauftreibens« zu entgehen.
Dem Agenten war dieses Wesen des lustigen Scandals, welchen das Berliner Bummlerthum charakterisirt, bekannt. Er kannte die Fêtes de St. Cloud, die Faschingsnächte an den Barrieren von Paris, aber er hatte keinen Begriff davon, daß man in einer gesitteten Stadt zum bloßen Vergnügen harmlose Menschen mit der jovialsten Gemüthlichkeit mißhandeln und die Rohheit als guten Scherz betrachten kann.
Der Lärmen machte ihn noch unruhiger - er beschloß, trotz der scharfen Kälte auf der Straße zu bleiben und das Fortgehen des Barons mit den wichtigen Papieren, deren Erlangung ihn so viele Mühe gekostet hatte, abzuwarten und ihm dann bis zu seiner Wohnung zu folgen. Auf[-] und niedergehend, um sich gegen die Kälte zu erwärmen, warf er von Zeit zu Zeit einen Blick hinauf nach dem Fenstern der Wohnung, die er so eben verlassen hatte.
Die Rouleaux waren herunter gelassen, aber der durchschimmernde Lichtglanz bewies ihm, daß das Paar jetzt im zweiten Zimmer - in dem Boudoir der Lorette, für die er die Dame doch halten mußte - wahrscheinlich im zärtlichen Kosen am Theetisch saß. Neben diesem Zimmer befand sich noch ein matt erleuchtetes Fenster mit schweren dunklen Gardinen wie es schien - er ahnte wohl dessen Bestimmung und murmelte einen Fluch über den Leichtsinn des vornehmen Herrn in den Bart, dem er so wichtige Beweisstücke hatte anvertrauen müssen.
Zwei Mal schon waren zwei in weite Mäntel gehüllte Männer bei ihm vorbeigestrichen, ohne daß er darauf geachtet hätte, - seine Aufmerksamkeit war hauptsächlich dem Hause und der Thür desselben zu gerichtet, durch die er jeden Augenblick endlich den Baron herauskommen zu sehen hoffte.
Fast eine Stunde mochte er so auf und nieder gegangen sein und war eben wieder stehn geblieben - plötzlich stieß er einen polnischen Fluch aus und ballte die Hand. »Der Unsinnige - über einer Phryne Alles zu vergessen -
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er wird die Nacht bei ihr zubringen, wenn er jetzt nicht kommt!«
Das Licht in dem Boudoir war erloschen - das zweite Fenster dunkel - -
In dem Augenblick hörte man vom Eingang der Straße her einen lärmenden Volkshaufen, den die Polizei in die Seitenstraße vertrieben hatte, grölend und pfeifend daher laufen.
Der Agent hätte ihm leicht entgehen können, aber er dachte in diesem Augenblick nur daran, die Thür zu bewachen, aus der er noch jeden Augenblick den Baron heraustreten zu sehen hoffte.
Als er sich endlich von dem Lärmen erschreckt umwandte, sah er sich bereits mitten in der schreienden tobenden Menge.
»Prost Neujahr! Prost Neujahr!« Es pfiff, es heulte, es schrie - unter den Füßen platzte ihm ein Feuerfrosch und versengte seine Kleider.
»Verdammte Kanaille!« Er wollte sich durch die Menge drängen.
»Hut runter! Haut ihm! haut ihm!« Ein großer Kerl langte über die Köpfe der Vorstehenden und mit einem Schlage seiner breiten Hand trieb er dem Agenten den Hut auf, daß dieser bis auf die Nase ihm über's Gesicht fuhr.
Der Fremde sprudelte und schimpfte, während er mit beiden Händen versuchte sich von dem Hut zu befreien, aber die französischen und polnischen Flüche, die er unter die deutschen Verwünschungen mischte, reizten die Menge noch weit mehr und von allen Seiten fielen Schlage auf seinen Hut und seine Arme.
»Schurken - wenn Ihr's nicht anders wollt! - Zurück, oder ich schieße!«
Er hatte den Revolver aus der Tasche gerissen, und hob die Hand. Aber ein schwerer Stockschlag traf dieselbe und machte sie die Waffe fallen lassen. Ein anderer Schlag an den Kopf warf ihn zu Boden - er fiel mit
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der Stirn auf die Kante eines Thürsteins und fühlte, wie das warme Blut ihm über das Gesicht rieselte.
Zugleich erscholl der Ruf: »Die Schutzleute! die Konstabler! haut sie! haut sie!« und die Menge stob im Nu auseinander, denn die Straße herauf kam eine Abtheilung reitender Schutzleute geprescht.
Der Agent fühlte noch, wie Personen ihn zur Seite zogen - sein Blick erkannte wie im Traum zwei Männer in Mäntel gehüllt, - er fühlte, wie der Eine unter seinem Rock, in seinen Taschen suchte - in dem Schein der nahen Straßenlaterne sah er in das über ihn gebeugte Gesicht - Höll und Teufel! - das kannte er - war es die Lorette, bei der er vor einer Stunde den Baron zurückgelassen? - dieselben Augen - - - aber nein, das war ein Mann - das war - -
Er versuchte mit Gewalt sich emporzuraffen - er faßte nach dem Fremden -: »Verrath! - hierher - zu Hilfe - - -!«
Die Sinne vergingen ihm, er fiel bewußtlos zurück! - - -


Bis an den Morgen hatte der Sylvesterball bei Kroll getobt - müde, matt, mit schwerem Kopf und trüben Augen kehrten die Paare und die Gesellschaften zur Stadt - viele in dem Schneedunst, der jetzt auf den nackten Bäumen und in den Straßen lag, zu Fuß, denn die Gefähre waren lange nicht in genügender Zahl vorhanden. Gewöhnlich ist es überdies ein Glück, wenn man das berliner Fuhrwerk nicht nöthig hat!
Auch die Gesellschaft aus der Loge Nr. 9 zog jetzt - nur nicht gleich den Schwalben, denn sehr ungern! - heimwärts, müd und matt und stark angelaufen, aber noch lange nicht genug trüben Auges, um durch den Winternebel nicht noch das rothe Licht der Laterne am Pariser Keller zu sehen und dort einzufallen - zu einer Stehflasche Jacqueson, dem Lieblingswein der Ewest'schen Kellerei bei Kroll!
»Wahrhaftig - soll mir der Deufel holen - da
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drüben Vater Wrangel hast auch noch Licht in seinem Arbeitszimmer! Der alte Junge muß famos Sylvester gefeiert haben! Mädchens - Ihr solltet ihm ein Prost Neujahr rufen!«
Die saubere Gesellschaft war stehn geblieben mitten auf dem Platz und schaute hinüber nach dem Hôtel, wo die beiden Schildwachen zähneklappernd im Frost doch jetzt standen wie die Mauern.
»Still mit dem Unsinn, Präsident!« sagte der Journalist, »seht Ihr nicht, daß drei Pferde vor der Thür stehen - in der That, es ist der Schimmel des Feldmarschalls! - Wo will er hinreiten so früh, oder so spät?« -
»Ich bedauere nur den hübschen Grafen, seinen Adjutanten,« klagte eine der Damen. »Er soll sie schändlich maltraitiren mit seinem Reiten. Als ob jeder Offizier seine Glieder nur dazu hätte!«
»Eine andere Verwendung wäre Dir schon lieber, Alwine!« meinte boshaft der Präsident. »Wahrhaftig, da, kommt er.«
Die Gesellschaft war unwillkürlich etwas hinüber nach der Seite des Hôtels getreten, wo in der Gruppe vor der Thür jetzt rasche Bewegung entstand, Waffen klirrten, die Pferde stampften.
Man hörte durch den Nebel die wohlbekannte Stimme, diesmal nicht in dem freundlichen wohlwollenden Ton, den halb Berlin, namentlich die schönere Hälfte kennt, sondern scharf, kurz.
»Es ist jetzt 5 Uhr - in zwei Stunden müssen wir an dem Dings, dem Obelisken sein. Verstehen Sie mir?«
»Zu Befehl, Excellenz!«
»Aufgesessen!«
Die Bügel und Pallasche klirrten. Im nächsten Augenblick kamen im Trab die Reiter über das Pflaster nach dem Thor zu.
Voran kam der alte Held von Heilsberg, Etoges und Schleswig, der Mann von Erz - in dem einfachen Reiterpaletôt als einzigen Schutz gegen die strenge Winterkälte - aber merkwürdiger Weise diesmal nicht in der straffen,
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aufrechten Haltung, die man an ihm so gewöhnt ist, sondern in einander gesunken, das liebe alte martialische Gesicht niedergesenkt zum Hals des treuen Schimmels.
»Guten Morgen, Excellenz! Glückliches Neujahr, Excellenz!« die Tücher der Damen wehtem dem alten Reiter. - Er achtete es nichts kein Gruß - kein Dank - keine Bewegung der Hand - er trabte er weiter; eine halbe Pferdelänge zurück in seinen Pelzmantel gehüllt der junge Adjutant - hinter beiden die Ordonnanz.
An den mächtigen Hallen des majestätischen Thors, von dessen Höhe die Victoria ihren Einzug in die preußische Königsstadt hält, verweilte der Reiter einen Augenblick vor dem mittlern Portal - dem Königsweg. Er bewegte leise das graue Haupt, dann wandte er sich links; - vor dem Thor bog er hinüber nach der Potsdamer Straße zu und der Hufschlag verhallte in der Nacht.
Die kleine Gesellschaft hatte sich, das Intermezzo und das eigenthümliche Benehmen des alten Generals besprechend wieder zur andern Seite gewendet - nur der Journalist war auffallend still und nachdenkend geworden. So waren sie in den Salon des Kellers getreten und der geschäftige Kellner brachte den Champagner.
»Wo ist der Assessor?«
»Er kommt sogleich. Er traf draußen auf Stückradt, der über den Platz herüber kam und spricht nur einen Augenblick mit ihm.« Der Nachgefragte kam auch schon die Treppe herunter und trat herein. Eine schöne Hand streckte ihm das Glas entgegen.
Der Journalist sah ihn - unbeachtet von der lachenden Witze reißenden Gesellschaft - fragend an. Der Polizeimann nickte. »Heute Morgen um 1 Uhr,« sagte er leise, »es sind schon zwei Extrazüge hinüber.« Dann fuhr er laut fort: »Frisch, Ihr Damen und Herren, Schönste und Klügste Eures Geschlechtes - dies letzte Glas in der Sylvesternacht dem alten preußischen Toast: Es lebe der König!«
Die Gläser klangen - in das des Journalisten fiel eine schwere Männerthräne - er wandte sich zur Seite.
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Als sie die Treppe wieder hinaufstiegen, drückte der Beamte seine Hand. »Es soll um vierundzwanzig Stunden verheimlicht werden,« flüsterte er - »des Neujahrs wegen.«
»Er war ein guter Herr,« sagte ernst und trübe der Andere - »Seine Hilfe mir nah in einer schweren Zeit! Sein Herz war voll Freundlichkeit und Wohlwollen. Als ich damals wegen der einfältigen Duellforderung an Nasenmüller und Intelligenz-Hayn, den unschuldigen Verantwortlichen der Officiösen Manteuffel's, zur Festung sollte, schickte Er mich zum schönen Bosporus!«
»Gott sei Dank, daß seine Leiden zu Ende sind. Le Roi est mort! - Vive le Roi!

Bleichende Sterne - neue Sonnen!

Sie waren Alle, Alle gekommen, die ihn geliebt, Luisen's Sohn, - und es waren ihrer Viele!
Am Sonnabend waren die Züge und Extrazüge der Bahn dicht gefüllt - vor Sanssouci hatte sich das Volk, Vornehm und Gering, Männer und Frauen in dichten Reihen gedrängt, um noch einmal das milde freundliche Gesicht zu sehen, das bald der Sarg decken sollte für immer.
Es ist etwas Gewaltiges um die Majestät des Todes, und noch mächtiger, ergreifender, wenn er selbst an die Majestäten des Lebens tritt und die Gewaltigen, Bevorzugten der Erde bricht, wie Halme auf dem Felde.
Längst schon hatte man dieses Sterben gewußt, ja gewünscht, um sein Leiden geendet zu sehen; man hatte Zeit gehabt, sich von dem stillen Mann in Sanssouci zu entwöhnen, - und dennoch traf es Alle so tief und ernst, als es hieß: Der König ist todt!
Der König ist todt! - Das ist vom Zauber, der im Preußenland noch um das geheiligte Wort: »Der König!« schwebt, - es weht ein anderer Geist um die Gruft der Friedenskirche, als um die Gräber im Friedrichshain! -
Es ist der Tag der Bestattung. Die Wintersonne
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glänzt hell bei 10 Grad Kälte über die schnee- und eisbedeckte Landschaft, die im Sommer so herrlich und duftig ist. Das Gitter zwischen den Colonaden von Sanssouci, das herab zur Chaussee nach der neuen Orangerie, der prächtigen Schöpfung des Verstorbenen, führt, ist zum ersten Mal geöffnet seit des großen Friedrich Leichenzug - ist es doch der erste Preußen-König, der seit dem großen Heros der Schlachten und des Geistes in diesem Tusculum gestorben ist. In langen Reihen stehen im Sonnenglanz die Garden zu Pferd und zu Fuß in der scharfen Kälte, und drunten unter der Mauer an der Neptungrotte stampfen im tiefen Schnee die Kanoniere an ihren Geschützen.
Wo irgend ein Raum zwischen den Gliedern, eine Terrasse, eine Mauer, ein Vorsprung einen Platz zum Schauen bietet, steht das Publikum dicht gedrängt. Stundenlang schon harren die Gruppen und wanken und weichen nicht. Auf dem Wege, den die Chainen des Militairs frei halten, bewegen sich höhere Offiziere und bevorrechtete Personen der Gesellschaft.
Eine Gruppe steht plaudernd bei einem Offizier der Garde du Corps, der auf seinem Braunen etwas vor der Linie der Escadron hält.
»Verflucht kalt, auf Ehre!« sagte ein Mann von etwa dreißig Jahren trotz des feinen Zobel, in den er gehüllt ist. »Ihr Bayard, Graf, dampft wie ein Schornstein. Ich dächte, der Harnisch müßte eine verdammt kühle Tracht heute sein!«
»Ich trage einen seidengesteppten Rock unter der Uniform, Baron - wir Soldaten müssen das gewohnt sein, es ist nicht, wie bei Euch Civilisten. Aber einen meiner Kerle hab' ich wahrhaftig austreten lassen müssen - er konnte die Glieder nicht mehr regen. Apropos - wie ist Ihnen der Sylvester bekommen? wir haben uns seitdem nicht gesehen. Der Dienst war seitdem unausstehlich!«
»Oh - gut! es war eine famose Nacht, die letzte wahrscheinlich für lange Zeit. Der Carneval wird kläglich
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sein in Berlin. Ich werde Urlaub nehmen und nach Paris gehen.«
»Dann machen Sie es wie Schippink, der ist auch der Trauer aus dem Wege gegangen und fort.«
»Nach Paris?«
»Nein!« - Der Attaché lehnte sich auf den Sattelknopf. »Haben Sie nicht gehört, daß er in Ungnade?«
»Auf Ehre, der Dienst hat mich ganz in Anspruch genommen.«
»Man weiß nicht recht, was geschehen - aber es heißt, er sei nach dem Kaukasus beordert, oder nach dem Kosackenland, oder sonst wohin, und müsse wieder in Dienst treten. Sie wissen ja, daß jeder Russe seinen Militairrang hat.«
»Dann werde ich bei der kleinen Alice morgen Visite machen!«
»Ciel! wissen Sie denn nicht, daß die Pariserin verschwunden ist, am Neujahrstage abgereist mit Sack und Pack, kein Mensch weiß, wohin? Aber ich hoffe, ihr in Paris zu begegnen. Haben Sie Nachricht von Kalkstein?«
»Gestern einen Brief über Rom. Er ist seit acht Tagen in Gaëta. Warten Sie, ich habe ihn in der Tasche! Verdammt - da kommt das Kommando.[«]
»Stillgestanden! - Richt't Euch! Gewehr auf!«
Die Adjutanten flogen den Weg daher, die Kommandeure preschten an ihren Fronten hin - Waffenklang rasselte durch die langen Linien und verlor sich in der Ferne am Obelisk, Alles, was nicht in die Reihen gehörte, eilte zur Seite. Majestätisch rollte der Donner der Geschütze durch die Winterluft, verkündend, daß sie den Sarg aufgehoben droben auf Sanssouci - herüber von der Stadt klagten die ehernen Zungen der Glocken - die melancholischen Klänge der Posaunen kamen daher von der Höhe, wie Geisterschatten.
Eine tiefe Stille, trotz der Tausende und Abertausende lag auf dem weißen Leichentuch, das der Winter dem scheidenden Herrn gespannt über die so geliebten Fluren.
Und lang und lang kam es heran und zog vorüber,
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Schritt um Schritt den letzten traurigen Weg, und hoch über die Reihen hebt sich der schwarze Katafalk und der Reichshelm schwankt mit den schwarzweißen Federn auf dem Sarge und blitzt im Sonnenschein!
O Könige - was ist Eure mächtige Stimme im Schweigen des Todes, Eure Herrlichkeit im Staub des Grabes! - -
Auf der Mauer der Kaskade steht eine Gruppe, Mitglieder der Loge Nr. 9 aus der Sylvesternacht.
»Sehen Sie, Doktor, dort kommt Wrangel mit dem Reichspanier - und Auerswald trägt die Krone, aus der er so manchen Stern gebrochen!«
»Der da hinter dem Sarg ist der Mann, der Königskrone von Preußen neue Edelsteine einzusetzen! Glaubt mir, Freunde, wir können noch Manches erleben!«
»Wer ist dort zwischen den beiden Prinzen?«
»Der König von Hannover - und dort geht der andere Welfe, der Herzog! Schade oder gut Glück, daß es der Letzte ist! - das da ist der Großherzog von Mecklenburg, - dort der Großfürst Nicolaus; der so träumerisch schreitet, als suchte sein Auge eine Krone in andern Welttheilen, ist der österreichische Erzherzog Max! - dort kommt der Coburger, der Schützen- und Turnerprotektor, bis es zum Schlagen kommt, dann zeigt sich sicher sein gutes Blut wie damals vor Eckernförde! - Dort sind die Großherzöge von Baden und Weimar, konstitutionelle Charaktere! - Da kommt Prinz Luitpold von Bayern, der dessauer Erbprinz und der Herzog von Altenburg. Und die Masse Generale - ich bin nur begierig, ob einst, wenn's gilt, auch ein Gneisenau und York darunter sein wird? - Sagten Sie nicht, Doktor, daß General von Gerlach krank wäre, das heißt im Ernst, nicht blos an der neuen Aera?!«
»Gewiß - ich hörte es vorgestern in Sanssouci!«
»Und dort ist er und giebt dem königlichen Freunde und Herrn das letzte Geleit. Vielleicht folgt er ihm selbst bald! Seine Zeit ist auch vorbei.«
Und weiter und weiter geht der Zug, Reih auf Reih,
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Kolonne auf Kolonne, welche irdische Pracht auf dem stillen Wege des Todes!
Jetzt schwankt der Katafalk vorüber an dem schönen Bau des Siegesthors und unwillkürlich hebt der königliche Leidtragende das Auge zu dem Monument, das der Verstorbene ihm gebaut zu Ehren der Tage von Baden und der Pfalz, als er mit kühner Hand die Rebellion dort zu Boden warf, die auf's Neue sich regt jetzt im eigenen Land, nur im andern Gewand, nicht mit Büchse und Kalabreser, sondern mit dem Talar des Professors und dem Schreibärmel des Richters bekleidet, eine schlimmere Revolution als jene, gegen welche Soldaten halfen!
Vielleicht denkt er auch an jenen Abend auf dem Bahnhof, als die Rebellion zu Boden lag und die Brüder sich trafen: »Gott grüß Dich, Bruder Wilhelm!«
Und weiter und weiter schwankt der Zug - noch geringe Zeit - da donnern die Kanonen und verkünden, daß auch sein Leib auf Erden den Frieden gefunden, den seine Seele bereits im Himmel fand! -
Seine Zeit war zu Ende - eine neue beginnt für Preußen! Willst Du, Leser, mit mir begleiten durch ihr Kämpfen und Ringen auch Luisens zweiten Sohn? - Wohlan!

Footnotes:

1Anmerkung HP: Früher hieß er Giulay; richtig heißt er Gyulay.
2Hochzeitsbitter.
3Schweinehirt - Villafranca I. Theil: Die Strapazirmenscher.
4Die Einnahme erfolgte am 20sten unter zahlreichen beiderseitigen Greueln.
5Villafranca. V.[I.] Abtheilung: Auf dem La-Plata.
6Zehn Jahre, Erster Band.
7Der Hochzeitsbitter.
8Vorwärts, Jäger!
9Pferdehirt.
10Durchlaucht!
11Ein gemeines Schimpfwort.
12Dummkopf.
13Mein Kind.
14Benennung der Zigeuner.
15Ein anderer Name der Zigeuner.
16Desgleichen.
17Culoz-Infanterie-Regiment Nr. 31.
18Das Regiment, - Ungarn - trägt lichtblaue Attilas und Beinkleider, und grasgrüne Czako's. Es erhielt 1814 den Namen König von Preußen, den es »auf immerwährende Zeiten« behalten sollte.
Indem ein Preußischer Schriftsteller diese Heldenthat eines österreichischen Regiments verherrlicht - ist jener Ehrenname trauriger Weise dem tapfern Regiment genommen worden - es rangirt fürder als Nr. 10! - In der, nicht von kleinlichem Groll bewegten Geschichte wird es jenen Namen behalten!
19Villafranca, I. Band, S. 437.
20Verwundet die Feldmarschall-Lieutenants Orenueville, Blomberg und Pálffy und General Major Baltin.
21Verwundet die Generale Cornaldi und Ansaldi.
22Verwundet die Generale Ladmirault, Dieu, Auger (schwer), Forey, Douay; 5 Obersten blieben auf dem Schlachtfeld.
23Gastwirth.
24Innspruck.
25Landstreicher.
26Kobold.
27bösen Buben.
28Anklagen.
29Langsam.
30Weinen.
31Kammerherrn.
32Villafranca, II. Theil, S. 68.
33Zehn Jahre, III. Band, S. 253.
34Zehn Jahre, III. Band, S. 251.
3519. September.




Werke von Sir John Retcliffe