Villafranca
oder
Die Kabinete und die Revolutionen.

von

Sir John Retcliffe

Zweiter Abschnitt:

10 Jahre!

Historisch politischer Roman aus der Gegenwart.

Dritter Band.

Der 2. December.

Es war kurz vor 10 Uhr - die beiden jungen Burschen Armand de Chapelles, der Sohn des reichen Druckereibesitzers, und Jacques Fromentin, der Sohn des Invaliden saßen noch immer auf ihrem Posten am Feuer, auf das Abenteuer spähend, das sie erwarteten, und hatten sich einstweilen von Mutter Marguerite einen Punsch brauen lassen. -

»Pristi!« sagte der Sprößling des Herrn Chapelles - »weißt Du Jacques, die Sache beginnt langweilig zu werden und wir sitzen nun schon eine Stunde hier, ohne daß die da Oben Anstalt machen oder Dein Vater mit dem vertrackten Schurken, dem Leichendieb, zurückkommt. Die Haut schaudert mir noch immer, wenn ich an jenen Abend zurückdenke, wo er mit dem Leichnam des nackten Frauenzimmers davon rannte.« -

»Ich möchte nur wissen,« meinte Meister Jacques der philosophisch jenen Schreck längst überwunden hatte, - »warum der Savoyarde jenen Napoleonsd'or auf die Kaminecke gelegt hat?«

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Er holte das Goldstück wohl zum zwanzigsten Mal herunter und beliebäugelte es von allen Seiten, legte es dann aber wieder sorgfältig auf seinen Platz.

»Weißt Du Jacques, er sprach für einen Kommissionair oder Lastträger ganz verständig, der bu[c]klige Bursche, und lobte mich, daß ich Soldat werden wollte. Er sagte, den Soldaten allein gehöre die Zukunft und es werde an Krieg und Ruhm für Frankreich unter einem Bonaparte nicht fehlen! - Aber Du thust grade, als hättest Du noch keinen Napoleonsd'or gesehen! ich mause doch oft genug Mutter einen solchen, wenn ich ihn kriegen kann. Laß ihn liegen, es ist nicht unser Geld! wenn ich dem Alten durchbrenne, wollen wir der Bettels genug haben. Er hat den Kassenschlüssel immer unter seinem Kopfkissen, aber er schläft wie ein Murmelthier und ich denke, 's hat kein Mensch ein besseres Recht daran als sein einziger Sohn!«

»Pesth! Das ist freilich wahr,« moderirte der Gamin die saubere Moral, »aber Du darfst doch nicht mehr nehmen, als Du für das Nothwendigste brauchst. Das hat man das Recht zu nehmen, wenn die Alten solche Tyrannen sind, dem Glück ihres Sohnes im Wege zu stehen!«

»Höre Jacques,« meinte sein würdiger Gefährte, - »thu mir den Gefallen und schimpfe auf meinen Vater den Filz so viel Du willst, aber laß meine Mutter aus dem Spiel, oder es setzt einen Katzenkopf!«

»Ich rede was ich will,« sagte aufsässig der Gamin, »und ich will doch sehen, wer mir's verbietet.«

»Ich!«

»Du?«

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»Ja wohl!«

»Das wollen wir doch abwarten? Deine Mutter ist ...«

»Jacques!«

»Deine Mutter ist ...«

Herr Armand fuhr dem Andern in die Haare und sie rauften sich im nächsten Augenblick, daß die Funken umherstoben und die taube Haushälterin aus ihrem Schlaf erwachte und die Hände über dem Kopf zusammenschlug, »eine brave Frau, wie Du Schlingel sie gar nicht verdienst!« sagte gemüthlich Meister Jacques, indem er seinem Freunde ein Bein stellte und ihn zu Boden warf. Geschwind Armand, auf - ich höre die Thür Hektors.«

Der Fabrikantensohn sprang geschwind auf seine Beine, schüttelte sich wie ein Pudel und suchte das Derangement seines Anzugs so gut als möglich zu verbessern. Von dem Streit war keine Rede mehr.

Die kleine Treppe herunter kamen der Kapitain und der preußische Offizier in ihre Mäntel gehüllt, der Kolonist, den arabischen Bournous über seiner Blouse folgte ihm. Er und der fremde Offizier trugen einen Gegenstand unter dem Mantel.

Der Bruder der Mortelle winkte nach Meister Jacques. »Soll er dem Herrn da nicht den Kasten tragen?«

»Nein Renaud - der Bursche ist zu leichtsinnig und ohnehin zu allem Unfug bereit. - Komm hierher Jacques!«

Der Gerufene gehorchte wie ein Hund mit bösem Gewissen, der den Schwanz zwischen die Beine klemmt.

»Ich muß mit diesem Herrn noch einen Ausgang

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machen, Jacques,« sagte der Capitain mit seinem gewöhnlichen Ernst, doch zitterte ein tieferes Gefühl durch den Ton seiner Stimme, als er die Hand auf die Schulter seines Bruders legte. »Du wirst hier bleiben und den Vater erwarten - oder bis Renaud Dich ruft, denn es wäre möglich, daß ich Dich brauche. Gute Nacht Bruder und versprich mir, Dich zu bessern und einen anderen Lebenswandel anzufangen, der unserm Vater mehr Freude macht!«

»Du redest ja Hektor, als wenn Du uns verlassen wolltest?«

»In diesen Tagen weiß Niemand, was die nächste Stunde bringt. Gute Nacht Jacques und halte Dich brav und gehorsam!« Er küßte den Knaben auf die Stirn. »Und Sie Herr de Chapelles,« sagte er dann streng zu dem andern Burschen - »Sie sollten längst zu Hause sein, statt Ihre würdigen Eltern noch dazu an einem solchen Tage durch Ihr Ausbleiben zu ängstigen.«

Meister Armand fand es, die Hände in den Hosentaschen, für geeigneter, die Zurechtweisung des von ihm hoch geachteten Offiziers mit Schweigen zu erwiedern.

Der Kapitain drehte sich an der Thür noch ein Mal um. »Adieu Jacques und grüße den Vater, wenn er kommt!«

Dann verließen die drei Männer das Häuschen. Der junge Armand schoß auf seinen Cameraden zu. »Es ist sicher, sie duelliren sich, Jacques, und Dein Bruder thut es!«

»Ich glaube selbst! Aber ich muß dabei sein und wenn

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ich mein Lebelang kein Wort mehr von ihm hören sollte. Der Teufel soll ein Fricassée aus dem Burschen machen, der es wagt, dem Hector ein Leides zu thun.«

Der junge Mensch sprang mit einem Satz nach der Kammer, in der er mit seinem Vater schlief und kam im Augenblick mit einem alten Terzerol wieder, das er aus einem Versteck hervorgeholt. Er untersuchte das Steinschloß einen Augenbli[c]k am Schein des Feuers, schüttete Pulver aus einer Papierdüte auf die Pfanne und steckte es unter die Blouse.

»Komm!«

Die beiden zu jedem Unheil bereiten Schlingel waren verschwunden, ehe Frau Marguerite auch nur ihr Erstaunen über die Prügelei und rasche Einigkeit kundgeben oder irgend eine Frage an Meister Jacques richten konnte. -

Die drei Männer schritten schweigend den kurzen Weg, der sie von der Rue de la Tombe trennte, gingen diese hinab und blieben an der Ecke der Rue des Catacombes stehen.

Es war sehr einsam in der Gegend, nur selten ein Mensch auf der Straße zu sehen, - das unangenehme Wetter hatte Alle vertrieben oder die Vorgänge des Tages hatten die Neugierigen nach den bewohnteren Theilen der Stadt gelockt.

»Hier ist der Ort, Herr Kamerad, wo wir sie treffen sollen, sagte der Kapitain, und da hinten an der Gartenmauer unter der Laterne wird Platz genug für unser kurzes Werk sein. - Es ist Licht in Eurem Hause, Renaud!«

»Die Mortelle wartet auf mich! - Nimm die

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Pistolen einen Augenblick, Hector und tritt zurück in den Schatten - ich will das arme Kind zu Bette schicken - sie könnte durch das Schießen aufmerksam werden!«

Er schlich an das einsam in kurzer Entfernung stehende Häuschen, das der Katakombenwächter seit fünfunddreißig Jahren bewohnte und das aus einem niedern Parterre auf einem breiten, offenbar von einem alten mächtigeren Bau noch herrührenden Kellergeschoß bestand. Er hustete leicht unter dem Fenster.

Sofort öffnete sich dasselbe, ein dunkler Schatten zeichnete sich an dem Lichtschein ab und eine sanfte Stimme frug: »Bist Du es Renaud?«

»Ich bin's Schwester Mortelle, aber ich kann erst später zu Dir kommen. Ist der Vater zu Hause?«

»Nein Bruder Renaud,« sagte das Mädchen - »Du weißt, daß er erst lange nach der Stunde kommt, in der die Geister aus ihren Gräbern steigen!«

»Lege Dich nieder Kind und lösche das Licht aus, aber öffne vorher die Thür. Ich habe ein Geschäft in der Nähe und komme dann zu Dir, mit Dir zu reden!«

»Ich werde zu den Todten gehen, Renaud,« sagte das Mädchen. »Es ist so lieb bei ihnen und Niemand stört mich, wenn ich meinem Kinde singe, dem lieben Kleinen. Rufe mich Renaud, wenn Du kommst!«

Die Unglückliche schloß das Fenster - bald darauf verschwand das Licht.

Die beiden Offiziere gingen ungeduldig an der Ecke der Straße auf und nieder, als der Kolonist wieder zu

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ihnen kam. Der Preuße sah im zitternden Lichtschein nach der Uhr.

»Fünf Minuten über Zehn. Um zehn Uhr versprach der Graf ihn zu bringen.«

»Horch!«

Man vernahm in der That das Rollen eines Wagens, der rasch über den Boulevard St. Jacques herankam. Der Wagen, eine bequeme Karosse, mit Schimmeln bespannt, fuhr bis auf den Platz, den die Ecke der vier Straßen am Mont Souris hier bildet und hielt unter einer Laterne. Drei Männer stiegen aus, gleichfalls in Mäntel gehüllt, der eine von ihnen trug einen Kasten unter dem Arm.

»Ich glaube, wir sind die Ersten, Miron! Bei meiner Ehre, es bedürfte meiner ganzen Freundschaft für Sie, um mich bei einem solchen Hundewetter und so vielen Neuigkeiten in der Stadt zu bewegen, mit Ihnen hierher zu kommen!«

Der, dem die Anrede galt, schien von dieser Freundschaft grade nicht sehr erbaut. Er bewegte sich höchst unruhig und sah wiederholt ängstlich und forschend umher. Als er unter dem Schein der Laterne durchging, hätte man sehen können, daß sein Gesicht sehr bleich war und seine Lippen zitterten.

»Alle Teufel,« murmelte er - »sie werden doch am Platz sein, und mich nicht im Stich lassen?«

»Sagten Sie Etwas, Miron?« frug der Graf von Montboisier, der vor ihm ging und das Kästchen mit den Pistolen trug.

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»Ich? - nicht das Geringste!«

Der Graf trat näher zu ihm. »Zum Henker, haben Sie doch ein wenig Courage Mann! ich werde alles Mögliche aufbieten, um noch einen Vergleich zu Stande zu bringen. Aber sich stellen mußten Sie, oder Sie hätten sich niemals wieder in der Gesellschaft blicken lassen dürfen!«

»Aber einem Rebellen gegen den Präsidenten! Und hier in der Nacht - an einem so abgelegenen Ort!«

»Es ließ sich nicht ändern - wir durften die Bedingungen des Gegners nicht ausschlagen - da er sich selbst in einer gefährlichen Lage befindet, die sein offenes Auftreten verhindert.«

»Gott im Himmel - morgen soll meine Hochzeit sein!«

»Dafür haben Sie damals hundert Louisd'or von dem seeligen Chevaulet gewonnen,« sagte der Graf philosophisch.

»Der Satan hole die hundert Louisd'ors! ich gäbe mit Vergnügen tausend, wenn ich die Dirne in meinem Leben nicht gesehen hätte!«

»Da sind unsere Leute,« zeigte der dicke Journalist.

In der That kamen der preußische Offizier und der Kolonist auf sie zu, der Kapitain blieb in einiger Entfernung stehen; er befand sich unfern der Thür des Katakombenwächters.

Die Männer begrüßten einander - wiederum sah sich der Geldbaron besorgt um.

Der Preuße hatte den zweiten Beistand des Kapitains vorgestellt, die Sekundanten des Gegners verbeugten sich,

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dann folgte eine kurze Verhandlung über die mitgebrachten Waffen.

»Vielleicht,« sagte der Graf, »läßt sich die unangenehme Sache noch glücklich arrangiren. Mein Client will die öffentliche Beleidigung bei der geringsten Entschuldigung als nicht geschehen betrachten und ist bereit, das unglückliche Mädchen in der anständigsten Weise auszustatten und lebenslänglich zu versorgen.«

»Meine Schwester braucht das Geld eines Schurken nicht,« entgegnete der Kolonist rauh. »Sollte Kapitain Fromentin sein Recht an diesem Mann aufgeben, so bin ich noch da!«

»Denn ist allerdings Nichts mehr zu machen! - Lieber Miron ...«

Der unglückliche Geldaristokrat hustete laut - in diesem Augenblick stürzten sich von mehreren Seiten Männer auf den Platz, die bisher im Schatten und in den Eckenden Mauern sich verborgen gehalten hatten, und rannten gegen die Gruppe.

»Im Namen des Gesetzes - Sie sind verhaftet!«

»Feiger Schurke!«

Der Arbeiter versetzte dem widerwilligen Duellanten einen Schlag, der ihn taumeln machte, und faßte ihn mit seiner gewaltigen Faust am Kragen.

»In's Haus Hector - in's Haus!«

Ehe die Polizeisergeanten und Gensdarmen herankommen oder die bestürzten drei Sekundanten es hindern konnten, hatte er den zappelnden widerstandslosen Banquier die fünfzehn oder zwanzig Schritt mit sich geschleift, die

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ihn von dem Hause trennten und sprang gegen die Thür - die Thür öffnete sich und alle Drei verschwanden wie Gespenster in dem dunklen Raum: der Arbeiter, der Geldmann und der Kapitain!

»Ihnen nach! - fangt sie - haltet sie auf!« schrie der Commissair, der mit der dreifarbigen Schärpe heraneilte.

Den Gensdarmen, welche die nächsten waren, wurde die Thür vor der Nase zugeschlagen und sie hörten das blitzschnelle Vorschieben eines schweren Riegels.

»Brecht die Thür auf - mit Gewalt, wenn sie nicht öffnen!« befahl der Commissair. »Meine Herren, keinen Widerstand - Sie sind meine Gefangene!«

»Wir denken nicht daran,« sagte der Graf. »Hier sind unsere Pistolen. Bemerken Sie wohl, daß wir sie nur behufs der Abmachung eines Ehrenhandels bei uns führen, nicht zu anderem Zweck.«

»Ich bin unterrichtet, und Sie werden sogleich frei sein, so bald ich Ihre Personen constatirt. Schlagt die Thür ein, rasch, rasch Leute!«

»Es wird nicht nöthig sein,« sagte der Graf, »die Herren sind Männer von Ehre wie wir und keine Mörder. Dieser gute Herr Miron, dem Sie so zu rechter Zeit kamen, ist in keiner Gefahr!«

»Das ist gleich - ich muß meine Schuldigkeit thun - für die zwanzig Napoleon's. - Jene beiden Männer sind uns überdies als gefährliche Feinde der Regierung bezeichnet.«

Der Graf trat zurück, die gemeine Niederträchtigkeit empörte seine ritterliche Natur.

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In diesem Augenblick brach die Thür unter den Stößen der Gensdarmen.

»Lichter an!«

Zwei Windlichter, mit denen die Polizeiagenten versehen waren, wurden rasch angezündet - mit ihnen stürzten die Agenten in das Haus.

Der Graf und seine beiden Mitverhafteten folgten neugierig.

Der Flur und das anstoßende Zimmer waren leer - die hintere Hausthür von Innen verriegelt.

Die Agenten durchforschten sorgfältig den Raum - nirgends eine Spur, weder von den Geflüchteten noch von der Tochter des Fossoyeurs.

Das Haus war leer!



Die Schläge der Polizeibeamten und der Gensdarmen donnerten an die versperrte Thür.

Der Arbeiter und der Offizier standen in der nach der Hinterseite des Hauses gehenden großen Küche, zwischen ihnen, bleich, erschrocken, mit bebenden Lippen nach dem Ansehn des Muthes und Widerstandes ringend, der Geldbaron, der Bräutigam. Mortelle in einem schwarzen blousenartigen Kleide mit ihrem wirren unklaren Blick die Scene und die Personen betrachtend, hielt eine brennende Lampe.

»Schnell Hektor,« sagte der Kolonist - »die Thür kann nur wenige Minuten widerstehen, aber ich weiß das Mittel, uns der schurkischen Verrätherei zu entziehen, und

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mit dem da Abrechnung zu halten. Es ist ein Geheimniß bis jetzt selbst für Dich, denn wir mußten dem Vater geloben, zu keinem Menschen davon zu sprechen - aber die Gefahr entbindet uns des Worts. Nimm die Pistolen, indeß ich den Stein hebe.«

Er trat auf die Ecke einer der breiten Quadern, die den Fußboden bildeten, nachdem er einen dem Uneingeweihten unbemerkbaren Stift ausgezogen. Sofort hob sich der Stein am entgegengesetzten Ende und ein Ring an demselben wurde sichtbar, mit dessen Hilfe er sich leicht in einer Angel bewegen ließ.

Eine schmale dunkle Treppe zeigte sich und verlor sich in dem Dunkel der Tiefe.

»Geh voran Mortelle, Du darfst nicht zurückbleiben, man würde Dich mit den Nachforschungen peinigen, armes Kind!«

Ohne ein Wort der Erwiderung stieg das Mädchen mit der Lampe hinunter. Der Offizier folgte ihr auf einen Wink des Kolonisten.

»Die Reihe ist an Ihnen Herr!« sagte dieser streng zu dem zitternden Banquier.

»Ich werde nicht hinabsteigen - ich weigere mich! Sie wollen mich da unten ermorden - wenn Sie mich anrühren, rufe ich um Hilfe! Die Polizei wird mich schützen!«

Der Arbeiter sah ihn finster an. »Memme,« sagte er grimmig, »einen Laut und Du bist ein Kind des Todes.«

»Ich habe mich gestellt zu einem Duell, ich bin ein Mann von Ehre und will mein Unrecht gut machen, was Sie auch verlangen mögen, aber ich gehe nicht da hinunter!«

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»Schurke - Du hast uns verrathen, jetzt trage die Folgen. Kein Wort oder ich schlage Dir den Schädel ein!« Er faßte ihn rauh am Kragen und stieß ihn in die Oeffnung. »Vorwärts - und schieß den Schuft ohne Weiteres nieder Hektor, wenn er einen Laut von sich giebt. Ich höre die Thür brechen!«

Er hatte eben noch Zeit, die Platte über seinem Kopf wieder zu befestigen, als die Gensd'armen, gefolgt von den Zeugen des verhinderten Zweikampfs, in das Haus drangen.

Der Kolonist hatte eine der Pistolen dem Offizier wieder abgenommen und richtete die Mündung auf den Banquier.

»Nach der Source d'Oubli, Mortelle,« befahl er. »Dort sind wir sicher. Du kennst den Weg - vorwärts!«

Sie befanden sich in einem niedern trockenen Gange von kaum Manneshöhe, der zuerst von Mauerwerk gebildet, später in das Gestein des Bodens gehauen war und in verschiedenen Windungen und Verschlingungen weiter lief, ziemlich abschüssig, nur von einzelnen Stufen unterbrochen in die Tiefe gehend.

Die Tochter des Fossoyeurs schritt voran, die Lampe hochhaltend - die Männer folgten ihr, Renaud oft seinen Gefangenen rauh zu rascherem Schritt zwingend.

Wir haben bereits bei einer früheren Gelegenheit, bei der Flucht der Herzogin von Berry aus Paris, gezeigt, daß Kapitain Fromentin von seiner Knabenzeit her, die er mit dem Sohne des Katakombenwächters verlebt, diese unterirdischen von jenseits der Barrière d'Enfer oder d'Arcueil unter einem großen Theil des südlichen Paris, dem Observatoire,

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Luxembourg, Odeon, Val de Grace, Pantheon, den Straßen La Harp, St. Jacques, Tournon, Vaugirard und vielen anderen hinlaufende Räume sehr genau kannte, dennoch waren auch ihm noch viele der Verschlingungen und Zu- und Ausgänge unbekannt, und er sah jetzt zum ersten Mal, auf welchem Wege der Fossoyeur immer auf so heimliche Weise in das Innere der Katakomben gelangen und die Knaben und oft selbst die anderen Wächter und Aufseher erschrecken konnte.

Der Gang zog sich wohl eine Viertelstunde lang in die Tiefe, ehe er plötzlich an einer Steinwand zu enden schien. Aber dies war nur scheinbar, denn als die Mortelle sich um eine Ecke wendete und sich bückend durch einen engen Durchgang emporzwängte, fiel der Schein der Lampe in einen weitern und höhern Raum.

Bisher hatte der Weg, den sie genommen, noch keine Spur von der schrecklichen und erschütternden Bestimmung gezeigt, welche diese Räume seit dem Jahre 1784 erhalten haben, wo man auf Anordnung des Staatsrathes die Todten aus sämmtlichen Kirchhöfen innerhalb der Stadt in dieses ungeheure Labyrinth aus der Römerzeit brachte.

Unter den Leichen, die hierher versetzt wurden, befand sich auch die der berühmten Marquise von Pompadour; auch die Opfer der Septembertage von 1792 fanden hier ihre letzte Ruhestätte.

Der Fashionable der Börsen-Agiotage hatte allerdings längst begriffen, daß seine Begleiter ihn in die Katakomben geführt, in jene Räume, aus deren Vorhallen er selbst im frechen Uebermuth das unglückliche Mädchen an jenem

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Abend durch die schändliche Benutzung des Namens des Kapitains in das Haus der Guerin verlockt hatte.

Er erbebte bei dem Gedanken an die Rache, aber er hoffte, mit jener Anmaßung des Geldmenschen, die Alles im Leben, ja das Leben selbst mit Gold aufwiegen zu können glaubt, durch Versprechungen und Opfer dieser Rache entgehen zu können, nachdem sein verächtlicher Verrath an die Polizei mißglückt war, und die Hauptfurcht, die ihn beseelte, blieb, daß man ihn in diesen schrecklichen Gewölben allein lassen könne. Deshalb folgte er jetzt ohne Widerstand beiden Freunden.

Plötzlich - indem er auf den Befehl des Kolonisten durch den engen Durchgang emporstieg, erbebte er und stieß einen Schrei des Entsetzens aus.

Er hatte mit der Achsel und der Stirn gegen eine bewegliche Wand gestoßen, die bei der Berührung seltsam und unheimlich rasselte - der Schein der zurückgewendeten Lampe fiel auf die Masse, und die hohlen Augenhöhlen von weißen Todtenschädeln mit den fletschenden Zähnen grinsten ihn dicht vor seinem Gesicht schauerlich an.

Das wirre schwarze Haar auf seinem Kopf sträubte sich empor - seine Knie schlotterten - seine Augen vermochten sich nicht abzuwenden von dem schrecklichen Anblick, und er wäre mitten hinein in die Todtengebeine gefallen, deren aufgestapelte Wand hier den niedern Eingang des geheimen Weges verbarg, wenn die starke Hand des jungen Samson ihn nicht gefaßt und in den offenen Raum gestoßen hätte.

»Feigling!« sagte höhnisch der Kolonist. »Warum

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vor Gebeinen erschrecken, denen die Deinen in einer Stunde vielleicht Gesellschaft leisten werden?«

Der Unglückliche sank in die Knie - die Furcht hatte ihn übermannt, seine Augen fuhren verstört umher an den schrecklichen Wänden, denen der matte Schein der Lampe unheimliches Leben und Bewegung zu geben schien.

»Erbarmen - tödten Sie mich nicht! ich will Alles geben, was Sie verlangen!«

Der Lebemann, der Geldfürst, der mit seinem Golde bisher gewohnt war, alle Genüsse und alle Schmerzen des Lebens zu bezahlen, und dessen dünkelhafte Eitelkeit den höchsten Zweck darin gesucht, durch die Macht dieses Geldes in jenen Kreisen eine Rolle zu spielen, zu denen ihn weder Genie noch Geburt berechtigten, - hatte sich sorgfältig gehütet, mit jenen Erinnerungen in Berührung zu kommen, die an die Vergänglichkeit alles Irdischen, an die Nichtigkeit von Luxus, Macht und Freuden mahnen, - es sei denn, daß er einem der prächtigen Leichencondukte gefolgt war, die mehr ein Schauspiel als ein Akt der Trauer sind, oder daß er mit Gesellschaftern seiner Art an Sonn- und Festtagen sich auf jenem prunkhaften Gottesacker dem père Lachaise umhergetrieben, um die Frauen und Mädchen zu lorgnettiren, die mit den Kranz-Kunstwerken der Straße de la Roquette kamen, um den Flitterputz der prunkhaften Kapellen und Grabsteine zu vermehren, die dem berühmten Kirchhof den heiligen Ernst der Trauer nehmen, um ihn zu einer Jahrmarktsbude zu machen.

Nur der mächtige Anblick der im Nebel schwimmenden Riesenstadt von der Höhe jener Terrassen aus erweckt

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eine ernste Stimmung an diesem Ort, nicht die Marmorreihe der Gräber! -


Der Raum, in dem sich der Banquier mit seinen Gegnern und dem gemißhandelten Mädchen befand, war eine jener Kapellen, die sich an den Seiten der langen Gal[l]erie befinden, zu der aus der Vorhalle die Thür mit der bedeutsamen Inschrift führt:

»Has ultra metas requiescunt beatam spem spectantes.«

Ein Altar aus Schädeln und Knochen gebaut, von zwei kopflosen Gerippen bewacht, welche eine Tafel mit der Inschrift: »Tombeau de la Révolution,« trugen, ließ erkennen, daß man sich in jener Kapelle befand, welche die Ueberreste der Opfer barg, die sechszig Jahre vorher auf dem Grève- oder dem Concorde-Platz unter dem Messer der Guillotine gefallen waren. -

Der Arbeiter warf einen Blick der Verachtung auf den reichen Mann, der so kläglich vor ihm im Staube lag und suchte hinter dem Beinaltar die Fackeln, die, wie er wußte, sein Vater dort für seine geheimen Gänge aufbewahrt hielt.

Das Mädchen war zu dem Knieenden getreten und legte sanft die Hand auf seine Schultern - sie hatte ihn offenbar noch nicht wieder erkannt; denn wie der Kapitain ihrem Bruder gesagt, war sie von dem Wahn beherrscht, daß sie jenen Abend an der Seite des Mannes zugebracht, den sie unbewußt seit ihrer Kindheit und in der Abgeschlossenheit von der gewöhnlichen Welt zu lieben gelernt hatte.

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»Warum Dich fürchten vor den Todten,« sagte sie sanft - »Du weißt noch nicht, wie schön und still es hier ist. Ich will Dir Alles zeigen, armer Mann - Alles, wenn Du recht gut bist und schweigen kannst, auch das süße Kleine, das so lieb ist, wenn auch die kleinen Augen stumm und starr geworden!«

Er umfaßte ihre Knie, der Mann, von dessen Kind die Träumerin sprach. »Bitten Sie für mich, Mademoiselle! ich will Alles vergüten, was ich an Ihnen verschuldet, daß ich Sie an jenem Abend durch das höllische Gebräu der Guerin verführt habe. Wenn Sie darauf bestehen, bin ich bereit, Ihnen meine Hand zu geben, nur bringen Sie mich fort von diesem höllischen Ort!«

Sie sah ihn starr an - eine dunkle furchtbare Erinnerung schien in ihrem Geiste aufzudämmern, sie stieß ihn von sich und ihre Hände faßten nach den Schläfen.

»Wer bist Du - ich kenne Dich! Du kommst von Hektor - Du brachtest seinen Brief! hier - hier - wo ist Hektor! wo ist der Vater meines Kindes?«

Der Offizier hatte schweigend der Scene zugeschaut - jetzt faßte er sanft die Hand des Mädchens.

»Hektor ist bei Dir, arme Mortelle, und er wird Deine Sache führen. - Stehen Sie auf Herr, wenn Sie noch einen Funken von Ehre und Muth in Ihrer Brust haben. Machen Sie das Verbrechen, das Sie an dieser Unglücklichen begangen, nicht bedauernswerther durch ihre Erbärmlichkeit.«

Der Kolonist war zurückgekehrt, er trug zwei Fackeln, die er an der Lampe anzündete. Eine derselben reichte er

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dem Offizier. Dann riß er rauh den Feigling empor. »Vorwärts, damit die Sache ein Ende hat!«

Er stieß ihn vor sich her - der Offizier folgte mit dem Mädchen.

Sie hatten die große Gal[l]erie betreten und der rothe Schein der beiden Fackeln brach sich unheimlich an der Wölbung und den hohen Wänden, die bis zur Decke hinauf von grinsenden Todtenschädeln und weißen Gebeinen gebildet sind. Das zitternde Licht mit dem wallenden Rauch schien den schrecklichen Tapeten Leben und Bewegung zu geben, und der zitternde Mann - indem er seinen beiden unversöhnlichen Feinden willenlos folgte, - wagte nach dem ersten entsetzten Blicke nicht mehr die Augen vom Boden zu erheben.

Sie waren etwa hundert Schritte vorwärts gegangen, als ein leises murmelndes Rauschen sich hören ließ und seine von Angst und Schrecken fieberhaft gespannten Nerven erbeben machte.

Einige Schritte weiter, und der Schein der Fackeln fiel auf den leicht von dem plätschernden Fall eines Wasserstrahls bewegten Spiegel eines Bassins.

Es war die Fontaine, welche den traurigen Namen des modernen Lethe trägt, »la Source d'Oubli.« Es läßt sich kaum Etwas mit dem unheimlichen Eindruck vergleichen, den dieses traurige Leben des Wassers, in dem einzelne Goldfische wie gespenstige Feuerfunken umherhuschen, inmitten dieser Welt des Todes macht!

Der Sohn dieses Gräberlabyrinthes blieb an dem Bassin stehen und steckte seine Fackel in einen dort

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befindlichen Ring; auf seinen Wink that der Kapitain dasselbe an der andern Seite des Bassins.

»Wir sind zur Stelle!«

Die Knie des reichen Börsenfürsten, des modernen Aristokraten des Goldes drohten einzusinken unter dem vor der Stunde der Vergeltung erbebenden Manne.

Der Arbeiter hatte die beiden Pistolen auf einen Stein gelegt, er selbst blieb an dem Rande des Bassins stehen.

»Du hast das Recht der Vergeltung für Dich gefordert, Hektor,« sagte er fest - »es ist also an Dir!«

Der Offizier trat heran - er war ruhig, ernst, auf seiner Stirn lag die ganze Ruhe des Richters.

»Herr Miron,« sagte er - »Ihr eigener eines Mannes unwürdiger Verrath, der bei unserem Handel die Polizei zu Hilfe gerufen, hat Sie der Anwesenheit und des Beistandes Ihrer Freunde beraubt. Dieser Mann, wenn auch nur ein Sohn des von Ihnen so verachteten Volkes, ist ein Mann von Ehre, der so gut wie ich sein Blut für sein Vaterland vergossen hat - er wird darauf halten, daß Ihnen kein Vortheil entzogen wird, der Ihnen gebührt.«

Renaud, der die Arme über die Brust gekreuzt hatte, nickte schweigend.

»Sie wissen bereits mein Herr, aus welchem Grunde ich Ihnen in der Oper jene Beleidigung angethan, die kein Mann erträgt, ohne sie mit Blut abzuwaschen. Ehe wir uns schlagen, habe ich einige Fragen an Sie zu richten.«

Der Banquier, - denn Herr Leon von Miron war

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behufs seiner Heirath jetzt wirklich in das Geschäft seines Vaters eingetreten - hatte einigermaßen seinen Muth und seine Arroganz zusammengerafft, als er gesehen, daß seine Furcht vor einer bloßen Ermordung durch seine Gegner unbegründet war. Es fehlte ihm, wenn auch an wahrem Muth, doch nicht an jenem Sporn der Eitelkeit und der gesellschaftlichen Verhältnisse, der zur Vertheidigung seiner Stellung auch den Feigling auf die Mensur treibt, ja er hatte bereits seine sogenannte Probe bestanden, sich ein Mal ziemlich leidlich duellirt und einen leichten Degenstoß davon getragen, aber es war eben im Sonnenlicht, in der Anwesenheit zahlreicher Bekannten, ja - denn das Duell mußte bekannt werden - gewissermaßen unter den Augen von ganz Paris geschehen.

Jetzt war es freilich etwas Anderes - der Gedanke, hier ohne Weiteres niedergestoßen zu werden, wozu, wie er wohl fühlte - der Bruder des entehrten Mädchens vollkommen das Recht hatte, - die plötzliche Trennung von seinen Sekundanten und vor Allem die entsetzliche Umgebung und die Furcht, hier allein gelassen zu bleiben, hatten ihn anfangs jeder Fassung beraubt und zum feigen Flehen um sein Leben erniedrigt. Jetzt, da es sich zunächst um eine Erklärung, um Worte handelte, kehrte seine Fassung und mit ihr die Hoffnung zurück, die Gefahr umgehen zu können.

»Herr Kapitain,« sprach er hastig, - »Sie wissen, daß ich Sie hoch schätze. Das Mißverständniß zwischen uns wird sich ausgleichen lassen, ohne daß sich zwei Männer von Ehre deswegen die Hälse brechen. Ich gestehe,

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ich habe Unrecht gehabt gegen diese Dame, aber der Graf wird Ihnen erzählt haben ...«

Der Offizier unterbrach ihn mit einer unwilligen Bewegung der Hand. »Es handelt sich hier nicht um die Erzählung und Beschönigung Ihrer Nichtswürdigkeiten Herr,« sagte er streng, »sondern um die kurze Beantwortung einfacher Fragen. Sie gestehen zu, dieses Mädchen an jenem Abend unter dem Vorgeben, daß ich sie riefe, von hier fort und in ein Haus der Schande gelockt zu haben?«

»Es war eine Wette - ein Scherz! Die Aufregung, die Schönheit des Fräuleins - bei Gott, wir Männer sind alle schwach in solchen Augenblicken ...«

»Sie haben sich dabei eines Papiers bedient, das mit meinem Namen unterzeichnet war?«

»Ich erinnere mich nicht mehr ganz genau ...«

»Der Graf von Montboisier, wenn er zugegen wäre, würde im Stande sein, Ihre Erinnerungen aufzufrischen, denn er besitzt die Urschrift jener Büberei, mit der mir Fräulein Miron, Ihre Schwester, unzweifelhaft in Ihrem Auftrag das verhängnißvolle Papier entlockt.«

Der Banquier murmelte zwischen den Zähnen, daß den gefälligen Zwischenträger der Teufel holen möge, aber noch glaubte er sein Spiel nicht verloren. »So wahr ich lebe Herr Kapitain, ich weiß Nichts, was meine Schwester gethan hat mit Ihnen. Es ist eine Weiberlaune gewesen, die einfältige Neckerei eines eifersüchtigen Mädchens; denn auf Ehre, Herr Kapitain, ich weiß, daß Cora große Stücke

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auf Sie hält. Ich habe dieser Dame vielleicht gesagt, daß sie Freunde bei uns antreffen würde, aber bei Gott ...«

Die jämmerliche feige Lüge wurde von einer andern Seite unterbrochen.

Die Fleur de Mort hatte mit einer gewissen Aufmerksamkeit den Worten der Männer zugehört, ihre großen blauen Augen wandten sich wie fragend und Hilfe suchend bald von einem zum andern - eine Ahnung des Geschehenen schien in ihr aufzudämmern.

Plötzlich fuhr sie mit einem Schrei, der die Nerven der Hörer durchbebte, mit der Hand in den Busen und zog ein vergilbtes und zerknittertes Papier heraus, das sie hastig entfaltete und dem Offizier entgegenhielt.

»Lies, lies Hektor! Um Deiner guten Mutter willen, die mich gesäugt, wie ich unser kleines liebes Kind, Du hast mir diesen Brief geschrieben? ich war bei Dir?«

Die plötzliche Seelenangst des Mädchens hatte etwas so Rührendes, daß es den beiden Männern, ihren Vertheidigern, durch die Seele schnitt, und selbst der Verbrecher sich abwandte.

Der Kapitain hatte das Papier genommen - ein Blick darauf genügte ihm, es zu erkennen. Er küßte das Mädchen auf die Stirn und winkte Renaud, der eine Thräne zwischen seinen Wimpern zerdrückte und grimmig die Hand ballte.

»Ich war es Schwester, der sie schrieb - ich war bei Dir, Du weißt es! - Führe sie fort Renaud - zur nächsten Kapelle. Sie ist der Umgebung gewohnt und fürchtet sich nicht, allein zu sein.«

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Der Kolonist ergriff die Hand des Mädchens. »Komm, Mortelle!«

Sie lächelte süß, mit jenem raschen Sprung der Phantasie, welcher den umnachteten Geistern eigen ist, von einem Gefühl zum andern übergehend.

»Laß uns zu dem Kleinen gehen, Renaud,« sagte sie bittend. »Du bist gut, ich weiß es, und wirst es lieb haben, wie ich! Ich will Dir's zeigen Renaud! - ich will Dir's zeigen! aber Hektor soll es nicht sehen, bis es wieder die lieben süßen Augen aufschlägt und der starre Tod seine kleinen Glieder nicht mehr so eisig macht!«

Der Bruder führte sie mit sich fort; - mit jener sanften leidenden Geduld, die den Hauptzug ihres Charakters ausmachte, folgte sie ihm.

Sie hatten sich kaum entfernt, als der Banquier hastig auf den Offizier zutrat.

»Lassen Sie uns reden ein verständiges Wort, Herr Kapitain,« sagte er. »Es ist ein Unglück, was der Mademoiselle passirt ist, aber es ist tausend Mädchen vor ihr geschehen und wird tausend nach ihr geschehen. Ich will das Unrecht, das ich ihr gethan, vergüten auf jede Weise.«

»Wollen Sie das Mädchen heirathen?«

»Sie wissen selbst, lieber Freund, daß das unmöglich ist. Meine Hochzeit mit Fräulein Rougécü ist bestimmt, sie soll morgen vollzogen werden, ganz Paris weiß es, meine Ehre, der Credit unser Hauses steht bei der Heirath auf dem Spiel. Ich bin bereit, mit dem Mädchen mich abzufinden! Die Leute sind arm - ich werde ihr geben

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zehntausend - zwanzigtausend Franken, ich denke, das ist anständig bezahlt!«

»Elender!«

»Hören Sie Kapitain, lieber Freund - es thut mir leid, daß die schlimme Affaire zwischen uns passirt ist. Wir werden uns öffentliche Satisfaction geben, es hat Keiner was davon, daß er den Andern todtschießt, und die Sache ist damit abgethan. Ich weiß, Sie lieben meine Schwester. Ich bin dagegen gewesen, weil Sie arm sind und ein bloßer Kapitain und die Cora kann Marquis und Grafen bekommen, denn sie ist schwer. Aber ich habe meine Meinung geändert. Sie sollen die Cora haben, auf Cavalier-Parole, ich schaffe sie Ihnen!«

»Und Ihre Schwester?«

»Ich weiß, sie hält große Stücke auf Sie, sie ist verliebt in Sie, wenn Sie auch thut wie das Gegentheil. Das ist Weiberart, - ich kenne das - Sie sollen sie haben.«

»Dann Herr,« sagte der Offizier kalt - »wäre Ihre Schwester so verächtlich wie Sie. Wenn die Kugel für Sie entscheidet - dann bringen Sie ihr dies Papier und sagen Sie ihr, daß ihr schändliches Spiel mit einem ehrlichen Herzen die verdiente Verachtung selbst bei meinem letzten Athemzuge gefunden hat.«

Er zerriß das verhängnisvolle Papier und schleuderte es ihm vor die Füße.

Man hörte den schweren Schritt Renaud's, der zurückkam.

Er beantwortete den fragenden Blick des Freundes

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mit einem finstern Neigen des Kopfes. »Es ist, wie ich gedacht - sie pflegt und wartet die Gebeine des armen Wesens, dem sie in dieser Höhle des Todes, Gott allein weiß unter welchen Leiden, das Leben gegeben. Und jetzt zu dem da!«

Er trat auf den Banquier zu, seine Augen funkelten so wild, seine Hände ballten sich fest, daß Herr Leon von Miron erschrocken zurückwich.

»Keine Gewaltthat, die uns schänden würde Renaud,« sagte der Kapitain befehlend. »Du weißt, was wir unter uns abgemacht. Dieser Mann ist nicht werth, daß Deine Schwester seinen Namen trägt! - Laß uns zu Ende kommen!«

Der Banquier war aschbleich zurückgewichen, denn die erwachte Hoffnung war geschwunden und er sah ein, daß hier kein Entkommen war, bis er an das Pult stieß, das hier aufgestellt ist, um das Album zu tragen, in das die Besucher dieses unheimlichen Orts ihre Namen und vielleicht einen der sie bewegenden Gedanken einzutragen pflegen.

Der Kolonist blieb auf den Zuruf des Freundes stehen - aber ein Gedanke schien ihn plötzlich zu überkommen, denn er lachte grimmig auf.

»Du hast Recht Hektor,« sagte er entschlossen - »er aber soll wenigstens das ihre anerkennen.« Er wies mit dem Finger nach dem Buch. »Nimm die Feder und schreib!«

Sein Ton war so drohend, der Blick der funkelnden Augen so schrecklich, daß der Millionair, der Magnat der

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Börse dem Mann in der Blouse nicht zu widersprechen wagte, sondern zitternd gehorchte.

»In den Catakomben von Paris, am 3. Dezember ...«

Der Banquier schrieb mechanisch die Worte, ein kalter Schweiß perlte auf seiner Stirn und machte das Haar darauf fest kleben.

»anwesend Leon von Miron, Banquier aus Paris, mit seiner verlobten Braut Mortelle Samson, genannt Fleur de Mort ...

Schreib!« donnerte er, als der Bedrohte zögerte; - Miron schrieb!

»Sie sehen, daß ich Ihren Willen erfülle,« sagte er hastig - »wenn Sie darauf bestehen, ich bin bereit ...«

Der Kolonist überzeugte sich mit verächtlichem Lachen, daß sein Feind wirklich die Worte geschrieben, dann, ohne ihn einer Antwort zu würdigen, nahm er die Pistolen von dem Stein.

»Tritt an die andere Seite des Bassins Hektor, die Entfernung wird genügen. Wählen Sie eine dieser Pistolen Herr - ich habe sie beide geladen und Sie sehen, daß ich aus einer derselben jetzt die Kugel ziehe. Stellen Sie sich hierher, ich will Sie behandeln, als wären Sie ein Ehrenmann und nicht ein erbärmlicher Feigling, und Sie sollen jede Chance des Glücks haben, Ihr schlechtes Leben zu retten. Sobald ich Drei zähle, hat Jeder von Ihnen das Recht, gegen den Andern vorzutreten bis er die Mündung der Waffe auf seine Brust setzen kann und soll dann feuern!«

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»Das ist ein Mord, das ist kein Duell,« stotterte der Banquier. »Ich protestire gegen solche Bestimmungen!«

»Protestiren Sie beim Teufel, Memme, aber wählen Sie die Waffe oder ich trete an die Stelle des Kapitains und bei Gott, ich tödte Sie so oder so wie einen Hund!«

Obschon der Elende sich wie eine Memme benahm, wußte er doch, daß er kein schlechter Schütze war und oft genug auf der Schießbahn die Karte getroffen hatte, wenn er die Uebungen auch nur der Eitelkeit halber vorgenommen. Er vertraute demnach auf eine neue Niederträchtigkeit und auf sein Glück, denn er fühlte, daß es unmöglich war, dem Duell auszuweichen und raffte seine letzte Dreistigkeit zusammen, um wenigstens von der einen Chance, die ihm blieb, Vortheil zu ziehen.

»Herr Kapitain,« sagte er mit heiserer Stimme, »ich weiche dem Zwang und werde mich schlagen, aber ich berufe mich auf Ihre Ehre. Wenn ich das Unglück habe, Sie zu tödten, wer wird mich schützen vor diesem Mann?«

»Ich verpfände Ihnen mein Ehrenwort, daß Herr Renaud Samson Sie, wenn ich falle, ungefährdet auf den Platz zurückbringen wird, auf dem Ihre Freunde von der Polizei Sie erwarten. Renaud, ich habe für Dich gebürgt!«

Der Arbeiter nickte. »Ich gebe mein Wort - aber nach vierundzwanzig Stunden gehört er mir und ich werde dann eine doppelte Rache zu nehmen haben.«

»So komm zu Ende!«

Sie bemerkten es nicht, daß die aschfahle Farbe des Banquiers einer leisen Röthe Platz machte und er den

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Kopf niederbeugte, als lausche er einem entfernten, den Andern noch unhörbaren Geräusch.

Der Arbeiter war zu ihm getreten und bot ihm nochmals die gespannten mit frischen Zündern versehenen Pistolen. Kein Zeichen verrieth, welches die geladene war.

»Wählen Sie!«

Miron fuhr empor - seine häßlichen Augen funkelten, neue Hoffnung belebte ihn wieder und er ergriff eine der Pistolen.

Der Kolonist führte ihn auf seinen Platz; ihm gegenüber, an der andern Seite der Fontaine stand der Offizier ruhig und ernst, den Blick fest auf ihn gerichtet.

Renaud trat zur Seite.

»Eins!«

Der Banquier warf einen raschen, ängstlichen und dennoch hoffenden Blick zur Seite - man hörte in der Ferne ein Geräusch.

»Zwei!«

Renaud wandte sich um und sah unruhig nach der Richtung des im fernen Dunkel verborgenen Eingangs der schrecklichen Galerie - dann kehrte er sich rasch zu den Gegnern.

»Drei!«

Der Kapitain that, das Pistol in der Hand gesenkt, einen Schritt vorwärts.

Miron blieb auf seinem Platze stehen; trotz der neuen Chance die ihm geworden, bebten seine Knie und er sah wie durch einen blutigen Nebel seinen Gegner immer näher und näher kommen, das Pistol schwankte in seiner Hand.

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Der Offizier war höchstens noch drei Schritte von ihm, als der Erbärmliche mit einem Zusammenraffen aller seiner Kraft fest auf ihn anschlug und abdrückte.

Das Zündhütchen platzte von der Pfanne - aber es erfolgte kein Knall.

»Schurke!«

Renaud wollte auf ihn losstürzen, aber eine befehlende Handbewegung des Kapitains hielt ihn zurück.

Der Arm Mirons mit der trotz der niederträchtigen Handlung nutzlosen Waffe sank gelähmt nieder - die Finger öffneten sich und die Pistole fiel zu Boden.

Wie der Verurtheilte das Schwert des Rächers über seinem Haupte fühlt, sah er näher und näher den unversöhnlichen Feind kommen, und seinen Arm mit der tödtenden Waffe erheben.

Er wußte, daß er verloren war, obschon er mit den durch die Todesangst geschärften Sinnen jetzt deutlich vor dem Eingang der Galerie nahende Stimmen hören konnte.

»Nieder mit dem Buben, Hektor - es kommen Leute!«

Die Mündung der Pistole berührte die Brust - die Sinne des Börsenfürsten verwirrten sich, seine Augen starrten wie die eines Todten, mit dem Ruf: »Gnade! Gnade!« sank er in die Knie und breitete die Arme in die Höhe.

Einen Augenblick stand der Kapitain, die Pistole auf seine Stirn gerichtet, dann kehrte er sie um, faßte den Lauf und schlug den Elenden mit dem Kolben in's Gesicht.

»Memme!«

Blut stürzte aus Nase und Mund und mit einem

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Schrei fiel der Banquier besinnungslos nieder auf sein Gesicht.

In diesem Moment vernahm man ganz deutlich an der Thür der Galerie die Stimme des Grafen Montboisier.

»Oeffnen Sie die Thür, Herr - mir war's, als hörte ich einen Schrei. Wir wollen wenigsten unsere Pflicht thun.«

Mit einem gedankenschnellen Griff hatte Renaud Samson die beiden Fackeln aus ihren Ringen gerissen und in das Wasser des Bassins geworfen, wo sie zischend verlöschten.

Dann ergriff er die Hand des Freundes. »Folge mir - es sind die Gensdarmen! Mortelle hat die Lampe, sie soll uns begleiten und der Ausgang am Observatoire bringt uns in Sicherheit!«

»Aber er?«

»Seine Helfershelfer werden ihn finden! fort!«

Er zog ihn mit sich - in dem Augenblick, wo das Thor sich öffnete und Fackelschein den Anfang der Galerie erhellte, verschwanden sie im tiefem Dunkel zwischen den Schädelwäuden.

Der Polizeicommissair, welcher das Duell auf dem Platz der Barrière d'Enfer hatte verhindern und die beiden Antibonapartisten verhaften wollen, trat mit mehreren seiner Gensdarmen und den drei Sekundanten, begleitet von einem der Aufseher der Katakomben, in die Galerie.

Man hatte sehr richtig und auf das seit Jahren bei den Nachbarn des Fossoyeurs verbreitete Gerücht fußend, angenommen, daß die Entflohenen durch einen geheimen,

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ihnen unentdeckbaren Ausgang der Wohnung nach den Katakomben entwichen wären.

Der Commissair wollte wenigstens seine Pflicht erfüllen und hatte einen der anderen Aufseher wecken und den gewöhnlichen Eingang des unheimlichen Labyrinthes sich öffnen lassen.

»Von hier aus kam der Ruf, den ich gehört zu haben glaube« sagte der Graf.

Der Commissair trat einige Schritte vor, während der Aufseher die Fackel hoch hielt.

»Ist Jemand hier, der unserer Hilfe bedarf?« frug er laut. - »Herr Miron, wenn Sie hier sind, geben Sie Antwort!«

Nichts regte sich - man hörte nur das leise ferne Rauschen der Fontaine und das Säbelklirren der Gensdarmen - kein anderer Laut antwortete der Frage.

»Es ist unnöthig, daß Sie weitere Nachforschungen unternehmen,« sagte der Aufseher. »Wenn Renaud Samson bei den Personen ist, die Sie suchen, - hat er sich längst durch einen der geheimen Ausgänge in Sicherheit gebracht; denn er kennt die Katakomben, wie der alte Kerl, sein Vater!«

»Ich bin der Meinung des Mannes,« fügte der Graf bei. »Kapitain Fromentin ist ein Mann von Ehre, und wohin er auch in diesem Augenblick Herrn Miron gezwungen haben mag, ihm zu folgen, ich bürge dafür, daß er sich keiner unehrenhaften Handlung gegen ihn schuldig machen wird.«

Der Commissair begriff, daß alle weiteren Nachforschungen

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vor der Hand vergeblich sein mußten; er erklärte den drei Verhafteten, daß er bereit sei, sie gegen das Versprechen zu entlassen, sich auf Verlangen der Polizei zu stellen, und nach kurzer Verhandlung verließ die Gesellschaft die Galerie.

Das Thor wurde geschlossen - in der Halle des Todes herrschte die absolute Nacht und das Schweigen des Grabes.

Dann begann der Mann, den der Pistolenschlag des Kapitains zu Boden geschmettert, sich zu regen und ein tiefes Stöhnen bekundete, daß er aus seiner Ohnmacht zum Bewußtsein zurückkehrte.



Zur selben Zeit, als das eben Erzählte, sich in den unterirdischen Räumen der Katakomben ereignete, ging ungeduldig an dem Gitter vor dem Observatoire an der Seite desselben nach dem Place St. Jacques ein Mann dicht in den Mantel gehüllt, auf und nieder und murmelte von Zeit zu Zeit eine militairische Verwünschung voll Ungeduld oder Worte der Besorgniß.

Es war General Roguet, der auf den Befehl des Prinz-Präsidenten ihn hier erwarten sollte. Etwa zehn Schritt entfernt am Gitter lehnte eine große kräftige Gestalt, die eine schwere Last unter dem Mantel zu tragen schien. Das Klirren von Waffen, wenn sie sich bewegte, der martialische Schnauzbart und die straffe Haltung, wenn der General vorüberging, bewies, daß der Mann gleichfalls zum Militair gehörte, trotz seiner Civilkleidung.

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»Es ist bereits halb Eilf,« sagte der General vor dem Mann stehen bleibend - »und noch läßt sich Niemand sehen, der Teufel hole die unsinnige Geschichte. Sie sind doch überzeugt Robillot, daß die Leute gut versteckt sind?«

»So wie man seiner Sache überhaupt sein kann, General!«

»Sie dürfen sich unter keinen Umständen anders blicken lassen, als wenn man sie ruft. Sind Ihre Waffen in Ordnung?«

»Ja General!«

»Still - nennen Sie mich hier nicht so! Was zum Teufel schleicht da umher?«

»Es ist Nichts - zwei Burschen, die sich umhertreiben,« meinte der Militair, der schärfere Augen hatte, als sein greiser Vorgesetzter.

Es waren in der That zwei halberwachsene Knaben, die von der Straße Biron her an den Häusern umherschlichen, der jüngere Sohn des Invaliden Fromentin und sein würdiger Kamerad.

Die Beiden waren dem Kapitain und seinen beiden Sekundanten, wie sie sich vorgenommen, nach der Barrière d'Enfer nachgeschlichen und hatten unbemerkt dem Auftritt und der Flucht beigewohnt. Als Meister Jacques aus den Reden der zurückkehrenden Polizei-Agenten vernommen hatte, daß sie vergeblich in dem Hause des Fossoyeurs die Flüchtigen und den Banquier gesucht hatten und diese spurlos verschwunden waren, zog er sogleich denselben Schluß, daß es ihnen gelungen sein müsse, in die Katakomben

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durch jenen unbekannten Zugang zu entkommen, dessen sich der Fossoyeur offenbar bediente. Die Vermuthungen des Gamin gingen aber, auf seine nähere Kenntniß der unterirdischen Räume gestützt, weiter als die des Polizei-Kommissars und der Sekundanten und ließen ihn annehmen, daß die Flüchtigen unter der Führung Renaud's durch einen der nächsten geheimen Ausgänge der Verfolgung zu entkommen suchen würden.

Schon das Vergnügen, der Polizei einen Streich spielen zu helfen, wäre genügend gewesen, die beiden Burschen auf den Beinen zu halten, aber der Gamin liebte und verehrte seinen älteren Bruder trotz der Strenge desselben wirklich von Herzen und beschloß, alles Mögliche zu thun, um ihn aufzufinden. Sie waren daher bereits an einigen Stellen umher getrabt, wo - wie der Gamin theils wußte, theils gehört hatte, - Ausgänge der unterirdischen Gewölbe sein sollten und kamen zu gleichem Zweck jetzt nach der Straße St. Jacques.

»Es muß hier umher sein, Armand, verlaß Dich darauf,« sagte der Gamin, »aber ich weiß nicht, in welchem Hause, denn ich habe den Renaud früher nur einmal davon reden hören, und weiß nicht einmal ob der alte Keller nicht längst verschüttet oder vermauert ist.«

»Sapristi! Dann können wir ihnen lange nachlaufen, Paris ist groß!« meinte der junge Bourgeois.

»Meinetwegen geh nach Hause, Du hast keinen Bruder und brauchst ihm also auch nicht aus der Klemme zu helfen. Ich will eher die ganze Nacht umherlaufen, als mir

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sagen lassen, ich hätte nicht alles Mögliche gethan. Irgendwo werden sie doch zum Vorschein kommen!«

»Dort stehen zwei Männer und scheinen zu warten,« sagte der Andere. »Vielleicht haben sie Etwas gesehen, - man kann sie ja fragen!«

»Pesth! Das ist wahr, Du hast immer gute Gedanken!«

Der wartende General sah die beiden Burschen auf sich zukommen, als er plötzlich neben sich eine Kinderstimme hörte. »Können Sie mir sagen, wie viel Uhr es auf Notre-Dame ist?«

Ein zerlumptes Mädchen von zwölf bis vierzehn Jahren stand neben ihm, ohne daß er ihr Herbeikommen bemerkt hatte.

»Du kannst Denen, die Dich schicken, sagen, es wäre die höchste Zeit!«

»Ist das Geld bereit?«

»Das Geld ist hier aber bringt erst meinen Boten!«

»Oh pardon Monsieur! ich bin nicht so dumm, daß ich nicht gemerkt haben sollte, daß mehrere Männer in der Nachbarschaft verborgen sind. Der Tête-Renard wird sich nicht hierher wagen, wenn sie die Andern nicht fortschicken!«

»Ich weiß den Teufel von Deinem Fuchskopf,« brummte ungeduldig der General, »aber nicht einen Sous sollt Ihr haben, bis der Mann, den ich erwarte, zur Stelle ist und Du wenigstens sollst mir nicht fort, bis ich weiß, woran ich bin!«

Er faßte die Dirne am Arm, aber mit der Gewandtheit einer Schlange war sie ihm rasch entschlüpft und

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mehrere Schritte zurückgesprungen. »Da müßten Sie rascher sein, wenn Sie die Belette fangen wollen,« sagte sie mit frechem Lachen. »Aber ich habe gesehen, daß Sie da sind und das ist genug! Das Andere ist nicht meine Sache!«

Mit der Schnelligkeit und Gewandtheit des Thiers, dessen Namen sie trug, war sie verschwunden, ehe der General einen neuen Versuch machen konnte, sie zu ergreifen. Er wußte nicht, was er thun sollte und wollte eben seine versteckten Begleiter zur Verfolgung der Dirne herbeirufen, als ein zweimaliges schrilles Pfeifen von dem Eingang der Straße Leclerc ihn zögern ließ.

Zugleich kam das Mädchen wieder zum Vorschein, trat dreist heran und sagte: »Tête-Renard läßt Sie wissen, daß der Herr gleich hier sein wird! Ich mache mir Nichts daraus, alter Brummbart, Dir bis dahin Gesellschaft zu leisten!«

Zugleich hörte man das rasche Heranrollen eines Wagens.

Es war der Fiakre, mit dem der falsche Savoyarde und der Invalide zurückkehrten. Der Fossoyeur hatte sie schon an der Barriere verlassen.

Der Wagen hielt auf der Mitte der Avenue, der Savoyarde stieg allein aus und kam auf den General zu, den er zur Seite winkte.

»Guten Abend Freund! Sie sehen, ich bin glücklich zurück!«

»Gott sei Dank, ich war bereits sehr in Sorge!«

»Hat schon Jemand nach dem Gelde gefragt?«

»Diese Dirne da, ich wollte sie eben festhalten!«

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»Das wäre sehr thöricht gewesen. Geben Sie ihr das Geld! Wen haben Sie da zur Hilfe?«

»Meinen Ordonnanz-Sergeanten Hoheit?«

»Still - er darf mich nicht näher sehen. Lassen Sie ihn mit dem Mädchen gehen und das Geld dahin tragen, wohin sie bestimmt. Sie wird sicher die richtigen Personen in der Nähe haben. Haben Sie einen Wagen hier?«

»Ein Fiakre hält am Eingang der Straße Cassini.«

»Gut - ich werde ihn benutzen bis zum Place de la Concorde und durch den Ausgang nach den Elysäischen Feldern in das Palais zurückkehren. Sie werden mich in meinem Kabinet finden.«

»Erlauben Sie mir lieber, Sie zu begleiten!«

»Das geht nicht - ich bin jetzt in Sicherheit und man darf uns nicht zusammen sehen. Ueberdies habe ich einen andern Auftrag für Sie. In dem Wagen dort, der mich hierber gebracht, befindet sich der Invalide, der mich begleitet hat. Sie setzen sich zu ihm, fahren mit ihm bis in die Nähe des Palais und führen ihn in dasselbe. Bringen Sie ihn in ein bequemes Zimmer, wo ihm Nichts abgeht, aber stellen Sie eine Wache vor seine Thür und sorgen Sie, daß er mit Niemand ein Wort wechseln kann. Ich setze zwar volles Vertrauen in ihn, aber er muß unter allen Umständen an jeder Unvorsichtigkeit verhindert werden bis morgen Mittag, dann mögen Sie ihn entlassen mit einer guten Belohnung und der Anempfehlung unverbrüchlichen Schweigens. Haben Sie mich wohl verstanden?«

»Ja Hoheit!«

»So lassen Sie der Dirne das Geld geben und sagen

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Sie ihr die Worte: »Morgen um diese Zeit!« Noch Eins, - geben Sie mir etwas Geld - und bezahlen Sie den Fiakre, denn ich habe Nichts mehr bei mir.«

Der General bot ihm seine Börse, der Savoyarde nahm zwei Fünffrankenthaler.

»Auf Wiedersehen im Palais!«

Der alte Soldat wartete, bis er ihn in die Straße eintreten sah, dann ging er zurück zu dem Mädchen und rief seinen Begleiter herbei.

»Dieser Mann kann das Geld Dir tragen, wohin Du bestimmst. Sage Denen, die Dich geschickt, die Worte: Morgen um dieselbe Zeit!«

»Sie brauchen sich nicht zu bemühen, mein Alter, lassen Sie nur den Sack auf dem Platz und machen Sie, daß Sie fortkommen. Ich stehe Ihnen dafür, er wird seinen Herrn schon finden.

»Es ist Euere Sache,« sagte der General, der keine Lust hatte, sich mit der Dirne weiter einzulassen und eilte, zurück zu kommen. »Lege die Beutel auf den Boden Robillot und kümmere Dich nicht weiter darum. Sage dem Korporal, seine Leute nach der Kaserne zurückzuführen.«

Er ging nach dem Fiakre, sprach einige Worte mit dem Kutscher und dem im Innern harrenden Invaliden und setzte sich dann zu diesem.

Der Wagen rollte in der Richtung des Boulevard Mont Parnasse davon. Der Sergeant legte die drei Beutel auf die Erde, erwiederte eine obscöne Frechheit der Dirne mit einem derben Fluch und entfernte sich an dem Gitter entlang.

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Er hatte kaum den Rücken gewendet, als auf ein Pfeifen des Mädchens aus dem Schatten der Häuser ein Mann und eine Frau sich eilig näherten.

Es war der Tête-Renard und sein Weib. Der Kneipenwirth schoß wie ein Habicht auf die Dirne zu. »Hast Du das Geld?«

»Da liegt es - drei Beutel! Seht selber nach, Vater!«

Der Guillotinenwirth stürzte sich auf die Beutel, die der Sergeant zurückgelassen hatte, hob sie auf und befühlte sie. »Es ist Geld, richtiges Geld - das da sind Fünffrankenthaler, die zwei - und hier - es ist Gold nach der Schwere,« murmelte er. »Komm her Weib - nimm den einen, - nein, die zwei Beutel mit nach Hause und verstecke sie gut! Daß Keiner sie aufzumachen wagt - sie sind versiegelt. Ich habe zu thun und werde die Nacht fortbleiben. Alle Bursche, die noch kommen, schickst Du nach dem »Rosenstrauch« in der Cité und sagst ihnen, es wäre was los, sie sollten sich bewaffnen so gut sie könnten, und sich beeilen. - Ich schlage Euch Beide todt, wenn Ihr einen Laut von dem Gelde sagt!«

Die beiden Frauenzimmer folgten der erhaltenen Instruktion, der Kneipenwirth sah sich sorgfältig um, ob er allein an dem Platz, dann öffnete er in einiger Entfernung von der nächsten Laterne den Sack.

»Richtig,« murmelte er - »Fünffrankenthaler, schöne blanke Fünffrankenthaler - es ist eine Schande, daß man sie für die schlechten Bursche wegwerfen soll, aber die Schurken thun es nicht anders, als wenn sie Schnaps und Geld sehen! Man muß das Opfer bringen - aber

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das Andere! das Andere - ich hoffe, der Mann hält Wort. Nun Souloucque soll Barrikaden haben, daß er sich die Zähne daran zerbeißt!«

Er begann aus dem schweren Beutel, den er auf den Boden gesetzt, und neben dem er kniete, die Fünffrankenstücke mit voller Faust zu nehmen und sie in die zahlreichen weiten Taschen seines Rocks und seiner Beinkleider zu stecken, um die Bande, mit der er zu schaffen hatte, nicht seinen ganzen Vorrath sehen zu lassen und sie womöglich noch bei ihrem kärglichen Antheil zu betrügen.

Plötzlich fühlte er eine Hand auf seiner Schulter und eine muntere Stimme sagte: »Sapristi! mein Alter! Das ist eine angenehme Beschäftigung! Wir laden uns bei Dir zu Gaste!«

Die erste Bewegung, die der Tête-Renard machte, war ein Griff nach dem scharfen dolchartigen Messer, das er in der Seitentasche trug. Dann mit einem raschen Blick erkennend, daß zwei Personen ihm gegenüber standen, schrie er mit aller Kraft seiner kreischenden Stimme: »Diebe, Mörder!«

In demselben Augenblick hörte man innerhalb des Gitters des Observatoire in einiger Entfernung den Ruf einer Schildwache, »Halte là! - qui vive?«

Gleich darauf folgte ein Schuß!

Der Tête-Renard wiederholte seinen Ruf - von dem Place St. Jacques her vernahm man den rasselnden Trab einer Cavalerie-Patrouille, zugleich kamen aus verschiedenen Straßen Männer gerannt, - es war als ob mit jenem

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Hilferuf der ganze Platz vor dem Observatoire lebendig geworden wäre!

Wir müssen auf einen Augenblick zu den jungen Burschen zurückkehren, die wir um den Kapitain besorgt im Begriff verlassen haben, den General Roguet zu befragen, denn sie waren es, deren Muthwille jetzt den Tête-Renard erschreckt hatte.

Ihre erste Absicht war durch die Ankunft des Fiakre verhindert worden. Dann - in dem Schatten der Häuser verborgen, - sahen sie eine Scene sich entrollen, die sie natürlich nicht zu enträthseln vermochten, obschon ihre jungen scharfen Augen recht gut den Savoyarden wieder erkannten.

Der Gamin hatte keinen Gedanken daran, daß sein Vater, der Invalide, sich so nahe bei ihm in dem Fiakre befand.

Der Auftritt ging übrigens so rasch vor sich, daß der Wagen sich entfernte, ehe sie sich irgend eine Erklärung zusammengereimt hatten. Dann kam die Erscheinung des Tête-Renard und seine Prüfung des Geldbeutels, und die jungen Bursche konnten es sich nicht versagen, den alten Fuchs dabei zu stören.

Der Schuß innerhalb der Anlagen des Observatoire hatte ihre Aufmerksamkeit von dem Kneipenwirth abgelenkt und der echten Natur des pariser Gamins folgend, liefen sie dem Gitter zu, von wo der Lärmen und Stimmen erklangen.

Plötzlich auf dem Wege hörten sie den halblauten Ruf: »Hierher Renaud - hier muß die Thür sein!«

Jacques faßte seinen Freund. »Das ist mein Bruder, so wahr ich lebe! Er ist in Gefahr - geschwind ihm zu Hilfe.

»Hector, Hector!«

»Wer ruft?[«] - Jacques - bist Du es?«

Zwei dunkle Gestalten rannten an dem Gitter hin - die zweite schleppte eine dritte in ihren Armen mit sich.

»Ich kann nicht weiter Freund - die Aermste ist verwundet, ich fühle ihr warmes Blut auf meiner Hand.«

»Hier Hektor - hier ist die Thür!«

Der Gamin stieß sie auf - aber schon kamen von allen Seiten Leute herbei: die Schildwache vor dem Observatoire, die geschossen, als sie die Drei, welche durch den geheimen Ausgang in den noch aus der Römerzeit stammenden Fundamenten des Gebäudes ihre Flucht aus den Katakomben bewerkstelligt hatten, durch die Anlagen innerhalb des Gitters schleichen sah; - von den andern Seiten die Soldaten, welche die Vorsicht des Generals Roguet unfern der Stelle seines Rendezvous verborgen hatte, und vom Place St. Jacques her sprengte im vollen Galop die Lanzier-Patrouille heran.

Der Kapitain stand in der geöffneten Thür, die Pistole in der Hand, die er noch von der Züchtigung des Banquiers an der Source d'Oublie bei sich trug, und spannte den Hahn. Sein Gesicht drückte die finstere Entschlossenheit aus, die bereit ist, Alles zu wagen.

Zu ihm herbei keuchte der Kolonist. Er trug in seinen Armen die dunkle Gestalt der Schwester; ihr Kopf hing über seine Schulter und selbst in dem schwachen Licht

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der Laterne des Gitters konnte man sehen, daß ein dunkler Blutstrom von ihrem Halse über Nacken und Hände floß, die, sorgfältig in ein Kissen gewickelt, einen eigenthümlich anschauenden Gegenstand an ihre Brust fest gedrückt hielten, obschon er jetzt von ihrem Blute überströmt war.

Auf den ersten Augenschein schien es ein lebendes Kind zu sein, wie die Ammen und Mütter es einzuwickeln pflegen, denn man sah den Kopf in ein Häubchen gehüllt und die Arme in einem Jäckchen sich herausstrecken. Aber wer einige Schritte näher getreten, wäre entsetzt gewesen von dem genauern Anblick. Das Kind hatte offenbar längst das Leben verloren, vielleicht in der Stunde seiner unglücklichen Geburt, und war Nichts als ein kleiner in der eigenthümlichen Atmosphäre der Katakomben zu einem Skelett oder einer Mumie zusammengetrockneter kleiner Leichnam, dessen Aussehen in seinem kindlichen Aufputz nur Grauen verursachte.

Der Kapitain warf nur einen Blick auf die Unglückliche, dann streckte er drohend die Hand mit der Waffe aus.

»Platz da - gebt Raum, oder ich feuere!«

Der Gegner, der ihm gegenüberstand, war der Ordonnanz-Sergeant des Generals Roguet, zurückgekommen bei dem Ruf der Schildwache und dem Lärmen; er sperrte mit seiner breiten großen Gestalt den Fliehenden jetzt den Ausweg.

»Nicht so hastig Mann, nicht so hastig! Hier passirt Keiner, der nicht die Parole hat!«

Er griff nach der Waffe - der Kapitain drückte

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ab - der Hahn ließ das Zündhütchen explodiren, aber es erfolgte kein Schuß.

Miron - der Feige, Elende! hatte wirklich die geladene Pistole gehabt - die Hand des rächenden Gottes war über ihm gewesen!

Der Sergeant hatte mit Riesenkraft Kapitain Fromentin die ohnehin nutzlose Waffe entwunden, jeder Widerstand wäre vergeblich gewesen, denn die Wache des Observatoires sperrte den Rückweg und zwanzig Hände hatten die beiden Freunde gefaßt. Auch die Cavalerie-Patrouille war heran und der Offizier hielt vor den Gefangenen.

»Was ist's? was giebt's? Was habt Ihr hier Leute?« frug er, als er die Uniformen sah.

»Zwei Kanaillen von Rothen, mein Offizier! Die Kerle wollten die Schildwach überfallen oder lauerten hier zu noch Schlimmeren!« berichtete der Sergeant. »Pardieu, es hätte großes Unglück geschehen können, aber wir waren vorbereitet auf den Fall, wie Sie sehen!«

Die früher von General Roguet aus Vorsicht von der d'Orsay-Kasernenwache mitgenommenen Leute bestätigten es.

»Ich protestire gegen unsere Verhaftung, mein Herr,« sagte der Kapitain. »Wir haben mit dem Aufruhr Nichts zu thun und waren in unseren privaten Angelegenheiten hier, man hat eine nutzlose Grausamkeit verübt, indem man dieses schuldlose Mädchen verwundet hat. Im Namen der Ehre und Menschlichkeit fordere ich Ihren Beistand zur Rettung der Unglücklichen.«

Renaud hatte die sterbende Schwester auf den Boden gelegt, er kniete neben ihr und hielt ihren Kopf in seinem

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Schoos, ohne sich in seinem tiefen Schmerz um die Gefahr, die ihm selbst drohte, zu kümmern.

Die Kugel der Schildwache war durch ihren Hals gedrungen; von Zeit zu Zeit - wenn sie Odem holte, - drang eine dunkle Blutwelle aus der Wunde. Die beiden Knaben waren um sie beschäftigt, Meister Jacques gab seiner armen Freundin unter Thränen die zärtlichsten Namen.

»Hat man die Gefangenen mit den Waffen in der Hand ergriffen?« frug der Offizier der Patrouille.

»Ich hab' ihm selbst die Pistole aus der Hand gewunden Lieutenant,« berichtete diensteifrig der Sergeant.

»Dann fort mit Ihnen zu den Andern. Das Kriegsgericht wird ihr Urtheil sprechen. Bringt die Gefangenen nach der Kaserne d'Orsay!«

»Einen Augenblick mein Herr - ich war selbst Soldat und habe nur gegen einen schändlichen Angriff mich zur Wehr gesetzt. Sie werden uns von dieser Unglücklichen nicht trennen - vielleicht ist noch Rettung möglich!«

»Ich habe keine Zeit, hier zu verhandeln. Schafft meinetwegen die Dirne in's nächste Lazareth. Vier Mann die Gefangenen in die Mitte und wenn sie Widerstand leisten, sie niedergeschossen. Vorwärts die Andern!«

Er trabte an der Spitze des Pikets davon, vier Lanziers blieben zurück, die beiden Verhafteten zu transportiren. Die Soldaten, aufgestachelt schon zur höchsten Grausamkeit und Erbitterung gegen die vermeintlichen Rebellen, legten Hand an sie.

»Wenn Ihr Franzosen und Soldaten seid,« rief der

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Kapitain wild, »so achtet wenigstens dies Unglück. Wir wollen ohne Widerstand folgen, so bald wir gesehen, daß ihr Hilfe geworden!«

Die Sterbende machte eine Bewegung. Mit einer Hand drückte sie ihren traurigen Schatz an die Brust, die andere streckte sie nach dem Manne aus, den sie unbewußt geliebt.

»Unser Kind, Hektor - es lächelt wieder so süß, es ist nicht gestorben, Hektor - aber ich ...«

Selbst die erhitzten wilden Soldaten standen in ernstem Schweigen bei dem traurigen Anblick.

Die Augen der Fleur de Mort wurden größer und starrer, wie sie auf den Mann sah, den sie in dem unbefleckten Herzen getragen, so starr - so starr -

Ein leichter Schauder ging durch die Gestalt. -

Dann stand der Arbeiter, der Blousenmann, der Kolonist im fernen Algerien, unter den Löwen und Arabern der Wüste gestählt, auf und legte das Haupt der Schwester sanft auf die kalten Fließen des Platzes.

»Es ist nicht nöthig, nach dem Doktor zu senden,« sagte er finster. »Komm Hektor, der künftige Kaiser braucht Leichen, und diese da,« er wies verächtlich auf die Soldaten, »sind die Henker der Freiheit in dem Mord ihrer Brüder und Schwestern!«

Er fühlte den Kolbenstoß nicht, der ihn von der Faust eines der erbitterten Soldaten traf. Rohe Hände schnürten ihm die Arme auf den Rücken, während sein Auge an der todten Schwester hing.

»Fahr wohl, armes Kind!«

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Der Kapitain, der durch sein ruhiges männliches Auftreten den Soldaten imponirte, so daß er dem Schicksal seines Gefährten entging, suchte mit den Augen seinen jungen Bruder. »Die Stunde möge Dich zum Manne machen, Jacques,« sagte er ernst. »Bringe die Todte zu unserm Vater und sage ihm mein Lebewohl! Diene dem Vaterland, Jacques! Gott schütze Frankreich!«

Er reichte dem Bruder die Hand, die Reiter trennten sie. »Wir dürfen nicht länger zögern, Monsieur,« sagte der Unteroffizier, der sie führte. »Vorwärts mit den Gefangenen!«

Aus dem Knaben, aus dem leichtsinnigen, bloß seinem Müßiggang lebenden Gamin, war in dem Augenblick ein Mann geworden.

Er faßte die Hand seines Kameraden. »Folge den Soldaten, Armand, und sieh wo Hektor bleibt. Ich muß mit der da gehen! In Vater Tourons Haus findest Du uns Beide.«

Der Arme! - er ahnte nicht, daß die Habsucht ihm dem Lebendigen, und ihr der Todten, diese letzte Stätte bereits genommen.

Der Hufschlag der Eskorte rasselte die Avenue de l'Observatoire hinauf.

Man hatte eine Bahre geholt - zwei Männer aus dem Volke trugen die Todte - so ging der Zug nach der Rue des Catacombes.



Der Lieutenant von Reubel hatte sich an der Barrière d'Enfer von dem Grafen und dem Journalisten getrennt, nachdem der Polizei-Commissair ihnen erklärt hatte, daß er keine Ursach habe, sie in Haft zu behalten.

Man hatte vergeblich den in die Hände seiner Gegner gefallenen Banquier in den Katakomben gesucht. Obschon nach dem schlechten Streich der Herbeirufung der Polizei selbst seine Adjutanten keine sonderliche Theilnahme für sein Schicksal hegten, hatten sie doch den flüchtigen Nachforschungen der Gensdarmen schon aus Interesse daran beigewohnt. Unter dem Schutz des Commissairs kehrten sie jetzt nach der inneren Stadt zurück.

Der preußische Offizier, trotz seines Leichtsinns und seiner aristokratischen Vorurtheile ein muthiger und entschlossener Cavalier, hielt es für eine Ehrenpflicht, den Kapitain womöglich aufzusuchen. Auf sein Lokalgedächtniß sich verlassend, unbekümmert um die politische Aufregung in der Stadt, suchte er den Weg zurück nach dem Häuschen des Invaliden, indem er annahm, daß er dort zuerst erfahren könne, was aus dem Kapitain geworden.

Eine schreckliche und furchtbare Scene hatte bald darauf in diesem Hause gespielt.

Der Offizier mit dem Ortssinn des Soldaten hatte es bald wieder aufgefunden und klopfte an die Thür, bis die alte, allein zurückgebliebene Frau es hörte und ihm öffnete.

Der Kapitain war natürlich nicht da, eben so wenig, wie der Invalide und sein jüngerer Sohn. Um einen der

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Drei zu erwarten, wie er der alten Frau verständlich machte, setzte er sich an den Kamin.

Margarethe, die Aufwärterin, hockte sich wieder in ihren Winkel und war bald darauf eingeschlafen.

Der preußische Offizier hing seinen Gedanken nach über die Ereignisse des Tages; er war seit dem frühen Morgen auf den Füßen, um die politischen Vorgänge in Folge des Staatsstreichs zu beobachten und von den vielen Wegen und der Aufregung ermüdet. Obschon er unbewaffnet war, denn der Polizeicommissair hatte ihm wie dem Sekundanten des Gegners die zur Auswahl bei dem Kampfe mitgebrachten Pistolen abgenommen, war er ohne alle Besorgniß vor einer Gefahr, und daher, ehe eine Viertelstunde vergangen, auf seinem Stuhl am Feuer in einen ziemlich festen Schlaf gefallen.

Er hatte in diesem bereits längere Zeit gelegen, als zu dem Häuschen zwei dunkle Gestalten heranschlichen.

»Hoho,« sagte der Fossoyeur, denn dieser war einer der unheimlichen Gäste, »'s wär' ein Glück, 's wär' ein verteufeltes Glück, wenn der Bursche mit dem Gelde noch nicht fort wäre! 's giebt keinen Fiakre mehr in der Gegend und er muß zu Fuß gehen. Wir an der Straßenecke und den Sack über den Kopf. Schade, daß es jetzt nicht an Leichen fehlen wird, er ist jung und ich wüßte einen Käufer!«

»Es war unnöthig alter Gräberwurm,« murmelte sein Begleiter, der einen keulenartigen Stock in der Hand trug, »daß Du mich erst mitgeschleppt. Ich habe mich wegstehlen müssen, denn der Tête-Renard sagte mir, daß er mich noch brauchen würde diese Nacht. Wenn der Herr mit dem vielem Gelde

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auch hier gewesen, bildest Du Dir etwa ein, daß er auf uns gewartet hat?«

»Man kann nicht wissen, man kann nicht wissen Neb,« tröstete der Katakombenwächter. »Ohne Ursach ist der Herr nicht hierher gekommen zu dem alten Narren, dem Einarm und seinem Sohn, dem hochnäsigen Kapitain. Den Wagen hat er fortgeschickt und ich weiß, was ich gesehen habe. Alle Drei sind uns zu viel, wenn Du auch der Nebukadnezar bist; denn der Teufelsbraten, der Junge, ist auch da und würde das ganze Quartier in Aufruhr bringen. Her mußt ich doch, denn ich muß da drinnen etwas holen. Wir wollen spioniren Neb, wir wollen spioniren!«

Er hatte sich an das Fenster neben der Hausthür geschlichen und lauschte da hinein in die Küche. Plötzlich begann er mit Händen und Füßen zu arbeiten und zu winken, bis der ungeschlachte Kerl aus den Steinbrüchen herbeikam.

Der Fossoyeur zog ihn an's Fenster. »Ho ho! hi hi!« kicherte er leise, indem er sich die Hände rieb, daß die langen Finger unheimlich knackten. »Was siehst Du da? Baare zehntausend Franken, die Kadaver ungerechnet, ich schwöre Dir's!«

Der lange Kerl, der unter seinen Gefährten im Steinbruch den Namen Nebukadnezar führte, preßte sein breites Gesicht an die halbverblindeten Scheiben und versuchte die Gegenstände im Innern zu erkennen.

»Der Teufel soll mich bei lebendigem Leibe fressen, wenn ich was Anderes sehe, als einen Mann, der am

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Feuer schläft, und in einem Winkel ein altes Weib, die das Gleiche thut.«

Der Katakombenwächter hatte ihn vom Fenster in das Vorgärtchen zurückgezogen, aus Besorgniß, daß sie gehört werden könnten.

»Er ist es,« sagte er mit diabolischer Freude, »ho ho der Mann mit den zehntausend Franken wie er leibt und lebt. Siehst Du nicht, daß wir Glück haben, Todtschläger? Wenn er nicht allein im Hause wäre, würde er nicht da am Feuer sitzen - das ganze Nest ist ausgeflogen bis auf ihn!«

»Was ist zu thun?« frug der Steinhauer, dessen Augen zu funkeln begannen.

»Wir müssen's zu Ende bringen, eh' sie zurückkommen. Der Einarm kann nicht mehr lange bleiben. Geh hinein Bullenbeißer, und laß ihn Deine Keule kosten. Schlag ihn zu Boden, Neb, schlag ihn zu Boden! nur kein Eisen, Du weißt, ich kann's nicht sehen von meinem Großonkel her. Ich steh hier Wache, daß sie uns nicht überraschen und wenn Alles vorbei, theilen wir wie zwei ehrliche Leute!«

»Aber das Weib, wenn sie Spektakel macht?«

»Sie ist taub wie ein Kirchthurm! Zu Boden mit ihr, zu Boden mit ihr Neb - gieb ihr einen Fußtritt, daß sie bis zum nächsten Morgen die Engel pfeifen hört!«

Er hatte unter dem Gespräch aus der Tasche seines Rocks eine Art Kapuze gezogen, die über den ganzen Kopf ging und nur für die Augen, den Mund und die Ohren Oeffnungen ließ.

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»Was zum Teufel machst Du da Gräberwurm?« frug der Bandit.

»Still Neb, still - Dich kennt man nicht, aber mich. Und jetzt an's Werk - mach's kurz, Nebukadnezar, aber kein Messer, hörst Du, kein Messer!«

Er führte ihn selbst bis an die Thür und probirte sie leise - die Thür war unverschlossen und er öffnete sie. Der Steinbrecher trat, die Keule in der Faust, in die Küche.

Das Feuer des Kamins war am Verlöschen und erhellte nur matt noch den Raum.

Der Offizier schlief von der Ermüdung des Tages zwar fest, aber mit dem Instinkt des Soldaten erwachte er sofort, als durch die geöffnete Thür ihn ein kalter Luftzug traf.

Er öffnete halb die Augen, dehnte sich auf dem Stuhl und sagte: »Ich habe wahrhaftig geschlafen! - Sind Sie es Kapitain Fromentin?«

Plötzlich fuhr er empor und stand vollkommen wach auf den Füßen, denn er hatte durch die Thür eintretend eine große ihm unbekannte Gestalt erblickt.

»Wer sind Sie - was wollen Sie?«

»Dein Leben und Dein Geld Hund!« schrie der Steinhauer, indem er seine Keule zum tödtlichen Schlage ausholend auf ihn zusprang.

So unerwartet der Angriff und so furchtbar der Feind war, so verlor der junge Offizier doch nicht seine Geistesgegenwart. Wir haben bereits gesagt, daß er bei allem Leichtsinn und aller Süffisance des Charakters, erhöht durch

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die Gesellschaft, in der er sich bewegt, tapfer und muthig war, wie Alle seines Geschlechts.

Im Augenblick, als der Schlag fiel, sprang er zur Seite und entging so dem tödtlichen Hiebe, der unfehlbar seinen Schädel zerschmettert hätte und wenn er von Eisen gewesen wäre. Ein rascher Blick umher überzeugte ihn, daß Nichts im Bereich seiner Hand, mit dem er sich wehren konnte, als der alte Tisch, hinter den er retirirt war, und mit aller Kraft diesen fassend stürzte er ihn gegen den Feind.

Der fallende Tisch traf mit seiner Kante die Schienbeine des Steinbrechers, der laut aufbrüllte vor Schmerz; - desto wüthender gemacht, sprang er auf's Neue mit geschwungener Keule gegen sein Opfer.

Aber der Offizier hatte hinter sich die Thür zu der Kammer des alten Invaliden und seines Sohnes gefunden, sie mit einem raschen Griff geöffnet und sich hinein geflüchtet. Er warf sie in's Schloß und schob den glücklicher Weise vorhandenen leichten Riegel vor; der Schlag fiel gegen die Thür, aber er war so gewaltig, daß er das obere Fachwerk der dünnen Bretter durchbrach.

Bis jetzt war - außer den ersten Worten - die schreckliche Scene ohne einen Laut gespielt worden, jetzt aber erhoben sich zu gleicher Zeit drei Stimmen; denn vom Eingang her schrie der Fossoyeur seinem Genossen zu, die Thür rasch einzuschlagen, der Offizier rief: »Mörder! Mörder!« und die alte Frau, erschrocken trotz ihrer Taubheit aus dem Schlaf auffahrend, hing sich kreischend von hinten an den Steinbrecher.

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So gering die Kraft der armen Frau war, so hinderte ihre Umklammerung doch den Räuber und indem er sich gegen sie wandte, faßte er die um Hilfe schreiende mit seinen gewaltigen Fäusten am Halse und schleuderte sie so heftig gegen die Wand, daß sie bewußtlos zusammenbrach.

Als er sich aber nach der Thür zurückkehrte, fand er diese geöffnet und sich einem entschlossenen und bewaffneten Gegner gegenüber.

Indem der Offizier sich umgesehen, wie er den schwachen Widerhalt der Kammerthür verbarrikadiren könne, bis ihm Beistand würde, wurde sein Auge von einem glänzenden Gegenstand gefesselt.

Durch die eingeschlagene Oeffnung der Thür fiel ein Strahl des verlöschenden Feuers in die dunkle Kammer und blitzte auf blank geputztem Stahl - es war der Säbel des alten Soldaten, der über seinem einfachen Lager hing.

Im Nu hatte er sich dessen bemächtigt, er fühlte sich noch einmal so stark und muthig, als er den scharfen Stahl in seiner Hand hatte, und als er zugleich das Jammergeschrei der alten Frau hörte und durch das Loch der Thür sie mit dem Mörder ringen sah, öffnete er diese ohne Weiteres und machte sich bereit, ihr zu Hilfe zu eilen.

Ehe der Steinbrecher seine schwere Waffe, die er hatte auf den Boden fallen lassen, um die Frau zu würgen, wieder aufheben konnte, erhielt er einen Säbelhieb, der ihn durch eine Wendung jedoch nur in die linke Schulter traf.

Der Mörder stürzte mit einem Brüllen der Wuth auf

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den Offizier los, unterlief den Säbel, umfaßte den Feind und fiel mit ihm zu Boden, wo sie zwei Mal übereinander rollten, ehe der Steinbrecher des kräftigen Widerstandes des jungen Mannes Herr wurde und auf ihm lag.

Der Fossoyeur sah jetzt vom Eingang her, wo er sich mit teuflischer Lust die Hände rieb und seinen Gefährten durch einzelne Zurufe antrieb, einen grauenhaften Kampf. Er sah, wie die Faust des Steinbrechers, die sich aus der Umklammerung losgemacht, zwei Mal auf den Kopf des Fremden niederfiel und das Gesicht desselben sich mit Blut übergoß.

Dann plötzlich, wie von einer Feder in die Höhe geschnellt, sprang der Mörder auf beide Füße - seine Augen rollten grauenvoll, seine Hände fuhren nach der Brust und mit dem Schrei: »Zu Hilfe ...« stürzte er lang zu Boden.

Er war todt.

Einige Augenblicke blieb der Katakombenwächter wie versteinert stehen und glaubte seinen Augen nicht trauen zu dürfen. Als er aber auch den Fremden regungslos auf dem Estrich der Küche liegen sah, überzog ein teuflisches Frohlocken sein Gesicht. »Ho ho!« lachte er grinsend - »das wäre, Dein Antheil für mich, Todtschläger, Dein Antheil für mich!«

Damit sprang er in die Küche und zu den Körpern hin. Das Räthsel löste sich ihm hier sogleich. Der Offiziers im letzten ohnmächtigen Ringen unter seinem riesenstarken Feind liegend, hatte in dem Strickgürtel desselben das lange Messer gefühlt, dasselbe durch eine glückliche

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Bewegung, als der Steinbrecher zum zweiten Mal seine Faust auf ihn niederschmetterte, herausgerissen und ihm grade in's Herz gestoßen.

Das Messer lag neben ihm, der todte Feind gleichfalls. Aber auch der Sieger rührte sich nicht mehr, und Blut bedeckte sein Gesicht - die Faustschläge des Mörders hatten ihn getödtet oder vollständig betäubt.

Der Fossoyeur hielt sich nicht bei einer langen Untersuchung auf, sondern kniete neben dem bewegungslosen Körper nieder, faßte nach seiner Brust und zog das Portefeuille aus der innern Tasche des Rocks, das seine Habgier erregt hatte.

Seine Augen funkelten unter der Kaputze in dämonischem Frohlocken, als er es an sich drückte und aufstand. »Nebukadnezar, großer Neb! wirst keinen mehr todtschlagen! Schade, schade um die schönen Leichen - aber fünftausend Franken sind besser!« Er sah in der Küche umher und auf die drei auf dem Boden liegende Körper. Dann ging er bedächtig zu dem Kamin, griff auf dem Rand umher, bis er das Goldstück fand, beliebäugelte es und steckte es behaglich in die Tasche.

»Ein braver Kerl! Guter Kunde, hat richtig Wort gehalten! - Aber was thu ich mit den[dem] da? Schade, schade, wäre ein Fressen für die Doktors gewesen, der Nebukadnezar! Muskeln wie Stahl und einen Leib wie ein Elephant! Hätten mindestens sechszig Franken dafür geben müssen!«

Er stieß mit dem Fuß in das Feuer, bis die Kohlen auf's Neue in die Höhe loderten, dann nahm er den längsten Brand und ging damit nach der Kammer der

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Haushälterin. »'S ist das Beste,« murmelte er - »wer kann sagen, was geschehen, wenn der alte Narr, der Einarm, zurückkommt und nichts findet als Kohlen, nichts als Kohlen. Ho ho! Schön zu wärmen, schön zu wärmen!«

Einen Augenblick nachher kam er zurück. Er überlegte kurz, ob er nicht vorher noch die Hausgelegenheit einer kleinen Plünderung unterwerfen sollte, aber es schien ihm doch räthlicher, sich aus dem Staube zu machen; denn aus der Kammer der alten Frau, wo er den Feuerbrand in das Bett geworfen, drang bereits Rauch und Qualm. Aber indem er eben nach der Thür schlich, hörte er hinter sich kreischen: »Mord! Mord! haltet den Dieb!« und eine Hand faßte seinen Rock.

Es war die Haushälterin, die, von dem Falle wieder zu sich gekommen, ohne Ueberlegung in der Todesangst auf's Neue um Hilfe schrie.

Der Fossoyeur wandte sich wie ein Tiger nach ihr um - er begriff, daß ihr Geschrei trotz der Einsamkeit der Gegend in Verbindung mit dem Brande ihm Verfolger auf den Hals hetzen und die sichere Beute entreißen könne. Er warf sie zu Boden, kniete ihr auf die Brust und würgte sie[.]

Nur der Schein der verglimmenden Kohlen und der rothe Qualm, der aus der offenen Thür der Kammer schlug, beleuchtete diese letzte Scene des Morddramas.

In diesem Augenblick schlug eine helle jugendliche Stimme an das Ohr des Fossoyeurs: »Herr Gott! unser Haus brennt! Hilfe! Hilfe!«

Es war Jacques, welcher den Trägern der Mortelle

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voraus geeilt war, um in dem Häuschen seines Vaters die Aufnahme der armen Todten vorzubereiten.

Der junge Mensch riß die Thür auf und blieb voll Entsetzen auf der Schwelle einen Moment stehen. Der Luftzug fachte die Flamme hoch auf und in ihrem Schein sah er zwei blutige Körper am Boden und die dunkle Gestalt des Fossoyeurs, der hastig sich von der halb erwürgten schreienden Frau erhob und die Stufen zu dem Gange hinauf floh, der zu dem Zimmer des Kapitains führte.

Dann, wie der Jagdhund hinter dem Wild, stürzte der Gamin hinter der schattenartigen Gestalt her mit dem Geschrei: »Diebe! Mörder! Haltet ihn!«

Bei der Verhaftung seines Bruders hatte er in der Ueberraschung nicht an das Terzerol gedacht, das er aus der Wohnung mitgenommen; jetzt aber hatte er rasch die Hand unter seiner Blouse und im Augenblick, da er die dunkle Gestalt des Fliehenden sich aus dem Fenster des Zimmers stürzen sah, knallte sein Schuß hinter ihr drein.

Aber er hatte keine Zeit zur weitern Verfolgung oder sich um das Resultat des Schusses zu kümmern; denn vor dem Hause ertönte jetzt der gellende Ruf mehrerer Stimmen: »Feuer! Feuer!« und der Dampf und Qualm schlug bereits bis zu dem Zimmer, in welchem er sich befand. Indem er nicht wußte, ob es nicht vielleicht galt, noch seinen Vater zu retten, stürzte er zurück nach der Küche, aus der die Träger der Leiche eben die kaum wieder zu sich gekommene alte Frau und den bewußtlosen blutenden Fremden schleppten.

Er sprang in die Kammer des alten Invaliden, sie

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war leer! Er rief seinen Namen in Todesangst, erhielt aber keine Antwort. Die Gluth der jetzt hoch aufschlagenden Flamme zeigte ihm, daß der am Boden liegende Todte wenigstens nicht sein Erzeuger war!



Undurchdringliche, absolute, wie ein Gewicht lastende Finsterniß ringsumher.

Nur das leise Rauschen der Fontaine machte diese schreckliche Grabesstille noch unheimlicher.

Und ein Grab war es in der That - das Grab ganzer Geschlechter, die hier ihre ewige Ruhe gefunden.

Ein leiser Seufzer hallte durch das Todtengewölbe - dann ein zweiter, dritter - ein stärkerer Odemzug - Leon von Miron, der Geldbaron, erwachte aus seiner Ohnmacht.

Als er zuerst die Augen aufschlug und in die undurchdringliche Finsterniß um sich her starrte, glaubte er, er sei blind oder im Schlaf; erst der Schmerz seines zerschlagenen mit Blut unterlaufenen Gesichts führte ihm die Erinnerung zurück.

Er besann sich auf das Geschehene, auf die Forderung, wie er nach der Barriere gekommen, auf das Erscheinen der Polizei, seine gewaltsame Entführung, den schrecklichen Weg, auf das Duell -

Dort - ja - das Rauschen war das Wasser der unterirdischen Fontaine, an der er gestanden.

Allmächtiger Gott! - er war in den Katakomben - und allein! Der übermüthige blasirte Dandy,

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der hochmüthige Millionair fühlte, wie das Haar auf seinem Kopfe sich sträubte und eine schaurige Kälte durch seinen Leib rieselte.

Er hatte sich aufrecht gesetzt, aber er wagte anfangs nicht einmal, sich weiter zu erheben, ja er wagte nicht einmal zu schreien, um das Echo dieser Todtengewölbe nicht zu wecken, das noch schrecklicher sein mußte, als die absolute Stille. Die gräßliche Umgebung schien aus der Erinnerung des Fackelscheins von vorhin wie mit Tageshelle um ihn zu stehen und der Gedanke an die Todtengebeine umher machte das Mark in den seinen erstarren.

Er wußte nicht, wie lange er hier gelegen, ob Stunden, ob Tage. Er fühlte nach seiner Uhr, aber er wagte nicht, sie repetiren zu lassen. Endlich kroch er bis zum Rande der Fontaine und kühlte mit dem Wasser sein brennendes Gesicht.

Er dachte an alles Mögliche, an die Guerin und sein Opfer, an seine Pferde und seinen Jockey, an den alten Geldwucherer seinen Vater und die glänzenden Säle und Kreise, in denen er sich übermüthig zu bewegen gewohnt war, an den Grafen und die Oper, an seine Hochzeit und ...

Plötzlich fiel ihm ein, daß er hier so gut wie lebendig begraben sei und ein entsetzliches Geschrei entrang sich seiner Brust.

Es war, als ob der Ton einen schweren Bann von ihm nehme, denn er wiederholte das Geschrei nochmals mit aller Kraft seiner Lungen: »Hilfe! Hilfe!«

Es wäre für ein menschliches Ohr gräßlich gewesen,

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dieses Angstgeschrei anzuhören, - aber es hörten es nur die Todten.

Endlich verstummte er - die Kraft seiner Lungen war zu Ende.

Nun kamen wieder die Gedanken - die Ueberlegung. Er fühlte, wie die entsetzliche Furcht, eine wahnsinnige Furcht, daß er allein hier sterben müsse, gleich einem Vampyr sich kalt an sein Herz saugte, und er nahm alle Kraft zusammen, um dagegen zu kämpfen und über seine Lage nachzudenken.

Zuerst erinnerte er sich, daß er in einem Theile der Katakomben sich befand, der zu den bekannten gehörte. Wenn er auch damals, als er die Tochter Samson's aufgesucht, nur bis in die Vorhalle des unterirdischen Reichs gekommen, er wußte, daß die schreckliche Quelle, deren Rauschen er neben sich hörte, nur einige hundert Schritt weit von dem Eingang lag.

Sein Verschwinden mußte sicher seine Freunde auf die Annahme führen, daß er in die Katakomben geschleppt worden sei.

Man würde also kommen, ihn zu suchen, ihn oder seine Leiche - seine Leiche! er entsetzte sich bei dem Gedanken.

Aber wann?

Warum war man nicht jetzt schon gekommen ihn hier zu suchen? Er hatte doch in den letzten Augenblicken vor der Katastrophe das Nahen seiner Freunde gehört, er hatte selbst ihre Stimmen vernommen mit dem geschärften Ohr der Angst, und das allein hatte ihm den Muth gegeben,

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sich dem Kapitain zu stellen. Wo waren sie? - Warum waren sie nicht hierher gekommen? Verfolgten sie vielleicht seine entflohenen Gegner? Die Polizei war doch so gut von ihm bezahlt worden und hatte eine noch bessere Belohnung zu erwarten! Montboisier würde sicher darauf dringen, ihn zu suchen - aber - war es nicht grade Montboisier gewesen, der ihn an den Kapitain verrathen? Wollte nicht auch Montboisier seine Schwester heirathen und hatte er es nicht verhindert? Verdoppelte sich durch seinen Tod nicht ihr Vermögen?

Die Angst, alle die quälenden Ideen eines schlechten egoistischen Charakters begannen ihn auf's Neue zu verwirren. Er fühlte durch alle diese Besorgniß hindurch, daß wenn er nur auszuhalten vermöchte, in Zeit von wenig oder vielen Stunden seine Lage sich ändern müsse - denn bis hierher an die Stelle, wo er sich befand, mußten die Aufseher oder Fremden öfter kommen.

Aber er fühlte auch, daß es ihm unmöglich sein werde, so lange geduldig zu warten, daß er vor Angst und Grauen vorher sterben würde.

Ein Tod aus Furcht - mitten zwischen den Todten, wie entsetzlich mußte das sein!

Er raffte seine Erinnerung zusammen, er wußte ganz deutlich, daß der Eingang der großen Galerie sich auf der Seite der Fontaine befinden müßte, auf der er saß. Er hatte ihn zwar bei dem kurzen Lichtkreis, den die Fackeln seiner Entführer warfen, nicht gesehen, aber er erinnerte sich, daß von jener Seite das Geräusch, die Stimmen gekommen waren. Wie wenn er sich in dieser Richtung

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fortschleppte - nur immer grade aus, dann mußte er ja an den Eingang kommen - er war vielleicht offen - jedenfalls konnte von dort seine Stimme am Ersten ein menschliches Ohr erreichen und ihm Hilfe herbeiführen! - dort war Leben - Luft - Licht - er mußte es wagen!

Dennoch trennte er sich nur ungern von dem Rauschen der Fontaine - es kam ihm jetzt nicht mehr so grauenvoll, vielmehr wie etwas Lebendiges in der entsetzlichen Oede vor. Er beschloß, mit der größten Vorsicht fortzuschreiten und immer auf das Geräusch zurückzuhorchen.

Noch einmal orientirte er sich - er bedachte nicht, daß der Kreis des Bassins von vorn herein nur einen sehr unbestimmten Anhalt für eine bestimmte Richtung geben könne, daß ein gewohntes Geräusch noch lange in den fieberhaft erregten Nerven des Ohrs forttönt, auch wenn es factisch längst nicht mehr gehört wird. Er that den ersten Schritt, den zweiten - dann ging er langsam immer weiter und weiter.

Das Geräusch des Wassers - der Quelle des ewigen Vergessens! - blieb hinter ihm, aber er hörte es doch.

Plötzlich stieß er mit Schulter und Kopf an einen Gegenstand - er streckte unwillkürlich die Hand aus - es rasselte neben ihm, über ihn her kollerten Schädel und Gebeine - die gräßlichen Knochen berührten das Fleisch seiner Hände, seines Gesichts, das noch warme lebendige Fleisch!

Mit einem grellen Schrei der Angst sprang er zurück und floh - wieder und wieder stieß er an die Knochenwand und wieder und wieder rasselte es über ihn

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her von den hundertjährigen Todtengebeinen - sie schienen lebendig um ihn zu werden, die grauenhaften Besitzer des unterirdischen Reichs schienen den Eindringling, den Störer ihrer Ruhe zu verfolgen und mit den Knochen und Schädeln hinter ihm drein zu werfen - eine entsetzliche gespensterhafte Jagd.

Und dazu die absolute - die dichte Finsterniß!

Er floh und floh - jede Richtung hatte er längst verloren - zuletzt, kroch er nur noch auf Händen und Füßen weiter - bis er wieder mit dem Kopf und den Händen an eine jener gräßlichen Wände stieß, auf's Neue emporsprang, und mit einem Geheul der Angst weiter taumelte.

Endlich waren trotz der Anspannung der Nerven seine physischen Kräfte erschöpft, und er sank regungslos auf den Boden.

Seine Brust hob sich keuchend, seine Sinne begannen sich zu verwirren, vor seinen Augen war es Licht ringsum - er erinnerte sich von den berühmten Bildern in Deutschland, den Todtentänzen gelesen, ja selbst ein Mal ein solches auf seinen Reisen gesehen zu haben - und jetzt formten sich die Schädel und Knochen zu Gestalten, zu Männern, Frauen und Kindern - mit prächtigen Gewänden und Lumpen behängen - zu Fürsten und Bettlern, zu Buhlerinnen und tapfern Soldaten. Alles, was er je von dem unterirdischen Labyrinth und seinen Bewohnern gehört hatte, kam ihm in Bildern und Gestalten in die Erinnerung und diese Gestalten tanzten in schaurigen

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Reizen um ihn her, auf und nieder, von der Decke bis zum Boden, in wilden sinnverrückenden Sprüngen.

Da - aus jenem bleiernen Sarg hebt sich eine stattliche Frauengestalt, ein weites hochgeschürztes Seidengewand um die knöcherne Hüfte, Schminkpflästerchen auf der Wange des Schädels, über den fußhoch die Frisur nickt - das ist die Pompadour! hei wie die im Leben so stolze und hoffärtige Metze, die Könige zu ihren Füßen sah und Europa mit dem Schlag ihres Fächers regierte, jetzt hüpft und springt und gefällig mit dem Kopf wackelt und die Hand dem langen Schweizer reicht, dessen Knochenfaust noch den Degen schwingt: Vive le roi! obschon das Beil des Sansculotten ihm den Schädel bis zur Nasenwurzel gespalten! Und dort die kopflose Schaar, die vornehmen Marquis und stolzen Damen, die alten Seigneurs mit den langen Manchetten und gestickten Kleidern, die auf dem Schaffot noch Meister Samson bitten, ihren Busenstreif nicht von plebejischen Händen zerknittern zu lassen! Wo ist der ruhige hochmüthige Blick, der über jenes Meer der rothen Mützen und drohende Fäuste schweift und das Eisen der Guillotine prüft, welches das Leben eines königlichen Märtyrers durchschnitten, - wo ist der Kopf selbst? Warum hat der blutige Vorfahr Samsons nicht gesorgt, daß die zerbissenen Körbe mit den gefallenen Köpfen zu diesen Leibern gekommen, daß die stolzen Aristokraten des Tombeau de la Révolution jetzt ohne Köpfe den Reigen um den Störer ihres Friedens tanzen müssen?! Und dort der wilde Blousenmann, der Barrikadenkämpfer von 1830 und aus dem Junigemetzel - wie er die Faust hebt gegen die

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Mörder Cavaignacs, deren Bayonnet seine Brust durchbohrt hat! Freue dich blutiger Socialist, Narr der Herren Blanqui und Ledru Rollin, die ruhig im Londoner Austernkeller deines Grabes spotten - freue dich, denn droben über deinem Haupt in den Straßen deiner Stadt heben sich auf's Neue die Barrikaden und die aufgehende Sonne wird ein Blutbad sehen, grausiger als jenes, zu dem du den rothen Saft des Lebens gesteuert, der einmal bestimmt scheint, der nothwendige Kitt aller Geschichte zu sein!

Aber das dunkle Gewimmel dahinten, die gemischten Gebeine aus den Gräbern der alten Stadt Paris - hui, wie es durcheinander wogt und wirrt! da die eisenbedeckte Brust des tapfern Ritters aus der Zeit Franz des Ersten! Der Schädel mit dem schmucklosen Bürgerbaret, das sich tief zur Erde neigt vor dem gefürchteten Barbier des großen Bändigers und Henkers der Feudalen! - jener Arm schwang vielleicht die Partisane gegen den englischen Eindringling zur Zeit der Jungfrau! - jener Frauenleib lag mit der Todeswunde auf dem Pflaster von Paris, während die Sturmglocke von Saint Germain l'Auxerrois zum Morde der flüchtenden Hugenotten heulte oder der grimmige König aus den Fenstern des Louvre die Arquebuse auf seine Bürger richtete; oder er zitterte gar vielleicht den wollüstigen Genüssen der petits soupers der Regentschaft entgegen!

Und dort das hohläugige, schwärbedeckte Gesindel, das sich näher und näher drängt - das ist das Contingent der Pesth, die drei Mal die mächtige Stadt verheert - des schwarzen Todes - der Cholera!

Immer gewaltiger und gewaltiger schwillt die Zahl

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der Todten, immer wilder, phantastischer wird der tolle Cancan der Gräberwelt um ihn her! Er preßt die Hände vor die Augen - aber durch die Hände hindurch sieht er die entsetzlichen Gebilde. Er versucht zu beten - aber wann hätte der blasirte Thor, der nur den Gott des Goldes kannte, das Wort gefunden zu jenem Gott, der die Gräber öffnet, um die Müden nach ihrer Ruhe zur ewigen Verklärung zu rufen!

Der Banquier begann zu fühlen, wie Nerv auf Nerv in seinem Kopf riß - wie seine Vernunft wich und der finstere, schreckliche Wahnsinn die feurigen Krallen in sein Gehirn schlug.

Da - hatte der Hahn gekräht, daß der teuflische Spuk verschwand? - dämmerte die Morgenröthe am Horizont, daß die schrecklichen Gespenster zu ihren dunklen Gräbern zurückflohen?

Aber es war ja Nacht um ihn, tief unter der Erde, wohin kein Hahnenschrei dringen, die kein Strahl der Morgenröthe erleuchten konnte. Dennoch war es wirklich ein Geräusch, der Ton einer Stimme, der Tritt eines Fußes - dennoch brach sich wirklich an jenen Schädelwänden der Widerschein eines näher kommenden Lichts!

Die Zeichen der Wirklichkeit verscheuchten im Nu die wirren Gestalten der schrecklichen Phantasieen.

Der Unglückliche, bereits halb Wahnwitzige, richtete sich auf seinen Knieen empor - der Gedanke an Tageslicht, an Rettung, blitzte noch einmal durch sein verstörtes Hirn.

Aber die Erscheinung der Wirklichkeit - und er

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fühlte, er wußte, daß solche vorhanden, - war wo möglich noch grausiger, als die der vorangegangenen Phantasieen.

Der Lichtschein kam näher und breitete sich heller und weiter aus. Der Banquier erkannte in diesem Schein, daß er sich in einem ziemlich weiten und niedern Gewölbe befand, von dem einzelne nur wirr auf einander geworfene Knochenhaufen bewiesen, daß es nicht einmal zu den gangbareren bekannteren Räumen des unterirdischen Kirchhofs mit ihrer geordneten schrecklichen Tapezierung gehörte.

Endlich zeigte das Licht selbst, eine Fackel, sich seinen Augen und Der, der sie trug.

Miron hatte zuerst, als er sah, daß der Lichtschein wirklich von nahenden Menschen kam, sofort um Hilfe schreien wollen, um sie herbeizurufen, aber der Laut stockte ihm in der Kehle und er bückte sich unwillkürlich zusammen hinter dem Knochenhaufen, der ihn verbarg, als er die seltsame Erscheinung sah, welche die Fackel trug.

Es war eine dunkle Figur, ein Mann in einem langen schwarzen Rock, über den Kopf eine schwarze Kaputze, die das ganze Gesicht verhüllte und nur für die Augen und den Mund eine Oeffnung ließ. Sein Gang war schwankend und langsam - von Zeit zu Zeit blieb er stehen und preßte die Hand stöhnend auf seine Seite - dann schleppte er sich wieder vorwärts.

Als die seltsame Gestalt näher kam, konnte der Banquier in dem Schein der Fackel erkennen, daß die Hand, wenn Jener sie von seiner Seite zurückzog, mit Blut bedeckt war.

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Der unheimliche Wanderer kam heran und schien seinen Weg gerade nach der Stelle zu nehmen, wo Miron versteckt lag. Ein Schauder des Entsetzens überlief denselben - er wußte kaum, ob er noch träumte oder einen wirklichen Menschen vor sich sah.

Am Eingang des Gewölbes blieb der Unheimliche nochmals stehen und hob die Fackel in die Höhe, gleich als wolle er den Ort beleuchten.

»Hi hi - ho ho! 's ist richtig! 's ist richtig! Hier werden sie mich nicht finden und das Geld ist sicher - selbst der Nebukadnezar kann seinen Theil nicht holen, er ist mein! mein! - wenn die verfluchte Kugel nur nicht wäre - vermaledeit sei die Höllenbrut, die sie schoß!«

Er blieb wieder stehen und wandte und krümmte sich wie ein Wurm vor Schmerz - dann schleppte er sich weiter.

Erst glaubte der zitternde Banquier, der Unhold käme direkt auf ihn zu, und er fühlte eine Art Befriedigung und Erleichterung seiner Angst, als er ihn sich dem nächsten Knochenhaufen zuwenden, die Fackel in den Moder bohren und an dem gräßlichen Ort sich niederkauern sah.

»Wenn ich nur das Blut stillen könnte, das Blut!« murmelte der Schwarze. »Ich habe niemals das Blut leiden mögen - von meinem Ohm her, der des Bluts so viel sah unter dem häßlichen Messer, königlich Blut, von Edelleuten und Bettlern, das beste und das schlechteste Blut von Frankreich, bis es ihm selber zu viel war! - In's Wasser mit dem Cadaver oder die Hand auf den Mund, daß er nicht schreien kann - so lob ich mir's - das

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bringt Geld, das bringt Geld und die Doktoren fragen nicht darum, wie bei einem Messerstich oder einem gespaltenen Schädel! - Au! - die Satansbrut hat gut getroffen - zum Henker, von dem ich stamme - ich will nicht am Blute sterben, ich will das Gold sehen und die blitzenden Steine, das wird diesen Gliedern wieder die alte Kraft geben!«

Mit einer fieberhaften Hast begann er die Gebeine und Schädel bei Seite zu wühlen und rechts und links zusammen zu häufen. Dann zog er aus dem Loch, das er so in dem Knochenhaufen gemacht, einen ziemlich großen Sack hervor und schüttete ihn vorsichtig vor sich aus.

Gleich als könne er in der Verhüllung nicht genug die gierigen Augen an dem Metall laben, riß er die Kaputze von seinem Kopf. Die Bewegung entriß ihm einen Schmerzensschrei, aber der Anblick schien ihn sogleich alles Andere vergessen zu machen.

Der Versteckte hatte mit Entsetzen das todtenbleiche vor Schmerz und Gier verzerrte Gesicht des Fossoyeurs erscheinen sehen, den er übrigens gar nicht kannte.

Seine Neugierde wurde unwillkürlich durch die Geberden und Worte des Katakombenwächters auf die Gegenstände gerichtet, die dieser aus dem unheimlichen Versteck gezogen.

Das Licht der Fackel glänzte auf einem Haufen von Goldstücken, es spiegelte sich in den bunten Reflexen von glänzendem Schmuck und kostbaren Edelsteinen.

Der Kennerblick des Banquiers überschlug den Werth

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der hier aufgehäuften Gegenstände auf eine nicht geringe Summe, mindestens auf 150,000 Franken.

Der Fossoyeur hatte aus der Tasche seines Rocks ein Portefeuille geholt und nahm aus demselben die Bankscheine, die am Morgen der preußische Offizier auf den Kredit, den ihm der Haciendero eröffnet, aus der Bank von Rothschild entnommen hatte. Er betrachtete die Papiere mit einem gewissen Ausdruck von Verachtung.

»Geld! Geld!« murmelte er - »zehntausend Franken, fünfhundert prächtige Goldstücke! wie das blitzen und wohlthuen wird, wenn die Hand sie erfaßt! Hei - was soll der Fossoyeur mit dem Papier? Aber vorsichtig, daß Niemand es merkt!«

Mit der Gier des Geizhalses begann er seinen verborgenen Schatz zu zählen, aber mitten in seinem gierigen Vergnügen wurde er schwächer und schwächer, und der Leib knickte in einander und sank zurück. Er stützte die Linke auf den Boden und begann mit der Rechten seinen Schatz unter großen Schmerzen wieder in den schaurigen Versteck, zu scharren. Die Brieftasche, die er entwendet, schleuderte er, nachdem er die Banknoten herausgenommen, in die Nacht des Gewölbes.

»Wie es schmerzt und brennt - wie es schwarz wird vor meinen Augen! Ho ho - sollte der Tod es sein, der Tod, den das Geschlecht Samsons so oft gegeben? - Ich will nicht sterben - ich will nicht! Niemand soll mein Gold haben und die hübschen lieben Steine mit ihren rothen und grünen Augen! - Die Mortelle brauchts nicht und der Bursche - möge die Pesth seine Gebeine

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verzehren! Mein ist das schöne Geld, mein, mein, und auch der Knochenmann soll mir's nicht nehmen!«

Mit wüthender Hast arbeitete er an dem Wiederverbergen seines Schatzes - aber jeden Augenblick mußte er inne halten, denn mit dem rinnenden Blut entwich seine Lebenskraft.

»Fluch der Höllenbrut - wie das brennt! - das ist der Tod - Hilfe - Hilfe schafft den Doktor! den Doktor!«

Er hatte sich in dem entsetzlichen Ringen der entweichenden Lebenskraft aufgerafft, - er taumelte auf den Platz zu, wo der Banquier verborgen lag.

Ein unwillkürlicher Laut der Angst entschlüpfte diesem.

Einen Augenblick stutzte der Katakombenwächter - dann mit der Wuth des in seinem Nest überraschten Tigers stürzte er auf die Stelle zu, von der jener Laut gekommen.

Seine riesenkräftige Faust ergriff den Entsetzten und riß ihn hervor in den Kreis des Fackellichts.

»Ein Mensch! ein lebendiger Mensch! - Fluch der Satansbrut! Ist das Grab selbst nicht mehr sicher vor ihnen? Du willst mich morden, Du willst mich bestehlen, aber der Fossoyeur hat noch Kraft in seinem Arm, daß Du Dein schändliches Gelüst büßen sollst!«

Die krallenartigen langen Finger des Katakombenwächters umspannten den Hals des Erschrockenen.

»Lassen Sie mich los - ich habe Nichts gethan, ich bin durch Zufall hier,« betheuerte der Bedrängte. »Ich will Ihnen Geld geben, zwanzigtausend Franken, fünfzigtausend Franken, wenn Sie mich aus dieser Hölle befreien!«

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»Hi hi, ho ho!« lachte der Fossoyeur - »wo sind meine Ratten? Die Beute ist da! Goldne Berge, goldne Berge und Nichts dahinter als Knochen! - Sterben mußt Du, sterben mußt Du, weil Du das Geheimniß des Gräbermanns weißt!«

Der Banquier bot alle seine Kraft auf und schleuderte den Verwundeten von sich, daß er taumelnd zu Boden stürzte.

Aber immer und immer wieder, wenn auch jedes Mal schwächer vom Blutverlust, raffte der Sterbende sich auf und fiel mit Nägeln und Zähnen über den Feind her, der seinen einzigen Gott, sein Gold entdeckt. Sein gellendes: »Hi hi! Ho ho! Diebe!« klang von den Gewölben wieder und mischte sich in den Hilferuf seines Gegners. Sie hielten sich umfaßt, sie rangen mit einander, sie wälzten sich auf dem Boden, auf den Haufen von Knochen - die krallenartigen Nägel des Unholds wühlten im Gesicht und rissen an der blutenden Kehle des Stutzers, seine Zähne schlugen wie die eines wilden Thieres in die Schulter, in die Arme desselben, während mit dem strömenden Blut aus der schlecht mit einem Taschentuch verbundenen Wunde das eigene zähe Leben dahinfloß.

Schwächer und schwächer wurde der eingetretene Kampf - ein grimmiges Stöhnen noch - »Mein Geld! mein Geld! Mörder - zu Hilfe Mortelle! ...«

Dann plötzlich wurde die eingetretene Stille durch ein wahnwitziges, wildes Gelächter unterbrochen und einer der blutigen Kämpfer sprang empor, Gesicht und Leib zur

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Unkenntlichkeit mit Blut und dem Moder des unermeßlichen Grabes bedeckt.

Und wieder hallte das schreckliche, furchtbare Lachen und brach sich an den Wänden aus Schädeln und Knochen - .

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Vive l'Empereur!

Der Abend des Mittwoch war ohne bedeutendere Ereignisse vorübergegangen. Der Widerstandsausschuß, der fortwährend seine Quartiere wechselte, um von den Gegnern nicht überrascht zu werden, fuhr fort in dem Versuch, die Truppen durch unbedeutende Demonstrationen zu ermüden; auf den Boulevards schrie die Menge: »Vive la République!« und »à bas les Ratapoils!« und ließ sich langsam von dem Militair vertreiben; - auf dem Boulevard St. Martin trug man die Leichen zweier auf den Barrikaden Gefallenen mit großem Geschrei umher, aber die Truppen zerstreuten die Leute sehr rasch; - um Mitternacht rückten starke Militairmassen auf die Boulevards, vor das Café de Paris, das Café Tortoni und das Maison dorée - die Hauptsammelplätze des eleganten Paris bei Nacht; - die Café's wurden geräumt und alle Personen von den Hauptstraßen fortgewiesen.

Um diese Zeit war Alles ruhig - die Stille der Nacht, die unangenehm und mit leichtem Regen verging, nur hin und wieder durch ein Kavalerie- oder Linienregiment

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unterbrochen, das vorüberzog, um andere Truppen abzulösen, denn nur ein Theil derselben bivouacquirte vor dem Palast der Nationalversammlung, vor dem Stadthause und auf den Boulevards. Die andern waren in ihre Kasernen zurückgezogen.

Um ein Uhr begann die Stille der Nacht auf unheimliche Weise unterbrochen zu werden.

Haufen dunkler, schweigender Gestalten sah man aus den Gassen des Temple aufbrechen, und sich nach verschiedenen Stellen der Stadt begeben.

Es waren wilde verwegene Gestalten darunter, jene Meute der Verbrechen und der Gefahr, die sich für gewöhnlich in einer großen Stadt dem Auge des Bürgers und der Behörde entzieht, und nur zum Vorschein kommt, wenn etwa der Aufstand seine Wogen schlägt, wenn ein Kopf auf dem Schaffot fällt, oder der rothe Schein der Flamme die Gelegenheit zu Unheil und Plünderung verkündet.

Diese dunklen Haufen vertheilten sich auf das große Trapez zwischen den Markthallen, der Straße Rambuteau, der Temple-Straße, den Boulevards und der Straße Montmartre - auf jenes Centrum von Paris, das durch hundert kleine winkliche Gassen durchkreuzt wird.

In diesem Trapez begannen sie mit einer merkwürdigen Uebereinstimmung Barrikaden zu bauen.

Die Punkte, an welchen diese errichtet wurden, schienen vorher bestimmt. Sie schoben ihre Vorposten südlich bis an die Quais, im Norden bis an die Vorstadt St. Martin. Alle diese Barrikaden waren ziemlich leicht

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konstruirt von Rinnsteinbohlen, Fensterläden, Pflastersteinen, umgeworfenen Wagen und ähnlichen Gegenständen.

Nirgends während der Nacht wurde der Bau der Barrikaden durch einen Angriff des Militairs gehindert, obschon alle zehn Minuten neue Berichte über das Fortschreiten dieser Festung in dem Hôtel der Rue Jerusalem, dem Sitz des Polizei-Präfekten, einliefen.

Um 4 Uhr Morgens berichtete Herr Maupas an den Minister des Innern Morny durch den elektrischen Telegraphen, daß das Netz der Barrikaden bereits den ganzen Stadttheil des Temple umfasse und die Gefahr immer größer werde und frug, was zu thun sei.

Der Bescheid lautete: Legen Sie sich schlafen!

Am Morgen, als Paris erwachte - Paris erwacht nicht vor 8 Uhr, mit Ausnahme der Kärrner, der Wasserträger und der Milchhändler - war der ganze oben bezeichnete Theil der Stadt mit Barrikaden bedeckt, mehr oder weniger gut konstruirt.

Jetzt - nachdem er während der Nacht so unerwarteten Beistand gefunden - bemächtigte sich der Widerstands-Ausschuß der Organisation des Kampfes. Der Vicomte de Flotte übernahm die Leitung und setzte des Quartier latin in Bewegung; Agenten eilten durch alle Arrondissements der Stadt und selbst in die Banlieu - die Zahl der Barrikaden wuchs - der Aufstand begann gefährlichere Dimensionen anzunehmen.

Ihrerseits begannen die Polizei und das Ministerium ihre Thätigkeit in den Morgenstunden mit dem Anschlag von Plakaten.

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Eine Proklamation des Präsidenten hob jenes Dekret, welches eigentlich bei der Masse die erste Mißstimmung gegen den Staatsstreich hervorgerufen: die Bestimmung, daß bei den Wahlen jeder Wähler den Wahlzettel mit seinem Namen unterzeichnen solle, auf und stellte das geheime Scrutinium wieder her.

Der Streich war geschickt - er war eben nur der schlau berechnete Köder, der beweisen sollte, daß das Elysée bereit sei, sich dem Volkswillen zu fügen.

Eine Proklamation des Kriegsministers erklärte das Kriegsgericht permanent und daß Jeder, der Widerstand leiste oder mit den Waffen in der Hand betroffen würde, erschossen werden solle.

Eine Bekanntmachung des Polizei-Präfekten ging noch weiter, die blutige Tragödie des Tages vorbereitend: sie verbot alles Zusammenstehen von Menschengruppen und drohte, daß auf solche Ansammlungen ohne vorherige Warnung geschossen werden würde.

Das Publikum lachte über die letzte Verfügung - sie war so unerhört, daß Niemand an ihre Ausführung glaubte.

Um 8 Uhr begannen dichte Truppenmassen die Boulevards zu besetzen - Reiter - Infanterie, darunter die Jäger von Vincennes - und Artillerie.

Von der Madeleine bis zur Vorstadt Poissonnière, also die Boulevards Poisionnière[Poissonnière], Montmartre, des Italiens, war die Linie der Boulevards, diese Pulsader des Pariser Lebens und Verkehrs, frei und wurde unbehindert von den Truppen besetzt. Von dem Theater du Gymnase bis jenem der Porte

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St. Martin war sie von der Empörung verbarrikadirt, ebenso die Straße Bondy, Meslay, de la Lune und alle anderen, die um die beiden Thore St. Denis und St. Martin liegen, oder dahin auslaufen. Oberhalb der Porte St. Martin wurde der Boulevard wieder frei bis zur Bastille mit Ausnahme einer Barrikade, die auf der Höhe des Château d'eau errichtet wurde. Zwischen der Porte St. Denis und der Porte St. Martin war die Fahrstraße des Boulevard in kurzen Zwischenräumen von sieben oder acht Barrikaden durchschnitten, die Porte St. Denis in einem Viereck von vier Barrikaden eingeschlossen. Da hier der Macadamisirung wegen die Pflastersteine fehlten, war man in eine Messagerie gebrochen und hatte die Omnibusse und Möbelwagen herausgeholt und umgestürzt, ebenso die Bänke der Boulevards, die Steinplatten der Treppe und das eiserne Geländer der Trottoirs dazu benutzt; die Lücke auf der Seite der Mazagranstraße füllte ein Tollkopf, ein junger wohlgekleideter Mann, Armand Lachapelle, wie er sich selbst später gegen seinen Genossen rühmte, indem er auf das Gerüst vor einem neuen Hause stieg und ganz allein alle Stricke desselben losschnitt - unter dem Beifallklatschen aus den benachbarten Fenstern. Einen Augenblick danach stürzte das ganze Gerüst, wie aus einem Stücke mit Krachen zusammen und vervollständigte die Barrikade.

Während so die große Barrikade vollendet wurde, drang eine Anzahl von Personen in das Gymnase-Theater und holte aus der Requisitenkammer die alten Flinten, eine Trommel und eine rothe Fahne. Mit der Trommel

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schlug man Generalmarsch - die Fahne wurde auf der Barrikade aufgesteckt.

Wir haben bereits bemerkt, daß die Truppen den freien Theil der Boulevards besetzt hatten. Anfangs blieb die Passage in der Mitte des Straßendamms frei und die Truppen bildeten Chaine an beiden Seiten des Dammes und an jedem Uebergang - gegen Mittag aber durfte das Fuhrwerk nicht mehr passiren. Für die Fußgänger war die Circulation unbehindert und dichte Menschenhaufen füllten die Trottoirs auf und nieder wogend, während alle Fenster und die Balkons der Cafés mit Neugierigen besetzt waren.

Jedermann, der in Paris gewesen, kennt das Café Tortoni am Boulevard des Italien an der Straße Lafitte. Sein Mocca hat eine gleiche Weltberühmtheit wie das Eis des Café Cardinal gegenüber an der Ecke der Rue Richelieu.

An dem Balkonfenster des Café Tortoni saß seit drei Tagen der Viscount von Heresford mit seinem Gast, dem Kapitain Peard. Er wartete von Morgens 10 Uhr bis zur Stunde des Diners in Geduld, daß Herr Bonaparte, wie er sich ausdrückte, seine Herausforderung erfüllen würde.

An diesem Vormittag hatte sich der Graf von Montboisier zu ihnen gesellt.

Die Drei saßen um eines der bekannten runden Tischchen des Cafés und schlürften plaudernd ihre Chokolade[Chocolade]. Von Zeit zu Zeit erschien der Kammerdiener des Lords, der im Erdgeschoß wartete und überreichte seinem Herrn auf einem silbernen Teller ein Papier, einen oft mehr oder

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minder schmutzigen Zettel, mit den Berichten der Agenten des Lords aus allen Theilen der Stadt.

Der Viscount las sie und warf sie zerrissen auf die Straße oder steckte eine Cigarre damit an. Alle Balkonfenster der Cafés waren natürlich - trotz der unangenehmen Witterung weit geöffnet.

Eben hatte der Lord einen solchen Zettel empfangen.

»By Jove,« sagte er, indem er ihn zu einem Fidibus zusammendrehte - »es scheint, daß man beginnt, Herrn Bonaparte warm zu machen. Sehen Sie, die croques morts1 und die Tragbahren mit den blauen Zetteln, die vom Boulevard Montmartre herkommen, vermehren sich und der Kanonendonner wird stärker. Was zum Teufel schlägt die Polizei da wieder an, das die guten Pariser mit Lachen beantworten? Gehen Sie Master Brown und sehen Sie nach.«

Der Kammerdiener, ein großer starker Mann mit rothem Gesicht und englischem Backenbart, in feinster Toilette, der einige Augenblicke auf die Befehle seines Gebieters gewartet hatte, entfernte sich.

»Die Mairie des fünften Arrondissements,« fuhr der Lord fort, »ist so eben von den Republikanern genommen worden. Es scheint, daß das Panteon nochmals seine Bestimmung wechseln wird. Man hat die Nationalgarde des Quartiers ihrer Gewehre und Patronen beraubt, die Gewehrläden sind geplündert worden und es fehlt den Republikanern nicht an Waffen. Die Kommandanten der Barrikaden

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fragen nur: Seid Ihr ein guter Schütze? Wer ja antwortet, bekommt sofort die Anweisung auf ein Gewehr - die Andern nehmen Lanze und Säbel.«

»Aber das Kanonenfeuer? - Man hört aus dem Knall, daß es Kartätschen sind!«

»Man schlägt sich an der Kirche St. Eustache und den Markthallen. Magnan ist so eben dort angekommen!«

»Warum gehen wir nicht dahin Mylord?« frug Master Peard, indem er die gelben Glacés von Alexander musterte, in welche seine Hände eingezwängt waren. »Es muß viele pikante Scenen da geben.«

»Ich glaube Kapitain, Herr Bonaparte bereitet uns hier eine Ueberraschung.«

»Wie so?«

»Haben Sie seit zwei Stunden die Soldaten da unten beobachtet?«

»Bah - warum sollte ich meine Zeit verschwenden. Es sind Bursche wie alle Soldaten!«

»Wenn Sie ein wenig aufgepaßt hätten, statt sich mit Ihren Nägeln und ihren Handschuhen zu beschäftigen, würden Sie merkwürdige Dinge gesehen haben,« sagte kalt der Viscount.

»Was haben Sie bemerkt Mylord?« frug der Graf. »Ich gestehe, daß ich seit der halben Stunde, daß ich in Ihrer Gesellschaft bin, mich mehr mit dem Publikum als mit dem Militair beschäftigt habe.«

Der Viscount wies ruhig durch das Fenster nach einer Stelle. »Was sehen Sie dort?«

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»Ein Weinfaß und eine hübsche Cantinière.«2

»Yes. Aber der Wein wird gratis ausgeschenkt und die Liqueurs dazu. Alle hundert Schritt steht eine Marketenderin und die Weinfässer sind bereits zwei Mal durch frische ersetzt worden.«

»Die Soldaten können unmöglich das Wetter und die Strapatzen aushalten, wenn sie nicht eine Erfrischung erhalten.«

»Ja - aber sie sind betrunken - man hat sie betrunken gemacht! Hören Sie!«

In der That ereignete sich eben vor dem Café eine jener Scenen, welche das was kommen sollte, dem kundigen Auge verrathen konnten.

Um das Weinfaß einer jungen Cantinière hatte sich eine Gruppe von Vincenner Jägern gesammelt und zechte und lachte. Die Offiziere thaten, als sähen sie es nicht, oder sie tranken mit den Mannschaften. Die Soldaten standen, den Kolben auf dem Boden, lehnten sich auf ihre Gewehre und viele wankten.

»A bas des Bedouins!«

»Vive la charcuterie!3 Wenn wir satt sind, dann wollen wir aus den Beduinen da eine Fleischhackerei machen!«

»Wein her! wenn es nicht mehr gratis geht, bezahlen wir! Sapristi! wir haben Geld! Der Kleine läßt es uns nicht daran fehlen!«

Der Soldat warf eine Handvoll blanker Fünffrankenthaler auf den improvisirten Tisch der Marketenderin.

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»Haben Sie das gesehen?« frug der Viscount[e].

Der Graf gab keine Antwort, sondern beobachtete aufmerksam die Scene. »Diese Leute sind betrunken!«

»Yes; aber nicht diese Leute allein, sondern das ganze Bataillon, das ganze Regiment! Dort der Sergeant vertheilt zum zweiten Mal Geld an die ganze Reihe - seit einer Stunde hat jeder Soldat mindestens zwanzig Franken in Silbergeld erhalten. Die Offiziere, die in die Kaffeehäuser treten, bezahlen nur in Gold - sie haben ganze Rollen bei sich und brechen sie, als wäre es eine Chocoladenstange.«

»Aber woher dies Geld?«

»Damn! Wenn man fünfundzwanzig Millionen aus der Bank von Frankreich erhoben hat, kann man sich immerhin eine Extra-Ausgabe erlauben.«

»Ich habe von dem Decret gehört, aber auch daß Fould es leugnet!«

»Herr Fould hat allerdings Anstand genommen, die Verantwortung zu übernehmen, deshalb waren vor seiner Ernennung Herr Abbatucci auf 12 Stunden zum Finanzminister und sein Sohn zum Staatssecretair gemacht worden. Nachdem die beiden Herren die Ordre contrasignirt, haben weder Herr Fould noch Herr d'Argout Etwas einzuwenden gehabt, obschon die Nichte des Letztern jetzt ihre Heirath verschieben muß.«

»Der arme Cavaignac! Es geht ihm wie Miron. Wissen Sie, was man mit dem General gemacht hat?«

»Er ist einstweilen nach Ham gebracht worden. Aber

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da kommt Master Brown. - Nun Sir - was enthalten die Plakate?«

»Die Polizei schlägt Depeschen an mit der Nachricht, daß die Departements den Staatsstreich billigen.«

»Das ist gut für die Wechselagenten! weiter Nichts!« Der Kammerdiener überreichte ein kleines, schmutziges Papier. In diesem Augenblick hörte man ein wüthendes Geschrei von den Trottoirs her: »Es lebe die Republik! Es lebe die Constitution! Nieder mit den Ratapoils!«

»Ah - man beginnt sich zu regen,« sagte der Lord. »Es wird Sie interessiren, zu hören, meine Herren, daß Ledru Rollin, Caussidière und Louis Blanc in Paris angekommen sind! Haben Sie noch keine Nachricht von Herrn Samson empfangen, Master Brown?«

»Nein Mylord. Er hat sich gestern Mittag auf den Barrikaden bei St. Eustache geschlagen, seitdem aber keine Mittheilung mehr geschickt.«

»Das ist merkwürdig - ich rechnete grade auf ihn. Am Ende ist er getödtet - es wäre schade! Lassen Sie sich erkundigen!«

Der Graf - während Kapitain Peard auf den Balkon getreten war und die Scene lorgnettirte - war aufmerksam bei dem Namen geworden.

»Sagten Sie Samson Mylord?«

»Ja Sir - kennen Sie den Mann?«

»Ich weiß nicht, ob es derselbe ist, aber - Sie erinnern sich des unterbrochenen Duells des Herrn von Miron, von dem ich Ihnen erzählte.«

»Ja wohl!«

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»Der zweite Secundant, den der Gegner des Herrn Miron, derselbe Offizier, dem Sie mit uns Ihre Loge in der komischen Oper abtraten, gewählt hatte und uns vorstellte, hieß Samson, ein Mann aus dem Volk, ein Arbeiter, nach seinem Aeußern zu schließen.«

»Groß - breitschultrig - mit rothem Bart? Eine tiefe Narbe auf der rechten Wange?«

»Die Beschreibung trifft ganz, so viel ich in den wenigen Augenblicken, die ich ihn sah und in dem ungewissen Licht der Laterne habe bemerken können.«

»Es ist mein Mann - ich brachte ihn aus Afrika herüber. Er hat mir dort einen großen Dienst geleistet, wenigstens nach der Meinung Anderer. Er sagte mir nur, daß er Samson hieß und nicht, daß er der Sohn eines der Katakombenaufseher wäre. Und Sie erzählten, daß er mit Ihrem Kapitain diesen Herrn - zum Henker, wie hieß er doch! richtig, Miron - entführt habe und spurlos verschwunden sei?«

»Ja Mylord!«

»Dann muß dazu gethan werden. Er hat mir seinen Aufenthalt nicht genannt und nur gesagt, daß ich in einem kleinen Wirthshaus zwischen der Rue des Bourdignons und de la Santé, zur »goldenen Kanone« genannt, ihm Nachricht geben könne.«

Der Menschenjäger unterbrach vom Balkon her das Gespräch, indem er in den Händen klatschend rief: »Bravo! Bravo! Der Hieb war vortrefflich! schade, daß er nur den Baum traf; kommen Sie her meine Herren, kommen Sie her!« -

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Sie waren zu ihm getreten. »Was giebts Sir?« frug der Lord.

»Ei - sehen Sie den Offizier da, ich glaube er ist vom Generalstab, der das Bataillon aus der Rue Riesolimi auf die Boulevards führt? er hieb so eben nach einem der Schreier, aber er traf nur das Bäumchen. Es ist mitten durchgehauen! der Hieb hätte den Kopf gespalten!«

Es war ein Journalist, dem für den Ruf: »Nieder mit Souloucque!« der Hieb zugedacht gewesen war. Die Menge fiel über den Offizier her und riß ihn vom Pferde unter Heulen und Pfeifen. Die Soldaten mußten ihn mit Kolbenstößen und Bayonnetstichen befreien. Das Lärmen und das Gedränge auf den Trottoirs nahm mit jedem Augenblick zu.

»Hier ist mehr!« sagte der Viscount, indem er sein Glas nach der Ecke der Rue Taitbout fast unter ihnen richtete.

Diese Nebenstraße des Boulevard war mit einer dichten Menschenmasse gefüllt: Männer, Frauen und Kinder. So eben bog die Tête des ersten Lanzier-Regiments aus der Straße auf die Boulevards.

Der Oberst Rochefort zog an der Spitze des Regiments mit seinen Offizieren.

Der Vorgang der Straße Richelieu hatte die Menge aufgeregt. Ein lautes Geschrei: »Es lebe die Republik! Nieder mit Souloucque!« begrüßte die Lanziers.

Der Oberst als Antwort spornte sein Pferd in die Menge durch die Stühle des Trottoirs hindurch - etwa zwanzig bis dreißig Lanziers folgten ihm und hieben scharf

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auf die Masse ein. Das Geschrei der Frauen und Kinder erfüllte die Luft und eine ziemliche Anzahl mehr oder weniger schwer Verwundeter blieb auf dem Platz.

Der Vorgang hatte nur wenige Augenblicke gedauert. Das Regiment nahm seinen Platz auf den Boulevards ein.

»Goddam! Sehen Sie - Sehen Sie Mylord, wie das junge Mädchen dort sich auf dem Trottoir windet - sie hat einen Säbelstich im Leib! Es ist wahrhaftig schade, daß die Kanaille die Aussicht versperrt!«

Der Graf hatte den Arm des Viscount gefaßt. »Beim Teufel - das fängt an Ernst zu werden!«

Der Lord sah ihn spöttisch an. »Haben Sie daran gezweifelt? Ich denke, wir werden bald die neue Glocke von l'Auxerrois hören!«

»Aber ganz Paris wird sich erheben!«

»Im Stallhof des Elysée stehen drei angespannte Wagen. Begreifen Sie nicht, das es va banque gilt? - Da beginnt der Ball!«

Die Truppen hatten jetzt den ganzen Damm gefüllt, von einer Passage war nicht mehr die Rede, fast die ganze Division Carrelet, bestehend aus den fünf Brigaden de Cotte, Bourgon, Canrobert, Dülac und Reibell - über 16,000 Mann - füllte den Raum zwischen der Rue de la Pair und der Vorstadt Poissonnière. Jede Brigade war von einer Batterie begleitet. Auf dem einzigen Boulevard Poissonnière standen eilf Kanonen. Zwei derselben von einander abgekehrt, wurden, die eine am Eingange der Vorstadt, die andere gegen die Rue Montmartre aufgestellt. Zwei Mörser wurden so eben, etwa 150 Schritt von der

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kleinen Barrikade am Wachtposten Bonne Nouvelle aufgefahren. Beim Auffahren der Geschütze zerbrachen die Trainsoldaten die Deichsel eines Pulverwagens - sie waren vollständig betrunken.

Jetzt, es war etwa halb 3 Uhr, blitzte es auf - die Geschütze hatten das Feuer gegen die Barrikade begonnen. Die erste Kugel schlug weit darüber hinaus und tödtete am Château d'eau einen Knaben, der eben Wasser aus dem Becken schöpfte.

Für die Pariser ist die Revolution ein Schauspiel.

Statt daß die beginnende Kanonade die Menge hätte verscheuchen sollen, schien der Pulverdampf neue Massen Neugieriger auf die Trottoirs zu führen.

Die Menge stand dicht gedrängt. An allen Fenstern lagen Neugierige, als wären es die Logenreihen der Oper.

Plötzlich kam die Boulevards entlang ein Guiden-Offizier gejagt und parirte sein Pferd vor dem General, der unter dem Café Tortoni hielt.

»Das ist der junge Marquis von Massaignac,« sagte der Graf - »er ist seit gestern Adjutant des Kriegsministers. Der Bursche wird Carriere machen trotz seines heimtückischen Gesichts. Man sagt, der alte Haciendero sein Vater soll fast so reich sein, wie Sie, Mylord!«

Der Viscount betrachtete den Offizier durch sein Glas. Die Drei standen jetzt auf dem Balkon des Café's.

»Valga me dios - was bedeutet das - der General winkt herauf und nach den Fenstern! - Treten Sie zurück Mylord - zurück!«

Der Viscount machte sich kaltblütig von seiner Hand

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los. »Damn! was denken Sie! Es scheint, daß mein Duell mit Herrn Bonaparte beginnen soll!« -


Wir haben auf einen Moment uns von dem Schauplatz der nahenden Tragödie nach dem Elisée zurück zu wenden. -

In einem Kabinet des Erdgeschosses neben dem vergoldeten Saal, in dem Napoleon I. seine zweite Abdankung unterzeichnete, saß ein Mann einsam am Kamin, an einen Tisch gelehnt, die Füße auf dem Feuerbock vor der lodernden Flamme, den Kopf auf der Rücklehne des Armstuhls, und stierte in die lodernde Flamme.

Es war der Prinz-Präsident.

Er war ganz einsam - der strenge Befehl war gegeben, Niemand vorzulassen.

Von Zeit zu Zeit nur öffnete sich die Thür, um den greisen Adjutanten, General Roguet, einzulassen. Er allein durfte eintreten. Er brachte die Rapporte, die jeden Augenblick von den Truppen und der Polizei-Präfektur im Elysée einliefen.

Diese Nachrichten wurden von Viertelstunde zu Viertelstunde beunruhigender - der Aufstand begann sich über ganz Paris auszubreiten bis in die Banlieu. In Batignolles wurde Generalmarsch geschlagen, Madier de Montjau hatte Belleville in Bewegung gesetzt, in Chapelle-Saint-Denis waren schon drei große Barrikaden entstanden.

Morny und mehrere Führer der Armee hielten bereits Rath, ob es nicht nöthig sei, daß der Prinz unverzüglich die Vorstadt St. Honoré räume und sich nach dem Hôtel der Invaliden oder nach dem Luxembourg zurückziehe, zwei

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strategische Punkte, die gegen einen Handstreich leichter zu vertheidigen seien, als das Elysée. Die Einen stimmten für die Invaliden, die Andern für das Luxembourg. Man zankte sich darum.

Als General Roguet wiederum eintrat, brachte er einen Brief. Er war von dem greisen Exkönig von Westphalen, Jérome Bonaparte, der in Besorgniß um den Ausgang des Staatsstreiches seinen Neffen im Namen seines Bruders beschwor, nachzugeben.

Auf die Meldungen des Generals, die gewöhnlich mit den Worten schlossen: »Es geht nicht!« oder »es geht übel!« hatte der Prinz nur den Kopf halb zur Seite gewandt und ohne die mindeste Bewegung zu verrathen mit der größten Ruhe geantwortet: »Man vollziehe meine Befehle!« Dann hatte er sich wieder zu dem Feuer gekehrt.

Als Roguet das letzte Mal eintrat und den Brief überbrachte war es 1 Uhr.

Der Prinz las den Brief, faltete ihn wieder zusammen und legte ihn ohne ein Wort auf den Tisch.

Der General blieb stehen.

»Was haben Sie noch?«

»Die Barrikaden in dem Centrum von Paris halten sich und vermehren sich.«

»Es ist Magnan's Sache, sie zu nehmen?«

»Aber die Menge auf den Boulevards nimmt eine drohende Haltung an. Man hört überall den Ruf: »Nieder mit dem Dictator!« Er wollte nicht sagen: »Nieder mit Souloucque!«

»Bah - lassen Sie sie schreien!«

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»Man begnügt sich nicht mehr damit. An der Galerie Jouffroy ist ein Unteroffizier von der Menge zu Boden geschlagen worden, am Café Cardinal hat man so eben einen Hauptmann vom Generalstab vom Pferde gerissen!«

»Ah so - das ist etwas Anderes!«

Der Prinz erhob sich langsam und kehrte sich gegen den General.

Sein gewöhnlich fahles Gesicht zeigte eine leichte Röthe, namentlich auf den Augenlidern. Die Mundwinkel waren fest zusammengezogen.

»Also die Herren Pariser mischen sich in meinen Streit mit den Rothen?«

Der General zuckte die Achseln. »Sie kennen Paris, Hoheit!«

Der Prinz zog von dem Finger der linken Hand einen einfachen Ring, ein Andenken seiner Mutter und gab ihn dem General.

»Schicken Sie das auf der Stelle durch einen sichern Boten an St. Arnaud und lassen Sie ihm sagen, es sei Zeit, meine Befehle zu vollziehen!«

Der General schien noch Etwas sagen zu wollen - aber der Prinz-Präsident winkte abwehrend.

Roguet verließ das Gemach - der Prinz blieb allein zurück.

Er wußte, daß in diesen Augenblicken seine Zukunft, die Zukunft Frankreichs sich entschied! -


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Plötzlich entstand eine Bewegung unter den versammelten Truppen. Es war wie ein elektrischer Schlag, der durch diese Reihen der Infanterie und der Kavalerie ging.

Die Truppen machten Front gegen die Trottoirs der Boulevards.

Man hörte einen schwachen leichten Knall.

Der Beobachter erbebt in den Tiefen seines Herzens, wenn er bedenkt, an welchen Zufälligkeiten und kleinen Ereignissen oft das Geschick von Tausenden, ja das Schicksal der Nationen hängt!

Aus dem oberen Stockwerk eines Hauses an der Rue du Sentier war ein Flintenschuß gefallen. Der Ruf ging durch die Kolonnen: »Man schießt auf die Truppen!«

In demselben Augenblick sah man vom Boulevard Poissonnière eine Rauchwolke aufsteigen und hörte das entfernte Krachen einer Charge.

Aber dieser Rauch, dieser Pulverblitz, dieser Knall begann wie eine feurige schreckliche Schlange sich den Boulevard heraufzuwinden, immer näher und naher, immer deutlicher und deutlicher, und sich mit einem wahrhaft erschütternden Geheul und Wehklagen zu mischen.

»Fertig! - Schlagt an!«

Montboisier trat entsetzt von dem Balkon einen Schritt zurück. »Um Gotteswillen, sie werden doch nicht auf das Volk schießen! Auf die Tausende von Unschuldigen!«

»Feuer!«

Ein Blitz, ein Krach! eine dichte Pulverwolke über dem Boulevard und dann ein gellendes Angst- und Hilfegeschrei!

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Die Truppen hatten in nächster Nähe auf die dichtgedrängte Menge geschossen.

Die Trottoirs waren im Nu mit Todten und Verwundeten bedeckt; ein ununterbrochenes Feuer, ein Hagel von Kugeln vom Straßenpflaster bis zu den Dächern hinauf! Der Anblick war grauen-, jammervoll: eine flüchtende Bevölkerung, Männer, Weiber und Kinder, die von den Kugeln ihrer Söhne und Brüder decimirt wurde. Erhobene Arme, stürzende Gestalten in der Flucht übereinander her - junge Männer, die mit der noch brennenden Cigarre im Mund, die Hände in den Taschen, plötzlich niederfallen, Frauen in Seiden- und Sammetkleidern, Mütter aus dem Volk mit den Säuglingen auf dem Arm, Mutter und Kind von einer Kugel durchbohrt; ruhige Bürger in ihren Hausthüren, an den Fenstern ihrer Wohnungen getödtet: fliehende Arbeiter und entsetzte Flaneurs, der Reiche und der Arme, der Verschwörer und der Neugierige, die ganze Bevölkerung über- und durcheinander, ein Wall, eine Ernte von Leichen und Sterbenden!

Die Jäger von Vincennes und die Liniensoldaten schossen vortrefflich, das Ziel war ja in nächster Nähe. Die Kavalerie hielt ein Scheibenschießen mit Pistolen. Dann, auf Kommando, öffneten sich die Kolonnen und währ[end] das Schützenfeuer, diese Jagd auf das Volk ununterbrochen fortdauerte, spieen die Kanonen einen Hagel von Kartätschen und Granaten gegen einzelne Häuser - den Bazar, das Haus des berühmten Teppichfabrikanten Sallandrouze, das Maison d'or etc.

Das Volk floh entsetzt! Man drängte sich in die

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Nebenstraßen, man suchte Schutz in den Hausthüren vor den schrecklichen Kugeln, aber vergeblich; denn die Angst der Bewohner schloß und verriegelte eilig diese Thüren - freilich ohne Nutzen, denn die Kugeln drangen durch die Fenster bis in die obersten Stockwerke, bis in die Tiefe der Gemächer, und die Kolben der wüthenden Soldaten schlugen die Thüren ein.

In dem Hause von Sallandrouze - man behauptete, daß aus diesem geschossen worden, - wurden die Bewohner bis zur Giebelstube hinauf mit Säbelhieben und Bayonnetstichen nieder gemacht, - das Blut floß die Treppenstufen hinunter, auf der Schwelle lagen die Leichen übereinander.

Zwei unglückliche Buchhändler, die in ihren kleinen Häuschen in der Nähe ihren Markt haben, wurden von den Soldaten herausgeschleift und fielen unter ihren Kugeln. Die Frau des einen, die sich dazwischen warf, erhielt einen Schuß in den Schenkel und wurde wahnsinnig - die Tochter rettete nur das Fischbein ihres Corsets, an dem die Kugel abprallte.

Es ist unmöglich, die Schreckensscenen alle zu schildern. Wie gewöhnlich wurden aus jenem einen Schuß, den Viele noch bezweifeln, den Andere aus der Mitte des Militairs aufsteigen gesehen haben wollen, - zehn andere aus zehn anderen Häusern durch das Gerücht gemacht. Die Soldaten schlugen die Thüren ein, sie drangen in die Stockwerke, sie schleppten die Bewohner heraus, sie füsilirten oder durchbohrten sie in ihrer eigenen Wohnung. Aus manchen gußeisernen Röhren, die aus dem Innern der Häuser des Boulevard das schmutzige Wasser in die Gossen

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führen, dampfte das Blut. Die Mobil-Gensdarmen und Soldaten lauerten förmlich an den Ecken wie die Jäger auf das Wild, und schossen Alles nieder, was sich zeigte; die Jäger, die eine der Barrikaden des Boulevard mit dem Bayonnet genommen, hielten von ihrer Höhe ein Scheibenschießen mit den weit tragenden Büchsen und wetteten förmlich um das unglückliche Ziel. Vergebens war das Flehen der Unglücklichen, die Betheuerung ihrer Unschuld! - Niedergeschossen!

Wir erwähnen unter den zahllosen nur einen Fall seiner Merkwürdigkeit halber.

Einem vorübergehenden Gerichtsboten zielten die Soldaten nach der Stirn und trafen ihn. Er fiel auf die Hände in die Knie und flehte um Gnade! Dreizehn neue Kugeln in den Leib waren die Antwort. Dennoch kam der Mann mit dem Leben davon. Durch einen unerhörten Zufall war keine der Wunden tödtlich, die Kugel auf die Stirn hatte bloß die Haut aufgerissen und war an der Hirnschaale hingeglitten, ohne sie zu zerschmettern.

Es ist eine traurige bestialische Erfahrung an der menschlichen Natur, daß der Anblick des vergossenen Blutes berauschend wirkt und die Leidenschaften aufstachelt.

Das Feuer der Truppen gegen die Barrikaden, gegen die Flüchtenden, gegen die Bewohner der Häuser, gegen die Häuser selbst dauerte ununterbrochen eine ganze Stunde lang. Selbst in die Kellerlöcher wurde geschossen.

Die Trottoirs der Boulevards von Tortoni bis an das Gymnase waren mit Leichen bedeckt. Vom Eingang der Straße Montmartre bis zur Fontaine, etwa sechszig Schritte

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weit, zählte man deren sechszig - vor dem Laden von Barbédienne auf dem Boulevard Poissonnière zählte man allein deren dreiunddreißig. Ueberall Haufen von Leichen und einzelne, auf den Trottoirs, quer über die Rinnsteine, an den Mauern der Häuser, auf ihren Schwellen, in den Buden der Zeitungsverkäufer und Buchhändler, Greise und Kinder, Frauen und Männer aus allen Ständen, Blousen und Ueberröcke, der arme Cocoverkäufer mit seinem blechernen Horn neben dem Stutzer mit den lakirten Stiefeln und gelben Handschuhen!

Die Südseite des Boulevard war mit zerrissenem Patronenpapier bedeckt, das Trottoir der Nordseite verschwand unter den Gypstrümmern, welche die Kugeln von den Häusern gerissen. Zwischen dieser weißen Bedeckung die dunklen großen Blutlachen! Von der Rue Montmartre bis an die Rue du Sentier ging man wörtlich im Blut, man fand fast keinen Platz, um nicht hinein zu treten. Jedes ausgeschnittene Viereck im Asphalt um den Fuß der Bäume war noch am andern Tage eine Blutlache. Einige Häuser waren von den Kartätschen und Kanonenkugeln so beschädigt, daß sie einzustürzen drohten, so das Teppichhaus (Aubusson). Die Artilleristen schossen mit zwei Geschützen aus nächster Nähe unsinnig darauf, daß es von unten bis oben gespalten war, bis der Befehl eines herbeisprengenden Offiziers Einhalt that und verhinderte, daß das Haus mit dem nächsten Schuß nicht Kanonen und Kanoniere begrub.

Während des Blutbades waren die Barrikaden auf dem Boulevard von der Brigade Bourgon genommen worden.

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Die Leichen der Vertheidiger bildeten nur einen kleinen Contingent zu dem großen Schlächterladen der Boulevards.

Es gab während dieses Gemetzels Augenblicke, wo die berauschten Soldaten aufeinander feuerten; die Batterie des 6. Artillerie-Regiments hatte keine Bespannung mehr, bei anderen Geschützen flüchteten die Artilleristen und Trainsoldaten unter die Lafetten und Pulverwagen gegen die umherfliegenden Kugeln, Kavalleristen machten ihre Pferde zum schützenden Wall, eine Abtheilung Lanziers war genöthigt, sich in einen Schuppen der Straße Saint Fiacre zu flüchten, die Fähnchen der Lanzen waren von Kugeln durchbohrt; einzelne Offiziere, die Unglückliche retten und schützen oder eine unsinnige Greuelthat in den Häusern verhindern wollten, wurden von den toll gewordenen Soldaten verhöhnt und als Verräther bedroht, andere vermehrten noch die Wuth durch Befehle und Anfeuerung. Der Ruf der Unteroffiziere: »Schlagt auf die Beduinen! nieder mit den Beduinen!« - so nannten die Soldaten ihre Gegner - hetzte die Rasenden. Nur mit Mühe gelang es oberen Offizieren, dem zwecklosen Blutbad Einhalt zu thun und diejenigen zum Theil zu retten, die sich in die Häuser geflüchtet.

Während auf den Boulevards das furchtbare Henkeramt geübt wurde, hatten andere Truppen das Quarré, in dem sich die Emeute festgesetzt, von allen Seiten gefaßt und eingekeilt. Hier wurde mit erbittertem Haß gekämpft. Von Barrikade zu Barrikade geworfen, fielen die Republikaner unter den Kugeln und Bayonneten des siegenden

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Militairs. Wer mit den Waffen in der Hand ergriffen wurde, ward ohne Pardon auf der Stelle niedergeschossen oder gefangen nach den Kasernen geschleppt, um am Abend oder am andern Tage in der Ecole militaire oder auf dem Marsfeld in einer Massen-Execution füsilirt zu werden.

Manche der Verhafteten wurden in der Nähe der Seine von den eskortirenden Soldaten und Polizeisergeanten beim geringsten Anlaß und selbst ohne denselben erschlagen und in das Wasser geworfen.

Wir führen unter allen ein schreckliches Beispiel seines merkwürdigen Ausgangs halber an.

Ein Arbeiter eilt über den Pont-au-Change, die Mobilgensd'armen halten ihn an. Man riecht an seine Hände und glaubt, den Pulvergeruch zu erkennen. Der Arbeiter wird mit vier Kugeln durch den Leib geschossen. Ein Sergeant befiehlt, ihn in's Wasser zu werfen; die Gensd'armen fassen den Körper beim Kopf und den Füßen, und schleuderten ihn über das Geländer. Erschossen und ertränkt schien sein Ende unvermeidlich - aber dennoch war der Mann nicht todt. Das eiskalte Wasser brachte ihn in's Leben zurück; er ist nicht fähig, eine Bewegung zu machen, das Blut entrinnt aus vier Wunden, aber seine Blouse hält ihn noch auf der Oberfläche des Flusses und die Strömung treibt ihn gegen einen Brückenbogen. Dort finden ihn die Quaiarbeiter, heben ihn auf, tragen ihn in ein Spital und er wird geheilt.

Als er das Spital verlassen, ward er verhaftet und - nach Lambessa geschickt!

Es ist niemals genau bekannt geworden, wie viele

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Menschenleben der Aufstand gekostet hat. Die Regierung veröffentlichte später ein Namensverzeichniß von Gefallenen - 191 -, und giebt an, daß etwa 25 Soldaten geblieben sind; aber die amtlichen Berichte der Truppenkommandeure sprechen von 1250 Todten seitens der Einwohner, die Verwundeten nicht mitgezählt; - man rechnete nach den Augenzeugen auf den Boulevards allein 800 Leichen; dazu das Gemetzel in der Cité Bergère, in der sich die Mitglieder der geheimen Gesellschaften verschanzt hatten und Mann vor Mann von den erbitterten Truppen niedergemacht wurden, und die Massenfüsiladen der Gefangenen auf dem Marsfeld.

Man vergesse aber nicht, daß die Soldaten, wo sie vereinzelt sich gezeigt, von den Rothen überfallen worden. Die Verluste, die sie bei der Erstürmung der Barrikaden und in den Straßen erlitten, waren weit bedeutender, als veröffentlicht wurde.

Mit der sinkenden Nacht war der Kampf zu Ende; an der Barrikade der Rue du Petit Carreau schlug man sich zuletzt: hier fiel der Volksvertreter Dussoubs.

Man hatte allen Widerstand aufgegeben - Paris war in den Händen der Truppen - das Ziel war erreicht, Paris war ruhig - denn Paris zitterte!

Dieses leichtsinnige, leicht bewegliche, mit Tod und Blut scherzende Paris, zu dessen Lebensbedarf die Unruhe und die Emeute gehörte, es hatte zum zweiten Mal seinen Meister gefunden.

Das Schauspiel, das sich im Dunkel der sinkenden

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Nacht jetzt entwickelte, war fast noch grauenhafter, als der blutige Akt des Nachmittags.

Vom Boulevard des Italiens bis zur Bastille war fast kein Fenster ganz, viele Häuser waren von oben bis unten mit den Spuren der Kugeln bedeckt. Wie zum Hohn, wie zur Drohung blieben die Leichen einzeln und aufeinander geschichtet während der Nacht und bis zum nächsten Morgen auf den Trottoirs, an den Häusern und über den Rinnsteinen liegen.

In den Quadraten um die Wurzeln der Bäume stand das gesammelte Blut zollhoch.

Bei dem Schein von Fackeln, bei dem Licht der zum Theil zerstörten Laternen, aus deren Röhren das Gas in loderndem Strom emporschoß, bankettirte das Militair auf dem Fahrdamm der Boulevards und bivouacquirte mit Jubel und Lachen vor dem Stadthaus und auf den großen Plätzen. Die Cantinièren zapften Wein und Branntwein, die Sergeanten vertheilten Geld und Belobigungen, unter Triumph und Scherzen wurden die einzelnen Thaten des Tages besprochen, die glücklichen Schüsse gerühmt und das »Vive Napoléon!« - vermischt bereits hin und wieder mit dem offenen Ruf: »Vive l'empereur!« hallte unter dem Gläserklingen durch die Nacht!

Wachposten der Kavallerie, die Pistole gegen die Trottoirs gerichtet, hielten von zwanzig zu zwanzig Schritt, bereit, bei dem geringsten mißliebigen Zeichen auf die Vorübergehenden von Neuem Feuer zu geben.

Aber kein solches Zeichen ließ sich hören. Angstvoll und schweigend oder mit leisen unterdrückten Wehlauten

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schlichen die Gestalten die Trottoirs entlang, schaudernd bei den oft rohen Späßen der Soldaten: arme weinende Frauen, die nach ihren Männern fragten, Männer, die ihre Frauen und Kinder in der schrecklichen Flucht bei dem Beginn des Feuers verloren hatten, Kinder, die ihre Mütter und Väter, Schwestern, die ihre Brüder - Greise, die ihre Ernährer suchten.

Bei dem Schein einer Handlaterne forschte man unter den blutigen Leichen nach der bekannten geliebten Gestalt, und, wenn man sie gefunden, konnte selbst die Furcht den jammernden Schrei des Schmerzes nicht zurückdrängen.

Manchen wurde von mitleidigen Offizieren die Fortschaffung ihrer todten Lieben gestattet, an anderen Stellen verweigerte man es bis zum Eingang eines allgemeinen Befehls; die meisten Leichen blieben unerkannt, ungesucht liegen, denn der Schrecken, die Furcht herrschte in allen Familien.

Am andern Morgen wurden die nicht abgeholten Todten nach den Leichenhäusern gebracht, aber bis zum Mittag des 5. noch lagen Körper in den Buchhändlerbuden des Boulevards und in der Rue Grange Batelière. Die nach und nach wieder zu sich kommende Menge strömte mit jener Neugier, die selbst im Entsetzen den Pariser nicht verläßt, nach den Stellen, wo die Leichen ausgestellt waren, namentlich in die Cité Bergère. Die Polizei mußte, da die Masse immer zahlreicher und drängender wurde, zuletzt den Zutritt mit einem Anschlagzettel am Eingang hemmen: »Hier sind keine Leichen mehr!«

Eine gräßliche Todtenschau fand auf dem Kirchhof Montmartre im Lauf des 5. statt.

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Man hatte eine Anzahl - über vierzig - hierher gebracht. Ein weiter bisher ungebrauchter Platz wurde zur vorläufigen Bestattung eines Theils der Todten benutzt. Man hatte sie noch angekleidet in Reihen neben einander flüchtig eingescharrt, aber den Kopf frei gelassen, damit ihre Verwandten oder Freunde sie erkennen möchten. Aber es war der Erde so wenig, daß bei den meisten die Füße noch aus dem Boden ragten. Das Publikum strömte herbei in dichter Menge, neugierig bald dahin, bald dorthin sich wendend und drängend; plötzlich, wenn man so zwischen diesen Gräbern wandelte, fühlte man, daß der Boden wich; der Fuß glitt auf dem Leib eines Todten. Wenn man sich dann umkehrte, sah man auf der einen Seite Stiefel, Holzpantinen oder Frauenschuhe aus der Erde kommen, auf der andern den Kopf sich bewegen, den der Druck des Gehenden auf die Leiche aus seiner Lage gebracht.

Es war gräßlich anzusehen!

Wir erzählen nicht bloß nach dem Wortlaut der mehr oder weniger eingenommenen Schriftsteller des Tages - sondern auch nach den privaten mündlichen Mittheilungen der Augenzeugen!

Und hier konnte man noch die Verlorenen suchen und finden! Aber wer fand die spurlos Verschwundenen, jene Muthigen, die mit den Waffen in der Hand bei der Vertheidigung ihrer Meinung gefangen worden waren, jene Unschuldigen, die ein unglücklicher Zufall in die Hände der Soldaten oder der Polizei geführt, vielleicht gar oft Bosheit oder Haß, und für die jetzt auf der dunklen Fläche

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des Marsfeldes die weite Grube gegraben wurde, die sie alle aufnehmen sollte mit der Todeswunde in der Brust, ohne daß das thränenvolle Auge der Zurückgelassenen den Trost haben sollte, dem Todten den letzten Scheidegruß zu geben, ja ohne daß sie es wissen sollten, wo die Erde den Freund, den Sohn, den Geliebten deckte!

Der Morgen des 5. brachte eine Proclamation des Präsidenten an die wohlgesinnten Bürger von Paris, ein Manifest an die Truppen, das ihre Treue und Tapferkeit belobte.

Die Kriegsgerichte blieben drei Tage lang in Permanenz, aber ein strenger Polizeibefehl wies bereits am Sonnabend die Hausbesitzer an, bei Strafe der sofortigen Verhaftung alle Spuren des Geschehenen an ihren Häusern zu vertilgen, und man sah in den nächsten zwei Tagen Maurer, Tischler und Glaser, ja die Hausbesitzer selbst auf das Eifrigste damit beschäftigt, so groß war die Furcht, welche die vohergegangenen Ereignisse den Bürgern einflößten.

Die Ordre zur Entnahme der 25 Millionen aus der Bank ist später geleugnet und unterdrückt worden.



Wir haben während der schrecklichen Massakre auf den Boulevards den britischen Excentric mit seinen beiden Gefährten auf dem Balkon des Café Tortoni verlassen und müssen jetzt zu ihm zurückkehren.

Der Graf hatte gesehen, wie der kommandirende

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General hinauf nach den Fenstern winkte, und versuchte den Engländer in das Innere des Hauses zu ziehen.

Er hätte eben so gut einen Felsen bewegen können. Der Lord blieb, das Lorgnon in das Auge gekniffen, weit vorgebeugt über den Balkon, um besser zu sehen, als die erste Salve auf die Volksmenge der Trottoirs krachte und das Wehegeheul die Luft zerriß.

Wie der Schakal, der seine Beute wittert, oder der Geier den Leichnam des Erschlagenen, streckte Kapitain Peard bei diesem Jammergeschrei den Kopf wieder heraus und trat neben den Lord.

In diesem Augenblick krachte eine zweite Salve gegen die Mauern und Fenster der Häuser.

Die Kugeln flogen um sie her wie Spreu und platteten sich an den Steinen ab oder zerschmetterten das Holzwerk. Mehrere flogen bis in die entgegengesetzte Wand des Salons oder blieben in dem Plafond stecken. Eine Kugel riß dem Menschenjäger den Hut vom Kopf und er flüchtete eilig mit einer Verwünschung auf den Schützen, der ihm den schönen Castor verdorben, hinter den Spiegelpfeiler, wo sich der Graf geborgen, der nicht die geringste Lust verspürte, sich unnöthig dem Bataillonsfeuer zur Scheibe zu stellen. Eine andere streifte den Rockkragen des Lords, aber er blieb unverletzt. Mit vollkommener Ruhe und Gleichgültigkeit erhob er den Hut wie zum Gegengruß und setzte sich auf einen der Stühle dicht am Geländer.

»Ei, kommen Sie doch her, meine Herren! das Schauspiel, das uns Herr Bonaparte verschafft, wird interessant und Sie werden die besten Scenen verlieren!«

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Die Soldaten, die anfangs in blinder Hast auf Alles geschossen, was sich ihnen bot, blieben einige Augenblicke ganz erstaunt über diesen Widerstand, - aber bald wich die Bewunderung für die kaltblütige Ruhe dem Aerger über den Trotz und mehrere von ihnen begannen ein förmliches Scheibenschießen von der gegenüberliegenden Straßenseite her nach dem Lord, der dies gar nicht zu beachten schien und und ruhig seine Beobachtungen über die Perspective der Boulevards hin, über welche fortwährend der Pulverdampf hinrollte, fortsetzte, zu seinen Gefährten im Innern hin und wieder eine Bemerkung machend.

Zwei Kugeln zerrissen den Rock des Excentric, eine andere traf den Stuhl, auf dem er saß, eine vierte schlug dicht unter seiner Brust in die Brüstung des Balkons, auf den er den Arm stützte, aber wie durch ein Wunder entging er selbst jeder Verwundung, bis Oberst Rochefort, welcher den Viscount erkannte, herbeisprengend die Gewehre niederschlug und den Leuten das Schießen verbot.

»Zum Henker, Mylord,« rief er hinauf, - »was thun Sie dort? sehen Sie denn nicht, daß Sie jeden Augenblick erschossen werden können? Warum gehen Sie nicht fort?«

Der Viscount lehnte sich außerordentlich freundlich über das zerschossene Geländer herunter. »Sieh da Oberst Rochefort - wie befinden Sie sich? By Jove! es ist ein höchst interessantes Schauspiel, was Sie uns da zum Besten geben und ich bin Seiner Hoheit sehr dankbar, daß er mir diesen Platz angewiesen!«

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»Wie Mylord - der Prinz hat Ihnen diesen Platz gegeben ?«

»Warum nicht? die Prosceniumslogen des ersten Ranges sind die besten und er schuldet mir einige Gefälligkeiten. Goddam! Es ist in der That interessant, besonders für die Zuschauer. Ich glaube, dort demoliren Ihre Herren Soldaten eben das Café Anglais und ich denke, die Reihe wird bald an uns kommen? Geniren Sie sich nicht im Geringsten!«

Der Oberst, ein enragirter Bonapartist, biß sich auf die Lippen, murmelte etwas von »verwünschten Engländern!« und galopirte nach dem Café Anglais, in dem die wüthenden Soldaten Alles demolirten und die Anwesenden mit dem Tode bedrohten, weil man behauptete, daß auch aus diesem Hause auf die Soldaten geschossen worden sei.

Bald darauf, während die Füsilade auf den Boulevards fortdauerte, drang eine Abtheilung Soldaten auch in das Café Tortoni und begann die Anwesenden zu mißhandeln und zu durchsuchen.

Der Lord hatte sich, so bald die Soldaten die Thür geöffnet, in den Salon zurückgezogen und behauptete kaltblütig seinen Platz bei seinen beiden Gefährten.

Ein Offizier der Linie trat rauh auf die Gruppe zu.

»Was thun Sie hier? Untersuchen Sie die Pequins Sergeant, ob sie Waffen bei sich führen!«

»Ich bedauere,« sagte der Lord kalt, »daß ich meine Pistolen in meiner Wohnung gelassen habe. Sie könnten mir vielleicht dienen, unter solchen Umständen die meinem Range passende Behandlung zu sichern.«

»Wer sind Sie?«

»Wenn Sie Lord Cowley, den britischen Gesandten, fragen wollen, so wird er sich für den Viscount von Heresford verbürgen und Ihnen sagen, junger Mann, daß die Macht des Präsidenten Louis Napoléon auch nach dem Trauerspiel dort unten noch keineswegs stark genug ist, um die Satisfaction zu weigern, welche die britische Regierung für jede einem Mitglied ihres Oberhauses angethane Beleidigung fordern wird.«

»Ihre Unverschämtheit beweist wenigstens Ihre Nationalität! Und diese da?«

»Meine Freunde!«

Der Graf übergab dem Offizier seine Karte. »Ich bin der Graf Montboisier, Kapitain außer Dienst. Dieser Herr ist in der That Lord Heresford und Sie werden sich wenig Dank durch eine Beleidigung desselben verdienen, da er ein Freund des Prinz-Präsidenten ist.«

Der Lord hatte sich gleichgültig, ohne an den Erörterungen des Grafen weiter Theil zu nehmen, in seinen Stuhl zurückgelehnt und begann sich eine Cigarette zu drehen. Dabei fiel sein Blick auf den Kammerdiener, der so eben in der Thür des Salons hinter den Soldaten erschien.

»Kommen Sie hierher Master Brown - bringen Sie mir eine Nachricht?«

Der Kammerdiener, der dieselbe Gleichgültigkeit gegen die drohende Umgebung zeigte, wie sein Herr verschaffte sich mit einer ruhigen Bewegung Platz durch die Soldaten und näherte sich seinem Gebieter mit einer Verbeugung.

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»Mylord,« sagte er so gleichgültig, als handle es sich um das Ableben eines Thiers, das man zur Schlachtbank führt, »Lafleur ist aus der goldenen Kanone zurückgekommen, wohin ich ihn geschickt.«

»Nun?«

»Er hat Monsieur Samson nicht dort gefunden, aber seinen jüngeren Bruder.«

»Aber der Mann? Sie langweilen mich, Master Brown.«

»Monsieur Samson ist diese Nacht mit einem Freund am Observatoire bewaffnet von einer Militair-Patrouille verhaftet und nach der Kaserne d'Orsay gebracht worden. Er ist verurtheilt, erschossen zu werden und das Urtheil wird in einer Stunde vollstreckt.«

Der Lord erhob sich rasch - alle Apathie seiner gewöhnlichen Haltung war verschwunden, ein entschlossener energischer Gedanke prägte sich in seinem Gesicht aus, als er auf den französischen Offizier zutrat, der einigermaßen eingeschüchtert oder zweifelhaft über die Folgen seines Verfahrens durch die ruhige Haltung des Engländers geworden, sich begnügt hatte, die anderen Gäste des Café's durch wilde Drohungen und die brutalen Durchsuchungen seiner Soldaten zu erschrecken.

»Monsieur - wie ich sehe, sind Sie Lieutenant. Sie wünschen gewiß, Kapitain zu werden?«

Der Offizier sah ihn erstaunt an. »Parbleu, - es ist sehr natürlich, daß ich das wünsche!«

»Very well! Sie werden es binnen drei Tagen sein, wenn Sie mich nach der Kaserne d'Orsay schaffen!«

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Der Lieutenant glaubte anfangs der Engländer wolle ihn verhöhnen, aber da jeder Franzose jeden Briten von vorn herein für wunderlich und überspannt zu halten gewohnt ist, begann ihm die Sache Spaß zu machen.

»Es werden wenige Ihren Wunsch theilen, Mylord,« sagte er - »aber wenn Sie wünschen, nach der Kaserne d'Orsay transportirt zu werden, brauchen Sie bloß der bewaffneten Macht sich zu widersetzen.«

»Well!«

Der Lord, zog gemächlich die Hand aus der Rocktasche und versetzte dem Offizier einen kunstgerechten Boxerschlag auf den Magen, daß dieser der Länge nach den Boden maß.

Die Soldaten wollten über den Excentric herfallen und der Offizier, vom Boden aufspringend, drohte ihn mit dem Säbel zu durchbohren, aber der Graf, der trotz der schrecklichen Scene vor den Fenstern kaum ein Gelächter unterdrücken konnte, warf sich zwischen sie und beschwor seinen Landsmann, sich zu mäßigen; der Viscount aber war sehr verwundert, daß man ihn wegen der Ausführung des Raths mit Bayonnetstichen oder Säbelhieben bedrohte.

»Goddam,« sagte er, - »ich denke, jetzt können Sie meinen Wunsch erfüllen und auf mein Ehrenwort, Sie werden Ihr Patent in drei Tagen haben.«

Die Gleichgültigkeit des Briten übte noch mehr Einfluß auf das Militair, als die Beschwörungen des Grafen und der Offizier befahl, sich den Leib reibend, halb lachend halb ärgerlich und unter dem Gelächter seiner Soldaten, die ganze Gesellschaft aus dem Café zu entfernen und wenn

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der tolle Engländer es verlangte, ihn wirklich nach der Kaserne d'Orsay zu transportiren.

Lord Heresford hatte unterdeß Gelegenheit gefunden, seinen Kammerdiener zu sich zu winken.

»Eilen Sie nach meinem Hôtel, Master Brown,« befahl er, »und bringen Sie mir das grüne Portefeuille No. 2 nach dem Arrest. Sammeln Sie unsere Leute und sein Sie damit vor dem Eingang der Kaserne auf jeden Wink bereit. Halten Sie einen Wagen mit vier Pferden an der Kirche St. Clotilde bereit.«

Master Brown neigte zum Zeichen, daß er die Befehle verstanden, den gepuderten Kopf und verschwand unbehindert.

Die Soldaten trieben und stießen die Gäste des Café's aus den Thüren. Ein Theil wurde nach der Passage der Oper transportirt, der Lord aber auf sein ausdrückliches Verlangen, unterstützt von zehn Napoleonsd'or, die er dem escortirenden Sergeanten in die Hand drückte, als Gefangener über den Boulevard und nach der Kaserne d'Orsay geführt.

Der Graf und Kapitain Peard wollten ihn nicht allein lassen und begleiteten ihn.

Das Feuer auf den Boulevards dauerte ununterbrochen fort. -


Es war bereits dunkel, als in Folge der Verzögerungen des Weges der freiwillige Gefangene mit seinen Begleitern an dem Eingang der Kaserne d'Orsay auf dem Quai gleichen Namens eintraf.

Die Quais waren in ihrer ganzen Länge von Militair

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besetzt - auf dem Place de la Concorde bivouacquirten Kavallerie und Artillerie.

Der Kampf in der innern Stadt dauerte noch fort, man hörte deutlicher von dem Temple herüber das Kanonenfeuer. Fortwährend brachten von dorther Gensdarmen, Mobilgarden und Linienpikets einzelne oder mehrere Gefangene und lieferten sie an die Kasernenwache ab.

Diese Männer und Jünglinge waren theils mit Blut bedeckt, finster und stumm, die Zähne aufeinander geknirscht, die gebundenen Hände geballt, theils schwatzend und protestirend ohne Ahnung des Schicksals, das sie bedrohte.

Die Soldaten machten jedoch sehr wenig Umstände mit den Einen und den Andern. Der kommandirende Offizier der Wache sandte die Gefangenen mit einem oder zwei der Transporteurs in eine große Stube des Parterre, wo das Kriegsgericht seit dem Morgen in Permanenz saß. Die Wache berichtete kurz die Umstände, unter denen man die Personen verhaftet, und das Kriegsgericht sprach eben so kurz das Urtheil: Erschießen - oder Zurückstellen, bis man bessere Zeit haben werde, sich etwas ausführlicher mit dem Prozeß zu beschäftigen.

Alle, von denen angezeigt wurde, daß sie beim offenen Widerstand oder bewaffnet ergriffen worden, wurden zum Tode verurtheilt; die Verdächtigen sperrte man einstweilen in einen zweiten Hof der Kaserne.

Aber der Unterschied wurde nicht besonders genau gehalten und blieb auch sehr oft der Willkür der Soldaten überlassen.

Wir haben bereits erwähnt, daß der britische Excentric

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sich mit seiner militairischen Begleitung auf einen sehr guten Fuß gestellt und sie offenbar bloß auf freilich etwas sonderbare Weise erlangt hatte, um in die Kaserne d'Orsay zu kommen.

Als sie sich derselben näherten, wandte er sich mit der Kaltblütigkeit, die ihn keinen Augenblick verlassen, an den begleitenden Sergeanten.

»Sie werden begreifen Sergeant,« sagte er zu diesem, indem er ihn zur Seite winkte, »daß ich nicht beabsichtige, mich von Ihren Herren Soldaten todtschießen zu lassen, oder an einem so interessanten Tage in Ihrer sonst wahrscheinlich ganz angenehmen Kaserne eingesperrt zu sitzen, und daß es sich bloß darum handelte, in guter Gesellschaft dahin zu kommen. Wenn Sie ein gescheuter Mann sind, und danach sehen Sie mir aus, giebt es zu den zehn Napoleonsd'ors, die Sie für sich und Ihre Leute erhalten haben, noch zwanzig andere, die für Sie allein bestimmt sind.«

Der Sergeant spitzte die Ohren. »Sacredieu, Eure Excellenz oder Eure Herrlichkeit, ich weiß nicht recht, wie Ihr Titel ist, haben eine Manier zu reden, die überzeugend ist. Wenn es Nichts gegen seine Ehre und seinen Dienst ist, wird sich Sergeant Robineau eine Ehre daraus machen, einem so generösen Herrn, wie Sie sind, gefällig zu sein.«

»Nichts gegen Ihre Ehre und Ihren Dienst, mein Freund. Sie wissen, daß ich nur Gefangener auf eigenen Wunsch bin, es genügt also, wenn Sie sich als meine Begleitung geriren, ohne erst das Kriegsgericht mit einer Anzeige zu belästigen. Ich wünsche mich zu überzeugen, ob eine

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gewisse Person noch am Leben ist und sich unter den Gefangenen der Kaserne befindet. Sie werden mich daher an den Ort bringen, wo die Gefangenen sich befinden und mir durch Ihre Begleitung freien Ein- und Ausgang sichern. Der Vorwand ist natürlich Ihre Sache!«

Der Sergeant strich sich den Schnurbart. »Bah - die Sache ist leicht, da die Kaserne zu unserm Regiment gehört. Mein Bruder ist Oekonom der fünften Kompagnie und ich bin wohl bekannt. Ich werde sagen, daß Sie einen der meuterischen Schurken recognosciren sollen.«

»Well! - Da ist Master Brown. Ich habe einen Augenblick mit meinem Diener zu sprechen!«

In der That erwartete der Kammerdiener bereits seinen Herrn vor dem Thor der Kaserne, das von vielen Neugierigen umlagert war.

Der Sergeant trat zur Seite und gab seinen drei Mann einen Wink. Der Kammerdiener näherte sich seinem Herrn.

»Haben Sie das Portefeuille, Master Brown?«

»Hier Mylord! Nummer zwei, Paris, wie Sie befohlen!«

»Und die Leute?«

»Peppo, Ihr Jäger, mit acht handfesten Burschen. Sie befinden sich hier unter der Menge, und Eure Herrlichkeit brauchen nur die Hand zu erheben, so werden sie bei Ihnen sein.«

»Gut! es ist nur für den Nothfall. - Jetzt, liebster Graf und Sie, Kapitain, bitte ich Sie, mich hier zu erwarten. Ihre weitere Begleitung würde mich nur hindern.«

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»Aber Mylord,« meinte Kapitain Peard, »wenn es eine Execution giebt, so möchte ich sie gern sehen.«

»Sie sollen nicht übergangen werden, mein Wackerer, ich möchte um Alles in der Welt willen Sie nicht in Ihren Unterhaltungen verkürzen. - Lassen Sie uns eintreten Sergeant.«

Der Sergeant Robineau gab seinen Leuten ein Zeichen, vorwärts zu gehen, und nachdem er mit den Posten am Thor einige Worte gewechselt, traten sie in das Innere der Kaserne.

Der Thorweg und die Korridors waren mit Soldaten und ab- und zugehenden Offizieren gefüllt. Der Sergeant ließ seine drei Mann im Eingang und drängte sich mit dem Lord durch die Soldaten. Man ging über den großen Hof, wo mehrere Haufen eingebrachter Gefangener, zum Theil verwundet, finster und ängstlich blickend bei einander standen, von Soldaten bewacht. Zwischen den Unglücklichen hindurch, die entweder die Entscheidung ihres Schicksals oder den Transport nach anderen Räumen erwarteten, führte der Sergeant seinen Gefangenen nach dem Zwischenflügel, wo in einem Saal des Parterre das Kriegsgericht in Permanenz saß. Die Thür war offen und durch das Gedränge von Soldaten aller Waffengattungen und neugierigen Angehörigen der Kaserne führten drei Mobilgarden eben zwei Verurtheilte heraus. Der eine war ein Mann, offenbar den bessern Ständen angehörig, obschon sein Rock zerrissen und mit Schmutz und Blut besudelt war. Er hatte sein Taschentuch um die Stirn gebunden und einzelne dunkle schwere Blutstropfen quollen darunter hervor und träufelten

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langsam an seinen Schläfen nieder in den schwarzen Bart. Sein Gesicht war vom Blutverlust blaß, aber der Ausdruck wilder Aufregung und finstern Grimmes lag in den blitzenden großen Augen, in dem zusammengepreßten Mund und der geballten Faust. Der Andere war ein Jüngling, fast ein Knabe noch, todtenbleich, von den Spitzen der langen Haare der Angstschweiß perlend, das Auge starr gläsern, während über die Glieder der Schauer der Todesfurcht lief.

Die Soldaten betrachteten mit Spott und Hohnlachen die Beiden. »Nun - werden sie springen?«

»Zum zweiten Transport nach dem Marsfeld!« sagte eine tiefe Stimme. »Sie sind verurtheilt. Die Beduinen sind auf der Flucht ergriffen worden von der Barrikade an der Straße Petit Carreau. Wir wollen den Kanaillen vertreiben, sich der rechtmäßigen Regierung zu widersetzen.«

Der Aeltere der Verurtheilten blieb stehen und warf einen wilden zornigen Blick auf den Sprecher.

»Der Tyrannei haben wir uns widersetzt,« rief er empört aus, »nicht dem Gesetz und der beschworenen Konstitution. Seid Ihr Franzosen, daß Ihr von Recht sprecht, wo alles Recht dieses unglücklichen Landes mit Füßen getreten wird? Elende Schergen der Tyrannei seid Ihr, die über kurz oder lang eben so zur Schlachtbank geschleppt werden, wie wir jetzt - die ...«

Ein Kolbenstoß in's Genick von einem der begleitenden Soldaten stürzte ihn vorwärts und schnitt seine Worte ab; er wäre zu Boden gefallen, wenn der Lord ihn nicht mit kräftigem Arm aufgefangen hätte.

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Der junge Mensch weinte laut. »Bruder, um Gotteswillen, schweig' Bruder!«

Der Republikaner spie einen Mund voll Blut aus und richtete sich mühsam empor mit einem kurzen dankenden Blick auf den Helfer.

»Muth, Gaston - Muth, bei dem Andenken unsers Vaters, der für die Freiheit dieses undankbaren Landes vor zwanzig Jahren starb, wie wir heute sterben werden.«

»O, ich habe Muth Aimée - glaube mir - aber der Tod ist nur so schrecklich ...«

Die Scene wurde durch die Flüche der erbitterten Soldaten unterbrochen, welche die Verurtheilten mit erneuerten Stößen und Schlägen vorwärts trieben.

Der Lord, so sehr er auch sonst seinen Gleichmuth bewahrte, konnte sich nicht enthalten, der rohen Brutalität gegenüber seinem Unmuth Worte zu geben. »Pfui! Schämt Euch! Ein wahrer Soldat,« sagte er unwillig, »sollte als Sieger nicht den Besiegten, dem Tode Verfallenen mißhandeln!«

Ein zweiter Blick des ihm unbekannten Unglücklichen traf ihn, aber die Beiden wurden nach dem Ausgang zum innern Hofe fortgeschleppt, der durch ein Gitter verschlossen war.

»Hoho Pequin! Wer kräht denn da? Wirst zeitig genug dran kommen, Spitzmaus! - Wen bringst Du da Robineau? - Hier herein mit dem Burschen! - Wie steht's auf den Boulevards?«

Der Sergeant aber machte sich Platz durch das

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Gedränge und zog den Lord nach sich, an dem Eingang des Gerichtssaales vorbei.

»Nichts da,« sagte er lachend - »das ist Nichts für die Offiziere da drinnen. Ein vornehmer Herr, ein Engländer ein Mylord, der bloß hierher kommt, um unsere schöne Kaserne zu besehen. Die Engländer, wißt Ihr doch, sind närrische Käuze und verstehen unser Französisch immer nur halb!« So zog er ihn halb mit Gewalt durch die Menge und führte ihn einen Korridor entlang.

»Ich muß gestehen, Mylord, Sie sind verteufelt bereit, sich und andere Leute in eine Patsche zu bringen. Aber hier ist der Ausgang nach dem Hof, in dem sich die Verurtheilten befinden. Der erste Transport wird, wie ich eben gehört, in fünfzehn Minuten abgehen. Sehen Sie also zu, ob Sie die Person darunter finden, die Sie suchen und sagen Sie ihr Lebewohl, denn helfen können Sie doch nicht. Gegen das Urtheil des Kriegsgerichts gilt keine Appellation.«

An der Seitenthür, durch die sie in den Hof traten, stand ein doppelter Posten; Schildwachen mit gespanntem Hahn, die Gefangenen bewachend, waren ringsum postirt.

Die letzteren theilten sich in zwei Haufen. Den einen - es waren siebenundsechszig Personen aus verschiedenen Ständen und von verschiedenem Alter - bildeten Diejenigen, die binnen wenigen Minuten nach dem Marsfeld transportirt werden sollten.

Auf der andern Seite befanden sich Jene, über welche erst seit Mittag das Kriegsgericht verhandelt und abgesprochen hatte. Man erwartete nur die Bestätigung

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des Kriegsministers und den Befehl zu den Executionen, um diese alsbald vollstrecken zu lassen und eine Kompagnie Infanterie hatte sich zur Escorte bereits im vordern Hofe aufgestellt, während eine starke Abtheilung Lanziers vom Place de la Concorde her sich an dem Ausgang der Kaserne sammelte, um den Transport nach dem Marsfeld zu sichern.

In der Begleitung des Sergeanten schritt der Lord zu den Gefangenen, die theils finster und stumm in starrer Resignation, theils mit bangem Entsetzen oder in großer nur mühsam unterdrückter Erregung das drohende Schicksal erwarteten; denn jede laute Aeußerung wurde von den wachhaltenden Soldaten mit Mißhandlungen und dem Binden der Gefangenen unterdrückt.

Auf einer Steinbank an der Mauer saßen zwei Männer in ernstem stillem Gespräch oder trauerndem Nachsinnen. Ihre Hände waren nicht gebunden, die Soldaten behandelten sie vielmehr mit einer gewissen Achtung, da die militairische Haltung des einen Gefangenen unverkennbar war, und Beide sich mit Resignation in das Unabänderliche gefügt hatten.

Es waren Samson, der algier'sche Kolonist und Kapitain Fromentin.

Bewaffnet, im Widerstand gegen eine Schildwach ergriffen - der Arbeiter schon wegen seiner Theilnahme an der Juni-Emeute verbannt und ohne Erlaubniß zurückgekehrt, der Offizier als Unzufriedener und Antibonapartist, ein ehemaliger Adjutant Lamoricière's, aus dem Dienst geschieden - waren sie ohne Weiteres in Folge der Proclamation

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des Standrechts zum Erschießen verurtheilt worden. Der Kolonist wußte, daß er auf keinen Beistand rechnen könne, der Offizier war zu stolz und zu erbittert, den eines Freundes anzurufen. Ohnehin war der Sturm der Ereignisse so rasch und gewaltig, so überstürzend, daß auf gewöhnliche Wege gar nicht zu rechnen war.

Nicht einmal den Knaben, seinen Bruder, hatte der Kapitain gesprochen; sein letzter Wunsch und seine Absicht war, es zu vermeiden, daß der alte Invalide, sein Vater, beunruhigt werde, bevor Alles vorüber sei. Das frevle, egoistische und herzlose Spiel der Frau, die er so aussichtslos und schmerzlich geliebt, das unglückliche Schicksal des armen halbirren Mädchens, dessen ganze schwärmerische Liebe er erst mit ihrem strömenden Lebensblut erkannt, sie hatten einen tiefen, das Leben ihm gleichgültig machenden Eindruck auf ihn hervorgebracht. Mit dem letzten Blick auf den Bruder, als der junge Bursche sich nach dem Spruch des Gerichts heulend und wehklagend zu ihm drängte und von den Wachen rauh zurückgestoßen wurde, hatte er eigentlich schon Abschied vom Leben genommen.

Der Gamin war gegenwärtig gewesen beim raschen Spruch des Kriegsgerichts. Von den rauchenden Trümmern ihrer Wohnung, als er nirgends seinen greisen Vater auffinden konnte, war er nach der Kaserne geeilt, wohin, wie er wußte, die beiden Gefangenen vom Observatoire gebracht werden sollten, während Mutter Tirebouchon, die er in seiner Noth herbeigeholt, die Leiche der armen Mortelle in ihr Haus bringen ließ. Er hatte Armand treu auf seinem Posten gefunden und die beiden jungen rathlosen

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Burschen hatten sich vergeblich den Kopf zerbrochen, was sie thun könnten. Der Gamin wußte, daß sein Vater dem Prinz-Präsidenten persönlich bekannt und hierauf baute er seine letzte Hoffnung zur Rettung des Bruders.

Aber Stunde auf Stunde verstrich - aus den Straßen der innern Stadt rollte der Donner des blutigen Kampfes herüber - und nirgends war eine Spur des Leierkästners zu ermitteln. Auch der Fossoyeur, den er befragen wollte, war verschwunden - wo sollte er sie suchen in dem unermeßlichen Paris, das in diesem Augenblick ein Tod und Verderben speiender Vulkan war!

Der Lord, das Glas in's Auge geklemmt, von dem Sergeanten begleitet, schritt spähend durch die Reihen der Gefangenen.

Plötzlich blieb er stehen - er hatte den Kolonisten erblickt, den er selbst aus Afrika mit herübergebracht hatte.

»Sieh da, Master Samson, treffen wir uns hier? Sie sind etwas nachlässig gewesen mit den versprochenen Berichten!«

Er reichte ihm die Hand - der arme Arbeiter starrte ihn erstaunt an.

»Um's Himmelswillen Mylord - wie kommen Sie hierher? Sie sind verhaftet und verurtheilt wie wir?«

Der Wackere dachte zuerst an die Gefahr des Andern.

»Beruhigen Sie sich, mein Braver, ich gebe zwar nicht viel auf meine Pairschaft, aber sie verhindert wenigstens, mich so mir Nichts, dir Nichts einzusperren. Ich habe von Ihrer Gefahr gehört und bin gekommen, Ihnen zu helfen.«

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»Das ist zu spät Herr! Es ist schwer, jung zu sterben, wenn man im fernen Lande Weib und Kind hilflos zurückläßt. So Mylord, wenn Sie etwas für den armen Renaud thun wollen, nehmen Sie sich der Seinen an!«

»Ich denke ihnen ihren Ernährer selber zurückzugeben. Aber es ist keine Zeit mehr! Mein Braver!« er wandte sich gegen den Sergeanten - »haben Sie sich erkundigt, wie ich Sie bat, aus welchen Mitgliedern das Kriegsgericht besteht?«

»Ja Mylord!« Er nannte sie.

Der Engländer hatte das Portefeuille geöffnet, das sein Kammerdiener ihm gebracht und verglich rasch die genannten Namen mit einem Verzeichniß, das ein Blatt enthielt.

»General ..., es ist Nichts mit ihm! aber hier - Oberst Daguerre! halten Sie einmal mein Lieber, es genügt.« Er schrieb mit Bleistift einige Worte auf seine Karte und gab sie dem Sergeanten. »Händigen Sie das sofort Oberst Daguerre ein und sorgen Sie für einen Ort, wo ich mich ungestört fünf Minuten mit ihm unterhalten kann, es wird mir den Weg zu Herrn von St. Arnaud ersparen, der wahrscheinlich so genug beschäftigt ist.«

Er drängte den Sergeanten fort, denn im Vorhof ließ sich verdächtiger Trommelschlag hören.

»Ich denke, mein Lieber,« fuhr der Lord zu Samson fort, »Sie werden in zehn Minuten frei sein und in einer Stunde auf dem Weg zu Ihrer Familie, wenn Sie sonst Nichts weiter in Paris zurückhält. Brown soll Sie bis Marseille begleiten, damit Ihnen unterwegs kein Hinderniß

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aufstößt. Sie sehen, daß ich den Löwen nicht vergessen habe!«

»Mylord,« sagte der Ueberraschte mit keuchendem Athem, denn die unerwartete neue Aussicht schnürte ihm das Herz zusammen - »selbst wenn es Ihnen gelänge, und wozu hätten Sie nicht die Macht! ich könnte Ihre Güte doch nicht annehmen!«

»Goddam! Das wäre! Haben Sie vielleicht eine besondere Liebhaberei dafür, sich füsiliren zu lassen?«

»Nein, Mylord - aber ich werde unter allen Umständen das Schicksal meines Freundes, Kapitain Fromentins, theilen!«

Der Lord verneigte sich leicht. »Bah - das ist kein Hinderniß. Ich habe nicht die Ehre gehabt, dem Herrn Kapitain weiter bekannt zu sein, als durch eine flüchtige Vorstellung, sonst hätte ich ihm schon meinen Beistand angeboten! Graf Montboisier hat mir von Ihrem unterbrochenen Duell bei den Katakomben erzählt. Ich werde ihm jedenfalls einen Dienst erweisen, wenn ich Sie bitte, die meinen anzunehmen!«

Der Kapitain schüttelte die dargebotene Hand. »Es wäre eine Thorheit, den Beistand eines Gentleman zurückzuweisen, wenn ich auch fürchte, Ihre Bemühungen kommen zu spät.«

»Bah! wenn es so nicht geht, wird es auf einem andern Wege gehen. Mehr als ein Dutzend entschlossener und wohlgeeigneter Männer harren vor dem Thor der Kaserne auf meinen Wink, halten Sie also für den Nothfall die Augen offen und sich bereit. Aber ich glaube, es

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wird nicht nöthig sein, denn dort kommt mein braver Sergeant!«

In der That kam dieser eilig über den Hof. »Mylord,« sagte er - »der Oberst erwartet Sie. Aber beeilen Sie sich, denn der Befehl zum Abmarsch der Gefangenen ist soeben gegeben.«

Der Lord öffnete das grüne Portefeuille, prüfte auf dem Papier die Nummer bei dem Namen des Oberst Daguerre und suchte nach dieser aus den zahlreichen Briefschaften, die das Portefeuille in seinen Taschen enthielt, ein Papier. Als er es gefunden, steckte er es zu sich und verschloß sorgfältig die Mappe.

»Sie werden mir erlauben, dieses Portefeuille einige Minuten Ihrer Ehre anzuvertrauen, Monsieur Robineau,« sagte er zu dem Sergeanten, »und nun lassen Sie uns gehen.«

Mit einem ermuthigenden Kopfnicken gegen seine Schützlinge folgte er dem Soldaten über den Hof nach der Seitenthür des Korridors. Er sah noch, wie ein Offizier mit starker Wachmannschaft in den Hof trat und die Gefangenen von ihren Wächtern zusammengetrieben wurden.

Der Sergeant öffnete die Thür eines Zimmers und winkte dem Lord einzutreten, dann schloß er dieselbe und wartete neugierig auf den Erfolg des seltsamen Originals auf dem Gange.

Der Viscount, der mit dem Tritt über die Schwelle ganz die ruhige kalte Haltung des englischen Aristokraten annahm, sah sich einem großen Offizier mit finsterer Miene und einem schiefen Blick des linken Auges gegenüber.

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»Lord Heresford?«

»Der bin ich, Sir!«

»Sie haben gewünscht, mich in dringender Angelegenheit unverzüglich zu sprechen. Hier bin ich, womit kann ich Ihnen dienen?«

»Mit zwei Menschenleben!«

Das finstere Gesicht des alten Offiziers wurde noch dunkler. »Ich verstehe Sie nicht, mein Herr, Sie sprechen in Räthseln.«

»Um kurz zu sein, Sir, ich wünsche die Begnadigung und Rettung zweier Personen, die unter den Verurtheilten sich befinden, welche so eben fortgeführt werden sollen. Hätten wir Zeit, so würde ich mich sicher an den Prinz-Präsidenten gewandt haben und wäre der Begnadigung gewiß. So bin ich gezwungen, mich an Sie zu wenden.«

Der Oberst lächelte höhnisch. »Ich bin Ihnen sehr verbunden, Mylord, für das Vertrauen, das Sie mir schenken, aber ich fürchte, daß ich ihm nicht entsprechen kann.«

»O doch, Sir, wir wollen einen Handel machen!«

»Ich bin kein Engländer, Mylord, und im Augenblick sehr pressirt.«

»So verweigern Sie meine Bitte?«

»In einer halben Stunde werden die Meuterer erschossen sein.« Er machte eine kurze Verbeugung zum Zeichen des Abschieds.

»Es ist wahr Sir, ich vergaß, daß Sie immer mit Meuterern sehr streng sind und das Erschießen für die einzige Kur halten.«

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Der Oberst, der bereits an der Thür stand, blieb stehen.

»Wie meinen Sie das?«

»O Nichts - Sie haben bloß Ihre Pflicht erfüllt. Ich werde meinem guten Bekannten, Herrn Louis Bonaparte, dem gegenwärtigen Präsidenten und wenn mich nicht Alles trügt, dem baldigen Kaiser von Frankreich, nur diesen Brief zeigen, um ihm zu beweisen, wie nahe er selbst am Erschießen nach dem Boulogner Attentat war, damit er künftig auch Rebellen gegenüber etwas milder verfährt.«

Der Oberst trat auf ihn zu. »Was für ein Brief, Sir?«

»O - einen kleinen Vorschlag, den ein gewisser Major an den König Louis Philipp im Jahre 1840 richtete.«

»Diesen Brief?«

»Bah - hier ist er - der alte Herr war so gütig, mir ihn in Clarendon für meine Sammlung zu schenken, da er wußte, ich interessire mich ein Wenig für die Nachkommen des alten Napoleon. Die ausgeführten Gründe darin sind vortrefflich und die Beförderung für so gute Gesinnung war wohl verdient.«

Der Oberst war sehr blaß geworden; er warf einen raschen Blick im Zimmer umher und auf seinen Besuch, gleich als wolle er sich versichern, ob er mit Gewalt gegen ihn einschreiten könne. Aber die ruhige Haltung des Engländers und sein bekannter Ruf mochten ihm wahrscheinlich bessern Rath geben und er trat noch näher zu seinem Gegner.

»Bitte, Mylord - können Sie mir den Brief zeigen?«

»Sehr gern, Sir, nur muß ich Ihnen bemerken, daß

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ich, wie Sie vorhin sehr richtig bemerkten, als Engländer Kaufmann und daher etwas vorsichtig bin.«

Er zeigte ihm den Brief der Art, daß der Offizier die Schrift erkennen konnte.

Sie schien einen großen Eindruck auf diesen zu machen, doch war der Kampf nur kurz. »Mylord,« sagte er sehr höflich, »ich muß Sie benachrichtigen daß auch ich ein sehr großer Liebhaber von Autographen bin und ich Sie daher bitte, mir diesen Brief zu verkaufen.«

»Mit Vergnügen - nur beschmutze ich mich nie bei einem Handel mit Geld.«

»Und der Preis?«

»Sind die Herren Fromentin und Samson, die so eben in recht zahlreicher Gesellschaft nach dem Marsfeld geführt werden sollen.«

»Es ist unmöglich, das Urtheil zurückzunehmen,« sagte nachdenkend der Beisitzer des Kriegsgerichts. »Der General ist streng und hat seine Instruktionen. - Wenn man wenigstens sicher wäre, daß die Leute nicht in Paris blieben!«

»O - es ist Alles bereit, sie nach Algerien zu schicken! Ueberdies wird manches Versehen heute mitunterlaufen.«

»Das ist wahr! Wohin wünschen Sie die Männer?«

»Nach welcher Seite werden die Verurtheilten abgeführt?«

»Ueber die Quai's!«

»Dann werde ich Sie in zehn Minuten an dem Ausgang der Rue de Lille erwarten. - Wenn Sie etwa eine helfende Hand brauchen können, die bekannt in der Kaserne

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ist, so empfehle ich Ihnen den Sergeanten, der Ihnen meine Karte gebracht hat und mich vor der Thür erwartet. Ich schulde ihm 20 Napoleonsd'ors für seine Gefälligkeiten.«

»Es ist gut! Kommen Sie, Mylord!«

Er öffnete ihm die Thür und ging ihm voran nach einem der Fenster, die auf den innern Hof führten. Die Gefangenen waren bereits zu einem Zuge fünf Mann hoch aufgestellt.

»Können Sie mir von hier aus die Personen zeigen?«

»Sehr leicht! Dort im dritten Gliede die beiden Männer nach unserer Seite, der Eine trägt eine Blouse, der Andere den dunklen Ueberrock. Sie sind nicht zu verkennen.«

»Nein! Gehen Sie jetzt Mylord und erwarten Sie mich. Und das Autograph?«

»Es steht Ihnen in der Straße de Lille zu Diensten.«

»In zehn Minuten. Bringen Sie diesen Herrn an das Thor zum Quai Sergeant, und sorgen Sie dafür, daß er keinen Aufenthalt erfährt. Dann kommen Sie hierher zurück und erwarten mich auf dieser Stelle.«

»Zu Befehl, Colonel!«

Der Offizier machte dem Engländer eine kurze Verbeugung und ging eilig nach dem Hof, wo bereits die Trommel zum Antreten rasselte. Der Viscount folgte seinem Führer.

Der Oberst war rasch über den Hof zu der Kolonne geschritten, die sich so eben in Marsch setzen wollte. »Einen Augenblick,« sagte er zu dem Offizier der Eskorte. »Das Gericht wird in die Nothwendigkeit kommen, noch des Zeugnisses dieser zwei Burschen zu bedürfen. Sie können

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mit dem nächsten Transport folgen.« Er fixirte die beiden ihm bezeichneten Männer und überzeugte sich, daß sie die rechten. »Tretet aus und folgt mir!«

»Aber Colonel,« wandte der Offizier ein - »hier ist meine Ordre, ich habe an den Kommandirenden auf dem Marsfeld 67 Personen abzuliefern und muß dafür einstehen.«

»So nehmen Sie zwei von jenen dort - es ist gleich, ob sie eine Stunde früher oder später die Kugel bekommen.« Er wies auf die beiden Unglücklichen - die Brüder - die vorhin unter Mißhandlungen aus dem Gerichtssaal gebracht worden waren. »Bringt sie hierher!«

Rohe Soldatenhände griffen nach ihnen; aber der Aeltere, mit dem Tuch um die blutende Stirn schritt fest und hoch aufgerichtet zu der Lücke, die er mit seinem Herzblut zu füllen bestimmt war.

»Komm, Gaston - Wir werden um so eher frei und bei unserm Vater sein!«

Die Trommel wirbelte. »Marsch!«

Während der Zug nach dem Hauptportal sich in Bewegung setzte, führte Oberst Daguerre die beiden Gefangenen nach dem Korridor zurück, von zwei Schildwachen begleitet, die er am Eingang fortschickte. Dann ließ er die Beiden in die Stube eintreten, in welcher die Unterredung mit dem Lord stattgefunden und kehrte zu dem Sergeanten zurück, der nach dem erhaltenen Befehl bereits seiner mit sehr guter Laune harrte, die ihm die erhaltenen 20 Napoleonsd'ors gegeben.

Wenige Worte genügten zur Verständigung und der

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Oberst trat alsbald wieder in das Zimmer, wo die beiden Freunde der Entscheidung ihres Schicksals warteten.

»Sind Ihre Namen Fromentin und Samson?«

»Ja Colonel!«

»Dann kündige ich Ihnen Ihre Rettung an, unter der Bedingung, daß Sie ohne zu fragen, sich den Anordnungen fügen und Frankreich sofort verlassen und Ihr Ehrenwort geben, nie von dem Antheil zu sprechen, den ich an Ihrer Rettung gehabt habe!«

Der Entschluß der Freunde war rasch gefaßt - ein nutzloser Tod auf der einen Seite, ein neues Leben voll Thätigkeit und Hoffnung auf der anderen. Der Kapitain gab in Beider Namen sein Ehrenwort.

Der Oberst öffnete die Thür, Sergeant Robineau trat mit zwei Militairmänteln und Kappen ein, mit denen sich die Freunde rasch bekleideten. So führte der Sergeant sie durch den langen Seitenflügel der Kaserne, während der Oberst vorausging und bei der hinteren Thorwache stehen blieb, bis sie diese ungehindert passirt hatten.

Erst jetzt wagten die Verurtheilten an ihre so plötzliche und wunderbare Rettung zu glauben und der Athemzug der Freiheit schwellte ihre Brust.

Der Oberst blieb unweit des Ausgangs der Kaserne stehen; er hatte noch keine Minute gewartet, als von der Seite her, wohin sich die Flüchtenden entfernt, ein zweimaliges Händeklatschen ein Signal gab und darauf sofort aus dem Dunkel der Kammerdiener des Lords hervortrat und sich ihm näherte.

»Oberst Daguerre?«

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»Der bin ich!«

»Dann habe ich Ihnen den Dank Seiner Herrlichkeit, des Lord Heresford, zu sagen und Ihnen dies auszuhändigen.«

Der Offizier riß das Couvert im Licht der nächsten Laterne ab und erkannte die Handschrift seines jetzt so gefährlichen Berichts.

Er zerriß das Papier in kleine Stücke und streute sie umher. Erst nachdem dies geschehen, ohne den Boten weiter eines Wortes zu würdigen oder sich um die Befreiten zu kümmern, kehrte er eilig nach der Kaserne zurück.

Auch der Sergeant mochte es für gefährlich halten, sich weiter mit ihnen zu beschäftigen, denn an der Ecke der Straße Courty hatte er sie verlassen und eilte auf einem andern Wege nach dem Quai zurück.

Die beiden Männer waren nicht so bald allein, als Kapitain Fromentin sich von zwei Armen umschlungen und von Meister Jacques, dem Gamin, unter nur mühsam unterdrücktem Jubel umarmt sah.

Zugleich zogen Freundeshände sie mit sich fort aus der gefährlichen Nähe. Erst auf dem Place St. Clotilde hielt ziemlich athemlos die Gruppe an. Ein Wagen, mit vier Pferden bespannt, stand an dem Seitenportal der Kirche.

»Goddam!« sagte der Lord, denn dieser selbst mit dem Grafen hatte sie hierher begleitet, »wir sind zur Stelle und Sie können abreisen. Monsieur Samson, ich denke, wir sind quitt für Ihren Schuß auf den Löwen!«

Der Kapitain faßte seine Hand. »Wir schulden Ihnen

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Leben und Freiheit Mylord,« sagte er warm. »Wie soll ich Ihnen danken, daß Sie sich eines Fremden angenommen?«

»Bah - Sie hörten ja, daß Monsieur Samson nicht allein mir das Vergnügen machen wollte, ihn Seiner Majestät dem künftigen Kaiser von Frankreich zu escamotiren. Ueberdies hat mir hier Herr von Montboisier so viel von Ihrem unterbrochenen Duell erzählt, daß ich neugierig war, den Ausgang zu erfahren.«

Der Graf war näher getreten und reichte dem ehemaligen Rivalen die Hand. »Nehmen Sie meinen aufrichtigen Glückwunsch zu Ihrer Rettung Kapitain. Hier durch den Burschen, Ihren Bruder, der, wie er sagt, bei unserm Rendezvous in der Rue des Catacombes mich gesehen und mich vorhin, als wir auf dem Quai d'Orsay auf den Erfolg des Versuchs Mylord Heresfords warteten, wiedererkannt und angesprochen hat, hörte ich mit Sicherheit, daß auch Sie gefangen und verurtheilt wären. Gott sei Dank, daß Mylord Ihre Rettung gelungen, denn valga me Dios! die Zeit wäre etwas kurz gewesen zu jedem andern Versuch!«

»Parbleu,« sagte der Gamin, »sie hätten ihn nicht erschießen sollen, so lange ich und Papa Touron noch dabei waren!«

»Wo ist der Vater, Jacques?«

»Zum Präsidenten, um das Urtheil dieser Spitzbuben von Richtern cassiren zu lassen. Er hat vornehme Bekanntschaften Papa Touron und wird ihnen im Elysée einen schönen Lärmen machen, daß sie einen so braven Offizier, seinen Sohn, wie einen Rebellen erschießen wollen.

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Du und Renaud, Ihr wäret längst frei gewesen, wenn der Vater eher als vor einer Stunde nach unserm verbrannten Hause zurückgekommen wäre. Das ist eine Geschichte, Hector, die Du auch noch nicht weißt - aber ich habe es dem Spitzbuben gesalzen, es war Blut auf der Stelle, wo er in den Garten gesprungen. - Der Teufel weiß, wo Papa Touron die Nacht und den Tag gesteckt hat, denn er selbst will kein Wort davon sagen.«

Der Lord unterbrach den Gamin, der sich der Hand des Bruders bemächtigt hatte und unter seiner Erzählung mit hundert possenhaften Liebkosungen seine Freude äußerte. »Wenn Sie mich nicht in's Hôtel der englischen Gesandtschaft begleiten wollen,« sagte er, »so wird es am besten sein, wenn Sie abreisen. Der Wagen steht hier, um Monsieur Samson nach Marseille zu schaffen, wo er sich einschiffen kann. Master Brown wird ihn sicher am Bord eines Schiffes bringen, denn es nicht mehr als billig, daß ich für seine Rückkehr sorge, weil ich ihn mit nach Paris, gebracht. Was Sie betrifft, mein Herr, so beschließen Sie selbst über das, was Sie thun wollen; doch dünkt mich, Sie thäten wohl, ihn zu begleiten, bis Ihre Freunde Ihnen volle Sicherheit erwirkt haben.«

Der Kolonist warf sich in die Arme seines Freundes. »Komm mit mir Hector - in der Wüste, unter den Löwen und Arabern wird uns wohler sein, als in dieser mit Fluch beladenen Stadt!«

Der ehemalige Artillerie-Offizier reichte ihm die Hand. »Du hast Recht Renaud - in der Wüste, unter der glühenden Sonne Algeriens können wir vielleicht Beide

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vergessen. Der Name Hector Fromentins wird hoffentlich seinen Kriegsgefährten am Atlas noch so gut im Gedächtniß sein, daß sie ihm eine Freistätte gewähren!«

»General Pelissier,« bemerkte der Lord - »ist ein Republikaner und schwerlich mit diesem Streich des Herrn Bonaparte einverstanden. Ich werde dafür sorgen, daß Sie in Marseille Briefe an ihn vorfinden. Und nun vorwärts meine Herren, denn die Zeit ist kostbar.«

Der Kapitain drückte seinen Bruder an's Herz und bestellte ihm den Abschiedsgruß an den Vater, dem er, so bald er in Sicherheit, schreiben werde. Dann reichte er Montboisier und dem Lord die Hand.

»Sagen Sie jener Frau,« sprach er - »daß ich sie in all ihrem stolzen Reichthum verachte, wie ihren Bruder, denn ihr fehlt des Weibes beste Zierde, das Herz, ein Herz, wie es jene Arme in der Brust trug, die das blutige Opfer ihrer Falschheit geworden. - Leben Sie wohl Mylord, und wenn Sie in Ihrem seltsamen Leben und Thun zweier Männer bedürfen, die bereit sind, ihr Leben für Sie einzusetzen, so rufen Sie uns. Leben Sie wohl und Gott schütze das arme Frankreich vor der Hand seines Tyrannen!«

Der Ansiedler saß bereits im Wagen, während Master Brown in seinen Mantel gehüllt auf dem Bock Platz genommen und der Kutscher ungeduldig die Pferde hielt. Der Kapitain hatte eben den Fuß auf den Tritt gesetzt, als der Lord ihn noch einmal aufhielt.

»Damn! - ich hätte beinahe das Wichtigste vergessen,

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Ihr Duell, Kapitain. Wo zum Henker haben Sie diesen Cavalier von der Börse gelassen?«

»An der Source d'Oubli in den Katakomben!«

»Ich hätte darauf tausend Pfund wetten wollen. Aber todt oder lebendig?«

»Er wäre des Pulvers nicht werth gewesen, das ein ehrlicher Mann an ihm verschwendet hätte! Er lebt, es müßte ihn denn seine eigene Feigheit getödtet haben.«

»Die Börsenjobbers haben ein zähes Leben,« sagte der Lord. »Und damit Gott befohlen!«

Der Postillon schlug auf die Pferde und der Wagen rasselte davon.

Der Lord und der Graf sahen ihm einige Augenblicke nach, der erstere rieb sich spöttisch lachend die Hände. »Ich denke,« sagte er - »Seine Hoheit der Präsident von Frankreich hat diesmal die Partie an mich verloren und wir können uns entfernen!«

Montboisier sah sich um. »Ich sehe Ihren Begleiter nicht mehr bei uns, Mylord?«

»Bah was wollen Sie! Der Mann hat seine kleinen Henker-Liebhabereien und wird sich die Execution auf dem Marsfeld nicht entgehen lassen. Ich meine, es wird interessanter sein, Ihren künftigen Schwager aufzusuchen, als Master Peard, den Menschenjäger, der im Elysée seinen Meister gefunden hat!«

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Wir wissen, daß auf den Befehl des Präsidenten der alte Invalide von der Ponte de la Corcorde[Concorde] durch General Roguet bis zum Nachmittag des verhängnißvollen Tages in dem Palais Elysée unter strenger Bewachung zurückgehalten worden war. Als alter Soldat fügte er sich dem Befehl, obschon der bis in's Elysée schallende Donner der Kanonen und die militairischen Bewegungen ihm verriethen, daß in der Stadt auf's Neue gekämpft wurde, und die Besorgniß um seine Söhne, - um den älteren, weil er den Ausgang des Duells nicht kannte, und ihn in der Gesellschaft eines früheren Mitgliedes der Clubs wußte, - um den jüngeren, weil er überhaupt seinen Leichtsinn kannte, der sicher nicht unterlassen würde, die Nase in den Kampf zu stecken, - sein Herz drückte.

Er sah sich daher kaum frei, als er, ohne sich um die politischen Vorgänge zu kümmern, nach seinem Häuschen eilte.

Er fand zu seinem Schrecken nur die Brandstätte und erst nach langem Forschen bei seiner Freundin, der Wirthin zur goldenen Kanone, Erklärung und seinen jüngeren Sohn wieder, der seit dem Brande seine Zeit zwischen dem Aufsuchen des Alten und den Versuchen, zu seinem Bruder zu dringen, getheilt hatte, und dessen Angst um Beide mit jeder Stunde gestiegen war.

Gleich dem Löwen, dessen Brut der Jäger bedroht, richtete der alte Krieger sich empor, als er die Gefahr erfuhr, die seinem Stolz, seinem Sohne Hektor drohte. Mit jenem fanatischen Vertrauen für den Namen Napoleon zweifelte er keinen Augenblick, daß sein hoher Gönner nichts Eiligeres zu thun haben werde, als ihm den Sohn

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zurückzugeben, und indem er Jacques an der Kaserne zurückließ, machte er sich eilig auf den Rückweg zum Elysée.

Aber hier fand er, so rasch sie sich seiner Entfernung geöffnet hatten, zu seinem Entsetzen die Thüren gesperrt und den Zutritt in jeder Weise erschwert.

Der alte Soldat, der die kostbare Zeit verrinnen sah, bat und flehte vergeblich, ihn wenigstens zu General Roguet zu führen, auf den er sich berief. Der General war bei dem Präsidenten und das strengste Verbot erlassen, den Prinzen zu stören.

Die Angst begann den Alten aller Besonnenheit zu berauben - seine Kraft war fast erschöpft und er lehnte mit Verzweiflung, die brennende kahle Stirn in die Hand gestützt, an den Pfeilern der Auffahrt, als eine Hand sich auf seine Achsel legte und eine Stimme, die ihm wie der Gesang der Engel klang, ihn freundlich beim Namen nannte.

»Pardious[Pardioux] Kamerad,« sagte der Anredende, »ich hätte Dich im Schein dieser Flambeaux beinahe nicht wieder erkannt. Ich hätte Dich heute Morgen aufgesucht, wenn es nicht so verteufelt blutig in Paris zugegangen wäre. Aber was hast Du Kamerad? Du siehst aus, als hätten die Preußen oder Russen Dir über Nacht Deine Batterien gestohlen!«

Es war der Haciendero, der Veteran, den er am Abend vorher in den Gemächern des Prinzen getroffen und wieder erkannt hatte, der ihn jetzt so freundlich ansprach, indem er das Elysée verließ. Wie ein Blitz kam ihm der Gedanke, daß Gott diesen Mann sende, um ihm beizustehen.

Er streckte ihm flehend die Hand entgegen.

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»Um Gotteswillen, Colonel, helfen Sie, stehen Sie mir bei, oder Alles ist verloren!«

»Was giebt's, was hast Du Kamerad?«

»Ich muß zum Prinzen, ich muß ihn sprechen - Tod und Leben hängt davon ab, und diese Schurken von Rekruten verweigern einem alten Soldaten den Eintritt!«

»Es ist unmöglich, zum Prinzen zu gelangen,« sagte der Oberst. »Er hat sich eingeschlossen und sieht Niemand als Roguet!«

»Er muß mich sehen, wenn er das Herz eines Bonaparte für seine alten Soldaten hat. Die Augenblicke vergehen und meines armen Hector Leben hängt von Minuten ab - es ist vielleicht schon zu spät, während ich hier müßig wie ein Schranze um Eingang bettele. Um Gottes Barmherzigkeit willen, bei der Erinnerung an die Beresina Oberst, führen Sie mich zu General Roguet!«

»Du sollst ihn sehen! aber was ist geschehen, Mann, rede - sprich!«

»Meinen Sohn - den Stolz meines Alters! meinen Hector - sie wollen ihn tödten!«

Der Colonel zog ihn zur Seite. »Das ist ernsthaft! Komm hierher, wo wir ungestörter sind. Nun rede, Kamerad, Du weißt, daß meine Person und mein Vermögen Dir zu Diensten stehen!«

Der Invalide berichtete in fliegender Eile, was er von Jacques gehört. Der Haciendero sah nach der Uhr.

»Dann ist es die höchste Zeit, denn ich hörte drinnen, daß der Befehl zur Execution so eben gegeben worden. Die beiden Gefangenen müssen gerettet werden, ich zahle

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Dir mein Leben mit dem Deines Sohnes! Komm mit, Kamerad, wir wollen den Befehl zur Freilassung haben und sollte ich die Thüren eintreten.«

Vor dem Ansehen des vornehmen Edelmanns wichen die Befehle der Schildwachen und der Colonel führte den Invaliden rasch in's Innere des Palais, wo sich jetzt Offiziere und Beamten drängten.

Dennoch, so sehr er auch bekannt dort war, gelang es ihm nur mit Mühe sich durchzuwinden und er war gezwungen, den Invaliden in den untern Foyer zu lassen, um den alten Adjutanten und Vertrauten des Prinzen aufzusuchen.

Die Minuten wurden dem armen Vater zu Jahren, während er so harrte, das Herz war ihm wie von eisernen Klammern zugeschnürt und kalter Schweiß perlte von seiner Stirn.

Sein Auge starrte fest auf die Treppe, wo sein Gönner, seine letzte Hoffnung, verschwunden war. -

Wie eine Bergeslast fiel es endlich von seinem Herzen, er hätte laut aufschreien mögen, als er nach einer bangen halben Stunde den Colonel auf der Höhe der Treppe erscheinen sah. Er schwang ein Papier in der Hand, sein Gesicht strahlte Freude und Genugthuung.

Der Colonel kam eilig zu ihm. »Sie sind gerettet mein Alter! hier ist die Ordre!«

Der Invalide hob andächtig die Kappe. »Ich wußte es wohl. Der Neffe des Kaisers ist wie er! furchtbar gegen seine Feinde, ein Herz voll Güte für seine Treuen! Es lebe der Kaiser!«

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Der Ruf pflanzte sich durch die Menge fort und draußen vor dem Portal donnerte aus tausendMehlen der Ruf: »Vive Louis Napoléon! Vive l'Empereur!«

Der Haciendero hatte den Arm des Invaliden genommen. Er war selbst zu erfreut über den Dienst, den er ihm leisten konnte, als daß er ihm hätte sagen mögen, wie er nur nach langem Mühen und Drängen die Begnadigungsordre hatte erwirken können. »Und nun fort Kamerad, ich begleite Dich und will mir selbst das Vergnügen machen, Deinen Sohn Dir wieder zu geben. Gott sei Dank ist es noch nicht zu spät, wie die Adjutanten versichern, aber besser ist besser und wir wollen unsere Zeit nicht verlieren.«

Die beiden Veteranen verließen eilig das Elysée - Papa Touron konnte kein Ende finden, den Nachfolger seines großen Kaisers zu rühmen und auf die Rothen zu donnerwettern, die sich ihm zu widersetzen gewagt.

Vergeblich hatte sich auf dem Platz der Colonel nach einem Wagen umgesehen - alles Gefähr war in Folge der Ereignisse von den Straßen verschwunden.

Sie schritten rasch vorwärts, aber die campirenden Truppen auf dem Concorde-Platz verzögerten ihren Weg. Erst nach einer halben Stunde kamen sie an dem Eingang der Kaserne an.«

Die erste Frage galt den Verurtheilten.

Die erste Abtheilung war vor einer Viertelstunde nach dem Marsfeld escortirt worden.

Selbst das Broncegesicht des Colonel erbleichte einen Augenblick - denn er wußte, besser wie der Invalide,

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was jenes Ziel zu bedeuten hatte. Er eilte nach dem Saal, wo das Kriegsgericht noch in Permanenz saß.

Wenige Augenblicke nachher kam er zurück - sein Gesicht war noch bleicher als vorher.

»Ich mag Dir nicht verhehlen Kamerad,« sagte er erregt, - »daß Dein Sohn nicht mehr hier ist und sich bei den Verurtheilten befindet, die nach dem Marsfeld transportirt worden. Ihre Namen stehen auf der Liste. Aber sie können noch nicht weit sein - wir holen sie ein und ich [gebe] Dir den Sohn, so wahr ich Massaignac heiße und wir Beide das Kreuz tragen!«

Der alte Leierkästner antwortete nicht, er eilte vorwärts, den Quai entlang.

»Hierher Kamerad - über die Esplanade, es kürzt den Weg!«

Ueber den Place Bourbon, die Esplanade der Invaliden und die Rue de Grenelle eilten sie vorwärts. Die Brust des alten Invaliden keuchte und einzelne Worte der Angst machten den Gefühlen, die sein Herz bedrängten, Luft, aber der Haciendero sprach ihm Muth ein und versicherte ihn, daß keine Gefahr vorhanden sei, obschon er selbst sich nicht der Besorgniß erwehren konnte.

Sie hatten die Avenue de la Motte Piquet eingeschlagen und kamen aus ihr auf den kolossalen Platz, der sich vor der Ecole Militaire in unabsehbarem Parallelogramm ausbreitet.

In demselben Augenblick, in dem sich ihnen ein das Blut in ihren Adern erstarrender Anblick darbot, sprengte hinter ihnen ein Reiter in vollem Galop heran.

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Der Colonel sah empor, während der Invalide, den Arm weit vorgestreckt, wie eine Bildsäule nach dem Platz starrte.

Aus dem Dunkel desselben, denn die Gaslaternen waren zum großen Theil zerstört, hob sich ihnen gegenüber eine helle Stelle hervor. Hier brannten die Laternen, außerdem mehrere Flambeaux. Eine Chaine von Lanzenreitern trieb einen Haufen von Menschen vor sich her in die Mitte eines großen Quarrés, das nur nach der Seite der Gebäude offen war. Auf jeder der drei Seiten des Quarrés stand eine Abtheilung von Jägern.

Den Ankommenden gegenüber sah man eine Gruppe von Offizieren halten, der befederte Hut ließ einen General erkennen - dicht davor standen sechs Tambours.

Man vernahm durch die Stille der Nacht deutlich das Kommando.

»Halte-là!«

Die Lanziers drängten den Haufen zusammen auf einen Platz, die Zögernden mit Lanzenstößen - neben der Stelle im Licht der Flambeaux, die man umher aufgestellt, gähnte eine weite dunkle Oeffnung im Boden! - der Menschenknäuel blieb in der Mitte des Quarrés. Fäuste ballten sich drohend in die Höhe - Andere umarmten sich wie Brüder und Freunde, die Abschied von einander nehmen wollen - noch Andere sanken in die Knie und rangen verzweifelnd die Hände.

»Gusman!«

Der Ordonnanz-Offizier parirte bei dem Anruf sein Pferd - es war in der That der frühere Spahi, seit

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zwei Tagen der Ordonnanz-Offizier des Kriegsministers, der Sohn und Erbe des Haciendero.

»Senjor - Sie hier?«

»Dich sendet Gott! woher kommst Du?«

»Eine Ordre Seiner Excellenz an den General! die Execution dieser rebellischen Schurken da soll auf der Stelle vollstreckt werden!«

»Dann Gott sei Dank ist noch Rettung! Hier eine Ordre des Prinzen zur Begnadigung zweier Verurtheilten. Die Unglücklichen sind dort! - im Carriere zu dem kommandirenden Offizier Gusman, bring' ihm die Ordre - wir holen die Begnadigten.«

»Hector, mein Sohn! Du sollst nicht sterben!« Der alte Touron durchbrach die Posten-Chaine und lief nach der Mitte des Platzes - der Oberst folgte ihm trotz des Zurufs der Soldaten. »Ich begleite Dich Kamerad, ich halte Dir Wort! Dein Sohn ist gerettet!«

Einen Augenblick blieb der junge Ordonnanz-Offizier auf der Stelle halten, wo ihn sein Vater verlassen. Er sah, wie dieser dem alten Invaliden nacheilte zur Gruppe der Gefangenen, eine dunkle Röthe, wie ein finsterer unheimlicher Gedanke schoß über sein gelbes widriges Gesicht.

Dann galopirte er hinter dem Quarré entlang.

Plötzlich schmetterte ein Trompeten-Signal - die Lanziers machten Kehrt und kamen im Galop nach den Linien der Postenkette zurückgesprengt.

Der Leiermann und der Millionair, die beiden alten Soldaten des Kaiserreichs, hatten athemlos den Haufen der Gefangenen erreicht.

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»Hector, mein Sohn! Hector, wo bist Du? Dein Vater ist da!«

Der alte Mann drängte sich durch den Haufen - seine Blicke fuhren irr umher.

»Barmherziger Gott - mein Sohn - wo ist mein Sohn?«

Der Mann mit der Binde um die Stirn, an dessen aufrechter Gestalt sein Bruder niedergesunken war, seine Knie wie zum Schutz erfassend, streckte die Hand nach Oben. »Suchen Sie ihn dort, wo wir Alle in einem Augenblick sein werden.«

Man hörte einen kurzen Trommelwirbel, der von den beiden andern Seiten des Quarrés erwiedert wurde.

Der Oberst stürzte vor den Haufen. »Die Wahnsinnigen - sie werden doch nicht schießen! Haltet ein! haltet ein! - Gott sei Dank - da ist Gusman bei dem General - er übergiebt das Papier!«

»Fertig - schlagt an!«

Der Oberst schwenkte sein Tuch. »Haltet ein! Es sind Unschuldige hier! Gusman, mein Sohn!«

»Feuer!«

In den kurzen Trommelwirbel mischte sich das Krachen einer dreifachen Salve und ein herzzerreißendes Geschrei.

Auf dem im Nu mit Blut bedeckten Boden krümmten und wanden sich schwer Getroffene - Andere zuckten im letzten Kampf oder waren in die Knie gesunken, die Hand auf die Todeswunde gepreßt.

Sieben Männer standen aufrecht - darunter der Mann mit dem verbundenen Haupt.

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Der Haciendero stieß einen leichten Schrei aus, warf die Arme in die Höhe und drehte sich um sich selbst. Dem Peloton entgegen eilend, hatte er die Kugeln in die Brust erhalten.

»Zu Hilfe Kamerad - ich sterbe - mein Sohn!«

Der alte Sergeant war bei ihm und fing ihn mit seinem gesunden Arm auf: »Um Gottes willen Oberst - Sie sind getroffen?«

»Fertig! - Schlagt an!«

Der Mann mit der blutigen Binde riß sie von der Stirn und schwang sie um sein Haupt. »Zielt besser elende Knechte des Tyrannen! Es lebe die Republik!«

Der Oberst war in das Knie gesunken. »Ich sterbe Kamerad - die Rasenden morden uns mit und er läßt sie schießen auf des Vaters Haupt!«

»Feuer!«

Durch den Rauch sprühte der Pulverblitz - von den Sieben standen noch zwei - der Mann mit der Binde und der alte Sergeant von der Garde!

»Fluch dem Tyrannen! Nieder mit Bonaparte!« Der Republikaner stürzte in sein Blut.

Der Invalide hob seine Hand:

»Vive l'Empereur!«

Dann fiel auch er - der Ruf, mit dem er so oft in blutigen Schlachten dem Tode getrotzt, war sein letzter Hauch. -


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Durch die Nacht ritt langsam ein Reiter über den öden Platz der Invaliden.

Seine zuckenden Finger zerrissen ein Blatt Papier und streuten die kleinen Stücke umher, - die Ordre zur Befreiung des Kapitain Fromentin und seines Gefährten.

Dann blickte der Reiter scheu über die Schulter zurück, sein Gesicht war sehr bleich, bleicher als die der Todten, die man auf dem Marsfeld in die Grube warf; seine Zähne klapperten.

»Es ist vorbei,« murmelte leise der Reiter - »es ist nicht mehr zu ändern!«

Er schauderte zusammen, erschreckt vor seinem eigenen Schatten, vor dem Laut der eigenen Stimme. Dann stieß er dem Pferde die Sporen in den Leib und jagte wie wahnsinnig davon.

Aber hinter ihm saß das Gespenst mit dem weißen Haar und dem starren Auge -

Sein Vater!

»Der Teufel war bei mir - aber jetzt bin ich der Herr und Alles - Alles ist mein!«

Dritter Abschnitt. Das Erbe des Neffen.

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Ein Ball in den Tuilerien.

Ein Jahr ist vergangen - ein Jahr und wenige Wochen, und in dieser Zeit ist das blutgetränkte Frankreich aus der Republik zum alten Kaiserreich zurückgekehrt.

Louis Napoléon, der Präsident dieser Republik, der er sein Leben zu widmen geschworen, ist Kaiser der Franzosen.

Eine mächtige und strenge Hand legt sich auf das schöne Frankreich - aber Frankreich bedarf dieser mächtigen und strengen Hand. Die Schlacht der Geister wird immer und immer wieder die materielle Gewalt als Sieger hervorgehen sehen, denn an diesem Kampf der Geister hängt das Gewicht der menschlichen Schwächen, und die Erfahrung der Weltgeschichte lehrt, daß die Herrschaft, selbst die strengste, des Einen leichter ist, als der Ehrgeiz von tausend Tyrannen.

Darum hat die Weisheit Gottes die Könige über die Völker gesetzt. Die Sache der Völker ist es, daß die Könige die Weisheit Gottes üben, so weit dies in Menschenkräften steht.

Im Herbst des Jahres 1852 hatte der Prinz-Präsident

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Rundreisen durch die Departements gemacht. Es war genügend dafür gesorgt worden, daß überall ihn der Ruf: »Es lebe der Kaiser!« begrüßte. Der Erbe des ersten Napoleon wußte sehr wohl, daß das werdende Kaiserreich sich zunächst auf die Armee und die alten Traditionen stützen mußte, darum hatte er die Armee für »den wahren Adel Frankreichs« erklärt.

Die Kaiser-Komödie spielte ihre Rollen - der Chorus hatte gerufen, die Puppen tanzten willig am Draht, der vom Präsidenten geschaffene Senat erklärte, daß die Wiederherstellung des Kaiserthums der Wunsch der Nation sei und eine neue Abstimmung in die Stelle des »von Gottes Gnaden« modernisirten »Aus dem Volkswillen« bestätigte mit 7,800000 Stimmen den Kaisertitel. -

Die Toga fiel, um dem Hermelin Platz zu machen. Am 2. December 1852, am Jahrestag der Niederwerfung der Republik, proclamirte Louis Napoléon sich feierlich als Napoleon III. zum Kaiser der Franzosen.

Die Todten reiten schnell! -


Es war zur Mittagszeit des 12. Januar. In einer Seitenallee des Bois de Boulogne ritten langsam zwei Reiter, der eine groß, elegant, von aristokratischen Formen, ein Mann in den besten Jahren, der andere kurz, eine Gestalt des Lebemanns, mit behaglichem, üppig schlauem Gesicht. Der Sonnenschein hatte das elegante und schaulustige Paris in's Freie gelockt. Die glänzenden Equipagen der vornehmen Welt, die Cavalkaden der Lions füllten die berühmten Alleen im glänzenden Corso, die Damen

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en vogue, die Maitressen und Schauspielerinnen überboten durch ihren Aufwand die wahre Aristokratie mit der Aristokratie des Geldes.

Die beiden Reiter plauderten, - nur zuweilen wurde ihre Aufmerksamkeit von dem Inhalt des Gesprächs durch eine besonders glänzende oder interessante Erscheinung in den Hauptalleen abgewendet, - die Augenkneifer thaten dann ihre Pflicht.

»Ich will Ihnen einfach sagen, wie die Dinge stehen lieber Graf,« sagte der Dicke, Behagliche. »Das neue Kaiserreich hat zwei Wege offen. Es muß in die Reihe der legitimen Staaten treten, und das ist nur möglich durch die unbedingte Anerkennung der Souveraine, und durch Aufnahme in ihre Reihe mittels einer verwandtschaftlichen Verbindung.«

»Wie der Onkel mit Marie Luise versuchte - aber der Erfolg bewährte das Mittel nicht!«

»Weil der Ehrgeiz des Kaisers den Sieg gewann über seinen geheimen Respect vor der Legitimität. Es läßt sich nicht leugnen, daß es etwas Eigenthümliches um ihren Zauber ist, so gut wie ich, der bürgerliche Freigeist, mich nicht weigere, im Stillen eine gewisse Berechtigung des Adels anzuerkennen.«

»Das Thema ist abgedroschen, lieber Duplessis,« sagte lächelnd der Andere, »gehen wir zu dem andern Weg über.«

»Dieser ist die Sicherung der Herrschaft auf Grund der napoleonischen Traditionen. Der neue Kaiser muß das Volk hätscheln und das Ende des ersten Napoleons

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vergessen machen. Er muß seine Erbschaft antreten, das heißt, unabhängig den Fürsten Europas gegenüber sich stellen, die Sieger besiegen, ohne Eroberer zu werden und Frankreich mit Gloire füttern. Die Armee beherrscht Frankreich und der Name Napoleon beherrscht die Armee, wenn er sie in Thätigkeit zu halten weiß. Louis Philipp begriff nicht, daß Algerien nicht genügte, um seinen Thron zu sichern.«

Der Graf nahm seine Cigarre aus den Lippen. »Sie sind ja ein famoser Diplomat geworden, lieber Duplessis, seit Sie zum Pays übergegangen.«

»Nicht mehr, als Sie, seit Sie den Kammerherrn-Schlüssel angenommen, oder die Herren Laroche-Jacquelin und Pastoret sich haben zu Senatoren machen lassen.«

Montboisier zuckte die Achseln. »Der Faubourg St. Germain wird alle Tage langweiliger, Freund, die Traditionen veralten! - Man hat in Venedig und Frohsdorf unsere Opfer wenig zu würdigen verstanden.«

Der Journalist antwortete nicht auf diese Auslegung der Treue - er wies mit dem Reitstock nach der großen Allee.

»Es scheint, Mademoiselle Miron wird nicht zu bedauern haben, daß der neue Kammerherr ihr nicht mehr zu Füßen liegt und sie hoffähig machen könnte. Wenn sie ihren neuen Anbeter heirathet, wird sie außer der Verdoppelung ihres Reichthums auch einen ganz hübschen Namen erhalten. Der Kaiser begünstigt auffallend den Amerikaner.«

Ein finsterer Zug war rasch über das aristokratische Gesicht des Grafen geflogen - aber er wußte, daß sein

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Gefährte ihn unter der Maske der Gleichgültigkeit beobachtete und er bewahrte seine Ruhe.

»Oberst Massaignac, der an jenem unglücklichen Tage als Opfer eines beklagenswerthen Versehens fiel, galt viel bei dem Präsidenten. Man sagt, daß dieser ihm einen großen Theil der Mittel verdankte, um seine Kandidatur durchzusetzen.«

»Dann kassirt der junge Vicomte sich die Schuld ein. Das Affengesicht soll zu seinen übrigen schlechten Eigenschaften auch noch Geiz und Habsucht besitzen. Er berechnet sicher in diesem Augenblick, was die elegante Equipage der schönen Miron seinem Schwiegervater in spe gekostet hat und wie viel er ihr wohl am Nadelgeld wird abzwacken können.«

»Bah! - da ihr Bruder in Charenton ist und schwerlich je seinen Verstand wieder erhalten wird, ist sie zehnfache Millionairin, so gut wie der liebenswürdige Haciendero. Sie ist Mannes genug, ihm die Spitze zu bieten. Wenn sie den Pavian heirathet, verdient sie überdies ein solches Schicksal.«

Die elegante Equipage der Tochter des baronisirten Banquiers, umgeben von der Cavalkade ihrer Verehrer, die trotz der Launen der Dame und des ziemlich bestimmten Gerüchts ihrer Verlobung, ihr Reichthum fesselte, war vorübergerollt. Die Dame hatte mit einer graziösen Neigung des Fächers den Gruß der beiden Herren erwiedert, die sie wohl erkannt hatte. Sie war noch immer schön, obschon ein scharfer Zug um Nase und Mund ihrem Gesicht eine gewisse Bitterkeit aufprägte und seit jenen schrecklichen

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Ereignissen, die ihren Bruder zum unheilbaren Bewohner des Irrenhauses gemacht, ihre Reizbarkeit und ihre Laune sich zum Unerträglichen gesteigert hatten, - der Ausdruck des innern Mißmuths und Stachels, der in dem koketten Herzen als Strafe zurückgeblieben war.

»Haben Sie keine Nachricht von unserm andern Duellanten, dem Kapitain Fromentin?« frug der Journalist.«

»Nur daß er damals glücklich in Algier angekommen - Lord Heresford hat nach den December-Tagen Paris verlassen und damit hat unsre Verbindung aufgehört. Aber sehen Sie - da kommt unsere schöne Argentinerin, die Schwester des widerwärtigen Burschen von vorhin.«

Es war in der That Carmen, welche von mehreren Cavalieren umgeben, im sausenden Galop vorübersprengte.

»Man erzählt interessante Dinge von den Extravaganzen der jungen Dame,« sagte der Dicke. »Sie soll ihre Freiheit gegen zwei gewaltige Gegner zu vertheidigen haben, gegen die alte heirathsstiftende Marchesa von Teba, die auf die Verbindung mit ihrem Verwandten dringt, und gegen den Bruder, der sie in ihrem Widerwillen dagegen unterstützt, aber sie dafür zum Klosterleben bereden möchte, um mit ihrem Vermögen das seine zu vermehren. Das wäre mit der Miron zusammen eine ganz hübsche Speculation.«

»Die aber schwerlich in Erfüllung gehen wird. Ich habe während des Weihnachtsfestes in Compiegne den Charakter der jungen Dame einigermaßen kennen gelernt - sie ist ein kleiner Teufel. Die Wahl, den Spanier zu heirathen, oder in's Kloster zu gehen, da sie noch nicht

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majorenn, ist allerdings unangenehm, aber ich glaube, sie wird damit fertig. Haben Sie den jungen Mann gesehen, der an ihrer Rechten galopirte?«

»Wer ist es?«

»Ein ehemaliger Offizier der garibaldischen Legion aus Italien, ein Franzose von Geburt. Der sardinische Gesandte hat ihn in der Gesellschaft eingeführt - aber man sagt, daß er ein Emissair Garibaldi's sei, der bei seiner Lichterfabrik in New-York keine Ruhe zu haben scheint.«

»Und was ist mit ihm?«

Er soll sie schon in Montevideo gekannt haben und ist für die Rechte des Spaniers jedenfalls ein gefährlicherer Rival, als damals unser junger Preuße war, der bei dem Duell des Kapitain Fromentin von Mörderhand verwundet wurde.«

»Er verließ ja wohl bald darauf Paris?«

»Es war eine eigenthümliche Sache - ich muß gestehen, ich bin selbst nicht recht klug daraus geworden. Aber es scheint, daß der selige Oberst von Massaignac dem Preußen nicht unbedeutende Summen geliehen hat, und der Vicomte, als Erbe seines Vaters, nichts Eiligeres zu thun hatte, als sie zurückzufordern. Die Preußische Gesandtschaft mußte damals Bürgschaft leisten und sie sind später von dem Offizier bezahlt worden. Aber wir kommen von unserem Gespräch ab - was glauben Sie, daß geschehen wird?«

Der Journalist sah den neuen Kammerherrn von der Seite an. »Als ob Sie nicht so gut, wie ich, wüßten, daß der blocus matrimonial ihn trotz der Anerkennung der Mächte zwingen wird, aus dem I'empire la paix, ein

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l'empire l'épée zu machen. Selbst die Verwandtschaft mit der Prinzeß Stephani hat den Korb seitens des Hohenzollern nicht verhindern können, am sächsischen Hofe bei der Wasa dominirte der österreichische Einfluß, so gut wie bei der bayrischen Prinzessin, und die Idee, um die Hand der russischen Großfürstin anzuhalten, ist bei der Persönlichkeit, des Kaiser Nicolaus wohl kein Ernst gewesen. Das letzte Mittel« ...

Der Sprecher brach in seinem Satz ab und schaute eifrig nach der Allee.

»Was meinen Sie mit dem letzten Mittel?«

»Zum Henker glauben Sie denn, daß die Diplomaten und Kammerherrn allein gewisse kleine Geheimnisse erfahren? Wir Leute von der Presse haben so gut unsere Verbindungen wie Sie in Claremont und ich fürchte, die Bombe wird in diesen Tagen platzen!«

»Ich muß gestehen,« meinte der Kammerherr, »das Project hat Manches für sich; die Ernennung der alten Windfahne Dupin zum General-Procurator deutet auf ein Gelingen.«

»Bah - wissen Sie nicht, daß die Königin Amelie ihm geschrieben hat, er würde den Orleans den besten Dienst erweisen, wenn er sich nicht mehr um ihre Angelegenheiten kümmerte? Erinnern Sie sich an den stolzen Geist der Herzogin und den Familieneinfluß des Kaisers Nicolaus auf die Mecklenburger.«

»Aber was bleibt dann übrig?

Der Journalist wies lachend mit der Cigarre nach dem Gewühl der großen Allee. »Vielleicht diese da oder

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ein ähnlicher Streich. Il quittera l'artillerie, pour entrer la génie!4 Ein Krieg mit Rußland, der uns Moskau und die Beresina vergessen läßt, wird eine solche Extravaganz übersehen machen. Die Anekdoten, die Sie mir von Compiegne erzählt, beweisen, welchen Vorzug er ihr giebt, und die Teba ist eine Schwiegermutter, die ihr Handwerk versteht.«

»Davon weiß der arme Herzog von Alba zu erzählen. Er wollte keine Erklärung machen, deshalb mußte die kleine Dame erkranken und alle Aerzte gaben ihr höchstens noch zwölf Stunden. Das Puppenspiel der Trauung auf dem Sterbebette und der letzten Oelung soll überaus rührend gewesen sein und wunderbar gewirkt haben, denn am andern Morgen war sie frisch und gesund.«

Beide lachten und beschauten die glänzende Wagen- und Reitergruppe, die eben vorüberflog.

In einem offenen Wagen saß die Gräfin von Teba mit ihrer ältesten Tochter und einem geistlichen Herrn, darauf deutete wenigstens die ernste, einfache Kleidung, das scharfe, ascetische, eingefallene Gesicht mit der eingebogenen Nase, das außerdem den Südländer verrieth; neben dem Wagen oder ihm voran flog eine Reitergruppe von Damen und Herren, hohe Offiziere, elegante Cavaliere - in ihrer Mitte eine stolze, schlanke Frauengestalt auf hohem, schwarzem Renner. Sie trug ein Reitkleid von dunkelgrünem Sammet, das cendré-blonde, wahrhaft prächtige Haar von einem grauem Castor mit weißer Feder überschattet, unter deren Wogen ein schwarzes Augenpaar bald schmachtend

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und halb verschleiert, bald mit herausforderndem Feuer hervorblitzte.

»Valga me dios!« meinte der Graf, indem er sein Augenglas abschüttelte, »man muß gestehen, sie ist verführerisch, aber Herr Aguado an ihrer Seite ist eine unangenehme Gesellschaft. Der Tractat mit Spanien wird leichter geschlossen sein und die Ostmächte geneigt machen, die Adoption des Herrn Jérome und seines liebenswürdigen Sohnes, des Montagnards, zu verdauen. Aber, sehen Sie, was geht dort vor?«

Ein Gedränge der Reiter und Equipagen an einem entfernten Kreuzwege, einzelne Ausrufe aus der Zuschauermenge deuteten auf einen Unfall; die beiden Herren setzten ihre Pferde in Galop. Aber sie waren noch keine hundert Schritte geritten, als sie durch eine Lichtung die Ursache der Verwirrung erkannten.

Eine der schönen Amazonen, welche die glänzenden Edelsteine dieses Corso bildeten, flog im gestrecktem Carriere über das Ende der Lichtung weiter hinein in das Gehölz. In dem kurzen Augenblick der Erscheinung war es unmöglich, zu erkennen, ob das Pferd mit der Dame durchgegangen oder sie noch Herrin desselben sei. Wenige Sekunden darauf folgte ein einzelner Reiter und bald nachher eine ganze Gruppe.

»Wer mag sie sein? Sie saß noch ziemlich fest im Sattel!«

»Das können Sie aus der Cavalcade hinter ihr rathen«, antwortete Montboisier. »Ich habe den Grafen Don Alvaro erkannt und dort folgt auch der Wagen der Miron.

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Es ist vielleicht ein Reiterstückchen der wilden Argentinerin - jedenfalls wird der junge Gaucho, der ihr zunächst war, sorgen, daß ihr kein ernstlicher Unfall passirt, denn er war vortrefflich beritten. - Lassen Sie uns hier einbiegen, vielleicht sehen wir das Ende der Jagd.«

Der Vorfall, obgleich man in der That nicht wußte, ob er einer Laune der wilden, schönen Reiterin oder der Unbändigkeit des Pferdes zuzuschreiben war, hatte Aufsehen gemacht und Alles zog sich nach der Richtung, in welcher die Cavalcade verschwunden war.

Die Gesellschaft der schönen Carmen war in der berühmten Allee von Longchamps bis zu dem Punkte gelangt, wo die Alleen nach dem künstlichen See führen; die Unterhaltung bewegte sich, so viel der muntere Ritt erlaubte, in allgemeinen Zügen und Bemerkungen über die Tagesereignisse oder die Erinnerungen aus Amerika, und die junge Argentinerin plauderte so unbefangen mit ihren Begleitern, als ob sie an nichts Anderes dächte; denn die eifersüchtige Bewachung ihres spanischen Verlobten, der nicht von ihrer Seite wich, verhinderte jedes andere Gespräch.

Nur einige flüchtige, aber bedeutungsvolle Blicke hatten den jungen Vertrauten des, seit jenem unglücklichen Rückzug von Rom und seinem Entkommen nach Genua von der politischen Schaubühne verschwundenen, Generals Garibaldi benachrichtigt, daß die Sennoritta ihm Ernsteres zu sagen wünsche, als das leichte Geplauder, mit dem sie die Gesellschaft unterhielt, und mit der Aufmerksamkeit des

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alten Seemanns und Pampakriegers beachtete er auch die geringsten Bewegungen der Dame.

Er bemerkte, wie sie, gleich wie zufällig, das Gespräch auf die Eigenschaften der Pferde lenkte, welche die Cavaliere ihrer Gesellschaft ritten, und sie verglich. Mit dem Kennerauge, das ihm die Erziehung seiner Jugend bewahrt, bemerkte er, daß das Pferd der jungen Dame ein Vollblut von vollkommener Race war, dessen hoher und sehniger Bau einen ausgezeichneten Renner versprach, mit dem sich die andern Pferde in keiner Weise zu messen vermochten. Das seine war ein feuriger kräftiger Berber aus dem Stalle des Gesandten, den er bereits mehrmals geritten und auf den er sich verlassen konnte.

Kapitain François war - seitdem ihm unsere Darstellung der Ereignisse zum letztenmal begegnet an jenem Tage des entscheidenden letzten Angriffs der Franzosen auf die tapfern Vertheidiger der Trastevere und dem Auszug der Garibaldischen Legion durch das Thor der Lateran, also seit fast drei Jahren - obschon er eben noch sehr jung war, bereits zum vollen Manne gereift. Das abenteuerliche Leben unter hundert wechselnden Situationen und Gefahren, unter den verschiedensten Himmelsstrichen hatte nicht blos sein Gesicht gebräunt, seiner Gestalt die volle kräftige Sicherheit gegeben, ohne sie ihrer frühern Elastizität zu berauben, sondern auch seinen noch im ersten Jugendfeuer glühenden Charakter gestählt und besonnener gemacht. Selbst das Abenteuer in Berlin mit der jugendlichen Schweizerin, für die er so plötzliches Interesse gewonnen und die ihm so rasch und geheimnißvoll

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verschwunden, war nicht ohne Einfluß auf seinen Charakter geblieben und hatte lange einen Schatten in sein Leben geworfen, der erst später durch die wechselnden Ereignisse und vor Allem seit seiner Ankunft in Paris durch das zufällige Wiederfinden und die glänzende Erscheinung der jungen Haciendera gänzlich verwischt worden, die er am La Plata einst kennen gelernt.

Die Ankunft des Wagens der schönen Miron und ihres Bruders lenkte einen Augenblick die Aufmerksamkeit der Gesellschaft und ihres Verlobten nach jener Richtung. Der junge Kapitain befand sich in diesem Augenblick der Sennora gegenüber - ein bedeutsamer Blick begegnete dem seinen, so ausdrucksvoll und traurig, so dringend und Beistand heischend, daß er unwillkürlich zurückbebte. Zugleich erhob sich die seine behandschuhte Hand und deutete nach einer bestimmten Richtung und aus den leicht geöffneten Lippen drang kaum hörbar der Name Marc d'Auteil.

Im nächsten Augenblick schon trieb die Dame ihr Pferd lachend und scherzend, als wolle sie der Gesellschaft ihre Reiterkünste zeigen, gegen eine Barriere; die Zuschauer, welche sich um die glänzende Gruppe auf den Fußwegen versammelt hatten, stäubten schreiend auseinander und die kecke Reiterin setzte mit raschem Sprung ihres Pferdes hinüber. Ein Beifallsklatschen der Kavaliere und des rasch wieder gesammelten und für dergleichen immer erregten Publikums belohnte ihr Reiterstück, und wie von dem Beifall erfreut, wendete sie kurz ihr Pferd und kehrte mit raschem Sprung zu der Gesellschaft zurück, in deren Kreis

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sie fortfuhr, ihr Pferd zu tummeln, als sei es durch die Sprünge erregt und wild geworden.

»Laß die Possen, Carmen,« sagte unwillig der Vicomte, ihr Bruder. »Bring das Pferd in Ruh - diese Damen ängstigen sich sonst.«

Das junge Mädchen warf einen etwas spöttischen Blick auf die künftige Schwägerin, die ihre Triumphe und Siege nur auf dem Parquetboden der Salons oder auf den weichen Divans der Boudoirs im Glanz aller Künste der Toilette zu feiern gewohnt war, und stachelte muthwillig ihr edles Thier, daß es auszuschlagen und sich zu bäumen begann.

Einige Frauen und Kinder kreischten auf, Don Alvaro, ihr Verlobter trieb sein Pferd heran. »Ich bitte Sie Donna Carmen, der Menge hier kein Schauspiel zu geben, es ist unpassend und ängstigt Ihre Freunde.«

Ihr Bruder hatte sich erhoben. »Ich befehle Dir einzuhalten -« sie hatte in einer Volte das schäumende Pferd herumgeworfen und spornte es bereits gegen die zweite Barriere, die volle fünf Fuß hoch war - »ich verbiete es Dir!«

Ein helles fröhliches Lachen der jungen Reiterin mischte sich in den Angstruf der Frauen, in die Besorgniß der Männer. »Ich glaube wahrhaftig, Du hast unsere Estanci[a] am Rio Yi vergessen!« Sie hob die Hand mit der Gerte, ein Schlag auf die Flanke des edlen Thiers, es hob sich im gewaltigen Sprung und flog, kaum mit den Spitzen der hintern Hufe leicht den Rand der Barriere berührend, über diese hinweg.

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Ein noch lauteres allgemeineres Bravo begleitete das für eine Dame allerdings kühne Stück, aber in den enthusiastischen Applaus mischten sich bald neue Rufe des Schreckens und der Angst, denn das edle Pferd schoß nach dem Sprung ohne anzuhalten wie ein Pfeil fort in eine Seitenallee, ja es schien mit jedem Augenblick seine Schnelligkeit zu vermehren, und einige Geberden der enteilenden Reiterin ließen vermuthen, daß es wider ihren Willen geschehe.

»Um Gotteswillen das Pferd geht mit ihr durch! Carmen, hierher! - haltet sie auf!«

Die Rufe mischten sich durch einander, erst Zweifel, dann allgemeine Angst, - der Kapitain setzte mit seinem Berber über die Barriere und folgte der Dame; in einem Augenblick, den Sprung durch eine kluge Umgehung vermeidend, war die ganze Cavalkade hinter ihnen her.

Dies war der Moment, als der Graf von Montboisier und sein Begleiter die Schaar in der Ferne vorüber brausen sahen.

Aber bald blieb der junge Garibaldiner, der bisher der Erste gewesen war, wie durch ein Versagen oder Ausbrechen seines Pferdes zurück, der Spanier und die andern Reiter schossen an ihm vorüber, ohne Notiz von ihm zu nehmen, denn in der mit jedem Moment sich vergrößernden Entfernung wehte der Schleier der gefährdeten Reiterin und die Eile, ihr nachzukommen, ließ alles Andere vergessen.

Als der Letzte der Hilfe bringenden Verfolger wandte Capitain François plötzlich sein Thier in einen Seitengang zur Linken, wie um einen Versuch zu machen, dem

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durchgegangenen Renner den Weg abzuschneiden, wenn er sich vielleicht nach dieser Richtung wenden sollte.

Aber wunderbarer Weise schien der Berber des jungen Abenteurers, so bald dieser in der Nebenalle verschwunden war, mit jedem Schritte neue Spannkraft zu gewinnen, so daß er bald mit einer Eile dahin flog, die der Schnelligkeit des englischen Vollbluts der Sennorita wenig nachgab.

Es waren etwa 10 Minuten seit der Scene an der Barriere verflossen, als Kapitain Laforgne die Festungswerke von Auteuil und die Ufer des kleinen romantischen Teiches vor sich sah, der von hohen und ehrwürdigen Baumgruppen umgeben eine der hübschesten Partieen in den ländlichen Umgebungen von Paris bietet.

Unter den jetzt blätterlosen Aesten einer hohen Ulme sah der junge Franzose eine Reiterin halten - das Pferd war schaumbedeckt, seine Flanken keuchten - es war die Sennorita.

Im nächsten Augenblick hielt er an ihrer Seite. Der scharfe Ritt hatte ihre Wangen geröthet, ein schalkhaftes Lächeln spielte um ihren schönen Mund, das Vergnügen, ihre Wächter und Verfolger so glücklich getäuscht zu haben; aber die Wichtigkeit und der Ernst des Augenblicks verdrängte rasch ihre spöttische Laune, und indem sie zu dem jungen Mann sprach, war der Ton aus der noch von der Anstrengung wogenden Brust tief und schwer.

»Ich danke Ihnen Señor, daß Sie mich verstanden haben!«

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Der junge Mann verbeugte sich schweigend bis auf den Hals seines Pferdes.

»Unsere Augenblicke sind gezählt,« fuhr die Dame fort. »In fünf Minuten schon kann Don Alvaro in jener Allee erscheinen - nur die Schnelligkeit meines Pferdes und meine Kenntniß der Wege hat mich den Vorsprung nützen lassen. Sie sehen - ich spielte, obschon ich heute meine französische Woche habe, doch die Reiterin der Pampas!«

»Señora werden immer Ihrer Natur treu bleiben!«

»Ich hoffe es - obschon es mir seit dem Tode meines guten Vaters und seit mein werther Herr Bruder das Familienhaupt zu spielen beliebt, allerdings etwas schwer wird.«

Es trat eine kurze Pause ein, die Dame schien nach Worten zu suchen, der Cavalier wartete ehrerbietig. Dann wandte sie sich entschlossen zu ihm.

»Ich habe Sie hierher beschieden, weil mir jede Gelegenheit fehlte, an Sie eine offene Frage zu richten, denn ich bin von Spionen umgeben und bewacht. Diese Familie Montijo ist schrecklich und mein Bruder ganz ihr Werkzeug. - Señor - erinnern Sie sich wohl noch der Estancia in meinem schönen und freien Montevideo?«

»Ich habe sie nie vergessen!«

»Und gedenken Sie, daß ich Ihnen noch den Preis für Ihren Ritt durch das Feuer schuldig bin, das die Gattin Ihres Generals bedrohte?«

Ohne zu antworten faßte der junge Mann in die Brusttasche seines Rocks und zog einen Gegenstand hervor,

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in weiches Seidenpapier gehüllt, den er entfaltete und an die Lippen drückte.

Es war ein seidener Handschuh - das Pfand der Zukunft.5

Ein glänzendes Lächeln glitt über die schönen Züge des jungen Mädchens.

»Ich sehe, Señor, ich habe mich nicht getäuscht. Aber werden Sie für Carmen Massaignac einen zweiten Zweikampf mit Don Alvaro - vielleicht bald einen Vetter des mächtigen Beherrschers von Frankreich wagen wollen?«

Der Abenteurer lächelte spöttisch. »Was kümmert mich der Kaiser von Frankreich! Sprechen Sie Señora, mein Leben gehört Ihnen.«

»Wohlan, ich weiß aus Ihren öffentlichen Erzählungen, daß Sie noch immer der treue Freund und Assistente jenes tapfern Mannes sind, dem mein armer Vater so hohes Vertrauen schenkte, daß Señor Garibaldi sich in diesem Augenblick wieder in Süd-Amerika befindet, und daß Sie zu ihm zurückkehren werden?«

»So ist es, Señora. Nur in seinem Auftrag und in politischen Angelegenheiten bin ich hier. Er kann sein Vaterland nicht vergessen.«

»So wenig, wie ich das meine. Señor Francisco, die Zeit drängt. Wollen Sie mir behilflich sein, diese pariser Fesseln von mir zu werfen und in mein Vaterland zurückzukehren?«

»Mit tausend Freuden Señora.«

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»Die Luft, die ich hier athme, der Zwang, den ich seit dem Tode meines Vaters leide - sie ersticken mich. Ich muß frei sein, aber dies kann ich nur in Montevideo. Dort kann mein nichtswürdiger Bruder, der Sclave seiner Habsucht und seines Ehrgeizes, es nicht wagen, meine Rechte mir zu entziehen und mich in Fesseln zu schlagen, die ich seit jenem Brande der Apostaderos mit jedem Tage mehr verabscheuen gelernt.«

Eine dunkle Röthe überzog ihr schönes Gesicht, als sie die Worte sprach, aber sie fuhr sogleich muthig fort:

»Eine Flucht aus Paris ohne den Beistand eines aufopfernden und muthigen Mannes ist trotz aller eigenen Kraft, die ich besitze, nicht möglich. Darum war es mir ein Sonnenstrahl und ich glaubte, die heilige Jungfrau selber habe Sie mir zu Hilfe gesandt, als ich Sie vor acht Tagen hier in Paris traf.«

»Ich danke Ihnen Señora und werde Ihr Vertrauen rechtfertigen.«

»Sie müssen mich entführen und nach Montevideo bringen, das Wie und der Weg sind Ihre Sache - ich vertraue mich Ihnen ganz an, denn ich kann diesen Spanier nicht heirathen, trotz des Versprechens meiner Mutter, und ich habe eben so wenig Lust, mich in ein Kloster sperren zu lassen, um meinen Bruder zu bereichern. Meine Flucht muß noch diese Nacht geschehen. Können Sie Paris verlassen?«

»Jeden Augenblick! Meine Mission ist zu Ende, Italien hat gegenwärtig von Paris Nichts zu hoffen - der neue Kaiser von Frankreich spielt dasselbe undankbare

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und verrätherische Spiel, wie der Präsident der Republik gethan.«

»Wohl - so treffen Sie Ihre Anstalten!«

»Aber wie, Señora, soll ich zu Ihnen gelangen?«

»Der Kaiser giebt heute einen Ball in den Tuilerien. Haben Sie eine Einladung?«

»Der sardinische Gesandte, an den ich Empfehlungen hatte, ist so gütig gewesen, mir eine solche zu verschaffen, aber ich werde jetzt keinen Gebrauch davon machen.«

»Im Gegentheil - Sie müssen hingehen, unter allen Umständen. Ich bin dort. Von dem Ball müssen Sie mich entführen!«

»Aus den Tuilerieen?«

»Grade aus den Tuilerieen - es ist der einzige Ort, wo ich hoffen darf, mich unbemerkt entfernen zu können, und wo wir beim Tanz alles Nöthige verabreden können. Haben Sie einen Freund oder Diener, auf den Sie sich verlassen können?«

»Das Letztere, Señora, aber ich behandle ihn als Freund. Sie kennen ihn!«

»Ich?«

»Sie selbst. Erinnern Sie sich des Kanadiers, des Waldgängers - Felsenherz nannte man ihn in der bezeichnenden Sprache Amerikas, der die unglückliche Gattin des Kommodore Garibaldi, durch die Wälder begleitete und in jenem gefährlichen Brande der Apostodera's an ihrer Seite war?«

»Ich erinnere mich seiner. Er benutzte Ihr Schiff, wenn ich mich recht erinnere, bis Rio de Janeiro oder

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Pernambuco, um nach seiner nordischen Heimath zurückzukehren.«

»So ist es. Wir schlossen schon damals Freundschaft. Als ich mit dem General nach seinen mißglückten Speculationen New-York verließ und ihn nach Californien begleitete, trafen wir in den Rocky Mountains Felsenherz wieder. Er hat sich seitdem uns angeschlossen und neugierig, das vielgerühmte Europa zu sehen, hat er mich hierher begleitet, obschon er sich hier in der That vorkommt, wie einer der Bären seiner Heimath in einem Tanzsaal.«

Die Sennora war durch die kurze Erzählung des Kavaliers wieder heiter gestimmt.

»Ich werde mich freuen, ihn wieder begrüßen zu können,« sagte sie; »und es ist mir lieb, einen zuverlässigen und tapfern Mann bei Ihnen zu wissen, denn glauben Sie mir, Don Alvaro Guzman ist ein gefährlicher Geguer[Gegner].«

»Nicht für mich - ich fürchte ihn nicht. Sein Kunststück, den Stier zu tödten, hat keinen Eindruck auf mich gemacht. Jeder Matador versteht das. Bei meiner Anwesenheit in San Francisco sah ich Besseres von einem indischen Fürsten und selbst einem Landsmann, dem Grafen Raousset Boulbon6«.[.«]

»Ich habe diesen Namen neuerdings viel in der Gesellschaft nennen hören, man erzählt von einem kühnen Unternehmen gegen die Sonora. Aber kehren wir zu

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unsern eigenen Angelegenheiten zurück, denn wir müssen uns in wenig Augenblicken trennen. Sorgen Sie für einen Wagen, der auf dem Quai an den Gärten hält. Halten Sie einen weiten Mantel und Männerkleider für mich bereit, um sie auf der nächsten Station oder im Wagen zu wechseln, denn ich muß Sie im vollen Ballkostüm begleiten.«

»Ich werde Ihre Befehle erfüllen.«

»Gut - so sagen Sie mir jetzt Lebewohl. Fordern Sie mich zu der zweiten Quadrille auf, während des Tanzes werden Sie meine weiteren Instructionen empfangen.«

»Ich werde jeden Augenblick bereit sein, indeß ich sollte meinen, es würde ein kürzeres Mittel geben, Sie von allen Belästigungen zu befreien.«

»Was meinen Sie?«

»Ich werde den Grafen Alvaro fordern und ihn über den Haufen schießen, dann sind Sie frei!«

Sie lächelte, indem sie ihm die Hand reichte. »Sie sind in der That noch ein Stück junger Gaucho, der sich auf die Gebräuche der Pampas verläßt. Aber das geht hier nicht und ich wiederhole Ihnen, der Graf Alvaro Guzman da Montijo ist hier ein noch gefährlicherer Feind, als er an den Ufern des Yi war. Und jetzt leben Sie wohl, denn dort am Ende der Allee wirbelt Staub empor - man hat meine Spur gefunden und darf Sie nicht in meiner Gesellschaft sehen. Fort - ich beschwöre Sie!«

Er fühlte einen leichten Druck der Hand, dann wandte sie ihr Pferd und ritt langsam an dem Ufer des Teichs hin. Der junge Abenteurer warf einen leidenschaftlichen

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Blick ihr nach, - das Andenken an das arme Schweizermädchen, die er der Schande entrissen, war verschwunden vor den Strahlen dieser ihm wieder aufgegangenen glänzenderen Sonne, und dem Berber die Sporen gebend, jagte er hastig in einer Richtung davon, die ihn den Augen der Nahenden verbarg.

Es war in der That die höchste Zeit gewesen, daß sich das Paar trennte; denn am Ende einer Allee erschien ein ganzer Schwarm von Reitern, der Conde an der Spitze, besorgt, jeden Augenblick auf die Spur eines geschehenen Unglücks zu stoßen.

Die junge Dame ritt ihr Pferd klopfend und liebkosend ruhig unter den Bäumen auf und nieder, als sei es dort ihr erst gelungen, des durchgegangenen Renners Herr zu werden und ihn zu bändigen.

Aber noch ehe dies geschah, ereignete sich an der Stelle, wo sie die Unterredung gehalten Etwas, das - hätte sie es gewußt oder beachtet - ihr Besorgnisse eingeflößt haben würde oder sicher sehr unangenehm gewesen wäre.

Die beiden Sprechenden hatten nahe dem Doppelstamm einer alten riesigen Ulme gehalten und wenig auf ihre Umgebung geachtet, sonst hätten sie doch wahrscheinlich bemerkt, daß auf der andern Seite des Baumes an dem Stamm ein Mensch lag.

Der unwillkürliche Lauscher erhob sich jetzt. Es war ein alter verwitterter Kerl mit von Elend und Verbrechen tief gegrabenen Zügen in ziemlich zerlumpter Kleidung. Obschon das Gespräch der Beiden in spanischer Sprache geführt worden war, schien er es doch sehr gut verstanden

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zu haben, denn er schnalzte mit den Fingern, sah bedeutsam hinter der Dame her und murmelte in schwäbischem Dialekt: »Carajo, es ischt gut, daß i hab nit ganz vergesche die spansche Sprach. Vielleicht lascht sich verdiene für a arme Kerl a schön Stück Geld. Das Dämche mit den Diamante im Ballkleid wär so übel nit, aber der Bursch schaut mir a nit danach aus, als ob er mit sich spasse ließ. Vielleicht ischt's besser, i verkauf die Geschicht dem Andern - oder erzähl's dem Hauptmann.«

Die Sennora war in diesem Augenblick wieder an die Stelle zurückgekommen und hielt jetzt, die hastig nahenden Reiter zu erwarten.

Ihr Bruder und Don Alvaro kamen eilig herangejagt mit erhitztem Gesicht, sie ritt ihnen lachend entgegen.

»Der heiligen Jungfrau sei Dank Sennora, daß wir Sie unverletzt wieder finden. Wir fürchteten, Ihnen sei ein Unglück mit dem durchgegangenen Pferde zugestoßen.«

»Das kommt von Deinen Narrenstreichen,« sagte mürrisch der Bruder. - »Du hättest den Hals brechen können.« Seine Miene verrieth deutlich, daß er wahrscheinlich über einen solchen Ausgang sehr wenig betrübt gewesen wäre.

»Aber meine Herren,« sagte lustig die junge Amazone - »woher diese Sorge und Angst um mich, die besonders meinen verehrten Bruder gequält zu haben scheint? Sie haben in der That ganz unnöthig Ihre Pferde ermüdet. Bei uns in Montevideo, wenn ein wild gewordenes Roß mit seinem Reiter einmal durchgeht, läßt man ihm ruhig seinen Willen und sorgt nur dafür, es auf freier

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Bahn zu erhalten. Mein Bruder sollte das doch wissen, und Sie selbst, Don Alvaro, sind Zeuge davon in unserer Heimath gewesen.«

»Ich traue Ihrer Reiterkunst und Ihrer Ruhe das Beste zu,« sagte der Conde, der sich mißtrauisch sorgfältig umsah, ob der schöne Flüchtling auch allein des Pferdes Meister geworden, - »aber bedenken Sie Carmen, daß Sie hier nicht in Ihren weiten Savannen, in den Pampas sind, sondern in Paris ...«

»In Paris!« meinte sie mit eigenthümlichem Lächeln, - »Paris macht allerdings Vieles anders. Aber ich sehe unter den Cavalieren, die sich so freundlich um mich armes Kind bemüht haben, den Herrn Kapitain Laforgne nicht - sollte er ein Unglück gehabt haben?«

»Er ist wahrscheinlich klüger gewesen als wir,« meinte der Vicomte, noch immer sehr übler Laune. »Was kümmert es uns, wo er geblieben ist. Laß uns zurückkehren, damit die Damen sich nicht unnütz noch länger ängstigen und dem Aufsehen ein Ende gemacht wird.«

»Und da kommt auch der Kapitain aus der Fabrik des Herrn Garibaldi,« sagte der Graf, der sich fortwährend mißtrauisch umsah. »Er scheint diesmal seinen Kompaß nicht bei sich gehabt zu haben und nur in dessen Besitz eine seiner Heldenthaten ausführen zu können!«

Die Argentinerin warf ihrem Verlobten einen kalten geringschätzenden Blick zu und ritt, umgeben von den Cavalieren, dem jungen Offizier einige Schritte entgegen, der im Galop aus einer entfernten Reiter-Allee heran gesprengt kam und sich bei der Dame entschuldigte, daß er

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sich - im besten Willen, ihr zuvorzukommen, - bei der Unbekanntschaft mit den Wegen verirrt und erst durch Spaziergänger wieder erfahren habe, wohin die so glücklich beendete Verfolgung ihre Richtung genommen hatte.

Der Conde war zurückgeblieben. Sein Verdacht war noch immer nicht beruhigt, denn er kannte sehr wohl den Charakter seiner Braut. Seine Augen waren auf den Bettler gefallen, den er heran winkte.

Der Fremde humpelte eilig herbei, seine von alten Wunden verstümmelten Hände streckten bittend den Hut hin, indeß seine großen Augen ziemlich erstaunt den Edelmann betrachteten.

»Bist Du lange hier?« frug der Graf.

Der Mann nickte. »Sie können Spanisch mit mir sprechen, Herr,« sagte er in sehr mangelhafter Weise, sich selbst dieser Sprache bedienend, »ich versteh's noch immer, obschon ich weit herum gekommen bin, seit ich Euer Excellenz gesehn.«

»Wie, Du kennst mich?«

»Die Augen allein sind gut an mir altem Kerl geblieben, Excellenza, und ich müßte mich sehr täuschen, wenn wir beide nicht schon einmal zusammen näher dem Tode gewesen wären, als jetzt!«

»Was meinst Du?«

»In jenem Thurm im Thal von Azcoitia, als uns die Karlisten erschießen wollten. Excellenza waren der Knabe, den ich damals am Kragen über die Schwelle mit der Kette zog, die das Asyl bedeutet.7 Der Hauptmann wird

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sich freuen, zu hören, daß Sie noch am Leben sind, obschon es ihm selbst schlecht genug geht.«

Der Spanier schien von der Erinnerung des alten Angelino, der ihn nach fast sechszehn Jahren noch wieder erkannte, wenig erbaut, und begnügte sich, die Frage zu wiederholen, ob der Mann schon lange an diesem Orte sei.

»Ja, Sennor, und wenn Sie Alvaro heißen - ich erinnere mich nicht mehr Ihres Namens, obschon Sie uns ihn sagten - und ein Stück Geld für einen alten Kameraden übrig haben, hätte ich Ihnen etwas zu erzählen, das Ihnen wichtig sein wird!«

Der Spanier sah, daß seine Verlobte ihr Pferd umlenkte, um zu sehen, was er thue.

»Bleib' auf dieser Stelle, bis ich nach Dir schicke«, sagte er rasch, indem er ihm, als habe der Bettler ihn eben angesprochen, ein Geldstück in den Hut warf. Dann ritt er, die höchste Gleichgültigkeit heuchelnd, zu der Gesellschaft zurück.

»Ich glaube, daß es Zeit ist, zurück zu kehren. Da die Sennora jetzt in sicherem Schutz ist, werde ich mir erlauben, so rasch als möglich nach Longchamp[s] zurück zu kehren, um die Frau Gräfin von Teba und ihre Töchter, meine Verwandten, zu beruhigen, wenn sie von dem Unfall gehört haben sollten, der die Vicomtesse bedroht hat.«

Er verbeugte sich leicht und gab seinem Reitknecht einen Wink, ihm zu folgen. Dann sprengte er voraus, während die Gesellschaft langsam nachkam.

Sennora Carmen schien plötzlich nachdenkend geworden. Sie versuchte vergebens, dem jungen Offizier einige

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Worte zu sagen, ihr Bruder wich nicht von ihrer Seite, und als sie in einer Allee die E[q]uipage der Mademoiselle de Miron erreicht hatten, nöthigte er sie, das Pferd zu verlassen und den angebotenen Platz im Wagen anzunehmen.



Es war zehn Uhr - seit einer Stunde hatte der Empfang und der Ball in den Tuilerien begonnen.

Wer die prächtigen Säle und Galerien nie in dem Glanze eines großen Hoffestes gesehen, durchstrahlt von Tausenden von Kerzen, vermag sich schwerlich einen genügenden Begriff davon zu machen.

Die zu den großen Hoffesten geöffneten Räume dieses prächtigen Baues der Katharina von Medicis, Heinrich's IV. und seines Sohnes, des dreizehnten Ludwig's, erstrecken sich durch den ersten Stock der ganzen Front nach dem Tuileriengarten und dem Concorde-Platz, zwischen dem Pavillon Marsan, auf der Seite der Rue Rivoli, durch den Pavillon de l'Horloge bis zum Pavillon de Flore nach der Seine hin, und bieten auf der einen Seite die prächtige Aussicht in die Gärten mit ihren Fontainen, dem Obelisk am Ende der Avenue und dem die steigende Anhöhe in der Ferne schließenden, mächtigen Triumphbogen de l'Etoile; auf der anderen Seite den Blick über den innern Hof hinweg auf den Place du Caroussel und das Louvre.

Selbst die glänzenden Säle des Hôtel de Ville, obschon ihre Einrichtung weit geschmackvoller und moderner ist, als die der Tuilerien-Säle, und wohl das Glänzendste,

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was man in dieser Beziehung finden mag, können sich in dem Eindruck mit der ernsten, historischen Pracht dieser Räume nicht messen, an die sich die Geschichte Frankreichs seit der blutgetränkten Bartholomäusnacht knüpft.

Welche Erinnerungen auch der neueren Zeit binden sich an diese Hallen! Hier mordete am 10. August 1792 das Volk die Schweizergarde, die, treu dem Soldateneid, ihren königlichen Gebieter vertheidigte. Der erste Consul residirte hier und erhob sie zum Kaiserpalast - wiederum herrschten nach der Restauration die vertriebenen Bourbons in den Tuilerien, die Revolution von 1830 räumte sie Louis Philipp ein, dem Ersten, der das Königthum von Gottes Gnaden in den Staub des Volkswillens herabzog und vom Volkswillen dafür schmählich aus den vergoldeten Räumen vertrieben wurde. Die provisorische Regierung des socialistischen Unsinns bestimmte sie zum Invalidenhause für Arbeiter; während des Juni-Aufstandes dienten sie zum Hospital, bis das neugeborene Kaiserthum diese Säle zum alten Glanze zurückführte.

Um 9 Uhr hatte das kaiserliche Ballfest begonnen, das erste, das der neue Kaiser gab. Der innere Hof war von den glänzenden Equipagen gefüllt, die immer neue und neue Ströme von reich geschmückten Gästen brachten; jedes Land Europa's, selbst die Staaten jenseits der Meere, hatten ihre Vertreter, Männer und Frauen, gesandt; zum ersten Mal zeigten sich die erst vor wenigen Tagen creirten Würdenträger des neuen Hofes in ihrem vollen Glanze.

Das diplomatische Corps und die Notabilitäten der herrschenden Gesellschaft, mit rosafarbenen Einladungskarten

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versehen, hatten ihren Eintritt durch den Pavillon du Flore genommen, das Gros der Geladenen, nur mit weißen Karten beglückt, strömte durch den mittleren Pavillon und fand in dem blauen Salon oder im Arabesken-Saal seinen Platz, bis mit dem Glockenschlag Neun sich die Thür öffnete und der neue Groß-Ceremonienmeister Bacchiochi mit dem Ober-Ceremonienmeister, Feuillet des Couches, dem Gebieter voranschritten.

Der Kaiser trug Generals-Uniform, den Grand-Cordon der Ehrenlegion und den Orden eines kleinen deutschen Staates, sowie, in Nachahmung der Etikette am alten kaiserlichen Hofe, gleich den Marschällen und andern Würdenträgern, kurze Beinkleider, Schuhe und seidene Strümpfe. Der Ober-Kammerherr, Herzog von Bassano, und der Kammerherr vom Dienst, Herzog von Tarent, begleiteten ihn, als er im zweiten Saal die Mitglieder der kaiserlichen Familie und der sogenannten Civil-Familie Bonaparte um sich versammelte.

Wer die Tuilerien kennt, weiß, daß an den Salle de la Paix, den früheren Saal Louis Philipps, jenen glänzenden Ballsaal von 140 Fuß Länge, mit den gewaltigen Spiegeln, den vergoldeten Säulen und der silbernen Bildsäule des Friedens, welche die Stadt Paris nach dem Frieden von Amiens dem ersten Napoleon schenkte, der berühmte Saal der Marschälle stößt. Hier eröffnete der Kaiser den Ball mit seiner Cousine, der Prinzessin Mathilde, der Tochter des Exkönigs von Westphalen, während ihr Bruder, der Montagnard, der Affe seiner Aehnlichkeit mit dem ersten Napoleon, ihm gegenüber mit Lady Cowley,

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der Ambassadrice von England, tanzte. Der Ball hatte damit begonnen, die Gesellschaft zerstreute sich in den weiten Räumen oder drängte durch den Thronsaal, in dem der Hof sich größtentheils aufhielt.

Der Graf Montboisier, nachdem er den ersten Pflichten seines neuen Kammerherrnamtes Genüge gethan, befand sich, wie gewöhnlich, bald von einem Kreise seiner Bekannten umgeben, in dem man die Neuigkeiten des Tages mit einer pikanten Kritik der Anwesenden verband.

»Wissen Sie, daß der Herr Erzbischof Herrn Mirès heute hat rufen lassen?« frug ein neuer Senator.

»Es scheint, daß Herr Sibour besonderes Gefallen am alten Testament findet. Ich erinnere mich, daß er während der kleinen Schäkereien in Compiegne eines Tages sich zu jenem Herrn zurückzog, der so eben in seiner rothen Uniform dem einfachen Frack des Prinzen von Syrakus die Honneurs macht, und zwei Stunden mit ihm in der Fensternische sprach. Er behauptete, es sei, außer ihm, der einzige vernünftige Mensch, den er in ganz Compiegne gefunden, und erst am Abend, bei der Nachttoilette, erfuhr er von seinem Kammerdiener, daß es Rothschild gewesen.«

»Diesmal hat der Herr Erzbischof nicht mit der Börse, sondern mit der Literatur zu thun«, berichtete der Senator. »Er hat dem Eigenthümer des Constitutionel erklärt, daß er in allen Kirchen von Paris gegen das Blatt predigen lassen werde, wenn sein Feuilleton fortfahre, den scandalösen Roman »Isaac Laquedom« des Herrn Dumas abzudrucken.«

»Das ist schade, die Scenen fangen an, so pikant zu

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werden. Da geht wieder eine Aussicht zum Teufel für die Gläubiger des Verfassers des Monte Christo.«

»O, er versteht sein Schloß, dem er den Namen gegeben, schon zu bewahren. Er hat einen unglücklichen Bauer zur Hand, dem eine Parzelle mitten in seinem Park und zwei der besten Zimmer im Schlosse gehören, und diese Mitgift schreckt jeden Käufer ab.«

»Da kommt Vely Pascha - Herr von Persigny dreht ihm den Rücken. Der russische Einfluß in der Frage des heiligen Grabes hat uns am Nicolaustage glänzendes Fiasco machen lassen.«

»Ich glaube, wir werden uns nächstens revangiren«, meinte geheimnißvoll ein Employé aus dem Ministerium des Auswärtigen. »Sehen Sie nicht, wie angelegentlich Lord Cowley dort an der Statue des Friedens mit dem Grafen Walewski spricht und wie kalt Beide Herrn von Kisseleff begrüßt haben?«

»Es muß etwas vorgefallen sein, noch heute Abend«, bemerkte der Graf. »Ich weiß ganz bestimmt, daß noch diesen Morgen Seine Majestät den Baron auf das Zuvorkommendste einladen ließ, doch ja den Ball zu besuchen. Allons, kleiner Seignard, das ist etwas für Sie, machen Sie sich auf die Beine und schauen Sie aus, was es gegeben hat; denn es ist richtig, daß der Kaiser kaum ein kühles Kopfnicken für den Russen im Arabeskensaal hatte.«

»Man hat die verklausulirte Anerkennung noch immer nicht verdauen können.«

»Bah - Louis Napoléon ist nicht der Mann, dem die Verweigerung des Titels »Mon frère!« so lange

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Kopfschmerzen machen wird! - Sehen Sie da den Herzog Carl. Ich glaube, der gute Braunschweiger trägt doppelt den Werth seines ehemaligen Herzogthums in Diamanten auf dem Frack.«

»Es ist seine Liebhaberei. Wie finden Sie die heutige Toilette der Damen des Ministeriums?«

»Abscheulich! Der Comtesse Persigny mit den Erinnerungen an ihren Großvater, dem Bravsten der Braven, steht der rothe Sammet à Ia Diane über dem weißen Atlas nicht uneben, aber Madame de Lhuys und Madame Forteul sehen in den kurzen Taillen der Kaiserzeit wie ihre Mütter von 1809 und 1810 aus, das heißt abscheulich!«

»Was wollen Sie, mein Lieber,« lächelte der Kammerherr - »das neue Kaiserthum ist noch sehr jung und man thut daher wohl daran, es mit einigen alten Erinnerungen zu sustentiren, selbst wenn es Theaterdiamanten sind. Dort z. B. haben Sie den Herrn Prinzen von der Moskwa, obschon Sie dabei keineswegs an 1812 zu denken brauchen. Da sehen Sie den Prinzen Murat, der weder für das Grab von Vincennes, noch für den Wall von Pizzighetone das Geringste kann, obschon ihm die Krone seines Vaters stark im Kopf liegt, mit dem Vicomte von Chateaubriand sich unterhalten. Der arme Duc de Valentinois lebt von seinem Namen, da ihm die sardinische Regierung noch immer sein Fürstenthum Monaco vorenthält. Cäsar Borgia, der auch ein Herzog von Valentinois war, hätte rascher verstanden, zum Ziele zu kommen. Cambacière, Bassano - die Namen sind alle vertreten, und wollen Sie das Ausland - wo können Sie einen amüsanteren und

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willkommneren Repräsentanten finden, als den Prinzen Richard Metternich? Alle Damen sind darüber einig, daß er vortrefflich liebt und tanzt.«

»Ob, wenn es darauf ankommt, so fehlen der neuen Sonne auch jene Namen nicht, die man sonst gewohnt war, nur in anderer Umgebung zu sehen,« sagte eine spöttische Stimme.

Der neue Kammerherr biß sich auf die Lippen, er fühlte, daß der Stich auch ihn anging und er wußte, daß die Zunge des Herrn Girardin an Bosheit noch die seine übertraf. Er begnügte sich daher jenen zu fragen, ob man ihm bereits zur Ernennung zum Minister des Prinzen-Lieutenant für Algier gratuliren dürfe?

Der Journalist im Civilfrack mit dem goldbordirten Kragen, sah ihm höhnisch in's Gesicht. »Herr von Saint Arnaud,« sagte er spöttisch, »hegt Bedenken. Der Artikel der Presse über die Börsendifferenzen eines berühmten Marschalls ohne Feldzug hat ihm nicht gefallen. Ueberdies, mein Lieber, muß man dergleichen Stellen jetzt für andere Personen reserviren. Man weiß noch nicht, wie viel der Uebertritt der Herren Vendeer kosten wird. - Sie sehen, der Herr Marquis ist noch nicht im Stande gewesen, sich den Senatoren-Frack anzuschaffen.«

Der Spötter wies auf zwei Personen, die ziemlich einsam an einem Fensterbogen sich unterhielten und fast allein mit einander verkehrten. Sie schienen beide in der That sich unheimlich in dieser Umgebung zu fühlen. Der eine von diesen beiden Männern trug die schwarze ernste Sammettracht des Rechnungshofes, es war der Präsident

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dieses hohen Gerichts, Herr Barthe, einst Minister und Siegelbewahrer Louis Philipps, der andere war der neue Senateur und frühere Legitimist mit einem der schönsten Namen des königlichen Frankreichs - der Marquis von Laroche-Jacquelein.

»Haben Sie gehört,« fuhr der unbarmherzige Journalist, der für die eigene scandalöse Vergangenheit gänzlich unempfindlich war, fort, »was die alte blinde Marquise geantwortet, als man sie damit trösten wollte, daß auch Herr Pastoret zum Kaiserthum übergetreten sei? Die alte Frau, die zwei Gatten und einen Sohn auf den Schlachtfeldern der Legitimität begraben und nur diesen noch übrig hat, sagte: »Monsieur de Pastoret hat wenigstens gewartet, bis seine Mutter todt war!«

Die Unverschämtheit des Schwätzers hatte eine verlegene Stille in dem kleinen Kreise hervorgerufen. Zum Glück ließ ihn die inwohnende Bosheit nicht lange bei dem einen Gegenstand verweilen.

»Sehen Sie dort die neue Ehrendame der Prinzessin Mathilde, Madame Gouy! Vor vier Jahren noch war sie die erste Schönheit unter den Sträussermädchen der marché des innocents! In der That, die Ernennungen sind wunderbar, und ich brauche mich nicht zu beklagen, daß Herr von St. Arnaud mir die meine verweigert. Ich würde mich schämen, darüber so verdrießlich zu sein, wie der Prince de Wagram, weil man ihn nicht zum Großjägermeister gemacht, was doch sein Papa, der alte Berthier, war, bis er sich in Bamberg aus dem Fenster stürzte. -

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Sehen Sie den Herrn mit dem breiten nichtssagenden Gesicht dort?«

»Es ist der Herzog von Ossuna, mein Herr,« sagte streng der Graf.

»Richtig, ich weiß es sehr wohl, Grand erster Klasse von Spanien, aber sein Reichthum hat ihm Nichts geholfen, er leidet auch unter einem blocus matrimonial, und hat Mademoiselle de Montijo vier Jahre vergeblich den Hof gemacht. Jetzt kommt er mit Herrn Aguado grade recht zur Verlobung.«

»Herr Girardin, Sie vergessen sich und den Ort, an dem Sie die Ehre haben, sich als Gast zu befinden.«

Der windige Eigenthümer der »Presse« lachte ihn an. »Mein Himmel, Sie, ein alter Legitimist, werden sich doch nicht zum Vertheidiger dieser Heirath aufwerfen, über die ganz Paris lacht, bloß weil Sie jetzt den Kammerherrn-Schlüssel tragen, den Herr Clary zurückgeschickt hat! Ich versichere Sie, Herr Drouin de L'huys hat wirklich seine Entlassung angedroht, und die hübschen Augen der Prinzessin Mathilde sind noch nicht trocken geworden. Morny schimpft wie ein Rohrsperling und Miß Howard, die arme Verlassene, will sich durchaus nicht mit dem Geschenk des Schlosses Bagatelle über die Untreue trösten lassen ... - sie wird Paris verlassen!«

Das Schweigen dauerte fort - der Boden war zu gefährlich, wie die kurz vorher erfolgte Absetzung des General Mac Mahon in Algier, bloß weil er seinen alten Schlachtgefährten Bedeau und Lamoricière einen Toast gebracht,

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bewiesen hatte, - um der Unverschämtheit des Journalisten, auf dies noch gefährlichere Gebiet zu folgen.

Dieser aber ließ sich keineswegs in seinem Erguß stören. »Pompon hätte die meiste Ursache sich zu beklagen, aber er ist seiner Sache sicher. Hübsch ist sie, das kann man nicht leugnen - man sagt, daß die Königin Isabella selbst eifersüchtig auf sie geworden und der alte Infant Don Francisco ihr seine linke Hand angeboten. Ihr letzter Bewerber, Sir Lytton Wesdale, hat noch in voriger Woche Fünf gegen Eins gewettet, daß der Kaiser sich einen Korb holen wird.«

Herr von Girardin hielt sein Lorgnon vor's Auge, um die Wirkung seiner kleinen Schmähartikel auf seine Zuhörer zu beobachten; denn er war so kurzsichtig, daß die böse Welt behauptete, er habe sich einst auf sehr unmittelbare Weise einmal von einer kleinen Familienfatalität überzeugt, ohne deshalb den Othello zu spielen. Aber das Lorgnon des Herrn Girardin suchte vergeblich - seine Zuhörer hatten sämmtlich die Flucht ergriffen und er ging, sich mit schadenfrohem Lachen ein neues Opfer zu suchen.

Dem Grafen von Montboisier war die Rückkehr des kleinen Legationssecretairs von seinem Kundschaftergang sehr au fait gekommen und er nahm dessen Arm, um aus der gefährlichen Nähe hinweg zu gleiten. »Nun, mein Lieber, was haben Sie erlauscht?«

Der kleine Diplomat machte ein sehr bedenkliches Gesicht.

»Wissen Sie, mit wem Se. Majestät eben tanzt? Mit der Marquesa Montijo oder Duquesa de Teba,

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man weiß eigentlich nicht recht, wie man sie offiziell zu nennen hat. Der Marschall Magnan ist sein vis-à-vis und Alles drängt sich um die Quadrille. So viel ist gewiß, daß sie einen grünen und goldnen Kamm trägt.«

»Bah, wenn Sie weiter Nichts erlauscht haben!«

»Aber bedenken Sie doch, liebster Graf, einen grünen und goldnen Kamm, die Farbe der Napoleoniden, noch dazu in Form eines halben Diadems? Lord Cowley hat diesen Nachmittag eine lange Unterredung mit dem Comte de Persigny gehabt. Herr von Persigny ist der einzige Vertraute des Kaisers. Nachdem Preußen und Oesterreich ohne Rückhalt anerkannt haben, ist diese Kälte gegen Herrn von Kisseleff ja um so auffallender. Man spricht von einem offenen Auftreten Rußlands in Montenegro, von einer Bewegung in Griechenland, von Forderungen in Konstantinopel - im englischen Parlament soll sich eine Demonstration gegen Rußland vorbereiten, und ich sage Ihnen, mein Bester, die Berufung der zweihundert Generale zum Wiedereintritt in den Dienst ist nicht ohne Bedeutung.«

Der Kammerherr hatte nur flüchtig auf das Geschwätz des kleinen Diplomaten gehört; es war ihnen beiden gelungen, sich während der Zeit zu dem Saale der Marschälle durchzuwinden, in dem der vornehmste Theil der Gesellschaft tanzte.

Die Quadrille war noch nicht beendet - der Crême der Gesellschaft, der nicht am Tanz betheiligt war, umstand die in den Touren sich bewegende Colonne; in der Reihe des Kaisers tanzten außer seinem Vetter der preußische Gesandte Graf Hatzfeldt, Marschall Magnan, die Prinzessin

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Mathilde, Graf Nieuwekerke, der General Lawöstine und der Senateur du Caumont. Baron Hübner, der österreichische Gesandte, stand in vertrautem Gespräch auch hier mit Lord Cowley - während Herr von Kisseleff sich gänzlich zurückgezogen hielt und nur der neapolitanische Gesandte sich in seiner Nähe befand.

Die Dame des Kaisers war die Marquesa Montijo. Die wunderbare Schönheit der Dame, diese Vermischung des englischen und spanischen Typus, die wir schon früher beschrieben, erregte, gehoben durch die kostbare Balltoilette, die allgemeine Bewunderung.

»Es wäre nicht zu verwundern!« flüsterte der kleine Diplomat, sich auf die Fußspitzen hebend - »sehen Sie diesen junonischen Wuchs, - die dunklen hochgeschwungenen Brauen - und die kleine Hand! Man sagt, daß sie einen höchst energischen Charakter besitzt, so ganz spanisch. Sie müssen es ja wissen, mein Lieber, der Sie das Glück hatten, nach Compiegne eingeladen zu sein. Man erzählt, daß sie sich dort in Gegenwart des Kaisers einen Dolchstoß in den Arm versetzt hat, blos um ihm zu zeigen, daß sie sich nicht fürchtet. Als in ihrer Gegenwart von Cabrera die Rede war, hat sie gesagt: an der Stelle des Generals hätte ich die Mörder meiner Mutter nicht zu Pulver und Blei verurtheilt, sondern ihnen selbst den Dolch in die Brust gestoßen. Eine andalusische Zigeunerin soll ihr schon in ihrer Jugend prophezeit haben, daß sie eine Krone tragen würde; daraus erklären sich die vielen Körbe, die sie vertheilt hat.«

Der Kammerherr unterbrach das Geschwätz. »Kennen

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Sie den Herrn, welcher dort in dem kleinen Salon mit der Mutter der künftigen Kaiserin, der Gräfin von Teba, spricht?«

»Es ist ein italienischer Monsignore. Wenn ich nicht irre, heißt er Corpasini und soll Aussicht auf den Cardinalshut haben. Sie wissen, daß die Familie der künftigen Kaiserin als sehr fromm gilt.«

»Das Gesicht ist interessant - es liegt eine große Willenskraft, aber auch viel Verschlossenheit und Hinterhalt darin.«

Der kleine Diplomat erhob sich auf die Fußspitzen, um seinem Gesellschafter ein Wort in's Ohr zu flüstern.

So kurz es war, es mußte bedeutsam genug sein, denn der Graf zeigte den Ausdruck der Ueberraschung und nickte verständigend dem Kleinen.

»Ich begreife! - Der heilige Vater kann unbesorgt sein!« -


Der kleine Nebensalon, nur durch die schwere Portiere von grünem Sammet von dem Salle de Marechaux getrennt, dessen Felder die Bildnisse der berühmten Tafelrunde der Kaiserzeit; Berthier's, Murat's, Moncey's, Jourdan's, Soult's, Brune's, Lannes', Mortier's, Ney's, Davoust's, Kellermann's und Bessière's einnehmen, - öffnet sich auf die rund um die Ehrentreppe führende Galerie. Hierher ziehen sich die höchsten Personen zurück, die an dem Tanz oder dem Zuschauen keinen Antheil nehmen wollen.

Hinter dem Sessel der alten Gräfin von Teba lehnte der Prälat, der vorhin dem Grafen aufgefallen war. Die

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Beiden waren an diesem Ort so ziemlich allein, die wenigen Personen, die hier verweilten, standen am Ausgang, dem Tanz zuzusehen; überdies bedienten sie sich bei ihrer Unterhaltung der spanischen Sprache.

»Diese Verzögerung der Erklärung bleibt mir verdächtig,« sprach die Gräfin. »Ich sage Ihnen offen heraus, Monsignore, daß hier eine Reservation im Hinterhalt ist. Ich fange an zu besorgen, daß Sie den Einfluß der heiligen Kirche überschätzt haben.«

»Ihro Excellenza haben die Erfolge davon in Dresden und München gesehen.«

»Aber warum kommt die Sache dann nicht von der Stelle?«

»Sie wird sich noch diesen Abend entscheiden!«

»Woraus schließen Sie dies?«

»Haben Ihro Excellenz nicht bemerkt, daß auf dem heutigen Fest, mit Ausnahme des Herrn Barrot, die Anhänger der Orleans fehlen.«

»Mein Gott, das ist der Einfluß des Herrn Berryer. Ich habe doch Herrn Dupin bemerkt.«

»Herr Dupin genießt nicht mehr des geringsten Vertrauens. Der Vertreter von Claremont ist Herr Barrot in diesem Augenblick.«

»Sie sprechen, als gälte es eine Ambassade!«

»Ihr Scharfsinn läßt Sie ganz richtig schließen, Madame. Herr Barrot ist allerdings mit einer Eröffnung beauftragt.«

»Und was betrifft diese?«

»Die Heirath der Frau Herzogin von Orleans.«

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Die Dame fuhr unruhig auf dem Sessel umher, sie suchte mit aller Anstrengung eine gleichgültige Haltung zu affectiren.

»So wäre es also wirklich? Der Kaiser hätte um die Hand dieser Mecklenburgerin angehalten und man hätte ein abscheuliches Spiel mit uns getrieben?«

»Sie gehen zu weit, Frau Gräfin. Der Kaiser liebt wirklich die Marchesa - aber Sie wissen, daß Staatsrücksichten gebieterischer sind, als die Forderungen des Herzens. Selbst der erste Napoleon mußte sich von Josephinen trennen. Eine Verheirathung mit einer legitimen Prinzessin unter der Zustimmung der Mächte sicherte ihm die Legitimität. Da dieser Erfolg nicht zu erreichen war, würde ihm die Verbindung mit der Herzogin von Orleans, abgesehen davon, daß sie gleichfalls zu den regierenden Häusern gehört, wenigstens die Vereinigung zweier großen Parteien in Frankreich als Stütze gewähren.«

»Die Familie Montijo,« sagte die Gräfin hochmüthig, »ist nach der königlichen Familie eine der ersten oder vielmehr die erste Spaniens.«

Der Prälat verbeugte sich. »Niemand zweifelt daran, Excellenza, aber Sie werden sich erinnern, daß der Kaiser durch eine Verbindung mit derselben unter den Herrn Herzog von Montpensier zu stehen kommt, den Großmeister. Der Grandezza Spaniens, und daß die Kirk Patriks ...«

Die Gräfin brach hastig die Erörterung ihrer eigenen Familienverhältnisse ab. »Wissen Sie, was das Resultat der Werbung in Claremont gewesen?«

Der Jesuit lächelte. »Niemand weiß es, gnädige

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Frau, aber die Abwesenheit der Orleanisten läßt darauf schließen. Lord Cowley scheint in sehr guter Stimmung.«

»So wird der Kaiser sich erklären?«

»Ihro Excellenz vergessen einen Gegner!«

»Welchen?«

»Den gegenwärtig berechtigten Erben des Kaiserreichs!«

»Ah Loulou, diesen Intriguanten des Palais Royal, den Montagnard! Aber er hat um die Hand der Prinzessin von Wagram angehalten!«

»Dies eben ist geschehen, um die Heirath seines Vetters mit einer Ausländerin unpopulär zu machen. Berthier, obschon noch erbittert, daß man ihm das Amt des Oberjägermeisters verweigert, hat jedoch die Bewerbung ausgeschlagen. Nunmehr ...«

»Warum zögern Sie?«

»Nunmehr verlangt der Prinz Napoleon, oder vielmehr der Exkönig von Westphalen auf sein Anstiften, daß, wenn eine Heirath des Kaisers mit der Marquesa, Ihrer Tochter, wirklich beabsichtigt werden sollte, eine Trauung zur linken Hand genügen soll.«

Der Schlag war diesmal so direkt geführt, daß die Gräfin unter der Schminke erblaßte und in die Kissen des Fauteuils zurücksank. Im nächsten Augenblick richtete sie sich aber wieder empor und alles Blut schien ihr in's Gesicht zu strömen.

»Das wäre abscheulich - eine solche Rolle - nimmermehr!«

»Mäßigen Sie sich, Madame, man achtet auf uns! - Weil es den Zwecken der Kirche nicht entspricht, darf

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und wird es nicht geschehen. Eine Befriedigung aller Familienansprüche des Kaisers, ohne daß diese Familie einen Einfluß auf die Staatsangelegenheiten erhält, wäre ganz gegen unser Interesse. Lassen Sie uns daher noch ein Mal kurz unsere Bedingungen zusammenstellen.«

Die Dame nickte.

»Die Kirche ist zu der Ueberzeugung gekommen, daß der revolutionaire Geist eben nur durch eine kräftige Herrschaft des Bonapartismus gebändigt und aufgehalten werden kann. Wir werden dem Ehrgeiz desselben Opfer bringen müssen, aber wir bedürfen einer starken Hand an der Spitze Frankreichs, um die Krisis zu überstehen, die uns in Italien bedroht; für den Schutz Roms sind wir bereit, dem Ehrgeiz der Herrschaft Bonaparte freies Spiel zu geben. Die römische Kirche hat gegenwärtig zwei gefährlichere Feinde als den Protestantismus zu bekämpfen.«

»Ich verstehe Sie nicht ganz.«

»Sie werden es sogleich, Madame. Der eine dieser Gegner ist die Revolution, der Mazzinismus. Alle Throne, alle Autorität Europa's ist von ihm bedroht, der Kampf wird lange dauern, aber wir werden siegen. Der andere Feind sind die wachsenden Ansprüche der griechischen Kirche!«

»Rußlands?«

»Sehr richtig - Rußland repräsentirt die griechische Kirche, und grade die Vereinigung der weltlichen und kirchlichen Macht ist dort so gefährlich. Die unselige Trennung Constantins von Rom hat jenen Zwiespalt in der Christenheit hervorgerufen, ohne den die sogenannte Reformation spurlos an dem Felsen Petri gescheitert wäre. Der

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katholischen Kirche droht die Ueberwältigung nicht von Wittenberg, sondern von Petersburg und Konstantinopel her. Unser Einfluß, unsere Macht im Orient sind täglich mehr im Schwinden. Die Vorgänge mit den heiligen Stätten in Jerusalem beweisen dies auf's Deutlichste. Die griechische Kirche hat dort den Sieg über die römische davon getragen; wenn die Absichten Rußlands - jenes Testament Peter des Großen - an dessen Erfüllung das Czarenthum im Stillen unaufhörlich arbeitet, - in Erfüllung gehen, wenn die Welt ein neues byzantinisches Kaiserthum sieht, hat die katholische Kirche ihre Macht verloren.«

Die Dame war etwas unruhig auf ihrem Sessel hin und her gerückt. »Aber Monsignore, - diese politische Auseinandersetzung und die Heirath der Marquesa ...«

»Sie stehen in innigem Zusammenhang, wie ich Ihnen sogleich beweisen werde. Frankreich ist der Vorkämpfer des Romanismus gegen das Germanenthum, den Protestantismus und gegen das Slaventhum: die griechische Kirche. Da die Bourbonen gegenwärtig in Frankreich nicht möglich sind, ist es wenigstens nöthig, auf seinem Thron streng katholische und für das Wohl der Kirche begeisterte Grundsätze sich mit den politischen Interessen verbinden, das heißt also eine aufrichtige Anhängerin der Kirche, aus romanischem Stamm, merken Sie wohl die letztere Bedingung, den Thron des Bonaparte theilen zu sehen.«

Die Gräfin that einen freien und tiefen Athemzug. »Ich glaube wohl, daß Sie das Alles in der Marquesa vereinigt sinden. Ihr alter Adel ...«

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»Er kommt hier weniger in Betracht, obschon er die Sache erleichtert. Genug, Madame, die Marquesa hat die Zustimmung und Unterstützung der Kirche, die alle Hindernisse aus dem Wege geräumt hat und räumen wird unter der Bedingung ...«

»Sprechen Sie!«

»Eines Krieges gegen Rußland!«

»Aber wie ist das zu machen?«

»Die Sache ist weniger schwierig, als Sie glauben. Louis Napoléon bedarf zunächst einer Unterstützung seines neuen Thrones durch eine Beschäftigung der Armee, die ihn dazu erhoben. Dazu giebt es keine bessere Gelegenheit, als die Schmach von 1812 zu tilgen. Ein Krieg gegen Rußland wird daher populair sein. England ist im Begriff, einen solchen zu beginnen, es kann nicht länger damit zögern, ohne seine Macht und Stellung im Orient und in Indien von den russischen Intriguen erschüttert zu sehen. Es zögert nur noch, weil es sich allein nicht der Sache gewachsen fühlt und daher einen Bundesgenossen sucht. Dieser Bundesgenosse ist Frankreich.«

»Aber ein Bündniß mit dem protestantischen England?«

»In der Politik, Madame, entscheidet der geheime Zweck oder der offene Vortheil. Ueberdies kennt Louis Napoléon England genug, um zu wissen, daß er mit diesem Kriege Rußland materiell und England moralisch demüthigen kann, zwei Siege, die ihm den Enthusiasmus Frankreichs sichern und diesem wieder die Oberhand in den europäischen Angelegenheiten verschaffen. Ihre Tochter, Excellenza, wird also hier ein leichtes Spiel und nur nöthig haben, den

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Plänen nicht entgegen zu arbeiten, was sicher eine Gemahlin aus einem der mit Rußland liirten Fürstenhäuser gethan hätte. Ihre Aufgabe und der Preis für unsere Unterstützung liegt in der Zukunft.«

»Sie können unserer ewigen Dankbarkeit sicher sein.«

Ein bedeutsames Lächeln flog über das Gesicht des Priesters. »Wir haben eine festere Bürgschaft dafür, Madame, als das Wort der Frau Gräfin von Teba, so hoch wir dasselbe auch schätzen!«

»Welche?«

»Die Bourbonen!«

Die Gräfin senkte den Kopf. »Welche weitere Verpflichtung fordern Sie demnach von der Marquesa?«

»Sobald sie festen Fuß gefaßt und wenn die Zeit gekommen, ihr offenes Eintreten für den päpstlichen Stuhl!«

»Das ist eine Sache, die sich bei ihr als Katholikin von selbst versteht!«

»Sie wird schwieriger sein, als Sie denken, und alle jene Charakterstärke und Energie erfordern, die wir an der künftigen Kaiserin von Frankreich bewundern.«

Die Gräfin hatte sich erhoben, sie reichte dem Prälaten die Hand.

»Also keine Heirath zur linken Hand?«

»Eine volle und rechtmäßige Heirath, Madame, welche die Marquesa de Montijo zur Kaiserin der Franzosen macht!«

»Und die Erklärung?«

»Sie wird noch heute erfolgen. Bitten Sie Ihre Tochter bei Tafel wie zufällig nach ihrer Uhr zu sehen.«

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Sie nickte. »Auf Wiedersehen, Monsignore!« Sie grüßte herablassend mit dem Fächer und rauschte den Damen entgegen, die eben von ihren Cavalieren aus der beendigten Quadrille zu ihren Sesseln zurück geleitet wurden.

Der Kaiser führte das Fräulein von Montijo - die folgende Gesellschaft hielt sich einigermaßen entfernt.

»Sie tanzen vortrefflich, Madame!«

»Sie finden das etwas spät, Sire!«

»Sie besitzen der liebenswürdigen Eigenschaften und Talente so viele, Madame, daß Zeit dazu gehört, sie alle zu bewundern, namentlich wenn man so selten Gelegenheit hat, Sie zu sehen. Ich wünschte, dies könnte täglich und stündlich der Fall sein.«

»Das steht bei Ihnen, Sire!«

»Sie machen mich glücklich. So darf ich hoffen, daß Sie sich erbitten lassen?«

Der Zug war in diesem Augenblick dem Erzbischof von Paris gegenüber, der sich so lange mit Herrn von Rothschild unterhalten und der sich tief verbeugte. Die Spanierin blieb einen Augenblick stehen, eine Bewegung des Fächers wies nach diesem.

»Pas avant - mais après!«

Der Beherrscher Frankreichs biß sich leicht auf die Lippen.

»Madame,« sagte er zu der Gräfin von Teba, »Ihre Tochter ist die Krone der Schönheit und sie weiß das sehr wohl.«

Die Gräfin versank bei der tiefen Verbeugung in dem bauschigen Seidengewand. »Sire, es freut mich,

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wenn sie nie vergißt, daß der Schönheit die Krone gebührt!«

Die Verbeugung, die der kaiserliche Cavalier zu seinem Rückzug machte, war etwas hastig - er fühlte, daß er gegen die Weiberzungen den kürzeren ziehen könne.

Außerhalb des Gemachs suchte sein Blick in dem Herrenkreise, bis er den Grafen von Persigny traf.

Ein leichter Wink rief ihn näher. Der Kaiser ertheilte dem Großceremonienmeister Bachiochi seine Befehle wegen, der Einladungen zu den Spieltischen in dem Salon blanc, der an den Saal der Marschälle stößt und durch seine Gobelin-Teppiche, seine weiß und goldenen Wände und die Möbel von grünem Damast sich auszeichnet.

»Ihre Kaiserliche Hoheit die Prinzessin Mathilde, Mylord Cowley und die Marquesa Montizo,« lautete der Befehl. »Herr Marschall, Sie werden für eine Viertelstunde meine Karten nehmen.«

Der Kreis erweiterte sich, während der Kaiser an dem Kamin stehen blieb und nur den Minister des Innern an seiner Seite behielt.

»Dein Wink, Fialin, sagte mir, daß Du mit mir zu sprechen hast!«

»So ist es, Sire!«

»Rede - wir sind hier eben so ungestört, als anderwärts. Lord Cowley drängt um eine Antwort, und ich muß meinen Entschluß ihm wenigstens andeuten, deshalb habe ich ihn zu dem Spiel bestimmt.«

»Sire - vor einer halben Stunde habe ich die

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Antwort auf die geheimen Unterhandlungen in Claremont erhalten.«

»Und sie lautet?«

»Sire ...«

»Keine Zögerung - ich muß Dir gestehen, daß ich vielleicht ganz zufrieden bin mit einer Ablehnung.«

»Sire - die Verbindung ist definitiv zurückgewiesen.«

Es trat ein augenblickliches Schweigen ein. Die Falte über der Nasenwurzel im Gesicht des Kaisers zog sich leicht zusammen, um die etwas schlaffen Mundwinkel flog ein Zug des Hohns.

»Also doch. Ich hätte die Verträge von 1815 bestehen lassen, jetzt gilt es, Europa eine andere Basis zu geben. Wer hat die Nachricht gebracht?«

»Der Senator Barrot.«

»Ich habe ihn bereits bemerkt und dachte mir, daß seine Anwesenheit eine Bedeutung hatte. - Hast Du den Bericht unsers geheimen Agenten in London?«

»Er hat ihn persönlich überbracht - ich wurde vor einer Viertelstunde deshalb hinab gerufen.«

»Nun?«

»Die Ansichten der Familie sind getheilt gewesen - der Herzog von Montpensier hat sich dafür erklärt. - Die Ablehnung ist auf den ausdrücklichen Rath des Kaiser Nicolaus erfolgt.«

»Also zum zweiten Mal. Er oder ich. Es muß zu einer Entscheidung kommen. Hat Walewski Dich informirt, wie weit die Verhandlungen mit dem englischen Kabinet vorgeschritten?«

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»Lord Russell ist bereit, Frankreich die Bestimmung des militairischen Operationsplanes zu überlassen, wenn man England die diplomatische Initiative in Petersburg und Constantinopel zugesteht. Lord Stratford Redcliffe hat die Ordre erhalten, sich auf seinen Posten zurück zu begeben.«

Der Kaiser lächelte unheimlich. »Er ist der rechte Mann, schroff und rücksichtslos. Alles Odium wird somit auf England fallen und wir behalten bis zum letzten Augenblick freie Hand. Hast Du versucht, den Baron Hübner zu sondiren?«

»Jeder falsche Schritt Rußlands an der Donau wird Oesterreich auf unsere Seite führen. Es bewacht mit Eifersucht die preußischen Bestrebungen in Deutschland und ist jeden Augenblick bereit, die sogenannte heilige Allianz zu opfern!«

»Ein Riß hinein und sie sind einzeln in unsern Händen, Fialin. Künftig soll Paris die europäischen Kongresse machen. Hat der Agent Dir Nachricht gebracht über den Punkt, dessen Ermittelung ich wünschte?«

»So lange Euer Majestät uns nicht das Vertrauen schenken, uns deutlich bezeichnen zu wollen, um welches Dokument es sich handelt, ist es unmöglich, bestimmte Nachrichten oder es selbst herbeizuschaffen. So viel ist sicher, daß Frau von Saint Arnaud am 5. Dezember in London war und mit einem Juden Namens Isaac Lemandoff in Curhill Street verkehrt hat. Der Mann ist aber seit Jahresfrist verschwunden, und trotz aller Mühe nicht zu ermitteln. Eine Aeußerung, die er früher zu einem Glaubensgenossen gethan hat, deutet allerdings darauf, daß

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bei ihm ein Depositum gemacht worden ist. Er soll ein Agent von Herzen und der europäischen Liga gewesen sein, in Geschäftssachen aber überaus zuverlässig.«

»Um so mehr! Die Nachforschungen nach ihm müssen verdoppelt werden. Noch Eins, Fialin. Lassen Sie morgen das Dekret zur Beschlagnahme der Kaufsumme der orleans'schen Güter und Sammlungen ausfertigen.«

»Sire - das ist eine Maßregel, die vielen Tadel finden dürfte!«

»Das ist gleichgültig! wozu haben wir die Presse? Es wäre ungerechtfertigt, die Schulden, welche Louis Philipp auf Staatsdomainen gemacht, der Bezahlung durch den Staat aufzubürden, wo ein so bedeutendes Privatvermögen vorhanden ist. Und nun, Graf, genug von den Staatsangelegenheiten und laß uns von den meinen sprechen.«

»Was meinen Sie, Sire?«

»Du bist der Einzige, auf den ich unbedingtes Vertrauen in dieser Sache setze. Dieses Mädchen ist durch nichts anderes zu gewinnen, als durch eine wirkliche und gesetzmäßige Heirath!«

»Sie ist eine Ehrgeizige, Sire!«

»Und sie hat Recht, denn sie verdient eine Krone. Ich bin fast en[t]schlossen ...«

»Aber der Widerstand Ihrer Familie?«

»Bah - meinst Du, daß mich die Intriguen meines Herrn Vetters kümmern? Berthier hat ihm den verdienten Korb gegeben. Er ist vielleicht später gut genug, ihn zu einer Verschwägerung in Italien zu brauchen, vorläufig möge er sich mit der Jacobinerrolle der Familie

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begnügen, ein Soldat und gefährlich wird er nie sein. Ich achte die Verwandtschaft nicht viel theurer als jene dort.«

Ein leichtes Kopfnicken wies nach einer großen stattlichen Dame, die möglichst auffallend am Arm eines Italieners vorüberging und dem Kaiser eine vertrauliche Verbeugung machte, die dieser sehr kurz erwiederte.

»Ihre Hoheit, die Prinzessin von Solms-Wise-Bonaparte,« sagte lachend der Minister. »Wissen Euer Majestät, daß die passirte Schönheit auf Ihren Namen Schulden macht?«

»Ich werde die Unverschämte nächstens aus Paris und aus Frankreich verweisen lassen! Sie ist so wenig eine Bonaparte wie eine Gräfin von Solms. Ihr Vater war ein Fleischer in Straßburg. - Aber lassen wir die Närrin und bleiben wir bei Wichtigerem. Wenn ich wüßte ...«

»Sire, bedenken Sie, daß die Augen des ganzen Saales auf uns gerichtet sind.«

»Du hast recht und ich bin kein Knabe. Dennoch, Graf, habe auch ich manche Schwäche. Glaubte doch auch mein Oheim an Vorbedeutungen.«

»Sire, alle großen Männer haben das gethan.«

»Dann mag ich mir fast verzeihen, daß ich in voriger Nacht bei Mademoiselle Baison, der Nachfolgerin der Lenormand, incognito gewesen bin.«

»Wer in Paris hätte die Mode nicht mitgemacht!«

»Man sprach so viel in dem Salon der Gräfin Castellane davon, daß ich neugierig geworden war. Willst Du wissen, was sie mir gesagt hat?«

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»Sire ...«

»O ohne Furcht es ist unmöglich, daß man mich erkannt hat. Canrobert allein begleitete mich, wir nahmen einen Fiakre und ich ließ ihn vor der Thür. Ich sagte der neuen Sybille, mir die beste Frau zu bezeichnen, die ich heirathen könnte.«

»Und die Antwort?«

»Die Antwort der Karten war wie gewöhnlich, ausweichend. Es stände nicht mehr in meiner Macht zu wählen, meine Stunde sei bestimmt.«

»Sire, Sie werden immer Zeit haben, sie zu wählen, übereilen Sie sich nicht.«

»So halte mir diese Schwiegermutter vom Leib, sie geht auf ihr Ziel los, als wär ich eine Batterie. Treten Sie näher, Canrobert!«

Der Adjutant, ein Bruder des Generals, trat heran.

»Sie werden mir einen Gefallen thun, Oberst,« sagte der Kaiser. »Gehen Sie in mein Kabinet und bringen Sie mir von dem Tisch zur Linken das Ringetui von grünem Sammet, das Sie dort finden werden.«

Der Adjutant entfernte sich.

»Man hat mir gesagt, daß Canrobert überaus hitzig ist!«

»Er ist bekannt wegen seines Jähzorns, wie sein Bruder durch seine Ruhe.«

Der Kaiser machte keine weitere Bemerkung. Ein Schritt, den er vorwärts that, genügte, um den Kreis umher sofort in seine Nähe zu ziehen.

In der ersten Reihe desselben befand sich der Baron

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von Kisseleff. Mit jenem kalten Uebersehen, das die Großen der Erde so zerschmetternd und bezeichnend anzuwenden wissen, ging der Kaiser an ihm vorüber und blieb zwei Schritte weiter stehen, um den Grafen von Villamarina, den Gesandten Sardiniens anzureden.

»Sie wünschten mir Jemand vorzustellen, Herr Graf?«

Der Gesandte verbeugte sich tief, aber einigermaßen verlegen. »Euer Majestät zu Befehl, einen jungen Cavalier, einen geborenen Franzosen, der an mich aus Amerika empfohlen ist. Ich bedauere, daß Kapitain Laforgne in diesem Augenblick wahrscheinlich beim Tanz ...«

Der Kaiser war dem Gesandten einen Schritt näher getreten.

»Der Name ist mir genannt worden. Ein Agent Garibaldi's?«

»Sire - er hat allerdings unter General Garibaldi gedient - aber wenn Euer Majestät gestatten - ich sehe so eben den Kapitain!«

In der That war der junge Mann, die junge Haciendera vom Tanz zurückführend, so eben in den Saal getreten. Es war der erste, den die vielumlagerte Erbin Gelegenheit gehabt hatte, ihm zu schenken.

»Man sieht auf Sie, Sennor,« flüsterte die Argentinerin in spanischer Sprache. »Treffen Sie Ihre Anstalten - die Quadrille nach dem Souper! Vorsicht und fürchten Sie die Spione.«

Die Dame trat zurück, denn von der andern Seite kam so eben ihr Bruder heran. Der junge Abenteurer, den Kopf und das Herz voll von der flüchtigen

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Unterredung, die er während des Tanzes mit dem jungen Mädchen geflogen, sah die Blicke aus der Umgebung des Kaisers auf sich gerichtet und den Wink, den der Graf von Villamarina ihm gab, näher zu treten.

In diesem Augenblick, als er vorschritt, begegnete sein Auge einem stechenden, finster und höhnisch auf ihn gerichteten Blick.

Es war der Conde Don Alvaro Montijo, der ihn fixirte.

Die schlanke Gestalt des jungen Abenteurers richtete sich straff empor, ein stolzer herausfordernder Ausdruck begegnete dem Auge des Gegners - dann schritt er ruhig an ihm vorbei.

»Unverschämter Bettler - Du sollst es büßen!« Die Hand des Spaniers fuhr wie im Krampf nach der Brusttasche seines Fracks.

Der junge Offizier blieb drei Schritte vor der Gruppe um den Kaiser stehen und verbeugte sich mit der Ungezwungenheit, welche das abenteuerliche Leben und die Erziehung der edlen Gattin seines geliebten Führers ihm gegeben.

»Euer Majestät wollen mir erlauben, Kapitain Laforgne als einen geborenen Franzosen Ihrer Gnade zu empfehlen.«

Der Gesandte trat nach dieser Vorstellung zurück; das kalte matte Auge des Gebieters schien nicht ohne Wohlgefallen auf der elastisch kräftigen Gestalt des jungen Mannes zu ruhen.«

»Wo sind Sie geboren?«

»Im Golf von Nizza, auf einem Marseiller Schiff, Sire!«

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»Sie dienten in Amerika?«

»Am La Plata Sire, zuerst auf der Flotte von Montevideo, später unter der Cohorte des Commodore Garibaldi!«

»Sie haben mit ihm in Rom gegen Ihre Landsleute gefochten?«

»Ich traf erst am Tage der Einnahme von Rom bei dem General ein, Sire. Ich habe als Kind Frankreich verlassen, Sire, und verdanke General Garibaldi Alles, Frankreich Nichts!«

»Das ist wenigstens offenherzig! Wo befindet sich der General Garibaldi jetzt?«

»In Peru, Sire.«

»Kennen Sie seine Absichten?«

»Er hofft Sire, daß sein Vaterland bald seiner bedürfen wird. Nach seinen letzten Briefen beabsichtigt er, sich in Genua niederzulassen und vorläufig der Handelsmarine seine Thätigkeit zu widmen.«

Der Kaiser dachte einige Augenblicke nach. Ein Zeichen rief den Gesandten näher.

»Sie sind selbst Seemann, Herr Kapitain?«

»Ein wenig Sire, ich diente als Knabe auf der Itaparika und habe seitdem mehre Fahrten über den atlantischen Ocean und in den amerikanischen Gewässern gemacht!«

»Die Jugend ist thatkräftig - ich kann Männer Ihres Schlages brauchen. Wollen Sie in französische Dienste treten, in die Armee oder die Marine, Sie mögen wählen?«

Eine dunkle Gluth befriedigten Stolzes flog über das Gesicht des jungen Abenteurers, aber dennoch schwankte er keinen Augenblick.

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»Sire,« sagte er fest. »Ihre Gnade ist groß und ehrt mich. Aber Euer Majestät wissen, welche Verpflichtungen ich gegen meinen Freund und Wohlthäter habe und meine Erziehung eignet mich wenig für den regulairen Dienst. Ich liebe die Freiheit.«

Der Kaiser nickte leicht. »Ich verdenke Ihnen das nicht, aber ich hoffe, daß sich eine Gelegenheit finden wird, wo Sie, ohne sich Fesseln anzulegen, mir und Ihrem Vaterlande Dienste erweisen können. Sagen Sie General Garibaldi, daß es mich freuen wird, ihn[ihm] auf einem seiner würdigen Felde zu begegnen.«

Während der junge Kapitain nach dieser Beurlaubung zurück trat, hielt ein Wink den Ambassadeur noch zurück.

»Der junge Mann gefällt mir. Herr Graf, behalten Sie ihn im Auge. Graf Cavour wird ihn und seinen Herrn zu benutzen wissen. Was die Anerbietungen Ihres Kabinets betrifft, so wird Herr Drouye de L'Huys morgen seine Instruktionen empfangen. Seine Majestät der König Victor Emanuel mag seiner Zeit auf Frankreich zählen.«

Die Verbeugung, mit welcher der Kaiser den sardinischen Gesandten entließ, war so huldvoll, daß sie dem Baron von Hübner eine schlaflose Nacht machte. -

Im weißen Saal war das Spiel aufgenommen, indeß der Ball seinen Fortgang hatte. -

Durch das Gedränge der bordirten Diener, da die Zeit der Soupers nahe war, schritt Kapitain Francois die Treppe hinunter, welche in den innern Hof der Tuilerien neben der Palastwache mündet, wandte sich nach der Halle

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des Pavillon d'Horloge und ging durch die jetzt öden Blumengärten nach dem Bassin.

Die Masse der Equipagen und Dienerschaften, das ganze Gewühl des Festes hatte die sonst am Abend erfolgende Absperrung des Tuileriengartens für heute wenn nicht aufgehoben, so doch bedeutend vermindert. Nur an den Eingängen hielten die Garde-Zuaven den trotz der späten Stunde noch immer großen Andrang des neugierigen schaulustigen Publikums ab.

Die Nacht war hell und frisch. Ein leichter Frost hatte den Boden fest gemacht und war für die empfindlichen Pariser fühlbar genug, um selbst von den zum Eintritt oder Durchgang Berechtigten den Garten frei zu halten.

Kapitain Francois ging um das Bassin, das im Sommer der Sammelplatz der eleganten Kinderwelt ist, die hier ihre Miniaturfregatten und Schooner mit vollem Se[e]gelwerk nach allen Richtungen jubelnd schießen lassen.

An der berühmten Statue der schlafenden Aviaden westlich vom Bassin, blieb der junge Mann stehen und ahmte den Schrei des weißköpfigen Falken der Prairien nach. -

Sogleich kam hinter den Bäumen des südlichen Wäldchens eine mächtige Gestalt hervor und näherte sich dem Offizier. Der Mond leuchtete hell genug, um in den riesigen Formen trotz der Veränderung der Kleidung den Kanadier Felsenherz zu erkennen.

Auch war diese Kleidung nur so weit verändert, als es die europäischen Verhältnisse nothig machten und

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entsprach noch immer möglichst seinen Gewohnheiten. Die Stelle des Jagdhemds hatte allerdings eine jener rauhen bairischen Jagdjoppen, die bequem und zweckmäßig, weite Verbreitung gefunden haben, ersetzt und die Mütze von Biberfell eine civilisirtere Form angenommen, aber die hirschledernen Beinkleider und Gamaschen hatte der Waldgänger beibehalten, und da in Paris alle möglichen Trachten sich zusammenfinden und selbst die der französischen Provinzen so verschieden sind, erregte der Kanadier höchstens Aufsehen durch seine herkulischen Formen und seine Größe.

»Lassen Sie uns in den Schatten der Bäume des Wäldchens treten, Felsenherz,« sagte der junge Offizier, ihm voran gehend.

Der Kanadier zuckte die Achseln, »Goddam, wie können Sie das Zeug da Bäume nennen oder gar einen Wald, Kapitain! Sie, der Sie die Urwälder des Westens gesehn! Diese Franzosen, obschon es so halb und halb meine Landsleute sind, haben eine seltsame Lust, von jedem Ding die Namen zu verdrehn und aus dem Kalb einen Büffel zu machen.«

Der junge Mann war stehn geblieben.

»Haben Sie das Boot bereit?«

»Das versteht sich Sir - es liegt unten am Ufer, das Sie einen Quai nennen. Der Teufel hole alle die Namen.«

»Sie haben den Mantel und die Männerkleider?«

Der Riese wies statt der Antwort auf ein Paket, das er unter'm Arm trug.

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»Die Sennora hat unsern Plan gutgeheißen. In diesem Lande Freund Felsenherz, giebt es ein Ding, das Du in Deinen Wäldern und Prairien nicht kennst, die Polizei, und sie hat offne Augen, eine feine Nase und eine lange Hand. Es gilt also, sie zu täuschen.«

Der Kanadier lachte. »Wer den scharfen Augen der Pawnees und Sioux, jener Wölfe und Füchse der Prairien, so oft seine Fährte verborgen hat, wird diese Pariser wohl darüber täuschen können. Das Wasser hinterläßt keine Spur.«

Der Offizier wiegte bedenklich den Kopf. »Ich wiederhole Ihnen, Felsenherz, es ist etwas Anderes um die Civilisation und das Leben in der Wildniß. Aber Sie haben Recht, das Wasser ist der einzige Weg, der keine Spur hinterläßt und deshalb habe ich ihn gewählt. Sie und ich sind gute Ruderer und ehe der Morgen dämmert, werden wir Asnières erreicht haben und können in Colombes den ersten Bahnzug nach Hâvre benutzen. Um Mittag sind wir dort, unsere Sachen finden wir bereits in den Händen unsers Agenten. Er ist geschickt und zuverlässig, er hat seine Instructionen erhalten und wird alles Nöthige besorgt haben. Das Schiff nach Rio geht am Abend ab, und eh' man hier noch eine Spur der Entflohenen gefunden hat, sind wir auf offner See.«

»Diable - ich zerbreche mir den Kopf über den Weg nicht - das ist hier Ihre Sache, aber ich bin froh, daß ich aus diesem Haufen von Häusern fortkomme, die einem ehrlichen Burschen die Brust zusammen schnüren.«

»Jetzt Felsenherz merken Sie auf. Die Sennora hat

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mir gesagt, daß sie eine Freundin habe, deren Schutz ihr behilflich sein werde, die Aufmerksamkeit und die Ueberwachung zu täuschen, mit der sie der Spanier, ihr Verlobter, belästigt. Diese Augenblicke wird sie benutzen, um aus einem der Ausgänge nach dem Garten den Palast zu verlassen und die Terrasse zu erreichen. Sie erwarten sie auf dieser Stelle und nehmen sie von dem Augenblick an in Ihren Schutz. Ich werde die Sennora nicht aus den Augen verlieren und so bald ich kann, unter der Terrasse sein. Haben Sie mich verstanden?«

»Verlassen Sie sich auf mich Kapitain!«

Der Offizier reichte ihm die Hand und entfernte sich, wie er gekommen. Als er durch die Wachen und Diener am Eingang der großen Treppe sich drängte, bemerkte er nicht, daß einer der Letzteren in brauner Livree, mit einem alten verwitterten Gesicht, das seltsam gegen die glatten wohlgenährten Physiognomieen seiner Kameraden abstach, ihn mit spionirendem Blick betrachtete, und dann in der Richtung, aus der er gekommen, davon schlich.

Dagegen erwartete den jungen Mann ein unangenehmes Abenteuer, als er den linken Bogen der großen Treppe, die mit auf- und niedergehenden Personen belebt war, hinaufging.

Ein hastig neben ihm vorüber eilender Mann stieß, aus einer Seitenthür tretend, so unsanft gegen ihn an, daß er fast das Gleichgewicht verloren hätte und nur das Geländer ihn vor einem lächerlichen Fall rettete.

Dem Andern entfiel bei dem Zusammenstoß ein kleines Etui, das er in der Hand trug. Es sprang auf, und

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ein Ring, ein fast schwarzer, aber in merkwürdigem Feuer glänzender Diamant, von Rubinen umgeben, rollte auf die Stufen.

»Tölpel!«

Es war nicht der junge Mann, welcher das beleidigende Wort aussprach, sondern Jener, der ihn zur Seite gestoßen und nachdem er Ring und Etui aufgehoben, ärgerlich weiter eilen wollte.

Die Hand des Abenteurers faßte jedoch seinen Arm und zwang ihn, still zu stehen.

»Einen Augenblick, Monsieur, Sie werden sich entschuldigen!«

Der Andere drehte sich um - es war ein Offizier, von hohem Rang. Seine Miene war ärgerlich und hochmüthig, als er auf den in Civil Gekleideten herabsah.

»Was wollen Sie, warum wagen Sie es, mich aufzuhalten, sehen Sie nicht, daß ich Eile habe?«

»Sie werden diese Stelle nicht verlassen, bis Sie sich für den Ausdruck, den Sie gebraucht, während Sie selbst mich gestoßen, entschuldigt haben!«

Der Offizier lachte höhnisch. »Was bilden Sie sich ein? Oberst Canrobert, Adjutant des Kaisers, soll sich bei einem unbekannten unbedeutenden Menschen entschuldigen! Nehmen Sie die Lection und seien Sie zufrieden.« Er wollte fort, aber die Finger des Gegners hielten seinen Arm wie mit Eisenklammern umspannt.

»Soll ich die Lakaien rufen und Sie die Treppe hinunter werfen lassen?«

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»Genug der Anmaßung und der Beleidigungen, Herr. Ich bin Offizier wie Sie!«

Der Oberst war jetzt stehen geblieben, sein aufbrausender jähzorniger Charakter ließ ihn um so weniger nachgeben, als er fühlte, daß er Unrecht hatte.

»Ihr Name?«

»Kapitain Laforgne, Adjutant des General Garibaldi!«

»Pesth! ein schöner General aus eigner Fabrik!«

»Sie sind ein Nichtswürdiger, mein Herr, wenn Sie wagen, einen Abwesenden zu beschimpfen. Kein französischer Offizier, er stehe so hoch, wie er wolle, wird Genugthuung verweigern.«

Der Oberst zauderte einen Augenblick, dann sagte er finster mit gedämpfter Stimme, damit es die Nächstgehenden, die durch den Wortwechsel bereits aufmerksam gemacht worden, still zu stehen begannen, nicht hörten: »Sie sollen sie haben. Morgen früh 7 Uhr im Bois de Vincennes am Stern.«

Der jüngere Offizier verbeugte sich. »Ich erkenne Ihre Güte dankbar an Herr Oberst, aber ich muß Sie bitten, diese noch zu erhöhen. Unabweisbare Pflichten zwingen mich, Paris Morgen früh um 7 Uhr in entgegengesetzter Richtung zu verlassen. Ich stelle das Weitere Ihrer Ehre anheim.«

»Pardi, Sie haben es eilig, mein junger Hahn! Aber Ihr Wunsch soll erfüllt werden. Erwarten Sie mich eine halbe Stunde nach der Beendigung des Balls im

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Carré d'Atalante8 - es ist Mondschein, Sekundanten werden wir, um Aufsehen zu vermeiden, nicht nöthig haben.«

Der Oberst machte seinem Gegner eine höfliche Verbeugung, um den Verdacht der Horchenden zu zerstreuen, die von dem jungen Mann achtungsvoll erwidert wurde.

»Ich habe das Vergnügen, Sie bei der Tafel wieder zu sehen, Herr Kapitain!«

»Ich hoffe auf die Ehre!«

Der Adjutant des Kaisers ging eilig die Treppe hinauf, Kapitain Laforgne verweilte noch einige Augenblicke, wie als ob er auf Jemanden warte, dann folgte er langsam.

Wenn auch die Vorübergehenden aufmerksam geworden, und einen Theil des Streites gehört hatten, so war der letzte Theil desselben doch zu vorsichtig geführt worden, um genau von Fremden verstanden zu werden. Ueberdies hatte die Delikatesse jede zudringliche Annäherung zurück gehalten.

Als jedoch der junge Offizier die Treppe weiter hinauf schritt und zufällig den Blick nach der Galerie der Rotonde erhob, sah er ein fatales Gesicht und einen auf ihn gerichteten höhnischen Blick - er wußte, daß er beobachtet worden: es war der Graf Montijo, sein Rival. -

Das Spiel der Höchsten Herrschaften im Weißen Saal war beendet; der Oberceremonienmeister Feuillet des Conches kam, um dem Kaiser zu melden, daß die Tafel zum Souper bereit sei.

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Für die kaiserliche Familie und die vornehmsten Personen waren drei Tafeln im Theatersaal gedeckt, die Tafeln für die Gesellschaft waren in der Galerie der Diana.

Der ganze Hof und die Diplomatie war gespannt, wen der Kaiser zu seiner Tafel befehlen würde; unter den gegenwärtigen Umständen enthielten die Namen vielleicht die Zukunft Frankreichs, ein Bündniß oder eine Kriegserklärung. Nach der Etikette des Hofes mußte der Kaiser die Prinzessin Mathilde zur Tafel führen.

Die Sessel rückten, der Kaiser erhob sich vom Spieltisch - ringsum gespannte Gesichter.

»Ich bedauere, Madame,« sagte der Kaiser, mit einer Verbeugung zu der Marquesa Montijo, indem er Miene machte, seiner Cousine den Arm zu reichen, - »daß wir das Spiel unterbrechen müssen, während Sie im Glück sind, aber es ist spät, die Stunden verschwinden in Ihrer liebenswürdigen Gesellschaft.«

»O Sire, unmöglich - es kann kaum zwölf Uhr sein!«

Sie sah nach ihrer mit Brillanten besetzten Uhr, einem Weihnachtsgeschenk des Kaisers aus Compiegne. »Sehen Euer Majestät - es fehlen sogar noch zehn Minuten dazu.«

Der Kaiser lachte: »diesmal, schöne Dame, haben Sie Unrecht - Ihre Uhr steht!«

Sie hob die Uhr zu ihrem Gesicht: »Heilige Madonna, Euer Majestät haben Recht - sie steht - es ist das erste Mal, seit dem Weihnachtsfest.«

»Ueberzeugen Sie sich selbst!«

Der Kaiser hatte seine Uhr gezogen, ein Andenken

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seiner Mutter, und seines Aufenthalts in der Schweiz, auf das er viel hielt.

»Aber Sire - Sie täuschen sich - Ihre Uhr zeigt nicht mehr als die meine!«

»Unmöglich!«

Er sah nach dem Zifferblatt und fuhr unwillkürlich zusammen, dann hielt er die Uhr an sein Ohr.

»Das ist seltsam! Welche Stunde sagten Sie, Madame?«

»Zwölf Uhr weniger zehn Minuten!«

»Dann ist meine Uhr zu derselben Zeit stehen geblieben!«

Es trat eine kurze Pause ein. - Niemand, außer dem Kaiser schien die Bedeutung dieses Zufalls zu ahnen. Ein flüchtiger Blick des römischen Prälaten streifte die Gräfin von Teba, die aber so erstaunt war, als die Andern.

Das Auge des Kaisers suchte den Grafen Persigny, das unbedeutende Ereigniß schien einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht zu haben.9

»Madame,« sagte er plötzlich - »unsere Stunde scheint gekommen. Ich bitte Ihro Excellenz, meinen Arm und den Platz anzunehmen, der Ihnen zukommt.«

Eine dunkle Röthe überflog das schöne blasse Gesicht der Marquesa. - Die Bedeutung der, mit besonderer Betonung und so laut gesprochenen, Worte war nicht zu verkennen. Die Prinzessin Mathilde war zurückgetreten, sie hielt den Fächer vor das Gesicht, um ihre Aufregung zu

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verbergen - das Antlitz der Gräfin von Teba glühte von Stolz und Freude.

Es wäre eine interessante Aufgabe gewesen, in diesem Augenblick die Physiognomien all' der Personen zu beobachten, welche den Kreis umher bildeten. Der Prinz Napoleon konnte seine üble Laune so wenig unterdrücken, daß er sich brüsk abwandte und eine Bemerkung zu dem Grafen Morny machte, der neben ihm stand. Die Hofleute und die Diplomaten tauschten bezeichnende Blicke.

Die Pause dauerte indeß kürzere Zeit, als wir zu unserer Beschreibung gebraucht. Das Auge des Kaisers ging langsam im Kreise umher, er bezeichnete dem Ober-Ceremonienmeister die Damen, welche er zu seiner Tafel befahl.

Es waren, außer der Prinzessin Mathilde, nur die Marquesa Montijo und ihre Mutter, Lady Cowley, die Comtesse Walewska, die Marschallin St. Arnaud, die Gräfin Hatzfeld, Madame Rogier und die Baronin Hübner. Die absichtliche Uebergehung des russischen Gesandten war augenfällig.

Da der Kaiser sich nicht selbst setzte, sondern an seiner Tafel nur die Damen Platz nehmen ließ, mußte dieselbe Etikette auch an den beiden anderen im Saal beobachtet werden. Die Herren, deren Rang sie zur Anwesenheit in diesem Saal berechtigte, erhielten dadurch Gelegenheit zu freierer Bewegung.

Indem Herr von Kisseleff an einem jungen Mann mit slavischer Physiognomie vorüber streifte, berührte er leicht seinen Arm.

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»Sie befehlen?«

»Suchen Sie eine Gelegenheit, sich sogleich vom Ball zu entfernen und halten Sie einen Courier bereit mit unsern Pferden bis Meaux. Er muß von dort mit dem Frühzug nach Petersburg gehen. Fürst Kourakin wird in einer Stunde im Hôtel sein, um die Depesche zu revidiren. Berichten Sie einstweilen an Graf Nesselrode, was Sie gesehen, und daß das Bündniß mit England geschlossen und der Krieg sicher ist.«

Der dritte Gesandtschafts-Secretair, Fürst Dondukoff Korsakoff, verschwand.

Der diensthabende Adjutant, Oberst Canrobert, war zu der Gruppe der Minister getreten. »Se. Majestät haben auf morgen, um 11 Uhr, Ministerrath befohlen!« Er wandte sich zu dem Kriegsminister: »Herr Marschall, der Kaiser wird sich gegen 2 Uhr entfernen. Er wünscht Sie in seinem Kabinet zu sprechen, ehe Sie den Ball verlassen.«

»Es ist gut, ich werde kommen!« Die Antwort war barsch und hochmüthig; Saint Arnaud konnte die Canroberts nicht leiden und das Gerücht, daß der ältere ihn im Ministerium ersetzen sollte, war bereits ziemlich laut.

Der Oberst bezwang mit Mühe seinen Zorn über den Ton der Antwort. Seine Stimmung war bereits durch den Vorfall mit dem jungen Offizier auf's Höchste gereizt. Der Graf Montboisier nahm seinen Arm.

»Ich gratulire Oberst«

»Zu was?«

»Caramba! zur Beförderung bei der Vermählung!«

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»Was meinen Sie damit?«

»Ei mein Lieber, man müßte blind und taub sein, um jetzt noch daran zu zweifeln; die Schönheit hat den Sieg davon getragen. Sehen Sie dahin - er reicht ihr Etwas, das sie an den Finger steckt.«

»Sacre! es ist der Ring!«

»Was für ein Ring, Oberst?«

»Ich mußte ihn vorhin aus dem Kabinet des Kaisers holen - ein seltener Diamant, so dunkel, wie ich noch keinen gesehen. Der Kaiser hat ihn vor Kurzem erst von einem Londoner Juwelier gekauft, der gleich darnach auf der Versailler Bahn verunglückte.«

»Ich erinnere mich, der Mann hatte sehr schöne Diamanten. Man sagte, daß sie aus Italien nach London gebracht waren. Auch des schwarzen Diamanten entsinne ich mich, sein Farbenspiel hat etwas Unheimliches.«

»Sie haben Recht« - sagte gedankenvoll der Oberst - »es erregte mir ein unangenehmes Gefühl, als ich ihn vorhin in der Hand hielt und zufällig probirte. Der Kaiser hat ihn der Seltenheit wegen gekauft!« -


Der Kaiser stand hinter dem Stuhl der Marquesa und leitete selbst von hier aus die Bedienung der Damen, indem er sich sehr vertraulich mit der schönen Spanierin unterhielt, deren künftige Stellung nach dem Vorgefallenen nicht mehr zweifelhaft sein konnte, und der daher von allen Seiten die größte Aufmerksamkeit erwiesen wurde.

»Geben Sie mir Ihre Uhr, Madame,« sagte der Kaiser beim Dessert, »ich will sie zum Andenken an diese Stunde bewahren!«

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»Das wäre ein Verlust Sire, Sie wissen, daß ich dieselbe in Compiegne bei der von Euer Majestät so geschickt veranstalteten Weihnachtslotterie gewann.«

»Um so mehr habe ich ein Recht darauf, nach dem gewonnenen größeren Spiel. Aber ich will Sie nicht berauben, sondern schlage bloß einen Tausch vor.«

»Ich bedarf allerdings eines Unterpfandes für das große Loos, das Euer Majestät mich ziehen ließen.«

»So erlauben Sie mir, Ihnen diesen Ring dafür anzubieten. Man behauptet, daß der seltene Stein einen Einfluß auf das Glück des Trägers übt, je nachdem er ihn zu bewahren versteht. Meine Sorge soll es sein, das Ihre zu sichern!«

»Sire!«

»Wenn Sie mir ein besseres Recht dazu geben wollen, als der Regent Frankreichs besitzt, so nehmen Sie den Ring.«

Die Worte, so leise sie gesprochen, waren doch so klar, daß ihre Bedeutung nicht mißzuverstehen war. Die Marquesa nahm den Ring von dem goldenen Desertteller, auf dem, um ein Bonbon gezogen, zwischen Confitüren der Kaiser ihr ihn reichte.

Es war der Augenblick, in welchem der Kammerherr und Oberst Canrobert beobachteten, daß die Dame den Ring auf ihren Finger gleiten ließ.

»Sire, ich danke Ihnen für dies neue Geschenk und werde es als einen Talisman tragen. Wir Spanierinnen sind ein wenig abergläubisch.«

Der Kaiser machte den Damen eine Verbeugung, zum Zeichen, daß die Tafel aufgehoben sei und reichte der

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Marquesa den Arm. »Von diesem Augenblick an ist Eugenia Montijo nicht mehr Spanierin, sondern Französin. Ich habe bereits Befehl gegeben, das Elysée für Sie einzurichten. Die Braut des Kaisers von Frankreich muß eine ihrer Verdienste würdigere Wohnung haben, als das Hôtel am Place Vendôme, bis die Tuilerien zu Ihrem Empfang bereit sind.«

Er führte sie zurück nach dem Thronsaal; die Ballmusik hatte auf seinen Befehl bereits wieder begonnen.

Es ist bekannt, daß seit jenem Fest die schöne Kaiserin der Franzosen einen Diamantring am Finger trägt, den sie nie ablegt. -

Obschon eine Gratulation noch nicht statthaben durfte, da der Kaiser eben noch keine offizielle Erklärung von seinen Absichten abgegeben, war doch Niemand mehr in Zweifel, daß Louis Napoléon einen entscheidenden Entschluß in Betreff seiner Verbindung gefaßt hatte, und Alles wetteiferte, die aufgehende Sonne zu umdrängen und ihr Schmeicheleien zu sagen.

So dauerte es lange, ehe die junge Argentinerin in die Nähe ihrer künftigen Verwandten gelangte. Die Hand der Spanierin erfaßte die ihre und zog sie zu sich, sie strich dem fast nicht minder schönen Mädchen die Locken aus dem vom Tanz erglühten Gesicht.

»Ich sollte Dir einen Dienst erweisen, Carmen - was ist es Kind? Du weißt, wie gern ich Dir beistehe!«

»So befreien Sie mich von dieser Heirath! Don Alvaro hat mir eben gesagt, daß Ihre Mutter den Kaiser

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bitten werde, unsere Vermählung am Tage der seinen feiern zu dürfen!«

»Armes Kind! Alles was Du willst - aber die Frau Gräfin von Teba, das ist das Einzige, womit Du mich verschonen mußt. Hilf Dir selbst, so gut Du kannst!«

Die Kaiserbraut kannte zu gut die Inclination ihrer Mutter.

»Ich begehre nichts mehr, als das; aber ich bedarf Ihrer Güte Marquesa!«

»Wenn es gilt, dem anmaßenden finstern Gesellen, meinem Vetter, oder dem habsüchtigen Menschen, Deinem Vormund und Bruder einen Streich zu spielen, mit Vergnügen!«

»Wann werden Sie den Ball verlassen?«

»In einer Viertelstunde, Kind - so bald der Kaiser aufbricht!«

»Dann - ich flehe Sie an, eine verlassene Waise, die Sie immer geliebt hat und lieben wird, behalten Sie dabei Don Alvaro in Ihrer Nähe und verhindern Sie ihn, mich zu begleiten.«

Die schöne Kaiserbraut sah ihr ernst in die großen Äugen. »Was willst Du thun, Carmen?«

»Für mein Glück sorgen, da ich weder Vater noch Mutter habe, die es thun. Wollen Sie meine Bitte erfüllen, Sie, deren Loos so groß und glänzend sein wird, daß Sie der Liebe eines unbedeutenden Mädchens nicht mehr bedürfen werden?«

Ein Seufzer schwellte die Brust der schönen Spanierin, ihre dunklen Augen ruhten mit schwermüthigem Ausdruck

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auf der Jungfrau. »Wer weiß, wie sehr ich der Liebe bedürfen werde! - Aber Du hast Recht Kind, cado uno es artifice de su fortuna! - Ich werde thun, was Du willst und wenigstens ein dankbares Herz am heutigen Abend mir sichern. Die heilige Jungfrau beschütze Dich!«

Sie küßte sie auf die Stirn, denn im Marschallssaal rauschte das Entrée der Quadrille, und der Kaiser nahte sich ihr. -

Mit finsterm stechenden Auge beobachtete Don Alvaro das jugendliche Paar, das in den glänzenden Reihen sich bewegte und nur mit dem Vergnügen des Tanzes beschäftigt schien. Aber das Auge der Eifersucht ist scharf und es entging ihm nicht, daß sie häufig ernste Worte unter dem Anschein der leichten Conversation wechselten, denn der junge Kapitain vermochte nicht immer den Ausdruck seines Gesichts zu beherrschen.

»Pesimamente! - Aber Oberst Canrobert führt eine gute Klinge und ich müßte schlecht gesehen haben, wenn wir morgen nicht Etwas von diesem naseweisen Bettler hören sollten! Bis dahin werde ich sie nicht aus den Augen lassen. Der Schurke, der mir die Nachricht gab, wird hoffentlich auf seinem Posten sein!« -

»Traversez!«

Er hatte leicht ihre kleine Hand berührt - g[l]eich einem electrischen Funken hatte es alle seine Nerven durchbebt.

Wie ein kaltes schneidendes Eisen fiel der Gedanke in seine Seele, daß er nicht Herr der nächsten Stunde war, daß ein unglücklicher Ausgang auch das ihm als ihrer letzten Hilfe vertrauende Mädchen verderben konnte.

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Aber Gott wacht ja über die jungen und rechtschaffenen Herzen!

»Merken Sie auf Sennor, der Kaiser wird gleich nach der Quadrille sich entfernen! Sorgen Sie, daß mein Wagen am Pavillon de Flore hält. Ich entschlüpfe im Gedränge, oder indem ich die Thür der andern Seite öffne.«

»Sie setzen sich der Gefahr aus unter die Pferde zu gerathen, Sennora!«

»Unbesorgt! - als ob ich nicht damit vertraut wäre. Bei welcher der Statuen erwartet mich der Amerikaner?«

»Am Eingang der Terrasse, an der Statue der Ariadne. Ich werde in wenig Minuten bei Ihnen sein, um Felsenherz meine Instructionen zu geben!«

»Warum das? Sie begleiten mich ja, wie wir vorhin bestimmt!«

Der junge Mann ballte zornig auf sich selbst die Hand. »Sennora - ein unglücklicher Zufall könnte meine Ankunft verzögern - ja mich verhindern, Sie zu begleiten. Aber fürchten Sie Nichts, Felsenherz ist treu wie das Eisen seiner Büchse. Er wird Sie beschützen - bis ich komme. Was auch geschehen möge - weichen Sie nicht von jener Stelle, bis Sie von mir gehört haben und sein Sie überzeugt, daß mein Blut und Leben Ihnen gehört!«

»Ich danke Ihnen Sennor - aber erinnern Sie sich, daß Don Alvaro nur für kurze Zeit beseitigt werden kann und daß unsere Sicherheit von der Benutzung des Augenblicks abhängt.«

»Ich weiß es!«

Die letzte Tour der Quadrille unterbrach das Gespräch.

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Ein rascher Druck der Hand, als er sie zu ihrem Sessel zurück führte, hieß ihn aufmerksam sein.

Der Kaiser brach so eben auf und beurlaubte sich bei den Damen. Da seine Bewerbung und Verlobung noch nicht officiell ausgesprochen war, befahl er dem Großceremonienmeister Bacchiochi, die Marquesa Montijo zu ihrem Wagen zu begleiten.

In diesem Moment traf der bittende Blick der jungen Argentinerin das suchende Auge der Kaiserbraut, um die sich die Verabschiedenden drängten.

»Vetter Alvaro!«

Der Conde hatte sich gleichfalls seinen Verwandten genähert, um sich zu empfehlen, denn mit der Entfernung: des Kaisers brachen auch die Mitglieder der kaiserlichen Familie, die Minister und das diplomatische Corps auf.

»Schöne Cousine, lassen Sie Ihren Diener Ihnen Lebewohl sagen mit seiner Gratulation zu dem, was er bemerkt.«

»Nicht doch Sennor. Wenn Sie so gute Augen gehabt werden Sie begreifen, daß Sie als der einzige männliche Verwandte uns zu begleiten haben.«

»Ich stehe zu Ihrem Befehl - indeß ...[«]

»Ihren Arm, Cousin!«

Der Conde bot der Marquesa seinen Arm - sein Auge flog finster und suchend umher.

»Sie scheinen zerstreut Cousin - das ist nicht hübsch Graf!«

»Verzeihung Madame - aber meine Braut - Carmen -«

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»Ihr Bruder wird für sie sorgen. Ich bedaure, daß ich Sie ihrer angenehmen Gesellschaft entziehen muß, aber ich habe mit Ihnen zu reden!«

Es war unmöglich, daß er sich dieser Pflicht und ihrem Befehl entziehen konnte - das Ceremoniell fesselte ihn an ihre Seite im Foyer der Escalier d'Honneur, während die Equipagen vorfuhren, und noch aus dem Schlag des Wagens sprach die Marquesa unbefangen mit ihm und lud ihn ein, sie am andern Morgen zu besuchen, da sie Wichtiges mit ihm zu bereden habe.

Mehr als eine Viertelstunde war verstrichen, ehe er frei wurde; er flog die Treppe hinauf in die Säle zurück, die sich immer mehr zu entleeren begannen, obschon der Ball noch fortdauerte.

Er eilte durch die weiten Räume, sein glühendes Auge durchforschte jede Gruppe - seine Verlobte war nirgends mehr zu sehen - aber auch der verhaßte Rival war nicht dort.

Endlich stieß er auf den jungen Marquis, der in eifriger Unterhaltung mit dem Rector Corpasini begriffen war.

»Ihre Schwester, Sennor Don Massaignac![?]«[?]

»Carmen? - ei ich denke, das ist Ihre Sache! Man ist ja gewöhnt, daß Sie ihren Wächter spielen, so daß kaum der Vormund und Bruder noch etwas über das Mädchen zu sagen hat!«

Der Graf Alvaro unterdrückte eine heftige Erwiderung auf die rauhen Worte, aber ein giftiger finsterer Blick traf den künftigen Schwager, der denselben trotzig erwiderte.

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»Aber sie ist nicht mehr hier!«

»Dann wird sie nach Hause gefahren sein! Die Verschwenderin besteht darauf, ihre eigne Equipage zu haben. Ich erinnere mich, sie sagte mir im Vorübergehen, daß sie fort wolle, aber mein Dienst als Saint Arnaud's Adjutant hält mich noch zurück. - Doch ich muß sehen, wo der General steckt!« - Er wandte sich zu dem Prälaten und reichte ihm die Hand. »Leben Sie wohl, hochwürdiger Herr, es bleibt bei unserer Abrede. Sie werden den geeigneten Ort finden!«

»In Italien Signor, ich bürge Ihnen dafür. Die heilige Kirche hat dort noch Macht genug, die Seelen zur Erkenntniß ihres wahren Wohls zu führen!«

»Das Andere ist meine Sorge!«

Er wollte fort - der Spanier war einige Schritte weiter gegangen, unter den letzten Gruppen spähend - als der neue Kammerherr Graf Montboisier hastig von der Seite der Kapelle herkam.

Sein Gesicht war blaß, er war offenbar die Beute einer großen Aufregung.

Selbst Don Alvaro, halb beruhigt durch die Nachricht des Bruders, wurde aufmerksam.

»Monsieur de Massaignac, Sie müssen sich auf der Stelle zum Marschall begeben. Er bedarf Ihrer!«

»Wo find' ich ihn?«

»Im Foyer des Pavillon d'Horloge.« - Er führte ihn einen Schritt zur Seite und fuhr leise fort: »Was Sie auch sehen oder bemerken mögen, kein Wort! - Dieser Herr ist ein Priester?«

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»Der Rector Corpasini!«

»Beeilen Sie sich, Herr Marquis!« - Er trat zu dem Prälaten. »Ein Wort mein Herr! Befehl des Kaisers! - Ich bitte Sie, mir ohne Aufsehen zu folgen, um eine dringende Pflicht Ihres heiligen Amtes zu üben!«

Der Jesuit verbeugte sich. »Gehen Sie voran Signor, ich bin immer bereit im Dienste Gottes und der Heiligen.«

Er folgte dem Kammerherrn, der ihn nach der großen Treppe führte. Der Graf Montijo, trotz seiner eifersüchtigen Besorgniß um die Verlobte, war zu sehr Höfling, um nicht aufmerksam und neugierig zu werden und ging hinter ihnen drein, aber am Eingang der Galerie stand ein Offizier, der ihn zurückwies und bedeutete, daß die Ehrentreppe vom Publikum nicht mehr zu passiren sei und der Ausgang der Gäste durch den Pavillon de Flore stattfände. -


Wir haben in unserer Darstellung um eine halbe Stunde zurückzukehren und führen den Leser in das Kabinet des Kaisers, wenige Augenblicke, nachdem er sich von dem Feste zurückgezogen hatte.

Der Kaiser befand sich unter den Händen seines alten Kammerdieners; am Eingang des mit grünen Seidentapeten bekleideten, auf die Blumen-Terrasse zwischen dem Pavillon d'Horloge und dem Pavillon Marsac hinausgehenden Gemachs, in dem mehrere Tische mit Karten, Büchern und militärischen Modellen bedeckt waren, stand der Kriegsminister Marschall Saint Arnaud.

»Nehmen Sie einen Sessel, Herr Marschall, ich bin sogleich bereit und habe mit Ihnen zu sprechen.«

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Der Marschall nahm mit einer schweigenden Verbeugung einen Stuhl. Der Kaiser hatte sich mit dem Kammerdiener seit einigen Minuten in sein Ankleidezimmer entfernt und kam jetzt, der großen Uniform entledigt, allein zurück.

Nach seiner Gewohnheit setzte er sich an den Kamin.

»Ich wollte Sie sprechen vor dem morgenden Minister-Rath, Herr Marschall,« sagte der Kaiser - »ich bedarf einiger Notizen. In welcher Zeit glauben Sie, die neuen Regimenter herstellen zu können?«

»In zwei Monaten, Sire, werden sie marschfertig sein.« -

»Fordern Sie sogleich von Brest und Toulon Bericht über den Zustand der Belagerungsparks und der Munitionsvorräthe. Die Arbeiterzahl in den Arsenalen muß verdoppelt - ja verdreifacht werden; - besprechen Sie sich mit Ducos, ich will, daß wenn die Allianz mit England zu Stande kommt, Frankreich zur See, wie zu Lande den ersten Rang einnimmt.«

»Aber Sire - so viel ich weiß ...[«]

»Der Krieg ist unvermeidlich, ich kenne den Starrsinn des Kaiser Nicolaus und die Gefahr eines griechischen Kaiserthums ist drohend. Frankreichs Zukunft ist das mittelländische Meer und es würde sie für Menschenalter, vielleicht für immer aufgeben, wenn das Czaarenreich an die Stelle des entnervten Halbmonds tritt. Sebastopol ist für uns das russische Malta. Wird dieser Posten, der Frankreich und England so gut wie die Türkei bedroht, bis an die Dardanellen vorgeschoben, so gewinnt Rußland

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eine Stellung, die nicht mehr zu brechen ist. Lassen Sie vorläufig ganz in der Stille die Divisionen Canrobert, Bosquet und Forey auf die Kriegsstärke bringen. Ich rechne besonders auf die afrikanischen Truppen.«

»Sire, dann erlauben Sie mir die Bemerkung, daß Sie einen ihrer besten Führer entfernt haben und daß dies vielen Anlaß zur Unzufriedenheit gegeben hat!«

»Wen meinen Sie?«

»General Mac Mahon!«

»Ei, wenn er Pulver riecht, wird er schon wieder kommen und die orleanistische Opposition vergessen. Ich verlange unbedingten Gehorsam, merken Sie wohl, unbedingten Gehorsam! Pelissier ist auch Republikaner, aber ich zähle auf doch ihn. Treffen Sie unterdeß Ihre Anstalten im Stillen, so gut wie ...

»Sire?«

»So gut wie für den 2. December! - Das erinnert mich an etwas Anderes, über das ich mit Ihnen zu reden habe, Leroy!«

Es war das erste Mal, daß Louis Napoléon ihn seit der Kaiserwahl mit dem alten vertraulichen Namen anredete. Der Marschall spitzte die Ohren und wappnete sich.

»Sie erinnern sich, daß ich Ihnen damals eine schriftliche Vollmacht gab - im Elysée, am Abend des 1. December. Sie haben noch immer vergessen, sie mir zurück zu geben!«

»O Sire, Sie vergessen ...[«]

»Ich weiß wohl, daß Sie mir gesagt haben, Sie

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hätten das Papier verbrannt, nachdem die Sache beendet war, aber das ist ein schlechter Scherz!«

»Ich versichere Euer Majestät ...«

»Versichern Sie Nichts, lieber Leroy, denn ich werde es Ihnen nicht glauben. Ich halte Sie für keinen Narren; denn nur ein solcher oder ein Mann, dem jeder Egoismus fremd, würde ein solches Dokument verbrannt haben. Sie sind aber weder ein Einfältiger, noch ein Phantast.«

»Sire Sie thun mir Unrecht - ich besitze das Dokument nicht!«

»Das weiß ich sehr wohl - dazu sind Sie zu klug. Kurz und gut - was verlangen Sie für dessen Auslieferung?«

»Sire - ich erkenne in diesem Mißtrauen blos den Einfluß meiner Feinde. Die Ordre ist vernichtet!«

»Noch einmal - wollen Sie es mir verkaufen?«

»Eure Majestät beleidigen mich! Das Papier ...[«]

»Das Papier ist in England, in den Händen des Juden Lemandoff, Herr Marschall. Ich weiß sehr wohl, wer es am 4. Dezember nach London gebracht hat. Sie sehen, daß ich gut unterrichtet bin!«

Der Marschall hatte sich erhoben. »Ich wiederhole Sire,« sagte er rauh, »daß ich blos meine Feinde in Ihren Worten erkenne. Die Zeitungen scheinen nicht ohne Grund bereits einen Nachfolger für mich in Bereitschaft zu haben. Ich bin ein zu alter Soldat Sire, und habe eine zu schlechte Erziehung, um treue Dienste mit den Flittern der Parkets zu übergolden und den Höfling zu spielen. Haben Euer Majestät noch weitere Befehle für mich?«

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Der Kaiser hatte ihm den Rücken zugedreht, absichtlich, um ihn den Aerger nicht sehen zu lassen, der trotz aller Selbstbeherrschung über das Mißlingen auf seinem Gesicht sich spiegelte. Er begriff, daß er nicht weiter in den Marschall dringen konnte, obschon er sehr wohl wußte, daß dieser ihn belog. Endlich war er vollkommen Herr seiner selbst und wandte sich zu dem Minister.

»Sie sind ein Thor und sehen Gespenster. Ich weiß Ihre Treue und Ergebenheit zu schätzen, andernfalls hätte ich sicher den Leichtsinn nicht negligiren können, mit dem Sie sich und den Staat compromittiren.«

Der Marschall wollte eine hochmüthige und trotzige Entgegnung machen, aber der strenge Blick des Kaisers, der ihm gegenüber jetzt allein die Haltung des Herrschers zeigte, und ein gewisses Schuldbewußtsein unterdrückten die Worte auf seinen Lippen.

»Ich verstehe Euer Majestät nicht!«

Der Kaiser nahm einige Papiere. »Hier sind drei Berichte aus der Koulisse. Sie haben trotz meiner Warnungen auf's Neue sich in ein schmachvolles Börsenspiel eingelassen. Die Summen, die Sie bereits am letzten Abrechnungstage zahlen sollten, sind ungeheuer und übersteigen weit Ihre Mittel und Kräfte. Ein Banquerott, ein öffentlicher Scandal ist vor der Thür, denn der bevorstehende Verfalltermin vermehrt Ihre Verluste noch - ich bin genau von Allem unterrichtet und weiß, daß die Andeutungen der Oppositionsjournale vollkommen richtig sind.«

»Der Teufel hole diese Zeitungsschmierer« murrte der Marschall, der ziemlich wie ein ertappter Schuljunge aussah.

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»Um der Ehre der Regierung willen darf es nicht zu einem Eclat kommen. Frankreich hat solcher Scandale genug aus der Zeit Louis Philipps und ich bin entschlossen, den Herrn von der Börsenagiotage nicht die Ehre des Landes preis zu geben. Was ich Ihnen vorhin vorschlug, war ein Weg, sich Ihrer Verbindlichkeiten zu entledigen.«

»Sie fordern das Unmögliche dafür, Sire, es ist also leicht den Großmüthigen zu spielen.«

Der Kaiser trat einen Schritt auf ihn zu. »Sie behaupten also noch immer, daß jene Ordre, die Sie mir abgepreßt, nicht mehr existirt?«

»Gewiß!«

»Sie geben Ihr Ehrenwort darauf?«

»Wie - was meinen Euer Majestät?«

»Ihr Ehrenwort, Herr Marschall, daß jenes Papier vernichtet ist!«

Der alte Raufbold blickte ihn mürrisch von der Seite an, wie ein Bulldog, der am Liebsten seinem Herrn an den Hals springen möchte. »Meinetwegen - ich gebe mein Ehrenwort!«

Ein finstres dämonisches Lächeln flog über die starren Züge des Napoleoniden. Dann trat er zurück. »Damit Sie sehen, daß ich alte Freunde und treue Dienste nicht vergesse, nehmen Sie, was Ihnen auf jeden Fall in Voraus bestimmt war!«

»Was meinen Euer Majestät?«

Dort links auf dem Tisch, unter dem Briefbeschwerer von Malachit, liegen 200,000 Francs in Banknoten. Bezahlen Sie damit Ihre Schulden.«

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Der Marschall war, nicht ohne eine gewisse Verlegenheit zu zeigen, an den Tisch getreten und hob den Löwen von Malachit auf.

»Wir haben noch zwei Monat bis zum ersten April, Sire!«

»Was soll das heißen?«

»Ei, Morbleu, das soll heißen, daß Sie sich oder mich täuschen - hier liegt ein leeres Papier, aber keine zweimalhunderttausend Franken!«

»Das ist unmöglich - ich habe die Banknoten selbst dahin gelegt, zehn Minuten vorher, ehe ich auf den Ball ging.«

»Ueberzeugen Sie sich, Sire!« Er hielt dem Kaiser, der sich hastig genähert, das Papier entgegen.

»In der That - das ist der Umschlag, den ich benutzte. Ich weiß es zu bestimmt!« Er hob die umherliegenden Papiere und Bücher in die Höhe. »Auf diese Stelle hier legte ich das Geld - dann muß es gestohlen sein! Schellen Sie, Marschall, geschwind!«

Der Minister ließ die Klingel ertönen, der alte Kammerdiener kam eilig aus dem Garderobezimmer.

»Thelin,« sagte der Kaiser streng - »Du hast gesehen, daß ich in dieses Papier Banknoten that, ehe, ich zum Ball ging. Ich legte sie unter diesen Malachit!«

»Gewiß, Sire - sie müssen ja dort liegen!«

»Das Geld ist fort!«

»Fort? Um Gotteswillen, Sire - das ist unmöglich! Sie werden doch von André nicht glauben«...

»Ich habe Dir Millionen vertraut, Alter - ich kenne

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Deine Treue! Aber die Thatsache steht fest - das Geld ist gestohlen!«

»Heilige Mutter Gottes - das ist mein Tod. Sire!«

»Wer hat mein Zimmer diesen Abend betreten?«

»Ich allein, Sire, ich habe etwas aufgeräumt, ich erinnere mich deutlich, daß ich das Päckchen dabei noch unter dem Stein liegen sah! Sie wissen, Sire, daß die Thüren verschlossen sind.«

»Wenn Niemand weiter als Du allein hier war - erinnere Dich, André, wer hat das Zimmer betreten?«

»Niemand, Sire - außer« ... der alte Mann zögerte, indem er am ganzen Leibe zitterte.

»Wer - rede!«

»Oberst Canrobert, Sire, - ich mußte ihm öffnen, er sagte, daß er Ihren Befehl habe, Etwas zu holen.«

»Das Etui lag unter den Papieren neben dem Malachit,« sagte der Kaiser halblaut.

»Ich schwöre Ihnen bei meiner Seligkeit Sire, Niemand ist hier gewesen, als Sie und ich, Oberst Canrobert - er war einige Zeit in dem Zimmer allein, weil ich eben abgerufen wurde, und ...«

»Und ich!« unterbrach ihn der Marschall brüsk. »Es ist klar, daß unter uns Vieren Einer das Geld gestohlen haben muß. Da Sie Sire, der Eigenthümer sind, hatte es keinen Zweck, Thelin ist eine zu ehrliche Haut, es bleiben also wir Beide. Da ich es nicht habe, muß es Canrobert genommen haben!«

»Wie Marschall - ein solcher Verdacht!«

»Ei morbleu - zweimalhunderttausend Franken sind

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zweimalhunderttausend Franken, Canrobert ist ein Spieler und ist so gut in Geldverlegenheit wie ich!«

»Es ist unmöglich!«

»Untersuchen Sie meine Taschen, Sire, ich stelle sie Ihnen zur Verfügung. Wenn Sie das nicht wollen, so halten Sie sich an Canrobert, ich wüßte nicht, warum ein Verläumder nicht auch ein Dieb sein sollte!«

Der Kaiser ging finster auf und ab. »Gehen Sie, Herr Marschall, ich werde die Sache morgen weiter untersuchen! - Rufe den Obersten, André, wenn er noch im Vorzimmer ist.«

»Gute Nacht Sire -« sagte der Minister. »Ich sehe, daß ich auch hierbei wieder am Schlimmsten wegkomme, aber ich hoffe, Sie werden diesmal nicht auf süße Redensarten hören, sondern mir mein Recht widerfahren lassen!«

Er maß den eintretenden Adjutanten mit einem finstern höhnischen Blick und verließ das Gemach. Sein Benehmen war so auffallend, daß dem hitzigen Offizier das Blut in den Kopf stieg und er alle Kraft nöthig hatte, sich zu überwinden.

»Treten Sie näher, Oberst!«

Der Adjutant gehorchte.

»Als ich Sie nach dem Ring schickte, haben Sie hier auf dem Tisch, dicht daneben, unter diesem Malachit ein Päckchen bemerkt?«

»Ich kümmere mich nur um das, was meine Sache ist, Sire!«

»Ich frage, ob Sie das Packet vielleicht bemerkt?«

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»Daß unter dem Stein Etwas lag, erinnere ich mich, aber es ging mich Nichts an.«

»Es waren 200.000 Franken in Banknoten - sie sind auf unerklärliche Weise verschwunden, - gestohlen!«

»Sire ...«

»Außer mir und Thelin hat Niemand das Zimmer betreten, als Sie und der Marschall -«

»Dann muß Saint Arnaud um das Geld wissen!«

»Dasselbe behauptet er von Ihnen. Er sagt, daß ich und André und er die Banknoten nicht gestohlen hätten - so müßten Sie ...«

»Sire - der Halunke wagt es ...[«]

Der Kaiser zuckte die Achseln. »Machen Sie das mit ihm selbst aus!«

»Bei Gott! das will ich!« Die Adern seiner Stirn waren zum Springen geschwollen, sein Gesicht glühte dunkel; ohne auf den Kaiser zu achten, jede Etikette bei Seite setzend, stürzte er wie ein Wahnsinniger aus dem Gemach.

Der Kaiser trat zu dem Kamin - gleich darauf hörte man in einiger Entfernung einen schweren Fall und den Ruf um Hilfe. Der alte Kammerdiener stürzte händeringend in das Gemach. »Sire, ein entsetzliches Unglück!«

»Was ist geschehn? was bedeutet der Lärmen?«

Es war Folgendes geschehen.

Zwischen dem Kabinet des Kaisers und der Antichambre der diensthabenden Offiziere und Kammerherren befinden sich zwei große Gemächer, als Wohnzimmer oder zum Empfange dienend. Der Marschall St. Arnaud hatte bereits das nächste durchschritten und verweilte einen Augenblick

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im zweiten, wo er mit Thelin, der hier wartete, nachdem er den Obersten gerufen, einige Worte sprach, als dieser mit flammenden Augen, die Zeichen wüthender Erlegung in jedem Zug, hereinstürzte, den bloßen Degen in der Faust.

»Schurke! lügnerischer Schurke!«

Ehe der Marschall noch eine Bewegung zu seiner Vertheidigung machen konnte, fühlte er die Klinge des Gegners seinen Leib durchbohren - Thelin eilte mit erhobenen Armen, einen Hilferuf ausstoßend herbei.

Aber noch ehe er sie erreicht, hatte der Marschall mit der Entschlossenheit und Gewandtheit des alten Soldaten und Haudegens - es ist bekannt, daß St. Arnaud früher Fechtmeister war - seinen Säbel aus der Scheide gerissen, und mit dem Ruf: »Nimm das, Meuchelmörder!« führte er einen furchtbaren Hieb auf seinen Gegner.

Der unglückliche, von seiner Heftigkeit und seinen politischen Antipathieen zu der That fortgerissene Mann ließ den blutigen Degen fallen und stürzte rückwärts zu Boden.

Das war der dumpfe Schlag, den der Kaiser gehört hatte zugleich mit dem zweiten lauten Schrei, den der alte Kammerdiener ausgestoßen.

Der Hieb des Marschalls hatte quer über den Leib des Angreifers mit einer so schrecklichen Kraft getroffen, daß der Leib durch die Kleidung hindurch eine klaffende Wunde war.

Auf den letzten Schrei des Kammerdieners waren ein Offizier und der Kammerherr, die sich im Vorzimmer befanden, in das Gemach gestürzt - mehrere Diener kamen

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nachgeeilt, aber sie wagten nicht, die Schwelle zu überschreiten.

Der Anblick der sich den Eingetretenen bot, war eben so seltsam als fürchterlich.

Mitten im Zimmer wälzte sich der Körper des Obersten im Blut, in den letzten Todeszuckungen.

Der Marschall stand aufrecht, die eine Hand auf seinen Säbel gestützt, die andere auf die Wunde gepreßt, während das Blut durch seine Finger drang.

»Um des Himmels willen, was ist geschehen?«

»Schließen Sie die Thür! - Meinen Adjutanten, Herr! - Lassen Sie Niemand hinaus! - Der Kaiser ...«

Er begann zu schwanken. Graf Montboisier, denn dieser war in dem Vorzimmer anwesend gewesen bei der furchtbaren Katastrophe, um für den Dienst als Kammerherr des nächsten Tages noch eine Erkundigung einzuziehen, ließ ihn auf einen Sessel nieder, während der Offizier sich mit dem Sterbenden beschäftigte.

»Um Gottes willen - was ist geschehen? Sie sind verwundet, Herr Marschall?«

»Nichts! nichts! - Es ist an den Rippen abgeglitten, die Lunge ist unverletzt! - Meinen Adjutanten, Herr - ich will keinen Augenblick länger in dieser Mörderhöhle bleiben! - Schnüren Sie Ihr Tuch um meinen Leib - fest!«

Todtenbleich erschien in diesem Augenblick wieder Thelin an dem Eingang des Zimmers - er kam von seinem Herrn.

»Der Kaiser weiß Alles! er beklagt es auf's Tiefste!«

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»Thut er das?« Die Zähne des Marschalls knirschten. »Vorwärts Herr - meinen Wagen und für Den da, wenn Sie ihn finden, einen Pfaffen. Lassen Sie die Antichambre absperren, die Sache paßt nicht für die Zeitungen!«

Der Graf hatte Thelin Platz gemacht; ohne daß er die näheren Umstände kannte, begriff er doch, daß kein Lärm gemacht werden durfte, ehe der Kaiser seine Befehle ertheilt. Er eilte aus dem Zimmer und befahl, die Antichambre zu schließen und Niemand über die Treppe mehr den Ausgang zu verstatten. Zugleich gab er einem der vertrautesten Diener den Auftrag, einen Arzt zu suchen, da ein Unfall passirt sei und holte den Adjutanten des Marschalls.

Als er mit ihm und dem Jesuiten eilig zurück kam, war die Treppe und der Eingang zur Antichambre bereits von doppelten Posten besetzt - der Wagen des Kriegsministers hielt unter dem Portal.

Man hatte den Obersten auf einen Divan gelegt; der Wundarzt, den der Lakei geholt, war um ihn beschäftigt.

Dieser war nicht der gewöhnliche Arzt des Palastes. Er war unter dem Namen des Mohren-Doktors aber auch hier wohl bekannt und ein Arzt der Garde-Zuaven, die mit blindem Glauben an ihm hingen, da er mehrere an's Wunderbare glänzende Kuren unter ihnen während der Feldzüge in Afrika ausgeführt hatte und seine ganze Person ein gewisses geheimnißvolles Dunkel umgab. Der Lakei, als er einen Arzt suchte, hatte zufällig gehört, daß der Mohren-Doktor in dem Wachlokal der Zuaven im innern Hofe, die den Dienst in dieser Nacht hatten, gesehen worden, und hatte ihn herbei geholt.

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Er war ein hagerer, ernster Mann von mittlerer Statur und auffallend dunkler Farbe, die den Orientalen verkündete. Seine Adlernase war scharf gebogen, aber fein und edel geformt. Obschon er etwa fünfzig Jahre zählen mochte, war seine Stirn doch von Gedanken und Leiden gefurcht und gab ihm ein weit älteres Aussehen. Er trug die Uniform seines Corps und auf dem kahlen Haupt den Feß, während den untern Theil des Gesichts ein dichter bereits grauer Bart bedeckte.

Der Doktor zog eine Decke, die man ihm gereicht, eben über den Körper, als der Prälat sich ihm nahte. Die Augen der beiden Männer begegneten sich und blieben aneinander haften; unwillkürlich traten sie einen Schritt zurück.

Ein kalter Schweiß trat auf die Stirn des Prälaten trotz seiner Selbstbeherrschung - er wollte sprechen, aber der Andere hob, wie gebietend die Hand.

»Still! - nicht hier!«

Dann wandte er sich nach dem Körper, mit dem er sich so eben beschäftigt. »Sie kommen zu spät, mein Herr, - dieser Mann ist todt. Sie können nur ein Gebet für die geschiedene Seele sprechen, indem ich dort meine Dienste anbiete.« Er ging zu dem Marschall. »Euer Excellenz sind verwundet - darf ich Ihnen den Verband anlegen?«

Der Minister ließ in finsterm Schweigen die Untersuchung geschehen.

»Wenn Sie Ihr Handwerk verstehen,« sagte er rauh, als der Arzt sich erhob - »so sagen Sie ohne Umschweife, wie es ist. Ist die Verletzung tödtlich?«

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»Ew. Excellenz werden in vier Wochen wieder hergestellt sein.«

Der Marschall lächelte grimmig; dann mit Aufbieten seiner Energie erhob er sich, auf den Arm seines Adjutanten gestützt. »Berichten Sie Sr. Majestät dem Kaiser, Herr Graf,« sagte er zu dem neuen Kammerherrn, »daß meine Gesundheit es fordert, daß ich morgen auf einige Zeit nach den hyerischen Inseln reise. Für Jeden, der mich sucht, bin ich dort zu finden! - Führen Sie mich zu meinem Wagen, Kapitain!«

Nur leicht auf den Arm des jungen Marquis gestützt, durchschritt er das Vorzimmer, ohne auf die dort Anwesenden zu achten und ließ sich in seinen Wagen heben.

Erst als der Kutscher die Pferde antrieb, sank er ohnmächtig auf die Kissen. -

Der Mohrendoktor war dem Minister bis an den Wagen gefolgt, aber ein strenger Wink hatte ihn hier zurückgewiesen.

Als er sich umwandte, trat eben der Prälat aus dem Eingang der kaiserlichen Gemächer. Die Blicke der beiden Männer kreuzten sich. Dann zeigte der Arzt nach dem Eingang des Gartens, von dem das Rauschen der Fontaine her herüberklang. Der Prälat nickte und folgte dem Vorangehenden schweigend.

Am Rande des Bassins blieb der Arzt stehen und wandte sich zu seinem Begleiter. Die beiden Männer standen einander einige Minuten schweigend gegenüber - das helle Mondlicht ließ sie jeden ihrer Züge klar, fast wie bei Tage erkennen.

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Das Gesicht des Arztes war ernst, wild - fast traurig, aber ohne Härte und Haß; das des Priesters finster und verschlossen, und aus seinen tiefliegenden Augen funkelte ein Strahl unversöhnlicher Feindschaft auf seinen Gefährten.

Dann sprach der Arzt und zugleich bot er seine Hand dem Gegner; seine Stimme klang mild und versöhnend.

»Don Diego Corpas, erkennst Du mich?«

»Ich habe Dir vor sechszehn Jahren schon gesagt, daß jener Name hinter mir liegt und ich für Dich und die Welt ihn begraben habe mit all' seinen Irrthümern. Wohl erkannte ich Dich auf den ersten Blick, Du bist Achmet, der Hacene, der Sohn eines verfluchten und verhaßten Geschlechts!«10

Der Mohrendoktor lächelte schmerzlich. »Du hast Recht, sechszehn sind seit jenem Tage des Mordes vergangen, an dem ich Dich frug: Diego, wo hast Du meine Schwester? - Ströme von Blut sind seitdem über die Welt geflossen, wir sind Beide alt geworden und unser Haar ist gebleicht, ohne daß sich unsere Bahnen wieder gekreuzt. Du - wie ich sehe, einer der Mächtigen der Kirche, - ich, der ich das Schwert des Parteikampfes niedergelegt seit jenem schrecklichen Tage, ein armer Arzt, der die Wissenschaft seiner Väter benutzt, um die Wunden und Leiden seiner Brüder zu heilen. Wie damals frage ich Dich: Antonio oder Diego wo ist meine Schwester Ximene?«

Der Jesuit hatte sich finster und fanatisch

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emporgerichtet, sein dunkler Blick lag mit stolzem Hohn auf der gebeugten Gestalt des Morisken.

»Was frägst Du mich? Forsche bei jenen vornehmen Herren in Deutschland, wo die spanische Maitresse ihres Bruders hingekommen!«

»Du lügst! Ximene war das Weib des edlen Fürsten, seine angetraute Gattin. Nie würde sich die Tochter der Hacenen so weit vergessen haben, die Buhlerin eines Mannes zu sein und hätte er Königlichen Rang gehabt.«

»Du warst von jeher ein Phantast - eine solche Heirath lebt nur in Deinem Gehirn!«

»Nein - die Trauung ist vollzogen worden in der Nacht, bevor sie auf unerklärliche Weise aus dem Palaste de Narros zu Azcoitia entführt wurde. Der Fürst selbst hat es mir gesagt.«

»Der Fürst ist vor vier Jahren ein Opfer seiner Verbrechen geworden. Die Welt weiß, daß er unvermählt gestorben ist. Wenn Du keine besseren Beweise für die Ehre Donna Ximenea's hast, als die Entschuldigung eines Wüstlings ...«

»Ich habe sie!«

Der Jesuit erbebte leicht; aber mit jener unheimlichen Willenskraft, welche die Mitglieder seines Ordens auf Kosten jeder menschlichen Schwäche sich zu erwerben haben, bewahrte er seine äußere Ruhe.

»Welche?«

»Davon nachher. Höre mich erst, Diego oder Antonio wie Du Dich nennen magst! Die Knaben waren einst Freunde, bis der politische Haß der Vater sie von

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einander riß und zu Gegnern machte. Aber die Väter schlummern längst in ihrem Grabe - kannst Du denn nie des Hasses vergessen?«

»Die Lehre des Herrn will: Du sollst Deine Feinde lieben! Ich hasse nur die Sünde und die Gegner der heiligen Kirche!«

»Ich kenne den schlimmen unversöhnlichen Sinn Deines Geschlechts,« sagte der Doktor nach einer Pause, »aber die Religion, deren Diener Du bist, sollte die stürmischen Leidenschaften der Jugend Dich haben bewältigen lassen. Alles Böse, was die beiden letzten Nachkommen der Hacenen, deren Ahnen einst Spanien beherrschten, getroffen hat, es ist uns von Euch gekommen. Ein inneres Gefühl sagt mir, daß auch an jenem Raube meiner Schwester Du und die Deinen die Schuld getragen habt. Lange habe ich Spanien durchzogen und jede, auch die kleinste Spur gesucht, um sie wieder zu finden, das Einzige, was mir geblieben. Aber Alles vergeblich! - noch besiegt und aus Spanien verbannt, hat Eure finstere Macht hingereicht, einen undurchdringlichen Schleier über ihr Schicksal zu decken. Jetzt läßt der Finger Gottes unsere Wege sich kreuzen. Diego Corpas - es ist unmöglich, daß Du es nicht wissen solltest - wo ist meine Schwester?« -

»Im Grabe!«

Der Arzt that einen Schritt auf ihn zu - seine Hand schüttelte wild den Arm des Feindes.

»Todt? - Dann hast Du, Du sie gemordet!«

Der Jesuit stand starr und unbeweglich. »Ich vergebe Dir, denn Du weißt nicht, was Du sprichst!«

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Der Moriske ließ die Hand sinken und beugte sein Haupt. »Arme Ximene - es ist wahr, Du liebtest sie einst und kannst nicht ihr Mörder sein. Aber übe Mitleid mit mir - wann starb sie und wie?«

»Sie starb an ihren Sünden, nachdem sie einem Bastard das Leben gegeben!«

»Teufel, mit dem Herzen ohne Erbarmen! - ich wiederhole Dir. Du lügst! Wenn Ximene einem Kinde das Leben gegeben, so ist es der rechtmäßige Enkel der Nacenen[Hacenen] und eine doppelte Fürstenkrone gehört ihm!«

Ein Zug des Hohns flog über das hagere Gesicht des Jesuiten. »Der Teufel des Hochmuths, der stets Deine Familie besessen, verblendet Dich auch jetzt noch! Auf dem Kinde der Schande ruht die Schuld seiner Mutter!«

»So lebt es?«

»Es lebt!«

»Und wo - sprich!«

»Gott und die Heiligen, die mir Kraft gegeben, als mein Sinn noch an irdischer Liebe hing und in Verzweiflung vergehen wollte über die Zurückweisung eines Weibes, sie haben ihrem unwürdigen Diener die Gnade erwiesen, über seine Feinde zu triumphiren und glühende Kohlen auf ihren Häuptern zu sammeln. Das Kind der Sünde wird die Sünde seiner Eltern sühnen.«

»Es ist ein Fürstenkind - der rechtmäßige Sohn oder die Tochter zweier fürstlicher Geschlechter! Wo ist das Kind?«

»Suche!«

»Höre mich an, Diego! ich will Dir Alles vergeben, was Dein Vater an uns verbrochen, daß er das Verderben

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des meinen verschuldet, daß er uns zu Bettlern gemacht und mich einem frühen Tode opfern wollte, wenn Du mir die Spur jenes Kindes zeigst. Bedenke, daß dies Kind bestimmt ist, mit dem Erbe seines Vaters vielleicht den Glanz der Hacenen zu erneuen!«

»Die Sünden der Eltern abbüßen, ist eine höhere Krone, als irdischer Glanz!«

»Bedenke, Diego - es ist der letzte Zweig des Stammes, dessen Väter auf dem Thron von Granada saßen!«

»So möge der Letzte die Sünden sühnen eines verfluchten Geschlechts, das schon in seinem Ursprung ein Feind der heiligen Kirche war!«

»Das Kind, Priester - wo finde ich das Kind?«

»Suche es!« -

»Priester - ich will Dich öffentlich anklagen des Mordes und Kindesraubs.«

»Ich fürchte Deine Verleumdungen nicht. Die heilige Kirche ist es, die Mutterstelle an dem Kinde der Sünde vertritt. Ihr entreiße es, wenn Du kannst!«

»Ich werde es! Gott, dessen Streiter Du und Dein finstrer Bund sein wollt und den Ihr schändet in seiner ewigen Liebe und Gnade durch Herrschsucht und Egoismus - er wird mir helfen, Eure finstern Ränke zu besiegen. Das Kind meiner Schwester soll nicht untergehen an Deinem Haß! denn ich kenne Dich, Diego Corpas, nicht das Gebot der Religion, sondern Dein unversöhnlicher Haß ist es, der Dich treibt! - Wie groß auch Deine Macht immerhin sei, ich werde suchen und finden, ich und Jener, der beschwören kann, daß Ximene die Gattin des

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Fürsten war, denn wisse - ein Zeuge der Trauung lebt! Gott hat nicht gewollt, daß der Dolch Eures Werkzeugs, das meine Schwester raubte, den armen Argelino, ihren Wächter getödtet hat. Der Zufall - nein, die Vorsehung ließ mich ihn hier wieder finden, und wenn auch ein Krüppel - ein - ein Dieb! - er hat ein dankbares Herz und den Mörder nicht vergessen, der seine Treue ihn mit seinem Blute bezahlen ließ!«

Der Jesuit war bei der unerwarteten Nachricht zurück gewichen - aber der Schritt eines Nahenden ersparte ihm die Antwort.

Die Person kam eilig herbei, von der Seite der südlichen Terrasse her. Der klare Schein des Mondes erlaubte dieselbe deutlich zu erkennen. Es war ein junger Mann, in einen weißen Militairmantel gehüllt, sein Gesicht drückte Besorgniß und Verlegenheit aus.

»Verzeihung, meine Herren - aber ich bitte Sie, mir zu sagen, wo ich einen Arzt finde. Meinem Diener, meinem Freund, den ich ehre und liebe, ist ein Unglück geschehen!«

»Ich bin selbst Arzt, Herr!«

»Dann folgen Sie mir! - ich weiß nicht, was ich denken soll. Man erwartete mich dort auf der Terrasse - eine dringende Abhaltung hielt mich eine halbe Stunde entfernt - aber ich weiß, daß sie da waren! Als ich endlich zurückkehre ...[«]

»Nun, Herr?«

»Die eine Person, die meiner harrte, ist verschwunden. Ich suche sie vergeblich. Auf der Stelle, wo sie meiner

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geharrt, liegt mein Diener, starr - unbeweglich, wie ein Todter!«

»Dann ist ein neues Verbrechen geschehen! Ein zweiter Mord!«

Der junge Offizier sah ihn erstaunt an. »Ich verstehe Sie nicht - aber Felsenherz kann unmöglich todt sein. Er athmet und ich finde keine Verletzung an ihm - er ist betäubt oder ein Schlaganfall ... wenn ich nur wüßte« ...

Er sah, wie von einer zweiten schweren Last bedrückt, um sich. Zögernd sagte er dann, während er an der Seite des Arztes rasch vorwärts schritt, und der Jesuit ihnen langsamer folgte: »Sie sind Soldat, mein Herr, wie ich, - Sie verweilten vielleicht schon längere Zeit an dem Platze, wo ich Sie fand - ich beschwöre Sie, mir zu sagen, ob Sie vielleicht eine Dame vorüber kommen sahen?«

»Wir haben Niemand gesehen! Was sollte eine Dame in dieser Stunde hier - Sie wissen, daß der Eintritt überhaupt verboten ist. Wir sind eingetreten, indem wir aus dem Schloß kamen!«

»Allmächtiger Gott - dann weiß ich nicht, was zu thun ist! - zum zweiten Mal - dort in Berlin und hier ... es ist ein seltsames Verhängniß!«

»Sie sind in großer Aufregung, Herr, beruhigen Sie sich!«

»Bringen Sie ihn zum Leben zurück - er muß reden - er allein kann Auskunft geben« ...

Sie hatten die Terrasse erreicht, der Offizier schritt

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rasch auf ihr voran, bis zu der Stelle, wo die jetzt laublosen Bäume des Wäldchens sie beschatteten.

Obschon der Platz von dem Palast oder den Eingängen des Blumengartens aus nicht mehr zu übersehen und durch die Dichtigkeit der Aeste und Zweige ziemlich dunkel war, ließ sich auf dem weißen harten Boden doch die lang ausgestreckte, kolossale Gestalt eines Mannes erkennen.

Der Arzt kniete sogleich neben ihm nieder und seine Hand suchte das Herz des Riesen.

»Beruhigen Sie sich, mein Herr,« sagte er, »er lebt, das Herz schlägt regelmäßig - vielleicht nur eine Ohnmacht!«

Er hatte rasch ein Taschenfeuerzeug hervorgezogen und ein kleines Wachslicht angezündet.

»Halten Sie!«

Der Schein der kleinen Kerze fiel auf das ehrliche verwitterte Gesicht des kanadischen Waldgängers. Seine Augen waren geschlossen - ein leichter Schaum feuchtete die Lippe, die breite Brust athmete mühsam und schwer, aber regelmäßig. Wenn dies nicht gewesen wäre, hätte man den Riesen vom Blitz erschlagen wähnen können, so unbeweglich und starr lagen die mächtigen Glieder.

Der Arzt horchte an seiner Brust, er fühlte den Puls und untersuchte aufmerksam die Augenlider und die Lippen des Liegenden.

»Das ist seltsam« - sagte er. »Aber nochmals beruhigen Sie sich - es ist keine Gefahr. Wann verließenSie den Mann?«

»Vor einer halben Stunde - er erwartete mich hier mit« - der Offizier zögerte - »mit meinem Mantel, Herr, denn ich komme von dem Ball in den Tuilerien.

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Ein unabweisliches Geschäft zwang mich, in einem andern Theile des Parks anwesend zu sein. Als ich nicht länger mehr harren wollte und hierher eilte, fand ich ihn - wie ich Ihnen bereits gesagt - in diesem Zustand und allein! -

»Der Mann ist ätherisirt!«

»Wie?«

»Durch Chloroform betäubt, das man ihn einathmen ließ. Sie werden sich sogleich überzeugen!«

Er hatte ein Flacon mit scharfen Salzen aus seiner Tasche genommen, rieb die Schläfe des Ohnmächtigen und hielt es ihm unter die Nase.

Felsenherz zuckte zusammen - die riesigen Glieder bewegten sich.

»Aber, wie ist das möglich - wer sollte das gethan haben?«

»Die Pariser Diebe bedienen sich jetzt häufig dieses Mittels - vielleicht ist der Mann beraubt. Fehlen ihm Sachen?«

Der Offizier sah verwirrt umher. »In der That - ein Packet - ein Mantel - aber nein, es ist unmöglich« ...

»Sie sprachen von einer zweiten Person? - Sehen Sie - er kommt zu sich - er wird uns Auskunft geben können!«

Der Kanadier, dessen Oberkörper der Arzt auf sein Knie gehoben, während er ihm wiederholt das Flacon unter die Nase hielt - streckte sich wie ein Erwachender - er öffnete die Augen und starrte wie ein Trunkener umher.

»Sprechen Sie mit ihm - fragen Sie ihn, er wird desto eher zum Bewußtsein kommen.«

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Der Offizier blieb in sichtlicher Verlegenheit.

»Nicht hier - nicht hier,« sagte er hastig. »Mein Herr, wenn Sie Ihre Güte so weit ausdehnen wollen, vielleicht einen Fiaker zu rufen. Ich bin der Kapitain Laforgne, und meine Wohnung ist in der Rue Saint Georges, Hôtel d'Orient!«

»Dann verhafte ich Sie im Namen des Kaisers!« sagte eine barsche Stimme hinter ihm.

Der junge Mann fuhr empor - hinter der Gruppe stand eine Patrouille der Garde Zuaven, ein alter bärtiger Sergeant hatte die Hand auf seine Schulter gelegt.

Mitten zwischen den Soldaten stand ein Mann in Civil, zwischen den Falten des Mantels erkannte man die Balltoilette.

»Ist es dieser, Herr?« frug der Sergeant.

»Ich bedauere, in diese Sache verwickelt zu werden, aber es ist so! Ich bin Zeuge gewesen, daß dieser Herr mit dem Obersten Canrobert ein Rencontre auf der Ehrentreppe hatte, das wahrscheinlich Ursache des Unglücks war.«

Der Abenteurer warf einen verwirrten Blick auf den Denunzianten. Das kalte feindliche Auge des Grafen Alvaro de Montijo begegnete ihm. Er fuhr unwillkürlich zusammen.

»Warum verhaften Sie mich? was will man von mir?« frug er hastig.

»Wegen Tödtung des Obersten Canrobert, Adjutanten Seiner Majestät des Kaisers!«

»Der Oberst todt? - dann begreife ich! ... Aber mein Herr ich versichere Sie, das Duell hat ...«

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»Sie gestehen das Rencontre also zu! Kommen Sie Herr - der Oberst ist so todt wie eine Maus, Sie führen eine verfluchte Klinge Herr! sapristi!«

»Aber ich versichere Sie - das Duell hat nicht stattgefunden - ich wartete vergeblich ...«

»Desto schlimmer für Sie ... dann wäre es ein Mord! Aber das ist Sache des Kriegsgerichts. Kommen Sie!«

Der Kapitain sah ein, daß Widerstand vergeblich war, er war überdies überzeugt, daß der Irrthum sich bald aufklären müsse. Nur das räthselhafte Verschwinden des jungen Mädchens und die hilflose Lage, in der sie sich befinden mußte, beunruhigten ihn.

Was war geschehen - in wessen Händen befand sich die Unglückliche? Hatte man ihre Flucht und ihre Person entdeckt - oder wollte man sich blos der seinen bemächtigen? Die Fragen durchkreuzten sein Gehirn, aber er mußte sich fassen, denn er fühlte, wie das boshafte forschende Auge des Rivalen auf ihm lag und jede seiner Mienen beobachtete.

Der Kanadier saß jetzt aufrecht auf dem Boden - er starrte verwirrt umher und schien noch immer nicht recht begreifen zu können, was mit ihm vorgegangen sei. Erst als sein Auge auf den Kapitain traf, schien das Bewußtsein ihm wieder zu kehren und er öffnete den breiten Mund.

Der junge Offizier legte den Finger an seine Lippen zum Zeichen des Schweigens. Dann wandte er sich zu dem Sergeanten der Wache.

»Ich bin bereit, Ihnen zu folgen, obschon nur ein Irrthum und voreiliger Eifer meine Verhaftung veranlaßt

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haben kann. Aber gestatten Sie mir wenigstens, Kamerad, mit meinem Diener hier einige Worte ohne Zeugen wechseln und für ihn sorgen zu dürfen - Sie sehen, er ist krank und kaum aus einer Ohnmacht erwacht!«

»Sapristi - ein Bursche wie der und eine Ohnmacht! - Nichts da Herr! ich darf Ihnen keine Sylbe weiter gestatten! - Wenn der Mann krank, ist unser Doktor die beste Hand, in die er fallen kann! Vorwärts Herr, augenblicklich, oder ich muß Gewalt brauchen. Wenn Sie Soldat sind, müssen Sie wissen, daß ich meiner Ordre zu folgen habe. Ueberdies ist der lange Schlingel selbst in Verhaft, bis er sich legitimirt, warum er sich gegen das Verbot hier im Garten umher treibt!«

Der Kapitain trat von dem Kanadier zurück, dem er sich genähert, sein Auge begegnete nochmals dem feindseligen forschenden Blick, den der Spanier auf ihn gerichtet hielt und die Frage, die er auf alle Gefahr hin an seinen Vertrauten richten wollte, erstarb auf seinen Lippen.

Er fühlte, daß er - was auch geschehen oder was noch geschehen mochte, - nicht die geringste Indiscretion begehen durfte.

»Vorwärts denn - damit die Sache ein Ende hat. Nach unserer Wohnung, Felsenherz, und erwarten Sie mich, sobald man es Ihnen gestattet!«

Er wiederholte rasch das Zeichen des Schweigens und folgte der Wache, die ihn umgab; - der Doktor, der Jesuit und zwei Soldaten blieben bei dem Waldgänger zurück, der noch immer stumm und erstaunt um sich sah.

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Das Testament Peters des Grossen

Wer vielleicht unser Buch »Sebastopol« gelesen, wird sich der Scene am Sterbebette des Kaisers erinnern, der ein Mann war in seinem Jahrhundert, ein Mann auf dem Throne.

Er wird sich erinnern - wer das Buch nicht gelesen, weiß es wohl auch aus den Berichten der Zeitungen - daß der sterbende Kaiser eine Stunde, nachdem er von der deutschen Gradheit des Doktor Mandt, der seitdem seinem Herrn in die Ewigkeit gefolgt ist, erfahren hatte, daß seine Zeit auf Erden gemessen sei, nachdem er noch einige Befehle ertheilt, seine ganze Umgebung entfernte und nur den Großfürsten-Thronfolger bei sich behielt, der seit dem 22. Februar nach dem Willen seines erlauchten Vaters bereits sämmtliche Regierungsgeschäfte übernommen hatte.

Es ist das Vorrecht der Schriftsteller, einzutreten in die Paläste der Großen, wie in die Strohhütte der Aermsten, in die Gedanken der Geister und in die Geheimnisse der Herzen!

Der Kaiser winkte dem Sohn - der Großfürst trat dicht an das Lager seines Vaters und beugte sich über ihn.

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»Strecke Deine Hand unter das Lederkissen unter meinem Kopf und nimm, was Du findest.«

Der Sohn folgte dem Gebot - es war ein stählerner Ring mit fünf bis sechs Schlüsseln von verschiedener Größe und Form, die er hervorzog.

»Dieser da« - der Kranke wies auf den kleinsten - »die andern sind zu jenem Schrank, - er enthält die Papiere und Dokumente, von denen ich Dir gesprochen. Du kennst das Bild unsers Ahnherrn Peter?«

Der Großfürst wies nach dem Brustbilde, das gegenüber dem Arbeitstisch des Kaisers zwischen andern Bildern hing.

»Auf der Brust - im Stern - eile Dich und öffne!«

Der Großfürst trat an den Wandpfeiler, zog einen der einfachen Sessel des Gemachs herbei, denn das Bild befand sich höher, als selbst seine stattliche Gestalt zu reichen vermochte, über einem der Bücherschränke an der Wand, und stieg auf den Sessel.

Zum ersten Male, wie oft er auch das Arbeitskabinet seines Vaters betreten, in dem übrigens selbst der Knabe nie vorlaute Neugier zu zeigen oder einen Verstoß gegen die darin herrschende militairische Ordnung aller Gegenstände zu begehen gewagt, bemerkte er jetzt, daß der massive Rahmen des Portraits von dunklem Holz in die Wand eingelassen war.

Das Licht der Kerze, die er in die Hand genommen, dicht vor das Bild gehalten, ließ ihn in der Mitte des Sterns, den das Conterfei trug, eine kleine, runde Oeffnung

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finden. Hier hinein steckte er den gleichfalls runden, in Spitzen ausgefeilten Schlüssel - ein Druck, und die Kupferplatte, auf welche das Portrait gemalt ist, sprang, wie von einer Feder geschnellt, weit auf.

In der nischenartigen Oeffnung, die es verdeckt hatte, stand ein Kästchen - er nahm es heraus und setzte es auf den Tisch vor dem Lager des Kaisers.

Das Kästchen, in oblonger Form, war von ciselirtem Eisen, mit goldenen Arabesken ausgelegt. Auf dem Deckel sah man in gleicher Arbeit den Doppeladler Rußlands, mit der Krone darüber.

»Gieb!«

Als das Kästchen auf das Bett des Kranken gesetzt worden, fuhren seine Finger tastend darüber her, bis mit einer energischen Kraftanstrengung dieses eisernen Willens, den selbst die eisige Hand des Todes nicht beugen sollte, sie auf der Wappenplatte haften blieben und diese bei Seite schoben.

»Oeffne und lies!«

Der Deckel ließ sich jetzt ohne Mühe aufschlagen und der Großfürst, der das Kästchen wieder auf den Tisch gestellt hatte, erblickte darin zwei Pergamentrollen, die er herausnahm und zu lesen begann.

Beide Dokumente waren offenbar alt - das eine, wie die Handschrift erwies, vielleicht um hundert Jahre älter, als das andere, schien aber nur eine Kopie zu sein, da das große Siegel, welches das Pergament trug, das der Großfürst zuerst in die Hand genommen, jenem fehlte.

Der Thronfolger des mächtigen Czarenreichs hatte

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kaum einige Zeilen gelesen, als er erstaunt inne hielt und den Kaiser fragend ansah. »Sire«, sagte er, »wenn dies Dokument echt ist, wie es den Anschein hat, so wäre es wirklich das Testament unsers Ahnherrn, von dem die liberale Presse Europa's so viel gefabelt hat?«

Der Kranke nickte. »Den Datum - den Datum!« sagte er schwach, indem ein krampfhafter Husten seinen mächtigen Leib erschütterte.

»Es ist vom 12. Januar 1725 datirt - zwei Monate vor Peter's Tode, und dies ist in der That seine Schrift - ich kenne sie aus den Archiven.«

»Weiter! weiter![«]

»Hier ist des Kaisers Unterschrift   darunter eine Reihe Namen - Iwan, Katharina, Peter und Anna - Elisabeth - Peter der Dritte - jedesmal mit dem Tage ihres Regierungsantritts - Katharina II., unsere Großmutter - Kaiser Alexander - und hier Ihre eigene Unterschrift, Sire!«

»Am 26. December 1825!«

»Der Tag ist mit Blut, aber auch mit goldenen Lettern in die Geschichte Rußlands eingeschrieben. Aber, ich bitte Sie, Sire, mir zu sagen, was das bedeutet?«

»Lies! - lies laut! Es ist eine Mahnung auch an mein Gedächtniß!«

Der Großfürst Thronfolger las mit tief erregter Stimme den Inhalt des Dokuments, das in russischer Sprache abgefaßt war und dessen Dasein er bisher für eine unbegründete Tradition oder eine Erfindung der Gegner Rußlands

[264]

gehalten hatte. Das Pergament zitterte in seiner Hand, als er las, so aufgeregt war er.

Wir lassen das berühmte und berüchtigte Aktenstück hier folgen, wie sein Wortlaut in Europa bekannt geworden.



»Im Namen der hochheiligen und untheilbaren Dreieinigkeit, Wir Peter, Kaiser und Selbstherrscher aller Reussen &c. allen unseren Abkömmlingen und Nachfolgern auf dem Thron und in der Regierung der russischen Nation:

Der gütige Gott, von dem wir unser Dasein und unsere Krone haben, hat uns beständig mit seinem Licht erleuchtet und mit seiner göttlichen Hilfe gehalten. Nach dem Plane der Vorsehung ist das russische Volk berufen zur allgemeinen Herrschaft über Europa für die Zukunft.

Rußland fand ich vor als einen Bach; ich hinterlasse es als einen Fluß; unter meinen Nachfolgern muß es ein großes Meer werden, bestimmt das verarmte Europa zu befruchten. Dazu übergebe ich ihnen das Vermächtniß der folgenden Unterweisungen, deren stete Beachtung und Befolgung ich ihnen einschärfe, sowie einst Moses dem Volke Israel die Gesetztafeln gab.

1.

Das russische Volk stets auf dem Kriegsfuß erhalten, ein Volk von Soldaten, abgehärtet durch Disciplin, stets zur Verwendung bereit. Dem Heere gerade so viel Rast geben, als nöthig ist, um die Finanzen sich erholen zu lassen und die Truppen zu ergänzen. Die geeignetsten Gelegenheiten zum Angriff wählen. Krieg dem Frieden, Frieden dem Kriege. Dienstbar machen, immer zu dem Zwecke das Gebiet Rußlands zu vergrößern, sein Gedeihen zu fördern.

2.

Durch alle möglichen Mittel aus den gebildetsten Völkern Europas die geschicktesten Heerführer und Männer von Gelehrsamkeit

[265]

und Bildung in den russischen Dienst ziehen, so daß Rußland die eigenthümlichen Vorzüge aller Völker gewinnt, ohne seine eigenen zu verlieren.

3.

Bei allen Gelegenheiten sich in die innern Angelegenheiten und Streitigkeiten des übrigen Europa mischen, vorzüglich des deutschen Reiches.

4.

Polen zerrütten durch Erregung fortwährender Unordnungen und Parteikämpfe. Die Regierenden kaufen. Durch den Reichstag Einfluß auf die Königswahlen gewinnen. Unsere Kandidaten wählen lassen, sie unter Protektion nehmen, kraft dieses Protektorats das Land besetzen, bis es Zeit ist, ganz darin zu bleiben. Wenn die benachbarten Mächte dieser Politik Schwierigkeiten machen sollten, sie für den Augenblick durch eine Theilung des polnischen Gebietes beruhigen, bis es Zeit, ihnen das Hingegebene wieder abzunehmen.

5.

Von Schweden so viel Gebiet nehmen, als zu bekommen, und es zum Angriff reizen, damit Gelegenheiten gewonnen werden, es zu unterwerfen; zu dem Zweck Schweden von Dänemark isoliren und umgekehrt und ihre Eifersuchten sorgfältig nähren.

6.

Die Gemahlinnen für die russischen Prinzen stets aus deutschen Häusern wählen, um dadurch unsern Einfluß in Deutschland zu vermehren.

7.

Handelsbündniß vorzugsweise mit England suchen, das uns am meisten für seine Flotte braucht und uns am nützlichsten für die Entwickelung der unsrigen werden kann. Im Uebrigen vor England zu hüten.

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8.

Uns unablässig im Norden an dem baltischen, im Süden an dem schwarzen Meer ausdehnen.

9.

Konstantinopel und Ostindien so viel wie möglich näher kommen. Wer dort herrscht, wird der wahre Herr der Welt sein. Zu dem Zwecke unablässig Krieg erregen, abwechselnd gegen die Türkei und gegen Persien; Werfte am schwarzen Meere anlegen. Dieses, wie das baltische Meer Schritt vor Schritt in Besitz nehmen. Den Verfall Persiens beschleunigen. An den persischen Meerbusen vordringen. Wenn möglich, den alten Handelszug durch Syrien herstellen und gradeswegs auf Indien losgehen. Wenn einmal da, können wir das Gold Englands entbehren.

10.

Das Bündniß Oestreichs mit Eifer suchen und pflegen. Offen den Gedanken Oestreichs an eine künftige Herrschaft über Deutschland unterstützen, aber im Geheim die Eifersucht der deutschen Fürstenhäuser anfachen. Es dahin bringen, daß beide Theile Rußland um Hilfe angehen; und über Oestreich ein Protektorat ausüben als Vorbereitung zu der künftigen Beherrschung.

11.

Das Haus Oestreich für die Vertreibung der Türken aus Europa gewinnen und seine Eifersucht auf den Besitz Konstantinopels dadurch neutralisiren, daß man es entweder in Kriege mit andern europäischen Staaten verwickelt oder ihm ein Stück von der Eroberung abgiebt, das ihm zu gelegener Zeit wieder abzunehmen.

12.

Planmäßig dahin arbeiten, alle slavischen Stämme und die an der Donau und im südlichen Polen zerstreuten schismatischen Griechen um uns zu sammeln, uns zu ihrem Mittelpunkt, ihrem Rückhalt machen und vorläufig einen überwiegenden Einfluß zu

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gewinnen durch eine Art von politischer und priesterlicher Ober-Herrlichkeit. In dem Maße, wie dies ausgeführt wird, haben wir Freunde inmitten unserer Feinde erworben.

13.

Wenn Schweden getheilt, Persien unterworfen, Polen unterjocht, die Türkei erobert, unsere Armeen zusammengezogen und das schwarze und das baltische Meer von unseren Flotten bewacht sind, dann müssen wir einzeln und im tiefsten Geheimniß erst dem Wiener und dann dem Versailler Hofe den Vorschlag machen, mit uns die Herrschaft der Welt zu theilen. Wenn der eine annimmt, was nicht fehlen kann, so ist er als Werkzeug zu brauchen, um den andern zu vernichten, dann der übrigbleibende zu vernichten in einem Kampfe, dessen Ausgang nicht zweifelhaft sein kann, wenn Rußland schon den Osten und einen Theil Europas besitzt.

14.

Wenn, was nicht wahrscheinlich ist, beide Mächte das Anerbieten Rußlands ablehnen, so wird es nothwendig sein, sie in einen Streit zu verwickeln, in dem sie sich gegenseitig erschöpfen. Dann muß Rußland den entscheidenden Augenblick ergreifen, seine bereit gehaltenen Truppen über Deutschland ausgießen und gleichzeitig zwei Flotten von dem schwarzen und dem baltischen Meer mit asiatischen Horden gefüllt in das mittelländische Meer und den Ocean schicken und Frankreich überschwemmen. Wenn Deutschland und Frankreich unterworfen sind, wird der Rest Europas uns leicht und ohne einen Schlag zufallen.

So kann und so muß Europa unterworfen werden.



Eine kurze Pause erfolgte - dann sprach der Großfürst beklommen: »Alles, Sire - was man hier mit dem Schleier des tiefsten Geheimnisses umzieht, ist aller Welt bekannt. Jedes Wort dieses Dokuments haben die liberalen

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deutschen und französischen Blätter noch vor Kurzem wiederholt und stützen ihren Angriff gegen Rußland darauf!«

»Schuwaloff war der Verräther beim Congreß zu Wien,« sagte der Herrscher mit Anstrengung - »Metternich, der Spion, kaufte das Geheimniß, als Alexander auf Galizien bestand, und verbreitete es.«

»Diese Oesterreicher - sie waren stets im Geheimen Rußlands Gegner!«

Die Stirn des hohen Kranken überzog eine leichte Röthe bei diesem Vorwurf oder dieser Erinnerung.

»Mögen die Thoren reden von der Existenz dieses Dokuments - Schuwaloff ist in Sibirien und nur die Drei wissen darum, die es kennen müssen. Du hast die Unterschriften gesehen. Jeder Herrscher Rußlands unterzeichnet in der Stunde, ehe er die Krone erhält, diese Schrift - so will es das geheime Gesetz unsers Hauses, und verpflichtet sich mit seinem Namen, einen Schritt vorwärts zu thun auf der Bahn, die allein Rußlands Macht und Größe sichert. - Nimm die Feder und unterzeichne - dann bist Du der Kaiser.«

Der Großfürst war überaus bewegt, die Farbe wechselte wiederholt auf seinem schönen männlichen Gesicht.

»Sire,« sagte er - »ich muß aufrichtig sein in dieser Stunde - Sie kennen meine Gesinnungen, ich habe sie nie verhehlt! - ich finde die Ausgabe eines Monarchen Rußlands nicht in der Vergrößerung seiner Macht, sondern in der Hebung, in der größeren Cultur seiner Völker. Diese Unterschrift unter diesem Dokument würde mich zu Vielem verpflichten, was gegen meine Ueberzeugung ist.«

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Der Kranke winkte dem Czesarewitsch, sich auf sein Bett zu setzen - das Sprechen wurde ihm bereits schwer. Er nahm seine Hand und drückte sie. »Alexander,« sprach er - »Du weißt, wie ich Dich liebe!«

»Ich weiß es, Sire - Sie waren mir stets nicht blos der Kaiser, sondern der Vater!« Thränen rollten über das männliche Angesicht des Großfürsten.

»Du willst Nicolaus, Deinem Sohne, die Krone hinterlassen, wie ich Dir jetzt?«

»Ich hoffe, Rußlands Schild ihm rein zu übergeben, wenn Gott die Stunde bestimmt hat.«

»Höre! Ich fühle so gut wie Du, daß zu viel germanisches Blut in unsern Adern fließt. Seit Peter III. sind nicht Romanow's mehr auf Rußlands Thron - Du wie ich gehören dem Hause Holstein Gottorp!«

»Aber wir sind die rechtmäßigen Erben der Krone, Sire!«

»Selbst das echte Blut der Romanow's besaß sie nur durch die Wahl und Vertrag der wahren Erben Rurik's. Rurik's Blut ist in Rußland nicht ausgestorben, Du weißt es!11 Lies das andere Dokument.«

Der Czesarewitsch ergriff mit einem leichten Erzittern das zweite Pergament und las es langsam und mit einiger Mühe, denn Schriftzüge und Styl waren von hohem Alter. Seine Züge nahmen bei dem Lesen den Ausdruck eines noch tiefern Ernstes an, als der Schmerz um das

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Leiden des Kaisers und das Gewicht dieser Stunde bereits darauf gelagert hatten.

»Dies ist eine bloße Abschrift Sire - wo ist jenes Dokument?« frug er fast tonlos.

»Das Original vererbt sich in den Händen der Aeltesten aus Rurik's Stamm. Es würde erscheinen, wenn die Zeit gekommen. Auch Autokraten sind nicht frei! Du weißt, daß der Russe nur mit Mißtrauen auf deutsches Blut sieht - es ist zu viel davon in unsern Adern - die Politik des Czaren darf nicht anders als russisch sein!«

»Aber Sie selbst, Sire« -

Der Sterbende winkte ungeduldig mit der Hand. »Zwei Mal fehlte ich gegen Rußlands Interesse - damals in Warschau, als ich Preußen hinderte, sich von Deutschland zu emancipiren, und als ich meine Armee nach Ungarn sandte für Oesterreich. Aber ich hasse die Revolutionen - Du kannst sie benutzen! Der Undank Oesterreichs ist die Frucht jenes Fehlers. Sei der Freund Preußens, aber der Gegner Deutschlands. Es war zu viel Deutsches in mir, zu viel! und daran sterbe ich. Folge der Zeit, so viel Du willst mit Reformen - sie sind nicht aufzuhalten; die Neuerung ist ein revolutionairer Brand, den man nur erstickt, wenn man ihm die Nahrung entzieht. Aber wenn die Stunde gekommen - dann sei ein Russe und sei es ganz! - Unterzeichne!«

Der Thronfolger - die Feder in der Hand - zauderte.

Die Stimme des Kranken erhob sich. »Zum letzten Mal - schreib' - oder entsag'! da draußen steht Einer,

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der sich keinen Augenblick bedenken wird. Er ist ein echter Russe! Hüte Dich vor ihm!«

Mit einem raschen entschlossenen Zug warf der Czesarewitsch seinen Namen auf das Pergament, unter den seines Erzeugers. Dann - auf den stummen Wink desselben - legte er die Urkunde wieder in das Kästchen und verschloß es in dem geheimen Behältniß.

Der Kaiser winkte ihn jetzt zu sich - der Großfürst kniete am Bett seines Vaters nieder und küßte seine Hand, der Kaiser aber erhob sich mühsam auf seine Arme.

»Sire,« sagte der Kranke - »empfangen Sie meine Huldigung. Sie sind von diesem Augenblick an allein der Herr und Gebieter von Rußland. Mögen Gott und die Heiligen mit Ihrer Regierung sein.«

Der junge Monarch beugte sein Haupt, auf das die erkaltenden Lippen des Sterbenden einen Kuß drückten. »Bewegen Sie jene Klingel Sire,« sagte dieser alsdann - »ich will, daß man in meiner Gegenwart Ihnen huldigt, damit ich ruhig sterben kann. Eilen Sie - denn meine Kräfte gehen zu Ende und es ist vielleicht nöthig, daß ich deren noch in Ihrem Interesse bedarf.«

Der Thronfolger schellte. Sogleich öffneten sich zwei der Thüren, die in das Gemach führten - durch die eine trat der Czesarewitsch, durch die andere traten mehrere Männer ein. Es waren: der Fürst Dolgorucki, der Kriegsminister, der Metropolit von Petersburg und Nowgorod Nicanor und der Präsident des Senats Graf Bludoff.

Der Czesarewitsch wollte auf das Lager seines Vaters

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zuschreiten, doch ein gebieterischer Wink des Kranken hielt ihn an seinem Platz. Das Gesicht des Czesarewitsch, so ausdrucksvoll durch den veredelten, aber unverkennbar nationalen Typus, den es trägt, war äußerst bleich.

Der Kriegsminister hatte sich seinem sterbenden Freund und Kaiser genähert - und sein Blick drückte eine stumme gewichtige Frage aus.

Das Auge des Kaisers antwortete in gleicher Weise, indem es sich bedeutsam nach der Stelle wandte, an welcher der Kasten mit den Dokumenten verborgen war - sein Haupt nickte bejahend, während er das Zeichen des Kreuzes machte.

»Meine Freunde«, sagte der kranke Fürst, - »ich habe Euch hierher beschieden, um Euch zum letzten Mal in diesem Leben meinen Willen kund zu thun. Von diesem Augenblicke an bin ich nur noch Nicolaus - Euer sterbender Freund! Dieser ist der Kaiser, und es ist mein letzter Wille und Befehl, Rußland ihm den Eid der Treue leisten zu sehen in den Vertretern seiner Religion, seiner Armee und seiner Gesetze, bevor ich sterbe!«

Der Fürst Dolgorucki küßte, Thränen in dem Auge, die Hand seines kaiserlichen Freundes. Dann beugte er ein Knie vor dem Thronfolger.

»Kraft der Akte Peter's III.12 erkenne ich Dein Recht auf den Thron und schwöre den Eid der Treue Alexander II., Kaiser aller Reußen!«

Alle drei Männer legten ihre rechte Hand auf das

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goldene Kreuz, das der Metropolit ihnen vorhielt und sprachen die Worte des Eides nach. Der Fürst und der Graf küßten nach altrussischer Sitte den Rockzipfel des jungen Kaisers - der höchste Würdenträger der Kirche machte drei Mal das Zeichen des Kreuzes gegen ihn.

Das feste, fast starre Auge des Kranken suchte den Prinzen, seinen Sohn, der unbeweglich dieser feierlichen Scene beigewohnt hatte. »Constantin Czesarewitsch«, sagte er mit klangvoller Stimme, die einen Augenblick kräftig und jung schien, wie am Tage des Kommando's über eine Armee - »Großadmiral von Rußland, tritt her und huldige Deinem Kaiser.«

Der Czesarewitsch blieb unbeweglich stehen, sein Auge haftete fest am Boden, sein Gesicht war noch bleicher als vorhin.

»Hat der Czesarewitsch mich nicht verstanden? - Ich warte!«

Um den Mund des Prinzen zuckte es; - dann schlug er entschlossen den Blick empor und begegnete jenem großen, glanzvollen Auge, dessen Ausdruck noch durch die Majestät des nahenden Todes erhöht war.

»Ich kenne nur einen Kaiser von Rußland, Sire, dem mein Eid gehört, und das sind Eure Majestät!«

»Aber ich entbinde Dich Deines Eides - Dein Bruder ist mein Nachfolger! Es giebt von diesem Augenblick an keinen Kaiser mehr in Rußland, als ihn!«

»Sire - ich kenne nur einen Kaiser - so lange Sie leben!«

»Ungehorsamer! Ich befehle Dir - zu gehorchen!«

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»Sire - wenn Sie nicht mehr Kaiser sind, können Sie mir nicht befehlen! Wenn Sie es noch sind - kann ich keinem Andern den Eid leisten.«

»Als Vater -«

»Auch der Vater hat kein Recht über mich, wo es die Treue des Unterthans gilt!«

Diese ruhigen, entschlossenen Antworten enthielten eine so furchtbare Logik, daß sich selbst dieser mächtige Geist, der im Begriff war, jede irdische Schwäche von sich zu werfen, einen Augenblick darunter zu beugen schien.

Aber dieser Augenblick ging rasch vorüber.

Der sterbende Kaiser richtete sich wie ein zum Tode verwundeter Löwe empor, der seine ganze Kraft zurückruft, um dem Feinde noch ein Mal all' seine Majestät und Furchtbarkeit zu zeigen.

Der junge Monarch war auf den Trotzenden zugetreten. »Ich beschwöre Dich, mein Bruder, gieb nach - nicht um meinetwillen, kein Streit kann unter uns sein, aber um des Vaters willen! Es ist ein Wort, das Du mir leider in wenig Stunden doch nicht verweigern wirst!«

Er bot ihm die Hand - der Blick des Czesarewitsch haftete finster am Boden, seine Arme blieben gekreuzt über der breiten Brust.

»Hierher zu mir, Alexander, mein Sohn!«

Der junge Monarch gehorchte.

Der Arm des Kaisers streckte sich drohend aus nach dem Ungehorsamen. »Ich kannte ihn!« sagte er mit mühsam unterdrücktem Zorn. »Ich allein kenne ihn und seinen Sinn. Zwingst Du ihn nicht in dieser Stunde, da ich

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lebe, seinen Trotz zu brechen, so ist Deine Krone ein Schatten, Deine Regierung ein blutiger Fleck in der Geschichte Rußlands! Er oder Du - er beugt sein Haupt vor Dir - oder der Henker thut es! Willst Du Kaiser der Russen sein, so zeige, daß Du es vermagst! Dein sterbender Vater will es - befiehlt es Dir!«

Die Zeugen dieser furchtbaren Scene standen still - zitternd, ihre Blicke suchten mit offenbarer Theilnahme bald den Bedrohten - bald richteten sie sich mit Besorgniß auf den neuen Herrn.

Der neue Monarch trocknete mit dem Tuch, das er in der Hand hielt, große Schweißperlen ab, die auf seiner Stirn standen. Seine Züge prägten den Kampf aus, der in seinem Innern gährte.

Der Metropolitan war zu dem jungen Großfürsten getreten. »Kaiserliche Hoheit, wir erkennen an, daß Ihre Scrupel gerechtfertigt erscheinen, aber bedenken Sie, daß dem Gesalbten des Herrn freisteht, der Krone, die Gott ihm zu tragen gegeben, zu Gunsten seines Erben zu entsagen, wenn seine irdische Kraft zu Ende. Die Männer, die hier versammelt, sind die treuen Freunde und Diener Ihres Vaters. Wenn Ihnen Ihr Gewissen erlaubt, dem Herrscher schon in dieser Stunde zu huldigen ...«

Das Auge des sterbenden Löwen hatte mit drohendem finstern Ausdruck wie eine Bergeslast von Erz auf dem schwankenden Sohne gelegen. Eine ungeduldige Bewegung der Hand unterbrach die Worte des Kirchenfürsten.

»Mach' ein Ende! - Er - oder Du!« -

Die hohe schlanke Gestalt des jungen Monarchen

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wurde straff, sein Auge blitzte majestätisch, über die Züge seines Gesichts kam jene eherne Ruhe, die seinen Erzeuger auszeichnete.

»Fürst Dolgorucki - welches Regiment hat die Palastwache?«

»Das Regiment Semenoff, Sire. Hauptmann Ssabanieff mit der zweiten Kompagnie des ersten Bataillons.«

»Ertheilen Sie Befehl, - ein Offizier und zehn Mann hinter jene Thür. Der Profoß des Regiments sofort hierher. Ein verschlossener Wagen an die Thür, zu der diese Treppe führt. Zwanzig Gardegensd'armen zur Bedeckung!«

Der Minister verließ durch die Thür nach den Vorzimmern das Gemach.

»Halbe Maßregeln! halbe Maßregeln!« murmelte erschöpft der Kranke, indem er sich auf das Lederkissen zurücklehnte. »Laß dem Rebellen den Kopf vor die Füße legen, wenn Du ihn nicht gewähren lassen willst!«

»Sire,« sagte der neue Kaiser mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung - »das Blut unsers Großvaters Paul muß das letzte gewesen sein, was die Wohnung der Monarchen von Rußland befleckt hat. Die Urtheilssprüche in der kaiserlichen Familie mögen in Schlüsselburg vollzogen werden!« -

Man hörte das Rollen eines Wagens, der in einiger Entfernung still hielt, zugleich das Kommando »Gewehr bei Fuß« und das Rasseln der Kolben auf dem Corridor.

Aus dem Vorzimmer trat der Kriegsminister wieder ein, ihm folgte ein riesengroßer starker Mann mit finsterm

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Gesichtsausdruck - der Profoß des Regiments. Er blieb am Eingang stehen und salutirte, dann ließ er die Hand an die Seite fallen, den Zeigefinger an der Nath[Naht] der Hose. So blieb der Mann gleich einer Statue, das Auge nicht rechts noch links, keine Fiber bewegte sich an ihm.

Man vernahm den Trab eines Cavalleriepikets und sein Halt.

»Dolgorucki - seien Sie so gut zu schreiben. Dort ist Feder und Papier!«

Der Kriegsminister setzte sich an den Arbeitstisch des Kaisers.

»Ich Nicolajewitsch Constantin, Czesarewitsch von Rußland« diktirte der junge Kaiser, »erkenne meinen Bruder Alexander als Kaiser aller Reussen und gelobe ihm Treue und Gehorsam.«

Die Feder flog noch über das Papier, als der Kaiser zu seinem Bruder schritt, ihn freundlich bei der Hand nahm und zu ihm sagte: »Unterzeichne dies Blatt, Constantin - Du weißt, es ist nothwendig, und unser Vater will es.«

»Er allein ist mein Kaiser!«

Der neue Monarch trat zwei Schritte zurück - er suchte das Auge des sterbenden Vaters, das fest und drohend auf ihm lag.

»Einen andern Bogen Dolgorucki. Schreiben Sie!«

Man sah, wie der alte Fürst zitterte, indem er das Papier vor sich legte und die Feder ergriff.

»Dem Generalmajor Trotzki, Gouverneur von Schlüsselburg.«

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»Schlüsselburg!« wiederholte der Fürst.


    »Michael Pawlowitsch, Gott und die Heiligen seien mit Dir! Du wirst Angesichts dieses Briefes die Thore der Festung schließen lassen, und den gegenwärtigen Großadmiral von Rußland Konstantin Nicolajewitsch, Kaiserliche Hoheit«

Der Diktirende hielt inne - wiederum perlte kalter Schweiß in dicken Tropfen auf seiner Stirn und er trocknete sie wiederholt - und wiederum mit dem Ausdruck der Angst und Bitte sah er nach dem Manne von Erz auf seinem Todesbett.

Der sterbende Kaiser machte eine einzige Bewegung - das Zeichen des Kreuzes und neigte das Haupt.

Man hätte den Fall einer Feder hören können in dem Gemach - nur die gleichgültige Respiration des Profoß unterbrach die furchtbare Stille. Der Metropolitan hatte die Hände zum Gebet gefalten.

Die folgenden Worte wurden fast klanglos in fieberhafter Eile gesprochen, - alle Anwesenden schienen sie mehr zu fühlen, als zu hören.

»Nicolajewitsch, Kaiserliche Hoheit in abgesonderte Haft zu nehmen und Höchstdenselben darin zu behalten, bis ...«

»Halt! - Kein Wort davon, Dolgorucki!« der Kranke hatte sich mit einer gewaltigen Anstrengung auf seinem Lager erhoben, sein Auge funkelte, seine Hand streckte sich mit der erhabenen Gewohnheit des Befehls gegen die Anwesenden. »Siehst Du nicht, daß Du den Bürgerkrieg in dieses Reich schleuderst? Schreib, was ich diktire, Fürst - bei Deinem Kopf!«

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»Nicolajewitsch Kaiserliche Hoheit« - wiederholte der Schreibende.

Die Stimme des sterbenden Kaisers war fest, kräftig, ohne die geringste Vibration, als er weiter diktirte:

»- Fünfzehn Minuten nach Empfang dieses Befehls erschießen zu lassen - es sei denn, daß Seine Kaiserliche Hoheit das einliegende Papier unterzeichnen - in welchem Fall Höchstdieselben frei die Festung verlassen.

Gegeben im Winterpalast am 18. Februar 1855.«

»Und nun - unterzeichne!«

Der junge Monarch wagte kein Wort der Entgegnung - mit einem raschen Federzug, abgewandten Gesichts, warf er seinen Namen unter das verhängnißvolle Papier.

»Sire,« bemerkte der Kriegsminister ehrerbietig - »man weiß in Schlüsselburg noch nicht, daß Sie der Kaiser sind!«

»Du hast Recht Dimitry! Gieb her!« Der Kranke ergriff die Feder und schrieb mit fester Hand die Worte unter das Papier:

»Gegeben auf meinen Willen und Befehl. Nicolaus.«

Es war das Letzte, was er geschrieben.

Ein wildes stöhnendes Aechzen entrang sich der Brust des Großfürsten in dem Augenblick, als er seinen Vater unterzeichnen sah. Seine Gestalt schien zusammenzubrechen - die Blässe seines Angesichts wurde zu einer fahlen grauen Farbe.

»Mein Bruder,« sagte nach einer Pause, die nur durch das Knistern des Siegellacks unterbrochen wurde, mit dem der Minister die Depesche langsam untersiegelte -

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der Thronfolger, »Sie zwingen mich, meine Regierung mit dem Schrecklichsten an ihrem ersten Tage zu beflecken. Sie brechen mein Herz! Ich beschwöre Sie bei dem Leben unserer geliebten Mutter, der Sie es mit dem Ihren raub[t]en, - geben Sie dem Willen unsers Vaters nach!«

Der Czesarewitsch erbebte - sein Auge rollte unstät umher - aber seine Lippen blieben krampfhaft auf einander gepreßt.

»Siehst Du jetzt, was Du bei diesem Kopfe auf's Spiel setzest? - Ich allein kannte ihn! - Profoß!«

Die militairische Maschine am Eingang des Gemachs trat drei Schritt vor und salutirte.

»Hast Du Deine Handeisen bei Dir?«

»Ja, Batuschka!«

»Lege jenen Rebellen in Fesseln und dann fort mit ihm!«

Der Riese zog gleichgültig die Handringe aus der Tasche und näherte sich dem Czesarewitsch, als dieser plötzlich aus seiner krampfhaften Erregung emporfuhr und ihn so funkelnden Blicks anschaute, daß der Mann unwillkürlich zurückfuhr.

Dann sprang der Prinz zum Tisch, entriß dem Minister die Feder, unterzeichnete seinen Namen, und stürzte vor dem Lager seines Vaters auf die Knie. »Oh Sire - Ihren Constantin - in Fesseln!«

Es war das Schluchzen eines gebrochenen Herzens. Der Vater, der Kaiser beugte sich über ihn und drückte das Haupt des Sohnes an die Brust, während er sein Haar küßte. »Armes Kind! ich hoffte, Dir eine Krone zu

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hinterlassen, wie ihm - denn ich liebe Dich, wie ihn, aber Rußland war meine erste Pflicht! - Gottes Wille geschehe auch mit Dir!«

Erschöpft von dem furchtbaren Auftritt reichte der sterbende Monarch seinem Erstgebornen die Hand, der seinen Bruder umschlungen hielt. »Jetzt erst bist Du Kaiser von Rußland - ich kenne ihn - er wird sein Wort halten. Liebt Euch und lebt zum Heil Rußlands!« - Er sank, von den Armen der Söhne gehalten, zurück auf die Kissen. - »Laßt Orloff und Adlerberg kommen - ich will Abschied von ihnen nehmen!«

Der Kriegsminister hatte bereits den Schergen entfernt und das Piket fortgeschickt. Die Thüren des Vorzimmers wurden geöffnet und die Grafen Orloff und Adlerberg mit den Aerzten traten ein - man sah in den Vorzimmern die Dienerschaft weinend versammelt.

Der junge Kaiser hatte den Arm seines Bruders gefaßt, und ihn nach der Nische des großen Fensters geführt, das nach der Perspektive die Aussicht hatte.

Trotz der strengen Kälte sah man den ganzen weiten Platz mit dichten Volksgruppen bedeckt, die eine ehrfurchtsvolle Stille beobachteten. Viele Personen knieten auf dem Schnee im Gebet für den sterbenden Herrn.

»Mein Bruder,« sagte der Kaiser - indem er nach der weiten prächtigen Stadt deutete - »ich baue auf Dich - Du wirst der Eckstein des Werkes sein, das unser Vater uns hinterläßt. Dies Rußland ist mein durch das Recht Gottes, und darf nur einen Herrn haben. Unserer Feinde sind viele - Einigkeit ist uns Noth - wir haben

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einen bösen Kelch zu leeren! Aber bei der Krone Runks - ich gelobe Dir! wenn die Zeit gekommen, wird die der Komnenen dem Haupte meines Bruders passen!«

»Gott mache Rußland groß und segne Eure Majestät!« Der Czesarewitsch machte eine leichte Bewegung, das Knie zu beugen, - der Kaiser verhinderte sie, indem er ihn an seine Brust drückte. -


Also erzählt man die Geheimnisse dieser Stunde in St. Petersburg!

Aus Mantua!

Der Krieg zwischen dem Testament Peter des Großen und dem Erbe des ersten Napoleon war im blutigen Gang - drei blutige Schlachten hatten die französischen Adler als Sieger gesehen - fast dreimalhunderttausend Menschenleben waren bereits dem großen Kampf von Oltenizza bis Sebastopol zum Opfer gefallen!

Der Neffe jenes Kaisers, der dreiundvierzig Jahre früher sein Glück und seinen Ruhm in den Flammen von Moskau, in dem Eise der Beresina gelassen - hatte die Schmach getilgt: Rußland stand am Rande der Niederlage, das stolze prahlerische England war gedemüthigt, mehr als durch verlorne Schlachten durch das offenbare Schauspiel seiner Schwäche in diesem Kampf - Oesterreich sah mit banger Erwartung trotz seines Verraths am Horizont der Zukunft jene schwarze Wolke sich erheben, deren Blitze in Magenta und Solferino sich entladen sollten, und Preußen warf seine Zukunft in die Wagschaale, indem es an der Tradition seiner Fürsten und der Treue ihres Wortes festhielt.

Zum zweiten Mal sah das erzitternde Europa das

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junge Kaiserthum, aus der Revolution geboren, die Jahrhunderte alten Legitimitäten erschüttern und den alten Thronen Europas neue Gesetze vorschreiben. Aber durch die Erfahrung klüger als der Oheim begnügte der Neffe sich, zu drohen und zu erschüttern, nicht zu stürzen, um in dem wankenden die Lücke zu machen, in die er das eigne Gebäude ebenbürtig einfügen und so den Ring fester schmieden könnte, als vorher.

Wie damals hatte der Napoleonide die Revolution - jenes ewig in der Weltgeschichte grollende und gleich dem Antäus unter der Bergeslast sich sträubende Prinzip der Demokratie - nur zum Schemel der eignen Erhebung gebraucht, und Treubruch mit Treubruch zahlend hatte er den Fuß der ewig sich erneuenden Schlange kräftiger und lastender auf den Nacken gesetzt, als je ein Fürst auf seinem Throne von Gottes Gnaden. -

Der Vermählung des Kaiser Napoleon mit der schönen Marquesa de Montijo war bald nachher der offene Ausbruch der diplomatischen Zwistigkeiten in der orientalischen Frage, das Bündniß mit England, die Versammlung der Flotten im Mittelmeer, dann in der Troja-Bucht (Besika Bai) und die Kriegserklärung an Rußland gefolgt.

Vergebens hatte sich das griechische Volk erhoben, während zur Unterstützung seines Aufstands die Russen die Donaufürstenthümer besetzten, statt mit der Flotte von Sebastopol sich in einem Schlage Constantinopels und der Dardanellen zu bemächtigen und hier sicher dem Sturm zu trotzen. Die mächtige Hand der Engländer und Franzosen lastete auf dem an Hilfsquellen armen Griechenland

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und diktirte seinem König die Unterdrückung der Bewegung. Saint Arnaud und Lord Raglan hatten ihren Zug nach Varna gemacht, die Dobrudscha ihre Opfer gekostet und seit sechs Monaten lagerten die verbündeten Heere der neuen Argonauten vor dem Zwing-Pontus der Krimm.

Was der Degen des jähzornigen Canrobert nicht gethan, hatten die Sumpffieber Rumeliens vollendet - das blutige Werkzeug des 2. December - Saint Arnaud - war rasch den Opfern der Almaschlacht gefolgt, auch der englische Anführer ein Opfer des Krieges geworden.

Aber schwerer als jene wog der Mann, dessen eherne Hand wir im vorigen Kapitel noch von dem Sterbelager sich ausstrecken sahen!

Kaiser Nicolaus war am 2. März verschieden. Wenige nur werden noch daran zweifeln, daß das Ende des gewaltigen Selbstherrschers ein Opfertod für Rußland und für die starren unbeugsamen Prinzipien seines Lebens war. Der mächtige Kaiser fühlte, daß er zu früh das gewaltige Werk begonnen, daß Rußland noch nicht reif für den Kampf, und die Erbärmlichkeit seiner Diener ihn um den Sieg betrogen hatte. Der Kaiser war gestorben, um mit dem Fall oder dem Siege Sebastopols den Frieden zu ermöglichen. Der Korb von Dresden und Claremont war gerächt! -

Die revolutionäre Agitation hatte auf den orientalischen Krieg bedeutende Hoffnungen gesetzt und im Beginn große Thätigkeit zur Unterstützung seiner Zwecke entwickelt.

Wir haben an einem andern Orte13 ihre Pläne und Entwürfe näher gezeigt, die sich zunächst auf die Wiederherstellung Polens und den neuen Versuch der Gründung eines magyarischen bis zu den Ufern des schwarzen Meeres gehenden Reichs erstreckten und der Schwächung Rußlands und Oesterreichs galten, ohne deshalb die Ziele in Italien aus den Augen zu verlieren.

Zu diesem Zweck hatte sich Sardinien beeilt, in das Bündniß der Westmächte einzutreten und die klägliche dritte Rolle in dem großen Kampf für die Vegetirung des »kranken Mannes« zu spielen. Die Politik Cavour ging Arm in Arm mit Mazzini und nur die Endfragen wichen von einander, ob das seinen rechtmäßigen Fürsten entrissene vereinigte Italien eine neue Großmacht des ehrgeizigen Hauses Savoyen sein, oder den demokratischen Traum einer socialen Republik verwirklichen sollte.

Zu Gunsten des Schwertes ruhte der Dolch. Aber sehr bald begannen die Führer der Agitation zu merken, daß sie der Düpe der napoleonischen Politik und von dem großen Revolutionair auf dem französischen Throne betrogen waren.

Der Kaiser dachte nicht daran, den Fuß, den er auf Italien durch die Occupation Roms gesetzt, zurückzuziehen und so den Plänen des Turiner Kabinets und des Mazzinismus freies Spiel zu öffnen, unter dem Vorwand, daß Oesterreich oder Neapel sich alsbald sonst in die römischen Angelegenheiten mischen würden. Schon damals war der

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Einfluß der neuen Kaiserin zu Gunsten der römischen Hierarchie unverkennbar. Eben so wenig geschah zur Unterstützung einer Erhebung in Polen oder Ungarn. Der napoleonische Adler war im Steigen - die Revolution gefesselt.

Aber der Groll, der Haß, die Rache waren nur eingeschüchtert und rasteten nur.

Im Verborgenen glühte die Flamme fort und die Sicherheit des großen Bezwingers seiner eigenen Mutter, der Revolution, war nur eine scheinbare.

Der Fanatismus schliff seine Klingen!



Unsere Leser werden sich der Sitzung des Revolutionscomité in der Capella Borgherini in der Kirche San Pietro in Montorio nach dem Sturm auf die Villa Corsini erinnern.

Zwei Männer hatten in jener Stunde die Anklage gegen Karl Ludwig Bonaparte, gewöhnlich Prinz Louis Napoléon genannt, den Präsidenten der französischen Republik erhoben.

Die Anklage lautete auf Verrath und Mord an den Bundesbrüdern.

Der Antrag lautete auf Tod! - Die Ankläger waren Felicio Orsini und Guiseppe Andrea Pierri.

Der Todtenbund der Brüder des Dolches - diese Namen mögen romanhaft klingen, aber ihre Identität ist jetzt längst erwiesen! - hatte die Entscheidung vertagt, bis der Präsident der Republik sich zum Kaiser der Franzosen gemacht haben würde.

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Wir erinnern an den Eid Orsini's und daß Louis Napoléon seit zwei Jahren sich Kaiser von Frankreich nannte.

Wo war Felicio Orsini, der jenen furchtbaren Eid geschworen?

Die folgenden Blätter werden darüber Auskunft geben. -

Wir haben vorher noch einige Worte der Vergangenheit jenes Mannes zu widmen, der eine so furchtbare Episode in dem Handel zwischen dem napoleonischen Kaiserthum und der italienischen Revolution bildete.

Felicio Orsini, geboren 1819 in der Romagna, ein Nachkomme jenes alten und berühmten Geschlechts, das einst mit den Colonnas und Borgia's in Rom um die Herrschaft stritt, war einer jener Verschwörer, wie sie eben nur Italien erzeugt.

In seinem 22. Jahre ließ er sich in die geheimen Gesellschaften aufnehmen. Drei Jahre später, 1844, wurde er in das Gefängniß geworfen und zu lebenslänglicher Galeerenstrafe verurtheilt. Durch die mit der Revolution kokettirende Amnestie Pius IX. 1846 unverhofft der Freiheit wiedergegeben, benutzte er diese einzig dazu, sein früheres Treiben fortzusetzen, indem er mit Mazzini in Verbindung trat und bei der Befreiung Louis Napoléons aus Ham thätig war.

Wieder in sein Vaterland zurückgekehrt, wurde er aus Florenz verwiesen, trotzte dem Verbot und wurde in Ketten an die Grenze des Kirchenstaats geschafft. Hier war er einer der thätigsten Theilnehmer an den Aufständen in

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den Abruzzen und bei der Vertheidigung Roms. Nach dem Sturz der römischen Republik trieb er sich in Genua in Nizza und im Herzogthum Modena umher - ward bald von den Gensd'armen, bald von den Carabinieren ergriffen und wieder ergriffen und entwischte ihnen immer auf's Neue. Sein damaliges Leben ist nur eine Kette von Abenteuern und Gefahren. Endlich entledigten die piemontesischen Behörden sich seiner, indem sie ihn nach England einschiffen ließen. Hier verlebte er fünf Monate im vertrautesten Umgang mit Mazzini und wurde sein bestes Werkzeug. Der Kopf brauchte die Hand!

Der Winter 1853 zu 54 war in den Kämpfen an der Donau zwischen den Russen und Türken, vergangen - die blutigen Schlachten von Oltenitza und Cetate hatten keinerlei Entscheidung herbeigeführt und halb Europa rüstete sich, in dem neuen Jahr mit gewaltigeren Massen auf den Kampfplatz zu treten.

Dies war die Zeit - der März 1854 -, in der, offenbar nicht ohne Zusammenhang mit der Politik Palmerston, Mazzini auf's Neue von London seine Agenten aussandte. Die Annahme, daß Frankreich und Oesterreich, mit den Verhältnissen im Osten zu sehr beschäftigt seien, um ihr Augenmerk und ihre Macht der Lombardei zuzuwenden, rief den Versuch hervor, vom Tessin aus das nördliche Italien zu revolutioniren. Mit Instructionen in dieser Richtung versehen war Orsini im März 1854 von London abgereist und hatte sich unter dem Namen Tito Celsi nach der Schweiz begeben. Aber die Schweiz, so bereitwillig mit der Beschützung von Revolutionairen der

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Nachbarstaaten, wollte auf eigenem Gebiet Nichts davon wissen. Seine Wühler-Versuche scheiterten - im Gebirge versteckt hörte er oft die Kugeln der auf ihn fahndenden Gensd'armen um seine Ohren sausen und mußte sich glücklich schätzen, über die französische Grenze flüchten zu können. Sein hartnäckiger rastloser Charakter erneuerte bald das Unternehmen, er wurde verhaftet und nach Chur gebracht. Auch diesmal gelang es ihm, den Gensd'armen trotz ihrer Wachsamkeit zu entwischen und er hielt sich unter dem Namen Georg Hernagh bei seinen Freunden in Zürich verborgen.

Mit neuen Instructionen von Mazzini versehen, welche die gleichzeitige Erregung eines Aufstandes in Italien, Polen und Ungarn zum Zweck hatten, reiste er am 1. Oktober 1854 von Zürich aus nach Mailand und von hier nach Venedig, Triest, Wien und endlich nach Hermanstadt in Siebenbürgen.

Aber man hatte die Wachsamkeit der österreichischen Polizei zu gering angeschlagen; denn kaum hatte er den Fuß in die Stadt gesetzt, als er verhaftet wurde. Ohne noch zu wissen, wer er war, hatte die Wiener Polizei den Verschwörer in ihm gewittert und der Verhaftsbefehl war zwölf Stunden vor ihm in Hermanstadt angelangt. Obgleich man unter seinen Sachen nichts Verdächtiges fand, wurde er nach Wien und von dort nach Mantua abgeführt. -


Der orientalische Krieg war so gut wie beendet, - die Erde der Krimm deckte viele tausend Leichen

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tapferer Soldaten - oder deckte sie vielmehr kaum, denn das Elend und die entsetzlichen Mühseligkeiten in den Lagern der drei Verbündeten vor Sebastopol war zu einer so entnervenden Höhe gewachsen, daß man sich kaum noch die Mühe gab, die Leichen der gefallenen Menschen und Pferde nothdürftig zu verscharren, und daß die Regengüsse oft - namentlich auf den türkischen Lagerstätten - die verwesenden Körper wieder bloß wuschen. Ansteckende Krankheiten, das Elend und die Kugeln der Russen hatten die drei vereinigten Armeen decimirt und selbst sardinische Hülfstruppen waren in die Lücken getreten, damit der mit so gewaltigem Triumph angekündigte und begonnene moderne Argonautenzug nicht in Schimpf und Rückzug endete. -

Es war am Abend des 29. März 1856, ein Donnerstag. Ueber die weiten Niederungen des Ticino und des Po, in deren Sümpfen das Bollwerk der österreichischen Herrschaft im nordöstlichen Italien, das fast unzugängliche Mantua liegt, wehten bereits die milden Lüfte des Frühlings und das üppige Sumpfgrün mit seiner wuchernden Schilfvegetation verlieh den sonst so traurigen Umgebungen der Festung einen freundlichen Anblick.

Das fast unaufhörliche Geläut der Glocken der zahlreichen Kirchen der alten Stadt der Gonzaga's mit ihren mancherlei Kunstschätzen aus der glänzenden Zeit Giulio Romano's und des hochbegabten Mantegna, jetzt den Abendsegen verkündend, schien die Luft in einer vibrirenden Bewegung zu erhalten. Aus den Kirchen strömte mit der Beweglichkeit des italienischen Charakters, die Menge und das Leben des Abends, jene Hauptzeit des Tages für alle

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südlicheren Völker, erfüllte die Straßen und öffentlichen Plätze.

Auf der Piazza di Virgilio um die Statue des berühmten Dichters, - der in dem zwei Miglien von Mantua entfernten Pietola geboren ist - jenem Pietola, in dessen herzoglichen Palast Virgiliana einst Cardinal Medicis nach der unglücklichen Schlacht von Ravenna Zuflucht fand und der französische General Miollis sein berüchtigtes christlich-heidnisches Gastmahl gab, bei dem er in einem extemporirten Apollotempel Kirchenheilige die Rolle der alten griechischen Götter spielen ließ, - drängte sich die promenirende Menge oder lungerte vor dem Eingang des Teatro Diurno und den zahlreichen Kaffeehäusern; denn der Platz gehört am Abend dem Volk, während er am Tage der zahlreichen Garnison zum Grercierplatz dient und deshalb von den italienischen Stadtbewohnern mehr gemieden wird.

Auch jetzt war die schroffe Trennung und Spaltung der beiden Nationalitäten oder Parteien sehr wohl bemerklich. Die weißen und braunen Röcke der Soldaten sah man stets unter den Spaziergängern zusammen und die Offiziere saßen abgesondert vor bestimmten Kaffeehäusern und machten ihre Bemerkungen über die vorüber promenirenden Damen.

Ueber den Platz kamen in vertraulichem Gespräch langsam zwei Männer und wandten sich nach der Seite des östlichen Sees und der Ponte de Georgio. Der Eine war ein Mann nahe den Sechszigern von großem starkem Wuchs mit tief gebräuntem Gesicht und scharf gebogener

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Nase. Er trug modenesische Generalsuniform und sein Auge lief zuweilen finster über die Gruppen der Begegnenden, aus denen mancher Blick ihn verächtlich und feindselig maß. Er hatte auf seiner Brust außer mehreren österreichischen und russischen Orden das Kreuz des heiligen Grabes und den Stern des spanischen Ordens Carl III.

Sein Begleiter war nur wenig über die Mitte der Vierziger, in Civil und von feinem, sicherm und elegantem Wesen.

Der einfache, aber maderne[moderne] Reise-Anzug verrieth Nichts von der gesellschaftlichen Stellung, aber das feine geistreiche Gesicht und das ganze Wesen und Gebahren verriethen den Mann von Welt und Erfahrung.

»Ich versichere Sie, lieber Graf,« sagte der Civilist, »ich habe Oberst Fleury ganz bestimmt erkannt trotz seiner Verkleidung. Die Nachrichten, die wir in Triest hatten, waren zuverlässig, und nur die Krankheit und der Tod Sr. Majestät Don Carlos haben uns verhindert, die Spur weiter zu verfolgen. Die neueste Einladung, die uns zuging, bestimmt, daß heute Abend die Zusammenkunft und die Vorlegung der Papiere hier erfolgen soll.«

»Aber warum wählt man Mantua, da der Besitzer in Treviso ansäßig ist?«

»Ich habe Ihnen gesagt, daß er möglichst sicher gehen will und deshalb sich hütet, die wichtigen Dokumente bei sich aufzubewahren. Glauben Sie, daß es den Agenten des Kaisers auf einen Handstreich ankommen würde? Mantua ist der einzige Ort, wo man des Schutzes

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unbedingt sicher ist. Unter den Kanonen der Fortezza entführt man keine Personen, aber man kauft sie.«

»Und Sie halten diese Dokumente für so wichtig, lieber Neuillat?«

»Nicht für den Augenblick, Graf, wo Louis Napoléon die Macht in Händen hat und tausend Mittel, sie als gefälscht oder unecht auszugeben. Aber wenn ihm ein Unglück passirt, wenn ein Zufall sein Leben endet, dann sind sie in den Händen der Bourbons von ungeheurem Werth. Was ich Ihnen darüber sagen kann, will ich Ihnen mittheilen.«

»Ich bin begierig,« meinte der General.

»Sie werden sich erinnern, obschon diese Zeit vor der unseren liegt, daß der von der Prinzessin Hortense geschiedene Exkönig von Holland im Jahr 1815 bei den Pariser Gerichten einen Prozeß gegen seine Gemahlin einleitete, in welcher er nur seinen älteren Sohn reclamirte, den Prinzen Napoleon, der in den Carbonari-Unruhen bei Rimini fiel. Der Prozeß wurde vom 31. Dezember 1814 bis zum 20. Januar 1815 in Paris öffentlich verhandelt. Obschon man seitdem die Akten und die Exemplare der öffentlichen Blätter aus jener Zeit vernichtet hat, sind dergleichen doch aufbewahrt geblieben. Tripier, der Advokat des Exkönig Ludwig, hatte den Antrag auf die Auslieferung dieses Sohnes an den Vater gestellt, Bouet vertheidigte die Königin. Courtin, der Prokurator des Königs, beantragte, den Vater abzuweisen - der Gerichtshof vertagte seinen Spruch und er wurde nie gefällt, da die Rückkehr des Kaisers von Elba dazwischen kam. Später schienen sich die Gatten verglichen zu haben, wenigstens

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verlautete nicht, daß der Prozeß wieder aufgenommen worden wäre und Hortense überließ ihren älteren Sohn ihrem Gemahl. - Louis Napoléon aber bekümmerte sich herzlich wenig um seinen Vater; nur einmal, als er in Ham saß, nahm er die Krankheit desselben zum Vorwand, um Louis Philipp anzugehen, ihn auf sein Ehrenwort frei zu lassen, um diesen Vater zu besuchen. Louis Philipp schien nicht sehr an die Zärtlichkeit des Sohnes zu glauben und ging auf den Vorschlag nicht ein.«

»Aber das erklärt noch nicht den Inhalt der Dokumente!«

»O doch. Sie wissen, daß die schöne Hortense eine sehr galante Dame war und der Graf Flahault sicher nicht der Einzige, der sich ihrer Gunst erfreute. Die Okronins Cronique scandaleuse jener Zeit erzählt verschiedene Avanturen, ja von einer solchen mit dem Kaiser selbst; Talleyrand wenigstens behauptete die Wahrheit. Nun befand sich damals - ich spreche vom Jahre 1808 - ein Italiener als Kammerdiener bei dem König von Holland, der in die Familienverhältnisse seines Gebieters vollkommen eingeweiht war und sich in den Besitz von Dokumenten und Schriftstücken zu setzen gewußt hat, welche auf das Eheleben der beiden Gatten einige besondere Lichter werfen sollen. Thatsache ist, daß während des Jahres 1807 die Königin von Holland getrennt von ihrem Gatten in Paris lebte. Es soll sich unter den Papieren ein eigenhändiger wichtiger Brief der Königin vorfinden und eine von dem König selbst niedergeschriebene Erklärung so wie ein Zeugniß seines Leibarztes. Man wußte wohl von dem damaligen Vorhandensein

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dieser Papiere, aber sie waren spurlos verschwunden. Auffallend war nur, daß der Kaiser sofort nach seiner Thronbesteigung an den Archivar des Haag die drohende Aufforderung richtete, ihm den im dortigen Archiv liegenden Taufschein herauszugeben. Der Archivar wies das Verlangen entschieden zurück und dies brachte die Sache auf's Neue in Erinnerung.«

»Aber wo kommen jetzt die Papiere plötzlich her?«

»Herr Lorrini, der Sohn jenes Kammerdieners des Königs von Holland, lebt als Gutsbesitzer in der Nähe von Treviso, also als österreichischer Unterthan. Er hatte aus der Erbschaft seines Vaters eine eiserne wohl verschlossene Kassette erhalten mit der testamentarischen Anweisung, daß dieselbe erst zwanzig Jahre nach seinem Tode geöffnet werden dürfe. Dies ist vor vier Wochen geschehen, und Herr Lorrini, der ein Spekulant ist, hat die Papiere dem Kaiser Louis Napoléon zum Kauf angeboten.«

»Und Oberst Fleury?«

»Signor Lorrini hat es weislich abgelehnt, mit seinen Dokumenten nach Paris zu kommen. Die gegenwärtigen Friedensverhandlungen in Paris haben den Adjutanten des Kaisers nach Turin geführt, und er hat wahrscheinlich den Auftrag, bei dieser Gelegenheit sich von der Echtheit der Dokumente zu überzeugen und um sie zu handeln.«

»Aber woher wissen Sie davon?«

»Parbleu! Signor Lorini, lieber Mortara, ist ein viel zu gescheuter Mann, um seinen Preis nicht durch

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Concurrenz zu erhöhen. In dem Augenblick, in dem er Louis Napoléon den Verkauf angeboten, hat er dasselbe an die ältere Linie der Bourbons gethan und wer weiß noch, an wen! Kurz, die Frau Herzogin von Berry hat mich beauftragt, mich von der Sache zu überzeugen.«

»Und auf heute ist Ihnen das Rendezvous bestimmt?«

»Auf heute Abend 10 Uhr, in der Nähe des Galetta-Platzes. Da ich früher nicht in Mantua war, ist es mir lieb durch einen alten Freund die nöthigen Auskünfte erhalten zu können.«

»Wir sind zur Stelle.«

Die Sonne sank soeben hinter den fernen Bergreihen der Toskanischen Appeninen und die beiden Freunde befanden sich auf dem Platz am Eingang der 2700 Fuß langen Steinbrücke, welche die Stadt mit der Vorstadt Borgo di San Giorgio und dem Fort gleiches Namens verbindet, durch sechs Bastionen und zwei Strandbatterien vertheidigt.

Der Anblick der riesigen Befestigungen, der sich von hier bot, - denn man übersieht über die Wendung des See's nach Westen hin auch die Borgo di Fortezza, den 1380 Fuß langen, die Verbindung zur Mincio-Insel bildenden Damm, die Ponte di Molini und die mächtige Citadelle di Porto, auf deren Wällen Andreas Hofer den Heldentod für sein Vaterland unter den Kugeln der französischen Schergen starb - verfehlte seinen Eindruck nicht auf den Diplomaten.

Herr von Neuillat, denn es war in der That der gewandte Agent des Don Carlos, der Gegner der finstern Einwirkungen des zelotischen Corpas, dem wir bei einer

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früheren Gelegenheit in dem blutigen Kampf der Karlisten und Christino's begegnet sind, ließ sein Auge über die mächtigen Wälle und Steinmassen und die Fläche des See's schweifen, der sich nach Süden hin, seine Ufer von dichtem Rohr und Schilf bedeckt, in jene Sümpfe verliert, welche der unbesiegbare Schutz Mantua's sind, während der Bogen nach Norden und Osten den Hafen der Stadt bildet, in den die Schiffe aus dem Po und selbst aus der Adria gelangen können.

»So lange die Oesterreicher Mantua besitzen,« sagte er nachdenkend, »werden sie dem Sturm, der über kurz oder lang droht, Trotz bieten können. Das Festungsviereck von Peschiera, Verona, Mantua und Leguano deckt Oesterreich und Deutschland auf dieser Seite vor jedem französischen und sardinischen Einfall und an der Mincio-Linie werden sich die Gelüste des kleinen Welteroberers brechen.«

Der General sah ihn erstaunt an. »Aber Sie sprechen, als ständen wir vor dem Ausbruch eines neuen Krieges, während wir im Frieden leben und die Lombardei unser ist.«

»Kennen Sie Herrn Cavour?«

»Den sardinischen Minister? dem Namen nach, ich habe ihn persönlich nie gesehen.«

»Nun, ich kenne ihn, wie ich alle Welt kenne, denn das ist mein Geschäft. Es lebt ein Feuergeist unter diesem ruhigen Aeußern, er ist seit Macchiavelli der klügste Minister, den Italien je besessen und Garibaldi und Mazzini können nicht eifriger den Plan der Einheit Italiens verfolgen, als Graf Cavour, nur mit dem Unterschied,

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daß er eine Monarchie unter Victor Emanuel daraus machen will und Jene die italienische Republik.«

Der General lächelte verächtlich. »Ich denke, die Tage von Custozza und Novara haben Sardinien die Macht Oesterreichs kennen gelehrt!«

»Radetzki ist ein 89jähriger Greis und die Natur fordert ihr Recht. Ich will damit nicht sagen, daß es Oesterreich an tüchtigen Feldherren fehlt - aber Sie selbst werden nicht leugnen, daß Oesterreich mit seinem italienischen Besitz auf einem immerwährend gährenden Vulkan steht und jeden Augenblick auf dessen Eruption gefaßt sein muß. Sie selbst sind Italiener, um das zu wissen.«

»Ich bin vor Allem Offizier Sr. K. Hoheit des Herzogs von Modena,« sagte der General finster.

»Eines österreichischen Erzherzogs, lieber Graf und das genügt vollkommen. Aber es fällt mir auch nicht ein, daran zu zweifeln, daß Oesterreich stark genug ist, jeder Intrigue von Seiten Sardiniens und der Mazzinisten die Spitze zu bieten. Nur ...«

»Was meinen Sie?«

»Man hat bis jetzt den Calcül ohne den neuen Napoleon gemacht.«

»Frankreich ist mit Oesterreich in vollem Einverständniß. Die Stellung, welche Oesterreich in dem orientalischen Kriege eingenommen, legt Frankreich Verpflichtungen auf.«

Der Diplomat lachte. »Ein Soldat bleibt Soldat, lieber Graf. Das Wort des Fürsten Schwarzenberg, daß die Welt über Oesterreichs Dankbarkeit staunen werde, wird ein lauteres Echo an der Seine finden. Ueberdies weiß

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man dort sehr wohl, daß man in Wien nur die eignen Interessen an der Donau verfolgt hat und halb Oesterreich eine russische Provinz wäre, wenn Rußland an der Sulina Herr bliebe. Oesterreich ist es, das sich hat verleiten lassen, die sogenannte heilige Allianz zu sprengen und damit seinen besten Rückhalt aufzugeben. Frankreich wird die drei Pfeiler des europäischen Friedens seit fast dreißig Jahren jetzt einzeln brechen. Die Tradition Frankreichs setzt ihren Fuß auf Italien und die Ebenen der Lombardei haben schon mehr als einmal französische Armeen gesehen. Oder glauben Sie, daß diese plötzliche Freundschaft Frankreichs und Sardiniens keine Bedeutung hat? Welche Veranlassung hatte das Kabinet von Turin, ein Hülfscorps gegen Rußland nach der Krimm zu schicken? das war ein Handel auf Kosten Oesterreichs, oder ich müßte mich sehr täuschen! die Revolution wird zur rechten Zeit sich regen, glauben Sie mir!«

Der General wies finster nach den Steinmassen des Forts San Giorgio. »Sehen Sie jenes Fenster im südlichen Thurm - im dritten Stock, das vierte von links?«

»Ja wohl - der letzte Strahl der Sonne beleuchtet es.«

»Nun wohl - dergleichen sind die besten Bürgschaften für die Revolution.«

»Es ist eine Kerkerzelle!«

»Einer der thätigsten und gefährlichsten Agenten Mazzini's sitzt darin. Das Fort ist zur Aufnahme der politischen Gefangenen bestimmt, und ich denke, ein Aufenthalt sicher genug.«

»Wer ist der Gefangene?«

»Ein gewisser Felix Orsini - ein Rebell von

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Profession. Ich kenne zufällig Herrn Sanchez, der in der Untersuchungs-Kommission über ihn und den Obersten Calvi präsidirte. Orsini war an dem römischen Aufstand betheiligt und hat vielfach in Toscana und Modena Aufruhr zu stiften gesucht. Er wurde bei gleichem Versuch in Ungarn ergriffen und Sie wissen, daß die österreichischen Behörden in diesem Punkt nicht mit sich spielen lassen, das ist ihr bestes Verdienst! Orsini ist einer der kühnsten Akoluthen Mazzini's und durch die Beschlagnahme seiner Instructionen bei der Verhaftung der Mailänder Verschwörer vollkommen überführt. Man glaubt sogar, daß er zu dem berüchtigten Bunde der Dolchbrüder gehört.«

Der Diplomat lachte. »Zum Henker, dann könnte man den Bourbons keinen bessern Dienst erweisen, als ihn loszulassen! Ist er verurtheilt?«

»Das Urtheil ist gefällt, aber die Bestätigung von Wien wohl noch nicht eingetroffen.«

»Und wie lautet es?«

»Tod durch den Strang!«

Herr von Neuillat konnte eine kleine Bewegung des Schauders nicht unterdrücken. »Ich bin der Ansicht, daß diese Strenge gegen politische Verbrechen nicht gut thut!«

Der General strich sich finster den Schnurrbart. »Cospetto, ich glaube Neuillat, Sie werden empfindsam auf Ihre alten Tage. Ich bin für die äußerste Strenge. Jede Milde, jede Amnestie ist grade hierbei der größte Fehler. Die Schlange der Empörung, die jetzt überall im Dunkel schleicht, kann nur mit eiserner Gewalt unterdrückt werden. In dieser Beziehung achte ich den Kaiser der

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Franzosen. Sie kennen Italien nicht genug, sonst würden Sie nicht so urtheilen!«

Herr von Neuillat war stehen geblieben und wandte sich zu seinem Begleiter: »Denken Sie an unsere jüngeren Jahre, Graf - was waren wir anders damals in Spanien, als ebenfalls politische Parteikämpfer?«

»Wir kämpften für den legitimen Fürsten? Und ist man etwa mit uns glimpflicher umgegangen? Wurde nicht jeder Carlist, der in die Hände des Schlächters Espartero fiel, oder gar unter jene Banditen, die Argelino's, mit ärgster Grausamkeit getödtet? Im politischen Parteienkampf giebt es keine Schonung, oder man opfert sich selbst!«

Der ehemalige Agent des spanischen Thronprätendenten wiegte nachdenklich den Kopf: »Wir waren schon damals nicht einig in unseren Ansichten, lieber Graf,« sagte er milde. »Sie hielten sich stets mehr zu den Entschlüssen Sr. Majestät des verstorbenen Königs, der leider durch den finstern fanatischen Einfluß jenes Corpas geleitet wurde - ich hielt es mehr mit den milderen Prinzipien des Infanten Don Sebastian. Indeß mögen Sie leider in gewissem Maaß Recht haben. Aber das erinnert mich an einen seltsamen Brief, den ich kürzlich erhalten. Erinnern Sie sich noch an unser Abenteuer im Thal von Azcoitia und an den Fürsten Felicio?«

»Einen Deutschen? Er verließ später das Heer und war in Barcelona glaube ich in Gefahr, vom Volk ermordet zu werden!«

»Ganz recht! das traurige Schicksal ist ihm anderwärts nicht erspart worden. Aber erinnern Sie sich unseres

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damaligen Spazierrittes und der Erschießung der Argelino's an dem Thurm, die Don Corpas betrieb?«

Die Erinnerung schien eine andere unangenehme in dem Grafen zu erregen, wenigstens verrieth dies seine finstre Miene, als er sagte: »Ich erinnere mich oberflächlich.«

»Es wurden damals durch den Beistand des Fürsten Felicio und ein wenig auch durch den meinen, ein junges Mädchen und ihr Bruder, wenn mir recht ist, auch noch ein Paar andere Bursche, vom Tode gerettet. Sie hatten damals mit den Folgen des Abenteuers Nichts mehr zu thun, erfuhren wohl auch kaum davon - ich selbst habe jahrelang nicht mehr daran gedacht, bis ich kürzlich durch einen Brief daran erinnert wurde.«

»Von wem?«

»Von dem Bruder des unglücklichen Mädchens. Es scheint, er stammt aus einer Familie, die sich der Abkunft von den maurischen Königen Granada's rühmt. Gegenwärtig aber ist er - er war damals Christino und Offizier der Argelino's - Arzt in einem französischen Zuavenregiment, das noch in der Krimm steht. Sie müssen wissen, daß Fürst Felicio sich damals sterblich in das Mädchen verliebt hatte und sie sogar, um sie gegen die Familienfeindschaft des Don Corpas zu schützen, heirathen wollte, als sie plötzlich und unter Umständen, die auf ein Verbrechen schließen ließen, in der Nacht vor unserm Abmarsch aus Azcoitia verschwand. Der Fürst war lange untröstlich und dies eine der Ursachen, daß er später das Heer verließ. Nun schreibt mir jener Mann, daß er durch einen Zufall die Ueberzeugung erhalten habe, daß aus jener

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flüchtigen Verbindung des unglücklichen Mädchens mit dem deutschen Cavalier ein Kind existire, aber er wisse nicht, welches und wo? und fordert mich auf, es ihm ermitteln und als den rechtmäßigen Erben des Fürsten legitimiren zu helfen, da der Fürst selbst ihm vor seiner Abreise aus Spanien mitgetheilt habe, daß er mit Donna Ximena wirklich getraut und ich einer der beiden Zeugen gewesen sei?«

»Ist dies wahr?«

»Der Arme! - Selbst wenn das Kind - er weiß nicht einmal, ob es ein Knabe oder Mädchen ist, - gefunden werden könnte, - kann ich ihm wenig Trost bieten. Die Heirath war eine bloße Täuschung!«

»Wie so?«

»Eine Scheinheirath, von mir auf des Fürsten dringendes Bitten und als das einzige Mittel veranstaltet, das Mädchen der Gewalt des Don Corpas und einem Verhaftsbefehl des Königs zu entziehen. Ein Mönch wurde gewonnen und bezahlt, ausdrücklich nur eine Scheintrauung zu vollziehen. Dennoch interessire ich mich aus alter Freundschaft für das Kind, und wenn es aufzufinden wäre, würde ich mich seiner gern annehmen. Vielleicht können Sie dazu behülflich sein!«

»Ich?«

»Ja wohl, Graf! Sie haben Verbindungen in Rom und Bologna. Kennen Sie den Rector des Jesuiten-Collegiums in Bologna?«

»Monsignore Corpasini?«

»Ganz recht - so ist der Name. Der Zuavenarzt,

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unser Spanier, schreibt mir, daß dieser Monsignore Corpasini der Sohn jenes Don Corpas, schon damals ein zelotischer Mensch war und über das Kind Auskunft geben könne, aber sie hartnäckig verweigere. Vielleicht haben Sie einigen Einfluß auf ihn und könnten ihn zu einer Mittheilung bewegen.«

»Verschonen Sie mich mit der Angelegenheit,« sagte der Graf frostig. »Der Prälat ist ein Mann von großem Einfluß und der nie von einem gefaßten Beschluß abgeht - es würde gefährlich sein, sich ihn zum Feinde zu machen.«

»Bah - Sie wissen von Alters her, daß ich mich nicht vor den Schwarzröcken fürchte. Aber was bedeutet das Gerüst dort auf der Bastion - es sieht wahrhaftig aus wie ein Galgen!«

»Es ist ein solcher, den Bewohnern von Mantua zur Warnung. Oberst Calvi wurde dort gehenkt.«

»Ich habe davon gehört - er war einer der Vertheidiger von Venedig. Der Prozeß hat etwas lange gedauert.«

»Es sind zwei Jahre, daß er in die Hände der Polizei fiel. Er glaubte sich bereits sicher - aber er täuschte sich und fand am 4. Juli den verdienten Lohn.«

»Man sagt, er sei wie ein Mann gestorben!«

»Das ist wahr - man muß auch dem Feinde diese Gerechtigkeit widerfahren lassen. Ich war damals gerade in Mantua anwesend und wohnte der Hinrichtung bei. Er hatte es sich ausgebeten, daß man ihn mit dem Binden verschonen solle und erschien in der Mitte seiner beiden

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Wächter, im schwarzem Anzug mit schwarzen Handschuhen, so gleichgültig seine Cigarre rauchend, als mache er einen Spaziergang. Ich glaube, man hätte ihn sicher begnadigt, wenn er um sein Leben gebeten hatte.«

»Und er that es nicht?«

»Nein - er starb mit einem Trotz, der einer bessern Sache würdig gewesen wäre. Möge er im Fegefeuer dafür büßen!«

Sein Begleiter zuckte leicht die Achseln und brach daß Thema ab. »Um wie viel Uhr wird die Brücke gesperrt?«

»Jeden Abend um 8 Uhr bis des Morgens fünf. Indeß werden Sie unter meiner Begleitung auch später Uebergang finden.«

»Der Zug nach Verona geht um 5 Uhr 50 Minuten ab.«

»Und Ihr Rendezvous?«

»Diesen Abend 10 Uhr. Aber Sie wissen, daß ich morgen in Venedig sein muß, wie Sie in Modena. Ich habe darum vorgezogen, einen Gasthof in San Giorgio zu wählen. Sie würden in der That mich verbinden, wenn Sie mir zur Passirung der Brücke die Erlaubnißkarte verschaffen wollen.«

»Das ist leicht, denn ich kenne den Major vom Platz, und wir können im Vorübergehen die Sache besorgen. Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich selbst ein Geschäft in Mantua habe und es läßt sich am Besten des Abends abthun. Ich begleite Sie in Ihr Hôtel, um die Briefe Seiner Majestät in Empfang zu nehmen, und wir kehren dann zusammen zurück. Darf man den Ort Ihres

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Rendezvous wissen, denn ich wiederhole Ihnen, Vorsicht ist nöthig.«

Herr von Neuillat schlug seinen Paletot zurück und zeigte dem Freunde den Griff eines Revolvers, »Die Personen, mit denen ich zu thun habe, sind Spekulanten, aber keine Politiker. Auf alle Fälle bin ich vorbereitet. Hier ist die Adresse. In der zweiten Querstraße des Platzes, den wir eben verlassen haben, in der Nähe der Kirche San Barbara.«

Der General war plötzlich wieder stehen geblieben, - während Herr von Neuillat achtlos darauf mit scharfem Blick ein ländliches Paar, Mann und Frau, musterte. Die Landleute hatten sich bei einer der Hökerinnen verweilt, die auf der Brücke in ihrem fliegenden Laden Südfrüchte und Eiswasser verkaufen, und kam ihnen jetzt entgegen.

»Die zweite Straße? Das ist merkwürdig - und können Sie mir den Namen des Mannes sagen, zu dem Sie bestellt sind.«

»Er trägt auffallender Weise Ihren eigenen Namen lieber Graf - ich dachte bisher nicht daran. - Seltsam - dies Gesicht muß ich bereits gesehen haben!«

Die letzten Worte galten dem entgegen Kommenden; Herr von Neuillat betrachtete forschend die Bäuerin, deren Gesicht zum Theil unter dem Kopfputz der Frauen aus der Gegend von Brescia versteckt war. Auch der Mann trug die Kleidung der Landleute am Garda-See und beide gehörten nach den Rosenkränzen in ihren Händen, dem Agnus Dei auf dem Hut, dem Quersack auf der Schulter bes Mannes und dem Korbe der Frau zu den zahlreichen

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Wallfahrern, die aus allen Gegenden der Lombardei und der Herzogthümer, ja oft von weiter her zusammenkommen, um zu der berühmten Wallfahrtskirche San Maria delle Grazie, 5 Miglien von Mantua entfernt, zu pilgern.

Die Frau, als sie sich so scharf in's Auge gefaßt sah, erröthete und wandte sich ab - der Mann, ein kühnes, schönes Gesicht, erwiderte keck den Blick.

»Mortara?«

Neuillat sah noch immer hinter den Landleuten drein, die ihren Weg nach der Stadt fortsetzten. »Es ist ein in der Romagna nicht selten vorkommender Name. Der jüdische Juwelier, dem er gehört, stammt aus Bologna.«

»Ganz recht! es giebt eine jüdische Familie dieses Namens,« sagte der Graf nicht ohne Zögern. »Aber wissen Sie, daß ich gerade mit demselben Mann zu thun habe, und das ist seltsam.«

Herr von Neuillat wollte nicht weiter nachfragen, um seinen Gefährten nicht zu verletzen; denn er erinnerte sich des dunklen Gerüchts, daß der General selbst aus einer jüdischen Familie stamme, obschon dieser jede Andeutung darauf mit Unwillen aufnahm.

War es doch eine solche, unwillkürlich hingeworfen, die damals beinahe zu einem Streit mit dem Fürsten Felicio geführt hatte, für dessen Kind sich zu interessiren er jetzt abwies.

Sie traten in das Thor des Forts. -


Es war eine traurige düstere Zelle sechs Schritte lang. - vier breit. Das Fenster sieben Fuß hoch vom Boden

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entfernt ging durch die riesige Dicke der Mauern in schiefer Richtung nach oben, daß die Oeffnung nur ein Stück des blauen Himmels seines geliebten Italiens zeigte!

Dieser Strahl des Lichts war aber gebrochen und vermindert durch jene schreckliche Vorsicht der Gewalt, welche die eilenden Wolken, die freien Segler der Lüfte nur zeigt, um die Verzweiflung des Gefangenen zu erhören.

Wem fielen des wahnsinnigen Lenau's mächtige Verse nicht ein, der jene Gefangenschaft eines kräftigen Geistes so schön malt:


    Da springt er auf, gejagt vom innern Brande
    - Er rast - er sucht sein Schwert! - er will hinaus -
    Doch Hohngelächter rasseln seine Bande
    Und felsenfest verschlossen bleibt das Haus!

Der Haß und die Vorsicht hatte sich nicht mit dem gewöhnlichen Gitter begnügt. Die Höhlung des Fensters zeigte anderthalb Fuß von einander, zwei Reihen von ungeheuren einander kreuzenden Eisenstäben in die Mauer eingebleit, und das Luftende des Fensters war noch überdies mit einem Drahtgitter verschlossen.

Jack Sheppard selbst, der Ausbrecher von Profession, hätte an diesen doppelten Eisenstangen verzweifeln können.

Die kleine Zelle war sehr einfach möblirt - eine an die Wand geschmiedete Bettstelle mit Strohsack, Bett und Kissen, aber gut und reinlich mit genügendem Leinenzeug, ein Tisch und hölzerner Stuhl und ein Koffer in der

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Ecke, dessen Schloß abgeschlagen war, und der Wäsche und Kleidungsstücke des Gefangenen enthielt.

Aber auf dem Tisch befanden sich Schreibmaterialien und mehrere Bücher, darunter Shakespeare und Rousseau's Heloise, eine große Weinflasche und zwei Gläser.

Mit Ausnahme jeder Beschränkung der Freiheit war demnach die Behandlung keine schlechte.

Der Wächter hatte eben dem Gefangenen sein Abendbrod gebracht, aus Weißbrod, Salami, dem Wein und einem Teller mit schönen großen Orangen bestehend. Der Gefangene saß an dem Tisch, mit dem Verzehren des Brotes beschäftigt, der Gefangenwärter auf dem Bett, mit ihm plaudernd.

Der Gefangene war ein Mann von etwa 36 Jahren mittlerer Gestalt und festem, kühnen, aber dennoch etwas träumerischen Gesichtsausdruck. Dieses trat namentlich in dem großen dunklen Auge und jenem merkwürdigen Zug der kräftig gewölbten Stirn hervor, der ein gewaltsames Ende verkünden soll.

Der Bewohner der Zelle war Felix Orsini. In diesem Augenblick hätte wohl Niemand, der ihn nicht näher kannte, in dem muntern sorglosen Ausdruck des Gesichts, in dem Eifer, den er auf seine Mahlzeit verwandte, den kühnen Verschwörer, den Mann, der jeden Morgen die Verkündigung seines Todesurtheils zu erwarten hatte, geahnet.

Der Gefangene öffnete kauend den Mund. »Warum trinken Sie nicht, Signor Tirelli?«

»Corpo di Bacco - was würde dieses deutsche Vieh

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von Oberaufseher sagen, den man uns von Wien gescheckt in Stelle des braven Casatti, wenn er glaubte, ich hätte zu viel getrunken. Und der Wein ist stark, Signor Orsini, bester Este, wie Sie ihn lieben, ich habe ihn selbst geholt.«

»Er sollte noch besser sein für meine wackern Freunde, die mir so menschenfreundliche Theilnahme erweisen, ohne einen Buchstaben von ihrer Pflicht zu weichen, wenn jene Leute, die sich meine Verwandten und Freunde da draußen nannten, besser ihre Pflicht gethan.«

[»]Si, si Signore - es ist schändlich, daß man Ihnen die 6000 Lire nicht geschickt hat, die Sie schon vor dem Weihnachtsfest verlangten. Einen so braven Mann wie Sie, der dem Tod ein Schnippchen schlägt und allein seine Wächter und seine Richter liebt - es ist eine Schande und Sünde!«

»Sie hätten dann Montefiascone mit mir trinken sollen, statt des Landweins,« meinte der Gefangene, indem er sich selbst einschenkte. »Aber Sie trinken nicht, Signor Tirelli!«

»Ich habe Ihnen schon gesagt, Signor Orsini, daß dieser Deutsche den Teufel im Nacken hat. Wenn uns das passirte, was damals geschah - erinnern Sie sich, als Sie noch in der Stube der Aufseher mit uns verkehren durften, und wir manchmal ein unschuldiges Gelag hatten. Ich weiß noch heut nicht, wie es kam, daß uns der Wein so zu Kopfe stieg, - wir waren wie die Bleiklumpen - nur der Oesterreicher hielt sich tapfer. Wie leicht hätten Sie uns damals entlaufen können - aber

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Sie sind ein gentiluomo - Sie machen sich Nichts aus dem bischen Sterben und bringen Ihre Freunde nicht in Verlegenheit!«

»Ei zum Teufel, ich werde Ihnen doch noch einmal unter den Händen entwischen!«

Der Aufseher lachte aus vollem Halse und trank ein großes Glas Wein. »Sie spaßen, Signor, Sie spaßen? Sie sind nicht, wie dieser alberne Redaelli14, der den thörichten Fluchtversuch machte und dafür in die Gefängnisse unter dem Thurm kam. Bei San Onofrio, er hat uns der Scheererei genug gemacht, denn seinetwegen verloren wir unsern braven Casatti und bekamen diesen Deutschen, der uns zwingt, die Zellen bei jedem Besuch zu visitiren und stets zwei Mann auf dem Corridor anwesend zu sein.«

»Aber Sie untersuchen ja nie mein Gitter, Signor Tirelli,« sagte der Gefangene, »und doch thaten Sie es, als ich noch in Nr. 3 war.«

»Bah - damals kannten wir uns noch nicht so gut. Solche Vorsichtsmaßregeln gebrauchen wir nur bei Leuten, wie Barraba; bei einem Mann wie Sie, wäre es schlecht, sehr schlecht! - Ueberdies, betrachten Sie einmal diese Stäbe - Sie müßten mehr Kräfte haben als der Riese Goliath, wenn Sie auch nur einen zum Wackeln bringen wollten! Außerdem fürchten Sie den Tod nicht!«

Er war aufgestanden und stellte sich zufrieden lachend vor das Fenster, um die starken Gitter zu betrachten.

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Ein nervöses Zittern durchflog den Körper des Gefangenen, sein Gesicht wurde einen Augenblick todtenbleich. Im nächsten aber hatte er sich gefaßt, und die Gelegenheit benutzend, daß der Aufseher ihm den Rücken zukehrte, hielt er die Hand über das Glas desselben und drückte sie leicht zusammen.

Ein scharfes Auge hätte einige Tropfen in den Wein fallen sehn können.

Eben so schnell war die Hand zurückgezogen. Der Gefangene war so gleichgültig, wie vorher, als Jener sich zu ihm kehrte, er preßte mit Gewalt den tiefen Athemzug zurück, der seine Brust erleichtern wollte.

»Durch diese Gitter mag es freilich nicht möglich sein«, sagte er - »überdies müßte man ja ertrinken, denn wenn ich mich recht erinnere, sagten Sie mir einmal, Signor Tirelli, daß die Mauer des Thurms auf das Wasser des Grabens stößt!«

»O, das hätte keine Gefahr, das Märzwasser des Grabens ist bereits wieder getrocknet!«

»Nun dann steht zur Sicherung wahrscheinlich eine Schildwach jetzt dort!«

»Corpo di Bacco, Signor Orsini - was denken Sie, Feldmarschalllieutenant Celoz verschwendet seine Soldaten nicht. Bedenken Sie doch, Ihr Fenster ist volle 104 Fuß über dem Boden, ein Vogel könnte den Hals brechen!«

»Dann bleibt also Nichts übrig,« sagte lachend der Gefangene, indem er mit dem Aufseher anstieß, »als daß ich durch den Corridor entfliehe, oder mich hängen lasse!«

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»Lassen Sie sich hängen, Signor, lassen Sie sich hängen. Es soll eine ganz angenehme Empfindung sein, bei Männern und Weibern. Komisch das, aber es ist so! Sie wissen am besten, daß Sie nicht aus dem Korridor kommen könnten, denn die Thüren zum Thurm sind verschlossen und acht Soldaten haben die Posten. Aber warum kosten Sie diese Orangen nicht, Signore, sie sind vortrefflich und Sie lieben die Frucht so sehr!«

»Ich habe keinen Appetit und werde sie nachher essen. Sind sie von Ihrer alten Lieferantin?«

»Von der Mutter Anna auf der Brücke? Gewiß! Sie wissen, daß ich keine andern kaufe, sie hat stets die frischesten und besten und dazu einen trefflichen Schluck echten Rosoglio. O die Mutter Anna ist eine große Verehrerin von Ihnen, grade wie ich, ich muß ihr jedesmal von Ihnen erzählen und habe ihr ausdrücklich versprechen müssen, wenn Sie gehenkt werden sollten, ihr einen guten Platz zu verschaffen!«

»Die alte Hexe!«

»Oh caro mio! wie falsch Sie da gleich wieder denken! Die buona vecchiavella ist gar nicht so alt, vor acht Jahren diente sie noch, wie sie mir erzählt hat, als Amme bei einem Juden in Bologna, und hat einem verdammten Judenkinde ihre Brust gegeben. Heilige Jungfrau der Gnaden! daß so etwas erlaubt ist! die Mutter Anna macht sich auch Millionen Vorwürfe darüber, denn sie ist eine sehr fromme Frau, und wandert alle Woche hinaus zur heiligen Madonna della grazie um Vergebung der Sünden!

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Aber machen Sie es, wie Sie wollen, Signor, wenn Ihnen die Orangen nur schmecken!«

»Ich danke Ihnen, Signor Tirelli. Ich werde mich zeitig niederlegen, denn ich will morgen bei guter Zeit wach sein, um nach Zürich zu schreiben. Man muß mir noch ein Mal Geld schicken!«

»Ah - ich verstehe! An die Signora Emma? Ich wette hundert Lire gegen Ihre Apfelsine dort, daß Ihre kleine iinamorata Sie nicht im Stich lassen wird.«

»Das glaube ich auch! aber ich versichere Sie nochmals, die Signora Herwegh ist nicht meine Geliebte, sondern eine Freundin, eine verheirathete Frau.«

»Bah - als ob das was schadete! Dann lieben die Weiber erst recht! Und corpo di bacco, man schreibt an eine Freundin nicht so lange Briefe wie die Ihren. Aber was geht's mich an, die hohe Justiz und Se. Excellenz haben Ihnen das Vergnügen erlaubt! Gute Nacht, Signor Orsini! Ich freue mich, daß ich heute nicht nöthig habe, die Nacht wieder im Korridor zu wachen, es ist meines Kameraden Volturni Sache, denn Ihr Weinchen hat mich etwas müde gemacht. Auf Wiedersehen, morgen früh um 6 Uhr.«

»Auf Wiedersehen, Signor Tirelli!«

Der Aufseher hatte den Tisch abgeräumt und Alles in seinen Korb gelegt, nur die Orangen blieben stehen. Er schloß die Thür auf, nickte dem Gefangenen und entfernte sich. Man hörte, wie von Außen sich die schweren Riegel vor die massive Pforte legten.

Die Thür war kaum in das Schloß gefallen, als das

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ganze Wesen des Gefangenen sich wie mit einem Zauberschlage änderte. Die gleichgültige Miene, das sorglose unbekümmerte Wesen war verschwunden, seine dunklen Augen schleuderten einen Blitz des energischen Hasses hinter dem Manne drein und mit dem Sprung eines Tigers war er an der Thür und legte sein Ohr lauschend daran.

Das Ergebniß schien befriedigend, denn er richtete sich mit einer Miene des bewußten Triumphes empor und ging dann zum Tisch. Er nahm die Orangen auf und betrachtete sie sorgfältig.

»Ha - diese ist es! ich habe mich nicht getäuscht - Anna Morisi, meine brave Milchschwester und die Freunde vergessen mich nicht!« Er brach hastig die Orange auf. Zwei feine, zusammengerollte Uhrfedern zu einer scharfen Säge gezahnt, sprangen elastisch in ihre Form zurück, als er sie aus der Schale löste. Ein zwischen Gummiblättern sorgfältig vor der Feuchtigkeit des Saftes geschütztes Blättchen Papier kam weiter zum Vorschein.

Er befreite es sofort von der Hülle und drückte es an die Lippen. Als er es öffnete, fiel eine Banknote von hundert Gulden heraus. Der Gefangene, achtete ihrer kaum, sondern eilte, bei dem Licht des Fensters die feinen Schriftzüge zu lesen.

Das Billet war in einer Art von stenographischer Zifferschrift, die aber dem Verschwörer sehr geläufig schien, denn er überflog hastig die Zeilen. Sie lauteten:


    »Theurer Freund! Ich sende Ihnen diese Worte aus Ihrer unmittelbaren Nähe, denn ich bin seit heute in Mantua, und werde einige Tage hier verweilen.

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    Ich konnte es nicht länger aushalten, und mußte mich überzeugen, ob Ihnen denn keine wirksamere Hilfe zu bringen ist, als die wenige, die wir Ihnen bisher leisten konnten. So benutzte ich die Gelegenheit, daß Nicolas15 in Zürich war, um mit M. sich zu besprechen, um ihn auf seine Rückkehr zu begleiten und C. selbst zu sprechen. Er erklärt es für unmöglich, etwas für Sie zu thun, bevor es Ihnen nicht gelungen, sich selbst zu befreien. Die Aufsicht und die Controlle sind zu streng und wir müssen froh sein, Ihnen durch die Treue Ihrer Milchschwester die wenigen Mittel in dieser Form zukommen zu lassen. Der Umweg mit den Nachrichten, die Sie uns mittelst der chemischen Dinte in Ihren Briefen nach Zürich geben, ist allerdings ein großer Zeitverlust, aber es läßt sich nicht ändern und wir müssen froh sein, daß die Tyrannen so blind gewesen, Ihnen diese Correspondenz zu erlauben. Dies ist Alles, was ich Ihnen schicken kann. Ihr Verstand und Ihre Energie werden das Andere schaffen. Vergessen Sie nicht den Juwelier Mortara, wenn es Ihnen gelingt. Er ist zuverlässig und verschwiegen, obschon er nicht zu den unsern gehört. M. läßt Ihnen sagen, es genüge ihm, daß Sie Ihres Eides eingedenk seien und ihn halten würden. P...16 ist bei ihm. Es sei Zeit, er bedürfe Ihrer. Denn man verhandelt in diesem

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    Augenblick Italiens Freiheit in Paris. B. hat eine neue Erfindung gemacht, aber man sagt mir nicht, welche und wozu. Die Vorsehung Italiens nehme Sie in Ihren Schutz.

               Come un colpe di canone.17


Der Gefangene las zwei Mal mit der größten Aufmerksamkeit das Billet, während sich seine Stirn furchte.

»Ich bin bereit, mein Leben zu opfern,« murmelte er, »und Sie hatten nicht einmal diese sechstausend Gulden für mich. Sie hätten damals genügt, um die Wächter zu bestechen und mich zu befreien. Aber es ist gleich - ich bin auf meine eigene Kraft verwiesen, und es muß geschehen - noch heute, noch diese Nacht, damit ich sie noch in Mantua treffe. Sie ist klug und gewandt und wird Mittel finden, mich zu verbergen und meine Flucht zu sichern, wenn ich erst heraus bin. - O dieser abscheuliche Schmerz?«

Er fuhr mit der Hand an den Fuß, dessen Knöchel dick geschwollen war. Aber in der nächsten Minute schon hatte er mit der schrecklichen Energie, die ihm eigen war, den Schmerz unterdrückt und trug seinen Stuhl unter das Fenster, nachdem er mit Vergnügen die beiden Federsägen betrachtet hatte.

Dann horchte er nochmals nach der Thür und stieg auf die Lehne des Stuhls.

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In dieser unbequemen Stellung, das eine Ohr fortwährend nach der Thür gewandt, während draußen die Luft von dem Glockengeläut der zahlreichen Thürme der Stadt zum Abendsegen erfüllt war, begann er seine geheimnißvolle Arbeit.

Signor Tirelli würde sicher gewaltig erstaunt gewesen sein, wenn er gesehen hätte, daß die kolossalen Eisenstäbe, welchen er so sehr vertraut, nichts weniger als fest waren.

Der Gefangene entfernte mit leichter Mühe vier der innern Eisenstangen und mehrere Ziegelsteine, die ihn hinderten, bis zu dem zweiten Gitter zu gelangen. Er legte sie sorgfältig auf den Fensterbogen, um sie, wenn es Noth that, rasch wieder mit dem Kitt aus kohlengeschwärztem Wachs an ihre Stelle befestigen zu können.

Hierauf begann er, von dem Läuten der Glocken geschützt, deren Hall der starke, sich zum Sturm gestaltende, Märzwind herübertrug, mit der neuen Säge eine der äußeren Gitterstangen zu durchschneiden.

Wir haben zur Erklärung dieser Resultate Einiges nachzutragen und geben es nach den eigenen Mittheilungen Orsini's.

Schon gleich nach seiner Ankunft in den Gefängnissen von San Giorgio, als er die Zelle No. 2 bewohnte, hatte er sich mit seinen Nachbarn durch die in den Kerkern übliche Signalsprache des Klopfens in Verbindung gesetzt. Oberst Calvi, sein Freund und Schicksalsgenosse, war sein Nachbar in No. 2 (das Stockwerk des Thurms mit einem abgeschlossenen Korridor enthält nur die Zellen No. 2, 3 und 4) und er erfuhr erst im August dessen tragisches Ende.

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Seine Verhöre hatten sofort begonnen, und er hatte während seiner Haft deren wohl 30 zu bestehen. Die Richter - der Präsident Sanchez an ihrer Spitze, behandelten ihn nicht unfreundlich, aber die Indizien gegen ihn waren zu seinem Schrecken so überführend, daß über den Ausgang seines Prozesses kein Zweifel sein konnte, obschon er bei starrem Leugnen blieb, und behauptete, er sei bei seiner Verhaftung auf dem Wege zur Krimm begriffen gewesen, um sich dem Belagerungsheer anzuschließen. Man hatte in der That durch Bideschini's Verrätherei bei dem Revolutionscomité in Mailand die von ihm bei seiner Durchreise im Oktober 1854 niedergeschriebenen Instruktionen Mazzini's in Beschlag genommen und viele andere überführende Beweise erhalten. Er fühlte, daß er wie Calvi enden würde, wenn er nicht fliehen könne, und er beschloß zu fliehen.

Das Erste, was er that, war, sich von der Lage seiner Zelle zu überzeugen. Er drehte seine Betttücher und das Handtuch zusammen, machte ein Seil daraus, band eine Trinkschale an das Ende, erstieg die Fensterbrüstung und ließ das Seil hinab, um die Höhe zu messen. Als er seine Sonde zurückzog, fand er Wasser in der Schaale - was auf das Dasein eines Wassergrabens am Fuß der Mauer schließen ließ.

So niederschlagend diese Erfahrung war, da er nicht schwimmen konnte, so wenig schreckte sie ihn ab.

Man hatte ihn zuerst mit großer Milde behandelt, man erlaubte ihm zu singen, zu pfeifen, zu lesen und zu schreiben und gestattete ihm Bücher aus der Bibliothek des

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Ober-Aufsehers. Im August 1855 erhielt er auf seine Bitten die Erlaubniß, an eine Freundin, die Gattin des bekannten Dichters Herwegh, dessen Heroismus bei der schmählichen Flucht nach dem Arbeiter-Einfall in Baden unter ihrem Unterrock und dem Kutschleder Schutz vor den württemberg'schen Truppen suchte, zu schreiben.

Diese Korrespondenz wurde bis zu seiner Flucht fortgeführt und trotz der strengen Kontrolle der Behörden, die Vermittelung seiner Flucht.

Der Gefangene ging planmäßig und methodisch zu Werke. Von der Gefängnißdiät geschwächt, mußte es seine erste Sorge sein, zu Kräften zu kommen. Dazu verhalfen ihm fleißige gymnastische Uebungen und ein vortrefflicher Wein. Das Geld, das er offen und geheim von Zürich und seinen Freunden erhielt, gewährte ihm wenigstens die Mittel dazu, obschon sein geheimes Verlangen nach einer größeren Summe - 6000 Franken - mit der er die Aufseher damals zu bestechen hoffte, zu seinem Verdruß nicht erfüllt wurde. Dabei benahm er sich, um seinen Plan zu verbergen, nach wie vor gefügig und ergeben, »Ich trinke,« sagte er zu seinen Wächtern, »um die letzten Tage, die mir noch vergönnt sind, zu erheitern. Leisten Sie mir Gesellschaft und helfen Sie mir, mein nahes Ende vergessen.«

Die Wärter ließen sich natürlich nicht zwei Mal bitten, eine so selten gebotene Spende anzunehmen, denn gewöhnlich trinken die Gefangenen, die mit ihrem Gelde sparsam sind, ihren Wein allein. So verging ein Viertelstündchen, oft mehr; und das war für Orsini keine

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verlorene Zeit. »Wie viel Schildwachen stehen wohl hier?« fragte der freigebige Wirth nachlässig hingeworfen. War es möglich, einem so braven Manne nicht zu antworten? Schwieg der eine Wärter, der weniger angetrunken und überlegter war, als die anderen: Orsini hatte sichere Mittel, ihm die Zunge zu lösen. »Bevor ich zum Richtplatz gehe,« sagte er - »werde ich meinen letzten Willen erklären und Ihnen meine Kleider vermachen!« Damit war der Eigennutz des Wärters gewonnen. »Welch' ein Mann! nie eine Klage über sein Schicksal! keine Anwandlung von Trauer oder übler Laune!« und dem Verschwörer war es ein Leichtes, beim Becher seinem Bewunderer Alles zu entlocken, was er zu wissen wünschte: die Lage des See's und der Sümpfe, die Mantua umgeben, der Brücken und Thore; die Stunde, um welche die einen aufgezogen, die andern geschlossen werden - von 8 Uhr Abends bis 5 Uhr Morgens -; die Stellung der Posten u.s.w. Orsini hätte, wie er Anfangs beabsichtigte, einen Bestechungsversuch machen können, seine Wärter würden es nicht für Ernst gehalten haben. Er verlangte zu diesem Zweck auch in der geheimen Correspondenz, die zwischen den Zeilen mit unsichtbarer Dinte von ihm geführt wurde, jene 6000 Franken von dem Revolutionscomité und seinen Freunden - aber es war damals die Zeit, in welche diese billiger zur Erreichung ihrer Zwecke durch das Bündniß Frankreichs mit Piemont zu kommen hofften, und wo sie als den geheimen Preis des sardinischen Hilfscorps in der Krimm die Preisgebung Roms und die Unterstützung einer Revolution in der Lombardei nicht als Unrecht ansahen. Man

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begnügte sich daher, ihm kleinere Geldunterstützungen und das verlangte Opium und Morphin zukommen zu lassen. Dies geschah in kleinen Gummisäckchen, die in verschiedenen unbedeutenden und der Aufsicht sich entziehenden Formen, namentlich in Gegenständen, für den Unterhalt des Gefangenen diesem zugeschmuggelt wurden. Auf diese Weise kam er auch in Besitz zweier seiner Sägen vom feinsten Stahl.

In ihren Berichten an den Präsidenten des Gerichtshofes flossen die Aufseher von seinem Lobe über. Aber der überschwänglich gute Geruch, wozu namentlich der damalige Oberaufseher Casatti viel beigetragen, hätte Nr. 3 - er bewohnte damals diese Zelle - bald um die Früchte seiner bisherigen Mühen und Anstrengungen gebracht. Wahrscheinlich, um sich ihm angenehm zu erweisen, ließ man ihn mit anderen Gefangenen eine gemeinsame Zelle beziehen. Er mußte sich fügen und einstweilen seinen Fluchtträumen Adieu sagen. Vier Monate lang lag er den Behörden in den Ohren, ihm eine Zelle allein zu gewähren, und um dem ungewöhnlichen Verlangen das Verdächtigende zu benehmen, begründete er es mit dem Vorgeben, er arbeite an der Vollendung eines angefangenen historischen Werkes, was ihm Ruhe und Einsamkeit wünschenswerth mache.

Man gewährte endlich sein Gesuch, - aber er hatte sich in seinen Berechnungen getäuscht, denn man wies ihm aus übermäßiger Vorsicht eine der furchtbarsten und sichersten Zellen in dem obern Corridor eines der Thürme an.

Wir haben bereits die Lage desselben und die Art der

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Bewachung angedeutet. Die Thür des Corridors, auf welchen nur drei Zellen hinausliefen und an dessen anderer Seite sich das Zimmer der Aufseher befand, war stets verschlossen. An der Thür stand ein Militairposten - acht Soldaten hatten die Wachen im Thurm und wurden alle 24 Stunden abgelöst. Ebenso die drei Aufseher, welche in diesem Theil des Gefängnisses den Dienst hatten, und von denen stets zwei sich in dem Corridor oder ihrem Zimmer befanden. Die Schlüssel des Thurms wurden alle Abend dem Oberaufseher überbracht. Um 6, 8, 10, 12, 2, 4 und 6 Uhr während des Tages, um \frac1210 und um \frac122 Uhr bei Nacht betraten die Aufseher die Zelle, um sie zu untersuchen. Aber das Benehmen des Gefangenen hatte bereits seine Wirkung gethan. Statt eine genaue Untersuchung zu halten, begnügten sie sich, mit dem Gefangenen zu plaudern. Um sich dessen zu vergewissern, richtete er wiederholt die Frage an seine Wächter: »Warum untersuchen Sie niemals die Gitter in meiner Zelle? Und doch haben Sie es nie unterlassen, als ich noch in Nr. 3 war?« - »Cospetto! damals kannten wir uns noch nicht so gut, Signor Orsini!« -

»Sehr schön; allein Sie wissen, daß mein Loos entschieden ist, wäre es also nicht klug, mich strenger zu überwachen, um eine mögliche Flucht zu verhindern?« - »Pah, Signor Orsini ist ein Mann, der den Tod nicht fürchtet!« und sie tranken mit ihm seinen Wein und ließen die Gitter Gitter sein, selbst als in Folge des ungeschickten Fluchtversuchs Redaelli's ein neuer Obergefangenwärter von Wien eintraf und die Gefängnißordnung und Aufsicht noch

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verschärft wurde. Der Gefangene hatte damals bereits begonnen, die Eisenstäbe zu durchsägen und zitterte vor jeder Untersuchung. Die Wärter versicherten ihn aber, sie könnten ihm eine solche Kränkung nicht anthun und lachten ihm in's Gesicht, als er ihnen sagte, er werde ihnen unter den Händen entwischen.

Kurze Zeit vorher, am 20. Januar, hatte er wirklich einen Fluchtversuch gemacht, indem er seinen ersten Plan ausführte. Er nahm die Gelegenheit wahr, als sie ihn in ihr eignes Zimmer geholt, um mit ihnen zu trinken, und goß eine starke Dosis Opium in den Wein.

Auf zwei der Wächter übte das Narcoticum seine volle Wirkung, - sie wurden zuerst bis zur Raserei aufgeregt und dann so betäubt, daß sie sich nicht zu regen vermochten. Orsini selbst gesteht, daß er dann beabsichtigt habe, sich der Schlüssel zu bemächtigen, die Kerker der andern Gefangenen zu öffnen und mit diesen gewaltsam sich den Weg zur Flucht zu bahnen.

Aber der dritte Aufseher, ein Deutscher, von großer Körperstärke, obschon er vollkommen sein Theil getrunken hatte, schien nicht die geringsten Folgen zu verspüren und schloß den Gefangenen, als er seine Kameraden sinnlos betäubt sah, in seinen Kerker ein.

Die Pflichtvergessenen selbst schoben den Zustand auf die Wirkung des Weines und Orsini hatte durch sein vorsichtiges Benehmen nur neues Vertrauen gewonnen.

Jetzt faßte er den Entschluß, seinen Ausbruch allein zu versuchen. Ehe er mit den beiden Sägen, die er sich verschafft, an's Werk ging, befragte er den Präsidenten des

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Untersuchungsgerichts über den Ausgang seines Prozesses. Dieser sagte ihm offen, daß er ihm keine trügerische Hoffnung machen wolle, die Entscheidung hinge von Wien ab - in keinem Fall aber werde sie vor drei Monaten erfolgen.

Dies war es, was der Gefangene wissen wollte, und mit einer Seelenstärke und Ausdauer, die in Wahrheit Bewunderung erregen muß, begann er sein Riesenwerk.

In 24 Tagen hatte er sieben der kolossalen Eisenstangen des innern Gitters durchsägt, und acht Ziegelsteine, die sie hielten, aus der Mauer gelöst. Bei dem Durchsägen der Eisenstange des äußeren Gitters, deren Lösung unbedingt nöthig war, um durchschlüpfen zu können, war auch die zweite Säge gebrochen.

Er mußte warten!

Die Arbeit war eine furchtbare gewesen. Bei der Höhe des Fensters von dem Boden seiner Zelle konnte sie nur ausgeführt werden, indem er sich auf die Lehne seines Stuhles stellte. Mit den Ellenbogen stützte er sich abwechselnd gegen die Mauern der Blendung, um sich halten zu können, die Muskeln erschlafften, die Glieder versagten schmerzend den Dienst, - aber nur wenig Momente der Ruhe, und er arbeitete mit übermenschlicher Energie weiter.

Anfangs arbeitete er nur bei Tage, weil jedes Geräusch in der Nacht ihn sogleich verrathen hätte. Während des Tages verdeckte das fortwährende Geläut der Glocken dieses Geräusch, aber derselbe Umstand brachte auch die Gefahr, daß er die Tritte der nahenden Wärter nicht hören

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und - da das Fenster der Thür gegenüber gelegen war - bevor er vom Stuhle gesprungen wäre, überrascht werden konnte.

Um dieser Gefahr zu begegnen, hatte er die Geduld gehabt, Tage lang das Ohr an die Thür gedrückt, zu lauschen, um sich an das leiseste Geräusch, das aus dem Gange kam, zu gewöhnen. Als dies geschehen, hielt er sich wieder eine Reihe von Tagen in aufmerksamer Stellung am Fenster, das rechte Ohr gegen das Gitter, das linke gegen die Thür gerichtet, um Glockengeläut und Geräusch im Innern zugleich zu beobachten, und durch diese Uebungen schärfte er sein Gehör bis zu dem Grade, daß er am Fenster trotz des Glockengetöses jeden Schritt, fast jeden Athemzug eines Nahenden im Corridor vernahm.

Erst dann machte er sich an jene Arbeit.

Die stürmischen Nächte des Februar und März hatten ihm zwar vergönnt, auch während der Dunkelheit an dem Fenster zu arbeiten, ohne Gefahr, von den Schildwachen gehört zu werden, aber sie brachten andere gewichtige Hindernisse für die Ausführung der Flucht. Sie hatten den Graben, in welchen der Fuß des Thurmes tauchte, mit Wasser gefüllt, und das geringste Geräusch, das er darin beim Falle verursacht hätte, würde ihn verrathen haben, selbst wenn er hätte schwimmen können. Schon der Umstand, daß er in durchnäßten Kleidern auf der Brücke erschienen wäre, hätte den Verdacht der aufgestellten Wache erweckt.

Er mußte also die Austrocknung des Grabens und zugleich abwarten, daß das schöne Wetter mit dem

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Mondviertel zusammen falle, damit der Abstich der weißen Strickleiter von der schwarzen Gefängnißmauer in der dunklen Nacht nicht bemerkt würde. Das Schwierigste blieb natürlich, sich die Mittel zu einem solchen Seil oder einer Strickleiter zu verschaffen, denn hierin konnten ihm die Freunde nicht beistehen.

Aber seine Schlauheit und das Glück halfen ihm auch hier.

Die Bettlaken und Handtücher, die man den Gefangenen überläßt, reichten natürlich nicht aus, um ein Seil von 104 Fuß Länge zu drehen, - so hoch lag die Zelle Nr. 4 über der Grabenfläche - und es hätte mindestens das doppelte Material dazu gehört. Aber wie sich mehr verschaffen, ohne Verdacht zu erregen?

Die Bettwäsche der Gefangenen wurde alle Monate gewechselt. Am ersten Februar, als dies geschah, machte der Gefangene einen Versuch. Als der Schließer eintritt mit der reinen Wäsche und bittet um die schmutzige, findet er Orsini eifrig mit Schreiben beschäftigt. »Lassen Sie mich gefälligst diese Seite herunterschreiben und legen Sie Ihr Packet indeß ab - ich werde sie nachher wechseln!«

Das blinde Vertrauen des Wärters erlaubt ihm keinen Einspruch, er legt die Wäsche auf das Lager und entfernt sich - der Gefangene hat nichts Eiligeres zu thun, als die Wäsche zu wechseln und die schmutzige zu verbergen. Bei der nächsten Runde erscheint der zweite Schließer, der den ersten unterdeß abgelöst hat, und erkundigt sich, ob die Wäsche gewechselt sei. - »Sie sehen es ja!« antwortet

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Orsini, und von der Herausgabe der unreinen zwei Bettlaken ist keine Rede.

In ähnlicher Weise gewinnt er am 1. März das Handtuch.

Aber ein unvorhergesehener Unfall hätte beinahe alle diese schlauen und kühnen Vorbereitungen unnütz gemacht

Eines Morgens mußte er bei der Annäherung eines Aufsehers so rasch vom Stuhle springen, daß er sich den Fuß schwer verrenkte. Der Schmerz war oft gräßlich - aber das wäre das Wenigste gewesen - schlimmer war die Verzögerung, welche die Heilung herbeiführen mußte.

Und er hatte keine Zeit zu verlieren - er mußte fort! der Versuch mußte gemacht werden - so befahl ihn die Botschaft, die er erhalten.

Kehren wir einen Augenblick zu den politischen Ereignissen zurück. -


Sebastopol war am 8. September 1855 gefallen, mehr durch die Künste des schändlichen Verraths, der über Berlin seinen Weg genommen, als durch die zwölfmonatliche Belagerung - an demselben Tage, an dem 24 Jahre vorher Warschau von Paskewitsch wieder genommen wurde.

Zwar war es nicht Sebastopol, sondern nur die so heldenmüthig und so geschickt vertheidigte Südseite mit dem Bollwerk des Malakoff, und was die Alliirten eroberten, war Nichts, als ein Trümmerhaufen - aber England fühlte zu sehr seine Ohnmacht, der französischen Gloire und Revange war genug geschehen - Kaiser Nicolaus

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lebte ja nicht mehr! - und die »Börsen«, diese neue Großmacht der civilisirten Welt brauchten eine Hausse.

In Indien grollten bereits die ersten Anzeichen des heraufziehenden blutigen Sturms; - die Mächte fühlten sehr wohl, daß ihre decimirten Armeen, die unbezwungenen Forts der Nordseite im Rücken, nicht über die Landenge von Perescop den Krieg in das wirkliche Rußland zu tragen und noch einen Winter zu überdauern vermöchten, und die prahlerischen allmächtigen Flotten in der Ostsee hatten sich vor den Riesenwerken von Kronstadt blamirt, und Nichts vermocht, als das kleine Bomarsund zum Besten der Zeitungsberichte zu zerstören und Weiber zum nächtlichen Bedarf der Matrosen von den Inseln des botnischen und finnischen Meerbusens zu stehlen.

Sardinien hatte das größte Interesse am Frieden, um den Preis seines hessischen Truppenverkaufs an Frankreich und England in Italien mit Hilfe der Revolution einkassiren zu können, ehe dieses verschacherte Corps aufgerieben war. Amerika rüstete sich überdies, Rußland beizustehen und Oesterreich hatte seinen Zweck, den Dank für die Wiedereroberung Ungarns durch die Befestigung seiner Macht an der Donau zu paralysiren, vollkommen erreicht. Die Wunden von Achtundvierzig und Neunundvierzig begannen zu verharschen und es galt jetzt, seine Südgrenzen zu sichern, denn es hätte blind sein müssen, um nicht das Spiel des Kabinets von Turin zu sehen.

Was den »kranken Mann« betrifft, so ließ man den Cadaver, mit dem man experimentirt, in demselben Zustand zurück, wie man ihn gefunden - man hatte ihm

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nur einiges Opium eingegeben, um sein Leben und sein Leiden zu verlängern.

Preußen ... doch wir sprechen nachher weiter von diesem.

Kurz - die Friedensconferenzen in Paris hatten begonnen, man berieth das Schicksal Europas am grünen Tisch der Tuilerien unter dem Diktat des französischen Kaisers, Paris jubelte der Taufe des kaiserlichen Prinzen entgegen, dessen Geburt den alten König Jérome auf's Krankenlager geworfen und Prinz Plonplon wieder einmal in die Arme der Mazzinisten getrieben hatte, - und der Waffenstillstand bis zum 31. März war geschlossen worden. Sollte man bis dahin mit dem Frieden Europa's nicht fertig werden, so war man bereit, ihn bis zum 15. April zu verlängern. Einstweilen schüttelten sich die russischen und französischen Offiziere an der Traktir-Brücke, blutigen Andenkens, die Hände, und General Codrington jagte post festum für die englische Ehre die Correspondenten aus dem Lager und ertheilte seinen Offizieren Urlaub zur Reise nach Jerusalem.

Aber einen Factor hatten die Kabinete allzusehr außer Augen gelassen: die Revolution! Selbst ihr Sohn, der jetzt allmächtige und kluge Kaiser von Frankreich wiegte sich in dem Wahn, daß seine Politik sie jetzt beherrschen und sie nur für seine Zwecke brauchen und aufrufen könne, wann und wo Er es an der Zeit hielte.

Aber die Revolution war nicht zufrieden mit dieser Rolle - sie hatte nur gewartet, nicht geschlafen, und bereitete unterdeß der Politik Cavours ihre Bahn.

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Als diese ihre Erwartungen von den Conferenzen in Paris getäuscht und die »Italienische Frage« so gänzlich zurückgeschoben sah, daß ihr Leiter nicht einmal wagte, die Zurückziehung der französischen Truppen aus Rom und den österreichischen Besahungen aus den Herzogthümern und der Romagna zur Sprache zu bringen, oder die mit dem Mord des Herzogs Carl III. am 26. März 1854 vorbereitete Vereinigung Parmas mit Sardinien zu verlangen wurde die blutige Loosung gegeben und der Dolch auf's Neue entfesselt.

Der Augenblick war da, wo man Männer wie Orsini zu furchtbaren Thaten bedurfte!

Die entsetzliche Politik Mazzini-Cavour war zunächst dahin gegangen, die herzogliche Regierung in Parma unmöglich zu machen und zwischen Oesterreich und Piemont über die Occupation des Herzogthums unauflösliche Conflicte herbeizuführen; denn mit dem Erlöschen der Bourbonen in Parma sollten die Lande mit Piacenza und Guastalla an das Haus Savoyen fallen. Die Meuchelmörder erklärten frech, daß Alle, welche das Todesurtheil gegen die Urheber des Aufstandes vom 22. Juli 1854 gefällt - wir erinnern daran, daß Orsini am 1. März von Mazzini mit Instruktionen aus England nach der Schweiz und Italien gesandt worden war und jene furchtbare That: der Meuchelmord des Herzogs in der Person des Mörders noch immer unaufgeklärt geblieben ist! - der Rache der Brüder des Dolches verfallen wären - ja man hatte trotz der österreichischen Besatzung die Kühnheit gehabt, den

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Opfern ihren Tod zwei Tage vorher schriftlich anzukündigen.18

Dem Herzog folgte als nächstes Opfer der Mönch Girolamino, diesem der Militair-Kommandant Lanazi, beide gleichfalls erdolcht. Der Oberst Antriti entging dem Meuchelmörder nur, weil der Schuß fehl ging; der Instruktionsrichter Gabbi verdankte seine Heilung und Rettung von dem Dolchstoß nur seiner außerordentlichen Wohlbeleibtheit. Diesen Thaten war am 5. März die Ermordung des Direktors des Central-Detentions-Hauses Grafen Magawly und am 18. die Erdolchung des Kriegs-Auditeurs Bordi gefolgt. Auch dem Minister Lombardi war gleiches Schicksal angekündigt.

Aber in einem Punkt hatte sich die von London und Turin dirigirte Mörderrotte getäuscht: in dem Muth einer schwachen Frau.

Die Herzogin-Regentin die mit drei jungen Kindern bei ihrer Mutter, der Herzogin von Berry und ihrem Bruder, dem Grafen Chambord in Venedig verweilte, eilte sofort, ohne die Dolche der Mörder zu fürchten, nach Parma zurück und decretirte unterm 17. den Belagerungszustand, während der Kommandirende der österreichischen Besatzung General Graf Crenneville die strengsten Maßregeln ergriff.

Dies war um so nöthiger, als die politischen Maßregeln der englischen Regierung in diesem Augenblick ein Heer für die künftige Revolution schufen.

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Gezwungen, die gelichteten Reihen ihrer Truppen im Orient zu ersehen, und sich gegen die Gefahren in Indien bei Zeiten zu kräftigen, wo der neueste Akt der schändlichen Willkür, die Einverleibung des Königreichs Audh, die grollenden Gemüther der Eingebornen zur Empörung drängte, hatte die englische Regierung an verschiedenen Punkten Italiens, in der Schweiz und in Helgoland Werbebureau's eröffnet, um mit ihrem Gelde besondere Fremdenlegionen zu bilden, die sie je nach dem Bedürfniß nach Malta, der Krim[m] oder Indien werfen könne. Alle Abenteurer und Vagabonden Europas strömten den Werbebureau's zu.

Die Leiter der revolutionären Propaganda sahen mit Befriedigung diese Organisation einer künftigen Armee der Revolution. Sie wußten, daß diese Cohorten über kurz oder lang ihnen in die Hände fallen würden, und leisteten deshalb offen besonders den Werbungen in Italien und der Schweiz Beistand, während sie im Stillen die Desertion der Geworbenen in jeder Weise beförderten. Ganz Italien war auf diese Weise mit fremden und einheimischen Elementen der Emeute überschwemmt.

Aber wie wir bereits oben angeführt, die Politik Louis Napoléons setzte plötzlich den revolutionairen Erwartungen eine unerwartete Schranke. Der Mohr von Genua hatte seinen Dienst in der Krimm gethan, - der Kaiser von Frankreich war ein schlauer Kaufmann mit der Revolution und wollte erst seinen Handel machen.

Der Groll der getäuschten Erwartung bei den Revolutionairen mit dem Portefeuille und den Revolutionairen

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mit dem Dolch wuchs in gefährlicher Weise und die Erinnerung an Rom, die man einstweilen begraben, schürte auf's Neue das Feuer.

Dies war in der Zeit, in welcher der Gefangene von San Georgio auf dem geheimen Wege eine Botschaft erhielt mit den Worten:


    »Die Sache der Freiheit ist in Gefahr, auf's Neue betrogen und unterdrückt zu werden. Die Tyrannen sind verurtheilt - ihr Loos ist geworfen. Die Brüder brauchen den Rächer von Rom und Parma und mahnen ihn an seinen Eid. Ein kühner Geist hilft sich selbst und läßt sich nicht durch Fesseln und Mauern halten. Es ist Zeit - wir erwarten Dich!«

Der Gefangene hatte verstanden; trotz seines Zustandes beschloß er den Versuch der Flucht, - sein nächster Brief forderte die Erneuerung der Sägen; den 27. März begann er aus der bei Seite geschafften Wäsche den Strick zu flechten, der ihm das Mittel geben sollte, seinen Kerker zu verlassen.

Wir haben gesehen, in welcher Weise er am 29sten die zum Durchsägen des letzten Eisenstabes nothwendigen Werkzeuge mit einer Erneuerung jener Mahnung erhielt und sofort die Arbeit begann. Als er sie vollendet und die Gitter wieder an ihrer Stelle mit von Kohlenstaub und Dinte geschwärztem Wachs befestigt hatte, machte er sich daran, seine Leiter mit dem Bettzeug, so weit es entbehrlich war, ohne die Aufmerksamkeit des Wärters bei der nächsten Runde zu erwecken, zu verlängern und verbarg das Seil in seinem Koffer. Dann goß er einige

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Tropfen Opium in den Rest des Weines und warf sich auf sein Bett.

Um 10 Uhr kam die erste Runde - der zweite Wärter. Er hieß ihn den Wein mit sich nehmen und blieb auf seinem Lager liegen.

In der That schlief er, von den Anstrengungen und Aufregungen des Tages erschöpft, ein. Es muß ein starker Geist sein, der bei einem solchen Vorhaben schlafen kann. -


Es hatte sich gegen Abend ein starker Wind erhoben, der das Schilf der Sümpfe peitschte und über den See her in den winkligen Gassen der alten Stadt heulte. Schwere Regenwolken bedeckten den Himmel und sandten zuweilen einen kurzen Schauer nieder, ohne daß es der Wind zum rechten Ausbruch kommen ließ.

An der Kirche von San Barbara, fast an ihre Mauern sich lehnend, liegt ein alterthümliches Haus, den schmalen, mit Balken und Steinarbeiten geschmückten Giebel weit hinaus in die Straße streckend, daß die Pfeiler, auf denen er ruht, eine sogenannte steinerne Laube bilden, wie man sie so häufig in den italienischen Städten findet. Das Gebäude stammte offenbar noch aus der Zeit der Gonzaga.

Mantua hat kein Ghetto mehr - die österreichische Herrschaft hat es längst abgeschafft, während in Rom es erst die Revolution von 48 that. Der vierte Theil der Bevölkerung von Mantua besteht ohnehin aus Juden.

In dem Hause wohnte ganz allein mit einer Dienerin

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und einem verwachsenen Gehilfen der Juwelier und Wechsler Samuel Mortara. Die Juweliere versehen in den italienischen Städten großentheils noch immer wie im Mittelalter zugleich die Geschäfte der Bankiers und Geldverleiher.

Das Letztere geschieht natürlich nur gegen sichere Pfänder und auf hohe Zinsen - es ist ganz einfach der Wucher! Außerdem sind sie mit zahlreichen andern geheimen Geschäften betraut, denn ihre Zuverlässigkeit und Verschwiegenheit für alle Parteien ist anerkannt und ihre Geschäftsstube gleichsam ein neutrales Feld. Sie haben die ersten und besten Nachrichten von Allem was geschieht; die Regierung schützt sie, weil sie ihrer häufig zu geheimen Diensten und Vermittelungen bedarf, und der Verschwörer vertraut ihnen, weil er bei ihnen Schutz in der Gefahr und Mittel zur Flucht findet.

Es ist wunderbar, welche Geschäfte oft in diesen - man kann sagen, - Höhlen, gemacht werden. -


Der vordere Raum des Parterres dieses Hauses wurde nach der gewöhnlichen Bauart zu zwei Dritt[t]heil von dem Flur oder der Küche eingenommen. Es brannte bei dem rauhen Wetter ein leichtes Feuer im Kamin, an dessen Seite zwei Frauen saßen. Die eine war ein junges Mädchen von 16 bis 17 Jahren, in der einfachen, aber nicht unzierlichen Hausdienertracht, - die andere zwanzig Jahre älter. Sie trug noch den breiten Hut, der die Verkäuferinnen von Früchten u.s.w. auszeichnet, auch standen mehrere Körbe in einem Winkel der Küche.

Neben dem Heerd oder Kamin führte auf der einen

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Seite ein Gang in die Werkstätte oder die Arbeitsstube des Juden, rechts ein solcher in den Hof. Die Treppe zu dem obern Stockwerk befand sich an dem letzteren. An der linken Seite des Flurs streckte sich ein langes Zimmer, das als Laden des Juweliers und als Comtoir des Wechslers diente und einen Ausgang nach der Straße hatte, der aber jetzt sorgfältig verschlossen war.

Außer der spärlichen Flamme im Kamin erhellte dies Vorhaus keine Beleuchtung.

»Die heilige Jungfrau della Grazie möge es richtig in seine Hände kommen lassen,« sagte die ältere der beiden Frauen. »Ich will morgen hinaus und hundert Ave's und eben so viele Paternoster vor dem gebenedeiten Bilde sprechen. Es drückt mir das Herz ab.«

»Mutter - wenn die Tedeschi die Früchte einmal untersuchten!«

»Still, Thörin. Hat nicht der Tirelli ein Auge auf Dich und giebt er mir nicht seine Kundschaft, weil ich Deine Mutter bin? Diese Gottverfluchten haben Alles schlau genug eingerichtet! heilige Madonna, wenn das die einzige Sorge wäre, die mich drückt!«

»Aber so sagt endlich Mutter, was Euch so unruhig macht, wenn es nicht die Sorge um Signor Orsini ist!«

»Still Kind - nenne den Namen nicht, auch hier nicht. Ich werde doch dem Milchbruder, der mit mir an einer Brust gelegen, beistehen können in seiner Noth? Weshalb hat mich der bucklige Abraham sonst von Bologna geholt? Aber ich will Dir im Vertrauen Etwas sagen!«

»Sprecht Mutter!«

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»Ich hielt es nicht aus länger dort - es drückte mir das Herz ab. Heiliger Antonio erbarme Dich meiner und seiner Seele!«

»Des Gefangenen?«

»Närrin! - Signor Felicio ist ein Mann von Stahl und Eisen, er weiß allein mit seinem Seelenheil fertig zu werden wie mit diesen ketzerischen Tedeschi.«

»Aber wessen Seele denn?«

»Des Knaben!« sagte die Frau schluchzend, mit den Händen sich das Gesicht verhüllend. »Des armen Kindes, das zuletzt die Milch dieses Busens getrunken. Wir dürfen nicht länger in diesem Hause bleiben Theresitta, mein Kind, ich will ihr Brod keine Minute länger essen und sie würden Dich tödten, wenn sie es erfahren!«

»Was meint Ihr Mutter?«

»Sie haben mir Gutes gethan, Dir und mir, es ist wahr - aber warum zwingen sie die christliche Magd in ihre von Gott und dem heiligen Vater verfluchten Dienste zu treten. Soll die Milch einer Christin ein Judenkind nähren, und meinen sie, eine Frau, weil sie arm ist und ihr Geld nimmt, hätte kein Gewissen und keine Pflicht für das Wesen, das an ihrer Brust liegt?«

»Was redet Ihr für Dinge, Mutter! Die Signori Mortara sind zwar Juden, aber sie sind stets gut gegen uns gewesen. Als vor acht Jahren der Vater in dem Kampf des Volkes gegen den Legaten fiel und mein neugebornes Brüderchen starb - hat sich ein Christenmensch unserer angenommen in unserer Noth, da ich noch zu klein war, um zu verdienen, bis Signor Mortara Euch zur

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Amme für seinen Knaben nahm und mich hierher schickte zu seinem Bruder? Wäret Ihr nicht acht Jahre in jenem Hause und werdet dahin wieder zurückkehren, wenn es Eurem Milchbruder gelungen ist, aus seinem Kerker zu entfliehen?«

»Niemals, niemals, Kind! Bei den Gebeinen der heiligen Märtyrer! Es duldet mich nicht länger dort, obschon ich Ihnen das wahre Heil gebracht! Aber Sie sind blind wie die Heiden und werden die Gnade der Heiligen von sich stoßen, als hätte ich Ihnen das Schlimmste gethan! Mein Kind, wenn man mich nicht hierher geholt hätte, weil sie wußten, daß meine Mutter den Knaben Felicio einst mit mir gesäugt, ich wäre selber gekommen, Dich fortzuholen um des Heils Deiner armen Seele willen; denn es thut nimmer gut, daß die Christen im Hause des verfluchten Geschlechts wohnen und ihm dienen!«

»Aber Mutter - hundert arme Leute sind hier im Dienst der jüdischen Familien. Das Gesetz verbietet es nicht und selbst unsere Geistlichen haben Nichts dagegen, wenn sie uns nur nicht von unserer Kirchenpflicht zurückhalten und wir regelmäßig zur heiligen Beichte gehen!«

»Zur Beichte, Kind - das ist es eben!« sie hatte krampfhaft den Arm ihrer Tochter gefaßt und schüttelte ihn. »Der alte Pater Anselmo, der mein krankes Gemüth beruhigt, ist gestorben und der heilige Mann will mir die Absolution nicht geben, bis ich Alles bekannt und der Hölle eine Seele entrissen habe. Aber sie werden mir fluchen, Kind, sie, deren Brod ich gegessen habe und vielleicht auch er, den ich liebe wie mein eigen Kind. Habe ich nicht

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geweint und gebetet in jener Nacht, als seine eigne Mutter krank lag und der Doctor sagte, er könne keine Stunde mehr leben! Ich, ich allein habe ihn gerettet mit der Erleuchtung der Heiligen, und dennoch ...«

»Ihr führt seltsame Reden, Mutter,« sagte das Mädchen, den Kessel, der über dem Feuer hing, absetzend. »Ich glaube wirklich, Ihr seid manchmal nicht recht bei Verstande und es wäre besser, Ihr hütetet Eure Zunge; denn Abraham hat mich bereits nach Eurem Geschwätz gefragt und meint, es wäre gut für Euch, daß Ihr von Bologna weg wäret, Ihr wäret allzu fromm geworden, und die Pfaffen verdrehten Euch den Kopf!«

Die Mutter sah sie starr an. »Heilige Madonna, sprichst Du so? Ist der böse Geist, der jetzt die heilige Kirche schmäht, auch schon über Dich gekommen? Es ist Zeit, daß Du das Haus des Unglaubens verläßt - nicht einen Tag mehr will ich Dich in dieser Höhle der Verdammniß lassen! die Heiligen mögen mir's vergeben, ich kann Nichts thun mehr für den Armen da drüben in San Giorgio, und ich habe vielleicht schon mein Leben gefährdet. Aber morgen mit dem frühesten will ich den Staub von meinen Füßen schütteln und Du sollst mich begleiten!«

Theresitta schüttelte trotzig den hübschen Kopf. »Es giebt Gesetze in Mantua,« sagte sie, »und man läuft hier nicht so mir Nichts dir Nichts aus dem Dienst. Wollt Ihr wieder zurückkehren nach Bologna, Mutter, so mögt Ihr es thun. Eure unverständlichen Reden machen mir Angst und ich sage Euch offen, auch Euer Geschäft auf der Brücke gefällt mir nicht, obschon es mit meines Herrn

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Wissen geschieht. Antonio Tirelli ist mir gut, und es könnte ihn seinen Posten kosten, wenn er auch so unschuldig daran ist, wie ein neugebornes Kind. Signor Mortara hat versprochen, mich auszustatten, wenn ich heirathe, und ich habe nicht Lust, Eurer Grillen wegen einen Herrn zu verlassen, der so gut ist, bloß weil er ein Jude ist, während ich doch mit Eurem Willen in seinen Dienst gekommen bin und Ihr selbst acht Jahre lang bei seinem Bruder gedient habt!«

»Gottlose Dirne ...«

Aber ein starkes Klopfen an der Hausthür unterbrach in diesem Augenblick den Streit zwischen Mutter und Tochter. Zugleich erklang der Ton einer silbernen Schelle aus dem hintern Zimmer.

»Signor Mortara ruft mich,« sagte aufspringend das Mädchen. »Oeffnet dem Fremden nicht, bis ich wiederkomme, Mutter, und gießt unterdeß die Suppe in die Schüssel. Wir wollen nachher weiter reden.«

Das Mädchen war in das Hinterzimmer geeilt, während an der äußeren Hausthür das Klopfen wiederholt wurde. -


Während des Gesprächs der beiden Dienerinnen hatte ein anderes in dem Arbeitszimmer des Juweliers statt gefunden, wohin Theresitta durch die Klingel gerufen worden.

Auch hier hatten sich zwei Personen befunden, der Hausherr und sein Gehülfe und Factotum, der buckliche Abraham, wie ihn die Dienerin genannt.

Der Hausherr war eine einst stattliche und schöne

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Gestalt, wie man sie bei den italienischen Juden häufig findet, deren Frauen oft sehr schön sind und im Orient den Fremden häufig als Tscherkessinnen zu ihren Liebesstunden gelten müssen.

Er mochte über sechszig Jahre sein, das Haar war ergraut und er trug einen langen grauen Bart, der dem ernsten, klugen und tiefgefurchten Gesicht gut stand. Seine Augen waren dunkel und scharf, aber nicht ohne Wohlwollen und ruhiges Sinnen in dem Blick. Er trug ein einfaches braunes Hauskleid und auf dem halbkahlen Schädel ein Käppchen von grünem Sammet, Kniehosen von Manchester und Schuhe mit Schnallen. Der Juwelier saß an dem Tisch und hatte vor sich in einem schwarzen Sammetbehälter eine Anzahl kostbar funkelnder geschliffener Diamanten, die er mit einer Lupe im scharfen Schein der silbernen Argantlampe betrachtete und auf einer feinen Wage sorgfältig abwog, wobei er das Gewicht auf einem Blatt Papier notirte.

Von Zeit zu Zeit ließ er das Licht eines oder des andern der Steine in dem Schein der Lampe spielen und der Diamant warf lange farbige Strahlen in das Zimmer hinein.

Ihm gegenüber an einem Schreibpult, auf dem mehrere mit Messing beschlagene Kassenbücher standen und Papiere unter seltsamen, zum Theil durch ihr Metall oder ihre mittelalterliche Arbeit sehr werthvollen Dingen, als Briefbeschwerer dienend, lagen, hockte eine unangenehme affenartige Figur, eifrig mit Schreiben und Notiren beschäftigt. Es war ein kleiner, schwer verwachsener Jude, von gleichem

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Alter mit seinem Herrn, aber der Sauberkeit und wurde desselben entgegengesetzt höchst schmutzig gekleidet. Sein abgetragener Rock, offenbar von der stattlichen Gestalt seines Gebieters an ihn gekommen, ohne daß er es der Mühe werth gehalten, ihn sonderlich zu verändern, hing ihm bis auf die Fersen nieder und schien niemals mit einer Bürste oder einem sonstigen Instrument der Reinigung Bekanntschaft gemacht zu haben. Der stachliche spärliche Bart war grau wie der seines Herrn, aber kurz geschoren, und gab dem Gesicht, dessen verwitterte Züge etwas Mürrisches, Bitteres und Höhnisches hatten, ein noch unangenehmeres Aussehen. Dagegen leuchtete in dem Auge eine große Intelligenz, ein scharfer, durch tausend Schlauheiten geübter Geist, der von der Thätigkeit der innern Seele sprach.

»Neunzig Karath vor dem Schliff,« sagte der Juwelier, einen der größeren Steine betrachtend. »Er hat zwar die Hälfte verloren und ist nicht so schön als der Sancy,19 aber doch seine hunderttausend Livre werth und dafür ward der Sancy vom König Don Antonio an die Franzosen verkauft. Wenn ihn der russische Fürst zu diesem Preise für seinen Monarchen ersteht, wird er in der Heimath immer noch ein gutes Geschäft machen, wie damals der Oberjägermeister mit dem Sancy gethan hat.«

»Seine Hoheit der Fürst Trubetzkoi,« sagte der Kleine grinsend, »steht, denke ich, mit dem Hofe von Petersburg nicht im besten Einvernehmen! Ihr wisset, daß er seit fünf

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Jahren im Auslande verweilt mit seiner schönen Gemahlin, der reichen ungarischen Magnatin.«

»Das ist wahr Abraham, ich dachte nicht daran. Indeß ist es ein besonderes Ding mit diesen großen Herren aus Rußland. Wenn sie ihr Geld im Ausland verzehren müssen, hat ihr Monarch gar oft seine Absichten dabei. Der Fürst Trubetzkoi hat nicht umsonst in Neapel gelebt, während des Krieges in seinem Vaterland. Der König von Neapel ist geblieben ihr treuer Freund, er hat nicht geschickt seine Schiffe und sein Geld gegen die Russen. Der Fürst wird auch kaufen Diamanten für die Fürstin, seine Gemahlin - er ist ein reicher Herr!«

Der Kleine schien daran gewöhnt, seinem Gebieter zu widersprechen. Er schüttelte den Kopf bedeutsam hin und her. »Der reiche Gojim frägt mehr nach der Signora Pocchini, der Tänzerin, als nach seiner Frau. Der Abraham hat offen die Ohren und gar Manches gehört, als er gestern gebracht hat den Schmuck in die Albergo die Croce verde, den ausgesucht hat die Fürstin für das Weibsbild, die mit ihr im Magazin war und die so braun ist, wie eine Zigeunerin aus der Romagna.«

»Behalte für Dich, was Du gehört hast,« sagte mißbilligend der Juwelier. »Es ist nicht gut, wenn unsereins sich drängt in die Geheimnisse der Mächtigen. Wir müssen deren ohnehin schon zu viele tragen, wo Sie uns brauchen. Aber hast Du an Jacob Simoni geschrieben nach Toscolano wegen der Villa, so der Fürst will kaufen oder miethen am See, für seine Villeggiatura, wenn er nicht lebt in Paris?«

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»Der Brief ist gegangen gestern fort. Die Antwort wird sein in zwei Tagen hier. Ich glaube, daß wird sein die Villa mehr für den Aufenthalt von der Fürstin und ihrem Kind und dem Hofmeister von dem Kind, als für den Fürsten selbst.«

»Was kümmert's uns, für was er kauft die Villa oder die Diamanten. Schau die Krone und die Culasse Abraham, unsere Schleifer verstehen zu schleifen so schön die Steine wie die Schleifer in Amsterdam. Gott Jakobs, welches Feuer! Wenn mein Bruder in Florenz nicht wär' gestorben, ich hätt ihm geschickt die Hälfte der Steine, der Markt auf dem Ponte vecchio ist so gut wie am San Marcus von Venedig.«

»Und der Eigenthümer von dem ganzen Schatz sollte wirklich Nichts sein, als der Kapitain von einem Kauffahrer Schiff?«

»Der Signor Garibaldi ist kein gewöhnlicher Kapitain, er ist gewesen schon ein General, der geschlagen hat gewaltige Schlachten in Rom, als der große Rabbi der Christenheit geflohen war vor der Rebellion, und in Amerika weit überm Meer, wo die Diamanten wachsen im Lehm und Gestein. - Hast Du die Wechsel geschickt heute Mittag an den großen Isaac Pereire nach Paris?«

»Dreimalhunderttausend Franken auf die Bank von Frankreich!«

»Ich sage Dir, Abraham, er ist auch ein General, ein Held an der Börse, so gut wie der Herr dieser Diamanten oder der große österreichische Graf Radetzki im Feld. Dreimalhunderttausend Livre nach Paris, achtmalhunderttausend an

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den großen Banquier, Gebrüder Buono in Neapel, und was hier übrig ist von den Steinen, viermalhunderttausend unter Brüdern werth. Der Gott Jakobs hat eine große Macht gegeben in die Hand dieses Mannes, denn ich weiß von unserm Geschäftsfreund in London, daß geblieben ist eben so viel an Werth dort.«

»Und das Alles gehört dem Signor Garibaldi?«

»So hat der Lord Heeresford, mein großer Gönner, gesagt, als er mich empfohlen zu dem Geschäft, weil er weiß, daß ich bin ein ehrlicher Mann.«

»Aber Meister, wenn Einer hat so viel Geld, vier Millionen Livre, warum fährt er zu Schiff um geringen Sold für die Kaufleute in Genua, statt daß er lebt als ein großer Herr?«

Der Juwelier hatte seine vom Alter gebeugte Gestalt aufgerichtet, sein dunkles Auge ruhte fest auf dem treuen Gefährten.

»Was liebst Du, Abraham - so recht vom Grund Deiner Seele? - Dein Vaterland?«

Der Kleine zuckte verächtlich die Achseln. »Was heißt? Hat der Jude ein Vaterland? Er ist ein Jude, sei's in Frankreich, in Italien oder in der Berberei. Kein Mensch sagt, er ist ein Italiener - aber alle Welt sagt, er ist ein Jude!«

»Das eben ist der Fluch unsers Volks - Du hast es mit wenig Worten ausgesprochen. Wenn wir uns erst gelöst haben werden von dem Bann, der das Geld zu unserm Vaterland macht, dann Abraham werden wir nicht mehr die Fremden, die Gehaßten sein, sondern Brüder zu

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Brüdern, mit gleichem Recht, ja mit mehr Recht als sie, denn die Macht und der Geist sind unser, nicht blos die Herrschaft des Geldes!«

Der kleine Jude murmelte etwas von sicherem Besitz, aber er wagte nicht, dem Meister zu widersprechen.

»Sich diesen Schatz, Abraham,« fuhr der Juwelier fort. »Er wird eine Macht sein, das Eisen und das Feuer durch die Welt zu tragen. Diese Diamanten sind bestimmt, Ströme von Blut zu kaufen, und diese Wechsel werden sein eine Fackel, die Italien von einem Ende zum andern entflammt. Was sind diese vier Millionen, wenn wir sie vergleichen mit dem Besitz, der ist in den Händen von unserem Volk?! Ein elender Tropfen Wasser gegen die Adria. Wir, das geknechtete, getretene Volk, könnten Europa, ja die bekannte Welt aus ihren Angeln heben, wenn uns der schmutzige Gewinn, der Dich zum habsüchtigen Wucherer macht, nicht mehr gälte, als unsere Seele und das Land, in dem wir geboren. Das Geld ist Schmutz, wenn es der Habsucht dient, aber es ist die Macht Gottes, wenn es zu Pulver und Stahl gewandelt wird, um ein großes Ziel zu erreichen. Warum spart und arbeitet der Jude? um zu haben die Truhen voll des rothen Goldes und zu sagen: es ist mein! Dieser Christ verachtet das Gold, weil es nicht ist die Aufgabe seines Lebens. Es ist ihm das Mittel für seinen Zweck und deshalb hat er geschworen, nicht anzurühren, was das Glück ihm gegeben, bis der Augenblick ist gekommen. Dann wird er es ausstreuen, als wäre es bloßer Sand am Meer!«

Der Bucklige zuckte die Achseln. »Die Gojim sind

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Narren - sie zerfleischen sich unter sich selbst! Was kümmert es den klugen Mann, ob der doppelte Adler herrscht in Italien oder die dreifarbige Fahne? Gott der Gerechte, ob es heißt Franz Joseph oder Victor Emanuel, oder Mazzini - wenn wir können machen unsere Geschäfte für alle drei, bin ich zufrieden!«

Der Juwelier hatte sich mit einem verächtlichen Blick auf sein Factotum wieder niedergesetzt, der Löwe Juda mit dem großen Gedanken der Emancipation und damit der Weltherrschaft seines Volks neben jener Gemeinheit, die als ewiger Fluch an ihm haftet, dem Wucher und Schacher der Habsucht.

»Was thut Ihr mit der italienischen Freiheit?« fuhr hämisch der Bucklige fort. »Zum freien Italiener, der gewesen ist ein Narr und hat gegeben sein gutes schönes Geld für die Freiheit, und ist geworden zum Bettler, werden nicht kommen die Fürsten und Grafen aus allen Ländern und werden ihm schmeicheln, wie sie thun dem verachteten Juden, und werden ihm vertrauen ihr Hab und Gut und ihre Ehre und ihre Noth. Mit Geld kann der Jude Alles kaufen, aber er will's nicht haben, sondern behält sein Geld und macht seinen Profit von der Narrheit der Gojims.«

Samuel hatte den Kopf in die Hand gestützt. »Erbärmlicher Thor, der Du sagst, mit seinem Geld könne der Jude Alles kaufen! Kann ich mit all' meinen Schätzen, mit der Frucht von fünfzig arbeit- und sorgenvollen Jahren, einem Leben voll Redlichkeit und Mühe die Schmach verwischen, daß ein Glied meiner Familie den Gott ihrer Väter

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verleugnet hat und Schande geworfen auf den Namen, den wir tragen? Geh - Deine Macht des Geldes ist groß, sie kann Nationen frei und groß machen, aber sie kann den Flecken nicht tilgen auf der Stirn des Einzelnen!«

Eine traurige, lastende Erinnerung schien über seine Seele zu ziehen, aber mit einer kräftigen Anstrengung ermannte er sich. »Laß uns von Geschäften sprechen, Abraham,« sagte er ruhig. »Sie verscheuchen am Besten die Erinnerung. Hast Du die Copien bereit gelegt von Signor Lorini, wenn sie kommen, um die Ehre ihrer Mächtigen zu feilschen?«

»In diesem Packet sind sie alle zusammen!«

»Der Franzose, der heute wieder abreiste, hat die Abschrift von der Abschrift. Diese Christen sind schlechter als die niedersten Männer aus dem Ghetto,« sagte der Juwelier. »Wenn sie haben einen großen Mann, zerren Sie an der Ehre seiner Mutter! Es kommt ihnen an Alles auf den Scandal!«

Der Kleine nickte. »Wenn er ist klug, wird er sie lassen reden und schreiben in den Zeitungen, ohne sich zu kümmern darum. Was thut ein Pergament oder ein geschriebener Brief gegen die Kanonen! Wo die Macht ist, da ist das Recht! Dennoch werden sie bieten viel Geld, denn der Meister hat wahr gesprochen, die Gojims lieben den Scandal!«

Der Wechsler lächelte bitter. »Sie nennen es Wucher,« sagte er finster, »wenn wir nehmen in Schuld und Verschreibung von ihren Verschwendern unsern Gewinn oder verkaufen im Handel und Wandel unsere Waare mit hohem

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Preis! Aber wann verkauft ein Jude die Ehre dessen, der ihn hat gezeugt? Dieser Signor Lorini ist ein Schurke und ich habe den Auftrag nur übernommen, weil ich halte den Handel damit in der Hand! - Schreibe nach Neapel, Abraham, daß der Prinz Mürat viel verkehrt mit seinen Schwägern in Bologna und Ravenna. Ich liebe nicht die Bourbonen und unser Volk ist unterdrückt in Neapel von den Priestern der Christen, aber die Herrschaft der Fremden wird sein noch schlimmer für sie, als die Hand des Königs Franz!«

Der Bucklige machte sich eine Notiz. »Hast Du gewarnt die Frau aus Zürich, daß die Polizei ist auf ihrer Spur?«

»Sie will Euch selber sprechen Samuel!«

»Was hab' ich zu thun mit einer Abtrünnigen, die der Geist der Thorheit und Eitelkeit treibt, sich in das Thun der Männer zu drängen? - Das Weib gehört in's Haus, daß sie sei die Freude des Mannes und die Mutter der Kinder, nicht auf dem Markt der Politik. Ich will nicht zu schaffen haben mit der Apostatin aus Berlin!«

»Sie will wegen der Flucht des Gefangenen noch mit Euch reden!«

»Hat die Amme ihm die Sägen gesandt?«

»Diesen Abend muß er sie erhalten haben!«

»So mag der Gott seiner Väter dem Gojim weiter helfen - ich will nichts mehr zu schaffen haben mit der Sache, - ich weiß ohnehin nicht, ob ich gut gethan, zu helfen dazu, und nur weil sein Bruder der Advokat, vertheidigt hat das Recht unserer Familie vor den Gerichtshöfen

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der Christen gegen die Pläne des verfluchten Geschlechts habe ich geboten die Hand. Morgen soll die Amme zurück nach Bologna.«

»Ich warne Euch vor dem Weib, Samuel, sie spricht verdächtige Worte und ihr Kopf ist verwirrt von den Reden der Priester!«

»Desto eher muß sie fort - aber ich habe Nichts zu fürchten in diesem Stück. Der Gefangene im Thurm von San Georgio hat an der Brust ihrer Mutter gelegen, und in diesem Punkt wenigstens halten die Christen zusammen, wie unser Volk. Darum liebt sie auch den Erben unseres Bluts mehr als ihr Leben!«

»Der Fluch Gottes wird nicht ausbleiben, daß Ihr habt trinken lassen den Knaben die Milch der Christen!«

»Sollte seine Mutter ihn sterben lassen weil vertrocknet war die Quelle ihres Busens? Er wird darum nicht minder sein ein treuer Sohn des Glaubens seiner Väter. Das Wort des Talmud ist die wahre Milch der Gläubigen, nicht die welche vom Weib kommt oder der Kuh. Gott hat mir genommen die eigenen Kinder, darum soll er sein mein Erbe und ich werde ihn kommen lassen wenn er geworden ist zehn Jahr und machen aus ihm einen treuen Bekenner des Gesetzes und einen ehrlichen Mann, der erheben kann das Haupt unter seinem Volk und liebt seine Brüder. Aber still Abraham - es zieht Jemand die geheime Schelle an der Pforte im Gäßchen. Frag' nach dem Wort und laß ihn ein.«

Zugleich hörte man ein scharfes Klopfen an der äußeren Thür nach dem Platz. Der Juwelier bewegte eine Klingel,

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die Theresitta, die Dienerin, herbeirief, während der kleine Buckliche hinausging, seinen Auftrag zu erfüllen.

»Sieh zu wer klopft, Kind,« sagte freundlich der Hausherr »und frage durch das Schiebloch nach seinem Begehr. Wenn er Dir sagt, daß er komme aus Venedig, so laß ihn eintreten einstweilen in den Laden und zünde an die Kerzen. - Noch Eins, Theresitta. Du kannst sagen Deiner Mutter, das[daß] sie mag sich machen bereit, um morgen zurückzukehren nach Bologna.«

Das Mädchen sah ihn erschrocken an, sie glaubte er habe ihr Gespräch belauscht; aber der alte Mann nickte ihr freundlich zu und sie verließ ohne Gegenrede das Zimmer.

Der Juwelier nahm das Etui mit den Diamanten und legte es in seine Schublade. Während er dies that, kratzte es drei Mal an der Wand.

»Tretet ein«, sagte der Hausherr laut.

Eine Tapetenthür an der Seitenwand, die nach dem Hausgang führte, öffnete sich, und ein Landmann mit seinem Weibe, beide in der Tracht der Bauern aus der Umgegend von Brescia, traten ein.

Es waren dieselben, die gegen Abend auf der großen Brücke von San Giorgio mit der Fruchtverkäuferin gesprochen hatten und denen der modenesische General mit seinem Freunde begegnet war.

»Guten Abend Signor Mortara!«

Der Juwelier erwiderte den Gruß und deutete auf zwei Sessel, die jenseits des Wägetisches standen, der gleichsam als Barriere das Zimmer in zwei Hälften schied.

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»Warum sind Sie noch nicht fort von Mantua, Madame?« sagte er rauh. »Ich hab' Sie doch lassen warnen durch meinen Diener, daß die Luft ist gefährlich für Sie. Die österreichische Polizei hat eine feine Nase und Sie sprechen unsere Sprache zu schlecht, um zu gelten für das, was Sie scheinen wollen.«

»Sie sind wenig galant, Herr Mortara!«

»Galanterie hin, Galanterie her! ich rede die Wahrheit. Glauben Sie, wenn Madame Herwegh in Zürich führt viele Monat eine Correspondenze mit einem guten Freund, der sitzt in den Kerkern von San Giorgio, die Polizei werde nicht wissen, daß dieselbe Madame Herwegh seit fünf 5 Tagen verschwunden ist aus Zürich? oder glauben Sie, daß die Leute in der Schweiz nicht lieben das Geld?«

Das ehemalige Fräulein Siegmund aus Berlin, das vor Jahren in der Preußischen Residenz den emancipirten Schöngeist gespielt und den unterm Schutz Schönlein's debütirenden und von den Nachäffern der Rahel'schen Gesellschaft vergötterten Poeten glücklich weniger durch Schönheit als durch klingenden Besitz gekapert hatte, schien durch das Mißtrauen sehr beleidigt.

»Ich habe meine Anstalten so gut getroffen, Herr Mortara,« sagte sie spitz, »daß ich völlig sicher bin. Ich weiß sehr wohl, daß man in Wien und Berlin mich fürchtet und beobachten läßt, aber ich scheue diese österreichische Polizei nicht! Sie sind viel zu ängstlich Herr Mortara!«

Der Juwelier suchte ohne zu antworten einen Zettel

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unter mehreren Papieren hervor, die unter einer prächtig ciselirten Eidechse von Benvenuto Cellini lagen.

»Ich habe bekommen heute Mittag durch einen guten Freund die Abschrift von einem kleinen Circular der Polizei-Direktion in Mailand,« sprach er lächelnd. »Es ist eingegangen heute Morgen in Mantua. Ich darf die Handschrift Niemand zeigen, deshalb muß ich die Notiz Ihnen lesen vor.«

Der Juwelier las mit ziemlich unverholenem Sarkasmus im Ton nachstehende Zeilen.


    »Frau Herwegh, geborne Siegmund, in Zürich, welche die schlechteste Gesellschaft um sich versammelt und die lächerliche Eitelkeit besitzt, zu glauben, daß sie die geheimen Verschwörungen leite, während sie von den Führern nur zum Deckmantel und zur Hergabe von Geldmitteln benutzt wird, ist am 25sten von Zürich abgereist. Sie hat sich nach der Lombardei begeben, in der Richtung von Venetien. Der Zweck ihrer Reise steht offenbar mit dem Treiben der revolutionairen Propaganda in Verbindung. Sie wird wahrscheinlich in Verkleidung reisen, ist aber leicht zu kennen, da ihr Aussehn die jüdische Abstammung nicht verleugnet. Ihr Alter ...«

»Ich schenke Ihnen das Signalement Herr Mortara,« sagte die sehr roth gewordene Dame. »Es ist unglaublich, welchen Beobachtungen man ausgesetzt ist!«

»Sie müssen noch hören den Schlußsatz,« meinte der Wechsler hartnäckig.


    »Sollte das Frauenzimmer in Mantua ergriffen werden, wohin sie sich vielleicht begiebt, da sie mit dem Gefangenen Orsini seither correspondirt hat, so ist sie als Vagabundin aufzugreifen, demgemäß zu behandeln und per

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    Schub an die Grenze zu bringen unter der Verwarnung des Staubbesens, wenn sie sich wieder in Kaiserlich-Königlichen Staaten blicken läßt!«

Der Begleiter der angeblichen Bäuerin von Brescia konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, die Dame selbst aber schien trotz des Eifers, in den sie über die schmachvolle Drohung gerieth, doch sehr herabgestimmt.

»Das ist unwürdig, das ist schändlich und ganz der österreichischen Tyrannei würdig« rief sie. »Aber ich werde nur theilen, das Loos der edlen Patriotinnen von Brescia, die vor sechs Jahren die Hyäne Haynau hat behandelt ebenso gemein! das ganze gebildete Europa würde sich erheben zu einem Protest. - Ich werde verlassen morgen früh Mantua mit dem ersten Zug.«

»Ich glaube Madame, es wird das Beste sein,« sagte der Juwelier kalt, »die österreichische Polizei nimmt wirklich keine Rücksicht selbst auf Damen. Was Signor Orsini betrifft, so ist geschehen, was möglich war, ohne uns zu compromittiren. Der Ausgang ist Sache des Glücks und seiner Geschicklichkeit. Aber ich zweifle an der Möglichkeit, und auf das Ungewisse will ich nicht compromittiren den Namen Mortara.«

»Sie gehören auch zu den Lauen!« schmollte die Dame mit verächtlichem Naserümpfen.

Der Wechsler sah sie fest und nicht ohne Stolz an. »Madame,« sagte er ernst - »der jüdische Wechsler und Juwelier Mortara ist nicht berühmt unter den Herrn Patrioten als ein großer Mann, der die Welt will umstürzen aus ihren Angeln mit Schwert und Feuer oder

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vielem Geschrei, aber er ist gekannt bei Freund und Feind, bei den Fremden und den Italienern als ein Mann, der noch nie gemißbraucht das Vertrauen, das man ihm geschenkt, so wenig wie er verkauft für Geld oder Eitelkeit den Glauben seiner Väter. Ich dränge mich nicht in den Kampf der Parteien, aber ich bin bereit, Allen zu dienen, wenn sie meine Hilfe brauchen, so weit es ein redlicher Mann nach den Gesetzen Gottes thun kann, mit meinem Beistand und meinem Gold. Ich diene der regierenden Gewalt, ohne zu verrathen den Einen oder den Andern; ich bin ein Mann des Geschäfts und kein Mann der Politik. Wenn ich hab' geholfen Beistand zu leisten dem Signor Orsini, so ist es geschehn, weil mich dauert, daß er soll enden am Strang. Aber ich hab' nicht Lust, dafür zu stecken meinen Hals selbst in die Schlinge, so wenig, wie Andere sich stäupen zu lassen dafür.«

Der Begleiter der Dame reichte ihm die Hand. »Man hat Sie uns als einen verläßlichen und geschickten Mann bezeichnet, Signor Samuelo, und das genügt. Haben Sie etwas Näheres über das Schicksal unseres Freundes gehört?«

»Das Urtheil ist heute eingetroffen von Wien!«

»Und sein Inhalt?«

»Er wird in drei Tagen werden gehenkt!«

Die Dame kreischte laut auf. »Der Unglückliche - dann ist jede Hoffnung vergeblich. Kennt er bereits sein Schicksal?« frug ernst ihr Begleiter.

»Es soll ihm morgen werden publizirt!«

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Es trat eine Pause ein, die nur durch das Schluchzen der Dame unterbrochen wurde.

»Jeder von uns muß gefaßt sein, den Tod zu erleiden für die Sache, die er vertritt - ob auf dem Schlachtfeld, ob unter dem Galgen - es bleibt der Tod für das Vaterland! - Es hilft Nichts, um das Unmögliche zu klagen. Lassen Sie uns unsre Geschäfte abmachen, damit wir morgen bei Zeiten Mantua verlassen können.«

Der Wechsler nahm ein Buch und schlug ein Conto darin auf. »Am 5. März sind geworden deponirt bei mir zehntausend Lire von unbekannter Hand aus Venedig, und dreitausend vierhundert aus Ferrara.«

Der fremde Landmann nahm aus einer Brieftasche ein Papier. »Hier sind die Chiffern, gegen deren Vorzeigung das Geld in Empfang zu nehmen ist.«

Samuel prüfte sorgfältig die Zeichen. »Es ist in Ordnung Signore und Sie können das Geld baar oder in Wechseln auf Genua erhalten.«

»Es gehört Madame, die es dem Bunde vorgestreckt. Es wird am Besten sein, es ihr in Wechseln zu geben.«

Der Juwelier schrieb eine Anweisung auf eines der ersten Häuser in Genua und reichte sie ihr. Trotz ihrer Träume und ihrer Verzweiflung prüfte die Dame erst sehr sorgfältig und sachverständig das Papier, bevor sie es zu sich steckte und Quittung gab.

»Ist unter den obigen Zeichen nichts Anderes bei Ihnen eingetroffen, Signor Samuelo?«

»Doch Signore. Hier ist ein Packet mit Briefen, das man mir übergeben.«

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»Können oder wollen Sie mir sagen, durch wen es in Ihre Hände gekommen?«

»Ich hab' zu machen daraus kein Geheimniß. Eine vornehme Dame, die seit einigen Tagen hier verweilt, weil sie hat einen jungen Vetter unter der Garnison, hat mir gegeben diesen Morgen das Packet.«

»Ihr Name?«

»Die Fürstin Trubetzkoi!«

Der Name schien einen besonderen Eindruck auf den Fragenden hervorzubringen. »Kennen Sie den Familiennamen der Dame, Signor Samuelo, denn die Familie Trubetzkoi ist ziemlich zahlreich?«

»Es ist eine ungarische Gräfin, Cäcilie Pálffy, wenn mir recht ist.«

Der Andere sann einige Augenblicke nach, dann wandte er sich zu seiner Gefährtin. »Verzeihung, Madame, aber ich habe eine private Pflicht zu erfüllen, das Ehrenwort, das ich einem Freunde gegeben, und es wird besser sein, wenn ich dies allein und auf meine Gefahr thue. Signor Samuelo, haben Sie eine sichere Person, die Madame nach der Osteria begleiten kann, in der wir Wohnung genommen haben?«

Der Wechsler pfiff und sogleich erschien durch die Tapetenthür der bucklige Abraham.

Er erhielt den Auftrag, die verkleidete Dame nach der kleinen Herberge zu geleiten und für ihre Sicherheit zu sorgen. Dieselbe schien zwar sehr wenig davon erbaut, daß ihre Mitwirkung nicht weiter gebraucht, oder ihre Neugier befriedigt würde, aber eine ernste Erinnerung an ihre

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Sicherheit und den ominösen Steckbrief der österreichischen Polizei genügte, sie gefügig zu machen. Der Bucklige führte sie auf demselben Wege fort, auf dem sie gekommen.

Die beiden Männer waren allein; der Wechsler betrachtete aufmerksam den Fremden.

Es war eine hochgewachsene schöne Gestalt von stattlichem soldatischem Ansehen, selbst unter der verstellenden Kleidung. Das Gesicht war männlich und kühn und ließ auf ein Alter von etwa drei- bis vierunddreißig Jahren schließen.

»Signor Samuelo,« sagte endlich der Andere, - »Sie haben von London durch den Viscount von Heresford eine Anzahl Diamanten erhalten, um dieselben schleifen zu lassen und zu verkaufen?«

»Wenn Sie die Thatsache kennen, Signore, habe ich keine Ursache, sie zu verschweigen.«

»Diese Diamanten sind das Eigenthum des General Garibaldi.«

Der Juwelier nickte.

»Lord Heresford hat Sie in Kenntniß gesetzt, daß auf Grund Ihres Empfangscheins der General über den Erlös disponiren wird. Er wünscht durch Ihre Vermittelung die Summe an verschiedenen Orten in Italien sicher unterzubringen.«

»Ich habe gesorgt für das Geschäft!«

»Sind die Diamanten taxirt und verkauft?«

Der Juwelier nahm das Etui mit den Steinen, das er vorhin fortgesteckt, hervor und öffnete es. »Die Steine sind nach rechtlicher Schätzung, jetzt nach erfolgtem Schliff,

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vier Millionen und dreimalhunderttausend Lire werth. Ich bin bereit, sie zu dem Preise zu kaufen, wenn man mir läßt Zeit, sie unterzubringen.«

»Die sollen Sie haben, ich besitze die Vollmacht des Generals zu jeder Disposition. Das Kapital soll in Italien angelegt bleiben, bis die Zeit zu seiner Verwendung gekommen. Doch darf Niemand darum wissen.«

»Signor Garibaldi kann sich verlassen auf einen ehrlichen Mann.«

»Als solcher sind Sie bekannt, und deshalb hat der General Sie gewählt. Doch bedarf er vorläufig fünfzigtausend Lire. Von diesem Geld soll ich dreißigtausend baar in Empfang nehmen und für zwanzigtausend sind Waffen und Munition anzukaufen. Hier ist das Verzeichniß des Benöthigten. Wir wissen, daß Sie nicht bloß in Gold und Edelsteinen handeln, sondern Geschäfte mancherlei Art machen. Sind Sie im Stande, das hier Verzeichnete zu liefern?«

Der Wechsler hatte die Liste geprüft. »Wann und wo, Signor?«

»So bald als möglich. Die Ablieferung erfolgt nach Constantinopel an das Haus Agathon Kaskaris und Compagnie.«

»Dann ist die Sache ein Leichtes - ich habe gefürchtet, es thäte sein für die Herren von der Revolution im Lande selbst.«

Der Andere lächelte. »Vorläufig, Signor Samuelo, sind die Sachen für das Comité des Kaukasus bestimmt. Sie können also unbesorgt sein, die österreichische Polizei

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wird einer Waffensendung gegen Rußland nichts in den Weg legen. Was das baare Geld betrifft ...«

»Sie werden begreifen, Signor,« sagte der Juwelier, »daß ich nicht vorbereitet bin, eine so große Summe zu zahlen noch diesen Abend. Aber ich habe im Haus die dreizehntausend Lire, in gutem Gold, die ich hab' angeboten vorhin baar der Madame. Und ich werde empfangen noch diesen Abend bei dem Herrn Fürsten Trubetzkoi die Summe von vierzigtausend Lire.«

»Sie gehen zu dem Fürsten Trubetzkoi?«

»Der Fürst und die Fürstin werden reisen morgen oder übermorgen ab mit der Familie und mit der Dienerschaft nach Verona und dann an den Gardasee, um zu beziehen ein Landhaus. Die Herrschaften haben bestellt verschiedene Juwelen bei mir, und der Fürst, der ist ein Kenner und Freund von edlen Steinen, wird kaufen diesen Diamant von denen, die der General mir hat anvertraut zum Kauf. Sie werden das Geld erhalten vor morgen früh.«

»Ihr Wort genügt. Aber ich habe einen andern Wunsch. Kann ich durch Ihre Vermittelung noch diesen Abend eine Unterredung mit der Fürstin haben?«

»Mit der durchlauchtigen Fürstin Trubetzkoi?«

»Es muß sein - ich darf den Zufall nicht unbenutzt lassen, der mich mit ihr zusammenführt. Morgen bin ich auf dem Weg nach Ancona, sie nach dem Norden, und ich habe ein Wort zu lösen, was besser mündlich als durch einen Brief geschieht, der vielleicht in unrechte Hände fällt.«

Der Juwelier dachte nach. »Sie setzen sich einer

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großen Gefahr aus, Signor, denn im Croce verde verkehren viele österreichische Offiziere.«

»Bah - diese Verkleidung ist sicher. Für den Nothfall schützt mich ein englischer Paß!«

»Den Signor Fabrici vielleicht, aber ...«

»Was?«

»Aber nicht zum zweiten Mal den Obersten Türr!«

Der Landmann trat erstaunt einen Schritt zurück. »Wie - Sie kennen mich?«

»Ich erinnere mich sehr gut vor acht Jahren, daß hier gestanden das Regiment »Franz Karl« und eines gewissen Unterlieutenants, der desertirt ist an der Brücke von Bussalora.«

Der Andere schwieg - eine brennende Röthe überzog sein kühnes Gesicht. Der Vorwurf, vor dem Feind desertirt zu sein, berührte seine soldatische Natur trotz der Ursachen, die ihn dazu bewogen hatten, immer empfindlich.

»Ich habe gelesen,« fuhr der Wechsler fort, »daß der tapfere Oberst Türr ist in Bukarest verhaftet worden vor anderthalb Jahren, obschon er trug englische Uniform und dort war im Auftrag des englischen Feldherrn. Man hat ihm gemacht den Prozeß und er wäre erschossen worden, wenn die Königin Victoria nicht gebeten hätte beim Kaiser Franz Joseph.«

»Es ist Alles richtig, was Sie sagen, Samuelo,« sagte der Erkannte, »und es wäre Thorheit, mich weiter verbergen zu wollen. Ich war in Zürich, als Signor Fabrici sich dort befand. Da ihn noch Geschäfte rasch nach Turin und Genua riefen und mich ein griechisches Fahrzeug in

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Ancona erwartet, um mich nach Constantinopel zurückzubringen, übernahm ich es, die Signora nach Mantua zu geleiten, um den Auftrag des Generals an Sie zugleich auszuführen. Ich wiederhole Ihnen, daß Sie mir einen großen Dienst leisten werden, wenn Sie mir Gelegenheit verschaffen können, die Fürstin zu sprechen.«

»In dieser Verkleidung Signor Colonello, ist es unmöglich - die Gefahr wäre zu groß. Aber ich kann mit mir nehmen einen Gehilfen, der bringt den bestellten Schmuck an die Fürstin, während ich vorlege die Diamanten ihrem Gemahl. Wenn Sie sich nicht schämen, Signor, der Tracht Eines aus unserm Volk, wird die Sache sein nicht so schwer. Sie wissen, daß die vornehmen Leute machen Tag aus der Nacht.«

»Ich bin mit Vergnügen bereit,« erklärte der Oberst, »und glaube meine Rolle spielen zu können, da ich das Italienische spreche so gut wie Sie selbst. Aber wo nehmen wir die Verkleidung her?«

»Ich werde sorgen dafür. Indeß Sie sich kleiden an, werde ich das Geschäft machen mit der Person, die mich erwartet im Magazin.« Er schlug einen Vorhang zur Seite, der den Aufgang einer engen Stiege verdeckte, die auf der andern Seite des Comtoirs in das obere Stockwerk führte und geleitete ihn diese hinauf in ein Gemach, an dessen Wänden eine Menge Kleidungsstücke hingen.

»Signor Colonello,« sagte der Wechsler, »obschon ich nicht habe gern zu thun mit der Politik und gehe meinem Geschäfte nach als ein friedlicher Mann, ist doch die Zeit gar schlimm und auch der ehrlichste Mann muß greifen

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zuweilen zu einem unschuldigen Betrug, wenn er will erreichen sein Ziel. Hier sind Kleider, wie sie tragen die Handelsleute von meinem Glauben in der Levante, und wenn Sie ankleben den Bart hierzu, können Sie gehen dreist vorbei Mittag bei der Parad' an dem gestrengen Obersten vom Regiment Franz Carl.«

Der Oberst hatte den Schnurr- und langen Knebelbart, den er sonst zu tragen pflegte, schon zu seiner Verkleidung als Landmann abgeschnitten und der Wechsler wies ihn daher jetzt nur an, wie er den falschen Bart zu befestigen habe; dann verließ er ihn und kehrte von dort nach seinem Comtoir und der Küche zurück, um zu seinem andern Besuche in den Laden zu gehen, den er schon so lange hatte warten lassen.

Als der Juwelier in das Vordergemach trat, das als Laden und Empfangszimmer der Fremden diente, die er nicht in das Allerheiligste seines Comtoirs einlassen wollte, fand er Herrn von Neuillat mit seinem Begleiter. Herr von Neuillat saß auf dem Sopha, der Andere entfernt auf einem Sessel, so daß der Schatten der Lampe verbunden mit dem hoch aufgeschlagenen Militairmantel ihn jeder nähern Prüfung entzog.

»Entschuldigen Sie Signori, daß ich Sie habe warten lassen,« sagte höflich der Wechsler - »aber ein armer Handelsmann, der geplagt ist mit vielen Geschäften, ist nicht immer Herr seiner Zeit. Womit kann ich dienen dem gnädigen Herrn?«

Der Vertraute der entthronten Königsfamilie öffnete sein Portefeuille und nahm einen Brief heraus.

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»Dies Schreiben, Signor Mortara, wird Ihnen nicht unbekannt sein, es giebt dem Adressaten oder einem von ihm Bevollmächtigten ein Rendezvous auf heute Abend bei Ihnen!«

Der Wechsler verbeugte sich. »Mit wem habe ich die Ehre zu sprechen, Excellenza?«

»Ich bin der Baron von Neuillat, Reisestallmeister Ihrer Königlichen Hoheit der Frau Herzogin von Berry. Ich glaube, daß der Besitz des Briefes mich genügend in Ihren Augen behufs unserer Verhandlung legitimiren wird.«

»Verzeihen Euer Excellenz, wenn ich bin mehr vorsichtig als vielleicht nöthig, da es sich handelt nicht um mein Gut, sondern um das Vertrauen, was mir geschenkt hat ein Dritter. Darf ich fragen, wer der Signor ist, der gekommen ohne Zweifel mit Ihnen und ob er darf hören unser Gespräch?«

»Der Herr ist mein Freund, obschon er wünscht, vorläufige unbeachtet zu bleiben. Sie können ohne Gêne in seiner Gegenwart sprechen.«

Der Juwelier verbeugte sich.

»Dieser Brief,« fuhr Herr von Neuillat fort, »knüpft eine schon früher begonnene Unterhandlung über den Verkauf gewisser Dokumente wieder an und verweist uns an Sie, als die Person, bei welcher jene Papiere deponirt sind.«

»Signor Lorini hat mir geschenkt sein Vertrauen.«

»Wenn die Papiere das enthalten, was man uns angedeutet,« fuhr der Baron fort, »so sind sie allerdings

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nicht ohne Wichtigkeit, obschon ihr Werth bei den gegenwärtigen Verhältnissen von dem Besitzer wahrscheinlich sehr überschätzt wird und ich überhaupt bezweifle, daß sie gültige Beweise enthalten.«

»Euer Excellenz mögen sich selbst überzeugen!« Der Juwelier nahm aus der Brieftasche seines Rockes ein Packet Papiere. »Es sind die Abschriften, und ich kann bürgen Euer Excellenz für die Richtigkeit. Hier ist der Auszug aus den Protokollen des Gerichts, zwei Briefe Ihrer Majestäten und die Erklärung des Leibarztes und zweier Zeugen.«

Herr von Neuillat las langsam die Papiere, während der Juwelier nicht ohne Unruhe das Incognito des zweiten Fremden zu durchdringen suchte.

»Das sind Abschriften - aber die Originale?«

»Sie befinden sich an einem sichern Ort.«

»Also in Ihren Händen? Wissen Sie Signor Mortara, daß dies eine ziemlich gefährliche Sache ist?«

Der Juwelier zuckte die Achseln. »Ich bin nur der Unterhändler für einen Dritten!«

»Das weiß ich, und zugleich, daß Sie ein rechtlicher und kluger Mann sind. Was fordert Herr Lorini für diese Papiere?«

»Eine Million Lire!«

Der Baron lächelte. »Und wie viel hat Ihnen heute Morgen der Oberst Fleury geboten?«

Der Wechsler fuhr erstaunt zurück. »Wie kommen Euer Excellenz zu der Frage?«

»Sie sehen, daß ich gut unterrichtet bin. Aber ich

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will Ihnen Etwas sagen, denn es thut mir leid, daß ein Mann, von dem ich gehört, daß er bereits Sr. Majestät König Heinrich V. einige nicht unwesentliche Dienste geleistet hat, hier vielleicht zu Schaden kommen soll. Dieser Herr Lorini, der von einem ganz gemeinen Verrath seines Vaters einen ebenso niedern Gebrauch machen will, hat Sie getäuscht, oder täuscht sich selbst.«

»Wie meinen Euer Excellenz das?«

»Diese Papiere haben keinen Werth, so lange das verbindende Hauptdokument fehlt. Sie sind Nichts, als Autographen, geeignet einigen Zeitungsscandal hervorzurufen, aber ohne Wichtigkeit, ohne jenes.«

»Und das ist?«

»Das Taufzeugniß. - Ich will Ihnen nicht verbergen, daß sie in Verbindung mit jenem eine Million werth sein können - wenn sie sich in geeigneter Hand befinden und der richtige Augenblick gekommen ist. Ohne diese Vereinigung sind sie bloße Drohungen.«

»Aber ich glaube gefunden zu haben die richtige Hand,« sagte aufmerksam der Juwelier, »indem ich sie habe angeboten der rechten Person in Venedig?«

»Wenn Sie Se. Majestät den König Heinrich V. und seine Familie meinen, so haben Sie und Ihr Auftraggeber sich geirrt. Se. Majestät bieten Ihnen zwanzigtausend Franken für die Vernichtung dieser Papiere, aber nicht einen Sous für ihren Erwerb.«

Der Juwelier sah ihn erstaunt an.

»Das von Gottes Gnaden überkommene Recht der legitimen Fürsten auf den Thron Frankreichs,« fuhr der

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Baron ernst fast feierlich fort, »soll nicht durch Schmutz und Scandal zum Siege gelangen. Das königliche Blut, das auf dem Schaffot des place de la concorde geflossen ist, darf nicht entweiht werden durch einen Akt der Niedrigkeit. Wen die französische Nation in ihrer Verirrung von den Gesetzen Gottes auch zu ihrem Oberhaupt gewählt haben mag, ein Sohn Frankreichs hat nicht das Recht, die Wahl seiner Nation zu beschimpfen. Ich bin beauftragt, Ihnen ein für allemal zu erklären, daß Se. Majestät und seine Familie diesen schimpflichen Handel zurückweisen.«

Der Juwelier hatte unter den ernsten und strengen Worten des Abgesandten seinen Kopf gebeugt. Als er ihn wieder erhob, trug sein Gesicht einen unverkennbaren Ausdruck von Rührung und zwischen seinen grauen Wimpern spiegelte sich eine den Menschen in ihm ehrende tiefe Bewegung.

»Signor,« sagte er ernst, »ein Jude von Mantua kann nicht sprechen von seinem großen und mächtigen Vaterland, aber er kann fühlen, was es heißt, zu sein der Gesalbte des Herrn und verbannt ohne Schuld aus dem geliebten Land. Wenn Seine Majestät der Herr Graf von Chambord brauchen können bei einer Gelegenheit den Beistand von einem geringen Mann, wie der Löwe brauchen kann zuweilen die Maus, mag er befehlen über den Samuel Mortara zu Mantua; denn er hat mich heute gelehrt, daß auch die großen Herrn haben etwas Besseres, als den Durst nach Macht und daß man kann sein auch in der Verbannung der wahre König.«

Der Baron war aufgestanden und reichte ihm die

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Hand. »Darf ich Ihnen einen Rath geben, Signor Mortara?«

»Ein weiser Rath, Excellenza, ist oft besser wie Gold.«

»Dann geben Sie bei erster Gelegenheit Herrn Lorini diese Papiere zurück; denn wie werthlos sie im Grunde auch sind, ihr Besitz ist nicht ohne Gefahr, selbst unterm Schutz der Kanonen von Mantua. Und nun leben Sie wohl; ich hoffe, ein ander Mal die Gelegenheit zu haben, Ihre schöne Sammlung von Kleinodien zu sehen, wegen deren Ihr Laden berühmt ist.«

Der Herr des Hauses war im Augenblick wieder ganz der Kaufmann. »Ich kann Euer Excellenz zeigen etwas Ausgezeichnetes von Diamanten, wie kein König auf dem Thron sich braucht ihrer zu schämen. Ich will sie noch tragen diesen Abend zu dem russischen Fürsten, der logirt im goldenen Kreuz. Wenn Seine Majestät der Herr Graf von Chambord kaufen wollen Diamanten, kann ihm Keiner besser bedienen, wie der Samuel Mortara zu Mantua.«

Der Baron lachte. »Ein ander Mal, Herr Mortara, hoffe ich, schließen wir einen bessern Handel als heute. Meine Geschäfte rufen mich dringend morgen früh nach Venedig. Gute Nacht!«

Der Wechsler ergriff den silbernen Armleuchter, seinem Besucher höflich zu leuchten. Trotz seiner geschickten Wendung gelang es ihm aber auch jetzt nicht, das Gesicht des Begleiters des Barons zu sehen. Während er durch den Flur voran ging nach der Hausthür und Theresitta diese

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öffnete, blieb der Mann im Mantel einen Augenblick bei der ältern Frau stehen, die, den Kopf gebeugt, theilnahmlos am Heerde saß.

»Anna Morisi?« flüsterte er leise.

Die Frau fuhr aus ihren Gedanken auf und starrte zu der finstern Gestalt empor.

»Im Namen der heiligen Kirche - nehmt und gehorcht!« Ein Agnus-Dei von Lapis-Lazuli, um das ein Papierstreifen gewickelt war, fiel in ihren Schooß. Im nächsten Augenblick schon stand der Fremde an der Thür, wo der Hausherr sich demüthig dem vornehmen Herrn empfahl.

In diesem Moment, gerade als er die Thür schließen wollte, riß der Wind den Mantel des Fremden von einander und das Licht der nächsten Laterne fiel auf sein Gesicht.

Der Juwelier fuhr zurück, als hätte er auf eine Natter getreten.

Ein Ausdruck bittern unversöhnlichen Hasses flog über sein Gesicht.

»Der Graf!« murmelte er. »Was will der Sohn der Abtrünnigen in meinem Haus? Möge der Fuß verdorren, den er gesetzt auf meine Schwelle - sein Tritt bedeutet Unheil!«

In tiefen Gedanken ging er durch den Flur nach seinem Comtoir zurück. Diese Gedanken ließen ihn auch die Aufregung der ältern Frau nicht bemerken, der das in so eigenthümlicher Weise enthaltene Zeichen nicht unbekannt schien; denn sie preßte mit frommer Extase das Agnus-Dei

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wiederholt an Stirn und Lippen, ehe sie es sorgfältig in ihrem Busen verbarg.

Den Rücken gegen ihre Tochter gekehrt, machte sie sich am Licht zu schaffen, um das Papier zu lesen, das um das heilige Symbol geschlungen gewesen war.

Es enthielt nur wenige Worte:


    »Bei Deinem Seelenheil! Im Namen Gottes und der Heiligen Jungfrau: man erwartet Dich nach Mitternacht an der linken Pforte der Kirche von San Barbara.

           Im Auftrag des Rektor Antonio,

                   Deines Beichtvaters.«

Als der Baron und sein Begleiter über den Platz schritten, frug der Erstere: »Ich glaubte, Sie hätten gleichfalls ein Geschäft mit dem Juden Mortara, liebster Graf?«

»Nicht mit ihm, doch in seinem Hause!«

»Aber ich habe Nichts bemerkt ...«

»Was ich suchte, habe ich gefunden. Die Sache ist zu unbedeutend, um Sie zu interessiren, aber ich danke Ihnen, daß Sie mich der Verhandlung beiwohnen ließen. Diese Gesinnung macht Seiner Majestät alle Ehre, obschon es nicht gerade in unserm Interesse gehandelt ist.«

Sie gingen, von den angebotenen Papieren sprechend weiter. -


Die ehemalige Amme hatte eben Zeit gehabt, das Papier zu dem Agnus Dei zu verbergen, als der

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Hausherr aus seinem Gemach zurückkam, zum Ausgehen gerüstet und von einem Fremden im langen Kaftan begleitet, wie ihn die armenischen Händler und die jüdischen Kaufleute des Orients tragen. Ein dunkler dichter Bart umkrauste das Gesicht des Mannes und das Feß war tief über die Stirn gezogen. In der Hand trug er die Kassette, in die der Juwelier seine Kostbarkeiten bei einem Besuch außer dem Hause zu verschließen pflegte.

Die Geschäfte des Hausherrn und die Besuche, die er erhielt, waren viel zu mannigfaltig und häufig geheimnißvoller Natur, als daß das Erscheinen des fremden Mannes den beiden Weibern weiter aufgefallen wäre, und sie beachteten daher nur die Empfehlung des Wechslers, die Thür sorgfältig bis zu seiner Rückkehr verschlossen zu halten und Niemand zu öffnen, da Abraham seinen besondern Schlüssel zum hintern Eingang hatte.

Der Wind tobte heftig und pfiff in den Winkeln und Ecken der alten Häuser und der mächtigen grauen Mauern der Kirche von San Barbara, als der Juwelier mit seinem Begleiter an dieser vorbei über den engen Platz schritt, leise demselben noch allerlei Regeln und Weisungen für sein Verhalten ertheilend.

Sie waren an dem Portal der Kirche kaum vorüber, als aus dem dunklen Gang sich drei Gestalten lösten und einige Schritte hervortraten.

»Das ist er, dort zur Linken - das ist der Mann! aber ich will verschwarzen, wenn ich weiß, wer ihm trägt die Kassette, wenn es nicht ist der Mensch, der geblieben ist bei ihm!«

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Der Sprecher war eine kleine verwachsene Gestalt; von seinen beiden Gefährten trug, so viel die Dunkelheit zu sehen erlaubte, der eine, eine große, kräftige Figur, den Mantel eines österreichischen Soldaten, der andere war ein alter, ziemlich reducirt gekleideter Kerl.

»Bassa manelka,[«]« fluchte der im Mantel - »wenn is sich verfluchtiger Jude fort und das Nest leer, können wir gleich gehen an's Werk.«

»Bscht Kamerad,« meinte der Alte in breitem schwäbischen Dialekt - denn die Unterhaltung wurde in deutscher Sprache geflogen - »nit so hastig - s'ischt zu zeitig, und wenn er kommt zurück und findt uns an der Arbeit, macht er an groß Geschrei und die Straßen sind noch voll Leit!«

»Er hat Recht,« sagte der Kleine. »Es muß bleiben bei unserer ersten Bestimmung. Die Weiber sind wach im Haus und würden machen ein großes Gelarm. Eine Viertelstunde nach Mitternacht werd' ich Euch öffnen die Hinterthür. Ihr kennt den Vertrag!«

»Das Geld und der Laden ist unser! Bassa teremtete! Is sich der Jude reich!«

Der Alte rieb sich die Hände. »Wir solle zwar nur die Papiere nehme, Bucklicher, aber 'sch geht i Eins hin! Ihr werdet uns die Papiere zeige, zehntausend Franke sind kein Pappestiel! - I hab' halt kein so schönes G'schäft gemacht seit damals in Paris, als die hübsche Gräfin entführt ward!«

Der Kleine sah sie mit einem verachtungsvollen Blick an, den sie in dem Dunkel nicht bemerkten. »Falsche

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Gojim,« murmelte er - »ihr werdet sein das Wachs in meiner Hand. Mögt Ihr nehmen die Papiere und das Geld, wenn mein sind die Diamanten des Christen!« - Er wandte sich zu dem Verbündeten. »Aber was ist zu thun, wenn erwachen sollte der Meister oder eins von den Weibern?«

Der Soldat faßte ihn mit einem gewaltigen Griff an der Kehle. »Kutya lanczos - kennt Ihr das? Der Szabó ist nicht gewesen umsonst so lang der Profoß vom Regiment, daß er eine lumpige Judenseele nicht könnte bringen zum Schweigen.«

Der alte Schwabe kicherte vergnügt. »Fideldidum - sind wir Kinder im Handwerk, oder hab i durchgemacht alle Schulen von Paris? Kümmert Euch nit darum - desch is unsre Sorg!«

Der Kleine nickte. »Wohlan - Ihr wißt Ort und Zeit! Auf Wiedersehn - ich muß hinein, denn er muß mich finden auf meinem Platz, wenn er kehrt zurück.« Heimlich für sich murmelte er noch: »ich muß sehen, wo er verschließt die Diamanten!«

Das würdige Kleeblatt trennte sich. -


In einem Salon des Croce verde, einem der bekanntesten Hôtels von Mantua, saß um den Tisch, auf dem die Theemaschine brodelte, eine Gesellschaft, deren einzelnen Mitgliedern - mit Ausnahme des jüngsten - unsere Erzählung bereits vielfach begegnet ist.

Auf dem eleganten Sopha hatten zwei Frauen Platz

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genommen, die eine groß und schlank, von edlem Gesicht, aber bleichem leidenden Aussehen, schmucklos in eine schwarze Seidenrobe gekleidet; - die andere ein koboldartiges, quecksilbernes Wesen, braun, mit funkelnden Augen. Zwischen beiden Frauen lag auf dem Sopha ein Kind, ein Knabe von vier bis fünf Jahren, mit dem die Braune neckend spielte, während er schlaftrunken sich an ihre Brust lehnte.

Die Dame in Schwarz, offenbar die Herrin, hatte sich in die Ecke des Sopha's zurückgelehnt, die blasse von dunklen Locken umrahmte Stirn in die schlanke weiße Hand gestützt. Ihr Auge ruhte nicht, wie das Auge einer zärtlichen Mutter auf dem Kinde, das doch ihre Züge trug, sondern starrte träumerisch hinein in's Leere und es war kaum zu entscheiden, ob sie die Worte und den Sinn dessen verstand, was der Vorleser an der andern Seite des Tisches vortrug.

Dieser war ein Mann von etwa dreißig Jahren, obschon der tiefe Ernst und die Falten mancher Erfahrung und Täuschung auf seiner Stirn ihn vielleicht einige Jahre älter erscheinen ließen. Er hatte trotz dieser Zeichen ein offenes männliches Gesicht, das eine Lebenskraft zeigte, die dem verborgenen Kummer Trotz bot. Er war einfach, aber gut gekleidet und die ruhige Ehrerbietung ohne Liebedienerei, mit welcher er, zuweilen das Buch weglegend, eine Bemerkung zu den beiden Frauen über das Gelesene oder über das Kind machte, so wie die freundliche, aber gemessene Weise, in der er zu einem zuweilen eintretenden Diener sprach, bewiesen, daß er die in den meisten

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vornehmen Familien für die Selbstständigkeit des Trägers so schwierige Stellung eines Hofmeisters des Knaben und Secretairs der Dame vom Hause mit Takt und Sicherheit auszufüllen gewußt hatte.

»Lassen Sie es genug sein, Herr Meißner,« sagte die Dame mit einem vornehmen, aber freundlichen Wink ihrer Hand - »wenn auch die klassische Sprache dieses Landes Dank der Erziehung meiner Heimath mir noch genügend in der Erinnerung ist, langweilt sie doch unsere kleine Freundin. Ich bat Sie im Grunde mehr um die Verse, um mich hier an der Stelle, wo der große Dichter geboren wurde, an unsere schönen Tage an seinem Grabe zu erinnern.« -

Der Hofmeister schloß das Buch - Virgils Georgica. »Die kleine Vorbereitung auf das Landleben,« sagte er lächelnd, »das Ihro Durchlaucht an den Ufern des Gardasee's zu führen gedenken, kann einstweilen Feodora an die Langeweile gewöhnen, die sie dort gewiß empfinden wird!«

»Ebbadta, was wissen Sie davon? ich liebe auch das Land, die Haiden, die weiten Strecken, auf denen man sich tummeln kann! Geben Sie mir die Pußta zurück, und ich will Nichts mehr haben von Ihren Theatern und Palästen! ich werde den Fürsten bitten, mir ein Roß mit den langen Mähnen und den kleinen rothen Augen zu schenken, wie er sie zu Hunderten hat in seinen Gestüten am Don, das ist etwas Anderes, als Ihre trägen Maulthiere und Esel an dem heißen Golf von Neapel! und

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dann wollen wir sehn, ob Sie mir's gleich thun im lustigen Jagen!«

Die Dame, die der Hofmeister als Fürstin angeredet, sah mit einem Ausdruck schmerzlicher Trauer auf die Sprechende. »Du hast Recht, Feodora - wer die Tage der Jugend wieder zurückrufen könnte! - In den meisten Menschenleben sind sie das beste - ja das einzige Glück! - Aber Du irrst Dich Feodora, wenn Du glaubst, wir werden die weiten Flächen und Ebenen unsers Ungarns um uns haben! eine gewaltige, erhabenere Natur wird uns umgeben, die mächtigen riesigen Alpen, ihre Ferner und Gletscher spiegelnd in den blauen Wellen des italienischen See's!«

»Bah - ich verstehe Nichts davon, mir ist die weite Ebene willkommener, wenn's einmal das Land sein soll - die Berge hindern die Freiheit, die ich liebe, und die Mumeli Swa hat mich als Kind schon gewarnt und prophezeit, daß sie mir einst Unglück bringen würden. Aber wenn's Ihnen nur gefällt, Durchlaucht, und Sie die wilde Tunsa nicht von sich schicken, dann ist sie mit Allem zufrieden und für den kleinen Dimitri und sie findet sich immer ein Plätzchen, wo sie mit einander laufen und spielen können.«

Sie haschte nach der Hand der Gebieterin, die sie mit Küssen bedeckte. Der Knabe schrie und wehrte sich, wie sie sich so über ihn beugte: »Garstige Tunsa, ich will nicht mit Dir laufen! Warum versprichst Du mir immer ein Pferd und hältst nie Wort?«

»Wenn Du artig bist und Deine Aufgaben lernst,

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Dimitri,« sagte der Hofmeister ruhig, »wirst Du auch ein Pferd erhalten, und ich selbst werde Dich reiten lehren.«

Der Gedanke hatte den Schlaf aus den Augen des Kindes verscheucht und es klatschte vergnügt in die Hände. »Wenn Sie mir's versprechen, Herr Meißner, dann weiß ich, daß es wahr ist! Der kleine Dimitri wird gewiß auch recht artig sein. Aber ich kann schon reiten, und fürchte mich nicht ein Bischen, wenn der Petrowitsch mich vor sich auf dem Sattel hat und mir die Zügel giebt!«

Die Fürstin und ihre Gesellschafterin, das Kind der Pußta, wechselten einen Blick - die Fürstin hatte der Anderen die Hand gelassen. »Wie kannst Du davon reden,« sagte sie in ungarischer Sprache, die der deutsche Hofmeister nicht verstand, »daß ich Dich von mir schicken könnte! Was sollte aus diesem Kinde werden und aus mir, wenn Du uns fehltest, unsere beste Stütze gegen seinen bösen Sinn und seine Gewalt!«

»Ebbadta - wie Sie so engelgut sind gegen die wilde Zigeunerdirne, daß Sie ihr alles Herzleid vergeben, was sie Ihnen gebracht! Und wenn ich tausendmal mein Blut verspritzte für Sie, es wäre noch lange nicht genug, die Schuld zu tilgen!«

»Was Du auch gethan, Du hast es mehr als gesühnt seit jenem schrecklichen Tage! Aber steh' auf Tunsa, was muß der Knabe und sein Lehrer denken!«

Die Zigeunerin, die mit der ihr eigenen leidenschaftlichen Aufregung sich vor der Gebieterin niedergeworfen und ihre Kniee umfaßt hatte, erhob ihr brennendes Auge.

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»Er ist treu Herrin und liebt Sie wie ich,« sagte sie bestimmt. »Er hat keine Furcht vor dem Fürsten und würde Sie vertheidigen, wenn die Tunsa Sie verlassen müßte, um zurückzukehren in das Nichts. Denn es wird geschehn - der Fluch der Aeltermutter, die ich frevelnd zurückgestoßen, ruht auf dem abtrünnigen Kind ihres Stammes und die Huzla des Vaters, wie sie die Tochter vergeblich zur Hilfe rief am Thurm von Enyád, klingt in Tunsa's Ohren, daß sie rasend wird und der bittere Haß gegen ihn, den Teufel, der uns Alle quält, ihre Adern durchtobt!«

»Mädchen komme zu Dir - bedenke wo wir sind!«

»Er versteht nicht unsere Sprache, und verstände er sie, was kümmert's mich? Er ist brav und treu, er würde uns helfen, uns rächen und uns schützen! Du bist ein Engel des Lichts Herrin und ich der Teufel, der Dich verderben half! Erst in jenen Stunden, als Du krank lagst in wilden Phantasieen nach jener schrecklichen Nacht und die boshafte Zigeunerin kam, die Grafentochter, die Fürstin zu verhöhnen, da wandte sich plötzlich das Herz mir in der Brust und Tunsa warf sich weinend zu Deinen Füßen und gelobte Deine Magd zu sein, und Dich zu schützen gegen seine Bosheit. Ich sah, mit welcher Sanftmuth und Geduld Du die Leiden trugst, die Dir Dein Gott auferlegt, und wie die verachtete Hündin bewachte ich Deine Schritte, so oft Du mich auch von Dir stießest, bis dies Kind die starre Rinde Deines Herzens schmolz und Du mir erlaubtest, den einzigen Zweck meines Lebens

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noch zu erfüllen, Dein Kind zu warten und zu schützen, daß es der Trost der Mutter werde im Leben!«

Die blasse Mutter starrte mit traurigem Blick auf den Knaben, ganz die Gegenwart des Hofmeisters vergessend, der gewöhnt an das leidenschaftliche Aufbrausen und die eigenthümliche Stellung der Wärterin, sich leise erhoben hatte und an's Fenster getreten war, in die dunkle stürmische Nacht hinausschauend. Er ehrte die heiligen Schmerzen des Herzens, - lagen doch auch auf seinem so viele! - das zerstörte Leben, das ihn nach dem mannigfachen Umhertreiben in den politischen Stürmen durch seine Sprachkenntnisse und die Empfehlung eines Offiziers von vornehmer Familie, dem er bei dem Ueberfall von Friedericia das Leben gerettet hatte, als Hofmeister und Secretair in das Haus des Fürsten Trubetzkoi vor einem Jahre geführt hatte! - die unglückliche Liebe zu dem stillen Edelfräulein der Mark, seiner Jugendgefährtin - der Tod des Vaters, der voll Gram über den verlornen Sohn vor zwei Jahren gestorben war! -

»Armes Geschöpf,« flüsterte die blasse Frau, - »bist Du nicht selbst ein Kind des Fluchs und der Sünde, - das mich stündlich mahnt an das was ich bin! - Steh auf Feodora - Du hast viel verschuldet, aber Gott und die Heiligen haben Dein Herz gewandt und ohne Deinen Beistand wäre dies gebrochene Leben längst dem Haß erlegen, der auf ihm ruht, und mir wäre wohl, wie der armen Mutter in ihrem Grab, die auch die Schmach nicht vergessen konnte, für deren Verhinderung ihre Tochter sich nutzlos geopfert!«

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Die Zigeunerin hatte sich erhoben. »Muth, Herrin, wie Vieles bleibt Ihnen, während das Kind der Pußta Nichts hat, als ihr glänzendes Elend! - Blieb Ihnen nicht das Vaterland und die Rache?«

»Das Vaterland? - seine Kraft ist gebrochen, seine Helden sind todt und zerstreut! was vermag ein schwaches Weib zu thun. Geh - schon der geringe Dienst, den ich ihnen leistete mit den Briefen an den Juwelier, widerte mich an! Die Unglückliche, die Entehrte hat kein Vaterland mehr!« -

»Die Rache Herrin - die Rache ist süß, für die stolze Fürstin, wie für das zertretene Zigeunerkind!«

Die Dame schüttelte traurig das blasse Haupt. »Er ist mein Gemahl und Herr, ich habe freiwillig an Gottes Altar das Ja gegeben - nur der Tod entbindet mich meiner Pflicht! Die Vergeltung ist die Sache Gottes!«

»Dann wird er vergelten!« sagte die Wärterin leidenschaftlich. »Wenn der Gott der Christen so mächtig und gewaltig ist, daß selbst die starken Herzen sich ihm beugen und Alles auf ihn laden - dann Herrin muß Dein Gott Dir vergelten und die Zigeunerin sagt Dir: hoffe!«

Die Fürstin wandte den Blick von dem eingeschlafenen Knaben nach Oben. »Dort!« sprach sie leise und legte die Hand auf das Herz. »Bis dahin Tunsa - und die Heiligen mögen die Stunde bald herbeiführen, - laß uns den schwer errungenen Frieden der Seele nicht stören!« - Sie wandte sich in deutscher Sprache zu dem Hofmeister. »Haben Sie Nachricht von Signor Mortara, Herr Meißner, wegen der Villa am Garda-See?«

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»Sie soll uns übermorgen in Verona treffen Durchlaucht! - Signor Mortara hat sofort geschrieben und zweifelt nicht an günstiger Antwort. Er wollte diesen Abend noch in's Hôtel kommen!« -

»Es ist wahr, ich vergaß, daß er mir etwas für Dich zu bringen hat, Feodora. - Was willst Du Petrowitsch?«

Die Thür hatte sich nach leisem Klopfen geöffnet, der riesige Kosak, der mit seinem zur Strafe nach dem Kaukasus gesandten Kameraden den Fürsten im Donau-Feldzug begleitet hatte, war eingetreten und harrte mit auf der Brust gekreuzten Armen der Anrede der Fürstin.

»Der Jud ist da Gospodina, der mit Gold handelt und Steinen,« sagte er ehrerbietig.

»So führ' ihn herein!«

Der Kosak zögerte. »Halte zu Gnaden, Herrin, ist sich nicht der Mann, bei dem Du warst heute Morgen. Ist sich der zum Herrn gegangen, der ihn sprechen will, und hat sich gebeten, Du solltest den Gehilfen empfangen, den er mitgebracht, Dir zu zeigen Dinge viele schönen!«

»Wollen Sie die Güte haben, nachzusehen Herr Meißner,« bat die Fürstin, »und wenn es so ist, den Mann zu uns zu führen. Es wird uns die Stunde bis zum Schlafengehn wenigstens kürzen!«

Der Secretair war hinausgegangen und bald darauf kehrte er mit einem hochgewachsenen Manne in den Gewändern der orientalischen Juden zurück, der ehrerbietig das Zeichen des Salem an Stirn und Brust machte und an der Thür stehen blieb.

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»Signor Mortara,« sagte der Fremde, »läßt legen seine ehrerbietige Entschuldigung der Altezza zu Füßen, er wird kommen zu hören ihre Befehle, wenn der gnädigste Herr Fürst ihn hat entlassen. Er hat mir befohlen zu bringen der gnädigsten Frau den bestellten Schmuck und sie zu bitten anzusehen einige schöne Arbeiten in Gold und Juweel, die nicht unwerth sind, beschaut zu werden von Augen, die strahlender glänzen als der Diamant und leuchtender als die Sterne am Himmel, den Gott ausgespannt hat über dies Land.«

Die Fürstin gab an die Dienerin einen Wink, die schnell von ihrer vorhergegangenen Erregung beruhigt, mit der allen Naturkindern eigenen Leidenschaft und Neugier für Schmuck und glänzendes Spielwerk den Stellvertreter des Juweliers zu dem Tisch führte und ihn seine Waaren auskramen ließ.

Der falsche Gehilfe pries mit großer Zungenfertigkeit die Kostbarkeiten von Florenz, Mailand und Venedig, die er vor den lüsternen Augen der Zigeunerin und dem gleichgültigen Blick der Gebieterin ausbreitete, während er dazwischen oft mit dem trüben Schatten, der über sein halb von dem mächtigen Bart verstecktes Antlitz flog, sie beobachtete. Auch der Hofmeister war auf die Einladung der Fürstin näher getreten und prüfte bewundernd die schönen Arbeiten.

»Haben Sie die Ohrringe mitgebracht, die ich Ihrem Herrn bestellt?«

Der Gehilfe beeilte sich, ein Etui zu überreichen. »Was die gnädige Fürstin haben in Händen sind die

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schönsten Türkisen, die ich selber mitgebracht von Smyrna. Sie sind so blau wie der Himmel im schönen Ungarnland.« -

Die Dame sah ihn stutzend an, aber der Mann kramte unbefangen in seinen Schmucksachen weiter. Die Ohrringe waren in der That schön und für einen etwas grellen Geschmack passend, große birnenförmige Türkisen in langem Gehäng mit kleinen Diamanten eingefaßt.

»Sie sind für Dich Feodora - ich habe sie Dir zum Andenken bestimmt.«

Die Zigeunerin betrachtete mit strahlenden Augen den hübschen Schmuck, dann, wie ein Kind sich freuend, sprang und tanzte sie in der Stube umher, probirte vor den Spiegeln die Gehänge und küßte die Hände und Kleider der Gebieterin.

Diese hatte eine feine goldene Kette von jener herrlichen venetianischen Arbeit gewählt, die sie schon im Mittelalter beliebt und berühmt machte und noch gegenwärtig allein von den zarten Händen junger Mädchen in der Kaiserlichen Fabrik ausgeführt werden kann.

»Werden Sie mir erlauben Herr Meißner, Ihnen diese Kleinigkeit als ein Zeichen meines Dankes für die Theilnahme aufzudringen, die Sie mir so taktvoll auch außerhalb der Sphäre Ihres Amtes stets bewiesen haben!?«

Die Art zu geben, der Ausdruck der Worte und des Blicks, die das Geschenk begleiteten, waren so zart und freundlich, daß der Mentor des fürstlichen Sprößlings sie unmöglich zurückweisen konnte. Er sagte in höflichen offenen Worten seinen Dank und Feodora ließ es sich

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nicht nehmen, die Kette ihm alsbald um den Hals zu schlingen und an der Uhr zu befestigen.

Während der kleinen Szene hatte der falsche Orientale der Fürstin mehrere andere Schmucksachen vorgelegt. »Altezza sind so gnädig gegen Ihre Freunde und Diener,« sagte er mit gedämpfter Stimme, »und machen Glückliche, wohin der Sonnenstrahl Ihres Auges trifft. Sollte unter all' den Kostbarkeiten des Signor Mortara nicht eine sein, die verdiente von der Herrin für sich begehrt zu werden?«

»Ich bewundere die Schönheit der Arbeit und den Glanz der Steine,« bemerkte die Fürstin - »aber ich liebe nur die Perlen und trage überhaupt nur selten Schmuck.«

»Perlen bedeuten Thränen,« fuhr der Orientale beharrlich fort - »aber die Opale der Berge Ungarns haben denselben Glanz und ihr Geheimniß ist den Augen der Menge unergründlich und nur den Geweihten Verständniß.«

Er hatte einen Ring von alterthümlicher Form, in dessen Mitte ein Opal sein geheimnißvolles Licht warf, aus einem Stückchen Leder gewickelt und schob ihn vor die Fürstin.

Diese nahm das einfache Kleinod anfangs achtlos in die Hand, als aber ihr Auge näher darauf fiel, zuckte es wie ein electrischer Schlag durch ihren ganzen Körper und eine Todtenblässe überflog ihr Gesicht.

Sie mußte sich festhalten an dem Tisch, um nicht zusammenzusinken - ihre dunklen Augen wandten sich mit

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meisterhaftem Ausdruck auf den Verkäufer, ihre Lippen öffneten sich, gleich wie um einem Schrei der höchsten Pein, des Entsetzens Raum zu geben, unter dem ihre keuchende Brust rang.

Der Fremde legte rasch die Finger auf den Mund, indeß er dem Andern den Rücken kehrte.

»A Hon!«20 flüsterte er leise.

Sie war halb ohnmächtig in den Sopha zurückgesunken, mit Anstrengung aller Kraft rang sie nach Fassung, denn schon wurden der deutsche Hofmeister und die Zigeunerin aufmerksam und traten näher.

»Befinden sich Ihro Durchlaucht unwohl?« frug der Secretair.

»O nicht doch, Herr Meißner - ich danke Ihnen! Aber nimm den Knaben Feodora und bring' ihn zur Ruhe. Es ist Zeit. Und Sie Herr Meißner warten Sie auf den Juwelier und fragen Sie ihn um das Nähere wegen der Villa. Ich habe dann nicht nöthig, ihn selbst zu empfangen!«

Der Hofmeister verbeugte sich; er sah, daß die Fürstin allein sein wollte, aber er maß mit Unruhe die Gestalt des orientalischen Juden.

»Ohne Besorgniß. Herr Meißner - ich habe dem Mann noch einige Aenderungen an diesem Armband zu bestellen.«

Man sah, wie jede der gleichgültigen Sylben ihr

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schwer wurde und nur langsam über ihre Lippen kam. Aber er fühlte, daß er nicht bleiben durfte, wenn er auch beschloß, in der Nähe zu bleiben, um für alle Fälle bereit zu sein, da er eine aufrichtige Verehrung und Theilnahme für die Fürstin hegte und durch Tunsa's und der Diener Reden wie aus den eigenen Beobachtungen genug erfahrene hatte, um zu wissen, daß die Marmorblässe des Leidens nicht ohne Ursache auf diesen edlen Zügen lag.

Der Fremde sah mit ernstem trübem Ausdruck dem Knaben nach, den seine freiwillige Wärterin eben unter seinem Sträuben hinaustrug, denn er hatte den unter einem Shawl Schlummernden bisher nicht beachtet; dann kehrte sein Blick zu der jungen Mutter zurück.

Ihr Auge haftete mit einem gewissen Ausdruck des Schreckens auf ihm - sie hatte sich aufgesetzt im Sopha, die Linke preßte den verhängnißvollen Ring an ihr Herz.

»Um des Himmelswillen, Signor - wie kommen Sie zu diesem Ring?«

»Ich bin auf ehrliche Weise dazugekommen, Altezza wie ein Handelsmann kommt zu solchen Dingen,« sagte der Fremde, - mehr um den Sturm ihrer Gefühle zu mäßigen.

»Sie zerreißen mir das Herz, wenn Sie nicht antworten! Sie wissen nicht, was dieser Ring mir ist - an welche glücklichen und schrecklichen Stunden meines Lebens er mich erinnert! - Sie sind nicht was Sie scheinen - Ihr heimathliches Wort hat Sie verrathen - bei der heiligen Jungfrau, reden Sie, wer sind Sie?«

Der verkleidete Händler warf einen raschen Blick

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rings um sich her - dann nahm er den Feß von seinem Kopf. -

»Ich kann den Bart nicht entfernen, da ich nicht so leicht ihn wieder befestigen könnte,« sagte er in ungarischer Sprache. »Es wäre zu gefährlich für mich, in diesem Hôtel, das von österreichischen Offizieren besucht ist. Aber vielleicht erinnert sich die edle Gräfin Cäcilie Pálffy auch in dieser Entstellung eines Mannes, der freilich nur ein Mal das Glück hatte, in der Heimath sich in ihrer Nähe zu befinden.«

Sie sah ihn nachdenkend an.

»Wo das, Herr?«

»In Pesth auf dem Ball der Magnatentafel. Ein Freund und Kamerad stellte mich vor.«

Plötzlich zuckte es wie ein Funke der Erinnerung in ihren Augen.

»Lieutenant Türr?«

Er verbeugte sich. »Man hat mich in Deutschland seitdem zum Obersten gemacht, aber mein Herz ist gut ungarisch geblieben.«

»Und - sagen Sie es mir - wie kommen Sie zu diesem Ring?«

»Es ist eine ziemlich lange Geschichte - ich erhielt ihn von einem Krieger am Kaukasus!«

Sie hatte die Arme verschränkt und sah starr, thränenlos vor sich nieder.

»Er hätte ihn lebend nie von seiner Hand gelassen. Die Habsucht seiner Henker hat ihm nicht einmal gegönnt, ihn mit in sein dunkles einsames Grab auf dem Anger zu nehmen!«

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»Haben Sie je den Namen Sefer Bey gehört, Durchlaucht?« frug nach einer Pause der Ungar.

»Sefer Bey? Das ist tapfre Tscherkessen-Fürst, dessen siegreicher Säbel den Verzweiflungskampf eines hochherzigen Volkes gegen die russische Tyrannei schlägt!«

»So ist es! Ich schlief in seinem Zelt, als ich vor drei Monaten mit General Garibaldi's Brigg »Aniella« in Batum ankerte und mit seinem Adjutanten und ersten Schiffs lieutenant, Kapitain Laforgne, einen Streifzug der Tschetschenzen gegen die Russen mitmachte.«

»Was hat der tapfre Moslem mit diesen Erinnerungen zu thun?«

»Viel, Durchlaucht - ich erhielt den Ring aus seiner Hand am Morgen, an dem wir ihn verließen.«

»Den Ring?«

»Denselben! Er gab ihn mir, mit dem Auftrag, wenn ich in Italien oder wo es sei, der Fürstin Cäcilie Trubetzkoi begegnen sollte, ihn in ihre Hände zu legen.«

Sie starrte ihn verwirrt an - ihre weiße hagere Hand strich über die Stirn, als wolle sie ihre Gedanken sammeln.

»Der Tscherkesse - wie kommt er zu dem Ring?«

»Durchlaucht kennen das Schicksal unsers tapfern Führers Bem, und Michael Czaikowski's und vieler Anderer.«

Sie sah ihn an, als verstände sie keines seiner Worte.

»Der Eine starb als Amurat Pascha, der Andere ist noch als Sadyk Pascha eine Furcht Rußlands. Auch der

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tapfre Tscherkesse kämpfte einst an der Theiß und Donau den Heldenkampf für sein Vaterland.«

»So ist es ein unglücklicher Landmann, der mir dies traurige Erinnerungszeichen sendet? O, daß ich ihm Dank sagen könnte für die Mahnung an einen Todten. Dieser Ring, Herr, gehörte einst meinem Verlobten, er empfing ihn aus meiner Hand - Nicolaus Zriny trug ihn beim Fall von Sigeth und er ist ein theures Familienkleinod - nochmals geheiligt durch einen Tod für's Vaterland!«

Das Auge des Obersten haftete mit ernstem sinnenden Ausdruck auf dem bleichen Gesicht, das den lindernden Thau der Thränen längst verlernt.

»Es sind fünf Jahre her,« erzählte er langsam, »als ein armer russischer Soldat - einer der gefangenen Ungarn, die die Tyrannei der Sieger als Futter für die Tscherkessen-Flinten nach dem Kaukasus geschleppt, in einer Gruppe Offiziere den Namen der Frau aussprechen hörte, die er in der Heimath geliebt. Sie war die Gattin seines Todfeindes, des Feindes seines Vaterlands geworden. Er schlug den, der es erzählte, als Lügner zu Boden und ward verurtheilt, zu Tode geknutet zu werden!«

Die Fürstin hörte ihm halb gedankenlos zu - ihre Finger spielten krampfhaft mit dem Ring.

»Der russische Soldat,« fuhr der Oberst fort - »war in dem Kampf seines Vaterlands ein tapfrer Offizier, ein vornehmer Magnat gewesen - aber Niemand wußte hier seinen Namen; denn die Bosheit seines Feindes und Nebenbuhlers hatte ihm den bürgerlichen Tod gegeben und er war Nichts, als eine Maschine unter dem Druck

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seiner Tyrannen. Dennoch hatte sein Wesen ihm selbst unter seinen rohen Kameraden Freunde gemacht und in der Nacht vor der Execution zerschnitt eines solchen Hand die Stricke, reichte ihm eine Waffe und führte ihn sicher über die Posten. Der Verurtheilte ist seitdem der kühne Führer des Stammes freier Männer, der ihn aufgenommen in seine Reihen, und der gefürchtete Todfeind seiner Henker, an denen er sein Unglück und die Untreue der Geliebten rächt. Der Mann, dessen Schicksal ich erzählt, heißt jetzt Sefer Bei!«

»Aber den Ring - um Gotteswillen den Ring?« ihre Augen schienen aus den Höhlen dringen zu wollen, - ein krampfhaftes Zucken schüttelte ihren Körper wie ein Fieberfrost - ihr Athem keuchte.

»Den Ring sendet Sefer Bei seiner Eigenthümerin; denn er hat erfahren, daß die russischen Offiziere die Wahrheit gesprochen, und am Tage darauf nahm er den Turban und stürmte eine Militair-Station der Russen. Dreihundert Leben verbluteten und verbrannten in jener Nacht!«

»Den Namen, Barmherzigkeit!«

»Als ich ihn in Ungarn kannte, Madame, hieß er Stephan Batthiányi[Batthyányi]!«

Ein fast tonloser Seufzer entschlüpfte der gemarterten Brust, dann fiel die Unglückliche leblos mit dem Gesicht auf den Tep[p]ich des Tisches.

Der Oberst glaubte sie anfangs nur von der unerwarteten Nachricht tief erschüttert, als er sie aber vergeblich angesprochen und leise berührt, erkannte er das Unheil, das er angerichtet und war in der größten Verlegenheit,

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wie er der unglücklichen Frau Beistand leisten und zugleich im eigenen Interesse einen Eclat vermeiden könne. Endlich entschloß er sich, an die Thür des Zimmers zu pochen, in welches die Wärterin oder Gesellschafterin den Knaben getragen, da er mit Recht aus dem Beobachteten auf die Anhänglichkeit und Liebe derselben zu der Fürstin schloß.

Er öffnete die Thür und fand Tunsa an dem Bett des jungen Prinzen sitzend; ein Wink von ihm rief sie in's Zimmer und bedeutete sie zugleich, zu schweigen, denn sie wollte mit Geschrei sich auf ihre Herrin werfen, und dieser ohne Aufsehen den nöthigen Beistand zu leisten.

Mit der Hilfe von flüchtigen Salzen kam die Fürstin bald zum Bewußtsein zurück. Ihre Blicke starrten anfänglich ausdruckslos umher, als sie aber auf den Ungar fielen, kam ihr plötzlich das Bewußtsein dessen, was sie gehört; mit einem leisen Schrei faßte sie an die Schläfe - im nächsten Augenblick sprang sie empor - ihre dunklen Augen flammten, ihre durchsichtige Hand strich das gelöste schwarze Haar von der Marmorstirn zurück.

Die andere mit dem Ringe streckte sie gebieterisch gegen den Fremden aus.

»Bei Ihrer Ehre, bei Ihrer ewigen Seeligkeit Herr, diesen Ring hat Ihnen Graf Stephan Batthyányi lebend gegeben?«

»Im Land der Adighe - am Kuban - es sind kaum drei Monate her, ich schwöre es Ihnen, Fürstin!«

»Sie lügen Herr! ich Cäcilie Pálffy, habe seine Leiche als Brautgeschenk am Morgen nach meiner

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Hochzeitsnacht vor meinem Fenster in der Fabri[c]kvorstadt von Temesvár am Galgen hängen sehn!« -

»Sie haben sich getäuscht, Fürstin, oder es wurde ein Betrug gespielt. Am Abend nach der Execution seiner Gefährten wurde Graf Stephan todtkrank, fast bewußtlos aus dem Lazareth von Temesvár geholt und mit einem Transport anderer Gefangener nach dem Kaukasus geschleppt. Gott wollte nicht, daß er der Krankheit erliegen sollte, und hat sein Leben zu größerem Leid bewahrt!«

Die starren Augen der Fürstin fielen auf die Zigeunerin, die von dem, was sie hörte, zum Tode erschrocken, in die Knie gesunken war und mit erhobenen Händen bald auf den Einen, bald auf den Andern starrte.

»Tunsa - bei dem Gericht des allmächtigen Gottes, an den Du nicht glaubst, aber den Du fürchtest - Du weißt darum!«

»Gnade, Herrin, - ich will bekennen, was ich weiß, zu Deinen Füßen, nur stoße mich nicht von Dir!«

»Rede!«

»Ich weiß nicht, was geschehn ist und ob der blanke Graf lebt oder nicht. Nur das weiß ich, daß ich nicht zulassen wollte, daß sie ihn an den Galgen henkten; denn das Bild des alten Zigeuners, meines Vaters, wie er hing am Thurm von Enyád, stand vor meinen Augen, und er versprach mir ihn zu retten!«

»Wer?«

»Sein Todfeind -, schlimmer als der Fürst! Er erkaufte die Lazarethwächter, um ihn einem schlimmern

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Schicksal zu sparen, als der rasche Tod, und ich - ich - zahlte den Preis für sein Leben!«

»Du?«

»Mit meinem Leibe! Gnade, Herrin - ich sterbe zu Deinen Füßen, wenn er es erfährt, den ich liebe, zu dem ich aufschaue, wie der Sohn der Haide zum glänzenden Aldobaran, der hoch über seinem Elend strahlt!«

»Den Fürsten?«

Die Zigeunerin antwortete mit einer energischen Geberde des Abscheus, während sie ihr von Thränen überströmtes Gesicht in dem Kleid und auf den Füßen der Herrin barg. »Frage nicht,« schluchzte sie - »nur mit dem Vergehn in das Nichts kann sein Name über Tunsa's Lippen dringen!«

Die Fürstin sah ernst und kalt auf sie. »Steh' auf, Unselige! antworte auf eine Frage - bei der ewigen Vernichtung, an die Dein Wahn glaubt - bei der Erinnerung an Deinen Vater, den Dein Leichtsinn sterben ließ! - bei der Liebe, die Dein Mund entweiht - antworte die Wahrheit!«

Die Zigeunerin erhob sich mühsam; die einst so wilde übermüthige und boshafte Dirne schien gebrochen in ihrem innersten Wesen und schwankte hin und her.

»Hat der Fürst um den Betrug gewußt?«

»Nein, Herrin - er wollte ihn tödten - er haßte ihn zu sehr und wollte sich rächen an Dir für die Verschmähung und ...«

»Genug! - die Hölle selbst würde schaudern ...«.

Die Zigeunerin beugte das Haupt. »Erst später,

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Herrin - ich weiß es nicht, aber ich glaube, daß jener Mann, der dem blanken Grafen das Leben rettete, um es ihm zur drückendern Bürde zu machen, dem Fürsten das Geheimniß verrathen hat!«

Die schlanke Gestalt der Fürstin erbebte - ihre Stimme klang wie ein Laut aus dem Grabe.

»Wann geschah dies? Bei Deiner Seele, Unglückliche! -«

»Kurz vorher, Herrin - Du weißt es - es sind mehr als fünf Jahre - dort in Berlin -[«]

Die Fürstin drückte die Hände vor das Gesicht - lautlos hob sich ihr Busen, nur die Tunsa schluchzte laut auf!

Der Oberst, tief bewegt, denn er begriff, daß der Vorwurf der Untreue, den ihr der ferne Geliebte gemacht, unbegründet war - trat einen Schritt näher.

»Nur der Tod scheidet ewig, Durchlaucht,« sagte er theilnehmend. »Vielleicht sprießt Glück noch Ihnen Beiden, die die Bosheit der Menschen getrennt, aus der schwarzen Nacht! Mit den Ketten der politischen und geistigen Tyrannei der Völker werden auch die fallen, welche die Einzelnen bedrücken!«

Ihre Hände sanken langsam nieder, - das schmale marmorweiße Antlitz mit den dunklen Augen starrte ihn gespensterhaft an.

Ihr Finger wies nach der Thür des Schlafzimmers.

»Haben Sie den Knaben gesehn?«

Er beugte den Kopf.

»Es ist mein Kind, Herr - das Kind Cäcilie Pálffys -

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sein Dasein ist ein Fluch für seine Mutter, den nur der Tod abwäscht. - Sagen Sie ihm das - wenn Sie ihn wiedersehn auf den Felsen von Daghestan und daß - nicht Cäcilie Pálffy, sondern die Fürstin Trubetzkoi ihm sagt: unsre Hoffnung ist der Tod, aber der blaue Himmel, der sich über Ungarn wölbt, dehnt sich gleich über die Felsen des Kaukasus, wie über die Alpenabhänge des Gardasees. - Rufe den Secretair, Tunsa, und laß Petrowitsch kommen!«

»Erbarmen, Herrin! Gnade!«

»Gnade dafür, daß Du einem Bösewicht Deinen Leib gabst, um meines Geliebten Leben zu retten? - Geh Thörin!« Ihre Hand wies gebieterisch nach der Thür - die Zigeunerin schwankte hinaus.

Die Fürstin blieb in der Mitte des Zimmers stehen, kalt und unbeweglich gleich einer lebenden Statue, den Eintritt der Gerufenen erwartend.

Schweigend, nur durch ein Zeichen bedeutete sie den Ungar, seine Gold- und Schmucksachen zusammen zu packen. Er wollte zu ihr sprechen, Worte des Trostes, der Beruhigung, aber eine energische Geberde gebot ihm Schweigen.

Der Hofmeister trat ein; er sah erschrocken auf die Fürstin, denn ihre Marmorblässe und Unbeweglichkeit beunruhigte ihn und gab seinem ersten Argwohn neue Nahrung.

»Herr Meißner,« sagte ruhig die Dame, - »darf ich auf Ihre Ergebenheit zählen?«

»Ihro Durchlaucht wissen, daß Sie in jeder Weise

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über mich gebieten können, und sollte man es gewagt haben ...«

»Still! - Ich habe zwei Dienste von Ihnen zu verlangen. Dieser Herr wird sofort das Hôtel verlassen und ich wünsche, daß er dabei möglichst wenig bemerkt wird. Sie werden ihn in Ihr Zimmer nehmen und die günstige Gelegenheit abwarten; Sie begleiten ihn, wohin er zu gehen wünscht und bürgen mir für seine Sicherheit!« -

»Es wird geschehen, Durchlaucht!«

»Morgen mit Tagesbruch werden Sie die Güte haben, sich nach San Giorgio in die Wohnung meines Vetters, des Kapitain Grafen Zriny zu begeben und ihn bitten, sich sogleich zu mir zu bemühen. Sie werden zugleich auf dem Bahnhof einen Waggon für uns nach Verona bestellen. Lassen Sie die Diener unser Gepäck in Ordnung bringen - wir verlassen mit dem ersten Zuge Mantua.«

»Aber Ihro Durchlaucht wissen, daß der Fürst nicht gewohnt ist, so zeitig aufzustehn.«

»Der Fürst wird uns nicht begleiten, er geht direkt nach Paris. Lassen Sie sich zugleich von dem Wechsler Mortara die Adresse der Villa am Gardasee mittheilen und sagen Sie ihm, daß wir uns ohne Aufenthalt dahin begeben werden!« -

Der Secretair verbeugte sich und sah nach dem Fremden, der seiner Sorge übergeben war.

Die Fürstin streckte die Hand nach diesem aus.

»Leben Sie wohl, Herr,« sagte sie in ungarischer

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Sprache, »und nehmen Sie meinen Dank für den Dienst, den Sie Cäcilie Pálffy geleistet haben. Mögen die Heiligen Sie geleiten!«

Der verkleidete Ungar drückte einen Kuß auf ihre Hand, dann folgte er dem Secretair. Zugleich trat der Kosak Petrowitsch mit Tunsa ein und blieb in der gewohnten demüthigen Haltung an der Thür stehen, während die Zigeunerin angstvoll und besorgt den Beiden nachsah.

»Was befiehlst Du, Gospodina?«

»Geh voran und melde Deinem Herrn, daß ich ihn zu sprechen habe!«

»Es sind Freunde vieligte beim Herrn,« sagte der Kosak verlegen. »Wird sich nicht angehn gut, daß ich ihn störe!«

»Was kümmern mich seine Zechgenossen und neuen Maitressen,« sagte sie verächtlich. »Geh voran!«

»Heiliger Dionysius, Du kennst den Herrn und wirst den Petrowitsch nicht unglücklich machen, Matuschka!«

Ihre Brauen zogen sich zusammen. »Ohne Widerrede! Zeige den Weg, führe mich!« gebot sie.

Sie kannte nicht einmal die Zimmer, die der Fürst auf der andern Seite des Hôtels bewohnte.

Der Kosak öffnete demüthig die Thür und schlich voran. Tunsa wollte der Gebieterin folgen, aber ein strenger Wink wies sie zurück.

Die Fürstin ging mit festem Schritt hinter dem Kosaken her, über den teppichbelegten Korridor. Als sie sich der andern Seite näherten, tönte ihr der Lärmen

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der Orgie entgegen, die der Fürst in seinem Salon beging.

Trotz der Furcht vor dem Zorn seines Herrn wagte der Kosak es nicht, voran zu laufen, um diesen von dem unerwarteten Besuch in Kenntniß zu setzen. Als sie durch das Vorzimmer geschritten, wo mehrere Diener mit dem Abtragen des Soupers sich beschäftigten, hob er nochmals in demüthiger Bitte die Hände - aber ein strenger Blick der Fürstin heischte Gehorsam und er öffnete zögernd die Thür und steckte den Kopf in den Salon, aus dem eine Nebelwolke von Rauch und Punschgeruch und lärmendes Lachen und Geschrei hervordrang.

»Gospodin - die Gospodina kommt und will Dich sprechen!«

Die Worte der Meldung verklangen in dem Lärmen der lustigen Gesellschaft; der Fürst, welcher das breite, krankhaft aufgedunsene Gesicht von den im Uebermaß genossenen Getränken geröthet, mit wollüstiger Hand in dem reichen dunklen Haar der üppig geformten Mailänder Tänzerin wühlte, die neben ihm saß, oder vielmehr halb auf seinem Schooß lag, hatte sie nicht einmal gehört. Die tollende Gesellschaft - außer dem Paar am obern Ende der Tafel, zwei Frauenzimmer von dem zweifelhaftesten oder vielmehr durchaus nicht zweifelhaften Ruf aus der Truppe, die in Mantua zur Unterhaltung der Garnison während der Saison gespielt hatte, - der dicke Maestro derselben, der mehr auf die österreichischen Zwanziger gesehn hatte, als auf die Sympathien seiner Landsleute - und einige Offiziere, kümmerte sich ebensowenig

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darum, und waren allein mit den Champagnerflaschen, der dampfenden Punschbowle und der leichtfertigen lärmenden Unterhaltung beschäftigt. Alles umher, die Ueberreste des Soupers, die derangirte Toilette der Damen, die gerötheten Gesichter, die Würfel und zerbrochenen Gläser auf dem Tisch zeigten, daß die Orgie bereits einige Zeit gedauert hatte. Die seltsamste Figur aber am Tisch und offenbar nur von der tyrannischen Laune des Fürsten in diese Gesellschaft gezwungen, bildete die ernste Gestalt des Juweliers von dem Platz an der San Barbara-Kirche, der dem Fürsten gegenüber auf einem Sessel von zwei lustigen Offizieren offenbar zu seinem großen Verdruß festgehalten wurde und mit Gewalt sich nicht zu entfernen wagte, da das Etui mit den kostbaren Steinen sich in den Händen der übermüthigen Gesellschaft befand und die Ehrenhaftigkeit der lüsternen Theaternymphen ihm kein besonderes Vertrauen einflößte. Mit peinlicher und um so komischer wirkenden Angst hafteten seine Augen daher an dem Etui, das vor dem Fürsten auf der Tafel stand und bald von dem einen, bald von dem andern der Gäste in die Hand genommen wurde.

«Schorte wos mi - Du sollst Hofjuwelier des Kaisers werden, alter Samuel,« rief der Fürst. »Lustig, Szukin szin! Sohn einer Hündin - ich will Dir zwanzig Seelen schenken, darunter wenigstens drei dralle Bauerndirnen, wenn Du zu mir nach Moskau kommst! Schenkt ihm ein, Mädels - auf seine Ernennung! Er soll uns Eins singen oder mit Carolina eine Tarantella tanzen!«

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»Samuel soll tanzen! Samuel soll tanzen!« schrie die tolle Gesellschaft durch einander.

Der unglückliche Wechsler sträubte sich mit Gewalt gegen die zerrenden Hände. »Gott der Gerechte, in welches Sodom bin ich gerathen! Geben Sie mir die Diamanten zurück, Durchlaucht, ich bin ein geschlagener Mann, wenn ein Unglück passirt.«

Die runde Primadonna des Mailänder Ballets hielt eine Broche mit blitzenden Steinen in der Hand, und probirte sie kokett an der nur wenig verhüllten Brust, während ihr Kopf sich aufwärts bog zu dem Fürsten. »Küsse mich dafür Fürst Iwan, die Signori Russiani sind generöse Cavaliere!«

Der Fürst drückte seine breiten aufgeworfenen Lippen nicht auf den schwellenden Mund, sondern vergrub sie in das weiche warme Fleisch des Busens. »Sie ist Dein Kind, wenn Du dem Samuel Deine beste Pirouette vormachst!«

»Durchlaucht - es kostet dreißigtausend Lire - ich will Ihnen andere zeigen, die nicht so theuer sind und machen eben so viel Staat!«

»Glupéz! glaubst Du, daß ich Dir's nicht bezahlen kann? Deinen ganzen Bettel von Steinen kauf' ich mit einem meiner Dörfer an der Wolga!« Er schleuderte ihm das Etui zu, daß die kostbaren Juwelen über den Tisch rollten. Der Wechsler fiel mit Jammergeschrei unter dem Gelächter der Trunkenen darüber her, um sie zu schützen und zusammenzusuchen.

Die Ballerina hatte sich mit einem raschen Schwung

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emporgeworfen - sie hob sich, die Hand mit dem werthvollen Schmuck in die Höhe streckend auf ihre Fußspitzen, drehte sich zwei Mal um sich selbst und hob dann in horizontaler Linie den linken Fuß, bis er auf der Schulter des Fürsten lag.

Alles klatschte Beifall.

»Cospetto!« sagte hochmüthig die Tänzerin - »bemühen Sie sich nicht, Signori! Das ist für unsern Crösus aus Rußland, nicht für die poverini Tedeschi!«

Der Fürst jauchzte vor Entzücken. »Alter Samuel, Hundesohn - so etwas ist mehr werth als alle Deine Diamanten.«

Die Tänzerin drehte mit einer jener üppigen Windungen, die das Opernparket und die Prosceniumslogen rasend machen, den Oberkörper zur Seite, während ihr Bein in der obigen schwierigen Attitüde liegen blieb - aber plötzlich stockte ihre Bewegung, die Hand, sank nieder und ihre Augen starrten nach der Thür.

Durch den Jubel der Gesellschaft drang die Stimme des von seiner ersten Verblüffung sich rasch fassenden französischen Kammerdieners des Fürsten, der die Bedienung im Salon versah.

«Madame la Princesse!«

Die Offiziere der Gesellschaft, so sehr auch der Rausch bei ihnen bereits gewirkt, fuhren bestürzt empor - die beiden Damen vom Corps de Ballet verbargen sich hinter den nächsten - der Fürst hob den Kopf und starrte nach der Thür, durch welche Bewegung der Fuß der Ballerina

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von selbst langsam aus der verteufelt wenig decenten Stellung herabsank.

In der geöffneten Thür stand die dunkle Gestalt der Fürstin mit dem marmorbleichen Gesicht. Hinter ihr sah man das furchterfüllte demüthige Gesicht des Kosaken.

Die fahle Farbe des Fürsten wich einem dunklen Roth - seine kleinen Augen starrten erst die Erscheinung an, als halte er sie unmöglich, - die Adern seiner Stirn schwollen auf.

Endlich überzeugte ihn das allgemeine Schweigen, daß er nicht träumte, daß er recht gesehen.

Er stieß einen gräulichen russischen Fluch aus und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß das Punschglas vor ihm schwankte und seinen Inhalt übergoß,

»Wie kommen Sie hierher Madame? wie können. Sie es wagen, hier einzudringen?«

Die Fürstin trat mit ruhigem festem Schritt ein und ging auf ihn zu. Drei Schritte vor ihm blieb sie stehen; - die Ballerina war, wie die Fürstin vorschritt, von dem Hausherrn zurückgewichen.

»Ich habe mit Ihnen zu sprechen, mein Herr,« sagte die Fürstin kalt. »Auf der Stelle; dann werde ich Sie nicht weiter stören!«

Der Ton war so fest und bestimmt, so ungewohnt und befehlend, daß der Fürst trotz aller gewohnter Brutalität sich dem Eindruck nicht entziehen konnte. Obschon sie anscheinend vor der Welt zusammen lebten und er äußerlich die Dehors, die ihrer Stellung gebührten, nicht versäumte, war er doch nur in Gesellschaft der gemarterten

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Frau, wenn es sein mußte oder er eine seiner boshaften und finstern Launen an ihr auslassen wollte, die sie mit stummer Ergebung trug. Meistentheils war er ohnehin abgeschlossen und kränkelnd und lebte mit der höchsten Vorsicht, bis wieder einmal der Teufel in ihm lebendig wurde und er sich in tolle Ausschweifungen stürzte, die regelmäßig nur eine desto schlimmere Reaction zur Folge hatten.

Dann mußte ihn die Zigeunerin pflegen und warten, und obschon sie mit ihm umsprang wie mit einem gefesselten Wolf, ließ er sich Alles von ihr gefallen, und sie war in solchen Stunden ihm unentbehrlich.

Dies auch war das Geheimniß, daß er sie ungeachtet ihres Trotzes, ihrer offenen Parteinahme für die Fürstin und des Widerstandes, den sie ihm oft leistete, nicht längst entfernt hatte, ja daß er zu Niemand ein solches Vertrauen zeigte, als zu ihr.

Er hatte sich schwankend erhoben und versuchte nochmals seine Autorität geltend zu machen.

»Entfernen Sie sich, Madame - ich befehle es Ihnen! Sie sind närrisch, hierher zu kommen! Morgen früh werd' ich Sie hören!«

»Sie scheinen mich nicht verstanden zu haben, mein Herr,« wiederholte die Fürstin ruhig und fest, »ich habe mit Ihnen zu sprechen und auf der Stelle!«

Die Augen des Fürsten begannen mit Blut zu unterlaufen. »Sie wagen es, mir zu trotzen? Hinaus ... Petrowitsch - Hundesohn hierher!«

Der Kosak schlich langsam, fast kriechend näher.

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»Gnade Batuschka! aber war sich's unmöglich ...«

»Bring sie hinaus - schlepp sie fort! ...«

»Die Gospodina?« stammelte erschrocken der Kosak. »Aber Herr ...«

»Ja - in tausend Teufels Namen - hörst Du nicht? Soll ich sie und Dich zu Boden schlagen?«

Die Offiziere waren im Begriff, zwischen den Wüthenden und sein Opfer zu treten, aber die Dame winkte sie kurz und gebieterisch zurück.

»Ich habe kein Geheimniß vor dieser Gesellschaft,« sagte sie kalt - »es handelt sich weder um eine Correspondenz mit Herrn Herzen in London, noch um den Inhalt Petersburger Noten oder die Pläne von Festungen, sondern einfach um eine häusliche Angelegenheit.«

Einer der Offiziere war vorgetreten. »Erlauben Sie gnädigste Frau, daß wir uns entfernen!«

Das dunkle Roth auf dem Gesicht des Fürsten hatte einen Augenblick lang bei den Worten seiner Gemahlin einer fahlen Blässe Platz gemacht, kehrte aber jetzt wieder zurück.

»Nicht von der Stelle, meine Herren! Sie würden mich beleidigen um der kindischen Laune einer Frau willen. Dort hinein, Madame; ich werde Sie hören!«

Ohne auch nur einen Blick auf die höchst betroffene und sich sehr unbehaglich fühlende Gesellschaft weiter zu werfen, schritt die Fürstin nach der bezeichneten Thür und trat in das Schlafgemach des Fürsten. Dieser folgte ihr - ein Wink an den Kosaken hieß diesen sich vor die Thür stellen.

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In dem Salon herrschte eine tiefe Stille - nur leise flüsterten einige Personen - der Rausch war bei den meisten durch die eigenthümliche Szene verflogen. Dennoch hielt Neugier und vielleicht auch Theilnahme die Anwesenden ab, sich zu entfernen. Nur der Wechsler huschte leise im Zimmer umher und suchte mit kaltem Schweiß auf der Stirn die werthvollen Steine, die ihm in der Garnitur fehlten, indem er mißtrauische Blicke auf die Tänzerinnen und den dicken Maestro warf. -

Die Fürstin war nach ihrem Eintritt in das Schlafzimmer ruhig stehen geblieben, keine Miene hatte sich bei der Szene in dem marmorbleichen Gesicht verändert. Der Fürst trat auf sie zu, die Adern lagen wie blaue Stränge auf seiner Stirn, seine Fäuste waren geballt - eine leichte Feuchtigkeit begann auf seine fahlen Lippen zu treten.

»Was wollen Sie? was sollen die Reden, deren Sie sich da drinnen erdreisteten? - ich warne Sie, bei Ihrem Leben!«

Zum ersten Mal überzog ein flüchtiges verächtliches Lächeln die blassen Züge der Dame. »Mein Leben? Sie wissen am Besten, wie wenig es mir gilt. - Ich komme, Ihnen anzuzeigen, daß ich morgen früh abreisen werde nach Verona und meiner künftigen Wohnung am Garda-See.«

»K ts[c]hortu! Sie wissen, daß ich Sie begleiten werde, ehe ich nach Paris gehe! Zum Teufel, ich will wissen, wie mein Stammhalter logirt ist!«

»Ich werde dafür sorgen, mein Herr, daß die Villa am Garda-See, da ich nicht nach meiner Heimath zurückzukehren wünsche, aus meinem Vermögen und für mich

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angekauft wird. Sie werden diesen Ort ohne meine Erlaubniß nicht betreten!«

»Was soll das heißen? Sind Sie toll geworden?«

»Das soll heißen, mein Herr, daß unsere Wege sich von diesem Augenblick trennen, trennen für dieses Leben! daß sie jenseits sich nicht zusammen finden werden, dafür haben Sie selbst gesorgt!«

»Sie sind die Fürstin Trubetzkoi, meine Frau, Madame! vergessen Sie das nicht! Sie werden nicht ohne mich abreisen!«

Sie sah ihn mit einem Blick tiefer Verachtung an.

»Wer wird mich hindern?«

»Ich!«

»Ich habe Sorge getragen, daß morgen früh der Rittmeister Graf Zriny, mein Vetter, sich im Hôtel einfinden wird. Er wird mich nach der Eisenbahn begleiten.«

»Was kümmere ich mich um alle Vettern der Welt! Reisen Sie zum Teufel, Sie geniren mich ohnehin hier; aber ich werde mein Weib und mein Kind aufsuchen, sobald es mir beliebt!«

»Ihr Kind?« Ein entsetzlicher Hohn zitterte durch das kleine Wort.

Er schlug wie rasend mit der Faust auf den Tisch, an dem er stand, ein weißlicher Schaum trat auf die wulstigen Lippen.

»Bei der Hölle! ja wohl, mein Kind! oder wagen Sie es anders zu sagen?«

Sie war dicht zu ihm heran getreten, ihr leiser Ton, mit dem sie sprach, hatte etwas Zischendes, Durchdringendes;

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ihr seit Jahren so mattes Auge funkelte mit einer solchen Gluth, daß er unwillkürlich zurück wich.

»Hören Sie mich an, mein Herr,« sagte sie, »denn es ist hoffentlich das letzte Mal im Leben, daß ich zu Ihnen spreche. »Es ist wahr, ich habe mich Ihnen verkauft, - diesen armseligen Leib, diese Spanne Zeit, die ich noch mein Leben nennen könnte! Sie wissen am Besten, wie Sie den Preis, die Bedingung meines Opfers gehalten haben. Aber es war gethan und mir gleichgültig, was mit diesem Leib und diesem Leben geschehen mochte, so lange es nur dieses betraf. So lange Sie mir die Hoffnung auf das Jenseits noch gelassen, - das Jenseits, wo die Unglücklichen ihre einzige Vergeltung zu suchen berechtigt sind! - gehörte ich Ihnen durch die Fessel des Sakraments, durch das Urtheil der Menschen! - Jetzt Ungeheuer, wo ich weiß, daß Du meinen Leib und meine Seele verkauftest, um Deinem Namen einen Erben zu geben, indem Du mich mit dem Kinde meines Elends und Deiner Schmach auch des Rechts auf dieses Jenseits beraubtest - jetzt Bösewicht, zerreiße ich jenes letzte Band und sage Dir: Iwan, Fürst Trubetzkoi, wir sind getrennt - Du hast von diesem Augenblick an weder Weib noch Kind!«

Die Andeutungen der unglücklichen Frau, obschon er ihren Sinn mehr ahnte, als klar begriff, machten einen unheimlichen Eindruck auf ihn. Er antwortete weniger barsch: »Ich habe Nichts dawider, wenn Sie allein leben wollen, obschon ich nicht weiß, was Ihre Worte bedeuten sollen, Madame. Aber Ihr fatales blasses Gesicht verdirbt

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mir ohnehin jeden Genuß. Meine Rechte aber auf meine Frau und mein Kind werde ich zu wahren wissen!«

»Es existirt kein Erbe des Hauses Trubetzkoi mehr,« sagte sie fest, »sondern nur ein unglückliches Wesen, das seiner noch unglücklicheren Mutter nicht mehr ein Trost, sondern nur ein Gegenstand des Schreckens und des Vorwurfs ist!«

»Zum Henker mit all der Empfindelei! Der Knabe ist auf meinen Namen geboren und getauft - er wird der Erbe meines Namens und meines Vermögens sein, bedenken Sie das wohl!«

»Er wird verschwinden in die Dunkelheit, aus der er gekommen! Er wird die Sünde seiner Mutter büßen!«

»Unsinnige - geh Du meinetwegen, wohin Du willst - meine Rache ist gesättigt an Dir und dem Frechen, den Du mir vorzuziehen wagtest und der am österreichischen Galgen endete! Aber der Knabe bleibt mein, das Gesetz macht ihn zu meinem Sohn und keinen Augenblick soll er mich von jetzt ab verlassen!«

Es war in der That eine merkwürdige Erscheinung, daß der rohe und brutale Wütherich eine eigenthümliche Liebe, ja Zärtlichkeit zu dem Knaben hegte, in dem er den Erben seines Namens und seiner Reichthümer sah. Der Gedanke, dies Kind verlieren zu sollen, der bisher noch niemals vor seine Seele getreten, war ihm unerträglich. Er schritt hastig nach der Thür - die Fürstin blieb ruhig an ihrem Platz.

»Einen Augenblick!« sagte sie kalt. »Wollen Sie, daß Cäcilie Pálffy Jedem, der es hören will, laut

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verkündet, daß der Knabe der Sohn eines Knechtes, des niedersten Stammes ist, den der Fuß des ungarischen Bauern mit Verachtung von sich stößt? Einen Schritt noch, und jene Menschen sollen aus meinem eignen Munde hören, daß kein Tropfen von dem verhaßten Blut der Trubetzkoi - verhaßter, verächtlicher als das des wandernden Slowaken - in den Adern ihres Erben fließt!«

Er drehte sich um und stürzte mit erhobener Faust auf sie los. »Wahnsinnige, Du würdest es wagen, Dich und mich zu entehren?«

»Bei dem Schatten meiner Mutter - ich schwöre es! Seit Ihr Galgen sein Opfer zurückgegeben, seit die Todten auferstanden, ist Cäcilie Pálffy nicht Ihre Gattin, sondern nur die Rächerin ihrer eignen Sünde, und das Haus Trubetzkoi hat keinen Erben mehr!«

»Weib - Teufel - ich brauche Gewalt ...«

»Wage es, Elender - und ich werde einen Rächer aufrufen, dessen Stimme wie Donner-Ton in Deinen Ohren klingen soll! Ein Wort von mir, und jener Sefer Bey, dessen Namen schon Deine russischen Brüder in den Schluchten des Kaukasus erzittern macht, wird seinen Rächer-Arm nach den Thälern der Alpen, ja selbst bis in die goldenen Säle von Paris, ausstrecken - und dann Wehe den Schuldigen!«

»Sefer Bey? was hat der ungläubige Tscherkessen-Hund mit der Gemahlin des Fürsten Trubetzkoi zu schaffen?«

»Sefer Bey - oder wenn sein anderer Namen Dir besser in's Ohr klingt: Stephan Graf Batthyányi! Dein

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Galgen hat Dich betrogen, Fürst, wie Du mich betrogen hast! das Grab am Elbrus hat seine Beute herausgegeben - ich kenne Deine Lüge gegen den Todten und meine Sünde gegen den Lebenden!«

Der Fürst stieß einen unartikulirten Wuthschrei aus - ein dichter Schaum kam auf seine Lippen, seine Arme schlugen um sich und er stürzte schwer zu Boden.

Die Fürstin öffnete die Thür, vor der - von dem Geräusch erschreckt, - bleich die Mitglieder der Gesellschaft sich gesammelt hatten.

»Meine Damen und Herren,« sagte sie mit kaltem Hohn - »Sie müssen Ihren galanten Wirth für diesmal entschuldigen. Der Fürst leidet leider seit Jahren an der Epilepsie und hat eben einen starken Anfall. Aber er hat eine vortreffliche Pflegerin in diesem Zustand. Petrowitsch, rufe Feodora! - Signor Mortara, ich reise morgen. Sie werden mir den Kontrakt über den Kauf der Villa auf meinen Familien-Namen nach Verona bringen!«

Ein vornehmer kalter Gruß - und durch die Zurückweichenden schritt sie starr und ruhig mit dem bleichen Marmorgesicht und verließ den Salon.

Der Kosak kniete neben seinem in wilden Krämpfen zuckenden Herrn.



Es war etwa zwei Stunden später - gegen ein Uhr nach Mitternacht.

Der Juwelier Samuel Mortara saß in seinem Hinterstübchen allein und ordnete beim Schein einer Lampe mehrere Papiere.

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Neben ihm stand das Etui mit den Diamanten und die leere Kassette, in welcher der verkleidete Ungar die Schmucksachen nach dem Croce verde gebracht hatte. Sonst herrschte tiefe Stille in dem dunklen Hause, die Frauen waren längst in ihren Kammern zur Ruhe gegangen, auch der Wechsler war im Begriff, sie zu suchen.

»Wo nur der Abraham bleibt?« murmelte er vor sich hin. »Das abtrünnige Weib, das sich so unnütz in die Gefahr begeben, wird ihn aus Furcht zurückbehalten haben, bis der Mann vom Schwert wieder gekommen ist in die Herberge. Aber er muß kehren gleich zurück, denn sie sind fort seit länger als einer halben Stunde. Horch - ich glaube, da wird er kommen. Mir war als hörte ich öffnen die Thür!« -

Er legte die Juwelen wieder in den eisernen Schrank. »Der Stein, den sicher die Weiber gestohlen,« murmelte er weiter, »ist werth seine fünftausend Franken. Der Fürst wird ihn müssen ersetzen. Gott der Gerechte, wie hat mir leid gethan die arme Frau. Es muß vorgekommen sein Wichtiges, aber der ungarsche Oberst wollte mir nicht stehen Rede, obgleich ich ihm gegeben habe die Mittel, zu gelangen zur Fürstin. Was thu' ich mit allem Glanz, wenn das Herz ist unglücklich und das Gewissen beladen so schwer? - diese Gojim vornehm und gering achten wenig auf das heilige Gesetz der Ehe.«

Wiederum war es ihm, als hörte er eine Thür gehen - diesmal hatte er sich wenigstens nicht getäuscht; denn gleich darauf kamen leise Schritte näher und er glaubte zu seinem Schrecken die mehrerer Personen und

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das Gemurmel von Stimmen vor der Seitenthür nach dem Gang zu hören.

Der Juwelier warf die Thür des eisernen Spindes in's Schloß und griff nach einem Fach seines Arbeitstisches. Als er die Hand wieder hervorzog, war sie bewehrt mit einem Terzerol.

Aber im nächsten Augenblick ließ er die Waffe beruhigt sinken; denn die Thür öffnete sich und sein alter treuer Diener und Gehilfe, der bucklige Abraham trat ein.

»Was hast Du mich erschreckt, alberner Mensch,« sagte der Wechsler, »daß Du kommst geschlichen wie der Dieb in der Nacht und redst mit Dir selber. Warum kommst Du so spät, wo Du weg bist volle drei Stunden?«

»Ich habe bleiben müssen bei dem abtrünnigen Weib, die hat gehabt Angst und Furcht. Warum gebt Ihr mir solche Kommissionen und warum geht Ihr nicht schlafen unbesorgt, da Ihr doch wißt, daß ich hab' den Schlüssel zur Hinterthür!«

Die Augen des kleinen Juden fuhren dabei unruhig hin und her in dem Zimmer, sein Gesicht war auffallend blaß und er suchte den Blick seines Herrn zu vermeiden.

»Das Auge des Hausherrn,« sagte der Wechsler, »soll zuletzt wach sein im Haus und löschen das Licht. Ich weiß, daß Du treu bist in meinem Dienst seit länger als fünfundzwanzig Jahren und daß ich Dir vertrauen kann alle geheimen Sachen. Wir sind Beide geworden zusammen alt und es ist nicht wie bei den Christen, wo Mann und Weib, die doch sollen sein nach Gottes Gebot eine Seele und ein Leib, oft sich hassen wie die ärgsten Feinde und

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sinnen Einer auf des Andern Verderben! - Hast Du sorgfältig verschlossen und verriegelt die Thür?«

»Es ist geschehen, Meister!«

»So geh schlafen in Deine Kammer! Ich werde nachsehen, ob Alles ist in Ordnung im Haus und dann mich legen zur Ruh!«

»Was wollt Ihr erst wandern noch wie der Ahasverus durch das Haus?« sagte der Bucklige, indem er sich mit dem Anstecken einer kleinen Lampe zu thun machte, »kann ich doch besorgen Alles was nöthig ist. Habt Ihr gemacht ein Geschäft mit den Diamanten?«

»Der Fürst hat genommen eine kostbare Brosche und will behalten den schönen Stein, aber ich habe bekommen noch kein baares Geld, weil ihm passirt ist ein schlimmer Zufall. Ich hab müssen herausklopfen den Aaron Zacchetti, weil ich gebrauchte noch eine Summe.«

»Und die Papiere? was haben die von Venedig geboten für die Papiere?«

»Was kümmert's Dich! ich habe gesehn ein Wunder, wovon ich nicht hab' geglaubt, daß ich's noch würd erleben in dieser schlimmen Zeit. Ich hab gesehn, daß ein großer und vornehmer Herr hat ein Herz, und daß ein Fürst, der vertrieben ist aus seinem Land, die Ehre seines Feindes schont und will leiden lieber bittres Unrecht, als daß er Schmach und Zwiespalt säet in das Land seiner Väter. Geh schlafen, Abraham, damit wir beginnen können am Morgen mit neuen Kräften unser Werk.«

»So habt Ihr also die Papiere noch, Samuel?« fragte der Kleine, tief aufathmend.

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»Ich hab' Dir schon gesagt, was kümmert's Dich? - warum bist Du so seltsam heute Abend, als wär Dir was passirt? Geh zu Bette, Abraham?«

Er ging nach der Thür, um sie zu verriegeln, der Bucklige sprang ihm zuvor. »Ich will Euch abnehmen die Müh!«

Indem er that, als verriegle er sich, machte er sie auf. »Es ist Zeit,« flüsterte er so leise, daß der Wechsler es nicht hörte.

Mit einem Ruck wurde die Thür aufgerissen und ein verwegen aussehender Kerl von riesigem Wuchs mit geschwärztem, von einem wilden Bart halb bedecktem Gesicht, in einem Militairmantel gekleidet, stürzte herein.

Er hatte in der Hand einen keulenartigen Knittel, in dem um den Leib gebundenen Strick steckte ein bloßes Bayonnet.

Hinter dem Kerl folgte ein zweiter Mann, ziemlich anständig gekleidet, ein eisernes Stemmeisen in der Hand. Die andere war durch den Verlust zweier Finger verkrüppelt.

»Baszom teremtete! verfluchtiger Jud - wo ist Dein Geld?« - Der Kerl mit dem wilden geschwärzten Gesicht sprang auf den Wechsler zu, der sich hinter den Zahl- und Arbeitstisch geflüchtet hatte und »Mörder! Diebe!« schrie. »Willst Du Dein Maul halten Jud verdammter, oder ich zerschmettre Schädel Deinigten!« Er holte zu einem Hieb aus.

Der zweite Räuber stieß ihn zur Seite, legte die verstümmelte Hand auf den Tisch und sprang mit einem

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Satz über denselben. »Kein Blut Kamerad,« sagte er rasch, »'s ischt nit nöthig - geb nur her Deinen Strick!«

Er hatte mit einer schnellen Bewegung das von dem Juwelier wieder ergriffene Terzerol aus der zitternden unsichern Hand geschlagen, drückte ihm die seine auf den zeternden Mund und warf ihn zu Boden.

»Den Strick her und macht keine unnütze Lärm!« Er hielt den sträubenden Juwelier am Boden fest, drehte ihm ein Taschentuch in den Mund und schnürte ihm die Arme am Leibe mit dem Strick fest, den ihm der Andere reichte.

»Teremtete! was machst Du Umstände vieligte mit dem Hund von Jud? Wird sich sein am Besten, ich hänge ihn auf!«

»I will kei Blut mehr habe an meine Hand,« beharrte der frühere Argelino. »So, Kamerad, nu isch der fest, oder i müßt mei Lebtag keine Menschenseele geknebelt hab. Laß uns g'schwind gehn an die Arbeit! Wo is der Buckelinski?«

Abraham war bei dem Hereinstürmen der Räuber auf die Knie gefallen und wimmerte noch immer - aber sehr vorsichtig und leise: »Gnade, Signori! ich will Ihnen geben Alles, was Sie wollen, nur schonen Sie unser Leben!«

Der Ungar versetzte ihm einen Tritt, daß er zu Boden stürzte. »Hundeseele von einem Jud' - is sich jetzt keine Zeit zu Komödie! Wo ist sich das Gold?«

Der Schwabe hob den Kleinen beim Kragen auf. »Zeige Sie uns geschwind die Papiere, Monschieur

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Abraham. Der Jud hat gekreischt, eh' i's konnt verhindern, 's könnt halt haben Jemand gehört!«

Der verrätherische Gehilfe sah ein, daß es keine Zeit mehr war, die angenommene Rolle weiter zu spielen, und ein Blick auf seinen geknebelten Herrn zeigte ihm, daß dessen Auge mit Staunen und Schmerz auf ihn gerichtet war und es in seinen Gesichtszügen arbeitete, als wolle der geschlossene Mund ihm entgegenschreien: Schurke! treuloser Knecht - Du selbst gehörst zu den Räubern!

Im Nu ward er der Flinkste von allen Dreien. »Die Schlüssel,« sagte er hastig, »sie liegen nicht auf dem Platz, er muß sie haben in der Tasche.«

Der Leser wird sich erinnern, daß der Juwelier bei dem verdächtigen Geräusch die Thür des eisernen Sicherheitsschrankes in's Schloß geworfen hatte.

»Wo is das Gold, Hundejude?«

»Die Papiere! die Papiere?[!]«

»Es ist Alles im Schrank - er muß herausgeben die Schlüssel!«

»Baszom a lelkedet! was brauch' ich die Schlüssel, wenn ich hab Eisen in der Hand!« Der Kerl hatte das Brecheisen ergriffen und versuchte die Thür des Schrankes zu sprengen, während sein klügerer Gefährte den Juwelier aufhob und mit ungemeiner Fertigkeit trotz seiner verstümmelten Hand ihm die Taschen durchsuchte.

Aber die Schlüssel waren nirgends zu finden.

»Mach kei Lärmen Kamerad,« befahl der Schwabe - »Du kannst nit öffnen den Schrank mit Gewalt. Er muß uns beichte, wo er die Schlüssel hat!« Er hatte den

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Juwelier auf das kleine schmutzige Sopha geworfen, das an der Seite des Schrankes stand, und nahm ihm den Knebel aus dem Mund.

»Keinen Mux Jud, oder bischt en Kind desch Tods! Wo hascht Du die Schlüssel zum Spind?«

Der Juwelier holte krampfhaft und tief Athem, er war von dem Knebel halb erstickt. »Gott Jakobs, was wollen Sie von mir? ich bin ein ruinirter Mann! Ich weiß nicht, wo sind die Schlüssel!«

Der Räuber mit dem geschwärzten Gesicht war heran getreten, er schwang das Brecheisen mit wilder Geberde. »Willst Du gestehn Jud verfluchtiger, oder ich schlag Dir den Schädel ein!«

»Erbarmen Signori - Erbarmen! Sie sollen nehmen all mein Gut - aber Sie sollen nehmen eher mein Leben, als ich verrathen will fremdes Eigenthum!«

Der alte Dieb hielt den Arm seines Genossen zurück, der im Begriff war, zuzuschlagen. »I hab gesagt, kei Blut! faß ihn am Hals und würg ihn, bis er herausgiebt die Schlüssel!«

Der Kerl im Soldatenmantel faßte den unglücklichen Greis an der Kehle und preßte sie zusammen, daß das Gesicht blau wurde und die Adern aus den Höhlen traten. »Die Schlüssel, Jude! die Schlüssel!«

»Hier sind sie, ich thu sie haben!« rief der Bucklige, der schlauer als die beiden Räuber überlegt hatte, daß die Schlüssel nicht verschwunden sein könnten, sondern von dem Juwelier wahrscheinlich irgendwo versteckt oder in einen Winkel geschleudert sein mußten. Indem er während der

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gewaltthätigen Szene auf dem Boden umherkroch, hatte er das Bund richtig unter dem Pult gefunden.

Der Argelino riß sie ihm aus der Hand - der Andere ließ die Faust von der Kehle des Juweliers, der röchelnd, halbtod zurückfiel; Beide stürzten nach dem Schrank.

Der kleine Bucklige ließ sie gewähren, er wußte, daß sein Löwenantheil ihm sicher war, da Samuel die kostbarsten Gegenstände, also auch die Juwelen, die ihn zu dem niederträchtigen Verrath verführt hatten und die Originaldokumente in einem besondern geheimen Fach des Schrankes zu bewahren pflegte, der nicht durch einen Schlüssel und keine äußere Gewalt, sondern nur durch eine geheime Feder zu öffnen war. Obschon der Juwelier selbst ihm, seinem vertrauten und so lange bewährten Gehilfen in allen Geschäften nicht aus Mißtrauen, sondern aus alter Gewohnheit nie den Schlüssel des Schrankes überließ, kannte er doch sehr wohl das Geheimniß der Oeffnung dieses Allerheiligsten seines Herrn.

Der gewandte Dieb, der in Deutschland, Algerien, Spanien und Frankreich so manche Schlösser schon geöffnet, hatte bald den richtigen Schlüssel herausgefunden und öffnete die Thür des Schrankes.

Die Beute an baarem Geld war, da der Wechsler noch kurz vorher die bedeutende Zahlung an den Agenten Garibaldi's geleistet, nur gering, aber einige Kostbarkeiten waren hier aufbewahrt, die von den Räubern mit gierigen Händen herausgerissen und auf den Zahltisch geworfen wurden, um sie dort dann bequemer einstecken zu können.

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Der Schwabe wühlte unter den Papieren und riß hastig ganze Stöße von Wechseln und Werthdokumenten heraus und streute sie umher, ohne zu finden was er suchte. Der Räuber im Soldatenrock aber forschte nach Geld und Geldeswerth und stieß gräuliche Flüche aus, als er nichts mehr davon fand.

Der bucklige Abraham hatte bisher bei seinem gebundenen halberstickten Herrn Wache gehalten und nur mit scharfem gierigen Auge das Thun seiner Genossen beobachtet. Jetzt aber hielt er es an der Zeit, sich einzumischen.

»Gamels, die Ihr seid! seht Ihr nicht, daß hier Nichts zu holen für Euch! Das Silber und Gold ist in dem Magazin!«

Der Große mit dem geschwärzten Gesicht ergriff die Lampe, die Abraham sich bereits zum Schlafengehn angezündet und die ihm zunächst stand. »Is sich wahr - das blanke Silber und Gold hab' ich gesehn oft genug durch das Fenster im Laden!« Er stürzte durch die schmale Thür, die ihm der Bucklige wies und die neben dem Ausgang zum Flur in das öffentliche Magazin des Juweliers führte.

Der Schwabe zögerte noch einen Augenblick. »Wo sind die Papiere Buckliger? Du weischt, i muß haben vor allen Dingen die Papiere!«

Abraham reichte ihm ein zusammen gefaltenes Schriftpacket, das er aus den umhergestreuten Papieren aufhob. Sein scharfer Blick hatte ihm bereits gezeigt, daß es die

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Copien waren, deren sich Samuel Mortara am Abend bedient hatte.

»Soll mir Gott - da sind sie! Sorgt, daß ich bekomm da drinnen meinen Theil, indeß ich Wache halte bei dem Mann!«

Der Argelino drehte sie in der Hand umher. »I bin kei G'lehrter nit - Du mußt's halt besser wissen, als i. Pack die Sache zusamm'n, wir sind halt gleich wieder da!« -

Er eilte dem Gefährten nach - man hörte das rasche Zerbrechen einiger Glasscheiben aus dem Laden her.

Der Bucklige warf einen triumphirenden Blick ihnen nach, dann mit dem Sprung eines Panthers auf seine Beute stürzte er sich auf den Schrank.

Ein kurzes Suchen, ein Druck der Hand und das geheime Schubfach sprang auf - das Kästchen mit den Diamanten und ein Portefeuille mit alten Briefen und Papieren lag vor ihm.

»Fünfzigtausend Lire und die Steine,« murmelte er - »es ist mein! ich bin reich!«

Er streckte die Hand danach aus - aber er zog sie mit einem leichten Aufschrei zurück - Blut strömte darüber her - zwischen ihm und seiner Millionen werthen Beute richtete sich wie ein drohendes Gespenst die Gestalt seines Herrn empor, der jeder andern Waffe beraubt, mit den Zähnen das seiner Ehre und Rechtlichkeit anvertraute Gut vertheidigte.

»Möge Dein Arm verdorren, Schurke,« zischte der Greis - »sollst Du verschwarzen und Deine Seele

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brennen ewiglich in der Jehennah, so Du es wagst! Nur mit meinem Leben sollst Du haben, was ist nicht mein!«

Das Gesicht des Buckligen hatte sich zu einer dämonischen Larve verzerrt. Alle bösen und schlechten Leidenschaften, die so lange in ihm geschlummert und nun plötzlich durch die Gelegenheit reich zu werden zum Ausbruch gekommen waren, spiegelten sich darin wieder.

»Aus dem Wege Baas, oder Du wirst sein ein todter Mann!«

Statt aller Antwort warf sich der alte Wechsler auf den Diener und Vertrauten, mit dem er fast dreißig Jahre lang zusammen gelebt hatte. Er biß mit den wenigen Zähnen, die ihm noch übrig waren, wie ein wildes Thier nach ihm, er drängte und stieß ihn mit unerwarteter Kraft von dem Schranke hinweg, den er mit seinem Leben vertheidigte, während der Bucklige ihn mit seinen langen Armen umschlang oder ihm Schläge mit der Faust auf den Kopf versetzte.

Der erbitterte Kampf war bis jetzt fast schweigend nur von einzelnen wilden Verwünschungen unterbrochen geführt worden, denn beide Theile fürchteten in demselben Interesse, die Räuber aus dem Laden herbeizurufen - jetzt aber stürzten beide Kämpfer auf den Boden und wälzten sich dort über einander und der Wechsler, dem bereits das Blut über das Gesicht rann, brüllte aus Leibeskräften: »Mörder! Mörder! zu Hilfe!«

Einen Augenblick darauf, während vergeblich der Bucklige sein Rufen mit vermehrten Schlägen zu unterdrücken suchte, hörte man das Zetergeschrei in der Küche

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von einer weiblichen Stimme wiederholen. »Mutter! Mutter! zu Hilfe - sie bestehlen meinen Herrn!«

Aus der Thür des Ladens in das Arbeitszimmer stürzten die beiden Räuber, der Schwarze voran, jeder mit einem schweren Sack beladen.«Was ist geschehn? Mach sich ihn kalt den Hund!«

»Fort geschwind! Halt di nit auf Kam'rad mit dem elenden Jud!« Der Schwabe raffte gewandt noch zusammen was auf dem Zahltisch lag, während der Schwarze bereits mit einem Satz sich darüber geschwungen hatte und nach der Gangthür stürzte.

Aber es war zu spät.

Wüthend über den Widerstand, den er gefunden, hatte der Bucklige nach einer Waffe umhergesucht, als er dicht neben sich das Terzerol auf dem Boden erblickte, das vorhin der Argelino mit leichter Mühe der zitternden Hand des Juweliers entwunden hatte. Er spannte den Hahn und setzte es dem Juwelier an die Stirn.

»Gott Abrahams, nimm auf meinen Geist!«

Aber bevor er noch loszudrücken vermochte, knallte ein Schuß von der Thür des Hausflurs her, - der Räuber im Soldatenrock taumelte, ließ seinen Sack fallen und wandte sich um, das Brecheisen mit beiden Händen zum vernichtenden Schlage fassend.

Er fand ein furchtloses Gesicht, ein muthig blitzendes Auge sich gegenüber - eine drohend erhobene, mit einem Revolver bewaffnete Hand gegen sich ausgestreckt.

Ein Schlag mit derselben Waffe gleich nach dem Schuß hatte den Buckligen an dem beabsichtigten

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Verbrechen gehindert und den Juwelier befreit. Mit einer Kraft und Behendigkeit, die ihm nach den erlittenen Mißhandlungen kaum zuzutrauen waren, hatte dieser sich auf's Neue erhoben und sich vor den so tapfer vertheidigten Schrank geworfen. Sein Geschrei: »Diebe, Mörder!« gellte durch das Haus und verstärkte das Zetergeschrei der Dienerin im Flur, das den so zu rechter Zeit erschienenen Beistand herbeigerufen hatte.

Dieser stand in Gestalt eines kräftigen Mannes zwischen dem Juwelier und dem Räuber - es war Herr Meißner, der Erzieher und Secretair im Haushalt der russischen Fürstin.

Ein abscheulicher Fluch sprudelte aus dem Munde des Räubers und in schwerem Schlage fiel das gewichtige Eisen nieder. Aber mit einer raschen Wendung war der ehemalige Student und gewandte Turner dem Hieb entgangen, und ohne den ersten Schuß zu wiederholen, der bereits seinen Gegner schwer in der Seite verwundet hatte, unterlief er denselben und warf ihn nach kurzem Ringen zu Boden.

Durch den Anstoß war die Lampe des Wechslers, die bisher von ihrem sichern Standpunkt auf dem Pult die Szene beleuchtet hatte, umgefallen, und völlige Dunkelheit hüllte die Handelnden ein. Zugleich hörte man Stimmen von Außen und das Einklappen der Thür des eisernen Schranks, die der Wechsler mit Geistesgegenwart zum zweiten Mal zur Sicherung seines Schatzes glücklich in's Schloß geworfen.

Der unverkennbare Ton rief eine zeternde giftige Verwünschung hervor zwischen dem Lärmen des Ringens.

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Der ganze Auftritt war rascher erfolgt, als wir ihn zu beschreiben vermochten. Der Räuber wehrte sich trotz seines Blutverlustes noch verzweifelter, als bereits Gewehrkolben auf dem Flur rasselten und eine tiefe Kommandostimme befahl, die Eingänge sorgfältig zu besetzen und Niemand hinauszulassen. Zugleich flammte Licht in der Küche auf und in seinem Schein sah man die Soldaten einer österreichischen Patrouille, von einem Korporal geführt, der mit zwei seiner Leute, die Gewehre schußfertig, von der nur halb bekleideten jungen Christenmagd des jüdischen Wechslers gezogen, rasch in das Zimmer drang, das der Schauplatz des Raubversuchs gewesen war.

Im Schein des Lichts erblickte man den zitternden blutenden Juwelier mit dem Rücken an die Thür seines Schrankes gelehnt stehen; - der Räuber mit dem geschwärzten Gesicht lag am Boden, das Knie des Deutschen auf seiner Brust, neben ihm der Sack mit dem gestohlenen Gut - von dem ehemaligen Argelino und dem Buckligen war keine Spur zu sehen, die Thür zu dem Gang war halb geöffnet.

Das Erste, was der Korporal, ein geborner Wiener, that, war, dem überwundenen Räuber das Bayonnet an die Kehle zu setzen und ihn binden zu lassen.

»Reibt dem Kerl mal das Xicht ab, damit wir schaun, wer er ist,« befahl der Korporal. »Der Halunk hat sicher des Kaisers Rock g'stibitzt, um uns a Schand zu machen? Nu hör auf Mädel zu greinen, s kann Dir nix mehr g'schehn und wasch Deinem Herrn lieber das Blut vom Xicht!«

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Der Wechsler schaute verstört umher, während er noch immer schützend vor seinem Schrank stand. Seine Hand wies nach dem Zugang zum Magazin. »Da - dort hinein ist er!« stöhnte er mühsam.

»Was? Ist noch Aner hier? Warum sagen's holter das nit gleich!« Der wackre Soldat trat mit gespanntem Gewehr furchtlos in die Thür. »Ergib Di Spitzbub oder i brenn Dir Aans zwischen die Rippen!«

Aber er hatte die gefährliche Drohung nicht nöthig, obschon sich wirklich Jemand im Magazin befand. Die Lampe, die der Schwarze mit sich genommen, um dort zu plündern, brannte noch auf dem Tisch, und an diesem saß ganz ruhig, die Hände in den Taschen, der ehemalige Argelino mit so unbefangenem Gesicht, als ginge ihn die Geschichte gar nichts an.

Da es ihm nicht gelungen war, so rasch wie der Bucklige die Seitenthür im Dunkel bei dem Herbeikommen der Hilfe zu gewinnen und wie dieser durch den hintern Ausgang des Hauses zu entfliehen, hatte er es vorgezogen, wieder in das Magazin zurückzukehren und sich dort möglichst jeder Spur der Theilnahme an dem Raube zu entledigen, da er sich alsbald überzeugte, daß weder das Schaufenster noch die Thür nach dem Flur ihm mehr einen Fluchtweg gewährten.

Vor ihm auf dem Tisch glimmte noch ein Rest von verbranntem Papier und die leichte Asche stob bei dem Luftzug umher. Er hatte wenigstens gesucht seinen Auftrag zu erfüllen, und die Papiere, die er für die Originale hielt, vernichtet.

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»Bon soir, Messieurs,« sagte er kaltblütig. »I hoffe, daß Sie sich allerseits wohl befinde!«

»Spitzbube!« Der Korporal hatte ihn berei[t]s am Kragen und versetzte ihm einige derbe Püffe. »Wie kommst Du hierher?«

»I verbitt mir jede Beleidigung Herr,« protestirte der Schwabe. »I bin französischer Bürger und unbescholtener Reisender und hab' Monsieur Mortara bloß einen Besuch g'macht, um ihm einiges abzukaufe.«

»Den Deixerl hast Du Cujon!« Ein tüchtiger Kolbenstoß belohnte die Frechheit. »Bring Deine Lugen morgen früh vor der Polizei vor, nit bei uns. Bindet mir den Kerl recht fest, denn er ist a arger Dalk!«

Ohne auf sein Protestiren und seine Prahlereien zu hören, wurde der alte durchtriebene Spitzbube gebunden und in die Küche gebracht.

Ein Ausruf des Staunens und Schreckens seiner zurückgebliebenen Leute hatte den Korporal nach dem Zimmer des Wechslers zurückgeführt.

»I will mei Lebtag kein' Schoppen mehr trinken, Korporal Waichlinger,« schrie ihm einer der Soldaten entgegen, »wenn der Bursch da, den der Herr derschossen, nit der schlechte Kerl, der Schinder von den Blauen is, der vorgestern auf dem Platz die Hieb gekriegt wegen Mauserei!«

Der Vorgesetzte war näher getreten. Der Räuber, dem man eben nicht in besonders zarter Weise das geschwärzte Gesicht gesäubert hatte, lag ohnmächtig von dem Blutverlust, mit geschlossenen Augen da. Wer aber ein

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Mal dieses finstre unheimliche Gesicht gesehn, mußte es wieder erkennen.

»Es ist wahr, es ist holter der Szabó Polká, der Gehilfe des Profoß vom Regiment Schwarzenberg!« Er wandte sich zu dem Juwelier, der emsig beschäftigt war, die von den Räubern zerstreuten Wechsel und Papiere zu sammeln. »Herr Mortara,« sagte er zu diesem, der ihm wohl bekannt war, »Sie können von Gluck sagen, daß unsre Patouille grad' zur rechter Zeit vorbeikam und die Spitzbuben gefangen hat. Aber wir wären sicher zu spät gekommen, wenn der brave Mann hier Sie nit früher gerettet, denn der Kerl dort ist a arger Bub', a Schinderknecht, der a wahre Freud dran hat, an Menschenkind zu hängen. Dem Herrn hier verdanken Sie's Leben, uns blos Ihr Geld!«

Der letzte höfliche Wink ging dem Wechsler nicht verloren. Er drückte dem wackern Korporal die Hand und lud ihn ein, am andern Morgen wieder bei ihm vorzusprechen, um sich ihm und seinen Leuten gebührend erkenntlich erweisen zu können. Er bat ihn, ohne von dem Antheil seines schurkischen Gehilfen an der Unthat zu sprechen, da er dessen Ergreifung keineswegs wünschte, das Haus vor seinem Abzug mit den Gefangenen noch genau durchsuchen zu lassen, ob etwa noch ein Helfershelfer der Räuber dort versteckt sei, und wandte sich dann zu seinem Retter, der von dem gewaltigen Ringen erschöpft bisher nur schweigenden Antheil an dem Verfolg der Szene genommen hatte.

»Soll mir Gott helfen, das ist der fremde Herr, der

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Secretair der gnädigen Frau Fürstin! Ich bin ein alter Mann, Signor, und mein Leben ist nicht mehr viel werth! Aber Sie haben mir's bewahrt, daß ich nicht zur Grube gefahren bin als ein unehrlicher Mann, der nicht geordnet sein Geschäft vor seinem Tod. Der Samuel Mortara, Signor, ist Ihnen fremd und ist nur ein Jud, aber Sie haben gewagt für ihn Ihr Leben, und glauben Sie mir, er hat ein Herz, das nicht vergessen wird, was Sie gethan.«

Der Hauslehrer schüttelte dem alten Mann die Hand. »Sie sind mir keinen Dank schuldig, Signor Mortara,« sagte er herzlich. »Es freut mich, daß ich Ihnen einen Dienst leisten konnte, aber jeder Mann von Ehre hätte das Gleiche gethan, wenn er seinen Nebenmenschen in Gefahr gesehen, und es ist mir nur lieb, daß der Rückweg zum Hôtel von der Begleitung des Herrn, den Sie kennen, und der sich glücklicher Weise verzögerte, mich nochmals an Ihrem Hause vorüberführte und ich durch die offen stehende Thür aufmerksam gemacht wurde.«

Der Wechsler sah ihn groß an. »Die Hausthür nach der Piazza war offen? - Wahrscheinlich hat sie die Barbara aufgerissen, als sie um Hilfe schrie.«

»Nein, Signor - ich stand bereits an der offenen Thür und war aufmerksam geworden durch das Klirren einer Glasscheibe und ein auffallendes Geräusch, als ich Ihren Hilferuf hörte und gleich darauf das Geschrei Ihrer Dienerin von der Treppe herab.«

»So mir Gott soll helfen - wie ist mir denn? ich habe doch selbst verschlossen und verriegelt die Thür!« Er

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sah auf die Dienerin, die zitternd und weinend zur Seite stand.

»Hast Du aufgemacht, um Hife zu holen, die Thür?«

»Nein, Signor!«

»Ruf Deine Mutter - wie kommt es, daß ich nicht sehe die Anna Morisi, wo hat sie gesteckt während des Gespektakel?«

»Die Mutter ist fort,« schluchzte das Mädchen - »ihr Bett ist leer!«

»Fort?«

»Sie führte so seltsame Reden, Signor, diesen Abend, besonders nachdem Ihr fortgegangen!«

Der Korporal hatte den ohnmächtigen Henker nach dem Flur bringen lassen, wo man ihn so gut als möglich einstweilen verband und ihn auf eine Trage legte, um ihn mit den andern Gefangenen zur Wache zu schaffen.

Vor dem Hause hatten sich, durch den Lärmen angelockt, trotz der späten Stunde und des schlimmen Wetters Neugierige gesammelt.

»Was hat sie gesagt?«

»Sie ist ganz tiefsinnig schon seit mehreren Tagen, Signor, sie sagt, sie müsse eine Seele vom ewigen Feuer bewahren, sie müsse den Knaben retten!«

»Deine Mutter ist toll! ich werde sie einsperren lassen durch die Polizei! Sie steht in Verbindung mit den Dieben, sie hat ihnen geöffnet die Thür ... was will sie retten den Knaben! Von welchem Knaben redet sie?«

»Von Edgard Mortara, Ihrem Neffen,« sagte eine scharfe Stimme. »Dies Weib, Anna Morisi, steht unter

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meinem Schutz! ihre Abwesenheit hat keinen Bezug auf den Diebstahl, der bei Ihnen verübt worden. Sie hat Ihr Haus einzig verlassen zu einer Unterredung mit mir, wie ich bezeugen kann!«

Der Wechsler starrte wie auf eine gespenstige Erscheinung auf den Mann, der auf der Schwelle der Thür stand, und streckte todtenbleich, aber mit zornfunkelndem Auge die Hände abwehrend gegen ihn aus. Hinter dem Mann sah man das verstörte Gesicht der Apfelsinenhändlerin, der Mutter Theresitta's, die wiederholt ein Agnus-Dei in ihren Händen küßte und verzückt die Augen zum Himmel schlug. In dem Hausflur beschäftigten sich die Soldaten mit dem Transport der Gefangenen, ein Polizei-Beamter war so eben angekommen und hörte den Bericht des Korporals.

»Sohn einer abtrünnigen Mutter, verflucht von dem Saamen Abrahams, aus dem Du entsprossen,« rief der Jude drohend - »was willst Du zum zweiten Mal auf der Schwelle der Gerechten, die Dich nicht kennen!«

»Sie kennen mich sehr wohl, Samuelo Mortara,« sagte finster der Graf; denn dieser war es, der Begleiter des Herrn von Neuillat, der auf der Schwelle stand. »Ich habe Nichts mit Ihnen zu schaffen, sondern einzig mit dieser Frau, die meine Pflicht mir gebietet, noch diese Nacht aus Ihrem Hause zu nehmen, damit Sie ihr Gewissen nicht länger bethören können!«

»Beim Gott meiner Väter, der einst richten wird zwischen mir und Ihnen - ich weiß nicht, was Sie wollen von mir!«

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»Samuel Mortara - Du sollst es erfahren, sobald Du allein bist.«

Der Wechsler erhob bittend die Hand nach dem Mann, der ihn aus der Mörderfaust gerettet. Der Secretair reichte ihm die seine. »Signor Mortara,« sagte er mit einem festen strengen Blick auf den Grafen - »ich entferne mich, weil Sie es wünschen. Aber wenn Sie der Hilfe eines ehrlichen Mannes bedürfen, so zählen Sie auf mich, ich bin in Ihrer Nähe.«

Er verließ das Gemach mit der weinenden Dienerin und ihrer Mutter und wußte draußen unter dem Vorwand, daß der Juwelier von dem Ueberfall und den erhaltenen Verletzungen zu angegriffen sei, um noch ein Verhör bestehen zu können, die Polizeibeamten aus dem Hause zu entfernen.

Der modenesische General blieb mit dem Wechsler zurück.

Der Jude sah finster auf den Edelmann. »Wir sind allein, Signor - was wollen Sie von uns noch? Genügt es nicht an der Schmach, die die Abtrünnige, Ihre Mutter, angethan unserm ehrlichen Namen? was will der Sohn der Christin, die das greise Haupt ihrer Eltern mit Jammer in die Grube fahren machte, von dem verachteten Juden, seinem Oheim?«

Sein Ton, mit dem er die Worte sprach, war bitter und feindlich, der Hohn darin unverkennbar.

Der Graf biß sich in die Lippen, sein strenges finsteres Gesicht bedeckte, sich mit dunkler Gluth, aber es gelang ihm, den aufsteigenden Zorn zurückzudrängen.

»Meine Mutter, Ihre Schwester,« sagte er barsch, hat ihren falschen Glauben abgeschworen und das wahre Licht erkannt.«

»Es war der Glaube ihrer Väter, den Moses gepredigt auf dem Horeb tausend und aber tausend Jahre, ehe der Messias der Christen gekommen ist in die Welt. Sie sind gezeugt als das Kind einer Jüdin in Sünde und Schmach und der Fluch des rächenden Gottes treffe noch im Grabe Den, der gebracht hat Unehre und Herzeleid unter das Dach des Friedens.«

»Wahren Sie Ihre Zunge - Sie sprechen von Einem, der Euer Herr war!«

»Und wenn er noch so vornehm und mächtig war und zu den Gewaltigen der Erde gehörte, die ihren Fuß setzen auf den Nacken meines Volkes,« rief mit finsterer Energie der Greis - »er ist Staub geworden wie der Mann, dessen Haupt er mit Leid und Schmach bedeckt hat, eh' es zur Grube fuhr! Hat er nicht doppelt gefrevelt gegen sein eignes Gesetz, das ihm auferlegte die Keuschheit, und gegen das Gebot Gottes, das beim Christen wie beim Juden schützen soll die Ehre der Jungfrau und das weiße Haar des Greises? Wo ist seine Macht und Herrlichkeit, daß er nicht ein Mal dem Kind seiner Sünde hat seinen Namen geben können trotz aller Ehre, und daß der Sohn des Frevels sich drängen muß in den Kreis der Gerechten und Gekränkten!«

»Hüte Dich, Jude,« sagte der General heftig. »Wenn man mich auch den Namen meiner Mutter führen ließ, der Rang, den meine Thaten mir erworben haben, hat den

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Flecken meiner Geburt längst vertilgt! Ich habe Nichts gemein mit Euch!«

»Wenn der stolze Graf Mortara Nichts gemein hat mit dem schachernden Juden des Ghetto, dessen Namen er trägt,« erwiderte der Wechsler giftig, »warum wollte er ihm stehlen das Erbe seiner Väter, an das keinen Anspruch hat die Abtrünnige und Verstoßene, noch ihr Saamen?«

Die Adern auf der Stirn des alten Offiziers waren dunkel geschwollen, eine tiefe drohende Falte lag zwischen seinen buschigen Brauen, als er an den Tisch trat, an dessen anderer Seite der Juwelier saß, und einen Stuhl heranzog, auf den er sich mit gewaltsam erzwungener Ruhe setzte.

»Sie erlauben Signor Samuelo,« sagte er höhnisch, »daß ich den Mangel an Höflichkeit, den Sie gegen Ihren Neffen zeigen, verbessere. Wir haben miteinander zu reden, Signor, und da es lange Zeit her ist, daß wir uns nicht gesehen, wünsche ich es mit Bequemlichkeit zu thun.«

Der Juwelier antwortete ihm nicht, sondern sah, den Kopf in die Hand gestützt, düster vor sich nieder.

»Es ist wahr,« fuhr der General fort, »daß ich das Kind einer schweren Sünde bin - indeß Sie wissen, daß in unserm Lande das Blut heißer durch die Adern rollt, als im kalten Norden, und daß ein Mann, und stände er selbst dem Stuhle Sanct Peters so nahe, wie mein Erzeuger ihm stand, in der Bewunderung der Schönheit seinen Rang, den Kardinalshut, ja selbst das Gelübde des Priesters vergessen kann. Meine Mutter war schön, die engen Schranken des Ghetto gefielen ihrem heißen Blut und ihrem jugendlichen Sinn nicht, und als der Kardinal, mein

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Vater, sie entführen ließ, folgte sie gern. Sie ließ sich taufen, und ich war die Frucht dieser heimlichen Verbindung. Um der liebenswürdigen Verwandtschaft des Ghetto zu entgehen, die uns im Stillen alle möglichen Flüche auf den Hals schleuderte, und sonstige Verlegenheiten zu beseitigen, sandte der Kardinal mich schon zeitig nach Spanien, und sein Schutz machte, daß ich als Kavalier in den Reihen des Adels erzogen wurde und als Soldat und Streiter der Kirche und des Königthums Gelegenheit hatte, den Namen Mortara mit dem Grafentitel zu bedecken, auch nachdem mein Erzeuger eines so plötzlichen und geheimnißvollen Todes gestorben war, daß gar Manche noch heute der Meinung sind, er sei das Opfer einer heimlichen Rache geworden.«

»Wer unterdrückt die Schwachen und hört allein auf den Rath seiner Leidenschaft, nicht auf das Gesetz,« sagte finster der Wechsler, - »den bedroht in jeder Stunde die Strafe Gottes!«

»Ich bin nicht hier, um mit Ihnen über den Charakter meines Vaters zu streiten. Genug, daß Kaiser und Könige seinen Beistand suchten und die höchste Macht der Christenheit in seiner Hand war. Aber er starb so plötzlich, daß er nicht Zeit hatte für Die zu sorgen, die ein Recht auf diese Sorge hatten, - und die Erinnerung an ihn war Alles, was sie aus dem Glanz mit sich nahmen.«

»Die Rache des Herrn straft die Frevler bis in's vierte Glied!«

»Ich empfand das Unglück damals weniger, weil ich bereits in meine militairische Laufbahn eingetreten war und

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die Sorge meines Vaters mir Gönner und Schützer erworben hatte. Ja, ich hörte nicht einmal - damals in der neuen Welt und im wilden Kampf mit den aufrührerischen Mexikanern - von dem Schicksal meiner Mutter. Aber Sie, die drei Brüder Mortara, Sie wußten, daß Ihre Schwester in Noth und Armuth versank, daß sie vergeblich ihr Erbtheil forderte, um nicht Hungers zu sterben!«

»Wir hatten keine Schwester,« sagte der Wechsler fest.«Wer abfällt vom Gesetz Moses und der Propheten, ist todt für Vater und Mutter, für Bruder und Verwandte. Er ist ausgestoßen und schlimmer als der Heide, der geboren ist in der Finsterniß. Die Christin hat keinen Anspruch an das Erbe des Juden! Sie mochte zu ihren neuen Brüdern gehen!«

»Euer wahnsinniger fanatischer Haß war es, der die eigene Schwester von der Schwelle stieß! Sie wollte Nichts von Euch, als ihr Recht, das Erbe ihrer Eltern!«

»Der Rabbi, ihr Vater, dessen weißes Haar sie mit Kummer zur Grube gebracht, hat ihr geflucht! Seine Söhne hatten allein das Gebot zu erfüllen, mit dem er gestorben ist.«

»Und Ihr habt es wie Henker gethan! Als ich nach dem Kriege in Spanien zurückkehrte, war meine Mutter verschwunden. Die Nachfragen, die ich bei ihren Brüdern hielt, wurden mit dem alten Haß zurückgewiesen. Vergeblich suchte ich Auskunft über ihr Schicksal - erst vor drei Jahren erlangte ich durch einen alten Diener meines Vaters die Gewißheit, daß sie in Elend und Noth gestorben ist, während ihre Brüder zu den reichsten Wech[s]lern Italiens

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gehören. Von dem Augenblick an, Samuel Mortara, hat der Krieg zwischen uns begonnen!«

Der Juwelier lächelte spöttisch. »Die Gerichtshöfe der Christen müssen heut zu Tage haben ein gleiches Recht für den Juden wie für den Christen,« sagte er. »Der Jude ist auch in Italien ein Mensch geworden, seit dem Tag der großen Revolutionen, der Anspruch hat auf das Gesetz und nicht mehr unterliegt wie sonst der Gewalt und der Willkür. Der Sohn der Abtrünnigen hat prozessiren lassen drei Jahre gegen uns an den Gerichtshöfen zu Mantua und Bologna, um uns zu entreißen unser Geld, weil er hat geglaubt, daß das Geld ist das Leben der Juden. Aber der vornehme Graf hat sich geirrt. Der Jude hat bekommen sein Recht, was ihm höher steht, als das Geld. Der Sohn der Abtrünnigen hat verloren die Prozesse, die seine Advokaten angestellt gegen die Söhne des Rabbi.«

»Ich hatte Unrecht, Signor Samuelo,« sagte der Graf kalt - »ich gebe es zu. Die Sühnung für meine Mutter muß einen anderen Punkt treffen, als Ihren Geldkasten. Sie hassen die Christen und wollen nicht, daß das Erbe Ihres Vaters in christliche Hände kommen soll!«

»Ich hasse nicht die Christen! Samuel Mortara thut ihnen wohl von Herzen gern, wenn sie die Hand nach ihm strecken und sagen: Bruder! Die Welt ist groß, und es sind viele Völker, die darin wohnen. Aber über Alles steht ihm der Glaube seiner Väter! Der Jude soll bleiben Jude und der Christ Christ - es möge Jeder behalten, seinen Glauben!«

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»Sie wissen, daß der Name Mortara auf zwei Augen steht, da ich nicht vermählt bin!«

»Und er wird wieder werden, was er gewesen ist, ein Namen rein in meinem Volk, nicht befleckt durch die Sünde der Untreue und des Abfalls. Der Gott Zebaoth hat mir genommen die eigenen Kinder und hat sterben lassen meinen Bruder David in Florenz ohne Erben. Aber er hat gesegnet meinen Bruder Joel in Bologna mit drei Töchtern und einem Sohn und dieser wird sein der Erbe von uns Allen und aufrecht halten das Geschlecht des Rabbi.«

Der Graf stand auf. »Er wird es thun,« sagte er kalt - »aber als Christ.«

Der Wechsler fuhr zurück - ein Zittern überflog seine Glieder - er mußte sich festhalten an den Tisch, an dem er sich erhoben.

»Das ist Lüge, die kommt wie Gift aus Deinem Mund, Sohn Derer, die gewesen ist unser Fluch! Mein Bruder ist ein treuer Bekenner des Gesetzes und der Knabe wird niemals abtrünnig werden vom Glauben seiner Väter!«

»Es steht weder in der Macht des Vaters noch des Knaben. Er hat die christliche Taufe empfangen in seiner Kindheit, und die geistlichen Gerichte werden ihn fordern. Sie haben sich auf das Gesetz und das Recht berufen - ich thue desgleichen!«

Der Juwelier hatte krampfhaft seinen Arm gefaßt - große Schweißtropfen rannen über sein Gesicht.

»Du lügst! Du lügst!«

Der General riß sich los und öffnete die Thür. »Anna Morisi bist Du hier?«

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»Ja, Excellenza!«

»So tritt ein!«

Die Frau, die der Jude in sein Haus aufgenommen, die Mutter seiner Dienerin, der er und seine Familie so viele Wohlthaten erwiesen, trat ein, die Augen zu Boden geschlagen, in der Hand ein Bündel mit ihren Sachen, die sie unterdeß zusammengepackt.

»Sage dem Manne da, Frau,« befahl der Graf, »daß der Knabe, den Du an Deiner Brust gesäugt - die heilige Taufe empfangen hat.«

Die Frau ließ das Bündel fallen und streckte schluchzend beide Hände nach dem Wechsler.

»Ah Signore, Ihr werdet einem armen Weibe nicht zürnen, ich that es für sein ewiges Seelenheil; denn ich schwöre Euch, ich liebe das Kind wie mein eignes Fleisch und Blut und ich hätte keine Ruhe gehabt, wenn er in seinen Sünden gestorben wäre. Gott und die Heiligen haben mein Gebet erhört und er ist so frisch und gesund wie eine Makreele im Wasser.«

Der Juwelier starrte, die beiden Hände auf den Tisch gestemmt, mit weit geöffneten Augen sie an. »Was sprichst Du Weib - was ist geschehen?«

Sie hatte ihre Redseligkeit wieder gefunden. »Ihr müßt Euch ja erinnern, Signore, wie das liebe Kind so krank war, kaum sechs Monate nach der Geburt, und Eure Schwägerin auch, daß wir glaubten, es würde nimmer den nächsten Tag erleben. Ich lag auf den Knieen und weinte und betete, denn Ihr wißt ja, ich bin keine gewöhnliche Amme und hänge an Eures Bruders Haus,

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wenn sie auch nur Juden sind. Da war mir's, als habe meine Padrona, die heilige Rosalia selber, mir's eingegeben, daß ich den Knaben retten könne durch das Sakrament oder ihn wenigstens erlösen müsse vor dem höllischen Feuer, in dem alle Ketzer und alle Juden und Heiden verbrennen sollen, und ich hab' ihn getauft im Namen Gottes und des Heilands und des heiligen Geistes und aller Heiligen, Amen!«

Der alte Wechsler antwortete nicht - nur sein Mund bewegte sich krampfhaft, als schnappe er nach Luft oder als könne er den Fluch, der aus seinem Herzen quoll, nicht über die Lippen bringen.

Selbst das düstere, von Haß und Fanatismus gestählte Gemüth seines Verwandten empfand einen Augenblick Theilnahme für den alten Mann.

»Samuel Mortara,« sagte er milder - »Du siehst, daß ich Nichts dazu gethan. Es ist die Hand Gottes allein, die Dich straft in dem, woran Du gefrevelt: Du hast gehaßt und verstoßen Deine Schwester, weil sie Christin geworden - und der Himmel hat es gefügt, daß der Erbe Deines Mammons schon in seiner Wiege die heilige Taufe empfangen hat! Erkenne den Finger Gottes und beuge Dich in Demuth seinem Willen!«

Der Wechsler war zurückgesunken auf seinen Stuhl - aber noch gab sein kräftiger Geist den Kampf nicht auf. So edel und vorurtheilsfrei er auch dachte, so menschenfreundliche und edle Gefühle er stets in seiner Brust gehegt hatte - das hartnäckige Festhalten an seinem Glauben, sein Stolz darauf, das war der einzige Punkt,

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in dem er engherzig ja fanatisch dachte. Aus diesem Stolz und Fanatismus hatte er das einzige Unrecht seines Lebens, die Verstoßung der hilfsbedürftigen Schwester begangen, in diesem Stolz hoffte er, seine Familie in dem jungen Sprossen reich und mächtig blühen und den Abfall des einen bösen Zweiges vergessen machen zu sehen - und deshalb traf der Schlag den innersten Nerv seines Lebens.

»Unglückliche - weiß mein Bruder oder sein Weib von Deiner That?«

»Gott bewahre, Signore, keine Menschenseele als mein Beichtvater und der Herr hier, der mir Botschaft von ihm gebracht und mir Muth zugesprochen in meiner Qual! Ach, Signore ich bin eine große Sünderin, daß ich das Glück meines Milchsohns so lange verschwiegen und ihn den Anfechtungen des bösen Feindes ausgesetzt habe. Himmlische Jungfrau, wenn ich gestorben wäre und das Geheimniß mit mir - ich wäre in Ewigkeit nicht aus dem Fegefeuer gekommen!«

»Möge Deine Zunge verschwarzen,« schrie der Wechsler in ausbrechender Leidenschaft - »möge der Fuß verdorren, den Du gesetzt über der Meinen Schwelle! Hinaus mit Dir elendes Weib!«

Das Auge des Hausherrn schoß einen so grimmigen Strahl des bittersten Hasses, daß die Frau ihr Bündel aufraffte und eilig aus der Thür floh.

Die ganze Leidenschaft des Orientalen brach jetzt in dem sonst so ruhigen bedächtigen Manne aus. Er schlug seine Brust, zerraufte sein Haar und warf sich auf den Boden.

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Sein Mund sprudelte die furchtbarsten Verwünschungen des Talmud und mischte sie mit Anrufungen Jehovahs.

Dann plötzlich, als sei ihm ein sicherer Gedanke der Rettung gekommen, sprang er empor und schüttelte die grauen Locken aus seinem Gesicht.

Der Graf hatte unbewegt, die Arme über die Brust gekreuzt, der Verzweiflung des alten Mannes zugeschaut. Auch jetzt begegnete er dem brennenden gerötheten Auge mit kaltem feindseligem Blick.

»Ich will die schlimmen Lästerungen nicht gehört haben, die Ihre grundlose Leidenschaft Sie gegen die heilige Kirche ausstoßen läßt,« Samuel Mortara,« sagte er kalt - »aber erinnern Sie sich, daß es noch ein Inquisitions-Gericht zu Rom giebt und daß dieses eine lange Hand hat, auch über Bologna hinaus!«

Der Jude legte mit einem verächtlichen Hohnlächeln die Spitzen seiner Finger auf den Arm des Offiziers. »Mantua liegt nicht im päbstlichen[päpstlichen] Staat und das Gold hat seinen Klang selbst in den Mauern des Palastes der Inquisition, die sonst haben gesehn den Jammer meines Volks. Der weise Hohe Priester der Christen hat geöffnet die Thore des Ghetto und will haben Gerechtigkeit in seinem Staat. Sie wissen davon zu reden selber ein Wort. Der mächtige Staatssecretair Kardinal Antonelli wird aufthun sein Ohr unserer Klage.«

Diesmal war es der Soldat, der spöttisch lachte. »Sie verwechseln die geistliche Gerichtsbarkeit mit der weltlichen, sehr kluger und weiser Oheim. Die Justiz konnte vielleicht gegen die rechtmäßigen Ansprüche des Grafen Mortara ein

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taubes oder von Ihren Zechinen gestopftes Ohr haben, aber wo es sich um eine Christenseele handelt, die Juden zu ihrem Götzendienst zwingen wollen, würde Sanct Petrus Stuhl sich selbst vernichten, wenn er ein Haarbreit für alles Gold von Italien von seiner Pflicht weichen wollte! Man kann einen Richter bestechen, aber nicht das Kollegium der Cardinäle. Monsignore Antonelli, so sehr er das Gold lieben mag, wird der Erste sein, das heilige Gericht in seinem Rechte zu schützen.«

»Aber noch ist die Anzeige nicht gemacht - noch kann werden die Sache unterdrückt,« sagte fast flehend der alte Mann. »Sie haben verloren Ihren Prozeß - Sie werden haben ein Einsehen Herr Graf mit einem alten Mann, der doch ist von Ihrem Blut - ich will zahlen das Erbe Ihrer Mutter nicht ein - zehnfach, wenn Sie mir versprechen zu schweigen von dem, was ist geschehen mit dem Knaben!«

»Ich treibe nicht Handel mit Christenblut!« sagte der General stolz. »Ich räche meine Mutter an Ihrer Hartherzigkeit, indem ich meinen Neffen dem einzig wahren Glauben zuführe. Wie ich ein Soldat bin für die Kirche und ihre Gesalbten mit dem Schwert, soll der Knabe ihr Streiter werden mit der Verkündigung ihrer Lehre. Die heilige Propaganda wird ihn aufnehmen als ihren Schüler!«

»Niemals - lieber möge er todt und begraben sein!« Der Graf streckte gebieterisch die Hand gegen ihn.

»Hüten Sie sich, Samuelo Mortara - Ihr und Ihres Bruders Leben bürgen für den Knaben. Die

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heilige Kirche hat ein Recht an ihn und kann es fordern zu jeder Zeit - merken Sie wohl auf, zu jeder Zeit!«

Der Wechsler athmete hoch auf. »Verstehe ich Euer Excellenz recht? Sie wollen das Kind jetzt nicht nehmen seiner Mutter?«

»Die Kirche ist seine wahre Mutter, seit er durch die Taufe in sie übergegangen - aber sie ist nachsichtig und mild und wird ihn seiner irdischen Mutter lassen unter einer Bedingung.«

»Welche, Signore - der Samuel Mortara will opfern sein halbes Vermögen - ja ich will geben Alles was ich besitze und anfangen wieder von vorn!«

»Die Kirche will Ihr Gold und Gut nicht. Ich stelle Ihnen eine andere Bedingung.«

»Welche, Signor Conte[Conde] - reden Sie!«

»Man weiß, daß Sie Verbindungen in Ihrem Geschäft mit den verschiedenen politischen Parteien unterhalten und daß merkwürdiger Weise alle Ihnen, dem Juden, ein großes Vertrauen schenken.«

»Ich habe mein Lebelang gehandelt als ein rechtlicher Mann, Signor Conte[Conde], und niemals ein Vertrauen gemißbraucht, das ist das Geheimniß.«

»Wir wollen die kleinen Geheimnisse Ihres Handels nicht. Aber man weiß sehr wohl in Rom, wie in Modena und Florenz, daß Ihr Volk durch die Geldmittel und die Schlauheit, welche es besitzt, einen sehr bedeutenden Einfluß auf die revolutionairen Bewegungen übt, welche das unglückliche Italien zerreißen und selbst die Hand an den heiligen Stuhl Sanct Peters legen. Der treulose

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Sohn der Kirche in Turin hegt das ehrgeizige Gelüst, sich zum Herrn von ganz Italien zu machen und selbst die Kirche zu berauben. Frankreichs Schutz ist ein unsicheres, von den egoistischen Plänen seines Beherrschers allein abhängiges Ding - Oesterreich ist zwar die kräftige Stütze der bestehenden Ordnung, aber es ist die Frage, ob es im Augenblick der Gefahr mächtig genug sein wird, das weltliche Gebiet des Papstes und die rechtmäßigen Fürsten Italiens zu schützen. Wie der Schakal auf seine Beute lauert diese teuflische Macht der Revolution, der Mazzinismus, das ist: der Unglauben, die Zerstörung, die Schändung des Heiligen, auf die Gelegenheit zum Umsturz und hebt wieder frech und kühn sein Haupt, wie die Meuchelmorde in Parma zeigen. Wenn er sich mit dem Ehrgeiz der Politik von Turin verbindet, wird Italien in Flammen stehen.«

»Wer kann verhindern, was ist der gewaltige Gang der Zeit! Mögen die Großen und Mächtigen geben dem Volk, wonach es dürstet und es wird küssen die Hand, die es ihm giebt. Der Fuß, der auf seinem Nacken lastet ist schwer.«

»Nicht so schwer, als das Elend, welches die Zügellosigkeit und der Unglauben bringen. Concessionen in dieser Zeit heißt dem Kinde die Brandfackel, dem Mörder den Dolch in die Hand geben. Der heilige Vater hat die Erfahrung schwer im Jahre Achtundvierzig erkauft.«

Der Jude antwortete nicht. Endlich sagte er: »Ein einzelner Mann kann nichts thun, die Sache zu ändern!«

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»O doch, Samuel. Der Einzelne kann Vieles und Großes wirken. Auch Ihr sollt dies thun!«

»Ich?«

»Ja, Samuel Mortara. Ich wiederhole Ihnen, man weiß sehr wohl, wie weitreichende Verbindungen Sie und Ihr Volk haben, und welches Ansehen und welchen Einfluß, Sie bei diesem besitzen. Sie machen für alle Parteien mit jenem Geist Ihres Volkes Geschäfte, der nur das Materielle, den Vortheil kennt, ohne für eine große, erhabene Idee zu leben. Sie wissen sehr gut, was vorgeht. Sie haben hundert Gelegenheiten, in die Pläne dieser fluchwürdigen verbrecherischen Gesellschaft einen Einblick zu thun. Sie werden uns daher von allem Wichtigen, was Ihnen vorkommt, in Kenntniß setzen. Wir haben zwar der treuen und edlen Freunde genug, aber in einer so entarteten und drohenden Zeit wie die gegenwärtige, ist es unsere Pflicht, auf alle Zeichen zu achten.«

»Wie, Signor - ich sollte werden ein Spion? ich sollte verrathen die Geheimnisse der Geschäftsfreunde, die vertraut dem Samuel Mortara? - Ich bin kein Politiker, ich schwöre Ihnen bei dem Gott Abrahams, daß ich nicht weiß, was ich sollte Ihnen entdecken - ich mache mein Geschäft und frage nicht nach der Politik!«

»Ein kluger Mann sieht viel! Sie werden es erfahren durch sich oder durch Ihre Nation, wenn dem heiligen Stuhl oder dem rechtmäßigen Fürsten Italiens neue Gefahren drohen. Auch der Stein, den die Handwerksleute verworfen, kann zum Eckstein werden - die Maus kann das Netz des Löwen zernagen, selbst ein Jude mag helfen,

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den großen und herrlichen Bau Sanct Peters zu stützen. Sie werden von Allem, was Sie erfahren, mich sofort in Kenntniß setzen!«

»Gott soll mir helfen - ich bin kein Verräther!«

»Sie werden,« fuhr der General fort, »Ihren ganzen Einfluß auf Ihr Volk aufbieten, daß es die Pläne der Verruchten und die kirchenschänderischen Absichten des Kabinets von Turin nicht unterstützt.«

»Ich will Nichts haben damit zu schaffen! ich bin ein armer Mann, der Nichts kann thun!«

»Sonst ...«

Der Juwelier sah ihn flehend an - er hob die Hände zu ihm auf. »Excellenza - haben Sie Mitleid mit einem Greis!«

»Der Knabe Edgard Mortara mag bei seinen Eltern bleiben - so lange, wie Sie der guten Sache dienen. In dem Augenblick, wo Sie es wagen, ihr untreu zu sein, sei es durch Unterstützung jener frevelhaften Revolution mit Ihren Mitteln, sei es durch Verschweigung wichtiger Nachrichten, wird die Kirche ihr Eigenthum fordern.«

»Barmherzigkeit, Signor - was kann das unschuldige Kind dafür, daß sich streiten die Mächtigen der Erde! Ich will bleiben ein ehrlicher Mann - ich kann nicht sein ein Spion!«

»Dann, Samuel Mortara, wird morgen das geistliche Gericht in Bologna Ihren Neffen holen. Die Aussage der Amme genügt.«

»Soll ich fahren mit Schmach und Leid in die Grube, wie mein Vater? Es ist das letzte Reis, auf dem steht

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unsere Hoffnung - ich will thun was ich kann, wenn Sie mir geloben zu lassen das Kind bei dem Glauben seiner Väter!«

»Der Knabe hat die Segnung der Taufe empfangen - aber die heilige Kirche kann Nachsicht und Duldung üben, wenn es sich um wichtige Zwecke handelt. Er wird einer der erhabenen Märtyrer sein für die Kirche!«

Der Jude warf einen raschen Blick empor.

»Ich will meinem Bruder ersparen das Herzeleid - das Weib, das treulos gehandelt am Kinde ihres Herrn, könnte verrathen in unbewachter Stunde, was ist geschehn. Die Anna Morisi mag bleiben bei ihrer Tochter in Mantua.«

»Die Anna Morisi,« sagte der Graf kalt, »tritt morgen in das Kloster der grauen Schwestern zu Modena.«

Der Juwelier kniff die schmalen Lippen zusammen. Mit der Schlauheit seines Volkes hatte er, bei dem Gedanken, Zeit zu gewinnen, sofort in seinem Geiste allerlei Pläne gebildet, den Knaben und seine Familie aus der Nähe und der Macht der päpstlichen Gerichte entfernen zu können. War auch der Einfluß der geistlichen Entscheidungen selbst außerhalb des Kirchenstaats in den katholischen Ländern groß, so konnte man doch auf österreichischem Gebiet nicht wagen, so ohne Weiteres und ohne Dazwischentreten der weltlichen Gerichte zu verfahren. Im Nothfall fand die Familie in Sardinien gewiß Schutz und Sicherheit, wenn sie Italien nicht ganz verlassen wollte.

Diese Gedanken beruhigten ihn einigermaßen. Er wußte sehr wohl, wie bestechlich die Obrigkeiten des

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Kirchenstaats zum größten Theil waren und wie leicht ihre Aufsicht einzuschläfern sei.

»Ich will thun, was steht in meinen Kräften, Signor Conde,« sagte er demüthig. »Sie werden nicht verlangen, daß ich thue das Unmögliche, - daß ich verrathe, was ich nicht weiß! der Knabe wird bleiben bei seinen Eltern, bis ich ihn nehme in mein Geschäft, da er wird sein meine Stütze und mein Erbe.«

Er hob seine Augen beobachtend zu dem Gegner, aber er fuhr unwillkürlich zusammen vor dem durchdringenden Blick, der auf ihm lag und der alle seine Geheimnisse zu errathen schien.

»Der Knabe Edgardo,« sagte der General kalt, »wird in Bologna bleiben. Es ist dort Jemand, der sich für ihn und die Bedingung, unter welcher er seiner Familie belassen wird, besonders interessirt und der die Macht hat, bemerken Sie das wohl Signor Mortara, über ihn zu wachen und ihn zu bewahren vor seinen Feinden und - seinen Freunden!«

Der Juwelier sah ihn fragend an.

»Sie wollen wissen, wer dieser mächtige Beschützer ist?«

»Wenn es Ihnen gefällig wäre, Signor Conde? Man kennt gern, wie Sie so eben sagten, seine Feinde und seine Freunde!«

»Sehr gern. Es ist der Beichtvater der Anna Morisi!«

»Ah! ...« Der Wechsler machte eine ziemlich geringachtende Geberde.

» ... und heißt: Pater Antonio - der Superior des Profeßhauses der Gesellschaft Jesu zu Bologna.«

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Der Jude sank in sich zusammen auf das alte Kanapee, auf das ihn der Mörder vorhin geworfen und barg sein Gesicht in den magern Händen. Als er nach einer langen Weile das bleiche gefurchte Antlitz erhob, war der Graf verschwunden.



Die Lampe warf einen matten erlöschenden Schein, - durch die Spalten des mit starken Eisengittern von Außen und mit festen Laden im Innern verwahrten einzigen Fensters, welches das Gemach enthielt, dämmerten die ersten Spuren des Tages.

Der alte Mann saß noch immer vor seinen Arbeitstisch, den Kopf in die Hand gestützt - nicht einmal, daß er die längst getrockneten Spuren des Bluts von den Schlägen und Kratzwunden des Verräthers von seiner Stirn gewischt.

Ein leises Murmeln klang durch das Gemach wie das Rauschen einer Quelle - es war die Stimme des alten Wechslers, die jene traurigen Verse Hiobs murmelte, mit denen er sich gegen seinen Gott auflehnt.


    Meine Seele verdrießt mein Leben; ich will meine Klage bei mir gehen lassen und reden von der Betrübniß meiner Seele.

    Und zu Gott sagen: verdamme mich nicht, laß mich wissen, warum Du mit mir haderst?

    Gefällt Dir es, daß Du Gewalt thust und mich verwirfst, den Deine Hände gemacht haben, und machst der Gottlosen Vornehmen zu Ehren?

    Ich begehre nicht mehr zu leben. Höre auf von mir, denn meine Tage sind vergeblich gewesen.

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Große Thränen rollten über die hagern Wangen des Mannes und seine Hände bedeckten das Gesicht.

»Der Engel der Finsterniß ist gekommen über mein Haus und verzehrt meine Eingeweide. Herr, Herr! was habe ich gethan, daß Du mich prüfest so hart! Das Kind meiner Hoffnung soll werden der Verachtetste unter den Christen und der Mann, auf den ich baute fast dreißig Jahre, der gegessen mein Brod und getrunken mein Vertrauen, ist geworden zum Dieb und zum Verräther an Dem, der ihm wohlgethan, um schnöden Gewinnstes willen. Der Feind meines Hauses hat gesiegt und ich bin geworden der Spott meiner Feinde, daß ich sein muß ein Werkzeug in ihrer Hand, zu kämpfen gegen die Befreiung meines eigenen Volks. Der Tag des Unglücks war groß! Man hat mir gestohlen den kostbaren Stein bei dem russischen Knees und ich weiß nicht, ob er aufstehn wird vom Krankenlager, um mir zu ersetzen den Schaden. Die Hoffnung meines Alters ist dahin, oder ich muß opfern die Rechtschaffenheit eines langen Lebens und das Gewissen. Israel ist erlegen und seine Feinde sind im Triumph! Warum hat der Herr das gethan mit seinem Gerechten?«

Und als er in verzweifelndem Vorwurf nach Oben blickte, antwortete plötzlich eine klare und männliche Stimme vom Eingang her mit den Versen desselben Propheten, dessen Klagen er vorhin gegen den Himmel gerichtet:


    »Hüte Dich und kehre Dich nicht zum Unrecht, wie Du denn vor Elend angefangen hast.

    Siehe, Gott ist zu hoch in seiner Kraft. Wer will

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    über ihn heimsuchen seinen Weg? Und wer will zu ihm sagen, Du thust Unrecht?

    Gedenke, daß Du sein Werk nicht wissest. Er deckt den Blitz wie mit Händen und heißet es doch wieder kommen.«

Der Wechsler sah sich erstaunt um, in die Thür des Gemachs war der Erzieher des jungen Prinzen, der Secretair der Fürstin getreten, der ihn vor wenigen Stunden vor einem plötzlichen Tode bewahrt hatte.

»Verzeihen Sie, Herr Mortara,« sagte derselbe freundlich, »daß ich mich nochmals bei Ihnen eindränge, aber ich sah, daß eine Wache im Hause zurückgeblieben ist zu Ihrem Schutz, und man eintreten konnte. Ich wollte mich nur überzeugen, ob Sie von dem Unfall sich erholt haben, bevor ich abreise, und zugleich die Waffe holen, die ich in der Aufregung dieser Nacht zurückgelassen.«

Er nahm den Revolver von der Stelle, an der er ihn hatte fallen lassen, und die noch getränkt war von dem Blut des verwundeten Räubers.

Der Wechsler reichte ihm die Rechte.

»Ich bin Ihnen Dank schuldig, Signor,« sagte er, »und doch möchte ich wünschen, Sie hätten mich lassen enden unter der Hand der Räuber und Mörder. Was thu' ich mit dem Leben, wenn gewichen ist das Vertrauen auf Gott und die Menschen, und die Ungerechten singen über den Gerechten! Fluch ihnen, die genommen mein Bestes und zerreißen meine Seele!«

»Ich kenne Ihren Kummer nicht, Signor Mortara, und darf mich nicht eindrängen in Ihren Schmerz. Aber ich wiederhole Ihnen »Wer will zu Ihm sagen, Du thust

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Unrecht!« Er läßt seine Sonne aufgehen über Gute und Böse, und sein Gericht bleibt nicht aus über Alle, die ihren Brüdern Böses gethan!«

»Sie gehören zu Jenen, denen es leicht wird, zu trösten,« sagte der alte Mann nicht ohne Bitterkeit. »Sie sind ein Christ!«

»Es giebt Schlechte und Gute unter allen Nationen und unter allen Religionen - Sie haben es selbst erfahren diese Nacht. Warum wollen Sie die Christen mehr anklagen, als die Juden? Manche schwere Schuld mag an Beiden haften, aber unsere Religion ist die der Liebe, und welcher Haß und Kampf auch in allen Parteien und allen Richtungen toben mag, in Kirche, Gesellschaft und Staat, welche schlimmen Thaten auch im Sturm der Leidenschaften und des Egoismus vollführt werden mögen - die Rechtschaffenheit der Herzen steht über allen Parteien und wer sich diese bewahrt, kann muthig dem Kampf des Lebens entgegentreten; - seine bittern Erfahrungen und Leiden, die Täuschung seiner Hoffnungen und Wünsche können ihn beugen, aber nie sollen sie ihn brechen.«

Der Jude hielt noch immer seine Hand und drückte sie jetzt warm.

»Sollten gelitten haben auch Sie, der Sie sind noch so jung, vom Haß und Vorurtheil der Menschen?«

Der Deutsche zuckte leicht die Achseln. »Wer hat in unserer Zeit nicht seine Ideale und Träume schwinden sehen, Signor Mortara. Die starren Principien und die heißen Leidenschaften stoßen gegen einander und so manches

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Herz trägt eine tödtliche Wunde aus dem Kampf. Heut zu Tage macht man seine Erfahrungen sehr jung.«

»Wo kennen Sie her die Verse des Propheten?« frug plötzlich abbrechend der alte Mann.

»Ich bin der Sohn eines evangelischen Dorfpredigers bei Berlin, eines jener Männer, die einfach nach dem Herzen Gottes die Liebe lehren,« sagte der Secretair. »Auch ich war zum Theologen bestimmt, und hatte die Studien dafür beinahe vollendet, als die Stürme der Zeit und die Vorurtheile der Menschen mich hinaus warfen in's Leben. Ich habe das Vaterhaus nur wieder gesehen, um am Grabe des Vaters zu beten und dann wieder hinaus zu wandern in die Welt.«

»Schreiben Sie mir Ihren Namen auf dies Papier.«

Der Secretair erfüllte den Wunsch.

»Sie wollen verlassen die Stadt? - Sie werden nicht können abreisen wegen des Vorfalls von dieser Nacht!«

»Ich habe bereits mit dem Polizei-Commissair gesprochen und ihm mitgetheilt, daß, wenn meine Vernehmung nothwendig sein sollte, ich in Verona dazu bereit stehe oder auf der Villa der Fürstin.«

»Wollen Sie mir thun, Signor Meißner, noch einen Dienst?«

»Mit Vergnügen!«

»Dann vermeiden Sie zu sprechen von dem Mann, den niedergeschlagen Ihre Kraft, als er kniete auf meiner Brust.«

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»Wie, den Schurken, Ihren eigenen Diener, der Sie ermorden wollte, wollen Sie schonen?«

»Er ist entflohn und ich wünsche nicht, daß er werde verfolgt von den Richtern. Der Undank wird sein die Strafe, die ihm gönnt keine Ruhe. Auch das Gesetz Moses Signor, nicht blos die Religion der Christen, lehrt die Vergebung.«

»Dann, Signor Mortara, vergeben Sie Einer, die draußen sitzt in Thränen.«

»Von wem sprechen Sie?«

»Von dem jungen Mädchen, Ihrer Dienerin. Ich weiß nicht, durch welche Nachlässigkeit sie vielleicht den Vorfall dieser Nacht verschuldet hat, aber sie scheint mir in Wahrheit mit Liebe an Ihnen zu hängen und fürchtet, daß Sie sie fortschicken werden.«

»Das Mädchen ist gewesen bisher ehrlich und treu - sie soll bleiben auf ihrem Platz.«

»Ich danke Ihnen. Und nun Signor, leben Sie wohl, denn ich muß die Brücke von San Giorgio passiren, sobald die Thore geöffnet sind, um noch zur rechten Zeit auf den Bahnhof zu kommen. - Keinen Dank Signor Mortara,« sagte er ernst, als er sah, daß der Juwelier diesen wiederholen wollte. »Was ich gethan, war Christen- und Menschenpflicht, und wenn Sie glauben, dieser Waffe,« er zeigte ihm lächelnd den Revolver, »einige Verpflichtung schuldig zu sein, nun so zahlen Sie dieselbe, wenn die Gelegenheit sich bietet, indem Sie einem Andern beistehen, der sich in Gefahr befindet, sei er Christ oder Jude; denn ich wiederhole Ihnen, Signor Mortara, der Mensch, der

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unserer Hilfe bedarf, ist immer der Glaubensgenosse aller rechtschaffenen Herzen.«

Der alte Wechsler war aufgestanden. »Sie haben Recht, Signore - die Rechtschaffenheit ist die Religion, die verbinden soll alle Menschen. An ihr sollen sie halten, und das will ich thun. Leben Sie wohl, Signore, und erinnern Sie sich in jeder Lage des Lebens, daß in allem Leid und Kummer, die seine Seele bedrücken, der Jude Samuel Mortara wird bewahren ein dankbares Herz für den ersten Christen, der ihm gedrückt die Hand als aufrichtiger Freund und nicht um schnöden Zweckes willen. Der Gott Moses und Abrahams geleite Sie und der Messias der Christen möge Ihr Trost sein, wenn Stunden der Finsterniß über Sie kommen!«

Wenige Augenblicke darauf war der alte Wechsler wieder allein mit seinem Schmerz und seinem Kampf.



Auf dem harten Lager lag in festem ruhigen Schlaf der Gefangene.

Die Uhren der Kirchthürme schlugen - mit dem letzten Schlage erwachte der Schläfer.

Es ist eine jener merkwürdigen Thatsachen, welche die Macht des Willens im menschlichen Geist über Zeit, Raum und körperliche Schwäche constatirt - daß dieser vorher gefaßte Entschluß uns zur bestimmten Stunde, ja Minute, aufwachen lassen kann.

Der Gefangene lauschte, ohne sich zu erheben, nach der Thür. Schwankende, schläfrige Schritte schlürften

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heran, der Schlüssel drehte sich im Schloß, die Thür öffnete sich ein wenig - der Kopf des Aufsehers streckte sich herein.

Zwischen den rauhen Stößen des Windes, der sich an dem mächtigen Gemäuer brach, hörte man die regelmäßigen schnarchenden Athemzüge eines Schlummernden.

»Alles gut!« murmelte der Aufseher. »Lassen wir ihn schlafen - er ahnt nicht, was ihn morgen erwartet. - Cospetto! wie der Wind heult!«

Die Thür schloß sich wieder - der Schlüssel drehte sich im Schloß.

Der Ton war noch nicht zu Ende, als die Decke von dem Lager flog und der Gefangene mit dem Sprung eines Panthers lauschend sich an der Thür befand, das Ohr zum Schlüsselloch niedergebeugt.

Die schlürfenden Schritte entfernten sich - einige Worte mit der Schildwache, welche am Ende des kurzen Corridors an der Mauer lehnte, - dann das Einklappen einer Thür.

Vor sechs Uhr Morgens hatte der Gefangene keine Störung mehr zu fürchten.

Aber die Zeit war so kurz, daß kein Augenblick zu versäumen war.

Der Verschwörer hatte sich längst gewöhnt, im Dunkel zu sehen und jeden Gegenstand zu finden. Er holte seine Strickleiter, oder vielmehr das Seil hervor, das er gefertigt, zerriß die Decke, die noch übrig war, und knüpfte sie daran.

Dann zog er die Kleider an, deren er sich bedienen

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wollte, steckte die beiden übrigen Apfelsinen in die Tasche, band seine Manuscripte, ein Paar andere Kleidungsstücke und Bücher, die ihm lieb geworden, an das Ende des Strickes und schob seinen Tisch leise an das Fenster. Auf diesem stehend hob er die abgefeilten Gitterstäbe aus, befestigte das Ende seines Seiles an einem der stehen gebliebenen und prüfte nochmals seine Festigkeit.

Vorsichtig wurde jetzt das äußere Drahtgitter durchschnitten. Die Uhren schlugen Zwei, als er mit allen Vorbereitungen zu Ende war.

Er warf noch einen kurzen Blick in das Zimmer zurück, dann ließ er sein Seil an der äußeren Mauer hinabgleiten.

Er lauschte!

Nichts regte sich als der Wind, der knarrend die Wetterfahne drehte und in den Ecken des Mauerwerks sich fing.

Die Beine voran, die Hände auf die Gitterstangen stützend, begann er sich durch die enge äußere Oeffnung zu drängen. Sie war so schmal, daß er nur mit Mühe sich durchwand und Stücke seiner Kleidung und seiner Haut daran hängen blieben.

Jetzt war er draußen - die gehobene Brust athmete zum ersten Mal wieder die Luft der Freiheit, einer Freiheit, die allein auf die Kraft seiner Arme basirte, in einer Höhe von 104 Fuß in freier Luft, und unter ihm der Abgrund.

Ohne hinabzusehen, begann er langsam das gefährliche Niedersteigen.

Der heftige Wind schaukelte ihn an seiner schwanken

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Leiter hin und her und warf ihn häufig mit einer Gewalt gegen die Mauer, daß ihm die Sinne zu vergehen drohten. Von Strecke zu Strecke hatte er Knoten in seinem Seil angebracht oder einzelne Gegenstände eingeknotet - sie waren sein einziger Halt. Er wagte nicht einmal an dem Seile entlang zu rutschen, denn er fürchtete, durch den heftigeren Ruck an den Knoten, es zu zerreißen. So mußte er allein auf die Kraft seiner Muskeln vertrauen und Griff um Griff, während die Füße gegen die Mauer gestemmt waren, wobei ihm der verrenkte Knöchel die bittersten Schmerzen bereitete, sich hinunter arbeiten.

Oft verloren seine Füße den Haltpunkt und er wurde dann vom Wind und der Drehung des Seils rundum gewirbelt, bis es ihm mühsam wieder gelang, sich fest zu stemmen.

Aber diese Muskeln - ohnehin nicht durch die Uebungen des Turnens gekräftigt, und allein von der furchtbaren Willenskraft des Mannes gestählt, - begannen mit jedem Schritt weiter in den gähnenden Abgrund zu erschlaffen, und endlich den Dienst zu versagen. Unter ihm gähnte schauerlich und dunkel die Tiefe und obschon er sich möglichst durch geschickte Erkundigungen über deren Beschaffenheit versichert hatte, waren die Nachrichten doch so unvollständig und das, was unter ihm lag, so zweifelhaft, daß in der That ein ehernes Herz dazu gehörte, den Muth nicht zu verlieren.

Er befand sich jetzt bereits 84 Fuß unter seiner Zelle, als der Schmerz, den die Spannung seiner Muskeln ihm

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verursachte, so heftig wurde, daß er ihn nicht mehr zu ertragen vermochte.

Er sandte einen verzweifelnden Blick hinaus in das Dunkel, als er unter sich einen Karnies der Mauer fühlte, der ihm einen Stützpunkt für seine Füße zu geben schien.

Erfreut setzte er diese darauf, aber in demselben Augenblick glitt ihm der Strick durch die Hand, die versäumt hatte, ihn fest zu halten, und der Versuch, ihn auf's Neue zu fassen, war vergeblich.

Der Vorsprung der Mauer war zu eng, um sich darauf zu halten. Es war das Werk einer Secunde, einen Entschluß zu fassen - ein Blick unter sich machte ihn glauben, daß der Boden nur etwa noch 6 Fuß entfernt sei, und er ließ sich hinabfallen.

Aber der Fall dauerte länger, als er berechnet hatte. Er war wenigstens noch zwanzig Fuß von dem Grunde ab gewesen und der Anprall, mit dem er auffiel, so heftig, daß er das Bewußtsein verlor.

Als der kühne Flüchtling wieder zu sich kam, fühlte er einen stechenden Schmerz im Knie und rechten Bein, und glaubte Anfangs, daß er es gebrochen habe. Er führte eine der mitgenommenen Apfelsinen an seine Lippen, und der Saft, den er sog, erfrischte ihn so weit, daß er sich durch Bewegungen überzeugen konnte, es sei wenigstens kein Knochen gebrochen. Unter gräßlichen Schmerzen gelang es ihm, das Hemd, die Strümpfe und Beinkleider zu wechseln, die von den Gitterstäben des Kerkerfensters zerrissen waren. Die Kleider und Apfelsinenschaalen blieben an der Mauer liegen und bezeichneten am Morgen

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den Ort seines Entkommens. Er blickte an den massiven Wänden des Thurms in die Höhe und sein muthiges Herz krampfte unwillkürlich zusammen, als sich der gefährliche Weg, den er zurückgelegt, dunkel vom dunklen Nachthimmel abhob.

Er lauschte nach dem Geräusch der Schildwachen auf den Wällen, aber das schlechte Wetter und der kalte Wind, der über den See strich, hatte sie in ihre Schilderhäuser zurück getrieben und es war Nichts von ihnen zu hören und zu sehen.

Auf Händen und Füßen kroch er mit möglichst wenig Geräusch in dem Graben weiter. Die Wände desselben waren zu glatt und steil, um sie zu erklimmen, auch die Gefahr zu groß, hier den Schildwachen in die Hände zu fallen.

Ebenso wenig durfte er nach der Vorstadt selbst sich wenden - er konnte sie nicht verlassen, ohne bemerkt zu werden.

Der einzige Weg der Rettung war der See und die Stadt selbst. Um dahin zu gelangen, mußte er aber die Brücke von San Giorgio passiren, und diese wurde um 5 Uhr geöffnet.

Um zur Brücke zu gelangen, mußte er den Lauf des Grabens verfolgen bis zur Mündung, durch welche das Wasser des Sees eingelassen werden kann. Diese Mündung aber war so voll Koth und Schlamm, daß er sich nicht hinein getrauen konnte, ohne die größte Gefahr, zu versinken. Sonst aber war jeder Ausgang verschlossen - es war also unmöglich, bis in das Röhricht zu gelangen,

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um sich dort versteckt zu halten und den glücklichen Schlag der fünften Stunde abzuwarten, der die Brückenthore für den freien Verkehr öffnete.

Gezwungen, umzukehren, versuchte es der Flüchtling vergebens, einen der Bogen, unter welchen er weggekrochen, zu erklimmen; der Schmerz im Fuße ließ es nicht zu und er fiel kraftlos wieder in den Graben zurück.

Wieder und wieder mit aller Anstrengung seiner Nerven, mit den Nägeln sich in das Gemäuer bohrend, wiederholte er den Versuch - die Verzweiflung verdoppelte seine Kräfte; aber kaum hatte er sich einige Fuß emporgearbeitet, als er an dem feuchten, glatten Mauerwerk wieder zurücksank. Mit unsäglichen Mühen und Gefahren dem Kerker, dem sichern Tode entronnen, so nahe der Freiheit, der Rettung, mußte er hier an dem elenden Hinderniß scheitern!

Eine dumpfe Gleichgültigkeit bemächtigte sich seiner, der Unglückliche gab alle Hoffnung, ja selbst das Verlangen nach Rettung auf. Die Natur selbst erbarmte sich seiner Verzweiflung und von Müdigkeit und Erschöpfung überwältigt schlief er ein. -


Der Morgen graute, als er nach einer Stunde vom Frost geschüttelt wieder erwachte - der kalte Thau und der Wind vom See her hatten seine Glieder fast steif und bewegungslos gemacht; dennoch hatte der kurze Schlaf dazu gedient, seine Energie auf's Neue zu wecken. Er erwärmte seine Glieder, indem er seine Arme um sich schlug und schleppte sich, so gut es ging, möglichst nahe an die Brücke. Er begriff, daß er in seiner Noth Nichts

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mehr aus eigner Kraft für sich thun könne; seine letzte Hoffnung stellte er auf irgend eine mildherzige Seele, die über die Brücke kommen und ihm Hilfe gewähren würde. Freilich wagte er viel dabei; denn wie viel wahrscheinlicher war es, daß er unter Denen, an die er sich wandte, auf einen Denuncianten traf.

Aber wenn das nicht der Fall, wenn das Glück ihm wohl wollte und er nur der ersten Verfolgung entgehen konnte, so wußte er, daß er Freunde und Hilfe genug in Mantua traf. Zunächst die Frau, die mit ihm an einer Brust gelegen und den Wechsler Mortara, der - ohne sich selbst zu compromittiren - doch ihm die Mittel der Flucht hatte zukommen lassen.

Mit dem Glockenschlag 5 Uhr wurden die Brückenthore an der Seite der Stadt und der Vorstadt geöffnet, damit der Verkehr nach dem Bahnhof beginnen könne.

Der Erste, den der Flüchtling über die Brücke gehen sah, war eine kleine, in Röcke und Tücher zur Unkenntlichkeit verhüllte Gestalt. Der Mann schien, auf die Oeffnung des Festungsthores gewartet zu haben, denn er eilte, so rasch er konnte, über die Brücke und sah sich häufig um, als fürchte er, verfolgt zu werden.

»Wenn Sie ein Christ sind, helfen Sie mir aus diesem Graben,« erklang plötzlich eine Stimme neben ihm aus der Tiefe. »Ich bin in der vergangenen Nacht in der Trunkenheit hier hinein gefallen.«

Der Kleine hielt zögernd an. Als er sich über das Brückengeländer hinab beugte, konnte man trotz der

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Umhüllung sehen, daß er verwachsen war und einen starken Buckel hatte.

»Ich kann mich nicht aufhalten mit jedem Trunkenbold,« sagte er barsch. »Sie müssen sehn, wie Sie herauskommen aus dem Graben.«

»Bei der gemeinsamen Mutter, die uns geboren, bei der Freiheit Italiens von allen Banden,« klang die Stimme entschlossen - »es ist Ihre Pflicht, mir zu helfen!«

Bei diesen Worten blieb der Kleine stehen und sah aufmerksamer hinab in den Graben. Ein Blick genügte ihm, sich zu überzeugen, daß der Verdacht, der ihm durch den Kopf gefahren, begründet sein mußte.

»Sie sind Signor Orsini,« flüsterte er sich verbergend hinunter - »Sie sind entflohen aus San Giorgio!«

»Still! verrathen Sie mich nicht! wer sind Sie, daß Sie mich kennen?«

Abraham, - denn es war der kleine Jude, der sich auf der Flucht befand - hielt es nicht für nöthig, weitere Erklärungen zu geben. Er überlegte rasch, wie weit ihm eine Denunciation des Flüchtigen nützen könne, aber er fand, daß er dabei seine eigne Person zu sehr in Gefahr setzeen würde, die es ihm jetzt galt, möglichst schnell in Sicherheit zu bringen.

Konnte er dagegen seinem bisherigen Herrn die Sache zuschieben, so hatte dieser genug damit zu thun und compromittirte sich den Behörden gegenüber. Daß er dem Unglücklichen, Verfolgten nicht seinen Beistand verweigern würde, wußte der Bucklige recht gut. Auf jeden Fall hatte

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er so ein neues Mittel gegen seinen Herrn in der Hand, wenn dieser als Ankläger gegen ihn auftreten sollte.

Diese Ueberlegungen flogen ihm rasch durch den Kopf. Er band einen Strick los, den er unter seinem Rock um den Leib gewickelt trug, und warf ihn dem Flüchtling zu.

»Ich kann Nichts thun für Euch, Signore,« sagte er hastig - »vielleicht hilft Euch der Strick aus der Grube heraus. Wenn Ihr entkommt, werdet Ihr gut thun, Euch zu wenden an den Wechsler Mortara am Platz von San Barbara. Eure Milchschwester, die Anna Morisi, die Euch geschickt die Sägen in den Orangen, wohnt bei ihm, und die Frau aus Zürich hat ihm gegeben Geld für Euch. Er wird Euch helfen aus der Macht der Philister.«

Damit rannte der Bucklige davon. -

Ihm folgten zwei Bürgersleute. Orsini wiederholte seine Bitte.

»Povero Signore,« antworteten sie - »wir würden uns nur in Ungelegenheiten bringen, wenn wir Ihnen auch heraushelfen wollten, ohne Ihre Lage zu verbessern.«

Andere blieben stehen, und dreister als Jene, faßten sie das Ende des Strickes, den der Entflohene ihnen zuwarf. Schon schickten sie sich an, ihn heraufzuziehen, als sie Schritte neuer Ankömmlinge hören, die Flucht ergreifen und den Unglücklichen wieder zurückfallen lassen.

Eine halb unterdrückte Verwünschung über die Feigheit drang aus dem Graben.

Ein Mann kam von der Stadt her über die Brücke.

Orsini wiederholte seine Bitte. »Werfen Sie mir den

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Strick den Sie da haben, zu,« sagte der Fremde augenblicklich. »Ich werde versuchen, Ihnen zu helfen.«

Der Accent seines Italienischen war unverkennbar. Der Verschwörer zauderte einen Augenblick. »Ein Deutscher!« murmelte er - »er wird mich verrathen!«

Der Secretair und Hauslehrer der Fürstin Trubetzkoi - denn dieser war es, der sich nach dem Bahnhof der Borgo San Giorgio begab, um die Vorbereitungen zu ihrer Abreise zu treffen, - lehnte sich über die Brüstung.

»Ich sehe recht gut,« sagte er freundlich, »daß Sie aus einer anderen Ursache sich in der gefährlichen Lage befinden. Aber vertrauen Sie mir immerhin, wenn ich auch nicht Ihr Landsmann bin. Ich werde thun, was in meinen Kräften steht.«

Der Flüchtling warf ihm jetzt den Strick zu. Meißner ergriff das Ende und versuchte mit Aufbietung aller Kraft, den Unglücklichen allein heraufzuziehen. Aber die Last war, da dieser nur wenig helfen konnte, zu schwer für ihn. Zum Glück kam ein Bauer von der Vorstadt her; mit seiner Hilfe und der einiger anderen Personen - es war Sonntag Morgen und die Brücke daher durch Andächtige, welche die Messe in der Stadt hören wollten, belebter als sonst um diese Stunde, - gelang es, den angeblich Betrunkenen auf die Brücke zu ziehen. Es war die höchste Zeit, denn in dem Augenblick versagten ihm die Kräfte und er wäre wieder in den Graben zurückgestürzt. Es fehlte nur noch eine Viertelstunde zu sechs Uhr, der Zeit, in welcher die Gefängnißwärter ihm den Morgenbesuch machen mußten.

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Mit dem Kanonenschuß, der die Flucht eines Gefangenen verkündete, war seine Rettung unmöglich - keine der Schildwachm hätte ihn mehr passiren lassen.

Aber noch war die Brücke selbst zu überschreiten.

Der Flüchtling faßte die Hand seines ersten Retters. »Wer Sie auch sein mögen Herr, ich vertraue mich Ihnen. Sie haben recht gesehen, ich bin ein politischer Gefangener und dort« - er zeigte schaudernd nach dem Gerüst auf der Bastion, dem Galgen, an dem sein Gefährte Calvi den Tod erlitten - »dort ist das Loos, das mich erwartet, wenn ich ergriffen werde.«

»Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, wenn ich auch nichts weiter für Sie thun kann,« sagte der Deutsche. »Der Zug nach Verona geht in zehn Minuten ab und dort am Stadtthor sehe ich schon den Wagen der Fürstin, der ich den Waggon bestellen soll. Aber warten Sie - einen Augenblick!« Er wandte sich an die Umstehenden. »Ich bin ein Fremder, dem es unmöglich ist, diesem Unglücklichen zu helfen. Wenn er nicht unbehindert die Brücke passiren kann, ist er verloren. Sie sind Italiener; hat keiner von Ihnen den Muth, sich dieses Mannes weiter anzunehmen?«

Die Umstehenden zögerten, - sie mochten es längst geahnt haben, daß es sich um einen flüchtigen Gefangenen handelte, aber sie zögerten doch, sich der schweren Strafe auszusetzen, die auf der Hilfe zur Flucht stand.

Dann trat der Bauer vor, der zuerst Beistand geleistet. »Wenn der Herr hinter mir drein gehn will und wir das Thor passirt sind,« sagte er, »will ich ihm ein

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Versteck zeigen, wo keine Spürnase ihn in einem Jahre finden soll.«

Sofort, nachdem der Anfang gemacht worden, fanden sich Mehrere, die bereit waren, den Flüchtigen zu unterstützen. Ein Mann reichte ihm seine hölzerne Weinflasche, um sich zu stärken und mit dem Wein das Gesicht zu waschen - ein Anderer reinigte ihn so gut als möglich. Man warf den Strick in den See - dann gingen die Helfer voran, der Flüchtige sollte ihnen in kurzer Entfernung folgen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen.

Der Secretair wandte sich zu dem Flüchtling. »Haben Sie Geld, Signor?«

»Ich besitze dessen hinreichend - nur Eins fehlt mir - Waffen, um zu sterben, wenn man mich entdecken sollte.«

Meißner griff in seine Tasche und zog den Revolver heraus, mit dem er in der Nacht den Slowaken niedergeschossen hatte. »Nehmen Sie,« sagte er eilig »und wenn Sie einen Helfer brauchen, so senden Sie die Waffe an den Wechsler Mortara bei San Barbara und lassen Sie ihm sagen, sie habe ihm das Leben gerettet und er möge dieselbe mit seinem Beistand für Sie einlösen. Leben Sie wohl und möge Ihre Flucht gelingen.«

Der Italiener hielt ihn fest. »Ihren Namen Signor, damit ich ihn in meinem Herzen dankend bewahre!«

»Ich bin ein Deutscher,« sagte der Secretair nicht ohne Stolz, indem er sich losriß - »das mag genügen, um Sie zu erinnern, daß die Völker bestimmt sind, sich

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zu lieben und zu achten, nicht sich zu hassen und zu morden!«

Er eilte mit schnellen Schritten davon, denn der Wagen der Fürstin kam heran und er wollte vor ihm den Bahnhof erreichen.

Der Entflohene folgte mühsam in entgegengesetzter Richtung den Personen, welche ihn unterstützen wollten indem er sich häufig vorsichtig umschaute. Er hinkte, war mit Koth und Staub bedeckt und seine Hände bluteten; als er an dem Wagen der Fürstin Trubetzkoi vorüber kam, sah er in Folge der Worte seines Retters mit einem gewissen Interesse hinein.

In dem Wagen befanden sich die Fürstin, der Knabe und Tunsa-Feodora, auf dem Bock ein Diener; die andere Dienerschaft mit dem Gepäck sollte mit dem nächsten Zuge nachkommen.

»Sieh' Mama den armen Mann, er kommt gewiß von den Bergen, zu denen wir fahren. Gieb ihm Geld Feodora, damit er sich Brod kaufen kann!«

Die Fürstin winkte ihrer Begleiterin, der Bitte des Knaben zu folgen, und Tunsa warf dem Fremden ein Guldenstück zu.

Er nahm das Geldstück auf und machte, vielleicht mehr aus Zufall, als zu einem Zweck, jenes Maurerzeichen der europäischen Liga, an dem sich die Mitglieder aller Länder erkannten, indem er zwei Mal mit dem Daumen über das Kinn glitt.

Die Fürstin fuhr betroffen zurück, dann riß sie der

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Zigeunerin die ganze mit Gold reichlich versehene Börse aus der Hand und warf sie aus dem Wagen.

Die kurze Szene hatte kaum wenige Sekunden gedauert und der Wagen rollte unaufgehalten weiter.

»Gratia!« klang es hinter ihm drein. »Für Gold kauft man Eisen. Es lebe die Freiheit!«

Zehn Minuten später hatte der Flüchtling die Schildwachen passirt. Als er von ihnen nicht mehr gesehen werden konnte, holte er die Vorangegangenen ein, die ihn zu einem Versteck im Röhricht des Seeufers führten.

Sechs volle Tage und Nächte brachte er, wie er selbst in seinen Memoiren erzählt, in einem fast unzugänglichen, nur Wenigen bekannten Schlupfwinkel des Rohrdickichts zu, das sich am ganzen Ufer entlang zieht bis zur Insel Cerese und dem Außenwerk Pietole. Sein Fuß war geschwollen und die giftigen Nebel der Sümpfe machten ihn fieberkrank. Aber er war frei, entkommen den Händen seiner Kerkermeister, und alle Leiden waren Nichts gegen dies Bewußtsein. -

Die kühne Flucht machte natürlich das größte Aufsehen und die Polizei bot alles Mögliche auf, um des Flüchtlings wieder habhaft zu werden. Selbst der Raubmordsversuch an dem Wechsler Mortara trat in den Hintergrund vor diesem Fall und um so mehr, als die Verwundung des Slowaken zwar nicht tödtlich, aber doch so gefährlich war, daß längere Zeit vergehen mußte, ehe man die Untersuchung eröffnen konnte.

Aber alle Nachforschungen, Drohungen und Versprechungen der Polizei blieben fruchtlos. Unter den Vielen,

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die nach und nach um das Geheimniß wußten, fand sich kein Denunciant, ja Keiner, der aus Schwatzhaftigkeit oder Unbesonnenheit die Sache verrathen hätte.

Kinder, die am Ufer des Sees spielten Fischer, die ihn befuhren, brachten dem Gefangenen Nahrung und Umschläge für seinen Fuß. Erst nach einer vollen Woche gelang es, ihn, aus der gefährlichen Umgebung fort und, als sein Fuß nothdürftig geheilt war, nach der Schweiz zu schaffen.

Von dort gelangte er nach England, wo ihn die Propaganda mit offenen Armen aufnahm.

Mazzini hatte sein Werkzeug gefunden - die Faust den Dolch! -


Der Schwur an jenem Schreckenstag der Villa Corsini naht seiner Erfüllung! Der verhängnißvolle Spruch der Vehme der Revolution von San Pietro in Montorio unter dem Krachen der französischen Bomben ist rechtskräftig geworden - - wahre Dich, Wortbrüchiger von Rom!

In Paris feiert das neue Kaiserthum seinen größten Triumph: den Congreß!

Charlottenburg.

Sonntag Abend! - Wir führen den Leser um kurze Zeit zurück gegen das vorige Kapitel, an den Abend des 9. März.

Die Vegetation des Frühjahrs war in diesen nordischen Breiten - die Ueberschrift unsers Kapitels zeigt, daß die Scene in der halbländlichen oder schmollenden Residenz des Preußischen Königshauses nahe der Hauptstadt spielt, wo jenes unvergeßliche Königliche Paar den Todesschlaf bis zur Auferstehung ruht, - noch wenig entwickelt.

Die knospenden Blüthen deckte überdies die Nacht.

Es war zehn Uhr. Zu dieser Jahres- und Tageszeit ist der Verkehr in dieser Villeggiatura Berlins nur gering. Höchstens, daß im Türkischen Zelt bei dem freundlichen und coulanten Wirth Lindner noch ein Paar Offiziere der Compagnie Garde du Corps, oder ein verspätetes Pärchen aus Berlin sitzen.

Ueber die Hochebene des Spandauer Berges strich scharf und kalt der Wind. Die Fliedergebüsche der Senkung keimten erst in den Knospen, die Maulbeerplantage, mit der der conservative und zuverlässige Polizei-Direktor

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Maaß den Abhang zum Park bedecken will, sproßte kaum in ihren Anfängen.

Es ist etwas Eigenthümliches um die melancholischen Spree- und Havelufer. Diese langgestreckte Ebene zwischen den kahlen oder waldbedeckten Hügeln, der schmale, sich dann zu Bassins verbreitende Fluß, die starren Mauern der Festung in der sumpfigen Tiefe, weiter hin der munter melancholische Werder aus der Krebs- und Schwanenfluth aufsteigend; die Sandwand des Schildhorn, wo Jaczko der kühne Wendenfürst sich von der Ausdauer seines Rosses bewegen ließ, den alten Göttern und seinen Rechten abzuschwören; - sie haben etwas ungemein Melancholisches - noch mehr jenseits Berlin, über Cöpenick hinaus, aber auch hier in dem breiten Bassin der Havel, das sich um die Insel des Werder, diesen Streitpunkt zwischen der Berliner Naturkneiperei und der Königlichen Forstverwaltung ausbreitet.

Die Chaussee von Spandau her, - am sogenannten Bock vorbei, auf der Hochebene wanderte ein Paar, ein Mann und eine Frau, mit raschen Schritten, um Charlottenburg und womöglich noch einen der berühmten Hauderer mit den Schindmähren und der bekannten Firma »Noch eene lumpigte Person, Herr Graf!« zu erreichen.

Der Mann trug, so viel sich im Dunkel erkennen ließ, eine ziemlich schäbig gewordene bürgerliche Kleidung; die Toilette der Frau hätte bei besserem Licht eine merkwürdige Composition verrathen, denn sie war in jenem Genre überladen elegant, welches die verlorenen Geschöpfe lieben und imitiren, die das Trottoir der Friedrichsstraße

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des Abends unsicher machen, oder im Orpheum und der Musenhalle ihre Eroberungen und ihre traurige Existenz suchen.

Sie hatte das seidene Kleid hoch aufgeschürzt und trug ein Bündel in der Hand und einen Regenschirm unter dem Arm. Ihr Gesicht zeigte, wenn auch stark verlebte und angegriffene doch immer noch hübsche Züge.

Der Mann, der sehr gemüthlich neben ihr herschlenderte, eine Cigarre im Mund und die Hände in die Taschen seines langen, etwas alt und abgenutzt gewordenen Rockes gesteckt, war eine mittelgroße schwächliche Figur. Er mochte etwa achtunddreißig Jahre zählen, obschon die fahle, krankhafte Farbe seines Gesichts, die sogenannte Gefängnißfarbe, und die tiefliegenden Augen unter der niedern Stirn ihn älter erscheinen ließen. Ein etwas schief aufgesetzter Hut bedeckte das sehr kurz abgeschnittene rothblonde Haar.

Der Mann war Herr Franz Günther, ehemaliger Barrikadenkämpfer, vulgo Reactionair, vulgo Denunciant seiner früheren Freunde, und Commissionair vor Alles, und kam direkt aus dem Zuchthause zu Spandau; die Dame aber seine geliebte, trotz des kleinen Malheurs, das dem würdigen Paare passirt war, und ihres wachsenden Embonpoints noch immer sehr gefühlvolle Gattin Amanda.

Wir haben Herrn Franz Günther seit jenem Abend aus den Augen verloren, an welchem ihn bei Herrn von Hinkeldey selbst die Denunciation der Handgranaten nicht vor der Empfehlung einer Dame aus der hohen Aristokratie zu schützen vermocht hatte und er bei dem edlen Geschäft, das Kind seiner Schwester zu stehlen, zugleich mit den

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Theilnehmern des Einbruchs bei Herrn Samuel Jonas oder dem schwarzen Schmul von der Polizei war verhaftet worden.

Er war ihm freilich damals gelungen, sich der Brieftasche zu entledigen, in welcher das Eheversprechen des erschossenen Offiziers und die Anerkennung des Kindes sich befand, und man hatte bei der Visitation im Polizei-Bureau Nichts bei ihm gefunden; aber am andern Morgen wurde besagte Brieftasche vor dem Hause des Herrn Samuel Jonas durch einen ehrlichen Finder entdeckt und der Polizei ausgeliefert, und obschon der Chef derselben allerdings nicht der Kammerherrin die erbetene Gefälligkeit erweisen und das gesuchte Papier ihr aushändigen konnte, denn es fand sich keine Spur desselben in der Brieftasche vor, so hatte die Revision derselben doch vollkommen genügendes Material ergeben, um aus anderen Gründen, als da waren allerlei kleine Wuchergeschäfte und falsche Wechsels, Herrn Franz Günther trotz seiner Verdienste um die Rettung des Staates der Justiz zu übergeben, die so undankbar gewesen war, ihn nach längerer Untersuchung auf so und so viele Jahre, um mit dem Kunstausdruck zu reden, über den Berg zu spediren, das heißt in's Zuchthaus von Spandau.

Dort hatte er verschiedene Mitglieder der Gesellschaft aus der Kitzelpelle, als den blassen Ede, den Starken, Herrn Schiefmaul, den Klitscher Karl und den Goldfuchs wieder gefunden, im Laufe der Zeit auch noch einige andere Gäste des moralischen Vergnügungs-Etablissements; hatte mit ihnen die berühmte Flucht des großen Demokraten Kinkel

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durchgemacht, war am heutigen Tage seiner Haft entlassen worden und hatte seine Ehehälfte, die sich indeß in Berlin ernährt, so gut es ging, zu diesem feierlichen Akt nach Spandau entboten, - um mit ihr - Anstands halber unter dem Schutz einer gewissen Dunkelheit - seinen Wiedereinzug in Berlin zu halten.

Herr Franz Günther promenirte, wie gesagt, die Hände in den Rocktaschen, neben der, seine civilen Habseligkeiten aus dem Zuchthause tragenden Ehegattin her und schlürfte mit Wohlbehagen, den Rauch der Cigarre, ein Genuß, den die Regeln des unfreiwilligen Hôtels, aus dem er kam, ihn so lange hatten entbehren lassen.

»Du hast also Alles jethan Amande, was ik Dich in dem Briefe geschrieben, den der Goldfuchs Dich vor einem halben Jahre jebracht hat, als er entlassen wurde?«

»Alles, Franz!«

»Und der Schuster Weber?«

»Er ist seit einem Jahre dodt, am Delarium clemens, wie man es die Doktoren nennen, jestorben.«

»Verflucht! eine dumme Jeschichte! und sein Weib?«

»Sie ist fortgezogen, gleich nach dem Tode ihres Mannes, ich konnte man nicht erfahren, wohin.«

»Und die Hauptmännin, die Berenburgen?«

»Sie soll des Glück gehabt haben, ein Asyl, wie es heißt, zu finden, so eins, wie vor unjlückliche Liebende vorkommt in die Romans, wenn sie einander durchaus nicht kriegen können. Sie befindet sich in eine milde Stiftung und sieht sehr jut aus. Du weißt, daß Herr Samuel Jonas bald nach dem Abend, wo man Dir verhaftete, das Haus in

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der Jakobsstraße verkauft hat und man erzählte damals allerlei Jeschichten in der Nachbarschaft. Aber die Berenburgen hat sich jlänzend gerechtfertigt und ihre vornehmen Freunde haben ihr nicht verlassen.«

»Aber die Tochter?«

»Sie jeht in Sammet und Seide und is alle Abende bei Kroll in's Theater und Conzert. Jott, wer es doch auch so schön haben könnte. Und ein jutes Herz hat sie noch immer, denn sie hat sich ganz des verlassenen Wurms angenommen, den sie damals bei sich hatte, zugleich mit der Amalie ihrem unglücklichen Pfande der Liebe, und des Mädchen is wie eine Prinzessin jekleidet in ihrem blauen Seidenrock mit die Volants und dem Krinolin und die weiße Bournousmantille von Gerson. Ach Franz, wenn wir doch auch ein solches liebliches Wesen vor's Herz hätten. Diese Mutterjefühle sind so rührend beschrieben!«

Herr Franz Günther warf ihr einen sehr unliebenswürdigen Seitenblick zu trotz alles Respects, den er vor ihrer Bildung hatte. »Des sollte mir fehlen - ick weeß alleene nicht, wie wir uns jetzt in anständiger Weise durchbringen werden. Mit die Notenstecherei von Bocken, die sie uns drüben jelernt, und der sonst en janz juter Mann sein soll, is es Essig, und mir die Hände an das Holzschneiden für die Löwinsöne verderben, dazu habe ich nich die jeringste Lust. Aber es wird man schon sich was finden - vorerst habe ich 43 Thlr. 5 Sgr. Ueberschuß und wir besitzen noch unsere Einrichtung. Es is nur eene verfluchte Geschichte mit des Kind.«

»Mit welchem Kind?«

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»Mit der Male ihrem!«

»Aber Du weißt ja, daß der liebe Gott es zu sich genommen. Ein so unschuldiges Geschöpf - es ist jewiß gleich en Syroph im Himmel geworden, als es der Schrank erschlagen hatte.«

»Hast Du den Leichnam jesehn?«

»Nein!«

»Na, ich ooch nich, und ich habe so meine Jedankens darüber. Die Male muß teufelswild jewesen sind, als ihr die Berenburgen den Bären ufjebunden hat. Ick wette, daß die alte Hexe das Jeld nu alleene schluckt, aber ick werde en ernstes Wort mit ihr reden, wovor bin ich Onkel?«

»Du führst immer so seltsame Reden darüber, Franz - die ich nicht recht begreife. Es ist wahr, ich weiß es noch wie heute, als die Amalie, die sonst immer so hochmüthig gegen mir jewesen, wie eine Wahnsinnige zu mir jerannt kam und mir in meinem Jram über das Unjlück, das Dir vier Tage vorher zujestoßen war, molestirte. Sie soll der Hauptmännin fast die Augen ausjekratzt haben und die Polizei mußte sich rein mengen. Gott, wie jemein! Sie soll auch die Hauptursache sein, daß die Hauptmännin in's Spittel ist, oder wie es vielmehr in der jebildeten Sprache heißt, in's Stift!«

Inhalt.

Der zweite Dezember (Schluß aus dem zweiten Band) 5

Vive l'Empereur! 80

Dritter Abschnitt.

Das Erbe des Neffen153

Ein Ball in den Tuilerien155

Das Testament Peters des Großen 260

Aus Mantua 283

Charlottenburg 473


Footnotes:

1Die Träger der Verwundeten bei der Ambulance.

2Marketenderin.

3»Fleischhacken,« auch die Fleischwaaren auf dem Butterbrod.

4L'Eugénie.

5Villafranca, I. Band, Seite 423.

6Nena Saib, II. Theil.

7Villafranca, II. Bd., Träume aus Süd und Nord.

8Die 1793 nach Zeichnungen Robespierre's vom Convent in der Mitte des Tuilerien-Wäldchens gemachte Anlage.

9Die Anekdote mit der Uhr ist Thatsache.

10Villafranca, II. Band: Träume aus dem Süden.

11Die Fürsten Dolgomky, Wjäsemsky, Labanow-Rostowsky, Gortschakoff und mehrere andere, selbst aus dem unbemittelten Adel, stammen im direkten ehelichen Mannesstamme von Rurik ab.

12Vom 16. April 1797.

13Des Autors Roman, Sebastopol.

14Ein Gefangener, der einige Monate vorher einen verunglückten Fluchtversuch gemacht hatte.

15Nicolas Fabricci, der Agent Mazzini's in Malta.

16Piern.

17Aus Rossini's »Colunnia«. Melodie und Worte waren ein Erkennungszeichen aus der Zeit, in welcher Orsini in Zürich bei Herwegh verkehrte.

18Das gleiche Verfahren hat bekanntlich bei der jetzigen polnischen Insurrektion gespielt. Wer an der Gemeinsamkeit der republikanischen Agitationen zweifelt, muß blind sein.

19Der berühmte Diamant aus Indien, zuerst im Besitz Karl des Kühnen, jetzt in dem des Kaisers von Rußland.

20Das Vaterland!




Werke von Sir John Retcliffe