FRANZ TRELLER (1839-1908): BIOGRAPHISCHE SKIZZE

Der Erfolg der Lederstrumpf-Erzählungen von James Fenimore Cooper führt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch in Deutschland zu einem Aufschwung der Abenteuerliteratur. Die erste deutsche Schriftstellergeneration kennt Amerika noch aus eigener Erfahrung - Charles Sealsfield (Karl Postl, 1793-1864), Armand (Frédéric Armand Strubberg, 1806-1889), Balduin Möllhausen (1825-1905) und natürlich Friedrich Gerstäcker (1816-1872), der u.a. Die Flusspiraten des Mississippi und Die Regulatoren von Arkansas schreibt.

Die nächste Generation verfasst ihre Erzählungen nicht mehr auf der Basis eigener Erfahrungen, sondern schöpft ihr Wissen aus anderen Werken und entsprechender Fachliteratur. Ihr erfolgreichster Vertreter ist ohne Zweifel Karl May (1842-1912), der mit seinen hauptsächlich in Amerika und dem Orient spielenden "Reise-" und "Jugenderzählungen" große Erfolge erzielen kann. Dagegen sind Zeitgenossen Karl Mays wie die Schriftstellerin Sophie Wörishöffer (1838 - 1890) oder eben auch Franz Treller weitgehend in Vergessenheit geraten.

Franz Treller wird am 15. Oktober 1839 im Haus seines Großvaters, des Schuhmachermeisters Andreas Heinrich Treller, im hessischen Kassel geboren.

Nach dem Besuch der dortigen Bürgerschule beginnt er zunächst eine Banklehre, nimmt aber gleichzeitig Schauspielunterricht bei Hofschauspieler Birnbaum. Mit achtzehn Jahren debütiert er 1857 an einem kleinen Theater unter der Leitung von Direktor Obstfelder.

Es folgen Auftritte auf Bühnen in Amsterdam und Oldenburg, bevor er 1858/59 ein Engagement in Cuxhaven erhält. Erste größerere Erfolge in Göttingen und Görlitz führen 1862/63 zu einen größeren Engagement in Bremen. Die nächsten Stationen seiner Schauspiellaufbahn sind Neustrelitz (1863/64), Oldenburg (1864-66) und Königsberg (1866-68). In diese Jahre dürfte seine erste Ehe mit der Tochter des Hamburger Theaterdirektors Hübsch fallen.

Im Jahre 1868 nimmt Franz Treller ein Angebot aus dem russischen Reich an. Er wird als erster Charakterdarsteller Mitglied des Ständischen Theaters in Riga, wo er letztendlich vierzehn Jahre verbringen wird.

Ab 1870 wirkt er an diesem Theater zudem als Regisseur, Dramaturg und in späteren Jahren sogar als stellvertretender Direktor. Um 1870 verfasst er hier seine ersten eigenen Theaterstücke. Zudem sorgt er in Riga für die erste Aufführung der Shakespearschen Königsdramen in einem geschlossenen Zyklus, wie er auch selbst häufig in Shakespearerollen zu sehen ist.

In Riga heiratet er vermutlich seine zweite Frau, Käthe von Wassilkow, mit der er eine Tochter und zwei Söhne hat.

Als das Theater von Riga kurz nach seinem fünfundzwanzigjährigen Bühnenjubiläum 1882 bei einem Brand zerstört wird, nimmt er zunächst kurze Engagements in Moskau, Stettin und Wien an, bevor er 1884 endgültig nach Kassel zurückkehrt. Nach vereinzelten Gastauftritten am Königlichen Theater in Kassel entschließt sich Treller, seinen Beruf als Schauspieler aufzugeben, bleibt dem Bühnenleben aber weiterhin verbunden.

Seinen Lebensunterhalt verdient sich Franz Treller, der sich in dieser Zeit an ersten belletristischen Arbeiten versucht, nun als Hauptschriftleiter bei der "Kasseler Allgemeinen Zeitung". Im Alter von 51 Jahren entschließt er sich 1890, endgültig den Weg eines freien Schriftstellers einzuschlagen. Zu seinem Werk zählen historische Romane und abenteuerliche Erzählungen, die sich zu einem großen Teil an ein jugendliches Publikum wenden, sowie längere und kürzere Erzählungen, die in verschiedenen Zeitungen bzw. Zeitschriften abgedruckt werden.

In vielen Erzählungen allgegenwärtig ist die besondere Betonung des Deutschtums, die vom heutigen Lesergeschmack nicht mehr nachvollzogen werden kann. Dieser aufgesetzte Patriotismus entspricht aber - vor dem Hintergrund der 1871 erfolgten deutschen Reichseinigung - ganz dem Empfinden der damaligen Zeit und ist unter den Zeitgenossen Trellers weit verbreitet. Offen zur Schau getragene nationalistische und imperialistische Tendenzen lassen sich aber auch in den Werken zeitgenössischer englischer und französischer Autoren wie Henry Rider Haggard oder Maurice Leblanc feststellen.

Besonders auffallend ist bei einigen Romanen und Erzählungen Trellers die Verbundenheit zu seiner hessischen Heimat. In den historischen Romanen aus 'Deutschlands Vorzeit' - in der Tradition des so genannten 'Professorenromans' wie Kampf um Rom von Felix Dahn - handelt es sich bei den germanischen Hauptfiguren um Angehörige des kattischen, d.h. hessischen, Stammes (Gela, Unter dem Römerhelm). Mehrfach beschäftigt er sich mit dem Schicksal bzw. den Heldentaten hessischer Soldaten, die von ihrem Landesherrn mit Subsidienverträgen an andere Länder 'vermietet' werden. Für den historischen Hintergrund greift er hier auf den Einsatz hessischer Truppen in Griechenland im Sold Venedigs gegen die Türken 1687 (Athene parthenos), die Unterdrückung der jacobitischen Rebellion in Schottland 1746 (Der lange Hennes) und die Kämpfe im nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieg 1776 (Vergessene Helden) zurück.

Das Hauptaugenmerk von Franz Treller liegt aber auf dem Gebiet der abenteuerlichen Jugenderzählungen, für die er sich Anleihen bei Schriftstellern wie James Fenimore Cooper und Friedrich Gerstäcker holt, aber auch eigene ältere Werke wie Gela und Vergessene Helden entsprechend aufbereitet. Die Protagonisten seiner Abenteuerbücher sind meist jugendliche Helden, die als Kinder verschollen oder geraubt wurden oder denen Gefahr von missgünstigen Verwandten droht - Identifikationsfiguren für die aus der gehobenen Mittelschicht bzw. dem gebildeten Bürgertum des deutschen Kaiserreichs stammenden jugendlichen Lesern.

Und hier setzt seine Verbindung zur Zeitschrift "Der Gute Kamerad" ein. Anfang 1887 hatte der Stuttgarter Verleger Wilhelm Spemann mit der Herausgabe dieser wöchentlich erscheinenden, vierzehn Seiten starken und reich illustrierten Zeitschrift für Knaben begonnen, für die er mit Karl May einen zugkräftigen Schriftsteller gewinnen konnte. Weil aber absehbar ist, dass dessen Beiträge seltener werden, blickt man sich nach neuen Autoren um und stößt dabei u.a. auf Franz Treller.

Im 6. Jahrgang von "Der Gute Kamerad" (1891/92) erscheint - vermutlich als Test - eine erste Kurzgeschichte aus seiner Feder, vom 7. bis zum 17. Jahrgang werden hier insgesamt neun seiner Jugenderzählungen als Fortsetzungsromane vorabgedruckt: Verwehte Spuren, Die Söhne Arimunts, Der König der Miamis, Das Kind der Prärie, Der Letzte vom 'Admiral', Der Sohn des Gaucho, Der Enkel der Könige, Hung-li und Der Gefangene der Aimaràs.

Diese Erzählungen erscheinen wenige Jahre nach ihrem Vorabdruck auch in Buchform, entweder in der Union Deutsche Verlagsgesellschaft, die 1890 aus dem Zusammenschluss des Verlages W. Spemann mit den Firmen H. Schönlein und Gebr. Kröner entstanden ist, oder im Verlag von Gustav Weise, beide mit Sitz in Stuttgart.

Weitere Erzählungen von Franz Treller werden vermutlich in der Tagespresse als Romanbeilagen und Fortsetzungsgeschichten abgedruckt, die mitunter erst nach dem Tod des Autors in Buchform verlegt werden. Nebenbei schreibt er weiterhin für das Theater - es entstehen mehrere Lustspiele, patriotische Stücke u.ä., die er manchmal selbst als Volksbühnenspiele in Kassel inszeniert bzw. in denen er mitunter in eigener Person auf der Bühne steht. Für Kasseler Zeitungen liefert er noch kleine Beiträge, u.a. unter dem Pseudonym K.K. die Sonntag-Nachmittag-Betrachtungen für den "Kasseler Stadtanzeiger". In diesen Aufsätzen tritt er vor allem für die Pflege des hessischen Brauchtums und der Geschichte seiner engeren Heimat ein.

Franz Treller stirbt am 28. Juni 1908 in seiner Heimatstadt Kassel, die heute noch mit einem Straßennamen an den Autor erinnert.

Seine Werke erfreuen sich bis in die 30er Jahre ungebrochener Beliebtheit. Seine sechs bekanntesten, in Nord-, Mittel- und Südamerika spielenden Romane - Verwehte Spuren, Der König der Miami, Das Kind der Prärie, Der Sohn des Gaucho, Der Enkel der Könige sowie Der Gefangene der Aimaras - erfahren sogar Auflagen bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts und erreichen zum Teil Gesamtauflagen von über hunderttausend Stück. In den letzten Jahrzehnten sind aber auch diese Veröffentlichungen vom Buchmarkt verschwunden - Franz Treller wurde zu einem 'vergessenen' Schriftsteller.

 

© 2003-2007 Gerd Pircher