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Der Waldkönig.

Eine Erzählung aus dem ErzgebirgevonKarl May.

I.Der Goliath.

Auf der hoch im Gebirge gelegenen Endstation war der aus der Kreishauptstadt kommende Zug signalisirt. Die in saubere Hausknechtskleidung gehüllten Gasthofshyänen, welche auch dieser Erdenwinkel aufzuweisen hatte, schritten, erwartungsvoll auf ihre Beute lauernd und einander mit mißgünstigen Blicken musternd, auf dem Perron auf und ab, während einige biedere Gebirgsbewohner, welche zur Begrüßung irgend eines Angehörigen zugegen waren, sich in halb scheuer Bescheidenheit unter den Eingang zurückgezogen hatten. Der einfache Sohn der Berge kann sich nur schwer an jenes sichere, zuweilen auch anspruchsvolle Auftreten gewöhnen, welches man selbst am kleinsten Halteorte zu bemerken pflegt.

Ihre Aufmerksamkeit war getheilt zwischen dem Treiben auf dem Perron und einem leichten Wagen, welcher vor dem Bahnhofe hielt. Ein derber, bausbäckiger Knecht stand vorn bei den muthigen Braunen, denen das geduldige Harren schwer zu werden schien, und am offenen Schlage lehnte eine Gestalt, welche die Aufmerksamkeit eines Vorübergehenden auf sich ziehen mußte. Sie war von wahrhaft riesigen Proportionen, die eine außergewöhnliche Körperstärke bekundeten. Der Mann ragte, wie einst Saul, um eines Kopfes Länge über alles Volk empor; seine breiten Schultern, nur von einer kurzen Tuchjacke bekleidet, der starke Nacken, welcher unverhüllt aus dem zurückgeschlagenen Hemdenkragen hervorsah, die hochgewölbte Brust, die gewaltigen Arme, welche die ganze Aermelweite ausfüllten, die kräftigen Schenkel, von einer engen Lederhose umschlossen, die sich in die weit heraufgezogenen Aufschlagestiefel verlor, sie bildeten eine beredte Warnung, mit dem Besitzer dieser Vorzüge nicht in eine feindselige Körperberührung zu kommen. Doch wurde diese Warnung bedeutend abgeschwächt durch einen Umstand, welcher zu der Furcht [d]as Mitleid gesellen mußte: Der Mann war blind. Zwei große, glanzlose Augen blickten starr unter den buschigen Brauen hervor; die ursprünglich weiße Hornhaut zeigte eine dunkle, körnige Färbung, und auch über die übrigen Gesichtstheile zog sich ein tüpfeliges Blauschwarz, welches ihm ein beinahe schreckliches Aussehen verlieh.

Einer der Bahnbeamten war unter den Eingang getreten.

„Wer ist der Herkules dort?“ frug er die Dastehenden.

„Kennt Ihr ihn net?“ lautete die Antwort. „Aber gehört habt Ihr von ihm! Es ist der Goliath aus Finsterwalde.“

„Der Goliath?“

„Ja, der Bachbauer, den sie den Goliath heiß’n, weil ihn kaan Mensch zu überwind’n vermag. Der Waldkönig hat ihm das Aug’nlicht hinweggeschoss’n.“

Der Frager warf einen theilnehmenden Blick auf den Riesen und eilte dann davon. Das schrille Heulen der herbeieilenden Lokomotive belehrte ihn, daß der erwartete Zug nahe.

Als derselbe zum Halten gebracht war, fand jeder der Harrenden seinen Gegenstand. Der Bachbauer blieb am Wagen gelehnt, aber trotz der Verunstaltung seiner Züge konnte man in ihnen die Ungeduld erkennen, mit welcher er auf die ihn umwogende Geschäftigkeit horchte.

„Kommt er noch net, Baldrian?“ frug er den Knecht.

„Hab noch Nix von ihm gesehn. Ich kenn’ ihn doch auch gar net!“

„Wirst ihn schon gleich kennen: Krauskopf, rothe Backen, Sammetrock und lackirte Stulp’nstiefel, ein roth und weiß’ Verbindungsband mit goldner Klunker auf der West’ und die grüne Student’nmütz hoch droben im Pfiff.“

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„Ja, dort steht nun einer, der ist so lang und breit wie Ihr. Krauskopf und Stulp’nstiefel, das ist richtig, aber Rock, Mütz’, Band und Klunker, das will net pass’n. Jetzt kommt er grad auf uns herbei!“

Der junge Mann, welchen Baldrian meinte, war aus einem Coupé zweiter Klasse gestiegen und hatte sich suchend auf dem Perron umgesehen. Als er dort kein bekanntes Gesicht erblickte, schritt er dem Ausgange zu und gewahrte das Geschirr, bei welchem die Beiden standen. Einen Moment lang verschärfte sich sein Blick, dann flog es wie ein heftiger Schreck über sein hübsches, jetzt tief erbleichendes Gesicht. In der nächsten Sekunde stand er vor dem Goliath.

„Vater!“

„Frieder!“

Sie lagen sich in den Armen. Aus der Innigkeit der Umarmung konnte man auf die herzliche Liebe schließen, welche die Beiden verband.

„Endlich, endlich bist Du wieder da, Frieder!“ seufzte der Bauer auf. „Ich lass’ Dich nun auch gar nimmer wieder fort. Net wahr, Du bleibst, Du böser Wandervog’l?“

„Ja, Vater! Und wenn ich Dich und die Mutter auch nicht gar so lieb hätte, ich müßte doch die Stelle des Bruders ausfüllen, der — — —“

„Laß’ gut sein jetzt, Frieder; das ist Zeit bis nachher später!“ Das Gesicht des Sprechers legte sich in düstre Falten. „Net wahr, ’hast nie gedacht, mich so zu find’n wie heut?“

„Nie! Ich kann Dir gar nicht sagen, wie es mir das Herz zerreißt, das zu sehen, was zu lesen mir schon so entsetzlich war. Gebe Gott, daß noch Hülfe für Deine lieben Augen möglich ist!“

„Nix ist mehr möglich, gar nix! Ich bin bei allen Doktor’n und Professor’n gewes’n und hab um Hülf gefleht wie ein Nestling, der zur Erd’ gefallen ist, aber umsonst. Komm, steig’ ein. Ich erzähl’ Dir die Geschicht’ unterwegs!“

„Laß mich erst den Koffer besorgen!“

Nachdem dieser von dem Knecht geholt und auf den Bock befestigt worden war, stiegen Vater und Sohn ein; die Braunen zogen an, und der Wagen rollte der nahen Landstraße zu, welche höher hinauf in das Gebirge führte.

Schweigend saßen sie neben einander. Der Bauer rang mit den finstern Regungen seines Innern, mit denen er seit seiner Erblindung so viel und so vergeblich gekämpft hatte und die sich jetzt von Neuem mit doppelter Gewalt in ihm aufbäumten, da er sich verurtheilt sah, auf den so lange entbehrten Anblick des geliebten Sohnes für immer verzichten zu müssen. Und Frieder, wie der Gebirgler sich den Namen Friedrich gern zurechtlegt, konnte kein Auge von der Zerstörung wenden, welche dem Gesichte des Vaters den einst so freundlichen und intelligenten Ausdruck geraubt hatte. Es wallte in ihm von Gefühlen, welche ihm heiß und feucht in das Auge traten und ihm die Hände ballten, als müsse er den unheilvollen Urheber solcher Leiden zwischen ihnen zermalmen. Der Betreffende wäre in einer solchen Lage nichts weniger als zu beneiden gewesen, denn Frieder besaß, wie der Knecht vorhin ganz richtig bemerkt hatte, die Natur des Vaters und war diesem an jugendlicher Gewandtheit jedenfalls noch überlegen. Zwischen den Bergen rechnet man mehr mit den physischen Kräften als auf dem städtereicheren Lande wo das geistige Vermögen den bevorzugten Faktor bildet.

„So hast’ also den Brief erhalt’n?“ frug endlich der Bauer, als der Wagen schon längst die Stadt verlassen hatte und beinahe geräuschlos zwischen den bewaldeten Höhen dahinfuhr.

„Ja, ein fürchterlicher Brief!“

„Er war kurz, aber schlimm. Ich konnt ihn net aufsetz’n, weil das Aug’nlicht net mehr vorhand’n war, und so hat ihn die Mutter auf’s Papier gesetzt, die mit der Feder niemals viel zuweg’ gebracht hat.“

„Aber warum habt Ihr mir denn nicht vorher gemeldet, daß der Bruder gestorben ist?“

„Gestorb’n? Ja, gestorb’n ist er, aber wie und woran! Ich hab Dir es net kund gethan, weil ich Dir das Leid auf welche Zeit ersparen wollt’ und weil ich ganz andre Ding’ im Kopfe trug, als Feder und Papier. Aber jetzt sollst All’s erfahr’n, jetzt mußt’ All’s wiß’n, denn jetzt bist daheim, und der Mund kann sag’n, was die Tin’t net zu erzähl’n versteht.“

Sein ausdrucksloses Auge starrte leer in die Weite; seine Lippen zitterten unter der Qual des Erlebten und doch noch nicht Ueberstandenen, und seine Hände drückten sich auf die hochgehende Brust, als wolle er den darin wüthenden Schmerz gewaltsam niederdrücken. Dann fuhr er fort:

„Vom Waldkönig hast gehört?“

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„Nein. Ich war volle fünf Jahre von der Heimath abwesend, habe die weite Welt durchstreift und diese ganze Zeit von zu Hause Nichts vernommen als die letzte Botschaft, welche mich veranlaßte, schleunigst heimzukehren.“

„So muß ich die Geschicht ganz von vorn anfangen! Du weißt von Kind her, daß vor vielen Jahr’n der Grenzmeister ’mal sein Wes’n hier in den Berg’n trieb. Er hatt’ alle Wilderer und Schmuggler unter sich, die ihn net verrieth’n, weil sie selber nicht wußt’n, wer er eigentlich war, und weil sie die Straf’ fürchteten, die er Jedem gab, den er für seinen Feind hielt. Wie Viel’ von ihm erschoss’n, erstoch’n oder aufgehängt word’n sind, das ist eigentlich gar niemals herausgekommen; es hat bei ihm weder Gnad’ noch Barmherzigkeit gegeb’n, und kam ’mal unschuldig einer in seine Händ’, so ist ihm das Aug’ geblendet word’n, damit er net im Stand’ sei, den Ort und die Personen wieder zu kennen. Nachher ist er aber doch entdeckt word’n und hat ein schmählich End’ genommen. Weißt’ noch die Geschicht’?“

„Ja. Der Schmuggel ist eine von jenen Sünden, die vom Volke durch allerhand Trugschlüsse und Spitzfindigkeiten beschönigt werden, so daß man die Pascher mit dem Heldennimbus umgiebt und vorzieht, ihnen allen möglichen Vorschub zu leisten, statt sie der wohlverdienten Strafe zu überliefern.“

„Hast Recht, Frieder, und wenn es auf mich ankäm’, so müßt’n sie All’ am Stricke hangen. Aber thu’ mir doch den Gefall’n und sprich net so vornehm wie bisher, sondern red’ die Sprach’, die wir daheim sprech’n, sonst kommst mir fremd vor, und ich weiß net, ob Du auch wirklich der Frieder bist! — Also grad wie damals mit dem Grenzmeister ist’s auch jetzt mit dem Waldkönig, nur daß dieser noch viel schlimmer ist als jener. Was jetzt in einer Woch’ über die Grenz’ geschafft wird, das ist sonst in vielen Jahr’n net hinüber und herüberkommen, und das Wild ist beinahe ganz ausgestorb’n, weil der Waldkönig es hinwegputzt, grad wie der Bauer die Flieg’n. Ganz große Schmuggelzüg’ gehn hin und her, die Leut’ sind bewaffnet bis an die Zähn’; der Grenzer, der es wagt, mit ihnen anzubind’n, ist verlor’n, und wer ihnen unglücklicher Weis’ begegnet, wird unschädlich gemacht, wie und womit, das sieh’st Du an mir.“

„Schrecklich! Und die Obrigkeit, Vater?“

„Die Obrigkeit? Die ist ganz gut und giebt sich alle Müh’, aber vergebens. Hat sie mir das Aug’ beschützt? Kann sie mir das Licht zurückgeb’n in der Finsterheit, die mich umgibt, wie das weite Meer den Mann, der am Strohhalm hängt? Wo soll man den König suchen und wie kann man ihn greifen und pack’n? Niemand weiß, wer er ist und wo er wohnt, er ist nirgends und doch überall, und seine Leut’ sind ihm unterthan und gehorsam auf’s Wort und auf den Wink. Die Förster und die Grenzer hab’n sich zusammengethan und ihm Urfehd’ geschwor’n; er lacht sie all’ mit ’nander aus. Niemand hat solche List und Stärk’ wie er; er ist der Fuchs und der Tiger zugleich; das ist der Grund, warum ihn Keiner fängt.“

„Sollt’ es wirklich Niemand geb’n, der ihm die Faust auf den Nacken legt, Vater?“ frug Frieder mit einem beinahe selbstbewußten Lächeln.

„Keinen! Die Bachbauern sind seit Menschengedenk’n ein stark Geschlecht gewes’n, und auch ich hab’ mir auf meine Kraft viel zu gut gewußt. Der Feldbauer ist der Einz’ge, der mir fast gewachsen war, und doch sind wir Beid’ unterlegen, Dein Bruder Franz und ich. Freilich weiß ich net, auf welche Weis’ sie über ihn gekommen sind, und bei mir sind es gar viel gewes’n, sonst hätt’ meine Faust sich schon Raum verschafft.“

„Wie ist’s gekommen, Vater?“

„Das war so: Der Franz hat stets gut Freundschaft gehalt’n mit dem Förster, und sie sind Beid’ sehr oft mit ’nander auf die Pürsch gegangen. Eines Nachts nun kommen sie net wieder heim, und am andern Morgen findet man sie an einen Baum gebund’n, der Eine hüb’n, der Andre drüb’n, und Jeder todt, die Kugel in der Brust. Die Erd’ und das Gestrüpp sind ringsumher zerstampft und zertreten, als hätt’ ein gewalt’ger Kampf stattgefund’n, und in der Tasch steckt bei ihnen ein Zettel, darauf steht geschrieb’n: „Zur Strafe vom Waldkönig.“ Als sie mir nachher den Franz herbeibracht’n, ist mir’s gewes’n, als ob mich einer mit der Keul’ erschlüg; ich hab’ alle Sinn’ verlor’n, mich eingeschloss’n und nix gewußt von dem, was um mich vorgegangen ist. Erst nach dem Begräbniß hat mich die Mutter wieder hervorgebracht, und ich bin hinausgegangen auf den Friedhof zu meinem Sohn, der tief unter der Erd’ gelegen hat, wo ihn mein Aug’ net erreichen konnt’. Da hab’ ich das Gelübd’ gethan, net zu ruh’n und net zu rast’n, bis der Waldkönig unter mir liegt wie der Tiger unter dem Elephant, der ihn mit einem einz’gen Tritt vernichtet und zermalmt.“

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Die letzten Worte waren pfeifend zwischen den knirschenden Zähnen hervorgestoßen, und über das Gesicht des Erzählers zuckte ein Grimm, der alle seine Glieder erbeben machte. Frieder hatte seine beiden Hände ergriffen.

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„Vater,“ rang es sich aus seiner hochgehenden Brust hervor, „grad so denk’ und fühl’ auch ich in diesem Aug’nblick, und was Dir net gelungen ist, das werd’ ich um so sich’rer erreich’n; das schwör’ ich Dir. Hier hast Du meine Hand darauf!“

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„Du — —? Geh, Bub’! Was denkst’ von Dir und ihm? Du bist der kleine Student, der mir net an die Schulter reicht und dem das Studium das Mark aus Leib und Seel’ genommen hat. Ich hab’ es nimmer gern gehabt, Dich als hochgelehrt zu sehen,

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aber Du hast gute Wort’ gegeben und die Mutter auch, und so ist Euch Euer Will’ geschehen. Jetzt nun bin ich blind, der Franz ist todt, und das Geschlecht der Bachbauerries’n stirbt aus. Ich war der Stärkst’ von All’n, drum nennt man mich den Goliath; wie

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aber wird man Dich heiß’n, Knirps?“ Trotz der nichts weniger als lustigen Stimmung des Augenblickes zuckte ein heiteres Lächeln um das Bärtchen, welches die Lippen Frieders beschattete.

„Fünf Jahr’, hast’s gehört, Vater, fünf volle Jahr’ war ich net daheim! Denkst net, daß ich in dieser Zeit ein wenig gewachs’n bin?“

„Ein wenig, ja. Aber der ächte Bachbauer wirst nie sein; der Bücherwurm hat Dir die Kraft verzehrt und die Courasch’ dazu.“

„So werd’ ich wieder stark zu Haus’; denn nun der Franz todt ist, nehm ich die Arbeit über mich. Der Bachhof steht mir höher als die Gelehrsamkeit, es ist ja meine Heimath, und die hält man hoch.“

„Frieder,“ rief der Bauer, „so hör’ ich’s gern, und Niemand wird sich mehr darüber freu’n, als wie die Mutter! Du sollst das Aug’ werd’n, mit dem ich schau, und wirst auch die Hand sein, mit der ich schaff’ und arbeit’. Hab Dank für dieses Wort!“

Ein kräftiger Händedruck, der jeden Andern zu einem Laut des Schmerzes veranlaßt hätte, besiegelte diesen Bund; dann fuhr der Vater fort:

„Es ist nachher für mich eine gar regsame Zeit gewes’n. Bei Tag hab’ ich im Hof und auf dem Feld geschafft, und bei Nacht bin ich hinaus in den Wald gegangen, den Haß im Herz’n und die Büchs’ auf der Schulter. Ich hab’ gehorcht und gelauscht vom Abend bis zum Morg’n und nix gesehn und nix erfahr’n, als daß die Nachbarn all’ die Rach’ gekannt hab’n, die in mir kochte Tag und Nacht. Nur einer hat kein Mitleid mit mir gehabt, sondern über mich gelacht und gespottet, der Feldbauer, der mein Rival gewes’n ist von Jugend auf. Er trägt es mir noch heut’ nach, daß die Mutter mich genommen hat und net ihn, und wo er es nur kann, da fügt er mir Verdruß und Kränkschaft bei. Die erste Frau hat er ins Grab geärgert, und die Zweit’, die er als Wittwe bekommen hat, wird wohl das gleiche Loos erleiden müss’n. Mich dauert nur das arme Kind, die Martha, die er so stief behandelt, weil er der Stiefvater ist, und dennoch ist sie das schönst’ und gutest’ Madel weit und breit. Sie ist trotz der Feindschaft ihres Vaters ’kommen und hat der Mutter bei der Pfleg’ geholf’n, als ich unter Schmerz und Qual darniederlag. Das werd’ ich ihr nimmer vergess’n, solang ich lebend bin, denn ihr Wort und Trost war grad so mild und lind wie die Hand, mit der sie mir das Aug’ verbund’n hat. Und ich hab’ ihn gebraucht, den Zuspruch und den Trost, denn es war, als hätt’ die Höll’ in mir gebrodelt und gekocht, viel schlimmer noch als damals, als ich das Gelübd’ am Grabe that.“

Er holte tief Athem. Die Erinnerung stürmte auf ihn ein, und es dauerte lange, ehe er wieder ruhiger zu erzählen vermochte.

„Es war in einer Mondnacht, beinah’ so hell wie der Tag, als ich drunten auf der Halde saß, wo sie vor langer Zeit den alt’n Stollen zugeschüttet hab’n. Da knackt es im Gebüsch, und als ich aufschau, steht einer vor mir, breit und stark wie der Herkules, bewaffnet bis an die Zähn’ und mit einer Larv’ vor dem Gesicht.“

„Der Waldkönig!“ ruf’ ich und spring empor, um die Büchs’ anzuleg’n. Der aber sagt kein Wort, sondern schnellt zurück, legt den Finger an den Mund und pfeift. Ich will grad losdrück’n, doch in demselben Aug’nblick werd’ ich von hint’n und von der Seit’ gefaßt und zu Boden geriss’n. Sie sind über mir wie die Wölf, um das einz’ge Roß; ich schlag um mich, soviel ich kann, schüttle sie ab und spring empor, werd’ wieder niedergeworf’n, und so geht der Kampf wohl zehn Minuten fort, bis ich endlich ermüdet bin und gefesselt werde. Es sind wohl an die zwanzig Mann, jeder mit der Mask’ vor dem Gesicht. Ein Tuch wird mir um die Aug’n gelegt und ein Knebel mit Gewalt in den Mund gesteckt, dann geht es fort, wohin, das weiß ich net. Halb getrag’n, halb gestoß’n und geschob’n werd’ ich über eine halbe Stund’ weiter gezerrt, bis es wie Strauch und Dornzeug raschelt und ich eine Trepp’ hinuntersteig’n muß. Dort ist’s feucht und kalt; ich werd’ zu Boden gelegt; und dann beginnt mit leiser Stimm’ die Verhandlung über mich. Ich hör’ nix als das letzte Wort davon:

Es ist genug, daß der Franz die Kugel bekam. Der Tod ist net so schlimm als wie das Andre und gibt auch keine größere Sicherheit. Er soll den Waldkönig net fangen, dafür wird gesorgt!“(Fortsetzung folgt.)

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Der Waldkönig.

Eine Erzählung aus dem ErzgebirgevonKarl May.

(Fortsetzung.)

Die Stimm’ kommt mir bekannt vor, obgleich sie unter der Larv’ erklingt und auch ganz nach Verstellung lautet, aber noch heut’ kann ich mir net sag’n, wo ich sie schon ’mal vernommen hab’. Ich hör’ ein Geräusch, als werd’ ein Gewehr gelad’n, und dann nimmt man mir die Bind’ vom Aug’ hinweg. Ich blick’ auf, aber da blitzt und kracht es grad vor meinem Gesicht los, und ich brech’ zusammen wie vom Blitz erschlag’n. Der Lauf war nur mit Pulver gelad’n; schau her, ich hab’ ein gut Theil davon noch heut im Aug’ und im Gesicht! Das Weit’re kannst Dir denk’n! Der Schmerz, den ich hab’, wird verlacht und verhöhnt; man faßt mich an, schleppt mich empor und schafft mich in das Dorf, wo ich endlich mit Gewalt die Fesseln herunterbring’ und dann auch den Knebel fortnehm’. Der Wächter kommt herbei und führt mich nach Haus’. — Das ist die Geschicht’, Frieder; das Andre will ich net erzähl’n. Aber wenn ich schlaf’n geh und wenn ich erwach’, so ist mein einzig Gebet, daß der liebe Gott die Gnad’ und Barmherzigkeit haben mög’, den Waldkönig mir in die Hand zu führ’n. Das Gewehr taugt nix mehr in meiner Hand, aber diese Hand, Frieder, diese Hand, wenn sie ihn erst ergriff’n hat, sie läßt net wieder los, er mag sich wind’n wie eine Schlang’ und krümmen wie ein Wurm, sie hält ihn fest und malmt ihn zusammen wie Papier, das man zerknillt und dann zur Erde wirft! Das ist mein Gebet, mein höchster Wunsch. Der Waldkönig ist mein Gedanke am Tag’ und mein Traum bei Nacht; jeder Biss’n, den ich genieß’, und jeder Schluck, den ich trink’, schmeckt nach ihm, jeder Laut, den ich vernehm’, mahnt mich an ihn, ich hab’ weder Ruh noch Rast und vermag net zu sterb’n, eh’ ich weiß, daß er den Lohn bekommen hat!“

Trotzdem der Wagen in raschem Trabe auf der Straße dahinrollte, hatte er sich in demselben erhoben. Er streckte die muskulösen Arme aus, als könne er den Todfeind jetzt mit ihnen erfassen; die Faust öffnete und ballte sich abwechselnd, ein sprechendes Bild der Zermalmung, von welcher er gesprochen hatte; seine Zähne mahlten hörbar aneinander; ihr Elfenbein blickte drohend zwischen den grimmig sich spaltenden Lippen hervor, und die Augen strebten starr aus ihren Höhlen, als wolle die leidenschaftlich angeregte Kraft des unverletzten Sehnerven den geblendeten Augapfel durchdringen, um auszublicken nach dem geheimnißvollen Dämon, der so viel Unglück verschuldet, so unversöhnlichem Hasse das Dasein und — vielleicht auch die Berechtigung gegeben hatte.

Frieder war in die Ecke zurückgesunken. Seine Glieder wurden nicht wie diejenigen des Vaters bewegt von der gewaltigen Gährung, welche auch in seinem Innern herrschte. Aber in seinen Augen glühte es wie ein eingeschlossener Brand, welcher nur der geringsten Oeffnung bedarf, um vernichtend emporzulohen, und seine Lippen preßten sich zusammen unter dem Bestreben, diese

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Flamme zurückzuhalten und hinabzuringen in die Tiefe, wo er die glühenden Wasser kochen fühlte, wie in einem Vulkane, über dessen Krater eine purpurne Aureole schwebt zum Zeichen, daß das Verderben in ihm wohne.

Dem Knechte war kein einziges Wort der Unterhaltung entgangen. Dem guten Menschen stand das Wasser in den Augen. Er wußte, was sein Herr gelitten hatte und heut noch litt; das griff ihm in das treue Herz hinein, und wie sehr er sich räusperte, wie oft er sich auch mit dem Aermel über das Gesicht fuhr, die Tropfen erneuten sich immer wieder, so daß er endlich, zwischen Aerger und Beschämung kämpfend, auf die Braunen einhieb, daß sie förmlich auf der Straße dahinflogen. An einer Stelle, wo ein Vizinalweg von der Seite her in die Chaussee mündete, drehte er sich um.

„Grad aus oder links?“

„Fahr links ab. Wir kommen näher!“ antwortete der Bauer, obgleich er den Weg nicht zu sehen vermochte. Er wußte, daß er gemeint sei, und war ihn früher selbst stets gefahren, um einen guten Bruchtheil Zeit abzuschneiden.

So ging es weiter. Der Wald lichtete sich zur offenen Haide, zwischen welcher das Geleis schmal und holperig dahinführte, und schon senkte sich der Weg bergab zum Dorfe, als Baldrian sich nochmals nach rückwärts wandte.

„Dort kommt Einer geritt’n. Es muß der Feldbauer sein!“ Er war gewohnt, dem Blinden jede Begegnung zu melden, damit dieser die Begrüßung nicht verfehle.

Der Reiter, welchen er meinte, kam ihnen in scharfem Trabe entgegen. Es war eine breite, nicht zu hohe aber massive Gestalt, an welcher der nicht mehr zu junge Schimmel gerade genug zu tragen hatte. Grad vor ihnen parirte er mitten auf dem Wege das Pferd, so daß auch Baldrian zum Halten gezwungen war.

„Holla, wer ist denn das? Das ist ja der Goliath mit dem Student’n, der in die weite Welt ’gangen ist, weil ihn zu Haus’ Niemand gern leid’n mag! Fahrt seitwärts ab, damit anständ’ge Leut’ vorüber können!“

„Ihr könnt uns eher ausweich’n als wir Euch, Feldbauer,“ meinte der Knecht. „Reitet ab!“

„Ich Euch, Grünschnabel? Fällt mir gar net ein! Marsch auf die Seit’, sonst helf ich nach!“

Als Baldrian keine Miene machte, dem Gebote zu folgen, bekam der Schimmel die Sporen, der Reiter hielt im nächsten Augenblicke neben dem Wagen und zog dem Knechte mit der Peitsche einen kräftigen Hieb über das Gesicht herüber.

„So, Hallunk’, da hast’ was Du brauchst, um ein ander Mal zu wiss’n, wer Meister ist, Du oder ich!“

„Was ist das, Feldbauer?“ frug da der Blinde. „Du wagst es, mein Gesind’ zu schlag’n! Könnt’ ich noch sehn, so wollt’ ich Dich schon heimleucht’n!“

„Du mir heimleucht’n? Denkst’ vielleicht, ich fürcht’ mich vor Dir? Da, hast’ den Hieb grad auch so wie der Knecht!“

Er holte aus zum Schlage, kam aber nicht dazu. Mit einem gedankenschnellen Sprunge war Frieder aus dem Wagen und griff dem Schimmel in die Nüstern, daß er vorn emporstieg und zwar so kerzengrad, daß der Reiter zu Boden fiel. Sofort kniete der junge Mann auf diesem, entriß ihm die Peitsche und bearbeitete ihn mit derselben scheinbar so mühelos, als habe er einen Schulknaben unter sich liegen.

„Frieder, Frieder, was machst’?“ rief der Blinde angstvoll, welcher nicht anders glaubte, als daß die so hörbaren Schläge dem Sohne gälten.

„Ich lehr’ ihn Achtung vor den Bachbauern, Vater. Hab’ keine Sorge um mich!“

Der Feldbauer strengte seine ganze Kraft an, sich emporzubäumen und den Gegner abzuwerfen; es gelang ihm nicht. Die thatendurstige Erbitterung, welche die Erzählung des Vaters in dem Herzen Frieders hervorgerufen hatte, war durch die diesem gewordene Beleidigung zum Ausbruche getrieben worden. Der Jüngling hielt die Arme des Feindes unter den Knieen fest, drückte ihm mit der Linken die Kehle wie zwischen einem Schraubstocke zusammen und ließ mit den unaufhörlich niedersausenden Peitschenhieben nicht eher nach, als bis er fühlte, daß die Widerstandskraft des Feldbauern vollständig erlahmt sei.

„So, da hast genug und bist gezeichnet für lange Zeit! Ich will Dich lehr’n, den Knecht zu schlag’n und den Vater zu schimpfir’n. Die Peitsch’ nehm ich mit zum Zeich’n, daß der Student, den Niemand leid’n mag, weit über den Feldbauer kommt, der der Liebling ist vom ganz’n Dorf. Willst’ sie wieder hab’n, so kannst’ sie vom Bachhof hol’n, nachher sollst’ sie bekommen, aber anders net!“

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Er gab dem Schimmel einen Schlag, daß dieser laut wiehernd das Weite suchte, und sprang, ohne den Ueberwundenen eines weiteren Blickes zu würdigen, schnell in den Wagen, der seinen Weg unverzüglich fortsetzte.

„Frieder!“ stieß der Blinde voller Erstaunen hervor.

„Wunderst Dich wohl, Vater? Der Feldbauer mag Dir beinah’ gewachs’n sein, wie Du vorhin gemeint hast, mir aber net! Willst’ mich nun noch den „Knirps“ heiß’n?“

„Nun sicher net! Ich hab’ Dich vor mir geschaut immer nur grad so, wie Du vor fünf Jahr’n gewes’n bist, und es ist wahr, Du bist gewachs’n, Frieder. Aber einen Feind hast’ Dir erworben, der Dir die Zücht’gung niemals vergeben wird!“

„Ich fürcht’ ihn net und nehm’s mit Zweien auf von seinem Schlag!“

Als der Wagen in den Bachhof, welcher der erste und größte des Dorfes war, einfuhr, stand die Bäuerin schon zum Empfange bereit.

„Komm her, Anna, und nimm den Sohn wohl auf,“ meinte der Blinde. „Er hat die grüne Mütz und die Klunker abgelegt und will für immer bei uns bleib’n. Ich sag’ Dir, daß er ein Bachbauer werd’n wird, wie’s noch keinen gegeb’n hat, denn der Mensch ist ein Ries’, noch dreimal größer als der Goliath!“ — —

II.Die erste Spur.

Es war am nächsten Sonntag. Der Gottesdienst ging zu Ende, und die Kirchgänger traten auf den Kirchhof heraus, um den gewohnten Umgang durch die Gräber zu halten und dabei die Neuigkeiten der vergangenen Woche zu besprechen. Die Stadt hat ihre Kränzchen und Brunnenversammlungen, das Dorf seine Spinnstuben und Gottesackermeetings, auf welchen Mann und Weib, Alt und Jung Gelegenheit findet, sich auszusprechen über Alles, was das Herz bedrückt oder die Neugierde befriedigt.

Zweierlei beschäftigte heute die Zungen ganz besonders: die Rückkehr des Bachfrieder und der seltene Umstand, daß der Feldbauer nicht in der Kirche gewesen war. Daß Beides im engen Zusammenhange stand, wußte man bereits, nur hielt man eine eingehende Erörterung für nothwendig, aus welchem Grunde sich ein zahlreicher Kreis von Zuhörern um Baldrian versammelte, welcher an der Kirchmauer lehnte und mit wunderbaren Gestikulationen sein Erlebniß erzählte.

„Ja, es war nur drei Minut’n vorher, da hat ihn mein Bauer einen Knirps genannt und er ist ganz still dazu gewes’n, und jetzt auf einmal kommt er über den Feldbauer wie Simson über die Pharisäer, oder wie die Leut’ und das Dorf zur damalig’n Zeit geheiß’n hat. Das war grad, wie wenn die Bulldogg’ über die Maus geräth, da giebt’s weder Widerstand noch Rettung, sie wird einfach zu Tod’ gebiss’n und dann aufgefress’n.“

„Hat sich denn der Feldhof net gewehrt?“

„Gewehrt? Wo denkt Ihr denn hin? Gewollt hat er’s vielleicht, aber er ist ja gar net dazu gekommen, denn der Frieder ist so unverhofft und schnell über ihn hergefall’n und hat auf ihm geleg’n wie der Ambos auf der Mück’, daß er nur ein wenig mit den Beinen wackeln konnt’, weiter nix.“

In seinem Eifer gab der gute Baldrian der Sache etwas mehr Farbe als unumgänglich nöthig war.

„Ihr hättet nur das Gesicht seh’n soll’n, auf dem die Peitsch’ gearbeitet hat, wie das Graupelwetter auf dem Dach. Da ist Hieb auf Hieb und Schlag auf Schlag ’kommen, und die Schwiel’, die ich hier über die Nas’ herüber hab, hat mehr als hundert Prozent getrag’n. Der Feldbauer hat nachher auch gar net daran gedacht, sich nochmals an uns zu vergreif’n, sondern ist langsam aufgekrabbelt und dem Schimmel nachgehinkt, als wir davonfuhr’n.“

„Also darum kommt er net in die Kirch’, weil ihm das Gesicht gezeichnet ist. Ihm ist ganz recht gescheh’n, und nun wird er wohl net mehr so prahlig thun mit seiner Körperstärk’, da er den Meister gefund’n hat.“

„Er mag sich nur auch ferner fein hübsch in Acht nehmen vor dem Frieder; den hab’ ich in den paar Tag’n ganz genugsam kennen gelernt! Er ist so gut und fromm wie ein Lamm, aber wenn man ihn bei der Gall’ angreift, so mag man nur immer schnell die Flucht ergreif’n. Ihr solltet nur ’mal seh’n, wie lieb und lind er ist! Die Mutter hat er stets beim Kopf, und den Vater trägt er auf den Händ’n. Dazu greift er wacker an, wo’s nur immer Arbeit giebt, und nämlich wie, das ist die Sach’! Im Hof, da lag ein Klotz, der Bretter geben sollt’; drei Männer konnt’n

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ihn kaum erschlepp’n; er aber hat ihn aufgenommen und vor’s Thor geschafft, als ob’s ein Schaufelstiel sei oder so ’was Aehnlich’s. Den Stier nimmt er bei den Hörnern und drückt ihn zu Bod’n, daß er sich net zu rühren vermag. Und bei dieser Gütigkeit und Stärk’ ist er gelehrt und geschickt, daß man sich nur wundern muß. Er hat nach Maschinen geschrieb’n und nach andern Dingen, von denen Unsereiner net ’mal den Namen kennt, und dem Bauer einen Plan über den Feldbau vorgelegt, nach dem das Land grad um die Hälft’ mehr bringen muß als früher.[“]

„Ja, klug ist er und geschickt dazu, sonst hätt’ er ja gar net die Un’versität überstanden. Das Dorf hat noch niemals einen

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Student’n gehabt, und wir müss’n also stolz auf den Frieder sein, der bewies’n hat, daß es bei uns auch Leut’ giebt, die net auf den Kopf gefall’n sind. Wie er heut die Orgel gespielt hat, so ’was Schön’s ist hier noch gar nimmer gehört word’n; der Kantor ist das reine Nix geg’n ihn. Seht, dort kommen sie Beid’ vom Chor herab!“

Frieder wurde von allen seinen Bekannten, denen er bisher noch nicht begegnet war, mit Enthusiasmus begrüßt; er hielt sich aber nicht lang bei ihnen auf, sondern schritt dem stillen Winkel zu, wo sich die gelösten Grabstätten der Bachbauern befanden. Der Platz war von tief herabzweigenden Trauerweiden beschattet, unter

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denen eine Steinbank stand, deren Sitz mit weichem Moos bekleidet war. Als er die Zweige auseinanderschlug, fiel sein Blick auf ein Mädchen, welches hier gesessen hatte und sich jetzt in halber Verlegenheit erhob.

Er hatte sie schon in der Kirche bemerkt und sich von ihrer Erscheinung seltsam ergriffen gefühlt. Ihre hohe, volle Gestalt war nicht mit dem hier in der Gegend üblichen, sondern mit dem jenseits der Grenze getragenen Festtagsgewande bekleidet. Der kurze, roth und schwarz gestreifte Rock ließ einen kleinen und doch kräftig gebauten Fuß frei; um die enge Taille spannte sich eine seidene

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Schürze, deren zierlicher Schnitt es verrieth, daß sie nicht für den gewöhnlichen Gebrauch gefertigt sei; unter dem dunklen Jäckchen blickte das sammetne Mieder hervor, dessen Ausschnitt verrätherisch das feingefältete, blüthenweiße Hemde frei gab, welches sich in seiner Krause um den schönen Hals legte und eine wundervolle Büste leicht verhüllte. Von dem unbedeckten Kopfe hingen die mit einer einfachen Feldskabiose geschmückten, reichen Haare in zwei langen, dicken Zöpfen bis weit über die Hüften herab, und die feinen Händchen, welche jetzt das Gesangbuch umschlossen, schienen sich noch nie mit gröberer Hausarbeit beschäftigt zu haben. Wer ihr in das Gesicht

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blickte, hatte keine Zeit, sich bei der Betrachtung der einzelnen Theile desselben aufzuhalten, sondern fühlte sich sofort gefangen von dem Ausdrucke der Sanftmuth und Herzensgüte, welcher über ihm ausgebreitet lag.

„Grüß Gott,“ antwortete sie auf seinen Gruß und schlug die langen, verlegenen Wimpern langsam empor, die sich aber sofort wieder über das große, tiefblaue Auge senkten.

„Sei net bös’ über die Störung, die ich Dir bereitet hab’!“ bat er. „Ich hab’ net gewußt, daß Wer hier ist. Soll ich gehn?“

„Nein, bleib nur; denn ich bin’s ja, die weich’n muß!“

Sie schlug ihr Auge mit einem wie um Verzeihung bittenden Blicke wieder halb empor, und es war ihm, als müsse er die feinen Lider vollends heben, um dieses wunderbare Auge ganz und voll zu erblicken.

„Warum mußt’ denn weich’n? Bitt’, sag’ es mir!“

„Weil dieser Ort net mir gehört, sondern Dir.“

„So kennst’ mich wohl?“

„Ich sah Dich gestern nach der Stadt reit’n, als ich auf dem Feld’ war, und die Magd sagt’ Deinen Namen.“

„So darf ich wohl auch wiss’n, wie der Dein’ge lautet?“

„Martha.“

„Martha?“ wiederholte er, selbst nicht wissend, ob freudig oder schmerzlich überrascht. „So bist’ wohl gar die Martha vom Feldhof?“

„Ja.“

Das eine Wörtchen kam nur langsam und in einem Tone über ihre zögernden Lippen, als müsse sie um Gnade flehen, daß sie die Tochter des Feldbauern sei. Er aber trat näher und ergriff ihre Hand.

„So bin ich Dir unendlich viel Dank schuldig für die große Lieb und Barmherzigkeit, die Du dem Vater und der Mutter erzeigt hast, Martha. Der liebe Gott mag’s lohnen, wir können’s net! Warum bist’ dieser Tag’ net zu uns hereingekommen?“

Sie schwieg.

„Darf ich’s net wiss’n?“

„Ich kann’s net sag’n!“

„Und eine Ausred’ magst’ auch net mach’n, denn das wär’ eine Lüg’, und dazu bist zu brav und stolz, net wahr? Aber laß’ gut sein, Martha; ich weiß doch, was Du net sag’n willst! Der Vater hat Dir’s verbot’n. Ist’s so oder anders?“

Sie nickte nur mit dem Kopfe, blickte aber jetzt voll und groß zu ihm empor mit einem Blicke, in welchem er eine hinter der Verlegenheit verborgene Anklage zu lesen meinte.

„Hätt’ ich gewußt, was ich heut’ nun weiß,“ entschuldigte er sich daher unwillkürlich, „so wär’ der Angriff des Feldbauern net in der Weis’ abgewehrt word’n, wie es geschehen ist. Aber, sag, hat er Dir net schon auch vorher verbot’n, nach dem Bachhof zu geh’n?“

„Ja.“

„Schaust’, Martha, was ich mein’? Und dennoch bist herüber ’gangen! Warum bleibst’ alleweil’ jetzt davon? Die Mutter hat immer groß’ Sehnen nach Dir, und Du kannst ihr große Freud’ bereit’n, wenn Du bald ’mal vorsprech’ nmagst [vorsprech’n magst]. Darf ich ihr sag’n, daß Du kommen willst?“

„Ich weiß’ noch net!“

„So weiß ich jetzt, warum! Als ich net daheim war, hast’ den Bachhof besucht, nun ich aber nach Haus’ ’kommen bin, bleibst hinweg. Ich allein bin Schuld; Du magst mich net leid’n. Leb’ wohl, Martha; das thut mir weh!“

Er ließ die Hand fahren und wandte sich zum Gehen.

„Frieder!“

Er drehte sich wieder zu ihr herum.

„So hab’ ich’s net gemeint! Deine Eltern sind mir net gram, daß mein Vater solche Feindschaft hegt, denn ich kann ja nix dafür; von Dir aber hab’ ich net gewußt, ob auch Du so denkst wie sie; darum wollt’ ich erst sehen, ob ich auch darf vor Dir.“

Er legte seine Hand auf die ihrige und entgegnete in beinahe leisem Tone:

„Das ist nur die halbe Offenheit! Ich bat Dich, zu kommen, und dennoch gabst’ zur Antwort: „Ich weiß noch net![“] Fürcht’st Dich vor mir, Martha?“

Jetzt zuckte ein rasches Lächeln um ihren Mund, zwischen dessen Lippen die kleinen Zähne hervorblitzten, und ihr Blick traf den seinen mit voller Aufrichtigkeit.

„Ja, beinah’ ganz sehr.“

„Warum?“

„Du bist der Mächtigst’ weit und breit und dazu hast’ so viel Gelehrsamkeit studirt. Soll man sich da net vor Dir fürcht’n?“

„Wenn das nix Anders bringt als Furcht und Scheu, so wollt’

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ich, daß ich net so mächtig wär’ und ungeschickt dazu. Soll das so sein, Martha?“

„O nein, Frieder! Bleib, wie Du bist!“

„Aber dann wirst’ Dich auch ferner fürcht’n?“

„Ich werd’ mir die Angst abgewöhnen. Ich hab’ mir den Mann, der den Vater geschlag’n hat, ganz anders vorgestellt, recht wüst, rauh und hart, net so sanft und freundlich, wie Du bist. Sag den Eltern, daß ich kommen werd’!“

„Hab’ Dank! Nun geh ich gern, denn ich weiß, daß ich Dich wiederseh’.“

„Nein, laß mich gehn und bleib! Du kamst zum Bruder, der hier unten liegt; das ist ein fromm’ und heilig’ Recht, das ich Dir net verkürz’n darf!“

Sie reichte ihm die Hand und ging. Er bog die Zweige, welche sich hinter ihr geschlossen hatten, wieder auseinander und blickte ihr heimlich nach. An der Ecke der Kirche wandte sie sich einmal um, willenlos und ohne Absicht, wie man von einem innern Impuls getrieben wird, der sich gegen jede Aufsicht sträubt. Er bemerkte es auch und sah mit einem stillen, innigen Lächeln vor sich nieder.

„Das ist also die Martha, von der die Eltern so viel Lieb’s und Gut’s erzähl’n! Ich hab das All’s gern geglaubt, doch nun ich sie geseh’n und gesproch’n hab’, weiß ich, daß sie noch mehr und noch viel besser ist. So weit ich auch gewes’n bin, eine solche Schönheit, mit solcher Herzenseig’nschaft gepaart, hab’ ich net gesehn, und hier auf dem abgeschied’n Dorf hätt ich’s gar nimmermehr gesucht!“

Noch immer stand er und schaute nach der Ecke, hinter welcher sie verschwunden war.

„Und welch’ einen Vater hat dies englische Gemüth! Wär ich ihr vorher begegnet, so hätt’ er keine solche Lehr’ erhalt’n, die gleich auf ein- für allemal berechnet war. Freilich etwas zu stark bin ich dabei gekommen, das mag sein, aber der Grimm über den Waldkönig war da, und den Vater, der soviel erduldet hat, laß ich net verhöhnen und net schlag’n. Wer das beginnt, darf net auf Nachsicht rechnen. Ja, sie hat Recht, ich bin sanft und freundlich, aber es gibt einen Punkt in mir, den man net anstoß’n darf, das ist die Lieb’ zu Vater und Mutter und all den andern Meinen. Daher ist dem Waldkönig die größte Rach’ geschwor’n, denn er hat den Punkt am Stärk’sten angefaßt. Ich weiß, daß ich ihn find’, ich weiß, daß ich ihn ergreif’, die Ahnung sagt es mir. Der Vater hat es falsch gemacht, denn er hat alle Welt wiss’n lass’n, daß er nach ihm jagt. Von mir aber soll’s Niemand erfahr’n, was ich thu, selbst die Eltern net, denn sie würd’n große Sorg’ und Angst um mich empfind’n, daß es mir so geht wie dem Franz, der nun hier unter dem Hügel liegt. Aber er ist net todt, er ist net gestorb’n, sondern er lebt noch; er ist wieder erwacht in mir und wird den Mordblender zur Vergeltung bringen!“

Er brach einen kleinen Zweig von dem Lebensbaum, der auf dem Grabe stand, und steckte ihn an den Hut.

„Das ist die Kokard’, der ich dien’; sie kommt net eher von ihrem Platz herunter, als bis meine Aufgab’ erfüllt ist!“

Er verließ den Kirchhof und ging nach Hause, wo das Mittagsmahl schon seiner wartete. Nach demselben verließ er den Hof wieder, um sich in den Wald zu begeben. Er brauchte einige Spannhölzer für die Wagen und hatte vom Förster den Auftrag erhalten, sich die passenden Eichen- oder Buchenstämmchen auszusuchen und zu bezeichnen.

Im Freien angekommen, schlug er unwillkürlich einen Umweg ein, um den Feldhof zu vermeiden, welcher eine Strecke vor dem Dorfe lag. Droben auf der Höhe, wo das Buschwerk begann, kamen ihm Schritte entgegen. Der Nahende war kein Andrer als der Feldbauer. Als er Frieder erkannte, blieb er mitten auf dem Pfade stehen. Sein Gesicht trug noch die vollständigen Spuren der Züchtigung, die er von dem Jüngling erhalten hatte. Sie entstellten ihn mehr als bis zur Häßlichkeit, so daß sein Wegbleiben von der Kirche gar nicht zu verwundern war. Es mußte eine sehr dringliche Angelegenheit sein, die ihn in den Wald geführt hatte.

„Weich aus, Bub’,“ kommandirte er; „heut geht’s anders als vorher!“

„Ja, heut weich’ ich aus, aber net, weil Ihr’s gebietet, sondern aus ganz andrem Grund.“

„Den Grund, den kennt man schon! Leut’ unvermuthet überfall’n, das kann Jeder, aber wenn er off’n angeredet wird, da geht nur ein Lump und Feigling auf die Seit’.“

Frieder trat ruhig auf ihn zu, legte ihm die Hand schwer auf die Schulter und sah ihm mit blitzenden Augen in das blauroth angeschwollene Gesicht. Es lag dabei Etwas in ihm, was der Bauer

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nicht zu definiren vermochte, ihn aber abhielt, den allerdings auch nur vielleicht beabsichtigten Kampf zu beginnen.

„Feldbauer, Ihr habt wohl kein Verständnis für noch andre und viel bess’re Gründ’, weg’n denen man einer Rauferei ausweicht. Und was den Lump und Feigling betrifft, so kann nur ein solcher es unternehmen, einem Blinden, der sich net zu wehr’n vermag, die Peitsch’ anzubieten. Das muß ich Euch sag’n, und nun gehabt Euch wohl!“

Der Bauer schob die Tabakspfeife, welche er bisher im Mund behalten hatte, schnell in die Tasche und faßte ihn am Arme.

„Ihr habt noch mehr verdient als die Peitsch’, Ihr alle Beid’. Nimm Dich nur in Acht, daß Du dem Waldkönig net auch in die Hand geräthst, sonst wirst mich gar nimmer lang mehr sehn. Hier hast’ den Trumpf drauf!“

Er schlug mit der Faust nach dem Gesicht Frieders, dieser aber parirte den Hieb und faßte dann die beiden Arme des Gegners mit einer Gewalt, daß dieser einen Laut des Schmerzes ausstieß.

„Feldbauer, ich hab Euch schon gezeichnet, und Ihr wißt ganz genau, daß ich mich net vor Euch fürcht’. Darum werd’ ich Euch aus dem Weg gehn, so gut ich kann, denn der Klügst’ gibt nach. Erhebt Ihr aber den Arm nur noch ein einzig Mal geg’n mich, so schlag’ ich hin, wo sich’s gehört, und dann seid Ihr kaput!“(Fortsetzung folgt.)

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Der Waldkönig.

Eine Erzählung aus dem ErzgebirgevonKarl May.

(Fortsetzung.)

Er ließ ihn los, um seinen Weg fortzusetzen. Die Ruhe des Waldes gab seiner Stimmung schon nach kurzer Zeit das verlorene Gleichgewicht wieder, und der Groll wich den freundlichen Regungen, welche die Begegnung mit Martha in ihm zurückgelassen hatte.

Den Blick nachdenklich zur Erde gesenkt, gewahrte er plötzlich eine Ringelnatter, welche sich quer über denselben[dieselbe] schlängelte. Er folgte ihr zwischen die Büsche, um sie zu ergreifen, doch machte das hohe Haidekraut ihm dies so schwierig, daß sie ihm zwischen einigen Steinen entkam, welche einen jener Witterstöcke bilden, die man häufig in auf felsigem Boden stehenden Wäldern findet. Er hob den ziemlich schweren Granit in die Höhe und gewahrte — nicht die Natter, sondern einen Zettel, welcher auf dem plattgedrückten Boden lag. Auch ohne ihn aufzunehmen, konnte er deutlich die mit Bleistift geschriebenen Worte lesen: „Beim alten Stollen um 12.“

Was war das? Er untersuchte den seltsamen Fund. Das Papier war weiß und sauber, als käme es erst aus dem Laden, und da der Boden hier ziemlich feucht war, so konnte es nur seit erst kurzer Zeit hier liegen. Er brachte den Zettel an seinen Ort zurück, gab dem Steine genau die frühere Lage und warf dann einen forschenden Blick auf die Umgebung.

Nur einige Schritte von ihm entfernt, hatte der Stößer eine Taube zerrissen, die Federn lagen auf dem Boden zerstreut und einige von ihnen in der unmittelbaren Nähe des Steines. Diese letzteren waren im Gebrauch gewesen, wie sich gleich beim ersten Blicke zeigte: es hatte Jemand die Tabakspfeife mit ihnen gereinigt, wie sich aus dem Geruche erkennen ließ.

„Der Feldbauer!“ stieg es in Frieder auf, und sofort folgte eine andere Ahnung, die ihm das Blut in die Schläfen trieb, so daß er es dort vernehmbar pulsiren fühlte. „Nimm Dich nur in Acht, daß Du dem Waldkönig net auch in die Hand geräthst, sonst wirst mich gar nimmer lang mehr sehn,“ klang es ihm auf einmal wieder in das Ohr und — — —

Er hatte keine Zeit, den Gedanken auszudenken; ein leises Rascheln ließ sich aus der Richtung des Pfades her vernehmen, und er hatte kaum Zeit, sich unter einem jungen Tannenwuchs zu verbergen, so trat ein Mann zwischen den Büschen hervor, hob den Stein ein wenig, warf einen Blick auf den Zettel und verschwand dann so schnell, wie er gekommen war.

„Es ist so, wie ich dacht’,“ flüsterte Frieder in höchster Erregung. „Der König hat den Bestellort hier. Ich bleib da und wart’, wer kommt!“

Er versteckte sich so unter dem dichten Tannicht, daß er nicht bemerkt werden, aber selbst den Stein und seine Umgebung genau überblicken konnte. Er brauchte nicht lange zu warten, denn schon nach Kurzem wiederholte sich dieselbe Scene, und nach Verlauf von einigen Stunden hatte er neunzehn Personen gezählt, welche den Stein entfernt und den Zettel gelesen hatten. Die Meisten waren ihm fremd; aus seinem Dorfe befanden sich nur Einige darunter, und diese Wenigen waren sämmtlich als mißtrauenerregende Charaktere bekannt. Zwischen dem Erscheinen der Einzelnen lagen fast regelmäßig zehn Minuten, und nicht ein einziges Mal geschah es, daß Zwei zugleich erschienen, auch kamen und gingen sie nicht aus und nach derselben Richtung, sondern diese Richtung wurde immer rundum nach den Himmelsgegenden eingehalten. Die Leute waren

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allem Anscheine nach höchst pünktlich und wohl disziplinirt, und der ganze Modus schien darauf berechnet zu sein, ein Zusammentreffen streng zwischen ihnen zu vermeiden, damit nicht Einer den Andern erkenne.

Aus Besorgniß, sich zu verrathen, verließ Frieder sein Versteck nicht eher, als bis die Dämmerung hereingebrochen war. Dann schlich er sich mit unhörbaren Bewegungen fort und erreichte unter Anwendung der größten Vorsicht das offene Feld.

Zu Hause angekommen theilte er den Eltern nicht das Mindeste von der Entdeckung mit, zu welcher ihn die unschuldige Ringelnatter geführt hatte. Er suchte so gleichgiltig wie möglich zu erscheinen und ging nach dem Abendessen, um jede Gelegenheit zu einem verrätherischen Worte zu vermeiden, in die Schenke, aus welcher er erst nach einigen Stunden heimkehrte.

Eben wollte er die Pforte öffnen, als diese von innen aufgezogen wurde.

„Gut’ Nacht, Bachbäu’rin!“ hörte er grüßen.

„Gut’ Nacht, Marthe. Laß Dich ja bald wieder blick’n!“

Das Mädchen trat auf die Straße und blieb hier stehen, trotzdem die Pforte sich hinter ihr geschlossen hatte. Sie wandte ihr Gesicht das Dorf hinauf, grad wie Jemand, der zwar Niemand erwartet, aber durch einen geheimnißvollen Rapport immer in der Richtung des Gegenstandes seiner Gedanken gehalten wird.

„Martha!“ erklang es da neben ihr; „erwart’st Wen hier auf der Straß’?“

„Frieder! Wie hast’ mich doch erschreckt!“

„Warst’ bei den Eltern drin?“

„Ja. Nun siehst’, daß ich bereits angefangen hab’, die Furcht vor Dir zu überwind’n!“

„Wird’s auch vollständig gelingen?“

„Das kommt nicht blos auf mich, sondern noch vielmehr auf Dich an.“

„Wie so?“

„Das kannst’ Dir wohl net denk’n?“

„Vielleicht! [H]hör’, Martha, ich werd’ immer so zu Dir sein, daß die Furcht völlig verschwindet. Darf ich?“

„Ja.“

„Und kommst’ bald wieder her?“

„Sobald ich Zeit dazu find’.“

„Das machst’ sehr recht. Nun gut’ Nacht, Martha!“

„Gut’ Nacht? Hast wohl sehr eilig?“

„Nein; aber ich mag Dich net gern stör’n.“

„Mich stör’n? Worin?“

„Hast’ net vorhin den Schatz erwartet?“

„Frieder!“

„Oder bist’ allein im Dorf?“

„Ja, ganz allein, heut und all’zeit. Ich hab’ Niemand gesucht und also auch Niemand gefund’n, zu dem ich gehn und mit ihm plaudern möcht, als nur Deine Eltern, Frieder. Willst’ das glauben?“

„Dir glaub ich All’s, und wenn es noch so unglaublich klingt! Darf ich mitgeh’n bis hinaus zum Feldhof?“

„Ja.“

„So komm!“

Sie schritten neben einander und ohne sich zu berühren oder ein Wort zu sprechen, dem Hofe zu. Es war Beiden genug, daß sie bei einander waren. Er konnte nicht ablassen, wieder und immer wieder in ihr schönes Angesicht zu blicken, welches im Mondlicht so zart und feenhaft aus der leichten Hülle blickte, die sie um den Kopf geschlungen hatte. Und sie konnte, wenngleich verstohlen, kein Auge verwenden von der mannhaften Gestalt, welche sich mit so rüstigen und zugleich eleganten Bewegungen an ihrer Seite hielt. Es war ihr, als könne sie so mit ihm gehen fort und immerfort, von einem Ort, von einem Land, von einem Erdtheile zum andern, weit über die Erde hinaus bis in den Himmel hinein, der mit ihm doppelte Seligkeit bieten müsse.

Unweit des Feldhofes blieben sie unter dem Schatten der Erlen, welche die Ufer des Baches bestanden, stehen.

„Hat Dein Vater net gefragt, wohin Du gehst, Martha?“

„Nein, er geht des Abends stets Punkt Acht zur Ruh und schläft dann so fest und gern, daß er auch in der dringendsten Sach’ net geweckt werd’n darf. Drum weiß er net, ob ich bleib’ oder geh’.“

„Aber die Mutter darf’s wiss’n?“

„Ja, und sie hat ihre Freud’ daran, wenn ich sag’, ich geh zu Euch. Sie hat die Dein’ge nur wenig getroff’n, aber sie hält gar große Stück’ auf sie und kann gar net begreif’n, warum der Vater so groß’n Haß auf Euch geworf’n hat.“

„Das kannst’ erfahr’n: Er hat meine Mutter net bekommen und kann darum sie und den Vater net leid’n. Ich bin ihm heut

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im Wald begegnet, und er hat mich verschimpft und mit mir raufen woll’n.“

„Hast’ mitgethan, Frieder?“ frug sie mit ängstlicher Schnelle.

„Nein. Ich hab’ an Dich gedacht, den Schlag abgewehrt und bin dann fortgeeilt.“

„Frieder, willst’ mir ’was versprech’n?“

„Ja, wenn sich’s mit meiner Ehr’ verträgt.“

„Bitt’, geh ihm aus dem Weg; thu mir’s zu lieb!“

„Ich werd’s thun; das hab’ ich um Deinetwill’n ihm heut schon gesagt. Ich kann mir denk’n, daß Ihr gar Viel zu erduld’n habt, und will Euch net noch größern Gram bereit’n.“

„Ach ja, Frieder, wenn Du wüßtest, wie der Vater ist! So hart, so finster, so ganz ohne Herz und Gemüth! Ich sag’ nur wenig, und das Wen’ge sogar würd’ ich verschweig’n, wenn’s mein rechter Vater wär. Ich war noch jung, kaum aus der Schul’, als er kam und die Mutter zur Frau begehrt’. Ich konnt ihn net ersehn und meinen todt’n Vater net vergess’n; darum hab’ ich geweint und gefleht, aber es hat nix geholf’n, denn der Oheim hat die Mutter gezwungen, ja zu sag’n.“

„Gezwung’n? Hat er das Recht und die Macht dazu?“

„Das Recht wohl net, aber die Macht. Er ist ein großer Kaufmann drüb’n über der Grenz’, und der Feldbauer ist oft ’kommen und hat große Rechnung mit ihm gehabt und viel Geld von ihm empfangen. Wir hab’n seit dem Tode des Vaters bei ihm gewohnt, und ich bin grad’ wie das Kind gewes’n, bis mich der Bauer fragt’, ob ich nun auch ’mal seine Tochter sein möcht’. Ich hab’ mich gesträubt und die Mutter auch, der Oheim aber hat gemeint, er geh’ zugrund’, wenn sie’s net thu. Der Bauer hat ihn in der Hand gehabt, weshalb, das weiß ich heut noch net, und um den Oheim zu errett’n, ist sie endlich mitgegangen. Jetzt nun hat sie nix als Gram und Thränen, und ich bin so angst, daß sie’s net verwind’n kann. Frieder, ich hab’ in meinem ganzen Leb’n noch niemals Wem ein Leid gethan, aber den Vater, den Feldbauer, den — den — den hass’ ich; ja, ich hass’ ihn, denn er kommt mir net anders vor als wie der böse Geist, dem die Mutter und ich verschrieb’n sind, damit er uns statt Glück und Fried’n nur Gram und Qual bereit’!“

Sie gab sich ihren so lang zurückgehaltenen Gefühlen hin und merkte kaum, daß sie offener sprach, als es vorher ihre Absicht gewesen war. Ihre Worte hatten für Frieder einen geradezu kostbaren Werth, auch abgesehen von dem rückhaltlosen Vertrauen zu ihm, welches sie so deutlich bekundeten. Er ließ sie aussprechen, dann versuchte er den besten Trost, den er einem Charakter wie dem ihrigen zu geben vermochte.

„Weißt’, Martha, daß auch die bösest’ Sach’ eine gute Seit’ besitzt?“

„So wird gesagt, Frieder, aber bitt’, such’ mir die gute Seit’!“

„Die seh’ ich ganz genau; sie steht vor mir.“

Sie blickte ihn fragend an.

„Wie so?“

„Du bist’s ja selber! Schau, wenn ein großes Leid ins Herz herniedersteigt, so bleibts net leer und hohl, sondern es wächst in der Seel’ ein Kristall nach dem andern und leuchtet hinauf und hinaus. Es sprieß’n tausend Blumen auf, die net verwelk’n und vergeh’n; aus jede Thrän’ wird eine Perl, und jeder Pulsschlag wirft einen Diamant hervor. Der Pflug der Leid’n thut dem Acker weh, aber die Ernt’ ist unsagbar reich und köstlich. Sie wächst und reift verborg’n und tritt zu Tag’, wenn die Lieb’ beginnt, den Strahl auf sie zu werf’n. Wer solch ein Herz besitz’n darf, der gibt’s net hin für Millionen, denn jeder Blick, den es durch’s Auge wirft, jedes Wort, das es durch die Lippen spricht, und jede That, die es mit der Hand beginnt, ist fromm und rein wie der Gedank’, der in ihm wohnt. Da ist net eine Spur von Falschheit, Trug und Täuschung, da gibt es nix von Tand und Flitterwerk, das nur die Leerheit deckt und zur Verachtung führt, sondern all’s ist echt und wahr und lauter. Gib mir dies Herz oder all’n Reichthum, alle Macht und Ehr’ der Welt, ich nehm’ es fest und laß mirs nimmer rauben. Auch bei Dir ist das Leid früh eingekehrt, und Du hast bisher nur die schlimme Seit’ erkannt; ich aber sah die reiche Ernt’ schon kommen und preis’ unendlich glücklich den, dess’ Aug’ den Sonnenstrahl Dir spend’n darf!“

„Frieder!“

Sie sprach nur dies eine Wort, aber der Athemzug, der es durch ihre Lippen trug, kam aus der tiefsten Tiefe ihres Innern und klang so voll und lang, als wolle er ihm ihre ganze Seele entgegenhauchen. Sie legte ihr tief gesenktes Köpfchen an den nahen Erlenstamm. Er sah es nicht, er hörte es nicht, nur sein Herz sagte ihm, daß sie weine. Das war jene stille, innerliche Weise, in der sie auch den häuslichen Kummer so lange Zeit hindurch -

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hindurch getragen hatte. Er ließ sie gewähren, bis sie das Köpfchen hob und ihm langsam die Hand entgegenstreckte.

„Leb wohl, Frieder. Ich darf net wieder zu Euch kommen!“

„Warum net?“

„Ich bin so klein, so gar nix werth; die Perl’ und der Demant ist mir versagt!“

„Denkst’ wirklich?“

„Ja, wahrhaftig!“

Da zog es ihm mit Macht die Hände empor, die er segnend auf ihr Haupt legte.

„Oh, bleib so klein und gering, dann bist’ so groß und herrlich! Aber wiederkommen mußt’, sonst weiß ich net, was ich beginn’. Willst’, Martha?“

Der Ton dieser Bitte klang so unwiderstehlich, und ihr eigenes Herz mahnte so dringlich; sie nickte zustimmend.

„Wenn Du gebiet’st, so muß ich folg’n, Frieder. Gut’ Nacht!“

„Gut’ Nacht!“ —

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Als er nach Hause kam, empfing ihn die Mutter mit sanftem Vorwurf.

„Warum kommst’ so spät, Frieder? Die Marthe war da; ’konnt’st auch ’mal mit ihr sprech’n!“

„Laß gut sein, Mutter; sie wird Euch schon wieder besuch’n. Dann bleib ich zu Haus’.“

Sie gingen schlafen. Frieder wartete, bis es im Hause ruhig war, dann nahm er aus dem Sekretär ein Etui, in welchem ein Revolver lag. Er lud ihn vorsichtig und steckte ihn dann zu sich.

„Die Büchs’ paßt net zu solchem Gang, das lehrt die Geschicht’ mit dem Vater. Ich nehm’ hier diese Waff’; sie ist leicht zu führ’n und wird mich net verlass’n, wenn ich sie brauchen muß. O Martha, was bist’ doch für ein armes, armes Kind! Ich glaub’, wenn der Zweig von meinem Hut herunter ist, so hast’ den Vater verlor’n. Aber sie soll nimmer erfahr’n, daß sie ihn selber verrath’n hat. Wie kommt der Feldbauer zu der Rechnung mit dem Kaufmann drüb’n und zu dem vielen Geld? Wie ist derselbe in seine Händ,[’]

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gerath’n, daß er ihm sogar die Schwäg’rin und die Nicht’ verkauf’n muß? Warum geht der Bauer stets Punkt Acht schlafen und ist dann selbst im Nothfall net zu sprech’n? Feldbauer, ich geh Dir aus dem Weg, aber den Waldkönig, den darf und muß ich such’n; hab Acht, daß ich net Dich dabei ertapp’! Wärst’ besser mit der Frau und mit dem Kind, so könnt’st vielleicht noch Gnad erhalt’n trotz dem blinden Vater, so aber hast’ die Nachsicht ganz verscherzt und magst uns erlös’n von der Rach’ und die Deinen von dem Unheil, das Du über sie gebracht hast!“

Er verließ leise den Hof und schritt dem Walde in der Richtung des alten Stollen zu. Im freien Felde benutzte er jeden Strauch und jede andere Gelegenheit zur Deckung, um nicht gesehen zu werden, und im Forste spannte er seine Sinne auf das Höchste an, jede Begegnung zu vermeiden. Beim leisesten Geräusch trat er hinter einen Stamm, bis er die Ueberzeugung hegte, daß er ohne Sorge weiter gehen könne. So kam er nur langsam vorwärts, und es war bereits Mitternacht, als er die Taubgesteinshalde erreichte, auf deren Plateau der Stollen gemündet hatte.

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Diese Mündung war verbaut und verschüttet worden und so dicht von Gebüsch und Dornzeug umwachsen, daß ohne Säge oder Axt unmöglich zu ihr zu gelangen war.

„Hier sind sie net. Sie brauch’n ein Versteck; das ist der Stoll’n, und weil sie hier net hineingelangen können, so muß der Eingang weiter ob’n sein!“

Er folgte der Richtung des unterirdischen Ganges und kam an eine Stelle, wo die Decke desselben eingebrochen war. Die dadurch entstandene trichterförmige Vertiefung war ihm von früher sehr wohl bekannt, und er wußte ganz genau, daß das nachgestürzte Land keine in den Stollen führende Oeffnung frei gelassen hatte. Doch war keine Stelle so wie diese zum Versteck geeignet, und die menschliche Hand konnte ja nachgeholfen haben, um dasselbe so sicher wie möglich zu machen.

Um den Rand des Trichters zog sich ein üppiges Hasel- und Pulverholzgesträuch, in welches er sich verbarg. Es war die höchste Zeit gewesen, denn kaum hatte er sich am Boden in eine bequeme Lage gebracht, so raschelte es ihm gegenüber, und eine Gestalt trat

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aus dem Dickicht, deren Gesicht mit einer dunkeln Maske verhüllt war. Nachdem sie die Umgebung aufmerksam gemustert hatte, stieg sie die steile Böschung hinab und verschwand in dem unten herrschenden Dunkel, welches der seitwärts über den Bäumen stehende Mond nicht zu erhellen vermochte. Ihr folgte bald eine zweite, eine dritte, und es konnte noch nicht ein Uhr geschlagen haben, so hatte er wieder Neunzehn gezählt wie am Nachmittage.

Jetzt herrschte eine Weile tiefe Stille ringsumher; dann begann es sich unten wieder zu regen; Einer nach dem Andern stiegen die Männer aus dem Dunkel empor, der Erste als Führer und Lauscher ohne Last, die Andern aber alle mit schweren Paketen beladen, den Knotenstock in der Faust, das Messer an der Seite und die Büchse nach vorn über den Nacken gehängt. Nur einen Augenblick lang blitzte hinter dem Letzten ein Lichtstrahl auf, welcher aus dem Stollen kam, dann war es wieder finster.

Als die Schritte der Schmuggler verschollen waren, erhob sich Frieder. Er hatte für heut genug gesehen und mußte für jetzt von allem Weiteren absehen, da die Untersuchung des Trichters nur am Tage vorgenommen werden konnte.

„Waldkönig, Deine Herrschaft neigt sich zum End’. Dein größter Feind ist hinter Dir her, und Du entgehst ihm net, denn der Zweig am Hut bringt ihm Glück und Schutz!“

Dieselbe Vorsicht wie vorher anwendend, kehrte er in das Dorf und zum Bachhof zurück. — — —

III.Der Buschwebel.

Eine volle Woche war vergangen; sie hatte Abwechslung in das Dorf gebracht. Die Kunde von der Ermordung Franzens und der Blendung seines Vaters war bis zu der obersten Behörde gedrungen, welche einsah, daß mit den bisher verfügbaren Kräften dem Treiben der Verbrecher nur schwerlich Einhalt gethan werden könne. Man beschloß daher, energischere Maßregeln zu ergreifen und schickte ein Kommando Soldaten in die Berge, um im Anschluß an das Forst- und Grenzpersonal dem Waldkönig, auf dessen Ergreifung, todt oder lebendig, ein namhafter Preis gesetzt wurde, das Handwerk zu legen.

Frieder hatte sich gleich am andern Morgen wieder in den Forst begeben, um den Trichter einer möglichst genauen Untersuchung zu unterwerfen, war aber nicht auf die geringste Spur eines verborgenen Einganges gekommen. Von da ging er zum Förster, um ihm die gestern ausgesuchten Spannhölzer zu bezahlen.

„Weißt’ auch, daß wir Besuch bekommen?“ frug dieser, als das Geschäft abgeschlossen war.

„Was für einen?“

„Einen gar willkomm’nen für unsre Madels, Militär.“

„Ah! Wozu?“

„Weg’n dem Waldkönig. Ich hab’ schon gestern die amtliche Benachrichtigung erhalt’n und war vorhin beim Vorstand, der’s auch schon weiß und so eb’n die Quartierlist’ angefertigt hat. Zu uns nach Finsterwalde kommen zwanzig Mann unter einem Feldwebel, der zum Feldbauer gelegt wird.“

„Zum Feldbauer? Warum zu dem?“

„Weil er da drauß’n möglichst unbeachtet wohnt und ihn net Jedermann belauern kann. Er selber hat darum gebet’n und kann also net ganz unbekannt hier sein.“

„Man wird wohl nur solche Leut’ herschick’n, die in der Näh’ zu Haus’ sind; das ist bei ihrer Aufgab’ ein großer Vortheil, den man net versäumen darf.“

„Es wird doch net der Buschwebel sein! Der Brief war unterschrieb’n, daß man den Namen gar net les’n konnt’.“

„Wer ist das, der Buschwebel?“

„Das ist der zweit’ Sohn vom Buschbauer in Steinertsgrün. Er ist der wildest’ Bub’ gewes’n im ganz’n Gebirg und hatt’ sich mit seinem Vater so vollständig zerschlag’n, daß er vor Aerger freiwillig zum Militär ging. Dazu hat er ganz gut gepaßt, immer lustig und fidel, leicht im Sinn, aber gewandt im Dienst und dazu ein hübscher Bursch’, dem Jeder gut sein muß, der die Wildheit net kennt, die still verborg’n in ihm wohnt. Im letzt’n Krieg ist er drauf und dran gegangen wie der böse Feind, und hat es auf diese Weis’ bis zum Feldwebel gebracht.[“]

„Darum wohl nennt man ihn hier, den Nam’ und Grad zusammenfassend, den Buschwebel?“

„Ja, darum! Bei seinen Vorgesetzt’n ist er hochbeliebt, weil sie wiss’n, daß er gradwegs in die Höll’ hinuntergeht, wenn sie ihn schick’n, und darum hat man grad ihn und keinen Andern zum Grenzdienst auserles’n. Mir ist dies gar net sehr genehm, denn

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ich weiß vorher, daß ich net mit ihm verkomm’, und doch gebietet’s der Dienst, daß wir gar oft mit ihm verkehr’n.“

„So kennst’ ihn schon persönlich?“

„So ziemlich. Er steht in der Kreisstadt und kam nach Steinertsgrün auf Urlaub. Sein Vater ist jetzt stolz auf ihn und hat sich völlig mit ihm ausgesöhnt. Dort hat er ’mal die Martha vom Feldhof geseh’n, die da Gevatter war, und ist ihretweg’n herüber ’kommen auf ein paar Tag’. Da ist’s gar sauber hergegangen in der Schenk; das Madel hat ihn net angesehn, und weil er da nun abziehn mußt’, wird er jetzt die Gelegenheit ergreif’n, den Versuch nochmals zu mach’n.“(Fortsetzung folgt.)

(links)395

Der Waldkönig.

Eine Erzählung aus dem ErzgebirgevonKarl May.

(Fortsetzung.)

Das wird ihm der Feldbauer schon verleid’n.“

„Wer weiß! Der Buschhof in Steinertsgrün, der ’mal nur unter Zwei’n getheilt wird, ist seine sechzigtausend Thaler werth unter Brüdern, und sodann kann man ja net in die Verhältniss’ blick’n, die bei solcher Sach’ den Vorschub leist’n. Mich geht’s nix an; die Hauptsach’ ist, daß wir den Waldkönig loswerd’n, und dazu sind nun alle Zügel angespannt. Auch das Waff’nverbot ist da. Wer mit Messer oder sonst’gem Gewehr in Wald und Flur betroff’n wird, kommt sofort zur Arretur, und greift er zur Waff’, wird er augenblicklich niedergeschoss’n.“

„Wie nun, wenn ich durch den Wald geh und das Pistol bei mir trag’ zur Vertheidigung, falls ich angegriff’n werd’?“

„So mußt’ den Waff’npaß lös’n. Doch willst’ das net, so bin ich ja da! Dein Bruder ist, als ich noch Substitut hier war, fast täglich mit uns ins Revier gegangen. Kannst’s auch so halt’n, und bist allein ’mal drauß’n, so verantwort’ ich das Gewehr.“

„Ich nehm’ das an, Förster, denn ohne Waff’ geh ich net in den Wald von weg’n dem Haß, den der Waldkönig auf uns geworf’n hat.“

Zu Hause fand er die Mutter schon beschäftigt, sich auf die unterdessen angesagte Einquartierung vorzubereiten. Der Bachhof bekam zwei Mann, die am andern Tag eintrafen und eine Stube zugetheilt erhielten: der Feldwebel, der wirklich der Sohn des Buschbauern -

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Buschbauern war, kam auf den Feldhof, und die Uebrigen wurden je nach dem Vermögen der Einwohnerschaft über das Dorf vertheilt.

Von jetzt ab machte sich eine rege Geschäftigkeit im Orte bemerkbar. Der Buschwebel rasselte mit seinem Schlepper auf und ab, drehte den Bart und brüstete sich wie ein General; seine Untergebenen folgten diesem Beispiele, und die Bauern ergaben sich mit Vergnügen unter den militärischen Pantoffel, denn sie hofften von ihm Befreiung von dem Unwesen der Pascher und Wilderer und genossen dabei das ihnen so seltene Vergnügen, mit Uniformen verkehren zu können.

Dabei muß allerdings gesagt werden, daß das Kommando in dienstlicher Beziehung seine volle Schuldigkeit that. Der Tag war in regelmäßige Wachen getheilt, und es gab keinen Augenblick, in welchem die Grenze nicht unter der aufmerksamsten Aufsicht stand. Dieses hatte wenigstens den negativen Erfolg, daß der Waldkönig seine Manipulationen einstellte, vielleicht zu dem Zwecke, die Gegner erst gehörig kennen zu lernen und sie dabei einzuschläfern.

So war der Sonntag wieder gekommen, und es gab nach dem Gottesdienst auf dem Kirchhof doppelt so viel Gesprächsstoff als gewöhnlich. Frieder war heut keine neue Erscheinung mehr, und er konnte nach dem Grabe des Bruders gehen, ohne die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Was er halb gewünscht und halb geahnt hatte, das traf ein: Martha saß auf der Bank, grad wie vor acht Tagen. Er hatte sie seit dem Sonntagsabend nicht wieder gesehen und empfand über die Begegnung eine Freude, die sie deutlich in seinen Zügen lesen konnte.

„Martha, ’bist auch hier? Grüß Gott!“

„Grüß Gott, Frieder! Ich dacht’ net, daß Du auch heut’ zum Grabe kämst!“

Frieder lächelte glücklich bei dieser vom weiblichen Zartgefühle diktirten Entschuldigung und bot ihr die Hand.

„Also gehst’ blos dahin, wo Du meinst, daß ich net bin! Drum bist’ auch diese ganze Woch’ net zu uns herein ’kommen.“

„Ich war net ein einzig’ Mal im Dorf. Ich konnt’ net fort weg’n der Einquartirung, die bei uns gar sehr zu schaff’n macht. Der Vater ist ganz ausgewechselt. Er geht erst spät schlaf’n und sitzt mit dem Feldwebel so fest beim Wein oder Bier, daß ich net fort kann.“

„Also geht er net mehr um Acht zur Ruh?“

„Seit der Buschwebel da ist, nein. Heut’ aber hat er’s gleich früh gesagt, daß er wieder ’mal gehörig ausschlaf’n will. Der Webel ist net da am Abend, denn es gibt einen Fang.“

„Wie so?“

„Einer der Soldat’n hat in der Früh’ auf dem Heimweg ein Billett gefund’n, das in der Nacht ein Pascher verloren hat; darauf steht geschrieb’n, daß heut Punkt Neun eine große Meng’ von Gütern bei der Schießhütt’ über die Grenz’ geschafft werd’n soll. Da will er nun seine ganz’n Leut dort aufstell’n und hat davon auch schon dem Offizier Nachricht geschickt, der in Steinertsgrün im Quartier liegt.“

„So denkt er wohl, den Waldkönig dort zu fangen?“

„Er ist ganz sicher drauf.“

„Ach so! Dann ist der Buschwebel ein gar kluger Bursch, wenn er Den schon nach so kurzer Zeit ertappt, nachdem hier Jahr’ lang trotz aller Müh’ vergebens gefahndet word’n ist. Aber paß auf, er kommt mit leeren Händen zurück!“

„Woher weißt’ das?“

„Ich denk es mir,“ antwortete er ausweichend.

„Ich wollt’ aber doch, er bekäm’ ihn gleich heut!“

„Warum?“

„Dann käm’ er wieder fort!“

„Das wünschest’ wohl?“

„Von ganzem Herz’n. Er ist so — so eig’n mit mir, verfolgt mich Schritt um Schritt und weiß doch, daß ich dies net gern hab.“

„Woher soll er das wiss’n?“

„Ich hab’s ihm selbst gesagt. Er war schon einmal hier in Finsterwalde und hat es ganz gleich so gethan, bis ich mir’s verbat und ihm ausgewich’n bin.“

„Was sagt der Vater dazu?“

„Er gibt ihm Vorschub bei der Zudringlichkeit, und ich bekomm viel böse Wort’, weil ich sie mir net gefallen lass’. Er fängt schon an, Gewalt zu brauch’n, denn er hat mir befohl’n, heut Nachmittag zum Tanz zu gehn. Der Webel hat ihn darum ersucht.“

„Und was wirst’ thun?“

„Ich weiß net. Ich mag net hin, und dennoch muß ich wohl, wenn er darauf besteht. Ich dacht’, ich wollt’ Dich treff’n und Deinen Rath begehr’n.“

(links)396

Sie merkte nicht, daß sie sich jetzt widersprach. Also war sie doch zum Grab gekommen, weil sie Frieder hier zu finden hoffte.

„Warum den mein’gen, Martha?“

„Weil er der best’ ist, den ich find’,“ antwortete sie einfach.

„So geh nur immer hin. Es wird Dir nix gescheh’n!“

„Aber wenn er mich zum Tanz auffordert?“

„Willst’ wirklich net mit ihm tanz’n?“

„Um keinen Preis!“

„So sagst’ ihm, Du seist schon versagt.“

„An wen?“

„An mich, Martha.“

„So wirst’ auch dort sein?“

„Dir zu Lieb’. Oder willst’ Dich lieber an einen Andern versag’n?“

„Nimmermehr! Ich hab’ noch nie getanzt, und Du bist der Einz’ge, mit dem ich es versuch’! Nun aber muß ich fort, der Vater will das Mahl beizeit’n hab’n.“

Sie ging. Er blieb gedankenvoll stehen.

„Wie schlau er seine Sach’ beginnt! Er macht den Buschwebel zutraulich und schiebt ihm sogar die schöne Tochter zu, um sein Vertrau’n zu erhalt’n und All’s zu erfahr’n, was er vornimmt. Jetzt bleibt er auch vom Schlaf’ weg, weil der Waldkönig gefeiert hat, und da dies doch net zu lang dauern darf, so hat er heut wieder einen Schlag beschloss’n. Der Zettel ist mit Fleiß in den Weg gelegt, um die Verfolger auf eine falsche Spur zu bringen, und während sie nach der Schießhütt’ gehn, wird das Gut ganz wo anders über die Grenz’ geschafft. — — Soll ich sie warnen? Nein, ich bin net ihr Spion und geh’ meinen eig’nen Weg. — —

Das Mittagsmahl hat er so in der Früh bestellt, um heut eher als ein ander’ Mal zum Stein hinaufzukommen. Die ganze Woch’ hat nix darunter geleg’n, doch heut find ich ganz sicher ein Papier und hab’ auch die best’ Gelegenheit, zu sehn, ob er’s auch wirklich ist, der es darunter legt.“

Auch er ging jetzt, schützte daheim einen unaufschiebbaren Gang vor, bat, ihm das Mittagsmahl aufzuheben, und begab sich auf einem noch weitern Umweg als vor acht Tagen in den Wald. Bei dem Steine angekommen, hob er ihn empor; es lag kein Zettel da, und nun verbarg er sich erwartungsvoll in seinem früheren Versteck.

Seine Vermuthung bestätigte sich gar bald. Der Feldbauer kam, suchte erst vorsichtig, doch ohne den Lauscher zu bemerken, die Umgebung ab und legte dann ein Papier unter den Stein, worauf er sich schleunigst entfernte. Schnell war Frieder beim Granit, hob ihn empor und las: „Beim alten Stollen um 9.“

Was nun geschah, konnte er sich denken; er verließ behutsam den Ort und ging nach Hause. Später besuchte er die Nachmittagskirche, um den Kantor an der Orgel abzulösen, und begab sich dann, als nach beendigtem Gottesdienste die jungen Leute zu Tanze gingen, in die Schenke.

Als er dort eintrat, war die Stube von den Soldaten und Ortsbewohnern so gefüllt, daß kaum noch ein leerer Platz zu finden war. Der Bewohner des Gebirges kann der Natur ihre jährlichen Spenden nur unter doppeltem Schweiße und saurer Mühe abringen, und winkt ihm einmal das Vergnügen, so säumt er nicht, sondern giebt sich ihm ohne Zögern und Verweilen hin.

„Sind die Musikant’n bald da?“ frug der Buschwebel, welcher am großen Tische präsidirte, den Wirt. „Wie lang soll man hier wart’n, bis es losgeht? Wenn die Glock’ erklingt, geht’s in die Kirch’, und wenn der Tanz net sofort beginnt, werd’ ich Euch läut’n!“

„Sie sind sogleich hinauf, und Madels sitz’n auch schon genug dabei,“ lautete die Antwort.

„So trinkt aus und kommt in den Saal!“

Frieder konnte sich denken, daß Martha nicht gleich beim Beginn zugegen sein werde; er plazirte sich so, daß er ihr Kommen bemerken mußte, und wartete. Als er sie endlich erblickte, war’s nicht allein, sondern die Mutter befand sich bei ihr. Einige Minuten später erhob er sich und ging hinauf. Sie saßen an einem kleinen Seitentische ganz allein, und eben jetzt brachte der Webel einen Stuhl herbei, um an ihrer Seite Platz zu nehmen.

Noch eine Seite des Tischchens war frei. Frieder schritt sofort hinzu, grüßte höflich und frug:

„Ist’s erlaubt, mit Platz zu nehmen?“

„Nix ist erlaubt,“ erwiderte der Webel. „Schaff’ Dich auf die Seit’, es ist noch Raum genug im Saal!“

Frieder maß ihn mit gleichmüthigem Auge vom Kopfe bis zu den Füßen herab.

„Mir scheint, Sie befinden sich nicht allein hier am Tische, Herr Feldwebel, und die beiden Damen haben jedenfalls das gleiche Recht, über meine Frage zu entscheiden. Die Brüderschaft aber

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bringen Sie bei Ihresgleichen in Anwendung; bei mir kommt sie an die unrechte Adresse!“

Er wiederholte seine Bitte den Frauen, und da diese zustimmend nickten, so winkte er dem Kellner, welcher eilig einen Stuhl herbeibrachte.

„Sind Sie schon für den nächsten Tanz versagt, Fräulein?“ frug er Martha.

„Nein.“

„Darf ich es wagen, darum zu bitten?“

„Gern!“

„Und dann die Uebrigen?“

„Auch diese!“

„Dank! Ich werde Sie nicht ermüden, sondern von Ihrer Erlaubniß nur dann Gebrauch machen, wenn ich bemerke, daß Sie es wünschen.“

„Das geht net, das kann net gelitt’n werd’n!“ fiel hier der Webel eifrig ein. Er kannte Frieder nicht, obgleich er von ihm gehört hatte, und war, da dieser sich in der Kleidung durch nichts auszeichnete, der Meinung, einen gewöhnlichen Bauernburschen vor sich zu haben. „Kein Madel hat das Recht, sich für den ganz’n Tag an einen Einz’gen zu versag’n. Du hast den erst’n Tanz, und den zweit’n hol ich mir!“

„Ich bitte nochmals, das Du hinwegzulassen, Herr Feldwebel! Sie hören, daß ich Ihnen Ihre Ehre gebe, verweigern Sie aber, hier an dieser Stelle anständig zu sein, so werde ich dafür sorgen, daß eine nothwendige Aenderung eintritt!“

„Was, Kerl, Du willst mich von hier wegjag’n und hast Dich doch selber nur herzugedrängt? Soll noch vor dem Tanz das Geschlag’ losgehn, so ist’s am Best’n, es beginnt sogleich! Weich’ fort, sonst schlag ich Dir das Seidel an den Kopf!“

Er hatte sich erhoben und griff nach dem Bierglase. Die beiden Frauen sprangen erschrocken auf, Frieder aber blieb ruhig sitzen und lächelte vornehm.

„Es fällt mir nicht ein, mich an des Königs Rock zu vergreifen; werde ich aber zur Abwehr gezwungen, so kommt die Verantwortung nur auf Sie.“ Und sich zu Martha und ihrer Mutter wendend, bat er: „Bleiben Sie nur immer sitzen; es geschieht Ihnen nicht das Geringste! Ich verstehe es schon, mit solchen Herren umzuspringen, die nicht zu wissen scheinen, was sie ihrer Kleidung schuldig sind.“

„Was? Umspringen willst mit mir, mit dem Buschwebel, an den sich Keiner wagt? Da, hast’ den Topf ins Gesicht!“

Er erhob das Glas zum Schlage. Im Nu aber hatte ihn Frieder beim Gürtel erfaßt, hob ihn hoch empor — ein lauter, vielstimmiger Schrei erscholl durch den ganzen Saal — der Webel flog in einem weiten Bogen zum Fenster hinaus, dessen Flügel offen standen. Der größte Theil der anwesenden Soldaten eilte aus dem Saale und zur Treppe hinab, um nach ihrem Vorgesetzten zu sehen; die Uebrigen jedoch machten Miene, die Niederlage desselben zu rächen. Sie drangen auf Frieder ein. Dieser trat ihnen furchtlos entgegen.

„Wer noch durch’s Fenster will, der komm’ herbei!“

Seine Augen blitzten, und seine Arme streckten sich drohend ihnen entgegen, von denen Keiner ihm bis an das Kinn reichte. Sie stockten; die klugen Musikanten fielen mit einem lustigen Walzer ein, und wirklich verfehlten die Töne auch hier ihre Wirkung nicht: die Angreifenden zogen sich zurück und wurden durch die antretenden und bald sich drehenden Paare zerstreut. Einige Augenblicke später befand sich kein Soldat mehr im Saale; sie standen alle unten beim Feldwebel, welcher Kriegsrath mit ihnen hielt. Er war in die Zweige eines grad unter dem Fenster stehenden Baumes gestürzt und zwar arg zerrissen und zerkratzt, innerlich aber nicht beschädigt worden.

„So ’was darf nur der Bachfrieder thun,“ meinte er, die Spuren des Sturzes so viel wie möglich beseitigend. „Hätt’ ich gewußt, daß er es ist, so wär’ ich vorsicht’ger gewes’n und hätt’ mich net so unvermuthet packen lass’n. Jetzt muß ich nach Haus’, um die andre Uniform anzuthun, denn diese hier muß zum Schneider; nachher aber komm’ ich wieder, und dann wird sich’s find’n, was wir thun. Geht hinauf und wartet, bis ich zurückkehr’!“

Frieder saß ruhig bei den Frauen und unterhielt sich gut mit ihnen. Die Feldbäuerin war zwar eine hohe, früher wohl kräftige Gestalt, jetzt aber hatte das Leid sie geschwächt und gebeugt und den bleichen, einst jedenfalls schönen Zügen seine tiefen Spuren eingegraben. Sie besaß eine über ihren jetzigen Stand weit hinausgehende Bildung, deren segensvolle Wirkung er ja an der Tochter deutlich erkannt hatte, und war erfreut, einmal ein Gespräch führen zu können, welches bei dem einfachen Leben des Dorfes ihr einen seltenen Genuß bereitete.

(links oben)397

Er bemerkte, daß die Soldaten zurückkehrten, sah auch die Blicke, welche sie ihm zuwarfen und ahnte, daß der kaum beendete Streit eine Fortsetzung finden werde, doch ließ er die Frauen nichts davon merken.

Eben wurde ein sanfter Dreher angefangen.

„Willst’ den tanz’n, Martha?“ frug er, jetzt wieder in das trauliche Du und den heimischen Dialekt zurückfallend, welches Beides er in Gegenwart des Buschwebels aufgegeben hatte.

„Wenn Dir’s recht ist, tanz’ ich gar net, Frieder! Ich hab’ kein Wohlgefall’n hier dran und mag auch keinen Zank verschuld’n.“

„Das ist mir grad lieb, Martha. Ich tanz’ auch net an solchem Ort und darf Dir’s also noch viel wen’ger zutrau’n. Ich

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hab’ vollauf Genüg’ an unsrer Red’, die mich anmuthet, als ob ich zu Haus’ sei bei der Mutter.“

Die Bäuerin wollte dieses herzlich gemeinte Kompliment beantworten, doch erstarb ihr schon das erste Wort zwischen den Lippen. Vorn an der Thür war der restaurirte Feldwebel erschienen und hinter ihm der Feldbauer. Der Letztere hatte von dem Ersteren Alles erfahren, und nur die Wuth über das Gehörte konnte ihn bei dem Aussehen seines Gesichtes herbeigetrieben haben. Er warf einen schnellen Blick im Saal umher, ließ dann einen Tisch in die Ecke stellen, vier Stühle dazu und trat dann zu den Seinen.

„Steht auf und kommt herüber. Ich werd’ Euch lehr’n, mit Lump’n zu verkehr’n!“

(links unten)397

Die Frauen blickten erschrocken auf Frieder. Dieser nickte ihnen unbefangen lächelnd zu.

„Ich muß verzicht’n auf die Gesellschaft, aber auf das Andre net, Martha. Brauchst’ Schutz, so bin ich da!“

„Der Schutz bin ich, Du Laff’; Du bist unnütz dazu; kein Mensch wird Dich gebrauch’n,“ fuhr ihn der Bauer an, indem er den Arm der Tochter ergriff und diese über den Saal mehr stieß als führte. „Hier, Buschwebel, hast’ die Tänz’rin, und wir woll’n Den sehn, der ’was dageg’n hat!“

„So tanz’ ich gleich jetzt auf der Stell’. Vorwärts, Madel, und aufgepaßt, Kam’rad’n! Wer stört, der fliegt hinaus!“ erwiderte dieser, indem er Martha aus der Hand des Stiefvaters nahm

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und sie an die Spitze der Kolonne stellte, die zum Tanze bereit stand.

Ein halblautes Murren erhob sich unter den anwesenden Burschen, theils über die Behandlung des schönen Mädchen und theils darüber, daß der Webel sich nicht an den ihm zugehörigen hintern Platz, sondern voran stellte. Martha warf einen bittenden Blick auf Frieder, der sich schnell erhoben hatte. Sie wollte lieber mit dem Verhaßten tanzen, als den Jüngling einer Gefahr aussetzen. Aber schon stand dieser in der Mitte des Saals und winkte der Musik Schweigen. Dann schritt er auf den Webel zu.

„Die Tänz’rin ist mein; ich hab sie engagirt. Bitt’, Martha, Deine Hand!“

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Der Feldwebel hielt das Mädchen fest und zog sie einige Schritte zurück.

„Herbei, Soldat’n, es geht los!“

Frieder trat zurück und wandte sich an die Dorfburschen.

„Wer hat Herz und hält zu mir? Herbei, wer ’was auf seine Tänz’rin giebt und sie sich net verschimpfiren lassen will!“

Im Nu waren die Jacken herunter, und sämmtliche jungen Leute standen bei ihm.

„Kellner, die Thür weit auf!“ gebot Frieder und trat auf seinen Gegner zu.

„Jetzt gilt’s die Wahl, Herr Feldwebel. Sie hab’n den Krieg erklärt und er mag losgehn: Entweder bekomm’ ich meine Tänz’rin oder“ — er erhob mit deutlicher Bewegung den Arm — „erst durch das Fenster, jetzt durch die Thür!“

Die Soldaten sahen die nervigen Arme der Bauernburschen und die weit überlegene Zahl derselben, sie zogen sich langsam von dem Feldwebel zurück. Dieser bemerkte die Flucht, er erkannte, daß seine Partei trotz der Stärke des Feldbauers und auch seiner eigenen Unerschrockenheit den Kürzeren ziehen werde, und ließ die Hand von Martha.

„Schön, so gehts auch ohne Kampf,“ meinte Frieder. „Wer blanke Knöpf’ am Rock hat und in fünf Minut’n noch im Saal ist, wird exgeschafft. Ich will Euch zeig’n, was es heißt, sich unsern Madels aufzuzwingen und dazu zum Kampf zu blas’n! Vorwärts, angetret’n zum Tanz!“

Die Musik fiel ein; er tanzte mit Martha vor, die Anderen folgten, und die Soldaten schlichen Einer nach dem Andern aus dem Saal. Nur der Buschwebel blieb beim Feldbauer stehen. Als die gegebene Frist verlaufen war, trat Frieder zu ihm.

„Links schwenkt, marsch!“

Er faßte ihn beim Kragen. Da trat der Bauer an ihn heran.

„Den läßt gehn’, sonst hast’s mit mir zu thun!“

„Ich hab’ gesagt, daß ich Dir aus dem Weg geh’, Feldbauer; doch komm’ mir net in den meinen. Der Webel geht hinaus, und damit basta!“

„Er bleibt hier! Und mein Madel gibst’ her; es hat Keiner ein Recht auf sie, als dem ich es geb’!“

„Was hast’ für ein Recht zu vergeben? Bist’ etwa der Vater oder der Vormund?“

„Der Vater bin ich und befehl’, daß sie kommt!“

„Der Stiefvater bist’, der Henker und Pein’ger. Aber das sag’ ich Dir, Feldbauer, wenn die Martha über Dich klagt, daß Du ihr den Streit entgelt’n läss’st, so laß ich sie Dir von der Obervormundschaft fortnehmen! Sie soll hier bei der Mutter sitz’n, doch nur so lang es mir gefällt, net Dir! Jetzt nochmals vorwärts!“

Der Feldwebel legte die Hand an den Degen und machte Miene, ihn zu ziehen, sofort aber flog er unter die bereitstehenden Bursche hinein, diese schoben ihn weiter, Einer dem Andern zu, und er kam durch die Thür und zur Treppe hinab, ehe er nur den geringsten Widerstand zu leisten vermochte. Innerlich beschämt, doch ohne dies sich zuzugestehen, verließ er die Schenke, wo er zweimal nach einander die schmachvollste Niederlage erlitten hatte, und begab sich nach seinem Quartiere. Als er am Bachhof vorüberging, schüttelte er drohend die Faust gegen denselben.

„Das werd’ ich dem Frieder gedenk’n! Er und der Waldkönig, sie sind mir verfall’n, der Ein’ weg’n der Lieb’ und der Andre weg’n der Ehr’!“

Rache brütend, saß er in der ihm eingeräumten Stube des Feldhofes, bis der Bauer mit Martha und ihrer Mutter nach Hause kam. Dieser hatte sich auf dem Saale außerordentlich ruhig verhalten und kein Wort mit den Frauen gewechselt, sich auch auf dem Heimwege vollständig schweigsam gezeigt. Die Drohung Frieders, sich an die Obervormundschaft zu wenden, hatte ihre Wirkung nicht verfehlt. Ueberhaupt war es nicht die unvergleichliche Körperstärke des jungen Mannes allein, sondern in demselben Grade auch die geistige Ueberlegenheit desselben, was ihm imponirte, wenn er dies auch weder sich selbst noch einem Andern gegenüber Wort haben mochte.

„Nun, ’hast Dein Wort schön gehalt’n!“ meinte er, als der Feldwebel zu ihm in die Wohnstube trat. Die Beiden hatten nicht lange gezaudert, Brüderschaft zu schließen. „Erst thust’ als willst’ ihn fress’n, und dann weichst’ zurück und läss’st Dich gar spedir’n. Ihr Soldat’n sind[seid] gar tapfere Leut’ — aber blos mit der Zung’, net mit der Faust!“

„Sei still! Wo ist denn Dein Beistand geblieb’n, den Du mir versproch’n hast? Als es zum Austrag kommen sollt’, bist dagestand’n, als ob Dir die Ernt’ verhagelt sei. Dir schadet’s nix, wenn Dein Gesicht ein paar Schwiel’n und Striemen weiter

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erhält, bei mir aber ist des anders. Was soll der Lieut’nant sag’n, wenn ich gezeichnet oder vielleicht gar zum Dienst untauglich gemacht werd’?“

„So steck’ die Händ’ in die Hos’ntasch’, und ich will Dich in den Glasschrank setz’n; da bist’ gut aufbewahrt! Aber nimm den Rath von mir, daß Du die Sach’ zur Anzeig’ bringst. Man hat sich an des Königs Rock vergriff’n, und da ist große Straf’ darauf gesetzt!“

„Du redest wie ein Buch — aber was für eins! Die Martha hat sich versagt, und ich hab’ sie auf Deine Aufmunterung net hergegeb’n, sondern vielmehr meine Leut’ zum Kampf geruf’n. Ich allein bekomm’ die Schuld und muß nur noch froh sein, wenn ich net selber angezeigt werd’. Und wer ist Schuld daran? Das Madel und Du! Sie ist in ihn vernarrt, das hab’ ich gleich geseh’n, und Du hast den groß’n Mund aber die kleine Faust. So sind wir abgezog’n wie der Fuchs, der den Schwanz im Eis’n läßt!“

„In ihn vernarrt? Bist’ recht gescheidt! Meine Tochter vernarrt in den Bachfrieder, dem ich das Gesicht und noch viel mehr verdank? Das wär’ mir die Lotterie, in der er die große Niet’ bekommt und Andres obendrein! Das weiß er auch, und das machst’ nur Dir weiß, aber net mir!“

„Schon gut[!] Wirf sie ihm an den Hals und den Feldhof dazu. Der Buschwebel findet schon Eine, die zu seinen dreißigtausend Thalern paßt. Aber ich will mit Dir gar net streit’n, ich hab’ andre Ding’ vor, denn wenn ich den König fang, so bekomm’ ich die Prämie und steig’ ganz sicher zum Lieutenant empor!“

„Dann bin ich der Erst’, der Dir gratulirt,“ meinte der Bauer mit zweideutigem Lachen. „Und dann wird auch die Martha anders sein. „Herr Lieut’nant“ klingt doch noch ganz anders als „Buschwebel“. Mach nur schnell. Vielleicht ergreifst’ ihn heut’ an der Schießhütt’, wenn Dir’s glückt!“

„Es wird schon glück’n. Ich hab’ meine zwanzig Mann, und der Offizier kommt mit zwanzig, das macht Vierzig, die Grenzer und Jäger gar net gerechnet. Er muß unser werd’n! Jetzt geh’ ich fort zum Rendezvous; ich hab’ net viel Zeit zu verlier’n.“

„Zum Rangtewuh? Was ist das für ein Kerl?“

„Feldbauer, Du bist ein Esel! Rendezvous ist französisch und heißt der Ort, wo man sich versammelt. Aber das kannst’ ja net wiss’n, weil Ihr Bauern überhaupt die Klugheit net löffelweis’ verschlungen habt!“

Er ging. Der Bauer sah ihm durch das Fenster nach.

„Feldbauer, Du bist ein Esel! So ist’s gemeint? Ob er den Waldkönig wohl auch für einen Esel hält? Ich mein’, der wird’s ihm zeig’n, wer die Klugheit mit Löffeln verschlingt, er oder der Prahlwebel, der Alles fangen will und sich doch vom Saal fortwerf’n läßt!“

Er verzehrte sein Abendbrot und gab dann vor, schlafen zu gehen.

Frieder hatte nach ihm den Saal verlassen und war, um nicht bemerkt und abgehalten zu werden, vom Garten aus in den Bachhof getreten und hatte auch ungesehen sein Zimmer erreicht. Dieses war ganz wie das Studirzimmer eines Gelehrten eingerichtet, und auch die Möbels boten eine Bequemlichkeit, wie sie sonst auf dem Dorfe nicht gebräuchlich ist. Er zog sich um und steckte außer dem Revolver noch eine Maske zu sich, die er aus dunklem Stoffe sich heimlich angefertigt hatte.

„Die Larv’ brauch ich heut, damit mein Gesicht net hell von der Umgebung absticht, und auch für den Fall, daß ich Jemand begegne. Der Waldkönig darf net erfahr’n, daß ich nach ihm geh’, sonst läßt er mich bewach’n, und der Anstand wird mir doppelt schwer gemacht.“

Es gelang ihm, den Hof wieder unbemerkt zu verlassen, und eine halbe Stunde später war er vor dem Trichter angelangt. Der Abend hatte sein Dunkel bereits über den Wald gelegt, doch spendete die Sichel des abnehmenden Mondes so viel Helle, daß man einige Schritte weit zu sehen vermochte.

Er verbarg sich heut nicht am Rande des Einsturzes, sondern glitt die Senkung hinab bis an die Stelle, wo er das Licht hatte aufblitzen sehen. Dort gab es ein dichtes Himbeerstrauch- und Farrengewirr, in welches er sich verkroch. Die vorgebundene Maske machte es unmöglich, sein helles Gesicht zu erkennen, und so fühlte er sich trotz der Verwegenheit seines Unternehmens vollständig sicher. Die Pascher mußten hart neben ihm den Eingang suchen, und da er tief am Boden lag, so war anzunehmen, daß sich jede ihrer Bewegungen deutlich gegen den helleren Himmel abzeichnen werde.(Fortsetzung folgt.)

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Der Waldkönig.

Eine Erzählung aus dem ErzgebirgevonKarl May.

(Fortsetzung.)

Der Erste kam und stieg hernieder. Nachdem seine Hand einen grad oberhalb Frieders Kopf liegenden Punkt berührt hatte, bückte er sich nieder; ein leises Rollen ließ sich hören, dann verschwand er, auf den Knieen kriechend, im Innern des Stollens.

Frieder rührte sich nicht. Auch der Zweite, der Dritte und Vierte kam — dasselbe Berühren der angegebenen Stelle und dasselbe langsame Verschwinden. So ging es beinahe eine Stunde fort, vom Fünften bis zum Neunzehnten, und selbst als dieser in das Versteck gedrungen war, veränderte der Lauscher seine Lage nicht, denn das geringste Geräusch konnte seine Anwesenheit verrathen.

Beinahe die gleiche Zeit wie vor acht Tagen mußte er warten, ehe die dunklen Männer der Erde wieder entstiegen. Hinter dem Letzten leuchtete auch heute der helle Schein für einen Augenblick und ließ die Linien des Viereckes, welches den Eingang bildete, mit großer Bestimmtheit erkennen; dann schloß sich derselbe, die Schritte verklangen, und es herrschte tiefe Stille ringsumher.

Er wartete noch einige Zeit und stand dann schon im Begriff sich zu erheben, als das Rollen nochmals erklang. Augenblicklich senkte er sich in seine vorige Lage zurück und hielt das Auge auf den sich wieder öffnenden Eingang gerichtet. Ein Mann kroch hervor und stellte sich neben ihm auf. Er trug, wie Frieder deutlich sah, langes, dunkles Haupthaar, welches bis auf die Schultern niederhing, und einen eben solchen Vollbart, den die vorgebundene Maske nicht zu verhüllen vermochte. In seinem Gürtel blitzte neben einigen Pistolenläufen eine offene Messerklinge, und mit der rechten Faust hielt er den oberen Lauf einer kurzen Stutzbüchse umschlossen.

Das war jedenfalls kein Anderer als der Waldkönig. Sollte

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Frieder ihn fassen? Sollte er ihn niederschießen? Ein Griff nach dem Revolver genügte dazu. Doch nein, sein ganzes Geheimniß mußte unverhüllt daliegen, ehe er ihn greifen wollte, und zwar mit der ganzen verbrecherischen Genossenschaft.

„Es ist gut dunkel, das paßt, um mir den Spießer zu hol’n. Sie sind All’ bei der Schießhütt’, und ich kann sicher geh’n!“ murmelte der Vermummte, indem er sich anschickte, die Senkung zu ersteigen.

Als er fort war, richtete sich Frieder auf.

„Ja, es ist der Feldbauer! Hätt’ ich net seine Stimm’ gehört, die er hier net verstellt’, weil er gemeint hat, allein zu sein, so hätt’ ich ihn gar nimmer erkannt, so gut war er verkleidet. Er geht wildern und kommt nach mehr Stund’n erst zurück, das ist gewiß. Jetzt bin ich ungestört und werd’ net wart’n bis früh, sondern den Stoll’n sofort untersuch’n. Er hat das Licht brennen lass’n; es schien hinter ihm her; sonst dürft ich’s net wag’n.“

Er untersuchte nun den Verschluß mehr mit der Hand als mit dem Auge. Er bestand aus einem Steine der jedenfalls auf Rollen ging, und war auf seiner Außenseite mit Moos bekleidet und über diesem von einer großblättrigen Pflanze bedeckt, welche es unmöglich machte, seine von der Umgebung gelösten Umrisse zu erkennen. Frieder versuchte, ihn nach Innen zu bewegen; es gelang ihm nicht trotz Anwendung aller seiner Kräfte. Daher erhob er sich wieder und prüfte die Stelle, nach welcher Alle, auch zuletzt der König selbst, so auffällig gelangt hatten. Es war eine aus der Erde stehende Wurzel, aber kalt und unbiegsam, jedenfalls, wie eine nähere Untersuchung ergab, aus Eisen künstlich nachgebildet und mit Naturfarbe überstrichen, so daß sie bei einer zufälligen Betrachtung nicht auffällig erschien.

Frieder versuchte sie zu bewegen, es gelang. Sie war in Gestalt eines Drehlings geformt, welcher sich durch eine Verbindungsstange in das Innere fortsetzte und dort voraussichtlich in einer Vorrichtung endete, welche das Schließen und Oeffnen bewerkstelligte. Jedenfalls bestand diese nur aus einer korrespondirenden Stange oder Schiene aus Eisen, welche sich, je nachdem man die Wurzel drehte, vor den Stein legte oder sich von demselben zurückzog.

Dies bekam Frieder erst nach vielem Probiren weg, dann stellte er die Wurzel, rollte den Stein nach Innen und kroch durch die jetzt entstandene Oeffnung, den Revolver in der Hand, in den Stollen.

Eine wohlgefüllte Thonlampe brannte am Boden, doch war, so weit ihr Schein reichte, kein lebendes Wesen zu bemerken. Der furchtlose junge Mann brachte den Stein wieder in seine vorige Stellung und bemerkte auch die vermuthete Eisenstange, welche er vorschob, um den Verschluß zu bewerkstelligen. Dann nahm er die Lampe vom Boden auf und untersuchte den Stollen zunächst in der Richtung nach seiner verschütteten Mündung zu. Er fand nichts Bemerkenswerthes und ging wieder zurück. Am Eingange jetzt vorüberschreitend, gelangte er bald an eine eingehauene Nische, in welcher mehrere Stufen aufwärts führten; doch war die früher jedenfalls über ihnen vorhandene Oeffnung vor kurzer Zeit, wie sich an dem Gemäuer erkennen ließ, wieder zugebaut worden.

„Das sind die Stuf’n, welche der Vater hinabstieg’n ist damals, und feucht und kalt ist’s auch, das stimmt. Hier ist die That gescheh’n, und hier wird auch meine Rach’ über sie kommen wie der Blitz, den man net vorher ahnt und geg’n den es kein Entrinnen giebt!“

Nicht weit davon entfernt gab es eine starke, eichene Thür. Sie war geöffnet, doch hing in dem Haspen ein großes, eisernes Vorlegeschloß. Der Raum hinter ihr war niedrig und eng, und das auf dem Boden liegende faulige Stroh ließ ebenso wie der in der Ecke stehende halb zerbrochene Wasserkrug vermuthen, daß diese Höhlung als Gefängniß verwendet werde.

Frieder ging weiter und kam an eine Stelle, wo der Stollen künstlich erweitert worden war. Rohe Steinbänke standen ringsum; viele Nägel staken in den Wänden, und von der Decke hing eine Oellampe, deren Cylinder noch Wärme zeigte. Dies war allem Anscheine nach der Versammlungsort der Bande.

Von hier aus führte der Stollen eine lange Strecke immer in gerader Richtung unter der Erde fort, bis plötzlich eine querüber laufende Mauer ein unübersteigliches Halt gebot. Frieder untersuchte Zoll für Zoll derselben, ebenso den Boden, die Decke und die Seitenwände, fand aber nicht das Mindeste, was auf einen versteckten Durchgang schließen ließ. Er klopfte; der Ton klang hohl. Der Gang setzte sich also jenseits fort, doch war es allerdings möglich, daß er von den Schmugglern nicht benutzt wurde.

„Aber wie ist der Waldkönig in den Stoll’n gekommen? Beim Stein da vorn net, sonst hätt’ ich ihn ja bemerkt. Es muß noch

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einen Zugang geb’n, den er nur für sich benutzt! Heut ist’s zu spät, weiter zu forsch’n; ich werd’ die nächst’n Tag’ dazu benutzen. Jetzt muß ich fort, sonst wag’ ich doch zu viel!“

Er ging zurück, setzte die Lampe auf derselben Stelle nieder, von welcher er sie aufgenommen hatte, schob die Eisenstange zurück, zog den Stein von der Oeffnung und stieg in das Freie. Nachdem er vermittelst der Wurzelkurbel den Eingang wieder verschlossen hatte, trat er den Nachhauseweg an. Er wußte sich vollständig sicher. Der König wilderte jedenfalls nicht in der Richtung des Dorfes; die Schmuggler waren nach der Grenze gegangen, und so hielt er es nicht für nothwendig, seine Schritte unhörbar zu machen.

Eben war er in die Nähe des Forsthauses gelangt, als er ein scharfes „Halt, steh, oder wir schieß’n!“ vernahm und zugleich sah er von vorn und der Seite mehrere Gewehrläufe auf sich gerichtet.

„Gut’ Freund! Was soll’s?“ antwortete er, stehen bleibend.

„Wer bist’?“

„Der Frieder vom Bachhof.“

„Ah,“ vernahm er die Stimme des Feldwebels, „sind Sie

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es, Herr Goliath junior? Darf ich bitt’n, die Mask’ abzuleg’n!“

Frieder erschrak. Er dachte erst jetzt daran, daß er sie noch nicht vom Gesicht genommen hatte. Er band sie los. Der Feldwebel trat, während seine Leute die Gewehre noch immer im Anschlage hielten, auf ihn zu und sah ihm in das Gesicht.

„Ja, er ist’s. Hab’n Sie Waff’n bei sich?“

„Ja, einen Revolver.“

„Gelad’n?“

„Vollständig.“

„So so! Da hätt’n wir ja einen von den Kerls, vielleicht gar den Herrn Urian, den Waldkönig selber. Her mit der Waff’ und der Larv’!“

Frieder wußte, daß der Feldwebel in seinem Rechte handle[,] und übergab Beides.

„Gut. Jetzt bist’ mein Gefang’ner. Also darum ließ sich keine Flieg’ bei der Schießhütt’ sehn um Neun, weil der Zettel falsch war und uns verleit’n sollt’. Unterdess’n ist hier ein Putsch

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gescheh’n, und es ist nur gut, daß ich auf Patrouille ging, sonst wär’ der Vogel glücklich heimgekommen. ’Wirst Niemand mehr durch’s Fenster werf’n und net mehr oft mit der Martha tanz’n, mein Bursch’. Vorwärts marsch!“

„Oho, so weit sind wir wohl net! Warum ich die Larv’ anthu, das ist meine Sach’, und den Revolver darf ich trag’n.“

„Wer hat’s erlaubt?“

„Der Förster.“

„Das wird sich find’n. Marsch vorwärts! sag ich, sonst brauch’ ich Gewalt!“

„Papperlapapp, die Gewalt kennt man schon! Wie weit sie reich’n darf, das weiß ich auch. Dort ist noch Licht im Forsthaus, und der Förster wird daheim sein. Jetzt geh’ ich gerad’n Weg’s zu ihm, und Ihr dürft mitkommen. Wer mich aber anrührt, den schlag’ ich zu Pulver. Ihr kennt mich, und damit Punktum!“

Er ging auf das Forsthaus zu, und der Webel folgte ihm mit den Seinen auf dem Fuße. Er getraute sich doch nicht, sich an dem

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„Goliath junior“ zu vergreifen. Der Förster war eben erst von der Schießhütte nach Hause gekommen und blickte allerdings verwundert auf, als er seinen Freund unter solcher Begleitung bei sich eintreten sah.

„Frieder, du? Wie kommst’ zu dieser Stund’ zu mir?“

„Er ist unser Gefang’ner,“ schnitt der Feldwebel die Antwort ab. „Er gehört zu der Bande des Waldkönigs.“

„Der Frieder? Sind Sie bei Sinnen, Herr Feldwebel?“

„Sogar sehr! Wir hab’n ihn auf der That ertappt.“

„Auf welcher That? Wie kann der Frieder zum Waldkönig gehör’n, der seinen Bruder erschoss’n und seinen Vater geblendet hat!“

„Das geht mich nix an! Er hatt’ eine Larv’ im Gesicht und den gelad’nen Revolver bei sich, als wir ihn fand’n.“

„Und hat Ihnen Beides ohne Geg’nwehr übergeben?“

„Die Wehr hätt’ ihm nix geholf’n!“

„Das muß ich sehr bezweifeln, wie ich ihn kenn’. Den Revolver hab’ ich ihm erlaubt; er ist freiwillig mein Gehülf’ im Forstwes’n

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und darf in den Wald[,] wenn und wie er will, bewaffnet oder net, ganz wie es ihm gefällt. Ich werds verantwort’n.“

„Da kann ich nix dageg’n sag’n. Aber die Larv’?“

„Das ist seine Sach’.“

„Oder auch net. Der König geht mit der Larv’ und seine Leut’ all’ mit ’nander auch. Wer sich im Wald maskiert, wird arretiert.“

„Wo steht’s geschrieb’n?“

„Das versteht sich von selber! Er soll mich net umsonst heut aus dem Fenster und aus der Thür geworfen hab’n. Er bleibt Arrestant und wird aufs Gericht transportirt! “

„Also net weg’n der Mask’, sondern aus Rachsucht. Zeig’n Sie ’mal den Revolver und die Larv’!“

Der Buschwebel reichte ihm Beides hin. Er nahm die Gegenstände und gab sie dem Freunde, welcher der Verhandlung lächelnd zugehört hatte, zurück.

„Hier hast’ die Sach’n, Frieder. Geh’ nach Haus’. Und wer ’was dageg’n hat, der mag auch mich vor Gericht verlangen!“

„Halt,“ gebot der Webel; „her mit dem Corpus delicti! Es gehört mir und der Gefang’ne dazu!“

Da legte ihm Frieder die Hand auf die Schulter.

„Feldwebel, jetzt will auch ich ’mal sprech’n! Sie hab’n gehört, was der Förster sagt. Er bürgt für mich, und das ist mehr als genug, denn er und ich, wir sind jederzeit zu find’n. Ich werd’ vielleicht doch noch Wen durch’s Fenster werf’n und mit der Martha tanz’n, wenn mir’s paßt. Jetzt aber geh ich nach Haus’, und wer nur die Mien’ verzieht, mich d’ran zu hindern, der wird sogleich seh’n, was passirt. Ich lass’ mich weder zur Schießhütt’ noch ins Bockshorn jag’n. Merkts, und nun gut’ Nacht!“

Er ging, und Keiner getraute sich, ihm den Weg zu vertreten. — — —

IV.In der Falle.

Der Buschwebel hatte doch die Anzeige gemacht und eingesandt, und die Folge davon war, daß Frieder vom Amte einen Bestellzettel erhalten hatte und heut in die Stadt geritten und im Verhör gewesen war. Dieses schien einen für ihn befriedigenden Verlauf genommen zu haben, wie die Miene zeigte, mit welcher er das Pferd bestieg, um wieder heimzukehren.

Ein gut Theil über die Hälfte des Wegs war zurückgelegt, und er gelangte an ein einsames Wirthshaus, welches mitten im Walde an der Straße lag. Ein hochbeladener Heuwagen hielt vor der Thür, und er erkannte das Gespann als Eigenthum des Feldbauern. Er konnte annehmen, daß derselbe Leute genug habe, um dergleichen Fuhren nicht selbst unternehmen zu müssen; jedenfalls führte ein Knecht das Geschirr, und es war dann kein Grund vorhanden, auf den frischen Trunk zu verzichten, welchen er hier zu sich nehmen wollte.

Er stieg daher ab, befestigte die Zügel an das Staket und trat in die Stube. Er hatte sich getäuscht. Außer einigen Holzhackern, welche im Winkel ihr mageres Brod verzehrten, befanden sich der Feldbauer und einige Soldaten in dem Zimmer. Sie waren auf einem Patrouillengang durch den Forst hier eingekehrt und wurden von dem sonst nicht sehr freigebigen Bauer auf das Beste traktirt. Frieder setzte sich an einen separaten Tisch, ließ sich sein Bier geben und wandte sich von den Anwesenden dem Fenster zu.

„Trinkt immer, trinkt,“ meinte der Feldbauer mit einem giftigen Blick auf den Neuangekommenen. „Ehrliche Leut’, die ohne Larv’ sich sehen lass’n, dürf’n in das Wirthshaus gehn; Andre aber sollt’ man durch die Polizei fortweis’n!“

„Was ist’s denn mit der Larv’?“ frug der Wirth.

„Nix weiter, als daß man die kleinen Spitzbub’n hängt, die groß’n aber lauf’n läßt. Der Buschwebel hat Einen gefangen, der die Mask’ und den Revolver getrag’n hat. Er gehört ganz sicher zum Waldkönig, hat sich aber gut herausgelog’n und wagt’s auch noch, bei Männern zu sitz’n, die keine Mörder und Blender sind!“

„Wer ist’s denn?“

„Ja, da fragst’ mich zu viel. Schau Dich darnach um!“

„Ach so! Warst’ in der Stadt?“ forschte der Wirth ablenkend.

„Ja. Das Heu ist mir heuer verregnet, so daß ich mit meiner Ernt’ net reich’; da es nun jetzt billig ist, will ich mir einen Vorrath hol’n.“

Frieder trank sein Bier, bezahlte und ging. Die Niederträchtigkeit seines Feindes war so ungeheuerlich, daß er sie kaum zu fassen vermochte. Als er an dem Wagen vorüberlenkte, durchzuckte ihn ein Gedanke.

„Ist dem Feldbauer wirklich das Heu vernäßt, so daß er sich

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welches kauf’n muß? Seine Wies’n trag’n ja grad so gut wie die unsern, und der Bachhof hat doppelt so viel Futter, als er verbrauch’n kann! Und warum fährt er selber? Da steckt ’was dahinter, und er traktirt die Soldat’n net umsonst, so viel ist gewiß. Ich muß ihn auf der Zech belausch’n, wenn er das Heu ablädt!“

Er nahm den Braunen scharf in die Zügel und sah bald das Dorf vor sich liegen. Vor demselben und zwischen der Straße und dem Feldhof erblickte er Martha, welche am Ufer des Baches Wäsche netzte. Er konnte sich diese Gelegenheit, einige Worte mit ihr zu wechseln, unmöglich entgehen lassen und lenkte zu ihr hin.

„Gut’ Arbeit, Martha! ’Hast große Wäsch’?“

„Ja, da giebt’s zu thun, Frieder. Aber welch ein Glück, daß der Vater net zu Haus’ ist!“

„Weshalb?“

„Es ist uns am Montag gar bös ergangen, Frieder, und so schlimm wie da ist er noch gar nie gewes’n.“

„Weg’n dem Tanz?“

„O nein. Von dem hat er kein Wort gesagt. Aber von weg’n Dem, daß Du dann im Wald gewes’n bist mit dem Revolver und verlarvt.“

„Das weißt’ auch schon?“

„Der Buschwebel hat’s ihm gleich in der Früh’ erzählt, und dann brach das Gewitter los. Frieder, das war schauderhaft! Der Vater hat gesagt, ich sei in Dich — — —“

„Du sei’st — — was denn, Martha?“

„Ich kann’s net sag’n! Dann hat er mich beim Haar ergriff’n und ebenso die Mutter, die mir mit Flehn zu Hülf’ kommen wollt’. Nachher — — —“

„Halt, Martha, erzähl’ net weiter, sonst reit’ ich wieder zurück und zertret’ ihn zu Staub und Brei, wo ich ihn find’! Ich weiß jetzt All’s; das Maß läuft immer voller, und ist der letzt’ Tropf’n hinein, so kommt die Fluth, in der er untergeht!“

„Frieder, ich bitt’ gar schön, thu’s net! Du bist ihm über, das wiss’n All’, aber es kann nix d’raus werd’n als Kummer, Sorg’ und Unheil!“(Fortsetzung folgt.)

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Der Waldkönig.

Eine Erzählung aus dem ErzgebirgevonKarl May.

(Fortsetzung.)

Bedauerst’ ihn vielleicht?“

„Er ist ja doch der Vater! Die Mutter wär’ schon längst von ihm, wenn net die Schand’ dabei zu fürcht’n wär’. Sie hat ihn niemals lieb gehabt und wohl auch nimmer acht’n können, und ich, ich zittre, wenn ich ihn nur seh. Aber der Zorn bringt schlimme Frucht, Frieder.“

„Wer sie sä’t, der wird sie ernt’n, Martha; das ist ein göttlich’ Gesetz, daran Niemand das Geringst’ zu ändern vermag. Ich bin ihn auch heut, erst vorhin wieder geflohn, als er mit mir beginnen wollt’, doch wo er mir das Herz antastet, da soll er net auf Nachsicht rechnen. Lieber laß’ ich mir den Hof wegbrennen als Den beleid’gen, den meine Lieb’ umfangen hält! Was hast gedacht bei meinem Gang zum Wald?“

„Der Vater sagt, Du seist der Waldkönig; ich aber hab’ gleich das Richt’ge vernommen: Du hilfst dem Förster. Net wahr?“

„Der hat es mir bezeugt. Jetzt komm’ ich vom Gericht und hab’ den Freipaß für den Wald bei Tag und Nacht.“

„Und wirst auch hinausgehen.“

„Warum sollt’ ich net?“

„Frieder, thu’s net! Es ist jetzt gar viel Gefahr im Wald, und selbst der Tapferst’ kann net sag’n, ob er gut daraus hervorgeht. Es giebt ja Leut’, um deretwill’n Du Dich schonen mußt!“

„’Hast recht, Martha! Aber es giebt auch einen Engel, der mich beschützt bei jedem Weg, den ich thu.“

„Welcher ist das?“

„Du selbst!“

„Ich? Wo denkst’ hin! Meinst wohl, weil ich bei der Wäsch’ bin, wo man weiß und sauber geht!“

„Dann wärst’ ja blos der Wäsch’engel! Aber sag, warum legst’ sie hier auf die Wies’ und net in den Gart’n, wo es bequemer ist?“

„Wir hab’n dort kein Wasser. Der eine Brunnen wird reparirt, und der andre, den der Vater ganz nur allein gegrab’n hat, giebt keinen Tropf’n, weil er in den Stoll’n gestoß’n ist, der unter dem Hof fortgeht. Wir dürf’n davon gar net red’n, sonst wird der Vater bös; er sagt, die Leut’ lach’n ihn aus, wenn sie hör’n, daß er Wasser gesucht hat da, wo keins zu find’n ist.“

„Wie alt ist dieser Brunnen?“

„So alt, als ich auf dem Feldhof bin. Er grub ihn gleich in der erst’n Zeit und nur bei Nacht.“

„So weiß die Gemeind’ gar nix davon?“

„Nein, weil’s zu viel’ Umständ’ macht. Nur die Mutter hat’s gewußt und ich. Die Mündung ist in der Hinterkammer neb’n der Scheu’n, wozu er nie den Schlüssel herausgiebt. D’rum also muß ich auf die Wies’.“

„Und das ist gut, Martha, sonst hätt’ ich Dich jetzt net gesehn!“

„’Wirst mich auch heut am Abend sehn, wenn ich es möglich mach’n kann. Er geht wieder um Acht zur Ruh.“

„Ja komm’, Martha! ’Wirst große Freud’ anricht’n. Und sollt’ ich net sofort daheim sein, so komm’ ich sicher, noch eh Du wieder gehst. Leb’ wohl!“

„Leb’ wohl, Frieder!“

Sie blickte ihm nach, wie er dem Braunen die Sporen gab und in eleganter Sicherheit auf demselben über die breiten Gräben setzte. Wie war er doch so ganz anders als die Männer, welche sie bisher kennen gelernt hatte, besonders aber als der Vater! Sie durfte ihm gar nicht erzählen, wie dieser sie und die Mutter am Montag mißhandelt -

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mißhandelt hatte. Es war noch viel ärger gewesen[,] als sie angedeutet hatte, und wenn sie auch den eigentlichen Grund nicht kannte, der den Feldbauer über den nächtlichen Gang Frieders in solche Wuth versetzt hatte, sie wußte doch, daß diese Zornesergüsse wiederkehren würden, da es nicht in ihrer Absicht lag, dem wilden Manne das jung emporsprossende Glück ihres Innern zu opfern.

Frieder kam nach Hause. Er mußte darüber lächeln, daß seit seinem Hiersein ihn der Waldkönig fast mehr in Anspruch nahm als das Bachgut. Er war abermals gezwungen, den Feldbauer zu belauschen und zwar ohne Verzug, und konnte daher den Eltern nur kurze Auskunft ertheilen.

„Nun, wie war’s auf dem Amt’?“ frug der Vater.

„Ganz wie ich’s gedacht hab’. Sie wollt’n Alles wiss’n, ich hab’ ihnen aber blos gesagt, daß ich mich weg’n dem König vermaskir’. Dann mußt’ ich von Euch erzähl’n und bekam darauf die Erlaubniß, zu thun, was ich für gut halt’.“

„Ja, warum sagst’ doch net, was Dir arrivirt ist im Wald? Wenigstens uns kannst’s doch erzähl’n. Wir sind gar sehr erschrock’n, als wir hört’n, daß Du es machst wie der Franz; ’wirst uns wohl auch so ein Herzeleid bringen wie er. Was soll d’raus werd’n?“

„Nix Anders, als daß ich den König fang’, Vater; d’rauf kannst’ Dich verlass’n!“

„Ja, grad so wie der Franz und ich! Dann wirst eines Tag’s am Baum gefund’n[,] oder Du kommst eines Morgens heim ohne Aug’ und Licht.“

„Vater, sorg’ Dich net! Ich bin groß und alt genug, um zu wiss’n, ob ich sicher geh —“

„Ich war’s auch!“

„Und grad jetzt nun weiß ich ganz genau, daß er mir nix schaden kann. Er ist schon fest in meiner Hand.“

„Fest — in Deiner Hand —?“ Der Blinde sprang auf, und auch die Mutter trat hinzu. Sie hatte das Wort noch nicht ergriffen, weil der Vater ja auch ihre Gedanken aussprach. „Ist’s wahr, Frieder, sag’ schnell, ist’s wirklich wahr?“

„So wahr, als ich vor Euch steh!“

„So red’, wer ist’s? Schaff ihn mir zur Stell’, rasch, jetzt gleich, damit mein täglich Gebet Erhörung find’ und ich ihn unter mir zerdrück’, wie der Funk’ zerstiebt unter dem Hammer, der Eis’n zermalmt. Sag’ ihn, bring’ ihn; ich will ihn hab’n, ich muß ihn hab’n, sofort und ohn’ Verzug!“

Ein einziger Augenblick hatte den alten Mann in eine Aufregung versetzt, die ihn alles Andre vergessen ließ. Frieder versuchte, ihn zu besänftigen:

„Du sollst ihn hab’n, Vater, aber jetzt noch net. Es ist noch net die recht’ Zeit dazu!“

„Die recht’ Zeit ist stets, ist immer, ist sofort! Oder weißt noch net, wer’s ist?“

„Ich weiß es; aber eh’ ich den Namen nenn’, muß der Beweis vollständig sein und ohne Lück’. Drum hab’ noch eine kleine Zeit Geduld! Du bist der Erst’, der ihn von mir empfängt, das will ich Dir versprech’n!“

Er ging.

Hinter dem Dorfe, da, wo der Wald sich von der Höhe hernieder zu neigen begann, hatte man einst nach Erz gegraben. Der Ertrag war in der ersten Zeit lohnend gewesen, nach und nach aber so gesunken, daß man den Bau aufgegeben hatte. Noch heut trat die Taubgesteinshalde weit aus dem Berge hervor, um deren Rand sich eine rohe, hölzerne Umzäunung zog zum Zeichen, daß der Zugang für den Unberufenen verboten sei. Der Platz gehörte jetzt zum Areal des Feldhofes, und der jetzige Bauer hatte an Stelle des kleinen, verwitterten Häuschens, welches das Mundloch des noch immer offenen Schachtes bedeckte, eine Scheune errichtet, angeblich, um sich bei der Heu- und Grummeternte am Berge die Mühe des Heimbringens zu ersparen. Der Ort wurde noch heut „die Zeche“ genannt, und Niemand kam hinauf, um den Argwohn des gefürchteten Feldbauern nicht zu erregen.

Frieder richtete es ein, daß er von der Forstseite aus die Halde erreichte und an die hintere Wand der Scheune gelangte, wo man ihn vom Thale aus nicht bemerken konnte. Die Thür war verschlossen, das wußte er; doch kostete es ihm keine große Anstrengung, mit dem Messer einen Laden zu öffnen. Er stieg durch diesen in das Innere und verschloß ihn dann wieder. In einer Ecke der Scheune stieg der Schacht in die Tiefe; seine Mündung war mit Brettern belegt. Der übrige Raum war zur Hälfte mit Heu bis unter das Dach angefüllt. Er stieg hinauf und wühlte sich so zwischen die duftigen Bündel hinein, daß er vor Entdeckung sicher sein und doch Alles überblicken konnte.

Der Feldbauer hatte bald nach Friedern die Schenke verlassen; die Räder seines Wagens knarrten, er öffnete die beiden Flügel des

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Thores und schob das ungelenkte Fuhrwerk rücklings in die Scheune. Die Pferde blieben unter dem Eingange halten, der eine so geringe Breite besaß, daß Niemand an ihnen vorüber Zutritt nehmen konnte. Nachdem er die Läden einer raschen Besichtigung unterworfen hatte, legte er Jacke und Mütze ab, entfernte die Bretter von dem Mundloche und zog unter dem Heu eine umfangreiche Seilrolle und einen Gegenstand hervor, dessen Zweck Frieder völlig unbekannt war. Er sollte nicht lange über denselben im Unklaren bleiben.

Nachdem einige Bündel Heu vom Wagen genommen waren, zeigte sich, daß sie nur bestimmt gewesen waren, die eigentliche Ladung dem Auge zu entziehen. Diese bestand in Paketen, kleinen Fässern und Kisten, welche der Bauer mit einer Schnelligkeit ablud, die man seinem massiven Körperbau gar nicht zugetraut hätte. Dann zog er den räthselhaften Gegenstand herbei, welcher aus vier oben in einem Gelenk vereinigten, unten aber sich ankerartig auseinanderbiegenden Eisenstäben bestand, befestigte ihn an dem Seil, belud ihn mit einem Theile seiner Fracht und ließ ihn dann in den Schacht hinab.

Frieder mußte im Stillen die Klugheit seines Gegners anerkennen, welcher eine Vorrichtung erfunden hatte, die das Abladen überflüssig und jede anderweite Hülfe entbehrlich machte. Denn war die Ladung unten angekommen, so stießen die Ankerarme auf den Boden, legten sich auseinander und warfen ihre Last von selber ab; wurde die Vorrichtung dann wieder emporgezogen, so nahm sie ihre vorherige Gestalt an.

Auf diese Weise waren die Güter bald in dem Schachte verschwunden; der Feldbauer versteckte die beiden Gegenstände unter das Heu, bedeckte das Mundloch wieder, warf das noch vorhandene Futter vom Wagen und fuhr davon, nachdem er das Thor verschlossen hatte.

„Jetzt nun kenn’ ich das ganz’ Geschäft!“ athmete Frieder tief auf. „Hier hält er die Einfuhr’, ohne daß ein Mensch ein Wort davon erfährt oder mit einer Silb’ daran denkt; am Stoll’n ist die Ausfuhr’ durch die Pascher, die gar net wiss’n, woher die Päck’ und Kist’n kommen, und dazwisch’n ist der Brunnen, durch den er den Auf- und Abstieg nimmt, wenn man im Feldhof denkt, er schläft. Dort muß er auch die Niederlag’ hab’n, und in der Mauer, die ich betrachtet hab’, ist ein Loch, durch das er geht, obgleich ich’s net zu find’n vermocht’. Aber ich werd’s noch entdeck’n und zwar heut. Er geht wieder um Acht zum Schlag, wie Martha sagt’, und wenn ich auch net beim Stein gewes’n bin, so weiß ich also dennoch, daß seine Leut’ bestellt sind; er hat den Zettel dazu wohl gleich in der Früh besorgt, und jetzt, jetzt steigt er durch den Brunnen, um die Güter parat zu mach’n.“

Er öffnete den Laden und sprang hinaus. Offen lassen durfte er ihn auf keinen Fall, und nur nach langer Mühe gelang ihm der Verschluß. An der Berglehne traf er ganz unerwartet mit dem Buschwebel zusammen, welcher von weiter oben aus dem Walde kam und es so eilig zu haben schien, daß er beinahe von ihm umgerannt worden wäre.

„Was läufst’ hier im Weg herum!“ polterte er mit hochgeröthetem Gesicht, welches sich höhnisch verzog. „’Bist ja mehr im Wald als zu Haus; aber ich werd’ Dir gar bald das Spazier’ngehn verleid’n!“

Frieder sah ihn groß an. War der Mann verrückt, daß er nach den Erfahrungen der letzten Zeit noch in diesem Tone sprechen konnte?

„Feldwebel, mach’n Sie kalte Umschläg’, die Hundstag’ sind vor der Thür!“

„Ja, die Tag’, wo man die Hund’ an die Kett’ legt und ihnen den Beißkorb giebt. ’Wirst auch einen bekommen für Dein Herumstreich’n. Und das gar bald; ich sorg’ dafür!“

Er eilte weiter, geraden Weges auf den Feldhof zu. Vom Flur desselben aus erblickte er den Bauer, welcher eben den Schlüssel an die Brunnenstube steckte.

„Halt, Bauer, komm her!“

„Was soll’s?“

„Eine Neuigkeit, eine wichtige. Komm herauf in meine Stub’, denn hier ist net der Ort dazu!“

Er schritt voran. Der Bauer folgte ihm halb erwartungsvoll, halb mißmuthig. Er war von ihm in der dringendsten Beschäftigung gestört worden.

„Nun, Buschwebel, was giebt’s, daß ich hierher geschleppt werd’?“

„Ich hab’ ihn; ich hab ihn fest!“ antwortete der Gefragte, mit einer Miene im Zimmer hin- und herstolzirend, als habe er eine Schlacht gewonnen.

„Wen denn?“

„Ihn und seine ganze Sippschaft!“

„So sag doch’ wen!“

„Den Waldkönig!“

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„Bist wohl net bei Trost?“ frug der Bauer, die Spannung seiner Züge so viel wie möglich beherrschend.

„Sogar sehr, ganz ungeheuer bin ich bei Trost! Hab’ ich Dir’s net gesagt, Feldbauer, daß ich ihn fangen werd’? O, man weiß schon, warum man grad mich herbeigeschickt hat! Und kaum bin ich hier, so ist er auch schon in die Fall’ gerath’n. Der Lieutenant ist mir sicher, und mit der Marthe — hm, hübsch ist sie, und bekommen thut sie auch Etwas mit; aber ein Offizier muß auch Ambition -

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Ambition halt’n. Wenn sie einen Andern will, so bekomm’ ich Zehn dafür.“

„Aber so red’ doch kein solch dummes Zeug, Webel, sondern sprich von der Leber weg! Du hast den Waldkönig? Wo denn?“

„Beim alten Stoll’n!“

Der Bauer schrak beinahe sichtbar zusammen.

„Beim alten Stoll’n! Hast’ ihn wohl schon dort?“

„Ja, wenigstens so gut, als hätt’ ich ihn schon! Dir kann

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ich’s erzähl’n, denn Du bist der Letzt’, der ihn warnt. Aber halt’ den Mund, das sag’ ich Dir! Also, ich geh’ heut in den Wald. Ich hatt’ Etwas viel gespeist und die große Hitze, so daß ich müd zu werd’n begann und es für’s Best’ hielt, mich ein wenig in das Moos zu leg’n. Das war dort auf der Höh’, wo die Stein’ auf der kleinen Lichtung lieg’n. Da kriech’ ich unter die Zweig’, streck’ mich aus und schlaf’ auch richtig ein. Ich weiß net, wie lang ich so geleg’n bin, da wach’ ich auf einmal auf: es raschelt in dem Laub. Rasch blick ich durch die Zweig’, und was seh’ ich? Rath einmal!“

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„Nun!“

„Ein Mann steht bei dem Gestein, hebt einen Block in die Höh’, blickt darunter, läßt ihn wieder fall’n und geht dann fort!“

„Was ist’s weiter!“ meinte der Zuhörer so gleichgültig wie möglich.

„Was es weiter ist, das wirst’ gleich hör’n! Ich bin noch net fertig, mir die Sach’ zurecht zu leg’n, da kommt noch Einer, der dasselbe thut, nach zehn Minuten wieder Einer, und so geht es fort, bis ich endlich mich vor Neugierd’ net mehr zu halt’n vermag. Ich

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nehm’ also die Zwischenzeit gut wahr, spring hin, seh nach, und was hab ich gefund’n, he?“

„Nur heraus damit; ich bin doch net allwissend!“

„Unter dem Stein liegt ein Zettel, und darauf steht: [„]Beim alten Stollen, um 10.“ Was sagst’ dazu?“

„Das ist ja ganz absonderlich!“

„Absonderlich blos? Nein, noch viel mehr! Der Waldkönig giebt am Stein seine Bestellung auf; seine Leut’ kommen heut’ an den alt’n Stoll’n; ich hol’ unsere ganze Mannschaft zusammen und fang’ sie all’ mit ’nander. Weißt’, was das ist?“

„Glück, ungeheures Glück, und noch dazu im Schlaf, grad’ wie’s im Buch steht! Aber, Buschwebel, nimm’s auch in Acht, daß Dir’s net wieder davonläuft!“

„Mir net, drauf kannst getrost Gift nehmen!“

„Hast’ den Zettel mitgenommen?“

„Fällt mir gar ein! Hält’st mich wohl für auf die Nas’ gefall’n?“

„Nun, als Beweis!“

„Das Papier nützt mir nix, die Pascher brauch ich, die will ich hab’n! Aber wenn ich ihnen den Zettel hinwegnehm’, so wittern sie Verrath und kommen net.“

„Das mag wahr sein! Aber ’hast sie doch erkannt?“

„Keinen! Die in der Näh’ wohnen, sind vielleicht schon dagewesen, noch eh’ ich recht erwacht bin; doch das schadet nix. Ich weiß, wo sie zu finden sind, und werd’ sie all’ mit ’nander bekommen.“

„Aber net auf die Weis’, wie Du vorhin sagt’st!“

„Warum?“

„Am alt’n Stoll’n, heißt’s, aber wo? An einem Punkt von ihm oder an der Mündung?“

„Hm, ja, das weiß ich net!“

„Siehst’! Nun nimmst die ganz’n Soldat’n mit, stellst sie auf[,] und grad wo die Schmuggler das Rantewuh hab’n, wie Du sagst, da hast’ sie net beisammen. Und denkst’ etwa, der Waldkönig ist so dumm und merkt net, daß Ihr da seid? Er hat seine Spion’ in jedem Haus, und wenn Keiner ’was sieht, das Gelauf von Euch wird doch bemerkt. Seine Leut’ kommen natürlich net anmarschirt wie eine Kompagnie Soldat’n, sondern sie schleichen sich Einer hübsch nach dem Andern herbei, da kannst’ wart’n, bis Du sie bekommst!“

„Das klingt ganz richtig! Aber was soll ich thun?“

„Buschwebel, Du mußt das ganz von selber wiss’n! Der Feldbauer ist ein Esel, das hast’ ja gesagt, net wahr? Wie kann er Dir da sag’n, was zu thun ist?“

„Hartkopf, der Du bist! Das war ja gar net so schlimm gemeint. Du hast mehr vom Waldkönig gehört als ich, und kennst also seine Schlich’ auch besser. Sag’, was würdst’ thun an meiner Stell’?“

„Plaudern gar net; zu keinem Mensch’n.“

„Auch zum Lieut’nant net?“

„Erst recht net! Oder willst’, daß er Dir den Preis wegnimmt? Du mußt ihm ja gehorch’n, auch wenn er die Sach’ so anstellt, daß nur er die Ehr’ davon hat.“

„Mein Seel’, Du hast recht, Feldbauer! Ich muß die Sach’ erst ganz allein auf mich nehmen, und wenn ich den Ort genau kenn’, sie so einricht’n, daß ich den Offizier net brauch’, nämlich so, daß der Fang so schnell kommt, daß ich keine Zeit hab’, ihm vorher Meldung zu mach’n.“(Fortsetzung folgt.)

 443(rechts unten)

Der Waldkönig.

Eine Erzählung aus dem ErzgebirgevonKarl May.

(Fortsetzung.)

Jetzt wirst’ gescheidt, Buschwebel! Niemand darf das Geringst’ davon wiss’n, sondern Du schleichst allein hinaus, leis’ und heimlich, daß Dich keine Katz’ bemerkt, bis an den Stoll’n. Ich denk’ mir schon den Ort, wo’s ist.“

„Sag’, wo?“

„Grad an der Mündung, wo auch der Bachbauer damals gesteckt hat, steht eine Birk’, und gleich daneb’n geht ein Loch in die Erd’[.] Es ist von Gesträuch bewachs’n, so daß man es gar net sieht, aber Du wirst’s schon merk’n, wenn sie hineinkriech’n.“

„Weißt’s genau?“

„Ganz und gar. Das Loch kenn’ ich schon lang, hab’ aber net gedacht, daß ein Versteck dahinter ist, in dem die Pascher sind.“

„Soll’n sie’s etwa mit der Glock’ in die Welt hineinläut’n, wo sie steck’n? Aber es ist gut, daß ich erst mit Dir gesproch’n hab. Nun ich einmal weiß, wo sie zu find’n sind, können sie mir nimmer entgehen. Ich werd’ es schon so anfangen, daß ich den Lieut’nant net brauch’. Am meist’n freu ich mich auf den Bachfrieder, denn der ist dabei, das weiß ich ganz genau.“

„Wirklich? Woher?“

„Weil er auch da drob’n war und jedenfalls auch mit unter den Stein geblickt hat, nämlich als ich noch schlief. Ich hab’ ihn dann eingeholt, und er ist ganz verlegen dagestand’n, als er mich erblickt hat. Was will er im Forst? Er ist Bauer und gehört auf den Acker oder in den Stall.“

„Ich an Deiner Stell’ macht’ kurz’n Prozeß mit ihm. Sobald er mir ’mal begegnet’, bekäm er die Kugel, und keine Katz’ miaut’ nach ihm. Ob er der König ist oder net, dabei ist er doch, und dann ist’s ja gleich, ob er ein wenig früher oder später vorgenommen wird.“

„Verdient hätt’ er’s; aber die Kugel ist net genug für ihn. Er muß ins Zuchthaus, das ist noch zehnmal schlimmer als der Tod. Nachher kann er darüber nachdenk’n, wer der Stärkst’ ist, er oder ich. Aber, weißt’, Feldbauer, Du kennst das Loch; geh mit hinaus zum Stoll’n!“

„Was fällt Dir ein! Mich geht die Sach’ ja gar nix an. Ich bin net herbeikommandirt, um den Waldkönig zu fangen, und werd’ mich hüt’n, mir die Hand an ihm zu verbrennen. „Was deines Amt’s net ist, da laß’ den Vorwitz,“ sagt das Sprichwort, und Du hast ja selbst gemeint, ich hätt’ den groß’n Mund aber die kleine Faust. Was kann ich Dir da nütz’n?“

„Mach’ keine Flaus’n! Was in der Hitz’ gesagt wird, kann vergessen werd’n. Und Dein Schad’ würd’s auch net sein, wenn Du mir beistehst auf den heut’gen Abend.“

„Mein Vortheil auch net. Fürcht’st Dich vielleicht allein im Wald?“

„Ich? Der Buschwebel? Bist’ bei Sinnen?“

„Ja, mehr als Du selber. Ich wett’, Du kommst net allein hinaus zum Stoll’n. Der Muth ist eine eig’ne Sach’; er weicht gern aus dem Herz’n und setzt sich auf die Zung’.“

„So mag’s bei Dir sein, aber bei mir net. Ich geh, und morg’n wirst’ sogleich erfahr’n, was ich ausgerichtet hab’.“

„Ich bin begierig d’rauf. Geh nur beizeit’n und lauf’ net wieder fort, wenn’s anfängt, Dich zu gruseln!“

Er verließ die Stube und ging nach dem Hofe, wo er den Brunnenraum öffnete und dann von Innen wieder sorgfältig verschloß.

„Welch’ ein Glück, daß er net zu schweig’n versteht! Hätt’ er im Still’n die Anzeig’ gemacht, so wär’ ich in eine saub’re Tint’ gerath’n. Muth hat er, das ist wahr; aber die Klugheit fehlt ihm dabei. Jetzt droht mir von ihm mehr Gefahr als vom Bachfrieder. Er kennt den Stein und das Geheimniß, und ich muß ihn zur Verschwiegenheit bringen. Das Blend’n hilft hier nix; entweder stirbt er, oder — ja, oder er muß mit zur Gesellschaft tret’n; das ist die einz’ge Wahl, die ich ihm lass’. Zu hart ist’s net für ihn, denn was hat er gesagt von der Marthe? Er bekommt zehn And’re an ihrer Stell’! Gut, er wird noch alle Finger nach ihr leck’n und sie dennoch net erhalt’n. Sie war nur die Lockspeis’ und soll mir noch weit höher hinaus. Heut’ halt’ ich Abrechnung mit ihm von weg’n dem Esel, den er mir ins Gesicht geworf’n hat. Er soll ihm wohl bekommen!“

(links)444

Die Haspel, außer welcher nicht der kleinste Gegenstand in der Brunnenstube zu bemerken war, trug zwei Eimer, welche so an dem Seile befestigt waren, daß je einer von ihnen niederfuhr, wenn der andre in die Höhe ging. Der Feldbauer bestieg den oberen und ließ sich langsam hinab, indem er das den unteren tragende Seilende durch die Hände gleiten ließ. —

Der Feldwebel war in seiner ungewöhnlichen Aufregung zurückgeblieben. Er hatte keine Ahnung davon, daß er ein Spielball in der Hand Dessen sei, den er fangen wollte. Der Rath des Feldbauern schien ihm der beste, und er befolgte ihn um so genauer, als ihm sehr viel daran lag, seinen Muth zu beweisen.

Er konnte das Hereinbrechen des Abends kaum erwarten und machte sich, sobald es zu dunkeln begann, auf den Weg. Die Vorsicht, welche er anzuwenden hatte, ließ ihn nur langsam vorwärts kommen; doch erreichte er die verschüttete Mündung des Stollens noch vor dem neunten Glockenschlage. Er fand auch bald die Birke; es war die einzige, welche an dieser Stelle stand, und er bückte sich nieder, um nach dem angegebenen Loche zu forschen. In diesem Augenblicke aber erhielt er einen Schlag auf den Kopf, der ihn sofort vollends zu Boden streckte; eine Schlinge legte sich um seinen Hals; Hände und Füße wurden zusammengebunden — er hatte das Bewußtsein verloren.

Als er erwachte, war es vollständig dunkel um ihn her, und es vergingen einige Minuten, ehe er sich auf das Geschehene besinnen konnte. Mit der Erinnerung kam ein fürchterlicher Grimm über ihn; er zerrte mit aller ihm zu Gebote stehenden Gewalt an den Fesseln, und als er diese Anstrengung fruchtlos fand, begann er laut zu rufen.

Seine Stimme mußte gehört worden sein, denn es dauerte nicht lange, so vernahm er das Rasseln eines Schlosses, eine Thür wurde geöffnet, und heller Lichtschein fiel auf das faulende Stroh, welches sein Lager bildete. Er befand sich in der Gefängnißhöhlung, welche Frieder jüngst bemerkt hatte. Draußen standen zwei tief verhüllte Männer; der Eine von ihnen trug eine Laterne; der Andre trat näher und löste den Strick, welcher die Füße des Gefangenen zusammenhielt.

„Vorwärts!“ gebot er mit einem derben Tritte seiner schwerledernen Stiefel, indem er ihn zugleich beim Kragen packte und in die Höhe zog. Dann stieß er ihn in den Gang und schob ihn vor sich her bis in die Erweiterung des Stollens, wo die Hängelampe unter einem dämpfenden Schirme hervor ein zweifelhaftes Licht verbreitete und eine bedeutende Anzahl finsterer Gestalten, wohlbewaffnet und mit der Maske versehen, rund auf den Bänken Platz genommen hatte.

Einer von ihnen erhob sich.

„Feldwebel, weißt’, wo Du bist?“ Seine Stimme klang dumpf unter der Maske hervor, so daß wohl jede Silbe zu vernehmen, an ein Wiedererkennen aber nicht zu denken war.

„Ja. Im Stoll’n bin ich, in der Räuberhöhl’, hinterrücks überfall’n und hereingeschafft. Aber das soll Euch net gut bekommen; ich werd’ Euch all’ zusammen an den Galg’n bringen oder ans Schaffot!“

Ein durch die Larven gedämpftes allgemeines Gelächter war die Antwort.

„Spar’ das Droh’n und Aufschneid’n!“ meinte der vorige Sprecher. „Du bist net in der recht’n Lag’ dazu. Du stehst vor Gericht und sollst das Urtheil hab’n für die Müh’, die Du Dir mit uns gibst.“

„Vor Gericht? Ich kenn’ kein Gericht, das in solcher Weis’ abgehalt’n wird, ich protestir’ dageg’n, ich erkenn’s net an; ich will meine Freiheit hab’n!“

„Ob Du protestirst oder net, das ist uns ganz gleich, und wenn das Urtheil ausgeführt ist, mußt’s schon anerkennen.“

„Das thu’ ich net! Ihr habt kein Recht, mich zu fangen; Euch selber gehört der Strick und die Kugel; Ihr seid Diebe, Mörder, Räuber.“ —

„Halt! Schau Dich um, Buschwebel. Dort steht der Waldkönig. Siehst’ das Pistol’ in seiner Hand? Sobald Du noch ein einzig’ Wort sagst, das ihm net gefällt, bist’ eine Leich’. Dann schimpf, soviel Du willst!“

Der Sprecher deutete nach dem Hintergrunde des Stollens. Dort stand hoch aufgerichtet die breite Gestalt des Pascheroberhauptes. Die langen Haare rollten bis auf den Nacken herab, der dunkle Bart quoll unter der Larve hervor, im Gürtel blitzten die Waffen, und die ausgestreckte Rechte hielt sich zum Losdrücken bereit.

Den Feldwebel überlief ein kalter Schauer. Sein ganzes heißblütiges Naturell sträubte sich gegen den Zwang, und doch mußte

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er einsehen, daß hier die einzige Rettung nur in der Ergebung zu suchen sei.

„So beginnt das Poss’nspiel, aber macht’s so kurz wie möglich!“

„Hab’ keine Sorg’! Wir sind net an allzu große Läng’ gewöhnt! Also, Du hast geschwor’n, den Waldkönig zu fangen, um Lieut’nant zu werd’n und den Preis zu erhalt’n, der auf seinen Kopf gesetzt ist. Weil das aber ein ganz vergeblich’ Beginnen ist, so woll’n wir Mitleid mit Dir hab’n und Dir behilflich sein. Die Treß’, nach der Du Dich sehnst, sollst’ gleich bald erhalt’n und auch den Preis, aber net in Silber und Gold, sondern in Hanf und Eis’n: Sieh’ her! [H]hier ist der Strick und dort der Nagel. Da wirst abgethan, und morg’n in der Früh’ hängst’ im Wald, und in der Tasch’ steckt der Zettel mit der Schrift: „Zur Strafe, vom Waldkönig!“ grad wie beim Bachfranz und beim Förster.“

„Das ist Todtschlag, das ist Mord, den ich gar net verschuldet hab’!“

„Sei still! Weshalb bist’ nach Finsterwalde versetzt? Warum liegst’ im Wald den ganz’n Tag, und wozu bist’ heut’ an den Stoll’n gekommen? Du hast unsern Bestellort belauscht und mußt sterb’n. Der Tod macht alles stumm; dann sind wir sicher.“ Er wandte sich zu den Paschern. „Wer von Euch für den Tod stimmt, der mag aufsteh’n!“

Alle ohne Ausnahme erhoben sich.

„Siehst’, Feldwebel, wie’s um Dich steht? Bet’ ein Vaterunser oder ein Ave Maria, ganz wie Du willst, denn in zwei Minut’n hängst’ an der Wand!“

Die Männer hatten sich nicht wieder gesetzt, sie umringten ihn drohend. Er fühlte zum ersten Male in seinem Leben die Angst vor dem Tode über sich kommen.

„Gibt’s keine Rettung, keine Hülf’ weiter?“ frug er bebend.

„Keine!“

„Ich werd’ schweig’n, ich werd’ Euch net verrat’n!“

„Das versprichst’ wohl, aber zu halt’n, das vermagst’ net!“

„Ich schwör’s Euch zu. Fordert den schlimmst’n Eid; ich werd’ ihn willig leist’n!“

„Dein Eid nützt uns nix. Nur das Grab ist still und plaudert net. Komm’ her!“

Er legte ihm die Schlinge wieder um die Beine. Ein Widerstand war unmöglich. Der Buschwebel hatte dem Tode mehrmals kalt in das Auge geschaut; das war auf dem Schlachtfelde gewesen, wo man mit ruhmglänzender Stirn und bewaffneter Faust gegen ihn anstürmt. Hier aber war das anders. Hier sollte er ohne Kampf und Ehre vom hinterlistigen Meuchelmorde überfallen werden; seine ganze Natur bäumte sich dagegen auf, und kein Mittel schien ihm zu kostbar oder zu — verwerflich, um sich zu retten. Er versuchte noch einmal die Festigkeit der Fesseln, seine Muskeln schwollen unter ihnen beinahe um das Doppelte, aber sie rissen nicht. Man schleppte ihn zur Mauer; er fühlte die verhängnisvolle Schlinge um den Hals, und sein Blick fiel auf den Waldkönig, der zwar jetzt den Arm zurückgezogen hatte, sonst aber noch in der vorigen Haltung im Hintergrunde stand.

„Hilf mir — rett’ mich!“ rief er. „Warum bist’ der König, wenn Du net begnad’gen darfst!“

„Das darf ich schon, wenn ich will!“ klang es zurück. „Aber wer mich fangen will, für den gibt’s keine Gnad’!“

„Ich will Dich net fangen, ich werd’ mich um Dich net bekümmern; ich will so thun, als ob Du gar net vorhand’n seist!“

„Das gilt nix! Wenn Du los sein willst, so mußt’ einen bessern Preis bezahl’n!“

„Welch’n?“

„Dich selber.“

„Wie meinst’ dies?“

„Tritt ein in die Gesellschaft!“

„Als Pascher? Nimmermehr!“

„Net als Pascher, sondern als Schutz. Du trittst in meinen Dienst und schaffst mir Kund’ von meinen Feind’n.“

„Also Spion!“

„Nimm’s, wie Du willst!“

„Das thu’ ich net!“

„Gut, hängt ihn auf!“

„Gnade! Gebt mir Bedenkzeit!“

Der König schien nachzudenken.

„Sollst sie hab’n,“ entschied er dann; „aber morg’n um diese Zeit hängst’ entweder oder bist unser Kam’rad. Fort mit ihm!“

Er wurde wieder in sein Gefängnis geführt. Man gab ihm die Hände und Füße frei, befestigte ihn aber mittels einer Kette an der Mauer. Den Inhalt seiner Taschen hatte man ihm schon vorher genommen. Nachdem für Wasser und Brot gesorgt worden war, schloß sich die Thür hinter ihm. Er blieb zurück, und zwar

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mit ganz andern Gefühlen als diejenigen waren, mit denen er seinen heutigen Gang angetreten hatte. —

IV.Herzenskampf.

Noch ehe es völlig dunkel war, hatte sich Frieder wieder hinauf zur Zeche begeben. Er trug ein ziemlich umfangreiches Paket bei sich, welches mehrere vollständig neue und sehr lange Leinen

 445(rechts oben)

enthielt. Sie waren schwach, um nicht viel Raum wegzunehmen, aber er hatte sie erprobt und wußte, daß sie ihn halten würden.

Nach reiflicher Ueberlegung war er zu der Ansicht gekommen, daß er, um das Geheimniß des Waldkönigs vollständig aufzudecken, auf der Zeche einfahren müsse. In die Brunnenstube des Feldhofes zu gelangen, war ihm unmöglich, und das Eindringen durch den Einsturztrichter konnte kaum zu einem weiteren Resultate führen. Zwar begab er sich jedenfalls in eine Gefahr, die um so größer war, als er sie noch nicht kannte und sie von mehreren Seiten auf ihn lauerte; aber das Glück war ihm bisher so hold gewesen, daß er auch jetzt sein Vertrauen festhielt.

(links unten)445

Mit einer kleinen Handsäge, die er mitgenommen hatte, schnitt er sich einige harte Stämmchen im Busche und lehnte sie unter den Laden der Zechenscheune. Nachdem er diesen geöffnet hatte und eingestiegen war, zog er sie in das Innere, legte sie quer über einander und verband sie an ihrem Berührungspunkte mit einem festen Stricke. Dann zog er einen Haken mit einer Rolle daran hervor, den er daran befestigte, und befand sich nun im Besitze einer Vorrichtung, die ihm mittelst der Leinen die Einfahrt ermöglichen mußte. Das Seil, dessen sich heut der Feldbauer zur Bergung seines Paschgutes bedient hatte, reichte nur einmal hinab und war für Frieder also unbrauchbar; doch hatte sich dieser die ungefähre Länge desselben gemerkt, um sie als Maßstab für seine Leinen zu nehmen.

 445(rechts unten)

Diese waren an ihren Enden so verbunden, daß die Verbindungsstellen ohne Stocken über die Rolle des Globen laufen konnten, die Anwendung einer Vorsicht, welche nicht verabsäumt werden durfte.

Er verschloß den Laden wieder, entfernte die Bretter von dem Mundloche, legte die Stämme darüber und schob die Leine über die Rolle. Dann zog er eine kleine Blendlaterne hervor, zündete sie an und befestigte sie über der Brust.

„Glück auf!“ murmelte er, sich selbst ermunternd, und trat in die Schlinge, welche er sich für den Fuß zurechtgelegt hatte. Nicht blos die Finsterniß, nein auch der Tod war es, der unter ihm lauerte. Die gähnende Tiefe grinste ihm entgegen wie der Schlund eines ungeheuren Geschützes, welches in jedem Moment

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ihm ein sicheres Verderben entgegenspeien konnte. Der kleinste Zufall konnte Unheil bringen, doch der muthige Jüngling schüttelte alle ängstlichen Gedanken von sich ab, griff ruhig Fuß um Fuß der Leine ab und fühlte, als er deren Ende noch nicht erreicht hatte, den festen Boden unter sich.

Er sah sich um. Nicht weit von ihm führte ein zweites Mundloch abermals zur Tiefe; es war unbedeckt; und zu seiner Rechten ging der Stollen in horizontaler Richtung in die Erde hinein. Er folgte ihm. Die Schienen, auf denen man die Hunde bewegt hatte, waren noch ziemlich wohl erhalten, ja, es hatte den Anschein, als seien sie auch jetzt noch benutzt. Diese Beobachtung bestätigte sich, als er bei der Stelle anlangte, welche seiner Muthmaßung nach unter dem Feldhof liegen mußte; ein Hund stand hier, noch mit einigen Fässern und Bündeln beladen, und unfern davon lag ein leerer Wassereimer am Boden, an einem Seil befestigt, welches in die Höhe ging.

Er leuchtete empor. Die Decke zeigte ein zirkelrundes Loch, dessen Höhe der Schein der Laterne nicht zu erreichen vermochte. Das war der Brunnen, den der Feldbauer ganz allein gegraben hatte.

Frieder ging weiter. Er hatte eine geraume Strecke zurückzulegen, ehe er die Quermauer erreichen konnte, jenseits welcher er seine Nachforschungen gehalten hatte, das wußte er. Darum beschleunigte er seine Schritte so viel wie möglich, und gelangte endlich an eine Stelle, wo der Stollen zu einem Raume erweitert worden war, der, wie gleich der erste Blick belehrte, zur Waarenniederlage benutzt wurde. Hier lag alle mögliche Art von Schmuggelgut vom Boden bis zur Decke aufgespeichert, auch Waffen hingen an den Wänden, wohl für den Fall der Aushilfe, und an der einen Seite war ein Schränkchen angebracht, dessen Thür offen stand.

Frieder leuchtete hinein. Neben Gold und allerlei Werthsachen lagen einige Bücher; sie enthielten eine zwar von unkundiger Hand geführte[,] aber sehr genaue Buchführung über das geheimnißvolle Speditionsgeschäft des Waldkönigs. Die Namen aller Interessenten waren genannt; die Bücher mußten ihnen verderblich werden, wenn sie in die Hand der Behörde gelangten — der Feldbauer war doch nicht so schlau, wie er es selbst von sich dachte.

Der Stollen führte weiter, doch nur wenige Ellen, dann stand Frieder an der Mauer, welche sein heutiges Ziel bildete. Er war auf eine schwierige und vielleicht gar resultatlose Untersuchung derselben vorbereitet gewesen, sah sich aber, allerdings nur zu seiner Freude, getäuscht, denn sobald der Schein der Laterne auf sie fiel, gewahrte er die Konstruktion, von welcher er an ihrer andern Seite keine Spur gefunden hatte.

Es war eine Drehwand, zwischen vier Rahmenbalken aufgeführt, welche so bearbeitet und angestrichen waren, daß sie an der Mündungsseite des Ganges ganz genau an die Wände desselben anschlossen und auch in Beziehung ihrer Farbe nicht von ihrer Umgebung abstachen. Ein hölzerner Riegel je hüben und drüben bewerkstelligte den Verschluß. Frieder schob den einen zurück und konnte nun mit einem verhältnismäßig leichtem Drucke die Mauer bewegen.

Der Waldkönig hatte das Alles jedenfalls nur eigenhändig hergestellt. Welche Anstrengung und Ausdauer hatte es ihm wohl gekostet, dem alten Stollen seine jetzige Einrichtung zu geben!

Jetzt hätte Frieder durch den Trichter das Freie am leichtesten und Sichersten erreichen können, aber er mußte wieder zurück, um seine Anwesenheit nicht zu verrathen. Die Scheidemauer war nur von dieser Seite zu öffnen und zu verschließen, und die im Schachte niederhängende Leine konnte nur allzu leicht zum Verräther werden. Er kehrte also um und beeilte sich so viel wie möglich, die Ausfahrt zu erreichen. Er wußte nicht, zu welcher Stunde die Schmuggler heut bestellt waren, und konnte darum einer Begegnung mit dem Waldkönige recht gut gewärtig sein.

Nur einem Manne von seiner riesenhaften Stärke war es möglich, sich in dem Schachte emporzuziehen, und als er später nach sorgfältiger Entfernung aller Spuren die Scheune verließ, athmete er auf wie nach einer Anstrengung, die auch die kleinste seiner Fasern in Anspruch genommen hatte.

Bei den Eltern fand er Martha, die ihm beinahe verlegen die Hand reichte. Es war ja das erste Mal, daß sie mit ihm in Gegenwart der Seinen zusammentraf.

„Wo bist’ schon wieder gewes’n, Frieder?“ forschte der Vater. „Ich hab’ mich gefreut, daß Du aus der Fremd’ gekommen bist, und geglaubt, Dich immer bei mir zu hab’n; jetzt aber ist’s ganz anders. Du bist fast gar nie daheim, sondern gehst Deine Weg’, und wir bleib’n zurück und mög’n sehn, wie wir mit unsrer Sorg’ fortkommen!“

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„Laß’ gut sein, Vater! Das Herumstreich’n hat ein End’. Meine Aufgab’ ist gelöst, und Ihr sollt mich nun von jetzt an wieder ganz bei Euch hab’n.“

„Ist’s wahr? Deine Aufgab’ ist erfüllt, und Du gehst net wieder in den Wald?“

„Ja. Nur ein einzig Mal noch muß ich hinaus, um die Schling’ zusammenzuzieh’n, die ich bisher gelegt hab’. Dann ists genug.“

„Hast’ ihn schon d’rin, Frieder? Kann er auch net wieder heraus?“

„Nein; er steckt fest, so fest, daß ein Entrinnen unmöglich ist. [U]und für mich ist net die geringst’ Gefahr mehr vorhand’n.“

„Darf ich’s auch glaub’n? Wir sind vor Sorg’ und Angst beinah’ vergangen, seit wir wiss’n, daß Du des Nachts hinausgehst, um den Waldkönig zu fangen.“

Martha hatte bisher dem Gespräch zugehört, ohne zu wiss’n, auf wen es sich bezog. Bei dem letztgenannten Namen aber fuhr sie erschrocken auf.

„Den Waldkönig willst’ fangen, Frieder?“ frug sie erblassend.

„Ja.“

„O, thu’ das net, Frieder! Er ist fürchterlich und wird sich grausam rächen.“

„Recht hast’ mit dem fürchterlich, Martha, doch seine Rach’ fürcht’ ich net. Der Stachel dazu ist ihm genommen.“

„Wenn auch! Weißt’, was in der Bibel steht? „Die Rache ist mein; ich will vergelt’n, spricht der Herr!“ Ueberlaß ihn dem lieb’n Gott, den kann er net betör’n und überwind’n!“

Da trat der alte Bachbauer zu ihr und tastete seine Hand auf ihre Schulter.

„Marthe, Du sprichst, wie ein Weib reden muß, dem ein weich und zart’ Gemüth gegeb’n ist, in das der Haß und die Feindschaft noch nimmer hinabgestieg’n sind. Aber blick um Dich her auf das Elend, das der König angerichtet hat, geh hinaus auf den Kirchhof, wo der Franz in der kalt’n Erd’ gebettet liegt, schau her auf mein Angesicht, und Du wirst anders denk’n. Weg’n meiner hat sich noch nie ein Wurm gekrümmt, mein Herz ist mild und sanft; aber es hat eine Stell’, die ist wie Erz und Stein; die hat der Waldkönig angegriff’n, und nun bleibt sie hart und starr, bis ich mit ihm quitt geworden bin. Der Frieder ist der Einzig’, den ich hab’, und seit ich weiß, daß er den Feind beschleicht, hab ich den Seelenkrampf, denn jeder Aug’nblick konnt’ mir die Kund’ bringen von seinem Untergang. Aber nun er so weit vorgeschritt’n ist, darf er nimmer wieder zurück; ich verbiet es ihm, und er will’s auch selber net. Wir hab’n ein Recht auf den Waldkönig, und das soll uns Niemand nehmen!“

„Gebt’s dennoch auf, Bachbauer, gieb’s auf, Frieder! Denn solch’ ein Recht kommt net von Gott!“ bat sie mit unverkennbarer Angst in Stimme und Miene.

„Und dennoch kommt’s von ihm! Du hast vorhin den Spruch gesagt, Martha, aber seine Bedeutung kennst’ gar nimmer. Die Rach’ kommt von Gott; er wird vergelt’n; aber er steigt net vom Himmel herab, um mit der Faust dreinzuschlag’n, sondern er gebietet es uns, die Straf’ zu vollstreck’n. Ich hab seine Stimm’ gehört seit langer Zeit, aber ihr net Gehorsam leist’n können. Soll ich ihr jetzt widerstreb’n, wo ich die Macht hab’, Vergeltung auszuüb’n? Nein! Frieder, wirf mir den Waldkönig in diese beiden Händ’, und ich will Dich segnen all mein Lebelang; keine Macht, kein Reichthum und keine Bitt’ soll ihn befrei’n, und wie er kein Erbarmen gehabt hat mit uns, so soll auch ihm sein Recht werd’n, voll und unverkürzt, wie er’s verdient!“

„Ist er wirklich in Deine Hand gegeb’n, Frieder?“ frug das Mädchen.

„Ja, er kann mir net den geringst’n Widerstand leist’n, wenn ich ihn fass’n will.“(Fortsetzung folgt.)

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Der Waldkönig.

Eine Erzählung aus dem ErzgebirgevonKarl May.

(Fortsetzung.)

Und kennst’ auch seinen Namen?“

„Auch den.“

„Wer ist’s, Frieder? O sag’s, ich bitt’ gar sehr!“

„Das kann ich heut noch net, doch morg’n vielleicht sollst’s erfahr’n.“

„Aber gesehn hast’ ihn! Wie sieht er aus?“

„Stark und breit, im Gürtel Messer und Pistol’, das Gesicht voller Bart und die Larv’ obendrauf; er ist gar furchtbar anzuschaun.“

„Was hat er für Haar?“

„Es ist dunkel und geht bis auf die Achsel hernieder.“

Sie stieß einen Schrei aus, schlug die Hände vor das Gesicht und sank auf ihrem Sessel zusammen. Die Bäuerin eilte erschrocken herbei, und auch Frieder erfaßte bestürzt ihre Hände, um sie von dem Gesichte zu entfernen.

„Um Gotteswill’n, was gibt’s, was hast’, Marthe?“

Sie ließ die Arme sinken und legte den Kopf schwer auf die Lehne des Stuhles. Ihr Busen ging hoch, ihre Lippen zuckten, und aus den halb geschlossenen Wimpern rollten zwei große, schwere Tropfen über die todesbleichen Wangen herab.

„Frieder!“ klang es müde zwischen den Lippen hervor.

„Martha, sei stark; mach’ Dein Herz frei, und sag’, was Dir fehlt. Du wirst gern Trost und Hülf’ von uns erhalt’n!“

„Ich hab’ keinen Vater mehr!“

„Wie meinst’ das? Was weißt’ von ihm?“

„Alles, Alles weiß ich! Oh, meine liebe, gute Mutter, das wirst’ nimmer überwind’n, das kannst net verschmerz’n, daran wirst’ untergehen und sterb’n, Du und auch ich!“

Der Gedanke an die Mutter gab dem erstarrenden Pulse neues Leben; sie brach in ein herzerschütterndes Schluchzen aus. Die Bäuerin ließ sich an ihrer Seite nieder und zog das konvulsivisch bebende Köpfchen liebevoll an sich.

„Wein’ net, Marthe, sondern erzähl’ uns Dein Leid. Du sollst nie und nimmer von uns verlassen sein!“

„O nein, ich kann’s net erzähl’n! Ihr würdet mich hass’n und mich von Euch jag’n, und das, ja, das wär mir noch schlimmer als das Andre!“

„Dich hass’n und Dich fortjag’n, Marthe? Was denkst von uns! Frag den Mann und frag den Frieder, ob die an so ’was denk’n!“

„Hier nimm die Hand,“ meinte mit gütiger Stimme der Bauer, „ich reich sie Dir hin als Stütz’ und Hülf’ in jeder Noth. Nur mußt’ sie sag’n, damit ich weiß, wie ich Dir beispringen kann!“

„Und hier ist auch meine Hand, Martha,“ fügte Frieder hinzu. „Ich hab’ sie noch nie den Unwürd’gen gereicht, und Du kannst Dich in aller Noth auf sie verlass’n. Drum sag’, warum hast’ keinen Vater mehr?“

„Du weißt’s ja auch!“

„Ich weiß net, ob Du das Richt’ge meinst.“

„Es ist das Richt’ge, Frieder, und — ja, ich will’s sag’n; es muß doch einmal heraus, und je eher, desto besser ist’s! Wißt Ihr, Bachbauer, wer der Waldkönig ist?“

„Nein, der Frieder hat mir’s bisher net sag’n woll’n.“

„Er hat’s verschwieg’n blos um meinetwill’n. Mein Vater ist’s!“

„Dein — Vater ist’s? Der Feldbauer!“

Der Blinde ließ ihre Hand, die er in den seinen hielt, fallen und trat einige Schritte zurück. Ueber sein entstelltes Angesicht zuckte es wie eine plötzliche Erkenntniß; seine Augen schienen aus ihren Höhlen treten zu wollen, seine Zähne bissen sich fest auf einander; sein Fuß erhob sich, und seine Ellbogen warfen sich empor, als wolle er sich auf Den stürzen, von dessen Geheimniß so plötzlich der Schleier gerissen war.

„Ja, mein Vater, der Feldbauer! Net wahr, nun bin ich Euch verhaßt und verachtet und muß geh’n?“

„Der — der — der also!“ knirschte es zwischen den Lippen des Gefragten hervor. „Ich hab’ mirs so oft gedacht und konnt’ mir den Waldkönig gar net anders denk’n als in seiner Gestalt. Also hat er mir den Sohn gemordet, er hat mir das Aug’ geraubt,

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er ist der Satan gewes’n für das ganz’ Gebirg und hat Verderb’n gebracht über so viel ehrliche Leut’, die sich net von ihm verlocken ließ’n! Frieder, ist’s wahr! Ist’s kein Andrer?“

„Er ist’s, Vater!“

„So sei er verflucht, taus’ndmal, millionenmal! Die Erd’ kann ihn net länger trag’n, und der Himmel mag ihn nimmer hab’n; hinunter in die Höll’ mit ihm! Frieder, komm’ reich’ mir die Hand! Ich muß hinaus zum Feldhof, hinaus zu ihm, ich muß ihn zermalmen, zerdrück’n, fort, fort, ich halt’s hier nimmer aus!“

Er streckte die Hand aus nach dem Sohne; sie wurde von einer anderen, kleineren erfaßt.

„Bachbauer!“

Die Arme Martha’s umklammerten ihn, als könne sie dadurch das drohende Unheil von ihrem Heim abwenden.

„Was soll’s? Will’st ihn vielleicht errett’n? Hab ich net vorhin gesagt, daß keine Macht, kein Reichthum und keine Bitt’ ihm helf’n soll? Er ist mein erster und mein letzter Gedank’ bei Tag und Nacht; er hat mir mehr geraubt, als ihr wißt und versteht: meine Seel’, mein Gemüth, meine Ruh’, meinen Fried’n, mein Glück, meinen Hof, meine Welt mit Allem, was darinnen ist, und auch Euch selber. Es ist finster um mich und in mir; ich kann nix seh’n mit dem Aug’ des Leibes und kann nix seh’n mit dem Aug’ des Geistes. Was ich gekannt, ich hab’s vergess’n und verlor’n, und kein einzig Bild ist mir von Euch geblieb’n. Sagt, giebt’s größern Raum auf der Erd’? Giebt’s eine Straf’, die groß genug ist dafür?“

Da trat die Bäuerin zu ihm und nahm ihn bei der Hand. Sie kannte die Macht, die ihre Stimme über ihn hatte.

„Komm, Vater, setz’ Dich nieder! Der erst’ Gedank’ ist net immer der best’. Laß den Frieder erzähl’n und die Martha, dann woll’n wir seh’n, was Du thust!“

„Ja, erzähl’, Frieder; heraus damit; ich brenn’ vor Begierd’, zu wiss’n, wie Du hinter seine Schlich’ gekommen bist!“

„Das werd’ ich thun; doch muß ich erst erfahr’n, wie Martha ihn erkannt hat. Magst’s sag’n, Martha?“

„Es muß ja sein! Der Vater sagt’ heut, daß er gleich nach dem Nachttisch schlaf’n geh, und ich nahm mir daher vor, Euch zu besuch’n. Ich wollt’ durch den Gart’n, weil da mein Gang vom Gesind’ net bemerkt werd’n kann. Ich ging daher ganz leis’ über den Hof und an der Brunnenstub’ vorüber. Es war Licht darin. Ich blickte hinein, und wen sah ich? Den Vater. Er glaubt’ uns all’ noch drin beim Ess’n und hielt sich darum sicher vor Verrath. Er hatt’ die hohen Stiefel an und einen Gürtel um den Leib, in dem es von Waff’n blitzte. Grad als ich an das Fenster trat, nahm er eine lange Perück’ auf den Kopf und hing einen Bart um das Kinn. Dann band er die Larv’ vor das Gesicht und stieg in den Brunnen. Das ist’s, was ich bemerkt hab; es war genug für mich. Ich bin dabeigestand’n, als hätt’ mich der Blitz geschlag’n; die Bein’ sind mir gewes’n wie Blei, das Herz wie Stein und der Kopf wie Eisen, und als ich dann gegangen bin, so hab’ ich gewankt wie ein Trunkener, dem die Glieder net gehorchen mög’n.“

„Du armes Wurm,“ meinte mitleidsvoll die brave Bäurin; „drum warst’ so bleich und müd’, als Du herbeikamst!“

„Der Mensch ist net den kleinen Finger seines Kindes werth!“ stimmte der Blinde bei, dessen Blut schon in weniger hohen Wogen ging. „So hat er sein Versteck im Brunnen?“

„Im Stoll’n, in den der Brunnen geht, Vater,“ berichtigte Frieder. „Weißt, der Stoll’n beginnt unt’n an der Zech’, führt unter dem Feldhof vorbei und mündet im Wald. Der Feldbauer bringt die Güter aus der Stadt, läßt sie in den Schacht hinab und fährt sie auf dem Hund bis unter den Wald, wo die Niederlag’ ist. Die Pascher sind neunzehn Mann; sie steig’n da, wo der Gang net weit von der Mündung eingestürzt ist, hinab, empfangen die Waar’ und trag’n sie über die Grenz. Sie kennen blos den untern Theil des Stollens, und dort sind auch die Stuf’n, die Du hinabgestiegen bist.“

„Warst’ denn darin?“

„Ja; da die Martha den Waldkönig kennt, kann ich nun All’s erzähl’n!“

Er begann seinen Bericht, den er in größter Ausführlichkeit erstattete. Mehr als einmal ergriff die Mutter oder auch Martha seine Hand, wenn seine Erzählung eine Gefahr berührte, in welcher er sich befunden hatte. Das Mädchen vergaß den Vater und ihr eigenes Unglück und dachte nur an das fürchterliche Wagniß, welches dem unerschrockenen Jüngling mehr als die Freiheit und [das] Leben hätte kosten können. Die Bäuerin hatte ganz die gleichen Empfindungen, und der Bauer saß da, scheinbar kalt und ruhig, während er doch jedes Wort des Erzählers verschlang und ein über das andre Mal tief aufathmete vor Erwartung des Kommenden oder

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vor Stolz, einen Sohn zu besitzen, welche[r] der alten Tradition des Bachhofes solche Ehre machte.

Als dieser geendet hatte, herrschte eine ganze Weile tiefes Schweigen in der Stube. Der Vater war der Erste, welcher es brach.

„’Hast Recht gehabt, Frieder! Die Schling’ ist gelegt; er kann uns net entgeh’n. Nur noch einmal mußt’ hinaus und ich geh’ mit, es ist keine Gefahr dabei, und bei dem Fang muß ich zugeg’n sein. Kann ich auch nix sehen, so kann ichs doch hör’n, wie er sich krümmt und windet, und dann will ich vor ihn hintret’n und ihm den letzt’n Stoß versetz’n, der ihn gefangen gibt. Gleich morg’n früh machst’ die Anzeig’ beim Feldwebel; der mag’s dem Offizier bericht’n, und dann kann der Tanz beginnen.“

„Gnade!“ flehte Martha. „Habt Erbarmen mit mir und der Mutter. Wenn Ihr ihn fangt, wird sie die Schand’ net überleb’n! Ich will Euch dankbar sein, solang ich leb’; ich will zu Euch ziehn und Eure Magd werd’n, die Geringst’ in Eurem Dienst, will Euch Alles am Aug’ absehn und Euch auf den Händen trag’n, so gut ich kann und vermag!“

„Gnade? Hat er Gnad’ mit mir gehabt oder Erbarmen? Die geg’n ihn wär ein Verbrech’n, das uns an seiner Schuld theilnehmen ließ. Was geht Dich und die Mutter der Waldkönig an! Dem Feldbauer will ich um Deinetwill’n und Ihretweg’n all’ den Haß vergeb’n, den er auf mich geworf’n hat; aber der Waldkönig ist Euch fremd, und seine Sünd’ steigt hoch zum Himmel empor, sie schreit um Vergeltung wie das Blut Abels und kann nimmer gesühnt und vergeben werden. Das ganze Dorf weiß, wie ihr mit dem Feldbauer steht. Von seinem Thun wird net der geringst’ Vorwurf auf Euch kommen, und alle Thor’ und Thür’n sind Euch geöffnet, wo Ihr anklopft. Wollt Ihr noch länger hinsiech’n und hinkriech’n unter dem Unglück, das er Euch bereitet? Werft es ab, das ist eure Pflicht und Schuldigkeit, und ihr werdet mirs noch Dank wiss’n, daß ich ihn zertreten hab’!“

Er erhob sich und ging in die Nebenstube. Der Goliath kannte sich und wußte ganz genau, daß er längeren Bitten unmöglich widerstehen konnte.

Martha weinte. Sie hatte viel gelitten, heut aber war der bitterste Tag ihres Lebens.

„Sei still,“ tröstete die Mutter; „bis morg’n ist noch lang’ Zeit, und ich kenn’ den Mann, der gar bärbeißig thut und vor der Bitt’ den Reißaus nimmt, weil er sie net versag’n kann. Der Frieder wird schon helf’n!“

„Soll ich, Martha?“

„Oh, thu’s, Frieder, thu’s. Auf Dich muß ich die einzige Hoffnung setz’n, die mir noch möglich ist. Wirst’ sie erhör’n?“

„Dir thu’ ich All’s zu lieb, was ich vermag. Ich werd’ mit dem Vater sprech’n, und vielleicht läßt sich ein Ausweg find’n, der das Land vom Waldkönig befreit, auch ohn’ daß der Feldbauer dabei zur Sprach’ kommen muß.“

„Mach’s möglich, Frieder, und ich will Dir’s dank’n, solang ich leb’ und Athem hab’!“

Sie schickte sich an, den Heimweg anzutreten.

„Darf ich mitgeh’n, Martha?“

„Ja.“

Als sie die Stube verlassen hatten, trat der Bauer wieder herein.

„Warum gingst’ fort, Vater?“

„Weil mir’s die Marth’ angethan hat und ich ihr nix abschlag’n kann. Sie hat so einen Schick und so eine Stimm’, daß man thun muß, was sie bittet. Ich glaub’ gar, sie könnt’ mich herum bringen, den Waldkönig lauf’n zu lass’n!“

„Und das magst’ wohl net?“

„Auf keinen Fall!“

„Dann strafst’ net ihn allein, sondern auch die Seinen, und zwar viel schlimmer noch als ihn. Er geht ins Zuchthaus, da thut ihm Niemand ’was zu Leid; sie aber müss’n jede Stund’ von der Schand’ hör’n, die auf ihnen lastet.“

„Das woll’n wir abwart’n, Frau! Ich nehm’ sie in den Schutz, und wer sie nur mit dem kleinst’n Laut, mit dem stillst’n Blick beleidigt, der hat’s mit mir zu thun. Sie Beid’ sind Goldes werth, und ich bin neugierig, ob der Frieder net das Aug’ aufthut. Ein Madel wie die Marth’ giebt’s nimmer wieder!“

Die Beiden, von denen hier die Rede war, gingen schweigend dem Feldhofe zu. An der Stelle, wo sie schon einmal gestanden hatten, hielt Martha die Schritte an.

„Gut’ Nacht, Frieder!“

„Warum so schnell, Martha?“

„Hast net gehört, was Dein Vater sagt’? „Er sei verflucht, taus’ndmal, millionenmal![“] Das ruht nun auch auf mir. Das

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Mörderkind darf net bei rechtschaff’nen Leut’n stehn. Geh fort von mir, Frieder, und auch ich will geh’n, so weit meine Füß’ mich trag’n!“

„Zürn’ dem Vater net! Er ist gar arg verletzt; aber sein Zorn dauert net ewig, und der Fluch kam nur aus zorn’gem Herz’n. Die Mutter versteht’s gar gut, ihn langsam weich zu stimmen, und ich wett’, sie ist schon jetzt dabei. Ein Mörderkind bist’ net, das darfst’ mir glauben! Der Feldbauer ist Dir fremder als der fremdest’ Mensch, und Du hast net den geringst’n Theil an ihm!“

„Er ist der Mann meiner Mutter, das mußt’ bedenk’n, Frieder. Und wenn das Gericht kommt und ihn fortnimmt, so stirbt sie, und ich, ich sterb mit ihr.“

Ihre Worte klangen nach jenem stillen, einwärts gekehrten Weinen, welches tieferen Eindruck macht als laut hinausgeschluchzter Schmerz.

„Das wär’ das Fürchterlichst’, das mir begegnen könnt’! Dein Leb’n ist mir werther als das mein’ge, und für Dein Glück wollt’ ich gern das Schwerst’ erleid’n!“

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Er hatte ihre Hände gefaßt, und sie hörte an dem leisen Beben seiner Stimme, daß seine Worte keine Unwahrheit enthielten.

„Sprich nimmer so. Ich darf Dir doch net werth sein, Frieder!“

„Wer kann’s verbiet’n, wenn Du’s sein willst? Kein König und kein Kaiser!“

„Du selber!“

„Ich? Wär’ jeder Stein im Gebirg’ eine That, die auf dem Gewiss’n des Waldkönigs liegt, und jeder Baum im Wald das Zeich’n eines Verbrechens, das er begangen hat, so käm’ mir dennoch kein solch’ Verbot in den Sinn. Und wenn alle Welt auf Dich zeigt’ und Niemand nix von Dir wiss’n möcht’ um seinetwill’n, ich würd’ Dich ehr’n mehr als mich selber und Dich vertheid’gen geg’n jede Silb’, die wider Dich erklingt.“

„Ist’s möglich, Frieder?“ hauchte sie.

„Willst’s glaub’n?“

„O, wenn ich dürft’!“

„Du darfst!“ Er legte ihr die Hände auf das volle, weiche

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Haar und zog ihr Köpfchen herzinnig an die Brust. „Martha, ich hab’ Dich lieb, so lieb, wie ich Dir’s nimmermehr net sag’n kann. Als ich Dich sah, hab’ ich von Anbeginn gewußt, daß meine Seel’ zu Dir gehört all’zeit und immerdar; Du bist das Köstlichst’, was ich kenn’, das Herrlichst’, was ich mir erwünsch’, und all’ mein Leben lang möcht ich nix thun, als nur Dir zeig’n, wie heilig und wie theuer Du mir bist. Bitt’, sag es, willst’ mein eig’n sein, Martha?“

Die Worte erklangen in jenem unwiderstehlichen Tone, dessen die menschliche Stimme nur einmal im Leben fähig ist. Martha hatte kein Wort der Erwiderung, aber sie konnte nicht anders, sie mußte ihre Arme um seinen Hals legen und ihren Kopf fest, fest an die starke Brust lehnen, in der so reiche Liebe wohnte. Er bog sich herab und blickte ihr in das große, klare Auge.

„Net so still, Martha. Sag’ nur ein Wort, ein einziges Wort! Bist mir gut?“

„Ja.“

Er vernahm das Wörtchen kaum, aber es erfüllte ihn mit unendlicher Seligkeit.

„So sollst’ hier an meinem Herz’n sein, solang es klopft und

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schlägt, und den Strahl empfind’n, der das Leid in Freud’ und Seligkeit verkehrt!“

Sie standen noch lange still und wortlos bei einander, Hand in Hand und Blick in Blick getaucht, und als sie endlich schieden, schien es, als ob sie sich kaum von einander zu trennen vermöchten.

„Schlaf wohl, Martha, und glaub, es wird All’s noch gut!“

„Schlaf wohl, Frieder, ich vertrau’ auf Dich und Gott, der helf’n wird!“

Der Jüngling fand seine Eltern noch wach. Sie wußten, daß sie nur spät die Ruhe finden würden, und hatten auf ihn gewartet.

„’Bist gar lang, Frieder,“ meinte die Mutter. „Die Martha wollt’ Dich wohl gleich ganz behalt’n?“

„Ja, Mutter, sie mich und ich sie. Wir geb’n einander nimmer wieder her.“

„Was sagst’, Bub?“ frug der Vater, „Ist’s wahr?“

„Ja. Die Martha wird meine Frau trotz Feldbauer und Waldkönig. Ist’s Euch recht?“

„Von ganz’m Herz’n!“ riefen Beide, indem sie seine Hand ergriffen, und der Bauer fügte hinzu: „Eine größ’re Freud’ konnt’st

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uns gar nie bereit’n! Und der Feldbauer — — ja, was wird denn nun mit dem? Darf ich den eig’nen Schwäher ins Gefangniß liefern?“

„Vater, was er uns gethan, das kann vergeben werd’n; aber wir sind net die Einz’gen, und wenn er frei geht, droht noch viel Gefahr. Mich dünkt’s fast ein Verbrech’n, wenn wir ihn laufen lass’n, und doch kann ich der Martha kein solch’ Herzeleid anthun und ihrer Mutter auch. Ich geh’ hinaus zu ihm und red’ ihm ins Gewiss’n. Will er sich bekehr’n, so ist’s gut, will er aber net, so ist’s die Schuldigkeit, die Landplag’ auszurott’n.“

„Das klingt mir aus der Seel’, Frieder! Ich will ertrag’n, was net mehr zu ändern ist, und ihm seine Schuld net anrechnen, und wenn er besser wird, so kann Dich Niemand zwingen, den Schwiegervater anzuzeig’n. Geht er aber net in sich, so bist’s Gott schuldig und der ganz’n Welt, ihn unschädlich zu mach’n. Aber net Du sollst zu ihm, sondern ich selber geh. Geb’ ich die Rach’ auf, nach der ich mich gesehnt, so lang als ich im Finstern wandle, so will ich’s wenigstens sein, der ihm das Entweder — Oder nach dem Feldhof bringt.“

„Du, Vater? Das geht ja net!“ meinte Frieder, und auch die Bäurin erhob lauten Widerspruch; er aber schnitt ihre Einreden dadurch ab, daß er sich erhob.

„Gut, gut, ich weiß All’s, was Ihr sag’n wollt, aber ich weich’ net ab von meiner Forderung. Ich bin noch immer der Goliath, wißt Ihr’s, und hab’ keinen Grund, mich vor dem Waldkönig zu fürcht’n, wenn er off’n vor mir steht. Ich geh hinaus; dabei bleibt’s, und nun gut’ Nacht!“ — — —

VI.Im Schachte.

Am andern Morgen lief eine Nachricht durch das Dorf, welche selbst die Unbetheiligten in nicht geringe Aufregung versetzte. Der Buschwebel wurde vermißt. Der Lieutenant war schon am frühen Morgen in dienstlicher Angelegenheit in Finsterwalde gewesen und nach dem Feldhof gegangen, um seinen Untergebenen aufzusuchen. Dort hatte er in Erfahrung gebracht, daß dieser gestern gegen Abend in den Wald gegangen und bis jetzt noch nicht wieder zurückgekehrt sei. Eine Befragung der Soldaten hatte ergeben, daß er während der Nacht keinen der ausgestellten Posten inspizirt habe, und es ließ sich also vermuthen, daß ihm schon am frühen Abend ein Unglück zugestoßen sei. Aus diesem Grunde wurden alle verfügbaren Personen in den Wald beordert, um denselben nach dem Vermißten abzusuchen, und gegen Mittag schon brachte Einer von ihnen die Dienstmütze des Webels.

Sie hatte an der verschütteten Mündung des Stollens gelegen und trug die deutlichen Spuren eines kraftvollen Hiebes, der auf den Kopf ihres Trägers geführt worden war. Jetzt gab es keinen Zweifel mehr; der Feldwebel war in die Hände des Waldkönigs gerathen und entweder bereits todt oder wurde an irgend einem verborgenen Orte in Gefangenschaft gehalten.

Der Offizier zog darum auch die in der Umgebung stehende Mannschaft herbei, um Nichts unversucht zu lassen, der Person oder Leiche des Verlorenen wieder habhaft zu werden; das sämmtliche Forst- und Grenzpersonal wurde in Allarm versetzt und selbst eine Menge Civilisten requirirt, um ja nicht aus Mangel an Kräften eine Spur unentdeckt zu lassen.

Die Nachbarn standen vor dem Dorfe auf der Gemeindewiese und theilten sich ihre Vermuthungen mit, als ein neues Ereigniß ihre Aufmerksamkeit erregte. Die Pforte des Bachhofes öffnete sich und der Bauer trat heraus. Er trug die Sonntagsjacke und wurde von dem Jungknechte geführt, welcher den Weg nach dem Feldhofe einschlug.

„Der Bachbauer geht nach dem Feldhof. Der jüngst’ Tag ist vor der Thür; schlagt drei Kreuz’ und werft die Händ’ über dem Kopf zusammen!“ meinte Einer.

„Wart’s erst ab, ob er auch wirklich hinein geht, er kann ja auch vorüber woll’n!“ antwortete ein Anderer.

„Siehst’s denn net, daß er grad nach dem Thor einbiegt! Jetzt tritt er hinein. Was mag er beim Feldbauer woll’n?“

„Das wirst’ schon noch erfahr’n, denn wenn die Beid’n zusammenkommen, so schallt’s im ganz’n Dorf zurück!“ —

„Ist wer im Hof?“ frug Frieders Vater, als er das Thor hinter sich hatte, seinen Führer.

„Ja, ein paar Knecht’ und Mägd’, die uns ganz verwundert anschaun. Und dort kommt grad auch die Tochter unter die Thür.“

„Gieb ihr den Wink und führ’ mich hin!“

Martha erbleichte vor Schreck, als sie ihn erblickte, doch wartete sie, bis er vor ihr stand.(Fortsetzung folgt.)

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Der Waldkönig.

Eine Erzählung aus dem ErzgebirgevonKarl May.

(Fortsetzung.)

Grüß Gott, Martha! Ist der Bauer daheim?“

„Ja, er hält den Mittagsschlaf.“

„So weck’ ihn und führ’ mich einstweil’n in die Stub’! Bleibt hier im Hof,“ wandte er sich dann an den Knecht, „bis ich Dein nachher wieder bedarf!“

Sie nahm ihn bei der Hand und leitete ihn in die Stube, wo sich auch die Bäurin befand, die ebenso erschrak, wie vorher die Tochter.

„Ihr wollt zum Bauer?“ frug sie erstaunt nach gewechseltem Gruße.

„Ja, zu ihm. Ein gar selt’ner Besuch, net wahr?“

„So selten, daß ich beinah’ Angst bekomm’.“

„Vor mir oder vor ihm?“

„Vor Euch net, Bachbauer. Wer brav und recht handelt, braucht sich net vor Euch zu fürcht’n.“

„Das will ich meinen! Und grad darum werft Eure Angst hinaus, denn Niemand hat so wenig Grund dazu wie Ihr. Ich komm’ in einer Sach’, die gar gut und löblich ist, und wenn’s so geht, wie ich denk, so bring’ ich Fried’ und Freundlichkeit.“

Martha war unterdessen gegangen, um den Vater zu wecken. Sie kehrte zurück, um sein Erscheinen anzukündigen, und hatte noch nicht ausgesprochen, so stand er bereits hinter ihr.

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„Oho, wer ist denn das? Der Goliath, der net lernen will, rechtschaff’nen Leut’n aus dem Weg zu gehn. Jetzt kommt er gar noch auf den Feldhof und verpestirt mir die frische Luft. Mach Dich von hinnen, sonst gebrauch’ ich mein Hausrecht und setz Dich hinaus!“

„Das wirst’ net thun. Ich bin heut’ eine heil’ge Person, die selbst der ärgst’ Feind net anzutast’n wagt.“

„So! Bist etwa als heil’ge Blindkuh in den Kalender gesetzt word’n?“

„Den Spott vergeb ich dir. Du denkst, Du hast ihn billig, aber glaub’ mir, er ist eine gar teure Waar’! Ich komm’, mit Dir zu red’n, mit Dir ganz allein. Hast’ keine Stub’ für Dich?“

„Für mich? Der ganz’ Hof ist ja mein, also brauchst’ um die Stub’ net bang zu sein. Doch darfst’ net denk’n, daß ich mir von Dir die Vorschrift geben lass’. Deine Heiligkeit ist net weit her, das weiß ich ganz genau, und was Du mir zu sag’n hast, kann jeder Andre hör’n.“

„Es ist nur für Dich allein, und Dein eig’nes Interess’ erheischt, daß es Niemand hör’.“

„Mach’ keine Fabelei! Entweder sprichst oder gehst, das ist mein Bescheid. Ich wüßt’ net, was Du dem Feldbauer für Heimlichkeit zu sag’n hätt’st. Bleibt da!“ gebot er den Frauen, welche Miene machten, sich zurückzuziehen. „Nun heraus damit und so kurz wie möglich! Was bist’ für eine heil’ge Personnag’ geword’n?“

„Ich bin als Freiersmann auf den Feldhof gesandt — — —“

„Als Freiersmann? Ein blinder Brautwerber; das müßt’ einen schönen Eh’stand geb’n. Willst etwa die Düngermagd für Deinen Student’n hab’n? Nimm sie hin und schau, daß ich Dich nun los werd’!“

„Halb hast’ recht gerath’n: Der Frieder ist’s, der mich schickt, doch net um die Magd, obgleich das keine Schand’ sein würd, wenn sie brav ist und ihre Sach’ versteht.“

„So wüßt’ ich weiter net, wen Du begehrst. Ich brenn’ vor Neugierd’; sag’ rasch, wem solch’ ein Glück bescheert werd’n soll!“

Er setzte sich mit einer Miene auf den Stuhl, als erwarte er eine vergnügte Unterhaltung. Martha war bleich geworden, und die Bäuerin zitterte beinahe vor Sorge um das Kommende. Der Bachbauer war der Einzige, der seinen Gleichmuth bewahrte.

„Feldbauer, es ist Feindschaft zwisch’n uns gewes’n seit langer, langer Zeit; Du weißt wohl, warum. Ich hab’ sie net begonnen und brauch’ sie also auch net zu end’n, doch die Unversöhnlichkeit bringt nix als Unheil, und darum bin ich ’kommen, um Dir die Hand zum Frieden darzureich’n.“

„So, also das willst’? Meinst’, ich bin ein Bettelbub’, dem man den Pfennig hinwirft, der nix gilt? Ich brauch’ Deine Hand net und Deinen Fried’n net; ich hab’ Hand genug, und den Fried’n schaff’ ich mir schon selber, zum Beispiel wenn Du ihn mir jetzt störst. Der, den Du bringst, ist Bachgutfried’n, der paßt net auf den Feldhof. Und bezahl’n soll ich ihn doch auch, net wahr? Was willst dafür?“

„Den — den Buschwebel!“

Der Spott seines Gegners hatte die mühsam festgehaltene Ruhe des Bachbauern erschüttert. Seine Antwort enthielt den ersten Pfeil, den er versendete.

„Den Buschwebel? Bist’ verrückt?“

„Nein. Ruf den Lieutenant her, so will ich ihm sag’n, wo der Webel steckt und wer ihn herausgeb’n kann! Merk’ Dir Eins, Feldbauer: ich komm, um in Ruh’ mit Dir zu red’n; zeigst Du Vernunft, so bleib ich das Kind, mit dem sich gut sprech’n läßt, bist’ aber widerhaarig, so bin ich der Goliath, der Keinen fürchtet, obgleich er blind ist, selbst den Waldkönig net, der den Bachgutfried’n net gebrauch’n kann!“

Der Feldbauer war erbleicht, doch faßte er sich schnell und stand vom Stuhle auf.

„Bachbauer,“ donnerte er, „wahr’ Deine Zung’, sonst schlag’ ich den Goliath nieder, so lang und groß er ist!“

„Das thust’ net, Feldbauer, denn auf die Faust kannst’ Dich net verlass’n; das hast’ ja wohl gemerkt. Steck lieber die Perück’ auf und den Bart, bind’ die Larv’ vor und schieß mir das Pulver in die Aug’n, das bringst’ besser zu Weg’, grad so gut, hörst’, grad so gut wie der Waldkönig da unt’n im Stoll’n!“

Auch er hatte sich erhoben; der Haß hatte wieder die Oberhand über ihn gewonnen; er blitzte aus jedem seiner Züge, er grollte aus seinem Tone, er streckte und reckte sich in jeder seiner Muskeln. Der Feldbauer hatte Miene gemacht, sich auf ihn zu stürzen, sank aber unter der Wucht der gegen ihn geschleuderten Anklage in den Stuhl zurück. Der Bachbauer hörte diesen krachen.

„So ist’s recht! Setz Dich nieder und hör’ mich ruhig an; dann magst’ thun, was Dir beliebt!“ Auch er nahm wieder Platz. „Du kennst den Frieder. Er ist ein Bursch’, dem’s Keiner in keinem Stück gleichthut. Das ist die Summ’ von ihm, im Einzeln brauch ich weiter nix zu sag’n. Er hat die Martha lieb, und — — —“

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„Die Martha?“ brauste der Andre auf, doch beherrschte er sich wieder. „Sprich weiter, Bachbauer, dann kommt auch die Summ’ von mir!“

„Also, er hat die Martha lieb und sie ihn auch. Sie ist ein Madel, fünfzig Feldhöf’ werth, so daß ich geg’n seine Wahl net das Mindest’ einzuwend’n hab’. Du bist nun zwar weder der Vater noch der Vormund und hast net über sie zu bestimmen, aber weil ich Versöhnung will, komm ich dennoch zu Dir, um Dir die Sach’ vorzutrag’n. Gieb Dein Wort dazu, und es soll All’s vernichtet sein, was zwisch’n uns so wild und wirr emporgewachs’n ist!“

„Bist’ fertig?“

„Ja.“

„So kommt jetzt mein Bescheid; der lautet: Fort, hinaus!“

„Ich mein’ — — —“

„Nix hast’ zu meinen! Hinaus!“

„Bleib ruhig, Feld — — —“

„Hinaus! Gehst’ oder net!“

Er war aufgefahren und auf den Bachbauer zugetreten. Jetzt faßte er ihn am Arme.

„Vater!“ rief Martha voll Angst und eilte herbei. Auch die Mutter wagte sich in die Nähe und hob flehend ihre Hände empor.

„Habt keine Sorg’ um mich!“ mahnte jetzt in finstrer Ruhe der Blinde. „Bleibt still an Eurem Platz!“

„Ja, macht Euch fort, sonst fliegt auch Ihr hinaus! Also vorwärts, Gesell’, sonst mach’ ich Dir Bein’!“

„Wagst’ wirklich, den Goliath anzutast’n? Hinweg mit der Hand!“

Als diesem Gebote nicht sofort Folge geleistet wurde, streckte er die Arme aus. Im Nu wurde der Gegner ergriffen, emporgehoben und mit solcher Wucht zu Boden geschmettert, daß er die Besinnung verlor.

Die Frauen stießen einen Schreckensruf aus und warfen sich bei ihm nieder. Der Blinde stand stolz und hochaufgerichtet da und lächelte.

„Er hat genug, net wahr?“

„Mein Gott, Bachbauer, er ist todt!“

„Nein, todt ist er net; ich kenn’ meinen Griff. Sollt’ er todt sein, so hätt’ ich Etwas weiter ausgelangt. Doch sagt, Feldbäu’rin, ist Euch der Frieder recht?“

„Er ist mir der Liebst’ von Allen, die ich kenn’!“

„So seid getrost; es wird Euch nix gescheh’n! Und sollt’ Etwas kommen, wobei Ihr Hülf’ von Nöth’n habt, so schickt hinaus zu uns; sie wird Euch gern gebracht!“

Er schritt an dem Besinnungslosen vorüber dem Ausgange zu. Das noch zitternde Mädchen faßte seine Hand und geleitete ihn in den Hof, wo ihn der Knecht empfing.

„Vergiß net, Martha, daß Dir der Bachhof off’n steht. Leb wohl!“

Er ging. Wie gern hätte sie an seiner Seite den Feldhof verlassen und gleich in diesem Augenblicke den verheißenen Schutz in Anspruch genommen; aber sie mußte an der Seite der Mutter aushalten, die ihrer schwachen Hülfe und ihres Trostes bedurfte.

Als sie wieder in die Stube trat, begann sich der Bauer zu regen. Er blickte einige Zeit wie abwesend um sich her, dann kam ihm das verlorene Bewußtsein wieder. Mit einem Sprunge war er auf die Füße.

„Wo ist er, der Hallunk’, der mich in meinem Haus geschlag’n hat? Ihr habt ihn fort gelass’n, Ihr habt ihm geholf’n, Ihr — — —“

Er streckte schon die Arme aus, sich an der Frau und Tochter zu vergreifen, da zog ein Gedanke sie ihm wieder zurück.

„Hierher, Martha, hierher kommst’ und stehst’ Red’ und Antwort auf das, was ich Dich frag!“

Sie folgte der Weisung und nahm allen ihren Muth zusammen.

„Du steckst mit dem Bachfrieder unter einer Deck’ und hast mit ihm charmirt?“

Sie schlug die Augen zu Boden.

„Gut, ich seh’ schon, wie’s steht. Bist wohl gar bei ihm im Bachhof gewes’n?“

„Ja.“

„Und hast gewußt, daß der Alt’ heut kommen werd’?“

„Nein.“

„Ihr habt vom Waldkönig gesproch’n?“

„Ja.“

„Was weißt’ von ihm?“

Sollte sie verrathen, daß der Geliebte Alles wisse? Nein, es konnte sein Untergang sein.

„Ich hab’ ihn geseh’n.“

„Du? Wo?“

„In der Brunnenstub’.“

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Sie sah ihm fest in die Augen. Er konnte seinen Schreck nicht verbergen und fuhr einen Schritt zurück.

„Wer ist’s?“

„Du selber!“

Da, wo die Mutter stand, erscholl ein Seufzer. Das Entsetzen hatte ihr sogar den Schrei versagt. Sie lag an der Erde.

„O mein Gott, die Mutter stirbt!“

Sie wollte hin zu ihr. Er hielt sie fest.

„Laß sie lieg’n! Sie ist zäh’ wie die Katz’ und macht die Aug’n ganz von selber auf. Nun weiß ich auch, warum der Bachbauer von der Perück’ und der Larv’ geredet hat. Du hast ihm All’s erzählt?“

„Ja.“

„Also steht’s so! Du hast Dich an den Lump, den Frieder gehängt und Deinen eigenen Vater an ihn verrath’n. Ich sollt’ Dich bei den Haar’n ergreif’n und — — aber nein, ich werd’s net thun; Du und Deine Mutter, Ihr seid den Griff net werth. Geh hin zu ihr, und wenn sie erwacht, so kommst’ mit ihr hinauf in meine Stub’!“

Er ging voran. Droben angekommen, wanderte er mit langen erregten Schritten im Zimmer auf und ab.

„Waldkönig, Dein Reich geht zu End’, so schnell und plötzlich, wie Du’s nimmer geglaubt hast! Noch ist’s Zeit; noch wiss’n sie net All’s, und ich werd’ die Maßregeln so ergreif’n, daß ich All’s noch rett’, was ich erworb’n hab. Vom Stoll’n hat er gesproch’n, aber er kennt ihn net. Will er Anzeig’ mach’n, so mag er’s thun; ich bin zu End’, noch eh’ sie kommen. Und wie nun, wenn ich ihn hinhalt’, bis ich fertig bin? Ja, das ist das Best’. Die Weiber müss’n hinab! [D]da können sie net plaudern, und ich fahr’ zum Schwäher, der mir den Hof abkauft Er hat ihn längst begehrt und kann ihn gleich bezahl’n, wenn ich mit ihm Abrechnung halt’. Morg’n bring ich ihn mit; wir versammeln die Leut’, wozu ich den Zettel gleich nachher leg’, er übernimmt das ganz’ Geschäft und mag dann thun, was er will. Dann geh ich in die Welt und lach’ der klugen Leut’, die all’ Finger nach mir streck’n und doch nix greif’n als die Luft.“

Er begann sich umzuziehen.

„Der Webel mag steck’n, bis ich zurückkehr’; vielleicht darf er gar nimmer wieder heraus. Und der Bachfrieder, ja, mit dem hab’ ich noch eine Furch zu ackern, bei der ihm Hör’n und Seh’n vergehen soll. Was geht ihn der Waldkönig an? Was hat er nach ihm zu spionir’n? Ist er Soldat oder Jäger oder Grenzer? Er hat ein unberufen Amt übernommen, und ich werd’ ihm dafür die Löhnung zahl’n bis zum letzt’n Heller. Ich weich’ net eher aus dem Ort, bis er dasselb’ Gesicht hat wie der Goliath; das bin ich mir und dem Nachfolger schuldig!“

Jetzt brachte Martha die Mutter geführt. Beide blieben unter der Thür stehen und sprachen kein Wort.

„Wir verreis’n. Macht Euch fertig und nehmt Speis’ mit für einen Tag oder zwei. In einer Viertelstund’ wird angespannt.“

„Wohin, Vater?“ frug Martha.

„Das geht Euch nix an; das ist meine Sach’!“

„Auf zwei Tag? Und wir all’ Drei? Willst’ den Hof so verwaist zurücklass’n?“

„Halt’ den Mund und thu’, was ich befehl’,“ herrschte er sie an, „’hast die Supp’ eingebrockt und kannst sie nun auch auslöffeln!“

Sie gingen.

„Was hat er vor, Mutter?“

„Ich weiß net, aber nix Gut’s, das ist sicher. Mir ist’s auch gleich, mit mir ist’s all’, er mag thun, was er will!“

„So darfst’ net sprech’n Mutter! Weg’n ihm darf’st Dich net vergrämen und verjammern; er ist’s net werth. Sei stark, thu’ mir’s zu Lieb’! Weißt’ net, was der Bachbauer gesagt hat? Der Vater mag verreis’n, wohin er will; ich pack meine Sach’ und geh zum Bachhof. Kommst’ mit?“

„Nein. Das gäb’ einen Skandal, wie er net größer gedacht werden kann. Harr’ aus bei mir, Marthe; vielleicht hilft Gott, daß All’s noch gut wird!“

„So will ich bei Dir bleiben; aber das thu’ ich: ich schicke zum Frieder und laß’ ihm sag’n, daß der Vater uns wegzwingt und net sagt, wohin. Darf ich?“

„Ja, thu’ es; doch laß’ nix davon merk’n!“

Martha ertheilte ihren Auftrag einem Tagelöhner, der nicht so leicht wie das Hausgesinde vermißt werden konnte. Der alte Mann konnte sich trotz ihrer Mahnung nicht sofort von seiner Arbeit trennen und machte sich dann nur langsam auf den Weg. Er traf Frieder im Hofe des Bachgutes beschäftigt.

„Recht, daß ich Dich gleich find’. Die Marth’ läßt Dir schnell

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sag’n, daß der Bauer sie mit der Mutter auf den Wag’n packt und fortschaff’n will.“

„Wohin?“

[„]Das hat er net gesagt. Sie müss’n Speis’ für zwei Tag’ mitnehmen.“

„Und we[a]nn geht’s fort?“

„Sogleich. Das Geschirr stand schon bereit, als ich ging.“

„Jetzt sogleich, wo es bereits dunkelt?“

Er eilte hinaus auf die Straße und schritt eine Strecke auf ihr hin, bis er den Feldhof erblicken konnte. Aus dem geöffneten Thore desselben rollte in diesem Augenblicke der Wagen mit dem Bauer vorn auf dem Bocke und den Frauen auf dem Innensitz. Der Erstere hatte sein Augenmerk auf die muthigen Pferde gerichtet, welche ihm zu schaffen machten, und hielt das Gesicht von dem Dorfe abgewandt. Frieder benutzte dies, trat hinter dem Straßenbaume, der ihn verbarg, hervor und winkte. Sein Zeichen wurde

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von Martha, welche ihr Taschentuch erhob, beantwortet. Er eilte zurück und gebot dem Knechte, schleunigst zu satteln, dann ging er zu den Eltern.

„Soeb’n schleppt der Feldbauer die Martha mit ihrer Mutter fort. Sie wiss’n net, wohin, und hab’n zu mir gesandt. Ich muß seh’n, was er mit ihnen thut, und reit’ ihm nach!“

Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte er auf sein Zimmer, warf sich in andere Kleider und lenkte schon nach wenigen Augenblicken zum Thore hinaus. Die Geliebte sollte ihm entrissen werden; er mußte ihr folgen und gab dem Braunen die Sporen. Im Galopp flog dieser die Straße dahin; der Wald war in kaum einer Minute erreicht, und hier, wo die Chaussee in schnurgerader Richtung allmählich bergan stieg, sah er trotz der hereinbrechenden Dunkelheit das Geschirr des Feldbauers in ziemlicher Ferne vor sich.

„Er fahrt nach der Grenz’. Vielleicht schafft er sie zum Kaufmann -

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Kaufmann hinüber, mit dem er das Geschäft macht. Ich reit’ nun langsam, denn er darf mich net bemerk’n.“

Er ließ das Pferd im Schritt gehen, und erst als die Verfolgten jenseits der Höhe verschwunden waren, nahm er die Zügel zum scharfen Trab empor. Auf dem Höhenpunkte angekommen, wo rechts und links ein paar schlecht befahrene Holzwege in den Forst abzweigen und die Straße sich wieder abwärts senkte, vermochte er, so weit sein Auge die Dämmerung durchdringen konnte[,] den Wagen nicht mehr zu erkennen.

„Er hat’s eilig und ist scharf gefahr’n. Vorwärts; ich darf ihn net aus dem Aug’ verlier’n!“

Eine Viertelstunde verging; das nächste Dorf lag vor ihm, und noch hatte er die Erstrebten nicht erreicht. Bei der Chausseegeldereinnahme hielt er an.

„Ist hier ein Wag’n vorüber, Fuchs und Schimmel angespannt?“

„Nein.“

 477(rechts unten)

„Ganz gewiß?“

„Ganz sicher. Ich bin seit einer Stund’ net vom Fenster weggekommen.“

Er zog den Braunen herum und jagte zurück.

„Er hat eine Schelmerei vor und ist in einen von den beiden Waldweg’n eingelenkt!“

Als er die Höhe wieder erreichte, stieg er ab, um die Wege zu untersuchen. Es war nun mittlerweile dunkel geworden; das Licht des Zündholzes reichte zu seinem Zwecke nicht aus; er trat zu einer knorrigen Kiefer, welche niedrig und verwachsen am Waldesrande stand, und fand glücklicher Weise an den Knospenstellen mehrerer Zweige einige von Insektenstichen erzeugte Harzkaspeln. Rasch war eine derselben in Brand gesetzt, und bei dem breitlodernden Lichte sah er deutlich die schmalen Spuren der Wagenräder, welche rechts von der Straße in den Forst hineinführten

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und von den älteren, tiefer und breitergehenden Geleisen der hier verkehrten Holzfuhrwerke zweifellos zu unterscheiden waren.

„Was hat er hier gewollt? Der Weg geht auf der Höh’ bis hin zur Zech’, und kein andrer zweigt sich von ihm ab. Ich muß ihm folg’n, aber das Pferd wird mich verrath’n. Hier anbind’n und zurücklass’n darf ich’s net. Ich reit’ im Carrière nach Haus’, geb’s ab und spring den Berg hinauf zur Zech’, das ist das Best’, was ich zu thun vermag!“

Er stieg wieder auf, um diesen Vorsatz auszuführen. Da war es ihm, als vernehme er den unbewachten Knall einer vorsichtig geführten Peitsche.

„Was ist das? Kommt er vielleicht zurück?“

Ein dumpfer Ton ließ sich hören, als ob ein Wagenrad an eine aus dem Wege hervorstehende Wurzel stoße. Schnell war er wieder von dem Thiere herunter, zog es zwischen die nächsten Bäume[,] verhüllte ihm mit dem Taschentuche die Nüstern und versuchte, es durch Streicheln zur möglichsten Ruhe zu bewegen. Es gelang; der Braune gab keinen Laut von sich, als der Wagen hart an ihm und seinem Herrn vorüberging und dann in die Straße einlenkte.

„Das war er. Ich hab’ ihn ganz genau erkannt; er fährt nach der Grenz’. Aber wo sind die Frau’n? Sie war’n net darin. Er hat ihnen ein Leid angethan, das ist sicher! Und statt ihnen zu Hülf’, zu kommen, hab’ ich beinah’ eine Stund’ versäumt mit Umweg und Forschung nach der Spur. Es muß ’was ganz Absonderlich’s sein, sonst hätt’ er net das Wagniß unternommen, heut, wo der Wald von Soldat’n wimmelt, gar mit dem Fuhrwerk der Gefahr zu trotz’n.“

Noch im Zweifel mit sich selbst, vernahm er jetzt ein lautes Rascheln, welches sich der Straße näherte. Einige Soldaten sprangen, als hätte er sie durch die soeben gemachte Erwähnung gerufen, über den Graben und traten, als sie ihn erblickten, mißtrauisch auf ihn zu.

„Wer da?“

„Gut’ Freund! Kennt Ihr mich denn net?“

Der Anrufende war einer von den Beiden, welche auf dem Bachhofe im Quartier lagen.

„Der junge Herr mit dem Pferd! Ist ’was am Zeug geriss’n?“

„Nein. Ich will noch zum Förster und mag mit dem Gaul doch net in den Wald; der Hafer sticht ihn heut, und er könnt’ mir Dummheit mach’n. Ihr geht doch net nach dem Dorf?“

„Wir sind grad d’rüber. Soll ich das Pferd mitnehmen?“

„Ja. Sagt dem Vater, daß ich bald nachkomm’! Ist der Feldwebel gefund’n?“

„Nein. Den braucht Ihr net wieder durchs Fenster zu spedir’n!“

Sie gingen mit dem Braunen ab. Er konnte ihnen das Pferd getrost anvertrauen; seine Stärke hatte ihn in Respekt gesetzt, und die gute Pflege des Bachhofes war nach der unliebsamen Tanzaffaire das beste Mittel zur allmähligen Aussöhnung gewesen.

Er betrat den Holzweg, welchem er folgte, ohne etwas Auffallendes zu bemerken. Auf der Zechenhalde angelangt, stieg er auf die gewöhnliche Weise in die Scheune; er konnte sich des Gedankens nicht erwehren, daß dieser Ort mit dem Verschwinden der zwei Frauen in Verbindung stehe.

Als er einen von den mitgenommenen Harzäpfeln in Brand gesteckt hatte, gewahrte er eine kleine Blendlaterne, welche an einem Nagel hing.

„Er ist hier gewes’n und hat die Latern’ zurückgelass’n, weil er sie net braucht. Mir ist’s grad’ recht, denn ohn’ sie könnt’ ich nix beginnen!“

Er brannte sie an und untersuchte nun das Innere der Scheune. Auf den ersten Blick schien Alles in dem gewöhnlichen Stande zu sein, doch bald fiel ihm ein Seilende auf, welches unter dem Haus hervorblickte. Er entfernte die Bündel und gewahrte nun, was ihm bei seinen bisherigen Besuchen dieses Ortes entgangen war: Ein vollständiges Haspelwerk befand sich unter dem Heu und dabei ein Fahrstuhl, Beides vielleicht vor kaum einer halben Stunde in Gebrauch gewesen. Er sah sich um nach einer Spur von der Geliebten, einem Bande, einer Schleife, wie der Romanschreiber es so gern seinen Helden finden läßt; es war Nichts zu bemerken. Nun schaffte er die Haspel über das Mundloch, hing den Fahrstuhl ein, stieg auf und ließ sich hinab. Es ging schneller und sicherer als mit der primitiven und immerhin unzuverlässigen Vorrichtung, deren er sich das letzte Mal bedient hatte.

Unten angekommen, stand er schon im Begriff, in den Stollen einzubiegen, als er einen Laut vernahm, der sich aus der Tiefe des zweiten Schachtes hervorzuringen schien. Er kniete sich an der Oeffnung, welche er heut ebenso unbedeckt fand wie letzthin, nieder und rief hinab:

„Ist Wer da unt’n?“

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Eine Antwort erfolgte, deren Laute er nicht zu unterscheiden vermochte.

„Martha!“

Er legte das Ohr auf den Boden, und jetzt war es ihm, als ob er seinen Namen rufen höre. Nun leuchtete er hinab und entdeckte zwei eiserne Haken, aber die Fahrt, welche an ihnen befestigt gewesen war, fehlte. Wenn die Frauen wirklich unten waren, wie hatte der Feldbauer sie hinabgebracht? Er schritt ein Stück in den Stollen hinein, um irgend einen Anhalt zu finden, und hatte sich nicht getäuscht. Die vermißte Fahrleiter lag am Boden. Sie war entfernt worden, um den Gefangenen, die günstigen Falls nur einen Theil des Schachtes zu ersteigen vermochten, die Flucht abzuschneiden. Er hing sie ein, erprobte sorgfältig ihre Festigkeit und stieg dann hinab. Die Fahrt stieß an eine zweite, diese an eine dritte, und so kam er langsam, aber ohne Aufenthalt immer weiter hinab, bis er ganz vernehmlich hörte:

„Frieder, bist’s oder ein Andrer?“

„Martha, ich bin’s!“

Ein Jubelruf erschallte, und als er den Boden unter sich fühlte, schlangen sich zwei Arme um ihn, und zwei warme Lippen küßten ihn immer und immer wieder ohne Unterlaß.

„Ich hab Deinen Wink gesehn und darum gewußt, daß Du kommen werd’st!“ Dann verließen sie ihre bis auf das Aeußerste angespannten Kräfte; sie sank auf den feuchten, moderigen Boden nieder neben der regungslosen Mutter, welche von sich und dem, was bei ihr geschah, nicht das Mindeste zu wissen schien.

Er untersuchte sie. Sie lebte, aber ihr Puls ging kaum bemerkbar, und alle an sie gerichteten Worte hallten erfolglos an ihr Ohr.

„Martha, wie seid ihr herabgekommen?“

Sie konnte unter dem jetzt ausbrechenden Schluchzen nicht antworten.

„Wein’ net, Martha, sondern sei stark um der Mutter will’n, sonst weiß ich net, was ich mit Euch beginnen soll!“

Sie faßte sich mit Gewalt.

„Er sagt’, wir woll’n verreis’n, und gebot, Speis’ mitzunehmen für zwei Tag’, hier liegt sie neb’n der Mutter in dem Tuch’. Dann sind wir gefahr’n, bis es dunkel war und wir vor der Zech’ hielt’n. Da hat er die Scheun’ geöffnet und uns hineingestoß’n. Was nun gefolgt ist, kann ich net erzähl’n. Wir wollt’n net hinab, bis er das Messer zog und uns die Wahl ließ zwisch’n Gehorsam oder Tod. Von da an hat die Mutter keinen Laut gethan und ist wie todt gewes’n bis jetzt. Ich hab’ dann in dem furchtbar’n Loch herniedersteigen müss’n, und die Mutter hat er sich auf den Rück’n gebund’n und herabgetrag’n. Dann ist er wieder hinauf und hat gesagt, daß er morg’n wiederkommen werd’. Ich hab’ erst bei der Mutter geleg’n und geweint, daß mir der Athem verging, dann mußt’ ich an Dich denk’n, Frieder, und ich hab’ die Händ’ gerungen und gebetet, daß der liebe Gott Deine Schritt’ herbeilenk’n mög’, damit Du uns findest und befrei’st.“

„Er hat sie gelenkt, Martha, und nun lass’ ich Dich net wieder von mir fort, damit Du net wieder in die Hand des Wütherichs geräth’st, der kein Gefühl und kein Erbarmen kennt. Er hat Angst gehabt, daß Du plaudern mög’st, und Euch deshalb gefangen genommen. Aber das soll die letzt’ Kart’ sein, die er spielt; sobald er zurückkehrt, ist’s mit ihm aus, und wenn der liebe Gott vom Himmel käm’, um Gnad’ von mir zu erflehn. Ich hab’ ihm Verzeihung geben woll’n; er aber hat sie verschmäht, den Vater verhöhnt und Dich mißhandelt und gar mit dem Messer bedroht. Das ist der Punkt in mir, mit dem net zu spaß’n ist. Er hat mit der Sünd’ gespielt, und sie mag ihn verschlingen!“

Er leuchtete in dem Raume umher.

„Wie nun, wenn hier die böse Luft vorhand’n wär’? Dann lägst’ todt mit der Mutter hier und ich — Martha, ich riß ihm jedes Glied stückweis’ vom Leib herunter! Komm herauf; ich kann Dich keine Minut’ länger hier unt’n sehn!“

Die Fahrt war noch fast neu. Der Waldkönig hatte sie jedenfalls nicht längst erst angefertigt, und man konnte sich ihr unbesorgt anvertrauen. Die Furcht vor dem Messer des Vaters hatte Martha die Kraft gegeben, den gefährlichen Weg zurückzulegen; jetzt stärkte sie das Vertrauen auf die Nähe des Geliebten. Von ihm unterstützt, gelangte sie hinauf in den Stollen. Er ließ sie hier auf kurze Zeit allein und kehrte zur Mutter zurück. Was der Feldbauer vermocht hatte, mußte auch ihm gelingen; er brachte die Besinnungslose wohlbehalten empor. Sie schlug für einen kurzen Augenblick die Lider empor; ihr Blick fiel auf zwei geliebte Gesichter, ein müdes Lächeln ging über ihre bleichen Züge, dann schloß sie die Augen wieder. Frieder zog seine Jacke aus und legte sie ihr unter den Kopf.(Fortsetzung folgt.)

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Der Waldkönig.

Eine Erzählung aus dem ErzgebirgevonKarl May.

(Fortsetzung.)

Wir dürf’n sie net allein lass’n; das Loch ist in der Näh’. Getraust’ Dich, ein paar Minut’n hier im Finstern zu sein, bis ich wiederkehr’, Martha?“

„Es ist so schaurig hier unter der Erd’, Frieder. Mußt’ denn fort?“

„Ja. Ich muß den Buschwebel such’n.“

„So denkst’, auch der ist hier?“

„Ja, wenn er noch lebt. Ich geh an die Höhl’, von der ich Dir und den Eltern erzählt habe. Hier hast’ Zündholz und Harzäpfeln; sie reich’n vielleicht, bis ich wiederkehr’.“

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„Frieder, geh net fort! Ich hab so Angst, daß Dir ’was Böses begegnet.“

„Sei ohne Sorg’. Ich bin heut ganz sicher!“

Er hob die Fahrt wieder aus und legte sie an dieselbe Stelle, wo er sie gefunden hatte; dann folgte er dem Stollen. Dabei beeilte er sich soviel wie möglich, um die Geliebte nicht lange in der Ungewißheit zu lassen. Auf der ganzen Strecke fand er nichts Bemerkenswerthes, an der Mauer angekommen, schob er einen der Riegel zurück; sie folgte seinem Drucke, und er schlich sich an die jetzt wohl verschlossene Thür des Gefängnißraumes. Eine Kette klirrte im Innern. Er durfte den Gefangenen nicht befreien, weil dessen Abwesenheit den Verdacht der Schmuggler erregen konnte, und ebenso wenig wollte er mit ihm sprechen, bevor alle Maßregeln zur Ergreifung der Verbrecher getroffen waren. Eine Unvorsichtigkeit des Buschwebels konnte Alles vereiteln. Aber wissen mußte er doch, wer der Gefangene sei. Er führte einen einzigen, raschen Schlag gegen die Thür.

„Wer ist drauß’n? Macht auf! Ich hab’s ja taus’ndmal geruf’n und gebrüllt, daß ich den Spion mach’n will, wenn Ihr mich net hängt!“

Er hatte genug gehört. Es war die Stimme des Buschwebels, und seine Worte enthielten eine kurze aber deutliche Beschreibung dessen, was er während seiner Gefangenschaft erfahren hatte. Er kehrte in den Vorrathsraum zurück, schob den Riegel vor und eilte zu Martha.

„Wie lang’ bist’ fortgeblieb’n, Frieder! Ich hab viel Furcht gehabt; das Licht hat net gelangt, und die Mutter ist wie todt. Ach Gott, was wird noch All’s geschehn!“

„Hab’ gut’n Muth, Martha! Schau, hier ist der Fahrstuhl. Zusammen können wir net empor; hernieder ist’s leichter gewes’n. Die Mutter muß zuerst hinauf. Willst’ wart’n?“

„Ja.“

Er legte die Bäurin in den Stuhl, stieg selbst hinein und zog an. Oben angelangt, bettete er die Besinnungslose auf das weiche Heu und kehrte zurück, um auch Martha heraufzubringen. Trotz seiner Stärke fühlte er sich ermüdet. Er mußte sich ausruhen, ehe er daran ging, das Innere der Scheune wieder in Ordnung zu bringen. Als dies geschehen war, öffnete er den Laden und half dem Mädchen hinaus. Dann reichte er ihr die Mutter zu, deren bewußtloser Zustand Alles ungemein erschwerte, und folgte nun selbst nach.

„Gott sei Dank; jetzt nun erst ist’s glücklich vorüber. Komm’ nach dem Bachhof, Martha!“

„Soll ich net nach Haus’, Frieder?“

„Nie wieder, und heut erst ganz und gar net. Der Bauer muß denk’n, ihr seid noch immer im Schacht, und damit er die Befreiung net erfährt, darf Euch kein Mensch sehn, bis All’s zu End’ gegangen ist.“

Er hob die Feldbäuerin empor, nahm sie in die Arme wie ein Kind, und stieg, gefolgt von der Geliebten, mit ihr den Berg hinab. Glücklich und ungesehen in der Nähe des Bachhofes angelangt, blieb er halten, um für einen Augenblick zu verschnaufen; da tauchte eine in einen Mantel gehüllte Gestalt vor ihm auf, der Hahn einer Pistole knackte und eine befehlende Stimme gebot:

„Halt, steh! Wer seid Ihr?“

Frieder erkannte den Lieutenant, welcher eine ganz besondere Veranlassung haben mußte, hier so nahe am Dorfe und in eigener Person Patrouillendienst zu verrichten.

„Der Bachbauer, Herr Lieutenant. Hab’n Sie ein wenig Zeit?“

„Vielleicht. Warum?“

Bitt’, kommen Sie mit herein in den Hof. Ich hab’ Ihnen Wichtig’s mitzutheil’n!“

„So! Wer ist das Frauenzimmer, und wen haben Sie hier auf dem Arme?“

„Das werd’n Sie drin erfahr’n; hier ist net der Ort dazu.“

„So gehn Sie voran; ich werde folgen!“

Die Bachbäuerin schlug vor Verwunderung die Hände über dem Kopfe zusammen, als sie die Kommenden bemerkte.

„Du lieber Herrgott, Frieder, wen bringst’ denn da?“

„Die Martha mit ihrer Mutter, die ganz von Besinnung ist. Thu’ sie schnell ins Bett, und schick den Knecht mit dem Wag’n in die Stadt zum Doktor! Aber er und Niemand als wir darfs wiss’n, daß sie und der Herr Lieutenant hier sind!“

Seinem Gebote wurde sofort Folge gegeben. Der Knecht fuhr schleunigst nach der Stadt, nicht anders glaubend, als der Bachbauer sei plötzlich unwohl geworden; die Kranke wurde in weiche Federn gebettet, und Martha ließ es sich nicht nehmen, bei ihr zu bleiben. Die Andern aber sahen mit Ungeduld den Aufklärungen entgegen, welche sie von Frieder zu erwarten hatten. — — —

(links)493

VII.Schluß.

Die Feldbäuerin war erwacht; der Arzt hatte erklärt, ihr Schwächezustand sei eine Folge langer innerer Seelenleiden und auf’s Höchste gesteigert durch den heut über sie hereingebrochenen Jammer. Er hatte die größte Ruhe und Schonung befohlen, vor jeder Aufregung gewarnt und stärkende Arzneien verschrieben. Jetzt lag sie da, glücklich lächelnd über die reiche Liebe, die ihr aus so vielen Augen entgegenstrahlte. Sie war hart an der Grenze des Lebens hingestreift, hatte das Rauschen des Todes vernommen und fühlte ihre Seele von der früheren Schwäche befreit.

„Frieder!“ lispelte sie.

Er neigte sich zu ihr nieder.

„Ist er wieder da?“

„Nein.“

„Ich geb’ ihn in Deine Hand. Das Gesetz hat größres Recht auf ihn als ich. Doch, sprich net mehr von ihm!“

Er neigte zustimmend das Haupt und kehrte in die Stube zurück, wo der Lieutenant beim Vater saß. Beide schienen sich schnell zusammengefunden zu haben; der Offizier hatte sich eine Pfeife angesteckt und qualmte dem Blinden ins Gesicht, daß es paffte; dieser schien sich dieser Intimität höchlich zu freuen und überhaupt in einer Stimmung zu sein, wie man sie seit langer Zeit nicht an ihm bemerkt hatte.

„Ist die Stub’ für die Martha in Ordnung, Frieder?“

„Ja, zwei; eine für sie und eine für ihre Mutter.“

„Sorg’ nur, daß ihnen nix fehlt! Hat auch der Herr Lieut’nant noch Tabak und gehörig zu trink’n?“

„Es ist für Alles aufs Beste gesorgt,“ antwortete dieser selbst.

„Der Knecht giebt doch tüchtig Hafer, daß die Braunen gut aushalt’n?“

„Ich freu’ mich auf den Ritt,“ versicherte der Offizier. „Er bringt mich mit einem Male zum Ziele, wo ich geglaubt hatte, noch monatelang im Dunkeln tappen zu müssen. Der Buschwebel hat die Schwierigkeiten nur erhöht und vermehrt, statt mir von Nutzen zu sein. Ihnen zum Beispiel,“ wandte er sich zu Frieder, „muß ich gestehen, daß eine Art Verdacht gegen Sie gehegt wurde. Sie waren maskirt und bewaffnet im Walde gesehen worden und heut wieder zu Pferde dort gewesen, wo jeder Andre es sich angelegen sein ließ, daheim zu bleiben — — —“

„Grad darum war der Verdacht doch eigentlich ausgeschloss’n. Wer sich unsicher fühlt’, blieb daheim; wer ein gut’s Gewiss’n hatt’, konnt’ sich sehen lass’n. Doch, da hängt der Knecht die Latern’ heraus; das ist das Zeich’n, daß gesattelt ist.“

„Er wird doch net aufpass’n, wer mit aufsitzt?“ frug der Blinde. „Meine Leut’ sind gut und treu; aber besser ist besser, und vor Austrag der Sach’ darf Niemand net erfahr’n, was heut im Bachhof vorgegangen ist.“

„Laß mich sorg’n, Vater! Der Herr Lieut’nant geht durch die Pfort’ voran und steigt erst auf der Straß’ zu Pferd. Ist’s gefällig?“

Der Genannte legte die Pfeife weg und nahm Abschied. Er gewann unbemerkt die Straße und hörte bald Frieder hinter sich hergetrabt kommen. Als dieser ihn erreichte, schwang er sich auf.

Es war längst Mitternacht vorüber; die Erde lag in tiefer Ruhe, und nur hier und da funkelte ein einsames Licht vom dunklen Himmel herab.

„Wissen Sie, daß ich mich beinahe vor Ihnen fürchten möchte?“

„Warum?“ lächelte Frieder.

„Weil in Ihrem Körper eine solche Masse von Elementarkraft aufgespeichert liegt. Der Name Goliath gehört schon Ihrem Vater mit vollem Recht zu eigen, Ihnen aber noch viel mehr. Wäre diese physische Stärke nicht mit so viel geistigem Vermögen gepaart, so könnte sie wirklich gefährlich werden, und ich darf Gott danken, daß ich mich in Ihnen geirrt habe.“

„Der Waldkönig konnt’ ich doch unmöglich sein; er trieb sein Wes’n doch schon lang, bevor ich in der Heimath war.“

„Das ist schon richtig; aber Sie konnten sich seit Ihrer Rückkehr mit ihm verbündet haben. Ihr Auftreten dem Feldwebel und seinen Leuten gegenüber, das Umherschleichen im Walde, die Maske, der Revolver, Ihr heutiger, fingirter Besuch beim Förster, das Alles war für mich Grund, in der Nähe des Bachhofes selbst auf Ihre Rückkehr zu warten. Ich war zwar bewaffnet, waren Sie aber wirklich Derjenige, für welchen ich Sie hielt, ich hätte wohl keinen leichten Stand gehabt. Wer einen Kerl wie den Buschwebel durch das Fenster wirft, dem ist auch wohl zuzutrauen — — —“

„Daß er einen Lieut’nant zerbricht,“ fiel Frieder scherzend mit einem Blicke auf die schlanke Gestalt seines Gefährten ein.

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„Pardon, mein Lieber,“ lachte dieser. „Soweit wäre es denn doch wohl nicht gekommen, sintemalen Seine Majestät allerhöchst Ihre Offiziere weder aus der Porzellanfabrik noch aus der Glasbläserei zu beziehen pflegen. Ich hätte mich auch ein wenig gewehrt, wie man zu thun pflegt, wenn es Einem an den Kragen geht. Doch, Scherz bei Seite! Wie stark ist die Bande des Königs?“

„Neunzehn Mann.“

„Und sie gehen stets gut bewaffnet?“

„Mit Büchs’ und Messer.“

„Und im Vorrathsraum befinden sich auch noch Gewehre?“

„Eine ziemlich’ Zahl.“

„So werden wir wohl einen harten Stand bekommen!“

„Ich fang’ sie ganz allein, wenn’s verlangt wird.“

„Oho! Dazu reicht wohl selbst Ihre Riesenstärke nicht aus.“

„Warum net? Es kommt ganz d’rauf an, wie man’s beginnt!“

„Nun, wie?“

„Erst thu’ ich den König ab; das ist net schwer, und sodann stell’ ich mich vor den Eingang und geb’ Jedem, wenn er kommt, so viel, daß er genug hat. Aber solch’ eine Anstrengung ist ja gar net nothwendig, und ich geb’ auch zu, daß es oft net so glatt geht, wie man sich die Sach’ ausgedacht hat. Wir reit’n zum Herrn Amtshauptmann, dem ich den Waldkönig mit seiner ganz’n Band’ in die Hand geb’; er mag thun, was er für’s Best’ und Gutest’ hält. Will er ihn billig, so bin ich dabei, und will er ihn auf der That abfangen, so soll’s auch da net an mir fehl’n.“

„Das will ich gern glauben, Sie hätten statt der Feldhacke die Waffe wählen sollen; wir hätten einen ausgezeichneten Kameraden in Ihnen gefunden. Wenn ich bedenke, daß alle unsere Mühe vergebens gewesen ist, während es Ihnen, dem Einzelnen, gelang, ein festes, unzerreißbares Netz um die fürchterlichen Menschen zu schlingen, so möchte ich vor jeden Andern treten, nur nicht vor den Amtshauptmann.“

„Zufall, Herr Lieut’nant, und Verborg’nheit!“

„Zufall? Meinetwegen, aber die geschickte Ausnutzung desselben gibt ihm erst den Werth. Der Buschwebel ist auch am Stollen gewesen, grad wie Sie; aber Sie sind Meister der Situation, während er in der Falle steckt. Er ist sehr brauchbar, aber ein Poltron und hat die empfangene Lehre verdient.“

Das Gespräch stockte jetzt; man hatte das Dorf erreicht und mußte am Schlagbaume halten. Es kam auch nicht wieder in regen Fluß, bis man zur Amtsstadt gelangte, wo sich eben die Thüren der Gasthöfe öffneten, um den über Nacht gebliebenen frühmunteren Fuhrleuten die Abfuhr zu gestatten.

Sie stiegen an einem derselben ab, übergaben die Pferde und nahmen einen warmen Frühtrunk zu sich. Dann begaben sie sich in das Amtshauptmannschaftsgebäude, wo sie den Chef wecken ließen. Er empfing sie mit finsterer Miene.

„Ist Ihre Angelegenheit von solcher Wichtigkeit, daß Sie mich im Schlafe stören?“

„Wir haben den Waldkönig fest.“

Diese wenigen Worte des Offiziers brachten den hellsten Sonnenschein auf dem Gesichte des Beamten so plötzlich hervor, daß Keiner der Beiden sich eines Lächeln zu erwehren vermochte.

„Was Sie sagen, mein bester Herr Lieutenant! Ich darf natürlich an der Wahrheit Ihrer Versicherung nicht den mindesten Zweifel hegen.“

„Welcher allerdings wenig oder gar nicht gerechtfertigt sein dürfte. Der Schmuggler befindet sich zwar noch nicht in unsern Händen, da wir es vorzogen, vorher die Befehle des Herrn Kreishauptmannes zu vernehmen, aber es bedarf wirklich nur dieser letzteren, um ihn mit seiner ganzen Bande der Gerechtigkeit zu übergeben.“

„Sie liefern damit einen dankbaren Beweis Ihrer Umsicht, und ich nehme keinen Anstand, zu bemerken, daß man vollständig überzeugt war, die Ihnen gewordene Aufgabe den besten Händen anvertraut zu haben.“

„Denen es leider erst von jetzt an gestattet sein wird, an der Aktion Theil zu nehmen. Hier dieser Herr hat ganz allein, ohne jede Beihülfe und aus eigenem Antriebe die Aufgabe gelöst, während ich bis heut noch nicht den mindesten Fortschritt zu verzeichnen vermochte.“

„Ah!“ machte erstaunt der Beamte, indem er den Zwicker auf die Nase schob und Frieders Person, die er erst jetzt zu bemerken schien, einer nähern Betrachtung unterwarf. „Der Name wurde mir genannt, ich vergaß ihn wieder; bitte, Herr Lieutenant, stellen Sie mir den Mann doch einmal vor!“

Frieder, den diese Art und Weise belustigte, ließ es gar nicht dazu kommen. Er trat rasch einige Schritte vor:

„Ich bin der Bachfrieder aus Finsterwalde, Herr Amtshauptmann, und mein Vater ist der Goliath, den man im ganz’n Gebirg’ net anders als mit diesem Namen nennt.“

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„So, so, so!“ meinte der Angeredete, dessen kleine, schmächtige Gestalt bei dem so unerwarteten wie energischen Nähertreten der reckenhaften Figur Frieders wie erschrocken zurückgefahren war. „Den Goliath kenne ich. Der Waldkönig hat ihn geblendet und seinen ältesten Sohn erschossen.“

„Grad darum ist der König mir verfall’n. Wollt Ihr ihn hab’n? Ich bring’ ihn her!“

„Du bist ganz der rechte Sohn des Goliath, wie’s scheint. Ja, ja, Rauchfleisch und Kartoffelklöße tun auf dem Lande Wunder. Geist ist nicht nöthig, wenn nur der Körper gut gedeiht.“

„Grad’ umgekehrt wie in der Stadt, wo der Körper net nöthig ist, wenn nur der Geist bis in die Wolk’n wächst, net wahr, Herr Amtshauptmann?“

Er legte dem Männchen die Hand auf die Achsel und blickte mit unwiderstehlicher Freundlichkeit auf ihn hernieder. Der Gefragte trat, um dieser Berührung zu entgehen, noch einen Schritt zurück und wandte sich an den Offizier:

„Wollen Sie Ihren Bericht beginnen, Herr Lieutenant? Bitte, nehmen Sie Platz!“

„Darf ich ersuchen, diese Aufforderung an meinen Freund zu richten? Er ist in der Angelegenheit vollständig au fait, während ich mich dessen nicht rühmen kann.“

„Ihr Freund?“ klang die verwunderte Frage. „Ich liebe eine kurze, sachgemäße Darstellungsweise, zu welcher dem Landbewohner die nöthige Schule entgeht.“

„Ich bitte dennoch,“ fiel hier Frieder im besten Hochdeutsch und indem auch er sich gemächlich in den Sessel legte, ein, „um Ihre freundliche Erlaubniß zu der Beweisführung, daß Rauchfleisch und Kartoffelklöße keine schlechten Lehrmittel sind, wenn man ihre Wirkung mit dem Besuche einiger Universitäten unterstützt. Ich werde dabei so kurz und sachgemäß wie möglich verfahren!“

Er begann. Der Amtshauptmann, welcher sich trotz seiner Würde von dem Vorgange einigermaßen betreten fühlte, ließ ihn gewähren. Seine Aufmerksamkeit wurde zur Spannung, welche von Sekunde zu Sekunde wuchs, bis er seine Bewunderung nicht mehr zurückzuhalten vermochte.

„Aber Sie sind doch ein ganz erstaunlicher Charakter, dem man die größte Anerkennung zollen muß! Warum führen Sie Diejenigen, welche mit Ihnen verkehren, durch Ihre Sprache und Gewandung irre?“

„Die Gewandung paßt ganz genau zu dem Berufe, den ich jetzt den meinigen nenne, und der Dialekt des Gebirges hat ganz dasselbe Recht wie jeder andre auch. Ich habe als Kind mich in ihm ausgedrückt, werde noch heut so von den Meinen am Besten verstanden und ihn beibehalten, solang ich mit Menschen verkehre, die ihn sprechen und verstehn. Doch, zurück zur Sache!“

Er nahm den unterbrochenen Bericht wieder auf und führte ihn trotz seines bedeutsamen und aufregenden Inhalts ununterbrochen zu Ende. Jetzt sprang der Amtshauptmann empor.

„Er ist es also wirklich, der Feldbauer, und wir haben ihn sicher, ganz sicher. Sie haben sich schon jetzt den Preis verdient und werden ihn nebst einer noch höhern Anerkennung auch sofort nach Habhaftwerdung des Königs erhalten.“

„Er wird angenommen,“ entgegnete Frieder, jetzt wieder in seine frühere Sprechweise zurückfallend, „doch net für mich, sondern für die Armen im Ort, denen ich ihn bescheeren werd’. Nun bitt’ ich um die Befehl’, die wir jetzt brauch’n!“

„Vergegenwärtigen wir uns zunächst die Situation! Der Waldkönig hat seinen Versteck in dem sogenannten alten Stollen, welcher an drei Orten zugängig ist, an der Zeche, durch den Brunnen und vom Einsturzkessel aus. Die Bande kennt blos diesen letzteren Punkt, wenigstens ist dies sehr wahrscheinlich der Fall und wäre also am Leichtesten zu überwältigen durch eine Aufstellung im Innern, welche jeden einzelnen Ankömmling empfängt und bezwingt. Das Oberhaupt der Schmuggler fühlt sich nicht mehr sicher und ist jedenfalls nur zu dem Zwecke verreist, das Geschäft aufzugeben und dann Person und Errungenschaft in Sicherheit zu bringen. Daß der Feldbauer dies möglichst beschleunigen wird, steht außer allem Zweifel. Ich vermuthe sogar, daß er sich nach einem Nothkäufer für den Feldhof umsieht, und dies kann möglicher Weise der Kaufmann sein, dem er die Waaren liefert. Ich nehme an, daß er heut zurückkehrt und diesen Herrn gleich mitbringt. Sein Erstes wird sein, sich zu überzeugen, ob im Stollen noch Alles in Ordnung ist, und in dieser Beziehung ist es allerdings ganz vortrefflich gehandelt, daß Sie sich dem Feldwebel nicht gezeigt haben. Er stand bei dem Feldbauer in Quartier, und ich wette, daß dieser so schlau gewesen ist, ihn als Hörrohr zu benutzen. Wer weiß, aus welchem Grunde er dann von ihm in die gegenwärtige Falle gelockt wurde; wir werden dies jedenfalls noch erfahren. Was nun

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die Frauen betrifft, so konnten diese allerdings unmöglich in ihrer verzweifelten Lage gelassen werden, doch kann ihr Verschwinden den Waldkönig aufmerksam machen, und es wird also nöthig sein, ihn sofort bei seiner Ankunft zu empfangen.“

„Das dürf’n wir net,“ bemerkte Frieder. „Es geht net ohn’ Aufsehn vorüber, und dadurch werd’n seine Leut’ gewarnt. Er ist ein harter Gesell’, dem’s ganz gleich ist, ob die Frau’n eine Stund’ länger im Schacht steck’n oder net; er thut sicher erst das Geschäft ab, eh’ er zu ihnen geht, sie sind ihm sonst im Weg’. Ueberdies hab’ ich den Proviant im Schacht gelass’n, und unt’n sind so viel’ Gäng’, daß sie sich gar leicht verlauf’n können. Das wird er denk’n, wenn er je hinabsteig’n sollt’ und sie net findet.“

„Das klingt allerdings wahrscheinlich; halten wir also diese Ansicht fest. Täuscht uns die Vermuthung nicht, so kehrt er heut nach Finsterwalde zurück und wird seine Leute für den Abend nach dem gewöhnlichen Versammlungsort bestellen. Eine Prüfung des Steins wird darüber Sicherheit geben. Von den drei Angriffspunkten, die uns dann zu Gebote stehen, scheint mir die Zeche der vortheilhafteste zu sein. Oder nicht, Herr Lieutenant?“

„Jedenfalls. Man fährt dort ein, läßt den Brunnen für den Waldkönig frei und besetzt den Trichter nur von Außen, wobei man den Schmugglern ungehinderten Eingang gestattet, ihnen aber dann den Ausgang verwehrt.“

„Ganz richtig. Wir sind also in der Hauptsache gleicher Meinung. Sie werden allerdings den Angriff leiten, mir aber gestatten, dabei gegenwärtig zu sein. Ich nehme einen meiner Assessoren mit, um den Thatbestand gleich und an Ort und Stelle aufnehmen zu lassen. Es wird ein Abenteuer sein, auf welches ich mich freue. Nur wäre es wünschenswert, die Oertlichkeit schon vorher kennen zu lernen. Wird das zu ermöglichen sein?“ frug er, sich an Frieder wendend.

„Sehr leicht, wenn der Feldbauer net vorher zurückkehrt, und ich rath’ darum, so bald wie möglich aufzubrech’n.“

„Ich stimme bei,“ meinte der Lieutenant. „Die Einzelheiten, um welche es sich nur noch handelt, können und müssen ja den Umständen gemäß bestimmt werden.“

(Schluß folgt.)

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Der Waldkönig.

Eine Erzählung aus dem ErzgebirgevonKarl May.

(Schluß.)

Wohl! [G]geben Sie mir Frist zu einem kurzen Frühstücke, während dessen ich die laufenden Geschäfte stellvertretenden Händen übergeben und den Assessor benachrichtigen werde. Dann bin ich bereit. Sie sind wohl mit Fuhrwerk versehen?“

„Nein; wir sind nur beritten. Vielleicht darf ich bemerken, daß es gerathen sein wird, alles Aufsehen zu vermeiden und darum den Weg vereinzelt zurückzulegen, womöglich auch in Beziehung der Kleidung — — —“

„Das versteht sich wohl von selbst, Herr Lieutenant. Geben wir uns ein Rendez-vous, wo wir uns treffen, ohne bemerkt zu werden!“

„Eine Strecke vor dem Dorfe steht eine einsame Waldschänke. Ist diese passirt, geht links ein Richtweg ab. Dürfen wir Sie auf demselben erwarten?“

„Gut. Ich werde den Wagen schon vor der Schänke verlassen und ihn retour schicken. Das Uebrige wird sich dann weiter finden.“

Er gab mit der Hand das Entlassungszeichen und begleitete die Männer bis an die Thür. Sie begaben sich in den Gasthof zurück, den sie erst verließen, als sie den Amtshauptmann mit dem Assessor vorüberfahren sahen. Unweit der Stadt schon überholten sie mit den raschen Braunen die Beamten, denen sie bald weit vorankamen.

„Eine allerliebste kleine Episode, das mit dem Rauchfleisch und den Kartoffelklößen, nicht wahr?“ lachte der Lieutenant.

Frieder nickte vergnügt.

„Sie gestatten doch nachträglich, Sie als meinen Freund bezeichnet zu haben?“

„Ich dank’ Ihnen dafür! Es schien ein Ueberraschung zu sein für den Herrn. Aber darf ich vielleicht vorschlag’n, uns zu trennen? Es ist besser, wenn Niemand uns beisammen sieht. Sie reit’n über das Feld an den Bachhof und bind’n das Pferd an den Zaun. Am Buschrand bei der Zech’ treff’n wir nachher wieder zusammen.“

„Ich stimme bei; adieu bis dahin!“

Er ließ den Braunen die Zügel schießen und flog davon. Frieder verließ bald darauf die Straße, um die Heimath auf Waldwegen zu erreichen. Als er dort ankam, fand er das Pferd bereits vor. Martha war allein in der Stube.

„Bist’ schon wieder da? Nun geht’s doch noch über den Vater her!“

„Er will’s net anders. Wir hab’n gethan, was wir konnt’n, vielleicht auch noch mehr, und sind nun ohn’ alle Schuld an ihm. Wirst’s ertrag’n können Martha?“

„Bei Dir, ja, sonst net! Aber bang ist mir um die Mutter.“

„Die Stütz’ wird ihr net fehl’n. Ist sie wohler?“

„Ja; aber sprech’n mag sie net.“

Er rief die Eltern und gab ihnen kurzen Bescheid, versah sich dann mit dem nöthigen Licht und begab sich nach der Zechenhalde, wo der Lieutenant schon auf ihn wartete. Sie suchten mit einander den Richteweg auf und trafen auf der Stelle, wo Frieder den Feldbauer mit der Peitsche gezüchtigt hatte, mit dem Amtshauptmann und seinem Begleiter zusammen. Beide gingen auf das Allereinfachste gekleidet, so daß Jeder, der sie nicht persönlich kannte, sie für einfache Bürgers- oder Handwerksleute halten mußte.

„Der Feldbauer ist noch nicht zurück. Ich ging über den Feldhof, angeblich um mich nach dem Buschwebel zu erkundigen,“ berichtete der Lieutenant.

„So bleibt uns freie Hand. Vorwärts, wir fahren ein!“

„Woll’n wir net erst zum Stein gehn, um nach der Bestellung zu sehn?“

„Ja, richtig. Das ist das Nothwendigste!“

Frieder ging voran. Sie gelangten, ohne Jemanden zu begegnen, an die Stelle. Die Zeit, in welcher die Schmuggler nachzusehen pflegten, war noch nicht da. Frieder hob den Granit empor.

„Am alten Stollen, um 10“ las er.

Die Andern traten hinzu, um sich zu überzeugen.

„Er hat gestern bei der Fahrt von der Zech’ zurück den Zettel gelegt. Anders ist’s net.“

„Also um zehn Uhr,“ nickte der Amtshauptmann. „Da bleibt uns genugsam Zeit für alle Vorbereitungen. Jetzt weiter, meine Herren!“

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Der Zettel war unberührt geblieben. Frieder senkte den Stein und ging wieder voran nach der Halde zurück. Hier langte der Beamte in die Tasche und brachte einen Bund Schlüsselhaken zum Vorschein.

„Sie sehen, ich bin mit dem Nöthigen versehen und werde Sie nicht durch den Laden bemühen.“

Das Thor wurde geöffnet, sie traten ein. Frieder brannte die Laterne an. Die Herren griffen mit zu; die Haspel wurde über die Mündung gebracht, und paarweise langte man unten im Stollen an.

Dieser wurde auf das Sorgfältigste in Augenschein genommen, ohne daß man die Lage irgend eines Gegenstandes veränderte. An der Gefängnißzelle zog der Amtshauptmann seine Schlüsselhaken wieder hervor und öffnete. Das Licht, welches in den engen Raum fiel, ließ die vier Männer im Dunkeln und blendete den Gefangenen.

„Seid ihr endlich da?“ frug er. „Führt mich zum König!“

„Haben Sie so große Sehnsucht nach ihm?“ frug der Offizier.

Jetzt erkannte der Buschwebel seinen Vorgesetzten, obgleich dieser die Uniform abgelegt hatte und in Civilkleidern ging.

„Der Herr Lieutenant!“ rief er, freudig erschrocken. Er wollte sich emporrichten; der Raum gab es aber nicht zu.

„Ja, ich bin es. Und hier an meiner Seite befindet sich der Herr Amtshauptmann, der von Ihnen zu wissen begehrt, auf welche Weise Sie in eine so blamable Lage geriethen!“

„Ich — ich wollte den Waldkönig fangen.“

„Sehr lobenswerth! Doch, das wollten wir Alle, ohne deshalb in eine gleiche Situation zu kommen. Erzählen Sie!“

„Ich hab’ den Bestellort entdeckt, wo der Waldkönig seine Zettel niederlegt.“

„Ah! Wo ist das?“

„Droben im Walde auf einer kleinen Lichtung. Die Zettel liegen unter einem Steine.“

„Weiter!“

„Er hatte die Bande an den alten Stollen bestellt, und ich ging, sie zu belauschen.“

„Ohne mir vorher Notiz von Ihrer Entdeckung zu machen, die doch jedenfalls so wichtig war, daß Sie dies zu thun gezwungen waren?“

„Ich — ich wollte mich vorher überzeugen, ob der Zettel auch wirklich Wahrheit enthielt.“

„Wie fingen Sie das an?“

„Ich schlich mich zur angegebenen Zeit an den Stollen, erhielt aber gleich im nächsten Augenblick einen Schlag, der mich betäubte. Als ich erwachte, lag ich hier. Ich wurde dann vor die Pascher geführt und von ihnen zum Tode verurtheilt. Ich war gefesselt und konnte mich nicht wehren. Schon lag der Strick um den Hals, und ich stand unter dem Nagel, da — da — —“

„Nun — da —?“

„Da wurde mir das Leben geschenkt.“

„Aber doch wohl nicht bedingungslos?“

„Ich sollte Mitglied werden,“ antwortete er zögernd.

„Ah, jedenfalls in Form eines Spions, was?“

„Ja. Ich schlug es rund ab. Lieber sollten sie mich hängen!“

„Wirklich? Dann wären Sie auch gehängt worden und steckten nicht wohlerhalten hier im Verließ. Wollen Sie vielleicht die Wahrheit sagen? Der Waldkönig befindet sich, wie Sie wohl gleich bei unserm Erscheinen geahnt haben, in unserer Gewalt und wird uns Aufklärung geben, wenn Sie dieselbe verweigern.“

„Ich — ich bat um Bedenkzeit, aber nur um Zeit zu gewinnen.“

„Schön! Haben Sie vielleicht gesehen, wer den Schlag auf Sie führte?“

„Nein.“

„Oder dann einen von den Männern erkannt?“

„Nein. Sie trugen Masken.“

„Machten Sie irgend Jemandem Mittheilung von Ihrer Entdeckung des Zettels?“

„Nein. Der Herr Lieutenant waren ja der Erste und Einzige, dem ich das schuldig war.“

„Besinnen Sie sich!“

„Es kam kein Wort davon über meine Lippen.“

„Ganz wie Sie wollen! Sie lügen, denn Sie haben mit dem Feldbauer darüber gesprochen.“

„Nur andeutungsweise,“ versuchte sich der Feldwebel zu rechtfertigen.

„Nein, ausführlich! Und er hat Ihnen den Rath gegeben, die Meldung zu unterlassen und sich allein zum Stollen zu begeben. Ist es so oder nicht?“

„Ja,“ gestand er kleinlaut.

„So sind wir nun im Klaren. Ich will jetzt nicht untersuchen,

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was die von Ihnen erbetene Bedenkzeit für ein Resultat ergeben hätte; Sie empfinden schon jetzt die Folgen Ihres dienstwidrigen Verfahrens und werden auch noch weiter an ihnen zu leiden haben. Ich will Ihnen nur bemerken, daß Ihre Plauderhaftigkeit dem Feldbauer gegenüber den Waldkönig gleich vom ersten Augenblicke

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unsers Hierseins an in den Stand gesetzt hat, von allen unsern Schritten unterrichtet zu sein. Vernehmen Sie meinen strengen Befehl! Sie bleiben hier in Ihrer gegenwärtigen Lage; der Waldkönig wird mit den Seinen kommen und Sie nach Ihrem Entschlusse fragen. Sie weisen sein Ansinnen mit Entschiedenheit zurück und ergeben

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sich in Alles, selbst das Schlimmste, was man mit Ihnen vornimmt. Wir werden im entscheidenden Augenblicke zur Hülfe bereit sein. Nur eine strenge Befolgung dieser Verordnung kann uns Ihre Fehler in einem milderen Lichte erscheinen lassen!“

Er warf einen fragenden Blick auf den Amtshauptmann. Dieser nickte zustimmend und verschloß die Thür wieder.

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Auch der Eingang durch den Trichter sowie die Umgebung des Letzteren wurde in genauen Augenschein genommen. Dann kehrte man zurück und stieg auch in den zweiten Schacht hinab, um zu sehen, ob sich auch dort unten vielleicht etwas Bemerkenswerthes finden lasse. Es zeigten sich mehrere Gänge, die alle außer einem vor Ort abgebrochen waren. Dieser Eine wurde verfolgt. Die

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verhältnismäßig gute Luft, welche sich in demselben befand, ließ vermuthen, daß er auf irgend eine Weise mit der Oberwelt in Verbindung stehe. Er war sehr alt und theilweise ziemlich verfallen, immer aber noch gangbar und mündete, wie sich endlich nach langer, mühevoller Wanderung zeigte, mitten in die senkrecht abfallende, verwitterte und vielfach zerklüftete Hinterwand eines alten, längst verfallenen Steinbruches. Hier hatte der Waldkönig ein Zeichen seiner Anwesenheit zurückgelassen: Ein eiserner Haken war in den Stein geschlagen und an diesem eine Strickleiter befestigt, welche zusammengerollt am Boden lag, jedenfalls aber lang genug war, um bis auf die Sohle des Steinbruches hinabzureichen.

„Wohl nur für den Fall der Flucht angebracht, wenn diese oben nicht mehr möglich sein sollte,“ meinte der Amtshauptmann. „Kennen Sie den Bruch?“

„Ja,“ antwortete Frieder. „Er liegt mitt’n im Forst, und es können Jahr’ vergehn, eh’ ein Mensch dahin kommt. Die Entdeckung ist ganz gut, und ich mein’, daß es gerath’ner sei, hier aufzusteig’n, als drob’n im Schacht einzufahr’n; der Einschlich ist hier viel leichter als dort.“

Dem stimmten die Uebrigen bei, und es wurde beschlossen, den Angriff von hier statt von der Zeche aus zu unternehmen. —

Es war gegen Abend, als der Wagen des Feldbauers von der Straße nach dem Hofe einbog. Einer der Knechte hatte ihn bemerkt und eilte herbei, um die Pferde in Empfang zu nehmen.

„Ist ’was passirt?“

„Nein; All’s in Ordnung!“

„Also gar nix Neu’s?“

„Im Hof’ net, aber im Dorf. Das Militär zieht ab.“

„Warum?“ klang überrascht die Frage.

„Sie müss’n zum Manöver ins Niederland und kommen erst in vierzehn Tagen wieder. Der Lieut’nant ist schon da aus Steinertsgrün mit seinen Leut’n, um die hies’ge Trupp’ abzuhol’n; dann geht’s nach der Stadt, um mit dem Nachtzug abzufahr’n.“

„Ohne den Waldkönig!“ lachte der Bauer mit einem verständnißvollen Blick auf den langen, hagern Herrn, der mit ihm ausgestiegen war. „Schau, da kommen sie wirklich schon!“

Einen Tambour voran, welcher kräftig auf dem Kalbfelle wirbelte, marschirte das kleine Detachement, vom Lieutenant kommandirt, aus dem Dorfe hervor, begleitet von einer Anzahl leidtragender Dorfjungen, welche den so plötzlichen Abschied der blanken Heldensöhne nicht gut verwinden konnten.

„Sie wollt’n Einen hol’n, hab’n aber statt dess’n Einen dagelass’n!“ kicherte der Hagere. „Deine Sorg’ war ganz ohn’ allen Grund!“

„Das denkst’ blos! Aufgeschob’n ist net aufgehob’n. Wir sind aufvierzehn Tag’ sicher, und das auch nur vielleicht, dann aber geht die Hetz’ wieder los. Es bleibt dabei, ich mach’ mich davon!“

„Die Bäu’rin mit der Tochter ist wohl net dabei?“ erkundigte sich der wieder herbeitretende Knecht.

„Geht’s Dich ’was an? Thu’ Deine Sach’, und bekümm’re Dich net um ungelegte Eier!“

Sie traten ein, saßen lange in leise geführtem, angelegentlichem Gespräch bei einander und benutzten dann einen unbewachten Augenblick, um nach der Brunnenstube zu gehen. Von hier aus ließen sie sich in den Stollen hinab, in welchen der Bauer unverweilt hineinschritt.

„Willst’ net erst nach den Weibern sehn?“

„Fällt mir net ein. Morg’n geht’s fort, da hol’ ich sie herauf, jetzt aber hab’ ich keine Zeit, auf ihr Lamentir’n zu acht’n!“

In der Niederlage angekommen, öffnete er den Schrank und zog die Bücher hervor, welche von dem Andern einer sehr sorgfältigen Prüfung unterworfen wurden, wobei sie nicht bemerken konnten, daß einige hundert Schritt von ihnen entfernt bewaffnete Gestalten dem untern Schachte entstiegen.

Frieder befand sich an ihrer Spitze. Er war gleich zurückgeblieben und hatte ihnen jetzt die Strickleiter zugeworfen. Auf diese Weise war er auch allen Erörterungen entgangen, welche ihm zu Hause bevorgestanden hätten. Vielleicht hätte der Vater trotz seiner Blindheit gar gewünscht, bei der Affaire gegenwärtig zu sein, ein Verlangen, dem er auf keine andere Weise besser auszuweichen vermocht hätte.

Jetzt war sowohl die Zeche als auch der Einsturztrichter von Militair und Forst- und Zollbeamten wohl besetzt, auch um den Feldhof hatte man eine Kette gezogen, und im Stollen stand eine hinreichende Zahl Soldaten, um den Paschern gewachsen zu sein.

Frieder schlich leise voran, hinter ihm zunächst der Lieutenant und die beiden Beamten. Es war zehn Uhr, und die Entscheidung nahte. Sie gelangten so weit an den Vorrathsraum heran, daß sie jedes Wort der beiden Sprecher verstanden.

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„Nun, machst’ mit?“ frug der Feldbauer. „Mich brennt’s an die Fers’n, und deshalb hab’ ich Dir viel Vortheil gelass’n bei dem Handel. Meine Bedingungen kennst’!“

„Ja, ich bin dabei!“

Sie schlugen ein. Dann legte der Bauer die Bücher wieder in den Schrank zurück und zog ein Paket hervor.

„Das Uebrig’ thun wir später ab; jetzt müss’n wir zu den Leut’n, die schon längst gewartet hab’n. Hier hast’ All’s, was wir brauch’n!“

Sie legten Perücken und Bärte an, banden Larven vor und verhüllten sich in unkenntlich machende Kleidungsstücke. Dann schob der Waldkönig den Riegel zurück, blies die Laterne aus, welche ihnen bis jetzt geleuchtet hatte, und schlüpfte zwischen der sich bewegenden Mauer und der Stollenwand hindurch. Der Andre folgte.

Die bereits vollzählig versammelten Pascher erhoben sich bei ihrem Erscheinen. Ihre Gesichter waren nicht zu sehen, aber ihren Bewegungen konnte man die Befremdung darüber entnehmen, daß ihr Oberhaupt in Begleitung erschien.

„Ich hab’ Euch bestellt net um der gewöhnlich’n Ursach’, sondern aus einem andern Grund. Ich tret’ heut’ zurück vom Geschäft und geb’ Euch an meiner Stell’ einen andern Anführer. Hier steht er. Er wird Euch stets so unbekannt bleib’n wie ich, aber stets auch so gut auf Euern Vortheil seh’n. Die Aend’rung kann net gleich und schnell geschehn; sie muß zuvor gar reiflich von uns besprochen werd’n. Darum wird heut ein Rath abgehalt’n, bei dem ein Jeder seine Meinung sagt.“

Die Schmuggler steckten überrascht die Köpfe zusammen; die Nachricht schien keinen guten Eindruck auf sie gemacht zu haben. Nach längerem Flüstern trat Einer hervor.

„Waldkönig, denkst’ etwa, Du kannst uns verhandeln wie eine Herd’ Schaf’ oder Rinder, die sich’s ruhig gefall’n läßt, wenn man ihr einen andern Hirt’n giebt? Wir woll’n — — “

„Was Ihr wollt, könnt Ihr nachher sag’n. Vielleicht tret’ ich net vollständig aus und geb’ Euch dies’n nur als Stellvertreter. Ich hab’ Euch doch gesagt, daß Euer Vortheil absolvirt werd’n soll, und ihr könnt versichert sein, daß ich net anders als mit Eurer Zustimmung handeln werd.“

Das schien sie einigermaßen zu beruhigen.

„Und was wird mit dem Feldwebel?“

„Der kommt zunächst d’ran; aber es wird anders, als es ausgedacht war. So lang das Kommando hier war, konnt’ er uns nütz’n; jetzt ist’s weg, und er kann uns nur Schaden bringen. Er kennt den Stein und den Stoll’n, er merkt vielleicht auch, wer ihn herbeigelockt hat, er muß sterb’n, sonst sind wir von jetzt an keine Stund’ mehr sicher. Seid Ihr’s zufried’n?“

„Ja.“

„Holt ihn heraus!“

Er gab den Schlüssel zu der Gefangnisthür aus der Tasche; der Feldwebel wurde herzugebracht.

„Buschwebel, wie hast’ Dich entschied’n?“

„Ich kann net auf Eure Wünsch’ eingehn.“

„Gut, das verkürzt die Sach’. Paß auf, wenn ich drei sag’, drück’ ich los!“ Er zog das Pistol’ aus dem Gürtel und erhob den Arm. Zwei der Pascher hielten den Gefesselten. „Eins — zwei — —“

„Halt — ergebt euch!“ erscholl es da im Hintergrunde des Raumes, und in demselben Augenblicke wurde der Waldkönig von zwei eisernen Armen gepackt. Frieder war herbeigesprungen und hielt ihn, daß er sich nicht zu rühren vermochte. An seiner Seite stand der Lieutenant, den gezogenen Degen in der Faust, und über die ganze Breite des Raumes starrten den Versammelten drohende Gewehrläufe entgegen.

„Fort, durch das Loch!“ brüllte der Feldbauer, indem er sich unter dem Griffe Frieders vergeblich wand.

Die Pascher gehorchten dem Rufe. Sie stürzten, Einer immer den Andern drängend und hindernd, der Trichteröffnung zu. Der Vorderste riß den Stein zurück und warf sich auf den Boden, um hindurchzukriechen.

„Halt, sonst schieß ich!“ schallte es ihm entgegen.

Er fuhr zurück.

„Drauß’n steht der ganze Kessel voll Grenzer!“ rief er erschrocken.

„Laß los, sonst schieß’ ich!“ schäumte der Feldbauer. Er rang den einen Arm empor und richtete den Lauf der Pistole über die Achsel hinweg auf Frieder; dieser riß den drohenden Arm zurück; der Schuß krachte, die Kugel flog hart am Gesichte des Waldkönigs vorüber, und der Blitz des Pulvers zuckte ihm in das Auge. Einen fürchterlichen Schmerzensschrei ausstoßend, vereinigte er seine ganzen Kräfte zu einem gewaltigen Rucke. Der Hagere preßte in diesem -

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diesem Augenblicke Friedern, dieser mußte sich gegen ihn wenden, der Feldbauer kam frei und stürzte sich, halb geblendet, mitten unter die Gegner hinein. Der gewaltige Anprall warf diese auseinander; er erreichte die offenstehende Wand und schnellte den Stollen entlang dem Brunnen zu. Frieder erhob die Faust. Mit einem einzigen Schlage derselben schmetterte er den Hageren zu Boden und sprang dem Waldkönig nach. Dieser hörte die Schritte hinter sich; zum Aufgang durch den Brunnen blieb ihm keine Zeit übrig. Er eilte weiter, riß die Fahrt von der Erde auf, zerrte sie zum Schachte und hob sie ein.

„Steh’, Waldkönig; der Frieder kommt!“ donnerte es hinter ihm.

„Schau, ob Du mich bekommst, Hallunk’!“ antwortete er.

Er schwang sich in das Mundloch. Der Schreck der Ueberraschung, die Angst vor dem Verfolger, der Schmerz in den geblendeten Augen und die Heftigkeit der Flucht verwirrten ihn. Sein Fuß glitt von der Sprosse, seine Hände griffen fehl; mit einem fürchterlichen Schrei stürzte er in den Schlund hinab. Frieder vernahm den Schrei und das polternde, dumpfe Geräusch des Falles; er hatte hier Nichts mehr zu thun und eilte zurück. Die Pascher hatten die Gefährlichkeit und Nutzlosigkeit eines jeden Widerstandes erkannt und sich ergeben. Man war eben daran, sie zu binden. Der Hagere, welcher sich wieder emporgerafft hatte, sträubte sich dagegen.

„Ich appellir’ geg’n diese Behandlung. Ich gehör’net zu diesem Volk’, sondern bin unschluldig hereingebracht word’n.“

„Versuchen Sie keine Vertheidigung, sie nützt Ihnen Nichts!“ gab der Amtshauptmann zur Antwort. „Wir waren ungesehene Zeugen Ihrer Verhandlung mit dem Feldbauer. Der neue Waldkönig darf nicht auf Nachsicht rechnen, und Ihre Bücher werden uns wohl vollständig rechtfertigen!“

„Wo ist der Feldbauer?“ rief der Lieutenant, welcher die Fesselung der Gefangenen überwachte, Friedern entgegen.

„In den Schacht gestürzt. Das Gericht hat ihn ereilt. Er hat sich selber geblendet und liegt zerschellt da unt’n, wo er die Frau’n hinabgezwungen hat.“

Die Bande des Feldwebels wurden beseitigt. Frieder war so rücksichtsvoll gewesen, den Entschluß seines früheren Gegners, in den Dienst des Waldkönigs zu treten, zu verschweigen. Die Pascher wand man einzeln durch den Brunnen empor; sie wurden sofort unter Militärbegleitung an das Gerichtsamt abgeliefert. Der Amtshauptmann blieb mit dem Assessor zurück, um seinen Pflichten volle Genüge zu thun.

Die Nachricht von dem Geschehenen brachte eine ungeheuere Aufregung im Dorfe hervor. Trotz der späten Stunde versammelte sich Alt und Jung, Groß und Klein auf der Gemeindewiese, um die Gefangenen abziehen zu sehen. Die Nachricht, wer der Waldkönig gewesen sei, steigerte die bisher gegen den Feldbauern gerichtete unfreundliche Gesinnung mit einem Male zum vollsten Grimme, und hätte er sich bei den Gefangenen befunden, er wäre sicherlich gelyncht worden. Ganz anders klang es, als Frieder aus dem Feldhof trat, um sich nach Hause zu begeben. Er war der große Held des Ereignisses und wurde beinahe auf den Händen nach dem Bachgute getragen.

„Endlich bist’ wieder da!“ empfing ihn der Vater. „Das war eine entsetzliche Ewigkeit, seit Du fortgegangen bist. Drauß’n hat der Lärm gewährt schon über eine Stund’, und ich seh’ nix, ich weiß nix und möcht’ doch vor Erwartung und Angst um Dich an der Wand emporlauf’n! Wie ist’s ’gangen?“

„Gut. Net ein Tropf’n Blut ist gefloss’n, und wir hab’n sie All’ bekommen. Hört!“

Er stattete den lauschenden Eltern seinen Bericht ab.

„Hätt’ ich nur eine Viertelstund’ zu seh’n vermocht,“ rief der Blinde am Schlusse desselben, „ich gäb fünf Jahr’ vom Leb’n dafür hin. So aber muß ich all’s versäumen, worauf meine Sehnsucht ging so lange Zeit. Doch Eins muß ich hab’n! Wo liegt der Waldkönig?“

„Im Feldhof. Man hat ihn heraufgeschafft; er ist zerschellt und zertrümmert, daß man sich vor ihm graut.“

„So führst’ mich hin zu ihm. Die Rach’ ist zu End’, aber meine Hand muß es fühl’n, ob’s auch wahr ist. Dann will ich seiner gedenk’n als eines Todt’n, dem man verzeiht um der Seinen will’n.“

Frieder suchte nun Martha auf. Sie befand sich bei der Mutter und sprang bei seinem Erscheinen empor, um sich an seine Brust zu werfen.

„Gott sei Dank, daß Du lebst! O, was hab’ ich erlitt’n, seit Du fort bist! Ich hab’ Dich net anders gesehn als todt, gemordet vom — von Dem, den Du fangen willst.“

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Sie blickte mit unbeschreiblicher Liebe in sein Auge und schmiegte sich an ihn, als ob sie ihn Jahrzehnte lang vermißt hätte. Die Kranke richtete sich langsam empor.

„Ist’s vorüber, Frieder?“

„Ja. Besser als zu vermuth’n war. Er wird net mit Verhör und Gefangenschaft gemartert werd’n — er ist todt.“

Daß der Oheim mitergriffen sei, verschwieg er ihr jetzt noch. Sie legte sich zurück und faltete die Hände.

„Was Gott thut, das ist wohlgethan, so will ich denk’n und mich von nun an nur an Eurem Glück erfreuen!“ — — —

Das Militärkommando verließ, dieses Mal nicht blos zum Scheine, nach einigen Tagen die Gegend. Viele Familien geriethen ins Elend dadurch, daß ihr Ernährer ein Mitglied der Schmugglerbande gewesen war, gegen welche eine außerordentlich komplizirte und langwierige Untersuchung eingeleitet wurde, die mit der Verurtheilung aller Betheiligten endete.

Der Feldhof steht noch; er ist in fremde Hände übergegangen. Die unterirdischen Gänge wurden verschüttet, der Brunnen ausgefüllt und jede Spur von der dunklen Residenz des Waldkönigs vernichtet; aber sein Andenken bleibt an dem Hofe haften und wird niemals von ihm zu trennen sein.

Wer heute den Bachhof besucht, darf versichert sein, alle Zeichen eines reichen Glückes vorzufinden. Der Goliath lebt noch als ein rüstiger Greis, den der Verlust des Augenlichtes nicht hindert, fröhlich mit den Fröhlichen zu sein. Auch die Bäuerin ist noch derselbe milde, freundliche Charakter wie früher, und ihrem Einflusse ist es zum größten Theile zuzuschreiben, daß Marthas Mutter die Tage des schwersten Leides glücklich überstanden hat. Frieder ist der respektabelste und angesehenste Bauer der Umgebung und seine Frau ein Engel für jeden Hilfsbedürftigen. Das kleine Töchterchen, welches an ihrer Hand durch das Gras des Gartens zappelt, ist bis auf die großen, blauen Augen ganz ihr Ebenbild, und der Junge, welcher, auf dem Baume sitzend, Beide mit Kirschen bombardirt, giebt alle Hoffnung, daß das Geschlecht der Riesen vom Bachhofe auch ferner gedeihen werde.

Der Buschwebel hat den Abschied nehmen müssen und ist mit seinem Erbtheile nach Amerika gegangen. Niemand weiß etwas Näheres über ihn, sein Scheiden hat kein armes Herz gebrochen. —