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HELMUT SCHMIEDT

"Der Löwe Sachsens": ein panegyrisches Gedicht Karl Mays



»Als lyrischen Dichter« wollte sich schon ein früher Kritiker Karl May »verbitten«(1), und wenn dieses Wort seinerzeit auch der Sammlung der "Himmelsgedanken" galt, so werden wir es heute zunächst wohl auch uneingeschränkt für das vorstehende Huldigungsgedicht an König Albert von Sachsen gelten lassen. Daß May die literarische Naturform Lyrik beherrschte, ist ihm, entgegen seiner eigenen Einschätzung, nach diesem Zeugnis ernsthaft nicht abzunehmen, und wäre die Karl-May-Gesellschaft ein reiner Fan-Club, so täte sie gut daran, das Gedicht vom heroischen königlichen Streiter in der Versenkung zu belassen, in die es die vergangenen Jahrzehnte gestürzt haben: »eine ziemlich leer laufende Reim-Maschinerie«(2) scheint, wie in der religiösen Lyrik, auch hier vorzuliegen. Die dokumentarische Pflicht aber gebietet den Neudruck, und dies um so eher, als die Arbeit in Mays Schaffen einzigartig dasteht und dazu auch noch im Jahre 1902 veröffentlicht wurde, zu einer Zeit also, die wir der Phase des von ausgeprägten künstlerischen Ambitionen gesteuerten Spätwerks zurechnen.

Eine frühe Fassung des Gedichts war freilich schon 1875 erschienen(3): May, der nie Kriegsteilnehmer oder auch nur Wehrdienstleistender gewesen war, hatte sie unter dem Titel "Rückblicke eines Veteranen am Geburtstage Sr. Majestät des Königs Albert von Sachsen" in der Militär-Zeitschrift "Der Kamerad", Pirna, drucken lassen. Dieser Text, der quantitativ beträchtliche Unterschiede zum oben genannten aufweist - und dies nicht nur wegen des natürlich ganz anderen Schlusses -, ist dadurch erhalten geblieben, daß er der sog. Stollberg-Akte beigeheftet war, die Fritz Maschke im Anhang seines Buches über Mays erste Ehe bereits wieder zugänglich gemacht hat.(4) Vier Zeilen daraus zitiert May - mit einer kleinen Variation - in seinem Kolportageroman "Die Liebe des Ulanen"(5):


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sie entsprechen der dritten Strophe im "1849" überschriebenen ersten Teil der späten Version. Diese erschien 1902 anläßlich des Todes König Alberts in Gestalt eines großformatigen Faltblattes als Sonderdruck und wurde von mehreren Zeitungen(6), denen sie wohl zur freien Verwendung zugesandt worden war, nachgedruckt.

Zwischen den beiden Fassungen steht zeitlich eine dritte, deren Auffindung erst kürzlich gelungen ist. May hat sie offenbar anläßlich eines Geburtstags des Königs geschrieben, vielleicht zum siebzigsten Geburtstag 1898, wozu auch der Duktus der Handschrift passen würde. Das Manuskript stammt aus einem Journalisten-Nachlaß, also wahrscheinlich aus einer Zeitungsredaktion. Welche Zeitung oder Zeitschrift das gewesen ist, ob und wann damals ein Abdruck des Textes erfolgte, konnte bisher nicht geklärt werden.

Die neu entdeckte Fassung ist als Original-Manuskript erhalten. Während die Letztfassung vorstehend als Faksimile des Sonderdrucks von 1902 wiedergegeben ist, erscheinen die beiden früheren Varianten als Anhang zu diesem Aufsatz. Die zeitlich mittlere Fassung bringen wir zusätzlich als Handschrift-Faksimile.

Albert von Sachsen, der Held des Gedichts, wurde am 23. 4. 1828 in Dresden geboren.(7) Der Tod seines Großvaters machte ihn 1854 zum Kronprinzen, der seines Vaters 1873 zum König; er starb am 19. 6. 1902. Dem Militär galt schon früh sein besonderes Interesse, und bereits 1849 erwarb er auf diesem Feld seine ersten Meriten, als er sich am Sturm auf die Düppeler Schanzen beteiligte. Die Kämpfe von 1864 und 1866 sahen die sächsische Armee, für deren Ausbau Albert mitverantwortlich war, an der Seite Österreichs. Der allgemeinen Umorientierung der deutschen Mittelstaaten nach 1866 folgte dann auch Sachsen: es schloß sich dem Norddeutschen Bund an, und die sächsischen Truppen wurden als XII. Korps der norddeutschen Bundesarmee zusammengefaßt. Albert erhielt als Kommandierender General den Oberbefehl über dieses Korps, nahm am deutsch-französischen Krieg von 1870/71 teil und wurde zum Generalfeldmarschall der preußischen Armee ernannt. Seine fast dreißigjährige Regierungszeit verlief ohne spektakuläre Ereignisse.

Den Zielen und Resultaten der sächsischen Diplomatie und Kriegspolitik war also in der Zeit von 1849 bis 1871 durchaus keine einlinige Kontinuität beschieden: unter dem Druck der äußeren Verhältnisse wandelte sich Sachsen vom Alliierten Österreichs zum


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Mitstreiter Preußens, und der in militärischen Angelegenheiten so engagierte Kronprinz wird dies als außerordentlich gravierend empfunden haben; seine spätere Regierungspolitik weist ihn als einen treuen Reichsfürsten aus. Eine literarische Würdigung des Herrschers müßte diese Entwicklungen illustrieren und dem Verhältnis zwischen ihnen und dem Interesse Sachsens eine vielleicht einleuchtende Erklärung abgewinnen können. An solchen Details aber ist Mays Text nicht interessiert; die Schilderungen der einzelnen Episoden wirken auf den ersten Blick beinahe identisch, und ein individuelles Bild des Herrschers läßt sich daraus kaum gewinnen.

Diese Beliebigkeit ist nun allerdings weitgehend ein Charakteristikum jenes literarischen Genres, in das Mays Werk sich einreiht: die panegyrische Lyrik, die Gattung der Lobgedichte, hat es seit jeher darauf angelegt, die Personen oder Gegenstände, die sie zu ihrem Thema erkor, nur in den günstigsten Farben zu zeichnen, und derartigen Zielen ist die Skizzierung differenzierender Einzelheiten in der Regel nicht förderlich. Die Huldigung an herausragende politische und militärische Führerpersönlichkeiten gehört zu den ältesten und verbreitetsten literarischen Zeugnissen, die wir kennen(8): ihre Tradition reicht von der Antike über das Mittelalter, über Humanismus und Barock bis in das späte 18. Jahrhundert und darüber hinaus; ihre vorläufig letzte Hausse erlebte sie im Nationalsozialismus, in dem sich z. B. ein Poet wie Heinrich Anacker mit gereimten Hitler-Verherrlichungen hervortat. Daß in jüngerer Zeit überwiegend Autoren wie er, denen wir vor allem den fragwürdigen Ruf des Modeschriftstellers zuerkennen werden, das Genre gepflegt haben, darf nicht über die auch qualitativ bedeutende Rolle hinwegtäuschen, die die panegyrische Lyrik in früheren Epochen gespielt hatte: ihre Geschichte verzeichnet illustre Namen, u. a. die von Walther von der Vogelweide, Hutten, Opitz, Gryphius, Gottsched, und selbst Lessing dichtete in einigen Oden Friedrich II. an. Kein Anlaß konnte spektakulär genug, kein Ereignis aber auch zu nebensächlich sein, um nicht zum Anlaß der ausschweifendsten Lobpreisung zu werden: »siegreiche Feldzüge, Friedensschlüsse, überstandene Krankheiten, Vermählungen, Schwangerschaften, Geburtstage, Krönungen, Todesfalle, Erbhuldigungen, Einzüge der Majestät in ihre Residenz und Jahrestage all derartiger Bege-


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benheiten«(9) werden in der panegyrischen Lyrik gefeiert. Aus der Perspektive des gehorsamen, z. T. gar demütigen Untertanen beschreiben die Dichter Glanz und Gloria, Weisheit und Umsicht, Glück und Erfolge des Herrschers, und wenn sie die unvermeidliche Feststellung treffen müssen, daß seinem segensreichen Wirken ein Ende gesetzt wurde, dann verklären sie sie durch Prophezeiungen vom unsterblichen Ruhm. Viele dieser Gedichte sind durch die äußeren Umstände, in denen ihre Verfasser leben, sehr direkt beeinflußt: wer, wie Walther, als Auftragskünstler im Dienste wechselnder Herren steht oder, wie viele Barockdichter, als Hofpoet einem Fürsten verpflichtet ist, der kann kaum anders, als seine Fähigkeiten auch zum Lob des Großen Mannes einzusetzen. Heute erscheinen solche Texte oft fast austauschbar: in der überschwenglichen Verehrung verschwinden die Differenzen zwischen den einzelnen Heroen, zwischen bedeutenden und historisch eher unwichtigen Herrschern, und dem Friedensfürsten werden ganz ähnliche Etikette angeheftet wie dem Kriegshelden. Freilich gestatten es die Schablonen des Genres manchmal auch, in spielerischer Verzerrung behandelt und damit bloßgestellt zu werden, und so gelingt es einigen Autoren, der Verehrung des Gefeierten andere Tendenzen beizumischen: so schon Walther, der etwa im "Ottenton" seine Huldigung an den neuen Kaiser Otto IV. mit ebenso höflichen wie drängenden Hinweisen zu den Aufgaben durchsetzt, deren Lösung er sich von ihm erwartet.(10) In solchen Fällen kommt es nicht zur naiven Übersteigerung verherrlichender Epitheta, bzw. sie werden, wenn sie doch auftauchen, durch gegenläufige Bewegungen relativiert; dem Angesprochenen wird zwar das erwartete Lob zuteil, aber zugleich wird ihm abgefordert, sich dieses Lob durch entsprechende Taten auch zu verdienen. Noch einen Schritt weiter geht Bert Brecht im Umgang mit der Gattung: sein "Lied vom Anstreicher Hitler" etwa rekapituliert im Ansatz die alte Form des panegyrischen Gedichts. Aber eben nur im Ansatz: die Ausführung enthüllt dann Zug um Zug die falschen Dispositionen dieses politischen Führers, obwohl der zunächst einmal die gewohnt exponierte Rolle spielt. Die Brauchbarkeit einer derart kreativen Aufarbeitung der Gattung zeigt sich um so deutlicher, wenn man sie der biederen Rezeptionshaltung gegenüberstellt, mit der der schon erwähnte Anacker im thematisch verwandten "Stein und Steinmetz"


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seinen Führer feiert; auch er greift auf das Bild vom Handwerker Hitler zurück, kann es aber nur füllen durch die Anpassung an Formeln, die seit Jahrhunderten gängig sind.(11)

Die Beispiele Walthers und Brechts sind in ihrer Deutlichkeit, betrachtet man die Gattung insgesamt, eher untypisch. Im großen und ganzen herrscht die Tendenz zu einer einlinigen Verherrlichung vor, die lediglich interne Modifizierungen gestattet. Die Gedichte erfüllen damit eine wichtige politisch-gesellschaftliche Funktion: sie wollen ihre Leser auf eine treue Gefolgschaft gegenüber dem Gehuldigten einschwören, ein affirmatives, patriotisches Gemeinschaftsgefühl vermitteln, das sich an den Taten des Herrschers berauscht und zugleich stärkt. Viele panegyrische Gedichte sprechen ihren Helden direkt an; der wirkliche und wichtigere Adressat aber ist jeweils die Masse der zeitgenössischen Leser, der eindrucksvoll vorgeführt werden soll, wer sie regiert. So gilt die Beschwörung des herrscherlichen Glanzes nur vordergründig seinem Lob: de facto geht es um die Förderung einer staatstragenden Gesinnung, um die Einbindung des einzelnen in eine sinnstiftende gesellschaftliche Gemeinschaft, der der Herrscher unangefochten vorsteht. Anacker - um noch einmal auf dieses markante Beispiel zu kommen - bringt die untergründige Tendenz auf den Begriff: »Wir werdend' Volk, wir sind der rohe Stein -/Du, unser Führer, sollst der Steinmetz sein«(12); das könnte in ähnlicher Formulierung über vielen Lobgedichten stehen.

Aus heutiger Sicht wirken nicht allein nationalsozialistische und extrem chauvinistische Huldigungsgedichte befremdlich oder abstoßend. Die Gattung selbst wird vielen suspekt erscheinen, und das hat wohl vor allem zwei Gründe: zum einen kann das moderne demokratische Denken sich nicht anfreunden mit der oft geradezu blinden Verehrung politischer Führerpersönlichkeiten, die jeder kritischen Beobachtung absichtsvoll entzogen werden; zum andern erscheint die dem Genre immanente Geschichtsauffassung antiquiert, die alles und jedes mit dem Heroismus Großer Männer erklärt und nicht zur Kenntnis nehmen will, daß die Ereignisse, von denen sie spricht, auch durch andere Faktoren bedingt sein können.

Das Gedicht Karl Mays kommt auf den ersten Blick allen Einwänden gegen die Gattung entgegen. Auch hier herrscht das Gesetz der beliebigen Kumulation: so wie manche Gattungsprodukte un-


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tereinander nahezu austauschbar sind, so scheinen hier sogar die einzelnen Strophen austauschbar zu sein. Daß es im ersten Teil um den Krieg gegen Dänemark, im zweiten um den mit Österreich, im dritten um den gegen Frankreich geht, ist zunächst an den Jahreszahlen ablesbar. Zur weiteren Bestimmung tragen sonst nur ein paar geographische Hinweise (im Norden, im Süden) sowie einige Andeutungen bei (gegen Abend, wo der Franke haust), die zwar auch ohne die Zahlen eine Zuordnung ermöglichten, aus denen aber keine Konsequenzen für das Porträt des Herrschers gezogen werden: in die Faktur des Textes sind die unterschiedlichen historischen Gegebenheiten ebensowenig eingegangen wie persönliche und politische Entwicklungen des Gefeierten selbst, und so braucht der sprachliche Duktus sich sogar im Finale, da es um den Tod des Königs geht, kaum zu ändern; wird auch der Säbel durch die Palme ersetzt, so prägt die Assoziation zum Militärischen doch bis zum Schluß die Bildhaftigkeit des Gedichts. Albert von Sachsen erscheint in erster Linie, wo immer er auftaucht, als genialer Feldherr; und er ist dies als Patriot, als weitblickender Politiker, als geliebte Vaterfigur, als Inspirator künftiger Generationen, der schlechthin unsterblich ist. Diese Unsterblichkeit festzuschreiben, hat das Gedicht sich zur Aufgabe gemacht.

Es versucht sich daran mit einem beträchtlichen Aufwand poetischer Stilmittel, die in skurrilem Gegensatz zu ihrer inhaltlich geringfügigen Ergiebigkeit stehen. Da finden sich Alliterationen (Ein heißes Wogen und ein heißes Wagen), weitgespannte Assoziationen (Flammenschrift) und vor allem kühne Bilder und Begriffskoppelungen jeder Art; die donnernde Poetizität erschlägt bisweilen so derb jeden Reflexionsansatz, daß auch die handfeste Tautologie (blitzendem Gewitter) sich bruchlos einpaßt. Die Sprache greift durchweg auf jenen »Wortschatz der stählernen Romantik«(13) zurück, den wir in neuerer Zeit auch in noch bedenklicher stimmendem Kontext entdecken und der sich in erster Linie militärischer und patriotischer Signaturen bedient. Alles fügt sich einem ebenso schlichten wie strengen Aufbau: die vier Abschnitte des Gedichts bestehen aus jeweils fünf gleichartigen Strophen, deren jambische Verszeilen fünf Hebungen mit abwechselnd männlichem und weiblichem Versausgang aufweisen und im Kreuzreim verbunden werden. Die ersten Zeilen der Abschnitte sind - mit Ausnahme des


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letzten Wortes identisch, ebenso die Schlußzeilen, deren allerletzte freilich mit einer charakteristischen Variante aufwartet, die die leitende Funktion des Feldherrn in die spirituellen Bereiche des Jenseits hinein verlängert: per Rückfahrkarte. Rhythmus und Takt fallen in der Regel zusammen; nur die erste Zeile eines jeden Abschnitts bildet wiederum eine Ausnahme, denn das im Metrum unbetonte Horch! erhält zweifellos beim Deklamieren einen Akzent: ein gängiger Kunstgriff, der die Aufmerksamkeit des Lesers aufs neue binden soll. Das Gedicht lebt aus der regelhaften Wiederholung; daß sein Stil ebensowenig eine Entwicklung erfährt wie die Konstruktion seiner Einzelteile, ist kein Zeichen ästhetischer Unfähigkeit, sondern eine gewollte Eigenschaft: der Text wirkt gerade durch die penetrante Wiederkehr des Immergleichen, und seine einförmige Gestalt will den Lesern die Botschaft durch ständige Repetitionen geradezu rhythmisch einhämmern. So wie der Protagonist des Gedichts keine Entwicklung kennt, so kommt auch die lyrische Erinnerung an ihn ohne Differenzierungen und Fortschritte aus. Form und Inhalt gelangen zur Deckung: das zeugt, wenn man so will, von beträchtlicher Virtuosität, von der Virtuosität der Marschmusik.

Der emotionalisierende Stakkato-Effekt kehrt im identischen gedanklichen Aufbau der einzelnen Abschnitte wieder und verdoppelt sich dadurch. Jeder Abschnitt spricht den Leser zunächst direkt an - und zwar so, als sei er am Ort des Geschehens dabei - und beschreibt dann eine Kampfes- bzw. Krisensituation, in die der zunächst anonym bleibende Herrscher mehr oder weniger siegreich eingreift: anfangs im militärischen Triumph, am Ende als wegweisender Heldengeist aus dem Jenseits. Die vier Abschnitte unterliegen also dem gleichen inhaltlichen Bauprinzip, und ebenso bestätigt sich immer neu ein Pseudo-Element des Prinzips. Kein einziger Abschnitt nennt gleich zu Beginn den Helden, um den es geht. Der Leser wird in den Eingangszeilen vielmehr auf "ferne" Geräusche hingewiesen, und dieser vagen Andeutung folgt die Beschreibung von Vorgängen, deren Hauptfigur erst später ausdrücklich eingeführt wird; daß es sich um den "Löwen Sachsens" handelt, formulieren in dieser Klarheit sogar nur die jeweils letzten Zeilen der vier Teile. Dennoch steht natürlich - selbst wenn man vom Titel des Gedichts absieht - spätestens nach dem ersten Abschnitt das The-


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ma außer Zweifel, und so handelt es sich bei der Rätselstruktur der einzelnen Teile eben nur um Pseudo-Rätsel. Wenn also ein neuer Anlauf genommen wird, die Heldenhaftigkeit des Protagonisten zu beschreiben, so bleibt dieser doch zunächst im Dunkel; aber das geschieht nur in bezug auf die explizit ausgeführten Begriffe, denn in Wahrheit weiß der Leser sogleich, um wen und was es geht, und er füllt die Leerstelle aus, bevor ihm der Autor die Bestätigung liefert. Dieses Spiel, das mithin schon im Verschweigen auf den Herrscher verweist, wiederholt sich mehrfach und pointiert damit, indem es eine ganz triviale Eigenleistung des Lesers verlangt, die Rolle dessen, dem hier gehuldigt wird.

Form und Inhalt ergänzen einander abermals; aber nicht nur das Wiederholungsprinzip steuert die Konstruktion der Einzelteile. Der Vergleich der vier Abschnitte macht nämlich sichtbar, daß die ausdrückliche Benennung Alberts zunächst sehr spät, dann immer früher erfolgt: im einleitenden Teil gibt erst der letzte Vers explizit Auskunft über die Person des Protagonisten, im zweiten und dritten tun dies die Schlußzeilen der dritten Strophen, während im vierten Teil bereits die erste Strophe den verstorbenen König mit einer wörtlichen Rede (!) zitiert. Parallel zu dieser Entwicklung ergibt sich - in vager Anlehnung an die tatsächlichen politisch-militärischen Ereignisse - eine Verdichtung und Verstärkung der Siegesgefühle. Der erste Teil koppelt die einschlägigen Beobachtungen noch an die recht banale und nicht unbedingt trostreiche Feststellung, daß der Tod auf dem Schlachtfeld historischen Ruhm verbürge; der zweite Teil greift erheblich präziser zu, indem er jubelnde Fanfaren an das Ende seiner Schilderungen stellt; der dritte steigert diese Konkretisierung durch das Mittel der wörtlichen Rede; der vierte schließlich greift auf den Anfangsteil zurück, überbietet ihn aber nun - auf der Grundlage der vorigen Abschnitte - mit der Beförderung des Königs zum quasi unsterblichen Wegweiser künftiger Generationen. Das Wiederholungsprinzip wird ergänzt durch das der quantitativen und qualitativen Steigerung: der Herrscher tritt von Abschnitt zu Abschnitt früher hervor, und die Rolle, die er spielt, gestaltet sich zunehmend glanzvoller. Dem Immergleichen der Einzelteile ist ein doppeltes Crescendo eingeordnet, und das alles zusammen verstärkt den appellativen Charakter des Gedichts.


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Solche Detailbeobachtungen sind notwendig, wenn wir unser eingangs formuliertes Urteil über die mangelhafte Qualität dieser Mayschen Produktion ein wenig modifizieren, wenn wir ihr Gerechtigkeit widerfahren lassen wollen. Kann man nun sogar noch einen Schritt weitergehen und den Text neben die Reise- und Abenteuererzählungen stellen, neben jene Werke, die Mays Ruhm begründet haben; findet sich da nicht manches, was vergleichbar ist? Hier wie dort steht im Mittelpunkt die heroische Führergestalt, stark, klug und von unsterblichem Ruf, die aber bei kritischer Sicht oft zur Schablone zu verkommen droht; noch auffallender als diese thematische Verwandtschaft - die freilich durch den Anlaß des Gedichts vorgegeben wurde - ist die Übereinstimmung der literarischen Konzeptionen, deren sich May bedient: daß das Grundprinzip der Abenteuererzählungen nicht die ständige Innovation ist, sondern die - strukturelle und formale ebenso wie inhaltliche - Wiederholung, die durch die Entfaltung interner Variationen der Monotonie entgeht, gehört zu den einleuchtendsten Erkenntnissen der Sekundärliteratur. Wenn wir dieses Element nun auch in der Konstruktion des Huldigungsgedichts entdecken, dann steht das Werk plötzlich gar nicht mehr so isoliert im Schaffen Mays da, wie es zunächst den Anschein hatte; auf jeden Fall machte der Autor sich Erfahrungen zunutze, die er auf seinem eigentlichen Arbeitsfeld gewonnen hatte, und dies gilt ebenfalls für die Pseudo-Rätsel: man denke nur an die zahlreichen Situationen, in denen der abenteuerliche Held Probleme bereits gelöst hat, auf die die hilflosen Begleiter noch keine Antwort wissen. Mir kam flüchtig der Gedanke, ob "Der Löwe Sachsens" in diesem Zusammenhang nicht gar zu lesen sei als eine heimliche Parodie auf die Abenteuerromane Mays einerseits, auf die Usancen der panegyrischen Lyrik andererseits. Hätte May, indem er die Forderungen an die Gattung nicht nur erfüllte, sondern in virtuoser Weise geradezu übererfüllte, vielleicht versucht, die schlichte Propagandalyrik wie auch den Kult um den eigenen Romanhelden ad absurdum zu führen, wäre der Text also gewissermaßen als eine listige Denunziation zu lesen und damit von ähnlich kritischem Potential wie die oben zitierten Beispiele anderer Autoren? Mays pazifistische Gesinnung um die Zeit der Jahrhundertwende, wie sie sich in "Und Friede auf Erden" dokumentiert, könnte diese Vermutung stützen; der Text selbst aber schließt


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ihre Richtigkeit wohl doch aus, denn sonst müßte sich zumindest ein kleines manifestes Zeichen finden lassen, das das Pathos bloßzustellen und die einlinige Tendenz zu unterlaufen hätte; ein solches Signal gibt es, soweit ich sehe, nicht.

Gleichwohl wird sich der Versuch eines zusammenfassenden Urteils nun nicht mehr darauf beschränken dürfen, allein die Nichtswürdigkeit des Poems zu beschwören. Wer jener patriotischen Stimmung zuneigt, die Mays Text zelebriert, wer Gefallen an der naiven Stilisierung findet, wie sie die schlichtere politische Lyrik so oft betreibt, der mag das Gedicht sogar ohne große Einschränkungen bewundern, und in der Tat hat May hier einen vorgegebenen Rahmen mit einiger Perfektion gefüllt. Aber dieser Rahmen ist a priori recht eng, und daß May ihn virtuos gefüllt hat, ist auch negativ zu formulieren: während er die Traditionen des Abenteuerromans kreativ verarbeitete - wie Brecht jene des panegyrischen Gedichts -, ergänzte und zu einer fast eigenständigen Gattung weiterentwickelte, war sein lyrisches Geschick nur das eines begabten Handwerkers. Propagandistischen Zielen wird dieses Werk nicht besser und nicht schlechter gedient haben als hundert andere: das ist viel im Vergleich zu dem ersten Eindruck, den es auf die meisten heutigen Leser ausüben dürfte, aber wenig in Anbetracht dessen, was May in seinen Prosatexten gelang.

Der Blick auf die Erstfassung des Gedichts kann dieses Urteil nicht relativieren: trotz einer ganzen Reihe von Änderungen weisen beide Fassungen ähnliche Tendenzen und Eigenarten auf. May hat bei der Bearbeitung in erster Linie besonders martialische Wendungen und einige poetische Überanstrengungen gestrichen; dazu gehört z. B. der Verzicht auf eine Alliterationskaskade wie diese: Und unten fluthet es wie Wogenschwall, / Wie wirbelndes Gewölk bei Sturmeswehen. - Durch Böhmens Wälder wälzt sich wild die Fluth (...)(14) - es muß sich um eine Naturkatastrophe gehandelt haben. Die erste Fassung verzeichnet ausdrücklich die einzelnen Schlachtfelder, die in der dritten fehlen; es erscheinen des Dänen trotz'ger Sinn(15), der Stahl / Um blitzend in des Feindes Brust zu fahren(16), und ähnliche Dinge mehr, die später getilgt wurden; identisch ist die abschließende Erhöhung zum ewigen Landesvater, die in der späteren Version natürlich andere Akzente erhalten mußte. Alles in allem ist die letzte Fassung maßvoller gestimmt; die kriegerischen


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Ruhmestaten sind zurückhaltender ausgemalt als zuvor, doch handelt es sich um eine durchaus eingeschränkte Modifikation.

Die zeitlich mittlere Version des Gedichts steht auch inhaltlich in etwa zwischen den beiden anderen: die präzise Benennung der Schlachtfelder und einiges andere verbinden sie mit der von 1875, die Tendenzen zu friedlicheren Tönen - besonders im Schlußteil - mit der von 1902. Bemerkenswert im Vergleich aller drei Texte ist es, wie intensiv sich May um eine adäquate Gestaltung des zweiten Teils bemüht hat, der ja ein für die sächsische Geschichte nicht unbedingt ruhmvolles Kapitel behandelt.

Gehen wir in der Untersuchung des Werkes noch einen Schritt weiter, so stoßen wir auf eine uns heute recht eigenwillig anmutende, gleichwohl aber traditionsreiche Neigung in der Formulierung seiner politischen Implikationen. Das zitierte Bild vom Wogenschwall und Sturmeswehen, das für eine militärische Unternehmung steht, ist auf den ersten Blick nur ein besonders drastisches Beispiel unfreiwilliger Komik. Aber der Stil hat Methode, und diese findet sich deutlich auch noch in der letzten Fassung des Textes: immer wieder greift May, um kriegerische Auseinandersetzungen zu fixieren, zu Bildern aus den Bereichen der Natur, der Naturbeherrschung und auch der vitalen Funktionen des menschlichen Körpers. Das Ringen um den höchsten Preis ist u. a. ein heißes Wogen; der Donnerschall löst den Schwerterklang ab und geht dem Trommelschlag voraus; wo geschossen wird, da sprüht das Schicksal (...) aus blitzendem Gewitter und wirft der Hagel (...) vernichtendes Metall; es sind die tapfern Schnitter, die solchem Ungemach die geziemende Richtung geben wollen; die Liste ließe sich fortsetzen. Daß es bei dieser Metaphorik stets um recht gräßliche Begebenheiten geht, wird nicht verschwiegen; dennoch unterschiebt ihnen die Bildersprache eine merkwürdige Unverbindlichkeit. Der Krieg ist nicht mehr erkennbar als eine Ereigniskette, für die bestimmte Menschen in bestimmten Situationen mehr oder weniger schuldhaft verantwortlich sind, der diese und vor allem andere Menschen zum Opfer fallen und die als Resultat politischer Entwicklungen beschreibbar ist. Indem der Krieg weitgehend mit dem Sprachvorrat der Naturbeschreibung zitiert wird, findet eine Entwirklichung statt und eine konsequente Verschleierung seiner Vorgeschichte: so wie Naturkatastrophen willkürlich in den menschli-


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chen Alltag hineinbrechen, so bricht auch der Krieg hinein, ohne daß er und seine Ursachen näher zu analysieren wären; er ist das Ergebnis von Urgewalten, gegen die sich nichts ausrichten läßt, und in entsprechend passiver Haltung hat der Leser sich dem zu unterwerfen, was mit ihm und um ihn herum geschieht. Es verschlägt wenig, wenn May an anderen Stellen durchaus einmal auf konkrete Hintergründe verweist (Im Norden ist ein deutsches Volk erwacht): diese werden vielmehr der anderen Tendenz bruchlos zugeordnet (erwacht - als ginge es um die Abfolge natürlicher Lebensfunktionen), beugen sich ihr, und so erscheinen selbst jene politischen Konstellationen, die benannt werden, als etwas nicht weiter Auflösbares, als Urgewalt sui generis, deren Kraft man ohne weiteres hinzunehmen hat. Die Krönung dieser Tendenz liefert der Kriegsname des Herrschers: dem Löwen gebührt die Spitze in der Hierarchie der Natur, und so exotisch-erhaben er sich im Vergleich zu mitteleuropäischen Hagel- und Gewitterstürmen ausnimmt, so deutlich überragt - das ist die zentrale Botschaft - König Albert seine Zeitgenossen. Auf der Basis einer derartigen Bildersprache gelingt es dem Autor schließlich, noch jene Ereignisse zu verklären, die den einzelnen Leser am unmittelbarsten treffen: die persönliche Teilnahme am Krieg, den Tod. Mitten unter Leichen blüht der Sieg; mancher hat aus schwarzem Schlunde ewgen Schlaf getrunken: das ist eine Sprache, die die Opfer nicht vergißt und die Gedanken daran in einen fatalistischen Erklärungszusammenhang verweist, der den Krieg als unvermeidbare Naturkatastrophe definiert. Der einzelne ist ohnmächtig vor ihr; er kann ihr unterliegen, aber er soll wissen, daß anders mit Naturgewalten nicht zu kalkulieren ist, daß sie auch einmal wieder ihr böses Treiben beenden werden und daß danach etwas steht, was das Opfer gelohnt hat. An dieser Stelle - in den Schlußversen der einzelnen Abschnitte - wird die Metaphorik dann geschickt ergänzt: was vorher ein z. T. undurchschaubares und unvermeidliches Chaos war, erhält durch das Eingreifen des sächsischen Löwen eine Wendung ins penetrant Positive, und um so beeindruckender strahlt der Glanz des Protagonisten.

Die Naturmetaphorik ist nur Teil einer ebenso ideologischen wie ästhetischen Strategie, die im Dienste der staatstragenden Tendenz des ganzen Unternehmens steht; es kann nicht wunder nehmen, daß May aus dem Text gerade in "Die Liebe des Ulanen" zitiert hat.


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Dieses panegyrische Gedicht ist typisch für die Gattung auch deshalb, weil es ohne weiteres auch als ein patriotisches zu lesen ist, und die nationalistische Stimmung, die es fördern will, wird in nahezu jeder Zeile greifbar. Man beachte das suggerierte väterlich-freundliche Verhältnis zwischen dem König und seinen Untertanen; die dringliche Definition dessen, was ein Deutscher ist, der es nicht blos scheinen (will); die Signalbegriffe wie eisern und Fahne; die Mischung aus den Schilderungen ganzer Schlachtkomplexe einerseits und einzelner Ereignisse und Personen andererseits, die die Individualität im großen Ganzen aufgehen läßt: ein intensiverer sozialpsychologischer Zugriff, als diese kurzen Bemerkungen ihn leisten können, würde aus all dem wohl gar Umrisse eines Psychogramms des öffentlichen Bewußtseins im Wilhelminischen Zeitalter erschließen und zugleich die ästhetischen Mittel näher beleuchten, deren sich viele Erzeugnisse der Spezies panegyrische Lyrik bedienen. "Volksschriftsteller" ist May auch hier: einer, der die herrschende Ideologie - mit der Vorsicht, die derartigen Verallgemeinerungen immer zukommt, sei's gesagt - mit einiger Perfektion reproduziert und ihre Verbreitung befördert, indem er auf die Traditionen einer für ihn sonst ganz ungebräuchlichen literarischen Gattung zurückgreift. Was dieser Arbeit dagegen gänzlich fehlt, ist die in den Abenteuerromanen stets aktuelle Kritik an beengender Zivilisationsroutine, der dort das Modell einer Gesellschaft der grundsätzlich Freien und Gleichen gegenübergestellt wird. "Der Löwe Sachsens" kennt nur die mit beachtlicher Kompetenz vorgetragene Apologie, und er fällt damit wiederum aus dem Rahmen des Mayschen Gesamtwerks. Um so deutlicher stellt sich die Frage nach dem biographischen Hintergrund: warum veröffentlichte May dieses Gedicht überhaupt von neuem?

Eine hilfreiche Erklärung zur Erstveröffentlichung liefert Erich Schwinge: "Um seine staatstreue Gesinnung zu beweisen"(17); daß May daran zur Zeit der Stollberg-Affäre, als ihm eine neue Haftstrafe drohte, gelegen sein mußte, liegt auf der Hand, und wir werden ähnliche Motive auch für die Neupublikation von 1902 unterstellen dürfen. Zur Zeit der Mayschen Orientreise, um die Jahrhundertwende also, hatten bekanntlich die öffentlichen Angriffe gegen ihn eingesetzt, und angesichts dessen, was er zu verbergen hatte, dürfte es ihm ratsam erschienen sein, jetzt ein demonstra-


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tives Bekenntnis staatstreuer Neigungen abzulegen. Wer solches tut, der mag, wenn es nicht ganz schlimm kommt - und bei May kam es später dann ganz schlimm -, auf den Applaus der Massen hoffen und gegebenenfalls auf Rückendeckung von einflußreicher Seite. May hat dies sehr deutlich gesehen und in der Not sogar seine Abenteuerromane, die es gewiß nicht verdienen, in diesem Sinne interpretiert: daß er darin zu beweisen suche, daß der Mensch auf keinem anderen Wege vorwärts kommen und glücklich werden könne, als durch Gehorsam gegen Eltern und Lehrer, Achtung vor dem Gesetz und der Obrigkeit, strenge Erfüllung aller seiner Pflichten(18), ist eine Verkennung des eigenen Werkes, die indes durch ihr Ziel erklärlich wird. In die gleiche Richtung verweist das vorliegende Gedicht. Da bemüht sich ein Schriftsteller, der anderes viel besser beherrscht, um die lyrische Beschwörung einer konservativen, staatstreuen Gesinnung, auf daß jene, die sie unverändert hochhalten, ihn dereinst vielleicht einmal unter ihren Schutz stellen. Wir können nur spekulieren, wieviel an dieser Gesinnung echt ist, wieviel dem egoistischen Ziel zuliebe opportunistisch vorgespielt wird und wieviel vielleicht eher zufällig, durch die Anlehnung an Gattungstraditionen, ins Werk gelangt ist; May hat das vermutlich selbst nicht recht gewußt. Aber immerhin: der letzte Zweck des Unternehmens dürfte unumstritten sein, und das Schauspiel trägt fraglos obszöne Züge: May sieht sich zur aktiven Anbiederung gedrängt, damit jene Seiten seiner Vergangenheit verdeckt bleiben, die von Renitenz zeugen und der gefälligen Reputation Schaden zufügen könnten; der Feststellung des vorhandenen Mangels an realer Konformität soll die angestrengte Überbetonung von ausgestellter Konformität entgegenarbeiten. Für den außenstehenden Betrachter denunziert ein solches Procedere die zugrundeliegenden Verhältnisse viel stärker, als Mays lyrische Bemühungen je wiedergutmachen können.


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1 Hermann Cardauns: Leo Taxil, Robert Graßmann und - Karl May. Vortrag gehalten in Dortmund am 6. l l. 1901; das Zitat findet sich, in Anlehnung an die Dortmunder Zeitung Tremonia v. 8. 11. 1901, in Mays Autobiographie; vgl. den Reprint: Mein Leben und Streben, hg. v. Hainer Plaul. Hildesheim - New York 1975, 208 und 409 f.

2 Hans Wollschläger: Karl May. Grundriß eines gebrochenen Lebens. Zürich 1976, 106

3 Die hier mitgeteilten bibliographischen Daten verdanke ich ganz überwiegend Ekkehard Bartsch.

4 Vgl. Fritz Maschke: Karl May und Emma Pollmer. Die Geschichte einer Ehe. Bamberg 1973, 153 ff Nähere Erläuterungen zur Stollberg-Akte, die den Hintergrund der letzten, dreiwöchigen Haftstrafe Mays erhellt, gibt Erich Schwinge: Karl Mays Bestrafung wegen Amtsanmaßung, ebd., 130 ff., zur literarischen Spiegelung des Ereignisses vgl. Heinz Stolte: Die Affäre Stollberg. Ein denkwürdiges Ereignis im Leben Karl Mays, in: Jb-KMG 1976, 171 ff.

5 Vgl. Karl May: Die Liebe des Ulanen. Hildesheim - New York 1972 (= Reprographischer Nachdruck der Ausgabe Dresden 1901/02), 2037

6 Unter anderem: Bautzener Nachrichten v. 23. 6. 1902; Nossener Anzeiger v. 24. 6. 1902; Auerbacher Zeitung v. 24. 6. 1902; Meeraner Tageblatt und Anzeiger v. 26. 6. 1902, Zwickauer Wochenblatt v. 29. 6. 1902. (Nach freundlicher Mitteilung von Hainer Plaul.)

7 Die Informationen über König Albert habe ich entnommen dem Artikel von Bernhard Schwertfeger in der Neuen Deutschen Biographie, Bd. 1, hg. von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1953, 131 f. Zum 70. Geburtstag Alberts hatte übrigens Joseph Kürschner einen Prachtband "König Albert und Sachsenland" herausgegeben (Leipzig - Berlin 1898), in dem sich auch ein Text Max Dittrichs findet: "König Albert als Soldat und die sächsische Armee"; dieses Buch wie auch der Sonderdruck des Gedichts und die Handschrift der Zweitfassung befinden sich im Archiv der Karl-May-Gesellschaft.

8 Einen Überblick vermittelt Rudolf Haller: Lobgedicht, in: Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte 2, Berlin 21965, 223 ff. Die Gattung ordnet sich ein in das weite Feld der politischen Lyrik, die lange Zeit bei der deutschen Literaturwissenschaft nicht hoch im Kurs stand, vor wenigen Jahren aber eine ausführliche Würdigung erfahren hat: Walter Hinderer (Hg.): Geschichte der politischen Lyrik in Deutschland. Stuttgart 1978.

9 Peter Pütz: Aufklärung, in: Hinderer (wie Anm. 8), 121

10 Vgl. Walther von der Vogelweide: Die Lieder, hg. v. Friedrich Maurer. München 1972, 208 ff.

11 Die Gedichte Brechts und Anackers finden sich nebeneinander bei Karl-Heinz Fingerhut/Norbert Hopster (Hg.): Politische Lyrik. Arbeitsbuch. Frankfurt a. M. Berlin-München 21974, 80 f. Am Rande sei vermerkt, daß Anackers Gedicht einen ähnlichen pädagogischen Hammerschlag kennt wie die Geisterschmiede in Mays "Babel und Bibel".

12 Anacker (wie Anm. 11), 80

13 Albrecht Schöne: Über politische Lyrik im 20. Jahrhundert. Göttingen 1965, 16

14 Maschke (wie Anm. 4), 154

15 Ebd. 153

16 Ebd. 154

17 Schwinge (wie Anm. 4), 134

18 Karl May: Brief an den Dresdner Anzeiger v. 12. 11. 1904, zit. in: Jb-KMG 1972/73, 129


//56//

A n h a n g

Als Varianten zu dem vorstehend (als Faksimile des Sonderdrucks von 1902) abgedruckten Gedicht "Der Löwe Sachsens" folgen hier die beiden früheren Textfassungen: die Erstfassung "Rückblicke eines Veteranen am Geburtstage Sr. Majestät des Königs Albert von Sachsen" aus dem Jahre 1875; ferner die Fassung "Am 23ten April", deren Erstdruck bisher nicht ermittelt werden konnte, die jedoch im Manuskript überliefert worden ist. Möglicherweise stammt sie aus dem Jahre 1898 (70. Geburtstag König Alberts), doch ist bisher nicht geklärt, an welche Zeitung oder Zeitschrift Karl May den Text schickte.

Rückblicke eines Veteranen
am Geburtstage Sr. Majestät des K ö n i g s  A l b e r t
von Sachsen.

Horch! klingt das nicht wie ferner Schwerterklang?
Die Marsch bebt unter dampfenden Schwadronen
Es jagt der Tod den weiten Plan entlang
Und erntet unter brüllenden Kanonen.

Bei D ü p p e l ist's; des Dänen trotz'ger Sinn
Will deutsches Recht in deutschen Landen beugen;
Drum ziehen alle kampfbegierig hin,
Ihm deutsche Kraft und deutschen Muth zu zeigen.

Nun gilt s ein Ringen um den höchsten Preis,
Ein heißes Wogen und ein heißes Wagen.
Wohl schwitzt gar manch ein Herz purpurnen Schweiß
Und schlägt nur, um zum letzten Mal zu schlagen.

Doch mitten unter Leichen blüht der Sieg;
Nicht darf der Lorbeer Thränen uns erpressen:
Wer feindlich Bollwerk sterbend noch erstieg,
Der lebt und wär' er tausend Mal vergessen.

Denn die Geschichte schreibt mit gold'nem Stift
Und mißt Triumphe nicht nach kurzen Jahren.
Drum glänzt es fort in heller Flammenschrift:
»Der Löwe Sachsens ist's mit seinen Schaaren!«

Horch! klingt das nicht wie ferner Donnerschall?
Es blitzt wie Wetterleuchten um die Höhen,
Und unten fluthet es wie Wogenschwall,
Wie wirbelndes Gewölk bei Sturmeswehen.

Durch B ö h m e n s Wälder wälzt sich wild die Fluth.
Ein Einziger steht ohne Furcht und Grauen,
In seinen Händen treu die Waffe ruht,
Und tausend Männerherzen ihm vertrauen.

»Laßt laufen, Kinder, was nur laufen kann!
Wir wollen ihnen freie Bahn erringen.
Zu kämpfen, nicht zu laufen ziemt dem Mann,
Will er sich Ehren um die Schläfe schlingen.«


//57//

Hell klingt das Wort, hell leuchtet auch der Stahl,
Um blitzend in des Feindes Brust zu fahren.
Wer naht, den trifft des Todes bleicher Strahl:
Der Löwe Sachsens ist's mit seinen Schaaren!

Horch! klingt das nicht wie ferner Trommelschlag?
Schon will der Abend blutig roth sich neigen;
In Pulverdampf hüllt scheidend sich der Tag,
Um trauernd in das Thal hinab zu steigen.

Bei S a n c t  P r i v a t, bei S e d a n und bei B r i e
Ist Mancher in's zerstampfte Feld gesunken
Und hat, ermattet von des Kampfes Müh',
Aus schwarzem Schlunde ew'gen Schlaf getrunken.

Hell glänzen rings die Feuer der Bivouaks;
Da zieh'n mit festem, mannessich'rem Schritte
Kühntrotzige Gestalten durch die Nacht,
Den sieggewohnten Führer in der Mitte.

»Wer sind die Helden, die mit Eisenarm
Die fränkischen Cohorten niederschlugen
Und in der Feinde dichtgedrängten Schwarm
Mit starker Faust die Fahnen Deutschlands trugen?«

Dem Frager naht ein bärtiger Sergeant,
Des Tages Spur in den zerzausten Haaren.
»Die Leute, Herr, sind uns gar wohl bekannt:
Der Löwe Sachsens ist's mit seinen Schaaren!«

Horch! klingt das nicht wie ferner Glockenton?
Wohl muß des Erzes Stimme heut' erschallen,
Da um des Helden ruhmbekränzten Thron
Des Volkes Wünsche im Gebete wallen.

Ruht auch der Leu von großer, kühner That,
Ist doch nicht minder groß das schlichte Walten,
In dessen Sonne sich des Kampfes Saat
Zu segensreicher Ernte darf entfalten.

Die Faust, die einst das grimme Schwerdt gezückt,
Führt jetzt die Sichel durch die goldnen Halme.
Die Hand, die einst den Feind ins Feld gedrückt,
Pflegt liebevoll des Friedens schlanke Palme.

Laßt hoch die Flagge, stolz die Fahne weh'n;
Laut möge des Geschützes Gruß erklingen.
Laßt brausend heut' den Strom des Liedes geh'n
Und vollen Chor sich in die Lüfte schwingen.

Nehmt den Pokal, das volle Glas zur Hand,
Erhebt den Blick zum freien deutschen Aaren,
Und hell und jubelnd schall' es durch das Land:
»Der Löwe Sachsens hoch mit seinen Schaaren!«

Karl May.


//58//

Am 23ten April.

Horch! Klingt das nicht wie ferner Schwerterklang?
   Die Marsch bebt unter dampfenden Schwadronen.
Es jagt der Tod den weiten Plan entlang
   Und erntet unter brüllenden Kanonen.

Bei Düppel ists. Des Dänen trotzger Sinn
   Will deutsches Recht aus deutschen Landen streichen;
Drum ziehen Alle kampfesfreudig hin
   Ihm deutsche Kraft und deutschen Muth zu zeigen.

Nun gilts ein Ringen um den höchsten Preis,
   Ein heißes Wogen und ein heißes Wagen;
Nun schwitzt gar manch ein Herz purpurnen Schweiß
   Und schlägt nur, um zum letzten Mal zu schlagen.

Doch, mitten unter Leichen blüht der Sieg;
   Nicht darf der Lorbeer Thränen uns erpressen:
Wer feindlich Bollwerk sterbend noch erstieg,
   Lebt dennoch fort und wird niemals vergessen.

Denn die Geschichte schreibt mit goldnem Stift
   Und mißt Triumphe nicht nach kurzen Jahren.
Drum glänzt es fort in heller Flammenschrift:
   »D e r  L ö w e  S a c h s e n s  i s t s  m i t  s e i n e n  S c h a a r e n !«

Horch! Klingt das nicht wie ferner Donnerschall?
   Ein Wetter geht auf Böhmens Felder nieder.
Dort hagelt es vernichtendes Metall,
   Und tausend Schlünde spein die Antwort wieder.

Die Sonne hüllt sich tief in Schleier ein;
   Die Erde bebt; die Lüfte stehn und zittern.
Durch dunkle Schwaden zuckt der Feuer Schein;
   Der Mensch spielt mit des Schicksals Ungewittern.

Was wälzt sich plötzlich dort in wilder Wucht
   Von Corps zu Corps? Wer drängt und treibt von hinnen?
Es ist das schreckensbleiche Weib, die Flucht;
   Sie reißt die Tapfern fort; sie will entrinnen.

Doch mitten in der Fluth, die ihn umbraußt,
   Steht Einer felsenfest und ohne Zagen.
Die Klinge in der starken Heldenfaust,
   Will er den Sieg selbst in die Flucht noch tragen.

An seiner Seite hält die Treue Stand,
   Vor Schmach den Hochgeliebten zu bewahren,
Und Freund und Feind ruft durch das weite Land.
   »D e r  L ö w e  S a c h s e n s  i s t s  m i t  s e i n e n  S c h a a r e n !«


//59//

Horch! Klingt das nicht wie ferner Trommelschlag?
   Schon will der Abend blutigroth sich neigen.
In Pulverdampf hüllt scheidend sich der Tag,
   Um sterbend in die Nacht hinabzusteigen.

Bei St. Privat, bei Sedan und bei Brie
   Ist Mancher ins zerstampfte Feld gesunken
Und hat bei der Geschütze Melodie
   Aus schwarzem Rohre ewgen Schlaf getrunken.

Schon glänzen rings die Feuer der Biwacht,
   Da ziehn mit festem, mannessichrem Schritte
Kühntrotzige Gestalten durch die Nacht,
   Den sieggewohnten Führer in der Mitte.

Wer sind die Helden, die mit Eisenarm
   Die fränkischen Cohorten niederschlugen
Und in der Feinde dichtgedrängten Schwarm
   Mit starker Faust die Fahnen Deutschlands trugen?

Die Antwort giebt ein bärtiger Sergeant,
   Des Tages Spur in den zerzausten Haaren:
»Die Leute, Herr, sind uns gar wohl bekannt;
   D e r  L ö w e  S a c h s e n s  i s t s  m i t  s e i n e n  S c h a a r e n !«

Horch! Klingt das nicht wie ferner Glockenklang?
   Was ist das für ein festliches Geläute?
Das Sachsenvolk hält frommen Kirchengang,
   Denn seiner Liebe schönster Tag ist heute.

Es geht geschmückt durchs Land die Dankbarkeit,
   Den Thron des Herrschers freundlich zu bekränzen.
Kein Herold kündet blutgen Kampf und Streit,
   Und doch sieht man den Sieg in Waffen glänzen.

Das ist das edle, wahre Heldenthum,
   Das gern sich Blumen um die Schwerter windet
Und seinen schwer errungnen Waffenruhm
   Als friedeschützend doppelt froh empfindet.

Der Friede ists, der Friede nur allein,
   Der uns gebietet, stete Wacht zu halten,
Und soll das Wachen nicht vergeblich sein,
   So dürfen Muth und Treue nicht erkalten.

Zwar giebt die Treue, und zwar giebt der Muth
   Sich niemals kund in tönenden Fanfaren,
Doch, wer sie pflegt, das weiß man nur zu gut:
   D e r  L ö w e  S a c h s e n s  i s t s  m i t  s e i n e n  S c h a a r e n !

Karl May.


//60//

[May-Manuskript "Zum 23ten April" Seite 1]


//61//

[May-Manuskript "Zum 23ten April" Seite 2]


//62//

[May-Manuskript "Zum 23ten April" Seite 3]


//63//

[May-Manuskript "Zum 23ten April" Seite 4]


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