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KARL MAY

Theater



Schon zwei Wochen ist es her, daß die liebenswürdigste aller Musen sich unter uns befindet. Wir haben also Zeit gehabt, zu prüfen, was sie bringt, und wie sie es bringt. Es liegt uns vollständig fern, Kritik zu üben. Wir freuen uns vielmehr, auch einmal Publikum sein und mit der Kunst verkehren zu dürfen, ohne ihr als Recensent auf die Schleppe treten zu müssen. Man kann recht gut direkt mit ihr verkehren. Es ist nicht immer nötig, sich der Kritik als Mittelsperson zu bedienen. Es gibt sogar Leute, welche behaupten, daß dieser direkte Verkehr sich herzlicher, friedlicher und ersprießlicher gestalten könne, als über das Schreibpult des kritischen Berichterstatters hinweg. Und weil auch wir diese Herzlichkeit in uns fühlen und diese Ersprießlichkeit wünschen, soll das, was wir heut sagen, nicht Kritik sein, sondern eine Freundesstimme aus der Mitte des Publikums heraus, die im Namen Vieler für Alle erklingt.

   Wir sind nicht als muntere, schnell vorüberradelnde Touristen, sondern als ernste Heilbedürftige nach dem geschichtlich hochberühmten und landschaftlich schönheitsreichen Schlesien gekommen. Die hiesige Erde, welche an Güte reich wie selten eine andere ist, verspricht uns körperliche Genesung und neue, seelische Hoffnungsfreudigkeit. In der herrlichen Landschaft, die sich um Bad Salzbrunn lagert, vereinigen sich alle Potenzen, denen es gegeben ist, die Hoffnungen zu erfüllen, die uns in diese gesegnete Gegend führten. Diese Potenzen sind nicht nur materielle, sondern auch geistige und seelische. Das hat die Badeverwaltung sehr wohl berücksichtigt, als sie der heiteren erlösenden Kunst Veranlassung gab, in Gestalt eines Kurtheaters und einer täglich wiederholt musizierenden Kapelle sich an der erfolgreichen Aufgabe des hiesigen Ortes zu beteiligen. Es ist wohl nicht nötig, hierauf ganz besonders hinzuweisen, denn es versteht sich ja von selbst, daß diese beiden Institute an einem Kur- und Badeorte neben dem eigentlichen, künstlerischen Zweck vor allen Dingen auch die hygienische Aufgabe verfolgen, die physische Wirkung des Bades durch die psychische wenn nicht einzuleiten, so doch zu unterstützen, zu erleichtern und zu befestigen. Mit anderen Worten: Der Tempel der Kunst soll hier zum Tempel seelischer Befreiung werden. Er soll Licht, Sonnenschein, neues Vertrauen und neuen, heiteren Lebensmut in die Herzen aller Hülfesuchenden strahlen, und wenn die Direktion des Theaters sich dieser ihrer hochwichtigen humanitären Aufgabe bewußt geworden ist, so fragt es sich nur noch, ob sie den guten Willen und die geeigneten künstlerischen Kräfte besitzt, dieser ihrer


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Pflicht, die nicht etwa eine leichte ist, gerecht zu werden. Nach dem, was die bisherigen Vorstellungen gezeigt und geboten haben, stehen wir nicht an, diese Frage mit einem rückhaltslosen Ja zu beantworten.

   Frau Direktor Ewers ist eine geborene Direktrice. Sie besitzt in hohem Grade die Fähigkeit, mit gebotenen Mitteln das denkbar Möglichste zu erreichen. Und glücklicher Weise ist sie grad jetzt nicht gezwungen, zu kargen. Es stehen ihr Kräfte zur Verfügung, denen an einer so kleinen, abgelegenen Bühne zu begegnen, ich nicht erwartet hätte. Es gehört nicht zum Zwecke dieser Zeilen, Namen zu nennen, aber es wird hier wenigstens ebenso gut gespielt, wie an mancher bedeutend größeren Bühne, und es finden sich unter den Künstlern einige Herren und Damen, denen man, wenn sie die jetzige Schule mit Lust und Liebe absolvieren, ohne Zweifel noch an höheren Stellen begegnen wird. Ich wünsche ihnen gern die hierzu offenen Wege. Was die Regie betrifft, so ist auch sie noch besseren Aufgaben gewachsen, als sie in diesen zwei Wochen zu lösen hatte, und das führt uns auf die eigentliche Absicht, in der die vorliegenden Zeilen geschrieben sind: Es ist eine Bitte:

   Meine liebe, verehrte Frau Direktor, wir sind hierher gekommen, um zu gesunden, zu gesunden an Leib und Seele. Ihre Kunst hat den menschenfreundlichen Zweck, diese Genesung zu unterstützen. Bitte, geben Sie uns nichts Ungesundes. Geben Sie uns Ernstes, und geben Sie uns Heiteres. Aber dieser Ernst soll nicht krankhaft sein, soll nicht an den ewigen Gesetzen rütteln, die uns von Anfang an gegeben sind, soll nicht das Häckel'sche Welträtsel über die Bibel und einen Dreyer'schen Probekandidaten über den Herrgott setzen. Im Gegenteile, dieser Ernst bringe uns, den Leidenden, die innerlichen Wohltaten des Glaubens, des Gottvertrauens, der gegenseitigen Hebung und der stillen, heiligen Fügung in den Ratschluß der ewigen Güte und Barmherzigkeit. Derartige Stücke gibt es zu Hunderten. Sie haben die Wahl! Und die wohltuende, befreiende und läuternde Heiterkeit, die Sie uns bringen, darf sehr wohl über Mannstädt'sche und Weller'sche Possen hinausgreifen. Ihr Repertoir ist reich genug, und selbst wenn es in Deutschland wirklich keinen guten Humoristen gäbe, würde das Ausland uns hunderte von vortrefflichen Stücken eines Molière und vieler Anderer liefern. Und vor allen Dingen, Frau Direktor, Sie selbst stellen das Gehaltvolle gewiß auch über das Gewöhnliche, und es stehen Ihnen Kräfte zur Seite, mit denen Ihnen nicht nur das Leichtere, sondern auch das Schwere möglich ist. Ich weiß, daß es bei Ihnen dieser Anregung gar nicht bedarf, aber der Leidende ist ernst und wählerisch, und ein großer Prozentsatz davon, denen Sie die Pforten Ihrer Kunststätte öffnen, ist nur Gediegenes gewöhnt, und wir möchten gern, daß Ihr Publikum sich um einen festen, treuen, soliden Stamm krystallisiere, auf den Sie für die ganze Spielzeit rechnen können. Sprechen Sie zu uns, wie bereits oben gesagt, aus einer reinen, edlen Welt- und Lebensanschauung heraus; geben Sie uns wahre


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Herzenswärme, wohltuendes Licht und heilenden Sonnenschein; bringen Sie uns anstatt des Zweifels den Glauben, anstatt der düsteren Verneinung die beglückende Bejahung. Zeigen Sie uns nicht die lärmende, kreischende, sinnlose, sondern die wahre, die hohe, die wirkliche Kunst, die mit den einfachsten Mitteln die höchsten Wirkungen erreicht, und Sie werden sehen, daß sich Ihre Plätze füllen, weil Jeder, der da kommt, einen inneren Segen mit nach Hause trägt, für den er Ihnen Dank und Wiederkehr schuldet.


Nachdruck aus: Salzbrunner Zeitung, Nr. 69 vom 15. Juni 1907. Das Original befindet sich in der Biblioteka Uniwersytetu Wroclawskiego, Gabinet Slaski, Sign. 31549. (Ermittlung Wojciech Kunicki, Wroclaw)


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