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Die Lichtenberg-Gesellschaft baut eine Brücke nach Gotha
In diesem Jahr war wieder einmal ein Ortswechsel angesagt: Zur 19. Jahrestagung versammelte sich die mit 60 Personen ungebrochen zahlreiche Teilnehmerschar im Spiegelsaal von Schloß Friedenstein im thüringischen Gotha. Nicht ohne Grund, wie der Vorsitzende Wolfgang Promies schon bei seiner Begrüßung hervorhob: Enge Beziehungen Lichtenbergs bestanden nicht nur zu seinem älteren Bruder Ludwig Christian, dem herzoglich sachsen-gothaischen Assistenzrat und Archivar, sondern auch zum Gelehrtenkreis um Herzog Ernst Ludwig II. Die Reformideen und Interessen dieses Fürsten, eines »Förderers der Wissenschaft und Volksaufklärung« würdigte Otto Weber (Ober-Ramstadt) in seinem Vortrag, wobei er im besonderen auch auf die für die Experimentalphysik unentbehrlichen Instrumentenmacher in Göttingen und Gotha einging. Wie sich dieser Wissenschaftszweig fortentwickelt hat, das zeigten auf anschauliche Weise die von Prof. Dr. Wolfgang Rother (Ilmenau) und seinen Kollegen und Mitarbeitern vorgeführten Experimente zur hochaktuellen Plasmatechnik, als deren Pionier Lichtenberg anzusehen ist, auch wenn ein Durchbruch erst im 19. Jahrhundert mit der Plasmaröhre des Mechanikers Heinrich Geißler gelang. Die in den Vitrinen des Vortragssaales ausgelegten Bücher und Dokumente zur bedeutsamen Astronomie in Gotha erläuterte ausführlich Dr. Oliver Schwarz (Gotha). Diese naturwissenschaftlichen Belehrungen standen im Mittelpunkt des zweiten Tages, vorher und nachher sorgten geisteswissenschaftliche Themen für die gewohnte Dualität. Als »psychologische Leistung« wollte Prof. Dr. Gert Sautermeister (Bremen) den vielbesprochenen Roman »Die kleine Stechardin« von Gert Hofmann verstanden wissen, weil hier die Poesie eine Lücke ausfülle, die Wissenschaft nicht erschließen kann. Die Polemik Lichtenbergs gegen den hannoverschen Leibarzt Johann Georg Zimmermann im Rahmen des zeitgenössischen Physiognomen-Streites rekonstruierte Dr. Ulrich Joost (Ober-Ramstadt) an Hand noch unbekannten Materials. Die im späten 18. Jahrhundert beeindruckenden Phänomene »Wunderkind« und »Wildes Kind« behandelte Prof. Dr. Wolfgang Promies. Die Sonntagsmatinee gestalteten Carolin Krehl und Jakob Weber von der Georg Christoph-Lichtenberg-Oberschule in Berlin-Lichtenberg: Unter der Regie ihrer Direktorin Doris Mnich überzeugten sie in einer mimischen Darstellung der deklamierten Traum-Sequenzen Lichtenbergs.
Als hilfsbereite und aufmerksame Gastgeber begleiteten Dr. Helmut Claus, Direktor der Forschungs- und Landesbibliothek Gotha, und Dr. Uwe Jens Wandel, Direktor des Thüringischen Staatsarchivs Gotha, die Tagung, durch das Schloßmuseum führte dessen Direktor Bernd Schäfer. Die drei Institutionen zeigten ihre Schätze, auch konnten die gleichzeitig eröffneten, von der Bibliothek und dem Kupferstichkabinett ausgerichteten Sonderausstellungen zum Luther-Gedenkjahr besichtigt werden. In der Mitgliederversammlung wurde der bisherige Vorstand bestätigt: Prof. Dr. Wolfgang Promies (Darmstadt) als Vorsitzender, Margot Weyrauch (Hamburg) als Geschäftsführerin und Ulrich Becker (Friedrichsdorf) als Schatzmeister.
Ausgeteilt wurde das »Lichtenberg-Jahrbuch 1996«, 360 Seiten stark und in gewohnter solider Ausstattung. Aufgenommen sind sechs Vorträge, gehalten auf jüngsten Tagungen von Robert Gernhardt, Hans Esselborn, Stefan Goldmann, Wolfram Mauser, Silke Wagner und Horst Zehe. Weitere Aufsätze beschäftigen sich mit einem Mode-Kommentar Lichtenbergs im »Göttingischen Taschenkalender« (Wolfgang Promies), der Uffenbachschen Sammlung wissenschaftlicher Geräte (Dietrich Meyerhöfer) und mit Lichtenbergs Spottgrabschriften (Udo Dickenberger). Sechs kleinere Beiträge, darunter eine Auswahl zeitgenössischer privater Urteile über Lichtenberg, weitere sieben Miszellaneen und elf Buchrezensionen schließen sich an. Die von Bernd Achenbach und Ulrich Joost geführte Bibliographie nennt in einem zweiten Teil der Nachlese zur Jung-Bibliographie (1972) noch unbekannte Ausgaben und Textabdrucke seit 1799.
Vorangegangen war der 12. Brief der »Mitteilungen der Lichtenberg-Gesellschaft« (11 Seiten) mit den Rubriken »Aufgelesenes«, »Im Zeichen Lichten bergs: Nachlese und Vorschau«, »Neue und alte Bücher von und über Lichtenberg« sowie »Nachrichten von unseren Mitgliedern«. Aufgeführt sind auch die (meist noch lieferbaren) Jahresgaben der Gesellschaft.
Peter Neumann
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