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Tagung der Paul-Ernst-Gesellschaft 1996 in Ingolstadt



Vom 28. bis 26. Mai 1996 fand in Ingolstadt die Tagung der Paul-Ernst-Gesellschaft statt. Literaturwissenschaftler und Paul-Ernst-Liebhaber aus Frankreich, Österreich, Kroatien, Slowenien und Deutschland kamen zusammen, um das Werk des heute weitgehend unbekannten Dichters Paul Ernst nicht nur einer breiteren Öffentlichkeit nahezubringen, sondern auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit ihm anzuregen.

   Die Tagung umfaßte neben einem wissenschaftlichen Kolloquium, das vom Geschäftsführer Heinrich Steinmeyer und dem neuen Präsidenten Prof. Dr. Horst Thomé (Universität Stuttgart) konzipiert wurde, die Mitgliederversammlung der Paul-Ernst-Gesellschaft sowie die Eröffnung einer Ausstellung zu Leben und Werk Paul Ernsts, die bis zum 16. Juni 1996 im Stadtmuseum Ingolstadt zu sehen war. Ingolstadt war ausgewählt worden, weil es der Ausrichtung von literarischen Veranstaltungen gegenüber besonders aufgeschlossen ist, ohne daß eine engere Beziehung zu Paul Ernst bestehen müßte. Der Barocksaal im Stadtmuseum auf der Schanz sorgte an den drei Tagungstagen für das richtige Ambiente.

   Den Schwerpunkt bildete in diesem Jahr das wissenschaftliche Kolloquium, das Paul Ernst im Verhältnis zur Literatur und Gesellschaft seiner Zeit vorstellte. Es wurde mit dem Vortrag von Prof. Dr. Viktor Zmegac (Universität Zagreb) zu »Asketen der Gattungstheorie bei Paul Ernst« eröffnet. Prof. Zmegac hob hervor, daß sich Paul Ernst mit seinen Bemühungen um eine spezifisch moderne Tragödie auf der Höhe des konservativen literarischen Diskurses befindet. Nach Lublinski sei das Drama vollkommenster Ausdruck einer Kultur, weshalb Paul Ernsts Beschäftigung mit der tragischen Form über rein gattungstheoretische Fragen hinausweise und den Versuch darstelle, die Kultur selbst zu retten. In diesem Zusammenhang sei seine Entscheidung für die Novelle auch als klassizistisches Votum gegen den modernen Roman zu verstehen.

   Anschließend untersuchte Prof. Dr. Hugo Aust (Universität Köln) in seinem Referat »Paul Ernsts Novellen. Zur Pluralität der Gattung um 1900« das sprachphilosophische Potential von vier Ernstschen Novellen aus der Perspektive Ludwig Wittgensteins. Prof. Aust zeigte, wie Paul Ernst den Wahrheitsgehalt von fiktiven Sätzen erprobt, indem er subtil mit den sprachlichen Formen des Sagens, Meinens und Deutens spielt.

   Prof. Dr. Jörg Schönert (Universität Hamburg) sprach über den Roman »Der schmale Weg zum Glück« und die Tradition des Bildungsromans. Prof. Schönert vertrat die These, daß Paul Ernst seinen Romanfiguren die Selbsterhaltung durch den Rückzug aus den Orientierungskrisen der Moderne in den Schutzraum der Familie ermöglicht. Vergleiche man den Schmalen Weg zum Glück mit Gustav Freytags »Soll und Haben«, der aufgrund der Lesehäufigkeit den bürgerlichen Bildungroman in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts repräsentiere, so könne man konstatieren, daß beide Romane literarische Ausdrucksformen einer Gruppenideologie darstellen. Paul Ernsts Ideologie vom Schutzraum der Familie wäre dann als Abstieg des Bildungsroman-Modells in das kleinbürgerliche Milieu zu werten.

   Prof. Dr. Friedrich Vollhardt (Universität Magdeburg) referierte zu Paul Ernst und Georg Lukács »Heidelberger Ästhetik. Aspekte eines oppositionellen Ästhetizismus«. Grundlage seiner Darstellung war die langjährige enge Zusammenarbeit des Schriftstellers Paul Ernst mit dem Literaturkritiker Georg Lukács. Der tragischen Weltsicht beider Autoren lag die Überzeugung zugrunde, daß der moderne Mensch nur in Extremsituationen die Zerrissenheit der Moderne aufheben und die Einheit des Lebens und der Welt wiederherstellen könne. Georg Lukács behauptete, Paul Ernst habe mit der neuklassischen Tragödie eine literarische Form entwickelt, in der den Zeitgenossen die ideale Lebensform vor Augen geführt werden könne.

   Die mystische Gottesvorstellung Paul Ernsts und seinen religiös bedingten Wechsel zur epischen Gattung behandelte Prof. Dr. Günter Hartung (Universität Halle) in seinem Vortrag über das symbolhaltige Verkündigungsdrama »Kassandra«. Prof. Hartung, der die Stoffgeschichte der Kassandra in einem längeren Exkurs sehr schön darstellte, führte vor, wie Paul Ernst die religiöse Tiefendimension des Stoffs wiedergewinnt, indem er über das Christentum und die rationale Philosophie hinausgehe, ohne sich ganz gegen das Christentum zu wenden. Der Ausblick auf Homers Ilias am Ende des Dramas markiere den Übergang zur eigenen epischen Spätphase.

   Prof. Dr. Horst Thomé sprach über das Thema »Ariadne bei Paul Ernst und Hugo von Hofmannsthal. Konzepte der Metatragik um 1900«. Er führte aus, daß beide Autoren aufgrund der ihnen gemeinsamen wertkonservativen Einstellung vor den Konsequenzen des modernen Menschenbildes und der Rückführung der menschlichen Handlungen auf Triebe zurückschreckten. Die Abwehr der Psychologie des Unbewußten wird jedoch unnötig, sobald die Werte, nach denen ein Dramenheld handeln soll, aus dem Bewußtsein in das Unbewußte verlegt werden. Der Mensch kann auf diese Weise sein Unbewußtes akzeptieren, ohne seine Überzeugung aufzugeben.


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   Frau Prof. Dr. Hildegard Châtellier (Universität Straßburg) untersuchte in ihrem Referat »Paul Ernst und die Sozialwissenschaft« die Frage, ob es eine generationsspezifische Entwicklung gibt von der Unterstützung des historisch-wissenschaftlichen Materialismus hin zur Bejahung eines Deutschen Sozialismus. Sie demonstrierte an den Beispielen Paul Ernst und Werner Somba , wie eine vergleichbare Lebensgeschichte zu ähnlichen, aber nicht identischen Ansichten führen könne. Zwar radikalisierten sich beide Autoren durch die Erfahrung des Ersten Weltkrieges, aber Paul Ernst kehrte sich von der Wissenschaft bzw. wissenschaftlichen Methoden, die seinem Selbstverständnis als Dichter widersprach ab . Er sei daher nicht als Vermittler Sombartscher Ideen anzusehen.

   Angela Rammstedt, M. A. (Universität Bielefeld) stellte anhand der Briefe von Gertrud Simmel die fast vierzigjährige Freundschaft zwischen dem Ehepaar Simmel und Paul Ernst dar, die auch nicht durch die Scheidung Ernsts von seiner zweiten Frau oder den Tod Georg Simmels getrübt werden konnte. Erst der aufkommende Nationalsozialismus verunsicherte Gertrud Simmel in ihrer Haltung zu Paul Ernst, da er ihn ihrer Meinung nach nicht eindeutig genug ablehnte.

   Kurt Ifkovits, M. A. (Universität Wien) referierte über die Verbindung Paul Ernsts zum ästhetizistischen Insel-Kreis und die Anfänge des Insel-Verlages.

   Alle Referenten erklärten sich bereit, ihre Beitrage in der nächsten Nummer des Jahrbuchs »Der Wille zur Form« zu veröffentlichen, die Ende des Jahres erscheinen soll. Interessenten wenden sich bitte an den Verlag Königshausen & Neumann, Postfach 6007, 97010 Würzburg.

   Am Abend des ersten Tages wurde die Paul-Ernst-Ausstellung von Gabriel Engert, Kulturreferent der Stadt Ingolstadt, eröffnet. Die Exponate zu den Lebensstationen und den Schaffensphasen des Dichters stammen allesamt aus den Beständen des Paul-Ernst-Archives Ulm, das Dr. Hildegard Blanke leitet. Die Ausstellung ist vor zwei Jahren als Wanderausstellung konzipiert worden und war bereits in Ulm, Stuttgart und Frankfurt a. M. zu sehen. Für die Ingolstädter Tagung hat Ralf Gnosa, Student der Germanistik, das Konzept weiterentwickelt. In seiner kurzen Einführung wies er darauf hin, daß nur die genaue Kenntnis des Werkes davor bewahren kann, aus dem ultrakonservativen Paul Ernst einen Präfaschisten zu machen. Die Ausstellung verstehe sich deshalb wie das Kolloquium als Beitrag zur historisch fundierten Würdigung des Schriftstellers. Vom 15. Oktober bis zum 15. November 1996 wird die Ausstellung in der Augsburger Universitätsbibliothek gezeigt werden. Interessenten können die Ausstellung über Dr. Hildegard Blanke, Paul-Ernst-Archiv, Memmingerstr. 72/207, 89231 Neu-Ulm anfordern.

   Eine Lesung aus den Werken Paul Ernsts kam dieses Mal nicht zustande, weil gleichzeitig eine Inszenierung der »Ariadne auf Naxos« (1911) vorbereitet wurde, die im Juni in Ulm aufgeführt wurde.

   Die nächste Tagung der Paul-Ernst-Gesellschaft in zwei Jahren wird erweisen, ob das wissenschaftliche Colloquium in Ingolstadt dazu beigetragen hat, mehr Literaturwissenschaftler und -innen für Paul Ernst zu interessieren.

   Die Tatsache, daß auch jüngere Literaturwissenschaftler und -innen anwesend waren, ist Grund zur Hoffnung.

Heide Stieger


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