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Der erste Elk.

Ob ich ihn gekannt habe? Welch eine Frage! Unter seiner Leitung habe ich mein erstes Abenteuer im fernen Westen erlebt, ein Abenteuer, welches — — na, ich will es euch erzählen, obgleich ihr mich dann tüchtig auslachen werdet.

Er hieß eigentlich Fred Cutter, wurde aber wegen seines wackelnden Ganges und weil ihm der Anzug so schlotterig am dürren Leibe hing, stets nur Old Wabble genannt. Er war früher da unten in Texas Cowboy gewesen und hatte sich so in die dortige Kleidung gewöhnt, daß ihn selbst hier oben im Norden niemand dazu bringen konnte, sie abzulegen und mit einer andern zu vertauschen.

Noch sehe ich ihn vor mir stehen, lang und überschmal, die Füße in ganz unbeschreiblichen Schuffles und die Beine in uralten Leggins steckend. Ueber dem Hemde, dessen Farbe ich lieber gar nicht erwähne, hing eine Jacke, deren einziger Vorzug eine allgemeine Offenherzigkeit war. Brust und Hals blieben unbedeckt; dafür aber trug er unter dem zerknüllten

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Hute stets ein um die Stirn gewundenes Tuch, dessen Zipfel auf die Schulter niederhingen, am Gürtel das lange Bowieknife, an den Ohrläppchen schwere Silberringe und in der großen, braunen, knochigen Hand die stets glimmende, unvermeidliche Cigarette — anders hat ihn wohl selten ein Mensch gesehen. Das Kostbarste war sein altes, wetterhartes, faltenreiches und stets glattrasirtes Gesicht mit starken Niggerlippen, langer, spitzer Nase und scharfen grauen Augen, denen, obgleich die Lider stets halb geschlossen waren, nicht so leicht etwas entgehen konnte. Mochte dieses Gesicht ruhen oder in Bewegung sein, es hatte immer und immer den Ausdruck einer Ueberlegenheit, welche absolut durch nichts aus dem Gleichgewicht zu bringen war. Und diese Superiorität bestand zu vollem Recht, denn Old Wabble war trotz seiner Schlotterigkeit nicht nur ein Meister im Reiten, im Gebrauche des Rifle und des Lariat, sondern es entging ihm auch nicht eine der andern Eigenschaften, welche ein richtiger Westmann besitzen muß. „Th’is clear“, das war seine ständige Redensart, welche bewies, daß ihm oft das Schwierigste als leicht und ganz selbstverständlich erschien.

Was mich betrifft, so war ich unten in Odgen an der Bahn so etwas wie Bauschreiber gewesen und hatte da so viel verdient, daß ich mich ausrüsten und meinen ursprünglichen Plan, als Goldgräber nach Idaho zu gehen, ausführen konnte. Ich war ein Greenhorn, ein vollständiger Neuling, und nahm, um die erhofften Reichtümer nicht mit vielen teilen zu müssen, nur einen Begleiter mit, Ben Needler, welcher den wilden Westen ebensowenig kannte wie ich. Als wir in Eagle-Rock den Wagen verließen, waren wir ausstaffirt wie Stutzer und bepackt wie Lastesel, mit lauter schönen, guten und glänzenden Dingen, welche nur leider die Eigenschaft hatten, daß sie nicht zu gebrauchen waren. Und als wir nach einer Woche am Payette-Fork ankamen, sahen wir aus wie echte Vagabunden, waren fast verhungert und hatten unterwegs die überflüssigen Gegenstände unserer Ausrüstung, das will heißen, alles außer den Waffen und der Munition, von uns geworfen. Ich will euch aber aufrichtig gestehen, daß ich für ein gutes Butterbrot auch noch meine ganze Armirung hingegeben hätte, und Ben Needler dachte gewiß ebenso.

Wir saßen an einem Buschrande, hielten unsere wund gelaufenen Füße in das Wasser und sprachen von allerlei Delikatessen, von denen keine Rede gewesen wäre, wenn wir sie gehabt hätten, von Rehkeulen, Büffellenden, Bärentatzen und Elkbraten. Ja, Elks sollte es hier in dieser Gegend geben, fast so schwer wie Bisonstiere. Eben meinte Ben, indem er mit der Zunge schnalzte:

„Good luck! Käme jetzt so ein Kerl in die Nähe, ich knallte ihm mit einer wahren Wollust meine beiden Kugeln zwischen die Hörner, und dann — — —“

„Und dann wäre es aus mit Euch!“ ertönte eine lachende

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Stimme hinter uns aus dem Gebüsch. „Der Elk würde Euch mit dem Gestänge zu Brei verarbeiten. Man schießt so ein Tier nicht zwischen die Hörner. Und Hörner hat es überhaupt nicht. Ihr seid wohl drüben in New-York als Schoolboys aufgeflogen und nun hier aus der Luft gefallen, Mesch’schurs?“

Wir sprangen auf und sahen uns den Sprecher an, welcher sich jetzt aus den Büschen, in denen er uns belauscht hatte, hervorarbeitete. Da stand er vor uns, wie ich ihn euch vorhin beschrieben habe, Old Wabble, mit einem für uns gar nicht ehrenvollen Ausdrucke im Gesichte und einem nachsichtig überlegenen Blicke aus den halb geschlossenen Augen. Das nun folgende Gespräch will ich übergehen. Er examinirte uns wie ein Lehrer seine Buben und forderte uns dann auf, mit ihm zu gehen.

Ungefähr eine Meile vom Flusse entfernt lag auf einer kleinen, rings von Wald umgebenen Prairie eine Blockhütte, welche er seinen Rancho nannte. Hinter derselben gab es einige offene Stables, bei schlechter Witterung für die Pferde, Maultiere und Rinder bestimmt, welche jetzt im Freien weideten. Old Wabble war nämlich aus einem Cowboy ein selbständiger Viehzüchter geworden. Seine Leute bestanden aus Will Litton, dem weißen Aufseher, und einigen Schlangenindianern, welche von ihm als Vaqueros bezeichnet wurden und ihm sehr treu und anhänglich waren. Wir sahen diese Leute beschäftigt, einen leichten Wagen mit einem Zelttuche und andern Gegenständen zu beladen.

„Das ist etwas für euch“, meinte der Alte. „Ihr wollt Elks schießen, und dort trifft man eben die Vorbereitung zu einem Jagdausfluge. Will ’mal sehen, was ihr leistet. Ihr sollt mit. Seid ihr brauchbare Jungens, so könnt ihr bei mir bleiben. Vorher aber kommt ins Haus, denn th’is clear, ein hungriger Schütz schießt in die Luft.

Well, uns mußte das recht sein. Wir aßen und tranken, und dann wurde aufgebrochen, da es Old Wabble nicht einfiel,

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unsertwegen den Ausflug aufzuschieben. Wir bekamen Pferde und ritten also mit, zunächst nach dem Flusse zu, dort gab es eine Furt, welche wir passiren mußten. An der Spitze des Zuges befand sich der Alte, welcher gewollt hatte, daß ich mich an seiner Seite hielt. Er führte ein lediges Maultier neben sich am Halfter. Als wir hinüber waren, sahen wir die anderen uns folgen, nämlich Ben Needler auf einem Braunen und Will Litton auf einem Schimmel; hinter ihnen folgte der mit vier Pferden bespannte Wagen, welchen einer der Indianer lenkte. Dieser hieß Paq-muh, die blutige Hand, sah aber in seinem zivilisirten Anzug gar nicht so blutdürstig aus, wie sein Name klang. Seine Stammesgenossen waren, da der Alte sich auf sie verlassen konnte, auf dem Rancho zurückgeblieben.

Jenseits der Furt ging es eine kurze Strecke durch den lichten Wald und dann in ein grünes, baumloses Thal hinein, welches sich auf eine grasreiche Savanne öffnete. Als wir nach einigen Stunden das jenseitige Ende derselben erreichten, wo das Terrain aufzusteigen begann, hielten wir an, um zu kampiren. Der Wagen wurde abgeladen und das Zelt aufgeschlagen. -

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aufgeschlagen. Während man an der hintern Seite desselben die Tiere anband, wurde vorn ein Feuer angebrannt. Hier wollten wir einen Tag bleiben, um auf Gabelantilopen zu birschen, oder vielleicht gar auf Büffel zu kommen; denn daß hier zuweilen Bisons vorüberkamen, sahen wir an einzelnen umherliegenden Gerippen. Ein in der Sonne gebleichter Schädel lag ganz in der Nähe unsres Zeltes, welches dann unter der Aufsicht der „blutigen Hand“ hier stehen bleiben sollte, während wir Weißen hinauf nach einem Hochmoore wollten, wo es Elks die Menge gab, wie Old Wabble behauptete.

Leider ließ sich weder an diesem noch am nächsten Tage ein jagdbares Tier sehen, was den Alten in großen Grimm versetzte, mir aber nicht unlieb war, da ich in Beziehung auf meine Schießgeschicklichkeit sein scharfes Urteil zu fürchten hatte. Auf dreißig Schritte einen Kirchturm treffen, das getraute ich mir damals ganz gut, aber daß ich ein großes Loch in die Natur schießen würde, falls man von mir verlangte, auf sechzig Schritte eine schnellfüßige Antilope zu erlegen, das war sicher.

Da kam Old Wabble auf die unglückselige Idee, unsere Schießgeschicklichkeit zu prüfen, indem er uns aufforderte, auf einige Aasgeier zu zielen. Diese Vögel hatten sich ungefähr siebenzig Schritte von uns auf einem Büffelgerippe niedergelassen, und ich sollte als der erste meine Kunst zeigen. Nun, ich sage euch, die Geier konnten mit mir zufrieden sein, denn es kam genau so, wie ich gedacht hatte; ich schoß viermal, ohne zu treffen, und es fiel nicht einmal einem der Aasfresser ein, auszureißen. Diese Tiere wissen nämlich ganz genau, daß es keinem vernünftigen Menschen einfällt, auf sie zu schießen; ein Schuß lockt sie vielmehr an, anstatt sie abzuschrecken, da von jedem erlegten Wilde ihnen wenigstens das Gescheide überlassen wird. Ben schoß zweimal fehl; erst seine dritte Kugel tötete einen der Geier und trieb die andern fort.

„Eximious incomparable!“ lachte Old Wabble, indem er seine schlotterigen Glieder wirr durcheinander schüttelte. „Mesch’schurs, th’is clear, ihr seid grad und genau für den wilden Westen geschaffen, habt keine Angst um euch! Ihr seid gemachte Männer, denn alles, was einmal aus euch werden kann, das seid ihr schon jetzt, und höher könnt ihr’s gar nie bringen!“

Ben nahm dieses Urteil ruhig hin; ich aber fuhr zornig auf, was freilich keine andere Wirkung hatte, als daß der Alte mir antwortete:

„Schweigt, Sir! Euer Kamerad hat wenigstens beim drittenmale getroffen; für ihn ist also Hoffnung vorhanden. Ihr aber seid für den Westen ein verlorener Mann; ich kann Euch nicht brauchen, und gebe Euch den einzig guten Rat, Euch baldigst aus dem Staube zu machen.“

Das wurmte mich gewaltig, denn es fällt kein Meister vom Himmel, und das Pulver, welches ich bis damals verschossen hatte, wog gewiß kein ganzes Pfund. Ich nahm mir vor, mir auf jeden Fall die Achtung des Alten zu erzwingen.

Am darauffolgenden Morgen wurde nach dem Hochmoore in den Salmon River-Bergen aufgebrochen. Proviant, Kochgeschirr, Decken und anderes wurde dem Maultiere aufgeladen; der Wagen, welcher im unwegsamen Gebirge nicht gebraucht werden konnte, blieb beim Zelt zurück. Na, ihr kennt das Land, und ich will euch also den Ritt nicht beschreiben; er war oft geradezu lebensgefährlich, besonders an der Stelle, wo der Snakes-Cannon einen scharfen Winkel macht und man steil zur Tiefe muß, um dann jenseits nach dem offenen Wihinashtpfad zu gelangen. Rechts himmelhoher Felsen, links der schwarze Abgrund, und dazwischen der kaum zwei Ellen breite Reitweg; ein wahres Glück, daß unsere Pferde solche Strecken gewöhnt waren und ich nie zum Schwindel geneigt gewesen bin! Wir kamen glücklich hindurch. Bald aber zeigte sich eine neue, andere Gefahr, welche nur ich allein für keine solche hielt.

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Als wir nämlich bald darauf den Wihinashtpfad emporritten, begegnete uns ein Trupp von acht berittenen Indianern, von denen vier mit Häuptlingsfedern geschmückt waren. Sie schienen über unser plötzliches Erscheinen nicht im mindesten zu erschrecken und betrachteten uns im lautlosen Vorüberreiten mit jenem melancholisch-indolenten Ausdrucke, welcher der roten Rasse eigentümlich ist. Einer der vordersten, welcher einen Fahlschimmel ritt, trug einen sonderbaren, lang geformten, mit Federfransen geschmückten Gegenstand im linken Arme. Ich fühlte mich von der schweigsamen, schwermütigen Begegnung mit diesen einstigen Herren dieser Gegend ganz eigenartig berührt. Sie kamen mir gar nicht gefährlich vor, zumal sie keine Kriegsfarben trugen und ganz unbewaffnet zu sein schienen; aber kaum waren wir um die nächste Höhe gebogen und ihnen aus den Augen, so hielt Old Wabble an und sagte, indem er einen grimmigen Blick zurückwarf:

„Damn them! Was wollen diese Schufte hier? Es sind Panashts, welche mit den eigentlichen Schlangenindianern, zu denen meine Vaqueros gehören, in Unfrieden leben. Wohin können sie wollen? Ihr Weg muß sie an meinem Rancho vorüberführen. Welch eine Gefahr, da ich nicht daheim bin!“

„Sie waren ja unbewaffnet!“ warf ich ein.

„Old Wabble blitzte mich aus seinen halb geschlossenen Augen verächtlich an, beehrte mich mit keiner Antwort und fuhr fort:

„Mit unserer Elkjagd ist es aus, wenigstens für heut und morgen. Wir müssen zurück, hinunter zum Zelt und vielleicht gar zum Rancho. Wir müssen ihnen zuvorkommen. Glücklicherweise kenne ich einen Pfad, welcher nicht weit von hier hinabführt, freilich nicht für Reiter, sondern nur für gute Bergsteiger. Vorwärts, Boys! Mein Entschluß ist gefaßt. Wir müssen sie vor unsere Gewehrläufe nehmen; th’is clear!“

Es ging im Galopp weiter, fünf Minuten lang, links in die Felsen hinein; dann gelangten wir in ein kleines Hochthal, dessen Boden aus Moor und Wiese bestand; an den steinigen Rändern wuchsen hohe Schierlingstannen, und ein Wasser rieselte mitten hindurch. Old Wabble sprang vom Pferde und sagte:

„Dort am Ende dieses Thales führt der Weg hinab. Wenn wir uns beeilen, sind wir noch vor den Roten unten beim Zelte. Einer muß hier bei den Tieren bleiben, nämlich derjenige, den wir am leichtesten vermissen können, und das ist natürlich dieser famose Sam, der viermal fehlgeschossen hat; er würde eher uns selbst als einen Roten treffen.“

Na, der „famose Sam“ war natürlich ich, Samuel Parker, vormals Bauschreiber an der Bahn in Ogden City! Ich widersprach ärgerlich, mußte mich aber fügen. Die drei anderen nahmen ihre Waffen und rannten fort, nachdem der Alte mir befohlen hatte, die Tiere gut zu versorgen und das Thal ja nicht zu verlassen, bis er zurückgekehrt sei.

Ich war wütend vor Zorn. Mußte ich mir das gefallen lassen? Diese armen Indianer sollten erschossen werden und hatten doch so ungefährlich ausgesehen! Durfte ich das zugeben? Nein! Sie waren Menschen grad wie wir, und — Rache für die Beleidigung! Ich kannte den wilden Westen nicht und gehorchte meinem Unverstande. Ich band das Maultier und die drei ledigen Pferde an die nächsten Bäume und ritt im Galopp den Weg zurück, den wir gekommen waren. Die mir aufgetragene Pflicht wollte ich erfüllen, vorher aber die Indianer warnen. So schnell wie möglich ging es den Wihinashtpfad hinab und in den Snakes-Cannon hinein. Da sah ich die Roten vor mir; sie hörten mich kommen, blickten zurück und hielten an. Die Schlucht war hier noch breit genug dazu. Ich parirte mein Pferd und fragte, ob einer von ihnen englisch verstehe. Der auf dem Fahlschimmel, welcher den länglichen Gegenstand trug, antwortete:

„Ich bin To-ok-uh, der schnelle Pfeil, ein Häuptling der Panasht-Shoshonen. Mein weißer Bruder ist zurückgekehrt, um mir eine Botschaft des alten Mannes zu bringen, dessen Herden da unten die Schlangenindianer bewachen?“

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„Du kennst ihn also?“ fragte ich. „Er hält euch für Feinde und ist euch zu Fuße voraus, um euch zu töten. Ich bin ein Christ und habe es für meine Pflicht gehalten, euch zu warnen.“

Der Blick seines dunklen Auges bohrte sich förmlich in mein Gesicht, als er sich erkundigte:

„Wo sind eure Tiere?“

„Sie stehen jenseits des Wihinashtpfades in einem grünen Thale.“

„Er sprach eine kurze Weile leise mit den anderen und fragte mich dann, indem sein Gesicht einen freundlichen Ausdruck zeigte:

„Mein weißer Bruder ist erst kurze Zeit in diesem Lande?“

„Seit gestern erst.“

„Was wollen die Bleichgesichter dort oben in den Bergen?“

„Wir wollen den Elk jagen.“

„Ist mein Bruder ein berühmter Jäger?“

„Nein; ich schieße jetzt noch stets daneben.“

Er fragte lächelnd weiter und weiter, bis er alles wußte. Ich mußte ihm sogar meinen Namen nennen, worauf er meinte:

„Samuel Parker ist für einen roten Mann schwer zu merken. Wir werden Dich At-qui, das gute Herz, nennen. Wenn Du länger hier bleibst, wirst Du vorsichtiger werden. Deine Güte konnte euer Verderben sein. Freue Dich, daß wir nicht auf dem Pfade des Krieges wandeln! Siehe, dieses Wampum“ — dabei zeigte er mir den fransengeschmückten langen Gegenstand auf seiner Linken — „enthält eine friedliche Botschaft an die Häuptlinge der Shoshonen. Wir kommen ohne Waffen, um es nach dem Rancho des alten Mannes zu tragen, dessen Indianer es dann weiter bringen sollen. Wir haben also nichts zu fürchten; aber unsere Dankbarkeit ist ebenso groß, als ob Du uns vom Tode errettet hättest. Wenn Du Freunde brauchst, so komm zu uns. At-qui, das gute Herz, wird uns stets willkommen sein. Howgh, ich habe gesprochen.“

Er gab mir die Rechte und ritt dann mit seinen Leuten weiter. Ich rief ihm noch nach, mich dem Alten ja nicht zu verraten, und kehrte dann um, sehr zufrieden mit meinem Erfolge, aber nicht mit der Klugheit, an welcher es mir gänzlich gemangelt hatte. Ich war im Gegenteile höchst unvorsichtig gewesen.

Im Hochthale angekommen, entledigte ich das Maultier seiner Last und band die Pferde los, um sie grasen zu lassen. Die mir dann zu Gebote stehende lange Muße benützte ich zu Schießübungen. Ich hatte ein gefülltes Pulverhorn, und beim Gepäck gab es auch eine ganze Büchse voll. Als mein Horn leer war, konnte ich zu meiner Genugthuung sagen, daß ich einen Kirchturm nun schon auf zweihundert Schritte treffen würde.

Gegen Abend kam Old Wabble mit Ben und Will zurück. Sie waren unten beim Zelte mit den Roten zusammengetroffen und erzählten mir als etwas ganz Neues, daß diese die friedlichsten Absichten gehegt, das Wampum der „blutigen Hand“ zur Weiterbesorgung übergeben und dann sofort den Rückweg wieder angetreten hätten. Ich schwieg natürlich über das, was ich gethan hatte. Wir blieben die Nacht in dem kleinen Thale und ritten dann am Morgen nach dem nicht mehr weit entfernten Hochmoore.

Dieses lag in einem weit größern Thale, als das gestrige gewesen war. In der Mitte desselben lag ein kleiner See mit sumpfigen Ufern; weiterhin gab es Busch und Wald mit trügerischem Boden, und dann folgten die hohen, kahlen, vielfach zerklüfteten und zerbröckelten Felsmassen, welche das Thal einschlossen. Dieses war gewiß zwei Stunden lang und besaß eine eben solche Breite.

Nachdem das Maultier entlastet war, wurde ein Feuer- und Lagerplatz hergerichtet, wo ich zurückbleiben sollte, um auf die Pferde zu achten. Dann gingen die anderen auf die Suche. Bis Mittag, wo ich einige Schüsse hörte, blieb alles still; später kehrte Ben Needler allein zurück. Er hatte zu früh auf

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eine Elkkuh geschossen und war von dem darüber erzürnten Wabble fortgejagt worden. Dieser stellte sich mit Litton erst in der Dämmerung ein, ganz erbost über den Mißerfolg, den es gegeben hatte.

„Fährten gab es genug,“ räsonnirte er, „aber nicht nur von Elks, sondern auch von Roten, welche vor uns hier gewesen sein müssen und das Wild vertrieben haben; th’is clear! Auf eine einzige Kuh stießen wir; da krachte dieser Needler seine beiden Läufe zu zeitig los, und sie ging auf und davon. Das hat man davon, wenn man sich mit Greenhorns einläßt. Ich will aber den Weg nicht umsonst gemacht haben und bleibe also noch einen Tag oder zwei Tage oder überhaupt so lange hier, bis ich einen schweren Alten niedergestreckt habe.“

Er sprach mit uns beiden kein Wort weiter und behielt diese Stimmung auch am nächsten Morgen bei, wo er erklärte, daß er mit Litton allein jagen werde; die beiden Greenhorns sollten im Lager bleiben, damit sie nichts verderben könnten. Nun, er hatte das Recht, zu thun, was ihm beliebte; wir aber nahmen im stillen dasselbe Recht auch für uns in Anspruch. Als die beiden fort waren, führten wir aus, was wir während der Nacht verabredet hatten. Wenn die Elks vertrieben worden waren, so befanden sie sich nicht mehr im Thale, sondern außerhalb desselben. Dort mußte man suchen. Da unsere Birsche bis zum Abende währen konnte, so nahmen wir zum Tragen der uns nötig erscheinenden Gegenstände, vielleicht auch kleinerer Beutestücke, das Maultier mit.

Wir wanderten aus dem Thale hinaus und in ein anderes hinein. Da gab es weder See noch Moor, aber gewiß auch keine Elks, denn es waren auch schon Menschen da, Menschen, die einen Maulesel bei sich hatten. Die Menschen sahen wir zwar nicht, desto deutlicher aber den Maulesel, welcher ohne Zaum und Sattel sich in ziemlicher Entfernung rechts von uns im Grase gütlich that. Wo waren die Menschen? Ich mußte sie finden. Während Ben sich gemächlich hinüber zu dem fremden Maulesel trollte, schritt ich mit unserem Maultiere geradeaus weiter. Der vermeintliche Esel fraß weiter, bis Ben sich ihm auf hundert Schritte genähert hatte; da bekam er ihn in die Nase, hob den Kopf, warf sich blitzschnell herum und floh in weiten Sätzen gerade auf mich zu, wohl aus Sympathie für seinen Verwandten, an dessen Seite ich mich befand. Aber, was war denn das? Das war ja beileibe kein Maulesel; das war ein Wild. So viel sah ich, obgleich ich ein Greenhorn war. Ich kniete schnell hinter meinem Maultiere nieder, legte an, zielte und drückte ab. Die fremde Kreatur that noch zwei, drei Sätze und brach dann zusammen. Ich rannte hin; Ben kam auch; der Schuß war ins Blatt gedrungen, und wir beide wurden darüber einig, daß ich eine „Hirschkuh“ erlegt hatte. Sie wurde auf den Packsattel des Maultieres gebunden, und dann ging es weiter, doch nicht lange, so war das Thal zu Ende. Rechts und links unersteigbare Wände, vor uns eine ziemlich steile Höhe, welche eine Art Sattel zu sein schien, hinter dem ein zweites Thal zu suchen war. Unser Maultier war ein guter Kletterer, also beschlossen wir, geradeaus zu steigen.

Wir gelangten nach einiger Anstrengung hinauf und sahen, daß wir uns nicht geirrt hatten, denn vor uns senkte sich das Terrain wieder tief hinab. Aber dort gab es in der Ferne einen eigentümlichen Lärm, welcher von menschlichen Stimmen hervorgebracht zu werden schien. Wir mußten wissen, woran wir waren, und also nach einem Lugaus suchen. Zu beiden Seiten des schmalen Bergsattels gab es zwar hohe, aber so schräge Steilungen, daß man sie leicht ersteigen konnte. Wir arbeiteten uns also links hinauf, um von dort in das jenseitige Thal hinabzublicken. Unser Maultier ließen wir einstweilen stehen. Oben angekommen, wollte Needler sich weit vorbiegen, um besser sehen zu können; da er aber wegen seines hellern Anzuges leicht bemerkt werden konnte, so schob ich, der ich dunkler gekleidet war, ihn zurück und blickte hinab.

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Was im Vordergrunde des zweiten Thales vorging, konnte ich nicht sehen, da mein Standort dazu nicht hoch genug war; aber im Hintergrunde sah ich sieben indianische Reiter, welche, eine breite Linie bildend und aus vollen Hälsen schreiend, langsam vorwärts rückten. Dieses Geschrei kam also näher und wurde so stark, daß unser unten auf der Höhe stehendes Maultier höchst bedenklich mit den Ohren zu spielen und mit dem Schwanze zu wirbeln begann. Ich schickte darum Ben hinab, um es zu beruhigen.

Da fiel mein Auge auf die andere, jenseits des Sattels ungefähr vierzig Schritte von mir sich erhebende Steilung. Dort saß zu meinem Erstaunen ein Indianer mir gegenüber. Es war To-ok-uh, der schnelle Pfeil, welcher mir bedeutsam zunickte und dann die rechte Hand auf den Mund legte, bei den Indianern das Zeichen des Schweigens. Wie kam er hierher? Warum und worüber sollte ich schweigen? Vorgestern war er unbewaffnet gewesen, und jetzt hatte er ein Gewehr quer über seinen Knieen liegen. Während ich darüber nachdachte, war der Lärm noch näher gekommen; ich hörte unter mir Steine rollen und blickte hinab. Himmel, was für ein Ungeheuer ließ sich da sehen! Unter lautem, zornigem Schnaufen kam es aus dem jenseitigen Thale nach der Höhe des Sattels geklettert. Am Widerrist über zwei Meter hoch, mit kurzem, plumpem Leibe und langen Beinen, breit überhängender Oberlippe und struppigem Kinnbarte tauchte es funkelnden Auges auf der Höhe des Bergsattels auf. Als es dort Ben Needler und das Maultier hart vor sich erblickte, warf es den häßlichen Kopf mit den breiten, gewaltigen Schaufeln nach hinten und brach nach meiner Seite aus. Needler, als er seinerseits diesen Behemoth nur sechs Schritte von sich entfernt wie aus dem Erdboden erscheinen sah, stieß einen Schrei des Entsetzens aus, warf sein Gewehr weg, drehte sich um und rannte, nein, kollerte Hals über Kopf von der Höhe in das diesseitige Thal herab. Das Maultier zeigte nicht mehr Mut als sein Herr; es that einen ebenso schnellen Satz zurück und schoß, glücklicherweise auf allen Vieren, wie ein Schlitten den Bergsattel hinab.

Ich hatte keine Zeit, aufzupassen, ob beide glücklich unten anlangten, denn der Behemoth hatte sich ja nach meiner Seite gewendet und bemerkte nicht, daß der Weg vor ihm frei geworden war. Er kam in weiten, gewaltigen Sätzen herauf, gerade auf mich zu. Ich war nicht weniger entsetzt als Ben Needler; das Gewehr entsank meiner Hand; Flucht, nur Flucht! Ich sprang von Stein zu Stein an der Felsenlehne hin, das Ungetüm mir nach. Da gähnte vor mir in der Steinwand ein großes Loch, und ich kroch hinein, so schnell, wie ich noch nie im Leben in einem Loche verschwunden bin. Die Oeffnung verdunkelte sich, denn das Untier steckte den Kopf herein, so weit ihm dies bei der Breite des Geweihes möglich war. Es schnaufte wie ein Teufel, und ich fühlte seinen heißen Atem im Gesicht. Aber die Angst des gehetzten Geschöpfes war größer noch als sein Zorn; es zog den Kopf zurück und wendete sich zur weiteren Flucht. Dabei bot es dem gegenübersitzenden und kaltblütig darauf wartenden Häuptlinge seine vordere Seite. Er zielte kurz, drückte ab und — der Elk brach im Feuer zusammen.

Im Nu stieg To-ok-uh drüben herab und kam diesseits heraufgesprungen. Während ich sehr vorsichtig den Kopf aus dem Loche steckte, betrachtete er das gewaltige Tier und forderte mich dann lächelnd auf:

„Mein Bruder komme heraus! Dieses Peere ), ist von Deiner Kugel gefallen und also Dein Eigentum.“

„Von meiner Kugel?“ fragte ich erstaunt, indem ich herauskroch.

) Elenn, Elk in der Sprache der Shoshonen.
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„Ja,“ nickte er mir listig zu. „Du bist At-qui, das gute Herz, und hast uns retten wollen; dafür sollst du Ruhm bei den Deinen ernten. Die Krieger der Panashts haben ihr Wampum abgegeben und sind vor euch in das Thal der Elks gekommen, wo sie ihre Waffen verborgen hatten. Ihr werdet dort kein Wild gefunden haben, als nur das junge Kind des Elks, welches ich auf dem Rücken eures Maultieres sah. Du warst so aufrichtig, mir zu sagen, daß Du noch daneben schießest, doch mußt du das verschweigen, denn ich wünsche, daß deine Gefährten Dich achten, wie ich Dich liebe. Ich setzte mich auf den Felsen, um mir dieses selten starke Tier zutreiben zu lassen; da sah ich Dich und beschloß sofort, es Dir zu schenken. Es sei von Deiner Kugel getroffen, damit du Ruhm habest, bis sie wirklich trifft. Dein Bruder hat mich nicht gesehen, und ich gehe, damit er mich nicht noch erblickt. Mein Auge wünscht, Dich wiederzusehen. Ich habe gesprochen. Howgh!“

Er drückte mir die Hand und eilte fort, um im jenseitigen Thale zu verschwinden. Das war die Dankbarkeit eines sogenannten wilden Mannes. Er überließ mir den Ruhm, der ihm gebührte. Sollte ich diese Gabe von mir weisen? Nein; ich war zu schwach, weil zu — jung dazu. Old Wabble hatte mich verhöhnt; gewiß, es war ein Fehler von mir, eine Lüge, mich mit fremden Federn zu schmücken, aber der alte Westmann sollte mich, das Greenhorn, beneiden!

Ich stieg in das diesseitige Thal hinab. Weit, weit entfernt von dem Felsensattel stand Ben Needler mit dem unbeschädigten Maultiere. Ich winkte ihn herbei und führte ihn hinauf, wo der Elk lag. Mein Gewehr hatte ich natürlich wieder aufgenommen; der Indianer war von ihm nicht gesehen worden; es wußte überhaupt niemand, daß ich diesen kannte. Ben mußte also überzeugt sein, daß ich es sei, der das Tier erlegt hatte. Man kann sich sein Erstaunen, seine Verwunderung und — seinen Neid denken!

Er that mir leid. Darum und, wie ich aufrichtig gestehe, zur Erleichterung meines Gewissens, machte ich ihm den Vorschlag, Old Wabble zu sagen, er habe das Schmaltier, das „junge Kind des Elks“, erlegt. Darüber war er so glücklich, daß er mich umarmte. Ich mußte als Wache gegen die Raubtiere bei meiner Beute bleiben; Needler brach mit dem Maultiere nach dem Moore auf, um Old Wabble und Litton zu holen; er brachte sie erst am späten Nachmittage. Die beiden hatten heute nicht das Haar eines Elks gesehen. Der Alte stand verstummt vor meiner Beute. Endlich gestand er, noch selten ein so mächtiges Exemplar gesehen zu haben. Der Neid zuckte durch seine schlotterige Gestalt, daß die Glieder nur so durcheinander „wabbelten“; dann maß er mich mit einem fast drohenden Blicke aus den halbgeschlossenen Augen und sagte:

Well, ich weiß, woran ich bin, Sir. Als Ihr am Tage vor ehegestern viermal die Natur durchlöchertet, habt Ihr Euch mit mir einen Scherz gemacht, th’is clear; aber ich hoffe, daß so etwas nicht wieder geschieht, wenn wir Freunde bleiben wollen!“

Nun, wir sind Freunde geworden und geblieben, und haben selbander manchen guten Schuß gethan. Es war, als habe das Geschenk des Häuptlings mir mit einemmale einen scharfen Blick und eine sichere Hand gebracht. Gleich von jenem Tage an sind meine Kugeln so glücklich geflogen, daß es dem Alten niemals in den Sinn gekommen ist, daß ich mit jenem Elk geflunkert haben könne. Mit dem „schnellen Pfeil“ bin ich noch oft zusammengetroffen und werde von den Seinen noch heut At-qui, das gute Herz, genannt. Er hat das Geheimnis treu bewahrt, und heut ist es das erstemal, daß es verraten wird. Ja, Mesch’schurs, ich gestehe es in aller Jägerreue, daß mein erster Elk gar nicht mein erster, aber auch noch lange nicht mein letzter Elk gewesen ist. Ich habe gesprochen. Howgh!