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(1)

Humoresken und Erzählungen

   

Zierstück-1
H. G. Münchmeyer, G. m. b. H., Niedersedlitz-Dresden.
(2)
Zierstück-2a

Uebersetzungsrecht vorbehalten.— Nachdruck verboten.

Zierstück-2b

Druck von H. G. Münchmeyer, G. m. b. H. Niedersedlitz-Dresden.

(3)

Inhalt.

Linie-3
Fleuron-3
(5)

I. Auf den Nußbäumen.

Fleuron-5
(7)
Vignette-7

I.

Initial-F

Franz!

Keine Antwort ließ sich auf den lauten Ruf vernehmen.

„Franz Schmerl!“ wiederholte mit zorniger Baßstimme der ehrsame Schützenhauptmann und Bäckermeister Passelmüller.

„Franziskus Bonifazius Schmerl — Teufelsjunge — hörst Du’s denn oder hörst Du’s nicht?“

Der Gerufene war ganz gewiß nicht hier im Hofe, sonst hätte er geantwortet, denn wenn der Meister sich dieses vollständigen Namens bediente, so stand das Barometer allemal auf Gewitter.

„Wo der Tausendgalee nur wieder ’mal steckt? Und der Esel ist auch fort aus dem Stalle. Ganz sicher ist da wieder irgend eine Dummheit im Gange, denn seit der Junge im Hause ist, kommt man aus dem Ärger und — dem Lachen gar nicht heraus!“

Mit seinem Kleiderpack auf dem Arme trat er aus dem Hofe in den Hausflur und öffnete die Thür zur Wohnstube, aus welcher ihm schallendes Gelächter entgegentönte.

„Habt Ihr den Franz nicht gesehen?“ fragte er.

„Den Franz?“ antwortete die Meisterin, welche mit dem Dienstmädchen und den beiden Gesellen an dem Fenster stand. „Da komm’ her, wenn Du ihn sehen willst!“

Er trat zu ihnen, und kaum hatte er einen Blick über den kleinen Vorgarten hinaus auf die Straße geworfen, so konnte er nicht anders, als mit kräftigem Lachen in die Heiterkeit der übrigen mit einstimmen.

Draußen stand in zwei langen Gliedern eine Kompagnie Jungens, die mit den abenteuerlichsten Waffen versehen waren, und vor der Front hielt Franziskus Bonifazius Schmerl, der Bäckerlehrling. Er saß verkehrt auf dem Esel, so daß dessen hintere Ansicht den hoffnungsvollen Sprößlingen der Lichtenhausener Bürger zugekehrt war, hielt in der Linken den Schwanz des geduldigen Tieres als Zügel und handhabte mit der Rechten an Stelle des Säbels eine alte, halbinvalde Fliegenklatsche. Der Kopf war anstatt der Pickelhaube mit einem kupfernen Henkeltopfe bedeckt, der Leib stak in einem abgesetzten Schnürleibe der dicken Frau Meisterin, zwei gelbe Semmelzeilen vertraten die Stelle der Epauletten und ein gewaltiger Schnurrwichs von Strickgarn hing ihm von der Nase herab.

„G’wehr — — auffff!“ kommandierte er.

Illustration 1
Schmerls Esel wurde durch das Feuer der Schützen aus seiner ergebungsvollen Ruhe aufgestört. (S. 9.)

„Heda, Franz,“ erscholl da die Stimme des Meisters; „willst Du wohl gleich ’reinkommen mit dem Esel und mir meine Uniform ausputzen!“

Der Gerufene warf einen martialischen Blick nach dem Fenster und wandte sich dann einem der Kameraden zu:

„Leutnant Wolf, marschiere Er doch ’mal hin zum Meister Passelmüller und frage Er, ob der Esel auch mit ausputzen soll!“

Der Leutnant folgte etwas zögernd dem Befehle, und Schmerl kommandierte weiter:

„Le—e—egt — — annn!“

Mit einem raschen Rucke fuhren die kriegerischen Schützen mit den Waffen an die Backe.

„Ffffeuerrr!!!“

„Puffff!“ ertönte es aus vierzig Kehlen.

Der Esel wurde durch diesen unvermuteten Lärm aus seiner ergebungsvollen Ruhe aufgestört; ein gefährliches Attentat auf seine höchst exponierte Stellung vermutend, beschloß er, zur schleunigen Verteidigung zu schreiten, klappte die Ohren zurück, fuhr mit dem Kopfe zwischen die Vorderbeine und schnellte die Hinterhufe hoch in die Luft empor. In Folge dieses unvorhergesehenen Ereignisses verlor zuerst der kupferne Helm die Contenance und retirierte sich nach unten; dem Reiter war in der Überraschung über das jugendliche Benehmen des alten Graupelzes der Schwanz seiner Rosinante abhanden gekommen, und da er desselben trotz sofortigen Vigilierens nicht wieder habhaft

werden konnte, so verlor auch er das Gleichgewicht, schlug einen Purzelbaum und kam mit so kunstgerechter Genauigkeit auf den untenstehenden Henkeltopf zu sitzen, als habe er sich auf dieses Zirkusstück vorher erst ganz besonders eingeübt. Doch schien diese intime Berührung keineswegs wohlthuende Gefühle in seinem Busen zu erwecken, wie der höchst unglückselige Ausdruck seines Gesichtes bewies, und als es ihm nach mehreren vergeblichen Versuchen endlich gelang, sich zu erheben, bot er mit seiner schmerzhaft zusammengeknickten Gestalt unter Beihülfe des Schnürleibpanzers, der immer noch festgehaltenen Fliegenklatsche und des vollständig verschobenen Schnurrbartes einen so tragikomischen Anblick, daß sämtliche Zeugen seiner Thronentsagung in ein dröhnendes Gelächter ausbrachen. Selbst der Esel fiel mit unbeschreiblichen Lauten in diesen öffentlichen Beifall ein, nahm aber für diese eigenmächtige Anerkennung von dem also gefeierten Künstler eine so vielsagende Ohrfeige in Empfang, daß ihm die Wiederholung seines Dacaporufes sofort in der begeisterten Kehle stecken blieb.

„Was?“ donnerte der Kavallerist zu Fuße in die beleidigende Lustigkeit seiner Truppen hinein, „Euern eigenen Hauptmann wollt Ihr auslachen? Wart’, ich werde — — — halt,“ unterbrach er sich, „dort kommt der Julius! Hurrah, der Julius!“ Aller Ärger, aller Schmerz war verschwunden und mit jubelndem Rufe sprang er die Straße entlang einem jungen Manne entgegen, welcher dieselbe herabgeschritten kam.

„Franz, Herzensjunge, Du bist doch immer der erste, welcher mich begrüßt. Komm’ her!“ Er hob ihn zu sich empor und küßte ihn herzhaft auf den Mund.

„Aber, was soll denn die Maskerade bedeuten? Hast gewiß wieder einmal den Hanswurst losgelassen!“

„Freilich! Morgen ist doch Vogelschießen, und da habe ich meine Kommunalgarde einexerciert. Aber komm’ nur; wir warten schon den ganzen Tag auf Dich!“

Ihn bei der Hand erfassend, zog er ihn mit sich fort. Die helle Freude lachte aus seinem Gesichte, und bei dem Bäckerhause angekommen, hatte er für seine Kameraden nicht die geringste Aufmerksamkeit mehr übrig, sondern schob den Gast durch das Gitterthor des Vorgärtchens und eilte, den Esel am Zaume nehmend, hinter ihm her. — —

Von einem Fenster des ersten Stockwerkes aus hatten zwei Frauen dem Exerzitium der jugendlichen

„Löffelgarde“ zugesehen und auch den Ankömmling bemerkt. Die eine war eine ältliche, hagere Dame, deren scharfe, strenge Züge sich bei seinem Anblicke zusehends verfinsterten. Die andere, ein junges Mädchen von in die Augen fallender Anmut und Lieblichkeit, trat hoch errötend und mit freudiger Überraschung in dem schönen Angesichte einen Schritt vom Fenster zurück, um der Mutter nicht den

Eindruck bemerken zu lassen, welchen sein Erscheinen auf sie hervorgebracht hatte. Dieser aber war die freudige Erregung der Tochter nicht entgangen, und mit streng verweisendem Tone sagte sie:

„Bist wohl ganz glücklich, daß sich der Mensch wieder sehen läßt? Bilde Dir nur nicht etwa ein, daß ich einen Verkehr zwischen Euch leide. Hier bin ich Herr im Hause, und der Teigkneter soll sich nicht wieder unterstehen, mit meiner Tochter zu scharmuzieren! Wenn Ihr etwa glaubt, daß ich so viel Mühe, Zeit und Geld auf Deine Erziehung verwendet habe, damit Du Rosinen lesen und Backschüsseln abstäuben sollst, so irrt Ihr Euch beide ganz gewaltig.“

Marie senkte schweigend das Köpfchen; eine Erwiderung durfte sie bei dem Charakter der Mutter nicht wagen. Diese fuhr nach einer kurzen Pause fort:

„Was ich für Absichten mit Dir habe, das weißt Du. Der Herr Schuldirektor Pappermann in Grünewalde ist ein reputierlicher Mann, hat die hohe Schule besucht und kann seiner Frau eine sichere und geachtete Stellung bieten. Er ist Vorsteher bei den Turnern, die mit zum Vogelschießen eingeladen sind und wird morgen Quartier bei uns bekommen. Da wird alles in Richtigkeit gebracht, und Du magst nur dafür sorgen, daß ich mit Dir zufrieden bin!“

„Der? Die alte, vierzigjährige, spindeldürre Latte?“ platzte Marie heraus.

„Latte? Der Herr Schuldirektor? Höre Mädchen, laß mich so ein Wort nicht noch einmal hören! Hier bin ich Herr im Hause, und was ich befehle, das geschieht! Seine Schwester ist meine beste Freundin schon aus langen Zeiten her, und Du kannst es Dir zur Ehre schätzen, eine solche Schwägerin zu bekommen!“

„Schon aus langen Zeiten her! Und der Direktor ist noch acht Jahre älter als sie! Mama, soll ich denn schon jetzt ins alte Register gerechnet werden?“

„Eben Deiner Jugend und Unerfahrenheit wegen siehst Du jetzt noch nicht ein, wie gut ich es mit Dir meine; aber die Einsicht kommt schon noch, und dann wirst Du mir’s großen Dank wissen, daß ich so gut für Dich gesorgt habe. Herr Pappermann ist nicht nur ein erfahrener sondern auch ein sehr gemütvoller Mann und versteht es, eine Frau glücklich zu machen. Keiner kann meinen lieben Schiller so hinreißend deklamieren; Du hättest nur dabei sein sollen, als er bei meinem letzten Besuche das „Lied von der Glocke“ vorlas, dieses Gefühl, dieser Ausdruck, diese Begeisterung, diese Gestikulation!“

Die gute Frau schwärmte nämlich für Schiller, aber ohne den großen Dichter auch nur im geringsten zu verstehen, und der Herr Direktor hatte diese ihre Schwäche benutzt, sich in ihrem Wohlwollen festzusetzen. Bei der Erinnerung an die ausgezeichnete Vorlesung trat sie in die Mitte des Zimmers, warf die beiden Arme wegweiserartig in die Luft und säuselte mit dem mildesten Tone ihrer harten, klanglosen und unbiegsamen Stimme:

„O zarte Sehnsucht, süßes Hoffen, Der ersten Liebe goldne Zeit.

Das Auge sieht — — —“

Hier wurde sie unterbrochen; die Thür öffnete sich und ein rundes, gutmütiges Gesicht blickte durch die entstandene Spalte.

„Darf ich herein, Milchen?“

Sie drehte sich um, zornig über die unwillkommene Unterbrechung ihrer künstlerischen Produktion.

„Was giebt’s denn, Reichmann?“ Sie hatte die Gewohnheit, ihren Gemahl nicht anders als bei seinem Familiennamen zu rufen.

„Ja, was ich Dir sagen wollte, Milchen: da ist morgen Vogelschießen, und mein Freund, der Stadtrat Korndörfer in Grünewalde, welcher zugleich Adjutant bei der dortigen Schützenkompagnie ist — —“

„Hat ein Auge auf unsre Marie geworfen,“ fiel sie ihm spitz in die Rede, „und möchte sich morgen als Einquartierung in unsre Wohnung legen. Nicht wahr, ich hab’s erraten? Aber daraus wird nichts, rein gar nichts. Hier bin ich Herr im Hause, und kein anderer soll zu uns kommen, als der Herr Schuldirektor Pappermann! Glaubst Du etwa, daß ich mein Mädchen erzogen habe für so einen dicken Schmerbauch wie Du, der auch grad so wie Du dem lieben Gott die Zeit damit abstiehlt, daß er Borsdorfer Äpfeln auf alte Weiden pfropft? Das wäre mir einer!“

Reichmann stand mit offenem Munde an der Thür. Er hielt in der Hand ein Körbchen voller goldgelber Birnen, welche er soeben im Garten aufgelesen hatte. Er war nämlich ein passionierter Obstbaumzüchter und hatte sowohl das kleine Vorgärtchen als auch den hinter dem Hause gelegenen großen Obstgarten des Bäckers gepachtet, um seiner unschuldigen Liebhaberei Genüge thun zu können. Dabei

aber hatte er sich die Feindschaft zweier Personen zugezogen, die ihm viel zu schaffen machten, nämlich des Lehrjungen Franz Schmerl — der den Wohlgeschmack einer guten Birne sehr zu schätzen wußte, und infolge der fühlbaren Zurechtweisungen, welche ihm seine heimlichen Streifzüge eingebracht hatten, nicht gut auf ihn zu sprechen war — und seiner eigenen Frau Gemahlin, hier aber bloß deshalb, weil sie überhaupt einen prinzipiellen Widerwillen gegen alles hegte, was ihrem Manne irgend eine Art von Vergnügen oder Unterhaltung bereitete.

Sie war eine vermögende Jungfrau in reiferen Jahren gewesen und hatte den armen Reichmann mit ihrer Hand beglückt, weil andre auf dieses Glück Glück Verzicht leisteten; aber vom ersten Augenblicke ihres Zusammenlebens an war sie stets „Herr im Hause“ gewesen und der Herr Partikulier hatte stets nach ihrer Pfeife tanzen müssen.

„Ein Auge auf unsre Marie? Wer hat Dir das denn eigentlich schon wieder gesagt? Das weiß doch der liebe Gott, daß ich vor Euch Weibsen kein Geheimnis behalten kann. Alles müßt Ihr ausgattern und — —“

„Ich will Dich schon begattern!“ unterbrach sie ihn. „Glaubst Du etwa, ich lege mich aufs Spionieren und Horchen? Da irrst Du Dich! Ich bin hier Herr im Hause, und ich bin schon gescheidt genug, Eure Gedanken zu erraten. Der Korndörfer bekommt das Mädchen nicht, und wenn er zehnmal Adjutant oder Adjuvant oder Elefant ist, und in meine Stube

soll er auch nicht treten; ich brauche den Platz für andre Leute!“

„Aber, Milchen, ich habe ihn ja doch schon eingeladen und darf als Ehrenmann mein Wort nicht zurücknehmen! Er ist ein ganz gewaltiger Obstkenner und Pomolog, und nach dem großen Liegel, welcher Apotheker in Braunau war und die schönen Aufsätze für die „Frauendorfer Blätter“ geschrieben hat, giebt es — —“

„Komme mir nur nicht schon wieder mit Deinem „großen Liegel“, den Du aller Augenblicke im Munde führst, und was den dicken Stadtrat betrifft, so mache mit ihm was Du willst; stecke ihn meinetwegen in den Holzschuppen oder in den Taubenschlag, aber bringe ihn mir nicht in die Stube! Ich mag ihn einmal nicht leiden. Der Herr Schuldirektor Pappermann würde es sehr übel vernehmen, wenn ich seinen Feind bei mir aufnähme.“

„Was? Den Pappermann, die Zaunlatte, den Katzenbuckler, den Schillerverdreher willst Du — — —“

„Wie heißest Du den Herrn Direktor? Zaunlatte? Katzenbuckler? Schillerverdreher? Geht die „Zaunlatte“ etwa auf mich, weil ich kein solcher Fleischklumpen bin wie Du? Und wen meinst Du denn eigentlich mit der

„Katze“, he? Du denkst wohl, ich habe Dich geheiratet, um mir Anzüglichkeiten sagen zu lassen? Hier bin ich Herr im Hause, und wer nicht will wie ich, der hat’s mit mir zu thun!“

Sie hatte ihn im Eifer des Raisonnements beim Arme erfaßt. Bei den letzten Worten schüttelte sie

ihn zornig, sodaß er das Körbchen fallen ließ. Die Birnen kugelten über die Diele hin und —

„Ssssssumssssumsssum“ brummte es durch das Zimmer. Die Früchte waren im Zickzack zerschnitten, ausgehöhlt und wieder zusammengesetzt worden, und in einer jeden hatte sich eine Hummel befunden, welche durch das Auseinanderfallen der Früchte aus ihrem Gefängnisse befreit wurde.

Zornig und aufgeregt über den ihnen widerfahrenen Zwang schossen die wütenden Insekten in der Stube umher und fielen den drei darin befindlichen Personen ins Gesicht. Marie retirierte sich so schnell wie möglich in das Nebenzimmer, ihre Mutter lief, von dem unvermuteten Angriffe ganz aus der Fassung gebracht, erst kreischend und schreiend hin und her und kauerte sich dann, eine schnell erfaßte Serviette über den Kopf nehmend, hinter dem Sofa nieder; Reichmann dagegen ergriff mit Eifer die Gelegenheit, einmal Mut zu zeigen und seinem „Herrn im Hause“ zu imponieren. Er schlug, hieb und stieß mit wahrer Todesverachtung nach den Tieren, die sich nun auf ihn warfen, hüpfte, sprang und rannte trotz seiner Beleibtheit wie besessen im Zimmer herum, riß die Moderateurlampe von der Kommode, den Drehspiegel vom Nähtische und die Stutzuhr vom Sekretär, konnte sich aber trotz dieser schweren Opfer der gefährlichen Stacheln so wenig erwehren, daß er endlich die Thür aufriß, um das Schlachtfeld zu räumen.

Draußen stolperte er über den Franziskus Bonifazius -

Bonifazius Schmerl weg, welcher mit dem Ohre an der Thüre lehnte, um mit großem Gaudium das Unheil zu belauschen, welches er angerichtet hatte.

Den Zusammenhang sofort ahnend, hatte er den Jungen rasch beim Ohre, um ihn von dem Dasein einer strafenden Gerechtigkeit zu überzeugen. Schmerl wehrte sich gegen die ihm zugedachten schlagenden Gründe nach besten Kräften; beide zogen und schoben sich hin und her, kamen dabei der Treppe immer näher, und eben ließ Reichmann den Hummelfänger auf einen Augenblick los, um ihm mit größerer Sicherheit eine jener Feigen zu versetzen, welche hinter dem Ohre am besten kleben bleiben, als er den festen Grund und Boden verlor und auf allen Vieren verkehrt die Stufen hinunter rumorte.

„Jemine, Herr Reichmann, Sie fahren heut ja fünfter Klasse!“ rief ihm Schmerl noch nach, und dann war er in der oben liegenden Mehlkammer verschwunden.

2.

Es war am Abende desselben Tages. Der Herr Partikulier Reichmann saß auf seinem Sofa und hielt mit beiden Händen den dicken Backen, welcher ihm von einem Hummelstiche angeschwollen war, und sein Spezial, der Lehrjunge Schmerl, saß unten im Hofe auf dem Hackeklotz und hielt mit beiden Händen die Magengegend, sintemalen es ihm grad an diesem Punkte seines Körpers ganz trübselig zu Muthe war,

da ihn der Meister zur Strafe für seinen Streich vom Abendessen dispensiert hatte.

„Es giebt keinen leeren Raum in der Welt“, heißt ein physikalischer Lehrsatz; unser Franziskus Bonifazius aber hätte recht wohl beweisen können, daß es mit der Wahrheit dieses Satzes nicht mit dem besten stehe, denn sein Magen war leer, vollständig leer, und der lag ja doch nicht sechzig Meilen außerhalb der Welt. Und dazu fiel draußen im Garten eine reife Rettigsbirne nach der andern herab auf den glattgeschorenen Rasen; man konnte es ganz deutlich hören, und — so etwas hören und nicht zugreifen dürfen, das war doch noch viel schlimmer als der dumme Lehrsatz!

Hülfe gab es hier nicht, denn der einzige, von dem sie zu erwarten gewesen wäre, Julius, hatte ihm auch seinen Streich verwiesen und dem Vater vollständig recht gegeben; so galt es also, zu hungern, oder — na die Rettigsbirnen, die brachten ihm ja schließlich doch auch wieder eine Tracht Prügel und neues Hungern ein! So einem Lehrjungen geht es doch immer zum Verzweifeln schlecht; auf ihn hackt alles hinein, und wenn er einmal aus Jugendlust oder reinem Lebensüberdruß einen kleinen Jux macht, so gerbt man ihm das Fell, daß die Schwarte raucht.

Und daß er hat Lehrjunge werden müssen, wer anders ist denn daran Schuld als nur der Filz, der Pappermann in Grünewalde, der eigentlich sein Onkel ist und für ihn sorgen könnte! Aber der hat sich nach dem Tode seines armen Bruders um die Wittwe

und Kinder desselben nicht bekümmert, und als die erstere einige Jahre darauf aus übergroßer Anstrengung auch gestorben ist, sind die letzteren in das Gemeindehaus gekommen und werden außer dem Franz, der der älteste ist, noch heut’ von Kommun wegen erzogen. Und dabei thut der Pappermann so fromm und barmherzig wie ein mongolischer Heiliger und lehrt in der Schule von der Nächstenliebe und einem halben Schocke anderer guter Tugenden, die er alle zusammen mit dem Löffel gegessen hat. O, wenn man doch dem einmal so einen rechten Streich spielen könnte; daß müßte einer werden, der sich gewaschen hat! Aber er wohnt in Grünewalde, und dahin kommt doch der Franz nicht.

Da öffnete sich leise die Hofthür, und vorsichtige Schritte nahten sich dem in trüben Gedanken versunkenen Jungen.

Es war Marie. Als sie den Sitzenden erblickte, blieb sie stehen.

„Franz, bist Du’s?“

„Ja.“

„Was machst Du denn hier haußen?“

„Die essen drin, und da bin ich ausgerissen.“

„Ausgerissen? Warum denn?“

„Es giebt geschmorte Kartoffeln, mein Leibessen, und das kann ich nicht erriechen; drum habe ich mich aus dem Staube gemacht.“

„Wunderbarer Kerl Du! Ist Julius drin?“

„Freilich! Wenn’s geschmorte Kartoffeln giebt,

fehlt keins, kein einziges!“ rief grimmig der hungrige Spaßvogel.

„Wird er vielleicht einmal herauskommen?“

„Soll ich es ihm sagen?“

„Wenn Du willst, Franz; aber es darf es niemand hören! Verstehst Du?“

„Schon gut! Die hören heut’ alle zusammen nichts. Bei mir knarrt es doch laut genug, aber die haben keine Ohren!“

„Was hast Du denn?“

„Einen Magen hab’ ich, und was für einen!“

So, jetzt war’s heraus, jetzt Luft gemacht, und ohne eine Antwort abzuwarten, stand er auf und ging in die Stube. Dort war man grad am Abräumen, und Julius stand im Begriffe, das Zimmer zu verlassen. Schnell war Franz hinter ihm her und richtete draußen im Flur die ihm aufgetragene Botschaft aus.

„Wo ist sie?“ fragte voll Freude der junge Mann.

„Doch am Ende im Garten, denn im Hofe ist’s nicht ganz sicher.“

„Das ist wahr; ich werde sie also im Garten aufsuchen. Wenn wir nur nicht etwa überrascht werden!“

„Da laß’ nur mich sorgen; ich werde Wache stehen!“

„Das wird wohl auch nicht viel helfen.“

„Oho! Wenn Ihr miteinander in die Laube geht, so stehe ich dafür, daß Ihr nicht erwischt werdet, so lange ich da bin.“

„Dumm bist Du nicht; das ist wahr. Also paß gut auf, und wenn Du etwas Verdächtiges bemerkst, so kommst Du gleich und sagst’s mir!“

Er ging; Franz ließ ihn im Dunkel der Nacht vollständig verschwinden, ehe er vor sich hinbrummte:

„Das wär’ ’ne schöne Dummheit, hinlaufen und sagen! Da kommen sie ganz einfach nachgelaufen und nehmen das ganze Nest aus. Der Julius versteht doch gar nichts vom auf die Heirat gehen; da fange ich’s ’mal gescheiter an! Na, ich will aufpassen! Zu thun habe ich ja nichts, und wenn’s auch ’was Notwendiges gäbe, ich machte doch nicht mit, denn wer nichts Geschmortes bekommt, der braucht auch nicht zu arbeiten; das ist so meine Meinung, und da wird mir jeder verständige Lehrjunge recht geben!“

Leise schlich er sich hinauf in sein kleines Bodenkämmerchen und kam bald darauf mit einer Schachtel zurück, mit welcher er seine frühere Position auf dem Klotze wieder einnahm, nur mit dem Unterschiede, daß er denselben zuvor in eine Ecke rollte, in welcher man nur bei wirklichem Suchen bemerkt werden konnte.

Während dessen saßen Reichmanns bei einander und fingen Grillen. Der dicke Partikulier konnte wegen seines geschwollenen Backens nicht gut reden, und seine dünne Frau Gemahlin konnte vollends gar nicht reden, und zwar sehr einfach aus dem Grunde, weil sie nicht wollte; so herrschte eine lautlose Stille in dem Zimmer, die nicht einmal von dem Ticktack der Uhr unterbrochen wurde, weil die letztere bei dem Hummelkriege invalid geworden war.

Da endlich konnte der gutmütige Reichmann das peinliche Schweigen nicht länger aushalten. Er zog, um die dicken Lippen auseinander zu bringen, eine Grimasse, als hätte er soeben ein halbes Dutzend Igel mit Haut und Haar und Stacheln verschluckt, preßte die Kniee zusammen und die Hände an die Halsbinde, und brachte in Folge dieser Anstrengung den Namen seiner Geliebten hervor:

„Milchen.“

Die Angeredete strickte, ohne eine Miene zu verändern, ruhig weiter.

„Mi—Mi—Milchen.“ Keine Antwort.

„Mi—Mi—Milchen! So hö—hö—höre doch!“

„Wo ist Marie?“ fragte sie kurz.

„Ma—Ma—Marie?“ fragte er und sah sich in der Stube um. „Wo i—i—ist sie denn?“ Keine Antwort auf diese allerdings befremdende Frage.

Wieder entstand eine Pause, die nicht eher unterbrochen wurde, als bis Reichmann eine zweite und wo möglich noch schauderhaftere Grimasse zog.

„Milchen! Mi—Mi—Milchen!“

„Sei ruhig!“ herrschte sie ihn an. „Du ziehst ja ein Gesicht wie ein breitgequetschter Cylinderhut! Was bist Du so dumm und schlägst Dich mit dem giftigen Viehzeuge herum. Es ist Dir schon recht geschehen; Hochmut kommt vor dem Fall. Und jetzt lässest Du das Mädchen fortlaufen, und wenn es zum Treffen kommt, so steckt sie mit dem Teigkneter in irgend

einem Winkel und treibt Allotria. Aber ich werde ihr den Text lesen!“ Damit erhob sie sich und legte den Strickstrumpf auf den Tisch. „Hier bin ich Herr im Hause, und ich leide nicht, daß hinter meinem Rücken Dinge vorgenommen werden, die ich nicht zugeben kann!“

Sie schritt zur Thür. Reichmann hätte um des lieben Friedens willen sie gern zurückgehalten, aber es gelang ihm nicht.

„Mi—Milchen, so hö—hö—höre doch! — Weg ist sie, fo—fo—fort! Ach Gott, ist da—da—das eine Not! Ich möchte nur wi—wi—wissen, ob der gelehrte Liegel, der in Braunau Apothe—the—theker gewesen ist, auch eine solche Frau gehabt hat, die — — Was ist de—de—denn wieder los!“ unterbrach er sich, als sich jetzt an der Hofthür ein markerschütterndes Kreischen hören ließ, und seine Frau die Treppe mehr heraufgestürzt als gegangen kam.

„Mi—Mi—Milchen,“ empfing er sie unter der Thür, indem er trotz des dadurch verursachten Schmerzes den geschwollenen Mund vor Erwartung so weit wie möglich auseinander riß; „was gi—gi—giebt es denn?“

„Der ganze Hof ist voll Hummeln, sodaß kein Mensch durch kann, und ich wette meinen Kopf, das Mädchen sitzt im Garten und meint es mit dem Passelmüller gut!“

„Der ganze Hof?“ fragte er erstaunt. „Voll Hu—Hu—Hummeln? Jetzt, mi—mi—mitten in der Nacht? Du bist ni—ni—nicht gescheit!“

„Was? Nicht gescheit?“ rief sie, im höchsten

Grade erzürnt über diese Injurie. „Willst Du gleich auf der Stelle hinuntergehen und das Mädchen holen?!“

„Ich? In dieser Fi—Fi—Finsternis? Und bei den vi—vi—vielen Hummeln? Fällt mir gar nicht ein!“

„Was sagst Du? Es fällt Dir gar nicht ein, sagst Du? Das ist auch gar nicht notwendig! Du sollst Dir auch gar nichts einfallen lassen, denn hier bin ich Herr im Hause, und Du, Du gehst hinunter, und zwar auf der Stelle! Hast Du’s gehört?“

„Ja, mein gu—gu—gutes Milchen, ich ge—ge—gehe schon!“

Mit gewohntem Gehorsam folgte er dem Befehle und ging nach un­ten. — — —

Franziskus Bonifazius Schmerl hatte sich in seine Ecke gesetzt und die Schachtel mit liebendem Arme umfaßt. Es mußte etwas Lebendiges drin sein, denn in ihrem Innern wabbelte und krabbelte es mit ganz eigentümlichen und klebrig knisternden Tönen herum, und der Lehrjunge hielt mit großer Vorsicht den Deckel geschlossen.

„’s war doch gut,“ meinte er leise, „daß ich heut’ das Hummelnest gefunden habe; die Dinger sind zu gebrauchen. Wenn die Bohnenstange etwa herunterkommt so werde ich ihr so rasch wieder hinaufhelfen, daß es eine Lust sein wird. Ich könnte mich eigentlich schon darauf freuen, wenn mich die Geschmorten nicht so gewaltig wurmten!“

Es dauerte nicht lange, so vernahm er Schritte, welche die Treppe herab kamen. Sofort faßte er die

Schachtel mit beiden Händen und schüttelte sie kräftig hin und her.

„Nur tüchtig schütteln! Je wilder sie werden, desto besser hilft’s!“

Frau Reichmann trat in den Hof. „Sssssumsssssum!“ tönte es dort von der Ecke her grad auf sie zu. Es war bloß eins der kleinen Tiere, welches dem Lichtschein entgegenflog, den die Hauslampe verbreitete. Die Frau stutzte. „Sssssumssssum!“ kam es von neuem. Die Frau trat einen Schritt zurück. „Sssssumsssum!“ In rascher Aufeinanderfolge wurde eins der Insekten nach dem andern aus der Schachtel entlassen; sie nahmen alle die Richtung nach der Thür zu und zeigten eine so auffallende Zuneigung zu Milchen, daß sie unter lautem Schreien die Flucht ergriff.

„So, die ist abgethan!“ brummte Schmerl vergnügt; „die läßt sich heut’ nicht wieder hier unten sehen. Aber den Dicken wird sie herunterschicken; was mache ich denn mit ihm? die Hummeln sind alle! Ich weiß zwar noch ein Nest, aber ich habe sie doch nicht da. — — Halt! Warte! Ja, so geht’s, so ist’s richtig: ich gehe in die Rettigsbirnen; da fängt er mich und bekümmert sich um die beiden Liebesleute gar nicht. Es wird zwar eine tüchtige Tracht Prügel setzen und morgen wieder nichts zu essen, aber für den Julius und die Marie lasse ich mich totschlagen und hungere nachher auch noch zehn Wochen dazu, besonders wenn es vorher eine Schürze voll Rettigsbirnen giebt.“

Es war grad’ die richtige Zeit zu dem Entschlusse

gewesen, denn eben schob sich die dicke Figur Reichmanns vorsichtig durch die geöffnete Hinterthür. Als der Partikulier nichts von den gefürchteten Tieren bemerkte, atmete er erleichtert auf und schlich, um die Tochter womöglich zu belauschen, über den Hof hinweg sich leise in den Garten. So geräuschlos wie möglich längs des Weißdornzaunes hinschreitend, näherte er sich der Laube mehr und mehr und stand fast nur noch einige Schritte von ihr entfernt, als er ein Geräusch vernahm, welches seine Aufmerksamkeit sofort im höchsten Grade auf sich zog.

Er blieb stehen und lauschte. Der Obstbaum war sein Steckenpferd, sein einziges Vergnügen; er kannte fast jedes Blatt auf seinen Bäumen, wußte fast von jeder Frucht den Tag, an welchem sie zur vollständigen Reife gelangen würde, und ganz besonders war ihm da drüben der Rettigsbirnenbaum ans Herz gewachsen, dessen große, grüne und saftigen Früchte von einem solchen Wohlgeschmacke waren, daß man hätte wünschen mögen, als Wurm zeitlebens in einer solchen Birne stecken zu dürfen. Und jetzt raschelte es da oben in den Ästen und Zweigen so verdächtig! Eine Katze konnte das nicht sein; das war jedenfalls ein Mensch, eine Person, die hinaufgeklettert war, um ihn zu bestehlen.

Aber wer war es wohl eigentlich? Der Lehrjunge ganz sicherlich nicht, denn dem war jedenfalls heut’ die Lust zu neuen Dummheiten vergangen. Wer aber sonst? Reichmann wandte sich von der Laube ab und schlich leise, leise auf den Baum zu. Richtig,

da oben saß einer zwischen den Zweigen und schnabulierte in aller Gemütlichkeit und Seelenruhe von seinen kostbaren Birnen. Er konnte den schwarzen Punkt, welcher gegen den lichteren Himmel ganz deutlich abstach, sehr wohl bemerken, auch vernahm er das pflückende Geräusch, mit welchem der ungeladene Gast sich eine Birne nach der anderen aus den Zweigen langte.

Was war zu thun? Der Kerl mußte gefangen, unbedingt gefangen und bestraft werden, denn so eine Unverschämtheit war doch geradezu unerhört. Wenn’s dort in der Ecke auf dem alten Holzbirnenbaum gewesen wäre, das hätte noch schleichen mögen; aber sich hier gerad in die schönsten Delikatessen zu setzen und loszukauen, als ob man sich auf acht Wochen satt essen wollte, das war zu toll! Jedenfalls hatte der Spitzbube keinen schlechten Geschmack, aber die ganze Geschichte war nicht nach Reichmanns Geschmack, und so mußte er festgenommen und ausgewischt werden, ja ausgewischt, und zwar ganz gehörig! Aber wie? So ein Mensch ist immer gefährlich, und es ist nicht geraten, allein mit ihm anzubinden; aber fortgehen und Hülfe holen, das wäre die größte Dummheit gewesen, denn da hätte sich der Dieb ja inzwischen mit aller Gemächlichkeit aus dem Staube machen können. Um Hülfe rufen? Ja, das wäre wohl das Beste gewesen, aber — wer kann denn mit so einer schiefen und angeschwollenen Physiognomie ordentlich schreien!

Er legte die Hand an die schmerzende Backe

und zog mit riesenhafter Anstrengung die Lippen auseinander.

„Heda, gu—gu—guter Freund,“ klang es in eigentümlich überschnappenden Tönen zwischen den Zähnen hervor, „das schme—me—meckt wohl gut?“

Eine Birne fiel ihm als Antwort auf den Kopf.

„Tausendsa—sa—sapperlot, so passe doch auf, wo Du hi—hi—hinwirfst! Wer bi—bi—bist Du denn eigentlich?“ Eine zweite Birne, jetzt besser gezielt, quetschte sich auf seiner Nase breit und fiel dann vollends zur Erde.

„I Du Halu—lu—lunke Du!“ schrie Reichmann, was man jedoch kaum drei Schritte weit zu hören vermochte, und fuhr sich mit beiden Händen an den malträtierten Riecher. „Willst Du wohl die Bi—Bi—Birnen hängen lassen und gleich heru—ru—runter kommen!“

Ein dritter Wurf traf ihn, diesmal allerdings auf die zum Schutze vorgehaltenen Finger.

„Au! Wart nur, Bu—Bu—Bursche, Dich will ich schon kriegen! Na, wird’s bald, oder soll ich hina—na—naufkommen?“

Statt aller Antwort schüttelte der droben Sitzende den Wipfel des Baumes mit solcher Kraft, daß ein förmlicher Birnenregen entstand und der Partikulier sich am ganzen Körper bombardiert fühlte. Das war ihm denn doch zu arg. Freiwillig kam der Dieb ganz gewiß nicht herunter; er mußte herabgeholt werden, und da das Herbeischaffen einer Leiter nicht

ratsam war, so faßte Reichmann den kühnen Entschluß, hinaufzuklettern, ehe er durch ein zweites Schütteln eine neue Beschädigung an Leib und Gut erlitt. Er umspannte also den schlanken Stamm des Baumes mit beiden Armen und zog die Beine in die Höhe, um sich empor zu schieben.

Zwar hatte er in seinen jungen Jahren manchen Baum erstiegen und eine nicht gewöhnliche Geschicklichkeit im Klettern gehabt, aber damals war er ein schlanker Junge gewesen, und jetzt — jetzt war ihm der Bauch ganz außerordentlich im Wege, und den konnte er doch nicht einstweilen unten liegen lassen! Und dazu das Asthma, das liebe, dumme Asthma, das ihn um das ganze bißchen Atem brachte! Ein Glück war’s nur, daß dritthalbe Elle über dem Boden sich ein Aststrumpf sich befand, auf dem man sich ein wenig ausruhen konnte!

Wie ein vom Selbstbewußtsein aufgequollener Laubfrosch, so kroch der Partikulier Zoll für Zoll in die Höhe und nahm endlich keuchend auf dem Stumpfe festen Halt. Die Backe war vergessen, auch an die mißhandelte Nase dachte er jetzt nicht; Luft, Luft, Luft! das war’s, was er brauchte, und nach zehn Minuten hatte sich endlich seine Lunge so weit erholt, daß der Puls nicht mehr furioso, sondern in einem lebhaften Allegro klopfte. Während dieser ganzen Zeit hatte der Birnengast ruhig fortschnabuliert. Der Kerl mußte einen wahren Wolfshunger besitzen und ganz bedeutende Mengen Obst verschlungen haben.

Dieser Gedanke brachte den durch die Anstrengung

etwas abgekühlten Zorn Reichmanns in neues Lodern, doch wollte er es noch einmal auf dem Wege der Parlamentation versuchen:

„Nun, wie steht’s! Wi—wi—willst Du kommen?“

Wie vorher, war eine Birne die Antwort; ihr folgten mehrere, eine immer schnell nach der andern, und dabei zeigte der Schütze eine solche Fertigkeit im Werfen, daß keine den Punkt verfehlte, den sie treffen sollte. Das war ja eine vollständig lebensgefährliche Lage! Wutentbrannt umarmte Reichmann den Stamm von neuem und schob sich mit einem Eifer vorwärts, als müsse er heut’ abend noch den Mond erreichen.

Jetzt war für Franziskus Bonifazius Schmerl der Augenblick des Handelns gekommen. Er stieg bis auf den untersten Ast herab, nahm rittlings auf demselben Platz, schwang das Bein herum, umfaßte mit Händen und Füßen den Stamm, fuhr an demselben statt langsam zu klettern, mit rapider Geschwindigkeit hernieder und schlug infolgedessen mit demjenigen Teile seines Körpers, mit welchem er am Nachmittage in dem Blechtopfe gesessen hatte, dergestalt auf den Kopf des emporkrächzenden Partikuliers, daß diesem Höhren und Sehen verging und beide mit lautem Krachen selbander zur Erde fuhren. Reichmann schlug einen Purzelbaum rücklings über seinen eigenen Bauch hinweg; Franziskus Bonifazius Schmerl machte einen Riesenschwung zwischen die Beine Reichmanns hindurch, wobei die Perücke des letzteren in seine Hände geriet; der Dicke, nur auf den Fang des Spitzbuben bedacht, griff mitten in der künstlerischen Um- und Durcheinanderwälzung

mit beiden Armen nach dem Inkulpaten, erwischte aber nur seine eigenen falschen Haare, da der gewandte Lehrjunge sich wie ein Aal den zehn vigilierenden Fingern entwand und augenblicklich im Dunkel der Nacht verschwunden war.

Mit Mühe erhob sich Reichmann. Die Knochen und Muskeln seines wohlgepflegten Körpers waren ihm vor Erstaunen über die ungewohnte Turnerei vollständig aus Rand und Band geraten und nur noch unter der größten Anstrengung und unter den ausgesuchtesten Gesichtsverzerrungen war es ihm möglich, seinem Rücken die ursprüngliche gerade Richtung wiederzugeben. In Ermangelung einer medizinisch heilsameren Einreibung frottierte er sich die gequetschten, verbogenen und geschundenen Glieder mit der glücklich eroberten Perücke, was er erst dann bemerkte, als er sich damit an die blau angelaufene Nase fuhr.

„Was Tausendsa—sa—sapperlot, da habe ich ja dem Kerl seine Perü—rü—rücke erwischt! Wart, Bu—Bu—Bursche, jetzt bist Du geli—li—liefert! Die trage ich auf die Po—Po—Polizei, und dann —“

Vor Freuden über den Fang hätte er fast einen Luftsprung gemacht, zog aber mit einem stöhnenden „Au!“ das Bein wieder zurück, denn wurde eine solche Extravaganz ihm schon im gesunden Zustande schwierig, so war sie jetzt vollends gar eine Unmöglichkeit. Er kam sich vor wie der arme Lazarus im Evangelium und humpelte, nach allen Tonleitern lamentierend, im Dreizehnachteltakte durch den Garten und Hof in seine Wohnung zurück.

Dort empfing ihn seine Frau mit erwartungsvollem Blicke.

„Nun, hast Du sie gesehen?“

„Nein, aber erwi—wi—wischt habe ich ihn,“ antwortete er, indem er sich vorn und hinten zugleich kratzte.

„Erwischt hast Du ihn? Also war er doch bei dem Mädchen?“

„Nein, aber auf dem Rettigsbi—bi—birnenbaum hat er gesessen.“

„Du bist nicht klug! Der Passelmüller?“

„Der? Nein, der nicht, aber der Spi—pi—pitzbube.“

„Höre ’mal, ich glaube, bei Dir fehlt’s im Oberstübchen!“

„Ja, we—we—wenn’s nur das wäre! Aber bei mir liegt’s in allen Gliedern; man ist die Klet—te—terei nicht mehr gewohnt!“

„Geklettert bist Du?“

„Ja und wie! Der große Li—li—liegel; welcher Apotheker in Braunau war und die schö—schö—schönen Aufsätze in die Frauendorfer Blätter geschrie—rie—rieben hat, kletterte auch so — —“

„Laß um Gotteswillen Deinen großen Liegel beiseite und sage, warum Du hast klettern müssen!“

Unter mancherlei Gesichtsverzerrungen und Gliederverdrehungen kam er dieser schwierigen Aufforderung nach und trat am Schlusse seines Berichtes aus dem Schatten, welchen der Lampenschirm warf, in das Licht, um die Siegesbeute vorzuzeigen.

„Das ist sie, die Pe—Pe—Perücke!“

„Da hast Du die seinige, und er hat wohl die Deinige?“ fragte sie, die jetzt erst bemerkte, daß der Schädel ihres Mannes vollständig nackt war.

„Meine? Die mu—mu—muß doch — — —“

Er fuhr sich an den Kopf und riß, als er dessen spiegelglatten Zustand bemerkte, trotz der Geschwulst den Mund vor Schreck so weit auf, daß man geradewegs bis hinunter in den Magen sehen konnte.

„Meine A—A—Atzel ist weg! Mi—Mi—Milchen, die habe ich im Ga—Ga—Garten verloren!“

Er wollte im Sturmschritte davoneilen, um nach dem verlorenen Kleinode zu suchen; sie aber hielt ihn zurück.

„Zeige erst einmal diese her!“

Sie besah die fremde Perücke näher und brach dann in ein schallendes Gelächter aus.

„Wem gehört das Dings da, he?“

„Dem Spi—pi—pitzbuben!“

„Dann bist Du der Spitzbube selbst. Das ist ja Deine eigene Borstenhaube!“

„Meine — eigene —?“ Er griff zu, beguckte sich das zerzauste Surrogat von allen Seiten, stülpte es auf den Kopf und meinte kleinlaut:

„Aber wo ist denn dem Spi—pi—pitzbuben seine? Nun hat der doch keine!“

„O Du Dummkopf von einem Manne! Der hat gar keine gehabt!“

„Aber wie wäre dann meine A—A—Atzel auf seinen Ko—Ko—Kopf gekommen?“

„Frage ihn selbst! Bei Dir und Deinem großen Liegel ist alles möglich!“

Der Kopf brummte ihm vor Verwunderung, aber er konnte den Zusammenhang unmöglich begreifen.

„Das geht nicht mit re—re—rechten Dingen zu,“ meinte er endlich vollständig ratlos; „ich will in die Ka—Ka—Kammer gehen und meine Ri—Ri—Rippen mit Opode—de—deldok einreiben!“

3.

„Die Grünewalder kommen! Die Grünewalder kommen!“ rief es auf der Straße. Schmerl war grad dabei, dem Herrn Schützenhauptmann den mit einem riesigen Federstutze geschmückten Bonapartenhut zum letzten Male abzubürsten; bei diesem Rufe aber warf er die ehrwürdige Kopfbedeckung auf den Tisch und war mit einem „Meister, ich muß den Esel füttern!“ zur Thür hinaus. Draußen aber ging er nicht etwa nach dem Stalle, sondern er sprang auf die Gasse, um sich das Schauspiel der heranmarschierenden Grünewalder Schützen und Turner nicht entgehen zu lassen.

Mit wehenden Fahnen und klingendem Spiel kamen sie die Straße herauf, und es war ein gar martialischer Anblick, den die ehrsamen Spießbürger in der ihnen ungewohnten kriegerischen Montierung boten. Voran ritt der Herr Stadtrat Korndörfer als Adjutant. Der alte fette Schimmel, auf welchem er saß, konnte jedenfalls gar nicht recht begreifen, was mit ihm und hinter ihm vorging; er zog den fast kahlen Schwanzstummel

so eng wie möglich an den Leib und warf die Beine nach vorn, als liefe er auf Eiern. Auch der Reiter schien im unklaren zu sein, was er mit seinen Beinen anzufangen habe, und da sie in seiner nächsten Nähe jedenfalls am besten aufgehoben waren, so hatte er sie mit Hülfe der kurzgeschnallten Steigbügel so viel wie möglich in die Höhe gezogen und seinem runden Bäuchlein damit einen unbezahlbaren Dienst geleistet, denn dasselbe hatte, weil es ihm unter dem bunten Rocke zu eng wurde, einige Knöpfe desselben losgesprengt und legte sich nun mit vertrauensvoller Bequemlichkeit auf die über den Rücken des Pferdes emporragenden Kniee seines geliebten Herren. Diesem standen infolge der Anstrengung, sich auf seiner Rosinante zu erhalten, dicke Schweißtropfen in dem hochroten Gesichte; der Gaul hatte einen eigentümlich schüttelnden Gang, und es stand jeden Augenblick zu befürchten, daß er seinen Reiter zur Erde setzen werde.

Hinter den Schützen kamen die Turner. Über alle hinweg ragte die lange hagere Gestalt des Herrn Direktor Pappermann, welcher, im weißgewaschenen Drillichanzuge und den gestickten „Gut Heil“ um die dürre Taille, unendliche Mühe hatte, Schritt zu halten, da er mit einem einzigen Ausstrecken seines Beines einen Raum überstieg, welchen ein anderer nur nach mehreren Schritten zurückgelegt hatte.

„Batail — — lon — — — halllllt!“ kommandierte der Anführer der Grünewalder Gäste. „Rrrrrechts — — ummmm!“

Alle drehten sich auf die rechte Seite, nur einer

nicht, und das war der Schimmel, welcher in frommer Unbefangenheit immer gradaus weiter trollte. Sein Reiter gab sich die erdenklichste Mühe, ihn zum Stehen zu bringen, aber vergebens, bis endlich Schmerl sich erbarmte, dem Tiere in die Zügel fiel und es unter allgemeinem Halloh zu der ihm gebührenden Stelle führte.

„Augen rrrechts! — — — Augen grrraaaade aus! — — — Präsentiiiiert’s G’wehr! — — — Im Parademarrrrsch!“ klangen die einzelnen Kommandos und auf den letzten Ruf lösten sich die Chargierten aus den Gliedern, um den Fahnen das Ehrengeleite in das Haus des Herrn Schützenhauptmann Passelmüller zu geben. Als der Schimmel diese Bewegung bemerkte, beschloß er, seine Kenntnisse auf dem Gebiete des Exerzier-Reglements durch schleunige Beteiligung an den Tag zu legen; verständnisvoll mit dem ehrwürdigen Graukopfe nickend, schritt er gravitätisch nach der Pforte des Vorgärtchens. Hier aber trat in dem zwischen dem Stakete hervorblickenden Grün dem streitbarem Rosse eine Versuchung entgegen, der es unmöglich widerstehen konnte. Die Beine breit auseinander nehmend, bückte es sich nieder, um von den saftigen Blättern zu kosten, und dadurch bekam sein Rücken eine so Demut predigende Neigung, daß der Herr Stadtrat mit anerkennungswerter Folgsamkeit über den Hals des Tieres zur Erde rutschte. Die Truppen sahen diesem Sonnenuntergange mit präsentiertem Gewehre zu, und trotz des militärisch ernsten Augenblickes lief ein schallendes Gelächter die lange Fronte hinunter.

Der Schimmel hob den Kopf, um einen strafenden Blick über die Kompagnie zu werfen, der Adjutant aber beeilte sich, ins Haus zu kommen, wo ihm der Meister mit heiterem Lachen entgegentrat:

„Willkommen, Herr Rat! Auf Wunsch des Herrn Partikulier Reichmann ersuche ich Sie, mein Gast zu sein. Schmerl, hole den Schimmel!“

Allerdings war es eine Enttäuschung für Korndörfer, statt eine Treppe höher, hier unten beim Bäcker einquartiert zu werden, und als nach dem „Rührt Euch“ der Schuldirektor mit erhobenem Haupte und zweideutigem Blicke an ihm vorüber und nach oben ging, waren es zwei sehr unangenehme Gefühle, die sein sonst so kaltblütiges Herz unter der dicken Specklage schneller klopfen ließen: der Ärger und die Eifer­sucht. — — —

Abend war’s, und tiefe Finsternisherrschte ringsumher; aber draußen über der Vogelwiese schwamm ein heller Lichtschein, denn hunderte von Flammen erleuchteten die Zelte und Buden, in und zwischen denen eine aufgeheiterte Menschenmenge sich bewegte.

In einem der Zelte saß Frau Reichmann, die sich mit dem Herrn Schuldirektor von der Gesellschaft der andern zurückgezogen hatte, um mit ihm über den gemeinschaftlichen Heiratsplan zu verhandeln. Sie schienen am Schlusse ihrer Unterredung angekommen zu sein, denn die Dame erhob sich jetzt, indem sie ihrem Günstlinge die Hand bekräftigend entgegenstreckte.

„Abgemacht, lieber Herr Direktor! Sie bekommen das Mädchen, und mein Alter wird gar nicht erst

lange darum gefragt. Jetzt aber lassen Sie uns sehen, wo er mit dem Mädchen steckt!“

In einem andern Zelte saß Reichmann an der Seite des Stadrates. Beide waren augenscheinlich etwas illuminiert, denn nur dann, wenn er einen kleinen Spitz besaß, wagte der Partikulier, gegen seinen „Herrn im Hause“ zu konspirieren.

„Abgemacht, Stadträtchen! Du bekommst das Mädchen, und meine Alte wird gar nicht erst ewig darum gefragt. Jetzt aber wollen wir sehen, wo das Weibsvolk hingelaufen ist! Milchen sieht es nicht gern, wenn man sie vernachlässigt.“

Die Hummelgeschwulst hatte sich vollständig wieder gelegt, sodaß er also wieder wie ein vernünftiger Mensch reden konnte.

Während dieser beiden Heiratsabschlüsse standen Marie und Julius miteinander in einem abgelegenen Winkel des Festplatzes und hatten einander so viel zu sagen, daß sich ein Ende ihrer Unterredung gar nicht ersehen ließ. Da kam Schmerl, welcher Wache gestanden hatte, gelaufen.

„Macht, daß Ihr auseinander kommt! Sie sitzen beisammen im Schützenzelte!“ Und als Marie beim Abschiede eine Klage vernehmen ließ, tröstete er mit vielem Selbstbewußtsein: „Habt nur keine Sorge! Ihr kriegt einander und die beiden Alten werden gar nicht erst viel darum gefragt. Laßt mich nur machen, ich habe so meine Gedan­ken!“ — —

Die Nacht war bereits vorgeschritten, doch ging es auf der Vogelwiese noch lebhaft zu. Wenn sich

auch das Publikum nach und nach verlor, so hielten es doch die Schützen für ihr Pflicht, mit ihren Gästen so lange wie möglich auszuharren, und der Herr Hauptmann Passelmüller war natürlich derjenige, der sich dieser süßen Verpflichtung am allerwenigsten entziehen konnte. Auch Reichmann hatte sich heut emanzipiert und saß mit dem Adjutanten beim vollen Glas. Die leeren Flaschen vor ihnen bewiesen, daß sie dem Durste wohl zugesprochen hatten, und die Unterhaltung war schon längst in jenes Stadium getreten, in welchem der Geist immer leichter, die Zunge aber immer schwerer wird.

„Ich sage Dir aber, Reichmännchen, daß der Birnbaum aus Ägypten stammt; ich hab’s in alten Büchern gelesen, die noch dazu in Schweinsleder gebunden sind.“

„Nein, da blamirst Du Dich grad ebensosehr, wie heut’ mit dem Schimmel. Die Birne stammt aus Syrien. Der große Liegel, welcher Apotheker in Braunau war und die schönen Aufsätze in die „Frauendorfer Blätter“ geschrieben hat, sagt es auch, und was der behauptet, das ist richtig.“

„Na, weißt Du, Bruder, der Schimmel und der Liegel, das sind so zwei, die ihre eigenen Köpfe haben. Ich halte mich zu Diel, der ist zuverlässiger als der Liegel. Aber wir wollen uns heut’ nicht streiten! Mir ist’s so ganz eigentümlich im Kopfe, und die Flaschen tanzen Doppelpolka vor meinen Augen. Komm, wollen nach Hause gehen!“

„Ich bin dabei, altes Haus! Meine Alte wird

gar nicht wissen, wo sich ihr Herzallerliebster herumtreibt.“

Sie tranken aus und traten den Nachhauseweg an. Die Chaussee, welche in die Stadt führte und an beiden Seiten von Reihen hoher Pappeln eingesäumt wurde, war so breit, daß sich drei Wagen ausweichen konnten, trotzdem aber schien sie für die beiden seligen Nachtwandler zu schmal zu sein, denn sie fuhren, Arm in Arm, im Zickzack bald hinüber, bald herüber und stolperten immer über ihre eigenen Beine weg.

„Höre ’mal, Schatz,“ meinte Reichmann, „ich glaube Du hast einen Spitz! Halte Dich nur immer fest an mich. Die alte Straße hat sich heut ganz verschoben, und wir müssen sehen, wie wir glücklich durch die Pappeln hindurchkommen.“

„Habe nur um mich keine Sorge! Mir ist’s mehr um Dich, als um mich. Du hebst ja die Beine wie ein Droschkenpferd, das den Hahnetritt hat. Überhaupt kann ich mich ärgern, daß sie da Pappeln herstellen, die doch gar keine Früchte bringen; wenn ich Etwas zu sagen hätte, so müßten lauter Obstbäume gepflanzt werden.“

„Da hast Du ganz meine Meinung — hopp, Alter, komm, steh sachte wieder auf! Der große Liegel, der in Braunau Apotheker war, hält auch nichts von den Pappeln. Er hat nämlich die schönen Aufsätze für die — — Du,“ unterbrach er sich, „wer ist denn der lange Kerl, der da am Baume steht?“

„Ja, ich weiß es nicht! Komm, wollen ’mal

sehen, was er da am Stamme herumzukrebsen hat! Heda, guter Freund, was giebts denn hier Merkwürdiges, und wer sind wir denn?“

„Ich? Ich bin der Herr Schuldirektor Papperman aus Grünewalde und wohne hier beim dicken Reichmann,“ antwortete der Angeredete, indem er, hin und herwankend, mit einem Gegenstande, den er in der Hand hielt, unaufhörlich an die Pappel stieß. „Wenn ich nur das vermaledeite Schlüsselloch finden könnte! Durch das Gitter bin ich glücklich gekommen und durch das Gärtchen auch. Da stehen die beiden Nußbäume, und hier muß also die Thüre sein! Aber das Loch, das alberne, dumme Loch! Der Schlüssel muß zu groß sein; ich bringe ihn nicht hinein!“

„Aber Herr Direktor,“ lachte Reichmann, „Sie sind ja garnicht bei meiner Wohnung! Ich glaube, Sie haben einen Spitz. Das ist ja eine Straßenpappel, und wo soll denn da ein vernünftiges Schlüsselloch herkommen!“

„Bei Ihrer Wohnung? Fällt mir auch garnicht ein, Sie dummer Mensch! Einen Spitz? Bekümmern Sie sich doch um sich; Sie turkeln ja, daß es einen erbarmen möchte! Straßenpappel? Sie sind selber Straßenpappel, Sie Esel Sie? Ich werde wohl wissen, was ich vor mir habe! Heda, Reichmann, ich bin’s! So macht doch nur auf, Ihr Leute!“

„Komm, Bruderherz,“ flüsterte taumelnd der Stadtrat, „der ist total knill. Laß ihn nur immer pochen! Das wäre mir ein Mann für Dein Mädel; da bin ich doch ein anderer Kerl!“

„Hast recht, Goldjunge. Komm! Weißt Du was? Ich werde ihm meine Alte herschicken; die ist ganz verliebt in den Menschen, und da mag sie ihn auch nach Hause schleppen!“

„Bravo! An Dir kann man seine Freude — hoppsa! Falle nicht in die Buttermilch, Gevatter. Nimms nicht übel, aber Du hast wirklich einen Affen!“

Mit eng verschlungenen Armen lavierten sie weiter. — Zu Hause angekommen, verabschiedete Reichmann sich von seinem Gast.

„Bist doch nicht bös, Herzensbruder, daß ich Dich wegen meiner Alten nicht mit hinaufnehmen kann?“

„I bewahre! Ich habe da hinter der Backstube ein ganz hübsches Kämmerchen. Aber ich werde mich garnicht erst zu Bette legen. Sie wollen nachher von der Vogelwiese hereinziehen und die Reveille durch die Stadt machen; da muß ich auf sein.“

„Wie Du denkst! Ich werde auch nicht viel schlafen; ich bin von dem sauern Krätzer ganz konfus im Kopfe. Hier ist die Thür zur Backstube. Gute Nacht!“

„Gute Nacht!“

Es war vollständig finster in dem Raume, aber vor den Augen des Stadtrates funkelte es in allen Regenbogenfarben. Er war so ziemlich selig, und dazu schlug die hier herrschende Wärme so bedeutend auf ihn ein, daß er das Bedürfnisfühlte, sich sofort niederzulegen.

„Die Kammer, nein, die finde ich nicht, aber der

Backofen, der ist hier rechts; und wenn ich mich da hinauf lege, brauche ich mich garnicht erst auszuziehen!“

Mit Mühe krabbelte er auf allen vieren die Stufen hinauf und streckte sich auf die warmen Steine nieder. In kurzer Zeit zeigte ein heroisches Schnarchen, daß er eingeschlafen sei; aber die Hitze ließ ihm keine Ruhe; er wälzte sich im Schlafe hin und her, rückte dabei dem Rande des Backofens immer näher und — plumps, lag er in der Beute, in welcher im hochaufgesiebten Brotmehle der Sauerteig gährte. Ein unwilliges Brummen war die einzige Folge des weichen Falles, dann drehte sich der Schläfer einige Male von einer Seite auf die andere und schnarchte ruhig weiter.

Nach einer Weile wurde es in der hintersten Ecke auf dem Backofen lebendig; es stieg jemand langsam und gähnend herab, um Licht anzumachen. Schmerl war es. Er hatte wachen sollen, um die spät heimgekehrten Gesellen zu wecken, war aber selbst eingeschlafen und sah nun an die Uhr.

„Eine halbe Stunde zu spät! Na, das giebt wieder einige Maulschellen. Schmerl, Schmerl was bist Du für ein trauriger Kerl! Aber was hilft’s? Kriegen thue ich sie einmal, drum ist’s am besten, ich hole Sie mir gleich!“

Er nahm die Lampe, um nach der Kammer zu gehen, in welcher die Gesellen schliefen. An der Beute vorübergehend, warf er einen Blick hinein und fuhr erschrocken zurück.

„Himmeltausendsapperment, da liegt einer im Sauerteige! — — — Was! Das ist ja der dicke

Schimmelreiter! Wie ist denn der in den alten Trog gekommen? Na, Bonifazius, das wird Keile setzen! Wer soll denn aus der Schmiere nun Brot backen! Der arme Kerl dauert mich; er hat doch heut’ ein Heidenpech! Ich gäbe sonst was drum, wenn’s der Geizhals, der Pappermann wäre. — Aber, ob der nicht auch noch mit hineinzubringen wäre? Prügel giebt’s so wie so, und da ist’s ganz egal, ob einer drin liegt oder zweie. Ich muß nur mal lauschen, und die Gesellen mögen in Gottes Namen liegen bleiben, denn aus dem Backen wird nun doch nichts mehr!“

Sich mißmuthig hinter den Ohren kratzend, verließ er die Stube und trat vor die Hausthür. Er kam grad recht, um zwei Personen durch die Pforte treten zu sehen. Es war der Schuldirektor, welcher von seiner Freundin wirklich geholt worden war.

Droben in dem Zimmer, welches Marie bewohnte, war noch Licht. Die beiden Ankömmlinge blieben stehen.

„Warum nur das Mädchen nicht schlafen geht!“ wunderte sich Frau Reichmann, indem sie emporblickte.

„Sie wird doch nicht etwa gar den — den — den Hassel- oder Passel- oder Prasselmüller bei sich haben, verehrteste Frau Freundin!“

„Das wollte ich mir verbeten haben!“

„Verbeten hin, verbeten her, verehrteste Frau Freundin,“ lallte der Betrunkene; „ich werde mich überzeugen!“

„Überzeugen? Auf welche Weise wohl?“

„Ich werde mir eine Leiter holen und auf diesen Baum steigen; da kann ich grad in die Stube sehen.“

„Dazu fehlt Ihnen das nötige Gleichgewicht, lieber Freund!“

„Was? Glauben Sie etwa, daß ich betrunken bin? Ich bin so nüchtern, wie, wie, na, wie der Herr Schuldirektor Pappermann. Also, eine Leiter!“

Ohne sich um die Gegenrede der Frau zu kümmern, taumelte er durch den Flur hinaus in den Hof, wo er am Tage eine Leiter bemerkt hatte. Diese lehnte in der Ecke und zwar in der Nähe eines Ortes, an welchem ein jeder Mensch sich zuweilen zu geheimnisvollen Zwecken einzufinden pflegt. Trotz der großen Veranlassung zur Vorsicht, welche dieser Ort einzuflößen vermag, schoß der Herr Direktor im Eifer seines Vorhabens eine Lerche schief über den Hof hinüber und sprang infolgedessen mit gleichen Beinen und bis unter die Arme in jene dunkle Flüssigkeit, für welche der Landmann eine besondere Vorliebe hat.

„Hülfe, Hülfe — ich ersaufe — ich verbrenne — ich erfriere — ich ersticke — Hülfe, Hüül—fe!“

Schmerl war ihm nachgeschlichen, hatte ihn sofort beim Kragen und half ihm aus dem Sirup. Das kalte Bad und der Schreck hatten nicht etwa ernüchternd auf den Verunglückten gewirkt, sondern derselbe fiel im Gegenteile, sobald er das Trockene berührte, vollständig betäubt und besinnungslos zur Erde. Der Lehrjunge ließ ihn liegen und ergriff die Leiter, mit welcher er nach dem Vorgärtchen zurückkehrte.

„Du bist’s?“ fragte ihn die Dame. „Wo ist denn der Herr Direktor?“

„Der liegt im Hofe. Da werde ich mal hinaufgucken!“

Ohne eine Antwort abzuwarten, legte er die Leiter an den einen Nußbaum, stieg hinauf und blickte in das Fenster.

„Nun?“ fragte sie, die nicht recht wußte, ob sie ihren Freund aufsuchen oder bleiben solle. „Siehst Du etwas?“

„Freilich; sie sitzen auf dem Kanapee und haben einander beim Kopfe.“

„Geh’ runter!“ befahl sie ihm entschlossen. Das war’s, was er wollte; im nächsten Augenblicke stand er unten und die resolute Frau stieg die Leiter hinauf, um die beiden Liebenden auf frischer That zu ertappen. Als sie ihren Blick in das Zimmer warf, fand sie dasselbe leer und bemerkte zu gleicher Zeit, sich zurückwendend, daß Schmerl die Leiter weggenommen und an den andern Baum gelegt hatte. Sie war gefangen; Franziskus Bonifazius aber kehrte leise kichernd in den Hof zurück, wo er den Betrunkenen bei den Beinen faßte und unter die Pumpe schleifte, um ihm das duftende Eau de Cologne aus den Kleidern zu spülen. Einige Minuten lang ließ sich Pappermann den Guß gefallen, dann aber schien ihm die Besinnung langsam zurückzukehren; er grunzte einige Male höchst mißbilligend zu dem Bade und gab sich dann Mühe, auf die Beine zu kommen. Schmerl half ihm dabei nach Kräften und führte ihn dann in die Backstube. Willenlos ließ sich der pudelnasse Heiratskandidat auf den Backofen schaffen und war bald in einen unruhigen Schlaf geschlafen.

Nun lauschte Schmerl nach seiner Gefangenen. Diese verhielt sich vollständig ruhig; sie überlegte sich wohl, daß sie fürchterlich blamiert sei, wenn sie Lärm mache, und glaubte zuversichtlich, daß der Junge die Leiter ganz von selbst wiederbringen werde. Dieser aber schlich sich an die Thür Reichmanns, an welche er leise klopfte. Der Partikulier war noch nicht zur Ruhe gegangen und öffnete.

„Was willst Du?“ fragte er.

„Herr Reichmann, es ist ein Spitzbube in den welschen Nüssen.“

„In den Nüssen? Die sind ja noch nicht ganz reif!“

„Wenn auch; er ist aber doch droben auf dem Baume.“

„Aber wie ist er denn hinauf gekommen? Die Bäume sind doch so dick, daß kein Mensch hinauf- oder herunterklettern kann.“

„Er hat sich die Leiter geholt. Aber ich habe sie ihm weggenommen, und nun kann er nicht herunter. Sie lehnt an dem andern Baume.“

„Das hast Du gescheit gemacht! Gewiß ist’s derselbe Kerl, der gestern in den Rettigsbirnen war. Ich werde mir Hülfe holen, und den Menschen fangen.“

„Hülfe? Es ist kein Mensch da; sie sind alle noch auf der Vogelwiese.“

„So?“ meinte Reichmann, der in Folge seines gestrigen Abenteuers nicht gesonnen war, eine zweite Rutschpartie zu machen. „Na, ansehen werde ich mir ihn doch. Ich steige auf den andern Baum, und da kann er mir ja nichts anhaben. Komm!“

Illustration 2
„Sorge, daß die Leiter bald herkommt, sonst falle ich hinunter.“ — „Gleich, gleich, Milchen!“ (S. 49.)            

Gesagt, gethan. Unten angekommen, erblickte er ganz deutlich den Nußdieb zwischen den Zweigen und stieg, ohne ein Wort zu sagen, die Leiter hinan. Sobald er zwischen den Ästen festen Fuß gefaßt hatte, begann er das Verhör.

„Heda, guter Freund, wer sind wir denn?“

„Halt’s Maul!“ tönte es leise aber barsch zurück; sie hatte ihren Eheliebsten sofort an der Stimme erkannt.

„Schaffe mir die Leiter her, daß ich hinunter kann!“

„Wa—wa—wa—waaaas?“ klang es aus dem Munde Reichmanns, und wenn es heller gewesen wäre, hätte man sehen können, wie er vor Verwunderung fast nach Luft schnappte. „Du bist’s, Milchen? So etwas ist doch selbst dem großen Liegel nicht passiert, der Apotheker in Braunau war und die schönen Auf — — —“

„Halt’s Maul, sage ich, mit Deinem ewigen Liegel und sorge, daß die Leiter bald herkommt, sonst falle ich hinunter. Ich habe den Wadenkrampf schon in allen beiden Beinen!“

„Gleich, gleich, Milchen! Der Wadenkrampf ist gefährlich!“ Er machte Anstalt, wieder herunter zu steigen, fand aber zu seinem Schrecken, daß die Leiter fehlte. „Da hat der Racker von einem Jungen die Leiter fortgenommen! Der will mich auswischen für die Hummelkeile, die er bekommen hat. Na, warte nur, es soll noch besser kommen!“

„Brülle doch nicht so laut, daß man’s zehn Häuser weit hört. Wenn die Nachbarn aufwachen

und uns sehen, sind wir blamiert für alle Ewigkeit.“

„Das ist wahr. Und da soll man dem Sapperloter wohl auch noch gute Worte geben? Wenn er nur wenigstens bald wieder käme!“

Schmerl aber dachte jetzt nicht ans Wiederkommen. Er öffnete leise die Thür zur Backstube und vernahm ein eigentümlich klatschendes Geräusch, welches von grunzenden pustenden und schnarchenden Tönen begleitet wurde. Trotz der zu erwartenden Prügel mußte er fast laut auflachen.

„Der Pappermann ist auch heruntergerollt, und nun wälzen sie sich miteinander im Teige herum. Na, wird das ein Eierkuchen!“

Ein leises Geräusch an der Hofthür ließ ihn vernehmen, daß Julius und Marie aus dem Garten zurückkehrten, in welchem sie bisher gewesen waren; er rief den ersteren zu sich und teilte ihm heimlich mit, wen er auf den Bäumen gefangen habe. Der junge Mann lachte herzlich über den Streich und veranlaßte das Mädchen, ihn mit nach ihrem Zimmer zu nehmen. Droben angekommen, bog er sich zum Fenster heraus.

„Guten Morgen, meine beste Frau Reichmann! Wie geht’s?“

Die Angeredete schwieg, teils vor Wut, teils aus Scham; aber von dem andern Baume her ließ sich eine klagende Stimme vernehmen:

„Herr Passelmüller, bitte, legen Sie uns doch die Leiter an! Meine Frau hat den Wadenkrampf, und ich kann mich hier kaum mehr erhalten; der alte Nußbaum -

Nußbaum biegt und schüttelt sich hin und her, grad als ob er einen zu viel getrunken hätte. Mir ist ganz jämmerlich Mute.“

„Gut, ich will’s thun! Aber eine Liebe ist der andern wert: Sie geben mir die Marie, und ich bringe die Leiter.“

„Ja, das geht nicht; die Marie habe ich den Stadtrat versprochen.“

„Dem Stadtrat?“ fiel seine schöne Hälfte ein; „das sollst Du nur wagen! Hier bin ich Herr im Hause und —“

„Freilich, freilich,“ unterbrach sie Julius; „es wird auch kein Mensch bestreiten, daß Sie da draußen Herr im Hause sind, sonst aber habe ich jetzt hier zu kommandieren. Also, die Marie, oder ich lasse Sie sitzen bis die Reveille geblasen wird, und dann bekommen Sie ein Ständchen, wie es nicht besser sein kann.“

„Nimmermehr! Die Marie bekommt der Herr Pappermann.“

„Wie Sie wollen!“ Er trat vom Fenster zurück und setzte sich zu dem Mädchen, welches vor Angst zitterte und ihn vergeblich bat, die Eltern zu befreien. — Es verging eine geraume Zeit; draußen wurde es hell und heller; da rief es wieder bittend:

„Julius! Kommen Sie doch ’mal her!“

„Nun?“ fragte der Gerufene, ans Fenster tretend.

„Sie sollen das Mädchen haben, aber holen Sie rasch die Leiter! Wenn der Baum so fortwackelt, so falle ich noch herunter und breche Hals und Beine.“

„Gleich, Herr Reichmann!“ Mit lobenswerter Schnelligkeit begab sich der Sprecher nach unten, wo er den listigen Schmerl schon im Begriffe fand, die Leiter anzulegen. Reichmann stieg taumelnd herab. Seine Frau räsonnierte wie ein Rohrsperling, daß er gegen ihren Willen kapituliert habe, und so wurde sie in den Zweigen gelassen, während sich die beiden Männer in das Haus begaben. — — — Nach einiger Zeit erschollen von der Vogelwiese her die Klänge eines Marsches; die Schützen waren im Anzuge. Milchen befand sich in einer schauderhaften Lage. Sie wußte, daß das ganze Corps hier vor dem Hause halten würde, und was dann geschah, wenn man sie entdeckte, das konnte sie sich lebhaft vorstellen, aber sich um einen solchen Preis loskaufen, das war eine zu große Zumutung. Sie kämpfte mit sich selbst und konnte nicht eher zu einem Entschlusse kommen, als bis sie die Trommeln und Blasinstrumente von weitem blitzen sah. Das gab den Ausschlag:

„Herr Passelmüller! — Herr Passelmüller!“ rief sie ängstlich.

„Nun?“ fragte der Gerufene zum Fenster heraus.

„Rasch, rasch, ich will herunter; sie kommen schon!“

„Und Marie?“

„Nehmen sie sie in des Teu — — in Gottes Namen!“

Im Nu war er hinunter, legte die Leiter an und half ihr beim Absteigen. Es war die höchste Zeit, denn der Zug befand sich schon in unmittelbarer Nähe und machte dann vor dem Hause Halt. Hier wurde

dem Hauptmann Passelmüller ein dreimaliger Tusch gebracht, dessen Klänge so laut in die Backstube drangen, daß die beiden Teigschnarcher erwachten. Die Musik hören und mit beiden Beinen zugleich aus der Beute fahren, war das Werk nur eines Augenblickes, und da die Läden geschlossen waren, so bemerkten sie ihren Nudelüberzug nicht, sondern rannten spornstreichs hintereinander durch den Flur hinaus in den hellen lichten Morgen.

Kein Mensch vermag das Halloh zu beschreiben, welches ihnen ertönte; Tusch erscholl auf Tusch, Hoch auf Hoch, aber der arme Schmerl kam dabei am schlechtesten weg. Die Gesellen waren erwacht und kamen halb angekleidet herbeigelaufen. Einen Blick auf die Teigabenteurer und in die Beute machte ihnen den Vorgang klar, und sofort warfen sie sich auf den unglücklichen Bonifazius, welcher unter lauten Demonstrationen seine Prügel so lange in Empfang nahm, bis ihn Julius befreite.

Unter den Klängen der schmetternden Musik und der wirbelnden Trommeln verschwand er, sich den Buckel reibend, im Hause.

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II. Unter den Werbern. Humoristische Episode aus dem Leben des alten Dessauer.

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1. Bei „Mutter Röse“.

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Obgleich es noch früh am Tage war, ging es auf den Gassen, Straßen und Plätzen der guten Haupt- und Residenzstadt Dessau doch schon lebhaft zu. Es war heute ja Wochenmarkt, an welchem die Bewohner der Umgegend herbeiströmten, entweder um die Produkte ihres Gewerbefleißes in Angebot zu bringen oder dasjenige einzukaufen, was zur Befriedigung ihrer wirtschaftlichen, häuslichen und persönlichen Bedürfnisse notwendig war.

Durch die Alt-, Neu- und Vorstadt-auf-dem-Sande bewegten sich die Wagen, Karren und Fußgänger der von dem Fürsten Leopold erst neu angelegten Kavalierstraße zu, welche noch heute mit ihren Rasenplätzen und dem unvergleichlichen Blick auf die Johanneskirche -

Johanneskirche eine der größten Zierden der Stadt ist. Dorthin zog es die Neugierigen, und gruppenweise standen sie vor den Ladenfenstern oder wagten sich scheu und einzeln in eins der „grausam vornehmen“ Gasthäuser, wo es zu sehen, zu hören, zu essen und zu trinken gab, was noch keinem der biedern Landbewohner vorgekommen war.

Die meisten von ihnen aber kehrten doch schließlich nach dem engen, an der Mulde gelegenen Stadtteile zurück, in welchem „Mutter Röse“, die dickste und zugleich beste Wirtin des ganzen Anhalt’schen Landes residierte, die es außerordentlich gut verstand, ihre Gäste gegen die beiden Erbübel der Menschheit, den Hunger und den Durst, in nachdrücklichen Schutz zu nehmen.

Wie ein Königin thronte sie zwischen zahllosen Flaschen, Gläsern und Krügen hinter dem langen, massiven Schenktische, hatte für jeden einen freundlichen Gruß, ein vertrauliches Kopfnicken oder wohl gar einen kräftigen Händedruck und ließ wie eine Sonne die Strahlen ihres vollen und stets lächelnden Gesichtes bis in die entfernteste Ecke fallen. Nirgends war das Bier so frisch und erquickend, nirgends der Braten so saftig und nirgends die Bedienung so aufmerksam wie bei „Mutter Röse“, und wem es gar widerfuhr, von ihr selbst bedient zu werden, der konnte sich diesen Vorzug für eine wirkliche Ehre anrechnen und wurde darüber von den andern groß angesehen. Aber ebenso kräftig und entschieden konnte sie auch gegen den auftreten, welches es wagte, sie aus ihrem

Gleichgewichte zu bringen, und gar mancher Gast schon hatte ein solches Beginnen mit einem blitzesschnellen „An die Luft setzen“ büßen müssen.

Auch jetzt hatte sie sich mühsam zwischen den vielen anwesenden Marktgästen hindurchgedrängt, um an dem hintern Tische einen der erwähnten Bevorzugten mit ihrer Aufmerksamkeit zu beglücken, als sich die Thür öffnete und ein Mann eintrat, welcher sich tief bücken mußte, um seinem Kopfe eine unliebsame Berührung mit den Querbalken zu ersparen. Obgleich er die Sechzig längst zurückgelegt haben mußte, trug er sich doch so stramm und kräftig, als stehe er noch zwischen zwanzig und dreißig, und das dunkle, scharfe Auge hatte in jugendlicher Lebhaftigkeit das Zimmer mit einem einzigen kurzen Blick überflogen.

Er schritt zu dem allein noch leerstehenden Tische, ließ sich auf den lautkrachenden Stuhl fallen, zog die bestaubten Gamaschen in die Höhe, warf den Dreispitz von dem zierlich bezopften Kopfe und wartete nun augenscheinlich auf irgend einen dienstbaren Geist, um sich mit dessen Hülfe von einem der obengenannten Erbübel zu befreien.

Zufälligerweise aber war sein Kommen nicht bemerkt worden, und so zupfte er zunächst etliche Male ungeduldig an dem blauen Leinwandsacke herum, welcher seinen breitschultrigen Oberkörper bedeckte, wirbelte sodann mit unmutiger Miene die beiden Spitzen seines Schnurrwichses um den Zeigefinger, und als auch diese Manipulation erfolglos blieb, erhob er endlich den dicken Knotenstock, welcher mittelst

eines Lederriemens an seinem Handgelenk hing, und ließ ihn lautdröhnend auf die eichene Platte des Tisches fallen.

„Heda, alte Klatschmaschine, mach’, daß Du bald vorkommst, sonst werde ich Dir Beine machen!“

Auf diese mit lauter und kräftiger Baßstimme hervorgedonnerten Worte trat über das ganze Zimmer hinweg augenblicklich eine tiefe Stille ein, und aller Augen wandten sich nach dem Manne, welcher es wagte, die zwar gute, aber sehr streng auf ihre Reputation haltende Wirtin in dieser Weise zu insultieren. Jedermann war überzeugt, daß der Sprecher in wenig Sekunden draußen vor der Thür stehen werde, zumal Mutter Röse, schnell herumfahrend, die beiden Hände in die Hüften stemmte, was bei ihrer Korpulenz allerdings ein gewagtes und höchst schwieriges Unternehmen war, und mit vor Zorn hochrotem Gesichte über die Häupter der Sitzenden hinweg rief:

„Wer ist denn der unverschämte Kerl, he, der da vorn so dicke thut? Warte ’mal, Bürschchen, wir werden gleich sehen, wer von uns beiden dem andern Beine macht!“ Und sich nach dem Schenktisch wendend, wo eben ein vierschrötiger Hausknecht ein Faß auf die Stellage hob, setzte sie befehlend hinzu: „Christian, nimm ihn doch ’mal bei der Perücke und zeige ihm, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat!“

„Laß Dich nicht auslachen, alte Bierliese, und halte den Schnabel. Ihr wärt mir die Rechten von wegen dem Zimmermannsloche!“

Illustration 3
„Will Sie wohl endlich ruhig sein und mir einen Krug Zerbster bringen?“ unterbrach der alte Dessauer die Wirtin. (S. 61.)

Das war der Wirtin doch zu stark, zumal nun auch der Ärger über den Hausknecht dazu kam, denn dieser machte nicht die geringste Miene, dem Befehle seiner Herrin Folge zu leisten, sondern lehnte in höchster Verlegenheit an der Küchenthür. Mit raschen Schritten wand sie sich zwischen den Gästen hindurch, um den Fremden, den sie der Entfernung wegen noch gar nicht hatte sehen können, in Augenschein zu nehmen.

„Was wären wir? Die Rechten? Ja, das sind wir auch, und das will ich Ihm sofort beweisen, Er Grobian! Glaubt Er denn, daß man eine ehrsame und tugendhafte Witwe — — Herrjeh!“ unterbrach sie sich, die dicken Hände in höchstem Schrecke zusammenschlagend, als sie jetzt in das sich ihr zuwendende Gesicht des Ausgescholtenen blickte, „wer denkt denn so etwas! Bitte hunderttausendmal um Verzeihung, Durchl — —“

„Will Sie wohl endlich ruhig sein und mir einen Krug Zerbster bringen und was dazu gehört!“ unterbrach er sie schnell. „Oder glaubt Sie etwa gar, daß ich hereingekommen bin, nur um Ihre schönen Redensarten anzuhören?“

„Ja freilich, einen Krug Zerbster,“ wiederholte sie eilfertig. „und was dazu gehört, gleich, gleich sollen Durchl — —“

„Ich frage Sie nur,“ fiel er ihr wieder rasch und diesmal mit dem Fuße stampfend in die Rede, „ob Sie schweigen will. Wenn Sie noch ein einzig Mal dieses Wort ausspricht, so mag Sie Ihr Zerbster selbst hinunterspülen!“

„Ja ja, schön, schön, ich wollte nur sagen, daß ich Ew. Durchl — —“

Das Wort blieb ihr bei dem fürchterlichen Blicke, welcher sie traf, im Munde stecken; sprachlos vor Verlegenheit über ihre dreimalige Indiskretion eilte sie nach dem Schenktisch, brachte den vollen Thonkrug herbei, stellte ihn auf den höchst eigenhändig mit ihrer weißen Schürze abgewischten Tisch, und bald lag neben dem Trunke auch ein mächtiges hausbackenes Roggenbrot, ein Stück gelber Butter und ein großer, appetitlicher Landkäse.

Der Gast leerte den Krug auf einen Zug und gab ihn der Wirtin zum Füllen zurück. Sodann griff er zum Messer und beschäftigte sich sehr eifrig und erfolgreich mit dem Imbiß, während die Anwesenden die Köpfe zusammensteckten und sich nicht genug über das eigentümliche Vorkommniswundern konnten, bis ein Name leise von Stuhl zu Stuhl, von Tisch zu Tisch geflüstert wurde und die Fremden dann mit halb scheuen, halb ehrfurchtsvollen Blicken die hohe Gestalt des Essenden musterten.

Dieser bekümmerte sich nicht im geringsten um die andern und war so sehr in seine Arbeit vertieft, daß er den Eintritt eines neuen Gastes gar nicht bemerkte, welcher, ihn erblickend, ein Zeichen der Überraschung nicht unterdrücken konnte, dann aber wie infolge eines raschen Entschlusses auf ihn zuschritt und nach einem Stuhle griff.

„Ist der Stuhl erlaubt?“ fragte er kurz.

„Warum nicht?“ antwortete mit einem tiefen

Brummen der Kauende. „Ich habe ihn nicht gemietet!“ Der also Berichtete setzte sich und meinte:

„Wünsch’ guten Appetit!“

„Danke,“ brummte es wieder; „aber laßt mich jetzt ungeschoren! Ich habe mehr zu thun, als mir Eure Höflichkeiten gefallen zu lassen.“

„Ist mir auch recht!“ klang die Antwort unter einem belustigten Lächeln des Sprechenden. „Heda, Mutter Röse, habt Ihr nicht noch ein Messer bei der Hand? Der Mann da wird die ganze Portion wohl nicht für sich allein brauchen!“

Jetzt erst blickte der Essende auf und überflog mit einem erstaunten Blicke seinen Gegenüber. Das Resultat mußte ein zufriedenstellendes sein, denn als die Wirtin antwortete:

„Ich habe schon noch das Nötige für Euch übrig,“ entgegnete er in befehlendem Tone:

„Mache Sie keine Faxen und lasse Sie ihn immer hier mit zugreifen!“

Mit einem raschen Griffe schwang er dem jungen Manne das schwere Brot hinüber, schob ihm Butter und Käse zu und nahm dann die unterbrochene Beschäftigung mit erneutem Nachdrucke auf. Der andere griff ebenso fleißig zu, und als die beiden Hungrigen endlich ihre Arbeit beendigten, war außer einem bescheidenen Brotreste nichts Genießbares mehr auf dem Tische zu bemerken.

Die leeren Krüge wurden wieder gefüllt, und sich

mit einem behaglichen Laute die Magengegend streichend, begann der zuerst Angekommene:

„So, das wäre abgemacht, und nun kann man auch wieder sprechen. Ihr schlagt keine schlechte Klinge!“

„Hm, so was lernst sich schon, und der Käse war gut!“

„Meint Ihr? Ja, bei der Mutter Röse weiß man, was man bekommt. Ihr seid wohl kein Dessauer Kind?“

„Nein.“

„So sied Ihr wohl in Geschäften hier?“

„Ja und nein, je nachdem man’s nimmt.“

„Ja und nein — so sprecht doch deutlicher, wie es einem vernünftigen Menschen zukommt!“

„Warum?“

„Warum, fragt Ihr noch? Na, zum Tausendsapperlot, wenn wir nicht hier sitzen und Maulaffen feil halten wollen, so müssen wir doch etwas reden. Und auf eine gutgemeinte Frage gehört doch wohl eine ehrliche Antwort!“

„Da habt Ihr wohl recht; nur weiß ich nicht, was es Euch und mir nützen soll, wenn wir über meine Angelegenheiten verhandeln!“

„Mir wird’s freilich nicht viel nützen, aber für Euch kann’s vielleicht gut sein. Ich bin hier bekannt, und wenn es auch weiter gar nichts wäre, so kann doch wenigstens ein guter Rat nie Schaden bringen.“

„Ihr sprecht wahrhaftig grad wie ein Buch; aber wahr ist’s trotzdem, was Ihr sagt. So sollt Ihr denn meinetwegen wissen, daß ich mir hier eine Stelle suchen will.“

„Eine Stelle? Was denn für eine?“

„Beim Alten!“

„Beim Alten? Bei was denn für einen Alten, he, wenn’s gefällig ist?“

„Na, beim Fürsten.“

„Beim Fürsten? Bei dem wollt Ihr eine Stelle haben und nennt ihn doch den Alten?“ fuhr er zornig auf. „Da schlage doch ein Himmelmillionenschock — na, ich sehe da gar nicht ein, warum ich mich über Eure Malicen ärgern soll. Eure Stelle kann mir ja ganz gleichgültig sein!“

„Ich habe nichts dagegen, aber wer neugierig ist, muß auch die Antworten nehmen, wie sie kommen.“

„Hört ’mal, Ihr seid ein verteufelt aufrichtiger Kerl, und ich glaube, das Flunkern habt Ihr nicht gelernt!“

„Das will ich wohl zugeben. Man kommt mit der Ehrlichkeit immer noch weiter als mit der Flunkerei.“

„So? Da habt Ihr es wohl schon weit gebracht?“

„O ja, bis zum Reitknechte.“

„Alle Wetter, das ist allerdings weit; so wohl ist mir’s noch nicht geworden! Und da will Er wohl auch in diesem Fache Beschäftigung beim Fürsten haben, den Er den „Alten“ nennt, he? Na, ich wollte Ihn dafür kurranzen, wenn ich der „Alte“ wäre!“

„Erraten!“ antwortete der Stellesuchende lächelnd über das „Er“, mit welchem er an Stelle des „Ihr“ betitelt wurde, seit er von sich als Reitknecht gesprochen hatte. „Aber aus dem Kurranzen würde wohl nichts werden.“

„So! Warum denn nicht?“

„Weil Ihr es bleiben lassen würdet. Wenigstens seht Ihr grad wie ein verständiger Mann aus, und ein brauchbarer Diener hat auch seinen Wert.“

„I der Kuckuck, sehe ich wirklich wie ein verständiger Mensch aus?“ rief der Alte lachend, daß ihm die Thränen in die Augen traten. „Na, das wollte ich Ihm auch geraten haben. Was Er aber da von dem Diener schwatzt, das klingt recht nach Einbildung.“

„Da irrt Ihr Euch grade. Ein Mann soll nicht mehr, aber auch nicht weniger von sich halten, als er darf!“

„Jetzt spricht ja Er wie ein Buch. Kann Er denn wirklich ein Pferd reiten?“

„Ein Pfer d? Hm! Sprecht lieber, jedes Pferd!“

„Jedes? Höre Er ’mal, dazu gehört mehr als Brot essen! Der „Alte“ zum Beispiel, wie Er den Fürsten nennt, hat einen Rapphengst, der noch niemanden im Sattel gelitten hat. Das ist eine Bestie, wie es in der ganzen Welt weiter keine giebt!“

„Wer, der Alte oder der Rapphengst?“

„Mohrenelement, wie meint Er das? Er Himmelhund will doch nicht etwa seinen Narren aus mir machen. Das sollte Ihm ganz außerordentlich schlecht bekommen!“

„Halt, guter Freund, was Ihr da sagt, das fällt mir ja gar nicht ein. Ich habe Euch nur nicht recht verstanden und meinte gar, Ihr wolltet den Fürsten verschimpfieren. Aber da hättet Ihr’s mit mir zu

thun bekommen, denn der ist ein Kerl, welcher mehr wiegt, als fünfmalhunderttausend von der Sorte, wie Ihr seid. Ich habe einen heidenmäßigen Respekt vor ihm, und wer ihn schlecht machen will oder gar eine Bestie nennen, wie mir es vorhin schien, dem schlage ich das Lästermaul so breit, daß man darauf sechsspännig herumfahren kann!“

„So, so!“ schmunzelte es wohlgefällig um den schwarzen Schnurrwichs. „Er macht mir da ein schönes Kompliment mit den Fünfmalhunderttausend!“

„Na, ist’s etwa anders? Ich habe Euch noch nicht gefragt, wer und was Ihr seid, aber der Fürst ist Souverän, Feldmarschall, Gouverneur, Ritter von fünf Schock Orden und was alles sonst noch. Ist das etwa nicht genug, he?“

„Hm, etwas ist’s schon; aber was glaubt Er denn, was ich bin?“

„Ihr? I na, ich habe so einen Blick, so einen gewissen Geruch, um zu sagen, was einer ist, und ich irre mich selten. Ich glaube, Ihr — Ihr — handelt mit — mit — na, mit Zwiebeln!“

„Ich hand — le — mit — Zwie — Zwie — Zwie — beln — hahahaha — mit Zwie — Zwie — wie — wie — beln!“ brach der Alte mit einem Lachen los, welches fast in einen Lachkrampf ausartete und die Wände des Zimmers zu erschüttern schien. „O, Er ist ein weiser Salomo; aber erraten hat Er es doch: ich handle — hahaha — mit Zwie — wie — wie — beln — hahahaha — ja, und ich habe schon manchen in eine Zwiebel beißen lassen, daß ihm die Augen

übergegangen sind! Höre Er, Er ist kein unebener Kerl, und ich möchte Ihm gern einen Gefallen erweisen. Will Er wirklich zum Fürsten?“

„Freilich! Ich habe gehört, daß der Leibknecht abgegangen ist, und wollte fra­gen —“

„Halt da! Er versteht wohl von der Sache noch gar nichts? Leibknecht kann nicht jeder hergelaufene Fremde werden, sondern zu einem solchen Posten kommt nur einer, der erstens sein Fach aus dem Fundamente versteht, und zweitens vom Stalljungen auf gedient und sich das Vertrauen des Fürsten erworben hat. Das ist ein Vertrauensposten, auf den ein Unbekannter sich keine Rechnung machen darf.“

„Das ist mir alles gar wohl bekannt; aber man weiß doch manchmal nicht, wie der Hase läuft, und ein Fremder ist zuweilen ebenso brauchbar wie einer, der sich von Stelle zu Stelle emporscherwenzelt hat.“

„Ich will da nicht mit Ihm streiten, aber der Leibknecht des Fürsten muß, so viel ich weiß, nicht nur ein excellenter Reiter sein, sondern auch nach der Schnur fahren können, denn der „Alte“, wie Er den Fürsten nennt, ist etwas mürbe geworden, und das Fahren fällt ihm leichter als das Reiten, da er seine Achtundsechzig auf dem Rücken hat. Er steht jetzt mit seinen Buntröcken in Magdeburg und muß auch zuweilen hier in Dessau sein; da geht es denn oft herüber und hinüber, und der Leibknecht ist dabei meist seine einzige Begleitung. Versteht Er nun, was ich meine?“

„Warum denn nicht? Ihr macht es einem ja

so deutlich, als wenn Ihr gar auf Schulmeister gelernt hättet, und man bekommt einen wirklichen Respekt vor Euch. Aber Ihr sollt mir doch keine Angst machen, und ich werde mein Heil versuchen! Der Fürst soll jetzt grad in Dessau sein, und ich werde mich noch heut’ vormittags erkundigen, wie man es anzufangen hat, um mit ihm sprechen zu können.“

„Da braucht Er gar nicht erst ewig herumzufragen, denn ich kann es Ihm ebenso gut berichten, wie jeder andere. Ich muß nachher auch aufs Schloß; habe mit dem Hofgärtner so einiges abzumachen und werde wegen Ihm einmal zuhorchen. Bin auch nicht ganz so ohne alle Konnexionen, und bei Hofe geht es manchmal wunderbar zu — von der Nichte zum Vetter, vom Vetter zur Muhme, von der Muhme zur Tante, von der Tante zum Onkel, und so weiter, versteht Er! Wollen doch ’mal sehen, ob ich Ihn bis zum Kammerlakaien hinaufschieben kann; das andere ist dann Seine Sache.“

„Ja, da habt Ihr recht, daß bei Hofe zuweilen einer etwas thun kann, dem man es gar nicht angesehen hat, und ich habe alles Vertrauen zu Euch. Wenn Ihr ein Wort für mich sprechen wollt, so werde ich es Euch herzlich Dank wissen; aber wie habe ich mich denn sonst noch zu verhalten?“

„Das ist sehr einfach. Gehe Er einmal so in anderthalb Stunden aufs Schloß; da steht unter dem Thore einer, der muß jeden fragen, was er dort zu suchen hat, und dem kann er es einmal im Vertrauen

sagen, daß er den Zwie — hahahaha — den Zwie — wie — wiebelhändler sucht. Er wird Ihm sagen, wo ich stecke, und dann wird sich ja zeigen, ob ich derweile etwas für Ihn habe thun können.“

„Gut, ich werde mich pünktlich einfinden und Euch Ehre zu machen suchen!“

„Das will ich auch hoffen. Heda, Mutter Röse, hier ist Geld!“

Die Wirtin kam so eilig herbei, als ihr Körperumfang es ihr gestattete und nahm von ihm die Bezahlung für beide Gäste in Empfang.

„Habe Seine Zeche mit abgemacht! Er hat mit mir gegessen und getrunken und war also mein Gast. Leb’ Er wohl und verbummele Er die richtige Zeit nicht!“

„Habt keine Sorge. Danke für das Zahlen!“

Die Wirtin begleitete den Fortgehenden bis an die Thür, während der Zurückbleibende ihm mit einem listigen und befriedigten Lächeln nachblickte.

2. Beim „Alten“.

„Der alte Knasterbart“, wie der Feldmarschall des heiligen römischen Reiches deutscher Nation und Preußens, Leopold von Anhalt-Dessau, gern von seinen Soldaten genannt wurde, saß in seinem Arbeitszimmer. Die kleinen Fältchen an den äußeren Augenwinkeln

waren zusammengezogen und die tiefen Furchen der Stirn senkten sich nieder fast bis auf die Nasenwurzel — ein Zeichen, daß er sich mit unangenehmen Gedanken beschäftige.

Früher war es seine treue Lebensgefährtin, die einstige Apothekerstochter Anna Luise Föhsin gewesen, welche mit mildem Zuspruch so manche Wolke verscheucht, so manche Sorge mit ihm geteilt hatte, aber die lag nun im Grabe, die alte, liebe, gute Anneliese, und er mußte nun allen Ärger, alle Kränkung allein tragen, und das wollte ihm doch gar nicht in den harten Trotzkopf, der die lange Reihe von Jahren bis auf den heutigen Tag kein anderes Gesetz gekannt hatte, als seinen eigenen Willen.

Ärgerlich schob er den Stuhl zurück, riß einige Knöpfe des Uniformrockes auf und maß mit langen, raschen Schritten das Zimmer.

„Das ist doch geradezu, um des hellen lichten Teufels zu werden!“ monologisierte er. „Da hat der König am dreißigsten September bei Sorr die Österreicher mit seinen achtzehntausend gegen volle vierzig tausend aufs Haupt geschlagen, ihnen zweiundzwanzig Kanonen, zwölf Fahnen und zweitausend Gefangene abgenommen und glaubt nun, daß sie sich auf eine solche Schlappe heuer nicht wieder herauswagen werden. Die Armee kantoniert bei Schweidnitz, und General du Moulin soll sie mit seinem Kordon an der Grenze schützen. Der König ist nach Berlin gegangen und spielt Flöte, seine Soldaten liegen in ihren Baracken und rauchen Tobak, und keiner merkt, daß man unterdessen -

unterdessen da hinter dem Gebirge einen Trank zusammenbraut, der ganz verteufelt nach Schwefel und Salpeter schmecken wird.“

Dem alten Kriegshelden schien es wohl zu thun, sich immer weiter in seinen Grimm hineinzureden.

„Ja, ja, mich macht die österreichische Therese nicht dumm, und der Kaunitz, na, der taugt so wenig, daß ich ihn für zehntausend Thaler nicht in eine Kompagnie stecken möchte. Der Kerl ist ja die reine Flaumfeder und zieht zehn Röcke, zwanzig Überröcke und dreißig Pelze an, wenn er sich in den Hundstagen einmal an die Luft fahren läßt, und so einem Ofenhocker sollte der Dessauer nicht in die Karte gucken können? Prosit die Mahlzeit! Aber was hilft’s denn, he? Einen Brief nach dem anderen schicke ich nach Berlin, warne, mahne, bitte, drohe, kurz und gut, ziehe alle möglichen Saiten auf — und was ist die Folge? Man antwortet mir nicht einmal, lacht mich vielleicht gar noch dazu aus. Da muß doch gleich ein himmelmiserables Graupelwetter dreinschlagen, mich auch noch auszulachen! Wenn ich nur ein einziges Wort davon höre, so nehme ich meine zwölftausend Buntröcke, marschiere auf Berlin und lasse das ganze armselige Nest Spießruten laufen vom König an bis herunter zum letzten Schusterjungen!“

Jetzt befand sich der Sprecher in der vollsten Rage. Bei den letzten Worten war er stehen geblieben und hatte drohend den Arm erhoben. Er dachte gar nicht daran, daß er sich in der schönsten Revolution gegen seinen Feldobersten befinde, und als habe jemand

einen Einspruch gegen seine Rede erhoben, fuhr er plötzlich auf den Absätzen herum und rief:

„Was, das thäte ich nicht? Warum denn nicht, he? Wer will mir’s denn verwehren, mir, dem Sieger in den Niederlanden, am Rhein, in Bayern, in Italien, in Schweden und so weiter? Aber was ich gethan habe, das hat man vergessen, und wenn ich warne, da lacht man und — bläst Flöte dazu. I, da spielt meinetwegen Rumpelbaß oder Brummeisen, aber auslachen lasse ich mich nicht, und Antwort will ich haben, wenn ich schreibe! Aber ich weiß wohl, der Fritz ist mir nicht gut, weil ich bei seinem Alten, der Herrgott hab’ ihn selig samt seinem Tabakskollegium, einen Stein im Brette hatte. Ja, der kannte seine Leute, und wenn er auch manchmal ein wenig unbequem werden konnte, so — — Na, was will Er denn, er Schockschwerenöter?“ unterbrach er sich, als in diesem Augenblicke ein Diener unter der Thür erschien.

„Oberleutnant von Polenz. Meldung aus Halle!“

„Herrrrein!“

In der nächsten Sekunde stand der Genannte gerade und steif wie ein Ladestock vor dem Fürsten, diesem mit der Rechten ein versiegeltes Schreiben hinreichend. Leopold trat mit demselben ans Fenster, erbrach das Couvert und begann, den Inhalt zu buchstabieren. Er war nie ein Freund und Bewunderer der edlen Schreibekunst gewesen, und Meldungen lesen oder gar selbst die Feder führen, gehörte für ihn zu den größten Strapazen des Erdenlebens. Die Zeilen konnten nichts Gutes enthalten, denn seine Miene verfinsterte sich immer

mehr, und als er fertig war, ballte er das Schreiben in der Hand zusammen und trat mit Unheil verkündender Miene auf den Offizier zu.

„Weiß Er, was in dem Wische steht?“

„Zu Befehl, Excellenz.“

„Weiß Er auch, was draus wird, wenn das so fortgeht?“

„Zu Befehl, nein, Excellenz.“

„So! Oberleutnant will Er sein, und weiß das nicht, was sich ein jeder Tambour denken kann? Wenn das Desertieren und Ausreißen so fortgeht, so steht Er zuletzt ganz allein im Standquartiere und sperrt das Maul auf, oder kann sich auch so nach und nach verduften wie die anderen. Da schlage doch das Wetter in die Disciplin! Kein Tag vergeht, wo ich nicht vom Durchbrennen höre, und allemal sind’s die besten Kerls, welche sich davon machen, während die Taugenichtse kleben bleiben. Heut’ wieder der Korporal Nauheimer, der bravste Unteroffizier in der ganzen Armee. Auf den hätte ich Häuser gebaut! Warum hat sich der salviert, he? Das muß doch einen Grund haben, denn ohne Grund desertiert kein Nauheimer!“

„Halten zu Gnaden, Excellenz, ich weiß es nicht; der Korporal Nauheimer hat sich einen Urlaub von drei Tagen genommen und ist nicht wieder eingetroffen.“

„So! Und da zetert Ihr gleich über Desertion? Es kann doch dem Manne sonst ’was zugestoßen sein. Werde die Sache untersuchen! — Aber was ist denn nun das andere, he? Da wagen sich die sächsischen Werber herüber über die Grenze und schnappen uns

nicht nur die besten Bauernburschen, sondern auch die eigenen Soldaten weg! Nun hört mir aber alles auf! Zwölftausend Preußen stehen da, ziehen die Nachtmützen über die Ohren und lassen sich die feindlichen Werber geradezu zwischen den Beinen hindurchkriechen — will Ihm denn da sein bißchen Verstand nicht still stehen, he? Da sollen doch gleich zehn Millionen Granaten in die ganze saubere Geschichte hineinfahren! Na, ich werde hinüberkommen und die guten Herren beim Schopfe nehmen, daß es ihnen grün und gelb vor den Augen funkeln soll! Wie weit ist Er denn mit seiner Liebsten?“

„Excellenz, immer noch auf dem alten Flecke.“

„Kann mir’s denken! Tabak rauchen, Karte spielen, mit dem Säbel rasseln, den Verstand vertrinken, einem braven Bürgersmädchen den Kopf verdrehen, Schulden machen, Schlägereien anzetteln, das könnt Ihr alle; aber wenn es endlich einmal ernstlich einem gescheiten und anständigen Frauenzimmer gilt, da klebt Ihr in der Buttermilch und wißt kein Geschick dran zu machen!“

„Excellenz, halten zu Gnaden, das Fräulein von Naubitz hat die Marotte, nur mit einem Offizier anzuknüpfen, der eine Kompagnie hat, und da —“

„Papperlapapp! Meine Anneliese hat auch nicht nach der Kompagnie gefragt! Wenn man so ein Mädchen nur zu packen weiß, da fällt sie einem ganz von selbst um den Hals; ich weiß das ganz genau. Aber da scheint es Ihm am besten, nämlich an der Anstelligkeit zu fehlen. Die Naubitz ist meine Pate; Sein Vater schreibt mir und bittet mich um Protektion,

und ihm zu Liebe, der ein alter Kriegskamerad von mir ist, thue ich auch alles mögliche, um die Sache zu stande zu bringen, aber wenn Er selbst den Brei immer wieder anbrennen läßt, so mag Er zusehen, wenn ein anderer kommt und sie Ihm vor der Nase wegschnappt.“

„Verzeihen Excellenz, das glaube ich nicht befürchten zu müssen!“

„Nicht? Da weiß ich mehr als Er. Das Teufelsmädel ist schön, reich und klug, und ich glaube, sie hat bei ihrem letzten Besuche in Berlin einen gefunden, der es geschickter anzudrehen weiß als Er. ’s ist ein Rittmeister bei den Ziethenhusaren, und die sind in allen Dingen gewohnt, grad dreinzuschlagen. Da ihre Eltern tot sind, so hat der Mann kurz und bündig mich um das Jawort gebeten, und, wahrhaftig, er hätte es mit Freuden bekommen, wenn mir nicht noch zur rechten Zeit Sein Vater eingefallen wäre.“

„Gestatten, Excellenz, die Frage nach dem Namen des Rittmeisters?“

„Meinetwegen; es ist der Herr von Platen, derselbe, von dem man sich so manches lustige Reiterstückchen erzählt. Der König scheint ihn sehr zu protegieren. Er kann sehen, wie Er ihn aus dem Sattel bringt!“

„Werde es versuchen und sage Excellenz meinen schuldigen Dank für gnädige Information.“

„Schon gut! Das Mädel ist grad noch hier im Schlosse, geht aber schon in einigen Stunden auf ihr Gut nach Beyersdorf. Er ist noch im letzten Augenblicke -

Augenblicke gekommen; gehe Er zu ihr und mache Er seine Sache besser als bisher!“

Während des letzten Teiles der Unterredung hatte sich der Unmut des Fürsten etwas gelegt und einer freundlicheren Stimmung Platz gemacht, ein Umstand, aus welchem sich schließen ließ, daß der Vater des vor ihm stehenden Offiziers bei ihm in gutem Andenken stehen müsse. Am Schlusse der Endermahnung gab er mit der Hand das Entlassungszeichen und wandte sich zurück. Der Oberleutnant aber blieb, trotzdem der den Wink bemerkt haben mußte, stehen und zog zwischen den Rabatten der Uniform ein Papier hervor.

„Excellenz!“

„Was giebt’s denn noch?“

Ohne ein Wort der Erklärung auszusprechen, reichte der Gefragte das Schriftstück hin. Der Fürst trat wieder an das Fenster hin und studierte eine ganze Weile auf dem Zettel herum, bis er endlich ärgerlich in die Worte ausbrach:

„Was ist denn das für ein dummer Wisch, he? Das sieht ja gerade aus, als hätte einer Hände und Füße in die Tinte gesteckt und wäre dann mit allen vieren auf dem Papiere herumgekrochen. Und so eine heillose Sudelei wagt man mir zu schicken!“ Die Stirnadern schwollen wieder ganz bedenklich an, und die Augen begannen von neuem, ihre Blitze zu werfen. „Da kann ja kein Mensch einen richtigen Buchstaben herausfinden. Wird Er mir wohl sagen, welcher Esel das geschrieben hat?“

„Verzeihen, Excellenz,“ stotterte der Offizier in

größter Verwirrung; „Oberst von Brandow läßt ganz gehorsamst bitten, mir mitzuteilen, was die Zeilen enthalten.“

„Oberst von Brandow — mitteilen — enthalten — —? Seid Ihr denn alle miteinander verrückt geworden! Was habe denn ich mit der Korrespondenz des Obersten zu thun? Soll der Fürst Leopold von Anhalt-Dessau etwa Schreiberdienste bei ihm verrichten? Nun ist mir’s aber genug, und wenn Er nicht sofort macht, daß Er zur Thür hinaus kommt, so werde ich Ihm samt Seinem unverschämten Obersten zeigen, wie man sich gegen seinen Vorgesetzten zu verhalten hat. Hier ist der Wisch, und dort ist das Loch; vorwärts marsch!“

„Durchlaucht, Excel­lenz — —“

„Marsch, sage ich!“

„Bitte, tausendmal — —“

„Himmel-Kreide-Pech und Hölle, wird Er wohl Subordination leisten! Rrrrraus!“

„Excellenz haben — —“

„Rrrrraus!!“

„Diese Ordre hier — —“

„Rrrrraus!!!“

„Ja selbst geschrieben!“

„Rrrr — — — wa—a—a—as, selbst geschrieben? Ich? Diese Klexerei? Mensch, ich lasse Ihn auf der Stelle krumm schließen, wenn er das noch einmal sagt! Glaubt Er etwa, ich kann nicht schreiben oder gar mein Geschriebenes nicht lesen?“

„Kein Mensch wird wagen, so etwas nur zu

denken, Durchlaucht; aber bitte, die Unterschrift zu bemerken, und hier ist das Couvert!“

„Die Unterschrift? Hm, hm, ich unterschreibe mich doch „Leopold“, aber da ist kein L, kein e und auch kein o zu erkennen, und das „pold“ ist ganz und gar in der Tinte ersoffen. Zeige er das Couvert! Hm — hm — was soll denn die ganze Geschichte vorstellen?“

„Es ist die Ordre, welche Excellenz gestern durch einen reitenden Boten dem Herrn Obersten von Brandow zu — —“

„Was, meine Ordre ist’s? Und die kann der Oberst nicht lesen? Die schickt mir der Oberst zurück? Alle Stern-Hagel-Blitz- und Granatensplitter — jetzt hört endlich mal die Geduld auf — jetzt steigt mir’s in den Kopf

— jetzt lasse ich die ganze saubere Gesellschaft krumm schließen!“

Mit dem Zeichen der höchsten Erregung stürmte er im Zimmer auf und ab, stampfte mit den Füßen und focht mit den Armen in der Luft. Der vor Angst förmlich zitternde Polenz schwieg eine geraume Weile und unternahm es sodann, den Obersten zu entschuldigen:

„Excellenz, die Schrift —“

„Solche unmenschliche Dummheit! — ja, ja — die Schrift —“

„Ist durch die Hän­de —“

„Sollte man nicht — — ja ja — durch die Hände —“

„Des ganzen Offizierscorps gegangen!“

„Für möglich halten! Ja ja — Offizierscorps geg — was sagt er da? Des ganzen Offizierscorps? Eine

Ordre, die nur an den Obersten gerichtet war? Und das nennen diese Menschen militärische Diskretion! Na, ich komme hinüber — freut Euch nur!“

„Und keiner —“

„Was noch, he?“

„Hat sie lesen können!“

„Keiner — kein einziger — das wird immer toller!“

„Und da der Ordre doch Gehorsam geleistet werden muß — —“

„Das will ich mir auch ausgebeten haben, Ihr Himmelsackermenter!“

„So bin ich im Carrière herübergeritten — —“

„Nun und —?“

„Um gehorsamst zu fragen, welchen Befehl sie enthält.“

„Welchen Bef — — Mensch, sind Ihm denn alle Sinne abhanden gekommen, alle miteinander? Da ist wohl der Befehl noch gar nicht ausgeführt worden?“

„Excellenz verzeihen gnädigst, was man nicht lesen kann, kann man auch nicht ausführen.“

„Und das sagt Er mir, wirklich mir? Himmelherrgott, wo nehme ich nur heute diese übermenschliche Geduld her! Eigentlich sollte ich Ihn in Kochstücke hauen! Gebe ich da einen Befehl — und dieser Befehl wird nicht befolgt — weil man nicht lesen kann — und nun soll ich meine eigne Ordre lesen! Sage Er mir doch in drei Teufels Namen, für wen sie geschrieben ist!“

„Für den Herrn Oberst von Brandow.“

„Gut, jetzt scheint Ihm doch der Verstand wieder zu kommen! Wer hat sie also zu lesen?“

„Der Herr Oberst, Excellenz.“

„Richtig, ganz richtig! Bin ich aber etwa der Herr Oberst von Brandow?“

„Nein.“

„Richtig, sehr richtig! Also wer hat sie nicht zu lesen?“

„Ew. Durchlaucht.“

„Gut, vortrefflich! Merke Er sich das und sage Er das auch Seinem Herrn Obersten. Ich brauche nicht so zu schreiben, daß ich es lesen kann, denn ich schreibe keine Briefe und Ordres an mich selbst. Da ich heut’ aber ausnahmsweise einmal nachsichtig bin, so werde ich Ihm die Geschichte noch einmal zu Papiere bringen. Warte Er also!“

Mit einem grimmigen Lachen setzte er sich an den Tisch, und bald knirschte und kratzte die Feder laut und geräuschvoll über das Papier.

„So — da lese Er mal!“

„Excellenz, das — kann — ich — nicht — lesen!“

„Das will ich Ihm auch geraten haben; ich kann’s auch nicht lesen! Meine Befehle soll, darf und kann — versteht Er wohl? — kann auch nur der lesen, an den sie gerichtet sind. Und wer’s nicht kann, der mag sich zum Teufel scheren. Merke Er sich auch das, und sage Er es Wort für Wort dem Herrn Oberst wieder. — Jetzt aber mache Er, daß Er endlich fortkommt!“

Mit erleichtertem Herzen trat Polenz unter militärischem -

militärischem Gruße ab und schritt so schnell durch das Vorzimmer und über den Korridor, daß er fast mit einer jungen Dame zusammengerannt wäre, welche sich eben anschickte, die Treppe hinabzusteigen. Erschreckt fuhr er zurück, verbeugte sich errötend und stammelte:

„Entschuldigung, Fräulein von Naubitz, ich befinde mich so sehr in Ei­le — —“

„Daß ich den Herrn Leutnant keinen Augenblick aufhalten, sondern ihm gern den Vortritt lassen werde,“ fiel sie ihm in stolzer Haltung und mit einem feinen, überlegenen Lächeln in die Rede, indem sie mit einer abweisenden Handbewegung zurücktrat.

„O, meine Gnädige — so groß ist diese Eile denn doch nicht, — daß ich nicht einige Wor­te — —“

„Danke, danke! Der Dienst geht vor, und Ihr befindet Euch im Dienste. Bitte voranzutreten!“

„Ich werde gehorchen; aber zuvor bitte ich, mir zu sagen, warum Ihr gegen meine Person eine so große Abneigung hegt!“

„Ich muß bemerken, Herr von Polenz, daß hier nicht der geeignete Ort ist, von Zu- oder Abneigungen zu sprechen.“

„Dann ersuche ich ganz ergebenst um die Erlaubnis, einige kurze Minuten bei Fräulein eintreten zu dürfen!“

„Ich stehe eben im Begriff, der Einladung einer Freundin Folge zu leisten. Es ist ein Abschiedsbesuch, welcher sich unmöglich aufschieben läßt!“

Polenz wollte grad eine Entgegnung aussprechen,

als sich unten eine tiefe, wohlklingende Stimme vernehmen ließ:

„Höre Er, guter Freund, ist im Laufe des Vormittages nicht ein Zwiebelhändler hier gewesen?“

Die Sonderbarkeit der Frage ebenso wie der Wohllaut der sonoren Stimme, aus welcher trotz der in den Worten liegenden Erkundigung doch etwas Befehlendes klang, erregte die Ausmerksamkeit der Obenstehenden in der Weise, daß sie ihre eigenen Angelegenheiten vergaßen.

„Ein Zwiebelhändler? O, ja,“ tönte unter einem leisen Lachen die Antwort. „Er will wohl mit ihm sprechen?“

„Ja.“

„Dann ist Er wohl der Fremde, der bei Mutter Röse mit ihm gegessen hat?“

„Ja.“

„Gut, so gehe Er diese Treppe hinauf. Hinter der Thür, welche Ihm links entgegensteht, wird man Ihm Bescheid sagen!“

Das war die Thür des fürstlichen Vorzimmers; es handelte sich also vielleicht um eines jener spaßhaften Vorkommnisse, welche zuweilen einzutreten pflegten, wenn der Fürst die Stadt oder deren Umgegend einmal inkognito durchstrichen hatte. Die beiden an der Treppe Postierten sahen infolgedessen dem Erscheinen des Fragers mit einer gewissen Neugierde entgegen.

Jetzt kam er langsam und gemächlich die Stufen heraufgestiegen. Es war ein noch junger Mann,

welcher vielleicht dreißig Jahre zählen mochte. Von nicht zu hoher Gestalt, war er breitschulterig gebaut, von kräftigen Formen und gewandten Bewegungen. Wie er so mit über den Rücken gelegten Armen den Fuß von Stufe zu Stufe setzte, war es fast, als sei er hier zu Hause oder finde ganz und gar nichts Besonderes in einem Besuche bei dem strengsten Souverän des deutschen Reiches.

Oben angekommen, erhob er mit einem raschen und offenen Aufschlage den bis jetzt niedergerichteten Blick. Ein Blitz freudiger Überraschung leuchtete, als er die Dame erblickte, aus dem großen, dunklen Auge, aber so schnell, so kurz, daß Polenz ihn gar nicht bemerkte und dann klang es in gleichgültig fragendem Tone unter dem sorgfältig gepflegten Bärtchen hervor:

„Wo ist die Thür, die einem hier links entgegensteht?“

Fräulein von Naubitz war bei seinem Anblicke bis tief in den Nacken hinab errötet und schien durch die possierliche Frage ganz aus der Fassung gebracht zu werden. Desto mehr aber bewahrte der Lieutenant seine Würde.

„Kerl,“ rief er, „ist Er denn wirklich so heidenmäßig dumm, daß Er nicht weiß, was links und was eine Thür ist?“

„Freilich! Ich hielt Sein großes Maul für das Loch, durch das ich kriechen soll. Er reißt es ja sperrangelweit genug auf!“

Damit drehte sich der Fremde nach links und trat in das Vorzimmer. Polenz hob schon den Fuß,

ihm nachzueilen, um ihn für die Beleidigung zu züchtigen, aber die Gegenwart der Angebeteten veranlaßte ihn, seinen Zorn zu beherrschen.

„Freches Subjekt!“ brummte er. „Solches Volk darf man aber gar nicht beachten! — Also das gnädige Fräulein steht im Begriff, auszugehen? Und doch läßt mich der Dienst keine spätere Stunde erwarten.“

„Nun, so teilt mir schnell mit, war Ihr von mir wollt!“

„Was ich will, fragt Ihr? Nichts weiter, als eine endgültige Entscheidung. Ihr kennt mich und meine Verhältnisse und wißt auch, daß ich nicht ohne Protektion bin.“

„So wißt Ihr desto weniger, daß die Protektion der Liebe nur schadet. Diese läßt sich nicht kommandieren, sie handelt nach eigenem Ermessen und ist nur für den Preis zu haben, den sie selbst bestimmt.“

„So nennt mir diesen Preis!“ bat der Offizier, indem sein Blick sich mit verlangender Glut an die schönen, vollen Formen der Sprecherin heftete.

Mit träumerisch glücklichem Ausdrucke suchte ihr Auge die Thür, hinter welcher vor wenigen Sekunden der Fremde verschwunden war, und leise klang es von ihren Lippen:

„Ich kann nur einem Manne angehören, der neben imponierender Körper- und Geisteskraft auch einen Sinn für die feineren Gefühle des Herzens besitzt. Das profane alltägliche Leben muß mit den Strahlen der Romantik übersponnen werden, wenn die Liebe heimisch werden soll, und ich kann mir

nichts Entzückenderes denken, als wenn zum Beispiel ein stolzer Ritter die Zeichen seines Standes von sich legt, um im unscheinbaren Kleide nach dem Besitze der Geliebten zu ringen!“

In süßer Selbstvergessenheit haftete ihr Auge noch immer an der Thür, als könne sie durch dieselbe das Wesen erblicken, von welchem ihre Worte redeten; dann aber richtete sie sich stolz empor, grüßte den Leutnant mit einem kurzen Nicken des weißgepuderten Lockenköpfchens und rauschte die Stufen hinab.

„Die Zeichen seines Standes von sich legt — also inkognito — in unscheinbarem Kleide — stolzer Ritter — Besitz der Geliebten ringen —“ murmelte Polenz. „Hm, habe noch gar nicht gewußt, daß sie an solchen alten Burg- und Rittergeschichten Wohlgefallen findet. Mir soll’s recht sein — da bin ich dabei. Nach Beyersdorf geht sie? Gut, ich komme auch nach Beyersdorf — — aber natürlich ganz inkognito. Da giebts dann vielleicht Eduard und Kunigunde, und nachher zur Abwechslung Kunigunde und Eduard!“

Unter diesen Gedanken stieg auch er jetzt mit nachdenklicher Miene nach unten.

3. Die Reitprobe.

Währenddessen war der junge Mann, welchen wir zuerst bei Mutter Röse trafen, in das Vorzimmer des Fürsten getreten, wie wir gesehen haben. Dort

wandte er sich an den dienstthuenden Lakaien mit der Frage:

„Hat Er nicht vielleicht heut’ einen Zwiebelhändler hier herumlaufen sehen?“ Der Gefragte lachte mit dem ganzen Gesichte.

„Wie kommt Er denn dazu, einen Zwiebelhändler hier zu suchen?“

„Nu, der Mann hat mich herbestellt, und da unten an der Thür stand einer, der hat mich hier heraufgewiesen!“

„So, na, da gehe Er nur immer da hinein! Vielleicht findet Er da Seinen guten Freund von der Mutter Röse her.“ —

Noch immer rollte der Ärger seine Wogen durch die Adern des Fürsten, welcher unter dem Einflusse der gehabten Aufregung mit langen Schritten im Zimmer auf- und abspazierte. Als er den Eintretenden bemerkte, glättete sich sein faltenreiches Gesicht zusehends, trotzdem aber klang es kurz und barsch:

„Wen sucht Er hier?“

„Den Zwiebelhändler!“

„Den Zwie— ja ja, den Zwie— hahahaha — den Zwie—wie—wiebelhändler!“ Und sich breitspurig vor ihm hinstellend, rief er, immer noch lachend: „Will Er mich wohl einmal recht genau angucken?“

„Warum denn nicht, wenn’s Euch solchen Spaß macht!“

„Gut! Was sieht Er denn nun da, he?“

„Was ich sehe? Nu, was denn anders als Euch!“

„Höre Er ’mal, das versteht sich ja ganz von

selber! Aber ich meine, ob Er nicht so etwas bemerkt von wegen einer gewissen Ähnlichkeit.“

„Ähnlichkeit?“ und dabei musterte er mit der größten Aufmerksamkeit die Figur des Fürsten. „Nein, davon sehe ich nichts.“

„Was? Er sieht gar nichts in Beziehung auf mich und den Zwiebelhändler? Ich hätte wahrhaftig nicht gedacht, daß Er so wenig Grütze im Kopfe hat!“

Bei diesen Worten richtete sich der Fremde einige Zoll höher empor.

„Grütze? Höre Er, wem es von uns Beiden an Grütze fehlt, das wird sich finden, aber beleidigen lasse ich mich nicht, versteht Er wohl? Daß er mein Zwiebelhändler ist, das sieht wohl jedes Kind, und wer man selbst ist, dem kann man doch nicht ähnlich sehen. Also frage Er ein andermal gescheiter, wenn Er keine dumme Antwort haben will!“

„Alle Wetter,“ lachte der Fürst, daß ihm die Thränen über die Backen liefen, „ist Er denn nicht bei Troste, hier an diesem Orte so aufzutreten!“

„Ich bin den ganzen Tag bei Troste, und abends und des Nachts erst recht, am allermeisten aber jetzt eben! Hat Er’s verstanden! Er denkt wohl, weil er Seine Zwiebeln vielleicht in dem fürstlichen Garten bauen und also auch diese alte, speckige Livree tragen darf, oder weil Er ein Glas Bier und ein Stück Käse für mich bezahlt hat, so soll ich mir’s gefallen lassen, daß Er mich mit Grütze aufzieht? Da kommt Er bei mir an den Rechten, denn grade bei Grütze bin ich am allerempfindlichsten!“

Leopold konnte vor Lachen nicht antworten. Der Ärger war vollständig verschwunden und hatte der besten Laune Platz gemacht. Mit den Händen immer abwechselnd die Thränen aus den Augen wischend, bemerkte er auch nicht, daß es hier und da wie helle Belustigung über das Gesicht des Sprechers zuckte.

„Ja, lache Er nur! Ich kann meinen Käse schon noch selber bezahlen und brauche auch Seine Fürsprache gar nicht, denn ich werde auch ohne Ihn mit dem Fürsten reden können!“

„Ohne mich? Hahahaha! Das möchte ich doch einmal sehen, wie es zuginge!“

„Wie das zuginge? Gut, das werde ich Ihm gleich zeigen!“

Er drehte sich um, schritt nach dem Eingange und hatte diesen schon geöffnet, als es hinter ihm erscholl:

„Halt, komme Er noch einmal her!“ Langsam und zögernd folgte er dem Rufe.

„Sage Er doch in des Teufels Namen, wo will Er denn da eigentlich hin?“

„Wohin denn anders als zum Fürsten? Mit Ihm werde ich mich nicht etwa lange hier herumärgern!“ Wieder brach der Fürst in ein schallendes Gelächter aus, und nur mit Mühe brachte er die Frage hervor:

„Aber sieht Er denn wirklich nicht, daß ich der Fürst selber bin?“

„Er? Na, Er wäre mir der Rechte!“

Das Lachen wurde immer dröhnender, bis sich Leopold endlich mit Gewalt beherrschte und mit ernster Miene dicht an den Ungläubigen herantrat.

„So, Er glaubt es nicht?“

„Nein, nicht eher, als bis Er mir Sein Wort giebt, daß es wahr ist.“

„Gut, hier hat Er meine Hand darauf, daß ich Leopold heiße!“

„Jaaa — Leopold heißen Viele!“

„Na, und daß ich der Fürst bin!“

Der Fremde hatte bisher in bequemer und gemütlicher Haltung dagestanden, jetzt aber reckte sich wie unter einem elektrischen Schlage seine Gestalt in stramme Breite und Höhe, und selbst das Auge des feinsten oder strengsten Exerziermeisters hätte nicht die leiseste Veranlassung zu irgend einem Tadel wahrgenommen. Wohlgefällig überflog Leopold den kraftvollen und dabei doch so geschmeidigen Gliederbau und meinte dann in freundlichem Tone:

„Also eine Stelle sucht Er bei den Pferden?“

„Durchlaucht, nicht bei den Pferden, sondern bei Euch!“

„Das ist hüben wie drüben: die Pferde sind meine, und meine sind die Pferde, also wenn Er eine Stelle bei meinen Pferden hat, da — na was lacht Er denn?“

„Entschuldigung, Durchlaucht — da habe ich bei den Pferden auch eine Stelle!“ antwortete der Gefragte rasch, der den Eindruck der wunderlichen Logik des Fürsten nicht schnell genug überwinden konnte.

Verdutzt sah ihn dieser an, bis ihm endlich ein Licht aufging über die gehabte sprachliche Konfusion; er lachte selbst darüber und rief:

„Ja, so geht’s einem, wenn man sein A-B-C mit dem Säbel schreibt und seine Verse mit den Kanonen singt! Der Dessauer ist eben nicht zum Schulmeister geboren. Aber bleiben wir doch bei der Fahne! Also Er getraut sich jedes Pferd zu reiten, wie Er am Vormittage sagte?“

„Ja.“

„Gut, ich nehme Ihn beim Worte. Leibknecht kann einer eigentlich erst nur nach langen Dienstjahren werden; so ein Mann will erprobt sein. Aber Er gefällt mir, und so will ich Ihm denn ein Generalstückchen aufgeben, welches ebenso viel wiegt wie eine lange Dienstzeit. Drunten steht ein Rapphengst, der hat neunundneunzig Teufel im Leibe; satteln und aufzäumen läßt er sich, aber damit ist’s basta; er hat bisher alle in den Sand geworfen, die sich an ihn gewagt haben, und es waren Kerle drunter, vor denen man Respekt haben muß. Will Er’s versuchen?“

„Warum nicht, Durchlaucht? Den wollen wir schon kriegen!“

„Das hat jder gesagt; aber sitzen bleiben ist die Hauptsache. Komme Er ’mal mit!“ Einen leichten Überrock umwerfend, schritt er voran hinunter zu den Stallungen.

Sämtliches Personal von dem eben anwesenden Oberstallmeister bis herab zum letzten Jungen betrachtete den Fremden mit neugierigen Blicken, als

der Befehl erteilt wurde, den Rappen vorzuführen. Es war ein prachtvolles Tier, dessen Bau einen jeden Kenner und Liebhaber in Entzücken versetzen mußte; aber aus den dunkel von der Weiße des Augapfels abstechenden Pupillen loderte unbezähmte Wildheit.

Vier starke Reitknechte waren notwendig, es herbeizuführen, und kaum hatten sie mit ihm den Platz betreten, so zogen sich alle anderen ängstlich zurück, um bei dem zu erwartenden Schauspiele nicht beschädigt zu werden. Die Hauptperson auf der Scene aber, der Fremde nämlich, schien für das Tier gar keine Aufmerksamkeit zu haben, sondern sein Blick war auf eine Person gerichtet, welche an einem der geöffneten Fenster stand und mit unverkennbarer Angst in dem schönen Angesichte dem Vorgange zuschaute.

„Marie!“ flüsterte er. „Sie hat mich erkannt. Sie schien vorhin ausgehen zu wollen und ist doch zurückgeblieben, um zu sehen, was ich bei dem Alten thue. Nur getrost, mein süßes Mädchen — werde ihm das verweigerte Jawort schon noch abzwingen!“

Er wandte sich dem Pferde zu, welches abwechselnd vorn und hinten in die Höhe ging und die Knechte mit wirklichem aber immer nur kurzem Erfolge von sich abzuschütteln suchte.

„Aufgepaßt!“ kommandierte er. „Sobald ich springe, laßt Ihr fahren und bringt Euch in Sicherheit!“

Eben bäumte sich der Rappe auf den Hinterfüßen hoch empor — ein kühner Sprung — der

Illustration 4
„Kerl,“ rief der Leutnant, „ist Er denn wirklich so dumm, daß Er nicht weiß, was links und was eine Thür ist?“ (S. 84.)

Reiter saß im Sattel, und die vier Leute flogen nach allen Richtungen davon.

Im ersten Augenblicke schien das Tier gar nicht zu wissen, was mit ihm geschah und stand eine Weile vollständig bewegungslos, dann aber schnellte es plötzlich mit allen Vieren in die Luft und versuchte durch eine Reihe von Seitensprüngen sich der Last zu entledigen. Als ihm das nicht gelang, warf es sich nieder, sprang wieder empor, wälzte sich, dazwischen immer wieder von neuem aufspringend und sich zur Erde werfend, nach allen Seiten hin und her, gebrauchte Hufe und Zähne, um sich des Reiters zu erwehren, aber immer blieb dieser über ihm und schien desto größeres Gaudium zu empfinden, je toller es die Bestie unter ihm trieb. Jetzt sauste er im rasenden Galopp dahin, riß das Pfed im halsbrecherischen Schwunge auf den Hinterhufen herum, sprengte bis gegenüber der Thür, unter welcher der Fürst stand, und rief mit lauter Stimme:

„Aufgepaßt jetzt, wer Etwas lernen will!“

Mit kräftigem Stoße grub er den Daumen der geballten Hand zwischen Hals- und Rückenwirbel des Pferdes ein; dieses stieß einen Schmerzensschrei aus, der mit dem Klange des gewöhnlichen Wieherns nicht die entfernteste Ähnlichkeit hatte, und versuchte, wieder in die Höhe zu steigen. Aber wie eingemauert stak sein Leib zwischen den Schenkeln des Reiters, deren gewaltiger Druck ihm trotz der Anstrengung aller Muskeln und Fibern den Atem und die Bewegung raubte. Es war ein Anblick zum Angstwerden. -

Angstwerden. Hier kämpfte nur Körperkraft gegen Körperkraft, und die geistige Überlegenheit des Menschen war für den Augenblick suspendiert. Die Stirnadern des muskelstarken Mannes traten blau und angeschwollen hervor; blutrot lag die Anstrengung auf seinem Gesichte, und groß und schwer fielen die Tropfen des Schweißes ihm von den Wangen herab. Bewegungslos waren seine Züge, starr hing das Auge an dem Kopfe des Pferdes, und dem Zerreißen nahe spannten sich die Zügel. Der Odem des Rappen drang pfeifend durch die Nüstern; die Beißkette knirschte unter den vor Angst zusammengepreßten Zähnen; die Hufe hoben sich unter den krampfhaft zuckenden Beinen und suchten doch sofort wieder den Boden. So hielten Roß und Reiter eine ganze kleine Ewigkeit an derselben Stelle, bis endlich das erstere lautlos zusammenbrach.

Ein allgemeines „Ah“ der Bewunderung und Erleichterung entfuhr den Lippen aller, welche Zeugen dieses Meisterstückes gewesen waren; über alle Rufe hinweg aber ertönte die Stimme des Fürsten:

„Mensch! Kerl! Wo hat Er nur um aller Welt willen diese heidenmäßige Stärke her? Da stehen einem ja die Haare zu Berge, wenn man daran denkt, daß man einmal unversehener Weise zwischen Seine Beine geraten könnte. Er hat mir ja den Rappen zusammengedrückt, daß er nach Luft schnappt wie ein Karpfen! Höre Er, ist Er denn auf dem Wagen auch so zu Hause wie auf dem Pferde?“

„Ich denke, Durchlaucht!“

„So! Nun, wenn Er es denkt, so wird es auch schon wahr sein; ich habe es Ihm gleich angesehen und auch gesagt, daß Er das Flunkern nicht gelernt hat. Er soll die Stelle haben. Dort steht der Herr Oberstallmeister, der wird Ihm seine Instruktionen geben! Über seine früheren Verhältnisse werden wir schon noch reden!“

Langsam entfernte sich der Fürst. Die Knechte zogen das bis aufs äußerste ermattete Pferd, welches sich unterdes wieder aufgerichtet hatte, in den Stall, und der Vorgesetzte, an welchen der Pferdebändiger gewiesen worden war, unterwies denselben in seinen Obliegenheiten, und zwar in einer Weise, welche deutlich erkennen ließ, daß dabei das Wohlwollen des Fürsten bedeutend mit in Betracht gezogen werde.

Als er das Schloß verließ, um zu Mutter Röse zu gehen, wo er seit seiner gestrigen Ankunft in Dessau logiert und also seine Effekten liegen hatte, hörte er das Rauschen einer seidenen Robe hinter sich und vernahm zugleich die Worte:

„Curt, Du hier? Was soll diese Maskerade?“

Er zog die Schritte etwas ein, und während die Fragerin vorüberpassierte, antwortete er:

„Grüß Dich Gott, mein Herzensschatz! Ich nahm Urlaub, um auf den mir gewordenen abschlägigen Bescheid unerkannt die Verhältnisse zu sondieren. Im Gasthause traf ich auf den Fürsten und bin durch die Macht der Umstände in seinen Dienst geraten, obgleich das gar nicht in meiner ursprünglichen Absicht lag. Nun mag’s laufen, wie es läuft.“

„Ich gehe nach Beyersdorf. Sehen wir uns dort?“

„Ja, wenn es möglich zu machen ist. War das vorhin der Polenz?“

„Ja,“ hörte er noch, dann hatte sie ihn so weit überholt, daß keine weiteren Bemerkungen ausgetauscht werden konnten.

Bei Mutter Röse angekommen, trat er zunächst noch einmal in die allgemeine Gaststube, um sich nach der gehabten Anstrengung an einem Kruge guten Bieres zu erquicken. Obgleich er anfänglich nicht daran dachte, die Anwesenden zu beobachten, wurde seine Aufmerksamkeit doch bald durch zwei Männer in Anspruch genommen, welche an dem benachbarten Tische saßen.

Der eine, lang und hager, aber starkknochig gebaut, trug einen schwarzen Knebelbart; seine kleinen, stechenden Augen blickten listig unter den buschigen Brauen hervor, und jeder Zug seines von der Sonne verbrannten Gesichtes verriet den schlau berechnenden Egoisten, dessen höchster Lebenszweck der Gewinn ist. Der andere und jüngere war, wie aus der Ähnlichkeit zwischen beiden sich schließen ließ, jedenfalls sein Sohn und schien auch in geistiger Beziehung ganz das Ebenbild seines Vaters zu sein.

„Was sagst Du da, Junge? Du hättest zum Beispiel eine Gelegenheit gefunden?“ fragte der letztere.

„Ja, und was für eine!“

„Wo denn, zum Beispiel?“

„In Bitterfeld.“

„In Bitterfeld? Wie bist Du denn dahin gekommen? -

gekommen? Dort giebt’s ja fast nur lauter Tuchmacher, Töpfer und Schuster.“

„Oho, es giebt auch ganz bedeutenden Getreidebau dort, den die Fläminger betreiben, die ihr eigenes Recht haben. Aber diese Leute sind so zähe, daß unsereiner an ein Geschäft mit ihnen gar nicht denken kann. Ich wollte es versuchen, deshalb ging ich hin, aber umsonst. Der einzige, mit dem sich ein Wörtchen reden läßt, ist der Bäcker Wolstraaten; das ist ein Kerl, mit dem sich etwas machen läßt, aber es fehlt ihm eben auch am besten!“

Dabei machte der Sprecher die Gebärde des Geldzählens.

„So! Was zum Beispiel läßt sich denn mit ihm machen?“

„Hm, ich denke, so ziemlich alles, wenn’s nur was einbringt.“

„Junge, Du bist ein Schlauberger, und wenn Du von jemandem so etwas sagst, so hast Du auch Deine Gründe dazu. Hab’ ich Recht?“

„Möglich.“

„Ja ja, bist ganz nach mir geraten, ganz nach mir. Also, was ist’s zum Beispiel mit dem Bäcker?“

Der Gefragte sah sich scheu um; da aber unser Lauscher in seinen Bierkrug vertieft zu sein schien und die andern Gäste zu entfernt saßen, um Zeugen des Gespräches sein zu können, so antwortete er, wenn auch in etwas gedämpfterem Tone:

„Der fragt bei allem, was ihm vorkommt, nur, ob es ihm was einbringt, und je mehr es trägt,

desto weniger bekümmert er sich darum, wie man es nennt. Er hat in einem Umkreise von mehreren Meilen die Hauptniederlage für den Elbschmuggel, steht mit allen Langfingern in ziemlicher Freundschaft und weiß vielleicht auch von den Seelenverkäufern und Werbern zu reden, welche die Gegend dort herum so unsicher machen.“

„Das ist ja ein ganz außerordentlich gefährlicher Kerl! Mit dem mag ich zum Beispiel nicht zu thun haben, gar nichts.“

„Ja, das wäre wohl auch meine Meinung, aber der Mann hat auch eine ganz vortreffliche Seite.“

„Welche denn?“

„Die, daß er Vormund ist.“

„Vormund? Von wem denn zum Beispiel?“

„Na, von der, die ich vorhin meinte!“

„Ach so! Aber mache mir die Sache doch etwas deutlicher!“

„Du weißt, die Fläminger sind eigne Leute, die so ihre altherkömmlichen Gebräuche haben und sich den Teufel um unsre Gesetze und Regeln kümmern. Bei ihnen hat ein Vormund eine ganz ungewöhnliche Macht über sein Mündel und darf mit dessen Person und Habe schalten und walten fast nach Belieben. Und da wäre denn mit dem Wolstraaten ein Geschäft zu machen.“

„Wieso?“

„Sein Mündel, ein blitzsauberes Mädel, soll eine Erbschaft gemacht haben in Haarlem oder so da herum; die wird jetzt ausgezahlt und —“

„Da hast Du Dich an das Mädel gemacht?“

„Ja, noch mehr aber an den Vormund.“

„Höre, Du bist ein ganzer Junge! Bei den schweren Kriegsläuften zum Beispiel haben wir im Geschäfte mehr zugesetzt als profitiert, und da könnte man so eine Zubuße schon gebrauchen. Wie ist’s denn gegangen mit der Sache?“

„Gut und schlecht, je nachdem man es nimmt. Das Sofje, wie die Flamänder statt Sophie sagen, hat einen Liebsten, und ich habe also nicht viel ausrichten können; den Bäcker aber habe ich auf meiner Seite, und das ist doch immer die Hauptsache.“

„Wie hast Du denn das zuwege gebracht?“

„Das ist doch so einfach wie nur was: ich lasse ihn mit erben!“

„Das war gescheit! Politisch muß man sein, und Du bist bei mir zum Beispiel in eine gute Schule gegangen. Ihr seid also einig geworden?“

„Ja; es fehlt nichts weiter, als daß Ihr nach Bitterfeld fahrt und die Sache mit ihm vollends in Ordnung bringt. Das schöne Geld sticht einem in die Augen, und wenn man erst das Mädel sieht, da möchte man gleich mit beiden Beinen dreinschlagen.“

„Ich glaube, Du bist gar verliebt! Da wird man ja selbst ordentlich neugierig. Weißt Du was? Ich werde gleich morgen oder übermorgen hinauffahren. Zu thun giebt’s hier nicht viel, und bei solchen Dingen darf man keine Zeit verlieren. Also einen Liebsten hat sie? Was ist es denn für ein Mensch?“

„Er heißt Nauheimer und ist Korporal.“

„Also ein Buntrock ist er? Da ist es mir garnicht angst, denn diese Sorte darf zum Beispiel gar nicht so leicht ans Heiraten denken, und das Mädel wird, wenn sie etwas auf sich hält, sich bedanken, einen solchen Bruder Leichtfuß zu nehmen.“

„Verrechnet Euch nur nicht! Ein bildschöner Kerl ist er, das muß ich sagen, und das Sofje ist auch ganz vernarrt in ihn. Außerdem soll der alte Dessauer große Stücke auf ihn halten, und wo so ein Herr dahintersteckt, da weiß man nicht, wie es werden kann.“

„Dieser Punkt darf Dir keine große Sorge machen! Du bist ja auch ein Kerl, der sich sehen lassen kann, und wenn der Nauheimer sich etwa gar zu breit macht, so hast Du ja ein Paar gute und gesunde Fäuste, mit denen sich zum Beispiel schon etwas machen läßt. So ein Korporal hat seinen Rücken auch nicht von ungefähr und fühlt eine Tracht Prügel ebensogut wie jeder andere. Als ich zu Deiner Mutter auf die Freite ging, habe ich gar manchen herzhaften Puff austeilen müssen, ehe ich sie den andern wegschnappte, aber Püffe, sage ich Dir, Püffe, die thun manchmal Wunder, besonders wenn sie nicht gar zu zart sind!“

„Hört, Vater, Euer Wort in Ehren, da kommt Ihr bei dem Nauheimer an den rechten. Ich hab’s auch ohne Euch gewußt, was eine derbe Faust zustande bringt, aber bei dem mag ich’s mein Lebtag nicht wieder versuchen.“

„Was? Du bist wohl schon mit ihm zusammengeraten?“

„Na, das versteht sich, und wie!“

„Nu, und weiter?“

„Was denn weiter? Ich habe meine Prügel eingesteckt und das Nachsehen gehabt!“

„Mohrenelement! Du hast Dich so ruhig abwalken lassen und bist dann fortgeschlichen? Da muß ich mich als Dein Vater ja wirklich schämen. Das hätte zum Beispiel mir passieren sollen; alle Wetter, hätte ich den

Kommisbrotbeißer kurranzen wollen! Aber so ist’s jetzt bei Euch Dämlingen: Ein sauberes und reiches Mädchen sticht Euch wohl schon in die Augen, aber wenn es gilt, für sie einmal dreinzuschlagen, da salviert Ihr Euch und reibt den Buckel!“

„Oho, da seid Ihr allerdings auf dem Holzwege! Ich bin auch kein Hasenfuß und weiß mich meiner Haut schon zu wehren, aber der Korporal steht für zehne; so einen Goliath habe ich noch garnicht gesehen. Deshalb hält ja eben der alte Dessauer so große Stücke auf ihn, denn der Nauheimer und der Rittmeister Platen von den Ziethenhusaren, das sind die beiden stärksten Kerle in der ganzen preußischen Armee, das weiß jedes Kind. Ich glaube, wenn die zwei mal zusammen kämen, die hauten eine ganze Kompagnie kurz und klein!“

„So schlimm ist’s doch wohl nicht! Von dem Platen habe ich auch gehört, und der soll ein ganz verteufelter Satan sein, was aber Deinen Korporal betrifft, so ist er mir noch nicht mit einem einzigen Wort vor die Ohren gekommen, und ich glaube, es läßt sich mit ihm schon fertig werden! Wie ist es denn zum Beispiel eigentlich mit Eurer Balgerei gewesen?“

„Das war so: Das Sofje wollte am Sonntag abends auf den Tanz gehen; das erfuhr ich von dem alten Wolstraaten. Das Mädel ist eine flotte Tänzerin, und der Bäcker gab mir da einen Wink, mich an sie zu machen, „denn“, sagte er, „ein guter Tänzer und eine flotte Tänzerin gegen einen tüchtigen Hopser, und zwei Hopser ein Liebespaar.“ Ich machte mich also auch auf den Saal und suchte sie auf; aber das Ding war gar nicht so leicht, wie ich es mir gedacht hatte.“

„Wieso denn zum Beispiel?“

„Weil um das Mädel ein Gezerre und Gereiße war, als ob es auf der ganzen Welt weiter gar keine andere gäbe. Einer nahm sie dem andern nur immer so vor der Nase weg, und ich kam garnicht einmal dazu, nur ein Wörtchen mit ihr zu reden.“

„Donnerwetter, das muß doch ein ganz außerordentlich hübsches Geschöpfchen sein, daß es den Burschen die Köpfe so verdreht! Ich werde immer neugieriger auf das Mädel. Morgen fahre ich hinauf nach Bitterfeld!“

„Ja, da guckt sie Euch nur einmal an! Die hat ein Gesicht wie Milch und Blut; ein Paar Augen macht sie, daß es einem ganz weich im Magen wird, und gewachsen ist sie dazu, wie — wie — na, die vornehmste Dame brauchte sich nicht zu schämen, und Ihr werdet es ja selbst sehen, wenn Ihr hinkommt. — Also ich mußte nur immer so von weitem stehen, und Ihr könnt Euch wohl denken, daß es mir darüber ganz kollerig und grimmig zu Mute wurde. Am

liebsten hätte ich schon jetzt dreinschlagen mögen; aber es hatte mir ja eigentlich noch gar niemand etwas gethan, und so mußte ich meinen Ärger im stillen hinunterkauen. — Da auf einmal geht die Thüre auf, und es tritt ein Kerl herein, so lang und breitschultrig, daß er oben, hüben und drüben fast anstößt, und dabei quirlt er sich den Schnurrbart und reißt ein Gesicht wie ein General.“

„Du, das war wohl zum Beispiel der Nauheimer?“

„Freilich war er’s, aber ich wußte es noch nicht und hatte auch noch gar nichts von ihm gehört. Als ihn die Sophie sieht, läßt sie ihren Tänzer grad mitten auf dem Saale stehen, lacht vor Freude bis hinter die Ohren und drängt sich durch das Gewühle bis hin zum Korporal. Und der packt sie auch ganz ungeniert unter den Armen, hebt sie in die Höhe und klebt vor allen Leuten seinen Schnurrbart unter ihr Näschen, als ob er dort vierzehn Tage hängen bleiben sollte.“

„Ja, so einer mit zweierlei Tuch zum Beispiel nimmt sich gar viel heraus. Aber mach’ weiter!“

„Als er sie wieder auf die Füße gestellt hat, gucken sie sich einander in die Augen, als hätten sie sich seit Abrahams Zeiten nicht gesehen, und dann packt er sie plötzlich um den Leib und — heidi, geht’s los, rund herum, daß die andern Paare auseinander fliegen und es einem ordentlich wirbelig wird.“

„Der macht kurzen Prozeß; das muß ja ein Tausendsapperloter sein!“

„Hm, ja, und die Bursche hatte einen solchen

Respekt vor ihm, daß sich keiner von jetzt an mehr an das Mädchen wagte. Das war grad so, als wäre er ganz allein Hahn im Korbe, und auch die Musikanten spielten bloß die Tänze auf, die er bestellte.“

„Aha, es schwant mir schon, und jetzt zum Beispiel geht der Teufel los!“

„Ihr habt’s erraten! Die Geschichte wurmte mich natürlich ganz ungemein, und da ich mich nun von den andern nicht mehr zurückgedrängt sah, so wartete ich erst noch ein Weilchen und steuerte dann auf sie zu, um sie zum Tanze wegzunehmen. Das Mädel lachte mich an und meinte:

„„Warum denn nicht, wenn’s mein Liebster da erlaubt!““

Jetzt mußte ich ihn fragen, aber er antwortete mir gar nicht, sondern drehte sich zu ihr:

„„Du weißt ja, wie ich es gehalten haben will: wenn ich nicht da bin, so kannst Du meinetwegen mit jedem honetten Burschen tanzen, wenn ich aber komme, so hat’s damit ein Ende. Wer ist denn der?““

„„Das ist ein Getreidehändlerssohn aus Dessau, der mit dem Vater Geschäfte macht.““

„„So, dagegen kann ich nichts haben, aber mit Dir soll er keine Geschäfte machen!“ Und darauf wandte er sich herum und sagte: „Hat Er’s gehört? Marsch, ab!““

„Alle Hagel, grad als hätte er einen Rekruten vor sich. Was zum Beispiel hast Du denn dazu gesagt?“

„Das Kommandieren fuhr mir in die Nase. „Der

soll sich verrechnet haben,“ dachte ich, und deshalb antwortete ich grad in demselben Tone wie seiner gewesen war: „Höre Er ’mal, hier ist ein öffentlicher Ort, und ein Mädchen, das hierher kommt, muß mit jedem tanzen, der sie wegnimmt, wenn sie noch nicht versprochen ist. Mein Geld ist auch kein Blech, und wenn ich bezahle, so tanze ich, mit wem ich will!““

„Da hast Du es ihm aber zum Beispiel tüchtig gesteckt! Und was sagte er dazu?“

„Erst gar nichts; er blinzelte mich nur so verdächtig vom Kopfe bis zum Fuße an; nachher stand er auf, stellte sich groß und breit vor mich hin und meinte ganz freundlich:

„„So ist’s recht, mein Junge, so gefällst Du mir! Aber mache, daß Du fortkommst, sonst könnte ich Dir nicht gefallen!““

„Da bist Du doch nicht etwa fortgelaufen?“

„Freilich bin ich gegangen! Ich weiß selber nicht, wie das gewesen ist, das war so eine sonderbare Freundlichkeit, daß es mir ordentlich in die Beine gefahren ist, und ehe ich zur rechten Überlegung gekommen bin, habe ich wieder in meiner Ecke gestanden. Die dabei gewesen sind, haben mich ausgelacht, und da ist eine wirkliche Wut über mich gekommen. Als der nächste Tanz losging, bin ich wieder auf die beiden zugetreten und habe den Korporal gefragt:

„„Ist Seine Liebste jetzt versprochen?““

„„Nein,““ antwortete er.

„„Und Er tanzt auch nicht mit ihr?““

„„Nein, diesmal nicht.““

„„So werde ich’s einmal mit ihr versuchen.““

„„Das lasse Er ja bleiben. Es könnte Ihm am Ende einen Schnupfen eintragen!““

„„Oho, glaubt Er etwa, die Mädels seien alle nur für Ihn gewachsen?““

„Dabei habe ich sie beim Arme ergriffen und mit ihr fortgewollt; aber ehe ich’s mir nur versehen konnte, bin ich durch das Gedränge hindurch bis grad vor die Thür geflogen, so daß ich rechts und links ein halbes Dutzend von den im Wege Stehenden mit niedergerissen habe, und da ist er auch schon wieder bei mir gewesen, hat mich angefaßt, sodaß ich mich nicht rühren konnte, und mich die Treppe hinunter bis vor das Haus getragen. Da ist drüben über der Straße ein langer, hölzerner Wassertrog gestanden, in den hat er mich der Länge lang hineingelegt, sodaß mir das Wasser aus dem Rohre grad’ über die Nase gelaufen ist.“

„Und Du hast Dir das so ruhig gefallen lassen? Das hätte er zum Beispiel einmal mit mir probieren sollen!“

„Ihr hättet auch nichts machen können! Der Mensch ist ja so stark, daß mir nicht nur der Atem, sondern auch Hören und Sehen vergangen ist. Und so habe ich mich denn aus dem kalten Bottich herausgekrabbelt und bin meiner Wege gegangen. Als ich so pudelnaß zum Bäcker kam, ist der fuchswilde über das Mädchen gewesen, und ich mag die Predigt nicht mit anhören, die sie später jedenfalls bekommen hat. Ich bin in andere Kleider gefahren, habe einen warmen

Schluck zu mir genommen, und dann sind wir noch lange beisammen gesessen, um unsre Heiratsgeschichte in Ordnung zu bringen. Als ich am frühen Morgen fortging, hat er mir noch einen schönen Gruß an Euch aufgetragen, und Ihr solltet nur recht bald kommen, um Euch die Gelegenheit einmal anzusehen.“

„Na, das ist ja ein ganz miserables Abenteuer gewesen, und hier ist zum Beispiel gar nicht viel Zeit zu verlieren! Ich werde, wie gesagt, schon morgen fahren, und es müßte nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn ich den Handel nicht zu stande brächte. Ich bin schon noch der Mann, so einem nichtsnutzigen Korporal den Braten zu verderben! Komm, trink aus; wir müssen das Geschirr putzen, daß morgen alles recht hübsch sauber ist. Wer gut schmiert, der fährt auch gut!“ —

Bei der Erwähnung des Rittmeisters Platen hatte sich unser schweigsamer Zuhörer vorhin eines leisen Lächelns nicht erwehren können; jetzt blickte er den beiden sich entfernenden Männern mit ironischem Ausdrucke nach und winkte dann die Wirtin herbei.

„Kennt Ihr die zwei, welche hier an diesem Tische saßen, Mutter Röse?“

„Ei freilich werde ich sie kennen. Es war der Getreidehändler Habermann mit seinem Sohne.“

„Habermann? So so! Das sind wohl reiche Leute?“

„Steinreich, wie die Leute sagen. Der Alte ist ein Pfiffikus, aber auch ein sonderbarer Kauz. Bei

jedem Worte sagt er „zum Beispiel“. Wollt Ihr Geschäfte mit ihm machen?“

„Nein. Ein fürstlicher Bediensteter darf keine Geschäfte in Getreide oder Mehl unternehmen.“

„Ach so, Ihr seid in die Dienste der Durchlaucht getreten! Deshalb waret Ihr wohl auf dem Schlosse?“

„Ja.“

„Und nun wißt Ihr auch, mit wem Ihr heut vormittag gesprochen habt?“

„Es war der Fürst selber.“

„Ja, der macht sich gern den Spaß, einmal in einem alten Rocke nachzuschauen, wie es unter den Bürgern zugeht. Morgen fährt er wieder nach Halle. Da müßt Ihr wohl auch mit?“

Der Gefragte nickte bejahend und erhob sich dann, um nach seinen Reisehabseligkeiten zu sehen, die noch oben im Zimmer lagen.

4. Der Kleidertausch.

In einer der Morgenstunden des nächsten Tages hielt ein leichter Jagdwagen, an den zwei feurige Braune gespannt waren, welche ungeduldig mit den Hufen scharrten und an den Zügeln zerrten, vor dem Schlosse zu Dessau. Auf dem Bocke saß der neue Leibknecht, welcher heut’ seinen Herrn zum ersten Male fahren sollte.

Endlich erschien derselbe unter dem Portale und trat zu den Pferden.

„Das sind zwei heillose Sappermentskanaillen, höre Er. Die Probe, welcher Er heut’ im Fahren ablegen soll, wird Ihm nicht leicht werden!“

„Durchlaucht sollen zufrieden sein!“

„Hoffe es auch!“ antwortete der Fürst, zum Schlage tretend, welche ein Diener öffnete. „In Radegast wird Mittag gemacht und abgefüttert. Weiß Er den Weg?“

„Werde ihn schon finden, Durchlaucht.“

„Na, dann vorwärts!“

Ohne eine Bedienung aufzunehmen, rollte das Gefährte davon, zum Leipziger Thore hinaus und schlug dann die Straße ein, welche über Hensdorf, Radegast und Zörbig nach Halle führte. Am zweitgenannte Orte wurde, wie der Befehl gelautet hatte, ein längerer Aufenthalt genommen, und dann ging es wieder in scharfem Trabe weiter.

Der Fürst schien mit der vorzüglichen Führung seines mutigen Gespannes außerordentlich zufrieden zu sein. Er hatte sich in den weiten Überrock gehüllt und lag behaglich in einer Ecke des Wagens, mit munterem Auge die Umgegend musternd, obgleich er dieselbe in Folge des öfteren Hin- und Herpassierens genau kannte. Längst schon war man über Zörbig hinausgekommen und näherte sich eben der Stelle, an welcher das Geschirr in die von Brehna kommende Straße einbiegen mußte, als er sich plötzlich mit dem Oberkörper aus dem Wagen beugte, um einen Mann

zu beobachten, welcher mit langen und eiligen Schritten vor ihnen herwanderte.

Es war eine hochgewachsene, breite Gestalt, durch deren Haltung und Bewegung sich der Mann als Militär gekennzeichnet hätte, auch wenn seine Kleidung nicht eine soldatische gewesen wäre.

„Alle Teufel, wenn das nicht der Korporal Nauheimer ist, welcher desertiert sein soll, so ist meinen Augen nicht mehr zu trauen. He, fahre Er mal zu, daß wir an den Kerl kommen, der da vorne läuft!“

Bei dem Namen Nauheimer hatte der Kutscher rasch aufgeblickt und brachte die Pferde in raschere Bewegung, noch ehe der Befehl dazu vollständig ausgesprochen war. Den Mann im erwartungsvollen Auge behaltend, murmelte er leise vor sich hin:

„Da wird man ja den Riesen kennen lernen, mit dem man mich zusammenstellt. Und desertiert soll er sein? Bin doch neugierig!“

Der Voranschreitende vernahm jetzt das Rollen des Wagens und drehte sich um. Kaum hatte er den Insassen desselben erblickt, so machte er Front und streckte sich in die zum Gruße vorgeschriebene Stellung. Der Kutscher parierte die Pferde; der Fürst legte sein Gesicht in die grimmigste Miene und fragte barsch und kurz:

„Korporal Nauheimer, wie kommt Er hierher?“

„Zurück vom Urlaube, Excellenz.“

„Wie lange hat man Ihm Urlaub gegeben?“

„Drei Tage, Excellenz.“

„Und wie lange ist Er fort?“

„Sechs Tage, Excellenz.“

„Er ist also Deserteur!“

„Zu Befehl, Excellenz,“ ertönte die Antwort, während das Gesicht des Soldaten nicht die mindeste Spur von Angst oder Bestürzung zeigte.

„Er ist also mein Gefangener und wird in Halle seine Strafe bekommen. Will Ihm, der als Unteroffizier ein gutes Beispiel geben sollte, lehren, so ganz nach Belieben vom Regimente wegzubleiben. Setze Er sich neben den Kutscher, und dann vorwärts!“

„Mit Permiß, Excellenz, habe, bevor ich aufsteige, erst meinen Rapport abzustatten!“

„Seinen Rapport? Alle Teufel, ist Er etwa in dienstlichen Angelegenheiten desertiert? Wenn er vielleicht meint, mir etwas vorfasulieren zu können, so lasse ich Ihm das Fell noch extra gerben!“

„Excellenz, allerdings waren es dienstliche Angelegenheiten, welche mich verhinderten, zur rechten Zeit beim Regimente einzutreffen.“

„Will Er wohl Sein Maul halten, Er Erzflunkerer! Steige Er auf, sonst werde ich ihm eigenhändig auf den Bock helfen!“

„Zu Befehl, Excellenz,“ und dabei machte er Miene, dem Gebote Folge zu leisten. „Aber dann werden wir sie auch nicht fangen!“

„Fangen? Wen denn?“

„Na, die Sachsen!“

„Die Sachsen? Halt! Stehen geblieben, und Rede und Antwort gegeben! Was für Sachsen sollen wir fangen?“

„Die Werber, die Excellenz so gern haben wollen, und die uns doch immer entgangen sind.“

„Die Werber?“ Bei dieser Frage blitzten die Augen des Fürsten auf. „Hat Er vielleicht einen ihrer Schlupfwinkel entdeckt?“

„Zu Befehl, ja!“

„Wo denn?“

„In Bitterfeld.“

„Da? Diese Himmelhunde wagen sich sogar nach Bitterfeld! Na, ich werde ihnen die Suppe so versalzen, daß sie die Mäuler von Leipzig bis Merseburg verziehen sollen! Wo ist denn das Loch, in dem Er sie getroffen hat?“

„Bei dem Bäcker Wolstraaten.“

„Hat der Schwerenöter eine Trinkwirtschaft?“

„Ja, und sein Mündel ist meine Geliebte.“ Der Fürst blickte ihn überrascht an.

„So? Da geht es aber doch einem Mann an den Kragen, dem Er goutieren sollte!“

„Der Dienst geht vor die Liebe, Excellenz!“

„Er ist ein braver Kerl, Nauheimer, und Seinen Schaden soll Er bei der Geschichte nicht haben. Wie viele sind es denn?“

„Es sind zehn Mann, die im Verborgenen die Gegend absuchen und ihren Fang zum Bäcker bringen. Dort werden die Angeworbenen in den Keller gesteckt, wo sie bis zu einer passenden Gelegenheit versteckt oder auch wohl gefangen bleiben; denn es wird bei der Sache nicht bloß Überredung, sondern auch Gewalt angewendet.“

„Gut, den Keller wollen wir einmal leer machen. Wie lange Zeit hat das wohl noch?“

„Bloß bis heute Abend.“

„Alle Hagel, das ist verteufelt wenig. Ehe man nach Halle oder wenigstens in das nächste Quartier kommt, vergeht ja schon eine ganze Ewigkeit, und ein von dort abgesandtes Detachement kann dann unmöglich noch zur rechten Zeit in Bitterfeld eintreffen. Und etwas anderes giebt’s ja nicht. Hm, hm! Wie sollen die Leute denn fortgeschafft werden?“

„Jedenfalls geht ein kleines Kommando Bedeckungsmannschaften einzeln und verkleidet über die Grenze. Bei Wolstraaten treffen sie sich, und dann werden die Rekruten bei Nacht und Nebel und auf Schleichwegen hinübertransportiert.“

„Hm! Wie viele sitzen denn auf dem Leime?“

„Sechszehn Mann; ich hab’s von meinem Mädchen. Die soll zwar von der Sache nichts wissen, aber Weiberaugen sehen durch die dickste Mauer. Ich habe meinen Urlaub nur überschritten, Excellenz, um durch die Sophie der Geschichte richtig auf die Spur zu kommen!“

„Na, da will ich einmal Sein Beichtvater sein, Korporal Nauheimer, und Ihm Absolution erteilen. Jetzt aber wollen wir die Zeit nicht mit vergeblichem Grübeln verschwenden. Also aufgestiegen und dann fort, was die Pferde laufen können! Es wird unterwegs schon noch der richtige Gedanken kommen. — Nein,“ fügte er hinzu, als der Korporal sich anschickte, neben dem Kutscher Platz zu nehmen, „setze Er sich

herein zu mir. Er soll mir einen ausführlichen Bericht erstatten!“

Diesem letzteren Gebote wurde, während die Pferde trotz des schlechten Weges im raschesten Laufe dahinflogen, Folge geleistet, und bald war der Fürst nicht nur mit den letzten Erlebnissen, sondern auch mit allen Verhältnissen und Wünschen des Unteroffiziers bekannt. Da das Gespräch in lautem Tone geführt wurde, so vernahm auch der Wagenlenker jedes Wort, trotzdem er seit einiger Zeit ein Fuhrwerk, welchem sie sich näherten, scharf in die Augen genommen hatte, und als jetzt Leopold nachdenklich brummte: „So, also der junge Habermann aus Dessau will Ihm das Mädel wegfischen? Das wird Er sich doch nicht gefallen lassen!“ wandte er sich zu dem Sprecher zurück und bemerkte nach vorwärts deutend:

„Durchlaucht, da vorn fährt er, der Habermann!“

„Was? Hat den der Teufel auch schon hier? Wohin mag der nur wollen?“

„Nach Bitterfeld, zum Bäcker Wolstraaten, Durchlaucht.“

„Wie kommt Er auf diese Idee? Der wird wohl nicht acht Stunden umfahren; der grade Weg geht doch über Ragulm und Jeßnitz, und überdies hätte er da unten links einbiegen müssen!“

„Vielleicht hat er hier herum ein Geschäft abzumachen und richtet es so ein, daß er des Nachts bei dem Bäcker bleibt. Ich weiß ganz gewiß, daß er zu ihm will.“

„Woher denn?“

„Er sprach gestern bei Mutter Röse mit seinem Sohne davon, daß er heut’ die Heiratsgeschichte in Ordnung bringen will.“

„So so, hm, hm! Alle Wetter, da kommt mir ein Gedanke. Laß Er die Pferde ausgreifen, daß wir den Kerl schnell einholen!“

Das Gespann sauste im gestreckten Galopp dahin, fuhr an dem Getreidehändler vorüber und hielt dann mitten auf der Straße, sich quer über dieselbe legend, sodaß Habemann nicht vorbei konnte. Dieser ließ auch halten, zog ehrfurchtsvoll die Mütze und grüßte, indem er sich respektgemäß erhob.

„Höre Er, Habermann, was hat Er denn hier in der Welt herum zu fahren? Wo will Er hin?“

„Nach Landsberg, Durchlaucht.“

„Was hat Er da zu thun?“

„Eine Partie Roggen kaufen. Soll ein gutes Geschäft sein zum Beispiel; hab’s unterwegs erst gehört.“

„Unterwegs? So hat Er also gar nicht nach Landsberg gewollt und wird wohl auch über die Nacht nicht dortbleiben?“

„Nein, Durchlaucht.“

„Wo soll’s denn hingehen?“

„Nach Bitterfeld.“

„Da hat Er noch verteufelt weit. Was hat Er denn dort zu suchen? Giebts auch Roggen zu kaufen?“

„Familienangelegenheiten, Durchlaucht.“

„So, da hat Er also keine Verluste, wenn Er heute garnicht hinkommt. Höre Er ’mal, Habermann, will Er mir wohl ’nen Gefallen thun?“

„Wenn ich zum Beispiel kann, mit tausend Freuden!“

„Das ist schön von Ihm. Viel Hudelei wird’s Ihm nicht machen; wollen bloß ’mal unsre Wagen umtauschen.“

„Die Wagen? Umtauschen? Wie käme ich denn zum Bei­spiel — —“

„Halte Er das Maul mit Seinem Beispiel und pariere Er Ordre! Also ausgestiegen!“ Während der Getreidehändler vom Wagen sprang, verließ auch der Fürst den seinen.

„So! Komme Er’mal näher! Ich glaub’, wir haben eine Länge miteinander, und über allzu großes Fett kann Er sich ebenso wenig beklagen wie ich.“

„Durchlaucht —“ tönte die verlegene Antwort, da der Sprecher nicht wußte, wo das alles hinaus sollte.

„Da wird mir also Sein Rock nicht ganz schlecht sitzen, und in dem meinen braucht Er sich auch nicht zu schämen.“

„Durchlaucht, wenn ich fragen dürfte, warum zum Bei­spiel —“

„Will Er wohl auf der Stelle Sein albernes Beispiel weglassen! Werde Ihm schon sagen, was Er zu thun hat! — Muß heut’ noch einen kleinen Abstecher machen, aber ohne daß mich jemand kennt. Weil nun mein Wappen an dem Wagen ist, so soll Er mir den Seinen geben; Seine Mähren kann Er aber behalten. Und mit dem Habit machen wir es ebenso. Da in den Sträuchern können wir umwechseln, ohne daß wir einander anzugaffen brauchen!“

Habermann stand vor Erstaunen da wie vom

Blitze getroffen und zog dabei ein so verdutztes Gesicht, daß der Fürst laut auflachen mußte, während er sich an den Kutscher wandte:

„Und Er giebt hier dem da Seine Livree! Der Nauheimer wird derweile bei den Pferden bleiben. Verstanden?“

„Sehr wohl, Durchlaucht!“ antwortete der neue Leibknecht mit einer Miene, in der sich das ganze Vergnügen aussprach, welches er an dem ungewöhnlichen Abenteuer empfand.

Er zog, während der Korporal zurückblieb, den Knecht Habermanns mit sich fort, und bald war nur noch die scheltende Stimme Leopolds zu hören, welcher sich in der unbequemen Arbeit nur schwer zurechtfinden konnte.

Die beiden Rosselenker waren am ersten mit der Umänderung ihres äußeren Adams fertig; schon hatten sie die Pferde umgeschirrt und saßen wartend auf ihrem Platze, als endlich die beiden andern erschienen. Es war wirklich auffallend, welche Ähnlichkeit Habermann jetzt in der Montur mit dem Fürsten hatte, und der letztere sah in der Kleidung des ersteren ganz wie ein alter, ehrsamer Spießbürger aus.

„So, das wäre gemacht! Denke Er nicht etwa, daß ich nur aus reinem Appetit in Seine alten Hosen gefahren bin. Es geht diesmal nicht anders, weil mir keine Zeit übrig bleibt. Und daß Er Seinen Schnabel hält über die ganze Geschichte, das sage ich Ihm, sonst hat Er’s mit mir zu thun!“

Er zog seine Brieftasche hervor, riß ein Blatt aus derselben und kritzelte einige Augenblicke darauf herum.

„Nun passe Er auf, was ich Ihm jetzt befehlen werde. Er fährt jetzt, so sehr Seine Ziegenböcke laufen können, nach Halle; dem Wachtkommandanten am Thore giebt Er diesen Zettel, und das übrige wird sich finden. Hat Er’s kapiert, he?“

„Ja.“

„Na, so steige Er auf! Morgen sehen wir uns wieder. Korporal Nauheimer, Er kann sich wieder zu mir in den Wagen setzen! Vorwärts jetzt!“

Der Leibkutscher lenkte um, und in fliegender Eile ging es erst zurück und dann auf der Straße nach Brehna weiter. Als sie das Städtchen erreichten, war es bereits dunkel, und die engen Gassen wurden nur von einigen Laternen erleuchtet, welche hier und da vor der Thür eines Gast- oder Wirtshauses brannten. Eben fuhren sie an einem solchen vorüber, als der Korporal sich zurückbog, um einen Mann schärfer anzusehen, welcher unter dem Thore gestanden hatte; aber die Entfernung war schon zu bedeutend, um die Gesichtszüge desselben zu erkennen.

„Was war’s denn, Nauheimer?“

„Es war mir grad so, Excellenz, als ob der Wolstraaten dortgestanden hätte.“

„Da hat Er sich sicher geirrt. Der wird sich hüten, heut’ abend aus dem Hause zu gehen, wo solcher Besuch zu erwarten ist.“

„Er weiß doch nicht —“

„Papperlapapp, ich meine die Sachsen. Wollen sie aber schon kriegen, die Schurken! Ich bin der Getreidehändler Habermann — na, das geht ja jetzt so toll bei mir her, daß ich zuletzt selbst nicht mehr weiß, wer oder was ich bin, hahaha! Gestern war ich ein Zwie—wie—hahahaha — ein Zwie—wie—wiebelhändler, heut’ spiele ich den Getreidewurm — hahahaha — und wer weiß, was alles noch bis morgen aus mir werden kann. Also ich bin der Getreidehändler Habermann und komme, um die Heiratsgeschichte in Ordnung zu bringen; der Leibkutscher ist mein Knecht — hört Er’s?“ fragte er, sich zu dem Erwähnten vorbeugend — „und Er, na Er hat keine Rolle, sondern Er soll uns nur führen und dann Seine Augen offen halten.“

Der Jagdwagen mit dem fürstlichen Wappen und den beiden Kleppern bewegte sich zögernd nach Halle zu. Hans, dem Knechte, ging das soeben gehabte Erlebnis wie mit Windmühlenflügeln im Kopfe herum, sodaß es ihm ganz gleichgültig war, ob die Pferde überhaupt liefen oder sich in den Straßengraben legten, und Habermann konnte ebenso wenig aus dem Ereignisse klug werden. Er grübelte und grübelte, was dies alles wohl zu bedeuten habe, aber es wollte ihm lange nicht das rechte Licht kommen, bis ihm endlich ein einziges Wort den Verstand zurückbrachte.

„„Korporal Nauheimer, Er kann sich wieder zu mir in den Wagen setzen!““ hat der Alte gesagt, und so hieß ja zum Beispiel der infame Bengel, der meinen Jungen in in den Wassertrog gelegt hat! Da steckt etwas

dahinter. Ob die nicht vielleicht nach Bitterfeld fahren! Der Kerl soll gut beim Fürsten stehen, und da weiß man nicht, was es geben kann. Ich muß mir nur einmal den Zettel ansehen, den ich am Thore abgeben soll!“

Er zog ihn aus der Tasche und versuchte, seinen Inhalt kennen zu lernen; aber das war ein Unternehmen, welches seine hier ohnehin schwachen Kräfte überstieg, und so steckte er ihn denn unbefriedigt wieder zu sich.

„Hm, das ist ja eine ganz verwickelte Geschichte! Da soll ich zum Beispiel nach Halle fahren, versäume dabei aber meinen Handel in Landsberg, und in Bitterfeld wird mir unterdessen vielleicht gar der Braten vor der Nase weggefischt. Den Handel möchte immerhin der Kuckuck holen, aber die Heirat zum Beispiel, die Heirat, die darf ich mir nicht entgehen lassen. Die Erbschaft aus Haarlem oder so da herum, das ist die Hauptsache; aus dem Fürsten brauche ich mir nichts zu machen, und den Zettel kann ich ja mit Gelegenheit nach Halle besorgen! — Hans, kehre um! Wir fahren nach Bitterfeld!“

Der Angerufene schrak aus seinem tiefen Sinnen auf, nahm die zwei Gedanken, welche ihm noch geblieben waren, zusammen und zog die müden Thiere herum.

„Nach Bitterfeld? Ohne erst noch mal einzukehren? Ja, beim Schimmel ginge es wohl, aber es geht nicht, weil’s der Fuchs nicht aushält; dem liegt’s schon seit langem in den Gliedern!“

„Fahre nur zu! Zum Ausruhen ist’s zum Beispiel in Brehna oder weiter unten noch Zeit!“ Es wurde dunkel. Kurz vor Brehna begegnete ihnen ein einzelner Fußgänger.

„He, guter Freund, wo soll denn der Weg hingehen?“ fragte Habermann.

„Nach Halle will ich; aber die Thore werden wohl schon geschlossen sein, wenn ich hinkomme.“

„Habt Ihr denn notwendig dort?“

„Freilich, sonst würde ich doch lieber in dieser späten Tageszeit zu Hause bleiben!“

„Na, da will ich Euch durch die Thore helfen. Gebt zum Beispiel einmal diesen Zettel an den Wachtkommandanten ab; es steht eine Nachricht für ihn darauf, und bei dieser Gelegenheit kommt Ihr ungehindert in die Stadt.“

Der Fremde trat an den Wagen, um das Papier in Empfang zu nehmen. In dieser unmittelbaren Nähre war es ihm möglich, die Uniform zu erkennen, und respektvoll zog er die Mütze.

„Schönen Dank, Herr Offizier, das soll gut besorgt werden!“

„Das will ich hoffen! Es wird auch Euer Schade nicht sein, denn Ihr werdet zum Beispiel ein schönes Trinkgeld bekommen!“

Mit diesem Versprechen beabsichtigte Habermann, den Diensteifer des Mannes anzuspornen; dieser grüßte noch einmal und schritt dann eilig davon.

„Das paßt gut!“ flüsterte er vor sich hin. „Wenn die Sachsen kommen, mache ich mich allemal aus dem

Staube, damit es mir nicht an den Kragen geht, wenn sie einmal erwischt werden. Das Geld habe ich voraus, und sie kennen die Schliche im Hause so gut, daß sie ihre Leute auch ohne mich finden. Und übrigens ist ja die Rosine da; auf die kann ich mich verlassen. Die Hauptsache ist ein — ein — ein Alibi, wie’s die Juristen nennen, der Beweis, daß ich nicht zu Hause, sondern wo anders gewesen bin, und in Halle hole ich mir diesen Beweis am sichersten, denn was einer vom Militär sagt und bezeugt, das gilt in solchen Dingen mehr, als was ein gewöhnlicher Mann behauptet, der keine bunten Fetzen trägt.“

Er verbarg das Papier gut in seinem Rocke, ohne den Inhalt desselben zu ahnen, welcher also lautete:

„Riettmeißter von Gallwitz sofohrt mit Seyner Eskadron nach Bitterfeld. Ist eylig! Mich beym Bäcker Wollstraden trehffen. Ueberbrynger ist der Gedreydehändler Hawermann aus Dessau. Ihm feßthalden und mietbryngen.

Leopold.“

Während der vertrauensvolle Bote seinen Weg fortsetzte, näherte sich der Wagen Habermanns dem Städtchen und passierte dasselbe, ohne anzuhalten. Die Pferde wollten, von der zurückgelegten weiten Tour ungewöhnlich angestrengt, nicht mehr recht weiter, die Finsternis wurde immer dichter und es fröstelte die beiden Männer, welche so unerwartet zu Ehren und Würden gekommen waren.

„Wir könnten doch unsre armen Tiere eine halbe Stunde verschnaufen lassen!“ räsonnierte Hans.

„Das geht nicht! Das muß doch zum Beispiel ein jedes Kind einsehen, daß wir in unsern Kleidern uns hier nicht sehen lassen dürfen. Bei mir hätte es zwar keine Not, aber Du zum Beispiel, Du —“

„Was denn ich?“ fiel ihm der Knecht ärgerlich in die Rede. „Denkt Ihr denn etwa, daß ich den Kammerjäger oder den Leibhusar oder was ich jetzt vorstellen soll, nicht spielen kann? Das ist mir Wurst wie Schale, warum also nicht einkehren? Es ginge schon, aber es geht nicht, weil Euch der Offizier zu schwer fällt!“

„Was? Der Offizier? Mir schwer fallen? Wenn Du das noch einmal sagst, so jage ich Dich auf der Stelle fort, und dann kannst Du zum Beispiel leibjägern oder kammerhusaren wo und wie es Dir beliebt; aber jetzt bist Du mein Husarenjäger und da hast Du vor allen Dingen Respekt zu haben. Verstehtst Du mich?!“

„Na, warum denn nicht? Da mögen die Pferde meinetwegen hungern, daß die Schwarte knackt, aber warum ich als Stallmeister auch mit hungern soll, das möchte ich wissen, Herr Generalrittmeister!“

„Hunger hast Du?“ erwiderte Habermann, durch diesen unmöglichen Titel geschmeichelt. „Ja, das ist ein miserables Gefühl, und so wollen wir zum Beispiel bei der nächsten Gelegenheit mal einkehren und sehen, ob etwas zu beißen zu bekommen ist. Aber da werde ich Dir auch beweisen, daß ich aufzutreten verstehe, wie ein Feldmarschall.“

Er fuhr mit den beiden Händen in das Gesicht, versuchte seinem Schnurrbarte eine martialische Biegung nach oben zu geben und zog die Stirn in so

bedrohliche Falten, daß die Augenbrauen fast auf die Nase zu liegen kamen.

„So, das ist die richtige und wahrhafte Generalsstabsmiene. Fahre zu, Hans; wir werden schon noch an ein Wirtshaus kommen, wo Du Dich zum Beispiel über mich wundern sollst!“

„Na, ich habe heut’ schon mein blaues Wunder vor Augen gehabt. Wenn ich’s nur auch begreifen könnte, was der Fürst eigentlich vorhat. Es ginge wohl, denn ich bin all mein’ Lebtage nicht dumm gewesen, aber es geht nicht, weil mir das Nachdenken noch niemals nicht etwas geholfen hat! Ahü, Schimmel, ahü, Fuchs, sonst sollt ihr sehen, daß ich Stallhusar geworden bin!“

5. Die Seelenverkäufer.

Es klingelte am Thore. Die Glocke wurde von einem schlank gewachsenen jungen Mann gezogen, welcher die Kleidung gewöhnlicher Landleute trug, zu der aber ein gewisses Etwas in seiner Haltung nicht recht passen wollte.

Niemand schien auf den Ton zu hören, trotzdem derselbe weit über den Hofraum hinschallte. Der Einlaß Begehrende handhabte den Klingelzug deshalb in etwas ungeduldigerer Weise, und bald ließen sich langsame, schlürfende Schritte vernehmen, welche sich dem Eingange näherten.

„Nunununuhhh!“ machte eine tiefe Baßstimme hinter der Mauer. „Wo brennt’s denn hier in Beyersdorf? Soll ich etwa löschen helfen?“

„Macht keine dummen Witze und zieht lieber den Riegel weg, damit man eintreten kann!“ räsonnierte der Außenstehende.

„Dumme Witze? Könnt Ihr sie vielleicht besser machen? Riegel wegziehen? Der ist bloß bei Nacht vorgeschoben; das Schloß ist schuld, daß Ihr draußen steht und ich hinne. Eintreten kann? Damit hat’s noch gute Weile! Wer seid Ihr denn?“

„Das kann Euch egal sein. Macht nur auf!“

„Da kann es Euch auch egal sein, wenn ich nicht aufmache!“

Der Mann schlürfte langsam und gemächlich wieder über den Hofraum zurück.

„Will Er wohl dableiben und öffnen, Er Grobian!“ rief der andere, an dem Zuge reißend, daß der Draht zersprang.

„Höre Er da draußen, wenn Er keine Ruhe halten kann, so schicke ich Ihm die Knechte auf den Hals; mit denen mag Er sich herumklingeln, soviel Er will! Ist das eine Art, nicht Red’ und Antwort stehen und dann an der Glocke zerren, daß man denkt, der jüngste Tag sei da. Hier hängt nun der Draht; das ist ein schöne Bescherung!“

„Wenn Er aufgemacht hätte, so wäre das nicht passiert. Also vorwärts; ich habe keine Lust, mich lange mit Ihm herumzuärgern!“

„Das ist auch nicht notwendig, und der Gedanke

ist nicht so ganz albern von Ihm. Also, wer ist Er denn?“

„Ich habe Ihm schon gesagt, daß Ihm das egal sein kann!“

„Auch gut. Da mag Er also draußen stehen bleiben. Das Klingeln will ich Ihm jetzt nicht mehr verbieten!“ Wieder entfernten sich die Schritte. Das war dem Harrenden zu viel; er schnellte sich an der Mauer empor, ergriff die obere Kante derselben, zog sich mit einem kräftigen Schwunge hinauf und machte Anstalt, auf der andern Seite hinunter zu springen, als ein lauter Pfiff ertönte.

„Hektos, allons: da fällt es einem ein, auf unsre Festung Sturm zu laufen. Zeige ihm doch mal Deine Zähne!“

Der große, zottige Wolfshund, welcher auf den Ruf herbeigesprungen war, nahm unter dem Obensitzenden Platz und fletschte grimmig knurrend das scharfe, elfenbeinweiße Gebiß.

„So! Wenn die Leute jetzt anfangen, über die Mauern herein zu spazieren, da brauchen wir das Thor gar nicht mehr zu verschließen!“

Bei diesen Worten steckte er den Schlüssel in das Schloß und zog dann die Thorflügel weit auseinander.

„Jetzt, Hektor, kannst Du heraus und herein. So ein Tier will auch ’mal sein Vergnügen haben!“

Mit breitem Lachen wandte er sich ab und schritt langsam der Scheune zu, aus welcher eine Anzahl von Knechten und Mägden den Mauerreiter unter

schallendem Gelächter beobachteten. Da das Thor jetzt von dem schlauen Alten geöffnet worden war, so konnte der Fremde weder hüben noch drüben herunter, denn nach welcher Seite er sich auch wandte, immer stand der Hund unten, der mit einigen raschen Sätzen durch das Thor dem Gefangenen zuvorkam. Er erkannte das Mißliche seiner Lage und die Notwendigkeit, sich aufs Bitten zu legen.

„So rufe Er doch nur Seinen Köder zurück. Er soll ja erfahren, wer ich bin!“

Der Angeredete drehte sich um und kam wieder näher. Sein dickes, rotes Gesicht grinste förmlich von einem Ohre bis zum andern vor Vergnügen.

„Das ist ganz gescheit von Ihm, denn ich hätte Ihn sonst meinetwegen bis zum jüngsten Tage da oben sitzen lassen. Also zum dritten Male: wer ist Er denn?“

„Ich bin ein guter Freund von Seiner Herrin, mit der ich etwas zu besprechen habe,“ antwortete der unglückliche Turner, indem er seinen besorgten Blick über die zwei Fensterreihen des Wohngebäudes gleiten ließ. Welche ungeheure Blamage, wenn sie ihn in seiner gegenwärtigen Situation bemerkte!

„Ein Freund von meiner Herrin? — von Fräulein von Naubitz? Das mache Er nur getrost einem andern weis, aber mir nicht! Ein Freund von unserm gnädigen Fräulein hat nicht nötig, über die Mauern zu springen und sich dabei die Hosen aufzuschlitzen!“

Erst auf diese Äußerung hin bemerkte der junge Mann mit Schrecken, daß seine Beinkleider weniger

glücklich nach oben gekommen waren, als ihr Besitzer. Mit einer raschen Bewegung zog er die Ränder des weitklaffenden Risses übereinander und kapitulierte weiter:

„Weiß Er vielleicht, was inkognito ist?“

„Natürlich weiß ich das. Wenn ich dort der Karoline ihren Wattrock anziehe und ihre Bänderhaube aufsetze, so bin ich inkognito.“

„Richtig, und ich bin auch inkognito. Versteht Er mich?“

„Ja. Er ist irgend ein vornehmer Herr und reist zu seiner Unterhaltung jetzt als Mauerläufer. Viel Prosit scheint Er aber nicht dabei zu haben!“

„Daran ist niemand weiter schuld, als Er. Rufe Er den Hund zurück, daß ich hinunter kann!“

„Nicht eher, als bis Er Seinen Namen nennt!“

„Den wird Er schon noch zur rechten Zeit erfahren, und dann wird Er wohl einsehen, was für ein Esel Er gewesen ist!“ antwortete der rittlings auf dem Throne Sitzende. Die Achtung, welche er seinem Stande und Namen schuldig zu sein glaubte, verbot ihm, sich zu nennen.

„Ganz wie Er will! Wenn ich der Esel bin, so mag Er als Affe droben hocken bleiben, bis das gnädige Fräulein zurückkehrt. Dann wird sich’s wohl finden, was für ein guter Freund Er von ihr ist!“

„Fräulein von Naubitz ist nicht da?“

„Verreist.“

„Wohin?“

„Nach Bitterfeld.“

„Wann kommt sie zurück?“

„Spät abends oder gar erst morgen.“

„Erst gestern in der Nacht hier angekommen, und heut’ schon wieder fort? Das muß ja etwas ganz Notwendiges sein.“

„Woher weiß Er denn, daß sie gestern hier eingetroffen ist?“

„Weil ich gestern früh noch mit ihr in Dessau gesprochen habe.“

„So so, da scheint doch etwas Wahres dran zu sein, daß Ihr sie kennt. Aber warum sagt Ihr auch nicht, wer Ihr seid und was Ihr wollt? Hektor, kusch Dich! Da springt meinetwegen jetzt herunter. Die Karoline mag Euch den Riß zuflicken, und dann könnt Ihr warten, bis das Fräulein kommt.“

Der aus seiner Drangsal Erlöste wagte den nicht ganz leichten Sprung und antwortete dann, tief aufatmend:

„Das Warten ist eine langweilige Sache; ich werde ihr lieber entgegen gehen und sie also unterwegs oder in Bitterfeld treffen. Wo ist sie dort zu finden?“

„Ja, das weiß ich nicht! Ich glaube, es handelt sich um einen Prozeß, und da könnt Ihr einmal, wenn Ihr ihr nicht begegnet, bei ihrem Sachwalter nachfragen. Er heißt Uhlmann und wohnt beim Bäcker Wolstraaten. Sie kennt die Familie gut und ist schon früher mehrmals dort geblieben, wenn’s zur Heimfahrt zu spät wurde.“

Die Karoline wurde gerufen und folgte den

beiden Männern in die Stube. Während hier ein Imbiß genommen wurde, heilte sie mit kräftigen Nadelstichen den Hosenriß zusammen, und dann nahm der Held der verunglückten Mauerattacke, in welchem wir längst den Leutnant von Polenz wiedererkannt haben, Abschied, um sein Inkognito weiter fortzusetzen.

Es war doch nicht mehr so früh am Tage, als er gemeint hatte, und da er den Weg noch nicht gegangen war, so mußte er ihn mit der Beschreibung, die er sich von demselben hatte geben lassen, so oft vergleichen, daß er nicht mit der erwünschten Schnelligkeit vorwärts kam. Dazu verursachte ihm das genossene Vesperbrod einen Durst, welcher sich mit jedem Schritte steigerte, und deshalb beschloß er, obgleich es schon zu dunkeln begann, in ein Wirtshaus einzutreten, welches er jetzt erblickte, einsam zwischen dichtem Gebüsche an der Straße liegend.

An einem der eichenen Tische, welche in der niedrigen Gaststube standen, saßen drei Männer, die sich durch den Neuangekommenen nicht im geringsten stören ließen, sondern ihr Gespräch über Krieg und Frieden, Handel und Wandel ungeniert fortsetzten. Doch glitten ihre Blicke beobachtend über seine schlanke, biegsame Gestalt, und als er sich einen Krug Bier bestellte und der Wirt ihnen einen fragenden Blick zuwarf, neigte der eine von ihnen bejahend und mit pfiffigem Augenblinzeln seinen Kopf.

Der Wirt holte den Trunk aus dem Keller, brachte denselben aber nicht direkt in die Stube, sondern ging erst in die Küche, wo er ein Fläschchen

aus dem Schranke nahm, um einige Tropfen daraus in das Bier zu gießen.

„Möchte doch nur wissen, was das für ein Teufelszeug ist! Wer’s bekommt, der verliert den Verstand und die Besinnung so vollständig, daß man alles mögliche mit ihm machen könnte. Na, mich geht’s nichts an; ich bekomme mein Geld für jeden Vogel, den sie fangen, und damit holla!“

Er trug den Krug in das Zimmer und stellte ihn vor Polenz hin. Dieser, durstig wie er war, leerte ihn bis auf die Nagelprobe und ließ sich einen zweiten kommen. Das Getränk schien ihm Kühlung zu bringen, aber der Durst wollte nicht weichen und wurde vielmehr immer heftiger. Er trank und trank; das Blut pulsierte ihm heiß durch die Adern; es war, als müsse er aufspringen und hinauseilen in die feuchte Abendluft, aber ihm fehlte nicht nur die Kraft, sondern auch der Wille dazu.

Und dabei empfand er keineswegs eine Beklemmung seines Gemütes, sondern es bemächtigte sich seiner eine Heiterkeit, welche ihn bewog, auf das Anerbieten der drei Männer, sich zu ihnen zu setzen, willig einzugehen.

Bald war eine launige Unterhaltung im Gange; die Rede kam auf das Soldatenwesen, auf die Schlachten und Gefechte der letzten Feldzüge, auf die Vorzüge der verschiedenen Armeen und endlich auch auf die Anwerbung. Der eine von ihnen war kürzlich erst den sächsischen Werbern mit samt dem Draufgeld durchgebrannt und erzählte unter Scherz und

Lachen, wie es dabei zugegangen sei. Polenz fand Gefallen an den muntern Burschen und gab nach besten Kräften seinen Teil zum Gespräche, obgleich ihm die Zunge immer schwerer wurde und seine Sinne sich zu umnebeln begannen.

„Also so war’s,“ fuhr der Erzähler fort, sich an Polenz wendend: „Ich saß so, wie Ihr hier sitzt, und hier, hier, hier und hier saßen die vier Kerls, welche mich haben wollten. Mir war’s bloß um das Handgeld zu thun, denn mein Beutel hatte das Bauchgrimmen, und so that ich, als ob ich nichts merkte. Hab’ sie auch schön geleimt, die Halunken; da liegt er noch, der kurfürstlich sächsische Soldatenhut, den ich mir zum Andenken mitnahm, als ich ihnen durchging. Habe ich’s etwa nicht klug gemacht?“

„Doch, doch!“ nickte Polenz.

„Gut! Nun denkt Euch einmal, Ihr wärt an meiner Stelle! Mit dem Zutrinken ging’s natürlich los, und der Wein wurde nicht geschont. Prosit, Kamerad!“

„Prosit!“ antwortete Polenz, das Glas leerend. Wenn ihn jetzt jemand nach seinem Namen gefragt hätte, so wäre er kaum imstande gewesen, sich auf ihn zu besinnen.

„Der Soldatenrock soll leben, Kamerad. Prosit!“

„Prosit!“ klang es von neuem, und wieder war das Glas leer.

„Da hält er mir drei goldne Füchse hin, so ungefähr, wie ich sie jetzt Euch hinhalte, und dabei fragt er mich:

„Willst Du’s immer so lustig haben, wie

heut’? Greif’ zu!“ Was hättet Ihr an meiner Stelle gethan, wenn es bei Euch im Beutel so ausgesehen hätte wie bei mir?“

„Greif’ zu!“ antwortete Polenz, das Geld einsteckend, ohne zu wissen, was er that. Er kannte alle Kunstkniffe dieser Leute, aber er war seiner nicht im geringsten mehr mächtig und wäre am liebsten unter den Tisch gefallen, um sich gründlich auszuschlafen.

„So ist’s recht! Darauf hat er den Hut genommen, ihn mir auf den Kopf gesetzt, so wie ich es jetzt mit Euch thue, und gesagt „Basta, abgemacht, jetzt bist Du des Kurfürsten Soldat und hast von nun an Ordre zu parieren. Komm’ mit in Deine Kammer und träume, was Dein Herz begehrt. Morgen wird’s von selber anders. Hahahaha!“

Die drei Männer erhoben sich und trugen den vollständig Besinnungslosen hinaus. Als sie zurückkehren, meinte der Wirt:

„Habe Euch heut’ die Arbeit leicht gemacht; er hat in jedem Krug sein Deputat bekommen.“

„Kerl bist Du verrückt? Das kann ihn ja um den Verstand bringen! Einmal ist’s schon leidlich; zweimal ist’s genug. Aber gewöhnlicher Leute Kind ist der nicht, das hat man ihm angesehen. Wenn er nur nicht etwa eine Frau Liebste hat und was noch Kleines drum und dran zu hängen pflegt, sonst heult er uns die Ohren voll und — na, mit heut’ ist so wie so ja alles vorüber!“

Der Sprecher suchte ein schmutziges Spiel Karten hervor, und bald saßen die drei Kumpane beim Spiele,

welches erst eine Störung erlitt, als draußen Pferdegetrappel und das Rollen eines Wagens hörbar wurde.

Der Wirt zündete eine Laterne an, um nachzusehen, was es gäbe. Die Zurückbleibenden horchten gespannt auf.

„Hierher leuchten,“ tönte eine barsche Stimme, „damit man weiß, wohin man tritt! Giebt’s bei Ihm zum Beispiel was zu essen und zu trinken?“

„Jawohl, Herr Leutnant!“

„Und Futter für die Pferde?“

„Jawohl, Herr Hauptmann!“

„Und Tabak? Meine Pfeife ist mir zum Beispiel ausgegangen.“

„Jawohl, Herr Major!“

„So führt mich hinein in die Budike!“

„Jawohl, Herr Oberst!“

Der Wirt sah, daß er einen Offizier vor sich hatte, doch konnte er in der Dunkelheit sich über den Rang desselben nicht klar werden. Je näher er ihm aber mit der Laterne kam, desto höher wuchs sein Respekt vor der mächtigen Gestalt, die vor ihm stand; mit kriechender Höflichkeit öffnete er die Stubenthür, und als er nun beim hellen Schein der Lampe den Gast genauer in das Auge fassen konnte, sprang er schnell zu einem Stuhle, wischte ihn eilig ab und rief, denselben präsentierend:

„Wollt Ihr nicht Platz nehmen, Herr General?“

Habermann — denn dieser war es — warf sich mit seiner hochmütigsten Miene in den Sessel, richtete den herabgesunkenen Bart wieder in die Höhe, streckte

die langen Beine gravitätisch von sich und ließ sein Auge so funkelnd wie möglich in dem Raume umherschweifen.

Von den Gästen waren zwei verschwunden, und der dritte lehnte schnarchend in der Ecke hinter dem Ofen.

„Wecke Er mal dort den Menschen auf. Ich bin zum Beispiel nicht gewohnt, mich anschnarchen zu lassen! So! Und nun bringe Er zunächst einen Krug Bier. Den für meinen Leibhusaren setzt Er dort an die Ecke bei der Thür!“

Währenddessen schlüpfte einer von den zwei Verschwundenen auf die Straße und trat zum Kutscher.

„Schöne Pferde das!“

„Hm, ja! Mit dem Schimmel ginge es wohl, aber es geht nicht, denn dem Fuchs liegt es schon lange in den Gliedern.“

„Und ein proprer Wagen. Sapperlot, da muß man wie ein Prinz drinsitzen!“

„Hm ja! Vielleicht gar wie ein Fürst.“

„Da habt Ihr ja ein Wappen dran! Laßt mich’s doch mal sehen!“ Hans leuchtete gutmütig hin.

„Donnerwetter, das ist ja — — unsereiner,“ setzte er, sich rasch unterbrechend, hinzu, „kennt sich mit solchen vornehmen Bildern nicht aus. Wer ist denn eigentlich der Herr, der da drinnen sitzt?“

„Das ist — das ist — ja, das darf ich nicht sagen. Es ginge wohl, denn ich weiß ganz genau, wer es ist, aber es geht nicht, weil ich’s sonst verrate!“

„Aber wer Ihr seid, das dürft Ihr wohl sagen?“

„Warum nicht? Ich werden doch wohl von mir selber reden dürfen!“

„Nun?“

„Ja nun! Ich bin der Stalloberhusar vom alten Dessauer!“

„Und wer der da drin ist, das wollt Ihr mir nicht sagen?“

„Bewahre. Ich werde doch meinen eignen Herrn nicht etwa verraten!“

„Wo soll denn die Reise so spät noch hingehen?“

„Nach Trippstrille,“ antwortete Hans ärgerlich über das viele Fragen. „Packe Er sich fort, sonst komme ich vor Weihnachten nicht zu meinem Biere!“

Nachdem er mit Hülfe des Wirtes die Pferde versorgt hatte, trat er in die Stube. Habermann saß ganz allein darin und kaute an dem Abendbrote, welches er sich hatte geben lassen. Verwundert guckte der Knecht auf die Ecke, auf welcher seine Portion stand.

„Wo ist denn mein Bier?“

„Dort.“

„Hier das?“

„Ja.“

„Grad wie die Leichenfrau! Die muß sich auch an die Ecke bei der Thür setzen. Das ginge wohl, denn ich habe Hunger, aber es geht nicht, denn ich bin keine Leichenfrau, sondern fürstlicher Kammermeister!“

„Maul gehalten — hingesetzt — eingehauen!“ donnerte ihn da Habermann an. „Wart’, ich werde

Dir zeigen, daß ich den Offizier spielen kann! Kammermeister! Da bist Du zum Beispiel gar nichts gegen mich!“

„Na ja,“ antwortete Hans kleinlaut und vollständig eingeschüchtert. „Der Fürst konnte auch meinen Rock anziehen und Ihr dem Kutscher seinen; da wär’s grad umgedreht gewesen: ich wäre Regimentsmarschall und Ihr wärt Stalllakai, und da könnte ich Euch auch in die Wicken donnern!“

„Will Er nun wohl dort zum Beispiel anbeißen oder soll ich Ihm räsonnieren helfen, Er Schwerenöter!“

„Ich esse ja schon!“ ertönte die Antwort zwischen den kauenden Zähnen hervor; „es geht so leidlich, denn ich habe Hun­ger!“ —

Drüben auf den andern Seite des Flures saßen in einer kleinen moderigen Hauskammer die drei, welche sich aus dem Staube gemacht hatten, und steckten, leise flüsternd, die Köpfe zusammen. Im hintern Winkel des Raumes lag Polenz auf der Erde und merkte nicht das mindeste von dem, was um ihn vorging.

„Ja, das wäre ein Fang, wie er uns im ganzen Leben nicht wieder vorkommt!“

„Und was der uns einbringen würde, wenn’s der alte Dessauer wirklich ist!“

„Freilich ist er’s; darüber giebt’s ja gar keinen Zweifel!“

„Aber es ist viel gewagt bei der Sache. Wir könnten uns vielleicht auch eine schlimme Suppe einbrocken.“

„Inwiefern?“

„Denkt, was das in aller Welt für eine Skandal machen würde; es entstände ein wahrer Aufruhr unter den Diplomaten, und auf wen ginge es hinein? Zunächst auf den Kurfürsten, und dann immer weiter hinunter, bis es uns an den Kragen käme.“

„Bilde Dir nicht solche dumme Sachen ein, alter Hasenfuß. Hast Du denn von den Gerüchten noch gar nichts gehört, die so in der Luft herumschweben? Wenn Du an eine Winterruhe glaubst, jetzt, anfangs November, so bist Du auf dem Holzwege. Die Schlappe, welche die Österreicher bei Sorr erlitten haben, können sie unmöglich ein halbes Jahr lang auf sich ruhen lassen; die werden nach Revanche brennen, und wenn man Augen und Ohren offen hält, so hört und sieht man manches, was nach neuen Märschen riecht. Warum ist der Prinz von Lothringen von Wien abgereist, warum befindet sich unser Marschall Rudowsky immerfort auf Inspektionen unterwegs, und warum endlich werden plötzlich alle Werbestationen eingezogen, trotzdem wir uns grad jetzt mitten in den besten Geschäften befinden, he?“

„Ja warum?“

„Weil’s heut’ und morgen losgehen kann, oder übermorgen! Der Dessauer steht mit zwölftausend Mann an der sächsischen Grenze, und er ist so ein Hitzkopf, daß er beim geringsten Zeichen sofort hinübermarschiert und losschlägt. Da wäre es doch wohl ein ächter Geniestreich, wenn man den alten Krippenbeißer mitten unter seinen Leuten und in Feindesland zusammenwickelte -

zusammenwickelte und nach Nummer Sicher transportierte, sodaß er keinen Schaden bringen kann. Donner und Doria, das gäbe Geld und Avancement und vielleicht noch manches andere!“

„Wie Du die Sache anschaust, haben wir allerdings nur Belohnung zu erwarten, und es leuchtet mir auch ein, daß Du vollständig recht hast. Aber wie wollen wir ihn denn so kriegen, daß wir sicher mit ihm durchkommen?“

„Das ist allerdings das Schwierige. Betrunken machen können wir so einen nicht, und selbst wenn wir ihn schon fest hätten, so will ein Fürst und Feldmarschall doch anders behandelt sein, als so ein Grünschnabel, wie sie uns zu Dutzenden ins Garn laufen.“

„Ich denke, wenn wir ihn nur erst in Bitterfeld hätten, so wäre das weitere nicht schwer. Bei solcher Bedeckung, wie sie heut’ nacht zu uns stößt, ist nichts mehr zu befürchten.“

„Das ist richtig, aber wie ihn nach Bitterfeld bringen?“

„Hat er Waffen bei sich?“

„Habe nichts gesehen.“

„Auch im Wagen nicht?“

„Nein, habe alles durchsucht.“

„Der Kutscher scheint ein noch sonderbarerer Kauz zu sein wie sein Alter. Vor dem brauchen wir uns keine Angst zu machen! Der spricht: „Es ginge wohl, aber es geht nicht!“ und dabei knicken wir ihn zusammen und schnallen ihn über das Schmutzleder.“

„Wenn sie keine Waffen haben, so ist die Sache

ja doch nicht schwer! Mit dem Kutscher wird gar kein Kram gemacht und der Alte muß uns sein Ehrenwort geben, daß er sich ruhig fügen will.“

„Aber wenn er es nun nicht giebt?“

„Nicht giebt? Ein Pistolenlauf ist eine kitzliche Sache. Versuchen können wir es wenigstens.“

„Aber der da? Den können wir doch nicht im Stiche lassen!“

„Das wird sich schon machen; der wird einfach hinten aufgebunden. Zuerst müssen wir den Kutscher nehmen, um in den Besitz des Wagens zu kommen. Das ist Eure Sache; den Fürsten nehme ich auf mich allein.“

„Und der Wirt? Wird der’s zugeben?“

„Der muß ruhig sein, denn wenn wir reden, so wird er strangu­liert.“ —

Während in der dunklen Kammer über das Schicksal des Feldmarschalls des heiligen römischen Reiches deutscher Nation und des Königreiches Preußen solche außergewöhnliche Bestimmungen getroffen wurden, schob Seine Durchlaucht Habermann den leer gewordenen Teller von sich, schnalzte mit der Zunge und meinte:

„Das war nicht schlecht gegessen in diesem alten Neste. Wie steht es zum Beispiel mit den Pferden, Wirt?“

„Die sind wieder frisch und munter.“

„Da bringe Er noch ein Bier, und dann mag’s weitergehen!“

Hans erhob sich, während der Wirt nach dem Keller schritt.

„’s ist nicht so prächtig mit dem Essen! Im Käse waren Maden, und das Brot — —“

„Maden? Willst Du mir etwa noch hintennach den Appetit verderben, Kerl? Wo sollen denn zum Beispiel jetzt im November die Maden herkommen!“

„Na, die treiben sich doch wohl das ganze Jahr im Käse ’rum! Ich kann keine essen. Es ginge wohl, wenn man die Augen dabei zumachen wollte, aber es geht nicht, weil ich sehen muß, was ich esse.“

„Mach’, daß Du ’raus kommst zu den Pferden, sonst will ich Dich bemaden!“

„Herr Brigadewebel, ich lasse mich nicht „Du“ schimpfen, so lange ich Kammerhusarenjäger bin!“

„Packe Er sich fort, sonst werfe ich Ihm zum Beispiel dort den Bierkrug an den Kopf!“

„Gut, so ’ne Rede lasse ich mir eher gefallen; das „Er“ und „Ihm“ macht sich doch gleich reputierlicher!“ Mit dieser Belobigung trollte er sich von dannen.

Nachdem er das Riemenzeug der Pferde einer kurzen Kontrolle unterworfen hatte, nahm er auf dem Bocke Platz und gewahrte also nicht, daß auf dem am Hinterteile des Wagens abgebrachten Bediententritte ein Mann saß, welcher durch Stricke in seiner sitzenden Lage festgehalten wurde. Ebenso wenig hörte er die leise geflüsterten Worte:

„Gut, der macht’s uns leicht! Da können wir den Alten ruhig einsteigen lassen, dann aber heißt’s rasch drauf — ich den Fürsten, Du den Kutscher,

und Du greifst da zu, wo es zuerst notwendig wird. Aufgepaßt, jetzt kommt er!“

„So, da leuchte Er nur wieder; das ist ja eine Finsternis, daß man zum Beispiel die Hand nicht vor den Augen sehen kann — na, da löscht Ihm noch dazu der Luftzug Seine alte Funzel aus — nun ist’s rabenschwarz! ’s ist gut; Er braucht nicht erst wieder anzubrennen. Finde mich schon zurecht. So. Jetzt vorwärts, Hans!“

„Hü —“ wollte dieser den Pferden zurufen, aber die Laute blieben ihm vor heller Verwunderung im Halse stecken, denn in diesem Augenblicke saß neben ihm ein Mann, der ihm die Zügel und die Peitsche aus der Hand nahm und darauf loskutschierte, als ob das Fuhrwerk ihm gehöre. Das war dem Hans noch nicht passiert, so lange er lebte, und deshalb wußte er auch gar nicht, wie er sich zu verhalten habe. Das Ereignis ging ihm so über alle Begriffe, daß er schluckte und schluckte und doch kein Wort hervorbrachte, trotzdem ihm das Erstaunen den Mund sperrangelweit aufgerissen hatte.

Und dazu kam, daß auch hinter ihm etwas Ungewöhnliches vorging, denn grad als ihm sein „Hü“ stecken geblieben war, hatte auch Habermann gerufen „Donnerwet— —“ und das Wort nicht ganz herausgebracht. Wäre es Tag gewesen, so hätte der gute Hans sehen können, daß sein Herr mit noch viel weiter geöffnetem Munde ebenso vergeblich nach Worten schnappte wie er selbst. Da ertönte eine halblaute, befehlende Stimme:

„Kein Wort, Durchlaucht, außer wenn ich frage! Es soll Euch nichts geschehen; aber wenn Ihr Lärm macht, so haben wir scharf geladen!“

Hans drehte sich nach dem Sprecher um und sah trotz der Dunkelheit drei Männer im Wagen sitzen statt einem, und in den Händen von zweien blitzten Pistolenläufe. Das gab ihm die verlorene Sprache wieder.

„Lärm machen? Bewahre, wir sind ja die zwei ruhigsten Leute in der ganzen Umgegend!“

Dieses angstvolle Geständnis löste auch die Zunge des Getreidehändlers, der zwar weniger Furcht besaß, aber den Waffen gegenüber sich doch eingeschüchtert fühlte.

„Alle Wetter, was wollt Ihr Strolche hier in meinem Wagen?“ rief er mit halber Stimme. „Hans, willst Du wohl gleich anhalten!“

„Ja, das ginge wohl, wenn ich allein wäre, aber es geht nicht, weil bei mir auch einer sitzt!“

„So wirf ihn zum Beispiel hinunter auf die Straße!“

„Oder er mich! Fangt nur Ihr erst mit Euren beiden an! Ich als Leibstalljäger muß warten, bis der Herr Divisionskorpo­ral — —“

Die Fahrt ging jetzt über steinigtes Terrain, und die ferneren Worte des Spreches wurden von dem lauten Rollen des Wagens verschlungen.


6. Im Keller.

Mamsell Rosine saß in der Laube. Das war nun jedenfalls kein großes weltgeschichtliches Ereignis, doch wer Mamsell Rosine gekannt und gewußt hätte, was für eine außerordentliche Wirtschaftslast auf ihren spitzen Schultern ruhte, und daß sie selbst in den schönsten Tagen den Garten fast nie betrat, dem hätte es doch wohl Wunder genommen, sie in der Dämmerstunde dieses unfreundlichen Novembertages in der Laube sitzen zu sehen.

Aber sie hatte gar wohl einen Grund, heut’ hier zu sein, nur daß derselbe nicht im Wetter lag, sondern viel, viel tiefer, nämlich in ihrem pietätvollen, jungfräulichen Herzen. Heut’ war ihr Geburtstag, und heut’ war es auch grad neununddreißig Jahre, daß er — ach er — nämlich ihr erster und leider auch ihr letzter — hier in dieser Laube vor ihr auf den Knieen — auf allen beiden Knieen gelegen und ausgerufen hatte:

„Röse — Röschen — Rosa — Rosina — ich liebe Dich — küsse mich, oder ich sterbe!“

Das war ihr weit hinein in die Seele gedrungen. Sterben, nein, sterben sollte, durfte er nicht; sie mußte ihn retten! Und so hatte sich denn ihr teures Bild zu ihm herabgeneigt, den Geliebten zärtlich zu umfangen, und dann — ach, ja ja, das war in dieser Laube gewesen, grad in derselben hier, nur daß sie

damals drüben in der andern Ecke gestanden hatte und dann später vollständig neu hierher gesetzt worden war — die halb verfaulten Bretter und Latten von der alten hatte man verbrannt.

War es also etwa ein Wunder zu nennen, daß Mamsell Rosine wie alljährlich, so auch am heutigen Datum die traute Stätte aufsuchte, die den ersten Kuß ihrer einzigen Liebe gehört hatte? — ihrer einzigen, weil er Schneider gewesen und ihr nur vierzehn Tage treu geblieben war. Sie aber hatte ihm ihre Treue bewahrt die ganze Zeit ihres Lebens hindurch, denn so oft die Versuchung an sie herangetreten war, keiner hatte sie gewollt, keiner hatte sie gemocht — und so haßte sie alle, alle, außer diesen einzigen, der doch wenigstens zwei Wochen bei ihr ausgehalten hatte.

Die Liebe, verschmäht und gekränkt, war aus ihrem Herzen gewichen und die Rache dafür in dasselbe eingezogen. Sie hatte sich gerächt an dieser verhaßten Männerbrut — und wie oft! Wie viele waren da unten in den Kellern eingeschlossen worden, die das Handgeld von Vater und Mutter — vom Liebchen hinweggelockt hatte, und die, wenn der Rausch verflogen war, alle Qualen der Reue zu kosten bekamen! An dieser Reue, an ihren Klagen und Thränen hatte sie sich erquickt und bei jedem neuen Opfer neue Freude empfunden.

Nur der heutige Tag hatte sie stets versöhnlich gestimmt. — Wenn das Herz das ganze Jahr hindurch nur Rache kocht, einen Tag muß es doch haben

für die Liebe, und wenn kein Fisch mehr anbeißen will, so geht man in die Vergangenheit zurück zu dem einzigen, welcher angebissen hatte.

Sie senkte das Gesicht tief auf den Strickstrumpf und blies einen Seufzer nach dem andern in die Maschen, dabei ihres einsamen Lebens gedenkend und des trüben Schicksales, es nicht weiter bringen zu können als bis zur — Haushälterin.

Ach, Haushälterin! Sie war’s gewesen, wie lange, wie lange, und war’s geblieben — auch bei dem vorigen Besitzer des vor der Stadt gelegenen Hauses. Dann hatte Wolstraaten es gekauft und seine Bäckerei an den Nagel gehängt, aber obgleich er Witwer war und sie nun wieder süße Hoffnung hegen durfte — sie war Haushälterin geblieben.

Und dieses dumme, unerfahrene Ding, das Sofchen, um die war das Gereiße, und seit nun gar die Haarlemer Erbschaft spukte, war’s erst recht nicht mehr zum Aushalten! Wenn sie doch nur recht bald fort wäre aus dem Hause! Vielleicht hat der Dessauer Getreidehändler ein Einsehen und kommt bald zur Brautschau. Sobald ein Mädchen ein nur einigermaßen hübsches Lärvchen hat, bildet es sich gleich wer weiß was für Wunderdinge ein — grad so wie die Fremde, die heut’ wieder einmal bei Anwalts auf Besuch ist, und die immer an einem vorüberrauscht, als wäre sie von Seide und andere aus Papier. Und dort — ja ja, man darf nur den Teufel an die Wand malen, da kommt er sicher gleich — das ist sie; ich möchte nur wissen, was die im Garten hier

zu suchen hat, jetzt im November! Mit der mag ich gar nicht zusammentreffen. Ich gehe!

Mamsell Rosine konnte nicht begreifen, was die jugendliche Spaziergängerin in den Garten trieb, und doch war es dieselbe Gewalt, von welcher sie selbst hergeführt worden war: die Liebe. Der Liebende, sei seine Liebe nun glücklich oder unglücklich, er sucht die Einsamkeit, er liebt die abendliche Stille, in welcher er denken, sinnen und träumen kann. Und was gab es für Maria von Naubitz nicht alles zu denken!

Der Geliebte hatte Urlaub genommen und war trotz der abschlägigen Antwort des Fürsten nach Dessau gekommen, war gegen seine ursprüngliche Absicht in den Dienst desselben geraten — was sollte daraus werden! Der Sachwalter war verreist; seine Frau liebte es nicht, ihrem Besuch mit zudringlichen Aufmerksamkeiten beschwerlich zu fallen; so konnte sie, ohne die Gastfreundin zu beleidigen, sich in den Garten zurückziehen, um den Regungen ihres Innern Gehör zu schenken. Längst schon war es dunkler Abend, und noch immer saß sie, das Köpfchen nachdenklich in die Hand gestützt, in der Laube, an welche sich die süßen Erinnerungen von Mamsell Rosine knüpften.

Diese befand sich jetzt in der Stube und gab sich ihrer Lieblingsbeschäftigung hin, ihrer intimen Feindin, dem Sofchen, das Leben sauer zu machen. Das Zanken, Keifen und Sticheln wollte kein Ende nehmen, und es war zu verwundern, mit welcher Geduld -

Geduld und Selbstbeherrschung das hübsche und zugleich verständige Mädchen diese Räsonnements ertrug.

Da näherte sich das Rollen eines Wagens, welcher dann vor dem Hause halten blieb. Das kräftige Klatschen einer Peitsche forderte die Bewohner desselben zur Aufmerksamkeit auf.

„Na, wird’s denn bald, Du alte Schlenderliese,“ rief Mamsell Rosine dem Mädchen zu, „oder soll ich etwa selbst hinausgehen?“

Ohne ein Wort der Erwiderung verließ die Gescholtene das Zimmer.

„Wohnt hier der Bäcker Wolstraaten?“ fragte eine tiefe Männerstimme vom Wagen herab.

„Ja!“

„Kann man hier die Pferde unterstellen?“

„Im Stalle nicht mehr; da stehen schon zwei. Aber dort in dem Schuppen ist noch Platz.“

„Schön. Da mögen die zwei aus dem Stalle in den Schuppen gebracht werden. Meine sind gewohnt, auf Flaumfedern zu schlafen!“

„Das wird das Fräulein von Naubitz nicht zugeben!“

„Von Naubitz? Was hat denn das Wettermädel hier zu suchen, he?“

„Sie ist beim Sachwalter, der hier im Hause wohnt.“

„Und da bleibt sie wohl auch heut’?“

„Ich glaube.“

„Das hätte ich wissen sollen. Da hätte der Polenz mitgemußt!“

Es war so finster, daß der Fürst die Aufmerksamkeit, welche sein Kutscher diesem Gespräch schenkte, nicht bemerken konnte.

„Na, gegen das Weibsvolk muß man galant sein; da mögen die Braunen also in die Budike kommen. Aber höre Er, reibe Er sie erst tüchtig ab, lasse sie gehörig verschnaufen und wickle sie dann gut in Decken ein, damit sie mir nicht etwa verschlagen! Wer ist Sie denn, Sie kleines Geschöpf?“

„Ich heiße Sophie und bin das Mündel vom Wirte.“

„ So! Da ist also Sie die Wetterhexe, das Sofchen, wegen der die Leute in den Wasserbottichen herumkrabbeln müssen? Ich werde Sie mir einmal gehörig angucken!“

Damit sprang er aus dem Wagen und trat in das Haus.

Sophie wollte ihm folgen, wurde aber noch vor der Thür von zwei starken Armen umschlungen und fühlte einen langen, herzhaften Kuß auf den Lippen. Die besondere Art und Weise dieser Liebkosung schien ihr sehr bekannt vorzukommen, denn, sich rasch von ihrem augenblicklichen Schrecke erholend, rief sie, ohne den Mann erst genau betrachtet zu haben:

„Fritz, Du? Ich denke, Du bist längst über alle Berge!“

„Ich dachte auch nicht, daß ich so rasch wiederkäme; aber die Umstände haben’s notwendig gemacht.“

„Wer ist denn das, mit dem Du gekommen bist?“

„Das — das ist der Getreidehändler Habermann aus Dessau mit seinem Knechte.“

„Der Getreidehändler! Der kommt wohl schon meinetwegen?“

„Freilich.“

„Und Du — wie kommst Du denn mit ihm zusammen?“

„Unterwegs. Aber gehe jetzt hinein; ich muß nun verschwinden. Sobald Du Zeit hast, kommst Du hinüber an den Hollunderbusch; ich werde auf Dich warten.“

Er schob sie durch die Thür, obgleich sie noch hundert Fragen auf der Zunge hatte. Als sie in die Stube trat, fand sie den Fremden in voller Verhandlung mit Mamsell Rosine.

„Und der Wolstraaten, wo steckt er denn?“

„Der ist nach Halle.“

„Nach Halle — heut’? So so — hm, da hat er Teufelskerl doch Recht gehabt, der Nauh — ja so, hm, hm. Und Sie, wer ist Sie denn?“

Ich heiße Mamsell Rosine Fransenhuberin und halte hier die Wirtschaft in Ordnung.“

„Das ist ja recht schön von Ihr! Also, Mamsell Rosine Fransenhuberin, ich habe einen verteufelten Durst; hat Sie vielleicht einen guten Schluck, der dagegen hilft? Auch für etwas zu essen kann Sie sorgen, denn ich werde hier bleiben, bis der Wolstraaten wiederkommt!“

Das gebieterische Wesen dieses Mannes imponierte ihr; sie machte den Versuch, einen Knix zu stande zu bringen, und eilte dann zur Küche, wo sie mit Sophie

zusammentraf, welche sich in der Stube gar nicht verweilt hatte.

„Schnell einen Krug Bier hinein! Das muß kein ganz gewöhnlicher Mann sein!“

„Ich bleibe da. Sie kann ihm das Bier auch hineintragen!“

„Ich? Warum denn ich?“

„Weil ich nicht mag. Mit dem Habermann habe ich nichts zu thun!“

„Der Habermann ist’s? Woher weißt Du denn das?“

„Hab’s draußen gehört.“

„So so — das ist ja ein recht reputierlicher Herr — zwar nicht mehr der jüngste, aber er hat so eine Manier, so eine Art und Weise — war er nicht Witwer?“

„Ja.“

„Wenn Du nicht anders willst, so kann ich ihm das Bier schon selbst hinaustragen!“

Mamsell Rosine hatte die Eigentümlichkeit, daß ihr bei jeder unverheirateten Mannsperson jene süßen Worte: „Röse — Röschen — Rosa — Rosine — ich liebe Dich — küsse mich, oder ich sterbe!“ und die darauf folgenden seligen Augenblicke in den Sinn kamen, und wie herrlich, wie erhebend mußte es sein, wenn diese tiefe, kraftvolle Baßstimme da drinnen einmal versuchen wollte: „Röse — Röschen — —“ aber sie hatte keine Zeit, diesen himmlischen Gedanken vollständig auszudenken, obgleich ihr beifiel, welch einen Streich sie der Sophie, diesem dummen Dinge, spielen könne, wenn sie ihre Schwiegermutter würde.

Sie füllte den Krug und eilte in die Stube, wo sie ihn mit dem gewinnendsten Lächeln vor den Gast hinsetzte.

„So, ich danke Euch! Hättet Ihr denn wohl ein Bett, wenn man die Nacht hierbleiben müßte?“

„Wir sind nicht auf Nachtgäste eingerichtet; aber ich würde Euch — ja“ fuhr sie errötend fort — „ich würde Euch — wenn Ihr — —“

„Na, heraus damit! Was würdet Ihr?“

„Ich würde Euch — — meine Kammer abtreten!“ brachte sie endlich, züchtig und verschämt die Blicke senkend, heraus. Und in ihrem Innern jubelte es: „Erst sagte er „Sie“, jetzt spricht er schon „Ihr“; o, ich weiß, was das zu bedeuten hat!“

„Ihre Kammer?“

„Ja.“

„Und wohl auch Ihr Bett?“

„Wenn — wenn — na — ja, auch das Bett.“

„Und wo wollt Ihr denn schlafen, he?“

„Für mich wird sich schon ein andres Plätzchen finden. Ich thue es Euch gern zu Gefallen!“

„Zu Gefallen?“ fragte er, während seine Augen sie ganz eigentümlich anblitzten. „Höre Sie mal, Mamsell Rosine Fransenhuberin, Sie ist doch ein ganz heilloses Weibsen! Erstens sagt ein Frauenzimmer so etwas gar nicht, wenn sie auch im stillen ihr Lager für einen Gast herborgt, und zweitens kann es mir in meinem ganzen Leben nicht einfallen, mich auf so einer alten Schachtel ihre Schnarchmaschine zu legen. Es war übrigens auch nur so eine Frage für den Notfall.“

Wenn eine Bombe in das Zimmer gefahren wäre, sie hätte kein größeres Unheil in dem Innern von Mamsell Rosine anrichten können, als diese Worte. Zuerst stand sie wie eine Bildsäule in absoluter Unbeweglichkeit da; es schien ihr die Luft vollständig ausgegangen zu sein. Dann aber stieß ihre vom Entsetzen zusammengepreßte Lunge einen keuchenden Pfiff hervor, ihre Arme fuhren topfhenkelartig in die Seiten, die Augen öffneten sich groß und drohend, ihr weit geöffneter Mund ließ anderthalb Paar lange, gelbe Turbierzähne erblicken, und nun brach die Sturmflut los:

„Was? Was wäre ich? Eine alte Schachtel? Und mein Bett, mein Bett eine Schnarchmaschine? Weiß Er denn, Er unverschäm­ter —“

Weiter freilich kam sie nicht; denn ihr Gegner fuhr mit donnernder Stimme dazwischen:

„Will Sie wohl ruhig sein!“

„Weiß Er denn, Er unver­sch — —“

„Ich frage, ob Sie ruhig sein will!“

„Weiß Er denn, Er un— —“

„Rrrraus!“

„Er unversch— —“

„Rrrraus!“

„Er un— —“

„Rrrraus, sage ich!“

„Er — —“

Jetzt konnte sie beim besten Willen nicht weiter; denn er hatte den Bierkrug ergriffen und schleuderte ihr den Inhalt desselben mit solcher Vehemenz in das Gesicht, daß er ihr nicht nur in den geöffneten Mund,

sondern auch in die Augen und in die Nase drang. So einen Mordanfall hatte man noch niemals auf sie versucht; alle ihre Nerven waren, als hätte sie der Schlag getroffen, vom Schrecke gelähmt und wie angeleimt lagen die schützenden Hände vor dem triefenden Gesichte. Da endlich ging ein konvulsivisches Zittern durch ihren Körper; der in die Nase gedrungene Gerstensaft begann seine lebendig machende Thätigkeit: die Hände hoben sich vom Gesichte, der Kopf bog sich hintenüber, der Mund fuhr krampfhaft auseinander, die Züge legten sich in jene wunderbar ergreifende und erwartungsvolle Visage, welche bei Nichtschnupfern die unausbleibliche Folge einer guten Prise ist, und nun entrang sich dem jungfräulichen Busen von Mamsell Rosine Fransenhuberin ein markerschütterndes und wahrhaft elefantenartiges:

„A—a—a—azzz—i—i—iiiihhh!“

„Wohl bekomme es Ihr, Sie alte Regimentskneipzange, Sie!“ lachte höflich der Bierkrugschütze und schob, während sie immer wieder von Neuem zum Niesen ausholte, die alles Widerstreben Vergessende über die Stube hinüber und in die Küche hinaus. Sophie hatte alles vernommen und konnte sich beim Anblicke der Mamsell des Lachens nicht enthalten.

„Komme Sie doch einmal herein zu mir!“ befahl der Fürst. Sie folgte ihm.

„So! Hierher muß Sie treten, daß ich Sie bei der Lampe deutlich sehen kann. Hm, hm, der Korporal scheint keinen so ganz schlechten Geschmack zu

Illustration 5
Der Mamsell Rosine Fransenhuberin entrang sich ein markerschütterndes, elefantenartiges: „A—a—a—azzz—​i—i—iiihhh!“ (S. 154.)

haben! Höre Sie mal, Sie mag wohl den Namen Habermann gar nicht gern leiden?“

Sie vermochte vor Verlegenheit nicht zu antworten.

„Na, ich meine es ja ebenso gut mit Ihr wie der Nauheimer, und Sie wird schon noch einsehen, daß ich auf Ihr Glück bedacht bin! Jetzt sorge Sie aber zunächst für ein Abendbrot, und dann wollen wir einmal weiter miteinander reden!“

Da trat der Kutscher ein und machte Anstalt, an einem der Tische Platz zu nehmen.

„Höre Er, aus dem Hersetzen wird jetzt nichts. Er wird bei der Sache Sein Teil jedenfalls auch mit zu thun bekommen, und da ist es ganz besonders notwendig, daß Er die gehörige Ortskenntnis besitzt. Gehe Er also einmal rekognoscieren, damit Er sich später zurechtfinden kann, wenn’s notwendig ist.“

Der Angeredete entfernte sich, obgleich er ganz aus eigenem Antriebe die Umgebung des Hauses schon abgesucht hatte. Nur allein im Garten war er noch nicht gewesen, und daher richtete er jetzt seine Schritte nach demselben. Ganz sicher hatte das Haus gewisse Schlupfwinkel und wohl auch verborgene Gelegenheiten zum Ein- und Auspassieren, die bei dem heutigen Rekrutentransporte jedenfalls benutzt wurden. Leicht konnte man mit einer der eingeweihten Personen zusammentreffen und Verdacht erregen, und so schlich der Kutscher geräuschlos und mit einer Umsicht weiter, die ihm nicht das geringste entgehen ließ, ihn selbst aber gegen jede Entdeckung schützte.

So kam er auch an die Laube. Ohne in dieselbe

einzutreten, lauschte er mit angestrengten Sinnen, ob dieselbe leer oder besetzt sei. Leise Atemzüge ließen sich vernehmen — es war jemand drin. Wer war es? Er mußte Gewißheit haben, und machte schon Anstalt, sich niederzulegen, um näher zu kriechen, als ein leichtes Räuspern ertönte, das Rauschen eines weiblichen Gewandes sich vernehmen ließ und eine dunkle Gestalt hervortrat.

Sie blieb einige Augenblicke vor dem Eingange stehen und wollte sodann sich nach dem Hause wenden, als sie dicht neben sich den leisen Ruf vernahm:

„Marie!“

Überrascht, fast erschrocken zog sie den Fuß zurück.

„Wer ist da?“ fragte sie mit halblauter Stimme.

„Wahrhaftig, Du bist’s, und ich habe mich nicht geirrt!“ ertönte es mit gewaltsam unterdrückter Freude, zwei Arme legte sich um sie und zogen sie an eine breite Männerbrust.

„Curt! Welche Überraschung! Wie kommst Du, den ich in Halle glaubte, hierher?“

„Das sollst Du erfahren. Komm, setze Dich!“

Er trat mit ihr in die Laube, zog sie auf seinen Schoß, und bald waren sie in lebhafter, wenn auch fast unhörbarer Unterhaltung begrif­fen. — —

Währenddessen setzte Sophie das Essen auf den Tisch und schlüpfte dann, den Gast befriedigt und beschäftigt wissend, auf ein kurzes Weilchen hinüber zu dem Hollunder­busch. —

Der Fürst ließ sich das Mahl wohlschmecken und

war mit demselben grad fertig geworden, als der Kutscher wieder eintrat.

„Hat Er ’was Verdächtiges gespürt?“

„Nein.“

„So esse Er! Ich werde mir den Ort jetzt auch einmal besehen!“

Er erhob sich und schritt hinaus. Um die Ecke des Hauses biegend, sah er die zurückkehrende Sophie auf sich zukommen. Da er sie in der Dunkelheit nicht sofort erkannte, so hielt er sie beim Arme:

„Halt, was trippelt denn da im Grase herum?“

„Ich bin’s — —“

„Ach, das kleine Jungferchen! Kann mir’s denken, was Sie hier herum zu suchen hat, nicht wahr?“

„Durchlaucht!“

„Durchlaucht? Aha, so hat also der Schwerenöter, der Nauheimer, das ganze Geheimnis ausgeplaudert! Na, den werde ich bei der Parabel nehmen!“

„O nein, Durchlaucht, verzeiht ihm! Er hat’s ja gut gemeint, und ich will Euch dafür auch in allem gern behülflich sein.“

„So, will Sie das? Na, da stehe Sie mir erst mal aufrichtig Rede und Antwort! Ist’s wahr, daß da unten in den Kel­lern — —?“

„Ja.“

„Darf Sie in die Keller?“

„Nein; ich soll ja gar nichts davon wissen.“

„Und heut’ soll es fortgehen?“

„Ja.“

„Woher weiß Sie das?“

„Ich hörte den Vormund mit der Mamsell davon sprechen.“

„Ach so! Da ist die alte verliebte Kachel auch mit bei der Sippe?“

„Die führt eigentlich das ganze Geschäft. Der Vormund entfernt sich allemal, wenn ein Transport kommt oder geht.“

„Weshalb?“

„Aus Klugheit, damit er sich herausreden kann, wenn einmal etwas passiert.“

„Sind die Keller groß?“

„Groß und klein. Es sind mehrere, wie man sie eben braucht.“

„Sie ist trotz des Verbotes doch wohl schon unten gewesen?“

„Zuweilen —“ klang die zögernde Antwort.

„Ja, Euch Weibsbilder kennt man schon! Könnte Sie mich nicht vielleicht mal runterführen?“

„Das wird schwer halten. Die Mamsell hat die Schlüssel.“

„Kann Sie die nicht auf einen Augenblick fortstibitzen?“

„Ich will’s versuchen, Durchlaucht! Aber wenn Ihr weiter nichts wollt, als Euch bloß die Leute ansehen, die da unten sind, so brauche ich gar keinen Schlüssel.“

„Ja, vor der Hand will ich doch auch nichts anderes.“

„Da steigen wir in den Bierkeller; der steht auf,

und da habe ich ein Loch entdeckt, durch welches man die Gesellschaft ganz gut belauschen kann.“

„So führe Sie mich hinunter.“

„Soll ich nicht den Korporal holen? Es ist besser, man ist bei solchen Dingen vorsichtig.“

„Nicht notwendig. Der mag auf seinem Posten bleiben, um zu sehen, was außer dem Hause passiert. Komme Sie nur!“

Sie schritten miteinander um die zweite Ecke des Hauses und kamen in den Hofraum. Sophie schob den Riegel von einer schmalen Thür, hinter welcher eine Stufenreihe abwärts führte.

„Wartet einen Augenblick, Durchlaucht; ich will Licht machen.“

Sie griff in eine kleine Nische, zog Stahl, Stein und Zunder hervor, und bald brannte das Licht der Laterne, welche hier plaziert war, damit man beim Holen des Bieres eine Lampe nicht über den ganzen Hof zu tragen habe. Nachdem sie noch einmal nachgesehen hatte, daß die Thür vollständig herangezogen sei, stieg sie, ihm voran, die Stufen hi­nab. — —

„Heda, ist denn alles ausgerissen?“ rief der Kutscher, vom Essen aufblickend, und klopfte mit dem leeren Kruge auf den Tisch.

Die Küchenthür öffnete sich und ließ die spitze Nase der Mamsell Rosine erscheinen.

„Was hat Er denn zu spectakeln? Bei Ihm heißt’s wohl auch: Wie der Herr, so der Diener!“

„Nein, sondern: Wie die Liebe, so die Hiebe! Kommt Sie manierlich, so bin ich reputierlich, kommt

Sie aber mit Grobheiten, so kann Sie was erleben. Hier, noch einen Krug!“

Der Gebrannte scheut das Feuer, darum hütete sich Rosine auch, ihrem Zorne freien Lauf zu lassen. Ihren Ingrimm verbeißend, nahm sie den Krug, um ihn aus der in der Küche befindlichen Blechkanne zu füllen; aber dieselbe enthielt nicht mehr die nötige Menge des braunen Getränkes. Durch den Umstand, wegen dieser groben Menschen auch noch in den Keller steigen zu müssen, wurde ihr Ärger um ein Bedeutendes erhöht; sie eilte über den Hof, fand die Kellerthür nur angelehnt, und wohl das Feuerzeug, nicht aber die Laterne an ihrem Platze.

Sie stutzte. Es mußte jemand im Keller sein und zwar in einer geheimen Absicht. Leise schlich sie die Stufen hinab und bemerkte, unten angekommen, im Hintergrunde einen schmalen Lichtstreifen. Er fiel aus einem der Nebenräume, welche durch eine starke, eisenbeschlagene Thür vom Bierkeller getrennt wurde. Mit lautlosen, katzenartigen Schritten näherte sie sich der Thür und erkannte nun deutlich den Fremden, welcher auf einem herbeigerollten leeren Fasse stand und durch ein in der Mauer angebrachtes Luftloch in das nebenan liegende Gewölbe blickte, aus welchem sich verschiedene Stimmen vernehmen ließen. Sophie stand mit der Laterne in seiner Nähe.

Es flimmerte vor den Augen der Lauscherin. Das war ja Verrat, und diese Heuchlerin stak mit dem unverschämten Grobsacke unter einer Decke! Welch ein Glück, daß sie zur rechten Zeit gekommen war!

Hier mußte rasch gehandelt und das spionierende Paar unschädlich gemacht werden. Aber die Genugthuung mußte sie dabei haben, den beiden wissen zu lassen, von wem ihnen der Streich gespielt werde. Sie trat deshalb unter den Eingang.

„Was hat Er denn hier in meinem Keller zu suchen, Er alter neugieriger Cyperkater Er? Ich werde Euch zweien das Horchen einstreichen, daß Ihr wer weiß wie lange an die „alte Schachtel“ denken sollt!“

Ehe er noch vom Fasse steigen oder die erschrockene Sophie herbeieilen konnte, hatte sie die Thür zugeschlagen und schob die Riegel vor.

„Will Sie wohl gleich aufmachen, Sie verwünschte Wetterhexe Sie?“ donnerte der Fürst und trat mit kräftigem Fußstoße gegen die Thür. Aber es war weder eine Antwort zu hören, noch gab die Thür den vereinten Anstrengungen der beiden Eingeriegelten nach. Sie waren gefangen.

Allerdings tobte der alte „Knasterbart“ wie ein angeschossener Eber in dem engen Raume herum. Er, der Sieger in so vielen Schlachten, der — na — er sollte sich von so einer — na — übertölpeln und in solch schandbaren Prison nehmen lassen! Und was wird die Welt dazu sagen, wenn es heißt, daß er, der Fürst — Tod und Teufel, nein — lieber wollte er die Mauer mit seinem Kopfe einrennen und — horch, was ist denn das da drüben für ein schallendes Gelächter?

Er stieg auf das Faß und lugte durch die Öffnung. Drüben hatte man einen Kreis geschlossen, inmitten-

inmitten dessen einer stand, welcher mit lauter Stimme erzählte. Eben schien er mit dem Berichte fertig zu sein, denn es erhob sich ein rauschender Beifallssturm, aus welchem am vernehmlichsten der Ruf zu unterscheiden war:

„Hurrah, der alte Dessauer gefangen — Bier her, Wein her, das muß angefeuchtet werden!“ Zitternd vor Grimm sprang er von seinem hölzernen Sockel.

„Da sollen doch gleich fünfunddreißigtausend Bomben und Granaten dreinschlagen — diese Hundsfötter wissen wahrhaftig, wer ich bin. Na, laßt mich nur hinüberkommen — ich werde Euch den „alten Dessauer“ um die Ohren schlagen, daß Ihr den Himmel für einen Osterfladen halten sollt!“

„Jetzt bringen sie ihn!“ schallte es gedämpft durch die Wand.

„Bringen — wen denn?“ knurrte er zornig, wieder auf das Faß steigend und die Nase in das Mauerperspectiv steckend. Kaum aber hatte er einen Blick hinübergeworfen, so fuhr er zurück, daß er fast die Balance verloren hätte.

„Sternen-Pech-und-Hagelwetter, das wird ja mit jeder Minute bunter — das ist ja der Habermann, der Schwerenöter! Da ist der Kerl garnicht nach Halle gefahren, und ich kann jetzt bis zum jüngsten Tage auf meine Dragoner warten? Und dazu hat er meinen Rock an und blamiert ihn jetzt und in alle Ewigkeit, Amen. Na, komme ich nur hinüber, ich

werde ihm eine Salbe einreiben, nach der es ihn am ganzen Leibe jucken soll!“

„Aber ich bin ja gar nicht der Fürst, für den Ihr mich zum Beispiel haltet!“ wurde drüben eine ärgerliche Stimme laut.

„Nicht? Wer seid Ihr denn, wenn man fragen darf?“

„Ich bin der Getreidehändler Habermann aus Dessau und —“

„Schon gut, Durchlaucht, wir kennen das! Ihr sollt das beste Plätzchen, was wir hier haben, als Gewahrsam bekommen und auch einen guten Schluck zu trinken. Das übrige mag nachher der Hauptmann bestimmen, sobald er eingetroffen ist!“

„Aber ich sage Euch zum Bei­spiel — —“

„Wissen alles, wissen alles! Der Getreidehändler Habermann hat sicher weder einen Jagdwagen noch ein fürstlich Wappen daran, und Eure Uni­form —“

„Ich habe ja mit dem Fürsten umwechseln müssen!“

„Allen Respekt vor Euch, Durchlaucht, aber Ihr werdet uns auf diese Weise nur zum Lachen zwingen. Tretet hier herein!“

„Und Er,“ ertönte eine andre Stimme, „kann sich einstweilen dort in jene Ecke setzen.“

„Wohin? Soll ich mich etwa immer nur von einer Ecke auf die andre drücken — erst beim Bataillonsmarschall und nun auch hier? Das ginge wohl, wenn ich mir’s gefallen ließe, aber es geht nicht, weil ich es nicht zu leiden brauche. Ich bin

Oberstallbereiter und setze mich hin, wo mir’s beliebt. Gebt mir was zu trinken!“

„Heute ist die ganze Welt von Sinnen,“ murmelte der Fürst; „doch der Mensch von einem Pferdeknechte da, der ist ganz und gar verrückt geworden. Aber da bringen sie wahrhaftig noch einen geschleppt, und da kommt auch die gute Mamsell Schachtelmeierin oder Kachelhuberin oder wie sie heißt, dahinterher gestiegen. Die wird wohl melden wollen, daß sie hier zwei Vögel eingesperrt hat. Na, komme ich nur hinüber, ich werde ihr in die Schmachtlocken sausen, daß sie aus dem Nießen garnicht wieder herauskommen soll!“

„So!“ klang es drüben. „Stecken sie denn fest?“

„Ja, ich habe sie eingeriegelt.“

„Dann macht’s uns keinen Schaden; wir marschieren ja heut’ ab. Thut nachher mit ihnen, was Ihr wollt!“

„Das ist gut!“ bemerkte der Fürst. „Sie fragen gar nicht, wer ich bin, sonst hätten sie mich wahrhaftig mit dem Habermann zusammengeführt. Aber wer ist denn das, den sie dahin gelehnt haben? Heiliger Baldrian, entweder sehe ich verkehrt, oder es ist der Polenz! Wie kommt denn der von Halle her nach Bitterfeld — und in dieses Loch? Der Tausendelementer macht doch nichts als dumme Streiche, und einen immer schlimmer als den andern. Betrunken ist er zum Erbarmen, und — Schwerebrett, einen sächsischen Dreispitz hat er auf dem Kopfe. Ich glaube gar, den haben sie um den Verstand gebracht und angeworben! Na, komme ich nur hinüber, mein

guter Polenz, ich werde Ihn in die Wäsche nehmen, daß Ihm die Lust zum Heiraten vergehen soll. Hm, so ein Halunke und die Marie — die Nau­bitz!“ — —

7. Schluß.

Nach Beendigung des Abendbrodes begab sich der Kutscher wieder hinaus in den Garten. Er glaubte den Fürsten auf Rekognition; vor Eintreffen der Dragoner war jedenfalls nichts zu thun, und so hatte er mit der Geliebten Verabredung getroffen, sich noch auf ein Viertelstündchen in der Laube zu sprechen. Er hatte das Glück, bei ihr sein zu können, noch zu wenig genossen, um jetzt nicht jede Minute ihrer Nähe für kostbar zu halten, und zudem gab es so viel zu besprechen, zu raten, zu beruhigen und — aufzuklären.

Als er das stille Plätzchen betrat, fand er sie schon seiner wartend und nahm dicht an ihrer Seite Platz. Schon vorhin hatte er ihr über den Grund seiner und des Fürsten Anwesenheit einige kurze Mitteilungen gemacht; jetzt vervollständigte er dieselben und war grad bei der Bemerkung, daß Leopold auch um ihr Hiersein wisse, als er unter seinen Füßen ein Geräusch wahrzunehmen glaubte. Auch Marie hatte dasselbe gehört, und beide lauschten mit angehaltenem Atem, ob es vielleicht wiederkehren werde.

Da plötzlich bewegte sich ihr Sitz, und zwar dieser

nicht bloß allein, sondern mit ihm die ganze Laube. Der Darinsitzende ergriff das Mädchen und stand mit einem raschen Sprunge auf festem Boden. Nur die kurzen Worte: „Schnell, schnell hinter jenen Baum!“ raunte er ihr zu, und lag dann auch schon platt auf der Erde, von welcher er bei der Dunkelheit nicht zu unterscheiden war.

Ein leiser Lichtschein schimmerte aus der Tiefe und ließ die Mündung eines Ganges erkennen, welcher von dem hölzernen Boden der Laube verdeckt gewesen war. Ein einziger Blick genügte, um den einfachen Mechanismus zu begreifen. Im Balkenfuße des kleinen Bauwerkes stak ein senkrechter Riegel, welcher die Laube fest hielt; zog man ihn aber heraus, was sowohl von oben als auch von unten geschehen konnte, so ließ sie sich drehen und gab den Eingang frei.

Leise, vorsichtige Schritte stiegen empor; ein Kopf tauchte aus der Tiefe hervor und spähte in die schwarz umherliegende Nacht hinaus, ob er unbeobachtet sei. Dann stieg der Mann vollends herauf und schob, während das Licht unten fortbrannte, die Laube wieder in ihre vorige Stellung, worauf er den Riegel in seine ursprüngliche Lage brachte.

Voller Angst harrte Marie des nun Kommenden; sie ahnte, daß ein Kampf zwischen ihm und dem Geliebten bevorstand und zitterte vor Erregung. Da vernahm sie ein leises Geräusch — jetzt ist der Augenblick gekommen, dachte sie — aber es blieb vollständig ruhig, bis nach einigen Augenblicken eine leise Stimme rief:

„Marie, komm!“

Voll Freude eilte sie herbei. Er kniete auf einem menschlichen Körper.

„Hier mein Messer! Schneide die Waschleine von diesen zwei Bäumen ab; ich muß ihn binden, ehe ihm die Besinnung zurückkehrt.“

Sie folgte der Weisung, und bald lag der Betäubte geknebelt und gebunden in einem Winkel des Gartens.

„Ich muß hier bleiben, um den neuentdeckten Eingang zu bewachen. Willst Du nicht einmal auf die Straße spähen, ob Du den Korporal entdeckst? Er soll herkommen; ich muß mit dem Fürsten sprechen.“

Sie eilte von dannen. Leichten Schrittes flog sie durch den Hausflur, sodaß ihr Kommen von einem Manne, welcher auf der Straße lauschend am Fenster stand, gar nicht gehört wurde. Seine hohe, breite Gestalt ließ ihr in ihm den Gesuchten ahnen.

„Seid Ihr der Korporal Nauheimer?“

„Ja, der bin ich.“

„Ihr sollt schnell zum Kutscher des Fürsten in den Garten kommen; er hat eine wichtige Entdeckung gemacht.“

„Wer seid Ihr?“

„Eine Pate des Fürsten.“

„Gut, ich gehe mit.“

Er folgte ihr und erfuhr, bei der Laube angekommen, das Vorgefallene und die Absicht des Kutschers, zum Fürsten zu gehen.

„Ja, das weiß der Kuckuk, wo der sich jetzt herumtreibt, und auch die Sophie ist nicht zu finden; ich habe schon eine ganze Zeit vergebens nach ihnen gesucht. Drin in der Stube sitzt die alte Mamsell allein und fängt Grillen, und — weiß Er was Neues?“

„Was denn?“

„Der Habermann ist da!“

„Der Habermann? Nicht möglich!“

„Und doch! Vorhin brachten sie ihn im fürstlichen Jagdwagen; jedenfalls denken sie, sie haben die Durchlaucht gefangen. Es waren sechs Personen: der Habermann, sein Knecht, und einer, den ich nicht wegbekommen konnte, war hintenauf geschnallt.“

„Und wo sind sie jetzt?“

„Jedenfalls im Keller.“

„Weiß es der Fürst?“

„Wohl nicht; er wird doch nicht etwa zu weit fortgegangen und den Transporteurs in die Hände gefallen sein? Die können jeden Augenblick kommen!“

„Das wär ’ne schöne Geschichte! Muß mal suchen. Zunächst aber wollen wir doch einmal nachsehen, wo der Gang hinführt, der hier unter der Laube mündet. Jetzt sind wir zu zweien und können eher etwas wagen.“

Der Korporal war bereit, obgleich Marie bat, von dem gefährlichen Unternehmen abzustehen. Der Riegel wurde entfernt, die Laube gedreht; dann stiegen beide in die noch immer erleuchtete Öffnung, welche sie nicht verschlossen, um für alle Fälle sich einen schnellen Rückzug zu sichern. Der Gang war sehr

einfach und schleusenartig ausgeführt, erstreckte sich immer in grader Richtung vorwärts und endete vor einer Thür, welche nur angelehnt war.

Vorsichtig öffneten sie dieselbe und betraten einen kleinen, leeren Kellerraum; hier aber tönten ihnen aus einem Nebengewölbe laute Stimmen und schallendes Gelächter entgegen. Sie befanden sich, ohne daß sie es wußten, unmittelbar neben dem Keller, in welchen der Fürst mit Sophie eingeschlossen war, nur daß die Thür zu demselben auf der entgegengesetzten Seite angebracht war.

Der Kutscher blies das Licht aus und huschte an die ihnen gegenüberliegende Thür; auch sie war nur angelehnt, sodaß er durch die dadurch entstandene Spalte fast das ganze Gewölbe überblicken konnte. Nach wenigen Augenblicken kehrte er zurück.

„Kommt! Wir wollen uns nicht unnötigerweise in Gefahr begeben, aber vor den paar Leuten wäre mir auch nicht bange.“

Wieder im Garten angekommen, wurde die Öffnung verschlossen, und während der Korporal nun Wache hielt, ging der andere, den Fürsten zu suchen. Er fand ihn weder in der Nähe des Hauses noch in der Gaststube, welche vollständig leer war. Auch in der Küche war weder Sophie noch die Wirtschafterin zu erblicken. Schon wollte er, von lebhafter Besorgnis erfüllt, durch den Hausflur in den Garten zurückkehren, als ein dumpfes Geräusch wie von unterdrückten menschlichen Stimmen an sein Ohr schlug.

Er blieb lauschend stehen; die Töne drangen

durch die Seitenwand und schienen von unten zu kommen. Er näherte sich der Wand, deren eine Hälfte ein großer, breiter Schrank einnahm, dessen Thür nicht verschlossen, sondern nur angelehnt war. Sein Inhalt bestand in Kleidern, welche den Raum von oben bis herab zum Boden ausfüllten. Das dumpfe Gemurmel war hier vernehmlicher als vorher, und, die alten Röcke und Hosen mit beiden Armen auseinander ziehend, erblickte er hinter ihnen eine dunkle Öffnung, welche jedenfalls mittelst einer Treppe nach abwärts führte. Der Schrank hatte keine Hinterwand.

Die Pistole ziehend, kroch er in die Öffnung, fühlte Stufen unter seinen Füßen und stieg dieselben leise und vorsichtig hinunter. Nach einer Weile berührte er mit der tastenden Hand eine Thür. Dieselbe war jetzt nur durch eine einfache Klinkvorrichtung geschlossen. Behutsam öffnete er und gewahrte, daß er außerhalb desselben Gewölbes steht, welches er vorhin von der entgegengesetzten Seite überblickt hatte, und in dem sich eine zahlreiche Gesellschaft von Männern befand. Soeben setzte, wie er durch die schmale Spalte bemerken konnte, die Mamsell einen Krug vor den Knecht des Getreidehändlers.

„Wohl bekomm’s Ihm!“ sagte sie dabei in höflichem Tone. „Er kann von Glück reden, daß man Ihn mit dem Fürsten aufgegriffen hat. Herrendienst ist ein schlimmer Dienst, und so ein schmucker Gesell wie Er wird bei den Soldaten sicher sein Glück machen. Da giebt es ein lustigeres Leben als in Dessau, wo Er nur böse Tage hat, wenn Er nicht zu scherwenzeln versteht!“

„Soldat? Ich gehe nicht unter die Soldaten!“

„Nicht? Da wird Er wohl gar nicht viel gefragt werden. Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen!“

„Fällt mir gar nicht ein, den bunten Rock anzuziehen! Ja, es ginge wohl, wenn ich wollte, aber es geht nicht, weil ich mich nicht gern totschießen lassen mag!“

Der Lauscher wußte genug. Leise, wie er gekommen war, schlich er wieder zurück und begab sich nun eiligen Schrittes zur Laube zurück.

„Der Fürst ist nirgends zu sehen, auch das Mädchen nicht. Entweder sind beide in eine Falle geraten, oder es droht der Durchlaucht von außen her eine Gefahr.“

„Alle Teufel, was ist da zu thun!“

„Zu thun giebt’s weiter nichts als unsre Pflicht. Wir müssen uns in den Besitz des Nestes setzen und die Kerls da unten unschädlich machen. Das übrige wird sich dann schon finden.“

„Aber wir sind nur zu zweien!“

„Fürchtet sich der Korporal Nauheimer vielleicht?“

„Fürchten? Wenn Er das Wort noch einmal sagt, so soll Er sehen, was passiert. Er sieht mir’s wohl auch an, daß ich es gut mit einem halben Dutzend solcher Halunken aufnehme, aber man muß auch vorsichtig sein. Zu einer solchen Affaire gehört mehr Umsicht und dergleichen, als ein Kutscher, wie Er, zu besitzen pflegt!“

„Ah, ist es das? Nun, ich werde Euch einmal zeigen, daß ein Kutscher zuweilen doch auch ein ganzer

Kerl sein kann. Passet mal auf! Ich habe soeben noch einen Eingang zu den Kellern entdeckt; er geht von der Küche aus hinunter. Nun könnten wir zwar die Leute von beiden Seiten einschließen, aber es wäre ihnen doch möglich, auszubrechen; es sind ihrer viele und so eine Thür ist bald zertrümmert; dann wäre uns natürlich das ganze Spiel verdorben. Und was am meisten zählt, sie blieben alle im Besitze ihrer Waffen. Diese muß man ihnen nehmen und sodann entweder sie in ganz sicheren Gewahrsam bringen oder nach Befinden ihnen mit noch energischeren Maßregeln auf den Leib rücken.“

„Höre Er, Seine Ansichten sind nicht schlecht! Aber wie soll das alles angefangen werden?“

„Nun, Ihr schleicht Euch durch den Laubengang bis an die zweite Thür; ich gehe durch die Küche, und sobald Ihr merkt, daß ich Euch brauche, tretet Ihr in das Gewölbe.“

„Gut. Hat Er denn Waffen?“

„Ja, Ihr doch wohl auch?“

„Zur Genüge.“

„Und ich?“ fragte da Marie, welche bisher eine schweigende Zuhörerin gewesen war.

„Du? Für Dich ist es am besten, wenn Du Dich zurückziehst. Solche Vorgänge sind nicht für Frauen.“

„Ich mich zurückziehen, wo es sich um den Fürsten handelt und um Dich? Nimmermehr!“

„Mein liebes, mutiges Mädchen!“ antwortete er.

„Ich kenne Dich und habe nichts anderes von Dir erwartet.“

Er zog sie an sich und küßte sie innig, während Nauheimer, ganz erstaunt über diese Vertraulichkeit zwischen einer adeligen Dame und einem Kutscher, dastand und diese Zärtlichkeit gar nicht begreifen konnte.

„Und welchen Platz weisest Du mir also an?“ fragte sie.

„Einen sehr wichtigen. Die Transportmannschaft wird baldigst eintreffen, denn jedenfalls war der, welchen ich vorhin überrumpelte, abgeschickt, um ihnen den Weg zu zeigen. Ich glaube annehmen zu können, daß sie schon jetzt da drüben in dem Hölzchen auf diesen Boten warten, da sich in der Nähe keine andere Deckung für sie befindet. Da sollst Du nun hier Wache stehen. Sobald Du etwas Verdächtiges bemerkst, eilst Du zur Küche, steigst durch den Kleiderschrank, hinter welchem eine Treppe in den Keller führt, und giebst mir Nachricht. Doch denke ich, daß wir fertig sein werden, ehe Du Veranlassung zu einer solchen Warnung bekommst.“

„Aber sage Er mir doch einmal,“ platzte da endlich Nauheimer los, „wie kommt Er denn zu dieser Bekanntschaft mit — —“

„Laßt das jetzt gut sein,“ fiel ihm der andere schnell ins Wort; „Ihr werdet schon noch das Nötige erfahren. Jetzt macht, daß Ihr in den Gang kommt! Ich muß ihn von außen verschließen, damit Ihr nicht vielleicht von hinten überfallen werdet; man muß sich hier alles überlegen.“

„Höre Er, ich bekomme nach und nach einen ganz gehörigen Respekt vor Ihm!“

„So? Na, da thut dazu, daß ich auch vor Euch Respekt bekomme!“

Als der Korporal in dem Gange verschwunden und die Laube wieder vorgerückt worden war, sah der Kutscher noch einmal nach dem in der Gartenecke Liegenden und überzeugte sich, daß von demselben nichts zu befürchten sei. Dann empfahl er der Geliebten die nötige Vorsicht und begab sich zunächst in den

Stall. Hier versah er sich mit einer ziemlichen Anzahl von Schnüren und Stricken, welche an den alten, verwitterten Wänden herumhingen.

„So, die werden wir vielleicht gebrauchen können. Wenn der Korporal wirklich so ein Kerl ist, wie der junge Habermann gestern sagte, so wird alles gut gehen, trotzdem es ein ganz verteufeltes Wagestück ist!“

Jetzt schritt er nach der Gaststube, in welcher er Mamsell Rosine traf.

„Will Sie mir wohl einen Gefallen thun, Jungfer Rosine?“ fragte er sie.

„Er ist eigentlich zu unmanierlich, als daß man Ihm viel Gefallen erweisen möchte; aber was will Er denn, und wozu sind die Stricke da?“

„Das soll Sie gleich sehen,“ antwortete er, indem er die Thür verriegelte und die Pistole hervorzog. „Setze Sie sich einmal hier auf diesen Stuhl!“

„Herr Jemine, was soll —“ wollte sie beim Anblicke der Waffe aufkreischen; er aber fiel ihr schnell in das Wort:

„Kein Wort weiter! Wenn Sie nur im geringsten muckst, so schlage ich Ihr hier mit dem Dinge da die Schmachtlocken auseinander, denn einen Schuß Pulver ist so eine alte Trine, wie Sie, doch nicht wert!“

Sie zitterte an allen Glliedern und konnte vor Angst kein Wort mehr hervorbringen.

„Was für eine saubere Wirtschaft da unten in den Kellern getrieben wird, das weiß ich, und wir werden das Nest auch nachher ausnehmen; jetzt aber frage ich Sie nur, wo mein Herr, der Habermann aus Dessau steckt!“

War der Fürst in eine Falle geraten, so mußte sie es wissen, so kalkulierte er, indem er sie drohend anblickte.

„Sau—be—re Wirt—schaft?“ stammelte sie. „Habermann —? Ich weiß von alledem nichts, gar nichts!“

„So, na, da hat eben Ihre letzte Stunde geschlagen!“

Er faßte sie beim Halse und holte aus, als wolle er ihr mit dem Griffe der Pistole einen Schlag versetzen.

„Halt,“ röchelte sie in Todesangst, „ich will’s gestehen!“

„Nun, wo ist er?“

„Unten, eingeschlossen.“

„Und die Sophie?“

„Auch mit eingeschlossen.“

„Wer hat es gethan?“

„Die Sachsen,“ antwortete sie aus Angst, daß es ihr ans Leben gehen könne, wenn sie die Wahrheit sagte.

„Gut, jetzt weiß ich genug! Jetzt lege Sie Ihre Hände hinter die Lehne und die Füße hier an die Stuhlbeine. Ich werde Sie anknüpfen. Wenn Sie sich ruhig verhält, geschieht Ihr nichts, wenn Sie aber einen Versuch macht, loszukommen, so ist’s um Sie geschehen!“

Widerstandslos ließ sie sich fesseln; dann band er ihr die Schürze vor den Mund und trat in die Küche.

Helles Gelächter tönte ihm entgegen, als er die Stufen hinunterschritt. Ihm war allerdings nicht sehr lächerlich zu Mute. Von dem Gelingen des Streiches hing vieles ab, besonders da der Fürst sich selbst unter den Gefangenen befand. Geräuschlos öffnete er die Thür ein wenig und horchte.

„Ich kann nicht begreifen,“ klang eine Stimme, „warum Müller nicht zurückkommt. Um bloß zu sehen, ob sie da sind, braucht es doch nicht eine so lange Zeit. Ich muß einmal nachschauen, was er draußen treibt!“

Das galt jedenfalls dem gefesselt im Garten Liegenden. Hier war keine Zeit zu verlieren, und der Sprecher hatte kaum den Fuß erhoben, um sich zu entfernen, so ertönte von der Thür her ein kraftvolles „Halt“ in seine Ohren.

Er fuhr herum und erblickte den am Eingange Stehenden, welcher in jeder Hand eine gespannte Pistole hielt.

„Verrat! Zu den Waffen!“ rief er erschrocken und eilte zum Ecktische, auf welchen er und seine Kameraden ihre Waffen abgelegt hatten. Aber mit einigen raschen Schritten hatte ihn der Eindringling vom Tische abgeschnitten.

„Keinen Schritt weiter! Wer sich von seiner Stelle rührt, ist verloren!“ erscholl es ihm entgegen.

Da riß er ein Messer hervor und wollte sich mit erhobener Faust auf den Fremden stürzen. Ein Schuß krachte, und der Arm sank zerschmettert herab. Zu gleicher Zeit öffnete sich die andere Thür; Nauheimer trat ein und warf sich mit seiner mächtigen Gestalt den Werbern entgegen, welche aufgesprungen waren, ihren Kameraden zu rä­chen. — — —

Während dessen stand Marie von Naubitz draußen in der finstern Nacht auf ihrem Posten, um Wache zu halten. Sie war eine würdige Pate des alten Knasterbartes und kannte weder Furcht noch Unentschlossenheit. An die Worte des Geliebten denkend, schien es Ihr ratsam, sich einmal nach dem Gehölz zu schleichen, und schon legte sie die Hand an die kleine Gartenpforte, welche in das Freie führte, als sie einen Schritt zurücktrat und sich schnell niederbeugte.

Zwei dunkle Gestalten kamen längs des Zaunes herbeigeschlichen und blieben jenseits desselben grad vor ihr stehen.

„Das muß das Haus sein, Hauptmann!“ flüsterte eine leise Stimme.

„Natürlich! Und hier steht auch die Laube, in welche der Gang münden soll.“

„Warum nur keiner von den Kerls sich beim Rendezvous einfindet! Sie müssen doch wissen, daß wir nicht ewig warten können, weil wir die Nacht zum Transporte benutzen wollen.“

„Wer weiß, was sie noch zu verrichten haben. Eintreten können wir nicht; so bleibt uns also nichts übrig, als uns in Geduld zu fügen.“

Die beiden Männer entfernten sich langsamen Schrittes und auch Marie erhob sich wieder, um das Gehörte zu melden. Als sie, längs des Gebäudes hingehend, an die Kellerthür kam, glaubte sie ein polterndes Geräusch zu vernehmen, welches die Stufen heraufdrang.

Sie öffnete und lauschte hinunter. Jetzt hörte sie ganz deutlich ein lautes Krachen und dazwischen den unterdrückten Schall einer tiefen Baßstimme:

„Himmelmohrenelement, ob wohl das alte Ding nachgeben wird, daß man aus der Bude herauskommt!“

Das war der Fürst; sie kannte diese Stimme zu deutlich und hörte aus den vernommenen Worten, daß er eingeschlossen sei. Ohne sich lange zu besinnen, eilte sie, so schnell es ihr die Dunkelheit gestattete, die Treppe hinab, und je weiter sie hinunter kam, desto deutlicher bemerkte sie, daß man eine Thür mit mächtigen Fußtritten bearbeite. Sie tappte sich dem Schalle nach, bis sie die Thür erreicht hatte und zog mit Anstrengung aller ihrer Kräfte die Riegel zurück. Der Schein des Lichtes fiel auf ihre Gestalt.

„Alle Wetter! Mädel, wie kommst denn Du in

dieses vermaledeite Loch? Na, davon später; jetzt muß ich machen, daß ich den beiden Teufelskerlen da drüben zu Hülfe komme, denn da scheint es bunt herzugehen! Wir kommt man denn aber hinab in die Rattenfalle?“

„Durch die Küche, Durchlaucht. Erlaubt, daß ich Euch führe!“ antwortete Marie, noch ehe Sophie ein Wort sagen konnte.

„Durch die Küche? Wie kommst denn Du dazu, das zu wissen, he?“ fragte er, eilte aber, ohne eine Antwort abzuwarten, nach oben, und stand in kurzer Zeit vor dem Kleiderschranke.

„Da hinein soll ich kriechen? Na, jetzt komme ich endlich, Ihr Schwerenöter, und nun sollt Ihr alle Euern Zahlaus haben!“

So rasch wie möglich eilte er nach unten, stieß die angelehnte Thür auf und — blieb erstaunt unter derselben stehen.

Im Hintergrunde des Gewölbes lagen sämtliche Werber gebunden auf der Erde; der Korporal war eben beschäftigt, dem letzten derselben eine Schlinge um die Beine zu legen, während der Kutscher mit drohenden Pistolen immer noch an dem Tische stand, auf welchem die Waffen der Gefangenen lagen. Es war augenscheinlich, daß die Angeworbenen, ihren Vorteil erkennend, bei der Überwältigung derselben geholfen hatten, und auch Hans schien nicht ganz müßig gewesen zu sein, denn er stand vor einem der Gefesselten und hielt ihm eben die erbauliche Rede:

„Sieht Er’s nun ein, he? Wie Du mir, so ich Dir! Wir wollen Ihm schon lehren, bei nächtlicher Weile ehrlichen Leuten auf den Wagen zu springen, um sie unters Militär zu stecken! Das ginge wohl, wenn’s bloß hieße: wie Du mir, aber es geht nicht, weil’s auch heißt: so ich Dir!“

Die Arbeit war also hier vollständig gethan, und Leopold konnte sich nicht enthalten, in die anerkennenden Worte auszubrechen:

„Kerls, habt Ihr denn den leibhaftigen Satan im Leibe, daß Ihr zu zweien Euch in diese Räuberhöhle wagt? Das ist doch ein Stück, wie’s nur so im Buche steht. Na, es soll Euch auch angerechnet werden! Nauheimer, Er mag einmal hier zur Wache zurückbleiben; Er aber“ — damit wandte er sich an den Kutscher — „Er aber bringe mir einmal den Habermann herauf in die Stube und auch den — den — na, den Menschen, der dort an der Wand lehnt. Muß einmal ein Wörtchen mit ihnen reden, und die andern werden schon auch noch an die Reihe kommen!“

Als er in die Küche trat, fand er die beiden Mädchen vor, welche mit Spannung auf den Ausgang des Abenteuers gewartet hatten. Marie trat zu ihm heran.

„Verzeihung, Durchlaucht, daß ich vorhin keine Zeit fand, zu melden, daß sächsisches Militär das Wäldchen unweit des Dorfes besetzt hält.“

„Woher weißt Du das?“

„Ich stand Wache und hörte dem Gespräch zweier Offiziere zu.“

„Wache gestanden? Blitzmädel, an Dir ist ein Grenadier verdorben, und der Herrgott mag’s einmal bei mir verantworten, wenn ich hinauf komme, daß er Dich in den Unterrock gesteckt hat. Und zwei Offiziere waren es, sagst Du? Da ist die Mannschaft zahlreich, und wir müssen die Ohren spitzen. Was sprachen sie?“

Sie teilte die belauschte Unterredung mit.

„Da wären wir wenigstens einen Augenblick vor der Überrumpelung sicher und —“

Er hielt mitten im Satze inne und eilte in die Stube, denn draußen vor dem Hause hatte sich Pfergetrappel hören lassen. Noch hatte er die in den Flur führende Thür nicht erreicht, als dieselbe hastig geöffnet wurde und ein Dragoneroffizier eintrat, hinter welchem noch mehrere Uniformen zu erblicken waren. Den Fürsten erkennend, salutierte er:

„Eingetroffen nach Befehl, Excellenz!“

„Gut, gut, schön, schön! Aber wo ist denn der Gallwitz?“

„Ist mit der Eskadron noch etwas zurück; schickte mich nur vor, um zu rekognoscieren; mußte vorsichtig sein, wußte nicht, um was es sich handle.“

„Ja, der Gallwitz ist ein verständiger und umsichtiger Soldat. Mache Er sich’s einstweilen bequem hier, schicke aber vorher einen Seiner Leute retour, den Gallwitz zu führen. Alles Geräusch vermeiden; fünfhundert Schritt entfernt vom Hause halten!“

Schon seit einigen Minuten war der Kutscher mit Habermann und Polenz aus dem Keller gestiegen. Marie hatte ihm sofort die dem Fürsten gemachte Mitteilung wiederholt, und als er jetzt die letzten Worte desselben vernahm, trat er vor.

„Erlaubt, Durchlaucht, daß ich gehe; kenne mich hier besser aus als diese Leute, die soeben erst hier angekommen sind!“

„Da hat Er recht. Melde Er mir’s sofort, wenn die Blauen eingetroffen sind!“

Der Kutscher ging; aber anstatt sich direkt nach der Straße zu wenden, trat er zu dem fürstlichen Jagdwagen, auf welchem der Getreidehändler gekommen war, hob den Sitz in die Höhe und entnahm dem darunter befindlichen Kasten ein Paket.

„Es war doch gut, daß ich für alle Fälle meine Uniform einpackte. Jetzt mag vorerst der Kutscher in den Kasten gehen, und dann — ja dann wollen wir den Sachsen auf den Hals, ohne daß wir den Alten erst lange um guten Rat fragen!“ murmelte er lei­se. — — —

Erst als die Thür sich hinter dem Fortgehenden geschlossen hatte, bemerkte Leopold die Mamsell, welche noch immer gefesselt und geknebelt auf ihrem Stuhle saß.

„Alle guten Geister,“ rief er, „das ist ja die alte Meerkatze, die mich — na, das ist nicht für jedermanns Ohren! Nehmt ihr doch mal die Schürze von der Nase und bindet den Drachen los!“

Als diesem Befehl Folge geleistet war, fragte er:

„Jetzt sage Sie mal, wer Sie hier so vortrefflich festgenagelt hat; aber mache Sie’s kurz!“

„Wer denn anders, als Euer Kutscher!“ antwortete sie, ihren Ingrimm bemeisternd, da sie sehr wohl bemerkte, daß hinter dem Getreidehändler doch wohl etwas anderes stecke. Zudem fühlte sie sich nur gar zu wohl schuldig, und dieses Gefühl machte sie gefügiger, als sie es sonst gewesen wäre.

„Das ist doch ein ganz verteufelter Himmelhund!“ rief er wohlgefällig. „Jetzt bleibe Sie ruhig sitzen; wir werden nachher schon sehen, was für Fett sich noch aus Ihrem Körper braten läßt. Ah, da ist ja auch der Habermann! Komme Er doch mal näher, mein Lieber!“

Diese Worte waren mit jener eigentümlichen Freundlichkeit gesprochen, hinter der sich immer ein Gewitter verbarg. Der Handelsmann trat zögernd herbei.

„Warum ist Er niederträchtiger Millionenschwede — ach, alle Wetter!“ unterbrach er sich hier, indem ihm erst jetzt das Eintreffen der Dragoner wunderbar vorkam, da Habermann doch jedenfalls nicht nach Halle gekommen war. Mit Spannung fuhr er deshalb fort: „Wie kommt Er denn hierher nach Bitterfeld?“

„Weil mich die Werber gefangen nahmen, Durchlaucht.“

„So. Schämt Er sich denn nicht bis über die Waden hinunter, daß Er sich von solchem Gelichter hat übertölpeln lassen — und noch dazu in meinem Rocke, Er Halunke? Eigentlich sollte ich Ihn ganz gewaltig durchfuchteln lassen, versteht Er mich, he?

Aber Er wird Seine Strafe auch so schon haben. Und was hat Er denn mit meinem Zettel angefangen?“

„Den habe ich einem Manne gegeben, der mir unterwegs begegnete. Er ging nach Halle.“

„Was? Einem Manne? Hat Er ihn denn gekannt?“

„Nein.“

„Nicht? Also dem eErsten besten übergiebt Er so mir nichts, dir nichts eine Ordre von mir — wo soviel auf dem Spiele steht, Er Mohrenbraten Er — — — —!“

Da kam ihm plötzlich ein Gedanke. Konnte das wohl vielleicht gar der Wolstraaten gewesen sein? Wahrscheinlich war es, und bei dieser Vorstellung lachte er ingrimmig in sich hinein; dann meinte er drohend:

„Wenn der Zettel nicht abgegeben worden ist, so hat Er’s mit mir zu thun, und wird sehen, was es Ihm einbringt! Was hat Er denn eigentlich in Bitterfeld zu suchen gehabt?“

Der Gefragte schwieg, an allen Gliedern zitternd.

„Er mag immer schweigen! Weiß doch, daß Er dort das Goldfischchen hat wegangeln wollen für Seinen albernen Buben, aber da wird ihm der Henker was braten. Das Mädel ist versehen, und der Nauheimer ist ein Kerl, der Meriten hat und meine Konnexion obendrein. Setze Er sich. Die Angst ist Ihm ja in die Beine gefahren, wie einem Storche der Schinken!“

Polenz lehnte während dieser Scene auf einem Stuhle. Die Besinnung war ihm wenigstens soweit

zurückgekehrt, daß er das um ihn Vorgehende wie im Träume sah und hörte. Die Stimme des Fürsten klang ihm wie die Posaune des jüngsten Gerichtes in die Ohren, und als dieser befahl: „Jetzt bringt mir nun den Menschen dort einmal her!“ war es ihm grad, als sei er an eine Kanone gebunden und erwarte in furchtbarer Todesangst den vernichtenden Schuß. Je näher er wankenden Schrittes herbeitaumelte, desto grimmiger wurde das Gesicht Leopolds. Dieser schien den Malefiknten mit dem Auge durchbohren zu wollen und vor Zorn nach Worten ringen zu müssen, bis er endlich, ganz gegen seine Gewohnheit, kurz und kalt befahl:

„Schafft mir das Subjekt aus den Augen! Das Jammerbild ist ja keines Wortes wert. Aber den Hut mag er auf dem Hirnkasten behalten, bis man ihm das Standrecht hält!“

Eine ganze Weile schritt er, mit seiner Aufregung kämpfend, in der Stube auf und ab. Endlich wurden seine Züge milder und milder, und mit einer kurzen Schwenkung blieb er vor Marie von Naubitz stehen.

„Höre, Mädel, da hätte ich alter Isegrimm bald einen dummen Streich gemacht und Dich an einen Mann gehängt, der — na, ich will mich nicht wieder ärgern! Wir wollen uns die Sache mit dem Platen noch einmal überlegen. Habe viel von ihm gehört, sehr viel Gutes und Schönes — soll ein ganz wahrhaftiges Extraktum von allen Offizierstugenden sein! Und Du selbst bist ja heut’ auf dem Damme gewesen

trotz eines Pulverfressers und hast mich aus der Teufelshöhle herausgeholt, in die mich dort das alte Schüreisen — na, warte nur,“ unterbrach er sich, wieder zornig werdend, „nennt mich dieses traurige Weibsbild einen alten Cyperkater! Ich werde Sie, Mamsell Rosine Kachelmüllerin oder Schachtelbergerin, becypern, daß Sie bis an Ihr seliges Ende an dem Kater herumkauen soll!“

Vielleicht hätte er der alten Jungfer eine etwas längere Rede gehalten, wäre jetzt nicht zum zweiten Male draußen das Stampfen von Rosseshufen laut geworden, und zwar in einer Weise, welche auf eine zahlreiche Abteilung schließen ließ.

Wütend eilte der Fürst nach der Thür.

„Wahrhaftig, da bringt mir der Kerl die ganze Truppe bis an die Nase hergeschleppt, und dabei machen die Leute einen Skandal, daß die Kurfürstlichen taub sein müßten, wenn sie es nicht hörten. Das wird uns den ganzen Coup verderben!“

Er befand sich wieder in vollem Zorne und herrschte, als jetzt der Eingang sich öffnete, dem einen der beiden Eintretenden zu:

„Alle Tod und Teufel, Rittmeister, was fällt Euch denn ein, mit solchem Spektakel mir in das Haus zu fallen, wenn ich befohlen habe, daß Ihr fünfhundert Schritt von hier Posto nehmen sollt? Nun sind uns die Sachsen futsch, die ich haben wollte!“

„Excellenz erlauben zunächst, diesen Mann abzuliefern!“ erwiderte der Angeredete, indem er seinen

Begleiter vorschob. Es war ein in Civil gekleideter Mann, in dessen Mienen die Angst und Furcht mit größter Deutlichkeit zu lesen waren.

„Wer ist’s?“

„Der Bäcker Wolstraaten.“

„Aha, ist er von seinem Spaziergange nach Halle zurück? Habe jetzt aber keine Zeit, mich mit dem Landesverräter zu befassen. Setzt ihn dorthin neben seine alte Mamsell Schatulle!“

„Sodann habe ich Excellenz diese Allerhöchste Zuschrift zu überreichen. Kam aus Berlin und ist so pressant, daß sie mir sogar für die gegenwärtige Exkursion anvertraut wurde, um baldigst in Eure Hände zu gelangen.“

„Na, da gebt mal Licht her!“

Er trat zum Tische, brach das Königliche Siegel auf, entfaltete das Schreiben und versuchte, sich den Inhalt desselben anzueignen. Lange wollte es ihm nicht gelingen; endlich aber legte er es mit einer Miene des Triumphes wieder zusammen.

„So, da ist der alte Dessauer wieder mal gescheiter gewesen, als all die hochgelehrten Herren Federfuchser. Kinder, morgen marschieren wir; der Teufel geht wieder los. Mein guter Spezial, der liebe Herr Minister von Brühl, hat wieder ’mal ’nen Affen geheckt, der ihn in die eigenen Augen kratzen wird. Der alte Blutsauger kann das Schlabbermaul nicht halten und hat sich selbst verraten. Also morgen geht’s auf Leipzig los, und der Herrgott mag seine

Englein trommeln und pfeifen lassen, daß es uns nicht am Siege fehlt! Es wird ja doch wohl die letzte Kampagne sein, die Euer alter Leopold mit Euch unternimmt,“ setzte er mit milder werdendem Tone hinzu, „und da wollen wir denn noch einmal zeigen, daß wir noch Kalk in den Knochen haben! Was nun das Neueste dabei ist, der Ritter Kurt von Platen wird mir als Adjutant beigegeben. Der Fritz in Berlin will’s so, und mir kann’s auch recht und lieb sein! Aber nun hinaus zu den Sachsen, wenn sie uns, wie gesagt, nicht futsch sein sollen!“

„Excellenz, die Sachsen sind uns nicht futsch; wir haben sie schon!“

„Ihr habt sie? — — Wo denn, he?“

„Draußen vor dem Hause.“

„Vor dem Hause? Gefangen? Alle Hagel, wie ist denn das zugegangen?“

„Der Rittmeister von Platen, welchen uns Excellenz entgegenschick­ten —“

„Platen? — Entgegenschicken? Bei Euch rappelt’s wohl?“

Der Gefragte wurde der Antwort überhoben, denn es öffnete sich wieder die Thür und ein Offizier in der kleidsamen Tracht der Ziethenhusaren trat ein, nahm drei Schritte vor dem Fürsten Stellung und meldete:

„Fertig mit den Kurfürstlichen, Durchlaucht. Alle gefangen!“

„Potz Schwe — — —“

Das Kraftwort blieb dem alten Helden im Munde stecken. Aufs höchste erstaunt, trat er einige Schritte zurück und beguckte sich mit aufgerissenen Augen den Mann, der sich mit solcher Eleganz vorzustellen wußte.

„Ist denn heut’ die ganze Welt aus Rand und Band gefahren, daß Er Himmelsackermenter es wagen darf, als Leibkutscher sich — —“

Wieder hielt er vor erneutem Erstaunen mitten in seiner Strafpredigt inne, denn Marie von Naubitz trat zu dem Husaren, legte ihre Hand auf den Arm desselben und sprach:

„Der Herr Rittmeister von Platen, Excellenz!“

„Wa—wa—wa—was? Das ist ja heut’ eine förmliche Revolution gegen mich! Also Er ist der Tausendschwerebretter, der so viele schöne dumme Streiche gemacht hat und nun jetzt gar dieses Mädel da zur Frau nehmen will? Und da hat Er sich gestern wohl nur deshalb bei Mutter Röse eingeschlichen, um mir so hinten herumzukommen und mich auf Seine Seite zu kriegen? Und den Kutscherrock hat Er angezogen, Er, ein Offizier, der doch Ehre im Leibe haben sollte und Reputation und Ambition und wie das welsche dumme Zeug alles noch heißen mag! Da schlage doch der Teufel drein! Daraus wird nichts, rein gar nichts. Na, wartet nur, Ihr Heidenvolk, Ihr sollt mir alle samt und sonders, wie Ihr dasteht — und auch die da unten in den Kellerlöchern — mit

nach Halle, und da wird ein jeder das bekommen, was er verdient hat, näm­lich — — —“

„Der Nauheimer seine Sophie!“ ertönte es herzhaft aus dem Hintergrunde, wo der Korporal auf einen kurzen Augenblick erschienen war, um sein Mädchen beim Halse zu nehmen. Er hatte es unten bei den Gefangenen doch nicht länger aushalten können und war nach oben gestiegen, wo es ihm vielleicht möglich war, ein kleines Wörtchen für sein Glück einzulegen.

„Maul gehalten, Er vorwitziger — — ja so, Er war’s wohl selber, Korporal? Da will ich nichts dagegen haben; also, der Nauheimer seine Sophie, und — und — und —“

„Der Platen — —“ lachte mutig der Husarenrittmeister.

„Seine Marie!“ ergänzte die Patin des Fürsten, bittend zu diesem aufblickend.

„Ja ja, da darf man nur sagen: und — und — und —“

„Der Habermann seinen Hans!“ machte sich eine halblaute Stimme bemerklich. „Das ginge wohl, denn Habermann bleibt Habermann, und das geht auch, denn der Hans bleibt auch der Hans!“

„Will Er dahinten wohl gleich seinen Schnabel zumachen! Glaubt Er wohl, Er dummer Hans, daß ich mich nur wegen ihm herstelle und dreimal „und — und — und“ schreie? Na“ — wandte er sich wieder an die beiden jungen Leute, welche erwartungsvoll vor ihm standen — „da greift meinetwegen zu! Aber

zur Beichte sollt Ihr mir noch sitzen, und zwar ganz gehörig, denn ich muß alles wissen, was ich jetzt noch nicht erfahren habe, und wenn ich dann zufrieden bin mit dem Herrn Rittmeister, so wird er sich auch nicht zu beklagen haben über — hahahaha — über den Zwie—wie— hahahaha — wie—wie—wiebelhändler von gestern!“

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III. Ein Stücklein vom alten Dessauer. Humoristische Episode aus dem Leben des alten Dessauer.

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Es war am Vormittage eines schönen Sommersonntages. In seinem Arbeitszimmer des Dessauer Schlosses saß Fürst Leopold von Anhalt-Dessau, der Feldmarschall Preußens und des deutschen Reiches an seinem Schreibtische und stöberte in allerlei Akten und militärischen Schreibereien herum. Er trug seine einfachen grauleinenen Hosen und einen ebenso einfachen Waffenrock, an welchem kein Abzeichen seines hohen Ranges angebracht war. Seine Stirn lag in Falten; die Spitzen seines schwarzen Zwickelbartes zuckten und seine Füße stampften zuweilen ärgerlich den Boden. Er befand sich augenscheinlich in einer höchst unfreundlichen Stimmung.

Er war in der Kirche gewesen und hatte sich über die Predigt geärgert, da der Pfarrer mit der Gemeinde zu glimpflich verfahren war und nicht genug losgedonnert hatte. Nun saß der Fürst da und brummte ärgerlich vor sich hin.

Da erschallte unten im Schloßhofe ein lauter, kräftiger Gleichschritt, und gleich darauf trat der Diener ein und meldete, daß die Kapelle von Leopolds Lieblingsregimente soeben eingetroffen und aufmarschiert sei.

Der Kapellmeister war nämlich gestorben und sein Nachfolger sollte heute seine Probe ablegen. Das war keine leichte Aufgabe, denn der alte, grimmige Fürst verstand von Musik gar nichts und hatte es in seinem ganzen Leben nur zu der einen Melodie des Dessauer Marsches gebracht: „So leben wir, so leben wir, so leb’n wir alle Tage“. Nach dieser Melodie sang er alle Lieder, auch in der Kirche, mochte die Orgel spielen und die Gemeinde singen, was und wie sie wollte.

„Ist der neue Pfeifer draußen?“ fragte der Fürst den Diener.

„Ja. Er bittet eintreten zu dürfen,“ antwortete der Gefragte.

„Er mag kommen!“

Der Diener ging und an seiner Stelle trat der Musikus herein, den der Fürst in seiner derben Weise den

„Pfeifer“ genannt hatte. Er marschierte drei Schritte vor, schlug die Absätze zusammen und blieb dann in der vorgeschriebenen strammen, kerzengeraden Haltung stehen. Der Fürst musterte ihn vom Scheitel bis zur Sohle herab. Er mußte etwas Ordnungswidriges entdeckt haben, denn er erhob sich rasch, trat auf den Mann zu und fragte:

„Wie lange dient Er bereits, he?“

„Neun Jahre, Excellenz,“ lautete die Antwort.

„Neun Jahre,“ wiederholte Leopold in tiefem, zornigem Tone. „Und während dieser Zeit hat Er noch nicht gelernt, sich vorschriftsmäßig aufzuwichsen! Sieht Er nicht, Er Himmelhund, daß die rechte Spitze Seines Schnurrbartes um den ganzen zwanzigsten Teil eines Zolles höher steht als die linke? Und mit diesen liederlichen Katerborsten kommt Er zu mir, Er neunjähriger Schlendrian! Bringe er Seinen infamen Schnurrwichsrich sofort in Ordnung, sonst lasse ich Ihn Spießruten laufen bis die Schwarte platzt!“

Der Mann war schreckensbleich geworden und brachte die unglückselige Bartspitze schleunigst in eine tiefere Lage.

„So!“ sagte der Fürst. „Er scheint mir von Musik so viel zu verstehen, wie der Staar vom Porträtmalen, sonst müßte Er doch wissen, daß man zu hoch bläst, wenn der Schnurrbart zu hoch steht. Ich bin neugierig, wie Er Seine Probe bestehen wird. Was will Er denn blasen lassen, he?“

„Ein Nocturno, ein Lied ohne Worte und ein Andantino.“

Der Fürst, welcher durchaus kein Freund von Fremdwörtern war, zog die Brauen finster zusammen und sagte:

„Nocturno? Andantino? Dummes Zeug! Das ist fremder Papperlapapp! Blase Er deutsch, wie Ihm der Schnabel gewachsen ist! Und ein Lied ohne Worte? Ist er verrückt? Ein Lied ohne Worte giebt es gar nicht!“

„Excellenz verzeihen gnädigst,“ wagte der Musikus zu sagen. „Es giebt allerdings Lieder oh­ne — —“

„Maul halten! Nicht mucksen!“ donnerte ihm Leopold entgegen. „Das muß ich verstehen! Nur ein Verrückter kann behaupten, daß es Ochsen ohne Beine giebt, und so ist es auch mit den Liedern ohne Worte. Packe Er sich hinunter in den Hof und blase Er ein paar lustige Märsche! Ich werde gleich nachkommen, und der Teufel soll Ihn retten, wenn ich einen Fehler höre!“

Der Mann machte kehrt und marschierte zur Thüre hinaus. Es war ihm angst und bange; der Fürst verstand nichts von Musik und hielt sich doch für einen gewaltigen Kenner; da war es nichts Leichtes, die Probe zu bestehen.

Nach kurzer Zeit stand der Fürst im Hofe und musterte die Musikanten. Sie kannten den alten Knasterbart zur Genüge und hatten sich die größte Mühe gegeben, fehlerfrei zu erscheinen. Das bemerkte er, und darum ließ er ein tiefes, zufriedenes Knurren hören.

„Alles sauber und adrett!“ sagte er. „Ich will es Euch auch geraten haben, Ihr Schwerenöter! Na, so dudelt einmal los, aber einen Marsch! Verstanden?“

Der Dirigent gab das Zeichen, und der Marsch begann. Aber der Direktor hatte unglücklicher Weise nicht daran gedacht, daß der Dessauer Marsch das Lieblingsstück des Fürsten war; er ließ einen anderen blasen. Da verfinsterten sich die sonnverbrannten Züge Leopolds; er sprang mitten unter die Musikanten

Illustration 6
„So leben wir —“ sang der Fürst mit dröhnendem Basse
und schlug den Takt auf dem breiten Rücken des
Posaunisten. (S. 199.)

hinein und trieb sie mit dem spanischen Rohre, welches alle seine Untergebenen kannten und fürchteten, auseinander.

„Halt!“ brüllte er mit einer wahren Donnerstimme. „Still! Augenblicklich fort mit dieser Wimmerei! Was fällt Euch ein, Ihr Baßgeigenbande, mir solchen dummen Schnickschnack vorzufiedeln! Unsers Herrgotts Dragonermarsch will ich hören, und wenn Ihr den nicht blasen könnt, so schert Euch zum Teufel! So leben wir, so leben wir, so leb’n wir alle Tage! Vorwärts! Weiter! Wird’s bald oder nicht?“

Die Worte „So leben wir“, sang er mit seinem dröhnenden Basse und schlug mit dem Rohrstocke den Takt dazu auf dem breiten Rücken des Posaunisten. Das zog. Sie konnten den Marsch alle auswendig blasen und fielen sofort ein. Es war ein eigentümlicher Anblick, zu sehen, wie des Posaunist in kerzengerader Haltung sein Instrument ausschob und einzog nach dem Takte, welcher auf seinem Rücken geschlagen wurde.

Als die erste Klause des Marsches erklungen war, erheiterten sich die Züge des Fürsten. Er konnte noch so grimmig sein, bei den Klängen dieses Stückes vergaß er allen Ärger. Er hielt an, den Rücken des Posaunisten zu maltraitieren, stampfte aber desto kräftiger den Takt mit den Füßen. Beim Schlusse der zweiten Klause zeigte sein Gesicht bereits einen ganz verklärten Ausdruck. Aber plötzlich verschwand dieser wieder; Leopold stand ganz erstaunt da und heftete seine dunklen Augen mit einem Blicke auf die

beiden Waldhornisten, als ob er etwas ganz Ungeheuerliches sähe. Dann aber brach er los. Mit einem raschen Sprunge stand er vor den beiden Männern, faßte sie hüben und drüben bei der Brust, schüttelte sie aus Leibeskräften und schrie:

„Halt, aufgehört, aufgehört! Warum blast Ihr nicht mit, Ihr beiden Himmelhunde?“

Die Musik schwieg sofort, und so konnte man die Antwort des einen Hornisten hören:

„Excellenz verzeihen! Wir haben hier sechs Takte Pause.“

Bei diesen Worten trat der Fürst ganz erstaunt einen Schritt zurück; dann fragte er in jenem leisen Tone, der bei ihm noch gefährlicher war als das lauteste Zürnen:

„Pause? Ach, Ihr habt zu pausieren, he?“

„Zu Befehl, Excellenz!“

„Sechs Takte, volle sechs Takte lang?“

„Zu Befehl!“

Da sah er sich die beiden Männer mit wetterleuchtenden Blicken von den Köpfen bis zu den Füßen an, und dann donnerte er los:

„Also pausieren wollt Ihr? Da schlage doch gleich auf der Stelle ein kohlpechrabenschwarzes Wetter drein! Diese Hundekerls erhalten ihre Löhnung pünktlich und vollständig ausgezahlt, und wenn es ans Blasen geht, da wollen sie pausieren! Ich werde Euch hier mit dem Stocke bepausieren, daß Euch die Seele wackelt, Ihr ewigen Faullenzer! Gleich tretet Ihr vor,

und blast diese sechs Takte Pause nach, und zwar dreimal hintereinander!“

Die zwei armen Teufel gehorchten und traten vor, aber sie blickten verlegen zu Boden, denn es war ja unmöglich, die Pause zu blasen.

„Nun, wird’s, oder wird’s nicht?“ rief Leopold.

Da nahm der Dirigent sich seiner Leute an. Er legte die Hand salutierend an den Hut und sagte:

„Excellenz verzeihen! Pausen kann kein Mensch blasen.“ Leopold fuhr auf ihn zu und schrie im höchsten Zorne:

„Ach, nicht blasen? Keine Pause? Weshalb stehen sie denn da, als um geblasen zu werden! Er Himmelelementer versteht also von den Pausen nichts und von der Musik noch viel weniger! Und er will Kapellmeister werden? Ich werde Ihn bekapellen und bemeistern, daß Ihm drei Millionen Pausen um die Ohren fliegen. Er erhielt mit diesen Leuten Seine Löhnung, Sein Essen und Trinken, Seine Kleider und Gamaschen, und wenn ich unsers Herrgotts Dragonermarsch hören will, so stehen diese Tausendschwerenöter da, halten Maulaffen feil und pausieren, das ist stark, nein, das ist noch stärker als stark; das ist gegen alle Subordnung! Und wenn dann ich, der Kaiserliche und Königliche Feldmarschall, befehle, daß die Pausen geblasen werden sollen, so heißt es: „Das können wir nicht!“ Warum seid Ihr denn Musikanten geworden, wenn Ihr nicht einmal eine lumpige Pause blasen könnt, Ihr Halunken! Aber Ihr sollt das noch lernen; Ihr sollt mir schon noch musikalisch werden! Wenn Ihr in der Arbeit pausiert, so sollt Ihr auch im Essen pausieren. Packt Euch auf der

Stelle fort, und meldet Euch zum strengen Arrest! Jeder erhält fünf Tage und der gescheite Herr Musikdirektor zehn Tage, aber bloß bei Wasser und täglich ein Viertelpfund Brot.

„Dann kommt Ihr wieder,“ fuhr Leopold fort, „und wenn ich noch eine einzige Pause höre, die nicht geblasen wird, so lasse ich Euch aufhängen, einen immer an den andern. Merkt’s Euch, Ihr Faultiere, Ihr! Achtung! Rechts um! Vorwärts marsch! Schert Euch zum Kuckuck!“

Sie waren ganz unschuldig, aber sie konnten nicht anders, sie mußten diesem Kommando augenblicklich Folge leisten und marschierten mit niedergeschlagenen Mienen zum Thore hinaus, verfolgt von den grimmigen Blicken des Fürsten. Diesem sah man es an, daß es jetzt nicht geraten war, ihm nahe zu kommen. Er blickte suchend im Hofe sich um, als wolle er jemand finden, der als Ableiter seines Zornes dienen könne, und wirklich — da kam einer zum Thore herein geschritten, der beim Anblicke des Fürsten sofort stehen blieb; als ob er in parademäßiger Haltung angenagelt sei.

Es war eine hohe, breitschulterige Gestalt, mochte vielleicht achtundzwanzig Jahre zählen und trug die Abzeichen eines Feldwebels. Er hatte mit dem ersten Blicke erkannt, daß Leopold sich in keiner rosigen Laune befinde, aber auf seinem offenen, ehrlichen Angesicht war nicht die mindeste Spur von Furcht zu erkennen, und seine hellen Augen blickten sogar mit einer Art vertrauensvoller Liebe auf den Fürsten.

Und wunderbar, sobald dieser letztere den Ankömmling bemerkte, erheiterten sich seine Züge, und er sagte in einem milden Tone:

„Ah, Feldwebel Schubert! Er ist wieder zurück?“

„Zu Befehl, Excellenz!“ antwortete der Gefragte. „Soeben bin ich angekommen.“

„Er war noch gar nicht in Seinem Quartier?“

„Nein.“

„Und dennoch steht er so proper und sauber vor mir, wie von einer Katze abgeleckt,“ meinte Leopold, indem er den Feldwebel mit freundlichem Nicken betrachtete. „Ja, Er ist kein solcher Himmelhund, dem der Schnurrbart aus der Contenance geraten kann! Aber wenn er sofort nach seiner Ankunft zu mir kommt, so hat er mir jedenfalls etwas Wichtiges zu melden?“

„Zu Befehl, Excellenz!“

„Gut, so komm’ er mit herauf in meine Bude! Erst hat mich der Pastor geärgert mit seiner Honigleckerei, dann gerieten mir die Trompeter und Pfeifer ganz aus Rand und Band. Die wollten sechs Takte Pause machen, grad lang genug, um während der Zeit von hier nach Magdeburg zu laufen. Aber ich habe ihnen eine Medizin eingestrichen, welche sie kurieren wird. Jetzt soll er mich aufheitern, denn Er ist der Kerl, über den ich mich niemals zu ärgern brauche. Komme Er!“

Leopold schritt voran, und der junge Mann folgte ihm.

Alle Welt wußte, daß Feldwebel Schubert der

Liebling des Fürsten war. Er war treu, klug und anstellig und hatte im Auftrage Leopolds gar manches ausgeführt, was dieser selbst einem seiner Offiziere nicht gern anvertraut hätte. Er wußte den Fürsten zu behandeln, beging nie den geringsten Fehler und hätte sich lieber in Kochstücke hacken lassen, als daß er mit einem unerfüllten Auftrage, oder einer ungelösten Aufgabe zurückgekommen wäre.

Vor einiger Zeit war er von Leopold heimlich hinüber in das Hannöversche geschickt worden, um verschiedenes auszukundschaften. Der Fürst konnte nämlich den Kurfürsten von Hannover, der zugleich König von England war, nicht leiden, und diese Abneigung war eine gegenseitige. Die meiste Gelegenheit zum Streite gaben die damaligen Werbeverhältnisse. Die Werber überschritten von beiden Seiten heimlich die Grenzen, um Rekruten anzuwerben, oder gar zu pressen. Dabei wurde sehr oft Gewalt angewendet, und darum nannte man diese Leute Seelenverkäufer. Es kam vor, daß die jungen, kräftigen Burschen vom

Tanzboden weg, oder gar aus dem Bette geholt wurden, und bei der dadurch erregten gegenseitigen Erbitterung war es nichts Seltenes, daß es zuweilen gar zu Mord und Totschlag kam. Darum war die Aufgabe, welche Feldwebel Schubert erhalten hatte, eine sehr gefährliche. Wurde er ergriffen, so steckte man ihn entweder unter das hannöversche, oder englische Militär, oder man verbannte ihn als Matrose auf ein englisches Schiff, oder man griff ihn gar mit den Waffen an, um ihn einfach abzuthun. Allein er

war glücklich zurückgekehrt, wie immer von so gefährlichen Gängen, und stand nun droben vor dem Fürsten, um demselben Rechenschaft abzulegen.

Leopold hatte sich breitspurig auf einen alten Ledersessel niedergelassen und fragte:

„Da er gar nichts von sich hören ließ, so hatte ich schon Sorge, daß man ihn erwischt und aufgehängt hätte. Nun Er aber da ist, ist alles gut. Wie steht es drüben bei unserm Nachbar von England und Hannover?“

„Schlechter als bei uns, wie immer Durchlaucht,“ lautete die Antwort. Da schmunzelte der Alte behaglich.

„Ja,“ sagte er. „Ich möchte lieber Korporal in meinem Regimente sein, als General Seiner königlichen Hoheit, des Kurfürsten von Hannover. Da ist zum Beispiel unser Erzfeind, der General von Valmy. Er trat als Oberst bei uns aus, weil ihm drüben der Generalsrang angeboten wurde. Nun ist er General, aber was hat er davon? Inspektor der Werbestationen ist er geworden. Nun rennt er die Grenze auf und ab, reckt seine Nase in jede Grenzkneipe und schnüffelt nach, ob seine Seelenverkäufer auch Geschäfte machen. Das ist keine Generals-, sondern eine Dachshundarbeit. Er hat mir schon viel Schaden gemacht, denn er versteht das Fach. Ich gäbe gleich tausend Gulden darum, wenn ich ihn einmal diesseits der Grenze abfassen könnte. Ich würde ihn bei der Parabel nehmen, daß er die lieben Engel im Himmel geigen hören sollte!“

Über das hübsche, männlich ernste Gesicht des

Feldwebels glitt ein schnelles, unternehmendes Leuchten, aber er sagte noch nichts. Der Fürst fuhr fort:

„Das wäre so etwas für Ihn, Schubert. Er ist ein unternehmender Kerl, kühn und besonnen zugleich. Könnte Er mir den General nicht einmal herüber locken, he?“

„Hm!“ antwortete der Gefragte. „Die tausend Gulden stechen mir gewaltig in die Augen; ich könnte sie sehr gut gebrauchen, aber es ist mir unmöglich, sie zu verdienen.“

„Warum? Ich hoffe doch nicht, daß er Angst vor den Hannoveranern hat!“

„Fällt mir gar nicht ein! Da kennen mich Ew. fürstliche Durchlaucht zu gut. Ich wollte nur sagen, daß ich das Geld nicht verdienen kann, weil es gar nicht nötig ist, den General herüberzulocken.“

„Nicht nötig? Warum?“ fragte Leopold gespannt.

„Weil er von selbst kommt.“

„Donnerwetter!“ rief der Fürst, indem er aufsprang. „Er kommt von selber?“

„Ja.“

„Aber als was und warum? Wenn er in friedlicher Absicht kommt, so können wir ihm nichts anhaben.“

„Excellenz können ruhig sein; er kommt in einer sehr unfriedlichen Absicht. Ich habe nämlich erfahren, daß er einen ganz bedeutenden Coup beabsichtigt. Unsere Werber sind glücklich gewesen; sie haben in letzterer Zeit sehr gute Geschäfte gemacht. Erst vorgestern hat Leutnant Schadewitz in Stolberg elf Ilfelder Burschen festgenommen und unter die Rekruten

gesteckt. Da haben sich die Hannoveraner vorgenommen, einen tüchtigen Schlag auszuführen. Ihre Werber haben vom Generale eine tüchtige Nase erhalten, und nun setzen sie alles daran, unter seinen Augen die Schlappe wieder quitt zu machen.“

„Das sollen sich diese Himmelsackermenter vergehen lassen! Um was handelt es sich?“

„Morgen geht da unten in Lenzen an der Elbe das große Vogelschießen los, welches eine volle Woche dauert. Donnerstag ist der Haupttag, an welchem auf allen Sälen getanzt wird. Da giebt es junge Burschen die schwere Menge, und dann wollen die Hannöverschen in Verkleidung auf dem Saal des Schützenhauses erscheinen und alles gefangen nehmen, was zum Soldaten taugt.“

„Himmelelemet, das ist ja der reine Landfriedensbruch!“

„Allerdings; aber sie sagen, wir hätten ihren Landfrieden auch gebrochen; sie wollen nur Revanche nehmen. Das beste aber dabei ist, daß der General mitkommt. Er will verkleidet zusehen, wie unsere Burschen ergriffen werden.“

„Hallo, hurrah, hosiannah, victoria, passa!“ rief der Fürst, indem er vor Freude einen Sprung that. „Ich fange ihn, ich fange sie alle. Sie brocken sich da eine gute Suppe ein, und ich werde für die Pfefferkörner und den Knoblauch sorgen. Ich will gebimmelt und gebammelt werden, wenn ich auch nicht verkleidet erscheine und ein Lustspiel aufführe, daß sie vor Lachen

die Maulsperre kriegen! Aber kommt der General auch wirklich?“

„Ganz sicher, Excellenz. Ich habe es aus einem ganz gewissen Munde. Ich traf nämlich da im Nienburger Gasthofe einen Kerl, der mir verdächtig vorkam. Er hatte einen hannöverschen Dialekt. Ich gab mich also für einen hannöverschen Werber aus und zeigte ihm die Legitimation, welche wir kürzlich einem der Ihrigen abgenommen hatten. Er ging auf den Leim und glaubte mir alles. Er bat mich, ihm zu helfen, und ich versprach es ihm natürlich. Er hat nämlich von dem Kommandanten der Werbestation Danenbüttel den Auftrag erhalten, alle unsere Stationen zu bereisen, auch sich zu überzeugen, ob Ew. Excellenz wirklich hier in Dessau sind — — —“

„Glaube es!“ fiel der Fürst grimmig ein. „Vor mir hat diese Rotte Korah, Jonathan und Habakuk eine fürchterliche Angst. Sie denken, ich könnte ihnen über den Hals kommen, und das wird auch geschehen, so wahr sie mich den alten Dessauer nennen. Ich bin ein guter Kerl, ein seelensguter Halunke, aber wenn ich einmal den Rappel kriege, so hält es kein Mensch mit mir aus, nicht einmal ich selber. Rede er weiter, Schubert!“

„Der Kerl,“ fuhr der Feldwebel fort, „soll dann dem General in Lenzen melden, ob alles in Ordnung ist, und dann geht der Teufel los.“

„Als was reist der Mensch?“

„Als Amsenhändler.“

„Amsenhändler? Was ist das für eine Tiergattung, he?“

„Amse heißt Ameise. Man kürzt in dieser Gegend das Wort Ameise auf Amse ab. Er thut nämlich, als ob er mit Ameiseneiern für die Freunde von Stubenvögeln hausiert, und hat eine ganz gute Legitimation bei sich.“

„Wo ist er?“

„Er sitzt hier in der Flöderschen Schenkwirtschaft.“

„Heiliges Graupelwetter! Er wagt sich nach Dessau? Na, dem will ich auf das Dach reiten, daß ihm das Herz drei Zentner schwer vor die Füße fallen soll!“

„Hm! Der Mensch ist beherzt. Er hat Ew. Durchlaucht noch gar nicht gesehen und ist doch neugierig, wie Ew. Durchlaucht aussehen mögen. Er wäre am Ende gar so verwegen, nach dem Schlosse zu kommen; wenigstens hat er mich gefragt, ob Fürstliche Hoheit nicht auch Stubenvögel halten.“

Da schnippste der Fürst mit dem Finger und rief erfreut:

„Donner und Doria, das trifft sich gut! Gehe er sogleich nach der Schenkwirtschaft und sage er diesem Menschen, daß ich viele Vögel habe, zwanzig Amseln, dreißig Finken, vierzig Zippen und fünfzig Kuckucks, meinetwegen auch noch eine ganze Herde von Lerchen, Ammern, Wachteln und Krähen dazu. Bringe Er ihn so weit, daß er zu mir kommt; dann nehme ich ihn fest mit seinen Ameiseneiern und gehe als Amsenhändler -

Amsenhändler nach Lenzen, um diese hannöverschen Spitzbuben zu fangen!“

„Das ist gefährlich, Ew. Durchlaucht!“

„Papperlapapp! Ich habe noch ganz andere Dinge gemacht. Ich bin als Scheerenschleifer, als Leierkastenmann, als Bäckergeselle, als Pflasterhändler und als Windmüller gegangen, und grad in Lenzen habe ich vor zwei Jahren bereits einen ganz ähnlichen Streich ausgeführt. Übrigens wird Er mit einer tüchtigen Schar Grenadiere heimlich zugegen sein. Ich kenne den Wirt des Schützenhauses; er ist eine treue Seele und wird uns allen Vorschub leisten. Aber wo befindet sich denn jetzt General Valmy?“

„Auf Schloß Gartow, welches der Bernstorffischen Familie gehört.“

„Ja; es gehört jetzt dem Andreas Gottlieb von Bernstorff, der hannöverscher Land- und Kriegsrat ist; er befindet sich jetzt in London, und so wird der General einsam und unerkannt auf Gartow hocken, bis er mit seinen Spinnenbeinen nach Lenzen hinüberkrabbelt. Besser konnte er es nicht aussuchen. Lenzen liegt am preußischen und Gartow nicht weit vom hannöverschen Ufer der Elbe; so braucht man nur herüber und hinüber zu buddeln, um eine Gaunerei fertig zu bringen. Aber ich werde bei dieser Buddelei zugegen sein und den Kerlen eine Patsche bereiten, an welche sie bis an ihr sanft seliges Ende denken sollen und noch einige Jahre darüber hinaus. Von wem hat Er denn erfahren, daß der General auf Gartow ist? Wohl auch von dem Amsenmeier?“

„Nein,“ antwortete der Feldwebel einigermaßen verlegen.

„Von wem denn?“

„Von — — hm! — — von — — — hm!“

„Na, was hmt er denn da herum? Heraus damit!“

„Von meiner — — von meiner Liebsten habe ich es erfahren, mit Respekt zu vermelden, Ew. Durchlaucht.“ Der Fürst fuhr erschrocken zurück und sperrte erstaunt den Mund auf.

„Von Seiner Liebsten?“ fragte er, während sich eine Falte des Zornes quer über seine Stirn legte. „Ist er vernagelt, oder übergeschnappt? Er hat eine Liebste, he?“

„Zu Befehl, Ew. Durchlaucht!“

„Halte er den Schnabel mit Seinem Befehl!“ donnerte da Leopold. „Ich habe Ihm nicht befohlen, sich zu verschamerieren, Er Grünschnabel! Er ist ja kaum aus den Federn heraus und sieht sich bereits nach einem Hauskreuze um! Da schlage doch das Wetter drein! Kaum hat man einmal zu einem Menschen Vertrauen gefaßt, so läuft er auch schon einer bunten Schürze nach! Ist das Dankbarkeit, he? Ist das in der Ordnung, he? Stecke er seine Nase in das A-b-c-Buch, aber lasse Er es sich nicht einfallen, sich eine Frau zu nehmen; Er dummer Junge, Er!“

Er sah bei seinen Leuten nicht gern eine Liebelei, und daß gerade Feldwebel Schubert eine Geliebte hatte, das ärgerte ihn doppelt. Er redete sich selbst

in seinen Grimm hinein, und so kam es, daß ihm das letzte, schlimme Schimpfwort entfuhr. Schuberts Auge blitzte auf; er sagte nichts, aber er machte rechtsumkehrt, so akkurat wie auf dem Exerzierplatze, und schritt nach der Thür.

„Halt! Bataillon rechtsumgekehrt! Augen rechts; richtet Euch!“ brüllte da der Fürst, als ob er wirklich ein ganzes Bataillon vor sich habe. „Wo will er denn hin, he?“

Der Feldwebel hatte dem Kommando augenblicklich Folge geleistet.

„Mich zum Arrest melden, Ew. Durchlaucht,“ sagte er mit fester Stimme.

„Zum Arrest? Er ist ja ganz und gar perplex! Warum denn zum Arrest?“

„Excellenz haben mich, einen altgedienten Feldwebel des glorreichen Regimentes „Fürst Leopold“, einen dummen Jungen genannt. Fordern kann ich meinen Feldherrn nicht, folglich bleibt mir nur übrig, anzunehmen, daß ich wirklich als dummer Junge gehandelt habe, und darum melde ich mich zunächst zur Strafe in Arrest und komme dann um meinen Abschied ein. Ein braver Soldat läßt keinen dummen Jungen auf sich sitzen, mag die Beleidigung kommen, von wem sie will!“

Da trat der Fürst mit geballten Fäusten auf ihn zu und rief:

„Hund! Kanaille! Ich wer­de — — —“

„Halt!“ donnerte ihm da der Feldwebel entgegen. „Kein Wort weiter! Ich bin weder ein dummer

Junge, noch ein Hund, oder eine Kanaille! Privatim können Ew. Durchlaucht mich so nennen, denn ich habe Sie lieb und könnte für Sie tausendmal durchs Feuer gehen; aber in diesem Augenblicke habe ich die Uniform meines Regimentes an, und diese lasse ich nicht beschimpfen!“

Da trat der Fürst zurück. In seinen erregten Zügen kämpften die widerstreitendsten Gefühle. Er schritt an das Fenster und blickte lange stumm hinaus. Schubert kannte den Alten; er wußte, was kommen werde und blieb ruhig stehen. Endlich drehte sich Leopold wieder um; sein Gesicht hatte sich geglättet, als er sagte:

„Aber, Feldwebel, Er ist Gottstrambach ein halsverwegener Kerl. Mir in dieser Weise die Moral zu geigen. Da hört denn doch die Welt auf, Zwiebacke zu kauen! Aber recht hat Er, obgleich mir ein anderer nicht so kommen dürfte. Alle Teufel, wollte ich den Schlingel kuranzen! Von Ihm aber will ich es ausnahmsweise einmal hinnehmen und Ihn sogar wegen der Worte um Pardon bitten! Ist Er zufrieden?“

Da trat der Feldwebel rasch auf ihn zu und faßte seine Hand, die er an das Herz drückte. Die Thränen standen ihm in den Augen, als er sagte:

„Dank, tausend Dank, Excellenz! Aber ich konnte nicht anders. Hätte ich es sitzen gelassen, so wäre ich ein ehrloser Schuft gewesen.“

Auch Leopold war gerührt. Er antwortete:

„Schon gut, Schubert! Er sieht nun, was ich

auf Ihn halte! Aber Seine Liebste muß ein ganz und gar verteufeltes Mädchen sein, da Er es wagt, wegen ihr es mit mir aufzunehmen. Ich hoffe, daß Er sich nicht weggeworfen hat. Wer ist denn die Hexe?“

„Sie wohnt in Gartow und ist die einzige Tochter des reichen Uhlmann. Er hat einen Laden und auch einen Bierschank, und will mir das Mädel nicht geben, weil ich in Ew. Durchlaucht Regimente diene. Das Mädel ist ein Prachtding, hoch und grad gewachsen wie ein Grenadier. Denken Ew. Durchlaucht einmal, was es da für Rekruten gäbe!“

Da erheiterte sich Leopolds Gesicht vollends. Er verheiratete gern große Personen miteinander, um aus einer solchen Ehe große Rekruten zu bekommen; an diese schwache Seite hatte Schubert jetzt appelliert, und zwar mit Erfolg, denn Leopold antwortete:

„So groß und stark ist sie? Hm, da könnte es sich vielleicht machen! Und ihr Vater will nicht? Ist er etwa ein eingefleischter Hannoveraner?“

„Ganz und gar. Ich bin sogar überzeugt, daß er die hannöverschen Werber beherbergt.“

„Dann werde ich ihn bei den Ohren nehmen, daß ihm die Augen übergehen sollen wie Hochwasser! Hm! Na! Wenn ich das Mädel gesehen habe, so werde ich Ihm sagen, was ich von der Sache denke. Jetzt aber laufe Er und hole Er mir den Ameiserich herbei.

Der Feldwebel ging, und nach ungefähr zehn Minuten kam ein Mensch in den Schloßhof, der einen Sack über die Achsel und einen hölzernen Kasten auf

dem Rücken hängen hatte. Er war bereits hoch bei Jahren, ging aber gerade und aufrecht, sodaß man ihn leicht für einen alten, verkleideten Wachtmeister halten konnte.

„Werden hier Ameiseneier gebraucht?“ fragte er einen dastehenden Reitknecht. Dieser hatte bereits Instruktion erhalten und antwortete daher:

„Ja; aber da muß Er zum Fürsten selbst gehen; der hält so viel auf seine Amseln und Zippen, daß er die Ameiseneier alle selber kauft. Komme Er; ich führe Ihn!“

Sie schritten miteinander die Treppe empor, und der Händler durfte eintreten, ohne vorher angemeldet zu werden. Der Fürst saß wieder an seinem Schreibtische und blickte dem Manne finster entgegen.

„Was will Er?“ fragte er.

„Kaufen Ew. Durchlaucht vielleicht Ameiseneier?“ fragte der Fremde.

„Ja. Zeige Er sie einmal!“

Der Fürst erhob sich, und der Händler legte Kasten und Sack zur Erde. Er öffnete den letzteren und nahm eine Hand voll Eier heraus, die er Leopold hinzeigte.

„Hier, Durchlaucht,“ sagte Er; „lauter rein gelesene, vorzügliche Ware.“

„Ja, oben drauf,“ meinte der Fürst; „aber ich werde die untersten einmal untersuchen, ob sie auch so sind. Vielleicht hat er gar außer den Ameiseneiern noch anderes bei sich. Er kommt mir verdächtig vor.“

Er faßte ohne Umstände den Sack und fuhr mit dem Arme hinein. Er wühlte in dem Inhalte herum, fand aber kein Papier, noch sonst etwas Verdächtiges.

„So werde ich weiter suchen!“

Mit diesen Worten bückte er sich zu dem ziemlich umfangreichen Kasten nieder, der mit zwei Krummhaken verschlossen war.

„Halt!“ rief da der Handelsmann. „Lassen Ew. Durchlaucht den Kasten in Ruhe; er darf auf diese Weise nicht geöffnet werden, denn — — —“

„Still! Nicht gemuckst!“ unterbrach ihn Leopold mit Donnerstimme. „Ich thue, was mir beliebt, und Er Schwerenöter hat zu schweigen!“

„Um Gotteswillen, Durchlaucht, es sind ja — — — O, da hat man es!“

Er schlug bei den letzten Worten die Hände über dem Kopfe zusammen, denn der Fürst hatte den Kasten geöffnet, welcher — — lebendige Ameisen enthielt. Ein starker Duft verbreitete sich augenblicklich im Zimmer, und zu gleicher Zeit fluteten die eingesperrten Tiere aus dem offenen Kasten heraus und nach allen Seiten über die Diele hin. Der Fürst prallte erschrocken zurück.

„Heiliger Ladestock, was ist denn das?“ rief er. „Das sind doch Ameisen! Kerl, wie kann Er mir das Viehzeug in die Stube bringen! Gleich schaffe Er es wieder hinaus, Er Schwenzelens, Er!“

„Ich habe Ew. Durchlaucht ja gewarnt!“ entschuldigte sich der Mann.

Aber mittlerweile hatte sich der Kasten bereits halb entleert. Leopold retirierte rückwärts und rief:

„Ich frag Ihn bloß, ob Er Seinen vermaledeiten Kasten zumachen will! Sieht Er denn nicht, daß die ganze Stube wimmelt! Sie laufen ja bereits an den Wänden empor. Himmelelement, hier habe ich sie bereits zu Hunderten an den Hosen hängen! Kerl, ich lasse Ihm hundert aufzählen, wenn Er mich nicht sofort von dieser egyptischen Landplage befreit!“

Er sprang auf einen Stuhl und strich sich die Tiere von den weißen Hosen herab; dabei mußte er so schnell sein, daß er die Balance verlor; er wollte sich an der Lehne festhalten, war aber zu schwer und fiel mit samt dem Stuhl zu Boden, wo sofort eine ganze Legion der Tiere Besitz von ihm nahm. Er raffte sich zwar rasch wieder auf und wollte sich auf den Handelsmann stürzen, dieser aber hatte sich voller Angst aus dem Staube gemacht, ohne seinen Sack und den Kasten mitzunehmen.

„Hundsfott, Dich kriege ich schon noch!“ rief der Fürst.

Aber zu gleicher Zeit fühlte er die Stiche der erregten Insekten. Er sprang auf den Schreibtisch, quetschte, kratzte, schlug und drückte seinen Körper an allen Stellen, wohin er mit den Händen gelangen konnte und schrie dabei nach seinem Diener. Dieser aber war nicht im Vorzimmer. Zufälligerweise kam die Fürstin den Korridor entlang; sie hörte das Rufen und Schreien und öffnete die Thür.

„Na, Er Himmelhund, warum hört Er denn

nicht!“ brüllte der Alte. „Hat Er denn keine Ohren, oder — ah, Du bist es, Anneliese! Rasch, rasch, reiße aus, sonst laufen sie auch Dir zu den Beinen hinan. Das sind ganz infame Kreaturen!“

Dabei stand er noch immer auf dem Schreibtische und wischte bald vorn und bald hinten an sich herum. Dielen und Wände, sowie sämtliche Möbels waren von den kleinen Tieren bedeckt.

„Um Gotteswillen, was ist denn los?“ frug die Fürstin, ganz außer sich.

„Der Teufel ist los,“ antwortete er, „der Ameisenteufel!“

„Aber, was stehst Du denn da oben, Leopold! So reiße doch aus!“ Er sah sie ganz verblüfft an, dann rief er unter dröhnendem Lachen:

„Ach, richtig; daran habe ich gar nicht gedacht! Der Dessauer ist eben noch niemals ausgerissen, jetzt aber muß er es doch!“

Er sprang vom Schreibtische herab und verließ das Zimmer. Seine Stimme rief bald die ganze Dienerschaft zusammen, welche den Befehl erhielt, die Fenster zu öffnen und die Tiere zu töten, oder zu verjagen. Einstweilen war das Zimmer unbewohnbar geworden; Leopold mußte sich in ein anderes zurückziehen, wo ihm bald Feldwebel Schubert wieder gemeldet wurde.

„Weiß Er, wo dieser verteufelte Amsenhändler ist?“ rief ihm der Fürst entgegen.

„Zu Befehl!“ antwortete Schubert.

Illustration 7
„Der Teufel ist los, der Ameisenteufel!“ antwortete
Leopold der Fürstin. (S. 218.)

„Laß Er ihn sofort gefangen nehmen!“

„Ist bereits geschehen. Er kam in die Schenke und erzählte mir, daß er Ew. Durchlaucht entflohen sei. Er wollte sofort die Stadt verlassen; da aber ließ ich ihn festnehmen und nach Nummer Sicher bringen. Hier sind seine Papiere, Excellenz!“

Er legte dem Fürsten einige Legitimationsscheine auf den Tisch.

„Schön,“ sagte dieser; „Er ist doch stets ein umsichtiger und rascher Kerl! Aber wie kommt es, daß dieser Mensch lebendige Amsen bei sich hatte?“

„Er verkauft sie an Leute, welche Ameisenspiritus aufsetzen wollen, und zwar flaschenweise. Aber der Kasten ist nicht zum Öffnen; er hat ein Loch, in welches der Flaschenhals gesteckt wird, dann laufen die Ameisen selbst hinein; dieses Loch wird sonst mit einem Stöpsel verschlossen.“

„Ah, schön, hm, gut!“ brummte der Fürst. „Könnte Er mir den Kasten wieder voll Amsen verschaffen?“

„Sehr leicht!“

„So thue Er es! Diese Hannöverschen sollen auch einmal sehen, wie es ist, wenn es einen hinten zwickt und vorne zwackt. Ich mache den Amsenhändler; dabei bleibt es. Pasta!“ — —

Es war am Donnerstage morgens in der Frühe, als auf der Straße, welche von Wittenberge nach Lenzen führte, ein zweispänniger Wagen fuhr, welcher von einem jungen, kräftigen Mann geleitet wurde, der kein anderer als der Feldwebel Schubert war. Er trug die Kleider der dortigen besseren Landleute. Der Wagen

war mit einer Plane verdeckt, wer aber unter dieselbe hätte hineinblicken können, der hätte eine große Anzahl Gewehre, Säbel, Patronentaschen und Uniformstücke sehen können. Das sonderbarste aber war, daß diesem Wagen ein Trupp von ungefähr fünfzig Menschen folgte, die eine sehr militärische Haltung hatten, obgleich sie alle eine ganz gewöhnliche, oft sehr bunt zusammengewürfelte Civilkleidung trugen.

Da, wo das kleine Flüßchen neben dem Wege den dichten Kiefernwald teilte, hielt der Wagen an, und der Feldwebel ließ die Männer herankommen.

„Halt,“ sagte er. „Hier ist der Ort, wo wir uns teilen, denn wir haben nur noch eine halbe Stunde bis nach Lenzen und dürfen nicht beisammen gesehen werden. Ihr habt jeder drei Gulden erhalten, braucht also keine Not zu leiden und könnt Euch nach Belieben bis zur Dunkelheit in der Umgegend, oder in der Stadt auf dem Bogelschießen erlustieren. Aber kennen dürft Ihr Euch nicht. So bald es dunkel ist, kommt Korporal Weidauer mit seinen zwanzig Mann, um die Uniformen anzulegen und die Waffen zu nehmen. Er besetzt die Elbe, läßt aus dem Hannöverschen alles herüber, aber niemand hinüber, bis er Gegenbefehl erhält. Korporal Emmer mit seinen dreißig Mann hat sich erst eine Stunde vor Mitternacht einzufinden. Ich bin im Schützenhause zu treffen, wo ich den Wagen beaufsichtige, daß kein Mensch merkt, was wir geladen haben. Jetzt nun macht, daß Ihr fortkommt, und seid pünktlich!“

Die Männer verschwanden im Walde, und

Schubert fuhr nach der Stadt. Das damalige Schützenhaus lag vor derselben. Er bog in den Hof ein und ließ den Wirt herbei rufen. Als dieser den Fuhrmann sah, sagte er erstaunt:

„Herr Feldwebel! Was Teufel treibt — —“

„Pst!“ warnte Schubert. „Es darf kein Mensch wissen, daß ich hier bin. Habt Ihr einen gut verschlossenen Platz für diesen Wagen?“

„Ja, einen Schuppen, in den kein Mensch kommt. Um was handelt es sich denn?“

„Das werde ich Euch nachher erklären. Der Fürst kommt selbst.“

„Der Fürst? Der alte Dessauer?“ fragte der Wirt betroffen.

„Ja.“

„So handelt es sich um etwas Wichtiges!“

„Allerdings. Jetzt holt den Schlüssel und schiebt mir den Wagen mit in den Schuppen; es darf kein Fremder dabei sein.“

Während der Wirt nach dem Schlüssel ging, spannte Schubert die Pferde ab und führte sie in den Stall. Sodann wurde der Wagen an Ort und Stelle gebracht. Dort teilte der Feldwebel dem Wirte das Nötige mit. Er konnte ihm vertrauen und wußte, daß der treue, verschwiegene Mann nicht ausreden werde. Sodann nahm er den Schlüssel zu sich und verließ das Haus.

Er ging nicht nach der Stadt, sondern nach der Elbe zu, wo er sich vom Fährmanne übersetzen ließ. Jetzt befand er sich auf hannöverschem Grund und

Boden. Er mußte vorsichtig sein und untersuchte seine Pistolen, welche er bei sich trug; sie waren scharf geladen.

Auf ihm wohlbekannten Schleichwegen ging er nach Gartow, aber nicht in den Ort hinein, sondern um denselben herum. Er kam an einen Gartenzaun, ohne bemerkt zu werden, übersprang denselben und versteckte sich in ein dichtes Hollundergebüsch. Der Garten gehörte zum Hause Uhlmanns, und Schubert konnte den Hof desselben überblicken. Er mußte lange, sehr lange warten, und es war fast Mittag, als endlich die schöne, hohe Gestalt eines jungen Mädchens unter der Hinterthür erschien. Er stieß einen leisen Pfiff aus, den sie sehr wohl zu kennen schien, denn die Röte der Freude trat auf ihre Wangen und sie eilte sofort nach dem Garten, wo sie hinter dem Hollunder den Geliebten traf.

„Fritz, Du hier,“ sagte sie. „Dich hätte ich nicht erwartet.“ Er umarmte und küßte sie und antwortete:

„Auch ich hätte nicht geglaubt, Dich so bald wiederzusehen, meine Seele. Sind die Werber noch bei Euch?“

„Ja, Sie müssen etwas vorhaben.“

„Warum?“

„Sie flüstern so angelegentlich untereinander und lassen doch nichts verstehen. Ich glaube, es soll in Lenzen etwas geben, denn mein Vater geht heut auch mit hinüber. Ich konnte nichts erfahren, aber er macht ein Gesicht, als ob die Christbescherung nahe

wäre. Lasse Dich um Gotteswillen nicht sehen! Der Leut­nant — —“

Sie stockte; er aber fragte:

„Was ist mit dem Leutnant?“

„Ich wollte Dir es nicht sagen, aber ich kann es fast nicht mehr aushalten. Er verfolgt mich auf Schritt und Tritt — — —“

„Ich schlage ihn nieder, den Halunken!“ zürnte Schubert.

„Pst, ruhig!“ warnte sie. „Es ist zwar schlimm, aber ich weiß mir selbst zu helfen. Der Vater ist hart, und vor diesen Seelenverkäufern fürchte ich mich. Ich gehe nächstens fort.“

„Wohin, Anna?“

„Ich suche mir einen Dienst da drüben im Preußischen; da kannst Du mich besuchen, ohne Dein Leben zu wagen.“

Er sah ihr liebevoll in die Augen und drückte sie inniger an sich. Sie waren ein schönes Paar. Hätte der Dessauer sie so sehen können, er hätte seine Freude über sie haben müssen.

„Dieses Opfer wolltest Du mir bringen?“ fragte er. „Ich danke Dir, Du Gute! Aber vielleicht ist es gar nicht nötig; vielleicht bist Du schon bald meine Frau.“

„Ist’s möglich?“ fragte sie, freudig überrascht.

„Ja. Ich habe nämlich mit dem Fürsten gesprochen.“

„Ah, Du hast es endlich gewagt! Was sagte er?“

„Er will Dich erst sehen.“

„So soll ich wohl gar hin zu ihm?“

„Nein. Er kommt her.“

„Um Gotteswillen, das ist ja gefährlich!“

„Nicht so sehr. Man wird ihn nicht erkennen. Na, ich will es Dir nur gestehen, daß er vielleicht noch heute kommt. Er ist in Wittenberge und läßt sich einen falschen Bart und eine falsche Nase ansetzen. Er will Euer Schloß besuchen. Wenn ein alter Amsenhändler kommt, das ist er. Und soll­te —“

Da ertönte vom Hofe her ein lauter, ungeduldiger Ruf; es war Annas Vater, welcher seine Tochter brauchte. Sie mußte fort, ohne ihr Erstaunen auszudrücken, oder ein Wort sagen zu können, ob sie wiederkommen werde. Schubert wartete über eine halbe Stunde, dann ging er, denn seine Gegenwart war in Lenzen nötig. Als Anna den Garten kurze Zeit später wieder betrat, war er fort. —

Draußen am Waldesrande, wo der Weg nach Gartow vorüberführte, lag ein alter Kerl und schlief. Er hatte einen schwarzen, struppigen Vollbart und eine große, rotglänzende Schnapsnase; neben ihm lagen ein Sack und ein großer hölzerner Kasten. Es hätte wohl kein Mensch in ihm den Feldmarschall Fürst Leopold von Anhalt-Dessau vermutet, und dennoch war er es.

Er war während der heißesten Tageszeit von Wittenberge aufgebrochen und unterwegs ein wenig müde geworden. Um sich einige Minuten auszuruhen, hatte er sich hingestreckt, war aber eingeschlafen und schlief so fest, daß Stunde um Stunde verging,

ohne daß er aufwachte. Da endlich begann er sich zu regen. Er öffnete die Lider, rieb sich die Augen und sprang empor, als er sah, wie tief die Sonne bereits stand.

„Alle Wetter“, brummte er; „Da habe ich ja die ganze Prosit die Mahlzeit verschlafen! Es wird gleich dunkel werden, und ich altes Murmeltier lasse die kostbare Zeit vergehen. Mit dem Hausieren wird es nichts, aber den Uhlmann und sein Mädel, die muß ich sehen. Vorwärts!“

Er nahm den Sack und den Kasten auf und schritt dem Orte zu, dessen Schloß ihm bereits entgegenwinkte. Über der Thür eines der besten Häuser befand sich ein Schild mit der Inschrift „Allhier kauft man Spezereien, Schnaps und Bier bei Anselm Uhlmann.“

„Das ist der Kerl,“ dachte Leopold. „Wollen einmal sehen!“

Er trat in die Stube, in welcher es bereits dunkelte. Der Wirt war eben beschäftigt, die große Öllampe anzubrennen.

„Guten Abend!“ grüßte Leopold.

„Guten Abend!“ antwortete Uhlmann mürrisch, indem er den Gast beleuchtete. „Was will Er?“

„Gebe Er mir einen Schnaps, aber einen tüchtigen?“

„Gehe Er in den Laden!“ sagte Uhlmann. „Hier verkehren nur Herren, Leute von Seiner Sorte aber werden draußen abgefertigt.“

„So?“ fragte der Fürst. „Kennt Er denn meine Sorte gar so genau?“

„Ja. Was werdet Ihr sein, als ein Hausierer, ein Herumläufer, weiter nichts.“

„Ja, aber ein Hausierer, der Geld hat, verstanden? Hier sitzt’s, alter Truthahn, und vor den Herren, die hier verkehren, reiße ich noch lange nicht aus!“

Er legte Sack und Kasten auf die Bank und klopfte an seine Tasche. Das gab einen silbernen Klang, aber Uhlmann meinte dessenungeachtet zornig:

„Es bleibt dabei, Er geht in den Laden. Und wenn Er mich noch einmal einen Truthahn nennt, so werfe ich Ihn hinaus!“

„Mache Er keinen Summs!“ lachte der Fürst. „Er ist nicht der Kerl, der mir bange machen könnte. Braucht Er vielleicht eine Portion Amseneier, he?“

Bei der letzten Frage hatte sich die Ladenthür geöffnet, und Anna trat ein. Sie hörte die Worte, sah den großen Bart und die Nase und wußte sofort, wen sie vor sich hatte.

„Bleibe Er mir mit Seinen Amseneiern vom Leibe!“ antwortete Uhlmann. „Ich bin keine Bachstelze, die Insekten frißt!“

„Na, da giebt mir vielleicht die Jungfer den Schnaps, den Ihr mir nicht geben wollt,“ sagte Leopold, indem er das schöne, stattliche Mädchen mit wohlgefälligen Blicken musterte.

„Sogleich!“ antwortete dieses, trat in den Laden zurück und brachte ihm das Verlangte.

„Er soll ihn ja draußen trinken!“ fuhr der Vater sie an. „Solches Gelichter können wir hier nicht gebrauchen. Der Herr Leutnant wird sogleich vom

Schlosse zurückkommen. Was soll er sagen, wenn ein Amsenhändler an seinem Platze sitzt!“

„Oho!“ entgegnete Leopold. „Sein Leutnant wäre vielleicht froh, wenn er mit so einem Amsenhändler tauschen könnte. Gebe er sich keine Mühe. Ich trinke meinen Schnaps hier und auch noch ein Bier dazu, und damit basta!“

Es lag in dem Tone dieser Worte etwas, was dem Wirt die Lust benahm, auf seinem Willen zu bestehen; Anna aber beeilte sich, das Bier zu bringen. Es war ihr angst um den Fürsten, denn soeben hörte sie ein sich nahendes Säbelklirren, und als sie dem Fürsten das Glas vorsetzte, trat der Leutnant ein.

Er war ein dünner, hochaufgeschossener Mann, dessen bartloses Gesicht keinen einzigen sympathischen Zug zeigte. Er warf einen finsteren Blick auf Leopold, ließ sich rasselnd nieder und verlangte auch ein Bier; dann wendete er sich an Leopold:

„Was macht Er hier in dieser Stube, und wer ist Er, he?“

„Ich trinke Bier und bin Amsenhändler,“ antwortete der Fürst ruhig.

„Ein Amsenhändler? Ah, hat Er Seine Legitimation bei sich?“

„Hier ist sie.“

Leopold griff in die Tasche und zog die Papiere hervor, welche dem Händler, der noch in Dessau gefangen saß, abgenommen worden waren. Der Leutnant öffnete sie mit Spannung, warf einen Blick darauf und sagte dann:

„Richtig, Er ist der Wachtmeister Horn, den wir erwarten. Hat Er sich da drüben bei den Preußen gehörig umgesehen?“

„Versteht sich.“

„Wird das Geschäft in Lenzen klappen?“

„Ausgezeichnet!“ schmunzelte Leopold.

„So geht jetzt mit zum General, um ihm Bericht zu erstatten. Vorher aber muß ich der Anna einen Kuß geben.“

Er trat auf das Mädchen zu und wollte sie umarmen, sie aber stieß ihn zurück, und als er zudringlicher wurde, holte sie aus und gab ihm eine schallende Ohrfeige.

„Was fällt Dir ein!“ rief ihr Vater.

„Alle Teufel, ist das eine Wetterhexe!“ rief der Fürst, ganz erfreut über die Züchtigung, welche der Offizier hinnehmen mußte.

„Ja, eine Hexe ist sie,“ brummte dieser, „aber ich werde sie schon noch gefügig machen!“

Er trank sein Bier aus und winkte Leopold, ihm zu folgen. Der Wirt begleitete den Offizier hinaus, und während Leopold noch sein Bier austrank, trat das Mädchen rasch zu ihm und flüsterte:

„Herr Wachtmeister Horn, wenn Ihr in Gefahr kommt, so verlaßt Euch auf mich!“

Nach diesen Worten schlüpfte sie schnell in den Laden. Leopold nahm einfach an, daß sie Gründe haben müsse, diesem Horn ihre Teilnahme zu widmen; er ließ Sack und Kasten einstweilen liegen und folgte dem Leutnant. Es war ihm darum zu thun, etwas

von den heutigen Absichten der Hannoveraner zu erfahren, darum wagte er sich zu dem General.

„Wenn er Lust hat, Wachtmeister, so kann Er mit dabei sein,“ sagte der Leutnant unterwegs zu ihm. „Bis zwölf Uhr haben wir uns in Lenzen einzeln eingeschlichen, und punkt ein Uhr wird der Fang gemacht.“

„Wieviel Mann sind es denn?“

„Dreißig Mann. Aber da ist das Schloß. Vorwärts!“

Sie traten in den Schloßhof, wo die dreißig hannöverschen Grenadiere schon bereit standen. Der Leutnant führte Leopold die Treppe empor und zum General. Dieser saß bei einer Pfeife Tabak, damals eine Seltenheit und blickte die beiden erwartungsvoll an.

„Hier, Excellenz, bringe ich den erwarteten Boten,“ meldete der Leutnant.

„Welchen Boten?“ fragte der General.

„Nun, den Wachtmeister Horn, der als Amsenhändler geht.“

„Horn?“ fragte der General, schnell aufstehend und Leopold musternd. „Den Horn kenne ich ganz genau; das ist er nicht. Wer ist Er, he?“

Daran hatte der Fürst gar nicht gedacht, daß der General diesen Horn persönlich kennen könne. Er kam in eine augenblickliche Verlegenheit, faßte sich aber schnell und sagte:

„Nein, der Horn bin ich nicht, aber er liegt in Havelberg krank darnieder und schickt mich Euch zu sagen, daß alles in Ordnung sei. Weiter weiß ich

nichts. Zum Beweise hat er mir seine Papiere mitgegeben.“

„Wer ist Er denn eigentlich?“ fragte der General höchst mißtrauisch.

„Ich bin der Wirt zum schwarzen Eber, und bei mir liegt der Horn. Er hat ein plötzliches Fieber bekommen.“

„Hat Er gewußt, was der Horn ist? Hat Er vielleicht jemandem von Seiner Botschaft etwas erzählt?“

„Keinem Menschen. Ich hab gedacht, der Horn ist ein wirklicher Amsenhändler.“

„Gut! Sagt Er die Wahrheit, so ist’s gut; macht Er mir aber Lügen, so ist Ihm Sein Brot gebacken. Ich werde Ihn zur Sicherheit einstweilen einsperren lassen.“

„Das geht nicht,“ meinte der Fürst. „Ich muß sofort wieder nach Hause.“

„Das ist mir egal. Leutnant, hole Er einige Leute!“

„Oho, der Wirt zum schwarzen Eber ist ein ehrlicher Kerl; er läßt sich nicht einstecken!“

Mit diesen Worten warf der Fürst den Leutnant zur Seite und sprang zur Thür hinaus; der General aber war geistesgegenwärtig; er riß das Fenster auf und rief hinab:

„Haltet ihn auf! Fangt ihn!“

Als Leopold unten anlangte, griffen sechzig Hände nach ihm; er schlug jedoch einen raschen Bogen, machte sie dadurch irre und gelangte glücklich zum Thore hinaus. Aber alle dreißig Grenadiere rannten hinterher; -

hinterher; sogar der Leutnant kam nachgesprungen, und der General lief langsamer hinter der wilden Jagd her.

Der Fürst war ein guter Läufer gewesen, jetzt aber alt. Er hatte lauter junge Verfolger hinter sich, und als er das Dorf erreichte, hatten sie ihn beinahe eingeholt. Beim Hause Uhlmanns war der vorderste Grenadier nur noch fünf Schritte hinter ihm. Da erinnerte er sich der Worte, welche Anna zu ihm gesagt hatte. Er sprang schnell zur Thür hinein und riegelte sie hinter sich zu. Das Mädchen hatte das Rufen und den Lärm vernommen. Sie ahnte das Geschehene und stand im Flure. Es war finster und Leopold stieß mit ihr zusammen.

„Seid Ihr es, Wachtmeister Horn?“ fragte sie.

„Ja. Sie wollen mich fangen,“ antwortete er atemlos.

„Kommt schnell!“

Sie faßte ihn beim Arme, führte ihn eine Strecke vorwärts, öffnete eine Thür und schob ihn hinein.

„So, hier seid Ihr einstweilen sicher. Hinten stehen leere Fässer. Versteckt Euch in eins; ich will sehen, ob ich die Kerls irre leite.“

Sie schloß die Thür hinter ihm zu, und er tappte sich im Dunkeln vorwärts. Dabei stieß er an ein sehr hohes Faß, dessen Deckel an demselben lehnte.

„Da gehe ich hinein,“ keuchte er, „und decke es dann zu.“

„In der Eile dachte er gar nicht daran, das Faß zu untersuchen. Er hielt es für leer, schwang die

Beine hinauf und plumste — — in eine Flüssigkeit, die ihm sofort bis an die Kniee emporstieg, denn er hatte sich niedergeduckt.

„Heiliges Pech!“ brummte er. „Das ist ein falsches Faß! Das ist ja —“ er fuhr mit der Hand in die Flüssigkeit, roch erst daran und kostete dann vorsichtig — „da bin ich grad in das Sirupfaß gefahren. Na, so eine Weihnachten! Wenn sie mich jetzt fangen, können sie mich nur gleich ablecken. Ich muß gleich wieder heraus!“

Während er sich aus der Süßigkeit herauskrabbelte, hörte er bereits drohende Stimmen vor der Thür; man verlangte den Schlüssel. Er tastete sich so rasch wie möglich weiter nach hinten und fand endlich ein leeres Faß. Er hob den Deckel ab, sprang hinein, duckte sich nieder und legte den Deckel oben darüber. Aber in dem Fasse war eine so dicke Luft, er mußte husten. Er fühlte um sich und erschrak.

„Da bin ich aus dem Regen in die Traufe geraten,“ knirschte er. „Das ist ja das Mehlfaß; es ist noch wenigstens ein halber Zentner darin, aber ich habe es nicht gefühlt. Nun steckt der Sirup im Mehle, und ich kann nun gleich in den Backofen kriechen, dann ist der Pfefferkuchenmann fertig. So etwas ist mir doch gestern und mein Lebtag nicht passiert. Holla, da kommen sie schon! Sei still, Leopold, sonst erwischen sie Dich!“

Da der Flüchtling in den übrigen Räumen nicht zu finden war, so hatte Anna den Schlüssel hergeben müssen und die Grenadiere drängten sich unter Uhlmanns-

Uhlmanns Führung herein. Dieser hob die Lampe empor und blickte umher.

„Aber das ist stark!“ rief er. „Hier hat der Kerl im Sirupfaß gesteckt, und hier führt die Spur weiter nach — nach dem Mehlfasse!“

Ein lauter Jubel erscholl. Der Deckel wurde abgehoben und der Fürst herausgezogen. Er bot einen schauderhaften Anblick dar. Die Soldaten lachten, daß ihnen die Bäuche wackelten, und der Wirt schimpfte wie ein Rohrsperling darüber, daß ihm der Sirup und das Mehl verschimpfiert worden war. Der Leutnant kam auch dazu und dann der General. Dieser letztere fragte Leopold, ob Anna gewußt habe, daß er hier steckte; er verneinte es. Er verhielt sich überhaupt sehr gelassen, und so kam es, daß der General ein mildes Urteil fällte:

„Der Kerl ist bestraft und beschämt genug,“ sagte er. „Er mag bis morgen gefangen bleiben; ist er wirklich der Eberwirt, so mag er mit seinem Sirupteige nach Hause laufen; ist er aber ein anderer, so wird sich das weitere finden. Aber in diesem Zustande können wir ihn nicht nach dem Schlosse bringen. Uhlmann, hat er nicht einen festen, engen Raum, in den wir ihn einschließen können?“

„O ja,“ antwortete dieser, „das Waschhaus. Es ist ganz von Stein, hat kein Fenster, und die Thür wird durch einen eisernen Querriegel verschlossen.“

„So steckt ihn hinein. Ich brauche aber einen sicheren Mann zu seiner Bewachung. Von den Soldaten kann ich keinen einzigen entbehren. Leutnant,

Er muß sich bequemen, hier zu bleiben und zuweilen nach ihm zu sehen.“

Das war diesem sehr lieb. Er wußte, daß Uhlmann mit nach Lenzen wollte, und so war er mit dessen schöner Tochter allein. Leopold wurde in das Waschhaus eingeschlossen. Nach einiger Zeit rückten die Grenadiere unter Führung des als Bauer verkleideten Generals ab, und dann saß der Leutnant mit Anna allein. Diese ersah die erste, beste Gelegenheit und schlich nach dem Waschhause, dessen Thür sie öffnete.

„Herr Wachtmeister!“ flüsterte sie.

„Ja,“ antwortete der Fürst.

„Ich lasse Euch fort. Entflieht!“

Er stand im Nu bei ihr und fragte:

„Aber, Mädchen, warum interessierst Du Dich so sehr für den alten Wachtmeister, he?“

Da faßte sie sich ein Herz und antwortete:

„O, der ist mir ganz gleichgültig! Aber ich kenne Euch, Excellenz; der Feldwebel Schubert hat mir heut’ früh gesagt, daß Ihr als Amsenhändler kommen wollt. Da lasse ich Euch doch zu gern laufen, denn wir haben uns sehr lieb und gehen alle beide für Ew. Durchlaucht gern durchs Feuer.“

„Bist ein braves Mädel!“ antwortete er gerührt, „und sollst den Feldwebel haben. Wo ist der Leutnant?“

„Ganz allein in der Stube.“

„Ah! Und wo ist mein Kasten?“

„Der liegt mit dem Sacke unter der Treppe.“

„Gut. Wollen diesem Herrn Leutnant einmal eine Lehre geben, nach welcher es ihm vergehen soll, die Geliebte eines andern zu küssen. Hole mir rasch einen Anzug von Deinem Vater, und putze auch Dich an. Du gehst mit mir nach Lenzen. Da ist Verlobung!“

Während das Mädchen vor freudigem Schreck eine ganze Weile sprachlos stehen blieb, eilte er nach der Stube. Der Leutnant erstaunte, seinen Gefangenen vor sich zu sehen, aber Leopold machte keine Umstände mit ihm, versetzte ihm einen Schlag an die Schläfe, daß er besinnungslos niederstürzte, schleppte ihn in das Waschhaus, holte seinen Kasten herbei und öffnete ihn. Dann verriegelte er die Thür von außen.

„So!“ schmunzelte er. „Jetzt hat er Gesellschaft, und kein Mensch kann sein Rufen hören.“

Eine Viertelstunde später verließ er in einer anderen Kleidung mit Anna das Haus, dessen Thüren vollständig verschlossen wurden. An der Elbe traf er auf seine Posten, welche ihm meldeten, daß die Hannoveraner seitwärts des Schießhauses im Gebüsch warteten. Er nahm seine Beute mit sich, erreichte das Schießhaus unbemerkt und fand die dreißig Mann bereits in der Scheune ungesehen versammelt. Sie hatten ihre Uniformen bereits angelegt und wurden nun durch die Posten um zwanzig Mann verstärkt.

Er ließ den Feldwebel Schubert holen und dieser meldete, daß der General oben im Saale säße.

„Um eins geht es los,“ erklärte der Fürst. „Gehe Er wieder hinauf, Schubert, und melde Er es mir

durch einen lauten Pfiff durch das Fenster, wenn die Hannoveraner in den Saal marschieren. Ist sein Schwiegervater auch oben?“

„Ja.“

„Gut, dann paßt ja alles. Gehe er, aber lasse Er sich vor den beiden nicht sehen!“

Als Schubert sich entfernt hatte, ließ Leopold sich auch seine Uniform aus dem Wagen bringen, nahm Anna, welche der Dunkelheit wegen von Schubert garnicht bemerkt worden war, bei der Hand und suchte den Wirt auf. Dieser mußte Anna verstecken, ihm selbst aber ein Zimmer geben, damit er sich umkleiden könne.

Unterdessen verging die Zeit. Es schlug ein Uhr, und droben im Saale begann ein Walzer, nach dessen Takte sich die Paare drehten. Da gab der General Uhlmann einen Wink, und dieser entfernte sich, um die hannöverschen Grenadiere herbeizuholen. Kaum war der letzte Ton des Tanzes verklungen, so wurde die Saalthür aufgestoßen und die dreißig Soldaten marschierten hinein. Ein viellstimmiger Schreckensruf erscholl, denn die Burschen wußten sofort, was ihnen bevorstand: Wer nicht gutwillig sich ergab, wurde gezwungen.

Jetzt stand der General in der Mitte des Saales und rief:

„Ruhe im Saale! Ich, Generalmajor von Valmy, erkläre im Namen Seiner Königlichen Hoheit, des Kurfürsten von Hannover, diesen Ort in Belagerungszustand. Wer Miene macht, zu entfliehen, der wird erschossen!“

Niemand hatte auf den Pfiff geachtet, welcher erschollen war, als die Hannoveraner sich über den Hof geschlichen hatten. Leopold war ihnen mit seinen fünfzig Mann auf dem Fuße gefolgt. Seine Buntröcke standen noch draußen vor der Saalthür; er aber stand unter derselben, und als Valmy sein letztes Wort kaum ausgesprochen hatte, trat der Fürst schnell einige Schritte vor und rief mit Donnerstimme:

„Und ich, Fürst Leopold von Anhalt-Dessau, Feldmarschall des Reiches und von Preußen, erkläre den General von Valmy für einen Landfriedensbrecher. Er ist mein Gefangener. Bataillon, vorwärts marsch!“

Da kamen die fünfzig Dessauer Bärenmützen hereinmarschiert, pflanzten sich an deren Wand auf und legten die Gewehre auf die Hannoveraner an. Jetzt wendete sich Leopold direkt an Valmy:

„Ergebt Euch! Ihr seht, jeder Widerstand ist unnütz. Ich habe fünfzig gegen dreißig, und hier meine braven Lenzener Burschen werden auch Fäuste haben.“

Bei diesen Worten löste sich der Bann, der auf allen gelegen hatte. Mit lautem Jubelgeschrei stürzten sich die Burschen auf die feindlichen Grenadiere.

„Der Alte ist’s, der Leopold, der Dessauer!“ rief es rund um. „Helft ihm! Bindet die Hannöverschen!“

Ohne daß die Dessauer Grenadiere die Hand zu rühren brauchten, wurden die Feinde, die sich nicht zu wehren wagten, samt ihrem Anführer gefangen genommen und einstweilen in den Keller gesperrt.

Nun blickte sich der Fürst im Saale um; er sah Uhlmann in der Ecke stehen und winkte ihn zu sich.

„Er Himmelelementer ist es gewesen, der uns die ganze Suppe eingebrockt hat. Eigentlich sollte ich Ihn unter die Rekruten stecken, aber dort stehen zwei an der Thür, denen zuliebe ich Gnade für Recht ergehen lassen will. Kommt her!“

Es waren Anna, die der Wirt herbeigebracht hatte, und der Feldwebel. Sie traten herbei. Der Fürst fragte Uhlmann im strengsten Tone:

„Jetzt entscheide Er sich! Will Er Rekrut werden, oder die Hand Seiner Tochter diesem braven Manne geben?“

„O, Ew. Durchlaucht,“ antwortete der vor Angst zitternde Mann, „ich habe ja gar nichts dagegen, daß sie sich nehmen!“

„Nun gut! So erkläre ich Sie, Mamsell Anna Uhlmann, und Ihn, Herr Leutnant Schubert für Verlobte. Er hat den General Valmy in meine Hand gegeben und also die tausend Gulden verdient. Für Seine Equipierung werde ich außerdem Sorge tragen, lade mich aber dafür zu Seiner Hochzeit ein! Und Er, Uhlmann, mag Er sich merken, daß ein Amsenhändler wohl seinen Schnaps im Laden trinken kann. Der Amsenhändler hat soeben aus einem Feldwebel einen Leutnant gemacht, also braucht er vor keinem hannöverschen Säbelraßler auszureißen. Dieser steckt jetzt in Seinem Waschhause bei meinem Amsenkasten; eile Er hin, ihn zu befreien! Die Gefangenen werden alle in den Rekrutenrock gesteckt; den verräterischen

General liefere ich nach Berlin. Meine Grenadiere aber und meine braven Lenzener Burschen sollen tanzen und lustig sein. Ich gebe ihnen heute Freibier, soviel, wie sie trinken wollen. Legt die Gewehre ab, und faßt die Mädels an, Er, Leutnant Schubert, mit Seiner Anna voran! Musikanten, einen Walzer oder Hopser, aber ohne Pausen, das will ich Euch gesteckt haben, Ihr Schwerenöter!“

„Hurrah, der Dessauer! Hurrah, der Knasterbart!“ erscholl es aus hundert männlichen und weiblichen Kehlen, und der Hopser begann, ohne einen einzigen Takt Pause, wie es der alte, derbe Kriegsheld gewünscht hatte.

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IV. Die Fastnachtsnarren.

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„Da muß doch gleich der helle, lichte Popanz drinne sitzen! Zehnmal und hundertmal schon habe ich Dir’s gesagt, daß Du mit dem Heinrich nicht liebäugeln sollst, und sobald ich abends nur die Nase zum Fenster naus recke, sehe ich Euch miteinander im Garten oder hinter dem Schuppen oder sonst in irgend einer Ecke stecken, und was thut Ihr da, he, was habt Ihr da zu thun, frage ich?“

„Nichts thun wir, Vater, gar Nichts.“

„So? I der Tausend, da mag Dein Herzallerliebster auch ein schöner Kerl sein, wenn Ihr gar nichts thut. Als ich noch in den Jahren war, in denen man eines hübschen Gesichtchens wegen alle Wochen zwei Paar neue Hosen an den Zäunen hängen läßt, da habe ich meinem Mädchen so viel Arbeit gemacht, daß sie gar nicht fertig werden konnte. Und dieser Taugenichts, der drei, vier Stunden lang bei Dir steht und nichts, gar nichts thut, den willst

Du heiraten? Zum Loche werfe ich ihn naus, wenn er mir noch mal in die Bude kommt! So ein Schlabbermäulchen wie Du, das den ganzen Tag nicht stille steht und immer vorneweg und obenauf ist, braucht einen Mann, der Haare auf den Zähnen hat. Aber sich hinstellen, das Maul aufreißen und den Mond angucken, das wäre mir ein Liebhaber; schäme Dich!“

„Na, so schlimm ist’s doch nicht. Der Heinrich weiß auch, was sich für einen Burschen schickt, der sein Mädchen lieb hat.“

„Ach so! Da tut Ihr wohl zuweilen doch etwas mehr als gar nichts, he?“

„Das kommt ganz auf die Witterung an.“

„Auf die Witterung? Du willst Dich doch nicht etwa über mich lustig machen? Heraus damit! Wieso auf die Witterung?“

„Na, wenn’s bei ihm heiß wird, beißt er mich, und wenn’s mir zu schwül wird, beiß’ ich ihn. Gute Nacht, Vater!“

„Halt, dageblieben! Wir sind noch nicht fertig, und wenn ich mit Dir rede, so hast — — Wahrhaftig, da ist sie fort, und ich stehe da grad wie eine alte Frau, der die Röcke runter gefahren sind. Wenn ich wieder mal was auf dem Herzen habe, so weiß ich, was ich thue: Entweder halte ich das Maul, oder ich erzähle es den alten, ledernen Hosen dort am Nagel, die laufen mir doch wenigstens nicht davon!“

Er brachte die ausgegangene Meerschaumpfeife wieder in Brand, griff nach Stock und Pelzmütze und

schritt nach der Thür. Draußen vor der Küche traf er die Hausfrau.

„Schlaf’ wohl, Mutter!“

„Gute Nacht, Vater, sei nicht gar zu lange außen.“

„Hat sich was! Heut wird es spät werden: es ist Neuwahl, und da geht es laut her.“

„Wer wird wohl Vorsteher werden?“

„Das zeigt sich erst zu Fastnachten. Ich hoffe, daß ich’s bleibe!“

Er öffnete die Thür und schritt durch die schneebedeckten Gassen einem Hause zu, welches am Ende der kleinen Stadt lag und die verheißungsvolle Inschrift „zum lustigen Mann“ trug. Hier kamen wöchentlich zweimal die Mitglieder des Zipfelmützenklubs zusammen, um nach des Tages Last und Arbeit sich in geselligem Kreise zu erheitern und munteren Scherz und Frohsinn walten zu lassen.

Bei diesen Zusammenkünften trug jedes Mitglied eine weiße Zipfelmütze mit rotem Rande und blauer Quaste, der Vorsteher aber eine Kopfbedeckung mit vierfachem Zipfel als Abzeichen seines hohen, leider nur ein Jahr währenden Amtes.

Am letzten Sonnabend vor Fastnachten nämlich wurden mittels Ballotage zwei Mitglieder bestimmt, von denen derjenige die Vorsteherwürde erhielt, welcher am darauffolgenden Fastnachtsdienstag den anderen am auffälligsten „zum Narren“ machte. Die ganze Stadt war jedesmal auf die Lösung dieser possierlichen Angelegenheit gespannt, da es manchen guten

Witz dabei gab, der noch lange Zeit den Gegenstand des Stadtgespräches bildete.

Schon eine Reihe von Jahren war es dem Färbereibesitzer Wadenbach gelungen, sich auf dem Stuhle des Vorstehers zu erhalten. Er war einer der beliebtesten Bewohner des Städtchens, stak voll Schnurren und Drolligkeiten und besaß eine Laune, die geradezu unverwüstlich war. Aber neben seinen zahlreichen, guten Eigenschaften, hatte er auch einige kleine „Mucken“, wie er es nannte, die ihm schon manchen Streich gespielt hatten. Er war nämlich ein eifriger Verehrer des roten Pomeranzens und kannte sehr genau den Büffetwinkel im „lustigen Manne“, wo die betreffende Flasche ihr unveränderliches Domizil aufgeschlagen hatte. Ferner war er sehr abergläubisch und besaß er in Beziehung auf Geister, Gespenster, Ahnungen und Anzeichen so seine eigne Meinung, von der er sich nicht abbringen ließ; denn er war ein Sonntagskind und hatte schon manches gesehen, wovon andre keine Ahnung zu haben pflegen. Und endlich hatte er einen ganz außerordentlichen Pik auf Hahnemann, den Pächter eines halbwegs zwischen der Stadt und einem dreiviertel Stunde von ihr entfernten Dorfe gelegenen Gasthofes.

Hahnemann war arm und Wadenbach sehr reich; aber dennoch wagte Heinrich, der Sohn des ersteren, sein Auge zu Marie, der Tochter des letzteren zu erheben, und die beiden jungen Leute hatten sich so lieb, daß alles Zanken und Räsonnieren von seiten Wadenbachs umsonst war. An die Armut Heinrichs

hätte er sich nicht sehr gestoßen; denn dieser war brav und besaß den besten Ruf; aber der alte Hahnemann war ein Spaßvogel par excellence, hatte alle möglichen Pfiffe und Kniffe im Kopfe und war in letzter Zeit durch dieselben so in Ruf und Beliebtheit gekommen, daß der Färber Gefahr für seine vierzipfelige Mütze sah. Er, der sich mit Stolz den größten Spaßvogel der Umgegend nennen hörte, hätte es wohl sehr schwer verwinden können, wenn ein anderer und nun gar dieser malitiöse Hahnemann, der natürlich auch Mitglied des Klubs war, ihn von seinem Ehrenplatze verdrängt hätte.

Deshalb hatte er vorhin Marie so streng ins Gebet genommen; aber das Mädchen, welches die Gutmütigkeit des Vaters kannte, ließ sich bei dem halb zornigen, halb komischen Verweise des Vaters nicht angst werden, und kaum war derselbe zur vorderen Thüre hinaus, so ließ sie ihren Heinrich zur hinteren herein, um ihm in Gegenwart der nachsichtigen Mutter zum hundertsten Male zu sagen, daß sie ihn leiden könne.

„Habe ich nicht recht gehabt?“ fragte am andern Morgen beim Kaffeetrinken der Färber. „Hahnemann ist mit mir Kandidat geworden, und ich kann nur die Ohren spitzen, daß ich nicht vom Schemel falle.“

„Du wirst Dich doch nicht etwa von ihm zum Narren halten lassen?“ antwortete seine Frau.

„Mühe wird er sich freilich geben; aber da man das weiß, so wird es ihm schwerlich gelingen.“

„Von Dir weiß er es ebenso gut, und so wird es auch Dir nicht sehr leicht werden.“

„Habt nur keine Sorge! Ich werde ihn so gemütlich aufs Eis führen, daß er es erst merken wird, wenn er anfängt, Purzelbäume zu schlagen.“

„Wie willst Du das anfangen?“

„So was darf man Euch Frauenzimmern nicht auf die Nase binden. Ich glaube, das Mädel wäre imstande, mir den ganzen Spaß zu Wasser zu machen.“

„Ja, wenn’s Bier wäre, ließest Du Dir’s wohl eher gefallen?“

„Das versteht sich; aber Chemnitzer Schloß müßte es sein; da laufe ich zwei Meilen darnach!“

„Oder gar roter Pomeranzen.“

„Ob Du nicht schon wieder den Schnabel vorn hast! Ich würde mich den Kuckuck um den roten Pomeranzen bekümmern, wenn meine Hämorrhoiden nicht wären.“

„Ja, die sind an vielem schuld!“ lachte das Mädchen.

„Der Heinrich hat wohl noch nicht drüber geklagt?“ fragte boshaft der Alte und brachte sie durch diese Frage sofort zum Schweigen.

Am andern Tage bekam Hahnemann einen Brief von seinem in einer entfernten Garnison stehenden Sohne, in welchem derselbe bat, ihn mit dem Schlitten vom Bahnhof abzuholen. Er hatte sich einen mehrtägigen Urlaub erbeten und freute sich königlich auf den

Maskenball, welchen der Zipfelmützenverein auf Aschermittwoch abhalten wollte.

„Das paßt mir auch schlecht. Da muß ich vier Stunden weit in Sturm und Schneegestöber fahren und werde mir eine rote Nase holen, so schön zinnoberig, wie sie der Wadenbach hat, und dazu grad am Fastnachtsdienstag, wo jede Viertelstunde angerechnet ist!“

„Zanke nicht, Alter,“ begütigte Frau Hahnemann; „der Junge ist ein ganzes Jahr nicht zu Hause gewesen und will uns doch auch mal sehn. Wenn Du keine Lust hast, so kann ja der Heinrich fahren.“

„Das wäre was! Der Fritz ist Unteroffizier und schon wert, daß ich ihn selber hole!“

Damit war die Sache abgemacht. Obgleich der Dienstag sich höchst stürmisch anließ, schirrte Hahnemann doch den Braunen ein und brachte schon zu früher Morgenstunde die Einwohner des Städtchens mit seinem

Schellengeläute und dem Knalle des Hetzkollers in Alarm. Wadenbach steckte den Kopf durch die halbgeöffnete Thür und winkte dem Dahertrabenden Halt zu. Der Wink wurde befolgt.

„Was giebt es?“

„Wo soll denn die Reise hingehen?“

„Ich will meinen Sohn, den Korporal, von der Bahn abholen.“

„Ach so. Weißt Du was, Gevatter, Du könntest mir ’nen Gefallen thun.“

„Welchen?“

„Ich brauche verschiedene Farben, die mir ausgegangen sind. Könntest zum Droguisten gehen und

mir die Sachen mitbringen. Ich thue Dir einen andern Gefallen dafür.“

„Da schreib’ auf, was Du brauchst und gieb das Geld dazu. Aber mach rasch, daß ich fortkomme!“ meinte Hahnemann. Er kannte das Verhältnis seines ältesten Sohnes zu Marie, und da er die ungünstigen Gesinnungen Wadenbachs nicht erwiderte, so freute es ihn demselben einen Dienst leisten zu können.

Nach wenigen Augenblicken kam Wadenbach mit einer ellenlangen Liste und einem ganzen Beutel voll Geld, welches beides er dem Gastwirt übergab. Demselben fiel es nicht auf, daß die lange Reihe von Namen unmöglich in so kurzer Zeit geschrieben sein konnte und auch das Geld bereits abgezählt bereit gewesen sein mußte. Er steckte beides zu sich, und indem er die Zügel wieder ergriff, meinte er scherzend:

„Adieu, Herr Vorsteher. Wollen sehen, wer heut’ der größte Narr sein wird!“

„Adieu!“ antwortete der Färber und blickte ihm, vergnügt lächelnd, nach. „Fürs erste bist Du’s. Das wird heut’ abend ein schönes Halloh geben!“

Freilich wollte, als am Abende sämtliche Mitglieder der Gesellschaft versammelt waren, dieses Halloh etwas auf sich warten lassen; denn Hahnemann, der sonst immer einer der ersten gewesen war, hatte sich bisher nicht eingestellt. Es schlug acht Uhr; es schlug sogar neun Uhr, und noch immer war er nicht da. Der übliche Fastnachtsgrog wurde ausgetragen, und noch immer fehlte er.

„Wo der alte Schwede nur stecken mag?“ fragte einer.

„Er ist heut’ morgen fort, um seinen Korporal von der Bahn zu holen,“ antwortete Wadenbach. „Der Junge wird sich verspätet haben, und der Alte hat wohl deshalb warten müssen. Jetzt aber muß er bald kommen; denn der letzte Zug kommt, glaube ich, um 8 Uhr an.“

Wirklich ertönte in diesem Augenblicke helles Schellengeläut die Straße herauf und verstummte vor der Thür, zum Zeichen, daß der Schlitten unten halte. Kurze Zeit darauf trat eine lange, in einen Mantel gehüllte und ganz verschneite Gestalt in die Stube, in welcher man erst dann Hahnemann erkannte, als er die tief in die Stirn gedrückte Pelzmütze vom Kopfe nahm.

„Brr, ist das ein Heidenwetter! Man jagt da nicht mal ’nen Hund hinaus. Das weht und schneit, daß man nicht aus den Augen gucken kann, und dazu ist es so feuchtkalt, daß einem der Schnee gleich auf dem Pelz gefriert. Da schaut her, ich bringe die Schale gar nicht runter. Gebt mal was Warmes her!“

„Wo hast Du nur gesteckt?“ fragte man ihn, indem er den heißen Grog behaglich hinunterschlürfte. „Du mußt es doch ganz und gar pressant gehabt haben, daß Du in diesem Heidenwetter Deine alte Mähre so kojonniert hast!“

„Mein Jüngster hat geschrieben, daß er mit dem Frühzuge kommen wolle; aber er hat sich nicht sehen

lassen, trotzdem ich gewartet habe bis vorhin. Es muß ihm was dazwischen gekommen sein!“

„Möchte doch wissen, was!“ meinte Wadenbach.

„Freilich! Es ist kein Spaß, mich in diesem sibirischen Bärenwetter aus den Federn zu reißen und umsonst in der Welt herum zu jagen. Ich werde dem Jungen einen Brief schreiben, der sich gewaschen hat.“

„Mach’s nur gelinde. Er könnte doch am Ende unschuldig sein.“

„Ach was unschuldig! Wenn er einmal schreibt, daß ich kommen soll, so muß er auch Gewißheit haben, daß er Urlaub bekommt.“

„Na, gut ist’s doch gewesen; denn wenn Du nicht gefahren wärst, hätten meine Gehülfen übermorgen nicht arbeiten können. Ich hatte schon gestern keine Farben mehr.“

„Ja, Du hast gut lachen.“

„Natürlich! Einen Boten hätte ich heut’ für schweres Geld nicht bekommen, und deshalb bin ich Dir auch recht herzlich dankbar dafür, daß Du Dich so schön hast leimen lassen.“

„Leimen — wieso?“ fragte Hahnemann, aufmerksam werdend

„Das nehme mir aber niemand übel,“ wandte der Färber sich lachend an die andern. „Glaubt der alte Schlaupelz wirklich immer noch, daß der Brief von seinem Unteroffizier gewesen ist! Ich dächte, das rechte Licht könnte Dir längst schon aufgegangen sein.“

„Höre, Gevatter,“ meinte der Gastwirt, der jetzt zu begreifen begann, „ich will doch nicht etwa

hoffen, daß Du mich mit dem Brief vexiert hast! Der Spaß wäre doch etwas zu derb.“

„Das geht mich nichts an! Wenn Du so dumm bist, mein Geschreibsel für die Handschrift Deines Sohnes anzusehen, so darfst Du Dich auch nicht wundern, wenn ich mir das zu nutze mache. Heut’ ist eben Fastnacht, und da gelten alle Vorteile.“

Jetzt brach ein allgemeines Halloh aus. Die Sache lag so klar, daß sie weiter gar keiner Erklärung bedurfte. Wadenbach hatte seinem Mitkandidaten eine Nase gedreht, und dieser konnte nun lange suchen, bis er für seinen Gegner eine bessere fand.

Der Halberfrorene machte natürlich gute Miene zum bösen Spiele und setzte sich mit zu den übrigen.

„Mein Brauner mag hier im Stalle stehen bleiben, bis wir für heute fertig sind. Ich gehe nicht erst nach Hause. Gebt mir noch ein Glas Grog!“

„Willst Du nicht lieber einen Pomeranzen nehmen?“ fragte Wadenbach. „Der ist gut gegen alle möglichen Arten von Erkältung und hilft auch für den Ärger.“

„Danke schön; ich habe auf Deine Hämorrhoiden bis jetzt noch nicht abonniert! Übrigens habe ich den Pomeranzen zu Hause besser, als er hier im lustigen Manne ist.“

„Das ist mal nicht wahr! Wenn irgend jemand den Pomeranzen kennt, so kenne ich ihn. Ich habe drei Meilen im Umkreise in jede alte Flasche geguckt und kenne also meine Sorte. Der lustige Mann hat den besten, und dabei bleibt’s.“

„Laß Dir nichts weismachen, Gevatter! Ich mache eine Wette mit um alles, was Du willst, daß der meinige besser ist.“

„’s ist aber nicht wahr! Ich setze auf der Stelle ein Faß Chemnitzer Schloßbier.“

„Gut, ich halte Deine Wette. Jetzt auf der Stelle wird der Pomeranzen geschafft; die ganze Versammlung muß kosten und ihr Urteil abgeben. Wir nehmen den Ballotagekasten her, und weiß gilt für mich und schwarz für Dich. Bist Du einverstanden?“

„Freilich. He, Wirtshaus, hast Du noch Chemnitzer ‚Schloß’?“

„Leider nicht. Ich habe vorhin den letzten Tropfen selber noch getrunken und bekomme erst morgen mittag welches.“

„So lange können wir nicht warten, und von den andern Wirten will mir’s nicht schmecken. Ich weiß nicht, woran das eigentlich liegt. Das beste Chemnitzer „Schloß“ hat man in der Langenberger Teichschenke. Wißt Ihr was? Der Hahnemann muß seinen Braunen wieder anspannen, und wir holen das Faß aus Langenberg.“

Der Vorschlag wurde von der Gesellschaft, welche sich schon in einem etwas angetrunkenen Zustande befand, lachend angenommen, und nur Hahnemann schüttelte verneinend den Kopf.

„Da mache ich nicht mit! Erstens habe ich das Fahren in diesem Wetter satt, und zweitens ist mein Brauner zu müde.“

„Es ist auch gar nicht notwendig,“ rief ein anderer, „daß Du selbst fährst, und was Deinen Braunen betrifft, so ist’s bis Langenberg nur ein Katzensprung. Er hat sich schon ausgeruht.“

„Nein, ich muß das Pferd schonen.“

„Was Du doch dumm bist! Willst Du Dich denn zum zweiten Male von Wadenbach leimen lassen?“

„Wieso denn?“

„Na, Du siehst doch ein, daß er bloß deshalb das Bier aus Langenberg haben will, weil er wußte, daß es dort niemand holt. Denn seine Wette muß er verlieren; Dein Pomeranzen ist der beste; das wissen wir alle zusammen.“

„Das ist nicht wahr!“ verteidigte sich Wadenbach, der sich schon einen ziemlichen Spitz angetrunken hatte.

„Wenn Ihr das denkt, so will ich gleich selber fahren. Giebst Du mir den Braunen?“

„Wenn Du selber fährst, ja!“

„Gut, spanne ein; ich will derweile noch einen trinken, daß ich warm bleibe.“

„Da muß ich Dir aber einen Zettel an meine Leute mitgeben,“ meinte Hahnemann, dem plötzlich ein Gedanke kam; „sonst mußt Du gewärtig sein, den Pomeranzen gar nicht zu kriegen.“

„Meinetwegen! Ich will ihn Deiner Alten geben.“

In kurzer Zeit war das Pferd vorgespannt, und Wadenbach saß mit dem Zettel in der Tasche und der Peitsche in der Hand, im Schlitten.

„Fahr’ zu, Gevatter,“ sprach Hahnemann. „Sei

nicht lange außen und grüße mir den Teichwirt. Hopp, Brauner!“

Das Pferd zog an, und das Fuhrwerk setzte sich in Bewegung.

Noch immer schneite es, was vom Himmel herunter wollte, sodaß man kein Auge aufzuthun vermochte und kaum rechts und links die Chausseebäume zu erkennen waren. Wadenbach drückte sich zusammen. Er merkte jetzt in der frischen Luft erst, daß der Spitz größer sei, als er es geglaubt hatte; doch grad dieser Umstand schützte ihn einigermaßen gegen Sturm und Kälte.

Es war ihm lieb, daß die Teichwirtschaft grad so als erstes Haus am Ende von Langenberg lag, wie der lustige Mann das letzte Haus der Stadt war. So war der Weg zwischen beiden Orten so kurz wie möglich, und obgleich er den Pomeranzen erst auf dem Rückwege mitzunehmen brauchte hielt er nach einer Weile doch vor Hahnemanns Wirtschaft, welche, wie schon oben erwähnt, halbwegs zwischen Stadt und Dorf lag, und krabbelte mit froststeifen Gliedern aus dem Schlitten heraus.

Heinrich, der Sohn des Wirtes, trat aus der Thür und wunderte sich nicht wenig, statt seines eigenen Vaters denjenigen seines Mädchens vor sich zu sehen.

„Guten Abend, Herr Wadenbach! Was in aller Welt führt Sie denn in diesem Wetter und so spät noch heraus zu uns? Das ist ja unser Fuhrwerk! Wo ist denn der Vater?“

„Der ist gescheit gewesen und sitzen geblieben. Ich dummer Esel aber kutschiere da nachts zwölf Uhr noch über Land, um eines Fäßchen Bieres willen. Das ist aber so, wer einmal A gesagt hat, muß auch B sagen. Komm herein; ich habe was an Dich auszurichten und muß mir auch einen kräftigen Schluck nehmen, sonst komme ich als Eiszapfen nach Langenberg.“

In der Stube angelangt, übergab er ihm den Zettel, welchen er von Hahnemann erst im Schlitten erhalten hatte, so daß es ihm unmöglich gewesen war, das Daraufstehende zu lesen.

Heinrich entfaltete ihn und las nichts als die beiden Worte: „Heimlich umlenken.“

Er war nicht auf den Kopf gefallen und ahnte sofort, daß dieses Umlenken im Zusammenhange mit der heutigen Vorsteherwahl stehe. Er trat also, während der Färber mit der Wirtin sprach, wieder hinaus auf die Straße und befolgte die Weisung des Vaters, obgleich er den eigentlichen Grund derselben nicht kannte.

Das Klingen des Schellengeläutes bei der Bewegung des Pferdes wurde von dem Sturm verschlungen, sodaß Wadenbach nichts davon hörte und bei dem Wiedereintreten des jungen Mannes sich mit den Worten an denselben wandte:

„Heinrich, die Flasche Pomeranzen nehme ich erst auf dem Rückwege mit. Ich sehe schon voraus, daß ich nachher hier noch einen zu mir nehmen muß. Adjes derweile!“

Er schritt hinaus und stieg in den Schlitten.

„Komm, Brauner, komm!“ Das geduldige Tier zog an und trabte wieder in die Nacht hinaus.

„Hm!“ brummte Wadenbach. „Die Luft hat sich gewandt und kommt mir jetzt grad in den Rücken; da hat Blasius doch mal ein Einsehen gehabt. Aber auf dem Rückwege wird’s desto ärger.“

So ging es wieder zwischen den kaum sichtbaren Straßenbäumen vorwärts, und als er endlich das erste Haus des Ortes erreichte, hielt er genau vor der Thür desselben still und klatschte so laut wie möglich mit der Peitsche.

„Ich muß das Pferd in den Stall schaffen lassen; denn bis wir das Faß hintenauf haben, vergeht eine gute Viertelstunde. Aber geht’s heut’ noch laut her in Langenberg; heda, Hausknecht!“

Nach nochmaligem Rufen und Peitschenknallen trat der gewünschte dienstbare Geist unter die Thür und rief, vor Kälte pustend:

„Na, wer kommt denn da noch so spät angelandet? Das muß eine notwendige Fuhre gewesen sein!“

„Notwendig grad nicht; aber das geht niemanden was an. Mach’ nur, daß Du herkommst und den Braunen in den Stall bringst. Mir ist das ganze Mundwerk eingefroren, und ich muß erst einen trinken, ehe ich wieder ein gescheites Wort reden kann.“

„Alle Wetter, das sind Sie ja, Herr Wadenbach! Ist doch gar nicht möglich, daß Sie schon wieder da sein können!“

„Christian, Du bist’s? Was willst denn Du in

Langenberg? Und wie bist Du um des Himmelswillen in dieser Geschwindigkeit hierher gekommen?“

„In Langenberg? Nichts für ungut; aber entweder machen Sie Spaß oder es ist der rote Pomeranzen schuld. Haben Sie das Faß mitgebracht?“

„Das Faß? Mach’ keine dummen Witze! Konntest Dich doch mit aufsetzen, anstatt vorüber zu laufen, als ich bei Hahnemanns war.“

„Vorbeigelaufen? Bei Hahnemanns? Wann soll denn das gewesen sein?“

„Nu, eben jetzt, vor zehn Minuten etwa.“

„Herr Wadenbach, machen Sie, daß Sie hereinkommen in die warme Stube! Ich habe doch gar nicht geglaubt, daß die Kälte einen so perplex machen könnte.“

„Du bist wohl nicht recht bei Troste, Mensch, mir so etwas zu sagen! Mach’, daß Du das Pferd ausspannst und hilf nachher das Faß mit aufladen.“

Er stieg aus, schritt auf die Thür zu und trat in den Flur. —

„Sapperlot, müssen Sie gefahren sein!“ rief der Wirt, welcher soeben aus der unteren Gaststube kam. „Ich denke Sie sind noch gar nicht in Langenberg. Haben Sie das Bier?“

Mit weit geöffneten Augen starrte Wadenbach den Sprecher an, wandte dann den Blick auf die Wände und umstehenden Gegenstände und rief endlich:

„Bin ich denn verhext oder habe ich den Verstand verloren?“

„Was denn; wieso denn?“ fragte der Wirt.

„So was ist mir doch in meinem ganzen Leben noch nicht passiert! Da fahre ich schnurstracks nach Langenberg, und als ich aussteige, bin ich immer noch da hier im lustigen Manne. Wenn das heut’ abend Walpurgis wäre oder Sankt Andreas oder gar Sylvester, so dächte ich, der Gottseibeiuns hätte mich irre geführt. So aber ist Fastnachtsdienstag und —“

„Halloh, der Wadenbach ist wieder da! Kommt raus und schafft das Faß mit herauf!“ unterbrach der soeben die Treppe herabkommende Hahnemann den Sprecher, und sofort wurde oben die Thüre geöffnet und die ganze Versammlung drängte nach unten, um den Gegenstand ihrer Sehnsucht baldigst in Empfang nehmen zu können. Ohne den Färber erst groß zu fragen, stürmten die vordersten an ihm vorüber und hinaus zum Schlitten.

„Wo steckt denn das Bier, Wadenbach; oder hast Du’s schon abgeladen?“

„Laßt mich in Ruhe, und gebt mir vor allen Dingen erst einen Pomeranzen, daß ich die Gedanken wieder zusammen kriege!“

Mit diesem Stoßseufzer stieg er die Treppe hinan und erzählte den ihm folgenden Leuten das rätselhafte Abenteuer.

„Ihr allzusammen wißt, daß ich nicht abergläubisch bin, nein, gewiß ganz und gar nicht; aber das geht mir denn doch über die Hutschnur. Draußen im Walde hat mich’s schon öfters im Kreise herumgeführt, aber mit einem Schlittengeschirr und auf

offner, gerader Straße — wie gesagt, wenn es heut Walpurgis wäre oder And—“

„Walpurgis?“ fiel Hahnemann ihm in die Rede; „was ist denn Walpurgis weiter für eine Nacht! Die paar Hexen, die da auf dem Bloxberge herumkrappeln, sind gar nicht der Rede wert; aber Sankt Lazarus, der vierundzwanzigste Februar und der fünfundzwanzigste nachher, das sind zwei schlimme Tage, an denen — na, ich sage weiter nichts; denn es glaubt heutzutage doch niemand mehr an solche Sachen. Das junge Volk will einmal klüger sein als das verständige Alter.“

„Sankt Lazarus?“ fragte Wadenbach. „Was ist denn da los?“

„Weißt Du denn das noch nicht? Das ist ja der Tag, an dem der Teufel vom Erzengel Michael oder Gabriel oder wie der geheißen hat, durch die Wolken herunter auf die Erde geworfen worden ist. Und am fünfundzwanzigsten ist Sodom und Gomorrha untergegangen. An diesen beiden Tagen darf sich keine Menschenseele um Mitternacht draußen im Freien blicken lassen; entweder führt es einen irre, oder es thut einem sonst einen Schabernack.“

„Und heut’ ist der vierundzwanzigste!“ rief Wadenbach mit leisem Schauer.

„Heute? Wahrhaftig; daran habe ich gar nicht gedacht. Aber Du, da bist Du noch gut weggekommen, wenn Du nicht etwa gar dem Lot seine Frau gesehen hast, die damals in eine Salzsäule verwandelt worden ist, weil sie rückwärts geguckt hat.“

„Die habe ich nicht gesehen.“

„Das ist ein Glück; denn wer die sieht, der stirbt in demselben Jahre, und wer sich gar nach ihr umguckt, der lebt keine vierundzwanzig Stunden mehr. Meine selige Großmutter zum Beispiel hat es mit erlebt, daß der alte Schubertbauer in Reichen­brand —“

„Larifari!“ fiel einer der Umstehenden ein, wurde aber von den anderen, welche die Absicht Hahnemanns wohl merkten, durch Winke zurecht gewiesen.

„Du meinst die Geschichte vom Schubertbauer, der am vierundzwanzigsten Abends 11 Uhr aus Meinsdorf fortgefahren ist und als er nach Hause kommt, fragen sie ihn, wo er so lange gewesen ist?“ stimmte ein anderer ein.

„Ja, das ist wirklich passiert. Mein Vater hat damals als Kleinknecht bei ihm gedient und erinnert sich noch heute an den Schreck, den der alte Mann damals gehabt hat. Von Meinsdorf bis Reichenbrand ist es nur eine kleine Stunde, und als er nach Hause kommt, sieht er, daß er ein ganzes, volles Jahr gefahren ist, ohne daß er etwas davon gemerkt hat.“

„Das ist viel; das ist wahrhaftig viel!“ rief der erstaunte Färber. „Aber wie war es denn mit der Salzsäule?“

„Die hat er gesehen und ist auch nachher ganz plötzlich gestorben. Aber diese Sachen sind ja vorbei und gehen uns nichts an. Heute handelt es sich’s um weiter nichts, als um unser Bier, das wir haben müssen. Wie wird’s, Wadenbach? Du hast die Sache einmal auf Dich genommen.“

„Mich kriegt Ihr nicht wieder dazu. Ich bin froh, daß ich mit heiler Haut davongekommen bin.“

„Ich glaube gar, Du fürchtest Dich!“

„Fällt mir nicht ein, ganz und gar nicht. Von dieser Seite kennt Ihr mich ja alle; aber in diesem Hundewetter kann man sich den Tod holen. Die Nacht ist keines Menschen Freund!“

„Ach, die Nacht ginge am Ende noch; aber die Salzsäule, die verflixte Salzsäule, mit der mag man nicht gern was zu thun haben!“

„Nein, wahrhaftig, ich fürchte mich nicht und vor einer Salzsäule erst recht nicht; denn da habe ich noch ganz andre Dinge gesehen; aber ich sehe gar nicht ein, warum grad ich alleine am vierundzwanzigsten um Mitternacht, wo der Teufel vom Himmel geschmissen worden ist, hinaus soll. Von Euch kann mir doch keiner helfen, wenn mir’s nachher an den Kragen geht. Wirtshaus, noch einen Pomeranzen!“

„Du gestehst’s ja also doch selber ein, daß Du Dich fürchtest!“ —

„Ich! Mich fürchten? Das hätte ich eben nötig! Mich dauert nur das arme Pferd.“

„Ach, Papperlapapp, Angst hast Du!“

„Und das will unser Vorsteher sein? Das ist eigentlich eine Schande für die ganze Gesellschaft,“ fügte einer hinzu. „Da ist der Hahnemann ein ganz andrer Kerl, der fürchtet sich vor dem Teufel und seiner ganzen Sippschaft nicht. Wo steckt er denn eigentlich?“

„Er ist hinuntergegangen. Ich glaube, er fährt

gleich selber nach Langenberg. Der geht dicke drauf; so einen Mann brauchen wir zum Vorsteher!“ meinte der Wirt.

„Halt!“ rief Wadenbach, der sich jetzt bei der Ambition gepackt fühlte und alles für sein eifersüchtig bewahrtes Ehrenamt fürchtete. Den brauchen wir nicht; der mag nur dableiben; ich fahre selbst!“

„So ist’s recht!“ rief es im Kreise. „Dem Hahnemann ist’s nur um den Vorsteher zu thun. Heut’ abend möchte er es gern gut machen, daß Du ihn früh zum Narren gehabt hast.“

„Das ist auch so! Hört, war der Streich nicht fein von mir ausgedacht?“

„Prächtig.“

„Fährt der Kerl in diesem Hundewetter zwei Stunden weit, um mir Farben zu holen, hahaha!“

„Freilich; der mag sich schöne ärgern, daß er Dich nicht auch herum kriegen kann.“

„Mich? Das kann im ganzen Leben nicht vorkommen! Wirtshaus, noch einen Pomeranzen! Mach aber schnell, sonst fährt mir der Hahnemann davon.“

Dieser war indessen abermals nach unten gegangen und hatte mit Verwunderung seinen Sohn im Gastzimmer getroffen.

„Heinrich, Du hier! Wie kommt denn das? Ich denke, Du willst heute zu Hause bleiben.“

„Ich wollte; aber der Spaß mit Wadenbach hat mich hereingetrieben.“

„Es paßt mir gut, daß Du da bist. Komm heraus! Er fährt jedenfalls noch einmal, und es ist möglich,

daß wir ihn heute wegen Dir und Deiner Marie bei der Parabel nehmen können, denn er hat schon einen tüchtigen Affen.“

Sie schritten miteinander hinaus, und einige Minuten später saß der Färber wieder in dem Schlitten und kutschierte zum zweiten Male auf der Langenberger Straße dahin.

Es war ihm nicht ganz geheuer zu Mute. Die Erzählungen von Sodom und Gomorrha und dem herabgeworfenen Teufel stimmten in der Weise mit seinen eignen Anschauungen zusammen, daß nur der mögliche Verlust der Vorsteherwürde ihn vermocht hatte, sich in einer so gefährlichen Nacht zum zweiten Male heraus zu wagen, und er fühlte die Bangigkeit erst schwinden, als er die Wirtschaft Hahnemanns wieder vor sich sah.

Aus Besorgnis, die Salzsäule zu erblicken, hatte er sich nicht umzuwenden getraut und also auch nicht bemerkt, daß Heinrich gleich nach Beginn der Fahrt hinten aufgestiegen und in geduckter Stellung sein Begleiter gewesen war. Der junge Mann ließ ihn erst in das Haus treten und schritt dann, nachdem er das Fuhrwerk wieder umgelenkt hatte, durch die Küche in das Gastzimmer.

„Da sind Sie ja wieder, Herr Wadenbach! Waren sie in Langenberg noch munter?“ Der Gefragte schüttelte den Kopf.

„Gieb mir erst ’nen Pomeranzen, und dann sollt Ihr hören, wie mir’s heut’ abend gegangen ist.“

Er that einen kräftigen Schluck und erzählte dann sein Erlebnis.

„Das ist garnicht zu verwundern,“ meinte Heinrich trocken, als er geendet hatte. „Heut’ ist ja der Tag, an dem der Teufel auf die Erde gefallen ist, und da muß man sich in acht nehmen. Der alte Schulmeister Fridolin in Chursdorf hat den dreifachen Höllenzwang und ist ein großer Meister im Beschwören und Citieren. Von ihm habe ich manches erfahren und möchte heut’ um keinen Preis weiter als zehn Schritte von der Thür gehen.“

„Das geht mir ebenso. Aber was will ich machen? Ich muß fort, wenn ich mich nicht blamieren will. Schlaft wohl; auf dem Rückwege spreche ich wieder vor. Lauft also nicht zu Bette, damit ich noch eine Herzstärkung zu mir nehmen kann.“

„Gute Nacht, Herr Wadenbach. Wir werden warten!“ antwortete Heinrich, griff, als der Färber die Thür geschlossen hatte, in die Kommode und war mit dem weißen Gegenstande, welchen er aus dem Kasten nahm, so eilig verschwunden, daß die Mutter gar keine Zeit zu der ihr auf der Zunge liegenden Frage hatte, was er denn mit den Betttuche machen wolle.

Mittlerweile fuhr Wadenbach weiter. Er hatte sich den Sitz tief heruntergeschnallt, damit er sich recht eng und klein in die Ecke schmiegen könne und ließ den Braunen laufen, wie es ihm gefiel; das arme Tier kam nur langsam vorwärts. Fast den ganzen Tag auf den Beinen, war es nun ernstlich müde geworden -

Illustration 8
„August Wadenbach, rede, oder du bist verloren!“ rief
es mit hohler Stimme. (S. 267.)

geworden und konnte sich durch die zahlreichen Schneewehen, welche der Wind angesetzt hatte, nur mühsam fortbewegen und stand endlich ganz still.

„Hott üh, Brauner; komm, Hans, hopp!“ rief Wadenbach und richtete sich auf; aber mit einem lauten Aufschrei sank er sofort in seinen Winkel zurück; denn grad vor dem Pferde stand eine lange, weiße Gestalt mit weit auseinandergestreckten Armen. Das war die Salzsäule!

„Alle guten Geister loben —!“

Weiter brachte er den Stoßseufzer nicht heraus. Der Schreck schnürte ihm die Kehle zu, und ein reibeisenartiges Gefühl lief ihm kalt vom Nacken aus über die ganze hintere Fronte hinunter.

„August Wadenbach!“ rief es ihn mit hohler Stimme an. —

Er konnte unmöglich antworten; die Zunge lag ihm so schwer und fest im Munde, als wäre sie angeschnallt.

„August Wadenbach, rede, oder Du bist verloren!“

Er fühlte seine Nerven zittern, als ob er in ein ganzes Hundert galvanischer Drähte gewickelt sei, und gab sich die größte Mühe, ein Wort hervorzubringen; aber es ging nicht.

„August Wadenbach, Du hast noch drei Minuten Zeit. Wenn Du schweigst, holt Dich noch diese Woche der Teufel!“

Es war ihm, als bohrten sich eine Legion Eiszapfen durch seine Haut. Er krümmte den Körper

und schnaufte mit weitgeöffneten Nasenflügeln die Luft ein, um ein Wort, ein einziges Wort hervorzubringen; aber es ging absolut nicht. Da, nach einer fürchterlichen Anstrengung und einem tiefen, tiefen Atemzuge gab er den befohlenen Laut von sich. Die vorhin noch so feuchte Luft war einer trockenen, schneidenden Kälte gewichen, und der Schnee wurde in scharfen, spitzen Körnchen ihm ins Gesicht getrieben. Eines dieser Körnchen war ihm bei dem angelegentlichen Luftschnappen in die Nase geraten und gab seine Gegenwart durch ein unwiderstehliches Kribbeln kund, dem ein lautes, kraftvolles, langgezogenes „A—zziih!“ ein Ende machte.

„Azzih, azzih, azzih!“ antwortete rasch die fürchterliche Erscheinung. „August Wadenbach ich danke Dir; Du hast mich erlöst. Als wir aus Sodom fortzogen, hatte uns der Engel verboten, uns umzusehen. Lot, mein Mann, hatte einen fürchterlichen Schnupfen und mußte, grad als wir draußen vor der Stadt über die Kettenbrücke gingen, laut nießen. Uneingedenk des strengen Verbotes drehte ich mich um, rief: „Prosit!“ und wurde sofort zur Strafe für diese Todsünde in eine Salzsäule verwandelt. Seit jener Zeit treibt mich’s in der Welt umher und ich habe nicht eher Ruhe, bis ich einen finde, der mich annießt. Du hast’s gethan, und ich danke Dir. Deshalb darfst Du heut’ nicht nach Langenberg; denn dort, grad vor der Teichschenke, ist der Ort, wo der Teufel aufgetroffen ist, als er auf die Erde fiel. Wenn Du hinkämst, müßtest Du ein ganzes Jahr fahren, ehe Du heut’ nach Hause

kämst. Lebe wohl, August Wadenbach; lebe wohl! Grad vor Dir ist der lustige Mann!“

Die Gestalt warf die Arme in die Luft, und das Pferd durch diese Bewegung an seine Pflicht erinnert, zog an und suchte die verlorene Zeit in raschem Trabe einzuholen.

„Erlöst — erlöst — ich habe einen Geist erlöst!“ murmelte Wadenbach tief aufatmend vor sich hin. „Das kann in der ganzen Gegend kein Mensch von sich sagen, und ich werde ein berühmter Mann werden. Aber umsehen darf ich mich nicht; es ist dem Landfrieden doch nicht recht zu trauen.“

Immer den Kopf steif haltend, damit keiner seiner Blicke rückwärts falle, fuhr er, ohne sich jetzt um Wind und Wetter viel zu kümmern, in seinem Selbstgespräche fort:

„Daß ich auch grad nießen muß! Reden hätte ich nicht können, um alles in der Welt nicht: denn so miserabel ist mir’s all mein Lebtag noch nicht zu Mute gewesen. Es war mir grad als ob — na, das läßt sich nicht beschreiben; hu, hu, brrr! — Also darum durfte ich nicht nach Langenberg! Aber wie in aller Welt bin ich denn da nur gefahren? Das ist mir unbegreiflich. Auch jetzt geht’s schnurstracks auf Langenberg zu und — Herr meines Lebens, nun sollte ich am Ende doch noch an die Teichschenke kommen. Ich muß aufpassen!“

Mit scharfem Auge suchte er die Nacht zu durchdringen, und als er endlich mehrere Lichter vor sich erblickte, hielt er an. Nach dem er eine Zeit lang die

Entfernungen derselben mit ängstlicher Sorgfalt berechnet hatte, meinte er:

„Wahrhaftig, das ist nicht Langenberg. Dort das Licht, das ist der lustige Mann; das da drüben ist im Pfarrhause und hier — ja wirklich, hier steht auch die alte, abgebrochene Pappel. Juchhei, ich bin zu Hause! Komm, Hans; wir bringen zwar kein Bier; aber ich habe einen Geist erlöst. Was werden die das Maul aufsperren, wenn ich anfange zu erzählen! Vor einer halben Stunde erst haben sie mir von der Salzsäule erzählt und jetzt habe ich sie schon gesehen, hab’ sie wirklich und richtig angenießt. Komm, Brauner!“

Nach einigen Augenblicken hielt er vor dem lustigen Manne. Mit mächtigem Schwunge ließ er die Peitsche knallen und rief dann mit dem kräftigsten Tone seiner Stimme:

„Heraus, heraus; der Wadenbach ist wieder da!“

Sofort kam der Hausknecht geeilt, und auf der Treppe wurde es von den bierdurstigen Vereinsmitgliedern lebendig.

„Das ist rasch gegangen!“

„Du bist doch nicht etwa wieder irre gefahren, weil Du so schnell da bist?“

„Wo ist das Faß, August?“ so rief und fragte es durcheinander. Der Färber aber ließ sich nicht irre machen, stieg mit majestätischer Ruhe und Schweigsamkeit aus dem Schlittenkorbe und schritt nach der Thür.

„Halt Bruderherz; so kommst Du uns nicht davon! Du darfst den Fuß nicht eher über die Schwelle setzen, bis Du gesagt hast, wo das Bier bleibt.“

„Jawohl,“ rief Hahnemann. „Er hat wieder nichts mitgebracht, und für nichts und wieder nichts lasse ich meinen Gaul nicht zu Schanden machen. Wie steht’s, Gevatter?“

„Laßt mich los! Mir gehen ganz andere Dinge im Kopfe herrum, als Euer Chemnitzer Schloßbier. Wenn Ihr hübsch artig sein wollt, so sollt Ihr hören, was ich Schreckliches erlebt habe. Aber erst muß ich einen Pomeranzen haben. Die Geschichte ist mir so in die Glieder gefahren, daß ich kaum die paar Stufen steigen kann. Kommt nur mit rauf!“

Oben angekommen, ließ er sich auf den Stuhl nieder, griff nach dem schnell herbeigeholten Lieblingstrank und begann dann, einen stolzen selbstbewußten Blick um sich werfend:

„So; das bringt wieder Leben in den Körper! Ich kenne keine Furcht, das wißt Ihr alle, und wenn einem unter Euch das begegnet wäre, was mir begegnet ist, so wäre er auf der Stelle vor lauter Angst und Schrecken mausetot gewesen, aber angegriffen hat mich’s doch auch ein klein Wenig. Gebt mal meine Mütze her! Erst will ich mir’s gemütlich machen, und dann sollt Ihr zu staunen kriegen!“

Nach dieser vielversprechenden Einleitung begann er seinen Bericht. Er war reich gespickt mit selbstgefälligen Bemerkungen und stellte den Erzähler in das Licht eines Helden, der sich auch durch das Schrecklichste nicht aus der Fassung bringen läßt. Daß hinter der Geistererscheinung etwas sehr Natürliches stecken müsse, wußten die andern alle, und da Hahnemann -

Hahnemann an dem Färber Revanche zu nehmen hatte, so richteten sich ihre Vermutungen natürlich sofort auf ihn. Allerdings schien das Lächeln in seinen Zügen diese Vermutungen nicht Lügen zu strafen, und deutlich war zu bemerken, daß er bei den Worten „Kettenbrücke“ und „Prosit“ Mühe hatte, seine Heiterkeit nicht laut werden zu lassen.

„’s ist doch viel, sehr viel!“ rief er am Ende der Gespenstergeschichte. „Du bist wirklich ein ganzer Kerl, Gevatter, und ich will Dir offen gestehen, daß ich mich jedenfalls nicht so tapfer gehalten hätte wie Du.“

„Ach was da!“ meinte ein anderer. „Bist Du denn wirklich so dumm, an Gespenster zu glauben? Wer weiß, was er gesehen hat, oder was für ein Spaßvogel sich mit ihm —“

„Ich will doch nicht hoffen,“ unterbrach Wadenbach den Sprecher, „daß Du glaubst, ich lasse mich in dieser Weise von jemandem zum Narren machen. Was ich gesehen habe, das habe ich gesehen.“

„I, man kann viel sehen, wenn der Pomeranzen gut ist.“ —

„Du, werde nicht etwa anzüglich; das will ich mir sehr verbitten! Wenn mich irgendwer zum besten gehabt hat, wie wollt Ihr es Euch denn dann erklären, daß ich zweimal hintereinander nicht nach Langenberg gekommen bin, trotzdem ich beschwören kann, daß ich weder umgelenkt, noch einen andern Weg als die Straße befahren habe?“

„Na, na, werde nur nicht hitzig! Die Sache muß sich ja sehr leicht aufklären lassen. Frage nur mal

dort den Hahnemann; der wird die Salzsäule wohl auch kennen.“

„Da kommt Ihr an den rechten!“ antwortete dieser. „Ich werde mich hüten, etwas zu sagen; denn wer solche Dinge vor dem neunten Tage ausplaudert, dem dreht es am zehnten entweder den Kopf auf den Rücken, oder er geht nach und nach ein, bis er endlich weg ist.“

Wadenbach wurde bei diesen Worten kreideweiß. Die Regel von dem neunten Tage hatte er wohl gekannt, aber leider nicht daran gedacht.

„Das ist aber doch bloß dann, wenn einem der Teufel selber erscheint,“ sprach er.

„Nein, das gilt für alle Fälle und bei allen Arten von Geistern und Gespenstern. Ich kann gar nicht begreifen, wie unvorsichtig Du gewesen bist. Du dauerst mich wirklich!“

Während man dem Gespensterseher auf diese Weise neue Sorgen bereitete, saßen Mutter und Tochter trotz der späten Stunde noch zu Hause bei der Arbeit. Der Vereinstag war für beide eine stets willkommene Gelegenheit, einmal so recht hübsch allein sein und sich gegenseitig aussprechen zu können. Zudem war ja morgen Ball, und da gab es an der Garderobe noch Arbeit die Hülle und die Fülle.

Der Gegenstand ihres Gespräches war natürlich kein anderer, als die Abneigung des Vaters gegen die Familie Hahnemann, und eben war bei der Besprechung dieses so oft hervorgesuchten Themas eine

kleine Pause eingetreten, als es draußen an den Laden pochte.

„Wer mag das sein, Marie?“ fragte die Mutter. „Gehe mal naus; vielleicht ist’s gar der Heinrich.“

Die Vermutung bestätigte sich; denn nach einigen Augenblicken trat der Genannte an der Seite seines Mädchens ein. Auf die verwunderte Frage der Mutter, woher er so spät noch komme, antwortete er mit einem geheimnisvollen Lächeln und nahm den ihm angebotenen Stuhl mit den Worten:

„Ich bin gekommen, um noch heut’ mit dem Vater zu sprechen.“

„Noch heute?“ fragte Marie erschrocken. „Wo denkst Du hin! So etwas macht man doch nicht nachts um ein Uhr ab. Und übrigens kennst Du ja seine Gesinnung.“

„Laß Dich doch nicht verblüffen, Marie,“ meinte die Mutter. „Es wird ihm gar nicht einfallen, sich vom Vater sehen zu lassen. Er hat gewiß im lustigen Mann gesessen und mag nicht nach Hause gehen, ohne Dich noch einmal zu sehen.“

„Allerdings war’s anfangs so gemeint,“ antwortete Heinrich. „Ich bin die paar Schritte gelaufen, um das Haus wenigstens mal zu sehen, und da ich merkte, daß Ihr noch wach seid, so habe ich geklopft und werde nun allerdings nicht eher wieder gehen, als bis der Vater nach Hause gekommen ist. Ich habe das Herumschleichen satt und muß heut’ noch mit ihm ins klare kommen.“

Die beiden Frauen wurden ängstlich, als sie

merkten, daß seine Worte nicht einen bloßen Scherz enthielten, konnten aber den Grund, weshalb er grad jetzt die jedenfalls auf später hinauszuschiebende Unterredung haben wollte, nicht erfahren.

„Jetzt nicht, jetzt nicht! wehrte er ab.“

„Aber er wird Dich wahrhaftig zur Thür hinaus jagen.“

„Das weiß ich; aber es wird ihm nichts helfen. Ich kenne die Schliche und werde gemütlich wieder hereinkommen.“

„Um des Himmelswillen mach’ das nicht, Heinrich! Du kennst ihn noch nicht; wenn er in die Hitze kommt, so giebt es keine Rücksicht bei ihm.“

„Hab’ nur keine Sorge. Wenn Du mir folgst, so wird alles gut gehen.“

„Folgen? Was soll ich denn thun?“

„Zunächst setzest Du dort die kleine Lampe hinaus auf das Treppenfenster; ich brauche sie.“

„Wozu denn?“

„Das wirst Du schon noch merken. Und wenn Du dann später an die Thür pochen hörst, so thust Du, als wolltest Du das Licht putzen und löschest dasselbe aus. Das ist alles, was ich von Dir verlange. Willst Du?“

„Wozu soll denn das Lampenauslöschen sein?“

„Du wirst es, wie gesagt, schon merken. Horch, da kommt jemand! Das ist der Vater; ich verlasse mich auf Dich.“

Der heimkehrende Färber öffnete sich die Thür

mit dem Hausschlüssel selbst. Als er in die Stube trat, und den späten Besuch erblickte, blieb er erstaunt stehen.

„I der Tausend! Wer ist denn das?“

„Hm, ich denke, wir kennen uns, Herr Wadenbach.“

„Das versteht sich, das versteht sich! Aber denkst Du denn, weil ich meinen Pomeranzen bei Euch getrunken habe, darfst Du Deinen Pomeranzen auch bei uns trinken? Daraus wird nichts, reinweg gar nichts.“

„Herr Wadenbach —“

„Ach was Wadenbach! Ich leide es nicht, daß sich mein Mädel an einen — einen — einen —“

„Nun, an einen —?“

„Ich meine: an einen — einen — einen Heinrich hängt. Ich kann diesen dummen, albernen Namen für den Tod nicht ausstehen; umgetauft kannst Du nicht werden, also — abgemacht, basta!“

Mit einer nicht mißzuverstehenden Gebärde zeigte er nach der Thür, und als dieser Weisung nicht sogleich Folge geleistet wurde, setzte er hinzu:

„Nun, wie wird’s? Es ist bald zwei Uhr!“

„Ich getraue mich nicht hinaus, Herr Wadenbach.“

„Warum?“

„Von wegen dem Teufel und der Salzsäule.“

„So?“ fragte der Hausherr gedehnt; denn er wußte nicht recht, wie die Worte eigentlich gemeint waren. Als er aber das ernste Angesicht des jungen Mannes bemerkte, nahm er an, daß hier von einem unzeitigen Spotte wohl keine Rede sei, und fuhr beruhigt fort:

„Aber herzu hast Du Dich wohl nicht gefürchtet? Und noch dazu in diesem Wetter und mitten in der Nacht. Ihr müßt es doch ganz gewaltig notwendig haben mit Eurer Freierei!“

„Ja, eben das Wetter, Vater, das Wetter, das ist’s ja, was ich Dir schon am Sonnabend gesagt habe,“ meinte Marie etwas unvorsichtig.

„Willst Du wohl schweigen, Schlabbermaul, das Du bist! Wenn die Schuld nur daran liegt, so will ich gleich anderes Wetter machen. Wir brauchen einander gar nicht bös zu sein oder gar Feinde zu werden; aber ich habe einmal gesagt, daß ich keinen Heinrich leiden mag, und so mögt Ihr Euch auch darnach richten. Gute Nacht!“

Der junge Mann, gegen welchen die letzten Worte gerichtet waren, erhob sich und versetzte, nach der Mütze greifend:

„Ich gehe, weil ich mich nicht zanken mag. Aber ich werde wiederkommen, und zwar viel eher, als Sie es vermuten, Herr Wadenbach, und dann, ja dann werden Sie mich nicht fortweisen.“

„Nicht? I der Tausend, was einem nicht alles von so einem — einem — einem Heinrich zugetraut wird! Gute Nacht zum letzten Male. Hier ist der Hausschlüssel; ich will nur gleich selber zumachen, sonst sind die Rackers imstande und stehen miteinander noch vier Wochen lang draußen unter der Thür.“

Heinrich ging. Als Wadenbach wieder in das Zimmer trat, begann die eigentliche Strafpredigt,

welche das muntere und keineswegs sprachschwere Mädchen nur deshalb über sich ergehen ließ, weil Ihr der Wunsch ihres Geliebten hinsichtlich des Lichtausblasens zu denken gab. Der Scheltende wurde endlich, als ihm niemand widersprach, des Räsonnierens müde und schloß seine Ermahnungen mit den Worten:

„Und Du als Mutter solltest doch wahrhaftig so verständig sein, um dergleichen Ungehorsam nicht auch noch zu unterstützen. Sie macht schon ohne das doch nur, was sie will, und ich wette meinen Kopf, daß sie sich schon morgen nach dem Balle von dem Hahnemann wieder heimführen läßt. Wenn ich aber das merke, so —“

„Sei doch nur endlich einmal still und laß die Sache ruhen. Du hast den Heinrich doch früher gern gehabt, und er kann doch nicht dafür, daß sein Vater auch gern Vorsteher sein möchte!“

„Der? Der und Vorsteher? Geht mir doch mit dem! Hat sich heut’ von mir bei der Nase ziehen lassen nach Noten und ist dafür ausgelacht worden, daß es gedonnert hat.“

„Ist’s auch wahr, Vater? Ich hätte nicht gedacht, daß der Hahnemann so dumm sein würde. Das mußt Du erzählen, bitte!“

Jetzt hatte sie ihn da, wo sie ihn haben wollte, und mit freudestrahlenden Mienen berichtete er von seiner Heldenthat. Als er geendet hatte, fragte sie:

„Also bist Du auch ganz sicher Vorsteher geblieben?“

„Eigentlich sollte sich das von ganz selbst verstehen; -

verstehen; aber da ist mir die Geschichte mit der Salz— Sapperlot, da hätte ich mich bald wieder verplappert und darf doch neun Tage lang nicht davon sprechen. Also kurz und gut, wir haben noch gar keinen Vorsteher; er wird erst morgen vor Beginn des Balles gewählt.“

„Morgen erst? Warum denn?“

„Na, es ist mir was passiert, wovon die andern denken, der Hahnemann hat mich zum Narren gemacht. Es ist natürlich nicht wahr, und er hat also auch gar keine Behauptung aussprechen können. Aber um mich zu ärgern, hat er halb und halb zugegeben, daß es so sein könnte und gesagt, bis morgen nachmittag müsse sich das Ding aufklären.“

„Was ist es denn, was Dir passiert ist?“

„Das darf ich, wie gesagt, vor dem neunten Tag nicht ausreden.“

„Da ist’s wohl gar eine Geistergeschichte?“

„Ja, und wenn ich sie Euch erzählen könnte, so würdet Ihr mir’s gar nicht glauben, so wunderbar ist die Sache. Na, wenn die neun Tage um sind, werdet Ihr’s erfahren.“

„Hat Dir’s was gethan?“

„Bewahre, im Gegenteile! Ich habe die Salzsäule erlöst.“

„Die Salzsäule?“ fragte Marie, der allmählich eine Ahnung aufging, was es mit dieser Geistergeschichte für eine Bewandtnis haben könne.

„Ja, die Salz — Himmelschockschwerenot, mit Deiner albernen Neugierde kannst Du mich noch unglücklich -

unglücklich machen! Bald hätte ich die ganze Geschichte verraten.“

„Das hätte Dir keinen Schaden gebracht. Eine Salzsäule ist doch kein Geist.“

„Das verstehst Du nicht. Nach den neun Tagen werde ich Euch alles erklären!“

Dem Mädchen war keine andere Salzsäule bekannt, als die biblische, und da Ihr die Neugierde keine Ruhe ließ, so beschloß sie, geradezu und derb auf den Busch zu schlagen.

„Da hast Du wohl gar dem Lot seine Frau erlöst?“

„Freilich, freilich. Aber woher weißt denn auch Du, daß sie in der Nacht vom vierundzwanzigsten bis zum fünfundzwanzigsten umgegangen ist?“

„Das darf ich Dir vor dem neunten Tage auch nicht sagen.“

„Nicht? Vor dem neunten Tage? Ist sie Dir denn auch erschienen?“

„Jawohl!“ antwortete sie dem mit offenem Mund erstaunt Dastehenden.

„Wo denn, in aller Welt? Wohl hier zu Hause?“

„Ja.“

„Die hat mich gesucht; wahrhaftig, die hat mich gesucht und ist nachher auf die Langenberger Straße gekommen. Es ist erstaunlich, wirklich erstaunlich! Hast Du Dich denn aber da nicht gefürch —“

Das Wort erstarb ihm auf der Zunge; denn in diesem Augenblicke geschah ein so gewaltiger Stoß an die Thür, daß das ganze Haus zu beben schien. Das

Mädchen, welches jetzt alles klar durchschaute, blies, von dem erschrockenen Vater unbemerkt, behende das Licht aus und trotz der dadurch entstandenen Finsternis war mit Hilfe der draußen am Treppenfenster brennenden kleinen Lampe eine lange, weiße Gestalt zu erkennen, welche im Zimmer stand.

„August Wadenbach, Du hast geplaudert. Deine letzte Stunde ist gekommen!“

Wadenbach wollte sprechen; aber wie draußen auf der Straße brachte er kein Wort hervor, und nur als die Gestalt sich ihm näherte, löste ihm die Todesangst die Zunge.

„Gnade!“ stöhnte er, vor Entsetzen zitternd.

Da legte die Erscheinung die Hand auf seine Schulter und fragte:

„Giebst Du Deine Tochter dem Heinrich Hahnemann, wenn ich Dir das Leben lasse, August Wadenbach?“

„Gern, herzlich gern!“ versicherte er.

Da warf das Gespenst das Tuch von sich und rief mit fröhlicher Stimme:

„Grüß Gott, grüß Gott, Herr Wadenbach. Da bin ich wieder!“

Mit sperrangelweit aufgerissenen Augen starrte der Hausherr den aus dem Ei Geschälten an. Das Gesicht konnte er nicht erkennen; aber die Stimme brachte ihn auf eine schreckliche Vermutung. Mit einem raschen Griffe zog er die Zündhölzer aus der Westentasche, und im nächsten Augenblicke war das ausgelöschte Licht wieder in Brand gesetzt.

„Himmeltausendmohrenelement, Kerl, Du bist’s? Da muß doch gleich der helle, lichte Popanz drinne sitzen, spielt der schuftige Racker Komödie mit mir! Willst Du naus; ich frage, ob Du auf der Stelle naus willst!“

„Mein Schwiegervater wird mich doch nicht zur Thür hinausstecken!“ meinte Heinrich; denn der war es.

„Ich werde Dich beschwiegervatern! Vorwärts marsch, oder ich mache Dir Beine!“

„Gut, ich gehe; aber die Leute werden sich freuen, wenn —“

„Die Leute? Warum? Ich will nicht hoffen, daß Du das auch gewesen bist, draußen auf der Straße!“

„Natürlich, natürlich bin ich das auch gewesen. Haben Sie nicht Freude gehabt über die famose Kettenbrücke zwischen Sodom und Gomorrha?“

„O Du, armseliger, miserabler Bengel Du! Pack’ Dich aus meinen Augen, oder ich mache mich über Dich her, daß Du Zeit Deines Lebens an Sodom und Gomorrha denken sollst.“

„Und an den Schnupfen, den Lot damals hatte.“

Er ging. Noch aber hatte er die Hausthür nicht erreicht, als ihn Wadenbach wieder zurückrief:

„Halt; bleib’ mal da! Weiß Dein Vater von der Sache?“

„Gewiß. Der hat den Spaß ja angestellt.“

„Ihr beiden Kerls seid Einer so schlecht wie der andere. Mutter, hol’ ’mal die Flasche her! Der Ärger bringt mich sonst um!“ rief er, in sichtlichem Kampfe

mit sich selbst im Zimmer auf und abgehend. Dann fragte er, zu dem Mädchen gewandt: „Willst Du denn wirklich so einen Erzhalunken zum Manne haben?“

„Wenn es nicht anders sein kann, ja,“ lachte die Gefragte.

„Na, da nehmt Euch meinetwegen. Aber ich mache zur Bedingung, daß ich Vorsteher bleibe und kein Mensch erfährt, wie es eigentlich mit der Gespenstergeschichte gewesen ist.“

„Zugestanden,“ rief Heinrich, nach der Bulle greifend und mit derselben und dem alten, sich kraftvoll wehrenden Färber in der Stube herumtanzend. „Juchhei, es lebe der Teufel und die Salzsäule!“ Und das Mädchen fügte fröhlich lachend hinzu:

„Und der rote Pomeranzen!“

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I. Old Firehand.

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So klang es über die weite Ebene hin, und Swallow, mein wackerer Mustang, spitzte die kleinen Ohren, schnaubte freudig durch die Nüstern und hob graziös die feinen Hufe wie zum Menuett.

Warum grad dieses Lied, welches ich zuletzt vor drei Monaten in Cincinnati von einer Tyroler Gesellschaft gehört hatte, mir über die Lippen tönte, ich weiß es nicht. Noch hatte mich kein Mund geküßt, und mein Frühling konnte also wohl beginnen, doch beileibe nicht schon zu Ende sein; aber das Leben war mir bisher nichts gewesen als ein Kampf mit Hindernissen und Schwierigkeiten; ich war einsam und allein meinen Weg gegangen, unbeachtet, unverstanden und ungeliebt, und bei dieser Abgeschiedenheit hatte sich eine Art Weltschmerz in mir entwickelt, zu welchem der klagende Inhalt dieser Strophen recht gut paßte.

Schon neigte sich die Sonne demjenigen Teile der Rocky-Mountains, welcher die Grenze zwischen Nebraska und Oregon bildet, zu, und noch immer ließ sich keine Senkung der mit gelbblühenden Helianthus übersäeten Ebene wahrnehmen. Das Pferd bedurfte der Ruhe; ich selbst war müde, und so sehnte ich mich je länger desto mehr nach New-Venango, wo ich mich von langer Wanderung einmal einen ganzen Tag lang gehörig ausruhen und die ziemlich alle gewordene Munition wieder ergänzen wollte.

Plötzlich hob Swallow das Köpfchen seitwärts und stieß den dampfenden Atem mit jenem eigentümlichen Laute aus, durch welchen das echte Präriepferd das Nahen eines lebenden Wesens signalisiert. Mit einem leisen Rucke war es zum Stehen gebracht, und ich wandte mich auf seinem Rücken, um den Horizont abzusuchen.

Da, seitwärts von meinem Standorte, nahte ein Reiter, welcher grad auf mich zuhielt und sein Pferd weit ausgreifen ließ, und da die Entfernung zu groß war, um genau unterscheiden zu können, so griff ich zum Fernrohre und gewahrte zu meiner nicht geringen Verwunderung, daß dieser Reiter nicht ein Mann, sondern ein Frauenzimmer sei.

„Alle Teufel, eine Dame, hier im „far West“ mitten in der Prärie, und gar mit Reitkleid und wehendem Schleier!“ fuhr es mir über die Lippen, und erwartungsvoll schob ich Revolver und Bowiemesser, welche ich vorsichtig gelockert hatte, wieder zurück. „Oder ist’s gar der „flatsghost“, der Geist der

Ebene, welcher auf feurigem Rosse über die Woodlands fliegen soll, um die weißen Menschen von den Jagdgründen ihrer ‚roten Brüder’ zu vertreiben!“

Mit einigem Bedenken musterte ich meinen äußeren Adam, welcher mir allerdings nicht sehr courfähig erschien. Die Mokkassins waren mit der Zeit höchst offenherzig geworden; die Leggins glänzten, da ich sie bei der Tafel als Serviette zu gebrauchen pflegte, vor Fett; das sackähnliche, lederne Jagdhemde verlieh mir den würdevollen Anstand einer von Wind und Wetter malträtierten Krautscheuche, und die Bibermütze, welche mein Haupt bedeckte, hatte einen guten Teil ihrer Haare verloren und schien zu ihrem Nachteile mit den verschiedenen Lagerfeuern intime Bekanntschaft gepflogen zu haben.

Aber ich befand mich ja nicht im Parkett eines Opernhauses, sondern zwischen den Black-Hills und dem Felsengebirge und hatte auch gar keine Zeit, mich zu ärgern, denn, noch war ich mit meiner Selbstinspektion nicht fertig, so hielt die Reiterin schon vor mir, hob den Griff ihrer Reitpeitsche grüßend in die Höhe und rief mit tiefer, reiner und sonorer Stimme:

„Good day, Sir! Was wollt Ihr finden, daß Ihr so an Euch herumsucht?“

„Your servant, Mistreß! Ich knöpfte mein Panzerhemd zu, um unter dem forschenden Blicke Eures schönen Auges nicht etwa Schaden zu leiden.“

„So darf man Euch wohl nicht ansehen?“

„Doch, doch, wenn mir die Erlaubnis zur Gegenbetrachtung wird.“

„Die sollt Ihr haben.“

„Danke; so wollen wir uns denn einmal nach Herzenslust begucken, wobei ich natürlich besser wegkomme als Ihr.“ Und meinen Mustang auf den Hinterbeinen herumdrehend, setzte ich hinzu: „So, da habt Ihr mich von allen Seiten, zu Pferde und in Lebensgröße! Wie gefalle ich Euch?“

„Wartet ein wenig und seht auch mich erst an!“ erwiderte sie lachend, zog ihre Stute vorn in die Höhe und präsentierte sich durch eine kühne Wendung in derselben Weise, wie ich es gethan hatte. „Jetzt ist die Vorstellung eine vollständige, und nun sagt erst Ihr, wie ich Euch gefalle.“

„Hm, nicht übel, wenigstens scheint Ihr mir gut genug für diesen Ort hier. Und ich?“

„So la la! An dem ganzen Manne ist das Pferd das beste.“

„Ihr seid eine Dame, folglich habt Ihr recht. Überhaupt hat mich Eure Gegenwart hier mitten in der Prärie so perplex gemacht, daß ich nicht die nötigen Worte finde, um Euch einen bessern Begriff von meiner Schönheit beizubringen.“

„Mitten in der Prärie? So seid Ihr wohl fremd hier?“

„Welche Fragen der Wildnis!“

„Folgt mir, so sollt Ihr sehen, wie groß diese Wildnis ist.“

Sie wandte sich der Richtung zu, welche ich verfolgt hatte, und ließ ihr Pferd vom langsamen Schritt durch alle Gangarten bis zum gestreckten Galopp

übergehen. Swallow folgte mit Leichtigkeit, trotzdem wir vom grauenden Morgen an unterwegs gewesen waren. Ja, das brave Thier schien zu bemerken, daß es sich hier um eine kleine Probe handle und griff ganz freiwillig in der Weise aus, daß die Reiterin zuletzt nicht mehr zu folgen vermochte und mit einem Ausrufe der Bewunderung ihr Tier parierte.

„Ihr seid außerordentlich gut beritten, Sir. Ist Euch der Hengst feil?“

„Um keinen Preis, Mistreß.“

„Laßt das Mistreß fort.“

„Dann Miß, ganz wie es Euch beliebt. Das Pferd hat mich aus so mancher Gefahr hinweggetragen, sodaß ich ihm mehr als einmal mein Leben verdanke und es mir also unmöglich feil sein kann.“

„Es hat indianische Dressur,“ sagte sie mit scharfem Kennerblicke. „Wo habt Ihr es her?“

„Ich erhielt es von Winnetou, einem Apachenhäuptling, mit welchem ich am Rio Suanca ein weniges zusammenkam, zum Geschenke.“

„Von Winnetou? Das ist ja der berühmteste und gefürchtetste Indianer zwischen Sonora und Columbien! Ihr seht gar nicht nach einer solchen Bekanntschaft aus, Sir?“

„Warum, Miß?“ fragte ich mit offenem Lächeln.

„Ich hielt Euch für einen Surveyor (Feldmesser) oder etwas derartiges, und diese Leute sind zwar oft recht gute Schützen, aber sich mitten zwischen Apachen, Nijoras und Navojoas hineinzuwagen, dazu gehört schon ein wenig mehr. Eure blanken Revolver, das

zierliche Messer da im Gürtel und die Weihnachtsbüchse dort am Sattelriemen oder gar noch Eure Paradehaltung auf dem Pferde stimmen wenig mit dem überein, was man an einem echten und rechten Trapper oder Scatter zu bemerken pflegt.“

„Ihr sollt wieder recht haben, und ich gestehe offen, daß ich auch nur so eine Art Sonntagsjäger bin; aber die Waffen sind nicht ganz schlecht. Ich habe sie in Front-Street, St. Louis gekauft, und wenn Ihr auf diesem Felde so zu Hause seid, wie es scheint, so müßt Ihr auch wissen, daß man dort für gute Preise auch gute Ware bekommt.“

„Diese Ware aber zeigt ihre Güte erst beim rechten Gebrauche. Was sagt Ihr zu dieser Pistole?“

Sie zog bei diesen Worten ein altes, verrostetes Schießinstrument aus der Satteltasche und hielt es mir zur Besichtigung hin.

„Hm, das Ding stammt jedenfalls noch von Anno Poccahontas her; aber es kann doch gut sein. Ich habe Indianer oft mit dem miserabelsten Schießzeuge zum Verwundern umgehen sehen.“

„Haben sie auch das fertig gebracht?“

Sie warf das Pferd zur Seite, schlug im raschen Trabe einen Kreis um mich, hob den Arm und drückte auf mich los, ehe ich nur eine Ahnung von ihrer Absicht haben konnte.

Ich fühlte einen leisen Ruck an meiner Kopfbedeckung und sah zu gleicher Zeit die Helianthusblüten, welche ich mir an die Mütze gesteckt hatte, vor mir niederfliegen. Es schien mir ganz, als wolle die

sichere Schützin sich darüber informieren, was von meiner Sonntagsjägerei zu halten sei, und ich antwortete also auf die ausgesprochene Frage kaltblütig:

„So etwas bringt jeder fertig; aber ich bitte denn doch ganz höflich, Miß, die Mütze von jetzt an in Ruhe zu lassen, da zufälligerweise mein Kopf drinnen steckt.“

Sie lachte laut und hielt sich wieder an meine Seite. Die ganze Begegnung kam mir wie ein Traum vor, und hätte ich früher vielleicht etwas Ähnliches in irgend einem Romane gelesen, so wäre der Verfasser ganz gewiß in den Verdacht gekommen, Unmögliches als möglich darzustellen. Jedenfalls, das war klar, mußte eine Ansiedelung in der Nähe sein, und da seit längerer Zeit der Kriegspfad keines der wilden Stämme in diese Gegend geführt hatte, so konnte es selbst eine Dame immerhin wagen, ein Stückchen in die Ebene hinein zu reiten.

Nicht so klar war es mir, was ich eigentlich aus meiner Begleiterin machen sollte. Ihre ganze Erscheinung deutete auf den Salon, und doch verriet sie eine Kenntnis des Westens und eine Übung in den hier notwendigen Fertigkeiten, die auf ganz besondere Verhältnisse schließen ließ. Deshalb war es wohl kein Wunder, daß mein Auge mit dem größten Interesse auf ihr ruhte.

Sie ritt jetzt eine halbe Pferdelänge vor, und der goldene Sonnenstrahl umflutete ihre tadellose, vollendete Gestalt. „Bräunlich und schön“, wie die Bibel von David erzählt, zeigten die eigenartigen Züge trotz ihrer mädchenhaften -

mädchenhaften Weichheit eine Festigkeit des Ausdruckes, welche auf geistige Überlegenheit und Energie des Willens schließen ließ, und in der ganzen Haltung, in jeder einzelnen Bewegung des bezaubernden Wesens sprach sich eine Selbstständigkeit und Sicherheit aus, welche neben der freiwilligen Bewunderung unbedingte Achtung forderte.

Ich gestand mir offen, noch nie ein Mädchen von solcher Schönheit gesehen zu haben und wunderte mich über mich selbst, daß ich trotz meiner gewöhnlichen Zaghaftigkeit im Umgange mit dem andern Geschlechte bei der heutigen Begegnung so — so unverfroren hatte sein können. Freilich war auch ihre Art und Weise ganz geeignet gewesen, diese Zaghaftigkeit nicht aufkommen zu lassen; aber jetzt beim näheren Anschauen konnte ich doch einer leisen Bedrückung nicht so ganz Herr werden.

Oft schon hatte ich von der Wirkung gehört, welche der Klang einer Frauenstimme selbst auf den sonst verschlossenen Mann auszuüben vermöge, an mir selbst jedoch noch keinerlei Erfahrung darüber gemacht. Jetzt aber fühlte ich mit einem Male diese Wirkung, und es war mir, als sei mir etwas ins einsame Herz gedrungen, was die Öde und Leere desselben auszufüllen und mich mit all dem Vergangenen zu versöhnen vermöge.

Plötzlich zog sie die Zügel an.

„Ihr seid ein Deutscher?“

„Ja. Spreche ich das Englische mit so bösem

Accent, daß Ihr meine Abstammung so genau bestimmen könnt?“

„Nein, Sir. Euer Englisch ist rein; aber Euer Verhalten ist echt deutsch. Erst laut, munter und gemütlich und jetzt still, nachdenklich und grübelnd. Wenn es Euch recht ist, wollen wir uns unserer Muttersprache bedienen?“

„Wie? Auch Ihr habt die gleiche Heimat?“

„Vater ist ein Deutscher, geboren bin ich am Quicourt. Meine Mutter war eine Indianerin vom Stamme der Assineboins. Eine Amerikanerin wäre Euch wohl in anderer Weise begegnet.“

Jetzt war mir der eigentümliche Schnitt ihres Gesichtes und der tiefere Schatten des Teints erklärlich. Ihre Mutter war also tot, und der Vater lebte noch. Hier stieß ich jedenfalls auf außergewöhnliche Verhältnisse, und es war mehr als bloße Neugierde, welche ich jetzt für dieselben empfand.

„Seht da hinüber!“ belehrte sie mich mit erhobenem Arme.

„Seht Ihr den Rauch wie aus dem Boden aufsteigen?“

„Ah, das ist der Bluff, welchen ich schon längst suchte, und in dessen Senkung New-Venango liegt. Kennt Ihr Emery Forster, den Ölprinzen?“

„Ein wenig. Er ist der Vater von meines Bruders Frau, welche mit ihrem Manne in Omaha lebt. Ich komme von daher, um den Vater zu sehen und habe hier Absteigequartier genommen. Habt Ihr mit Forster zu tun, Sir?“

„Nein, ich habe im Store (Laden) zu thun, um mich mit einigem zu versorgen und fragte nur, weil er als einer der bedeutendsten Ölprinzen bekannt ist.“

„Könnte Euch auch nicht viel an ihm empfehlen. Ihr wißt ja, wie diese Leute sind. Doch, laßt uns ausgreifen, es wird Abend.“

Nach kurzer Zeit hielten wir am Rande der Schlucht und blickten auf die kleine Niederlassung, deren Häuserzahl wenigstens ich mir höher vorgestellt hatte. Das vor uns liegende Thal bildete eine schmale Pfanne, welche, rings von steil ansteigenden Felsen umschlossen, in ihrer Mitte von einem ansehnlichen Flusse durchströmt wurde, der sich zwischen nahe zusammentretendem Gestein unten einen Ausweg suchte. Das ganze unter uns liegende Terrain war mit Anlagen, wie sie die Petroleumerzeugung erfordert, bedeckt; oben, ganz nahe am Wasser, sah ich einen Erdbohrer in voller Thätigkeit; am mittleren Laufe stand etwas vor den eigentlichen Fabrikräumlichkeiten ein trotz des Interims doch ganz stattliches Wohngebäude, und wo das Auge nur hinblickte, waren Dauben, Böden und fertige Fässer, teils leer, meist aber mit dem vielbegehrten Brennstoff gefüllt, zu sehen.

„Da drüben seht Ihr den Store, Sir, zugleich Restauration und alles sonst noch Nötige, und hier führt der Weg hinab, ein wenig steil, sodaß wir absteigen müssen, aber doch immer noch ohne Lebensgefahr zu passieren. Wollt Ihr mitkommen?“

Rasch schnellte ich mich aus dem Sattel, um ihr beim Absteigen behülflich zu sein. Aber ich kam zu

spät; denn schon stand sie mit aufgenommenem Kleide vor mir und rief mit goldenem Lachen:

„Danke! Man gewöhnt sich hier, dergleichen Aufmerksamkeiten nicht zu beanspruchen. Nehmt Euer Tier an die Hand.“

„Swallow kommt von selbst nach, Miß; erlaubt mir das Eurige.“

Ich ergriff die Zügel der Stute, und während mein Mustang ohne besondere Aufforderung nachfolgte, hatte ich Gelegenheit, an der Vorangehenden die Gewandtheit und Sicherheit des Schrittes zu bewundern. Diese Übung hatte sie sich ganz bestimmt nicht im Institute aneignen können, und mein Interesse an dem wundervollen Wesen wuchs von Minute zu Minute.

Auf der Sohle des Thales angekommen, bestiegen wir die Pferde wieder und hielten in raschem Tempo auf den Store zu.

„Forster steht unter der Thür, er wird mich wohl nicht vorüberlassen.“

Der Bezeichnete war eine lange, hagere Gestalt mit echter Yankeephysiognomie.

Stop, Ellen; hier wird abgestiegen! In welche Gesellschaft bist Du denn da geraten?“

Es lag in Ton und Wort nicht die mindeste Höflichkeit für mich, und ebenso bekümmerte er sich nicht im mindesten um das Mädchen, sondern trat sofort zu meinem Pferde.

„Hm — hm — hab’s gleich von weitem bemerkt —

hm — hm — das Tier muß man kaufen — was meint Ihr, Fenders?“

Der Angeredete war ein Mann mit vertrunkenen Gesichtszügen und jedenfalls ein Irländer. Ich vermutete den Wirt in ihm, schritt aber, ohne die beiden weiter zu beachten, dem Mädchen nach, welches in den Vorraum gegangen war. Sie empfing mich mit den Worten:

„Wenn Ihr das Pferd ja verkauft, so laßt es mir; ich zahle Euch dasselbe wie Forster.“

„Welches Pferd?“ riefen einige Leute, welche am Tische standen, und traten, nachdem sie einen Blick durch das Fenster geworfen hatten, hinaus, worauf sich ein lebhafter Wortwechsel draußen erhob, am Schlusse dessen Forster Miene machte, das Pferd zur Probe zu besteigen. Ich öffnete das Fenster.

„Swallow!“

Das folgsame Tier schüttelte den Zudringlichen mit einem jähen Seitensprunge ab und kam herbei. Ich band die Zügel an das Fensterkreuz.

„Glaubt Ihr, daß ich Euch das Pferd stehlen will, Herr?“ fuhr mich der Abgeworfene an. „Ich werde es kaufen und kann also wohl auch erst einmal aufsitzen. Gebt her!“

„Ich denke, es Euch noch nicht angeboten zu haben, Sir. Der Hengst ist müde; laßt ihn in Ruhe!“

„Oho! Ihr scheint ja ein ganz resoluter Junge zu sein. Man muß Euch wirklich einmal näher ansehen!“

Er wandte sich nach der Thür und trat an der

Spitze der übrigen in das Zimmer. Nach einem kurzen Blick auf mich, meinte er mit geringschätzendem Schütteln des Kopfes:

„Würde Euch auch besser stehen, hübsch artig zu sein! Scheint mir ganz, als ob Ihr ein gutes Handgeld gebrauchen könntet.“

„Ist nicht Eure Sache, Mann, sondern die meinige. Werde mit meinen Angelegenheiten schon selbst fertig!“

„Good lack, klingt das wichtig! Doch will ich verständig sein und Euch hundertfünfzig Dollars bieten.“

„Ist mir nicht feil, das Pferd.“

„Hundert fünfundsiebenzig!“

„Ist mir nicht feil!“

„Zwei Hundert, aber nicht fünf Cents mehr.“

„Ist mir nicht feil, zum dritten Male; und nun laßt mich in Ruhe!“

„Ihr seid ein Grobian, der froh sein sollte, wenn ein Gentlemen ihm zu einem ganzen Zeuge verhilft. Wißt Ihr das?“

„Pah!“

Ich begnügte mich, diesen einen Laut auszusprechen, trotzdem ein anderer jedenfalls zur Waffe gegriffen hätte.

Meine Meinung über das Duell, über Beleidigung und Genugthuung waren eben nicht die landläufigen, und wer daheim ein paar arme, alte Eltern hat, welche ihre ganze Hoffnung allein nur auf ihn gesetzt haben, der setzt sein Leben nur dann ein, wenn es sich um Würdigeres als die Fausthöflichkeit eines

Hinterwäldlers handelt. Freilich mußte mich diese Selbstbeherrschung in den Verdacht eines Feiglings bringen; aber das Urteil dieser Leute konnte mir ja sehr gleichgültig sein.

Ein Wesen gab es allerdings, dessen Meinung mich nicht empfindungslos lassen konnte, und das war Ellen, wie sie von Forster genannt worden war. Sie hatte unserem kurzen Wortwechsel eine gespannte Aufmerksamkeit gewidmet und jedenfalls ganz bestimmt erwartet, daß ich losbrechen werde. Als das aber nicht geschah, sah ich einen Zug der Enttäuschung über ihr schönes Angesicht gehen, und es lag eine sichtbare Zustimmung in ihrem Blicke, als Forster, verächtlich die Achsel zuckend, meinte:

„Ein Coyote (Schakal), mehr nicht. Laßt ihn stehen, Leute.“

Trotz dieser neuen und größeren Beleidigung hielt ich an mich, und nun war es wirklich die ausgesprochenste Verachtung, mit welcher sich das Mädchen zur Seite wandte und ihren Verwandten zum Aufbruche mahnte.

Mein Auge folgte ihr, bis die letzte Falte ihres Kleides verschwunden war, und dann überkam mich eine Bitterkeit, wie ich sie in meinem ganzen Leben noch nicht empfunden hatte. Ganz gewiß war nur ich allein schuld an der Unbill, die mir widerfahren; aber warum war ich doch nur so besonnen und überlegsam! Ein wenig Jähzorn, ein wenig Leichtsinn ist oft nicht so ganz am unrechten Platze.

So dachte ich in meinem Unmute und erhob mich endlich, um denselben im Handel vielleicht zu vergessen.

Als ich mich mit dem Nötigen versehen hatte und dem Wirte die geforderte Summe vorzählte, fragte er:

„Wollt Ihr für diese Nacht nicht dableiben? Man wird bei mir gut bedient.“

„Danke; schwärme nicht für Eure Bude.“

„Könntet aber doch dableiben, Mann, nicht bloß für heute, sondern für morgen und übermorgen und immer. Ich brauche einen Boardkeeper, der nicht gleich dreinspringt, wenn er einen Tritt bekommt oder zwei. In unserem Geschäfte ist die Ambition oft ein recht überflüssiges und schädliches Ding. Wie gesagt, Ihr könntet hier bleiben, denn ich meine, Ihr seid der beste Mann dazu.“

Eigentlich hätte ich den scharfsinnigen Landlord (Gastwirt) recht deutlich belehren sollen, daß er sich sehr in mir geirrt habe; doch war die Offerte wirklich mehr lächerlich als ärgerlich, und so ließ ich ihn ruhig stehen und trat ins Freie, wo Swallow immer noch meiner wartete.

Der Abend hatte sich mittlerweile über das Thal gebreitet, und es war ziemlich dunkel geworden. Mir war die Lust vergangen, an meiner ursprünglichen Absicht, zu bleiben, festzuhalten. Pferd und Reiter hatten sich ausgeruht, und so konnte es heute noch ein Stück in die offene Prärie hineingehen, wo es sich jedenfalls angenehmer schlafen ließ als in dem nach Petroleum duftenden Thale. Zuvor aber trieb

es mich die kurze Strecke abwärts, nach dem Wohngebäude zu, welches ich am Nachmittage von der Höhe aus gesehen.

Der Weg führte den Fluß entlang, und was ich vorher nicht bemerkt, das fiel mir jetzt, wo meine Aufmerksamkeit nicht von der schönen Begleiterin in Anspruch genommen wurde, sofort auf, nämlich daß in der Nähe des Wassers sich der Ölgeruch verstärkte und der Fluß also eine nicht unbedeutende Quantität des Brennstoffes mit sich führen müsse.

Der Gebäudekomplex lag vollständig schwarz vor mir, aber als ich eine leichte Krümmung des Weges hinter mir hatte und nun das Herrenhaus von vorn nehmen konnte, fiel heller Lichtglanz von der Veranda herüber, und ich sah, daß dort eine kleine Gesellschaft versammelt sei. Ich sprang vom Pferde, welches ich an eine Fenzstange band, und schlich mich leise über die dunklen Stellen des Vorplatzes bis an das niedere Mauerwerk, in welches die Träger der leichten Überdachung befestigt waren.

Noch nie in meinen Leben hatte ich den Lauscher gemacht; aber heute trieb mich ein unbestimmtes und bisher ungekanntes Etwas zum unerlaubten Beobachten, und mit Genugthuung bemerkte ich die Gesuchte, welche, von einem leichten Hauskleide umflossen, in einer der Hängematten lag. Eben war sie im Begriff, dem in ihrer Nähe sitzenden Forster eine Auseinandersetzung zu machen.

„Es ist ein unnützes und lästerliches Unternehmen,

dear uncle, und Du hast Dir die Sache wohl nicht richtig berechnet.“

„Lerne uns doch das Kalkulieren nicht, Mädchen. Die Preise sind nur deshalb so gedrückt, weil die Quellen zu viel liefern. Wenn wir also, einer wie der andere, das Öl so einen Monat lang ablaufen lassen, so muß es dann wieder teuer werden, und wir machen Geschäfte, gute Geschäfte, sage ich Dir. Und diesen Coup werden wir ausführen, es ist so beschlossen, und ein jeder wird sein Versprechen halten.“

„Mir scheint nur, Ihr habt die Quellen drüben im alten Lande und sonst wo noch dabei außer acht gelassen. Euer Verhalten wird die dortige Konkurrenz sofort zur äußersten Anstrengung anspornen, und Ihr selbst gebt also den noch schlafenden Gegnern die Waffen in die Hand. Übrigens sind auch hier in den Staaten die aufgestapelten Vorräte so groß, daß sie für sehr geraume Zeit zureichen.“

„Du kennst den Bedarf nicht und hast also auch kein Urteil, wie Ihr Frauen ja überhaupt gar nicht denken solltet. Denn so oft Ihr’s thut, geratet Ihr auf Irrwege.“

„Das müßte denn doch sehr bewiesen werden, und ich glaube grad —“

„Der Beweis liegt nahe,“ unterbrach er sie. „Hast Du nicht vorhin erst gestanden, daß Du Dich in dem Woodsman oder was der Mensch eigentlich war, getäuscht hast? Hätte mir nie gedacht, daß es Dir in solcher Gesellschaft gefallen könne!“

Ich sah sie tief erröten; aber sie antwortete schnell:

„Von einer Täuschung ist keine Rede; denn ich sagte nur, daß er mir erst anders geschienen habe, und zwischen Schein und bewiesener Wirklichkeit pflege ich einen Unterschied zu machen.“

Forster wollte etwas erwidern, kam aber nicht dazu; denn in demselben Augenblicke geschah ein Donnerschlag, als sei die Erde unter uns mitten auseinander geborsten. Der Boden erzitterte, und als ich das Auge erschrocken seitwärts wandte, sah ich im obern Teile des Thales, da, wo der Bohrer thätig gewesen sein mußte, einen glühenden Feuerstrom fast fünfzig Fuß in die Höhe steigen, welcher flackernd oben breit auseinanderfloß und, wieder zur Erde niedersinkend, mit reißender Schnelligkeit das abfallende Terrain überschwemmte. Zugleich drang ein scharfer, stechender, gasartiger Geruch in die Atmungswerkzeuge, und die Luft schien von leichtflüssigem, ätherischem Feuer erfüllt zu sein.

Ich kannte dieses furchtbare Phänomen; denn ich hatte es im Kanawhathale in seiner ganzen Schrecklichkeit gesehen und stand mit einem einzigen Sprunge mitten unter der vor Schreck fast todesstarren Gesellschaft.

„Lichter aus, Lichter aus! Der Bohrer ist auf Öl getroffen, und Ihr habt beim Aufsteigen des Strahles Feuer in der Nähe gehabt. Lichter aus, sonst brennt in zwei Minuten das ganze Thal!“

Ich sprang von einem der brennenden Armleuchter zum andern; aber da oben im Zimmer brannten die Lampen auch, und drüben vom Store

her sah ich ebenfalls Lichtschimmer. Dazu hatte die Flut des hochaufsprühenden Öles, welches sich mit unglaublicher Raschheit über das ganze obere Thal ausbreitete, jetzt den Fluß erreicht, und nun galt es, alles einzusetzen für das nackte, bloße Leben. —

„Rettet euch! Lauft, lauft um Gotteswillen! Sucht die Höhen zu gewinnen!“

Mich um weiter niemand kümmernd, riß ich Ellen empor in meine Arme und saß im nächsten Augenblicke mit ihr im Sattel. Das Mädchen, die Größe der Gefahr nicht erkennend, sträubte sich mit Aufbietung aller Kräfte gegen die Umschlingung; aber wie man in solchen Augenblicken stets Riesenkraft besitzt, so verschwand auch diese Anstrengung fast ganz unter der Stärke, mit welcher ich sie festhielt, und in rasendem Laufe trug Swallow, dessen Instinkt die Führung des Zügels oder den Gebrauch der Sporen überflüssig machte, uns stromabwärts.

Der Bergpfad, welcher mich nach New-Venango geführt hatte, war uns verschlossen; denn der Glutstrom war schon an ihm vorübergeflutet. Nur abwärts konnten wir Rettung finden; aber ich hatte am Tage nichts einer Straße ähnliches bemerkt und im Gegenteile gesehen, daß die Felswände so eng zusammentraten, daß sich der Fluß nur schäumend den Ausweg erzwingen konnte.

„Sagt, Miß,“ rief ich in ängstlicher Hast, „giebt es einen Weg, welcher hier unten aus dem Thale führt?“

„Nein, nein!“ stöhnte sie unter der krampfhaften

Anstrengung, von mir los zu kommen. „Laßt mich fahren, sage ich Euch, laßt mich fahren.“

Ich konnte natürlich auf ihre Worte nicht hören und musterte mit Aufmerksamkeit den nahe zusammentretenden Horizont, welchen die beiden schroff aufstrebenden Höhenzüge bildeten. Da fühlte ich einen Druck in der Gürtelgegend, und zugleich rief das Mädchen:

„Laßt mich los! Gebt mich frei, oder ich stoße Euch Euer eigenes Messer in den Leib!“

Sie hatte das Bowiemesser an sich gerissen. Aber ich hatte keine Zeit zu einer langen Auseinandersetzung, sondern vereinte mit einem raschen Griffe ihre beiden Handgelenke in meiner Rechten, während ich mit dem linken Arme sie immer fester umschloß.

Die Gefahr wuchs mit jeder Sekunde. Der glühende Strom hatte Lagerräume erreicht, und nun sprangen die Fässer mit Kanonenschuß ähnlichem Knalle und ergossen ihren sofort in heller Lohe brennenden Inhalt in das auf diese Weise immer mehr anwachsende und immer rascher vorwärtsschreitende Feuermeer. Die Atmosphäre war zum Ersticken heiß; ich hatte das Gefühl, als koche ich in einem Topfe siedenden Wassers, und doch wuchsen Hitze und Trockenheit mit solcher Rapidität, daß ich innerlich zu brennen vermeinte. Fast wollten mir die Sinne schwinden; aber es galt nicht bloß mein Leben, sondern noch vielmehr dasjenige meiner kostbaren Bürde.

Es war mir in diesem entsetzlichen Augenblicke

zu Mute, als habe ich das herrlichste Gut der ganzen, weiten Schöpfung, den größten Schatz des Himmels und der Erde dem flammenden Orkus entführt und müsse nun meinen herrlichen Raub schützen und bergen vor den nachsprühenden Blitzen und Gluten der Unterwelt. Trotzdem ich kaum noch eines Gedankens mächtig war, durchzuckte mich doch die Erkenntnis der ersten, allgewaltigen Liebe, und Rettung, Rettung mußte ich finden für sie, und sollte ich selbst zehnmal, nein, tausendmal dabei zu Grunde gehen!

„Swallow, voran, voran, Swall —!“

Ich konnte nicht weiter sprechen, und das brave Tier raste ja auch mit fast unmöglicher Geschwindigkeit dahin. Soviel sah ich; diesseits des Flusses war kein Ausweg. Die Flammen beleuchteten die Felswände ja hell genug, um sehen zu können, daß dieselben nicht zu erklimmen seien; deshalb ins Wasser — hinüber auf die andere Seite!

Ein leiser Schenkeldruck — ein Sprung des gehorsamen Mustangs, und hochauf schlugen die Wellen über uns zusammen. Ich fühlte neue Kraft, neues Leben durch die Adern pulsieren, aber das Pferd war unter mir verschwunden. Doch das war jetzt gleich; nur hinüber — immer hinüber! Ich schwamm wie noch nie in meinem Leben — mit einer Angst, so furchtbar — so furchtbar, nicht für mich, sondern für sie — sie — sie —. Da schnaufte es hinter mir — — „Swallow, Du treuer, wackerer, bist Du’s? — Hier ist das Ufer — wieder aufs Pferd — fort — fort!“

So ging es weiter. Fast wahnsinnig vor Aufregung -

Aufregung und Überanstrengung ritt, sprang, lief und kletterte ich, ohne mehr zu wissen, was ich that; aber endlich — endlich war’s erreicht, und ich sank mit meiner Bürde nieder.

Nach einigen Augenblicken der dringendsten Erholung trug ich sie mehrere hundert Schritte weiter in die sichere Nacht hinein. Der Himmel glänzte blutig rot, und der Brodem des entfesselten Elementes kumulierte in dichten, schwarzen, von purpurnen Lichtern durchbrochenen Ballen über dem Herde der Verwüstung. Aber ich hatte keine Zeit zu diesen Betrachtungen; denn vor mir lag, das Messer noch krampfhaft festhaltend, das Mädchen, so bleich, so kalt und starr, daß ich sie tot glaubte, ertrunken im Wasser, während ich sie den Flammen entreißen wollte.

Das leichte Gewand war durchnäßt und legte sich eng an die wunderbar schöne Gestalt; auf dem bewegungslosen Angesichte spielten die düsteren Reflexe der über den Rand der Ebene emporsprühenden Feuerstrahlen; der Mund, welcher am Tage so herzlich gelacht, war geschlossen; das Auge, dessen großer, voller Blick mir so tief in die Seele gedrungen, lag verborgen unter den gesunkenen Lidern; die reine, klangvolle Stimme — doch nein und abermals nein, sie konnte, sie durfte nicht gestorben sein. Ich nahm sie in die Arme, strich ihr das lange, reiche, aufgelöste Haar aus der Stirn, rieb ihr die zarten Schläfen, legte, um der regungslosen Brust Atem zu geben, meinen Mund auf ihre Lippen, rief sie bei den zärtlichsten Namen, die ich jemals gehört, und — da ging ein Zittern

über ihren Körper, erst leise, dann immer bemerkbarer; ich fühlte das Klopfen ihres Herzens, trank den Hauch ihres Atems, sah die langen, seidenen Wimpern sich öffnen — sie lebte, sie erwachte, sie war dem Tode entgangen.

Ich drückte sie an das Herz und küßte vor seliger, unendlicher Freude die sich mehr und mehr erwärmenden Lippen. Da mit einem Male öffnete sie weit, weit das Auge und starrte mir mit unbeschreiblichem Ausdrucke in das Angesicht; dann belebte sich der wiederkehrende Blick, und mit einem lauten Schrei des Entsetzens wand sie sich los und sprang empor.

„Wo bin ich? Wer seid Ihr? Was ist mit mir geschehen?“ rief sie.

„Ihr seid gerettet, Miß, aus der Glut da unten.“

Beim Klange meiner Stimme und dem Anblicke des noch immer hochlodernden Brandes kehrte ihr die Besinnung zurück.

„Herr, ich verachte Euch!“

Ich konnte nicht sofort eine Antwort finden, so unerwartet kamen mir diese Worte, und nur nach einigem Zögern erwiderte ich:

„Ich verstehe Euch nicht!“

„Das begreife ich. Wer keine Ehre hat, wird Rücksicht nie verständlich finden. Und es ist nicht bloß das, sondern Ihr seid auch feig!“

„Das verstehe ich noch weniger.“

„Ist’s etwa nicht feig, eine wehrlose Da­me —“

Sie stockte; tiefes Rot bedeckte ihr Gesicht bis zum Nacken herab, und mit einer Miene der Entrüstung,

vor welcher ich fast zurückweichen konnte, trat sie hart an mich heran und rief:

„Wärt Ihr ein Mann, so würde ich Genugthuung von Euch verlangen, blutige Genugthuung; aber Ihr fürchtet die Streiche wie ein Schulknabe, und so mögt Ihr gehen. Aber nehmt Euch in acht, mir einmal vor den Lauf meiner Büchse zu kommen; denn dann halte ich Euch für das, für was Euch Forster erklärt hat — einen Coyote — mein Gott, Forster — und ich stehe hier!“

Jetzt erst kam ihr die vollständige Erinnerung und mit einem kreischenden Weherufe stürzte sie fort, dem Felsenabsturze zu.

Mit einigen raschen Sprüngen hatte ich sie erreicht und faßte sie bei beiden Händen.

„Bleibt, Miß, bei allem, was Euch heilig ist. Ihr seid verloren, wenn Ihr Euch in dieses Feuermeer wagt!“

„Laßt mich, Elender. Ihr habt die Gefahr gekannt; Ihr konntet sie retten, alle, alle, und habt es nicht gethan. Laßt fahren, oder Ihr schmeckt Euern eigenen Stahl!“

Noch immer war das Messer in ihrer Hand geblieben. Sie merkte es erst jetzt, da ich sie bei derselben gefaßt hielt, und wandte alle Kraft auf, um sich los zu machen. Wollte ich ihr die Hand nicht brechen, so mußte ich nachgeben. Die Rechte frei bekommend, entriß sie auch die Linke meinem Griffe, und ich fühlte einen kleinen Gegenstand zwischen

meinen Fingern. Sie merkte den Verlust nicht und eilte längs des Bergrandes von dannen.

Schon wollte ich ihr folgen, da ertönte aus einiger Entfernung leichter Hufschlag. Ich blieb stehen und lauschte.

„Swallow!“

Ein lautes, freudiges Wiehern antwortete, und im nächsten Augenblicke stand das treue Pferd, das Köpfchen liebkosend an meiner Schulter reibend, vor mir.

„Swallow, mein lieber, lieber Swallow,“ rief ich, das Tier vor Freude umarmend, „auch Du bist gerettet? Du kommst zurück, trotzdem ich Dich verlassen habe im Augenblick der Gefahr, und die, an der ich fast übermenschliches Vermögen gethan habe, sie nennt mich feig und ehrlos, droht mir mit der Waffe und flieht mich wie einen schmutzigen Yambarico. Und doch wollen wir diesen Ring, den ich ihr gegen meinen Willen abgestreift habe, aufbewahren, Swallow. Wir müssen sie wiederfinden, und dann wird sich’s vielleicht herausstellen, ob Dein Herr nichts weiter ist als ein verächtlicher — Coyote.“

      

„Uff!“ rief mein Begleiter; „mein weißer Bruder hat recht. Hier ist der rote Mann geritten. Laß uns sehen, was er hier gewollt hat.“

„Winnetou, der große Häuptling,“ erwiderte ich, „ist weise und hat das Auge des großen Geistes. Er sieht sehr wohl, was sein böser Bruder hier gewollt hat; aber er versucht, mich auf die Probe zu stellen.“

Über das scharfgezeichnete Angesicht des Indianers glitt ein flüchtiges Lächeln, als er, noch immer auf die Spur gebückt, antwortete:

„Und was denkt der weiße Freund von dieser Fährte?“

„Der Mann, welcher hier geritten ist, hat seine Gefährten gesucht. Auf jedem Hügel hat er sein Pferd angehalten, um sich nach ihnen umzusehen, und wir müssen also vorsichtig sein, wenn wir nicht unsere Skalps verlieren wollen.“

Winnetou — denn dieser, von welchem ich Swallow erhalten hatte, war es — richtete sich empor und maß mich mit einem langen, verwunderten Blicke.

„Mein bleicher Bruder kennt mich. Er hat mit mir den Lasso um die Hörner des Büffels geworfen und den Bär des Gebirges in der Höhle getötet; er ist an meiner Seite gestanden gegen die Übermacht der Arrapahus und hat die Mandans im Blute zu meinen Füßen gesehen; er zählte die Skalps an den Wänden meines Wigwams und sieht die Locken meiner Feinde an meinem Gürtel hangen. Winnetou hat seinen Stamm verlassen, um die großen Hütten der Weißen zu sehen, ihre Feuerrosse und ihre Dampfkanoes, von denen ihm der Freund erzählt hat; aber sein Haupt wird von keinem Messer berührt werden.“

„Der große Häuptling der Apachen hat recht,“ nickte ich ihm zu und fuhr, auf die Spuren deutend, fort:

„Aber hat er auch bemerkt, daß dieses Pferd hier müde gewesen ist?“

Statt aller Antwort folgte er, sein Thier am Lasso

führend, der Fährte weiter und blieb endlich, auf den Boden zeigend, stehen.

„Hier hat er ausgeruht,“ und mit gespannter Miene setzte er hinzu: „Wird mein Bruder sehen, auf welchem Pfade er sich befindet?“

Ich untersuchte den Boden sorgfältig. Das Pferd war angepflockt gewesen und hatte die halbdürren Büschel des Präriegrases abgefressen; der Reiter hatte am Boden gelegen und mit dem Köcher gespielt. Dabei war ihm der Schaft eines Pfeiles zerbrochen, und er hatte die beiden Bruchstücke ganz gegen die gewöhnliche Vorsichtigkeit der Indianer liegen gelassen. Ich hob sie auf, um sie zu betrachten. Es war kein Jagd- sondern ein Kriegspfeil gewesen.

„Er befindet sich auf dem Kriegspfade; aber er ist noch jung und unerfahren; denn sonst hätte er die verräterischen Stücke versteckt, und die Spuren seines Fußes sind nicht die eines erwachsenen Mannes.“

Winnetou gab durch einen beifälligen Laut seine Zufriedenheit kund. Bei unserer ersten Begegnung war er mir so zu sagen Lehrer gewesen und hatte mich gewöhnt, auf die unscheinbarste Kleinigkeit zu achten, da dies bei den vielfältigen Gefahren der Prärie unumgänglich notwendig ist. Jetzt nun benutzte er jede Gelegenheit, um zu erfahren, ob seine Lehren von Erfolg gewesen seien.

Ein Blick auf die weiterlaufenden Eindrücke genügte, uns zu zeigen, daß der Mann erst vor kurzem den Platz wieder verlassen habe; denn die Kanten derselben waren noch scharf, und die gestreiften oder

zerdrückten Halme hatten sich noch nicht vollständig wieder erhoben. Winnetou breitete seine Decke aus und streckte sich, nachdem er das Pferd gefesselt hatte, auf dieselbe nieder.

Ich folgte ihm und zog zwei Cigarren aus der Seitentasche meines Jagdhemdes. Es waren die letzten von einigen Dutzend, welche ich vor mehreren Wochen in Provo mitgenommen hatte. Sie waren für eine besondere Gelegenheit stecken geblieben; da sich aber nichts dergleichen einzustellen schien, so konnten sie ebenso gut auch jetzt verraucht werden.

Mit sichtbarer Begierde griff der brave Indianer zu, als ich ihm eine derselben hinreichte, und wer die Enthaltsamkeit kennt, welche der Westen einem jeden auferlegt, der wird ahnen, mit welcher Wonne wir uns dem seltenen Genusse hingaben, ich, die blauen Ringeln mit innigem Behagen ausblasend, Winnetou aber, den Rauch nach Indianerweise erst hinunterschluckend und dann durch die Nase von sich gebend.

So verging eine geraume Zeit, während welcher kein Wort gewechselt wurde. Schweigsamkeit gehört selbst unter Gefährten zur Haupttugend, und ich beabsichtigte keineswegs, mir durch unzeitige Sprachseligkeit die Freundschaft und Achtung meines Begleiters zu verscherzen.

Endlich, nachdem die Cigarre längst verraucht und der letzte Rest derselben dann hinter den Lippen des Indianers verschwunden war, erhob er sich, und in kurzer Zeit ritten wir wieder, den Körper tief

herabgebeugt und das forschende Auge am Boden, nebeneinander her.

Unsere Schatten wurden länger und länger; der Abend begann zu dunkeln und wir waren nun gezwungen, abzusteigen, wenn wir die Fährte nicht verlieren wollten. Aber ehe ich vom Pferde stieg, griff ich zum Fernrohre, um die Ebene vorher noch einmal abzusuchen.

Wir hielten grad auf einer der zahlreichen, wellenförmigen Erhebungen, welche sich in jenem Teile der Prärie wie die Wogen eines erstarrten Meeres aneinander legen, und es war mir deshalb ein ziemlich freier Ausblick gestattet.

Kaum hatte ich das Glas am Auge, so fiel mir eine lange, gerade Linie auf, welche sich von Osten her längs des nördlichen Horizontes bis zum entferntesten westlichen Punkte hinzog. Voll Freuden gab ich Winnetou das Rohr und zeigte ihm die Richtung an, in welche er es zu führen hatte. Nachdem er einige Zeit hindurch gesehen, zog er es mit einem neugierigen „Uff“ wieder ab und blickte mich mit fragendem Ausdrucke an.

„Weiß mein Bruder, was für ein Pfad das ist? Es ist nicht der Weg des Buffalo, auch hat ihn nicht der Fuß des roten Mannes ausgetreten.“

„Ich weiß es. Kein Büffel kann die Strecke laufen, welche dieser Pfad durchführt, und kein Indsman (Indianer) vermag, ihn durch die Prärie zu ziehen. Es ist der Pfad des Feuerrosses, welches mein Bruder heut’ noch sehen wird.“

Rasch hob er das Rohr wieder empor und betrachtete mit regem Interesse den durch die Linsen nahegerückten Schienenstrang. Plötzlich aber sah ich einen Zug der Überraschung über sein ausgewettertes Gesicht gehen, und im nächsten Augenblicke war er abgesessen und zog sein Pferd raschen Laufes hinunter in das Wellenthal.

Natürlich mußte dieses Beginnen einen sehr triftigen Grund haben, und ich ahmte deshalb sein Verhalten ohne Verzug nach.

„Da drüben am Pfade des Feuerrosses liegen die roten Männer,“ rief er. „Sie stecken hinter dem Rücken der Erhebung, aber ich sah eines ihrer Pferde.“

Er hatte wohlgethan, unsern erhöhten Standpunkt sofort zu verlassen, da wir auf demselben leicht bemerkt werden konnten. Zwar war die Entfernung selbst für das scharfe Gesicht eines Indianers eine sehr bedeutende; aber ich hatte während meiner Streifereien mehrere Male in den Händen dieser Leute Fernrohre gesehen. Die Kultur schreitet eben unaufhaltsam vorwärts, und indem sie den Wilden immer weiter zurückdrängt, bietet sie ihm doch die Mittel, sich bis zum letzten Manne gegen ihre Gewalt zu verteidigen.

„Was sagt mein Freund zu der Absicht dieser Leute?“ fragte ich.

Er schwieg. Augenscheinlich fiel es ihm schwer, sich ihr Verhalten zu erklären. Sie befanden sich auf dem Kriegspfade und hatten doch keine Wache aufgestellt. Sie mußten also wissen, daß in ziemlichem Umkreise kein Feind vorhanden sei, und da sie bei

ihrer jedenfalls nicht bedeutenden Anzahl einen weiten Zug nicht vorhaben konnten, so wußte er mir keine Antwort zu geben. Mir hingegen schien ihr Vorhaben unschwer zu erraten, und, das Rohr aus seiner Hand nehmend, forderte ich ihn auf, mich hier zu erwarten, und schlich mich vorsichtig vorwärts.

Obgleich ich fast überzeugt sein konnte, daß sie von unsrer Nähe keine Ahnung hatten, suchte ich so viel wie möglich Deckung zu behalten und gelangte dadurch so weit an sie heran, daß ich, am Boden liegend, sie zählen und beobachten konnte.

Es waren ihrer dreiundsechzig, sämtlich mit den Kriegsfarben bemalt und sowohl mit Pfeilen als auch mit Feuerwaffen bewehrt. Die Zahl der angepflockten Pferde war bedeutend höher, und dieser Umstand bekräftigte meine Ansicht.

Da hörte ich einen leisen Atemzug hinter mir. Rasch das Messer ziehend, drehte ich mich um. Es war Winnetou, den es nicht bei den Pferden gelitten hatte.

„Uff!“ klang es von seinen Lippen. „Mein Bruder ist sehr kühn, so weit vorzugehen. Es sind Ogellallas, der kühnste Stamm der Sioux, und dort liegt Parranoh, der weiße Häuptling.“

Erstaunt sah ich ihn an.

„Der weiße Häuptling?“

„Hat mein Freund noch nichts gehört von Parranoh, dem grausamen Häuptling der Athabaskah? Niemand weiß, wo er hergekommen; aber er ist ein gewaltiger Krieger und im Rate des Stammes unter

die roten Männer aufgenommen worden. Als die grauen Häupter alle zu Manitou, dem großen Geiste gegangen, hat er das Calummet erhalten und viele Skalps gesammelt. Dann ist er aber von dem bösen Geiste verblendet worden, hat seine Krieger für Niggers gehalten und fliehen müssen. Jetzt wohnt er im Rate der Ogellallas und wird sie zu großen Thaten führen.“

„Kennt mein Bruder sein Angesicht?“

„Winnetou hat seinen Tomahawk mit ihm gemessen; aber der Weiße ist voller Tücke; er kämpft nicht ehrlich.“

„Er ist ein Verräter; ich sehe es. Er will das Feuerroß anhalten und meine Brüder töten und berauben.“

„Die weißen Männer?“ fragte er erstaunt. „Er trägt doch ihre Farbe! Kann er das Roß halten?“

„Nein, und wenn er alle Indsmen, die einen Lasso schwingen können, zusammenbrächte, so könnten sie doch den Lauf desselben nicht hemmen. Aber wenn man seinen Pfad zerstört, so muß es stehen bleiben und wird seine eigenen Reiter töten.“

Das Erstaunen des Häuptlings wuchs. Er hatte keinen Begriff von dem Wesen der Lokomotive und konnte meine Worte also auch nicht begreifen. Nach einer Weile des Schweigens, während welcher wir, wie überhaupt bisher, die vor uns lagernden Krieger scharf beobachtet, fragte er:

„Was wird mein Freund thun?“

„Er wird warten und sehen, ob Parranoh den

Pfad des eisernen Rosses zerstört, und dann seinen Brüdern entgegenreiten, um sie zu warnen.“

Er nickte.

„Winnetou wird ihm helfen. Wie viele Männer werden auf dem Rosse sitzen?“

„Ich weiß es nicht.“

„Werden sie dem Vater der Apachen freundlich gesinnt sein?“

„Sie werden meinem Freunde die Hände drücken, die große Pfeife mit ihm rauchen und ihm Pulver, Blei und Tabak geben, soviel er will.“

Sein Angesicht glänzte vor Freunde, und mit einem verächtlichen Neigen seines Kopfes meinte er:

„Wenn der Brüder meines Freundes halb so viele sind wie der Hundefresser dort, so werden wir diese voranschicken in die ewigen Jagdgründe.“

Das Dunkel des Abends senkte sich immer tiefer herab, sodaß es immer schwieriger wurde, die feindlichen Gestalten im Auge zu behalten. Ich mußte über das Thun der Indianer genau unterrichtet sein und bat Winnetou, zu den Pferden zurückzukehren und dort auf mich zu warten. Er konnte mir nichts nützen, da er die Beschaffenheit der Bahn nicht kannte, und fügte sich, wenn auch widerwillig, meinem Verlangen.

„Wenn mein Bruder in Gefahr ist, so mag er den Schrei des Präriehuhnes ausstoßen. Ich werde dann kommen, ihm zu helfen.“

Er bewegte sich rückwärts, und ich schlug, immer am Boden kriechend und aufmerksam jedes Geräusch

beachtend, eine schräge Richtung nach dem Bahnkörper ein. Lange dauerte es, ehe ich ihn erreichte. Dann aber überkroch ich ihn und hielt auf seiner andern Seite mit verdoppelter Vorsicht auf die Stelle zu, an welcher ich die Ogellallas gesehen.

Da drang ein leise klingender Ton an mein Ohr. Ich horchte. Es war der Schall eines regelmäßig wiederkehrenden Schlages, und als ich die Ausschüttung erklomm und das Ohr an eine der Schienen legte, hörte ich ein so deutliches Hämmern und Klopfen, daß mir kein Zweifel übrig blieb. —

Hier war nicht die mindeste Zeit zu versäumen, und nachdem ich nur eine kurze Strecke rückwärts geschlichen, erhob ich mich und sprang den Weg zurück, welchen ich gekommen war. Ich kannte den Punkt der Bahnstrecke nicht, an welchem wir uns befanden, und wußte ebenso wenig die Zeit, in welcher ein Zug vorüberkommen mußte. Das konnte aller Augenblicke geschehen, und zur Warnung war ein bedeutender Vorsprung nötig. Ich befand mich in einer nicht unbedeutenden Aufregung und wäre von Winnetou, an welchen ich fast anrannte, beinahe verkannt und niedergestochen worden.

Nach einigen Worten der Verständigung saßen wir zu Pferde und bewegten uns in scharfem Trabe längs des Schienengleises nach Osten zu. Ein wenig Mondenschein wäre uns jetzt zwar willkommen gewesen, aber der klare Schimmer der Sterne genügte ja auch so ziemlich, uns die Strecke erkennen zu lassen.

Eine Viertelstunde verging, und eine Gefahr vor

dem herannahenden Zug war also nicht mehr zu befürchten, sobald es nur gelang, uns bemerklich zu machen. Aber besser noch war es, wenn dies ohne Wissen der Indianer geschehen konnte, und bei dem platten Terrain war das durchdringende Licht, wie es die amerikanischen Maschinen bei sich führen, auf mehrere Meilen weit bemerklich. Also ließen wir die Pferde laufen und legten so, wortlos nebeneinander haltend, noch eine ansehnliche Strecke zurück.

Jetzt endlich schien es mir Zeit. Ich hielt an und sprang vom Pferde. Winnetou that dasselbe. Nachdem die Thiere gehörig gefesselt waren, sammelte ich einen Haufen ausgedorrten Grases, dessen trockensten Teile ich zu einer Art Fackel zusammendrehte. Mit Hülfe einigen aufgestreuten Pulvers war dieselbe leicht in Brand zu stecken, und nun konnten wir das Kommende ruhig erwarten.

Auf unsre Decken gelagert, lauschten wir in die Nacht hinein und verwandten fast kein Auge von der Richtung, aus welcher der Zug zu erwarten war. Winnetou sprach kein Wort; er verstand von dem, was ich vorhatte, wenig oder gar nichts und ließ mich ruhig gewähren. Außer dem Geräusche, welches die grasenden Pferde verursachten, war kein Laut zu hören als höchstens das leise Knispern eines auf Raub ausgehenden Käfers, und die Minuten dehnten sich zu einer immer peinlicher werdenden Länge.

Da, nach einer kleinen Ewigkeit, blitzte in weiter, weiter Ferne ein Licht auf, erst klein und kaum wahrnehmbar, aber nach und nach immer größer werdend.

„Der große Häuptling der Apachen wird jetzt das Feuerroß sehen. Es kommt.“

Winnetou erhob sich. Kein Laut seines Mundes gab Zeugnis von der Spannung, in welcher er sich befand. Ich nahm die Lunte zur Hand und schüttete Pulver auf.

Jetzt machte sich das Nahen der Wagen durch ein immer vernehmlicher werdendes Rollen bemerklich, welches nach und nach zu einem Geräusche anwuchs, das dem Grollen eines entfernten Donners glich.

„Das eiserne Roß hat eine böse Stimme,“ sprach Winnetou. „Wie sind seine Gedanken über den Stamm der Apachen?“

Er fühlte also doch eine Besorgnis um seine Sicherheit. Dem Feinde, selbst dem überlegenen gegenüber wäre ihm nicht das mindeste Bangen angekommen; die unbekannte und sich auf so schreckliche Weise ankündigende Macht des Dampfes aber störte doch seine Gemütsruhe.

„Das ist nicht die Stimme des Feuerrosses, sondern das Zittern des Pfades, über welchen es daherfliegt.“

„Da muß das Wiehern seines Mundes noch fürchterlicher sein. Mein Bruder wird Winnetou nicht verlassen!“

Ich konnte nur ein kurzes Wort der Beruhigung aussprechen; denn der Augenblick war gekommen. Einen blendenden Lichtschein vor sich werfend, brauste der Zug heran. Ich zog den Revolver und drückte los. Im Nu flammte das Pulver auf und brachte das dürre Gras in glimmenden Brand. Die Lunte

Illustration 9
Der Maschinist mußte das Zeichen sofort bemerkt haben;
denn schon ertönte ein scharfer Pfiff. (S. 39.)

schwingend, versetzte ich sie in helle Flamme und gab mit dem andern Arme das Zeichen zum Halten.

Der Maschinist mußte das Zeichen durch die Glastafeln des Wetterschutzes sofort bemerkt haben; denn schon nach den ersten Schwingungen des Brandes ertönte ein sich rasch und scharf wiederholender Pfiff, fast in demselben Augenblicke wurden die Bremsen angezogen und mit donnerndem Dröhnen flog die Wagenreihe an uns vorüber.

„Uff, uff, uff!“ rief voller Schrecken Winnetou; aber ich hatte nicht Zeit, auf sein ängstliches Erstaunen zu achten, sondern gab ihm nur ein kurzes Zeichen, mir zu folgen und sprang dem seine Geschwindigkeit zusehens verringernden Zuge nach.

Endlich hielt er. Ohne zunächst die sich von ihren erhöhten Plätzen herabbeugenden Beamten zu beachten, eilte ich an den Wagen vorüber bis vor die Lokomotive und warf die Decke, welche ich vorsorglich von der Erde gerafft hatte, über den Reflektor und rief zu gleicher Zeit mit möglichst lauter Stimme:

„Lichter aus!“

Sofort verschwanden die Laternen. Die Angestellten der Pacificbahn sind ein geistesgegenwärtiges und schnell gefaßtes Völkchen.

„’s death!“ rief es von der Maschine herab; „warum verdeckt Ihr unsre Flamme, Mann? Ich hoffe nicht, daß da vorn irgend etwas los ist!“

„Wir müssen im Finstern sein, Sir,“ antwortete ich; „es sind Indianer vor uns, und ich glaube sehr, daß sie die Schienen aufgerissen haben!“

„Alle Teufel! Wenn das so ist, so seid Ihr der bravste Kerl, der jemals durch dieses verfluchte Land stolperte.“ Und zur Erde herabspringend, drückte er mir die Hand, daß ich hätte aufschreien mögen.

In einigen Augenblicken waren wir von Neugierigen umringt, und ich mußte mich fast wundern über die bedeutende Anzahl von Leuten, die sich da aus den verschiedenen Wagen hervorpaddelten.

„Was ist’s, was giebt’s, warum halten wir?“ rief es rund im Kreise.

Mit kurzen Worten erklärte ich ihnen die Verhältnisse und brachte dadurch eine nicht geringe Aufregung unter den Männern hervor.

„Gut, sehr gut!“ rief der Ingenieur. „Zwar bringt das eine Störung im Betriebe hervor; aber das hat nichts zu sagen gegen die prächtige Gelegenheit, den roten Halunken einmal eins aufs Fell zu brennen. Das ist in kurzer Zeit das dritte Mal, daß sie es wagen, Züge zu überfallen und auszurauben; aber heut’ sollen sie sich geirrt haben und den Dank gleich in Summa bekommen. Jedenfalls haben sie geglaubt, daß dieser Zug Güter und wie gewöhnlich nur fünf bis sechs Leute bei sich habe. Glücklicherweise aber haben wir einige Hundert Arbeiter geladen, und da diese Leute sämtlich bewaffnet sind, so wird uns die Sache nur Spaß machen! Aber was steht denn da drüben für ein Mann? Bei Gott, eine Rothaut!“

Er griff in den Gürtel und wollte sich auf Winnetou stürzen, welcher mir gefolgt war und nun in aufrechter, -

aufrechter, zuwartender Stellung seitwärts im Halbdunkel hielt.

„Bleibt ruhig hier, Sir! Es ist mein Jagdgenosse, der sich freuen wird, die kühnen Reiter des Feuerrosses kennen zu lernen.“

„Das ist was anderes. Ruft den Mann her.“

Ich winkte dem Häuptlinge, und er trat langsamen Schrittes herzu, fuhr aber mit einem lauten Ausrufe des Schreckens wieder zurück; denn der Ingenieur war wieder auf den Wagen gestiegen, um die Dämpfe abzulassen, welche mit gellendem Zischen den Ventilen entströmten und die Umgebung der Maschine in eine weiße Wolke hüllten.

„Uff, Uff! Warum ruft mein Bruder Winnetou, wenn das Roß zornig ist?“

„Winnetou?“ rief es da laut im Hintergrunde, und ein Mann drängte sich hastig durch die Umstehenden.

„Winnetou, der große Häuptling der Apachen, ist er hier?“

Es war ein Mann von wahrhaft riesigen Körperformen, wie ich in der Dunkelheit erkennen konnte; auch schien er mir nicht die Kleidung der ihm rasch Platz machenden Arbeiter, sondern das Gewand eines Präriejägers zu tragen. Er stellte sich vor den Häuptling auf und fragte mit hörbar freudigem Tone:

„Hat Winnetou die Gestalt und die Stimme seines Freundes vergessen?“

„Uff!“ antwortete mit ebensolcher Freude der Gefragte. „Wie kann Winnetou vergessen Old Firehand, -

Firehand, den größten unter den weißen Jägern, obgleich er ihn seit vielen Sonnen nicht gesehen!“

„Glaub’s, glaub’s, alter Skalper, — geht mir mit Dir ja ebenso; aber —“

„Old Firehand?“ rief’s, ihn unterbrechend, rund im Kreise, und fast ehrerbietig traten die Anwesenden einen Schritt von dem Genannten zurück. Auch mir war der Name dieses berühmtesten unter den Indianerfeinden bekannt, an dessen Person sich Erzählungen von fast unglaublichen Kühnheiten knüpften, so daß ihn der Aberglaube der Präriejäger mit einem durch immer neue Berichte wachsenden Nimbus umgab.

„Old Firehand?“ rief auch der Ingenieur. „Warum habt Ihr mir Euren Namen nicht genannt, als Ihr aufstieget, Mann? Ich hätte Euch einen bessern Platz angewiesen als jedem andern, den man aus Gefälligkeit ein Stück mit in den Westen hineinnimmt!“

„Danke, Sir; war gut genug! Aber laßt uns die kostbare Zeit nicht verschwatzen, sondern beraten, was wir gegen die Indsmen vorzunehmen haben.“

Sofort gruppierte sich alles, als wäre er selbstverständlich derjenige, dessen Ansicht die beste sei, um ihn, und ich mußte meinen Bericht eingehender wiederholen.

„So seid Ihr also Winnetous Freund?“ fragte er, als ich geendet hatte. „Ich mag so leicht nicht von jemandem was wissen; aber wem der seine Achtung schenkt, der kann auch auf mich rechnen. Hier habt Ihr meine Hand! Und nun laßt Euch meine Meinung sagen, Ihr Leute: Wir bilden zwei Abteilungen, welche zu beiden Seiten der Bahn sich

an die Indianer schleichen. Zwei Führer haben wir ja, so daß wir uns nicht irren können. Während die eine dieser Abteilungen die Indsmen vorsichtig in einem Halbkreis umfängt und über die Schienen treibt, nimmt die andere den Feind auf, sodaß er in die Mitte kommt und vollständig aufgerieben wird. Aber nehmt Euch in acht, daß wir nicht vor der Zeit bemerkt werden. Der Zug bleibt natürlich hier halten, und wem es nicht behagt, mitzukommen, der bleibt bei ihm zurück.“

„Well, Sir, ich stimme bei!“ rief der Ingenieur. „Aber obgleich ich meinen Posten nicht verlassen darf, will ich doch nicht umsonst ein Paar gesunde Fäuste besitzen. Ich würde es auf dem alten Feuerkasten nicht aushalten können, sobald ich Eure Büchse knallen hörte, und gehe also mit.“ Und sich zu seinem Personale wendend, fuhr er fort: „Ihr andern bleibt bei den Wagen und gebt gut acht; man weiß zuweilen nicht, was passieren kann. — Tom!“

„Sir!“ antwortete der Feuermann.

„Du verstehst so ziemlich mit der Maschine umzugehen. Damit wir nicht erst wieder zurück zu gehen brauchen, kommst Du mit den Wagen nach, sobald Du ein Feuerzeichen erblickst. Aber langsam, so langsam wie möglich. Es wird jedenfalls am Traçé auszubessern ge­ben.“ —

In kurzer Zeit lag tiefe Stille über der Gegend, und nicht das leiseste Geräusch verriet, daß der auf der weiten Ebene ruhende scheinbare Frieden die Vorbereitung einer blutigen Katastrophe in sich berge.

Zunächst hatten wir eine ansehnliche Strecke in aufrechter Stellung zurückgelegt; jetzt aber, nachdem wir die Nähe des mutmaßlichen Kampfplatzes erreicht hatten, legten wir uns nieder und krochen, einer hinter dem andern, auf Händen und Füßen die Böschung entlang.

Der Mond war mittlerweile aufgegangen und warf ein ruhiges, klares Licht über die Gegend, sodaß es möglich war, in sehr geraume Entfernung zu blicken. Diese Helligkeit erschwerte zwar das Anschleichen, war uns aber in anderer Beziehung wieder von Vorteil. Bei der Gleichheit der Hebungen und Senkungen des Bodens wäre es uns im Dunkel nicht leicht geworden, den Ort genau zu bestimmen, an welchem wir die Ogellallas gesehen hatten, und möglicherweise konnten wir also ganz unversehens auf sie stoßen; das war aber jetzt nicht zu befürchten.

Von Zeit zu Zeit im Vorwärtsdringen einen Augenblick innehaltend und mich vorsichtig erhebend, warf ich einen forschenden Blick über den Damm hinaus und gewahrte jetzt auf der seitwärts liegenden Erhöhung eine Gestalt, welche sich leicht kenntlich am Horizonte abzeichnete. Man hatte also jetzt eine Wache ausgestellt, und wenn der Mann sein Augenmerk nicht bloß in die Ferne auf den von ihm erwarteten Bahnzug sondern auch auf die nähere Umgebung richtete, so mußte er unbedingt die Abteilung von uns, welche sich auf der andern Seite des Schienenstranges fortbewegte, bemerken. Doch vertraute ich der Klugheit des Apachenhäuptlings, welcher

mir schon öfters eine geradezu staunenswerte Meisterschaft im Beschleichen gezeigt hatte.

Nach wenigen Minuten konnten wir die übrigen sehen, welche bewegungslos am Boden lagen. Eine kurze Strecke hinter ihnen hielten die angekoppelten Pferde, ein Umstand, der einen plötzlichen Überfall sehr erschwerte, da die Tiere leicht zu Verrätern werden konnten. Zu gleicher Zeit erblickte ich die Vorrichtung, welche die Indianer getroffen hatten, um den Zug aufzuhalten. Es waren mehrere Schienen ausgebrochen und mit den ausgehobenen Schwellen quer über das Gleis gelegt worden, und mit Schaudern dachte ich an das Schicksal, welches die Insassen der Wagen hätte treffen müssen, wenn das Vorhaben der Wilden nicht von uns bemerkt worden wäre.

Wir setzten unsere Bewegung so lange fort, bis wir uns der Truppe grad gegenüber befanden, und blieben nun, die Waffen zum sofortigen Gebrauche bereit haltend, erwartungsvoll liegen.

Besser wäre es gewesen, den Angriff von unserer Seite aus zu übernehmen; aber die Disposition war nun einmal getroffen, und so mußten wir uns gedulden. Die Hauptaufgabe unserer Verbündeten war, zunächst den Posten unschädlich zu machen, ein Unternehmen, welches ich kaum einem andern als Winnetou zutraute. Der Mann konnte im hellen Mondenschein die geringste Kleinigkeit seiner Umgebung genau erkennen und mußte bei der ringsum herrschenden Ruhe das leiseste Geräusch bemerken. Und selbst wenn es gelang, ihn zu überraschen, so war es doch, um

ihn durch einen gutgeführten Messerstich unschädlich zu machen, notwendig, aufzuspringen, und dann mußte man ja sofort von den andern gesehen werden.

Mit mir zu Rate gehend, wie diesem Übelstande abzuhelfen sei, sah ich ihn plötzlich wie in den Boden hinein verschwinden, im nächsten Augenblicke aber schon wieder in seiner früheren geraden Haltung aufrecht stehen. Nur einen einzigen, blitzesschnellen Moment hatte diese Bewegung in Anspruch genommen; aber ich wußte sogleich, was sie zu bedeuten hatte. Der jetzt scheinbar Wache haltende war nicht mehr der Ogellalla, sondern Winnetou. Er mußte sich mit noch einem bis unmittelbar an den Posten geschlichen haben und war in demselben Augenblicke, an welchem letzterer von dem andern bei den Füßen niedergerissen und sofort eines Lautes unfähig gemacht wurde, kerzengrad in die Höhe gefahren.

Das war wieder eins seiner bewundernswerten Indianerstücke, bei welchem ihm sicher nur Old Firehand geholfen haben konnte. Niemand weiter von uns hatte den Vorgang bemerkt, und da die Feinde in ihrer Unbeweglichkeit verharrten, so mußte er auch ihnen entgangen sein. Das Schwerste war somit glücklich vollbracht, und nun konnten wir in kürzester Zeit den Angriff erwarten.

Wirklich gewahrte ich auch nur kurze Zeit später eine Reihe dunkler Punkte, welche sich in einiger Entfernung hinter den Pferden immer weiter vorschob und das Bestreben zeigte, sich zu einem Halbkreise zu verengen. Ungesehen von den Indianern rückte sie

näher und immer näher, und schon schien mir die vollständige Überrumpelung des Feindes sicher, da — zuckte ein flüchtiges Leuchten drüben auf, welchem ein lauter Knall folgte — es war irgend einem das Gewehr losgegangen.

Sofort standen die Ogellallas auf den Füßen, und kaum hatten sie die rasch heranstürmenden Gegner bemerkt, so saßen sie mit Gedankenschnelle im Sattel, warfen die Pferde herum und stürmten im Galopp auf den Bahndamm zu.

Sie waren eines Überfalles nicht gewärtig gewesen und hatten also auch für den Fall eines solchen keine Verhaltungsmaßregeln besprochen. Deshalb suchten sie, da sie die Überzahl der Weißen erkannten, zunächst aus der Nähe derselben zu kommen, um dann in einer sicheren Stellung einen Entschluß zu fassen. Daß auf der andern Seite des Dammes ein Hinterhalt liege, konnten sie nicht wissen, und es kam nun darauf an, ihre Flucht aufzuhalten.

„Have care (Achtung)!“ rief ich, als sie nur noch einige Pferdelängen von uns entfernt waren. „Zielt auf die Pferde und dann drauf!“

Ich hatte einen Henrystutzen mit fünfundzwanzig Kugeln im Kolben, gegen Reiter eine fürchterliche Waffe, die ich auch nach Kräften gebrauchte. Schon bei unsrer ersten Salve bildeten die Indsmen einen Knäuel, auf welchen sich die andern alle stürzten, während ich einstweilen meinen Standpunkt beibehielt, um Kugel auf Kugel aus dem sichern Laufe zu entsenden.

Der Kampf wütete mit tödlicher Erbitterung. Zwar war es einer kleinen Anzahl gelungen, unsere Linie zu durchbrechen und das Weite zu gewinnen; aber bei weitem die meisten waren entweder von ihren verwundeten Pferden abgeworfen oder von unserer Übermacht am Ausbrechen verhindert worden, und wenn sie auch wie die Teufel kämpften, so war es doch augenscheinlich, daß sie dem Untergange geweiht waren.

Die ursprüngliche Verwirrung des Handgemenges löste allmählich sich in einen besser zu übersehenden Einzelkampf auf, welcher einem nicht beteiligten Zuschauer Gelegenheit gegeben hätte, Thaten zu beobachten, für welche der civilisierte Boden kaum einen Platz haben dürfte. Die Schar der Bahnarbeiter bestand begreiflicher Weise zwar meist aus Leuten, welche in den Stürmen des Lebens ihre Kräfte geübt hatten; aber der Kampfart der Indianer war wohl keiner von ihnen gewachsen, und wo nicht mehrere von ihnen gegen einen Indsman standen, behielt dieser gewiß die Oberhand, und die Stätte bedeckte sich immer mehr mit den unter dem wuchtigen Hiebe des Tomahawk Gefallenen.

Nur drei von uns, Old Firehand, Winnetou und ich waren mit dieser Waffe versehen, und es zeigte sich allerdings, daß bei gleichen Waffen der intelligentere Europäer meist im Vorteile steht. Ich hatte das Gewehr längst aus der Hand gelegt und mich am Handgemenge beteiligt.

Je geringer die Zahl der Feinde wurde, desto

mehr glaubten die Arbeiter, ihre Pflicht gethan zu haben, und traten zur Seite, um sich zu erholen; umsomehr aber waren wir andern engagiert und hatten wirklich vollauf zu thun, um den Rest der Feinde zu bemeistern.

Winnetou kannte ich genugsam und ließ ihn also unbeachtet; mit Gewalt dagegen drängte es mich in die Nähe von Old Firehand, dessen Anblick mich an jene alten Recken mahnte, von denen ich als Knabe so oft und mit Begeisterung gelesen. Mit auseinander gespreizten Beinen stand er grad und aufrecht da und ließ sich von den andern die Indianer in das Schlachtbeil treiben, welches, von seiner riesenstarken Faust geführt, bei jedem Schlage zerschmetternd auf die Köpfe der Feinde sank. Die langen, weißen, mähnenartigen Haare wehten ihm ums entblößte Haupt und in seinem vom Monde hell beschienenen Angesichte sprach sich ein Gefühl der Wonne aus, welche den Zügen einen gradezu befremdenden Ausdruck gab.

Seitwärts von ihm und mir kämpfte ein Indianer, welcher seinen Gegnern sehr zu schaffen machte, so daß es ihm endlich doch gelang, sich einen Weg zu bahnen, um dem Schicksale der übrigen zu entgehen. Eben stieß er den letzten im Wege Stehenden weit ab von sich und wollte das Weite suchen, als sich ihm ganz unerwartet ein neuer Feind entgegenstellte. Es war Winnetou, der bei dem Anblicke des Wilden sofort herbeigesprungen kam, noch ehe ich die gleiche Absicht ausgeführt hatte.

„Parranoh!“ rief er, der sonst nach Indianersitte während des Kampfes den Mund nicht öffnete. „Will der Hund von Athabaskah laufen vor Winnetou, dem Häuptling der Apachen? Der Mund der Erde soll sein Blut trinken und die Kralle des Geiers soll zerreißen den Leib des Verräters; aber sein Skalp wird zieren den Gürtel des Apachen.“

Er warf den Tomahawk weit von sich, riß das Messer aus dem mit Kopfhäuten geschmückten Gürtel und packte den weißen Häuptling bei der Kehle. Aber er wurde von dem tödlichen Stiche abgehalten.

Als er gegen seine sonstige Gewohnheit sich mit so lautem Rufe auf den Ogellalla stürzte, hatte Old Firehand einen raschen Blick herübergeworfen, welcher das Gesicht des Feindes streifte. Trotz der Flüchtigkeit dieses Blickes aber hatte er doch ein Gesicht gesehen, welches er haßte mit der tiefsten Faser seines Innern, welches er lange, lange Jahre mit fürchterlicher Anstrengung, aber vergebens gesucht, und das ihm nun so unerwartet an diesem Orte vor die Augen kam.

„Tim Finnetey,“ schrie er, schlug mit den Armen die Indianer wie Grashalme auseinander und sprang mitten durch sie hindurch auf Winnetou zu, dessen soeben zum Stoße erhobene Hand er packte. „Halt, Bruder, dieser Mann gehört mir!“

Vor Schrecken starr stand Parranoh, als er seinen eigentlichen Namen rufen hörte; kaum aber hatte er einen Blick in das Angesicht Old Firehands geworfen, so riß er sich los von der Hand Winnetous, der seine

Aufmerksamkeit geteilt hatte, und stürmte, wie von der Sehne geschnellt, von dannen. Im Augenblicke machte auch ich mich von dem Indianer, mit welchem ich während dieser Scene im Kampfe stand, los und setzte dem Fliehenden nach. Zwar hatte ich für meine Person keinerlei Abrechnung mit ihm zu halten, aber selbst wenn er auch nicht als der eigentliche Urheber des beabsichtigten Überfalles Anrecht auf eine Kugel gehabt hätte, so wußte ich doch, daß er ein Todfeind Winnetous sei, und ebenso hatten mich die letzten Augenblicke belehrt, daß Old Firehand an der Ergreifung seiner Person gelegen sein müsse.

Beide hatten sich ebenfalls augenblicklich zur Verfolgung in Bewegung gesetzt; aber ich wußte, daß sie den Vorsprung, welchen ich vor ihnen hatte, nicht verringern würden und mußte freilich auch zu gleicher Zeit bemerken, daß ich es mit einem außerordentlich guten Läufer zu thun hatte. Obgleich Old Firehand nach dem, was ich von ihm gehört hatte, ein Meister in allen Fertigkeiten, welche das Leben im Westen verlangt, sein mußte, so befand er sich doch schon längst nicht mehr in den Jahren, welche einen Wettlauf auf Tod und Leben begünstigen, und Winnetou hatte mir schon öfters eingestanden, daß er mich nicht einzuholen vermöge.

Zu meiner Genugthuung bemerkte ich, daß Parranoh den Fehler beging, ohne seine Kräfte gehörig abzumessen, Hals über Kopf immer gradaus zu rennen, und in seiner Bestürzung die gewöhnliche Taktik der Indianer, im Zickzack zu fliehen, nicht befolgte, -

folgte, während ich den Odem zu sparen suchte und in vollständiger Berechnung meiner Kräfte und der möglichen Ausdauer die Anstrengung des Laufes abwechselnd von einem Beine auf das andere legte, eine Vorsicht, welche mir stets von Vorteil gewesen war.

Die beiden anderen blieben immer weiter zurück, so daß ich das Geräusch ihres Atems, welches ich erst dicht hinter mir gehört hatte, nicht mehr vernahm, und jetzt erscholl auch aus schon ziemlicher Entfernung die Stimme Winnetous:

„Old Firehand mag stehen bleiben! Mein junger, weißer Bruder wird die Kröte von Atbabaskah fangen und töten! Er hat die Füße des Sturmes, und niemand vermag, ihm zu entkommen.“

So schmeichelhaft dieser Ruf für mich klang, ich konnte mich doch nicht umsehen, um zu gewahren, ob der grimme Jäger ihm auch Folge leiste. Zwar schien der Mond, aber bei der Trüglichkeit seines Schimmers mußte ich den Flüchtling immer fest im Auge behalten.

Bisher war ich ihm noch um keinen Schritt näher gerückt; aber als ich jetzt bemerkte, daß seine Geschwindigkeit im Abnehmen begriffen sei, holte ich weiter aus, und in kurzer Zeit flog ich so nahe hinter ihm her, daß ich sein keuchendes Schnaufen vernahm. Ich hatte keine andere Waffe bei mir, als die beiden abgeschossenen Revolver und das Bowiemesser, welches ich jetzt zog. Das Beil hätte mich am Laufe gehindert und war deshalb schon nach den ersten Schritten von mir weggeworfen worden.

Da plötzlich sprang er zur Seite, um mich im vollen Jagen an sich vorüberschießen zu lassen und dann von hinten an mich zu kommen; aber ich war natürlich auf dieses Manöver gefaßt und bog in eben demselben Momente seitwärts, sodaß wir mit voller Gewalt zusammenprallten und ihm dabei mein Messer bis an den Griff in den Leib fuhr. —

Der Zusammenstoß war so kräftig, daß wir beide zur Erde stürzten, von welcher er sich allerdings nicht wieder erhob, während ich mich augenblicklich zusammenraffte, da ich nicht wissen konnte, ob er tödlich getroffen sei. Aber er bewegte kein Glied, und tief Atem holend, zog ich das Messer zurück.

Es war nicht der erste Feind, welchen ich niedergestreckt, und mein Körper zeigte manches Andenken an nicht immer glücklich bestandene Rekontres mit den kampfgewandten Bewohnern der amerikanischen Steppen; aber hier lag ein Weißer vor mir, der von meiner Waffe gestorben, und ich konnte mich eines beengenden Gefühles nicht erwehren. Doch hatte er den Tod jedenfalls verdient und war des Bedauerns also nicht wert.

Noch mit mir zu Rate gehend, welches Zeichen meines Sieges ich mit mir nehmen solle, hörte ich hinter mir den eiligen Lauf eines Menschen. Rasch warf ich mich nieder; aber ich hatte nichts zu befürchten; denn es war Winnetou, welcher mir in freundschaftlicher Besorgnis doch gefolgt war und jetzt an meiner Seite hielt.

„Mein Bruder ist schnell wie der Pfeil des Apachen, und sein Messer trifft sicher das Ziel.“

„Wo ist Old Firehand?“

„Er ist stark wie der Bär zur Zeit des Schneefalles; aber sein Fuß wird gehalten von der Hand der Jahre. Will mein Bruder sich nicht schmücken mit der Skalplocke des Athabaskah?“

„Ich schenke sie meinem roten Freunde!“

Mit drei Schnitten war die Kopfhaut des Gefallenen vom Schädel gelöst. Ich hatte mich, um von dieser Prozedur nicht berührt zu werden, abgewandt, da war es mir, als bewegten sich einige dunkle Punkte langsam auf uns zu.

„Winnetou mag sich zur Erde strecken, er wird den Skalp des weißen Häuptlings verteidigen müssen!“

Die Kommenden nahten sich mit sichtbarer Vorsicht; es war ungefähr ein halbes Dutzend Ogellallas, augenscheinlich von denen, welche uns entkommen waren, und kehrten zurück, jedenfalls um zu rekognoscieren und etwa versprengte Ihrige aufzusuchen.

Der Apache kroch, tief zur Erde gedrückt, seitwärts, und ich folgte, seine Absicht erratend. Längst schon hätte Old Firehand bei uns sein müssen; aber vermutlich hatte er, sobald Winnetou ihm aus den Augen geraten war, eine falsche Richtung eingeschlagen. Jetzt bemerkten wir, daß die Nahenden Pferde bei sich hatten, welche sie am Zügel nachführten; auf diese Weise waren sie für alle Fälle zur schnellen Flucht bereit; uns aber konnte dieser Umstand gefährlich werden, und wir mußten uns deshalb in den Besitz -

Besitz der Tiere setzen. Wir schlugen daher einen Bogen ein, eine Bewegung, welche uns in ihren Rücken und die Pferde zwischen uns und sie bringen mußte.

In dieser Entfernung vom eigentlichen Kampfplatze hatten sie natürlich keinen Toten vermutet und stießen ein verwundertes „Hugh!“ aus, als sie einen regungslosen, menschlichen Körper vor sich erblickten. Hätten sie vermutet, daß er hier getroffen sei, so wären sie gewiß mit weniger Eile auf ihn zugeschritten; sie schienen aber anzunehmen, daß er sich verwundet aus dem Handgemenge bis hierher geschleppt habe, bückten sich unverzüglich auf ihn nieder und stießen, als sie ihn und seine Entstellung erkannten, ein unterdrücktes Wutgeheul aus.

Das war der geeignete Augenblick für uns. Im Nu hatten wir sämtliche Pferde, welche sie im Schrecken losgelassen hatten, bei den Riemen, saßen auf und jagten im Galopp den Unsrigen zu. An einem Kampfe konnte uns nichts gelegen sein; es war genug, daß wir, fast waffenlos, wie wir waren, den dreifach Überlegenen entkamen und außer dem Skalpe des feindlichen Anführers noch eine Anzahl Pferde mitbrachten.

Mit sehr verzeihlichem Vergnügen dachte ich an die verdutzten Gesichter, welche die Betrogenen uns jedenfalls nachschnitten, und selbst der so ernste Winnetou konnte ein lachendes „Uff“ nicht unterdrücken. Zugleich aber war eine kleine Sorge um Old Firehand sicher gerechtfertigt, da er ebenso gut wie wir mit einer Truppe der Verschlagenen zusammengetroffen sein konnte.

Und diese Sorge erwies sich als gerechtfertigt; denn wir fanden ihn bei unserer Rückkehr zu dem Platze des Überfalles nicht vor, trotzdem seit unserer Entfernung eine geraume Zeit vergangen sein mußte.

Der Kampf war beendet; man befand sich beim Verbinden der Verwundeten und trug die Gefallenen zusammen. In der Nähe derjenigen Stelle, an welcher die ausgerissenen Schienen lagen, brannten zwei hochlodernde Feuer, welche die nötige Helle verbreiteten und zugleich dem Zugpersonale als Signal dienten.

„Da seid Ihr ja wieder!“ rief uns der Ingenieur entgegen, welcher ein Tuch um den verletzten Arm trug und die unbeschädigte Rechte zum Gruße hinstreckte. „Habt Euch brav gehalten, Alter; hätte einem Indsman so etwas gar nicht zugetraut; werde es zu berichten wissen! Wohin führt Euch Euer Pfad?“

„Winnetou geht, zu sehen das mächtige Volk der Bleichgesichter,“ antwortete der Gefragte.

„Dann vergeßt ja nicht, nach Washington zu gehen, zur Stadt des großen Vaters, dem ich schreiben werde von dem tapfern und guten Häuptlinge der Apachen.“

„Winnetou wird ihn sehen und ihm sagen die Wünsche der roten Männer.“

„Er wird die Worte unsers Bruders hören und mit Weisheit und Güte beantworten. Aber wo ist Old Firehand, den ich Euch nachjagen sah?“

„Mein weißer Bruder hat verloren die Fährte des roten Mannes und ist auf einen neuen Feind gestoßen. Der Apache wird mit seinem jungen Freunde gehen, ihn zu suchen.“

Auch ich hegte diese Absicht, da er längst wieder da sein mußte, wenn ihm nichts begegnet gewesen wäre. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, schloß ich mich deshalb dem Indianer, nachdem wir uns unsre Waffen wieder angeeignet, sie in den gehörigen Zustand gesetzt und die erbeuteten Pferde in Sicherheit gebracht hatten, an und schritt mit ihm der Richtung zu, aus welcher wir soeben gekommen wa­ren. —

Der Mond warf sein falbes, zweifelhaftes Licht über die vor uns ausgebreitete Weite; hinter uns flammten die beiden Feuerzungen empor, und am östlichen Punkte des Gesichtskreises wurde nun auch das scharfe Licht der nahenden Maschine sichtbar. Der Knoten, welcher uns für wenige Viertelstunden mit der Civilisation verband, war nur leicht geschlungen; vielleicht löste er sich schon in dem gegenwärtigen Augenblicke, welcher uns in die ungewisse und gefahrvolle Nacht hinausführte.

      

Eine Reihe von Tagen war vergangen. Unser glücklich zurückgelegter Weg hatte uns mitten durch das Gebiet feindlicher Stämme geführt, und jetzt nun, wo die uns dabei drohenden Gefahren hinter uns lagen, konnten wir uns einmal nach Herzenslust ausruhen und pflegen.

Unsere Büchsen waren in den letzten Tagen, um durch den Knall derselben nicht die Rothäute auf uns aufmerksam zu machen, stumm geblieben; aber trotzdem hatten wir, da wir an der Station der Bahnarbeiter mit hinreichendem Proviant und manchem

andern reichlich versehen worden waren, nicht Mangel gelitten, und auch jetzt eben ließ Old Firehand den letzten Inhalt einer mitgenommenen Rumflasche in das heiße Wasser laufen und kostete mit sichtbarem Wohlbehagen den in dieser Gegend so seltenen Trank.

Winnetou hatte die Wache und trat, von einem seiner Rundgänge zurückgekehrt, zum Feuer. Old Firehand bot ihm den dampfenden Becher.

„Will mein Bruder sich nicht ans Feuer setzen? Der Pfad des Rapaho führt nicht an diese Stelle.“

„Das Auge des Apachen steht immer offen; er traut nicht der Nacht; denn sie ist ein Weib.“

Nachdem er einen langen, behaglich schlürfenden Schluck gethan hatte, schritt er wieder in das Dunkel zurück.

„Er haßt die Frauen,“ warf ich hin, um den Anfang zu geben zu einer jener traulichen Unterhaltungen, welche, geführt unter ruhig flimmernden Sternen, für lange Jahre in der Erinnerung bleiben.

Old Firehand öffnete das an seinem Halse hängende Futteral und entnahm demselben die sorglich darin verwahrte kurze Pfeife, welche er gemächlich stopfte und dann in Brand steckte.

„Meint Ihr? Vielleicht auch nicht.“

„Seine Worte schienen es zu sagen.“

„Schienen,“ nickte der alte Jäger; „aber es ist nicht so. Es gab einmal eine, um deren Besitz er mit Mensch und Teufel gekämpft hätte, und seit jener Zeit ist ihm das Wort „Squaw“ (Frau) entfallen.“

„Warum führte er sie nicht in seine Hütte?“

„Sie liebte einen andern!“

„Darnach pflegt ein Indianer nicht zu fragen.“

„Aber dieser andere war sein Freund.“

„Und der Name dieses Freundes?“

„Ist jetzt Old Firehand.“

Ich blickte überrascht empor. Hier stand ich vor einer jener Katastrophen, an denen der Westen so reich ist und welche seinen Gestalten und Ereignissen jenen energischen Charakter geben, durch welchen sie sich kräftig auszeichnen. Natürlich hatte ich kein Recht, weiter zu fragen; aber das Verlangen nach weiterem mußte sich deutlich in meinen Mienen aussprechen; denn er fuhr nach einer Pause fort:

„Laßt die Vergangenheit ruhen, Mann. Wollte ich von ihr sprechen, wahrhaftig, Ihr wäret trotz Eurer Jugend der einzige, zu dem ich es thäte; denn ich habe Euch lieb gewonnen in der kurzen Zeit, die wir nun beisammen sind.“

„Danke, Sir! Kann Euch offen sagen, daß auch ich nicht ganz empfindungslos bin.“

„Weiß es, weiß es; Ihr habt’s ja reichlich bewiesen, und ohne Eure Hülfe wäre ich in jener Nacht verloren gewesen. Ich hatte in der Hitze, in welche mich der Anblick Tim Finneteys brachte, Eure Spur, welcher ich nicht schnell genug folgen konnte, weil mir vor kurzer Zeit ein Pfeil durchs Bein gedrungen war, aus dem

Auge gelassen und geriet, nur mit dem Messer bewaffnet, zwischen eine Truppe der herumschleichenden Ogellallas, der sich dann noch diejenigen zugesellten, welchen Ihr mit den Pferden davongegangen -

davongegangen waret. Ich hatte einen teufelsmäßig harten Stand und blutete wie ein vielangeschossener Büffel, als Ihr endlich kamet.“

„Das muß gesagt sein, Sir, einer andern Mutter Sohn wäre in Eurer Lage der Mut in die Beine gefahren, und an der Ehre, lebendig davon zu kommen, hätte er vollkommen genug gehabt.“

„Pah, es hat noch nie eine Rothaut sagen können, daß Old Firehand ihr den Rücken gekehrt habe. Es war nur ärgerlich, daß ich meine Rechnung mit Tim Finnetey nicht selbst ausgleichen konnte, und ich gäbe auf der Stelle diese meine Hand darum, wenn es mir vergönnt gewesen wäre, dem Hallunken mein eigenes Eisen zu schmecken zu geben.“

Bei diesen Worten zuckte eine ingrimmige Erbitterung über das sonst so ruhige und offene Gesicht des Sprechenden, und wie er mit wutblitzenden Augen und festgeballten Fäusten mir so gegenüber lag, konnte ich nicht anders denken, als daß die erwähnte Rechnung mit diesem Parranoh oder Finnetey eine ganz außerordentliche gewesen sein müsse.

Ich gestehe gern, daß meine Wißbegierde immer größer wurde, und bei jedem andern an meiner Stelle wäre es ebenso gewesen; aber ich mußte mich gedulden, was mir auch gar nicht schwer fiel, da ich von der Zukunft ganz sichere Aufklärung erwarten konnte.

Als ich ihn in der Nacht des Überfalles mit Winnetou aufsuchte, fanden wir ihn im Kampfe mit einer überlegenen Anzahl Indsmen, und die dabei

erhaltenen Wunden hätten bei dem Mangel an Pflege in der Prärie in kurzer Zeit seinen Tod herbeigeführt. Glücklicherweise aber bot sich uns in dem anwesenden Bahnzuge ein willkommenes Rettungsmittel, und mit Freude folgten wir der vom Ingenieur ausgesprochenen Einladung, bis an den nächsten und zugleich auch am weitesten vorgeschobenen Verwaltungspunkt der damals noch im Baue begriffenen Bahn mitzufahren und dort die Genesung des Verwundeten abzuwarten.

Diese Genesung war schneller vorgeschritten, als wir erwartet hatten, und so brachen wir nach verhältnismäßig kurzer Zeit auf, um unsere unterbrochene Wanderung fortzusetzen und zunächst durch das Land der Rapahos und Pawnees bis an den Mankizila vorzudringen, an dessen Ufer Old Firehand seine

„Festung“ hatte, wie er sich ausdrückte, die wir vielleicht in kurzer Zeit erreichen konnten, da wir schon vorgestern den Kehupahan überschwommen hat­ten. —

Dort wollten wir einige Tage Rast halten und dann über Dakotah und die Hundeprärie die Seen zu gewinnen suchen. Während dieses Aufenthaltes bot sich hoffentlich Gelegenheit, einen Einblick in die Vergangenheit Old Firehands zu thun, und so verharrte ich jetzt schweigend in meiner Stellung, die ich nur zuweilen veränderte, um das Feuer zu schüren und ihm neue Nahrung zu geben.

Bei einer dieser Bewegungen funkelte der an meinem Finger steckende Ring im Strahle der Flamme. Old Firehands scharfes Auge hatte trotz der Schnelligkeit dieses Leuchtens den kleinen, goldenen Gegenstand -

Gegenstand genau erfaßt, und er fuhr mit betretener Miene aus seiner bequemen Lage empor.

„Was ist das für ein Ring, den Ihr hier tragt, Sir?“

„Es ist das Andenken an eine der schrecklichsten Stunden meines Lebens.“

„Wollt Ihr ihn mir einmal zur Betrachtung geben?“

Ich erfüllte seinen Wunsch. Mit sichtbarer Hast griff er zu, und kaum hatte er einen näheren Blick auf den Ring geworfen, so erklang die Frage:

„Von wem habt Ihr ihn?“

Es war eine unbeschreibliche Aufregung, die sich seiner bemächtigt hatte, und auf meine Antwort

„Ich erhielt ihn von einer jungen Dame in New-Venango,“ stieß er hervor:

„In New-Venango? Waret Ihr bei Forster? Habt Ihr Ellen gesehen? Ihr spracht von einer schrecklichen Stunde, von einem Unglücke?“

„Ein Abenteuer, bei welchem ich mit meinem braven Swallow in Gefahr kam, bei lebendigem Leibe gebraten zu werden,“ erwiderte ich, die Hand nach dem Ringe ausstreckend.

„Laßt das!“ wehrte er ab. „Ich muß wissen, wie dieser Reif in Euren Besitz gekommen ist. Ich habe ein heiliges Anrecht auf ihn, heiliger und größer als irgend ein andres Menschenkind!“

„Laßt Euch ruhig nieder, Sir. Verweigerte mir ein anderer die Zurückgabe, so würde ich ihn dazu zu zwingen wissen, Euch aber will ich das Nähere berichten, -

berichten, und Ihr werdet dann mir wohl auch Euer Anrecht beweisen können.“

„Sprecht; aber wißt auch Ihr, daß dieser Ring in der Hand eines Mannes, dem ich weniger vertraute als Euch, sehr leicht sein Todesurteil werden könnte. Also erzählt, erzählt!“

Er kannte Ellen, er kannte auch Forster, und die Erregung, in welcher er sich befand, zeigte von dem großen Interesse, welches er an diesen Personen nahm. Ich hatte hundert Fragen auf der Zunge; aber ich drängte sie zurück und begann meinen Bericht von der Begegnung mit dem wunderbaren und rätselhaften Mädchen, dessen Bild sich meiner Erinnerung so fest eingedrückt hatte, daß ich den Gedanken an sie nur auf kurze Unterbrechungen von mir zu weisen vermochte.

Auf den einen Ellbogen gestützt, lag er, das Feuer zwischen uns, mir gegenüber, und in jedem einzelnen seiner Züge sprach sich die Spannung aus, mit welcher er dem Laufe meiner Erzählung folgte. Von Wort zu Wort wuchs seine Aufmerksamkeit, und als ich zu dem Augenblicke kam, in welchem ich sie vor mich auf das Pferd gerissen hatte, sprang er auf und rief:

„Mann, das war das einzige, sie zu retten! Ich zittre für ihr Leben; rasch, rasch, sprecht weiter!“

Auch ich hatte mich in dem Wiederfühlen jener furchtbaren Aufregung erhoben und fuhr in meiner Schilderung fort. Er trat mir näher und immer näher; seine Lippen öffneten sich, als wolle er jedes

einzelne meiner Worte trinken; sein Auge hing, weit aufgerissen, an meinem Munde, und sein Körper bog sich in eine Stellung, als säße er selbst auf dem dahinbrausenden Swallow, stürze sich selbst mit in die hochaufschäumenden Fluten des Flusses und strebe selbst in fürchterlicher Angst um das holde Wesen die steile, zackige Felswand empor. Längst schon hatte er meinen Arm erfaßt, den er unbewußt drückte, daß ich hätte die Zähne zusammenpressen mögen, und laut und ächzend drängte sich der Atem aus seiner von fürchterlicher Besorgnis zusammengepreßten Brust.

„Heavens!“ rief er mit einem tiefen, tiefen Atemzuge, als er hörte, daß ich glücklich mit ihr über den Rand der Schlucht gekommen sei und sie also in Sicherheit gebracht habe. „Das war entsetzlich — fürchterlich! Ich habe eine Angst ausgestanden, als ob mein eigener Körper in den Flammen stäke, und doch wußte ich vorher, daß Euch die Rettung gelungen sei, denn sonst hätte sie Euch ja den Ring nicht geben können!“

„Sie hat es auch nicht gethan; ich streifte ihn wider Willen von ihrem Finger, und sie hat den Verlust gar nicht bemerkt.“

„So mußtet Ihr das fremde Eigentum der Besitzerin unbedingt zurückstellen.“

„Ich wollte es; doch sie floh mich. Zwar folgte ich ihr, doch sah ich sie erst am andern Morgen in Gesellschaft einer Familie wieder, welche dem Tode entgangen war, weil ihre Wohnung im obersten

Winkel des Thales lag und der Brand seine Richtung abwärts genommen hatte.“

„Und da spracht Ihr von dem Ringe?“

„Nein, sie ließ mich garnicht vor, und ich bin dann natürlich meines Weges fortgeritten.“

„So ist sie, ja, so ist sie! Sie haßt nichts mehr als Feigheit und hat Euch für mutlos gehalten. Was ist aus Forster geworden?“

„Ich habe gehört, daß nur allein jene Familie davongekommen sei. Das Glutmeer, von welchem der Thalkessel erfüllt war, hat alles verschlungen, was in seinen Bereich gekommen ist.“

„Es ist schrecklich und eine zu furchtbare Strafe für das allerdings unnütze und lächerliche Vorhaben, das Öl fortlaufen zu lassen, um den Preis desselben in die Höhe zu bringen!“

„Auch Ihr habt ihn gekannt, Sir?“ fragte ich jetzt.

„Ich war einige Male bei ihm in New-Venango. Er war ein stolzer, geldprotziger Mann, der wohl Ursache gehabt hätte, wenigstens mit mir etwas manierlicher umzuspringen.“

„Und Ellen habt Ihr bei ihm gesehen?“

„Ellen?“ sagte er mit einem eigentümlichen Lächeln in seinem jetzt wieder ruhigen Angesichte. „Ja, bei ihm und in Omaha, wo sie einen Bruder hat — vielleicht auch noch sonst irgendwo.“

„Ihr könntet mir wohl etwas über das Mädchen mitteilen!“

„Möglich, aber jetzt nicht, jetzt nicht! Eure Erzählung hat mich so mitgenommen, daß ich keine

rechte Sammlung zu einer solchen Unterhaltung verspüre; aber zu gelegener Zeit sollt Ihr mehr über sie erfahren, das heißt natürlich, soviel ich selbst von ihr weiß. Hat sie Euch nicht gesagt, was sie in Venango wollte?“

„Doch! Sie wollte ihren Vater sehen und hatte dort nur Absteigequartier genommen.“

„So, so; das thut sie alle Jahre. Also Ihr behauptet, daß sie der Gefahr dort wirklich und ganz bestimmt entgangen sei?“

„Ganz sicher.“

„Und schießen habt Ihr sie auch sehen?“

„Wie ich Euch sagte, und zwar ganz vorzüglich. Sie muß eine sehr ungewöhnliche Erziehung genossen haben.“

„Das ist so. Ihr Vater ist ein alter Skalper, der keine einzige Kugel gießt, die nicht ihren Weg zwischen die bewußten zwei Indianerrippen fände. Von ihm hat sie das Zielen gelernt, und wenn Ihr etwa glaubt, daß sie es nicht zur rechten Zeit und am richtigen Orte anzuwenden verstehe, so irrt Ihr Euch ganz gewaltig.“

„Wo ist dieser Vater?“

„Er ist bald da, bald dort zu finden, und ich darf wohl sagen, daß wir einander so ziemlich kennen gelernt haben. Es ist möglich, daß ich Euch helfe, ihn einmal zu sehen.“

„Wenn Ihr das könntet, Sir!“ rief ich aufspringend.

„Werden ja sehen, Mann; habt es an der Tochter verdient, daß Euch der Vater Dank sage.“

„O, das ist’s nicht, was ich meine.“

„Versteht sich, versteht sich, kenne Euch gut genug; aber hier habt Ihr Euren Ring. Werdet später erst sehen, was es heißt, daß ich ihn Euch wieder zustelle. Für jetzt aber will ich Euch den Apachen schicken; seine Wache ist um. Legt Euch aufs Ohr, damit Ihr früh am Tage munter seid. Wir werden morgen einmal unsre Gäule drannehmen und zwei Tagereisen erzwingen müssen.“

„Zwei? Wollten wir morgen nicht bloß bis zum Green-park?“

„Habe mich anders besonnen; good night!“

„Good guard; vergeßt nicht, mich zu wecken, wenn ich Euch abzulösen habe!“

„Schlaft nur zu! Kann’s auch mal für Euch thun, die Augen offen halten; habt für mich genug gethan.“

Mir war ganz wunderbar zu Mute. Ich wußte nicht, was ich von der Unterredung denken sollte, und als ich nun so allein dalag, gingen mir tausenderlei Vermutungen durch den Kopf, von denen ich nicht eine einzige stichhaltig fand. Lange noch, nachdem Winnetou zurückgekehrt war und sich zum Schlafen in seine Decke gewickelt hatte, warf ich mich ruhelos von einer Seite auf die andere. Die Erzählung hatte mich aufgeregt; jener fürchterliche Abend ging mit allen seinen Einzelheiten immer von neuem an meiner Seele vorüber; zwischen seinen grausigen Gestaltungen tauchte immer und immer wieder Old Firehand empor,

und noch im letzten Ringen zwischen Wachen und Träumen klangen mir die Worte ins Ohr: „Schlaft nur zu; habt genug für mich ge­tan!“ — —

Als ich am andern Morgen erwachte, fand ich mich allein am Feuer; doch konnten die beiden andern nicht weit entfernt sein, denn der kleine, blecherne Kessel hing mit dem kochenden Wasser über der Flamme, und neben dem Stücke Bärenzunge, welches gestern abend übrig geblieben war, lag der offene Mehlbeutel.

Ich wickelte mich aus meiner Umhüllung und schritt, um mich zu waschen, nach dem Wasser.

Dort standen, im eifrigen Gespräche begriffen, die Gefährten, und ihre Bewegungen, als sie mich erblickten, sagten mir, daß ich der Gegenstand ihrer Unterhaltung gewesen sei.

Kurze Zeit später waren wir zum Aufbruche bereit und schlugen eine Richtung ein, welche uns in einer Entfernung von vielleicht zwanzig Meilen vom Missouri parallel mit diesem Flusse auf das Thal des Mankizila zuführte.

Der Tag war kühl. Wir waren gut beritten, und da wir unsere Tiere während der letzten Tour geschont und immer gut gepflegt hatten, so legten wir nach und nach ein tüchtiges Stück grünes Land hinter uns.

Eigentümlich war die Veränderung, welche ich heute in dem Verhalten meiner Gefährten zu mir bemerkte. Bisher hatten sich beide zu mir gestellt wie alte, erfahrene Gönner zu einem wenn auch gelehrigen,

aber doch noch unkundigen Schützlinge; jetzt aber lag eine deutlich erkennbare Rücksicht, ich möchte sagen Achtung, in ihrem ganzen Benehmen, und es war mir ganz so, als ob in dem Blicke, den der eine oder andere zuweilen über mich gleiten ließ, etwas einer zurückgehaltenen Zärtlichkeit ähnliches lie­ge. —

Es war überhaupt augenfällig, welch beinahe liebevolle Aufmerksamkeit und Ergebenheit die zwei Leute gegeneinander zeigten. Zwei Brüder, die sich durch die Bande des Blutes mit jeder Faser des Innern aneinander gefesselt fühlen, hätten nicht besorgter füreinander sein können, und es dünkte mir, als begegne sich diese beiderseitige Fürsorge jetzt in meiner Person.

Als wir um die Mittagszeit Halt machten und Old Firehand sich entfernte, um die Umgebung des Lagerplatzes zu rekognoscieren, streckte sich, während ich den Proviant hervorholte, Winnetou an meiner Seite nieder und meinte:

„Mein Bruder ist kühn wie die große Katze des Waldes und stumm wie der Mund des Felsens.“ Ich schwieg zu dieser sonderbaren Einleitung.

„Er hat die Blume der Savanne aus dem Feuer gerissen und nicht davon gesprochen zu Winnetou, seinem Freunde.“

„Die Zunge des Mannes,“ antwortete ich, „ist wie das Messer in der Scheide. Es ist scharf und spitz und taugt nicht zum Spiele.“

„Mein Bruder ist weise und hat recht; aber Winnetou ist betrübt, wenn das Herz seines jungen

Freundes sich ihm verschließt wie der Stein, in dessen Schoße die Körner des Goldes verborgen liegen.“

„Ist das Herz Winnetous geöffnet gewesen dem Ohre seines Freundes?“

„Hat er ihm nicht gesagt alle Geheimnisse der Prärie? Hat er ihm nicht gezeigt und gelehrt die Spur zu sehen, den Lasso zu werfen, den Skalp zu lösen und alles zu thun, was ein großer Krieger kennen muß?“

„Winnetou hat es gethan; aber hat er auch gesprochen von Old Firehand, der seine Seele besitzt, und von dem Weibe, dessen Andenken nicht gestorben ist in seinem Herzen?“

„Winnetou hat sie geliebt, und die Liebe wohnt nicht in seinem Munde.“

„Nun weiß wohl auch der Apache, warum sein Bruder nicht gesprochen hat von der Jungfrau, welche er genannt hat die Blume der Savanne!“

„Hat er ihr geschenkt seine Liebe?“

„Winnetou sagt es.“

„Sie sind würdig, miteinander zu wohnen im Wigwam, und der Apache wird ihnen geben eine große Medizin, welche glücklich macht und ein Schutz ist gegen jede Gefahr und die Angriffe des bösen Geistes.“

„Hat mein Bruder die Blume gesehen?“

„Er hat sie getragen auf seinen Armen; er hat ihr gezeigt die Blumen des Feldes, die Bäume des Waldes, die Fische des Wassers und die Sterne des Himmels; er hat ihr gelehrt, den Pfeil vom Bogen

schießen und das wilde Roß besteigen; er hat ihr geschenkt die Sprachen der roten Männer und ihr zuletzt gegeben das Feuergewehr, dessen Kugel getötet hat Ribanna, die Tochter der Assineboins.“

Erstaunt blickte ich ihn an. Es dämmerte eine Ahnung in mir auf, der ich kaum Worte zu geben wagte, und doch hätte ich es vielleicht gethan, wenn nicht gerade jetzt Old Firehand zurückgekehrt wäre und unsre Aufmerksamkeit auf das Mahl gerichtet hätte. Aber während desselben mußte ich immerfort an die Worte Winnetous denken, aus denen in Verbindung mit dem, was Ellen mir gesagt hatte, fast hervorging, daß Old Firehand ihr Vater sei. Das Benehmen desselben bei meiner Erzählung am gestrigen Abende stimmte allerdings mit dieser Vermutung überein; aber er hatte von diesem Vater als von einem dritten gesprochen und nichts gesagt, was meine Vermutung zu einer festen Überzeugung machen konnte.

Nach einigen Stunden der Ruhe brachen wir wieder auf. Als ob unsre Tiere wüßten, daß ein Ort mehrtägiger Erholung vor ihnen liege, trabten sie munter dahin, und wir hatten eine ziemliche Strecke zurückgelegt, als mit der hereinbrechenden Dämmerung der Höhenzug, hinter welchem das Thal des Mankizila liegt, uns so nahe getreten war, daß das Terrain sich zu erheben begann und wir uns durch eine Schlucht bewegten, welche, wie es schien, uns senkrecht auf den Lauf des Flusses führen mußte.

„Halt!“ tönte es da plötzlich aus den zur Seite stehenden Cattonsträuchern hervor, und zu gleicher Zeit

ward zwischen den Zweigen der Lauf einer auf uns gerichteten Büchse sichtbar.

„Wie heißt das Wort?“

„Tapfer!“

„Und?“

„Verschwiegen,“ gab Old Firehand die Parole, indem er mit scharfem Blicke das Gesträuch zu durchdringen suchte. Bei dem letzten Worte teilte sich dasselbe und ließ einen Mann hindurch, bei dessem Anblicke ich mich eines leisen Lächelns nicht erwehren konnte.

Unter der wehmütig herabhängenden Krämpe eines Filzhutes, dessen Alter, Farbe und Gestalt selbst dem schärfsten Denker einiges Kopfzerbrechen verursacht haben würde, blickte zwischen einem Walde von verworrenen, schwarzgrauen Barthaaren eine Nase hervor, welche fast von erschreckenden Dimensionen war und jeder beliebigen Sonnenuhr als Schattenwerfer hätte dienen können. Infolge des gewaltigen Bartwuchses waren außer diesem so verschwenderisch ausgestatteten Riechorgane von den übrigen Gesichtsteilen nur die zwei kleinen, klugen Augen zu bemerken, welche mit einer außerordentlichen Beweglichkeit begabt zu sein schienen und mit einem Ausdrucke von schalkhafter List von einem zum andern von uns dreien sprangen.

Diese Oberpartie ruhte auf einem Körper, welcher uns bis auf das Knie herab vollständig unsichtbar blieb und in einem alten, bockledernen Jagdrocke stak, welcher augenscheinlich für eine bedeutend stärkere Person angefertigt worden war und dem kleinen

Mann vor uns das Aussehen eines Kindes gab, welches sich zum Vergnügen einmal in den Schlafrock des Großvaters gesteckt hat. Aus dieser mehr als zulänglichen Umhüllung guckten zwei dürre, sichelkrumme Beine hervor, welche in ausgefransten Leggins staken, die so hochbetagt waren, daß sie das Männchen schon vor einem Jahrzehnt ausgewachsen haben mußte und dabei einen umfassenden Blick auf ein Paar Indianerstiefel gestatteten, in welche zur Not der Besitzer in voller Person hätte Platz finden können.

In der Hand trug der Mann eine alte Rifle, die ich nur mit der äußersten Vorsicht angefaßt hätte, und als er sich so mit einer gewissen Würde auf uns zu bewegte, konnte ich mir keine größere Karikatur eines Präriejägers denken, als ihn. —

„Sam Hawkens!“ rief Old Firehand. „Sind Deine Äuglein blöde geworden, so daß Du mir die Parole abverlangst?“

„Meine es nicht, Sir! Halte aber dafür, daß ein Mann auf Posten auch zuweilen zeigen muß, daß er die Losung nicht vergessen hat. Willkommen im Bayou, Meschschurs! Wird Freude geben, große Freude.“

„Wer von den Männern ist vorhanden?“ fragte unser Anführer, indem er ihm vom Pferde herab die Hand schüttelte.

„Alle, außer Bill Bulcher, Dick Stone und Harris, meine ich, die fort sind, um „Fleisch zu machen“. Die kleine Lady ist auch gekommen, und wenn ich recht gesehen habe, ein wenig groß geworden.“

„Weiß es, weiß es, daß sie da ist. Wie ist’s sonst gegangen? Gab’s Rothäute?“

„Danke, danke, Sir; könnte mich nicht besinnen, welche gesehen zu haben, obgleich“ — setzte er, auf sein Schießinstrument deutend, hinzu — „Liddy Hochzeitsgedanken hat.“

„Und die Fallen?“

„Haben gute Erndte gehabt, sehr gute, wenn ich mich nicht irre. Könnt’s selbst sehen, Sir; werdet wenig Wasser im Thore finden, meine ich.“

Er drehte sich um und schritt, während wir weiter ritten, seinem Verstecke wieder zu.

Die kleine Scene hatte mir gezeigt, daß wir in der Nähe der „Festung“ angekommen seien; denn Sam Hawkens stand jedenfalls als Sicherheitswache in kurzer Entfernung vom Zugange zu derselben, und mit Aufmerksamkeit musterte ich die Umgebung, um denselben zu entdecken.

Jetzt öffnete sich links eine enge Kluft, welche von so nahe aneinandertretendem und oben von Brombeerranken überdachtem Gestein gebildet wurde, daß man beide Seitenwände mit den ausgespreizten Händen erreichen konnte. Die ganze Breite des Bodens nahm ein Bach ein, dessen hartes, felsiges Bette nicht die geringste Spur eines Fußes wiedergeben konnte und sein klares, durchsichtiges Wasser in das Flüßchen leitete, an dessen Rande wir in das Thal emporgeritten waren. Old Firehand bog hier ein, und wir folgten, langsam gegen den Lauf des Wassers reitend. Jetzt verstand ich auch die Worte

des Postens, daß wir wenig Wasser im Thore finden würden.

Kurze Zeit nur hatten wir die Richtung eingeschlagen, als die Felsen zusammenrückten und uns in so geschlossener Masse entgegen traten, daß der Weg hier zu Ende zu sein schien. Aber zu meinem Erstaunen ritt Old Firehand immerzu, und ich sah ihn mitten durch die Mauer verschwinden. Winnetou folgte, und als ich die rätselhafte Stelle erreichte, bemerkte ich nun allerdings, daß die dichten, von oben herabhängenden, wilden Epheuranken nicht eine Bekleidung des Steines, sondern einen Vorhang bildeten, hinter welchem die Öffnung tunnelartig fortlief und in dichte Finsternis führte.

Lange, lange Zeit und in verschiedenen Krümmungen folgte ich den beiden Voranreitenden durch das Dunkel, bis endlich wieder ein matter Tagesschein vor mir auftauchte und wir in eine ähnliche Kluft kamen wie diejenige, durch welche wir uns vorhin gewunden hatten.

Als dieselbe sich öffnete, blieb ich überrascht halten, und auch Winnetou ließ ein erstaunendes „Uff“ hören.

Wir befanden uns nämlich am Eingange eines mächtigen und weitausgedehnten Thalkessels, welcher rings von ungangbaren Felswänden umschlossen war. Ein blätterreicher Saum von Büschen umrahmte die mit lockigem Grase bestandene, fast kreisrunde Fläche, auf welcher mehrere Trupps von Pferden und Maultieren weideten, zwischen denen sich zahlreiche Hunde

herumtrieben, die teils jener wolfsähnlichen Rasse, welche den Indianern ihre Wacht- und Lasttiere liefert, teils aber auch den kleinen, schnell fett werdenden Bastardarten angehörten, deren Fleisch nächst dem des Panthers als der größte Leckerbissen gilt.

„Da habt Ihr meine Burg,“ wandte sich Old Firehand an uns, „in welcher es sich sicherer noch wohnen läßt als selbst in Abrahams Schooße.“

„Giebt es eine Öffnung dort in den Bergen?“ fragte ich.

„Nicht soviel, daß ein „Stunck“ hindurchschlüpfen könnte, und von außen ist es fast unmöglich, die Höhen zu erklimmen. Es ist wohl schon manche Rothaut da draußen vorübergeschlichen, ohne zu ahnen, daß diese schroffen Felsenzacken nicht eine kompakte Masse bilden, sondern ein so allerliebstes Thal umschließen.“

„Aber wie habt Ihr diesen köstlichen Ort entdeckt?“

Ich verfolgte einen Raccoon (Waschbär) in die Spalte, welche damals noch nicht vom Epheu verdeckt wurde, und habe natürlich sofort Besitz von dem Platze ergriffen.“

„Allein?“

„Erst, ja, und hundertmal bin ich dem Tode entronnen, weil ich vor den Verfolgungen der rothäutigen Halunken hier ein sicheres und untrügliches Versteck fand. Später aber habe ich meine „Jungens“ mit hergenommen, wo wir nun unsere Häute sammeln und dem Schrecken des Winters trotzen können.“

Noch während der letzten Worte tönte ein gellender Pfiff weit über den grünenden Plan, und kaum war er erklungen, so öffneten sich an verschiedenen Stellen ringsum die Büsche, und es kamen eine Anzahl Gestalten zum Vorschein, denen man das Bürgerrecht des Westens auf mehrere tausend Schritte anzusehen vermochte.

Wir trabten der Mitte des Platzes zu und waren bald von den Leuten umringt, welche ihre Freude über die Ankunft Old Firehands in den kernigsten Ausdrücken kund gaben.

Mitten in dem Lärm, der allerdings nur in dieser vollständigen Abgeschlossenheit erlaubt sein konnte, sah ich Winnetou beschäftigt, sein Pferd, von welchem er gestiegen war, abzusatteln. Als dies geschehen war, gab er dem Tiere mit einem leichten Schlage die Weisung, sich um das Abendbrot zu kümmern, nahm Sattel, Zaum und Decke auf die Schulter und schritt davon, ohne die Umstehenden eines Blickes zu würdigen.

Ich folgte, da unser Anführer zu sehr in Anspruch genommen war, um sich jetzt viel mit uns beschäftigen zu können, seinem Beispiele, machte den braven Swallow vollständig frei und unternahm, die neugierigen Frager kurz abfertigend, eine Rekognition des Platzes.

Wie eine riesenhafte Seifenblase waren die Gesteinsmassen bei der Bildung des Gebirges von den plutonischen Gewalten emporgetrieben worden und hatten bei ihrem Zerplatzen eine hohle, nach oben offene und von außen unzugängliche Halbkugel gebildet, -

bildet, welche dem eingesunkenen Krater eines ungeheuren Vulkans glich. Luft und Licht, Wind und Wetter waren dann beschäftigt gewesen, den harten Boden zu zersetzen und der Vegetation zugänglich zu machen, und die angesammelten Wassermengen hatten sich nach und nach durch die eine Seite der Felswand gebohrt und den Bach gebildet, welcher heut unser Führer gewesen war. —

Ich wählte zu meinem Gange den äußersten Saum des Thales und schritt zwischen dem Gebüsch und der meist senkrecht aufsteigenden, oft sogar überhängenden Felswand entlang. In derselben bemerkte ich zahlreiche mit Tierfellen verschlossene Öffnungen, welche jedenfalls zu Wohnungen oder Lagerräumen führten, deren die Jägerkolonie ja notwendig bedurfte.

Jedenfalls bestand dieselbe aus mehreren Personen, als sich uns bei dem Empfange gezeigt hatten, wenigstens konnte ich das aus der Anzahl der Squaws schließen, welche ich während meines Ganges erblickte; aber die meisten waren jedenfalls auf Jagdzügen abwesend und kehrten erst bei Beginn des Winters, dessen Nahen allerdings in nicht mehr langer Zeit zu erwarten war, zurück.

Während ich so dahin schlenderte, bemerkte ich auf einer der wie es schien unbesteigbaren Klippe eine kleine, aus knorrigen Ästen aufgeführte Hütte. Von ihr aus mußte das ganze Thal mit allen seinen Einzelheiten vollständig zu überschauen sein, und ich beschloß, hinaufzusteigen. Bald fand ich, wenn auch

keinen Pfad, so doch die Spuren von Fußtritten, die sich da hinaufgearbeitet hatten, und folgte ihnen empor.

Nur noch eine kurze Strecke hatte ich zurückzulegen, da sah ich aus der schmalen und niederen Thür einen Mann schlüpfen, welcher wohl kaum durch mein Kommen gestört worden sein konnte; denn er bemerkte mich gar nicht und trat, den Rücken mir zugewendet, an den Rand des Felsens und warf, das Auge mit der erhobenen Hand beschattend, einen Blick hinunter in die Tiefe.

Er trug ein buntes, starkstoffiges Jagdhemde, an der äußern Naht von der Hüfte bis zum Knöchel mit Fransen verzierte Leggins (Lederbeinkleider), und die kleinen Moccassins waren reich mit Glasperlen und Stachelschweinsborsten besetzt. Um den Kopf war turbanartig ein rotes Tuch geschlungen, und eine ebenso gefärbte Schärpe vertrat die Stelle des gewöhnlicheren Gürtels.

Als ich den Fuß auf die kleine Plattform setzte, vernahm er das Geräusch meiner Schritte und wandte sich schnell um. War es Wahrheit oder Täuschung? Vor mir stand das Bild meiner Träume, der stetige Gegenstand meines Sinnens und Denkens, das Ziel aller meiner Wünsche und Hoffnungen, und in hellem, rückhaltslosem Jubel rief ich aus:

„Ellen! Ist’s möglich?“ und trat mit rascher Bewegung auf sie zu.

Aber ernst und kalt blickte ihr Auge, stolz und unbeweglich stand ihre, der Männerkleidung jedenfalls

nicht ungewohnte Gestalt, und kein Zug ihres jetzt tiefgebräunten Angesichtes verriet auch nur die leiseste freundliche Regung über mein Kommen.

„Wenn es nicht möglich wäre, würdet Ihr mich nicht hier treffen, Sir. Aber die Berechtigung zur Frage ist wohl mehr an mir als an Euch. Welche Ursache gab Euch die Erlaubnis, Euern Weg in unser Lager zu nehmen?“

Wie ein Strom eiskalten Wassers auf einen erhitzten Körper, so wirkten diese Worte auf mein Entzücken, das wunderbare Mädchen wiederzusehen, und kälter und gemessener als sie erwiderte ich nur das eine Wort:

„Pshaw!“ (Pah) und glitt, ihr den Rücken wendend, vorsichtigen Fußes wieder hinab.

Ich hatte in der Überraschung die reinsten und heiligsten Gefühle meines Herzens bloßgegeben und eine Demütigung erlitten, die mich tiefer traf, als es der Pfeil eines Indianers thun konnte, und die Bitterkeit, welche ich jetzt empfand, war eine ganz andere als diejenige, welche ich gefühlt hatte, als sie mich an jenem Abende so energisch von sich wies.

Es war also doch so, wie ich vermutet hatte, daß sie die Tochter Old Firehands sei, und nun war mir auch das andere so ziemlich klar. Nie hatte ich es für möglich gehalten, daß ein Weib, ein so zartes und schönes Wesen wie sie, die den Genüssen und Ansprüchen des civilisierten Lebens ganz gewiß nicht fremd geblieben war, dieses Leben mit den Gefahren und Entbehrungen der Wildnis vertauschen könne.

Daß es doch so geschehen war, mußte ganz besondere Gründe haben, und es schien mir nicht schwer, aus den einzelnen Mitteilungen, die mir gemacht worden waren, das Ganze zusammenzusetzen.

Schwieriger aber konnte ich die so deutlich gezeigte Abneigung begreifen, welche sie mir, ganz entgegengesetzt den ersten Augenblicken unserer Bekanntschaft, später an den Tag gelegt hatte. Die Behauptung Old Firehands, daß sie mich für feig gehalten habe, stimmte allerdings vollständig mit ihrer eigenen damaligen Äußerung überein; aber es war mir absolut unmöglich, zu sagen, worin diese Feigheit denn eigentlich bestanden habe. Ein besserer Menschenkenner, als ich damals war, würde die Motive ihres Verhaltens ohne Zweifel an einem ganz andern Orte gesucht haben; doch ich war mit den Unwägbarkeiten eines Frauenherzens zu wenig bekannt, als daß ich das Richtige hätte treffen kön­nen. —

Es war Abend geworden. In der Mitte des weiten Thalkessels brannte ein hoch emporzüngelndes Feuer, um welches sämtliche anwesende Bewohner des Lagers sich versammelt hatten. Ellen, welche, wie ich bald bemerkte, den Männern in jeder Beziehung gleichberechtigt war, hatte mitten unter den Jägern Platz genommen; doch dünkte es mich, daß sie von der Erzählung all der Abenteuer, welche in rascher Folge vorgetragen wurden, wenig berührt werde. Träumerisch suchten ihre Augen das Weite, und wenn sie zurückkehrten, so ruhte ihr Blick mit einem eigentümlichen Ausdrucke auf meinem Angesichte, sodaß

auch mein Auge immer wieder zu ihr hinüber gezogen wurde.

Auch ich hörte nur mit halbem Ohre auf die Worte der Erzählenden. Ich konnte die Empfindung nicht los werden, als sei ich der Held eines jener phantastischen Märchen, welche ihre Gestalten der Einbildungskraft des Dichters entnehmen und grad desto interessanter sind, je unmöglicher die Ereignisse genannt werden müssen, welche sie erzählen. Wie eine der verzauberten Prinzessinnen, welche, verfolgt von dem Fluche einer bösen Fee, herabsteigen mußten von blinkender Höhe, um in unscheinbarer Gestalt des Erretters zu warten, lag sie vor mir, und ich fühlte in diesem Augenblicke, daß ich für sie zu jeder Anstrengung, zu allem, allem fähig sei, was ein Mann nur zu thun vermag für das Weib, dem jeder Pulsschlag seines Herzens gewidmet ist.

Aber was half mir diese Liebe einem Wesen gegenüber, welches eine so in die Augen fallende Abneigung für mich an den Tag legte? Ich stand auf und schritt in das Dunkel hinaus, über welches sich der klare, sternenvolle Himmel ausbreitete.

Ein leises, freudiges Wiehern am Saume des Gebüsches, welches den Bach berandete, rief mich zu Swallow, welcher mich erkannt hatte und nun den Kopf zärtlich an meiner Schulter rieb. Er war mir doppelt lieb geworden, seit er sie durch Glut und Feuer getragen, und liebkosend drückte ich meine Wange an seinen schlanken, weichen Hals.

Ein kurzes Schnaufen seiner Nüstern, welches mir

als Warnungszeichen bekannt war, ließ mich zur Seite blicken. Eine männliche Gestalt kam auf uns zugeschritten, und ich sah den Zipfel des um den Kopf geschlungenen Tuches sich bewegen. Es war Ellen.

„Verzeiht, wenn ich störe,“ klang ihre tiefe, jetzt etwas unsichere Stimme. „Ich dachte an Euren Swallow, welchem ich das Leben zu danken habe, und wollte das brave Tier gerne begrüßen.“

„Hier steht es, Miß. Ich werde die Herzlichkeit dieser Begrüßung nicht durch meine Gegenwart beeinträchtigen. Good night!“

Ich wandte mich zum Gehen, hatte aber kaum ein Dutzend Schritte gethan, als ich ihren halblauten Ruf vernahm.

„Sir!“

Ich blieb stehen. Zögernden Fußes kam sie mir nach, und das eigentümliche Vibrieren ihrer Stimme verriet die Verlegenheit, welche sie nicht so schnell überwinden konnte.

„Ich habe Euch beleidigt!“

„Beleidigt?“ erwiderte ich kühl und ruhig; „Ihr irrt, Miß. Der Mann kann einer Dame gegenüber wohl Nachsicht, nie aber das Gefühl des Beleidigtseins empfinden.“

Es dauerte eine Minute, ehe sie eine Antwort auf diese vielleicht unerwarteten Worte fand.

„Dann verzeiht meinen Irrtum.“

„Gern; ich bin an ihn gewöhnt.“

„Eure Nachsicht werde ich wohl nicht wieder in Anspruch nehmen.“

„Sie steht Euch trotzdem zu jeder Zeit zur Verfügung.“

Schon wollte ich mich wieder abwenden, als sie mir mit einem schnellen Schritte nahe trat und die Hand auf den Arm legte.

„Lassen wir Persönlichkeiten jetzt unberührt. Ihr habt mit der größten Gefahr für Euer eigenes Leben mir dasjenige meines Vaters an einem Abende zweimal erhalten; ich muß Euch danken, und wenn Ihr noch so böse und abstoßende Worte sprecht.“

Warm und weich legten sich ihre Finger um meine Hand und der Hauch ihres Atems berührte mein Gesicht. Ihre großen, offenen Augen blickten voll und forschend in die meinigen; je länger dieser magische Blick auf mir ruhte, desto näher zog er mich zu ihr, und ich mußte mich bezwingen, um nicht meine Arme um sie zu legen und denselben Fehler zu begehen, der sie in New-Venango von mir gescheucht hatte.

„Jeder „Westmann“ ist zu dem bereit, was ich gethan habe, und es geschehen noch ganz andere Dinge als das ist, was Ihr da erwähnt. Was der eine für den andern thut, ist ihm von noch anderen vielleicht schon zehnfach geschehen und kaum der Rede wert. Ihr dürft nicht nach dem Maßstabe urteilen, welchen Eure Kindesliebe Euch in die Hand giebt.“

„Erst war ich es, jetzt aber seid Ihr’s, der ungerecht gegen Euch selbst ist. Wollt Ihr’s auch gegen mich sein?“

„Nein!“ Nur dies eine Wort vermochte ich auszusprechen, so voll war mein Inneres von der Wirkung

dieser Stimme, deren Modulation mich mit süßer Wonne durchbebte. Wie scharf und abweisend hatte sie da droben beim Felsenhäuschen geklungen, und mit welchem fesselnden Wohllaute legte sie sich jetzt so lind und beruhigend auf die Bitterkeit, welche sie mir vorher im Herzen erweckt hatte!

„Dann darf ich wohl eine Bitte sagen?“

„Sprecht, Miß!“

„Zürnt mir, Sir, seid bös auf mich, so sehr Ihr es nur immer könnt, wenn ich nicht recht thue, aber sprecht nicht wieder von Nachsicht? Wollt Ihr?“

„Ich will!“

„Danke. Und nun kehrt mit zum Feuer zurück, um den andern gute Nacht zu sagen. Ich werde Euch Euren Schlafraum anweisen, und wir müssen bald die Ruhe suchen, da es morgen einen zeitigen Aufbruch geben wird.“

„Aus welchem Grunde?“

„Ich habe am Bee-fork meine Fallen gestellt, und Ihr sollt mit mir gehen, nach dem Fange zu sehen.“

Einige Minuten später standen wir vor einer der erwähnten Fellthüren, welche sie zurückschlug, um mich in einen dunklen Raum zu führen, der indes bald durch eine primitive und mit Hilfe des „Punks“ (Präriefeuerzeug) entzündete Hirschtalgkerze erleuchtet wurde.

„Hier ist Euer bed-room (Schlafzimmer), Sir. Die Kompanymänner pflegen sich in diese Räume

zurückzuziehen, wenn sie unter freiem Himmel einen Rheumatismus befürchten.“

„Und Ihr meint, daß dieser schlimme Gesell auch mir nicht unbekannt sei?“

„Will Euch das Gegenteil wünschen; aber das Thal ist feucht, da die rundum liegenden Berge dem Winde den Zutritt verwehren, und Vorsicht ist zu allen Dingen nütze, wie man drüben in der Heimat sagt. Schlaft wohl!“

Sie bot mir die Hand und schritt dann mit freundlichem Kopfnicken hinaus.

Als ich allein war, blickte ich mich in der kleinen Klause um. Sie war nicht eine natürliche Höhle, sondern durch menschliche Hand in das Gestein gehauen worden. Den felsigen Fußboden hatte man mit gegerbten Häuten belegt; ebenso waren die Wände mit denselben behangen, und an der hinteren Wand stand die Lagerstätte, bestehend aus einer allerdings nur aus glatten Kirschbaumstämmchen zusammengesetzten Bettstelle, über welche sich auf einer dicken Lage weicher Yutafelle eine sehr hinreichende Anzahl echter Novajodecken breitete.

Mehrere in die Ritzen eingeschlagene Holzpflöcke trugen Gegenstände, welche zur weiblichen Toilette gehörten, und eine sorgfältigere Umschau brachte mich bald zu der Überzeugung, daß Ellen mir ihr eigenes Kabinett abgetreten habe.

Einzig und allein nur dieser Umstand vermochte mich, in dem engen, abgeschlossenen Raume zu bleiben; denn wer seine Nächte in der Unendlichkeit der freien,

offenen Prärie zugebracht hat, kann sich nur schwer entschließen, sich zur Benutzung desjenigen Gefängnisses zu bequemen, welches der civilisierte Mensch eine „Wohnung“ nennt.

Aber nie hatte ich mich mit herzlicherer Befriedigung zur Ruhe gelegt, als an diesem Abende. Ihr Sträuben gegen meine „Nachsicht“ machte ja alles wieder gut, und genau genommen trug nur ich die Schuld an dem, was sich zwischen uns gelegt hatte.

Die Abgeschlossenheit meines „Boudoirs“ mochte doch wohl schuld sein, daß mich der Schlaf etwas fester als gewöhnlich in seine Arme nahm; denn noch hatte ich mich nicht erhoben, als ich durch eine weckende Stimme wach gerufen wurde.

„Pooh! (Hoho!) Mann, ich glaube gar, Ihr seid noch nicht ganz fertig, die Decken zu messen, meine ich. Streckt Euch noch ein Wenig, aber nicht in die Länge, sondern in die Höhe, das wird gut sein, wie mir scheint!“

Ich sprang empor und sah mir den Störenfried, welcher unter der zurückgeschlagenen Thür stand, an. Es war Sam Hawkens. Während er gestern nur mit der Rifle versehen gewesen war, sah ich ihn jetzt in vollständiger Trapperausrüstung meiner warten, ein Beweis, daß er uns begleiten wer­de. —

„Bin gleich fertig, Mann.“

„Hoffe es, Sir; die kleine Miß steht, denke ich, schon am hole (Loch, Thür).“

„Ihr geht mit?“

„Scheint so, wenn ich mich nicht irre. Die kleine

Miß — aber gewachsen hat sie doch einen „Haufen“ — die kleine Miß also wollte ich sagen, soll doch das „Gerät“ nicht etwa tragen, und Ihr“ — und dabei flimmerten die kleinen Augen höchst ehrenrührig aus dem Bartwalde hervor — „na, ich meine, daß Ihr auch noch keinen Truthahnbussard geschluckt haben werdet, Sir!“

„Möglich; werde es aber lernen.“

„Gut, hoffe es; scheint mir sonst kein so unrechter new-man, habe schon manchem noch grüneren die Rifle halten gelehrt! Na, da seid Ihr ja fertig, denke ich. Kommt!“

Ich war innerlich belustigt über die Ansicht, welche der alte Waschbär über mich hegte. Allerdings war meine äußere Erscheinung wohl nicht ganz genau diejenige eines echten, verwitterten Gebirgsmannes, und meine immer sorgfältig blank gehaltenen Waffen mochten wohl für das Auge eines solchen ein etwas spielzeugartiges Aussehen haben, aber ich war dieser Ansicht schon so oft begegnet, daß ich mich an sie gewöhnt hatte und unmöglich durch sie gekränkt werden konnte.

Vor die Thür tretend, bemerkte ich Ellen, welche am Eingange der Schlucht unserer wartete. Sam nahm einige zusammengebundene Fallen auf, warf sie über die Achsel und schritt, ohne sich zu überzeugen, daß ich ihm auch nachfolge, auf die unserer Harrende zu.

„Lassen wir die Pferde hier?“

„Meine nicht, daß Euer Tier gelernt hat, ein regelrechtes Eisen zu legen oder einen Dickschwanz

(Biber) vom Grunde des Flusses herauf zu angeln. Wir müssen die Beine auseinander nehmen, wenn wir zu rechter Zeit fertig sein wollen. Kommt also!“

„Muß doch erst nach dem Pferde sehen, Alter!“

„Ist nicht notwendig, Sir! Die kleine Miß hat’s schon gethan, wenn ich nicht irre.“

Ohne daß er es wußte, sagte er mir mit den letzten Worten etwas höchst erfreuliches. Sie hatte sich also schon bei grauendem Tage um Swallow bekümmert, ein Zeichen, daß sie auch an seinen Herrn gedacht habe. Jedenfalls hatte ihr Vater von mir gesprochen und den Anstoß zur Änderung ihrer Meinung gegeben. Eben wollte es mich wundern, daß er, der Wachsame, noch nicht zu sehen sei, als er mit Winnetou und einem der Jäger durch den Bach gewatet kam.

„Good morning, Sir!“ grüßte er, mir die Hand bietend. „Habe mich draußen umgesehen und die Wache abgelöst. Seid Ihr schon mal mit auf Biber gewesen?“

„Nein.“

„So, da giebts also doch noch was neues für Euch. Werdet aber nicht ohne Lehrmeister sein; das „Blitzmädel“ weiß die Dämme zu säubern.“

Es war das erste Mal, daß er ein deutsches Wort zu mir sprach. Ellen hatte ihn also auf meine Nationalität aufmerksam gemacht. Auch Winnetou grüßte mich mit einem in seiner Art freundlichen „Howgh!“ und machte dann Ellen sein indianisches Kompliment:

„Die Tochter Ribannas ist schön wie das errötende Gebirge und stark wie die Krieger vom Ufer des Gila. Ihr Auge wird viele Biber sehen und ihre Hand nicht tragen können die große Zahl der Felle.“ Und den Blick bemerkend, welchen ich, nach Swallow suchend, über das Thal warf, meinte er beruhigend: „Mein guter Bruder kann gehen, sein Freund wird sorgen für das Roß, welches auch besitzt die Liebe des Apachen.“

Nachdem wir durch die Kluft gegangen waren, wandten wir uns, der Richtung, aus welcher wir gestern kamen, entgegengesetzt, nach links und schritten den Lauf des Wassers abwärts, bis wir an die Stelle gelangten, an welcher es sich in den Mankizila ergoß.

Dichtes, fast undurchdringliches Gestrüpp bestand die Ufer des Flusses, und die Ranken des wilden Weines kletterten an den engstehenden Stämmen empor, liefen von Zweig zu Zweig, ließen sich, fest in einander geschlungen, von oben hernieder, stiegen am nächsten Baume wieder in die Höhe und bildeten so ein Wirrwarr, in welches man sich nur mit Hülfe des Messers Eingang zu verschaffen vermochte.

Sam der Kleine war immer vor uns hergegangen, und seine vollbepackte Gestalt erinnerte mich lebhaft an die slowakischen Mausefallenhändler, welche sich drüben in meinem freundlichen Heimatsstädtchen von Zeit zu Zeit sehen ließen. Trotzdem in der Nähe kein feindliches Wesen zu vermuten war, vermied sein großbeschuhter Fuß mit bewundernswerter Behendigkeit jeden Punkt, welcher eine Spur seines leisen Trittes

Illustration 10
„Wir sind da,“ flüsterte Ellen, „und die Wache hat
Verdacht geschöpft.“ (S. 91.)

zurückbehalten konnte, und die kleinen Äuglein streiften mit ununterbrochener Beweglichkeit bald rechts, bald links über die reiche Vegetation, welche trotz der späten Jahreszeit mit der Üppigkeit zu wetteifern vermochte, welche die jungfräulichen Bottoms des Missisippithales hervorbringen.

Jetzt hob er einige Ranken in die Höhe und kroch, sich bückend, unter ihnen hindurch.

„Kommt, Sir,“ forderte Ellen, ihm folgend, mich auf. „Hier zweigt unser Biberpfad ab.“

Wirklich zog sich hinter dem grünen Vorhange eine schmale, offene Linie durch das Dickicht, und wir schlüpften, immer parallel mit dem Flusse, eine ansehnliche Weile zwischen dem Baum- und Strauchgewirr hindurch, bis Sam bei einem halb knurrenden, halb pfeifenden Laute, welcher vom Wasser her vernehmlich wurde, innehielt und, sich zu uns wendend, die Hand an den Mund legte.

„Wir sind da,“ flüsterte Ellen, „und die Wache hat Verdacht geschöpft.“

Nach einer Weile, während welcher die tiefste Stille in der Umgebung herrschte, schlichen wir wieder vorwärts und gelangten an eine Biegung des Flusses, welche uns Gelegenheit bot, eine ansehnliche Biberkolonie zu beobachten.

Ein breiter, für einen vorsichtigen menschlichen Fuß gangbarer Damm war weit in das Wasser hinein gebaut, und die vierfüßigen Bewohner desselben waren eifrig beschäftigt, ihn zu befestigen und zu vergrößern. Drüben am andern Ufer sah ich eine

Anzahl der fleißigen Thiere bemüht, vermittelst ihrer scharfen Zähne schlanke Stämmchen so zu durchnagen, daß sie in das Wasser fallen mußten; andere waren mit dem Transporte dieser Bäume beschäftigt, die sie schwimmend vor sich herschoben, und noch andere beklebten den Bau mit fettem Erdreiche, welches sie vom Ufer herbeibrachten und vermittelst der Füsse und des breiten, als Kelle gebrauchten Schwanzes an das Holz- und Strauchwerk befestigten.

Mit regem Interesse betrachtete ich das Treiben des regsamen Völkchens und hatte ganz besonders meine Aufmerksamkeit auf ein ungewöhnlich großes Exemplar gerichtet, welches in wachsamer Haltung auf dem Damme saß und allem Augenscheine nach als Sicherheitsposten fungierte. Da plötzlich spitzte der dicke Kerl die kurzen Ohren, machte eine halbe Drehung um seine eigene Achse, stieß den schon erwähnten Warnungsruf aus und war im nächsten Augenblicke unter dem Wasser verschwunden.

Im Nu folgten die andern nach, und es war höchst possierlich zu sehen, wie sie beim Untertauchen den Hinterkörper in die Höhe warfen und der Wasserfläche mit dem platten Schwanze einen Schlag versetzten, daß es weithin schallte und das Wasser hoch in die Höhe spritzte.

Freilich war es nicht Zeit, sich humoristischen Betrachtungen hinzugeben; denn diese unerwartete Störung konnte bloß durch das Nahen eines feindlichen Wesens hervorgerufen worden sein, und der größte Feind

dieser friedlichen und so sehr gesuchten Tiere ist — der Mensch.

Noch war deshalb der letzte Biber nicht unter der Wasserfläche verschwunden, so lagen wir schon, die Waffe in der Hand, unter den tiefherabhängenden Zweigen einiger Pinien und erwarteten mit Spannung das Erscheinen des unwillkommenen Gastes. Nicht lange dauerte es, so bewegten sich eine Strecke aufwärts von uns die Spitzen des Röhrichts, und nur wenige Augenblicke später sahen wir zwei Indianer schleichenden Schrittes am Ufer herabkommen. Der eine hatte mehrere Fallen über der Schulter hängen; der andere trug eine Anzahl Felle, beide aber waren vollständig bewaffnet und beobachteten eine Haltung, welcher man es anmerkte, daß sie sich in Feindesnähe wußten.

„Zounds!“ zischte Sam durch die Zähne; „sind die Schurken über unsre Fallen geraten und haben geerntet, wo sie nicht gesät haben, wenn ich nicht irre. Wartet, ihr Halunken, meine Liddy hier mag Euch sagen, wem die Eisen gehören und die Pelze!“

Er nahm die Büchse langsam auf und machte sich schußfertig. Ich traute wirklich dem alten Kanonenrohre keinen nur einigermaßen leidlichen Schuß zu und war auch von der Notwendigkeit, die beiden Rothäute ohne Lärmen niederzustoßen, so sehr überzeugt, daß ich den alten Trapper am Arme faßte. Auf den ersten Blick hatte ich bemerkt, daß es Ogellallas seien, und die schwarze Tätowierung ihres Gesichtes gab mir die Gewißheit, daß sie sich nicht auf einem

Jagdzuge, sondern auf dem Kriegspfade befanden. Sie waren also nicht allein in der Nähe, und jeder Schuß konnte ihnen Helfer oder doch wenigstens Rächer herbeirufen.

„Nicht schießen, Alter! Nehmt das Messer. Sie haben den Kriegspfeil ausgegraben und sind also wohl nicht nur zu zweien.“

Der kleine, schießlustige Mann sah mich mit einer eigentümlich zweifelhaften Miene an und entgegnete:

„Das sehe ich natürlich auch, sollte ich meinen, und freilich ist es besser, sie im stillen auszulöschen: aber mein alter „Kneif“ (Messer) ist zu sehr abgeschliffen, als daß er sich durch zwei solcher Männer hindurchbeißen könnte.“

„Pah! Ihr nehmt den einen und ich den andern; come on!

„Hm! Viere von unsern besten Fallen; kostet jede drei ein halb Dollars. Würde mich freuen, wenn sie zu den gestohlenen Häuten noch ihre beiden eigenen Felle hergeben müßten, meine ich; aber wenn Euch eins von ihren Messern in die Seele fährt, Sir, dann habt Ihr Eure letzten Boudins gegessen, wenn ich mich nicht irre!“

„Vorwärts, Mann, ehe es zu spät ist!“

Die beiden Indianer standen jetzt, von uns abgewendet, grad vor uns und suchten nach Fußspuren im Boden. Leise, leise schob ich mich, die Büchse zurücklassend und das Messer zwischen die Zähne nehmend, vorwärts. Da flüsterte es ängstlich ganz nahe an meinem Ohre:

„Bleibt, Sir! Ich werde es an Eurer Stelle thun.“

„Danke, Miß Ellen! Das ist keine Frauenarbeit.“

„So wollen wir in das Lager zurückkehren und —“

Ich hörte die weiteren Worte nicht mehr, denn schon hatte ich den Rand des Gebüsches erreicht, sprang empor, hatte im nächsten Augenblicke den mir am nächsten stehenden der Indianer mit der Linken beim Nacken und stieß ihm mit der Rechten das Messer zwischen die Schultern, daß er sofort lautlos zusammenbrach. Rasch drehte ich mich mit der wieder zurückgezogenen Klinge zur Seite, um nötigenfalls den andern auch zu nehmen; aber auch dieser lag auf der Erde, und Sam stand mit ausgespreizten Beinen über ihm, hatte sich die lange Skalplocke um die Linke gewickelt und zog ihm die losgeschnittene Kopfhaut vom Schädel.

„So, mein Junge; nun kannst Du in den ewigen Jagdgründen soviel Fallen stehlen, wie es Dir beliebt, wenn ich nicht irre; aber die unsrigen wirst Du dort nicht gebrauchen können.“

Und den blutenden Skalp im Grase abwischend, fügte er mit kurzem Lachen hinzu:

„Das eine Fell haben wir, und das andere — aber by god, Sir, Ihr habt einen sicheren Stoß und dazu das Herz grad richtig unter dem Pfeifenfutterale. Hätt’s nicht gedacht, meine ich, saht mir so — so — so unverheiratet aus. Aber wollt Ihr Euch nicht Euren Skalp nehmen?“

„Meinen Skalp, Sam? Den werde ich am liebsten da behalten, wo er mir angewachsen ist.“

„Gut, gut, Sir; seid der rechte Mann, laßt Euch den Humor durch den Geruch eines Tropfens Indianersaft nicht verderben. Meinte aber dieses Rattenfell hier. Wollt wohl mir es lassen?“ setzte er schmunzelnd hinzu.

„Kann es nicht gebrauchen. Nehmt es!“

„Danke, Sir, danke. Macht mir das größte Gaudium, einen solchen Schnitt thun zu können, meine ich. Habe auch Grund dazu. Da seht her!“

Er riß sich den traurigen Filz vom Kopfe und zog dabei die eigene, langhaarige Haut mit ab. Ich erschrak fast über den Anblick, welchen der kahle, blutigrote Schädel bot.

„Was sagt Ihr dazu, Sir, wenn ich mich nicht irre? Hatte meine Haube von Kindesbeinen an ehrlich und mit vollem Rechte getragen, und kein Lawyer (Advokat) hat es gewagt, sie mir streitig zu machen, bis so ein oder zwei Dutzend Pawnees um mich waren und mir die Haare nahmen. Bin dann nach Tekama gegangen und habe mir dort eine neue Haut gekauft. Nannten es eine Perücke und kostet mich zwei dicke Bündel Biberfälle, meine ich. Schadet aber nichts; denn die neue ist zuweilen praktischer als die alte, besonders im Sommer; kann sie abnehmen, wenn mich schwitzt. Aber trotzdem hat manche Rothaut dafür untergehen müssen, und ein Scalp macht mir mehr Vergnügen als der feinste Dickschwanz.“

Während dieser Worte hatte er sich Hut und Perücke wieder aufgestülpt und dem zweiten Indianer

die Kopfhaut genommen. Der alte Mann war von mir unterschätzt worden. Er war trotz seiner unansehnlichen Gestalt eine jener eisernen, im Kampfe mit den Elementen und in tausenderlei Gefahren gestählten Naturen, wie sie der Westen so zahlreich bietet. Und als er unter derb scherzenden Worten aber mit von Haß und Grimm verzerrten Zügen und wutblitzenden Augen sich über die Leiche beugte und rasch zuckenden Schnittes mit dem Messer um Stirn und Schläfe derselben fuhr, machte er auf mich den Eindruck der wildesten Unversöhnlichkeit.

Ich wandte mich ab, von jenem vor mir selbst grauenden und der Reue ähnlichen Gefühle erfüllt, welches in den Herzen derer wohnen sollte, welche die stolzen Nationen der amerikanischen Savannen heimatslos und vogelfrei erklärt, mit Gift, Feuer und Schwert gelichtet und zwischen die Cannons der Felsengebirge getrieben haben, wo ihnen nur die Wahl bleibt, ruhm- und ehrlos hinzusterben oder mit kämpfender Hand den Todesstoß zu empfangen.

Vor mir stand Ellen. Ihr Auge ruhte mit einem Blicke auf den beiden entseelten Körpern, der mich durchfröstelte und von ihr abstieß, und erst nach und nach, als sie es zu mir erhob, bekam es einen freundlicheren Ausdruck.

„Warum nahmt Ihr den Skalp nicht für Euch, Sir?“ fragte sie. „Habt schon Winnetou einen gelassen.“

Von einem weiblichen Wesen ausgesprochen, war mir diese Frage vollständig unbegreiflich und ich antwortete -

antwortete deshalb auch nur mit einem Blicke des Erstaunens. Auch war hier der Ort garnicht zu zartsinnigen Bemerkungen; denn hinter jedem Baume konnte die Sehne eines Bogens schwirren oder der

Hahn einer Büchse knacken, und es war vor allen Dingen notwendig, das Lager zu alarmieren und die Jäger darauf aufmerksam zu machen.

„Greift zu, Sam; wollen die Indsmen unsichtbar machen.“

„Habt recht, Sir! Ist notwendig das, meine ich. Aber die kleine Miß mag doch ein wenig hinter die Büsche treten; ich wette meine Moccassins gegen ein Paar Ballettschuhe, daß es in kurzer Zeit hier rote Männer geben wird.“

Sie folgte der Warnung des Alten, und ich verbarg mit seiner Hülfe die Leichen, welche wir vorsichtigerweise nicht in das Wasser stoßen durften, unter das Uferschilf. Als wir damit fertig waren, meinte Hawkens:

„So, das wäre gethan, und nun geht Ihr mit der kleinen Miß nach der „Festung“ und warnt unsre Leute, während ich diese Spuren zurückgehen werde, um etwas mehr zu erfahren, als die beiden Braunen uns gesagt haben, scheint es mir.“

„Mögt nicht lieber Ihr zum Vater gehen, Sam Hawkens?“ fragte Ellen. „Ihr versteht besser mit den Fallen umzugehen, und vier Augen sehen mehr als zwei.“

„Hm! Wenn die kleine Miß es nicht anders will, so muß ich’s schon thun, meine ich; aber wenn „der

Stock anders schwimmt“, als sie es jetzt denkt, so mag ich nicht die Schuld haben.“

„Habt sie auch nicht, Alter! Wißt schon, daß ich nicht gern etwas anderes thue, als was mir beliebt. Eure zwei Skalps habt Ihr; muß sehen, daß ich mir meinen Teil auch hole. Kommt, Sir!“

Sie ließ den kleinen Trapper stehen und wandte sich durch das Dickicht weiter vorwärts. Ich folgte ihr. Obgleich es die Umstände erforderten, daß ich meine volle Aufmerksamkeit auf die Umgebung richtete, konnte ich doch nicht umhin, an das Verhalten des Mädchens zu denken, welches mit der vollständigen Gewandteit eines erfahrenen Waldläufers sich geräuschlos durch das Gestrüpp arbeitete und in jeder ihrer Bewegungen ein Bild der angestrengtesten Vorsicht bot.

Es war gar nicht anders möglich, sie mußte schon von Jugend auf mit dem Leben im „Jagdlande“ vertraut sein, mußte Eindrücke empfangen haben, welche ihre Sinne geschärft, ihr Gefühl gehärtet und dem Laufe ihres Schicksales eine so ungewöhnliche Richtung gegeben hatten. Aber trotz alledem wirkte die vorhin gezeigte Nervenstärke fast erkältend auf mich, und die Glorie, mit welcher meine Erinnerung ihr Bild umgeben hatte, ward von der rauhen, rücksichtslosen Wirklichkeit verdunkelt.

Die Angst, welche sie vorhin gezeigt, als ich im Begriffe stand, mich auf den Indianer zu stürzen, hätte mich in anderer Lage beseligen können; aber die dabei ausgesprochenen Worte „ich werde es an

Eurer Stelle thun“ mußten mir die Überzeugung geben, daß sie mit ruhigem Blute und ohne zaghaftes Bedenken ein Menschenleben zu zerstören vermöge, und ich konnte die Ansicht nicht von mir weisen, daß Büchse und Messer in den Händen des Mannes Waffen, in denen eines Weibes aber Mordinstrumente seien.

Wohl beinahe eine Stunde lang waren wir ununterbrochen vorwärts gedrungen, als wir an eine zweite Biberkolonie kamen, deren Bewohner aber nicht außerhalb ihrer Wohnungen zu erblicken waren.

„Hier hatten wir die Fallen gestellt, welche wir den Rothäuten wieder abgenommen haben, Sir, und weiter droben teilt sich der bee-fork ab, wo wir ursprünglich hin wollten. Doch wird’s wohl anders kommen; denn, seht, die Spuren laufen nach dem Walde, aus welchem sie gekommen sind. Wir müssen sie verfolgen.“

Sie stand im Begriffe, weiter zu gehen, als ich sie zurückhielt.

„Miß Ellen!“

Sie blieb stehen und sah mich fragend an.

„Wollt Ihr nicht lieber umkehren und das andere mir allein überlassen?“

„Wie kommt Ihr auf diesen Gedanken?“

„Kennt Ihr die Gefahren, welche unserer da vorn vielleicht warten?“

„Warum sollte ich nicht? Sie können unmöglich größer sein als diejenigen, denen ich schon getrotzt und die ich überwunden habe.“

„Ihr müßt Euch erhalten!“

„Das will und das werde ich ja auch. Oder glaubt Ihr etwa, daß mich der Anblick eines bunt bemalten Mannes zu erschrecken vermöge?“

„Ich wollte, es wäre so!“

„Wirklich?“

Sie sprach das Wort langsam und gezogen aus, und ihre Augen ruhten mit forschendem Blicke auf meinem Angesichte. Aber ich sah ein leises und nach und nach sich immer mehr vertiefendes Rot in ihre Wangen steigen und wußte nun, daß sie mich verstanden hatte.

Ihr Auge suchte den Boden, und ich bemerkte deutlich, daß sie mit ihren Gefühlen kämpfte.

„Ist ein weibliches Wesen hassenswert, wenn es dasselbe thut, was sonst nur dem Manne gestattet ist?“

Hassenswert, nein,“ antwortete ich, die beiden ersten Silben betonend; „aber der Haß ist nicht das einzige, was man gewöhnlich zu vermeiden strebt.“

Eine ganze Weile verging im Schweigen, ehe sie den Blick wieder erhob und ihn voll und groß auf mich richtete.

„Ihr urteilt nach dem Augenblicke und legt den Maßstab der Gewöhnlichkeit an Verhältnisse, welche mehr als ungewöhnlich sind, die meinem Leben den Wahlspruch der Rache und des Kampfes gegeben haben; jetzt aber kommt; wir dürfen nicht unvorsichtig oder nachlässig sein.“

Wieder ging es vorwärts. Wir entfernten uns jetzt vom Flusse und schritten leicht zwischen den schlanken und freien Stämmen des Hochwaldes hin,

welcher ein dichtes, grünes Dach über den mit feuchtem Moose überzogenen Boden wölbte, infolge dessen weicher Beschaffenheit wir die Fußeindrücke ohne besonderen Scharfsinn erkennen konnten.

Da blieb Ellen, welche immer noch voranschritt, stehen. Es waren jetzt die Spuren nicht von zwei, sondern von vier Männern zu erkennen, welche zusammen gegangen waren und sich hier getrennt hatten. Die beiden von uns unschädlich Gemachten hatten die vollständige Kriegsbewaffnung getragen, und da ich annahm, daß eine größere Anzahl ihrer Stammesgenossen vorhanden sei, welche nur durch ein wichtiges Unternehmen veranlaßt sein konnte, einen so weiten Weg mitten durch das Gebiet feindlicher Horden zu machen, so kam ich jetzt auf den Gedanken, daß dieses Unternehmen vielleicht mit dem gestörten Bahnüberfalle in Verbindung stehe und einer jener Rachezüge sei, bei denen die Indianer alles aufbieten, um eine erlittene Beleidigung oder einen gehabten Verlust quitt zu machen.

„Was thun wir?“ fragte Ellen. „Diese Spuren führen in der Richtung nach unserm Lager, welches wir der Entdeckung nicht aussetzen dürfen. Verfolgen wir sie, oder teilen wir uns, Sir?“

„Und diese vierfache Spur geht jedenfalls zum Lager der Rothäute, welche sich natürlich verborgen haben und die Rückkehr ihrer Kundschafter abwarten. Vor allen Dingen müssen wir dieses aufsuchen, um Gewißheit über ihre Zahl und Zwecke zu bekommen. Der Eingang zu unserer Ritterburg wird ja von einem

Posten bewacht, der das seinige schon thun wird, unser Geheimnis zu bewahren.“

„Ihr habt recht. Gehen wir vorwärts!“

Der Wald lief von der Höhe, zu welcher das Flußthal emporstieg, eine ansehnliche Strecke in die Ebene hinein und war von tiefen, felsigen Rinnen durchschnitten, in welchen Farrenkraut und wildes Beergesträuch üppig wucherte. Eben nahten wir uns leise einer dieser Einsenkungen, als ich einen brenzlichen Geruch bemerkte und, dadurch aufmerksam gemacht, sodaß ich mit schärferem Blicke die Waldung zu durchdringen suchte, eine leichte, dünne Rauchsäule wahrnahm, welche oft unterbrochen oder auch ganz verschwindend, in spielender Bewegung gerade vor uns zu den Baumkronen in die Höhe stieg.

Dieser Rauch konnte nur von einem Indianerfeuer kommen; denn während der Weiße das Holz gleich in seiner ganzen Länge in die Glut wirft und dadurch eine breite und hochleckende Flamme hervorbringt, welche stets eine ansehnliche und oft verräterische Menge Rauches erzeugt, schiebt der Wilde die Scheite nur mit den Spitzen in das Feuer, wodurch nur eine kleine Flamme mit kaum wahrnehmbarem Rauche entsteht. Winnetou hatte mich auf das Vorteilhafte der letzteren Weise aufmerksam gemacht und wiederholt gesagt: „Mein Bruder macht mit seinem Feuer soviel Hitze, daß er sich nicht daran setzen kann, um sich zu wärmen.“

Ich hielt Ellen zurück und machte sie auf meine Bemerkung aufmerksam.

„Steckt Euch hinter jenes Gestrüpp, Miß; ich werde mir die Leute ansehen!“

„Warum nicht auch ich?“

„Einer genügt; bei zweien ist die Gefahr des Entdeckens eine doppelt große.“

Sie nickte zustimmend und schritt, behutsam jede Spur verwischend, seitwärts, während ich, von Stamm zu Stamm Deckung suchend, gegen die Rinne schlich.

Auf dem Grunde derselben saßen und lagen eng aneinander gedrängt eine solche Menge der Rothäute, daß sie die Vertiefung kaum zu fassen vermochte; unten am Ausgange derselben stand bewegungslos wie eine eherne Statue, ein junger, langhaariger Bursche, und auch hüben und drüben am Rande bemerkte ich Wachen, denen mein Nahen glücklicher Weise vollständig entgangen war.

Ich versuchte, die Lagernden zu zählen und nahm deshalb jeden einzelnen ins Auge, hielt aber bald in größter Überraschung inne. Als der Nächste am Feuer saß — war es denn nur auch möglich — der weiße Häuptling, Parranoh oder Tim Finnetey, wie er von Old Firehand genannt worden war. Ich hatte in jener Nacht sein Gesicht beim Scheine des Mondes und dann beim Niederstoßen seiner Person zu deutlich gesehen, um mich jetzt täuschen zu können, und doch wurde ich irre an mir selbst; denn von seinem Kopfe hing die prächtigste Skalplocke herab, während Winnetou sie ihm doch genommen und nicht eine Minute lang aus seinem Gürtel gebracht hatte.

Da machte der Wachtposten, welcher diesseits der

Schlucht stand, eine Bewegung nach dem Orte zu, an welchem ich, von einem Felsstück verborgen, lag, und ich mußte mich deshalb schleunigst zurückziehen.

Glücklich bei Ellen angelangt, winkte ich ihr, mir zu folgen, und schritt nun den Weg, welchen wir gekommen waren, wieder bis zu der Stelle zurück, an welcher sich die Spuren teilten. Von hier aus verfolgten wir die neue Fährte, welche durch das dichteste Pflanzengewirr immer gerade auf das Thal zu lief, durch welches wir gestern gekommen und von dem Posten angerufen worden waren.

Es war mir jetzt klar, daß uns die Ogellallas Schritt um Schritt gefolgt waren, um sich an uns zu rächen. Unser Aufenthalt bei den Bahnarbeitern während der Krankheit Old Firehands hatte ihnen Zeit gegeben, alle verfügbaren Kräfte zusammen zu ziehen; aber warum sich wegen uns dreien eine so große Zahl streitbarer Krieger versammelt hatte, warum sie nicht schon längst über uns hergefallen waren und statt dessen uns ruhig hatten ziehen lassen, das konnte ich nicht begreifen, wenn ich nicht annehmen wollte, daß Parranoh von der Jägerniederlassung wisse und seine Pläne auf sämtliche Angehörigen derselben erstreckte.

Die beiden Vorangeschlichenen hatten uns gut Bahn gebrochen, sodaß wir verhältnismäßig schnell vorwärts kamen und uns gar nicht mehr weit von dem senkrecht unsere Richtung durchschneidenden Thale befinden konnten, als ich ein leises Klirren vernahm, welches hinter einem dichten Gebüsch wilder Kirschenstämmchen hervorklang.

Ellen mit einer Handbewegung bedeutend, sich zu verstecken, legte ich mich sogleich auf den Boden nieder, zog das Messer und kroch auf einem Umwege der erwähnten Richtung zu. Das nächste nicht an diesen Ort Gehörige, was ich erblickte, war ein Haufen eiserner Biberfallen, neben welchem ein Paar krumme Beinchen sichtbar wurden, welche in riesigen Moccassins staken. Weiter heranschleichend bemerkte ich auch ein langes, weites Sackhemde, auf dessen oberem Teile die breite, runzelige Krempe eines uralten Filzhutes lag, und etwas abwärts von dieser Krempe sah ich die gerade und dornig abstehenden Spitzen eines verworrenen Bartes, aus welchem zwei kleine Äuglein munter und aufmerksam durch das Blätterwerk lugten.

Es war Sam der Kleine. Aber wie war er nur hierher gekommen, da ich ihn doch längst in der „Burg“ vermutete? Das war jedenfalls leicht und sofort zu erfahren; ich durfte ihn ja nur fragen, und als ich deshalb so geräuschlos wie möglich an ihn herankroch, machte mir der Schreck, welchen er über den unvermuteten Überfall haben mußte, schon im voraus Vergnügen.

Leise, leise, ganz leise griff ich nach der Rifle, welche an seiner Seite lag, zog die alte, vorsündflutliche Liddy an mich heran und öffnete den rostbedeckten Hahn derselben. Bei dem dadurch verursachten Knacken fuhr er so schnell herum, daß ihm das überhängende Zweigwerk Hut und Perücke abstreifte, und als er seine eigene Büchse auf sich gerichtet sah, wurde unmittelbar unter der in allen Regenbogenfarben

spielenden Papageinase ein mächtig großes Loch sichtbar, welches vom Erstaunen immer weiter aufgerissen wurde.

„Sam Hawkens,“ flüsterte ich; „wenn Ihr Euren Mund nicht bald zumacht, werde ich Euch das ganze Dutzend Fallen hineinschieben, welches hier liegt!“

Good lack, habt Ihr mich erschreckt, Mann, wenn ich mich nicht irre!“ antwortete der Trapper, welcher trotz seiner Bestürzung keinen einzigen unvorsichtigen Laut von sich gegeben hatte und schleunigst Hut und Perücke ihren verlorenen Herrschersitz wieder anwies.

„Glaubt Ihr nun noch immer, daß ich ein new-man sei, dem Ihr lehren müßt, die Büchse zu halten?“

„Hol Euch der Teufel, Sir! Mir ist’s in alle Glieder gefahren, meine ich; denn wenn Ihr eine Rothaut gewesen wärt, so —“

„So hättet Ihr Eure letzten Boudins gegessen gehabt, wie Ihr vorhin sagtet. Hier habt Ihr Euer Schießgewehr! Und nun sagt, wie Ihr dazu kommt, Euch hier schlafen zu legen?“

„Schlafen? Na, hört mal, Sir, von schlafen war wohl gar keine Rede, wenn Ihr mir auch auf den Leib gerückt seid, ohne daß ich es gemerkt habe. Hatte meine drei Gedanken eben nur bei den zwei Rattenfellen, welche ich mir noch holen wollte, und Ihr braucht da drinnen bei den andern bei Leibe nicht zu erzählen, daß der alte Sam überrumpelt worden ist.“

„Werde still sein.“

„Wo habt Ihr die Miß?“

„Steht da hinten. Wir hörten Eure Fallen klirren, und ich mußte natürlich wissen, was das für Glocken wären.“

„Glocken? Ist’s so laut gewesen? Sam Hawkens, was bist Du für ein altes, dummes Coon (Raccoon). Liegt das alte Maultier da, um Skalpe zu fangen, und macht dabei einen Lärm, der droben in Kanada zu hören ist, wie mir scheint. Aber wie seid Ihr denn in die Richtung geraten? Seid wohl auch hinter den beiden Rothäuten her?“

Ich bejahte diese Frage und erzählte ihm, was ich gesehen hatte.

„Hm, wird Pulver kosten, viel Pulver, Sir! Kam da mit meinen Fallen das Wasser herauf und sah plötzlich zwei Braune, wenn ich mich nicht irre, die spionierend dort am Rande des Gebüsches, kaum acht Schritte von uns entfernt, standen. Natürlich duckte ich mich ins Gesträuch und gewahrte nun, daß der eine abwärts, der andere aber aufwärts ging, um das Thal abzusuchen. Wird ihnen aber schlecht bekommen, meine ich! Ich ließ den einen an mir vorüber und machte mich dann hierher, um die Bursche zu fragen, was sie gesehen haben, wenn sie nachher hier wieder zusammentreffen.“

„Glaubt Ihr es?“

„Meine es! Wenn Ihr klug sein wollt, so macht Euch da hinüber auf die andre Seite, damit wir sie dazwischen kriegen, und laßt die Miß nicht länger

warten, Sir. Könnte sonst vor lauter Ungeduld einen Fehler machen.“

Ich folgte der Weisung und kehrte zu Ellen zurück. Nachdem ich ihr in kurzen Worten Bericht erstattet hatte, nahmen wir eine, Sam gerade gegenüber liegende Stellung ein und warteten auf die Rückkehr der beiden Rothäute.

Lange wurde unsere Geduld auf die Probe gestellt, und es vergingen fast einige Stunden, ehe wir den leisen Schritt eines heranschleichenden Menschen hörten. Es war einer von den Erwarteten, ein alter, verwetterter Bursche, der für die erbeuteten Skalps so wenig Platz an seinem Gürtel gefunden hätte, daß er die Außennähte seiner weiten Hosen in dicken Lagen mit dem Haar seiner erlegten Feinde ausgefranst hatte.

Kaum war er in unsern Bereich getreten, als er auch schon von hüben und drüben gepackt und „ausgelöscht“ wurde. Ebenso erging es dem andern, welcher nach kurzer Zeit erschien, und nun kehrten wir, vereint, wie wir ausgegangen waren, in die Festung zurück.

Vor dem Thore suchten wir den Posten auf, welcher hinter dem schützenden Gesträuch geborgen gelegen und den spionierenden Wilden, der in einer Entfernung von kaum einigen Schritten an ihm vorübergeschlichen war, wohl bemerkt hatte.

Sam blickte ihn erstaunt an.

„Bist ein Greenhorn gewesen, Will, und wirst ein Greenhorn bleiben, bis Dich mal die red-men

beim Schopfe haben, meine ich. Hast wohl geglaubt, der Braune gehe hier nur Ameisen fangen, daß Du das Eisen stecken gelassen hast?“

„Sam Hawkens, wirf den Hariat [Lariat] um Deine Zunge, sonst thue ich jetzt an Dir, was ich vorhin unterlassen habe. Will Parker ein Greenhorn! Der Spaß wäre schon einige Körner Pulver wert, altes Coon. Aber Deiner Mutter Sohn ist wohl nicht klug genug, um einzusehen, daß man einen Kundschafter laufen läßt, um nicht die übrigen durch seinen Untergang aufmerksam zu machen?“

„Sollst recht haben, Mann, wenn Du nämlich nicht zu Indianerfellen kommen willst, wie mir scheint. Da —“ bei diesen Worten zeigte er die erbeuteten Skalps vor, und über sein Gesicht ging ein entzücktes Grinsen, welches eine erdbebenartige Bewegung des chaotischen Bartwuchses hervorbrachte — „laß Deines Vaters Kind einmal diese prachtvollen Häute ansehen! Ist das nichts, Will Parker, frage ich Dich, wie mir scheint, ist das nichts?“

„Eins,“ zählte der Angeredete, und es klang fast wie eine Art Neid aus seiner Stimme, „zwei — aber beim alten „Caw“, Mensch, wo hast Du diese kostbaren Dinger her? — drei — hört’s noch nicht auf, Sam Hawkens, he? — vier — die hast Du doch nicht allein geholt, wie?“

„Allein, ganz allein, wenn ich die zwei nicht zähle, die mir der — der — der junge Skalper da abgelassen hat.“

„Abgelassen?“ fragte der andere erstaunt und

warf mir einen Blick zu, in welchem sich der aufrichtigste Zweifel über meine geistige Zurechnungsfähigkeit aussprach.

„Magst’s wohl nicht glauben? — hi—hi—hi — Will Parker, he? Hast ja ’nen echten Kingsfieldstahl und ’ne gute Kentuckybüchse; laß nichts vorüberlaufen, dann hast Du auch was, wenn ich mich nicht irre.“

Mit den letzten Worten wandte er sich dem Wasser zu, drehte sich aber, ehe er zwischen den Felsen verschwand, noch einmal um und warnte den Wachehaltenden:

„Mach’ Deine Augen auf, meine ich! Da drüben im „Gutter“ giebt’s ein ganzes Nest Pfeilmänner. Können ihre Nasen auch zwischen Deine Beine stecken wollen. Wäre schade um Dich, wie mir scheint, schade!“

Tief unter den um ihn hängenden Fallen begraben schritt er uns voran, und bald standen wir an dem Ausgange der Schlucht und konnten den Thalkessel überblicken. Ein scharfer Pfiff des alten Trappers genügte, um sämtliche Bewohner unseres Versteckes herbei zu rufen, und mit gespannter Aufmerksamkeit folgten alle dem Berichte unseres Abenteuers.

Schweigend hörte Old Firehand ihn bis zu Ende; aber als ich ihm von Parranoh sagte, entfuhr ihm ein Ausruf der Verwunderung und zugleich der Freude.

„Wär’s möglich, daß Ihr Euch nicht getäuscht hättet, Sir? Dann könnte ich meinen Schwur wahr machen und ihn zwischen meine Fäuste nehmen, wie

es jahrelang mein einziger, mein heißester Wunsch gewesen ist.“

„Die Haare allein machen mich irre.“

„Oh, die sind gleichgültig. Sam Hawkens mag Euch als Beispiel dienen, und es ist doch nicht ganz unglaublich, daß Ihr ihn in jener Nacht nicht recht getroffen habt. Die Seinen haben ihn gefunden und mitgenommen. Während ich krank war, hat er sich erholt, hat uns beobachten lassen und ist uns dann gefolgt.“

„Aber warum griff er uns nicht an?“

„Weiß es nicht; wird aber jedenfalls seinen Grund haben, den wir auch erfahren. Seid Ihr müde, Sir?“

„Könnte es nicht behaupten.“

„Ich muß den Mann selbst sehen. Wollt Ihr mich begleiten?“

„Versteht sich. Nur muß ich Euch auf das gefährliche dieses Ganges aufmerksam machen. Die Indianer werden vergebens auf ihre ausgesandten Späher warten, sich bald nach ihnen umsehen und die Toten finden. Wir geraten zwischen die Suchenden und werden vielleicht von den Unsrigen abgeschnitten.“

„Das alles ist möglich; aber ich kann unmöglich bleiben und warten, bis sie uns finden. Dick Stone!“

„Sir!“

„Hast Du es gehört, wohin es gehen soll?“

„Denke es.“

„Hole Deine Gun (Schießgewehr) und schnür’ Dich

ein wenig fester, altes Gerippe. Wir sehen nach Rothäuten.“

„Bin dabei, Sir; das muß so sein. Reiten wir?“

„Nein; es geht nur bis zum „Gutter“. Ihr andern aber rührt die Hände und deckt die „Caches“ (Versteck für Häute) mit Rasen zu. Man kann nicht wissen, wie es geht, und wenn die Braunen ja zwischen unsre Felsen kommen, sollen sie wenigstens nichts von dem finden, was sie brauchen können. Harris, Du gehst hinaus zu Will Parker, und Du, Bill Bulcher, magst auf Ordnung sehen, während wir fort sind!“

„Vater, laß mich bei dir sein,“ bat Ellen.

„Kannst mir zu nichts dienen, Kind. Ruhe Dich aus; wirst schon noch zur rechten Stelle kommen.“

Sie wiederholte ihre Bitte; aber Firehand hielt an seiner Bestimmung fest, und so schritten wir bald wieder zu dreien durch das Bette des Baches hinaus.

Dick Stone war nicht weniger ein Original wie Sam Hawkens. Unendlich lang und entsetzlich dürr und ausgetrocknet hing seine knochige Gestalt weit vornüber, sodaß es schien, als gebe es für seine Augen keine andere Perspektive als diejenige auf die beiden Füße, welche an ein Paar Beine gewachsen waren, deren Ausdehnung einem angst und bange machen konnte. Über die festen, kernigen Jagdschuhe hatte er ein Paar lederne Gamaschen geschnallt, welche noch ein gut Stück des Oberschenkels bedeckten; der Leib stak in einem enganliegenden Kamisol, das mittelst eines breiten Gürtels, in und an welchem neben Messer und Revolver die verschiedensten kleinen Notwendigkeiten -

Notwendigkeiten staken und hingen, zusammengehalten wurde; um die breiten eckigen Schultern zog sich eine wollene Decke, deren Fäden die ausgedehnteste Erlaubnis hatten, nach allen Himmelsgegenden auseinander zu laufen, und der kurzgeschorene Kopf stak in einem Dinge, dessen Definition geradezu eine Sache der reinsten Unmöglichkeit war.

Draußen angekommen, schritten wir nach einigen kurzen Weisungen an der Wache vorüber, dem Orte zu, an welchem sich Sam Hawkens versteckt gehabt hatte. Die von dort nach der Schlucht führende Richtung war jedenfalls die für uns vorteilhafteste; denn wir hatten von beiden Seiten Deckung und waren sicher, denjenigen von den Indianern zu begegnen, welche annehmbarer Weise ihren Versteck verlassen hatten, um nach dem Verbleiben der uns Begegneten zu sehen.

Winnetou hatte kurz nach unserem frühzeitigen Aufbruche am Morgen das Lager auch verlassen und war noch nicht zurückgekehrt. Er wäre uns auf dem jetzigen Gange der willkommenste Begleiter gewesen, und ich konnte, da ich ihn wirklich liebgewonnen hatte, mich einer leisen Sorge um ihn nicht erwehren. Es war ja ein Zusammentreffen mit dem Feinde so leicht möglich, und in diesem Falle war er trotz seiner Tapferkeit verloren.

Eben dachte ich an diesen Umstand, als sich plötzlich neben uns die Büsche teilten und der Apache vor uns stand. Unsre Hände, welche beim ersten raschelnden Laute der Zweige nach den Waffen gegriffen

hatten, fuhren von denselben zurück, als wir ihn erkannten.

„Winnetou wird gehen mit den weißen Männern, um zu sehen Parranoh und die Ogellallas.“ Erstaunt blickten wir ihn an. Er wußte also schon von der Anwesenheit der Indianer.

„Hat mein roter Bruder die Krieger des grausamsten Stammes der Sioux gesehen?“

„Winnetou muß wachen über seinen jungen Bruder und über die Tochter Ribannas. Er ist hinter ihnen gegangen und hat gesehen ihre Messer fahren in das Herz der roten Krieger. Parranoh hat sich genommen den Schädel eines Mannes vom Volke der Osagen; sein Haar ist eine Lüge und seine Gedanken sind voller Falschheit. Winnetou wird ihn töten.“

„Nein, der Häuptling der Apachen wird ihn nicht berühren, sondern ihn mir lassen!“ entgegnete Old Firehand.

„Winnetou hat ihn schon einmal geschenkt seinem weißen Freunde!“

„Er wird mir nicht wieder entgehen; denn meine Hand —“

Nur das letzte Wort hörte ich noch; denn in dem Augenblicke, in welchem es gesprochen wurde, sah ich zwei glühende Augen hinter dem Strauche, welcher die Biegung der Fußspuren verbarg, hervorleuchten und hatte mit einem raschen Sprunge den Mann gepackt, dem sie angehörten.

Es war der, von welchem gesprochen wurde, Parranoh, und kaum stand ich vor ihm und warf

ihm die Finger um die Kehle, so raschelte es zu beiden Seiten, und eine Anzahl Indianer sprangen hervor, ihrem Häuptling zu Hülfe.

Die Freunde hatten meine Bewegung gesehen und stürzten sich sofort auf meine Angreifer. Wie es kam, ich weiß es nicht; aber ich hatte den weißen Häuptling, welcher mir an Stärke und Geschicklichkeit doch weit überlegen war, unter mir. Meine Kniee auf seiner Brust, die Finger der Linken um den Hals und die Rechte um seine Hand, welche das Messer gepackt hatte, fühlend, krümmte er sich unter mir wie ein Wurm und machte die wütendsten Anstrengungen, mich von sich zu stoßen. Ich hatte keine Zeit, auch nur einen einzigen Blick auf das um mich herum wogende Getümmel zu werfen; denn bei dem geringsten Versehen meinerseits war ich verloren, und nie im ganzen Leben habe ich es mehr gefühlt, daß sich die Kräfte des Menschen im Augenblicke solcher Gefahr verdoppeln, ja verzehnfachen können.

Mit den Füßen wie ein angeketteter Stier um sich schlagend, versuchte er, in riesenkräftigen Rucken sich empor zu schnellen; der falsche, langbehaarte Schädel lag neben ihm; die Augen traten weit und mit Blut unterlaufen aus ihren Höhlen; vor dem Munde stand ihm der gärende Schaum der Wut, und die nackte, von dem Skalpmesser Winnetous barbierte Kopfblöße schwoll unter der Anstrengung aller Fasern und Nerven und dem wilden Schlage des zusammengedrückten Pulses mit einer erschreckenden Häßlichkeit auf. Mir war, als hätte ich ein rasendes Tier unter mir, und

Illustration 11
Mit den Füßen wie ein angeketteter Stier um sich schlagend, versuchte Parranoh, sich mit riesenkräftigen Rucken emporzuschnellen. (S. 116.)

mit mir jetzt unbegreiflicher Gewalt krampfte ich meine Finger um seine Kehle, sodaß er einige Male konvulsivisch zusammenzuckte, den Kopf hintenüber legte und, die Augen verdrehend, unter einem immer leiser werdenden Zittern die Glieder von sich streckte — er war besiegt.

Jetzt endlich blickte ich, mich erhebend, um mich, und es bot sich mir eine Scene, wie sie die Feder nie zu beschreiben vermag. Keiner der Kämpfenden hatte, aus Sorge, dem Feinde Hülfe herbeizurufen, eine Schußwaffe gebraucht, sondern nur das Messer und der Tomahawk waren thätig gewesen. Keiner von ihnen stand aufrecht, sondern alle lagen am Boden und wälzten sich in ihrem oder des Gegners Blute.

Winnetou stand eben im Begriffe, einem unter ihm Liegenden die Klinge in die Brust zu stoßen; er bedurfte meiner nicht. Old Firehand lag auf einem der Gegner und versuchte, einen zweiten, welcher ihm den Arm zerfleischte, von sich abzuhalten. Ich eilte ihm zu Hülfe und schlug den Dränger mit seinem eigenen Beile, welches ihm entfallen war, nieder. Dann ging’s zu Dick Stone, welcher zwischen zwei toten Rothäuten unter einem riesigen Manne lag, der sich alle Mühe gab, einen tödlichen Stich anzubringen. Es gelang ihm nicht; das Beil des Stammesgenossen machte seiner Bemühung ein Ende.

Stone erhob sich und brachte seine langweiligen Gliedmaßen in Ordnung.

„By god, Sir, das war Hülfe zur rechten Zeit! Drei gegen einen ist doch, wenn man nicht schießen

darf, ein wenig zu viel. Das muß so sein; habt Dank!“

Auch Old Firehand streckte mir die Hand entgegen und wollte eben sprechen, als sein Blick auf Parranoh fiel.

„Tim Finn — ist’s möglich? Der Häuptling selber. Wer hat’s mit ihm zu thun gehabt?“

„Mein junger, weißer Bruder hat ihn niedergeworfen,“ antwortete Winnetou statt meiner, und bemerkend, daß der Tote nicht verletzt, sondern nur durch den Druck der Hand besiegt worden war, fügte er mit einem Ausdruck des Erstaunens, wie ich noch nie gehört hatte, hinzu: „Der große Geist hat ihm die Kraft des Büffels gegeben, der die Erde pflügt mit seinem Horne.“

„Mann,“ rief Old Firehand, „wie Euch, so hab’ ichnoch keinen getroffen, so weit ich auch herumgekommen bin, und Ihr wollt nach dem Westen gekommen sein, nur um Steine und Pflanzen kennen zu lernen?“

Statt aller Antwort legte ich meine Hand auf seinen Arm. Die fast übermenschliche Anstrengung hatte meine Kräfte so überschritten, daß ich wie ein Frierender am ganzen Körper zitterte und kaum imstande war, die Hand an der Stelle festzuhalten.

„Fühlt Ihr jetzt, was für ein gewaltiger Held ich bin, Sir? Der Schwächste wehrt sich, wenn es sein Leben gilt, und hier handelte es sich nicht bloß um das meinige; denn wenn er obenauf gekommen wäre, so war es vielleicht aus mit uns allen vieren.

Die Partei des Ueberlebenden von uns beiden mußte siegen.“

„Aber wie ist es möglich, daß er mit den Seinen hier versteckt sein konnte, da Winnetou dort in der Nähe war?“

„Der weiße Häuptling ist nicht verborgen gewesen an der Seite des Apachen. Er hat bemerkt die Spuren seiner Feinde und ist ihnen nachgegangen auf ihrem Pfade. Seine Männer werden ihm nachkommen, und meine weißen Brüder müssen Winnetou schnell folgen in ihre Wigwams.“

„Hat recht, der Mann,“ bekräftigte Dick Stone. „Das muß so sein, und wir werden sehen müssen, daß wir zu den Unsrigen kommen.“

„Gut,“ erwiderte Old Firehand, von dessen Arme das Blut in hellen Strömen floß; „auf alle Fälle aber müssen wir die Spuren des Kampfes möglichst beseitigen. Gehe doch ein wenig vorwärts, Dick, damit wir nicht etwa überrascht werden.“

„Soll geschehen, Sir, aber nehmt mir doch zuvor einmal das Messer hier aus dem Fleische. Ich kann nicht gut zu dem Dinge kommen. Und erlaubt, daß ich zuvor meinen drei Vettern da nach dem Kopfe sehe; es scheint ihnen in den Haaren zu liegen.“

Nachdem er ihnen die Skalps genommen, trat er zu mir.

Einer von den dreien hatte ihm das Messer in die Seite gestoßen, und durch das Ringen war es immer weiter hinein gedrungen. Glücklicher Weise stak es an keiner gefährlichen Stelle und hinterließ bei

seiner Entfernung eine für Stones Eisennatur nur leichte Wunde.

In kurzer Zeit war das Notwendige gethan, und Dick Stone wurde herbeigeholt.

„Wie bringen wir unseren Gefangenen fort?“ fragte Old Firehand.

„Er wird getragen werden müssen,“ antwortete ich. „Wird aber seine Schwierigkeiten haben; wenn er vollständig zur Besinnung kommt.“

„Tragen?“ fragte Stone. „Ist mir seit etlichen Jahren nicht so wohl geworden und möchte diesem alten Knaben dieses Herzeleid auch nicht anthun.“

Mit einigen Schnitten trennte er eine Anzahl der nebenanstehenden Stämmchen von der Wurzel, nahm die Decke Parranohs wieder vor, schnitt sie in Streifen und meinte, uns vergnügt zunickend:

„Bauen da eine Schleife, einen Schlitten, ein Rutschholz oder so etwas zusammen, binden das Mannskind darauf fest und trollen uns damit von dannen. Das muß so sein!“

Der Vorschlag ward angenommen und ausgeführt, und bald setzten wir uns in Bewegung, die allerdings eine so deutliche Spur zurückließ, daß der hinterher gehende Winnetou alle Mühe hatte, sie nur einigermaßen zu verwischen.

      

Es war früh am andern Tage. Noch hatten die Strahlen der Sonne nicht die Spitzen der umliegenden Berge berührt, und tiefe Ruhe herrschte im Lager.

Ich aber war längst schon wach und auf den Felsen gestiegen, wo ich Ellen wiedergefunden hatte.

Unten im Thale wälzten sich dichte Nebelballen um die Büsche, oben aber war die Luft rein und klar und wehte mir mit ermunternder Kühle um die Schläfe. Drüben hüpfte ein Kernbeißer unter Brombeerranken auf und ab und lockte mit schwellender, pfirsichblütroter Kehle sein unfolgsames Weibchen; etwas tiefer saß ein blaugrauer Katzenvogel und unterbrach seinen Gesang zuweilen durch einen possierlichen, miauenden Schrei, und von unten herauf ertönte die wundervolle Stimme des Entenvogels, der am Schlusse jeder Strophe seine musikalische Bravour mit einem lauten Entengeschnatter applaudierte. Meine Gedanken waren weniger bei diesem Frühkonzerte als vielmehr bei den Erlebnissen des vorhergehenden Tages.

Nach dem Berichte eines unserer heimkehrenden Jäger, welcher, still durch die Waldungen schleichend, die Ogellallas auch bemerkt hatte, waren diese in noch größerer Anzahl vorhanden, als wir angenommen hatten; denn er war unten in der Ebene an einem zweiten Lagerplatz vorübergekommen, an welchem sich auch die Pferde befunden hatten.

Es war also mit Bestimmtheit anzunehmen, daß ihr Kriegszug nicht gegen einzelne Personen, sondern gegen unsere ganze Niederlassung gerichtet war, und aus diesem Grunde und der bedeutenden Anzahl der Feinde wegen durften wir unsere Lage keineswegs zu den beneidenswerten rechnen.

Die Vorbereitungen, welche getroffen werden mußten, einem Überfalle zu begegnen, hatten den gestrigen Nachmittag und Abend in der Weise ausgefüllt, daß wir keine Zeit gefunden hatten, über das Schicksal unseres Gefangenen eine Bestimmung zu treffen. Er lag wohlgebunden und gut bewacht in einer der Felsenkammern, und noch vorhin erst, gleich nach meinem Erwachen, hatte ich mich von der Zuverlässigkeit seiner Fesseln überzeugt.

Die nächsten Tage, vielleicht schon die heutigen Stunden mußten uns wichtige Entscheidung bringen, und es war wirklich ein außergewöhnlicher Ernst, mit welchem ich an meine gegenwärtige Lage dachte, als ich durch nahende Schritte aus dem Sinnen wachgerufen wurde.

„Guten Morgen, Sir. Der Schlaf scheint Euch ebenso geflohen zu haben, wie mich.“ Ich dankte dem Gruße und erhob mich aus meiner sitzenden Lage.

„Wachsamkeit ist die notwendigste Tugend in diesem gefahrvollen Lande, Miß.“

„Fürchtet Ihr Euch vor den Braunen?“ fragte diese lächelnd.

„Ich weiß, daß Ihr diese Frage nicht im Ernste aussprecht. Aber wir zählen im ganzen dreizehn Mann und haben einen zehnfach überlegenen Feind vor uns. Offen können wir uns desselben gar nicht erwehren, und unsere einzige Hoffnung besteht nur allein darin, von ihm nicht entdeckt zu werden.“

„Ihr seht die Sache doch wohl etwas zu schwarz.

Dreizehn Männer von der Art und Weise unserer Leute vermögen schon ein Erkleckliches zu leisten, und selbst wenn die Rothäute unser Versteck aufspürten, würden sie sich nichts als blutige Köpfe holen.“

„Ich hege andere Meinung. Sie sind ergrimmt über unsern Überfall, noch mehr aber über den gestrigen Verlust ihrer Leute und wissen jedenfalls ihren Häuptling in unseren Händen. Sie haben natürlich nach den Fehlenden gesucht, die Leichen gefunden und dabei Parranoh vermißt, und wenn eine so zahlreiche Horde um irgend eines Zweckes willen solche Strecken zurücklegt wie diese, so wird dieser Zweck auch mit der möglichsten Energie und Schlauheit zu erreichen gesucht.“

„Alles ganz recht, Sir, aber noch kein Grund zu schlimmen Befürchtungen. Ich kenne diese Leute besser als Ihr. Feig und verzagt von Natur, wissen sie nur hinterrücks zu handeln und den Wehrlosen anzugreifen. Wir haben ihre Jagdgründe durchstreift vom Mississippi bis zum stillen Meere, von Mexiko bis hinauf zu den Seen, haben sie vor uns hergetrieben, uns mit ihnen herumgeschlagen, vor der Übermacht fliehen und uns verbergen müssen, aber immer, immer wieder die Faust am Messer gehabt und die Oberhand behalten.“

Ich sah sie an, antwortete aber nicht, und es mußte in meinem Blicke etwas der Bewunderung Unähnliches gelegen haben, denn nach kurzer Pause fuhr sie fort:

„Sagt was Ihr wollt, Sir, es giebt Gefühle im

Menschenherzen, denen der thatkräftige Arm gehorchen muß, gleichviel, ob er ein männlicher oder weiblicher ist. Hätten wir gestern den bee-fork erreicht, so wäre Euch ein Grab zu Gesicht gekommen, welches zwei Wesen birgt, die mir die liebsten und teuersten gewesen sind auf der ganzen, weiten Erdenrunde. Sie wurden hingeschlachtet von Männern, welche dunkles Haar und braune Haut besaßen, und seit jenen schrecklichen Tagen zuckt mir’s in der Hand, wenn ich eine Skalplocke wehen sehe, und mancher Indianer ist blutend vom Pferde geglitten, wenn die Pistole blitzte, aus welcher das tötende Blei in das Herz meiner Mutter fuhr, und deren Sicherheit Ihr ja auch bei New-Venango kennen gelernt habt.“

Sie zog die Waffe aus dem Gürtel und hielt sie mir vor die Augen.

„Ihr seid ein guter Schütze, Sir; aber aus diesem alten Rohre würdet Ihr auf fünfzehn Schritte nicht den Stamm eines Hikory treffen. Ihr mögt also denken, wie oft und viel ich mich geübt habe, um meines Zieles gewiß zu sein. Ich weiß mit allen Instrumenten umzugehen; aber wenn es sich um Indianerblut handelt, dann greife ich nur zu dieser da; denn ich habe geschworen, daß jedes Körnchen Pulvers, welche jene mörderische Kugel trieb, mit dem Leben einer Rothaut bezahlt werden müsse, und ich glaube, ich stehe nicht sehr weit von der Erfüllung dieses Schwures. Dasselbe Rohr, welches die Mutter niederstreckte, soll auch das Werkzeug meiner Rache sein!“

„Ihr bekamt die Pistole von Winnetou?“

„Hat er Euch davon erzählt?“

„Ja.“

„Alles?“

„Nichts, als was ich eben sagte.“

„Ja, sie ist von ihm. Doch, setzt Euch, Sir. Ich versprach Euch gestern eine Aufklärung, und Ihr sollt das notwendigste erfahren, wenn die Sache auch nicht eine solche ist, über welche man viele Worte machen könnte.“

Sie nahm neben mir Platz, warf einen beobachtenden Blick über das unter uns liegende Thal und begann:

„Vater war Oberförster da drüben im alten Lande und lebte mit seinem Weibe und einem Sohne in ungetrübtem Glücke, bis die Zeit der politischen Gärung kam, welche so manchen braven Mann um seine Ziele betrogen hat und auch ihn in den Strudel trieb, welchem er sich schließlich nur durch die Flucht zu entziehen vermochte. Die Überfahrt kostete ihm die Mutter seines Kindes, und da er nach der Landung mittellos und ohne Bekannte in einer anderen und neuen Welt stand, so griff er zum ersten, was ihm geboten wurde, ging als Surveyor nach dem Westen und ließ den Knaben bei einer wohlhabenden Familie zurück, in welcher derselbe als Kind aufgenommen wurde.

„Einige Jahre verflossen ihm unter Gefahren und Abenteuern, welche aus ihm einen von den Weißen geachteten, von ihren Feinden aber gefürchteten Westmann machten. Da führte ihn eine Jagdwanderung

hinauf an den Quicourt, mitten unter die Stämme der Assineboins hinein, und hier traf er zum ersten Mal mit Winnetou zusammen, welcher von den Ufern des Colorado kam, um sich am oberen Mississippi den heiligen Thon für die Calumets seines Stammes zu holen. Beide waren Gäste des Häuptlings Tah-scha- tunga und lernten in dem Wigwam desselben Ribanna, seine Tochter kennen.

„Sie war schön wie die Morgenröte und lieblich wie die Rose des Gebirges. Keine unter den Töchtern des Stammes vermochte die Häute so zart zu gerben und das Jagdkleid so sauber zu nähen, wie sie, und wenn sie ging, um Holz zu holen für das Feuer ihres Kessels, so schritt ihre schlanke Gestalt wie die einer Königin über die Ebene, und von ihrem Haupte floß das Haar in langen Strähnen fast bis zur Erde herab. Sie war der Liebling Manitous, des großen Geistes, war der Stolz des Stammes, und die jungen Krieger brannten vor Begierde, sich die Skalps der Feinde zu holen, um sie ihr zu Füßen legen zu dürfen.

Aber keiner von ihnen durfte die Hand an ihre Hüfte legen; denn sie liebte den weißen Jäger, welcher schöner war und tapferer als alle die roten Männer und zu ihr sprach mit sanfter, wohltönender Stimme, deren Klang tief in ihr Herz drang und ihren jungfräulichen Busen erschwellen ließ unter süßen, sehnsüchtigen Gefühlen.

„Auch in seiner Seele war aufgegangen das Feuer des Verlangens; er folgte der Spur ihres Fußes, wachte über ihrem Haupte und sprach mit ihr wie

mit einer Tochter der Bleichgesichter. Da trat eines Abends Winnetou zu ihm.

„Der weiße Mann ist nicht wie die Kinder seines Volkes. Aus ihrem Munde fallen die Lügen wie die Boudins aus einem Büffelmagen; er aber hat stets die Wahrheit gesprochen zu Winnetou, seinem Freunde!“

„Mein roter Bruder hat den Arm eines starken Kriegers und ist der weiseste beim Feuer der großen Beratung. Er dürstet nicht nach dem Blute der Unschuldigen, und ich habe ihm gegeben die Hand eines Freundes. Er spreche!“

„Mein Bruder hat lieb Ribanna, die Tochter Tah-scha-tungas?“

„Sie ist mir lieber als die Herden der Prärie und die Skalpe aller roten Männer.“

„Und er wird gut mit ihr sein und nicht hart reden zu ihren Ohren, sondern ihr sein Herz geben und sie schützen gegen die bösen Stürme des Lebens?“

„Ich werde sie auf meinen Händen tragen und bei ihr sein in aller Not und Gefahr.“

„Winnetou kennt den Himmel und weiß die Namen und die Sprache der Sterne; aber der Stern seines Lebens gehet hinunter, und in seinem Herzen wird es dunkel und Nacht. Er wollte die Rose vom Quicourt nehmen in sein Wigwam und an ihre Brust legen sein müdes Haupt, wenn er zurückkehrt vom Pfade des Buffalo oder von den Dörfern seiner Feinde. Aber ihr Auge leuchtet auf seinen Bruder, und ihre Lippen sprechen den Namen des guten Bleichgesichtes. Der Apache wird gehen aus dem Lande des Glückes,

und sein Fuß wird einsam weilen an den Wogen des Gila. Seine Hand wird nimmermehr berühren das Haupt eines Weibes, und nie wird die Stimme eines Sohnes dringen an sein Ohr. Doch wird er zurückkehren zur Zeit, wenn das Elen durch die Pässe geht, und wird sehen, ob glücklich ist Ribanna, die Tochter Tah- scha-tungas.“

„Er drehte sich um, schritt in die Nacht hinaus und war am andern Morgen verschwunden.

„Als er zur Zeit des Frühlings zurückkehrte, fand er Ribanna, und ihre strahlenden Augen erzählten ihm besser als Worte von dem Glücke, welches ihr beschieden war. Er nahm mich, das erst einige Tage alte Kind, von ihrem Arme, küßte mir den kleinen Mund und legte seine Hand beteuernd auf mein Haupt:

„Winnetou wird sein über Dir wie der Baum, in dessen Zweigen die Vögel schlafen und die Tiere des Feldes Schutz finden vor der Flut, die aus den Wolken rinnt. Sein Leben sei Dein Leben und sein Blut wie Dein Blut. Nie wird der Hauch seines Atems stocken und die Kraft seines Armes erlahmen für die Tochter der Rose vom Quicourt. Möge der Tau des Morgens fallen auf Deine Wege und das Licht der Sonne auf Deine Pfade, damit Freude habe an Dir der weiße Bruder des Apachen. Howgh!“

„Jahre vergingen, und ich wuchs heran. Aber ebenso wuchs auch das Verlangen des Vaters nach dem zurückgelassenen Sohne, den ich ihm vergebens zu ersetzen strebte. Ich vergaß, ein Mädchen zu sein, nahm teil an den mutigen Spielen der Knaben und

ward erfüllt von dem Geiste des Krieges und der

Waffen. Da konnte Vater seiner Sehnsucht nicht länger gebieten; er ging nach dem Osten und nahm mich mit. Mir ging an der Seite des Bruders und mitten im civilisierten Leben eine neue Welt auf, von der ich mich nicht trennen zu können vermeinte. Vater kehrte allein zurück und ließ mich bei den Pflegeeltern des Bruders. Bald aber regte sich das Heimweh nach dem Westen mit solcher Macht in mir, daß ich es kaum zu bewältigen vermochte und nach dem nächsten Besuche des Vaters mit ihm wieder in die Heimat ging.

„Daselbst angekommen, fanden wir das Lager leer und vollständig ausgebrannt. Nach längerem Suchen entdeckten wir ein Wampum, welches Tah-scha-tunga zurückgelassen hatte, um uns bei unserer Ankunft von dem Vorgefallenen zu benachrichtigen.

„Tim Finnetey, ein weißer Jäger, war früher oftmals in unserem Lager gewesen und hatte die Rose vom Quicourt zur Squaw begehrt; aber die Assineboins waren ihm nicht freundlich gesinnt, denn er war ein Dieb und hatte schon zu mehreren Malen ihre „Caches“ geöffnet. Er wurde abgewiesen und ging, mit dem Schwur der Rache auf den Lippen. Vom Vater, der mit ihm in den Black Hills zusammengetroffen war, hatte er erfahren, daß Ribanna sein Weib sei, und er ging zu den Schwarzfüßen, um sie zu einem Kriegszuge gegen die Assineboins zu bewegen.

„Sie folgten seiner Stimme und kamen zu einer Zeit, in welcher die Krieger auf einem Jagdzug abwesend -

abwesend waren. Sie überfielen, plünderten und verbrannten das Lager, töteten die Greise und Kinder und führten die jungen Frauen und Mädchen gefangen mit sich fort. Als die Krieger zurückkehrten und die eingeäscherte Stätte sahen, folgten sie den Spuren der Räuber, und da sie ihren Rachezug nur einige Tage vor unserer Ankunft angetreten hatten, so war es uns vielleicht möglich, sie noch einzuholen.

„Laßt mich’s kurz machen. Unterwegs stießen wir auf Winnetou, welcher über die Berge gekommen war, die Freunde zu sehen. Er wandte auf des Vaters Bericht, ohne ein Wort zu verlieren, sein Pferd, und nie im Leben werde ich den Anblick der beiden Männer vergessen, welche lautlos, aber mit glühendem Herzen und drängender, angstvoller Eile den Weg der Vorangezogenen verfolgten.

„Wir trafen sie am bee-fork. Sie hatten die Schwarzfüße ereilt, welche im Flußthale lagerten, und erwarteten nur die Nacht, um über sie herzufallen. Ich sollte bei der Pferdewache zurückbleiben; aber es ließ mir keine Ruhe, und als der Augenblick des Überfalles kam, schlich ich mich zwischen die Bäume vor und kam grad an dem Rande des Gehölzes an, als der erste Schuß fiel. Es war eine furchtbare Nacht. Der Feind war uns überlegen, und das Kampfgeschrei verstummte erst, als der Morgen zu grauen begann.

„Ich hatte das Gewirr der wilden Gestalten gesehen, das Ächzen und Stöhnen der Verwundeten und Sterbenden gehört und betend im nassen Grase gelegen.

„Jetzt kehrte ich zur Wache zurück. Sie war verschwunden. -

verschwunden. Unsägliche Angst bemächtigte sich meiner, und als ich jetzt das Freudengeheul der Feinde vernahm, wußte ich, daß wir besiegt seien.

„Ich versteckte mich bis zum Abend und wagte mich dann auf den Platz, wo der Kampf stattgefunden hatte.

„Tiefe Stille herrschte ringsum, und der helle Schein des Mondes fiel auf die leblos daliegenden Gestalten. Gepackt von grausem Entsetzen irrte ich zwischen ihnen herum, und — da lag sie, die Mutter, mitten durch die Brust geschossen, die Arme krampfhaft um das kleine Schwesterchen geschlungen, dessen Köpfchen von einem tiefen Messerhiebe klaffte. Der Anblick raubte mir die Besinnung, und ich fiel ohnmächtig über sie hin.

„Wie lange ich dagelegen, ich wußte es nicht. Es wurde Tag und Abend und wieder Tag; da hörte ich leise Schritte in der Nähe. Ich richtete mich empor und — o Wonne — ich sah den Vater und Winnetou, beide in zerfetzten Kleidern und mit Wunden bedeckt. Sie waren der Übermacht erlegen und gefesselt fortgeschleppt worden, hatten sich aber loszumachen gewußt und waren entflohen.“

Tief Atem holend hielt sie inne und richtete ihr Auge mit starrem Ausdrucke in die Weite. Dann sich rasch zu mir wendend, fragte sie:

„Ihr habt noch Eure Mutter, Sir?“

„Ja.“

„Was würdet Ihr thun, wenn jemand sie Euch tötete?“

„Ich würde den Arm des Gesetzes walten lassen.“

„Gut. Und wenn derselbe zu schwach oder zu kurz ist, wie hier im Westen, so leiht man dem Gesetze den eigenen Arm.“

„Es ist ein Unterschied zwischen Strafe und Rache, Miß. Die erstere ist eine notwendige Folge der Sünde und eng verbunden mit dem Begriffe göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit; die zweite aber ist häßlich und betrügt den Menschen um die hohen Vorzüge, welche ihm vor dem Tiere verliehen sind.“

„Ihr könnt nur deshalb so sprechen, weil Euch kein Indianerblut durch die kalten Adern rinnt. Wenn der Mensch aber sich freiwillig dieser Vorzüge entäußert und zur lebensgefährlichen Bestie wird, so darf er auch nur als eine solche behandelt und muß verfolgt werden, bis ihn die tötende Kugel erreicht hat. Als wir an jenem Tage die beiden Toten in die Erde gescharrt und so den Angriffen der Aasgeier entzogen hatten, da gab es in den Herzen von uns dreien kein anderes Gefühl als das des glühendsten Hasses gegen die Mörder unseres Glückes, und es war unser eigenes Gelübde, welches Winnetou aussprach, als er mit tiefgrollender Stimme schwur:

„Der Häuptling der Apachen hat in der Erde gewühlt und den Pfeil der Rache gefunden. Seine Hand ist geballt, sein Fuß ist leicht und sein Tomahawk hat die Schärfe des Blitzes. Er wird suchen und finden Tim Finnetey, den Mörder der Rose vom Quicourt und seinen Skalp nehmen für das Leben Ribannas, der Tochter der Assineboins.“

„War Finnetey der Mörder, Miß?“

„Er war’s. In den ersten Augenblicken des Kampfes, als es schien, daß die überraschten Schwarzfüße unterliegen würden, schoß er sie nieder. Winnetou sah es, stürzte sich auf ihn, entriß ihm die Waffe und würde ihn getötet haben, wenn er nicht von andern gepackt und nach verzweifelter Gegenwehr gefangen genommen worden wäre. Zur Verspottung ließ man ihm die ungeladene Pistole; sie kam später als sein Geschenk in meine Hand und hat mich nie verlassen, mochte ich meinen Fuß auf die Trottoirs der Städte oder den Grasboden der Prärie setzen.“

„Ich muß Euch sagen, daß —“

Sie schnitt mir die Rede durch eine hastige Handbewegung ab.

„Was Ihr mir sagen wollt, weiß ich und habe es mir tausendmal schon selbst gesagt. Aber habt Ihr noch nie die Sage vom „flats-ghost“ vernommen, welcher in wilden Stürmen über die Ebene braust und alles vernichtet, was ihm zu widerstehen wagt? Es liegt ein tiefer Sinn in ihr, welcher uns sagen will, daß der ungezügelte Wille sich wie ein brandendes Meer über die Ebene ergießen müsse, bevor die Ordnung civilisierter Staaten hier festen Fuß fassen kann. Auch durch meine Adern pulsiert eine Woge jenes Meeres, und ich muß ihrem Drange folgen, obgleich ich weiß, daß ich in der Flut versinken werde.“

Es waren ahnungsvolle Worte, welche sie hiermit aussprach, und es folgte ihnen eine tiefe, gedankenreiche Stille, welche ich endlich mit einer leisen Vorstellung -

Vorstellung zu unterbrechen wagte. Sie hörte mich ruhig an und schüttelte dann den Kopf. Mit beredtem Munde gab sie eine Schilderung des Eindruckes, welchen jene Schreckensnacht auf ihr Gemüt hervorgebracht hatte, eine Beschreibung ihres späteren Lebens, welches sie zwischen den Extremen der Wildnis und Gesittung hin- und hergeworfen hatte, und ich lag vor ihr, dem Klange ihrer tiefen, sonoren Stimme lauschend und jedes ihrer Worte trinkend, welche, ohne mich zu überzeugen, doch offenen Eingang in mein Inneres fanden.

Da ertönte von unten herauf ein scharfer Pfiff. Sie unterbrach sich und meinte:

„Vater ruft die Leute zusammen. Kommt nach unten. Es wird Zeit, den Gefangenen vorzunehmen.“ Ich erhob mich und ergriff ihre Hand.

„Wollt Ihr mir eine Bitte erfüllen, Miß?“

„Gern, wenn Ihr nichts Unmögliches von mir verlangt.“

„Überlaßt ihn den Männern.“

„Ihr bittet gerade das, was ich nicht gewähren kann. Tausend und abertausend Male hat es mich verlangt, ihm Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen und den Tod entgegenschleudern zu können; tausend und abertausend Male habe ich mir diese Stunde ausgemalt mit allen Farben, welche der menschlichen Phantasie zu Gebote stehen; sie ist das Ziel meines Lebens, der Preis aller Leiden und Entbehrungen gewesen, die ich durchkämpft und durchkostet habe, und nun — da ich so nahe an der Erfüllung meines

größten Wunsches stehe, soll ich auf die Erfüllung desselben verzichten? Nein, nein, und abermals nein!“

„Dieser Wunsch wird erfüllt werden, auch ohne Eure unmittelbare Beteiligung, Miß; der Menschengeist hat nach höheren Zielen zu streben, als dasjenige ist, welches Ihr Euch vorgesteckt habt, und das Menschenherz ist eines heiligeren und größeren Glückes fähig, als die Befriedigung auch des glühendsten Rachegefühles bietet. Euch ist alles, alles gegeben, um glücklich zu sein und glücklich zu machen; warum wollt Ihr auf dieses Glück verzichten, indem Ihr die Hände in das Blut eines Elenden taucht und das von Euch werft, was allein den Wert des Weibes bestimmt — die Milde, die Liebe?“

„Die Liebe? Geht, Sir! Ihr habt Romane gelesen; man hört es.“ Sie wandte sich um und schritt mir voran den Felsensteig hinab.

Eigentümlich berührt von unsrer Unterhaltung, folgte ich ihr langsam nach. Wie alle Frauen, so gehorchte auch sie fast stets nur dem Drange ihres Gefühles, und wie ihrer lückenhaften Schilderung des Vergangenen der Zusammenhang mangelte und man sich gerade das Bedeutungsvolle, die Entwickelung ihres inneren, zwiespaltigen Wesens hinzudenken mußte, so war auch dieses Wesen in seiner gegenwärtigen Erscheinung ein unklares und der Vollendung mangelndes. Die Verhältnisse hatten die Erziehung des äußerlich so herrlichen Mädchens übernommen, und da diese Verhältnisse so verschiedenartige, so extreme waren, so

durfte es mich nicht wundern, daß ich mich von ihr zeitweilig ebenso sehr abgestoßen sah, wie ich mich vorher von ihr angezogen gefühlt hatte.

Nachdem ich erst zu Swallow gegangen war, um dem braven Tiere meinen Morgengruß zu bringen, trat ich zu der Versammlung, welche rund um den jetzt an einen Stamm gebundenen Parranoh stand. Man beriet über die Art seines Todes.

„Ausgelöscht muß er werden, der Halunke, wenn ich mich nicht irre,“ meinte eben Sam Hawkens; „aber ich möchte meiner Liddy nicht das Herzeleid anthun, dieses Urteil auszuführen, meine ich.“

„Sterben muß er; das muß so sein,“ stimmte Dick Stone, mit dem Kopfe nickend, bei, „und es soll mir Freude machen, ihn am Aste hängen zu sehen; denn ein anderes hätte er nicht verdient. Was meint Ihr, Sir?“

„Wohl,“ antwortete Old Firehand. „Unser schöner Platz hier darf aber nicht mit dem Blute dieses Scheusals verunreinigt werden. Da draußen am bee-fork hat er die Meinen gemordet, und da draußen an derselben

Stelle soll er auch seine Strafe finden. Der Ort, welcher meinen Schwur gehört, soll auch die Erfüllung desselben sehen.“

„Erlaubt, Sir,“ fiel Stone ein; „warum soll ich den skalpierten Rotweißen umsonst auf dem Schleifholze hierher transportiert haben? Glaubt Ihr, daß ich ein Vergnügen daran finde, den Braunhäuten dafür nun meine Schmachtlocken zu überlassen?“

„Was meint Winnetou, der Häuptling der

Apachen?“ fragte Old Firehand, die Gründe dieses Einwurfes begreifend.

„Winnetou fürchtet nicht die Pfeile der Ogellalla; er trägt in seinem Gürtel die Haut des Hundes von Athabaskah und schenkt den Leib des Feindes seinem weißen Bruder.“

„Und Ihr?“ wandte sich der Fragende jetzt auch zu mir.

„Macht’s kurz mit ihm! Furcht vor den Indsmen wird wohl keiner von uns haben; aber ich halte es nicht für nötig, uns in unnötige Gefahr zu begeben und dabei unsern Aufenthalt zu verraten. Der Mensch ist ein solches Wagnis nicht wert.“

„Ihr könnt ja hier bleiben, Sir, um Euer Schlafkabinett zu bewachen,“ riet mir Ellen mit zweifelhaftem Achselzucken. „Was aber mich betrifft, so verlange ich unbedingt das Urteil an demselben Orte vollstreckt, an welchem die Opfer des Mörders liegen. Das Schicksal bestätigt mein Verlangen dadurch, daß es ihn uns hier und nirgends anderswo in unsere Hände gab. Was ich verlange, bin ich denen schuldig, an deren Grabe ich den Schwur gethan habe, nicht zu ruhen und zu rasten, bis sie gerächt seien.“

„Thut, was Ihr wollt, Miß!“ erwiderte ich kalt und wandte mich ab. Das mehr als Unweibliche, das wahrhaft Dämonische, welches aus ihren Worten, aus jeder ihrer Mienen sprach, stieß mich heftig von ihr ab und brachte ein Schmerzgefühl in meinem Innern hervor, als bohre sich ein kalter, spitzer Stahl mir in das Herz.

Der Gefangene stand aufrecht an den Stamm gelehnt und verzog trotz der Schmerzen, welche die tief in sein Fleisch eindringenden Fesseln ihm verursachen mußten, und trotz der ernsten Bedeutung, welche die Verhandlung für ihn hatte, keine Falte seines von Alter und Leidenschaft durchfurchten Angesichtes. In seinen abschreckenden Gesichtszügen stand die ganze Geschichte seines Lebens geschrieben, und der Anblick des nackten, in blutigen Farben spielenden Schädels erhöhten den schlimmen Eindruck, welchen der Mann selbst auf den unparteiischen Beschauer machen mußte.

Nach einer längeren Beratung, an welcher ich mich unbeteiligt hielt, löste sich der Kreis auf, und die Jäger rüsteten sich zum Aufbruche.

Der Wille des Mädchens war also doch durchgedrungen, und ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, daß uns daraus Unheil entstehen müsse. Old Firehand trat zu mir und legte die Hand auf meine Schulter.

„Laßt es ruhig gehen, wie es gehen will, Mann, und legt keinen falschen Maßstab an Dinge, welche nicht nach der Schablone Eurer sogenannten Bildung geschnitten sind.“

„Ich gestatte mir kein Urteil über Eure Handlungsweise, Sir. Das Verbrechen muß seine Strafe finden; das ist einmal richtig; doch werdet Ihr mir nicht zürnen, wenn ich meine, daß ich mit der Exekution nichts zu thun habe. Ihr geht nach dem bee-fork?“

„Wir gehen, und da Ihr Euch nun doch mit der

Sache nicht befassen wollt, so ist es mir lieb, jemanden hier zu wissen, dem ich die Sicherheit unsers Lagerplatzes anvertrauen darf.“

„Wird nicht an mir liegen, wenn etwas geschieht, was wir nicht wünschen, Sir. Wann kommt Ihr zurück?“

„Kann’s nicht bestimmt sagen; richtet sich nach dem, was wir draußen finden. Also lebt wohl und haltet die Augen offen!“

Er trat zu denen, welche bestimmt waren, ihn mit dem Gefangenen zu begleiten. Dieser wurde vom Baume losgebunden, und als Winnetou, welcher gegangen war, um sich von der Sicherheit der Passage zu überzeugen, zurückkehrte und die Meldung machte, daß er nichts Verdächtiges bemerkt habe, schob man Finnetey einen Knebel in den Mund und schritt dem Ausgange zu.

„Mein weißer Bruder bleibt zurück?“ fragte der Apache, ehe er sich dem Zuge anschloß.

„Der Häuptling der Apachen kennt meine Gedanken; mein Mund braucht nicht zu sprechen.“

„Mein Bruder ist vorsichtig wie der Fuß, ehe er in das Wasser der Krokodile tritt; aber Winnetou muß gehen und sein bei der Tochter Ribannas, welche starb von der Hand des Athabaskah.“

Er ging; ich wußte, daß meine Ansicht auch die seinige sei und er nur aus Sorge für die andern und ganz besonders für Ellen sich entschlossen habe, ihnen zu folgen.

Nur wenige der Jäger waren zurückgeblieben,

unter ihnen Dick Stone. Ich rief sie zu mir und machte ihnen die Mitteilung, daß ich beabsichtige, einmal hinauszugehen, um mir die Büsche anzusehen.

„Wird wohl nicht nötig sein, Sir,“ meinte Stone. „Der Posten steht ja draußen und hält die Augen offen, das muß so sein, und außerdem ist ja auch der Apache auf Umschau ausgewesen. Bleibt hier und pflegt Euch. Werdet schon noch Arbeit bekommen!“

„In wiefern?“

„Na, haben ja Augen und Ohren, die Rothäute, und werden schon merken, daß es da draußen was zu fangen giebt. Sind schlaue Kerls; das muß so sein.“

„Gebe Euch vollständig recht, Dick, und werde deshalb mal zuschauen, ob sich irgend etwas regen will. Nehmt Ihr indessen den Ort hier in Eure Obhut! Werde nicht sehr lange auf mich warten lassen.“

Ich holte die Büchse und begab mich hinaus. Der Wachtposten versicherte mir, nichts Verdächtiges bemerkt zu haben; aber ich hatte gelernt, nur meinen eigenen Augen zu trauen, und durchbrach den Saum des Gebüsches, um dasselbe nach Indianerspuren abzusuchen.

Gerade dem Eingange unsers Thalkessels gegenüber bemerkte ich einige abgeknickte Zweige und fand bei näherer Untersuchung des Bodens, daß hier ein Mensch gelegen und bei seiner Entfernung die Eindrücke, welche sein Körper auf das abgefallene Laub und den lockeren Humusboden hervorgebracht, mit Sorgfalt verwischt und möglichst unbemerkbar gemacht hatte.

Man hatte uns also belauscht, unsern Aufenthalt entdeckt, und jeder Augenblick konnte uns einen Angriff bringen. Da ich aber schloß, daß der Feind zunächst wohl sein Augenmerk auf Parranoh und seine Eskorte richten werde, so war es vor allen Dingen notwendig, Old Firehand womöglich noch rechtzeitig zu warnen, und ich beschloß, dem vorangegangenen Zuge schleunigst zu folgen.

Nachdem ich der Wache die nötigen Anweisungen gegeben, schritt ich den Spuren unserer Leute, welche längs des Flusses sich aufwärts begeben hatten, nach und kam auf diesem Wege an dem Schauplatze unserer gestrigen Thaten vorüber. Wie ich geahnt, so war es geschehen; die Ogellallas hatten die beiden Toten entdeckt, und aus der Menge des niedergetretenen Grases war zu schließen, daß sie sich in bedeutender Anzahl an dem Orte eingefunden hatten, um die Leichname ihrer Brüder zu holen.

Noch war ich nicht sehr weit über diesen Punkt hinausgekommen, als ich auf neue Spuren stieß. Sie kamen seitwärts aus dem Gebüsch und führten auf dem Wege weiter, welchen unsere Jäger eingeschlagen hatten. Ich folgte ihnen, wenn auch mit möglichster Vorsicht, so doch in größester Eile, und legte so in verhältnismäßig kurzer Zeit eine bedeutende Strecke zurück, sodaß ich bald die Stelle erreichte, an welcher sich die Wasser des bee-fork in die Fluten des Mankizila ergossen.

Da ich den Platz nicht kannte, an welchem die Exekution vor sich gehen sollte, so mußte ich meine

Vorsicht jetzt verdoppeln und folgte, die Spuren nur von der Seite im Auge behaltend, ihrer Richtung durch das nebenanlaufende Gebüsch.

Jetzt machte das Flüßchen eine Biegung und grenzte an dieser Stelle eine Lichtung ab, von welcher sich der sogenannte „schwarze Wuchs“ zurückgezogen und den Gräsern den nötigen Raum zur ungehinderten Entwickelung gelassen hatte. Mitten auf dem freien Platze stand eine Gruppe von Balsamfichten, unter deren Zweigen die Jäger in lebhaftem Gespräche saßen, während der Gefangene an einen der Stämme gebunden war.

Gerade vor mir, höchstens drei Manneslängen von meinem Standorte entfernt, lugten eine kleine Anzahl Indianer durch den Buschrand hinaus auf die Blöße, und es war mir augenblicklich klar, daß die anderen rechts und links abgegangen waren, um die Belauschten von drei Seiten einzuschließen und durch einen plötzlichen Überfall niederzumachen oder in den Fluß zu treiben.

Es war keinen Augenblick Zeit zu verlieren. Ich nahm den Henrystutzen an die Wange und drückte ab. Für die ersten Sekunden verursachten meine Schüsse das einzige Geräusch, welches zu hören war; denn sowohl Freunde wie Feinde befanden sich in lebhafter Überraschung über die unerwartete Durchkreuzung ihres Vorhabens. Sodann aber gellte ein markerschütterndes „Ho-ho-hi“, der Kampfesruf der Indianer, fast hinter jedem Strauche hervor, eine

Wolke von Pfeilen drang von allen Seiten aus dem Gebüsche, und im Nu war der Platz von heulenden, keuchenden und schreienden Menschen bedeckt, welche im wütendsten Handgemenge miteinander kämpften.

Fast zu gleicher Zeit mit den Indianern war auch ich vorgesprungen, um an der Seite von Ellen zu sein, und kam gerade recht, einen der Rothäute niederzuschlagen, welcher auf sie eindrang. Das Mädchen war emporgeschnellt und hatte die Pistole erhoben, um Parranoh nieder zu schießen, war aber von dem Indianer, welcher die Absicht bemerkt hatte, daran verhindert worden. Mit den Rücken gegen einander oder die Baumstämme gelehnt, verteidigten sich die Jäger mit allen ihnen zu Gebote stehenden Kräften gegen die sie umzingelnden Wilden. Es waren lauter wohlgeschulte Trapper, welche schon manch harten Strauß ausgefochten hatten und keine Furcht kannten; aber es war klar, daß sie hier der Übermacht erliegen mußten, zumal sie vorhin den Indianern ein offenes Ziel geboten hatten und infolgedessen fast alle verwundet waren.

Einige der Braunen hatten gleich im ersten Augenblick sich auf Parranoh geworfen, um ihn seiner Bande zu entledigen, und so sehr dies auch Firehand und Winnetou, welche von ihm weggedrängt worden waren, zu hintertreiben suchten, so war ihnen diese Absicht doch endlich gelungen. Mit einem kräftigen Schlage schleuderte der muskulöse Mann die Arme in die Luft, um das stockende Blut wieder in Bewegung zu bringen, entriß der Hand eines seiner

Leute den Tomahawk und knirschte, auf Winnetou eindringend:

„Komm her, Du Hund von Pimo! Du sollst jetzt meine Haut bezahlen!“

Der Apache, welcher sich mit dem Schimpfnamen seines Stammes angeredet fühlte, drang sofort auf ihn ein; aber es war zu sehen, daß er einem Gegner, dessen Kräfte die Wut verzehnfacht hatte, nur mit äußerster Mühe werde standhalten können, zumal er schon verwundet war und in demselben Augenblicke auch von beiden Seiten angefallen wurde. Old Firehand war rund von Feinden umgeben, und wir andern alle waren so in Anspruch genommen, daß wir an eine gegenseitige Hülfe gar nicht denken konnten.

Längerer Widerstand wäre hier die größeste Thorheit und ein falsches Ehrgefühl am unrechten Platze gewesen. Deshalb rief ich, Ellen am Arme durch den Kranz der Feinde, welcher uns umgab, reißend:

„Ins Wasser, Männer, ins Wasser!“ und fühlte dasselbe auch schon im nächsten Augenblicke über mich zusammenschlagen.

Mein Ruf war trotz des laut tobenden Kampfes gehört worden, und wer sich loszumachen vermochte, folgte ihm. Der Fork war, wenn auch tief, aber doch so schmal, daß es nur weniger Ruderschläge bedurfte, um das jenseitige Ufer zu erreichen; aber in Sicherheit waren wir natürlich damit noch lange nicht, vielmehr beabsichtigte ich, die zwischen ihm und dem Mankizila auslaufende Landspitze zu durchschneiden und dann den letzteren zu überschwimmen, und schon winkte ich

dem Mädchen nach der Richtung hin, welche wir auf diese Weise einzuschlagen hatten, als die kleine, krummbeinige Gestalt Sams in triefendem Jagdrocke und schwappenden Moccassins an uns vorüberschoß und, die kleinen Äuglein schlau auf die verfolgenden Feinde zurückwerfend, mit einem raschen Satze seitwärts im Weidengestrüpp verschwand.

Sofort waren wir hinter ihm her; denn die Zweckmäßigkeit seines Verfahrens war zu einleuchtend, als daß ich an meinem vorherigen Plane hätte festhalten mögen.

„Der Vater, der Vater!“ rief Ellen angstvoll. „Ich muß zu ihm; ich darf ihn nicht verlassen!“

„Kommt nur, Miß,“ drängte ich und zog sie immer vorwärts. „Wir vermögen nicht, ihn zu retten, wenn es nicht schon ihm selbst gelungen ist!“

Mit möglichster Raschheit uns durch das Dickicht windend, gelangten wir schließlich wieder an den bee-fork, und zwar oberhalb der Stelle, an welcher wir in das Wasser gesprungen waren. Sämtliche Indianer hatten ihre Richtung auf den Mankizila zu genommen, und als wir drüben anlangten, konnten wir mit ziemlicher Sicherheit unsern Weg fortsetzen. Sam Hawkens aber schien zu zaudern.

„Seht Ihr dort die Büchsen liegen, wie mir scheint, Sir?“

„Die Indsmen haben sie abgeworfen, ehe sie in das Wasser gingen.“

„Hi, hi, Sir, sind das dumme Männer, uns ihre Schießhölzer liegen zu lassen, wenn ich mich nicht irre!“

„Ihr wollt sie holen? Es ist Gefahr dabei.“

„Gefahr? Sam Hawkens und Gefahr!“

In raschen Sprüngen, welche ihm das Ansehen eines gejagten Känguru gaben, eilte er davon und las die Gewehre zusammen. Ich war ihm natürlich gefolgt und zerschnitt, die Bogen, welche zerstreut umherlagen, vom Boden nehmend, deren Sehnen, sodaß sie wenigstens für einige Zeit unbrauchbar wurden.

Niemand störte uns in dieser Beschäftigung; denn die Rothäute ahnten sicherlich nicht, daß einige von den Verfolgten die Verwegenheit besitzen könnten, nach dem Kampfplatze zurückzukehren. Hawkens hatte die Gewehre in den Händen, betrachtete sie mit mitleidigen Blicken und warf dann alle miteinander in das Wasser.

„Schönes Zeug, Sir, schönes Zeug! Können die Ratten hinein hecken in die Läufe, meine ich, ohne daß sie viel gestört werden. Aber kommt, es ist hier nicht geheuer, wenn ich mich nicht irre!“

Wir schlugen den geradesten Weg mitten durch dick und dünn ein, um sobald wie möglich das Lager zu erreichen. Nur ein Teil der Indianer war am bee-fork gewesen, und da ich gesehen hatte, daß man uns belauscht und also Kenntnis von unserm Aufenthaltsorte genommen hatte, so stand zu vermuten, daß die übrigen die Abwesenheit der Jäger zu einem Überfalle der Zurückgebliebenen benutzt hatten.

Noch hatten wir eine ziemliche Strecke zurückzulegen, als wir einen Schuß aus der Richtung des Thalkessels vernahmen.

„Vorwärts, Sir!“ rief Hawkens und beschleunigte seine Bewegungen. „Da vorn wird’s lebendig, scheint es mir, und wir können die armen Braunen doch nicht so allein beim Vergnügen stehen lassen, wenn ich mich nicht irre.“

Ellen hatte noch kein Wort wieder gesprochen, und mit angstvollen Zügen drängte sie in hastiger Eile vorwärts. Es war gekommen, wie ich vorher gesagt hatte, und wenn ich auch nicht unternehmen konnte, einen Vorwurf auszusprechen, so sah ich es ihr doch deutlich an, daß sie dieselbe Einsicht hegte.

Die Schüsse wiederholten sich, und es blieb uns kein Zweifel, daß die zurückgebliebenen Jäger in einem Kampfe mit den Indianern sich befanden. Hier war Hülfe notwendig, und trotz der Unwegsamkeit des Gehölzes gelang es uns doch in kurzem, das Thal zu erreichen, in welches der Ausgang unseres

„Schlosses“ mündete. Wir hielten auf den Punkt zu, welcher diesem Ausgange gegenüber lag und wo ich die Spuren des Indianers entdeckt hatte. Jedenfalls lagen die Rothäute im Saume des Waldes verborgen und blockierten von da aus das „Wasserthor“. Wir mußten ihnen also in den Rücken kommen, wenn wir einen Erfolg erzielen wollten.

Da hörte ich seitwärts hinter uns ein Geräusch, als dringe jemand in aller Eile durch die Büsche. Auf ein Zeichen von mir traten die beiden anderen ebenso wie ich hinter das dichte Blätterwerk eines Strauches und erwarteten das Erscheinen desjenigen, welcher dieses Geräusch verursachte. Wie groß war

unsere Freude, als wir Old Firehand erkannten, hinter welchem Winnetou und noch zwei Jäger folgten. Sie waren also der Verfolgung entkommen, und wenn Ellen ihre Freude über das Wiedersehen auch nicht in auffälliger Weise kund gab, so war ihr dieselbe doch in einer Weise anzumerken, welche mir die Überzeugung gab, daß ihr Herz gar wohl mächtiger Gefühle fähig sei, und mich mit ihr vollständig aussöhnte.

„Habt Ihr die Schüsse gehört?“ fragte Old Firehand hastig.

„Ja.“

„So kommt! Wir müssen den Unsrigen Hülfe bringen. Denn wenn der Eingang auch noch so schmal ist, daß ein einzelner Mann ihn recht gut zu verteidigen vermag, so wissen wir doch nicht, was geschehen ist.“

„Nichts ist geschehen, Sir, wenn ich mich nicht irre!“ meinte Sam Hawkens. „Die Rothäute haben unser Nest entdeckt und sich nun davor gelegt, um zu sehen, was wir darinnen ausbrüten wollen, meine ich. Bill Bulcher, welcher die Wache hat, wird ihnen ein wenig Blei gegeben haben, und so hat der ganze Lärm also nichts zu bedeuten, als daß wir uns noch einige Rattenfelle holen sollen.“

„Möglich, daß es so ist; aber wir müssen trotzdem vorwärts, um uns Gewißheit zu verschaffen. Auch ist zu bedenken, daß unsere Verfolger bald hier sein werden und wir es dann mit einer doppelten Anzahl Indianer zu thun haben.“

„Aber unsere versprengten Leute?“ warf ich ein.

„Hm, ja; wir brauchen jeden Arm so notwendig,

daß wir keinen von ihnen entbehren können. Der einzelne wird sich den Eingang nicht erzwingen können; wir müssen also sehen, ob sich nicht vielleicht noch irgendwer zu uns finden will.“

„Meine weißen Brüder mögen bleiben hier an diesem Orte. Winnetou wird gehen, um zu sehen, an welchem Baume die Skalpe der Ogellallas hangen.“

Ohne eine Antwort auf diesen Vorschlag abzuwarten, ging der Apache von dannen, und wir konnten nichts anderes thun, als ihm Folge leisten, indem wir uns niederließen, um seine Rückkehr zu erwarten. Während dieser Zeit gelang es uns wirklich, noch zwei von unsern zerstreuten Leuten an uns zu ziehen. Auch sie hatten das Schießen vernommen und waren herbeigeeilt, um die vielleicht notwendige Hülfe zu bringen. Der Umstand, daß wir alle den geradesten Weg mitten durch den Wald eingeschlagen hatten, war die alleinige Ursache unseres glücklichen Zusammentreffens, und wenn es auch keinen gab, der ohne Wunder dem Überfalle entgangen war, so besaßen wir doch immer noch die gute Zuversicht, daß wir uns glücklich aus der Affaire ziehen würden. Wir waren ja neun Personen, eine Anzahl, die bei kräftigem Zusammengreifen schon etwas auszurichten vermochte.

Es verging eine geraume Zeit, ehe Winnetou zurückkehrte; aber als er kam, sahen wir einen neuen Skalp in seinem Gürtel. Er hatte also einen der Indianer in aller Stille „ausgelöscht“, und unseres Bleibens konnte hier nun nicht länger sein; denn wenn der Tod eines der Ihrigen bemerkt wurde, so mußten

die Indsmen sofort erkennen, daß wir hinter ihnen seien.

Auf Old Firehands Rat sollten wir eine dem Buschrande parallel laufende Linie bilden, dem Feinde in den Rücken fallen und ihn aus seinem Verstecke hinauswerfen. Infolge dessen trennten wir uns, nachdem wir unsere vom Wasserbade naß gewordenen Gewehre wieder schußfähig gemacht hatten, und kaum waren einige Minuten vergangen, so krachte eine der neun Büchsen nach der andern. Jede Kugel forderte ihren Mann, und ein lautes Schreckensgeheul der Überraschten erfüllte die Luft.

Da unsere Linie eine ziemlich gedehnte war und unsere Schüsse immer von neuem fielen, so hielten die Wilden unsere Zahl für größer, als sie war, und nahmen die Flucht. Aber anstatt in den freien Thalraum hinaus zu gehen, wo ihre Körper uns ein sicheres Ziel geboten hätten, brachen sie zwischen uns durch und ließen die Gefallenen zurück, über welche die Jäger sofort herfielen, um ihnen die Kopfhaut zu nehmen.

Bill Bulcher, der Wachthabende, hatte das Nahen der Rothäute bemerkt und sich zu rechter Zeit noch nach der „Festung“ zurückgezogen. Sie waren ihm gefolgt, hatten aber nach einigen Schüssen, die er und der herbeieilende Dick Stone von dem engen Felsengange aus, in den sie ihnen nicht folgen konnten, unter sie gefeuert, sich wieder zurückgezogen und im Gebüsche festgesetzt, aus welchem wir sie jetzt vertrieben hatten.

Die beiden Genannten staken noch immer im Wasserthore; denn da sie sich nicht bloßgeben durften,

so konnten sie nicht eher zum Vorschein kommen, als bis wir uns gezeigt hatten. Als dies geschehen war, standen sie und alle andern Zurückgebliebenen bei uns und hörten den Bericht über das Geschehene.

Der letzte, der aus den Büschen kam, war Sam der Kleine, welcher allsogleich auf Dick Stone zusteuerte.

„Schau her, Mann, was für Arbeit mein Messer gemacht hat, meine ich!“

Unter dem Grinsen, mit welchem die Worte gesprochen wurden, sträubte sich der Bartwald des alten Jägers wie der Borstenbesatz eines Stachelschweines, und mit stolzem Augenfunkeln reckte er dem Angeredeten die eben erst abgezogenen Skalpe vor die Nase.

„Hm, ja! Hast sie Dir wohl wieder von dem da schießen lassen?“

„Keine Beleidigung, altes Stunck! Sam Hawkens weiß schon eine Kugel dahin zu schicken, wo sie hingehört, wenn ich mich nicht irre; bei Dick Stone freilich kann es anders sein.“

„Nimm Dein Mundwerk unter die Serape, Mann, sonst springe ich Dir in den Bart. Wenn Dick Stone Skalpe braucht, wird er sich schon welche holen; das muß so sein.“

Mit einigen raschen Schritten ging er seitwärts, wo am Rande des Wassers drei Indianer lagen, welche beim ersten Vordringen auf die Wasserpforte unter den Kugeln der Jäger gefallen waren. Er löste ihnen die Kopfhäute, hing sich zwei von denselben -

denselben an seinen eigenen Gürtel und gab die dritte an Bulcher.

„Hier, Bill, hast Du Dein Teil. Hat nicht viel Weisheit drunter gesteckt, sonst hätte sich der Braune nicht so weit an unsere Büchsen gemacht. Trag sie gesund und halte die fest, welche Dir über die Ohren gewachsen ist, alter Bison, damit Du nicht auch eine Haube brauchst wie Sam Hawkens, der Goliath!“

„Laßt’s gut sein, Leute, und macht, daß wir in Sicherheit kommen,“ meinte Old Firehand; „denn es wird wohl nicht lange dauern, so haben wir die Rothäute wieder hier.“

„Wird mir lieb sein!“ brummte Sam Hawkens. „Habe mit ihnen ein Wörtchen zu reden wegen des Wasserspringens, meine ich. Aus dem Rocke trieft’s wie ein Wolkenbruch, und in den Schuhen, na, da wate ich rum, als stäken meine alten Beine im Schlamme des Mississippi, wenn ich mich nicht irre. Mögen immer kommen; meiner Liddy juckt’s im Rohre.“

In diesem Augenblicke kam es von der Seite heraufgedonnert wie eine Herde wilder Büffel. Sofort sprangen wir ins Gesträuch und machten uns schußfertig. Wie groß aber war unser Erstaunen, als wir eine Anzahl aufgezäumter Pferde erblickten, auf deren vorderstem ein Mann in Jägertracht saß, dessen Züge vor dem aus einer Kopfwunde rinnenden Blut nicht zu erkennen waren. Auch am Körper trug er mehrere Verletzungen, und es war ihm anzusehen,

daß er sich in einer nicht beneidenswerten Lage befunden hatte.

Grad vor dem Orte, an welchem sich gewöhnlich der Posten befand, hielt er an und schien sich nach dem letzteren umzusehen. Als er ihn nicht bemerkte, ritt er kopfschüttelnd weiter und sprang beim Wasserthore vom Pferde. Da ließ sich neben mir im Busche eine laute Stimme vernehmen:

„Jetzt lasse ich mich schinden und ausnehmen wie einen Dickschwanz, wenn das nicht Will Parker ist. So sauber fällt kein anderer vom Pferde wie dieser Mann, meine ich!“

„Sollst recht haben, altes Coon! Will Parker ist’s, das Greenhorn — weißt’s noch, Sam Hawkens? Will Parker und ein Greenhorn, hahaha!“ Und als wir andern nun auch hervortraten, rief er:

„Segne meine Augen. Da sind sie ja alle, die Springfüße, die mit meiner Mutter Sohne so tapfer vor den Rothäuten herliefen! Na, Sir, nehmt’s nicht übel, aber zuweilen ist das Laufen besser, als irgend etwas anderes.“

„Weiß es, Mann; doch sag’, was will’s mit den Pferden?“ fragte Old Firehand.

„Hm! Hatte so meine Ansicht, daß die Braunen den alten Will Parker überall eher suchen würden, als in ihrem eigenen Lager. Bin deshalb erst hinüber nach dem Gutter; war aber nichts mehr da zu finden. Darum machte sich das Greenhorn — hörst Du, Sam Hawkens, hahaha — das Greenhorn nach dem „couch“, wo sie die Pferde hatten. Waren ausgeflogen, -

ausgeflogen, die Vögel, und hatten zwei bei den Tieren gelassen, damit sie mir ihre Felle geben sollten; ist ihnen auch nach Willen geschehen!“

Er zeigte dabei auf die Skalpe, welche in seinem Gürtel hingen.

„Hab’ sie mir selber geholt und nicht dem — dem — dem jungen Skalper da zu verdanken, Sam Hawkens. War böse Arbeit, sage ich, und hat mir einige Löcher eingetragen; aber Will Parker dachte den Indsmen eine Freude zu machen, wenn er ihnen von ihren Pferden helfe. Habe die schlechten hinaus in die Prärie gejagt und die guten mitgebracht; da sind sie!“

„Hm, das muß so sein!“ rief Dick Stone vor Erstaunen über die Heldenthat des Sprechers.

„Freilich muß das so sein,“ antwortete Parker; „denn wenn wir den Pfeilmännern ihre Pferde nehmen, so kommt „ihr Holz ins Schwimmen“, und sie müssen elend untergehen. Aber da liegen ja drei von ihnen! Aha, hier gewesen, und drum war es im couch so leer. Seht Euch doch den Braunen an, Sir; ein Pferd wie

„Tabak“. Muß dem Häuptling gehören!“

„Den wir so schön an die Luft geführt haben, wenn ich mich nicht irre,“ grollte Sam der Kleine. „War ein heilloser Streich, meine ich.“

Old Firehand hörte den Vorwurf nicht. Er war zu dem Braunen getreten und betrachtete das Tier mit bewundernden Blicken.

„Ein Kapitalroß,“ wandte er sich zu mir: „wenn

mir die Wahl gelassen würde, wüßte ich nicht, ob ich Swallow nähme oder diesen da.“

„Winnetou spricht mit der Seele des Rosses und hört den Puls seiner Adern. Er nimmt Swallow,“ entschied der Apache.

Da ließ ein scharfzischender Laut sich hören; ein Pfeil flog Hawkens an den Arm, fiel aber, von dem brettsteifen, eisenharten Leder des Ärmels abgleitend, zur Erde, und in demselben Augenblicke erscholl betäubendes „Ho — ho — hi“ aus dem Dickicht hervor. Trotz dieser kriegerischen Demonstration aber ließ sich keiner der Wilden sehen, und Sam meinte, den Pfeil vom Boden nehmend und betrachtend:

„Hahaha, Sam Hawkens’ Rock und so ein dummes Gewächs durchgehen, meine ich! Habe dreißig Jahre lang einen Flicken auf den andern gesetzt und stecke nun drin wie San Jago in Abrahams Schooß, wenn ich mich nicht irre.“

Weiter hörte ich von seiner an das alte Kleidungsstück gerichteten Ode nichts; denn wir sprangen natürlich sofort in den Busch, um den unfreundlichen Gruß gehörig zu beantworten. Hätten wir uns in die „Burg“ flüchten wollen, so wäre das wegen der Enge des Einganges so langsam vor sich gegangen, daß, da wir ohne alle Deckung waren, einer nach dem andern weggeschossen werden konnte. Auch mußten wir dann die erbeuteten Pferde im Stiche lassen, da ihr Transport durch die schmale Felsenwindung uns ungemein aufgehalten hätte, und vor allem war aus dem Umstande, daß der Feind zu keinem Angriffe

vorging, mit ziemlicher Sicherheit zu schließen, daß er nicht zahlreich genug sei und ihm die von mir und Sam hinweggenommenen oder doch wenigstens unbrauchbar gemachten Waffen fehlten.

Der ganze Lärm war nichts weiter gewesen, als eine Kundgebung des kriegerischen Mutes der Indianer; denn trotzdem wir weit in das Gebüsch eindrangen, bekamen wir doch keinen von ihnen zu Gesichte. Sie hatten sich schleunigst zurückgezogen, um auf Verstärkung zu warten, und wir waren durch das unschädliche Ereignis nun doch so weit gewitzigt worden, daß wir nicht länger halten blieben, sondern uns in den sichern Thalkessel begaben.

Einer der vorher zurückgebliebenen und also nicht ermüdeten Jäger ward als Wache aufgestellt, während die andern nach ihren Wunden sahen und dann sich um das Mahl versammelten oder der Ruhe pflegten.

Am Feuer, welches den Versammlungsort aller derer bildete, welche das Bedürfnis, sich auszusprechen, fühlten, ging es lebhaft her. Jeder, der um dasselbe Herumsitzenden hatte notwendig, seine Thaten zu erzählen und seine Ansicht auszusprechen. Alle waren der freudigen Meinung, daß von den Wilden nichts zu befürchten sei. Die Zahl der erbeuteten Skalpe war eine ansehnliche, das Abenteuer siegreich bestanden, und keine der Wunden zeigte eine gefährliche Beschaffenheit. Zudem schien unser Aufenthaltsort ein vollständig sicherer zu sein; für Proviant und Munition war reichlich gesorgt, und so konnten die Feinde den Eingang belagern, so lange es ihnen gefiel, oder sich

die Köpfe an den ringsum starrenden Felsen einrennen.

Auch Old Firehand teilte diese Ansicht, und nur Winnetou schien ihr nicht beizustimmen. Er lag abseits von den anderen in der Nähe seines Pferdes und schien in tiefe, ernste Gedanken versunken.

„Das Auge meines roten Freundes blickt finster, und seine Stirne trägt die Falten der Sorge. Welche Gedanken wohnen in seinem Herzen?“ fragte ich, zu ihm tretend.

„Der Häuptling der Apachen sieht den Tod durch die Pforte dringen und das Verderben von den Bergen steigen. Es flammt das Thal von der Glut des Feuers, und das Wasser ist rot vom Blute der Erschlagenen. Winnetou spricht mit dem großen Geiste. Das Auge der Bleichgesichter ist blind geworden vom Hasse, und ihre Klugheit ist den Gefühlen der Rache gewichen. Parranoh wird kommen und nehmen die Skalpe der Jäger; aber Winnetou ist gegürtet zum Kampfe und wird anstimmen den Totengesang auf den Leichen seiner Feinde.“

„Wie soll der Ogellalla betreten das Lager unserer Jäger? Er vermag nicht, durch das Thor zu dringen.“

„Mein weißer Bruder spricht Worte, aber er glaubt ihnen nicht. Vermag eine Büchse aufzuhalten die Zahl der roten Männer, wenn sie durch die Enge brechen?“

Er hatte recht. Gegen eine geringe Anzahl Feinde konnte es wohl einem einzigen glücken, den Paß zu

verteidigen, nicht aber gegen eine so bedeutende Horde, wie sie uns gegenüberstand; denn wenn auch nur stets eine Person einzudringen vermochte, so stand ihr doch eben auch nur einer entgegen, und wenn die hintersten nachdrängten, so konnten wohl einige der vorderen getötet, nicht aber das Eindringen der übrigen verhütet werden.

Ich hatte das Old Firehand gesagt, er aber mir geantwortet:

„Und wenn sie es wagen, so wird es uns leicht sein, sie nacheinander auszulöschen, sowie sie durch die Schlucht kommen.“

Das klang wahr, und ich mußte mich zufrieden geben, obgleich ich wußte, daß der kleinste Umstand hinreichend sein konnte, diese Wahrheit zu schanden zu machen.

Als der Abend hereinbrach, wurde die Wachsamkeit natürlich verdoppelt, und trotzdem ich auf meinen ausdrücklichen Wunsch erst zur Zeit des Morgengrauens Posten zu stehen hatte, zu welcher Zeit die Indsmen am liebsten ihre Überfälle vornehmen, so ließ es mir doch nirgends Ruhe, und ich hielt mich für alle Fälle bereit.

Die Nacht lag still und ruhig über dem Thale, in dessen Vordergrunde das Feuer brannte und sein zitterndes Licht über die Umgebung warf. Swallow, welcher sich in dem von Bergen umschlossenen Raume frei bewegen durfte, weidete im dunklen Hintergrunde des Kessels; ich ging, nach ihm zu sehen und fand ihn ganz am Rande der steilansteigenden Höhen.

Nachdem ich mit ihm die gewöhnlichen Liebkosungen gewechselt, wollte ich mich eben wieder entfernten, als ein leises Gepolter mich lauschen machte.

Auch das Pferd hob den Kopf in die Höhe; aber da der kleinste Atemzug unsere Gegenwart verraten konnte, so ergriff ich es beim Riemen und deckte die Hand auf die sich unter dem Verdachte schon erweiternden Nüstern. Während wir von obenherab nicht leicht bemerkt werden konnten, war es mir möglich, von unten hinauf gegen den lichten Himmel jeden Gegenstand zu erkennen, und mit angestrengtem Auge suchte ich nach der Ursache, welche den herabgefallenen Stein von seinem Orte gelöst hatte.

In den ersten Augenblicken nach dem Falle des Steines war nichts Auffallendes zu bemerken. Jedenfalls hatte man das von dem Steine verursachte Geräusch ebenso gut bemerkt, wie ich und wartete nun eine Weile, um sich zu überzeugen, daß dasselbe nicht gehört oder beachtet werde.

Diese Ansicht war eine richtige, denn nachdem ich mich eine Zeit lang ruhig verhalten hatte, sah ich zuerst mehrere Gestalten, welche sich von dem dunklen Felsen lösten, und nach unten lugten; bald aber gewahrte ich eine ganze Reihe Indianer, welche einer hinter dem andern über den Kamm der Höhe kamen und mit langsamen, vorsichtigen Schritten dem ersten folgten, welcher mit der Örtlichkeit außerordentlich vertraut zu sein schien und kaum noch zweier Minuten bedurfte, um die Thalsohle zu erreichen.

Hätte ich meinen Stutzen bei mir gehabt, so wäre

es mir leicht gewesen, ihn durch einen Schuß herunter zu holen und damit zugleich das notwendige Alarmsignal zu geben. Er war der Führer, und die andern durften bei dem gefahrdrohenden Terrain sich keinen Schritt weiter wagen, wenn er ihnen weggeschossen wurde. Aber leider hatte ich nur die Revolver im Gürtel, welche für einen Fernschuß untauglich waren.

Gab ich mit ihnen das Lärmzeichen, so waren die Feinde doch unten, ehe Hülfe herbeikommen konnte, und ich befand mich dann in der gefährlichsten Lage; denn selbst wenn ich mich zurückziehen wollte, so mußte ich meinen von mehreren Sträuchern gedeckten Standort verlassen und mich den Schießgewehren der Rothäute bloßgeben. Deshalb befolgte ich eine andere Taktik.

Parranoh, — denn dieser war jedenfalls der vordere — welcher allem Anscheine nach seinen jetzigen Weg nicht zum ersten Male zurücklegte, befand sich soeben in der Nähe einer Felsenklippe, welche er umklettern mußte. Konnte ich dieselbe vor ihm erreichen, so mußte er mir grad in die Kugel laufen, und ich stieg deshalb kurz entschlossen nach oben. Hinter dem Felsblocke verborgen und von ihm gedeckt, konnte ich ihnen allen Trotz bieten und sie einzeln, wie sie kamen, auslöschen.

Kaum hatte ich den ersten Schritt gethan, so fiel vorn am Wasserthore ein Schuß, welchem bald mehrere folgten. Ich begriff sofort die Klugheit der Indianer, welche einen Scheinangriff auf den Eingang vornahmen, um unsere Aufmerksamkeit von dem

eigentlichen Punkte der uns drohenden Gefahr abzulenken. Mit verdoppelter Eile und Anstrengung kletterte ich deswegen empor und war der Klippe schon so nahe, daß ich sie fast mit der Hand erreichen konnte, als die lockere Steinmasse unter mir nachgab und ich kopfüber von Stein zu Stein, von Riff zu Riff den zurückgelegten Weg wieder hinunterstürzte und, unten angekommen, für einige Momente die Besinnung verlor.

Als ich wieder zu denken vermochte und die Augen öffnete, sah ich die ersten der Indsmen nur noch wenige Schritte von mir entfernt und sprang, obgleich furchtbar zerschlagen und zerquetscht, in die Höhe, feuerte alle Schüsse des einen Revolvers rasch hinter einander auf die dunklen Gestalten ab, warf mich auf Swallow und galoppierte dem Feuer zu; — ich durfte das brave Pferd nicht irgend einer Gefahr aussetzen, indem ich es zurück ließ.

Die Ogellallas, welche sich nun doch bemerkt sahen, stießen ihren schon wiederholt vernommenen Schlachtruf aus und stürmten, wie sie einer nach dem andern den Boden des Kessels erreichten, mir nach.

Am Lagerplatze vom Pferde springend, fand ich ihn von den Jägern verlassen; sie hatten sich am Eingange zusammengeschart und waren auf meine Schüsse hin eben nach der Richtung unterwegs, aus welcher sie dieselben gehört hatten. Ich wurde von ihnen mit hastigen Fragen empfangen.

„Die Indianer kommen,“ rief ich; „rasch in die Höhlen!“

Es war dies das einzige Mittel, uns vom Untergange zu retten, mit welchem wir von der Übermacht bedroht waren. In den Höhlen waren wir sicher und konnten von ihnen aus nicht nur den Indsmen standhalten, sondern sie bis auf den letzten Mann niederschießen. Deshalb eilte ich schon noch während meines Rufes nach dem „Boudoir“, welches mir zur Schlafstelle gedient hatte; aber es war zu spät.

Die Rothäute waren mir auf dem Fuße gefolgt und ganz gegen ihre gewöhnliche Art und Weise, obgleich sie sich noch nicht gesammelt hatten, sofort auf die Jäger eingedrungen, welchen die unerklärliche Anwesenheit des Feindes so überrascht kam, daß sie erst an Abwehr dachten, als die feindlichen Waffen unter ihnen zu arbeiten begannen.

Vielleicht hätte ich meinen Zufluchtsort noch zu erreichen vermocht; aber ich sah Ellen, Old Firehand und Will Parker vom Feinde bedroht und sprang ihnen zu Hülfe.

„Fort, fort, an die Felswand!“ rief ich, mitten in den Knäuel hineinfahrend, sodaß die Angreifer für einen Augenblick aus der Fassung gebracht wurden und wir Raum gewannen, das senkrecht aufsteigende Gestein zu erreichen, wo wir den Vorteil hatten, im Rücken gedeckt zu sein.

„Muß das sein, wenn ich mich nicht irre?“ rief uns eine Stimme aus einem im Felsen befindlichen Risse entgegen, welcher grad so breit war, daß sich ein Mann hineinzwängen konnte. „Nun ist Sam Hawkens, der alte Trapper, verraten!“

Das listige Männlein war der einzige gewesen, der seine Geistesgegenwart bewahrt und die wenigen Sekunden benutzt hatte, sich zu salvieren. Leider machten wir ihm diese Bemühung erfolglos, indem wir grad den Ort, an welchem sich sein Versteck befand, zum Ziele unseres Laufes wählten. Trotzdem aber streckte er schleunigst die Hand nach Ellen aus und faßte sie beim Arme.

„Die kleine Miß mag mit hereinkommen in das Nest, meine ich; ist grad noch Platz für sie, wie mir scheint.“ Natürlich waren die Rothäute uns gefolgt und drangen mit wilder Energie auf uns ein, ein Glück war es, daß infolge des Scheinangriffes die Jäger alle ihre Waffen bei sich führten. Freilich waren im Nahekampf die Büchsen vollständig nutzlos, desto erfolgreicher aber wütete das Schlachtbeil unter den Wilden.

Nur Hawkens und Ellen machten Gebrauch von ihren Schießgewehren. Ersterer lud und letztere, welche vornan im Risse stak, gab die Schüsse ab, die zwischen Old Firehand und mir aus der Spalte hervorblitzten.

Es war ein wilder, grauenhafter Kampf, wie kaum die Phantasie ihn sich auszumalen vermag. Das halberloschene Feuer warf seinen flackernden, dunkelglühenden Schein über den Vordergrund des Thales, auf welchem sich die einzelnen kämpfenden Gruppen wie der Hölle entstiegene und einander zerfleischende Dämone abzeichneten. Durch das Geheul der Indianer drangen die einzelnen Rufe der Trapper

und die scharfen, kurzen Laute der Revolverschüsse, und der Erdboden schien zu erzittern unter den schweren, stampfenden Tritten der miteinander ringenden Feinde.

Es blieb uns kein Zweifel darüber, daß wir verloren seien. Die Zahl der Ogellallas war eine zu bedeutende, als daß wir hoffen durften, uns gegen sie zu halten. Eine zufällige Wendung zu unserem Gunsten war ebenso wenig zu erwarten als die Möglichkeit, uns durchzuschlagen, und deshalb hegte ein jeder die vollständige Überzeugung, daß er in kurzer Zeit aufgehört haben werde, zu den Lebenden zu gehören. Aber nicht umsonst wollten wir sterben, und wenn wir uns auch in das uns bestimmte Schicksal ergaben, so wehrten wir uns doch nach allen Kräften und mit derjenigen Kaltblütigkeit, welche dem Weißen ein so großes Übergewicht über den roten Bewohner der amerikanischen Steppen giebt.

Mitten in dem blutigen Ringen gedachte ich des alten Elternpaares, welches ich in der Heimat zurückgelassen hatte und dem nun keine Kunde mehr von dem in die Ferne gezogenen Sohne zukommen sollte, gedachte — doch nein, ich warf diese Gedanken alle von mir, denn der gegenwärtige Augenblick erforderte nicht nur die kräftigste körperliche Anstrengung, sondern auch die größte geistige Aufmerksamkeit.

Ich hatte vorhergesehen, wie es kommen werde, hatte geraten und gewarnt, und nun mußte ich die Fehler der andern mitbüßen, und wie ich dem Tode geweiht war, so auch sie, der trotz allem und allem

mein ganzes Sinnen und Trachten gehört hatte, die nun hart hinter mir mit unerschrockenem Mannesmute ihr Leben verteidigte und doch dem Schicksale, welchem sie auf der falschen Richtung ihrer Lebensbahn früher oder später entgegen geführt werden mußte, unwiderruflich verfallen war. Es überkam mich ein noch nie gefühlter Ingrimm und eine Erbitterung, welche meine Kräfte verdoppelte, sodaß ich den Tomahawk mit solcher Nachdrücklichkeit handhabte, daß es anerkennend aus der Spalte scholl:

„Recht so, Sir, recht so! Sam Hawkens und Ihr, das paßt zusammen, meine ich. Schade, daß wir ausgelöscht werden! Könnten noch manches Rattenfell miteinander holen, wenn ich mich nicht irre.“

Wir kämpften still und lautlos; es war eine ruhige, aber desto fürchterlichere Arbeit, und die Worte des kleinen Fallenstellers wurden deshalb deutlich gehört. Auch Will Parker hatte sie vernommen und rief, trotz der gestern erhaltenen Verletzungen mit der umgedrehten Büchse die wuchtigsten Hiebe austeilend:

„Sam Hawkens, blick’ hierher, altes Coon, wenn Du sehen willst, wie es zu machen ist, raus aus dem Loche mit Dir und sage, ob das Greenhorn — hahaha, Will Parker ein Greenhorn, hörst Du es, Sam Hawkens? — ob das Greenhorn etwas gelernt hat!“

Kaum zwei Schritte von meiner Rechten entfernt stand Old Firehand. Stets war es mir bisher vorgekommen, als ob der Leumund etwas zu schmeichelhaft von ihm erzähle, und es mochte wohl auch sein,

daß das Alter ihn nach und nach immermehr beeinflusse; jetzt aber schien die volle, strotzende Jugendkraft in ihm zurückgekehrt zu sein, und die Art und Weise, wie er mit beiden Händen im Leben der ihn umdrängenden Gegner wühlte, flößte mir die größeste Bewunderung ein.

Über und über mit Blut bespritzt, lehnte er an der Felsenmauer. Die langen, grauen Haare hingen in zusammengeklebten Strähnen von seinem Kopfe; die ausgespreizten Beine schienen in der Erde zu wurzeln, und in der einen Faust das schwere Beil, in der andern das scharfe, leichtgekrümmte Messer, hielt er die mächtig an ihn Drängenden von sich ab. Noch mehr als ich war er von Wunden bedeckt; aber noch hatte keine derselben ihn zu Falle gebracht, und ich mußte immer wieder von neuem meinen Blick auf seine hohe, reckenhafte Gestalt richten.

Da entstand eine Bewegung in dem Knäuel der Rothäute, und Parranoh erschien, sich eine Bahn durch ihre dichte Menge brechend. Kaum erblickte er Firehand, so rief er:

„Endlich habe ich Dich; denk’ an Ribanna und stirb!“

Er wollte sich an mir vorüber auf ihn stürzen; da packte ich ihn bei der Schulter und holte zum tödlichen Hiebe aus. Mich erkennend, sprang er zurück, so daß mein Tomahawk die Luft durchsauste.

„Auch Du?“ brüllte er. „Dich muß ich lebendig haben. Gebt ihm ein Lariat!“ An mir vorbeispringend, noch ehe ich das Beil wieder schwingen

konnte, erhob er die Pistole; der Schuß krachte los; der Getroffene schlug die Arme weit auseinander in die Luft, sprang mit einem mächtigen, krampfhaften Satze vorwärts mitten unter die Feinde und stürzte lautlos dann zusammen.

Es war mir, als sei die Kugel in meine Brust gefahren, so durchzuckte mich der Fall des Helden; ich schlug den Indianer, mit welchem ich es in diesem Augenblicke zu thun hatte, nieder und wollte auf Parranoh los, als ich eine dunkle Gestalt bemerkte, welche sich mit schlangenhafter Behendigkeit durch die Feinde wand und grad vor dem Mörder die geschmeidigen Glieder in die Höhe streckte.

„Wo ist die Kröte von Athabaskah? Hier steht Winnetou, der Häuptling der Apachen, zu rächen den Tod seines weißen Bruders!“

„Ha, der Hund von Pimo! Fahrt zum Teufel!“

Mehr hörte ich nicht. Der Vorgang hatte meine Aufmerksamkeit in so hohem Grade in Anspruch genommen, daß ich die Verteidigung meiner selbst versäumte. Eine Schlinge legte sich mir um den Hals, ein Ruck — zu gleicher Zeit fühlte ich einen schmetternden Schlag auf den Kopf, und ich verlor das Bewußtsein. — Als ich erwachte, war es vollständig still und dunkel um mich, und ich besann mich vergebens auf die Art und Weise, wie ich in diese Finsternis gekommen sei. Ein brennender Schmerz, welchen ich im Kopfe fühlte, erinnerte mich endlich an den empfangenen Schlag, und nun reihten sich die Einzelheiten -

Einzelheiten des Vergangenen zu einem vollständigen Bilde des Geschehenen aneinander. Zu dem erwähnten Schmerze kam noch die Qual, welche mir von den empfangenen Wunden und den Fesseln verursacht wurde, welche man mir mit raffinierter Festigkeit um Hände und Füße gelegt hatte, sodaß sie mir tief in das Fleisch einschnitten und ich kaum zu irgendwelcher Bewegung fähig war.

Da hörte ich ein Geräusch neben mir, als ob ein Mensch sich räuspere.

„Ist noch jemand hier?“ fragte ich.

„Hm, freilich! Fragt der Mann grad so, als ob Sam Hawkens niemand wäre, wenn ich mich nicht irre.“

„Ihr seid es, Sam? Sagt doch um aller Welt willen, wo wir sind.!“

„So leidlich unter Dach und Fach, Mann. Haben uns in die Lederhöhle gesteckt; wißt’s schon, wo die Felle lagen, meine ich, die wir so schön vergraben haben. Sollen aber keines finden, sage ich, keines.“

„Und wie ist’s mit den andern?“

„Passabel, Sir. Old Firehand ist ausgelöscht, Dick Stone ist ausgelöscht, Will Parker ist ausgelöscht — war doch ein Greenhorn, der Mann, hihihi, ein Greenhorn, sage ich, wollt’s aber nicht glauben, wenn ich mich nicht irre — Bill Bulcher ist ausgelöscht, Harry Korner ist ausgelöscht, alle, alle sind ausgelöscht; nur Ihr brennt noch und der Apache; auch die kleine Miß lebt ein wenig — ist aber doch einen ganzen Haufen gewachsen, wie mir scheint — und Sam

Hawkens, hm, vielleicht haben sie auch ihn noch nicht ganz ausgelöscht, hihihi!“

„Wißt Ihr es gewiß und wahrhaftig, daß Ellen wirklich noch lebt, Sam?“ fragte ich angelegentlich.

„Denkt Ihr wohl, daß so ein alter Skalper nicht weiß, was er sieht, Mann? Haben sie da neben uns gesteckt in das andre Loch und Euren roten Freund dazu. Wollte gern auch mit dahinein, habe aber keine Audienz bekommen, wie mir scheint.“

„Wie steht es mit Winnetou?“

„Loch an Loch, Sir! Wird, wenn er davonkommt, aussehen wie der alte Rock, in welchen sie Sam Hawkens so vorsichtig eingeschnallt haben: Flick an Flick und Fleck auf Fleck, meine ich.“

„An das Davonkommen ist wohl nicht zu denken. Aber wie kam er lebendig in ihre Hände?“

„Grad so wie Ihr und ich. Hat sich gewehrt wie ein Heide — hm, ist doch wohl auch einer, wenn ich mich nicht irre, hihihi — wollte lieber untergehen, als sich am Pfahle braten lassen; half aber nichts; wurde doch niedergeschlagen und halb entzwei gerissen. Nicht davonkommen wollt Ihr? Sam Hawkens hat große Lust dazu, wie mir scheint.“

„Was thut man mit der Lust, wenn es nicht möglich ist.“

„Nicht möglich? Hm, klingt grad wie Will Parker. Sind gute Leute, die Braunen, gute Leute; haben dem alten Coon hier alles genommen, alles, die Pistole, die Pfeife — hihihi, werden sich wundern, wenn sie daran riechen; duftet ganz wie Stunk! Wird

ihnen aber grad lieb sein — auch die Liddy ist zum Teufel — die arme Liddy; was für ein Schakal wird sie nun wohl nehmen! — und der Hut und die Haube — werden sich wundern über den Scalp, hihihi, kostete mich zwei dicke Bündel Dickschwanzfelle damals in Dekama; wißt’s ja schon, meine ich — aber das Messer haben sie ihm gelassen, dem Sam Hawkens; steckt im Ärmel. Der alte, graue Bär da steckte es hinein, als er merkte, daß es mit dem Quartiere in der Ritze vorüber sei, wie mir scheint.“

„Das Messer habt Ihr noch? Werdet wohl nicht gut dazukommen können, Sam!“

„Meine es auch, Sir; müßt dem Sohne meiner Mutter schon ein wenig helfen!“

„Komme gleich! Wollen sehen, was in dieser Sache zu thun ist.“

Noch hatte ich nicht begonnen, mich zu ihm hinzuwälzen, die einzige Bewegung, durch welche es mir möglich war, an ihn zu kommen, als die Fallthüre geöffnet wurde und Parranoh mit einigen der Indianer eintrat. Er hielt den Feuerbrand, welchen er in der Hand trug, so, daß der Schein desselben uns überleuchtete. Ich gab mir nicht die Mühe, für noch bewußtlos zu gelten, würdigte ihn aber keines einzigen Blickes.

„Da haben wir Dich ja endlich!“ knirschte er mich an. „Bin Dir bisher ein kleines schuldig geblieben, sollst Dich aber nun jetzt nicht zu beklagen haben. Kennst Du den da?“

Er hielt mir einen Skalp vor das Gesicht; es

war derjenige, welchen Winnetou ihm selbst genommen. Er wußte also, daß ich es war, der ihn damals niederstach. Der Apache hatte ihn nicht darüber aufgeklärt, des war ich sicher, da ich wußte, er werde jede an ihn gerichtete Frage mit stolzem Schweigen beantworten, aber Finnetey hatte mich an jenem Abende vielleicht beim Scheine des Feuers bemerkt oder im Augenblicke unseres Zusammenprallens einen Blick in mein Gesicht geworfen. Als ich nicht antwortete, fuhr er fort:

„Sollt es auch erfahren, Ihr alle, wie es ist, wenn man die Haut über die Ohren gezogen bekommt, wartet nur ein wenig, bis es Tag geworden ist; sollt Eure Freude an meiner Dankbarkeit erleben!“

„Wird Euch nicht so wohl werden, wie mir scheint!“ meinte Hawkens, der es nicht über das Herz bringen konnte, ruhig zu sein. „Wäre doch neugierig, welche Haut dem alten Sam Hawkens über das Ohr gezogen werden sollte; habt die meinige ja schon in den Händen, ist vom hair-dresser (Friseur) gemacht worden — wie hat Euch die Arbeit gefallen, alter Yambarico?“

„Schimpfe nur zu! Wirst schon Haut genug haben, um geschunden werden zu können.“ Und nach einer Pause, während welcher er unsre Fesseln besichtigt hatte, fragte er:

„Habt wohl nicht geglaubt, daß Tim Finnetey Eure Mausefalle hier kennt? War in dem Thale, noch ehe der — der Hund von Firehand, verdamme seine Seele, etwas von ihm geahnt hat, und wußte

auch, daß Ihr Euch hergemacht hattet. Der da hat mir’s erzählt!“

Er zog ein Messer aus dem Gürtel und hielt den hölzernen Griff desselben vor Sams Augen. Dieser warf einen Blick auf die eingeschnittenen Buchstaben und rief:

„Fred Owins? Hm, war ein Halunke allezeit! Will wünschen, daß er das Kneif hat selber kosten müssen, scheint mir.“

„Keine Sorge, Mann! Dachte, sich mit dem Geheimnisse loszukaufen, war aber nichts, haben ihm Leben und Haut genommen, grad so, wie Ihr es auch erfahren sollt, nur umgedreht, erst die Haut und dann das Leben.“

„Macht, was Ihr wollt! Sam Hawkens ist mit seinem Testament fertig, hat Euch das Ding vermacht, das sie Perücke nennen, wenn ich mich nicht irre. Könnt’s gut gebrauchen, hihihi!“

Parranoh versetzte ihm einen Fußtritt und schritt, gefolgt von seinen schweigsamen Begleitern, wieder hinaus.

Eine Weile verhielten wir uns schweigend und bewegungslos; dann aber, als wir uns sicher glaubten, warfen wir uns gegenseitig herum, so daß wir endlich hart nebeneinander zu liegen kamen. Obgleich mir die Hände fest aneinander gebunden waren, gelang es mir doch, das Messer aus seinem Ärmel zu ziehen und mit Hülfe desselben ihm die Armfesseln zu durchschneiden. Dadurch bekam er die Hände frei, und einige Augenblicke später standen wir mit ungebundenen -

ungebundenen Gliedern aufrecht voreinander und frottierten uns die durch die Bande taub gewordenen Körperteile.

„So recht, Sam Hawkens, scheinst mir kein so ganz unebenes Geschöpf zu sein, meine ich!“ belobte sich der kleine Mann selbst. „Hast zwar schon in mancher schlimmen Patsche gesteckt; aber so bös ist es doch noch nie gewesen wie heute. Soll mich verlangen, wie Du die Ohren aus der Mütze bringen wirst, wenn ich mich nicht irre!“

„Laßt uns vor allen Dingen sehen, wie es draußen steht, Sam!“

„Meine es auch, Sir; ist das Notwendigste.“

„Und dann vor allen Dingen Waffen. Ihr habt ein Messer, ich aber bin vollständig leer.“

„Wird sich schon was finden lassen!“

Wir traten an die Thür und zogen die beiden Felle, welche als Portieren dienten, ein wenig auseinander. Eben brachten einige der Indianer die beiden Gefangenen aus der Nebenhöhle gezogen, und vom

Lagerplatze kam Parranoh herbeigeschritten. Es war jetzt schon ziemlich hell geworden, sodaß wir das Thal vollständig überblicken konnten. Nicht weit vom Wasserthore entfernt war Swallow mit dem von dem armen Will Parker erbeuteten Braunen in Zwist geraten, und der Anblick des mir an das Herz gewachsenen Tieres ließ mich auf eine Flucht zu Fuße, die jedenfalls die geratenste war, sofort verzichten. In nicht gar zu großer Entfernung davon graste der

starkknochige und ausdauernde Klepper Winnetous, ein Pferd, welchem sein Wert nur schwerlich anzusehen war, und wenn es uns gelang, zu einigen Waffen zu kommen und die Tiere zu erreichen, so war es vielleicht möglich, zu entkommen.

„Seht Ihr etwas, Sir?“ fragte Hawkens kichernd.

„Was?“

„Hm, da drüben den alten Burschen, welcher sich so behaglich im Grase wälzt.“

„Sehe ihn.“

„Und auch das Ding, was daneben am Steine lehnt?“

„Auch das.“

„Hihihi, legt dem alten Coon da das Schießholz so mundrecht in den Weg! Wenn ich wirklich Sam Hawkens heiße, so muß das auch die Liddy sein, meine ich, und einen Kugelbeutel wird der Mann wohl auch haben!“

Ich konnte nicht viel auf die Freude des kleinen Helden achten; denn Parranoh nahm meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Leider war es mir nicht möglich, zu verstehen, was er zu den beiden Gefangenen sprach, und es dauerte eine geraume Zeit, ehe er von ihnen ging; aber seine letzten Worte, welche er mit erhobener Stimme sprach, vermochte ich deutlich zu hören, und sie klärten mich auf über den Inhalt seiner ganzen Rede.

„Mach’ dich gefaßt, Pimo! Der Pfahl wird eben eingeschlagen, und Du,“ — setzte er, sich mit einem eigentümlichen Blicke zu Ellen wendend hinzu — „hast

lange genug den Mann gespielt und wirst für Ribanna die Squaw von Finnetey!“

Er gab seinen Leuten einen Wink, die Gefesselten nach dem Platze zu bringen, an welchem sich die Indsmen um das jetzt wieder hellodernde Feuer gelagert hatten, und schritt dann in hochaufgerichteter und würdevoller Haltung davon.

Jetzt galt es, schleunigst zu handeln, denn waren die beiden einmal in die Mitte der Versammlung gebracht, so war keine Hoffnung mehr, zu ihnen zu kommen.

„Sam, kann man sich auf Euch verlassen?“

„Hm, weiß es nicht, wenn Ihr’s nicht wißt! Müßts ’mal probieren, wie mir scheint.“

„Ihr nehmt den rechts und ich den Linken. Dann rasch die Riemen entzwei.“

„Und dann zu Liddy, Sir!“

„Seid Ihr fertig?“

Er nickte mit einem Ausdrucke im Gesichte, dem man deutlich das Vergnügen an dem bevorstehenden Streiche anmerkte.

„Nun, dann drauf!“

Mit leisen, aber raschen Sprüngen schnellten wir hinter den die Gefangenen nach sich schleppenden Indianern her, und obgleich sie gezwungen waren, eine infolge ihrer Last gegen uns gewendete Haltung einzunehmen, gelang es uns doch, unbemerkt an sie zu kommen.

Sam stieß den einen von hinten mit so gut geführtem Stiche nieder, daß der Getroffene lautlos zusammenbrach; -

zusammenbrach; ich aber riß, da ich vollständig waffenlos war, dem andern zuerst das Messer aus dem Gürtel und zog es ihm dann mit solchem Drucke durch die Kehle, daß der Schrei, welchen er auszustoßen im Begriffe gestanden hatte, als ein pfeifendes Gurgeln sich durch die Schnittwunde drängte und er ebenfalls niedersank.

Einige rasche Schnitte befreiten die Gebundenen von ihren Fesseln, sodaß sie sich frei sahen, noch ehe bei der Raschheit des ganzen Vorganges derselbe von irgend einem der Feinde bemerkt worden war.

„Vorwärts, holt Euch Waffen!“ rief ich, da ich wohl einsah, daß ohne dieselben ein Entkommen nicht denkbar war, riß dem von mir Getöteten den Schießbeutel vom Leibe und stürmte Winnetou nach, welcher in richtiger Erfassung der Umstände nicht nach dem Thore zu, sondern mitten unter die am Feuer Lagernden hineinsprang.

Wie in jedem Augenblicke, in dem es sich um Tod und Leben handelt, der Mensch ein ganz anderer ist als sonst, so gab auch uns die Erwägung dessen, was auf dem Spiele stand, die notwendige Behendigkeit. Noch ehe sich die Überfallenen besonnen hatten, waren wir schon, die ihnen entrissenen Waffen in der Hand, zwischen ihnen hindurch.

„Swallow, Swallow!“ rief ich dem Pferde zu, saß wenige Augenblicke später auf seinem Rücken, sah Winnetou auf das seinige springen und Hawkens den ersten besten Spritzer besteigen.

„Herauf zu mir, um des Himmels willen, rasch!“

bedeutete ich Ellen, welche vergebens versuchte, auf Finneteys Braunen zu kommen, welcher wie rasend um sich schlug. Ich ergriff sie beim Arme, riß sie zu mir empor und wandte nach dem Ausgange um, durch welchen soeben Sam verschwand.

Es war ein Moment der höchsten Aufregung. Wütendes Geheul erfüllte die Luft; Schüsse krachten, Pfeile schwirrten um uns, und dazwischen tönte das Getrappe und Schnauben der Pferde, auf welche sich die Wilden warfen, um uns zu verfolgen.

Ich war der hinterste von uns dreien und kann unmöglich sagen, wie ich durch den engen, gewundenen Paß hinaus ins Freie kam, ohne von dem Feinde erreicht zu werden. Hawkens war nicht mehr zu sehen, Winnetou bog rechts in das Thal hinab, welches wir vor einigen Tagen bei unserer Ankunft heraufgeritten waren, und blickte sich dabei nach mir um, ob ich ihm auch folgen werde.

Eben standen wir im Begriffe, die Biegung zurückzulegen, so fiel hinter uns ein Schuß, und ich fühlte, wie Ellen zusammenzuckte. Sie war getroffen worden.

„Swallow, mein Swallow, greif’ aus!“ ermunterte ich in höchster Angst das Tier, und in demselben rasenden Laufe wie damals nach der Explosion in New-Venango schoß es vorwärts.

Als ich mich umblickte, sah ich Parranoh auf seinem Mustang dicht hinter mir; die andern wurden mir durch die Krümmungen des Weges versteckt. Obgleich ich nur einen flüchtigen Blick auf ihn werfen

konnte, bemerkte ich doch den wütenden Ingrimm, mit welchem er uns zu ereilen suchte, und verdoppelte meine Zurufe an das brave Pferd, von dessen Schnelligkeit und Ausdauer alles abhing; denn wenn ich auch einen Kampf mit dem wilden Manne nicht scheute, so wurde ich doch durch das Mädchen an jeder freien Bewegung verhindert und konnte nichts thun, als nur vorwärts streben.

Wie im Sturme flogen wir dem Laufe des Wassers entlang. Winnetous Fuchs schleuderte die langen, knochenstarken Glieder von sich, daß die Funken stoben und das lockere Geröll hinter ihm einen förmlichen Steinregen bildete. Swallow hielt ihm gleichen Schritt, obgleich er doppelte Last zu tragen hatte; aber, obwohl ich mich nicht mehr umblickte, wußte ich doch, daß Parranoh uns hart auf den Fersen blieb; denn der Hufschlag seines Braunen ließ sich in steter Nähe vernehmen.

„Ihr seid verwundet, Miß?“ fragte ich in höchster Besorgnis.

„Rettet nur Euch!“ hauchte sie statt einer direkten Antwort. Das lebenswarme Blut rann aus der Wunde über die Hand, mit welcher ich sie um den Leib gefaßt hielt; ihr Kopf legte sich ermüdend an meine Schulter, und die Röte der Wangen wich mehr und mehr einer Blässe, welche mich erschrecken machte.

„Ellen, seid aufrichtig! Ihr könnt nicht länger aushalten.“

„O doch!“ erwiderte sie mit matter Stimme, indem sie das Auge mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke -

Ausdrucke zu mir aufschlug. „Ich mag nicht fort von diesem Platze und halte bei Euch aus, bis — bis —“

„Bis —?“ fragte ich mit tiefem Beben.

„Bis ich den großen, großen Fehler meines Lebens gesühnt habe mit dem Tode.“

„Nein,“ rief ich, sie fester an mich drückend und das Pferd zu immer rasenderem Laufe anfeuernd, „sterben sollst Du nicht und sterben darfst Du nicht. Ich habe Dich unter zehnfacher Todesgefahr errungen und mag ohne Dich nicht sein und leben!“

Da schlang sie die beiden Arme um meinen Hals, legte ihren Mund mir auf die Lippen und nach einem langen, langen Kusse, während dessen die wilde Jagd immer vorwärts tobte, klang es:

„Könnte ich leben, so wäre es nur und allein für Dich.“

O, welches Glück, welche Seligkeit müßte es sein, der Liebe gehorchen zu dürfen!

Die Ahnung des Todes ging durch ihr Herz und machte den künstlich hineingepflanzten Mut erzittern. Es schwieg die Rache, die darin geglüht, und alles war vergessen, was einst bestimmend auf ihr Denken und Wollen gewirkt hatte.

Mit Entzücken bemerkte ich, daß die Verwundung, welche von einem Streifschusse herrührte, nicht gefährlich sei. Zum Verbinden war keine Zeit, denn während des gehabten Aufenthaltes waren uns die Indsmen fast so nahe gekommen, daß sie uns mit ihren Kugeln erreichen konnten. Wir saßen wieder auf, und fort ging es mit erneuter Schnelligkeit.

Da plötzlich blitzte es zu unserer Linken hell und glänzend auf wie Waffenschimmer, eine zahlreiche Truppe Reiter flog von dem Waldessaume her zwischen uns und die Verfolger hinein, schwenkte gegen diese um und stürmte in gestrecktem Galoppe ihnen entgegen.

Es war ein Detachement Dragoner von Wilkes Fort, welche durch einen Streifzug in die Gegend geführt worden waren.

Kaum hatte Winnetou die Helfer erblickt, so riß er seinen Gaul herum, schoß an ihnen vorüber und mit hochgeschwungenem Tomahawk unter die Ogellallas hinein, welche kaum Zeit gehabt hatten, den Lauf ihrer Pferde zu hemmen. Ich hingegen stieg ab, um nach der Wunde Ellens zu sehen.

Mit dem tiefen Rote der Scham ließ sie es geschehen, daß ich die getroffene Stelle enthüllte und in aller Eile einen notdürftigen Verband auf dieselbe legte. Jetzt war sie ganz Weib, und mit Entzücken las ich in ihrem Auge die Liebe, welche mir voll und innig aus demselben entgegenleuchtete. Zwar war sie schwach, aber mehr aus Schreck und Angst als in Folge des Blutverlustes, und als ich sie jetzt wieder auf das Pferd heben wollte, trat sie kopfschüttelnd zu dem Braunen, dessen Zügel mir Winnetou im Vorbeisprengen zugeworfen hatte, und saß im nächsten Augenblicke auf seinem Rücken.

„Wirst Du Dich erhalten können?“ fragte ich besorgt.

„Ich muß wohl stark bleiben, da Du ohne mich nicht leben kannst,“ antwortete sie mit einem Lächeln

des Glückes, und den Arm erhebend, fügte sie hinzu: „Dort fliehen die Roten. Vorwärts!“

Es war so, wie sie sagte. Ihres Anführers beraubt, dessen Zuruf sie zum Widerstande ermutigt oder wenigstens ihre Flucht geregelt hätte, jagten sie, die Dragoner immer in ihren letzten Gliedern, denselben Weg zurück, welchen wir gekommen waren.

Jetzt bogen sie links nach dem Thore ein, und eben wollte der vorderste sein Pferd in die Enge lenken, als aus derselben ein Schuß fiel und er leblos vom Tiere stürzte. Sofort krachte es zum zweiten Male; der nächste ward bügellos, und da die bestürzten Wilden sich auf diese Weise den Eingang verwehrt und zu gleicher Zeit von uns fast umzingelt sahen, so brachen sie in der Richtung nach dem Mankizila durch und flogen, immer wieder verfolgt von den Dragonern, den Wasserlaufe entlang davon.

Nicht geringer als die Bestürzung der Wilden war auch mein Erstaunen über die Schüsse, welche unsere Absicht so kräftig unterstützten oder vielmehr unnötig machten.

„Sam, Ihr seid’s. Wie kommt denn Ihr in das Thor? Habe Euch doch mit diesen meinen eigenen Augen fortreiten sehen!“

„Fortreiten, Sir? Danke für den Ritt! War eine Bestie, die gar nicht von der Stelle kam und ihre alten Knochen mir so zwischen den Beinen herumschüttelte, daß diesem alten Coon die seinigen auseinandergegangen wären, wenn er das dumme Tier

nicht hätte laufen lassen. Aber wo bringt Ihr denn die Kommißleute her, Sir?“

„Stießen unterwegs auf uns, Sam.“

Winnetou war uns vorangegangen, und wir folgten ihm, die Pferde nachziehend. Im Innern der „Burg“ angekommen, sahen wir ihn an der Stelle stehen, an welcher wir gestern so heiß gekämpft hatten; zu seinen Füßen lag die Leiche eines Mannes, welchen wir sofort alle erkannten: es war Old Firehand.

Die starken Glieder lang ausgestreckt, lag er auf dem Rücken, sodaß wir die Wunde sahen, welche die Kugel Parranohs in seine Brust gerissen hatte. Die Augen waren geschlossen; um die eingefallenen Wangen und den fest zusammengekniffenen Mund lag noch der Ausdruck mutiger Todesverachtung, die ihm bis zum letzten Augenblicke seines thatenreichen Lebens treu geblieben war. Eins aber machte uns schaudern: der nackte, blutigrote Schädel; man hatte ihn skalpiert, und die prachtvollen langen, grauen Locken — wo waren sie nur? Parranoh hatte sie nicht bei sich gehabt — ah, dort am Pfahle hingen sie als Siegestrophäe bei den anderen Skalpen. Ellen konnte den Anblick nicht ertragen und warf sich laut schluchzend über den geliebten Toten.

Wir traten zurück, um ihrem Schmerze seine Rechte zu lassen. Es war einer der trübsten Augenblicke meines Lebens, und selbst im Auge Winnetous, des festen, stolzen, unerschütterlichen Mannes, glänzte es wie eine Thräne, als er, die Hand schwer auf meine Schulter legend, sagte:

„Die Seele des Apachen ist dunkel, und sein Herz ist ohne Licht; er möchte sein Haupt legen neben das seines Freundes und tot sein wie er. Mein weißer Bruder mache glücklich die Tochter Ribannas, der Rose vom Quicourt!“

      

Die Dragoner hatten die Feinde auf der Verfolgung derselben noch ereilt, und wurden letztere von jenen sämtlich, unter ihnen auch Parranoh, niedergemetzelt.

Es war mehrere Wochen später, als wir zu vieren in jene Gegend kamen, wo ich Ellen zum ersten Male gesehen und bei ihrem Erscheinen an den flats-ghost gedacht hatte. Sie ritt auf Parranohs Braunen dicht an meiner Seite, sodaß wir warm die Hände ineinander legen konnten. Schon vor mehreren Tagen hatten wir von einigen Westmännern gehört, daß der Schwiegersohn Forsters, also Ellens Bruder, von Omaha nach New-Venango gezogen sei, um die vom Feuer zerstörten Besitzungen des verunglückten Ölprinzen wieder in den früheren Stand zu setzen.

Ihm galt heut’, nachdem wir den Schauplatz unserer letzten Abenteuer in Begleitung der Dragoner verlassen hatten, unser Besuch, und wir hatten uns vorgenommen, uns bei ihm von den gehabten Strapazen gehörig auszuruhen.

„Hier ist die Stelle, an welcher wir uns begrüßten, Ellen!“

„War’s zum Glück oder war’s zum Unglück?“ fragte sie, den leuchtenden Blick tief in mein Auge senkend.

„Es war zum Glück; willst Du es glauben?“

„Ich glaube es!“ — Das waren wenige Worte; aber der aus dem innersten Herzen heraufsteigende Klang der tiefen sonoren Stimme sagte mir mehr, als eine lange Rede.

Einige Wochen später feierten wir unsere Hochzeit.

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II. Inn-nu-woh, der Indianerhäuptling.

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Die Jahreszeit, in welcher der gelbe Jack und das schwarze Fieber den Aufenthalt in New-Orleans für den Weißen gefährlich machen, war eingetreten, und wer nicht von der eisernen Notwendigkeit festgehalten wurde, der beeilte sich, die dünsteschwangere Atmosphäre des unteren Mississippi zu verlassen und die Niederungen des Stromes mit höher gelegenen Orten zu vertauschen.

Die vorsichtige Aristokratie der Stadt hatte sich längst unsichtbar gemacht. Diejenigen, welche aus Rücksicht für ihr Geschäft noch zurückgeblieben waren, beeilten sich, fortzukommen; denn schon erzählte man sich von mehreren plötzlichen Sterbefällen, und auch ich hatte meine wenigen Habseligkeiten zusammengepackt und stand, das Dampfboot erwartend, am Landeplatze, um nach St. Louis zu gehen, wo Verwandte meiner Ankunft warteten.

Ned, der alte, grauköpfige Neger, welcher als Faktotum meines Hotels mir seine besondere Zuneigung geschenkt und jetzt den Koffer getragen hatte, lehnte neben mir an einem der Eisenkrahnen, welche bestimmt sind, die ungeheuersten Lasten an und vom Bord zu heben und machte mit grinsendem Zähnefletschen seine drolligen Bemerkungen über die verschiedenartigen Gestalten, welche geschäftig um uns wogten. Da plötzlich packte er mich am Arme und gab mir eine andere Stellung, so daß ich den Blick nach rückwärts werfen mußte.

„Sehen Master dort Indian?“

„Welchen? Meinst Du den finsteren Kerl, welcher gerade auf uns zusteuert?“

Yes, yes, Master! Kennen Master Indian?“

„Nein.“

„Indian sein groß Häuptling von Sioux, heißen Inn-nu-woh, sein best’ Schwimm’ in United-States“ (Vereinigten Staaten).

„So, dazu gehört viel.“

Well, well, Sir; aber so sein, actually (wirklich) so sein!“ —

Ich entgegnete nichts und sah mir den Mann, welcher jetzt in stolzer Haltung an uns vorüberschritt, genau an. Sein Name war mir nicht unbekannt, oft sogar hatte ich von ihm erzählen hören, aber immer an der Wahrheit der wunderbaren Geschichten, welche über seine Fertigkeit und Ausdauer im Schwimmen kursierten, gezweifelt. Er war von nicht gar zu hoher Gestalt; aber der Bau seines gedrungenen

Körpers und insbesondere die Breite seiner Brust machten mich in meinem bisherigen Unglauben doch etwas wankend.

In diesem Augenblicke kam eine offene Equipage, in welcher ein ältlicher Herr und eine junge, verschleierte Dame saßen, dahergerollt. Mit etwas ungewöhnlicher Rücksichtslosigkeit drängte der reichgallonierte Kutscher das Geschirr durch die Menge und knallte mit der Peitsche um die Ohren der im Wege Stehenden. Erschrocken fuhren die Leute auseinander, und nur der Indianer schritt ruhig weiter und wich kein Haar breit von seiner ursprünglichen Richtung ab. War ja doch zur Seite Platz genug für den herrschaftlichen Wagen, welcher ebensogut drüben auf dem kurzen Setzpflaster wie hier auf den glatten, breiten Quadern fahren konnte.

„Weg da vorn, Rothaut, oder bist Du etwa taub?“ rief der Rosselenker, und als der Angeredete trotz des lauten und barschen Zurufes ohne sich umzudrehen seinen Weg fortsetzte, fuhr er, die Peitsche schwingend, fort: „Troll Dich beiseite, Nigger, oder meine Peitsche zeigt Dir den Weg!“

Obgleich das Wort Nigger die größte Beleidigung für einen Indianer enthält, schien der Voranschreitende dieselbe doch nicht zu beachten, sondern ging langsam weiter. Da knallte die Peitsche, und der Riemen derselben strich dem roten Manne gerade über das Gesicht, sodaß die Spuren des Hiebes sofort zu bemerken waren. In demselben Augenblicke aber stand der Getroffene auch schon auf dem Bocke, riß dem ungezogenen -

ungezogenen Burschen mit einem von unten nach oben geführten Hiebe Lippe und Nase auf, hob ihn dann vom Bocke und schmetterte ihn mit solcher Wucht herunter auf die Steinplatten, daß er Hände und Beine von sich streckte und lautlos liegen blieb.

Diese Bewegungen waren so schnell geschehen,daß der im Wagen sitzende Herr nicht Zeit hatte, seinem Untergebenen zu Hülfe zu kommen; jetzt aber riß er einen Revolver aus der Tasche und, denselben auf den Indianer richtend, rief er:

„Zounds (alle Wetter), Canaille, das ist für Dich, wenn er nicht in einer Minute wieder auf dem Bocke sitzt!“ Ohne mit der Wimper zu zucken oder eine Miene zu verziehen, nahm der Bedrohte die Büchse von der

Schulter, legte sie auf den Yankee an, und ganz gewiß wäre es zwischen den beiden zu einer ernsten That gekommen, wenn sich nicht einige schnell hinzugetretene Policemen dazwischengestellt und durch ihr Bitten den Besitzer der Equipage bewogen hätten, die Waffe an sich zu nehmen.

„Bitte, fahrt weiter, Sir,“ mahnte der eine von ihnen. „Euer Kutscher hat sich erhoben und wird wohl das zerrissene Gesicht abgerechnet, keinen Schaden genommen haben. Der Unvorsichtige mußte wissen, daß nach den Gesetzen der Indianer ein Schlag nur mit dem Tode gesühnt werden kann.“

Nach Art und Weise der Amerikaner, welche sich nie in die Händel anderer mischen und ihr Interesse an einem Streite nur dadurch bethätigen, daß sie Raum

zum Ausfechten desselben geben, hatten die Umstehenden einen Kreis um den Wagen gebildet, um zu sehen, wie die interessante Begebenheit enden werde; als jedoch in diesem Augenblicke die schrille Pfeife des herandampfenden Steambootes ertönte und der wieder aufgestiegene Kutscher auf den drängenden Zuruf seines Herrn das Gespann in der Richtung nach der Landungsbrücke leitete, löste sich der Kreis schnell auf, und ein jeder beeilte sich, auf dem Boote einen guten Platz zu erobern.

Es war nicht der gewöhnliche und äußerst komfortabl eingerichtete Passagierdampfer, sondern eines jener riesigen Paketschiffe, welche man zur Personenbeförderung nur ausnahmsweise und meist dann benutzt, wenn bei Beginn der Fieberzeit der Andrang der Reisenden ein schwer zu bewältigender ist. Deshalb entbehrte das Fahrzeug aller jener Bequemlichkeiten, mit denen sich der Yankee das Reisen weniger beschwerlich macht, und die Passagiere mußten Platz nehmen wo und wie sie ihn fanden.

Ich erstieg, nachdem sich mein Neger verabschiedet hatte, einen Haufen Warenballen, welcher eine Reihe viereckiger Kästen flankierte, die sich fast über das ganze Deck hinzog. Da oben hatte ich nun eine freiere Aussicht als unten; auch strich mir die Luft bemerklicher um die Stirn, und rechnete ich dazu die Ungeniertheit, mit welcher ich mich hier ausstrecken konnte, so war mein Platz ein ganz prächti­ger. —

Umschau haltend, gewahrte ich, daß sowohl der Besitzer der Equipage mit seiner Dame als auch der

Indianer anwesend waren. Ersterer gehörte jedenfalls den höchsten Ständen an und benutzte das Paketboot nur, um so rasch wie möglich dem gefährlichen Boden zu entkommen, und letzterer hatte vielleicht seinen Vorrat von Häuten in der Stadt verkauft und ging in die Prärie zurück, um seinen Stamm zu neuen Jagden und Abenteuern zu führen. Auch ihm mochte es da unten im Gedränge zu unbehaglich und schwül zu werden; er kletterte empor und nahm, um mir meinen Sitz nicht streitig zu machen, auf dem ersten der Kästen Platz, von denen ich vorhin sprach.

Kaum aber hatte er sich niedergesetzt, als ein Laut die Luft erschütterte, so tief, so grollend, so dröhnend und erschütternd, daß sämtliche Passagiere emporsprangen und sich entsetzt nach der Ursache dieses fürchterlichen Brüllens umschauten. Nur Inn-nu-woh war ruhig sitzen geblieben, obgleich die Töne gerade unter seinem Sitze erklungen waren. Kein Zug seines braunen, unbeweglichen Gesichtes verriet eine auch nur leise Spur von Überraschung oder gar Bestürzung, und die erschrockenen Leute auf dem Decke schien er keines auch nur halben Blickes für wert zu halten.

Da öffnete sich eine Lucke, aus welcher ein Mann stieg, bei dessen Anblicke mir jenes Brüllen sofort erklärlich wurde. Ich hatte ihn in Boston, in New-York und später auch in Charlestown gesehen und mit ihm so ziemlich innige Bekanntschaft geschlossen. Es war Forster, der berühmte Tierbändiger, welcher damals mit seiner Menagerie die bedeutenderen Städte der Vereinigten Staaten besuchte und überall, wohin

er kam, durch die Macht, welche er über die wildesten Bestien übte, das bedeutendste Aufsehen erregte.

Die Kästen gehörten ihm und enthielten die Käfige seiner zoologischen Untergebenen. Der Indianer hatte auf dem Sommerlogis des Löwen Platz genommen, denselben durch das dabei verursachte Geräusch aus der Siesta aufgeschreckt und zu jenem zornigen Brüllen veranlaßt, welches Forster gehört hatte und nun natürlich herbeigeeilt kam, um sich über den Grund desselben aufzuklären.

In dem vorsichtigen Europa würde man sich allerdings sehr hüten, einer kompletten Menagerie Platz auf einem Boote zu gewähren, welches die Bestimmung hat, Reisende zu befördern. Der Amerikaner aber ist selbst in solchen Dingen weniger diffizil. In dem Lande, welches er bewohnt, hat die Gefahr ihre Heimat; man ist vertraut mit ihr; man kennt ihre verschiedenen Gestalten; man achtet sie, aber man fürchtet sie nicht, und da man gewohnt ist, den vierfüßigen Bewohnern der Wildnis in Urwald und Prärie kühn und furchtlos entgegen zu treten, so scheut man sich natürlich wenig, ihnen außerhalb dieser Wildnis, wenn sie sich in gezähmtem Zustande befinden, zu begegnen.

Nur das Unerwartete hatte die Reisenden erschreckt. Als man jetzt die Bestimmung der zahlreichen Kästen begriff, lachte man über die Furcht, welche man gezeigt hatte und bat den Besitzer der Tiere, die Umhüllung der Käfige zu lüften.

„Well, ich habe Nichts dagegen, wenn es Euch

Spaß macht, Ladies und Gentlemen?; in wenig frische Luft wird den Kreaturen wohlthun. Aber fragt den Kapitän; auf eigene Faust darf ich es nicht thun!“ antwortete er und wandte sich dann an den Indianer.

„Wollt Ihr nicht so gut sein und von Eurem Throne steigen, Mann? Der Löwe ist König und mag nicht gern jemanden über sich leiden!“

Der Angerufene machte, ohne die Lippen zu öffnen, durch eine leichte, abweisende Handbewegung bemerklich, daß es ihm hier oben ganz gut gefalle und er nicht die Absicht habe, seinen Platz zu verlassen.

„Nun gut; mir soll es recht sein. Aber beklagt Euch nicht, wenn Euch etwas Ungemütliches passiert!“

Jetzt brachte man den Kapitain herbei, welcher nach einigem Zögern die Erlaubnis gab, die Käfige auf einer Seite von den Bretterwänden zu befreien. Mit Hülfe der Tierwärter war dies bald geschehen, und da Forster diese Gelegenheit gleich zur Fütterung der Tiere benutzen wollte, so war den Zuschauern bald ein höchst interessantes und unterhaltendes Schauspiel geboten.

Die Sammlung bestand aus meist wirklich prachtvollen Exemplaren, und ganz besonders war es ein bengalisches Königstigerweibchen, welches die allgemeine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Das Tier war erst vor kurzem gefangen, von Indien nach Amerika gebracht und von seinem jetziger Besitzer gekauft worden. Noch ungezähmt und in der freien Wildnis aufgewachsen, bot es einen imposanten Anblick -

Anblick dar und riß durch den Bau seiner gewaltigen Glieder, die urkräftige Geschmeidigkeit seiner Bewegungen und den markerschütternden Ton seiner Stimme zu lauten Ausrufen der Bewunderung hin.

„Geht Ihr auch in diesen Käfig, Sir?“ fragte einer der Umstehenden den Tierbändiger.

„Warum nicht? Von außen ist die Bestie nicht zu zähmen; man muß hinein, wenn man ihr Respekt einflößen will.“

„Aber Ihr riskiert dann jedesmal das Leben.“

„Das habe ich schon tausendmal gethan und bin es also gewohnt. Übrigens bin ich nicht unbewaffnet; ein Hieb mit diesem Totschläger betäubt, wenn er kräftig geführt wird und richtig trifft, das stärkste Thier. Aber ich brauche ihn wenig; die Macht eines echten und rechten Bändigers liegt wo ganz anders. Zuweilen trete ich ohne jede Waffe in die Käfige.“

„Aber in diesen hier würdet Ihr Euch so nicht wagen.“

„Wer sagt Euch das?“

„Nein, das wagt Ihr nicht zu thun!“ meinte, näher tretend, der Besitzer der Equipage, welcher bisher abgesondert von den übrigen die Käfige besehen hatte, während seine Begleiterin, sich vor den Insassen derselben scheuend, nach dem Vorderteil des Schiffes gegangen war und dort über die Sprietverkeilung hinweg in das Wasser sah, welches rauschend am Buge emporschäumte. „Ich wollte wohl tausend Dollars für meine Behauptung setzen!“

Der Amerikaner hat eine Leidenschaft für Wetten, und wo sich ihm eine pikante Gelegenheit zu einer solchen bietet, läßt er sie sicher nicht vorübergehen.

„Ihr seid unvorsichtig, Sir!“ antwortete Forster. „Seht, wie ruhig und furchtlos der Indianer da auf dem Käfige des numidischen Löwen sitzt. Glaubt Ihr wirklich, daß ich, der Besitzer dieser Tiere, weniger Mut besitze?“

„Pshaw!“ (Pah!) machte der Yankee mit verächtlicher Handbewegung. „Bei diesen Menschen ist es nicht Mut, sondern Ignoranz, Dummheit. Hätte er ein Verständnis für das Gefährliche seiner Lage, so würde er bald hier unten bei uns stehen oder sich in irgend einen Winkel verkriegen. Er kennt ja den Löwen gar nicht. Diese roten Halunken verstehen nur, den Feind zu beschleichen und ihn dann nächtlicherweile und hinterrücks zu überfallen. Aber einer Gefahr offen und frei in das Auge zu schauen, dazu fehlt ihnen nicht weniger als alles.“

Inn-nu-woh verstand jedes dieser Worte; aber die Züge seines scharfgeschnittenen Gesichtes blieben unbeweglich, und kein Glied seines Körpers rührte sich zu einer wenn auch noch so leisen Bewegung.

„Ihr irrt Euch in dem Indianer ebenso wie in mir. Wer die Völker der Prärien so kennen gelernt hat wie ich, der hat sie zugleich achten gelernt.“

„Macht Euch nicht lächerlich vor dieser ehrenwerten Gesellschaft! Laßt dort nur das Stachelschwein heraus, und ich bin überzeugt, daß er, sobald er es in Freiheit sieht, sofort vor lauter Angst in den Fluß

springen wird. Diese Kanaillen sind ebenso feig wie sie grausam zu sein verstehen. Aber wir kommen von unsrer Wette ab.“

„Ich halte sie. Kapitän, Ihr seid Zeuge!“

„Das bin ich; aber ich werde nicht zugeben, daß Ihr zu dem Tiere geht; denn ich habe die Verantwortung, wenn an Deck ein Unfall passiert.“

„Ihr werdet keinem freien Amerikaner verbieten können, mit seinem Eigentume zu thun, was ihm beliebt. Und was den Unfall betrifft, so könnte er doch nur mir allein begegnen, und da bin ich doch wohl Mannes genug, Sir, die Verantwortung selbst zu tragen; oder meint Ihr nicht?“

Der Kapitain war selbst Yankee genug, um nicht Interesse für eine solche Wette zu hegen, und da er mit der ausgesprochenen Warnung seine Pflicht gethan zu haben glaubte, so antwortete er:

„Wenn Ihr die Folgen auf Euch nehmt, so kann ich nichts dagegen haben. Thut also, was Ihr wollt!“

„Tretet zurück, Ihr Leute!“ befahl Forster und übergab dem Kapitän die mit den Totschläger versehene Peitsche. Dann näherte er sich mit festen, sicheren Schritten dem Käfige und schob, das Auge groß und voll auf das Tier gerichtet, den Riegel zurück.

Die Tigerin hatte sich im Hintergrunde des engen Raumes niedergeduckt und lag, den Kopf auf den Vorderpranken, mit an der Wand emporstrebendem Schwanze und blinzelnden Augen am Boden. Als der Bändiger sich der Thür nahte, riß sie das Auge

auf und richtete es rollend auf ihn hin; dann verengte sich die Pupille immer mehr und mehr; die Tatzen wurden gekrümmt und an den Körper gezogen; der hintere Teil des Tieres erhob sich leise und fast unmerklich; in dem Augenblicke, in welchem der Riegel klang, flog ein kurzes Zittern über das weiche, schön gezeichnete Fell, und im nächsten Momente donnerte ein entsetzenerregender Laut zwischen den Eisenstäben hervor. Forster lag mit halb aus der Schulter gerissenem Arme blutend am Boden, und das freigewordene Tier schnellte in mächtigen Sätzen über das Deck hin.

Ein allgemeiner Schrei des Entsetzens erfüllte die Luft, und jeder suchte sich zu retten. Es war eine Minute der größten Todesangst und Verwirrung. Die Menschen stürzten übereinander den Luken, Winkeln, Masten und Strickleitern zu, und die Tiere erhoben ein solches Geheul, daß sogar das arbeitende Keuchen der Maschine unhörbar wurde.

Ich war wieder auf die Ballen gesprungen, welche ich vorhin verlassen hatte und blieb da oben, vor Grausen unbeweglich, stehen; denn da vorn, grad vor mir, sah ich das arme Mädchen unrettbar verloren an der Regeling. Die Tigerin hatte ihren Lauf gerade auf dieses zugenommen und duckte sich, kaum noch sieben bis acht Schritte von ihr entfernt, zum verderblichen Sprunge nieder. Das Gesicht des Mädchens war totenbleich und starr; mit wie nach Hülfe ausgestrecktem Arme stand es da, keiner Bewegung fähig, und in der nächsten Sekunde mußte sie verloren sein.

Illustration 12
Dicht hinter Inn-nu-woh sprang auch die Tigerin über Bord und verschwand mit den beiden Menschen im Wasser. (S. 116.)

Da sprang mit katzenhafter Behendigkeit eine Gestalt an mir vorüber, von dem Ballen hinunter, voltigierte in weiten, raubtierartigen Sprüngen über den in der Mitte des Schiffes liegenden freien Raum hinweg an der Tigerin vorüber, packte das Mädchen mit der Linken, stützte sich mit der Rechten auf die obere Pfoste der Regeling und war im nächsten Augenblicke in den tiefen, schmutzig-gelben Fluten des Mississippi verschwunden. Es war Inn-nu-woh.

Ein einziger Schrei, der aus allen Kehlen kam, erfüllte die Luft. War es ein Schrei der Freude oder neuen Schreckens? Niemand wußte es; denn gleich hinter den beiden war auch die Tigerin über die Schiffsumfassung gesprungen und in den Wogen verschwunden. Alles eilte nach der Brüstung des Schiffes, um hinab zu sehen, und mit schellender Stimme kommandierte der Kapitän:

„Mann am Steuer, beidrehen. Stopp, Maschinist!“

Eine lange Zeit, in welcher niemand zu atmen wagte, verging. Das entsprungene Raubtier lag, die vier Pranken ruhend von sich gestreckt, auf dem Wasser und bewachte mit glühendem Augen jede Bewegung desselben. Da, kaum zwanzig Ellen von ihm entfernt, tauchte plötzlich mit raschem Stoße die Gestalt des Indianers in die Höhe, sodaß er fast mit dem halben Körper über die Oberfläche des Wassers emporschoß und man deutlich sehen konnte, daß sich das jetzt ohnmächtige Mädchen mit beiden Armen krampfhaft fest an seinen Hals geklammert hatte.

Kaum aber hatte er Zeit gehabt, Atem zu holen,

so schoß die ihn erblickende Tigerin auf ihn zu. Er fuhr wieder in die Tiefe, tauchte eine Strecke entfernt wieder zum Atmen empor, ward von dem Tiere sofort wieder verfolgt und hinunter getrieben, und so währte die fürchterliche Jagd wohl fünf Minuten, welche bei diesen Verhältnissen zu fünf Ewigkeiten wurden.

Man hatte eine Menge Taue ausgeworfen und das Fallreep nieder gelassen; aber der schlaue Indianer wußte, daß ihm diese Vorkehrungen nichts nützen konnten, denn noch ehe er einige Fuß hoch empor gekommen wäre, hätte ihn die Tigerin erreicht gehabt. Es gab nur ein Mittel, sich zu retten, er mußte unter dem Schiffe hinweg tauchen, und das war gut möglich, da die Maschine stand. Hätte er um das Fahrzeug herumschwimmen wollen, so hätte das verfolgende Tier seine Absicht bemerkt, und das Emporklimmen wäre ihm dann am Backbord ebenso unmöglich gewesen, wie jetzt am Steuerbord.

Er versuchte deshalb, jetzt so lange als möglich auf der Oberfläche des Wassers zu bleiben, um die nötige Luft zu schöpfen. Eine Handbewegung deutete seine Absicht an; dann verschwand er.

„Taue über Backbord!“ kommandierte der Kapitän. Alles eilte auf die angegebene Seite, und wirklich dauerte es nicht lange, so erschien Inn-nu-woh über dem Wasser und ruderte auf das nächste Seil zu, welches hernieder­hing. —

„Cheer up, cheer up, come on!“ (munter, munter, vorwärts!) rief der Kapitän, und in seiner

Stimme klang so deutlich die größte Angst und Besorgnis, daß sich alle nach ihm umwandten.

Ohne ein Wort zu verlieren, deutete er mit ausgestreckter Hand hinaus auf die gelben Wogen. Aller Blicke folgten der Richtung seines Armes, und aller Lippen riefen auch sofort die ermunternden Worte, welche er soeben ausgesprochen hatte.

In nicht gar weiter Entfernung waren drei Furchen zu bemerken, welche sich mit vehementer Schnelligkeit dem Schiffe näherten.

„Um Gotteswillen, rasch, rasch; die Krokodile kommen!“ rief es die ganze Seite des Schiffes entlang.

„Mein Kind, mein Kind, mein armes Kind!“ wehklagte der Vater des Mädchens und beugte sich mit weit aufgerissenen Augen und angstverzerrten Zügen über die Regeling hinaus.

Inn-nu-woh hatte den Ruf vernommen. Ein einziger, rückwärts gerichteter Blick belehrte ihn über die große Nähe der neuen Gefahr, und mit beiden Armen zugleich schnellte er sich mit fast herkulischer Kraft an dem Taue empor. Da er das Mädchen nicht halten konnte, war es ein Glück, daß die Ohnmacht ihr die Arme fest um seinen Nacken legte, und noch hatte er kaum den dritten Teil der Deckhöhe erklommen, so hörte er unter sich einen dumpfen Laut, als ob zwei Balken zusammengeklappt würden. Das erste der Krokodile hatte die Seite des Schiffes erreicht und nach ihm geschnappt. Er war gerettet. Mit ruhigeren Griffen turnte er sich vollends in die Höhe und stieg über die Brüstung auf das Deck.

Sämtliche Anwesenden wollten auf ihn zueilen, wurden aber von einem Rufe davon abgehalten.

„Der Tiger, der Tiger, schaut, Leute!“

Die Tigerin hatte den Verschwundenen gesucht und kam jetzt um das Steuer herüber nach Backbord geschwommen. Sofort eilte alles wieder an die Brüstung, und nur der Vater blieb bei seiner ohnmächtigen Tochter zurück.

Es war wirklich ein prächtiger Anblick, welchen die ruhigen und sicheren Bewegungen des kräftigen Tieres boten. Da plötzlich machte es einen Versuch, sich zu wenden; aber es war zu spät: drei Furchen schossen blitzschnell auf den Punkt zu, wo sich die Tigerin befand; dann erfolgte ein Brüllen so schrecklich und entsetzlich, daß sich den Hörern die Haare sträubten; das Wasser wurde zu Schaum und Gischt gepeitscht und in hochfliegenden Flocken umhergespritzt; es folgte ein tiefes, dumpfes Gurgeln und Röcheln; eine kreiselnde, trichterförmige Öffnung bildete sich im Wasser, dessen gelbe Farbe sich in Blutrot verwandelte, und dann ward es still, die Alligatoren hatten die Tigerin in die Tiefe gezogen.

Mit einem allgemeinen „Ah“ der Erleichterung machten sich die Herzen los von der Beklemmung, welche bisher auf ihnen gelegen hatte, und dann richteten sich die Blicke auf die zwei Leute, welche eng verschlungen in der Nähe des Schornsteins standen.

„Sie lebt noch; sie ist zu sich gekommen!“ rief es von allen Seiten, und der Kapitän trat hinzu, um

dem erschöpften Mädchen seine Kajüte zur Verfügung zu stellen.

Während alle andern mit dem Indianer beschäftigt gewesen waren, hatten die Menageriewärter ihrem Herrn ein Lager bereitet und ihn notdürftig verbunden. Es war notwendig, ihn am nächsten Haltepunkte auszuschiffen und in ärztliche Pflege zu geben.

Endlich fragte man auch nach Inn-nu-woh, und der Vater des geretteten Mädchens war nicht der letzte, welcher sich nach ihm erkundigte.

Der Gesuchte hing hoch droben in den Wantensprossen und man bemerkte, daß er sich bemühte, mit dem von der Schulter genommenen Felle ein Signal zu geben. Vom jenseitigen Ufer hatte sich eine Kanoe gelöst, in welchem zwei Indianer standen, die mit kräftigen Ruderschlägen dem Dampfer zustrebten. Sie kamen, ihren Häuptling abzuholen. Der Sohn der Prärie kennt keine Station; er nimmt Abschied von der Civilisation da, wo es ihm paßt und er die Seinen zu treffen meint.

Da legte sich eine Hand auf die Schulter und eine zitternde Stimme sprach:

„Du darfst nicht gehen; Du hast mir meine Tochter gerettet, und ich will Dir dankbar sein!“

Der Indianer drehte sich um, maß den Sprecher langsam vom Kopfe bis herab zu den Füßen. Seine Gestalt reckte sich in die Höhe; seine Augen blitzen leuchtend über die Umstehenden, und seine Stimme

klang scharf und hell als er die ersten Worte sprach, welche man von ihm hörte:

„Der weiße Mann irrt. Nicht seine Tochter habe ich retten wollen, sondern der rote Mann ist nur deshalb in die Fluten des heiligen Vaters gesprungen, weil er sich fürchtete vor dem Stachelschweine, welches ihr losgelassen habt!“

Mit stolzem Neigen des Hauptes drehte er sich um, stieg das niedergelassene Fallreep hinab und fuhr mit seinen beiden Leuten davon. Noch lange sah man sein reiches, mähnenartiges Haar wehen. Noch lange lag der Klang seiner Stimme den Hörern im Ohre, und noch heute denke ich an Inn-nu-woh, wenn von einem Menschenkinde die Rede ist, welches den Namen eines Helden verdient.

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III. Der Gitano. Ein Abenteuer unter den Carlisten.

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Es war am 29. Juli 1875. Zwei Tage vorher hatte Don Carlos bei Tolosa über die Brigaden Dorregarrays große Heerschau gehalten und demselben neue Pläne über den fortzusetzenden Widerstand nach Navarra geschickt. Ich selbst war bei dieser Gelegenheit so glücklich gewesen, den jetzt so vielgenannten, um nicht zu sagen, berühmten Mann zu sehen, hatte auch um eine kurze Audienz gebeten, war aber abgewiesen und zu General Mondiri, welcher an Stelle Perulas kommandierte, geschickt worden.

Das Saragossische Haus, welches ich vertrat, hatte vor längerer Zeit mehrere bedeutende Lieferungen an die Carlisten effektuiert und trotz mehrmaliger Erinnerungen bis dto noch kein Zahlung erhalten. Deshalb war ich von dem Chef der Firma beauftragt worden, nach Tolosa zu gehen und wo möglich mit dem Prätententen selbst zu sprechen. Leider kehrte ich

unverrichteter Sache zurück und mußte dabei noch Gott danken, mit heiler Haut davongekommen zu sein, da ich von verschiedenen Seiten nur zu deutlich den guten Willen erkannt hatte, dem unwillkommenen Mahner einen der nur zu wohl bekannten

„Carlistenstreiche“ zu spielen.

Deshalb wählte ich nicht die gewöhnliche, über Pamplona, Sanguesso und Egea nach Saragossa führende Straße, auf welcher es von Bandieros (Carlisten) wimmelte, sondern schloß mich einer Mula

(Maultierkarawane) an, welche nach Alfaro ging und wollte von diesem Orte womöglich auf den Wellen des Ebro mein Ziel erreichen, um dann später über Tortosa auf dem Seewege in meine Heimat zurückzukehren.

Der Mulero (Führer der Karawane) war ein Asturier von finsterem Aussehen. Er sprach wenig, fluchte aber desto mehr und hatte nach seiner Absicht auch genügende Ursache dazu. Schon seit langen Jahren hatte er mit den Contrabandistos (Schleichhändlern) an der französischen Grenze in Verbindung gestanden, von denen er in Ochagavia die Waarenballen in Empfang nahm, um sie über Tafalla und Alfaro nach Soria zu bringen, von wo aus sie von einem Geschäftsfreunde nach Valladolid expediert wurden. Bei seiner letzten Reise war er unter die Carlisten geraten und hatte nicht nur seine Ladung, sondern auch die besten seiner Maultiere eingebüßt, sodaß er nur mit dem ingrimmigsten Hasse an die „Banditen des räuberischen Don Habenichts“ dachte.

Unterwegs hatten sich uns zwei Gitani (Zigeuner) zugesellt, welche fast meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Es war ein noch junger Mann von ungefähr sechsundzwanzig Jahren und ein Mädchen, welches acht Jahre weniger zählen mochte. Beide waren von außerordentlicher Schönheit und zeigten jene stolze, imponierende Haltung, durch welche sich der Bewohner Neukastiliens so außerordentlich empfiehlt. Ganz besonders fiel mir die achtungsvolle Sorglichkeit auf, welche der Gitano für seine Begleiterin zeigte und mit welcher er ihr den beschwerlichen Ritt auf dem steilen, holprigen Saumpfade zu erleichtern suchte. Wenn sein dunkles Auge forschend auf ihrem leichtgebräunten Angesichte ruhte, so antwortete ihm jedesmal ein leises Lächeln, in welchem trotz seines beruhigenden Ausdruckes doch eine nur mit Mühe unterdrückte Besorgnis nicht zu verkennen war, und wenn er mit ihr sprach, was immer nur halblaut geschah, sodaß ich die Worte nicht verstehen konnte, so hatte der Ton seiner Stimme stets einen beruhigenden und beschwichtigenden Klang, und ich kam schließlich zu der Überzeugung, daß die beiden Leute sich unter dem Einfluße irgend einer Gefahr befinden mußten.

„Santa madre de dìo!“ seufzte der Mulero; „das ist eine Hitze, wie ich sie zwischen diesen Felsen noch nie erlebt habe. Danken wir den Heiligen, daß wir sogleich an die Estanzia meines Freundes Diego Bonomaria kommen, wo wir uns in den Schatten niederstrecken und ausruhen können. Das ist auch ein Ort, wo die carlistischen Teufel gehaust haben

wie die Wilden. Das Haus angesteckt, die Bewohner umgebracht und alles mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest war. Möchten sie dafür tausend Jahre länger im Fegefeuer brennen!“

Der Ritt ging noch um eine Ecke, und dann sah man die Estanzia vor sich liegen, oder vielmehr, früher hätte man sie vor sich liegen sehen können; denn jetzt bemerkte man nur einen Trümmerhaufen, aus welchen die vier brandgeschwärzten Umfassungswände hervorragten.

„Da, seht hin, Sennor, und Ihr müßtet kein Mensch sein, wenn Eure Hand nicht unwillkürlich nach dem Messer zuckte, um es dem ersten dieser Schurken, der uns begegnet, in die Rippen zu stoßen. Meine Seidenballen und Madrinas (Maulthiere) mögen immer zum Teufel sein; ich werde diese Scharte doch in irgend einer Weise wieder auszuwetzen wissen; aber daß diese Barbaren meinen Freund Diego Bonamaria gemordet haben, das kann ich ihnen nie vergessen. Wenn ich nach Alfaro komme, werde ich ihm ein Dutzend Messen lesen lassen, und ich will nicht selig werden, wenn ich mit der Zeit nicht eben so viel gute Messerstiche an den rechten Mann bringe!“

Man stieg ab, überließ die Tiere, nachdem sie abgezäumt und an den Vorderfüßen gefesselt waren, ihrem eigenen Instinkte und suchte sich zwischen den eingefallenen Mauern einen kühlen Winkel, um auszuruhen und ein kurzes Schläfchen zu halten.

Wieder sorgte der Gitano mit der größten Aufmerksamkeit für die Bequemlichkeit seiner Reisegefährtin.

Sie dankte ihm mit einem warmen Blicke ihres großen, seelenvollen Auges, und bald breitete der erquickende Schlaf seine weichen Schwingen über sie und den Maultiertreiber.

Der Zigeuner schlief nicht. Vielmehr lehnte er sich in aufrecht sitzender Stellung, der man es anmerkte, daß er zu wachen gesonnen sei, an die Mauer, und auch meine Augen wollten sich nicht schließen, da ich immer und immer wieder den Blick auf die schöne Gruppe vor mir richten mußte. Der Gitano Spaniens ist ein stolzer Gesell, mit dem sich sein vagabundierender Verwandter in Ungarn nicht messen kann; aber in der Haltung, den Zügen, dem ganzen Wesen dieses jungen Mannes lag etwas so Distinguiertes, so Achtunggebietendes, daß es mir schwer wurde, mir ihn als einen Angehörigen jenes Stammes zu denken, welcher zur ewigen Heimatlosigkeit verdammt zu sein scheint.

Da plötzlich richtete sich sein Kopf in die Höhe, die stolzen Brauen zogen sich aufwärts, und die Hand fuhr nach der Brust. Draußen ertönte das Getrappel von Pferden, und laute Stimmen wurden vernehmlich; Sporengeklirr und Säbelgerassel näherten sich unserem Zufluchtsorte, und bald stand eine Anzahl zwar buntgekleideter, aber kriegerisch aussehender und gut bewaffneter Leute vor uns, welche uns mit neugierigen und mißtrauischen Blicken musterten.

„Hollah! Was treibt sich denn da für Gesindel herum?“ fragte der vorderste von ihnen. „Wißt Ihr nicht, daß das Passieren von Schleich- und Nebenwegen höchst verdächtig ist?“

Der Mulero war erwacht und hatte sich erhoben, während die Gitani ebenso wie ich in ihrer ruhenden Lage verharrten.

„Da habt Ihr ein wahres Wort gesprochen,“ antwortete er, indem sein sonnverbranntes Gesicht den Ausdruck offenen Hasses zeigte. „Diese Wege geht nur der ehrliche Maultiertreiber; sie sind nur für ihn da, und wer außer ihm sie benutzt, der hat gewöhnlich zehn Finger zu viel.“

„Sage noch ein solches Wort Mensch, und Du bist verloren!“ herrschte der andere ihn an. „Siehst Du denn nicht, daß wir Soldaten Seiner tapferen Majestät, des Königs Carlos sind und das Recht haben, Dich sofort über den Haufen zu schießen?“

„Oho, wen nanntet Ihr als König? Doch, das geht mich ja nichts an; Euren edlen Ritter Don Quixote mögt Ihr meinetwegen nennen, wie Ihr wollt. Wenn sich aber Gesindel hier herumtreibt, so werde ich, der weitbekannte Mulero Fernando Lunez, mit meiner ehrenwerten Gesellschaft einen anderen Ort suchen, wo wir ruhen und der Gefahr, zu diesen Leuten gezählt zu werden, entgehen können. Geht uns also aus dem Wege und —“

„Halt,“ fiel ihm der Carlist, denn ein solcher war es, in die Rede. „Du bleibst und gehst keinen Schritt von hier! Du hast den König beschimpft und also ein todeswürdiges Verbrechen begangen. Don Enrico de Calanda y Munilla, welcher im Heere Sr. Majestät des Königs Carlos die Stelle eine Colonels bekleidet und uns vorausgeschickt hat, um ihm hier

einen Ruheplatz zu bereiten, wird in einer Viertelstunde hier sein und über Dein Schicksal entscheiden. Du bist unser Gefangener!“

Über das Gesicht des Mulero glitt jenes stolze Lächeln, welches nur der Spanier in dieser mimischen Vollendung in der Gewalt hat. Seine Hand näherte sich dem Gürtel, aus welchem der Griff des Dolches hervorragte, und mit einer geringschätzenden Drehung des Kopfes entgegnete er:

„Die Sonne hat Euch den Verstand verbrannt! Wer ist denn Euer Don Enrico de Calando y Munilla eigentlich? Ich kenne ihn nicht. Jedenfalls auch einer von den Bandistos welche die armen Muleros überfallen, um ihnen Sack und Pack abzunehmen. Macht Platz hier!“

„Keinen Schritt weiter!“

„Wahrt Euch! Wer mich anrührt, bekommt sechs Zoll kaltes Eisen in den Leib. Mein Eigentum zwar habt Ihr mir schon geraubt; mich selbst aber bekommt Ihr nicht!“

Er zog den Dolch; aber in demselben Augenblicke krachte auch ein Schuß, welcher bestimmt war, ihn zu treffen. Doch hatte er sich blitzschnell zur Seite gewandt, und so flog die Kugel an ihm vorbei und in die Mauer. Im nächsten Moment stak sein Dolch in der Brust dessen, der auf ihn geschossen hatte, und es entspann sich ein Kampf, der, da die Zahl der Gegner zu groß war, mit der Niederlage des Maultiertreibers endete.

Während dieses Vorganges hatte ich weniger ihn, als vielmehr den Gitano beobachtet.

Bei den mutigen Worten unseres Führers leuchteten seine Augen, und seine Gestalt zuckte unter der Absicht, sich blitzschnell zu erheben. Aber ebenso schnell legte sich die Hand des Mädchens auf seinen Arm, und als er die Angst erblickte, welche sich in ihren Mienen aussprach, ließ er sich langsam aus der schon halb erhobenen Stellung wieder niedersinken, und ich hörte jetzt zum ersten Male deutlich seine Worte:

„Nur aus Rücksicht für Euern Wunsch und Eure Sicherheit, Senorita!“

Der Mulero wurde unter den gräßlichsten Mißhandlungen gebunden, und auch uns hätte ein ähnliches Schicksal getroffen, wenn die Leute nicht für ihren Colonel zu sorgen gehabt hätten. So aber begnügte man sich, uns streng zu bewachen und richtete, nachdem die Leiche des Erstochenen unter Drohungen und Verwünschungen bei Seite geschafft worden war, einen Ruheplatz für den erwarteten Offizier her.

Kaum war dies vollendet, so bemerkten wir einen Trupp Reiter, deren müde Pferde sich den steilen Berg heraufarbeiteten. An ihrer Spitze ritt auf einem andulusischen Rapphengste, dessen zierlich kraftvollen Bewegungen man nicht die mindeste Ermüdung ansah, ein Offizier, welcher seinen militärischen Abzeichen nach der Colonel sein mußte. Den Schluß der kleinen Kavalkade bildeten einige Maultiere, welche hoch und schwer belastet waren.

Noch war der Offizier nicht abgestiegen, so machte

man ihm schon die Meldung des Vorgefallenen. Ohne den Rapport vollständig anzuhören, riß er das Pferd herum und drängte es zu dem Orte, wo die Leiche lag. Nachdem er sich mit einem raschen Blicke von der Wahrheit des Gemeldeten überzeugt hatte, spornte er den Hengst über die nächstliegende Mauerbresche und hielt nach einem kühnen Satze dicht vor unseren Augen. Den Mulero mit flammenden Blicken messend, rief er:

„Du bist’s also, der es gewagt hat, einen Soldaten meines Regimentes zu ermorden? Bete zur heiligen Madonna, in einer Viertelstunde hast Du ausgelebt!“

„Sorgt für Eure eigene Seele, Senor! Die meinige wird ihren Weg schon finden.“

Der Offizier schien diese derbe Antwort keiner Entgegnung wert zu halten und wandte seinen Blick auf uns anderen. Nachdem sein Auge mit verächtlichem Ausdrucke über die beiden Zigeuner hinweggeglitten war, haftete es forschend auf mir.

„Erhebt Euch, Mann! Oder wißt Ihr nicht, daß man mit einem königlichen Offiziere nicht im Liegen spricht?“

„Entschuldigung, Senor; das Sprechen soll wohl erst beginnen.“

„Unternehmt es ja nicht etwa, mich zu korrigieren! Wer seid Ihr?“

Statt aller Antwort gab ich ihm die Passierkarte, welche mir von meinem Chef ausgewirkt worden war.

Ich machte ihn mit der Ursache meiner Reise bekannt -

bekannt und teilte ihm mit, daß ich beabsichtige, nach Saragossa zu gehen.

„Das ist nicht wahr! Wie kommt Ihr sonst an diesen Ort hier, da Euch Euer Weg doch nach Pamplona führen würde. Ihr seid kein Spanier. Wo ist Euer Vaterland?“

„Ich bin ein Deutscher und stehe unter dem Schutze meiner Regierung.“

„Laßt Euch nicht auslachen! Wenn Eure Regierung Euch schützen soll, so müßt Ihr fein hübsch zu Hause bleiben und dürft Euch nicht in Gesellschaft von Mördern hier in den Bergen herumtreiben. Macht Euch gefaßt, mit —“

Er stockte mitten in der Rede. Sein Blick war auf die gegenüberliegenden Höhen gefallen und schien dort auf ewas zu haften, was Wichtigkeit genug haben mußte, seine gespannte Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen.

Ich folgte der Richtung seines Auges und bemerkte eine kleine Truppe Militär, welche seitwärts zwischen den Bergen hervorgekommen war und nun denselben Weg einschlug, welchen wir geritten waren. Sie bestand aus einem Offizier mit sechs Mann Soldaten und war jedenfalls bestimmt, eine Rekognition der umliegenden Gegend vorzunehmen. Wir befanden uns auf einem höheren Punkte als sie, und da die Carlisten durch die Trümmer der Ruine und nebenstehendes Gesträuch Deckung fanden, konnten sie nicht bemerkt werden.

„Habt acht, Leute; da drüben kommt der Feind!“

kommandierte der Colonel, welcher in den nahenden sofort Regierungstruppen erkannt hatte. „Es ist eine Streifpatrouille, welche wir aufheben müssen. Nunez, Du gehst mit drei Mann zurück bis an die Stelle, wo sich der Weg um die Felsen biegt und schießest jeden nieder, der uns etwa entkommen sollte, und Du, Pedrillo, schleichst Dich vorwärts, bis Du etwa genügende Deckung zu einem Hinterhalte hast, um dafür zu sorgen, daß dem Feinde der Rückweg abgeschnitten ist. Ich selbst lege mich mit den übrigen hin in die Ruine, und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn uns einer von ihnen entginge. Schafft die Tiere beiseite und haltet ein scharfes Auge auf die Gefangenen. Wer sich von ihnen rührt, wird niedergeschossen.“

Es wurde dem Befehle mit der größten Schnelligkeit Folge geleistet, und kaum waren einige Sekunden vergangen, so lag der kleine freie Platz leer vor dem Gemäuer und tiefe Stille herrschte ringsumher.

Der Befehl des Obersten, jeden von uns, der sich bewegen werde, niederzuschießen, hatte auf mich keinen großen Eindruck gemacht. Ich war vollständig unbeteiligt bei der Sache und konnte also ruhig liegen bleiben. Anders schien es bei dem Gitano zu sein.

Mit scharfem Auge war er jeder Bewegung der Carlisten gefolgt, und als jetzt der Augenblick der Entscheidung nahte, spiegelten sich die widerstreitendsten Empfindungen auf seinem schönen Angesichte ab. Um dies nicht den Wächtern merken zu lassen, hatte er

sich zur Seite gewandt, und so war es mir möglich, ihn und seine Begleiterin genau zu beobachten.

Sie flüsterten leise und hastig mit einander, und während er ihr einen Entschluß mitzuteilen schien, sprach sie mit einem so flehenden Ausdrucke zu ihm, daß der Zug von Entschlossenheit, welcher sich in seinen Mienen aussprach, mehr und mehr schwand und er endlich mit einem langsamen Neigen des Hauptes sich in ihren Willen ergab.

Mit dankbarem Lächeln blickte sie zu ihm auf, und als bedürfe es noch einer Begründung ihrer Bitte, entfuhr es halblaut ihren Lippen:

„Es sind ihrer zu viel!“

Er antwortete mit einem überlegenen Schütteln des Kopfes und legte sich dann lauschend in die Ecke zurück.

Jetzt vernahm man nahende Schritte. Die hinter den Trümmern im Anschlage knieenden Carlisten hielten die Blicke auf den Punkt gerichtet, an welchem ihre nichts ahnenden Gegner erscheinen mußten, und jeder Augenblick konnte diesen jetzt den sichern Tod bringen. Schon trat der erste von ihnen um die Ecke, welche auch wir vorhin passiert hatten, und sofort legten sich die Finger der im Hinterhalte Liegenden zum Schusse an die Drücker; da aber ertönte ein kurzer, scharfer Pfiff, und in demselben Augenblicke warf sich der Erschienene zurück, und der Platz war wieder leer wie vorher.

Überrascht und zornig war der Oberst bei dem verräterischen Pfiffe aufgesprungen und hatte das

Auge auf uns geworfen. Aber er schien nicht genau zu wissen, aus welcher Richtung der Laut gekommen war, und zudem durfte jetzt keine Zeit verloren werden, wenn die Gewarnten nicht entkommen sollten.

Schnell gab er deshalb die nötigen Befehle und stürmte dann, eine hinreichende Wache bei uns zurücklassend, vorwärts.

Der Hinterhalt mußte die Zurückkehrenden schon aufgenommen haben, wie die rasch hintereinander fallenden Schüsse bewiesen, und da es dann plötzlich wieder ruhig wurde, so waren die Überfallenen entweder glücklich entkommen oder niedergemacht worden. Ich glaubte das erstere annehmen zu dürfen, wurde aber sofort eines andern belehrt; denn mitten in die augenblickliche Stille hinein erscholl jetzt ein lautes Jubelgeschrei, und nach einigen Augenblicken der Ungewißheit und des Wartens von unserer Seite kehrten die Carlisten zurück, den feindlichen Offizier als Gefangenen in ihrer Mitte.

Seine Uniform hing in Fetzen um den Körper, und das Blut strömte ihm aus mehreren Wunden. Er mußte wacker gekämpft haben und jedenfalls mit dem Colonel zusammmengekommen sein; denn auch dieser war verwundet und warf Blicke auf ihn, in denen sich Haß und Rachelust nur zu deutlich aussprachen.

„Bindet ihn und schafft ihn einstweilen zu den andern dort! Er ist nichts anderes als sie, ein Spion, und wird also auch mit ihnen aufgeknüpft.“

„Hoffentlich sind diese Worte nur eine Folge des

Schmerzes, welchen Euch Eure Wunde verursacht, Colonel. Ich bin weder ein Spion noch sonst ein Individuum, welches gewohnt ist, mit Stricken in Berührung zu kommen, und Ihr werdet nicht weniger als ich wissen, wie man Offizieren zu begegnen hat,“ antwortete der Gefangene, und seine hohe, stolze Gestalt schien bei dieser Entgegnung zu wachsen.

„Pah! Gebt Euch keine Mühe, mich mit den Regeln der Höflichkeit bekannt zu machen. Wir befinden uns nicht im Salon, und wer Blut vergießt, des Blut wird wieder vergossen. Auge um Auge, Leben um Leben. Warum ergebt Ihr Euch einer Sache, welche die angestammten Rechte Sr. Majestät mit Füßen tritt!“

Verächtlich zuckte der Leutnant, denn in diesem Range schien der Gefangene nach dem Abzeichen seiner Uniform zu stehen, die Achsel und wandte sich, um zu uns zu treten. Kaum aber hatte er einen Blick auf den Zigeuner geworfen, welcher, den Finger mahnend an die Lippen gelegt, in der Ecke lehnte, so trat er erschrocken einen Schritt zurück, faßte sich aber sofort wieder und fragte, zurückblickend:

„Wollt Ihr mich wirklich zu solcher Gesellschaft verurteilen?“

„Geht nur immer zu! Sie ist ehrenwert genug für einen Mann, dem die Kugel bestimmt ist.“

Der so Abgewiesene nahm Platz auf einem der wirr übereinander liegenden Steine und versuchte, das aus seiner Wunde, die mir nicht sehr gefährlich zu sein schien, fließende Blut zu stillen. Schon beim

ersten Blicke auf ihn war mir eine ganz frappante Ähnlichkeit zwischen ihm und dem Zigeuner aufgefallen, und sein Erschrecken beim Erblicken des letzteren machte eigentümliche Gedanken in mir rege.

War diese Ähnlichkeit wirklich nur eine zufällige, so mußten sie sich doch kennen, wie mir das Verhalten beider bewieß, und wenn ich mir die Situation überdachte, so kam ich zu der Überzeugung, daß ich vor einem Ereignisse stehe, welches auch auf meine eigene Lage von Einfluß sein konnte.

Hart neben mir lag der gefesselte Mulero. Es hatte bisher geschienen, als ergebe er sich in sein Schicksal; aber jetzt bemerkte ich an seinen Mienen, daß er mir etwas zu sagen wünsche. Deshalb streckte ich mich lang auf die Erde und suchte mit möglichster Unbefangenheit mein Ohr so weit wie möglich in seine Nähe zu bringen.

„Stricke zerschneiden!“ flüsterte er mir zu. Ich winkte bejahend mit den Augen und beschloß, ihm den Wunsch zu erfüllen, trotzdem ich mich in nicht geringe Gefahr dabei brachte.

Er wälzte sich etwas auf die Seite, um mir Gelegenheit zu geben, zu den auf dem Rücken gebundenen Händen zu gelangen. Dabei fuhr sein Auge beobachtend über die Umgebung, und ich bemerkte, daß dabei ein Blitz freudiger Überraschung über sein Gesicht fuhr.

Schnell folgte ich der Richtung seines Auges und gewahrte einen Männerkopf, welcher vorsichtig hinter der eingestürzten Wand hervorlugte und mit ermunterndem -

ermunterndem Nicken sofort wieder verschwand. Das Erblicken desselben machte den Gebundenen unvorsichtig.

„Santa maria de Ragunna, mein Freund Diego Bonamaria! Er ist den Schuften also doch entkommen und wird uns retten,“ sprach er ziemlich vernehmlich, so daß der nächstsitzende der Wächter sofort herbeitrat.

„Was habt Ihr miteinander zu sprechen!“ schalt er und fuhr, zu mir gewendet, fort: „Rückt fort von hier, dorthin an die Mauer; es ist hier nicht der Ort zum Plaudern.“

Wohl oder übel mußte ich diesem Befehle Folge leisten; kaum aber hatte ich den Platz erreicht, so vernahm ich über meinem Kopfe, wo sich eine Öffnung in dem Umfassungsgemäuer befand, eine Stimme, deren Worte jedenfalls mir galten.

„Haltet Euch ruhig, Sennor, damit die Bandistos nicht merken, daß jemand mit Euch spricht.“

Es war Bonamaria, der sich um die Ruine herumgeschlichen und diesen Ort gewählt hatte, sich uns verständlich zu machen. Ich schloß die Augen und hielt meine Gesichtszüge vollständig unbeweglich.

„Ich komme aus Tudela, wohin ich geflohen war, und wollte sehen, was aus meinem Eigentum geworden ist. Dort liegt Martinez Campos mit seinen Scharen und hat eine Abteilung in die Berge geschickt, um die Gegend abzusuchen. Ich werde diese Leute aufsuchen und sie hierherführen, um Euch zu befreien und mich zu rächen. Sagt dies meinem Freunde

Fernando Lunez, wenn Ihr könnt und sucht den Aufbruch zu verschieben. Addio, Sennor!“

Trotzdem diese Worte einen höchst erfreulichen Eindruck auf mich machten, suchte ich denselben doch zu verbergen. Glücklicherweise waren die Carlisten jetzt mit dem gefangenen Offiziere beschäftigt, welcher sich nicht binden lassen wollte, aber doch endlich, wie ich zu bemerken Gelegenheit hatte, auf einen Wink des Zigeuners nachgab.

„So,“ sagte feindselig lachend der Colonel; „trotzdem auch wir die löbliche Eigentümlichkeit haben, gefangenen Offizieren Achtung und Rücksicht zu erweisen, dürft doch Ihr auf so etwas nicht rechnen, und das habt Ihr Eurem Bruder zu danken.“

„Meinem Bruder?“ fragte der Gefangene wie verwundert.

„Niemand anderem, Don Ramirez. Da Ihr nicht bei derselben Abteilung gestanden habt, mag Euch wohl unbekannt sein, wie ich zu dieser Äußerung komme. Er ist vom General Jovellar nach Tolosa gesandt worden, um unsere Streitkräfte kennen zu lernen, also Spion. Unglücklicher Weise ward er von einem unserer Offiziere, der ihn kannte und sah, entdeckt und zum Tode verurteilt. Dieses Urteil scheint sich aber seiner Zustimmung nicht erfreut zu haben; denn eine Viertelstunde vor der Execution war er verschwunden und mit ihm eine von den jungen Damen, welche Major Resibo veranlaßt hatte, den Bahnwagen zwischen Saragossa und Barcelona zu verlassen und mit ihm zu gehen, um in ihnen eine

Anweisung auf die Kasse ihrer Herren Väter zu besitzen. Natürlich hat man alles in Bewegung gesetzt, um der Entflohenen habhaft zu werden, bisher aber ohne Erfolg. Da Ihr nun denselben Namen tragt, wie Euer Bruder, so dürft Ihr es uns nicht verargen, wenn wir für Eure Person eine etwas unliebenswürdige Aufmerksamkeit haben.“

„Die Schuld meines Bruders ist nicht die meinige, obgleich ich an seiner Stelle ebenso gehandelt hätte. Übrigens bin ich nicht ein Mörder, sondern Kriegsgefangener und werde an der geeigneten Stelle Satisfaktionen zu verlangen wissen!“

„Das werde ich Euch nicht verwehren; doch wird Euch dazu wohl wenig Zeit übrig bleiben.“

Bei diesen Worten wandte er sich ab und trat zu dem Zigeuner, welcher jetzt scheinbar teilnahmslos in der Ecke gelehnt hatte.

„Jetzt zu Dir, Bursche. Wer war es, der vorhin gepfiffen hat?“

Der Gefragte blieb unbeweglich liegen und blickte mit einem Ausdrucke, in welchem ein leiser Spott kaum zu verkennen war, zu dem Frager empor.

„Wendet Euch an eine andere Adresse, Senor! Ich laufe nicht als Pfiffinspektor in der Welt herum.“

„Kommst Du mir so, Halunke? Wahre Deine Zunge und gieb Antwort auf meine Frage, sonst werde ich Dir den Mund zu öffnen wissen. Übrigens hast Du Dich zu erheben, wenn ich mit Dir spreche. Also, wer hat gepfiffen?“

„Was geht das mich an?“ fragte der Bedrohte ruhig, indem er trotz der Aufforderung des Offiziers in seiner Stellung verharrte. „Ich glaube nicht, daß es mir gegolten hat.“

„Steh auf, sage ich Dir, oder ich lasse Dich peitschen, bis Du höflich wirst. Gestehe, daß Du es selbst gewesen bist!“ —

„Warum fragt Ihr dann, wenn Ihr das so genau wißt?“ entgegnete der Gitano, indem er sich langsam erhob und gähnend die schlanken Glieder streckte, als befände er sich in der sichern Mitte der Seinen und nicht in einer so lebensgefährlichen Lage.

„Damit hast Du Deine Schuld eingestanden und wirst den Lohn des Verräters haben. Bindet ihn!“

Sofort traten einige der Leute herbei, um der Weisung zu gehorchen. Er streckte ihnen mit einem ruhigen überlegenen Lächeln die Hände entgegen und verzog keine Miene, als sie ihm die Arme in einer Weise zusammenschnürten, die ihm jedenfalls Schmerzen verursachen mußte.

Das Mädchen hatte sich erhoben und trat mit einer angstvollen, abwehrenden Bewegung auf den Colonel zu. Dieser warf einen langen Blick auf die schöne Gestalt der Bittenden und sprach dann:

„Spare Deine Worte, meine Schätzchen; sie werden ihm und Dir nichts helfen. Übrigens ist es jammerschade, daß ein so niedliches Kind wie Du seine Schönheit nicht besser zu verwerten weiß. Ich werde Dir Gelegenheit dazu geben, und wenn Du verständig und gehorsam bist, wird Don Enrico de Calanda y

Munilla vergessen, in welcher Gesellschaft er Dich getroffen hat.“

Trotz der Bräune ihres Gesichtes war doch die glühende Röte zu bemerken, welche dasselbe bei diesen Worten überzog. Der Offizier, dieses mißdeutend, fuhr fort:

„Deine gegenwärtige Gesellschaft taugt nicht für Dich. Gehe dort zu meinen Leuten und nimm teil an dem Mahle, welches sie eben bereiten. Nach demselben wird die Execution des Mörders vorgenommen werden. Über die andern mag ein Kriegsgericht entscheiden.“

Er winkte einem der Seinigen, welcher herzutrat und die Widerstrebende mit sich fortzog.

Unwillkürlich warf ich dabei einen Blick auf den Zigeuner. Ganz gegen meine Erwartung blieben seine Züge unbeweglich und ausdruckslos. Die unfreiwillige Entfernung seiner Begleiterin schien ihn nicht zu berühren, vielmehr bemerkte ich, daß seine Aufmerksamkeit mehr auf mich als auf sie gerichtet war.

Man hatte ihn in meine Nähe plaziert, sodaß wir uns bei einiger Vorsicht verständlich machen konnten. Während der Colonel seinen Ruheplatz suchte und die Andern mit dem frugalen Mahle beschäftigt waren, raunte er mir, indem er nach der über mir befindlichen Maueröffnung winkte, hastig zu:

„Was wollte der?“

Er hatte also Bonamaria gesehen und in ihm jedenfalls einen uns freundlich gesinnten Mann erkannt.

„Der Besitzer dieses Hauses. Er holt Militär!“ antwortete ich.

„Ist welches in der Nähe?“

Ich nickte und winkte nach der Richtung zu, welche der Estanziero eingeschlagen hatte.

Da erscholl aus der Gruppe der Carlisten ein lauter Schrei, bei welchem, während ich nur den Kopf wendete, der Gitano mit einem Satze in die Höhe schnellte. Einer der Leute hatte seinen Arm um das Mädchen gelegt und versuchte, ihr einen Kuß aufzudrängen. Sie währte sich gegen diese Berührung und wiederholte, während die andern roh lachten, ihren Hülferuf.

Schon stand der Zigeuner vor dem Colonel.

„Senor,“ sprach er, „ich werde nicht zugeben, daß man meine Schwester beschimpfe. Daß Ihr sie von mir wegnahmt, mußte ich leiden; denn ich befinde mich in Eurer Hand. Aber wenn Ihr nicht sofort gebietet, daß Eure Untergebenen von ihr lassen, werde ich selbst sie gegen Mißhandlungen in Schutz nehmen!“

Erstaunt blickte der Offizier den jungen Mann an, welcher vor ihm stand, nicht als befinde er sich in Fesseln und gehöre einem zurückgesetzten Volksstamme an, sondern als sei er hier Herr und Gebieter, dem man Gehorsam leisten müsse.

„Bist Du wahnsinnig, Mensch!“ rief er, „oder hat die Angst Dich betrunken gemacht?“

„Angst?“ fragte Gitano, indem er mit einem geringschätzigen Blicke die Gestalt seines Gegners übermaß.

„Don Enrico de Calanda y Munilla ist

zwar ein tapferer Offizier, und es ist zu beklagen, daß er seinen Arm einer so ungerechten Sache gewidmet hat, aber mir Furcht einzuflößen, dazu ist er der Mann doch noch nicht! Ich wiederhole also, Senor, daß ich jeden, der es zum zweiten Male wagen sollte, das Mädchen anzurühren, eine Kugel durch den Kopf jagen werde. Jetzt wißt Ihr, was Ihr zu thun habt.“

„Ja, das weiß ich, mein Söhnchen. Ich werde Dich um etwas fester schließen lassen und Dir sodann im Irrenhause ein ruhiges Zimmerchen verschaffen, wo Du den Helden spielen kannst, ohne ausgelacht zu werden. Gebt ihm noch einen Strick mehr um den Arm!“

Der Zigeuner trat einen Schritt zurück und warf einen so überwältigenden Blick auf die beiden Männer, welche herzutraten, um dem Befehle zu gehorchen, daß sie unwillkürlich stehen blieben und ihren Gebieter unentschlossen ansahen.

„Wer wagt es?“ fragte er. „Ich habe mich vorhin binden lassen, Don Enrico, weil es mir Spaß machte und ich die Gelegenheit benützen wollte, einmal die Festigkeit Eures Hanfes zu erproben. Ihr sollt sofort sehen, daß sie nicht bedeutend ist.“

Er machte eine Bewegung, die Arme aus den Fesseln zu ziehen. Da sprang der Colonel empor, um ihn daran zu verhindern, erhielt aber einen so gewaltigen Fußtritt auf den Unterleib, daß er mit einem Schmerzenslaute niederstürzte und einige Sekunden bewegungslos und wie gelähmt liegen blieb.

Mit einem kräftigen Rucke riß der Gitano den Arm aus der jedenfalls schon vorher gelockerten Schlinge, sprang in den Winkel zurück, in welchem er gelegen hatte und zog unter den dortliegenden Steinen zwei Revolver hervor, welche er bei dem Erscheinen der Carlisten dort versteckt, und die man deshalb nicht bei ihm bemerkt und gefunden hatte. Er hob den einen empor, drückte los, und der erste von den Leuten, welche ihn zu fassen drohten, stürzte, durch die Brust geschossen, nieder. Ihm folgte der nächste, und noch hatte der Colonel sich nicht erholt, so sah er schon vier seiner Leute in ihrem Blute liegen.

So wenig ich sonst kriegerische Geschicklichkeit besitze, das Beispiel des Gitano elektrisierte mich und riß mich aus dem Gleichmute, welchen ich bisher bewahrt hatte. Ich zog ein Messer, trat zu dem gefangenen Offizier und hatte in Zeit von zwei Augenblicken sowohl seine Bande als auch diejenigen des Maultiertreibers durchschnitten.

„Gracia a dio!“ rief der letztere. „Jetzt sollt Ihr den Mulero Fernando Lunez kennen lernen.“

Er sprang empor und warf sich mit geballten Fäusten mitten unter die Carlisten hinein. Während dieser kurzen Zeit hatte der Gitano dem sich auf ihn stürzenden Colonel den Degen entrissen und lehnte nun, gegen eine bedeutende Übermacht kämpfend, an der ihn deckenden Mauer.

Ein Glück war es, daß die Feinde unvorsichtiger Weise keine Ladung in den Gewehren hatten und in der Hitze des Augenblickes auch nicht an das Schießen

dachten. Kaum von den Banden befreit, standen wir alle vier im blutigen Handgemenge, und ich bemerkte gar wohl, daß der Ausgang desselben ein sehr zweifelhafter sei. Trotz der vier Gefallenen kämpften wir doch gegen eine fünffache Übermacht, und schon faßte ich den Entschluß, mich auf eines der angekoppelten Pferde zu werfen und auf demselben das Weite zu suchen, als hinter uns eine Salve gegeben wurde, welche ein halbes Dutzend unserer Feinde niederstreckte.

Im nächsten Augenblicke sprangen eine Anzahl Männer, die an ihrer Uniform als Regierungstruppen kenntlich waren, zwischen uns und nun bekam das Gefecht allerdings eine andere Wendung.

„Hollah, Freund Diego, bist zu rasch gekommen!“ rief der Mulero. „Ich hätte das Vergnügen, diese Schurken hinüber zu spedieren, gern allein gehabt. Immer drauf, Männer, und laßt keinen durch! Da, hast Du eins! Das ist für meine Madrina, dir Ihr mir gestohlen habt. Du auch eins! Das ist für die Seidenballen, und dieser Hieb da für die Cigarren!“

So gab er, während er mit seinen sehnigen Armen unter den Feinden aufräumte, seinen Worten Ausdruck, und bald lagen sämtliche Gegner außer einem tot oder schwer verwundet am Boden.

Dieser eine war der Colonel, welcher, als eben der letzte der Seinigen fiel, von dem Gitano einen Schlag mit dem Knopfe des ihm entrissenen Degens erhielt, der ihn betäubte. Er griff mit beiden Händen in die Luft und schien die Besinnung zu verlieren. Aber seine starke Natur überwand schnell die Schwäche,

und eben wollte er sich wieder auf den Gegner stürzen, als dieser einige Schritte zurückwich.

„Don Enrico, Ihr habt Euch brav gehalten, trotzdem Ihr seht, daß ich Euch überlegen bin. Nehmt Pardon und eine ehrenvolle Gefangenschaft; denn mein nächster Hieb wird Euch zur Leiche machen!“

„Ein Offizier nimmt keinen Pardon von einem Zigeuner!“

„Das ist wahr; aber von dem Leutnant Milio de Algora könnt Ihr ihn nehmen.“

„Was!“ rief, mitten im Ausfalle erstaunt innehaltend, der Colonel, „Ihr wäret — — —?“

„Milio de Algora, der Spion, welcher mit einem Mädchen eine Viertelstunde vor der Execution entflohen ist, wie Ihr vorhin meinem Bruder erzähltet.“

„Dann aber ist die Zigeunerin —“

„Die Tochter Jovellars, den Ihr haßt und fürchtet und ihn deshalb durch den Raub seines Kindes schädigen wolltet. Nehmt Ihr Pardon?“

„Ich sehe, daß der Widerstand vollständig unnütz ist. Ich bin Euer Gefangener.“

„Gut; ich gewähre Euch eine Gefangenschaft ohne Strick. Nehmt Platz und laßt Euch verbinden!“

Mit den letzten Worten wandte er sich, die Arme um ihn schlingend, zu seinem Bruder und führte denselben, nachdem die ersten freudigen Grüße und die darauffolgenden Fragen und Antworten ausgetauscht waren, zu dem Mädchen, welche in größter Angst und Bangigkeit sich während des Kampfes

zurückgezogen hatte und nun mit wonnigem Lächeln auf ihren Retter zutrat.

„Hier, Donna Elvira, stelle ich Euch meinen Bruder Ramirez vor, welchen Ihr so gerne kennen lernen wolltet. Er hat lange Zeit in Granade, dem Paradiese der Zigeuner gestanden und wird meiner Ansicht beistimmen, daß er heut’ die schönste der Gitanas begrüßen darf.“

„Mein Bruder spricht die Wahrheit, Donna de Jovellar, und außerdem ist es mir die größte Ehre, der Tochter unseres verdienten Generals meine Dienste offerieren zu können.“

„Dank, Senor! Obgleich sich die Eigenschaften meines bisherigen Ritters als vollkommen ausreichend erwiesen haben, ist mir unter den jetzigen Verhältnissen der Schutz Eures Armes nicht unwillkommen, und ich bitte, Euch mit Eurem Bruder zu vereinen, um die arme, flüchtige Zingarietta (Zigeunermädchen) zu ihren Eltern zu bringen, welche sich in bangen Sorgen um das Schicksal ihres Kindes befinden!“

Da trat der Mulero an der Seite des Estanziero zu den dreien.

„Verzeiht, Senor,“ sprach er zu Ramirez. „Wir sind etwas neugierig gewesen und haben eine wichtige Entdeckung gemacht.“

„Welche?“

„Das eine der Maultiere trägt zwei Fäßchen, welche, nach ihrer Schwere zu schätzen, Gold oder Silber enthalten müssen. Der Colonel winkte dem Treiber, sich unbemerkt davonzuschleichen und machte

mich dadurch aufmerksam. Die andern Tiere tragen Tabak und dergleichen Sachen.“

„Wir werden die Fässer untersuchen,“ antwortete Milio; „und wenn sich Deine Vermutung bestätigt, so sollst Du die übrigen Tiere mit samt ihrer Ladung als Entschädigung für den Verlust Deiner Mula haben.“

Erstaunt und zweifelnd blickte Fernando Lunez den Zigeuner an. Es war ihm unbegreiflich, daß er, der arme Gitano, so sprechen konnte. Dieser lächelte vergnügt und fuhr fort:

„Eigentlich steht mir freilich das Recht, über unsere Beute zu verfügen, nicht zu; aber ich werde mein Verfahren zu verantworten suchen. Und was Deinen Freund hier betrifft, so werde ich ihm aus meinen Privatmitteln so viel zur Verfügung stellen, daß er seine Estanzia wieder aufbauen kann, wenn es in der Gegend wieder sicher ist.“

Die Zuversicht, mit welcher die Worte gesprochen wurden, machten den guten Fernando Lunez noch verwirrter, und mit erwartungsvollen Blicken fragte er:

„Aber wer seid Ihr denn eigentlich?“

„Es ist mein Bruder Milio de Algora,“ antwortete Ramirez an Stelle des Gefragten, „und Ihr könnt also glauben, was er sagt.“

„Ein Algaro ist er?“ fragte der Erstaunte, welcher vorhin in der Hitze des Gefechtes die kurzen Worte nicht gehört hatte, welche der Gitano mit dem Colonel wechselte. „Mein Vetter Alfonso Clarino ist Stallmeister bei Eurem Vater, und ich weiß nun bestimmt, daß Ihr Euer Wort halten werdet. Aber wie konnte

ich nur so dumm sein und Euch für einen Gitano halten. Diego, hast Du schon einmal eine solche Unklugheit an Deinem Freunde Fernando Lunez bemerkt?“

„Laß es gut sein und mache mir lieber Platz, daß ich mich auch bedanken kann. Senor, ich hoffe, daß Ihr Euch seiner Zeit an mich erinnert werdet. Ihr könnt von Fernando stets erfahren, wo ich zu finden bin.“

„Habt keine Sorge! Für jetzt werden wir wohl noch eine kleine Strecke beisammen bleiben; denn Ihr geht doch wohl mit nach Alfaro?“

Als diese Frage beantwortet war, wandten sich die beiden Offiziere zu dem Colonel.

„Könnt Ihr mir vielleicht sagen, Don Enrico, was Ihr geladen habt?“

„Es sind meist Viktualien.“

„Und was trägt dort jenes Maultier, dessen Treiber sich auf Euren Befehl entfernen sollte?“

„Ich bin in Eurer Hand. Thut, was Euch beliebt, Senor Milio.“

„Ist der Rapphengst Euer Eigentum?“

„Ich habe ihn an einen anderen abzuliefern.“

„Gut, so werdet Ihr also durch den Verlust des Tieres, welches zu unserer Beute gehört, nicht geschädigt. Ihr begleitet uns bis Alfaro, wo Ihr weitere Bestimmungen erhalten werdet.“ Und zu mir gewendet, fuhr er fort: „Euer Weg führt Euch wie ich gehört habe, nach Saragossa. Wollt vielleicht die Güte haben

und meinen Vater, welcher auf seinem Schlosse bei Alagon wohnt, einige Nachricht von uns überbringen?“

„Gern, Sennor!“

„Danke. Zwar macht Ihr dabei keinen Umweg; aber damit Ihr schneller vorwärts kommt, sollt Ihr als Andenken an das heutige Abenteuer den Hengst haben. Ich werde auch das verantworten, und da Ihr gut reitet, so ist er bei Euch wohl aufgehoben. Vater kann Euch Empfehlungen geben, welche Euch vielleicht von Nutzen sein werden.“

Er wandte sich, meine Dankesworte überhörend, wieder zu seiner Begleiterin. Das verheißungsvolle Augenleuchten, mit welchem sie ihn empfing, war ihm jedenfalls ein besserer Dank als meine trockenen Worte, und ich schloß mich der bald aufbrechenden Truppe mit der Überzeugung an, daß er seine schöne Gitana als besten Preis für die bewiesene Tapferkeit empfangen werde. —

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Uebersetzungsrecht vorbehalten.— Nachdruck verboten.

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Druck von H. G. Münchmeyer, Dresden-Niedersedlitz.