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ALFRED SCHNEIDER

».. . unsere Seelen haben viel Gemeinsames!« · Zum Verhältnis Peter Rosegger - Karl May



Daß Peter Rosegger, der hochstehende, feinfühlende und human denkende geistige Aristokrat, das, was er über meine Jugendzeit sagt, als abgeschlossen und abgetan betrachtet, versteht sich ganz von selbst. In derartigen Bodensätzen und Rückständen können nur niedrige Menschen waten. . .
Karl May1

Eine kaum noch zu überbietende Lobeshymne. Kein Wunder, daß auch in der Sekundärliteratur Peter Rosegger immer wieder als Gönner und wohlwollender Beurteiler Mays erwähnt wird.2 Um so überraschter war ich, als mir der Brief Mays an seinen Hamburger Freund Carl Felber vom 11. Januar 1912 zu Gesicht kam, in dem es u. a. hieß: Leider bin ich nicht so entzückt von Rosegger wie Sie. Er hat nicht gut an mir gehandelt. . . 3 Diese Äußerung Mays gab den Anlaß, das Verhältnis des Steiermärker Heimatdichters zu Karl May näher zu untersuchen, um so mehr, als auch ein Brief Mays an Hans Möller vom 29.9.1905 bekannt ist, in welchem es heißt: Was Rosegger betrifft, so darf ich Ihnen nicht verschweigen, daß er zu meinen Gegnern gehört. Es wurde mir schon wiederholt berichtet, daß er sich scharf aberkennend über mich geäußert habe. Ich freilich bin mir hieran keiner Schuld bewußt. Er hat keine Zeit, meine Bücher zu ›studieren‹, denn es genügt nicht, sie nur zu lesen. Er weiß also nicht, daß sie nur erst Etüden enthalten und gar nicht spruchreif sind. Er wird also gelegentlich nachgesprochen und nachgeschrieben haben, was er von Anderen hörte oder las. Das kann mich aber nicht veranlassen, nun meinerseits ungerecht oder gar gehässig zu sein Ich erkenne seine Verdienste in vollstem Maße an und empfehle seine Bücher so oft, wie ich nur kann. Über seinen


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Glauben habe ich nicht zu urteilen; für mich ist er nur der »Mensch« Rosegger, und den, den habe ich gern!. . .4
  Nachstehend werden der Briefwechsel zwischen May und Rosegger, soweit er auffindbar war, und die wesentlichsten Aussagen in Rosegger's ›Heimgarten‹5 gesammelt veröffentlicht. Sie beweisen nicht nur die gelegentlich schwankende Haltung Roseggers gegenüber May; sie sind zugleich ein Zeugnis der schweren seelischen Kämpfe, die Karl May in seinem letzten Lebensjahrzehnt durchzustehen hatte, ein Beweis zugleich für seine Mühen, die wenigen ›Prominenten‹, die in jenen Jahren öffentlich für ihn eingetreten waren, auf seiner Seite zu halten.
  Die Beziehung zwischen den beiden Schriftstellern begann im Jahre 1877. Rosegger veröffentlichte im ›Heimgarten‹ Mays Erzählung ›Die Rose von Kahira‹ und schrieb am 12. Juli 1877 an seinen Freund Robert Hamerling: »Vor kurzem erhielt ich von einem Herrn Karl May, Redakteur in Dresden, eine Erzählung: ›Die Rose von Kahira, ein Abenteuer aus Egypten‹. Diese Geschichte ist so geistvoll und spannend geschrieben, daß ich mir einerseits gratuliere, andererseits Zweifel habe, ob das Manuskript wohl auch Original ist. Hätten Sie, Herr Professor, vielleicht zufällig den Namen Karl May schon gehört oder wüßten, welches Blatt er redigiert? Seiner ganzen Schreibweise nach halte ich ihn für einen vielerfahrenen Mann, der lange Zeit im Orient gelebt haben muß. Ich gedenke, die ›Rose von Kahira‹ mit dem Oktoberheft zu beginnen - sie dürfte 4 Hefte lang laufen«6
  May dürfte mit der ›Rose von Kahira‹ weitere Manuskripte nach Graz gesandt haben, denn am 7. Nov. 1877 schrieb Rosegger: »Verehrter Herr! Da wir mit Dorfgeschichten allzureichlich versehen sind, so gebe ich die Ihre, die als solche sehr gut ist, dankend zurück. Die ›Falschen Exzellenzen‹ können vor Februar nicht erscheinen, aber im Heft des gen. Monats hoffe ich sie anbringen zu können. Der Rest des Honorars für die ›Rose von Kahira‹ wird Ihnen in kurzer Zeit übersandt werden. Die Verlagshandlung hält nur so strikte an ihrem Usus, von 3 zu 3 Monaten auszuzahlen. Mit vielen Grüßen P. K. Rosegger.« May hatte anschließend seine Erzählung ›Im fernen Westen‹ an Rosegger eingesandt, der sie mit Brief vom 15. Dez. 1877 allerdings ebenfalls zurückwies: »Es freut mich, daß Sie in der Honorarfrage die


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Redaktion nicht anklagen. Ich kann nicht anders u. im Grunde genommen, auch die Verlagshandlung nicht. Die Zeiten sind schlecht. ›Im fernen Westen‹ gebe ich Ihnen dankend zurück. Diese Erzählung ist etwas zu umfangreich; die meisten Leser der Monatsschrift wünschen, daß in jedem Hefte die Erzählungen abgeschlossen würden. Für die ›Falschen Exzellenzen‹ kann ich nur 15 Fl. ö.W. bieten. Sind Sie nicht gewillt, mir die Arbeit zum ersten Abdruck für diesen Preis zu überlassen, so muß ich Ihnen dieselbe auch zurückgeben. Bitte um Bescheid. Mit vielen Grüßen P.K. Rosegger.«7
  May war mit dem Honorar einverstanden, die ›Falschen Exzellenzen‹ waren 1878 im ›Heimgarten‹ zu lesen. Damit war für lange Zeit jede Verbindung zwischen den beiden Schriftstellern zum Erliegen gekommen. May schrieb für viele andere Zeitschriften, bearbeitete Ferrys ›Waldläufer‹, schrieb bald regelmäßig für Pustet und für Münchmeyer, später für den ›Guten Kameraden‹; es schien, als habe er Bittbriefe um Aufnahme seiner Arbeiten nicht mehr gar so nötig wie in den ersten Jahren seines schriftstellerischen Schaffens. Erst im Jahre 1902 erwähnt auch der ›Heimgarten‹ wieder Karl May. Zunächst im XXVI. Jg., S. 558, Abschnitt ›Büchereinlauf‹ mit einer Empfehlung für ›Am Jenseits‹ und den Gedichtband ›Himmelsgedanken‹: »Zwei religiösen Gemüthern bestens zu empfehlende Bücher.« Im gleichen Jahrgang, S. 880, beantwortet Rosegger im Abschnitt ›Postkarten des Heimgarten‹ eine Anfrage aus Linz: »Von Karl May ist im ›Heimgarten‹ seit 1878 nichts erschienen. Inwiefern die nun gegen diesen Schriftsteller von clericaler Seite erhobenen schweren Anklagen sich rechtfertigen, können wir nicht bestimmen. Er soll pornographische Schriften verfaßt haben, von denen er nachher behauptet, daß sie der Verleger in seine Bücher geschmuggelt hätte (?!), und er soll die von ihm als persönlich erlebt geschriebenen Abenteuer nicht erlebt, sondern daheim in der Schreibstube erdichtet haben. Wir haben, offen gestanden, diesen Mann immer nur für einen Dichter gehalten Die schlimmste Anklage gegen Karl May ist die, daß er aus Geschäftszwecken sich für einen Katholiken ausgegeben, während er heimlich Protestant sei. Diesen Vorwurf wird er allerdings nicht auf sich sitzen lassen dürfen.«
  Fünf Jahre vergingen. Mays Name wurde im ›Heimgarten‹ nicht


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mehr erwähnt; ein Briefwechsel fand nicht statt. Dann berichtet der XXXI. Jahrgang des ›Heimgarten‹ (1907) auf S. 546 unter »Heimgärtners Tagebuch«: »Der Prozeß des Karl May«.

»Karl May hat seinen Prozeß gegen die Münchmeyer nun auch in dritter und letzter Instanz vor dem Reichsgericht (Entscheidung vom 9. Jänner 1907) gewonnen, und es ist zu konstatieren, daß es während des ganzen, sechsjährigen Verlaufes dieser Rechtssache den Gegnern trotz aller Mühe, die sie sich gaben, nicht gelungen ist, ihm auch nur ein einziges unwahres Wort oder auch nur die allergeringste Bestätigung dessen, was ihm vorgeworfen worden ist, nachzuweisen. Sein Sieg ist vollständig und bedingungslos. Es hat sich im Verlaufe des Prozesses herausgestellt, daß die Romane, um die es sich handelt, mehr als einmal umgeändert, respektive gefälscht worden sind. Der jetzige Besitzer, Herr Adalbert Fischer, hat vor dem königlichen Oberlandesgericht erklärt, daß er auf die Unsittlichkeit nicht verzichten könne, sonst mache er keine Geschäfte. Derselbe Herr Adalbert Fischer hat gerichtlich eingestanden, daß Karl May in den öffentlichen Zeitungen totgemacht werden solle, falls er die Firma Münchmeyer verklage. Adalbert Fischer hat nach seinen eigenen Reklameangaben für 10 Millionen Mark diese unsittlichen Schriften geliefert.« - So liest man im ›Bayrischen Kurier‹. Aber das ist doch ganz unerhört! Der Verleger fälscht die Werke seines Autors, »bearbeitet« sie ohne Wissen des Verfassers, schreibt unsittliche Dinge hinein, auf daß er mit den Büchern ein besseres Geschäft mache! Solches ist noch nicht dagewesen! Der Verfasser hat keine andere Schuld, als daß er sich bei Neudrucken seiner Werke nicht um Revision kümmerte. Und wird während des jahrelangen Prozesses in der Öffentlichkeit seiner literarischen und persönlichen Ehre beraubt, als hätte er aus Geldgier selbst seine Schriften nachträglich gefälscht. Ist so was auszuhalten, ohne toll zu werden? Aber der Tag der Rechtfertigung ist gekommen, und ich beglückwünsche den Mann, der nun über seine Feinde triumphiert.

Es ist verständlich, daß Karl May dieses öffentliche Bekenntnis Roseggers als das eines in jenen Jahren im deutschen Sprachraum geachteten und verehrten Schriftstellers zum Anlaß nahm, sich in einem Brief zu bedanken und darüber hinaus die Ursachen der ›May-Hetze‹ aus seiner Sicht zu schildern. Am 17.August 1907 schrieb er:

Hochgeehrter Herr Doctor!
  Sie haben die Güte gehabt, sich in Ihrem ›Heimgarten‹ mit Karl May zu beschäftigen. Ich beklage es sehr, daß ich erst so spät davon erfuhr, und danke Ihnen von ganzem Herzen für die ebenso humane wie gerechte Weise, in der es geschah.
  Ich fiel einer Bande von Fälschern und Betrügern in die Hände. Ich wurde um meine Ehre und um Summen von Hunderttausenden gebracht. Dieser kolossale, noch nie dagewesene Schwindel wurde nur durch den wohlbekannten Herrn Cardauns von der Kölnischen Volkszeitung ermöglicht, der sich von dem Schundverleger Münchmeyer-Fischer übertölpeln und verleiten ließ, die frechen Fälschungen für meine Originale auszugeben, sie als »unanfechtbares, authentisches Aktenmaterial« gegen mich zu bezeichnen und auf Grund dieser neuen, noch viel größeren und noch viel schmählicheren Fälschung jene sogenannte »Karl-May-Hetze« in Scene zu setzen, die für alle Zeiten ein Schandfleck für die deutsche Literaturgeschichte sein und bleiben wird. Dabei wurde ich z. B. auch dafür


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gekreuzigt, daß »meine literarische Wiege in Roseggers Heimgarten gestanden hat und ich also ein Jünger und Mitschuldiger dieses Abgefallenen« sei. Selbst jetzt noch, wo es an den Tag gekommen ist, daß ich völlig unschuldig gepeinigt und gemartert worden bin, fährt dieser Herr Cardauns in seinem Wahnsinn gegen mich fort, weil sich seine Unfehlbarkeit dagegen sträubt, am Ende seiner »glorreichen« Laufhahn mit einem so vernichtenden Fiasco abzuschließen.
  Das von meiner Wiege und Ihrem Heimgarten ist ganz richtig; aber dafür, daß Sie mein Führer in das literarische Leben waren, bin ich Ihnen Dank, nicht Undank schuldig, und ich zögere nicht, zu gestehen, Herr Doctor, daß ich Ihnen diesen Dank von ganzem Herzen zolle. Niemand freut sich mehr als ich über die wohlverdienten Erfolge, die Ihnen gereift sind und noch ferner reifen werden. So brauche ich wohl nicht noch besonders zu versichern, daß meine Freude eine große und eine ehrliche war, als ich las, was Sie geschrieben haben.
  Daß Sie mit diesen Zeilen das Richtige getroffen haben, mögen Ihnen die Zeitungsstimmen beweisen, die ich, Ihre gütige Erlaubniß voraussetzend, mit gleicher Post an Sie sende. Ich thue das wahrlich nicht aus Prahlerei, sondern um Ihnen zu zeigen, wieviel Berührungspunkte es zwischen Ihnen und Ihrem einstigen Schützling giebt. Ich wollte, ich wäre das noch!
  In aufrichtiger Hochachtung und Dankbarkeit, mein verehrter Herr Doctor, Ihr ergebener Karl May.
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May hat aber nicht nur Zeitungsnotizen an Rosegger gesandt, sondern am gleichen Tag auch sein ›Und Friede auf Erden‹, wie sich aus der Widmung ergibt: Herrn Dr. P. Rosegger, dem Vielverehrten und Vielgeliebten, in aufrichtiger Dankbarkeit vom Verfasser. Radebeul-Dresden, d. 17.8.07.9


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Aus der Antwort Roseggers vom 21. August 1907 geht hervor, daß Mays Ansicht über Roseggers humane Einstellung berechtigt war, wenn auch die Bemerkung Mays, wonach Rosegger sein Führer in das literarische Leben gewesen sei, mehr als diplomatische Höflichkeit bezeichnet werden muß, deren sich May wohl auch in der Hoffnung bediente, Rosegger noch mehr zu seinem Bundesgenossen zu machen.10 Rosegger schrieb:

Hochgeehrter Herr! Wenn ich physisch nicht so schwer schriebe, so würden Sie einen langen Brief von mir erhalten; so gern möchte ich mich besonders über Ihr unerhörtes Erlebnis mit Ihnen aussprechen! Vielleicht kann das einmal persönlich geschehen. Heute nur meinen Dank für Ihr Schreiben und die mir gesandten Aufsätze u. das Buch. So verschieden unsere literarischen Formen sind, unsere Seelen haben viel Gemeinsames. Und schon auch deshalb habe ich Ihren Leidensweg mitleidend mit höchster Spannung verfolgt und - soweit es bei meiner Zurückgezogenheit möglich - Ihre Sache verfochten, bevor ich noch wußte, daß Sie eine so glänzende Rechtfertigung erleben würden. Die Sache ist eine gemeinsame, und mich wundert es nur, daß sich nicht die ganze Schriftstellerwelt der Gegenwart zu Ihrer und ihrer Rechtfertigung erhoben hat. Der vorhergegangene Erfolg hat Sie vielleicht ein wenig isoliert. Man lebt u. schreibt harmlos weiter u. ahnt nicht, daß die Neider auf Angriffspunkte lauern. Sie sind dem Sturme gestanden, er hat Sie gestählt u. Ihrer Gegner Waffen wohl für alle Zeiten stumpf gemacht.
  Und das ist es, was mich mit beglückender Genugthuung erfüllt, daß unser Glaube an den Sieg des Guten und Wahren nicht zuschanden wurde. Wenn Sie trotz meiner Einsilbigkeit manchmal ein Wort von sich hören ließen, so würden Sie mich erfreuen. Ich bin recht müde geworden. Die Redaktion des Heimgartens habe ich dem Verlag übertragen, damit für meine letzten Jahre mir etwas mehr beschauliche Ruhe in der Natureinsamkeit möglich werde.
  Mit herzlichem Gruß, geehrter Herr, Ihr ergebener Peter Rosegger.«11

Im 2. Heft des Jahrganges XXXII (1907/08) veröffentlichte O.G. Ernst im ›Heimgarten‹ auf den Seiten 108-114 eine Skizze »Karl May«, aus der wir den Schlußabsatz zitieren: »Wenn auch Karl May, der Kämpfer und Poet, die gehässigsten Angriffe hat hinnehmen müssen, der ständigen Phrase gar nicht zu gedenken, ›er habe, und zwar nur zur Unterhaltung unfertiger Menschen, weiter nichts als gewöhnliche Indianer- und Beduinen-Geschichten geschrieben‹, so hat er doch auch viel Anerkennung und Liebe geerntet, die immer noch wächst, und die er in jeder Hinsicht verdient.« Es ist begreiflich, daß May - die Angriffe gegen ihn gingen ja trotz des Reichsgerichtsurteils im Münchmeyer-Prozeß unentwegt weiter - diese, wie jede öffentliche Anerkennung seiner schriftstellerischen Arbeit dankbar


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empfand. So gab ihm denn dieser Aufsatz Veranlassung, am 3. November 1907 erneut an Peter Rosegger zu schreiben:

Hochgeehrter Herr Doctor!
  Es ist Sonntag früh. Die Herbstsonne grüßt durch die Fenster. Ich wohne neben der Kirche. Die Glocken läuten. Während dieses Geläutes kommt meine Frau, das »Herzle«, zu mir herauf und herein und legt mir Ihren »Heimgarten«, Heft 2, auf den Tisch - - - eine wahre Sonntagsgabe, für die wir Ihnen aufrichtig danken. Ich sage »wir«, denn das »Herzle« trägt Alles, Alles mit, oft sogar doppelt, die Freude und auch das Leid. Dieses letztere ist während des vergangenen Decenniums unser steter Gast gewesen. Wir stehen mit ihm auf Du und Du! Darum nochmals herzlichen Dank für die frohe Gabe aus Ihrer lieben, menschenfreundlichen Hand!
  Die Redaction hat zu der Bemerkung, daß ich niemals eine Correctur bekommen habe, ein Fragezeichen gesetzt. Es ist dies aber wahr! Uebrigens gar nicht selten. So habe ich z. B. 20 Jahre lang für Pustet (»Hausschatz«) geschrieben und während dieser ganzen Zeit nicht eine einzige Correctur zu lesen gehabt. Ist es im »Heimgarten« nicht ebenso?.
  Sodann macht die Redaction den Vorbehalt, daß der Prozeß noch im Gange sein soll. Ich gestatte mir, den Beweis beizulegen, daß das letztentscheidende gerichtliche Wort gefallen ist. Es kann nun nicht dem geringsten Zweifel mehr unterliegen, daß ich zehn Jahre lang vollständig unschuldig gepeinigt, gemartert und gekreuzigt worden bin. Sämtliche Anklagen haben sich als Schwindel herausgestellt Noch nie ist etwas so Scheußliches wie die sogenannte »Karl-May-Hetze« in der Literatur irgend eines Volkes vorgekommen! Daß nun grad unser Deutschland dieses Schandmal trägt, das hat es Herrn Cardauns und seinen blindgehorsamen Handlangern zu verdanken.
  Ich bitte Sie, verehrter Herr Doctor, mich wissen zu lassen, wer der Verfasser O.G. Ernst ist und wo er wohnt. Ich kenne nur einen O.E. Ernst. Ich lege ein Blatt eines Nachschlagewerkes bei, aus dem er ersehen kann, daß seine Ansichten über mich und meine Werke keine falschen sind.
  Ihr Artikel bietet mir die so lange versagte Gerechtigkeit, Humanität und »last not least« - die beglückende Genugthuung, wie einst vor dreißig Jahren nun auch heut wieder grad bei Ihnen Schatz und Schirm gefunden zu haben. Sie haben in Ihrem arbeitsreichen rastlos aufsteigendem Leben ringsum Sonne gespendet, viel, sehr viel Sonne. Einer der besten und der wärmsten Strahlen kam heut zu mir - - - am Sonntag. Möge es Sonntag bleiben. Mit herzlichstem Gruß Ihr alter, dankbarer Karl May.
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Gerade dieser Brief Mays scheint mir ein besonders deutliches Zeichen seines Bemühens zu sein, den Bann der öffentlichen Ächtung zu durchbrechen und sich den publizistischen Beistand Roseggers zu erhalten. Rosegger antwortete bereits am 5. November 1907: »Verehrter Herr Kollege! Ja, die redaktionellen Zuthaten sind mir, Sie betreffend, auch nicht recht. O.G. Ernst lebt, so viel ich weiß, in Weimar. Auch in der Redaktion des Heimgartens weiß man nicht mehr. Die Erklärung Ihres Rechtsanwaltes wird wohl auch die letzten Zweifler bekehren, mit Ausnahme derer, die sich nicht bekehren lassen wollen. Mit herzlichem Gruß ihr müdegewordener Rosegger.«13


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Der Briefwechsel zwischen May und Rosegger fand mit dieser Karte sein vorläufiges Ende, um erst durch Roseggers Heimgarten-Artikel von 1910 erneut aufzuleben. In der Zwischenzeit war der ›Heimgarten‹ jedoch sichtlich bemüht, auch seinerseits dazu beizutragen, Mays in der Öffentlichkeit stark geschädigtes Ansehen wiederherzustellen.
  Im 3. Heft des Heimgarten-Jahrganges 1907 wird ein Bescheid des Autors O.G. Ernst, Weimar, im Abschnitt ›Postkarten des Heimgarten‹ veröffentlicht: » ... daß Karl Mays Prozeß endgültig zu seinen Gunsten entschieden ist, nehmen wir mit Vergnügen zur Kenntnis.« Im 7. Heft des gleichen Jahrganges wird auf die Ausgabe der ›Illustrierten Fehsenfeld-Ausgabe der Reiseerzählungen‹ hingewiesen: »In anhaltender Frische und Lebendigkeit erzählt uns der phantasiesprühende Dichter in farbenreicher Weise von seinen abenteuerlichen Reisen. Dazwischen lacht häufig ein köstlicher Humor und bringt angenehme Abwechslung in die interessanten Erzählungen ... Wir meinen, nicht nur der Knabe, sondern auch jeder Erwachsene, der in Romanen seine Unterhaltung sucht, wird bei der May-Lektüre reichlich auf seine Rechnung kommen. Wer Freude hat an frischem, fröhlichem Wagen und Jagen, der nehme Mays Erzählungen zur Hand, sie werden ihm viele genußreiche Stunden bereiten, und jeder wird immer wieder gern danach greifen, um die köstlich geschilderten Typen, Erlebnisse u.s.w. vorüberziehen zu lassen, wobei man Land und Leute spielend kennen lernt, und zwar in einer Art, die sich wohltuend von der steifen und gelehrten Weise vieler Reisewerke abhebt.« - Im gleichen Heimgarten-Heft wird auf die Neuausgabe der ›Erzgebirgischen Dorfgeschichten‹, Band 1 (Karl Mays Erstlingswerke), Freiburg, verwiesen: »Karl May, - den man nur als Schilderer fremder Länder und Völker zu kennen scheint - ist tief in das Seelenleben des deutschen Volkes eingedrungen. In den ›Erzgebirgischen Dorfgeschichten‹ wohnt der ganze Zauber der Heimat, klingt Heimatlust und Heimatweh in vielfacher Gestalt und herzerquickender Frische und Natürlichkeit. Sie erinnern lebhaft an die sinnigen schlichten Figuren des Ludwig Richter.«
  Im 8. Heft dieses Jahrganges wird eine vermutlich kritische Anfrage eines Professors G.L., Graz, wie folgt im ›Postkartenabschnitt‹ beantwortet: »Mehrfach einverstanden. Doch die weitaus übertriebene


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Gehässigkeit, die über den früher verhimmelten Karl May plötzlich hereingebrochen war, hat förmlich zur Verteidigung dieses Schriftstellers herausgefordert. Er ist doch gewiß nicht schlechter wie viele andere Indianergeschichten- und Abenteuer-Erzähler, die man doch auch nicht geradezu persönlich verfolgt. Mays Schriften mögen ja vielfach anfechtbar sein, besonders als Jugendlektüre, als die sie ursprünglich gar nicht gelten wollten, aber sie sind an sich reich an Poesie.«
  Im Heft 10 wird unter ›Büchereinlauf‹ Franz Weigls ›Karl Mays pädagogische Bedeutung‹ (München 1908) erwähnt. Im 7. Heft des XXXIV. Jahrganges - April 1910 - schreibt erstmalig Roseggers Sohn Hans-Ludwig in einer kurzen Rezension über ›Ardistan und Dschinnistan‹: »Mays frühere Reiseerzählungen sind vielfach mißverstanden worden, und deshalb vertrat er in dem neuesten Werk den human-religiösen Grundgedanken besonders und - wie mir scheint - auf Kosten der fortlaufenden Gesamtdarstellung. Damit wird der Schwerpunkt des Buches zum philosophischen Gebiet hin verschoben. Dennoch sind die zwei bisher erschienenen Bände reich an interessanten Schilderungen, an fesselnder Entwicklung der Tatsachen und humorvollen Stellen. Dem Autor wird damit sein alter Leserkreis erhalten bleiben, und die leicht geänderte Grundstimmung des Werkes wird einen Teil des bisher fernerstehenden Leserpublikums dazugewinnen. Es ist eine Lektüre für Erwachsene wie für die reifere, bereits nachdenkliche Jugend. H.L.R.«
  Es muß May geradezu wie einen Donnerschlag getroffen haben, als nach dieser freundlichen Erwähnung des mit Recht für besonders wichtig gehaltenen Werkes bereits im nächsten Heimgarten-Heft (Nr. 8, Mai 1910), ohne Zweifel aus der Feder Peter Roseggers selbst, zu lesen war: »Über den berühmten Jugendschriftsteller Karl May« (Abschnitt ›Heimgärtners Tagebuch‹ - S. 614 f.):

»Der berühmte Jugendschriftsteller Karl May hätte nicht gebraucht in die Ferne zu schweifen und sogar bei fremden Leuten Anleihen zu machen, um uns die Abenteuer aus aller Welt vorzuführen. Würde er schlicht sich selber geschildert haben, so hätten wir genug gehabt. Als vor 33 Jahren ein Karl May mir eine mit Talent geschriebene Erzählung für den ›Heimgarten‹ anbot, griff ich munter zu; um wie viel interessanter wäre die Geschichte noch gewesen, wenn der Mann mit dem lieblichen Namen darin seine Abenteuer als Räuberhauptmann erzählt hätte. Er kam ja, wie wir jetzt wissen, gerade


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erst aus den böhmischen Wäldern damals! Von den modernen Erzählern fordert man, daß sie alles, was sie darstellen, persönlich erlebt, wenigstens kennen gelernt haben. Was bleibt Verfassern von Kolportageromanen denn anderes übrig, als selbst Räuber, Entführer und Abenteurer jeder Art zu werden, von denen sie erzählen sollen? Wir anderen haben die größte Mühe, unsere Erzählungen einigermaßen glaubhaft zu machen, bei Karl May hat es ganz ohne sein Zutun das Gericht festgestellt, daß er wirklich der Mann war, der was zu erzählen wußte. Vor einigen Jahren schon gingen die Gerüchte von dem fast unerhörten Vorleben des Mannes. Ich trat ihnen entgegen. Abgesehen von der kollegialen Ader ist ja jeder Dichter ein geborener Verteidiger. Zudem kamen Freunde von ihm mit überzeugenden Aufsätzen, die ihn rechtfertigten. Und nicht zuletzt Mays eigene Briefe an mich waren es, die mich an seiner Unschuld kaum zweifeln ließen. Obschon der ›Heimgarten‹ manches Fragezeichen dazu machte. Am 3. November 1907 schrieb Karl May mir unter anderem: Ich gestatte mir den Beweis beizulegen (es lagen ihn energisch verteidigende und amtliche Zeitungsblätter bei), daß das letztentscheidende gerichtliche Wortgefallen ist. Es kann nun nicht dem geringsten Zweifel mehr unterliegen, daß ich zehn Jahre lang vollständig unschuldig gepeinigt, gemartert und gekreuzigt worden bin. Sämtliche Anklagen haben sich als Schwindel herausgestellt. Noch nie ist etwas so Scheußliches, wie die sogenannte Karl-May-Hetze, in der Literatur irgend eines Volkes vorgekommen! Daß nun gerade unser Deutschland dieses Schandmal trägt, das hat es Herrn Cardauns (erster Entdecker seines Vorlebens) und seinen blindgehorsamen Handlangern zu verdanken! - Spricht so ein Schuldiger, der wissen muß, daß von seiner jahrelangen Kerkerhaft amtliche Dokumente vorhanden sein müssen? - Und doch hat er sich mit dieser Pose entrüsteter Unschuld lange Zeit behauptet. Der Mann soll jetzt ein alter würdiger Herr sein, ich habe ihn nie gesehen, mich nie um Beiträge von ihm beworben, so groß auch sein Anhang besonders in der katholischen Welt gewesen ist.
  Ich gehöre nicht zu denen, die da sagen: Wenn mir das Buch gefällt, was kümmert mich der Verfasser? Das mag bei einem Stiefel stimmen: Wenn er mir taugt, was kümmert mich der Schuster! Obschon ich wissentlich keinen Stiefel tragen möchte, dessen Leder gestohlen ist. So wie das Buch ein gutes Verhältnis haben muß zum Leser, so muß es auch eins haben zum Verfasser. Es mag Schriftstellerart sein, ich denke beim Lesen durch das Buch immer an den Verfasser. Es steht zu vermuten, daß der »Räuberhauptmann« noch mehr Leser finden wird, als früher der »Pädagogea gefunden hat. Daß May seine Reiseerzählungen nicht selbst erlebt hat, ist kein Fehler, aber  d a s  bringt ihn um, wenn er sie anderen entwendet hat. - Ich vermute, daß manches, was Karl May sonst getan hat, weniger der Schlechtigkeit als der Abenteuerlust entstammt. Übrigens hat der Mann seine Kerbholzscharten ja längst abgebüßt und hätte man kaum das Recht, noch darüber zu sprechen, wenn er nicht eine öffentliche Persönlichkeit wäre. Ärgerlich ist nur, daß uns dieser May so lange in den April geschickt hat.«

  Dieses im Vergleich mit den vorangegangenen Briefen Roseggers überraschend harte Urteil ist in mancher Formulierung eigentlich nicht recht verständlich. Es wäre wohl richtiger gewesen, wenn Rosegger unter Bezugnahme auf entsprechende Passagen in den May-Briefen einige klar präzisierte Fragen an Karl May gerichtet hätte. Ohne Zweifel ist der Rosegger-Artikel ein Beweis, daß der Charlottenburger Prozeß (12.4.1910) auch im Lager der bisherigen Verteidiger


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Mays zum mindesten Verwirrung gestiftet hatte. May, von Ton und Inhalt dieses Beitrages zutiefst getroffen, schrieb am 12. Mai 1910:

Sehr geehrter Herr Doctor!
  Man sagt mir, was Sie im Maihefte Ihres »Heimgarten« schreiben. Es that mir nicht leid, sondern geradezu wehe, daß auch Sie, der so hoch in meiner Schätzung steht, nun zu der Gruppe derer hinübergetreten sind, die nicht abwarten können, bis das Gericht zwischen mir und meinen Gegnern entschieden hat. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich niemals »Räuberhauptmann« war und nie in den »böhmischen Wäldern« gewesen bin. Ich habe niemals einen Menschen »in den April geschickt«, und es hat noch niemals »ein Gericht festgestellt«, daß ich »wirklich der Mann war, der was erzählen konnte«.
  Es ist ja eine der haarsträubendsten Lügen meiner Gegner, daß kürzlich in einer Verhandlung vor dem Charlottenburger Schöffengericht Zeugen gegen mich vernommen, Dokumente vorgelegt und Beweise gegen mich erbracht worden seien. Von dem allen ist kein Wort wahr. Richtig ist nur, daß der Angeklagte Verleumdungen gegen mich vorgebracht hat, die er nun in der Berufungsinstanz zu beweisen haben wird.
  Ich habe nie geleugnet, daß ich vor nun fast 50 Jahren mit den Strafgesetzen in Conflict gekommen bin. Das was ich that, würde jetzt vor den Arzt, nicht aber vor den Richter gehören. Meine Gegner wühlen das auf und fügen raffinirt Erlogenes hinzu. Es sind fünf Strafanträge gestellt, aus denen die Wahrheit hervorgehen wird. Es hätte mich gefreut, wenn Sie den Verlauf abgewartet hätten.
  Ich behauptete stets: Rosegger ist human und ist gerecht. Wären Sie in Deutschland, so würde ich Sie unter Hinweis auf 11 des Preßgesetzes ersuchen, Ihren Artikel zu berichtigen und diese Berichtigung in der nächsten Nummer des »Heimgarten« erscheinen zu lassen. Da Sie aber Oesterreicher sind, überlasse ich d as, was Sie thun, dem oben erwähnten Gerechtigkeitsgefühl.
  Ich lege einige Drucksachen etc. bei, die es Ihnen ermöglichen, sich zu orientiren.
  In vorzüglicher Hochachtung ergebenst Karl May.
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Dieser Brief ist nicht ohne Eindruck auf Rosegger geblieben. Zwar kam er dem indirekt geäußerten Wunsch nach ›Berichtigung‹ nicht nach, doch antwortete er sehr schnell, am 16. Mai 1910:

»Geehrter Herr!
  Die Basis meiner Äußerungen im Heimgarten war das Urteil des Schöffengerichtes in Charlottenburg Sobald das Gericht zu Ihren Gunsten entscheidet, werde ich mit tausend Freuden Ihnen Genugtuung bieten. Es ist nur nicht einzusehen, daß es Ihnen seit Jahren nicht gelang, selbst mit Hilfe der Gerichte Ihre Gegner zum Schweigen zu bringen. Es müssen doch Dokumente da sein, oder Sie müßten die Gegner zwingen, Dokumente gegen Sie aufzuweisen. Sie müßten, anstatt sich in allgemeinen Redensarten über Ihre guten Absichten und den Wert Ihrer Bücher zu ergehen, auf gründliche Untersuchung Ihrer Quellen, auf Vergleichungen Ihrer Schriften mit anderen, denen Sie nachgeschrieben haben sollen, dringen; kurz, auf wissenschaftlich radikale Weise Ihre Unschuld klar legen.
  Wenn Sie gelegentlich früher das jetzt Zugestandene aus Ihrer Jugendzeit wenigstens poetisch eingestanden hätten, so wäre das von großem Vorteil für Sie, jetzt wächst sich Ihre Angelegenheit, so tragisch sie an sich ist, ich möchte fast sagen, zu einer Burleske aus. Ich kann im Interesse des deutschen Schriftstellerstandes nur sehnlichst wünschen,


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daß Sie sich vor allem von dem Vorwurfe des Plagiatierens rein zu waschen vermöchten.
Ich bin Ihr ergebener Peter Rosegger.«15

Mays Antwortbrief war leider nicht auffindbar. Er  m u ß  jedoch geantwortet haben,16 denn in seiner Selbstbiographie veröffentlicht er einen weiteren Brief Roseggers vom 2. Juli 1910:

»Sehr geehrter Herr!
  Meine Notiz im Heimgarten basiert auf der Charlottenburger Gerichtsverhandlung, und sobald wieder das Gericht, und zwar zu Ihren Gunsten, entscheidet, werde ich mit größter Freude davon Notiz nehmen.
  Als Kollege geht mir Ihr Fall ja nahe, und als solcher möchte ich mir auch erlauben, Ihnen meine Meinung zu sagen darauf hin, in welcher Weise Sie sich am besten rechtfertigen könnten.
  Ich würde an Ihrer Statt in der Polemik alles ausschalten, was sich nicht sachlich auf die Anschuldigungen bezieht. Das, was Sie aus Ihrer Jugendzeit selbst eingestanden haben, ist damit wohl auch abgetan und würde Ihnen kaum ein rechtlich denkender Mensch noch nachtragen, wenn es nicht das Gericht tut. Daß Sie Ihre Reiseschilderungen nicht persönlich erlebt haben, daß es nur Erzählungen in ›Ichform‹ sind, kann Ihnen auch kein Literat verübeln. So bleibt nur übrig, endlich die sachlichen Beweise zu erbringen, daß die berührten obszönen Stellen nicht Sie, sondern der Verleger hineinkorrigiert hat. Was die Ihnen vorgeworfenen Plagiate betrifft, so müssen doch Sachverständige entscheiden können, inwiefern es Plagiate wären oder inwiefern bloß umgearbeitete Stoffe und Gedanken. Zuhanden der ersten Auflagen, dieselben mit den neuen Auflagen verglichen, müßte doch klar zu stellen sein, ob die Art, der Gedankengang und der Stil der neu eingefügten Sätze sich organisch an Ihre Art und an das Buch anschließen oder nicht. Auf solche Wirklichkeiten, meine ich, sollten Sie nun Ihre ganze Abwehr konzentrieren und ununterbrochen drängen, daß die Dinge endlich vor Gericht zur Entscheidung kommen. Alle andern Artikel Ihrer Freunde, die nur so im Allgemeinen herumreden über die Vorzüge Ihrer Werke, die ja anerkannt sind, können für die peinliche Angelegenheit an sich keine besondere Wirkung erzielen.
  Also alle Mittel in Bewegung setzen, um zu einer gerichtlichen Genugtuung zu kommen. Gelingt das nicht, so ist absolutes Schweigen das Beste, und gelingt es, so muß doch auch die Presse Ihrer jetzigen Gegner die gerichtliche Ehrenrettung anerkennen und in das Volk tragen.
  Krankheit hat diesen Brief verspätet. Verzeihen Sie diese Offenheit, die aufrichtigem Wohlwollen entspringt, und seien Sie gegrüßt von Ihrem ergebenen Peter Rosegger.«17

Aus dem Urtext von Mays Selbstbiographie ist ersichtlich, daß sich May diese Anregungen sehr wohl zu eigen gemacht hat, nimmt er doch in ihr sowohl zu den »Obszönitäten«, als auch zum Vorwurf des »Plagiats« recht ausführlich Stellung.18
  1911, mit dem XXXV. Jahrgang, übernahm Hans-Ludwig, der Sohn Peter Roseggers, die Redaktion des ›Heimgarten‹, und bereits im 5. Heft (März 1911) wurden unter ›Bucheinlauf‹ hintereinander angekündigt: ›Mein Leben und Streben, Selbstbiographie von Karl May,


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1. Band, Freiburg‹, und ›Die Zeugen Karl und Klara May. Ein Beitrag zur Kriminalgeschichte unserer Zeit von Rudolf Lebius, Berlin-Charlottenburg, Spreeverlag‹:

»In der leidigen Karl-May-Affäre erschienen jetzt zwei Bücher. May gesteht da eine Reihe schwerer Jugendverfehlungen ein, die er nun abgebüßt zu haben scheint, aber wenn er hie und da - und gerade bei den wichtigsten Stellen - manches verschleiert, so hilft andererseits sein erbittertster Feind Rudolf Lebius in seiner Broschüre zu reichlich nach und veröffentlicht zahlreiche Privatbriefe und Mitteilungen, die, wenn sie objektiv wahr sind, May persönlich zerschmettern müssen, doch bleibt die Frage eben unbeantwortet: Ist alles in diesem agressiven, feindseligen und gehässigen Büchlein ›Die Zeugen Karl und Klara May‹ auch richtig bewiesen? Ich zweifle. Wer die zwei Abhandlungen liest, muß sich sagen: Fast nur ein Wunder kann Karl May vor der Verurteilung seiner Persönlichkeit retten. Will er ein solches unwahrscheinliches Wunder provozieren, dann zwinge er ein objektives Gericht durch eine umfassende Klage zu einer genauen Sichtung des gegnerischen Materials. Was nun Lebius anbelangt, so wird er wohl selbst nicht im Ernst beanspruchen, bei seiner Publikation ausschließlich durch hehrste Sehnsucht nach Wahrheit geleitet worden zu sein. H.L.R.«

Das von H.L. Rosegger angezweifelte »Wunder« traf ein: am 22. Dez. 1911 entschied das Landgericht im Münchmeyer-Prozeß zu Mays Gunsten, und vier Tage vorher, am 18. Dez. 1911, wurde Lebius in der Berufungsinstanz verurteilt.19
  Nun hätte Peter Rosegger sein im Brief vom 16. Mai 1910 gegebenes Versprechen einhalten müssen: »Sobald das Gericht zu Ihren Gunsten entscheidet, werde ich mit tausend Freuden Ihnen Genugtuung bieten.« Er war in jenen Jahren gesundheitlich stark angegriffen, doch ganz sicher wird seine Karte

»Dem Ehepaar Karl und Klara May
nach Stürmen viele Jahre lang Sonnenschein!
Heil und Freude! Peter Rosegger«20

dem leidgeprüften Erzähler in Radebeul herzliche Freude bereitet haben. Die eigentliche »Wiedergutmachung« im ›Heimgarten‹ selbst hat er nicht mehr lesen können. Sie wurde im Mai-Heft 1912 veröffentlicht, - als ›Nachruf‹:

»Karl May ›Old Shatterhand‹, wie er sich in seinen Wildwestromanen nannte, ist gestorben. Mit ihm schied einer der erfolgreichsten Reiseschriftsteller, den die Jugend anbetete. Phantasievoll und unglaublich sind seine Werke, aber noch weit unglaublicher war sein Leben. Armer Leute Kind wurde May unter Entbehrungen Lehrer, beging dann abenteuerliche Verbrechen (»Fehler«, sagte er), büßte sie in jahrelanger Kerkerhaft, schrieb hernach Kolportageromane, die ihn anständig nährten, verfaßte in der Folge großangelegte Reiseerzählungen, errang damit Ehren, Ansehen, Vermögen, und seine böse Vergangenheit schien vergessen, bis Gehässige daherkamen (P. Ansgar


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Pöllmann fehlte nicht!),21 sie durchstöberten und so Mays letztes Lebensjahrzehnt mit Haß und Feindseligkeit zersetzten. Wie war er als Mensch? Schwach, strauchelnd, ringend und endlich wohl siegend. Und als Schriftsteller? Ein erfindungsreicher Kopf, der seine Werke auf gute, ethische Grundlagen stellte. Warum schlachtete man ihn ab? Das Femgericht hat seine besonderen Ursachen: May, von Haus aus Protestant, schlug in seinen Büchern katholische Töne an und wurde von den Klerikalen für sich in Anspruch genommen, da aber seine Religiosität immer weniger kirchlich und immer allgemein menschlicher wurde, begann ein klerikales Kesseltreiben gegen ihn, an dem sich auch die sogenannte »freiheitliche« Presse beteiligte, der »Old Shatterhands« Ethik seit je unbequem war. Jahrelang tobte der Streit für und wider in der Presse. Eine ekelhafte Parteihetze, die das Persönlichste, und das noch entstellt, hervorzerrte und an den Pranger stellte. Wie die keineswegs durchsichtige menschliche Persönlichkeit Mays auch sein mochte - mir war sie jedenfalls sympathischer als das gemeine Pharisäertum seiner Feinde -, die Bücher, die er verfaßte, sind eine ausgezeichnete Jugendlektüre, an der nur trockene, weltfremde Pädagogen und solche, die Knabenseelen nicht kennen, herummäkeln können. Jugend will und braucht Abenteuergeschichten, Kraft, Romantik, Phantastik, und das gab Karl May in reichstem Maße und dazu einen tieferen ethischen, humanen Gehalt, der vielleicht nicht jedermann paßt, aber gewiß niemandem schadet und vielen genützt hat.
  Nun ist der viel gehaßte, gehetzte Mann tot - Gott sei Dank, möchte man seinetwegen fast sagen - »Old Shatterhand« ging in die ewigen Jagdgründe ein, und die Bekämpfer der Schundliteratur können in ihrem eigenen Interesse nichts Vernünftigeres tun, als das »Kriegsbeil« zu begraben und die Werke Karl Mays, der vor Jahren auch Mitarbeiter des ›Heimgarten‹ war, gegen den  w a h r e n   literarischen Schund, der die Jugend und Halbgebildeten verdirbt, auszuspielen.
  Aber ich fürchte, man ist an jener Stelle zu doktrinär und bekämpft die »Indianergeschichten« und »Räuberromane« lieber in Traktaten, die irgend ein braver Mann in Mußestunden ohne Phantasie und Begabung mühsam zusammenskribelt ... Da rechnet man aber ohne die Jugend! V.E.S.«

Ich konnte nicht ermitteln, wer sich hinter diesen drei Buchstaben verbirgt. Peter Rosegger ja sicher nicht. Ich hatte Gelegenheit, in der Steiermärkischen Landesbücherei, Graz, ein noch unveröffentlichtes Manuskript: Dr. Latzke, ›Rosegger-Bibliographie‹ einzusehen. Unter den vielen Pseudonymen und Abkürzungen, die Peter Rosegger speziell im ›Heimgarten« verwendete, sind diese drei Buchstaben weder unter »sicher«, noch unter »wahrscheinlich« oder »fraglich« aufgeführt.
  Ob Peter Rosegger noch einmal für seinen »Schützling« öffentlich eingetreten ist? Viele Jahrzehnte glaubte man es, hatte doch Ludwig Gurlitt in seinem Buch ›Gerechtigkeit für Karl May‹ (Radebeul 1919, S. 85) mit der Quellenangabe »Roseggers ›Heimgarten‹, 1913« ein Zitat gebracht, das seither immer wieder verwendet oder paraphrasiert wurde. Hier das Zitat aus dem fast zweiseitigen Artikel im Ori-


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ginal: »Ich meine, wir geben der Jugend ihren Karl May zurück - sonst nimmt sie ihn sich selbst - und machen auch die Autoritäten, die ihn nicht aus eigener Erinnerung und Erfahrung kennen, nicht kopfscheu. Er ist, wenigstens als Bücherschreiber, ein ganz famoser Mensch, der in seinen Erzählungen einen guten ethischen Kern, Vaterlandsliebe, Humanität und einen gesunden Nationalstolz legte. Ich bin der Ansicht, hätten wir ihn nicht, wir müßten nach einem, der ihm zumindest ähnlich ist, auf die Suche gehen ...«22
  Der ›Heimgarten‹-Beitrag mit dieser schönen Beurteilung Mays beginnt jedoch mit dem Satz: »Als ich noch auf dem Gymnasium war, bekamen wir Karl Mays Reiseerzählungen von der Schulbibliothek ausgeliehen.« Da Peter Rosegger (1843-1918) fast gleichaltrig mit May war und bekanntlich nur die Dorfschule seiner Heimat besucht hatte, kann er dessen Schriften unmöglich als junger Gymnasiast gelesen haben. So ist wohl anzunehmen, daß Hans-Ludwig Rosegger den fraglichen Artikel geschrieben hat (er ist anonym erschienen). Aus der Feder Hans-Ludwig Roseggers gibt es noch zahlreiche Rezensionen über Karl-May-Bände, die ehemaligen ›Karl-May-Jahrbücher‹ usw., und auch mit dem Karl-May-Verlag hat er korrespondiert.23 Was er im Heft 1 (Okt. 1912) des ›Heimgarten‹ über die von Klara May herausgegebene Fassung von ›Mein Leben und Streben‹ sagte, ist in wesentlichen Teilen auch heute noch gültig und soll daher abschließend das Verhältnis der Häuser May/Rosegger beleuchten: »... Der vielgeliebte und vielbekämpfte Verfasser ist seitdem gestorben, aber das ›May-Problem‹ wird nach wie vor eifrig erörtert, und was in diesem Buche eingestanden und erklärt wird, scheint wohl geeignet, manche Übertreibungen auf ein vernünftiges Maß zurückzuschrauben und manches menschlich verständlich zu machen. Jedenfalls gehört ›Mein Leben und Streben‹ zu den interessantesten Publikationen Karl Mays.«

1 Mein Leben und Streben I, Freiburg o.J. (1910), 219
2 z.B. KMJB 1922, Radebeul, 216
3 Jb-KMG 1970, 171
4 Wiedergabe des Briefes mit freundlicher Genehmigung von Frau Renate-Maria Schmahl, die das Original besitzt.
5 Heimgarten Eine Monatsschrift. Gegründet von Peter Rosegger, Verlag Leykam, Graz


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6 Otto Janda, Peter Rosegger. Das Leben in seinen Briefen, Graz 1943 (2. Aufl. 1948), 151
7 Originale im Archiv des Karl-May-Verlages, Bamberg, der die Wiedergabe dieser Briefe freundlichst gestattete
8 Eine Abschrift des Briefes erhielt ich von der Steiermärkischen Landesbibliothek Graz. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Enkelin Peter Roseggers, Frau Dr. Laurin, Graz.
9 Das Buch befindet sich im Besitz Herrn Wildners, Antiquariat, Graz, der die Wiedergabe freundlichst gestattete.
10 In einer Fußnote auf S. 121 des Buches von Rudolf Latzke, Der ältere und der alte Rosegger, Graz-Köln 1953, schreibt der Herausgeber: »Daß Rosegger sehr bald der Gnadenaltar hilfe- und schutzflehender Literaten wurde, darüber hat er ja oft geklagt, meist ohne einen Namen zu nennen. - Wo er konnte, half er, doch wurde sein Einfluß bei den Maßgebenden wohl oft überschätzt.«
11 Bamberg, wie Anm. 7
12 Graz, wie Anm. 8
13 Bamberg, wie Anm. 7 (Aufgrund dieses Hinweises von Rosegger ist offenbar die Verbindung Karl May - O.G. Ernst zustande gekommen. Im Karl-May-Archiv Bamberg existieren mehrere Briefe von O.G. Ernst, Weimar, an Karl May. Den ›Heimgarten‹-Artikel Ernsts ließ May auch als Flugblatt drucken. Anm. d. Red.)
14 Graz, wie Anm. 8
15 wie Anm. 6, S. 277 f.
16 Die Ähnlichkeit der Rosegger-Briefe vom 16.5. und 2.7.1910 läßt noch die Möglichkeit offen, daß Rosegger den ersten Brief gar nicht abgeschickt hat. Die Tatsache, daß er als einziger an May gerichteter Brief in dem Janda-Briefband enthalten ist, läßt vermuten, daß er aus Roseggers Nachlaß stammt. Auch aus dem Wortlaut im Brief vom 2.7.1910: »Krankheit hat diesen Brief verspätet« kann man schließen daß May längere Zeit auf Antwort hat warten müssen (Anm. d. Red.)
17 Karl May, Mein Leben und Streben I, Freiburg o.J. (1910), 218 f.; vgl. auch ›Ich‹, 28. Aufl., Bamberg 1971, 231f.
18 Mein Leben und Streben I, 220 ff., ›Ich‹, 285 ff.
19 Vgl. Rudolf Beissel, »Und ich halte Herrn May für einen Dichter . . .«, in: Jb-KMG 1970, 11 ff.; ferner Maximilian Jacta, Zu Tode gehetzt, in: Berühmte Strafprozesse, Deutschland III, München 1972
20 Faksimile in: KMJB 1919 (Breslau 1918), Bildtafel nach S. 16
21 Das Thema »Karl May/Ansgar Pöllmann« wird in unseren Jahrbüchern auch einmal Gegenstand einer Spezialarbeit sein. Verf. stellte beim Studium der ›Heimgarten‹-Jahrgänge fest, daß auch Peter Rosegger - nicht in Zusammenhang mit Karl May - Pöllmann nicht »mochte«; vgl. z. B. Heimgarten, XXX. Jg. 1906, 453 ›Ein Tagebuch‹. (Pöllmann hatte sich kritisch mit Roseggers oft sehr undogmatischem Christentum auseinandergesetzt in der polemischen Broschüre ›Rosegger und sein Glaube. Zeitgemäße Betrachtungen‹, Münster i. W.1903. Dieses Buch war auch in Karl Mays Bibliothek vorhanden; vgl. KMJB 1931, 272. Anm. d. Red.)
22 Roseggers Heimgarten. Eine Monatsschrift, geleitet von Hans Ludwig Rosegger, Verlag Leykam, Graz, 37. Jg., Heft 5 (Februar 1913), S. 389 ff.
23 vgl. E. A. Schmid, Eine Lanze für Karl May, Radebeul 1918, 28 f.

Außer den in obigen Anmerkungen Genannten sage ich besonders herzlichen Dank Frau Charlotte Anderle, Rosegger-Museum Krieglach, die mir freundlicherweise die Durchsicht aller ›Heimgarten‹-Jahrgänge ermöglichte. Ferner danke ich Frau Dr. Parik, Steiermärkische Landesblibliothek, Graz, Frau Dr. Gertrude Hafner, Graz, Herrn Ekkehard Bartsch, Kulmbach; Herrn Prof. Paul Anton Keller, Hart. St. Peter bei Graz; Herrn Prof. Dr. Claus Roxin, Stockdorf


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