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GUNTER SCHOLDT


Karl-May-Forschung und Karl-May-Gesellschaft


»Und wer also nicht die Fähigkeit besitzt, sich einmal sozusagen Scheuklappen anzuziehen und sich hineinzusteigern in die Vorstellung, daß das Schicksal seiner Seele davon abhängt: ob er diese, gerade diese Konjektur an dieser Stelle dieser Handschrift richtig macht, der bleibe der Wissenschaft fern.«
Max Weber: Vom inneren Beruf zur Wissenschaft


I. KARL-MAY-FORSCHUNG: FAZIT UND AUSBLICK


Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß die Beschäftigung mit Karl May nach einer Generation von trotzigem Liebhabertum einerseits und spöttischer Tabuisierung andererseits seit nunmehr fast zwei Jahrzehnten in ein wissenschaftliches Stadium getreten ist. Die Fülle akademischer Studien, die in letzter Zeit diesem Gegenstand gewidmet sind, mag als Symptom gelten; die detailbesessene Akribie, mit der schon viel früher Amateure (in dieses Wortes ursprünglicher und schönster Bedeutung) biographisches und sozialgeschichtliches Material zusammentrugen, insbesondere aber die von der KMG initiierte Bereitstellung authentischer Texte gewährt der Forschung eine solide und völlig neue Basis. Bemerkenswert auch die Tatsache, daß sich die Beschäftigung mit May nicht mehr nur als Appendix der Trivialliteraturforschung ausnimmt, sondern zu neuen Ufern aufgebrochen ist. Mögliche Perspektiven einer sinnvollen Fortentwicklung zu skizzieren sei Aufgabe der folgenden Darlegungen.


1.A n a l y s e  d e r  l i t e r a r i s c h e n  F o r m


Daß Mays sogenanntes Erfolgsgeheimnis auch auf seiner Erzähltechnik beruht, bedarf wohl keiner näheren Begründung, und so rechtfertigen sich entsprechende Untersuchungen nicht zuletzt auch von daher. Wie ergiebig solche Studien sein können, beweisen, um stellvertretend1 einige Namen zu nennen, Arbeiten von Schmiedt, Stolte, Klotz und anderen,2 die sich neben der Erhellung typischer Handlungsschemata vor allem der Motiv- bzw. Toposforschung widmen. Aber es finden sich bereits z. T. viel früher beachtliche Einsichten bei Autoren wie Droop3, Kandolf4 oder Böhm5.



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   Solche bereits vorliegenden Forschungen hinterlassen nun aber keineswegs ein Feld, das nur noch kärgliche Erträge erwarten läßt. Zwar wurden die groben erzähltechnischen Verfahrensweisen wohl ermittelt (pseudoauthentischer Ich-Erzähler, Leitmotivtechnik und Aventiure-Prinzip, häufig wiederkehrende, zuweilen modifizierte Rituale und Elementarsituationen, Ausrichtung am Modell der Heiligenvita etc.), aber darüber hinaus bleiben, wie mir erst kürzlich aus Anlaß eigener Untersuchungen über die Romananfänge deutlich bewußt wurde, noch genügend weiße Flecke in der Forscherlandschaft. Von künftigen Detailstudien könnte man z.B. näheren Aufschluß erwarten über das Verhältnis von Motivwiederholungen und deren Variation, über die Verknüpfung heterogener Autorintentionen und deren Konsequenzen, über Erzähl-Ökonomie wie -Didaktik, über Besonderheiten in Standard- wie epischen Ausnahmesituationen. Darüber hinaus könnten exemplarische Wortschatz-, Metaphern- und Syntax-Untersuchungen in ganz bestimmten Handlungsteilen oder bei ganz bestimmten Erzählabsichten wichtige Einsichten erbringen und den Mayschen Individualstil noch eingehender begründen helfen.

   Die Ergebnisse dürften dabei um so fruchtbarer sein, je mehr zugunsten von Strukturbetrachtungen die Wertungsfrage zunächst einmal ausgeklammert bleibt, zumal der Nachweis bereits erbracht wurde, daß etwa zwischen ›Waldröschen‹ und ›Wilhelm Meister‹, ungeachtet aller Qualitätsdifferenzen, im grundsätzlichen epischen Verfahren, geschweige denn im methodischen Zugriff oder dem Erkenntnisgewinn für den einzelnen Forscher kein prinzipieller Unterschied zu bestehen braucht. Daß wir bei May auch formalästhetisch alles (z. T. dicht beieinander) finden, von der kunstvollen Architektonik von Episoden und Effekten bis zum schnell produzierten groben Strickmuster lustloser Szenenreihung, dürfte dem Kenner geläufig sein, so daß gerade hier eine differenzierende Betrachtung gefordert ist.


2.L i t e r a r h i s t o r i s c h e  E i n o r d n u n g / T e x t -  u n d  Q u e l l e n g e s c h i c h t e


Einer weiter intensivierten Forschungsanstrengung sollte der Nachweis gelingen, daß May im Rahmen literarischer Traditionen des 19. Jahrhunderts einschließlich der Jahrhundertwende - trotz vielfältiger z. T. ausgesprochen verschiedenartiger Entlehnungen und Imitationen - eine ganz bestimmte Originalität besitzt, die noch näher zu definieren wäre. Als Eckpfeiler literarhistorischer wie gattungstypologischer Einordnung bieten sich Stichworte an wie etwa Exotismus, Orientalis-



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mus, christliche bzw. katholische Erbauungs- und Kulturkampfliteratur, Detektiv-, Abenteuer- und Westernroman, Unterhaltungs- und Kolportageliteratur, Schelmen- und Reiseroman, daneben: Symbolismus, Wilhelminismus und Gründerzeit, bürgerlicher Realismus, Biedermeier, ja, sogar Romantik.6 Auch zu diesem Komplex gibt es bislang wichtige Vorarbeiten;7 man wünschte sich aber noch eingehendere Werkbezüge bzw. Exemplifizierungen an kompletten Textzyklen, wodurch die ganz persönliche - eklektizistische - Kombination von Epochenstilen verdeutlicht würde.

   Gerade bei dieser Produktionsweise Mays gewinnt das Aufspüren von belletristischen, journalistischen oder (populär-)wissenschaftlichen Quellen eine zusätzliche Bedeutung, sei es, daß der Modellcharakter des ›Rinaldo Rinaldini‹ für den Mayschen Romantyp nachgewiesen, die geographischen oder Abenteuerbuch-Vorlagen für entsprechende Reiseerzählungen ermittelt oder anhand von Zeitungsfunden etwa die Genese der erschreckenden Armenier-Stereotypen erklärt wird. Grundlegende Vorarbeiten leistete ja bereits Franz Kandolf in den 20er und frühen 30er Jahren.8 In jüngster Zeit widmet sich dem mit großem Engagement z.B. Bernhard Kosciuszko, der nicht nur wichtige ethnographische Bezüge aufgedeckt hat,9 sondern sich auch am Beispiel von ›Der Geist des Llano estakado‹ der Herkunft depravierter Bildungsrelikte liebevoll annimmt.10

   Zur literaturgeschichtlichen Einordnung war bzw. ist es natürlich unerläßlich, auf Texte zurückgreifen zu können, die der jeweiligen Entstehungs- oder Umarbeitungsphase auch entsprechen. Noch Jürgen Wehnerts Beitrag ›Zur abenteuerlichen Textgeschichte Karl Mays‹11 spiegelt den Nachdruck der publizistischen Kämpfe um das authentische Wort des Autors. Seit es die Fehsenfeld-Reprints und die KMG-Nachdrucke der Zeitschriften-Fassungen gibt, ganz zu schweigen von den billigen Pawlak-Texten oder der annoncierten historisch-kritischen Gesamtausgabe, sind solche Fehden, abgesehen vom rezeptionsgeschichtlichen Aspekt, wissenschaftlich obsolet geworden, und die Problematik periodischer Neufassungen der Bamberger Ausgabe reduziert sich zur persönlichen Geschmacksfrage.


3.I d e o l o g i e k r i t i s c h e r  A n s a t z


Die ideologiekritische Auseinandersetzung mit dem Erfinder von Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi kann insofern auf eine relativ lange Geschichte zurückblicken, als sie von Anfang an, wenn auch meist nur in polemischer Form mit dem »Fall May« verbunden war, sei es unter



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politischem, volkserzieherischem, religiösem oder schulpraktischem Aspekt. Weitere Impulse kamen von der Trivialliteraturdiskussion, wo man je nach Standpunkt insbesondere die systemstabilisierenden und regressiven oder die utopisch-vorwärtsweisenden Elemente heraushob. Auch für dieses Erkenntnisinteresse ist zumindest das Terrain abgesteckt. Zwischen Extremen, die etwa von Klaus Mann bzw. Carl Zuckmayer gebildet werden,12 vermittelt die grundsätzlich weiterführende Einsicht Helmut Schmiedts,13 der von einer durchgängigen Ambivalenz und Offenheit der Texte ausgeht. Zu erwähnen wäre neuerdings auch der feministische Ansatz, das Bewußtmachen weiblicher Rollenfixierungen.13a

   Wo nun der ideologiekritische Blick vor allem auf die zweifellos auch vorhandene bedenkliche Seite der Mayschen Prosa trifft, geraten neben den kriegerischen und autoritären Elementen sowie den sozial- und feudalkonservativen Tendenzen in jüngerer Zeit verstärkt auch seine deutschzentrierte Völkerhierarchie und (Pseudo-)Ethnographie unter Beschuß, die ihre Herkunft aus der Epoche des Imperialismus nie völlig verleugnen konnten. Nun fallen solche Entlarvungen angesichts massiver Orient-, Afrika-, China- oder Amerika-Klischees sicherlich nicht schwer, und auch wo man auf Gegenteiliges, nämlich völkerversöhnende und -übergreifende Humanität oder die generell bei May zu beachtende Diskrepanz zwischen ideologischer Bekundung und Umsetzung im einzelnen Handlungs- und Personenbeispiel verweist, bleibt doch der mißliche Tatbestand, daß selbst beste Absichten bei derartigen Stereotypen und Entgleisungen14 zuweilen unglaubhaft oder unwirksam werden. Zwar sollte man sich nun nicht pharisäerhaft gebärden und entsprechende Vorwürfe zumindest gemäß der dominierenden Autorintention und nicht zuletzt dem allgemeinen Bewußtsein der Zeit relativieren.15 Auch ließe sich einwenden, daß viele Ver- bzw. Überzeichnungen erzähltechnisch bedingt sind (Vorcharakterisierung, Groteske als Stilmittel) oder in durchaus wohlwollender Absicht unterlaufen (Halef, Lindsay). Und wo schließlich die - hoffentlich - vorwiegende Rezeptionsweise ins Spiel gebracht wird, die Texte jenseits allen Realitätsanspruchs als moderne, in imaginären Welten spielende Märchen zu lesen, stellt sich die Frage aus dieser Perspektive eigentlich gar nicht, so daß man geneigt ist, solche Vorhaltungen zunächst in die Kategorie von Hyperkritizismen Frankfurter Epigonalität einzureihen, gemäß deren der ›Zigeunerbaron‹ aus den Opernhäusern verschwinden und jeder Friesen-, Bayern- oder Schottenwitz als versteckter Rassismus gebrandmarkt werden sollte.


Aber ganz so problemlos nimmt sich die Wirkungsgeschichte ange-



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sichts noch fortwährender historischer Belastungen im 20. Jahrhundert leider doch nicht aus. Zu einer Zeit, in der sogar Tania Blixens Stoffe für Afrikaner offensichtlich als provokativ bzw. - wie selbst Kenias Staatspräsident bekundete - als »koloniale Demütigung« empfunden werden,16 müssen solche Diagnosen ernster genommen werden. Und gar mit dem Faktum von Auschwitz scheint, zudem für uns Deutsche, jegliches Laisser-faire in Fragen fremdländischer und rassischer Simplifizierung desavouiert. Die Thematik ist viel zu komplex, als daß hier mehr als Stichworte geliefert werden können und geht auch über den speziellen Fall des Mayschen Werkes hinaus. Freilich könnte ich mir vorstellen, daß sie gerade einmal an seinem Beispiel modellhaft und in seriöser Abgewogenheit behandelt wird, wobei man die Legitimität einer (humoristischen) Völkerklischierung angesichts politischer Mißbrauchbarkeit und fremdländischer Betroffenheit den negativen Folgen einer allzu braven, von diplomatischer Rücksichtnahme getragenen langweiligen, aber klinisch reinen »Emanzipationsliteratur« gegenüberstellen müßte.

   Denn der »typische» Orientale ist doch zunächst einmal im Prinzip nichts anderes als der typische Sachse, Schwabe, Appenzeller etc. oder, aufs Soziologische übertragen, der typische Maurer, Beamte, Bankier oder Intellektuelle, eine Abstraktion also, die das jeweils Unterschiedliche, Ungewöhnliche, Fremde auf eine einfache Formel bringt. Und ich finde es bedauerlich, daß im Zuge von Ereignissen der jüngsten Vergangenheit auch die Unbefangenheit geschwunden ist, solche Abgrenzungen humoristisch zu goutieren. Wie überzogen wirkt eigentlich der Anspruch, man müsse aus Toleranzgründen alles Abweichende oder Fremde wie das Gewohnte schätzen, achten oder akzeptieren? Wieviel menschlicher und natürlicher dürfte es sein, sich zuweilen der eigenen (Gruppen-)Identität auch in spöttischer oder humorvoller Reserve gegenüber Einflüssen anderer Länder, Regionen oder Völker zu versichern, wofern dies nicht in Überheblichkeit ausartet? Und Hand aufs Herz, wer hätte selbst nicht schon einmal, und sei es unausgesprochen, der Versuchung nachgegeben, das Fremde zuweilen auch unter karikaturistischem Aspekt zu betrachten? Ich selbst habe viel Verständnis dafür, daß mir in anderen Regionen oder Ländern ganz ähnliches widerfuhr, solange dies im Rahmen eines grundsätzlichen menschlichen Respekts geschah.

   Nicht darin scheint mir das Anstößige zu liegen, sondern in der beinahe zwangsläufigen politischen Instrumentalisierung, im zu aktualisierenden Mißbrauch solcher Klischees. Und solange die Folgen der Kolonialepoche noch wirksam sind, wird man in solchen Texten außerhalb Deutschlands auch das Skandalon eines durch Literatur zemen-



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tierten europäisch-nordamerikanischen Herrschaftsanspruchs über die Dritte Welt sehen, wird man mit der kaum aufhebbaren Antinomie leben müssen, daß dieselben Werke, die aus eurozentrischer Perspektive als Friedens- und Gleichheitsappelle gedacht und wohl auch weitgehend aufgenommen werden, außerhalb Europas als literarische Illustrationen kolonialer Arroganz herhalten könnten.


4.Z e i t g e i s t f o r s c h u  n g


Für May wie für andere Autoren, die ferne Länder behandeln, gilt, daß selbst der aufgeschlossenste und gutwilligste literarische Globetrotter die Fremde letztlich immer mehr oder weniger verzeichnet und, wo dies in bester Absicht geschieht, zum utopisch-exotistischen Raum stilisiert. Diese Feststellung beinhaltet nichts weniger als eine Geringschätzung der Bemühungen um ethnographische Präzision, sondern eher eine zusätzliche und vielleicht sogar eigentliche Wertbestimmung derartiger Texte, deren Bedeutung in jedem Fall darin besteht, den eigenen Seelenzustand des Reisenden und seiner Herkunftsregion zu spiegeln. So paradox es klingen mag, wir erfahren selbst in renommiertesten Werken dieses Genres meist mindestens ebensoviel über das Zuhause wie über die Fremde, und insofern lesen sich natürlich gerade Mays, des Nichtgereisten, Werke als klassische Dokumente eines Zeitgeists in der Endphase der imperalistischen ─ra.

   Wer wissen möchte, wie sich wilhelminische Wunschträume literarisch manifestieren, wird an den vielgelesenen Bänden über Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi nicht vorbeikommen, und der Zeitgeistforschung, deren distanziertes phänomenologisches Vorgehen ohnehin mancher ideologiekritischen Betrachtung vorzuziehen sein dürfte, öffnet sich hier eine wahre Fundgrube. Ins Blickfeld gerät dabei ein Lesertypus, der sich mit den Mayschen Pseudo-Ichs bis zur blinden Vertrauensseligkeit identifizierte, der ein solches deutsches Übermenschentum nicht nur für wünschenswert, sondern offensichtlich sogar für möglich hielt, der die internationalen Beziehungen am eigenen Sendungsbewußtsein maß und am deutschen Wesen letztlich die Welt genesen lassen wollte. Die darin liegende zur kulturellen Mission transformierte Expansion und kaschierte Aggressivität darf nicht übersehen, gleichzeitig aber auch nicht überschätzt oder retrospektiv überpointiert werden. Denn wenngleich sich Frieden und Humanität eigentlich schon immer als geeignete Tarnungen für weniger respektable Gesinnungen anboten, so sollte das damit verbundene Ethos der Werke Mays nicht ignoriert oder unterbewertet werden.



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   Daneben lassen sich innenpolitische Reflexe in seinen Büchern ausmachen, und auch hier darf der Autor in gewissem Sinne als Sprachrohr breitester Leserschichten betrachtet werden. Mögen zuweilen auch Sozial- oder Religionskonflikte in Romanen unkonventionell gespiegelt sein, es dominiert die Betrachtung aus bürgerlicher Perspektive. Die Konfrontation mit dem Unbekannten führt jedenfalls keinen Umsturz der Meinungen und Urteile herbei, sondern besitzt die Tendenz, sich das oder die Fremde anzuverwandeln. Auch dies gehört zum repräsentativen Psychogramm jener Gesellschaft.

   Die Zeitgeistforschung könnte darüber hinaus - wie z. T. bereits geschehen - von der Analyse einzelner Textbearbeitungen profitieren, wobei sicherlich nicht nur individuelle ästhetische Präferenzen, sondern vor allem Trends im Meinungswandel zutage treten.


5.R e z e p t i o n s g e s c h i c h t e


Die Funktion eines literarischen Texts als Ausdruck einer Sozialgesinnung kann nur mittelbar bewiesen werden durch den Verkaufs- und Lesererfolg sowie durch das Ausmaß öffentlicher Beschäftigung mit ihm. Beides trifft im Falle Mays in einer Weise zu, daß eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Autor schon dann geboten wäre, wenn seine völlige literarische Belanglosigkeit allgemein außer Zweifel stünde. Über diese Wirkung, die ungeheueren Absatzziffern, die durch eine zweifellos geschickte Verlagspolitik nur zum Teil erklärt werden können, hat man bereits viel geschrieben und ist auch weiterhin zu reden, d. h. auch über mögliche später kaum revidierbare emotionale Vorprägungen im Kindesalter, über Zusammenhänge und Abgrenzungen von (Kindheits-)Träumen, Infantilismen und Erwachsenenutopien, über Ursachenanalysen vergleichbarer Bestsellererfolge wie etwa die von Simmel, Konsalik oder Hesse.

   Ein Schwerpunkt der Rezeptionsforschung - und da verspreche ich mir für die Zukunft mit die wichtigsten Ergebnisse - könnte der Wirkung gelten, die der Autor des ›Winnetou‹ auf seine Schriftstellerkollegen ausgeübt hat. Denn, um es mit einem neueren Slogan zu sagen, an Karl May kam fast keiner vorbei. Wie immer neue Rezeptionszeugnisse verraten, veranlaßte sein Leben und Werk eine Vielzahl von Zeitgenossen zu ernsten oder spöttischen, beifälligen oder ablehnenden Stellungnahmen, nach denen sich vice versa vielfach sogar eine gewisse Kategorisierung von Schriftstellern vornehmen läßt, die Rückschlüsse auf deren Eigenpoetik erlaubt. Radebeul also als heuristischer Focus zur Beurteilung der Literatur der Jahrhundertwende? Es hat sicher nichts



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mit mayzentrischem Größenwahn zu tun, wenn man diesen Autor für eine bestimmte Literatengeneration zu einem Fixpunkt der Betrachtung wählt, denn seine Art zu schreiben ist schließlich trotz aller Außenseiterstellung ein gewisses Programm, an dem sich die Geister scheiden. In der Nähe oder Distanz zu solchen Texten realisiert sich ein wesentlicher Bereich literarischen Selbstverständnisses von Autoren, und es erscheint keineswegs zufällig oder bedeutungslos, daß Kästner oder Tucholsky z. B. mit May gar nichts anzufangen wußten, Zuckmayer, Bloch oder Fallada hingegen sehr viel.17

   Davon zu trennen wären vergleichbare Betrachtungen zu anderen Autoren: die beliebten oder berüchtigten Arbeiten »Karl May und . . .«, deren Wert, wo er sich nicht darin erschöpft, den bislang stets über die Schulter Angesehenen mit möglichst vielen klingenden Namen der Hochliteratur zusammenzubringen, nicht unterschätzt werden darf. Denn einerseits werden so mögliche Traditionsbezüge erkennbar, andererseits kommt Typologisches zum Vorschein oder lassen sich Besonderheiten im Kontrast verdeutlichen. Zu Lessing, Goethes ›Dichtung und Wahrheit‹, Hebel, Nietzsche oder Herder z. B. hat man somit schon Beziehungen hergestellt, und es darf nicht verwundern, daß zuletzt auch Franz Kafka einbezogen wurde. Der Vergleich mußte einfach einmal kommen; er war überfällig und prognostizierbar, obwohl gerade hier das heuristisch Aufschlußreiche die fundamentale Verschiedenheit darstellt. Ulf Abraham18 sieht das Gemeinsame beider Autoren vornehmlich in einer übermächtigen Angst vor Entlarvung, wobei Kafka und May auf solche Traumata jedoch äußerst unterschiedlich reagieren. Dieser Erkenntnisansatz sollte in künftigen Arbeiten noch verbreitert werden bis hin zu der Einsicht einer charakterlich wie ästhetisch motivierten Gegensätzlichkeit literarischer Verfahrensweisen, die auch wertungsmäßige Konsequenzen beinhaltet: Kafkas Ich verkleinert sich ständig, Mays plustert sich auf. Wo dieses zum (alleswissenden) Supermann wird, wandelt jenes sich zum (agnostischen) Wurm.


6.N o t w e n d i g e  p o s i t i v i s t i s c h e  A n s t r e n g u n g e n


Trotz zahlreicher wichtiger Arbeiten im Grundlagenbereich bedarf es als Voraussetzung zu weiteren umfassenden Forschungserträgen zunächst einer zweiten Sammel- und Ordnungsphase. In ihr sollten vorurteilslos Wirkungszeugnisse zusammengetragen werden, ohne Rücksicht auf mögliche Konsequenzen für Mays Renommee. Das gleiche gilt für die Lebensgeschichte des Autors, zu deren Erhellung durch



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Bartsch, Hoffmann, Plaul, Roxin, Wollschläger und andere19 bereits Hervorragendes geleistet wurde, ohne daß man sich hiermit schon zufrieden geben dürfte, da noch so manche wichtige Einzelheit in Mays Vita bislang der Aufklärung harrt. Zwar wird man sich vermutlich damit abfinden müssen, daß nach so vielen Jahren vieles wohl auch künftig im Dunkel bleiben wird, aber solange so entscheidende Grundtatsachen wie z. B. die Blindheit des Kindes noch in Zweifel gezogen werden können,20 dürfen auch scheinbar aussichtslose Anstrengungen nicht aufgegeben werden. Was auch heute noch zuweilen möglich ist, davon legen überraschende Funde immer mal wieder Zeugnis ab,21 und wo bereits Entdecktes noch in Archiven lagert, gehört dessen Publikation - wie im Falle der Prozeßschriften oder kontinuierlicher Jahrbuch-Veröffentlichungen geschehen - zu den löblichsten und dringendsten Aufgaben.

   Wegweisend und verdienstvoll ist auch die von Kosciuszko und Lorenz vorgenommene Bestandsaufnahme der alten Jahrbücher.22 Das von ihnen gewählte auflistende wie extrahierende Verfahren empfiehlt sich auch für eine hoffentlich einmal realisierte größere Briefausgabe, die als Verbindung vollständiger Dokumente mit Regesten vorstellbar wäre. Denn nicht durch zusätzliche Funde allein, sondern auch durch systematische Aufbereitung, Konzentration und Zugänglichmachung von verstreuten Materialien könnte ein wichtiger Forschungsbeitrag geleistet werden. Wie ich es mir dringend wünschte, sollte die bereits geleistete und noch zu leistende Kärrnerarbeit einmal als (neben dem Handbuch) zweite große Gemeinschaftsleistung der KMG in eine von positivistischem Geist getragene umfassende May-Biographie einmünden, deren Grundprinzipien Nüchternheit und Überprüfbarkeit, detailfreudige und penible chronologische Dokumentation wären mit alternativen Belegen in Zweifelsfällen. Als Vorstufe dazu könnte eine nach den gleichen Grundsätzen angelegte Bibliographie, in der die mittlerweile kaum noch überschaubaren weit verstreuten (kleineren) Materialien und Editionen zu bestimmten Ereignissen oder Problemen verzeichnet sind, in Angriff genommen werden - eine wertvolle, kaum zu überschätzende Arbeitshilfe. Man sollte dabei vielleicht Biographie wie Bibliographie als Loseblattsammlung anlegen und in bestimmten Abständen gemäß neuerem Wissensstand ergänzen bzw. korrigieren.

   Nun mag man solchen Aufwand angesichts von vorliegenden recht informativen bzw. Iesbaren Biographien und der doch zumindest umstrittenen Einschätzung vieler Texte befremdlich finden und den Verdacht hegen, es handle sich hierbei um Beschäftigungstherapie, wo nicht literaturwissenschaftlichen Byzantinismus. Nichts dürfte falscher



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sein, denn ungeachtet divergierender Qualitätsurteile sollte sich die genaue Beschäftigung mit Mays Leben im Hinblick auf seine mehr als nur interessante Karriere allein unter literaturpsychologischem Gesichtspunkt immer lohnen. Schließlich gehört May, um nur Wichtigstes anzuführen, zu den sicher nicht allzu zahlreichen spektakulären Fällen, denen durch schriftstellerische Tätigkeit die vollständige Resozialisierung aus einer kriminellen Vergangenheit gelungen ist und deren Werk auf Schritt und Tritt von der Bewältigung seiner seelischen Verletzungen zeugt. Darüber hinaus entstand hier eine Art therapeutischer Literatur, deren Besonderheiten erst aus intimster Kenntnis biographischer Hintergründe verständlich werden, was speziell für das Alterswerk gilt, dessen kuriose wie originelle Allegorien sich erst dann erschließen, wenn auch lebensgeschichtliche Details der 3. und 4. Kategorie vorhanden sind. Und schließlich läßt sich spekulieren, daß May neben Kafka zu einem der germanistischen Hauptaufmarschgebiete werden könnte, auf denen die argumentativen Gefechte über die Tauglichkeit, Ergiebigkeit und Seriosität tiefenpsychologischer Interpretationsmethoden geschlagen werden.


7.( T i e f e n - ) P s y c h o l o g i s c h - b i o g r a p h i s c h e  A n a l y s e n


Gerade dieses Interpretationsverfahren gehört mittlerweile nicht nur in den Publikationen der KMG zu den verbreitetsten. Von Stolte bis Arno Schmidt, von Ilmer bis Wollschläger bedient(e) man sich hauptsächlich eines solchen Deutungsansatzes, wobei mit diesen stellvertretend angeführten Namen gleichzeitig die methodische Bandbreite oder die Radikalität in der Handhabung literaturpsychologischer bzw. psychoanalytischer Kategorien angedeutet ist.23 So belebend sich manche dieser Studien auf die May-Forschung ausgewirkt haben, nicht zuletzt was die Analyse des Spätwerks betrifft, so unverzichtbar scheint mir Wachsamkeit gegenüber dem damit verbundenen Deutungsenthusiasmus geboten, da die Überprüfbarkeit der jeweiligen Hypothesen zuweilen nur allzu bereitwillig einer spekulativen Kombinatorik geopfert wird, die nicht selten mit terminologisch getarnter Nonchalance zwei bis drei Entdeckungen im Interpretationsdschungel des Mayschen îuvres zu einer imposanten Gesamtschau verschmilzt.

   Dabei setzt sich mehr und mehr eine Schule durch, die in immer lückenloseren biographischen Ausgriffen nahezu jede Romanepisode als Spiegelung von Lebensrealität des Autors enthüllt, wobei Anspruchslosigkeit und Oberflächlichkeit der Vergleichbarkeiten zur notwendigen Voraussetzung geradezu vorprogrammierter Fündigkeit werden.



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Wo selbst dies nicht genügt, operiert man mit ständig wechselnden Hilfskonstruktionen (Ich-Spaltungen, bewußt und unbewußt im Wechsel, Ebenen im halben Dutzend), welche die Grundannahme einer (zudem als Qualitätsbeleg mißverstandenen) Totalallegorisierung stützen sollen.

   Wenn literaturwissenschaftliche Interpretation nicht zum mehr oder weniger ungezügelten Assoziatismus und Intuitionismus verkommen soll, wird es unerläßlich sein, sich demnächst einmal der Kontroverse zu stellen, in welchem Maße oder zu welchem Teil Mays Werk überhaupt allegorischen Anspruch erheben kann. Tatsächlich gesichert sind die Schlußbände des ›Silberlöwen‹. Von einigen weiteren Texten oder Textpartien ab 1899 bzw. ›»Weihnacht!«‹ ließe sich ─hnliches wohl schlüssig nachweisen, doch darüber hinaus wäre ein sehr vorsichtiges und sorgsam recherchierendes Vorgehen anzuraten, um das bisher zutage Geförderte nicht in seiner Glaubwürdigkeit zu gefährden. Ich bezweifle dabei nicht einmal, daß sich schon für den frühen May einzelne direkte Verschlüsselungen des Lebens ermitteln lassen, aber die augenblickliche Tendenz, nach dem extensiv ausgeweideten Spätwerk nun auch die »klassischen« Reiseromane dem gleichen Analyseschema mit gleicher Erfolgserwartung zu unterwerfen, wie z.B. Ilmer dies tut,24 könnte in einer Sackgasse enden. Dies wäre schon dann der Fall, wenn sich die These bewahrheitete, daß sich die biographische Substanz zumindest dieser Werkgruppe, wenn nicht beträchtlicher Teile selbst des Alterswerks, weniger in fiktionalen Verpuppungen oder Ich-Spaltungen realisierte, denn in ichbezogenen Verhaltens- und Charakterstrukturen.

   So anregend, scharfsinnig oder detailbesessen manches also in diesem Bereich auch erscheinen mag, so leicht werden dabei Grenzen überschritten, die wissenschaftlicher Solidität gesetzt sind. Dies gilt natürlich nicht weniger für die Psychoanalyse Freudianischer Provenienz, für deren Bereich exemplarisch auf Schmidts ›Sitara‹ verwiesen werden könnte, ein wohl besser unter Primärliteratur einzuordnendes z. T. kurzweiliges Bändchen, das nun wiederum paradoxerweise trotz seiner verfehlten Grundthese und vielen (spekulativen) Schludrigkeiten der Karl-May-Forschung in den letzten Jahrzehnten wohl mit den meisten Auftrieb gegeben hat. Dies sei nicht verschwiegen, aber demungeachtet könnte gerade ein solcher Text im Verein mit Ohlmeiers und Wollschlägers umstrittenen25 oder Ilmers uferlos biographistischen Interpretationen die Notwendigkeit einer erneuten, ernsthaften Methodendiskussion verdeutlichen.


Dagegen sprechen allerdings schlechte Erfahrungen der Vergangen-



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heit. Die 1979 und 1980 ansatzweise geführte Kontroverse litt - wie ich es sehe - unter verfrühter Kompromißbereitschaft und einer wenig präzisen Fragestellung, durch welche das Unbehagen an (manchen) tiefenpsychologischen Deutungen schließlich zu einer Problematik des Methodenpluralismus umgemünzt wurde. Wer bestreitet schon, wie z. B. Ueding damals schrieb, daß »Methodenvielfalt sachlich notwendig«26 ist? Und wer teilte nicht in memoriam einer ganzen Germanistengeneration, die durch solche Hauptbeschäftigung die Literatur selbst fast völlig aus den Augen verlor, im allgemeinen seine Skepsis gegenüber abstrakten, allenfalls noch wissenschaftstheoretisch ergiebigen Diskussionen?27 Doch geht es hier zentral nicht um literaturwissenschaftliche Methoden im Plural, sondern um die Festlegung oder Verfeinerung tauglicher Kriterien für ein ganz bestimmtes Verfahren. Es geht um die Frage, welche Mindestanforderungen an die  B e w e i s b a r k e i t  oder wenigstens Plausibilität von Behauptungen zu stellen sind. Und wenn es sich auch im heutigen akademischen Betrieb so gefügt haben sollte, daß z. B. die Psychoanalyse ihr System weitgehend gegen Kritik immunisiert und der Nachweispflicht entzogen hat, so folgt daraus für die Karl-May-Forschung sicherlich keine Notwendigkeit, solch schlechte Gewohnheit als Gewohnheitsrecht zu legitimieren.

   Das mindeste allerdings, was man angesichts des Umstands, daß vieles zur »Glaubenssache«28 geworden ist und auf Ebenen traktiert wird, wo eine philologische Verifizierung offenbar nicht mehr möglich ist (z. B. Mays »Symbolik« aus vorsprachlich-phylogenetischem Material entstammend etc.29), methodisch zu fordern hätte, wäre ein Verzicht auf Rückschlüsse allein aus fiktionalen Texten auf die Biographie, was zu Unterstellungen führen kann, die wahlweise May zum Brustbeißer, zum unehelichen Vater oder seine Mutter zur Ehebrecherin machen.30 Solche Vermutungen erinnern fatal an die »kriminalpsychologischen« Spekulationen eines Erich Wulffen, der als Antriebsmotiv zu Goethes ›Faust‹ dessen Gewissensbisse anläßlich seines angeblich mit Friederike Brion gezeugten und kurz vor oder nach der Geburt getöteten Kindes ausmachte. Dieses geradezu mystische Fahnden nach einer Art psychoanalytischem ›Korrelationsgesetz‹ überschreitet einen methodisch zu tolerierenden Rubikon, und dem sollte aus grundsätzlichen Erwägungen wissenschaftlicher Seriosität Einhalt geboten werden.30

   Daß dies nur geschehe, um der Fiktion eines ›sauberen May‹ willen, braucht hoffentlich ebensowenig eigens widerlegt zu werden wie die bei entsprechenden Diskussionen für Psychoanalyse-Gegner üblichen argumentativen Vorhaltungen, ihr Widerstand sei weniger sachlich



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motiviert als durch sie selbst und ihre seelischen Probleme bedingt. Hier täte man gut daran zu berücksichtigen, daß sich diese Retourkutsche natürlich nur allzu bequem wieder in Richtung des psychoanalytischen Absenders in Marsch setzen läßt, und insofern auf solche unergiebigen Vorpostengeplänkel zu verzichten.


8.─ s t h e t i s c h e  W e r t u n g


Naturgemäß standen Wertungsfragen seit der Jahrhundertwende im Mittelpunkt der Karl-May-Diskussion. Galt doch die (ästhetische) Rehabilitierung Mays als primäres Anliegen, zumal damit zugleich eigene Leserfreuden kulturelle Sanktionierung finden sollten. Paralleles wäre im Krimi-Genre zu konstatieren, wobei die May-Problematik allerdings durch verschiedene Enthüllungen seines Vorlebens eine zusätzliche speziell biographische Brisanz besaß. Es wäre zu wünschen, daß solche Bestätigungs- und Aufwertungsabsichten künftig in stärkerem Maße zurückträten gegenüber der selbstbewußten Forscherhaltung, es mit einem - um Mays Lieblingsvokabeln zu benutzen - hochwichtigen und hochinteressanten Gegenstand zu tun zu haben, dessen intensive Betrachtung sich von selbst rechtfertigt und dessen Nichtberücksichtigung in einer Literaturgeschichte der entsprechenden Epoche schlicht als Inkompetenz ihres Verfassers ausgelegt werden darf.

   Was aktuelle Wertungen betriftt, so pendeln die Ansichten zwischen Extremen wie Vollmanns Urteil: »Ein Schriftsteller, der nicht richtig schreiben konnte / Wie Wagner ohne Musik, nur viel, viel schlimmer«32 und Wollschlägers Einstufung z. B. des Spätwerks als »hohe sublimative Kunst (. . .), mit der May Unordnung und frühes Leid seines Lebens zu Literatur werden ließ.«33

   Hier wird man nicht einfach mitteln können, auch nicht vermitteln, und die Paradoxie der Sache will es, daß man je nach Standort beiden Betrachtungsweisen zustimmen könnte. Zeigt sich doch gerade am Beispiel Mays, in welchem Maß die Bewertung eines Textes bereits Folge interpretatorischer Vorgaben ist. Schon die - wie beinahe alles bei May - umstrittene Gattungseinstufung präjudiziert. Macht es doch einen nicht zu vernachlässigenden Unterschied, ob der jeweilige Text als Reiseerzählung, Abenteuer- oder allegorischer Roman, als Jugend- oder Erwachsenenbuch, im Rahmen des Unterhaltungsschrifttums oder als epische Wiederbelebung des Mythos aufgefaßt und beurteilt werden soll. Wo schließlich gar angesichts der verstiegenen Mayschen Authentizitätsbekundungen die Werke nicht als aktualisierte Märchen verstanden werden, sondern der Realitätsgehalt auf dem Prüfstand



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steht, muß diese Form des Schreibens wohl nahezu zwangsläufig als billige Spielart eines literarischen »Abenteuertourismus«34 erscheinen.

   Des weiteren hängt die Einschätzung maßgeblich davon ab, wieviel literarisch Anstößiges oder Steriles man in Mays ästhetischen und ideologischen Konglomeraten noch zu akzeptieren bereit ist, im Bewußtsein der Tatsache, daß einerseits auch hochkarätige Kunstwerke niveaumäßig inhomogen und keineswegs klischeegefeit sind und zuweilen lediglich - wie Adorno es einmal sinngemäß formulierte - in entscheidenden Stellen Glück haben, andererseits kaum ein umfangreicher Erfolgstext existiert, der - und sei es episodisch - an Tieferes rührt bzw. Höheres heranreicht.

   Wessen ästhetische Toleranzschwelle durch Mays ungehemmte Schwarzweißtechnik, stereotype Geltungsrituale und Handlungsabläufe oder skrupellos anmutende Motivwiederholungen überschritten ist, dem wird man vergeblich die Leistungen (karikaturhafter) Typenschöpfung zum Ausgleich anbieten können, mögen Charaktere bzw. Originale wie Winnetou, Halef, Hawkens oder Lindsay auch Figuren der Weltliteratur geworden sein. Wer die in endlosen Renommierdialogen zum Ausdruck kommende, der Apotheose angenäherte Selbstbeweihräucherung des Ich-Erzählers, seine unverfrorene Identifikation mit dem Autor schließlich als ungenießbar empfindet, wird die Erklärung, daß es hier psychologisch um Kompensationsleistungen im Rahmen einer beispielgebenden Selbsttherapie geht, nur als unzulängliche Rechtfertigung ansehen.

   Wer das Prunken mit vermeintlich geographischem, historischem, linguistischem oder ethnographischem Wissen angesichts massiver Nationenklischees moniert, ahnt meist nur wenig von den zwanghaften inneren Triumphen des Autodidakten oder der sozialpsychologischen Repräsentativität des Autors als nahezu überlebensgroße Inkarnation des Wilhelminischen Zeitgeistes, oder er läßt es nicht gelten. Und wem schließlich die durch entsprechende Handlungen unterstützte religiöse Indoktrinierung als bigotte, episch unverdaute und ideell unverdauliche Didaxe erscheint, wird auch vom Hinweis auf Mays gigantische Angstbewältigung, sein unstillbares Bedürfnis nach wenigstens  p o e t i s c h e r  Gerechtigkeit philologisch unbeeindruckt bleiben. Und dennoch sollte jeweils beides zur Sprache kommen, zumindest wenn von der Bedeutung des Forschungsobjekts May die Rede ist.

   Will man zu Mays (eigentlichen) Qualitäten vordringen, wird man sich nicht bei ebenso kurzsichtigen wie fruchtlosen Bemühungen aufhalten dürfen, die oben angedeuteten formalästhetischen Defizite zu leugnen, denen sich mühelos weitere grundlegende Schwächen auch



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oder gerade im Rahmen des Abenteuergenres hinzufügen lassen: die hier gelegentlich doch sehr störenden Belehrungsintentionen etwa oder die Tatsache, daß bei May stets nur großge r e d e t e  Papiertiger bekämpft und zuweilen Chancen zur Spannungssteigerung dadurch verpaßt werden, daß der mitfühlende Leser durch quasibiblische, nie in Frage gestellte Führerprophetien über Schlacht-, Verhandlungs-, Duell- oder Befreiungsverläufe stets der nie wirklichen Gefährdung der Protagonisten versichert sein kann. Der Helden Omnipotenz erlaubt schließlich nur Scheinbedrohungen. Die vom Autor immer dringender gewünschte oder gar benötigte unnahbare Superiorität verhindert eben angemessene Gegenporträts, wie überhaupt die psychologische Komponente in Mays Romanen die schwerwiegendsten Einwände rechtfertigt. May kann keine Figuren zeichnen, sondern nur überzeichnen. Das gilt für die Helden wie ihre Gegner, die in seiner manichäischen Sehweise in Gegensätzen von hell-dunkel bzw. hoch-tief erscheinen, blütenweiße Vertreter des Rechts oder Schufte, die nicht nur unmoralisch, unfähig und eitel, sondern darüber hinaus bis ins Unverständliche und Selbstgefährdende unverschämt sind. Nun mag es geschehen, daß verschiedentlich auch solche Gestaltung ihren Reiz ausübt, den der Ikone oder Karikatur nämlich. Was dabei möglicherweise an May gefällt, sind also gerade die Verstöße gegen ästhetische Gesetze der Moderne, die auf Differenzierung und Psychologisierung angelegt sind. Und es wirkt daher etwas hilflos, May in solchem Sinne zu legitimieren, während eine angemessenere oder zumindest vorteilhaftere Würdigung seiner schriftstellerischen Leistungen doch allenfalls im Rahmen der Groteske möglich wird.

   Dies alles zugestanden, dazu die schlampig-rasante Produktionsweise, verbunden mit manch konzeptionsloser Um- oder Einarbeitung und anderes mehr, bleibt von dem bereits durch den Umfang imponierenden Gesamtwerk immerhin noch so viel epische Substanz, daß sich eine nähere Beschäftigung auch unter erzählerischem Aspekt durchaus lohnt. Es bleibt darüber hinaus aber für viele, die sich aus heutiger Sicht solcher Mängel wohl bewußt sind, etwas Faszinierendes an diesen handlichen - durch optische Effekte zusätzlich bestrickenden - Bänden, das (mir) im letzten jedenfalls noch nicht völlig aufgeklärt scheint. Es hängt möglicherweise mit Mays urwüchsigem Verhältnis zum Narrativen und Plakativen zusammen in allen seinen Konsequenzen, aber vielleicht auch mit einem gewissen Sensorium für das Mythische und Archetypische, wie es z. B. in so manchen Landschaftsschilderungen aufscheint. Mays Wüsten etwa - man vergleiche nur ›Am Jenseits‹ - werden zu Wüsten schlechthin, die als Idealtypen im Gedächtnis haf-



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ten. Ich habe keinen Zweifel, daß etwa Coopers Indianergeschichten qualitativ höher einzuschätzen sind, aber gegen Winnetou kommen seine Gestalten in meiner Erinnerung jugendlicher Lektüre jedenfalls nicht auf. Und selbst wo dies als stärkere Eindimensionalität der Figur erklärbar wäre, welch magische Wirkung geht nicht von Titeln aus wie


›Durch Wüste und Harem‹
›Durchs wilde Kurdistan‹
›Von Bagdad nach Stambul‹
›In den Schluchten des Balkan‹
›Durch das Land der Skipetaren‹
›Der Schut‹.


Ich habe übrigens schon einmal versucht, Mays Betitelungen in ein System zu bringen, sie mit anderen Jugendbüchern zu vergleichen, ohne dem Problem der noch heute wirksamen Faszination nennenswert näherzukommen, und ich glaube auch, daß es nur als Komplex verschiedenartiger literarischer wie außerliterarischer Effekte analysierbar sein dürfte. Claus Roxin muß man vielleicht sogar über die genannte Textgruppe hinaus zustimmen, wenn er feststellt:


»Fragt man bei May nach dem literarischen Wert seiner Amerika- und Orientromane, so läßt ihre unvergleichliche Wirkung gewiß keinen Schluß auf ihren literarischen Rang zu. Denn diese Wirkung ist weitgehend psychologisch und nicht ästhetisch vermittelt.«35


Vielleicht kommt man der Problematik auch von anderer Seite bei, wenn man einmal unterstellt, daß, wer als ästhetisch sensibilisierter Erwachsener sich zu May bekennt, vielfach bereits seinen eigenen Text geschaffen hat, naiv den Jugenderinnerungen vertrauend oder in konstruktiv-ergänzender Art, wobei die Vorstellung von Mays Leben mit dem Erzähltext verschmilzt und die Neigung wächst, den Literalsinn als bloßen Rohentwurf oder gar Treatment zu betrachten. Wenn man z. B. in ›»Weihnacht!«‹ als Eingeweihter schmunzelnd vom Vorwurf des Pferde- oder Textdiebstahls liest, gewinnt die Passage erst - Stolte hat es gezeigt36 - eine neue, vielleicht ihre Hauptdimension als bild- und zwanghafte Darstellung von Seelenmaterial. Dem Leser wächst dabei eine aktive Funktion der Entschleierung zu, die nicht selten zu einem assoziativen ›Weiterdichten‹ führt. Wenn die Supermänner entsprechende Wundertaten vollbringen, die sich im Text wie unter erweiterter Perspektive für den nicht mehr kindlichen Leser nur mehr lächerlich ausnehmen, rechtfertigen sich solche Tatexzesse im Kontext der



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psychischen Situation als zuweilen hochartifizielle Kompensationsträume. Wo sonst ein Old Shatterhand ob seiner rechthaberischen Egozentrik auf die Dauer zur ungeliebten Figur werden könnte, scheint nun als Kontrastfolie der arme Kerl durch, der solche Tagträume benötigt.

   An May könnte somit exemplarisch zu zeigen sein, wie ein Autor durch Mitarbeit des Lesers gewinnt, wohlgemerkt exemplarisch, denn daß ein solches Verfahren - wenn auch wahrscheinlich weniger spektakulär und ergiebig - bei nahezu jedem Autor Anwendung finden könnte, sei gleich zu Beginn eingeräumt. Und natürlich sollen literaturwissenschaftlich kanonisierte Wertungen jetzt auch nicht etwa aus May-Begeisterung suspendiert werden.37 Geht es doch nicht darum, die Einsicht zu verdrängen, daß dieser Autor - auch im Rahmen jeweiliger Gattungsmöglichkeiten - zwar manch brillante Szenenfolge38, aber wohl keinen einzigen perfekten Roman geschrieben hat. Aber es könnte sich bei May um einen aufschlußreichen rezeptionsästhetischen Sonder- oder Beispielfall handeln, angesichts dessen der Aufweis solcher Mängel nur Peripheres trifft, falls nicht sogar von dieser Warte aus literaturwissenschaftliche Normvorstellungen generell um einige Gesichtspunkte erweitert werden müßten.

   Es gibt schließlich zu denken, wenn ein Autor wie z. B. Hermann Broch, dessen Definition des Kitschs als des eigentlichen Bösen in ihrer Radikalität ihresgleichen sucht, ausgerechnet May unter die wahren Dichter zählt, und dies sicher nicht, weil er die angedeuteten Schwächen nicht bemerkt hätte. Diskussionswürdig wäre in jedem Fall die wertungsmäßige Grundfrage, ob nicht die harmonisierende Literatur in unserem Jahrhundert generell unterschätzt wird und nahezu per se dem Trivialitätsverdacht unterliegt. Ob nicht seelische Erholung durch eine moralisch überschaubare und fiktional befriedete Welt zuweilen legitimer ist, als es die den ästhetischen Verdikten häufig zugrundeliegenden naiven Annahmen vermuten lassen, der Leser verwechsle durchweg Literatur und Leben. Ob nicht wenigstens der literarischen Utopie die versöhnliche Ausnahme zuzubilligen sei, wofern sie nicht zu handfesten politischen Euphemismen mißbraucht wird. Und schließlich, ob nicht eine solche Verquickung von Leben und Werk, wie sie bei May vorliegt, eine Betrachtungsweise legitimiert, welche die Vita des Autors wie die Tagträume des Lesers als fast immer einbezogene, mitgelesene und kombinierte quasiästhetische Komponente auch wertungsmäßig wenigstens ansatzweise in Rechnung stellt.



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»Viel Feind, viel Ehr!«
(Mittelalterliches Sprichwort)


II. DIE KARL-MAY-GESELLSCHAFT


1.Z u r  A t m o s p h ä r e


Eine Beschäftigung mit Lage und Perspektive der Karl-May-Forschung darf Rolle und Funktion der Karl-May-Gesellschaft nicht übergehen, und für diesen Teil der Bestandsaufnahme scheinen mir einige Vorbemerkungen angebracht. Aber lauschen wir zunächst unserem »Mayster«, was er im 5. Kapitel des III. ›Silberlöwen‹ über das Auftreten Ahriman Mirzas zu sagen hat:

   Eine musikalische Familie. Der Vater spielt die erste Violine, der Onkel das Cello, der eine Sohn die zweite Violine und der andere die Viola. Für heut sind alle Freunde eingeladen. Es soll ein Quartettgegeben werden. Kammermusik. Ob von Mozart, Haydn oder einem anderen, das weiß man nicht. Aber daß man nur Schönes, Gutes, von den vier Künstlern Durchdachtes und Verstandenes hören werde, davon ist man überzeugt. Man freut sich also auf den Genuß. Man kommt. Man weiß, daß man gern gesehen ist. Man nimmt Platz. Die Noten liegen auf den Pulten. Die Instrumente sind bereit, schon wohlgestimmt. Auch die Zuhörerschaft befindet sich in jener Stimmung, welche dem Erfolge gern und einsichtsvoll entgegenkommt. Da sind die Vier. Sie nehmen Platz. Sie greifen nach den Instrumenten. Durch den Raum geht das Geräusch leise gerückter Stühle; hier ein erwartungsvolles, kurzes Räuspern, dort das Rauschen bequemgelegter Seide. Dann tiefe Stille. Jetzt! Die Bogen berühren die Saiten. Die ersten Takte erklingen. Die Erwartung hat sich in offenruhende Empfänglichkeit verwandelt. Man lauscht.

   Da wird die Thür aufgerissen. Ein Feind der Familie kommt lärmend herein, rücksichtslos störend, ungeladen. Er erklärt, daß er die Absicht habe, einen Strafprozeß gegen die Familie zu fahren, und macht in ganz ungesitteter Weise die Anwesenden mit dem lnhalte der Anklage bekannt. Man unterbricht ihn. Man entzieht ihm das Wort. Man sagt ihm, daß er unrecht habe und daß doch jetzt und hier nicht die rechte Zeit und der rechte Ort zu solchen Dingen sei. Man sei zu einem Kunstgenuß versammelt, nicht aber, um sich mit dem jus criminale zu befassen. Da entschließt er sich, mit zuzuhören, nimmt einen Stuhl und setzt sich nieder.

   Soll man die unangenehme Scene gewaltsam enden? Ihn hinauswerfen? Nein! Man entschließt sich, ihn gewähren zu lassen und das Stück von neuem anzufangen. Aber in welcher Stimmung befindet man sich nun ? Werden die in Geist, Herz und Gemüt anzuschlagenden Accorde so befriedigend ausklingen, wie es vorher mit froher Bestimmtheit zu erwarten war?


Das ist ein Bild.39


Ich muß es vorab gestehen: Zu den Dschamikun einer wie auch immer gearteten May-»Gemeinde« habe ich mich nie gezählt, eher zu den kri-



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tischen Sympathisanten, die ihre Neigung zu dem Autor mit einem Schuß (Selbst-)Ironie verbanden. Den in Ahriman Mirza verwandelten Fedor Mamroth hielt ich in meiner so gearteten Ungläubigkeit nie für eine Inkarnation des Bösen, sondern eher für den Lichtbringer und seine Abrechnung mit dem May-Kult für den Beginn der May-Forschung. Blochs hyperbolische Wertung schließlich von »einem der besten deutschen Erzähler« betrachtete ich stets als das, was sie wohl auch war, als antibildungsbürgerliche ästhetische Provokation. Wenn ich mich von solchen Bekenntnissen oder Prämissen her in aller Offenheit mit jüngsten Tendenzen und Wertungspraxen der KMG beschäftige und dabei um der Konkretheit willen zuweilen stellvertretend auch Namen nennen muß, erwarte ich sicherlich keine (ungeteilte) Zustimmung, hoffe aber zumindest, daß mir keine lähmende oder gar destruktive Wirkung beschieden sei, wie dies von dem auf Weihegesänge oder orchestrale Harmonie erpichten May im obigen Bild so schreckhaft beschworen wurde.

   Dabei wird es gut sein, mit einer grundsätzlichen Feststellung zu beginnen: Existenzberechtigung und Qualität der KMG stehen für mich außer Frage. Ich halte ihren stürmischen Aufbau, die erbrachten editorischen und viele analytischen Ergebnisse, das faszinierende Engagement ihrer Mitglieder und nicht zuletzt die Breitenstreuung, von der andere meist elitäre Literaturverwaltungszirkel nur träumen können, für eine beispiellose Leistung im Bereich der bundesrepublikanischen Lesekultur. Den Veröffentlichungen dieser Institution verdanke ich ein gewandeltes May-Bild wie mein theoretisches Interesse an diesem Gegenstand. Dabei profitierte ich maßgeblich von so grundlegenden Arbeiten wie z. B. - ich nenne stellvertretend, spontan und ohne nachzuschlagen - Stoltes literatur- oder Roxins kriminalpsychologischen Abhandlungen, Plauls oder Hoffmanns biographischen Studien, Bartschs und Wollschlägers Orientdokumentation oder Hatzigs Textvergleichen. Solchen Pionierleistungen der Grundlagenforschung die gebührende Anerkennung zu verweigern, wäre töricht, vergeßlich und undankbar.

   Nun könnte es aber sein, daß diese imponierende Zwischenbilanz die Gefahr in sich birgt, einige kritische Fragen zu verdrängen. Ich verspüre in letzter Zeit ein gewisses Unbehagen angesichts der Ahnung, daß je stärker der Zulauf, je umfangreicher und professioneller die Produktion, umso geringer die Bereitschaft werden könnte, den Gegenstand »May« im echten Sinne zu problematisieren, Wachstum also stillschweigend ausschließlich als Legitimation und Qualitätsbeweis mißzuverstehen.


Wenn ich ganz offen z. B. meinen - zwangsläufig subjektiven - Ein-



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druck vom letzten Kongreß in Königswinter formulieren darf, so hatte ich zuweilen das Gefühl, Mitglied eines Selbstbestätigungszirkels zu sein mit rhetorischen Auftritten als Höhepunkten des Rituals, während für Diskussionen anscheinend kein Bedürfnis bestand. Wo nun heute diese Vorträge im neuen ›Jahrbuch‹ zur Lektüre vorliegen, will ich gerne einräumen, daß es weniger die durchweg respektablen Inhalte oder Tendenzen der Ausführungen waren, die mir ein gewisses Unbehagen bereiteten, als manche erspürte Wirkung derselben, auch die zwischen Zeilen, vielleicht unfreiwillig vermittelte, aus einzelnen Wortbedeutungen indirekt erschließbare. Wie ich es sehe, ist man im Rahmen der KMG fast zwangsläufig einem gewissen emotionalen Affirmationsdruck ausgesetzt, unter lauter Gleichgesinnten, sympathisch Engagierten, die sich in einem grundsätzlich einig sind: in der Abwehrhaltung gegen scheinbare und wirkliche Bedrohungen durch die barbarischen (publizistischen) Stämme der Nicht-Mayaner. Und so passiert es wohl unmerklich, daß manches Lobenswerte über May gleich euphorisch, manch bittere Wahrheit eher verhalten und versöhnlich formuliert wird, wobei von Hörerseite eine weitere Filterung der ohnehin reduzierten Kritik erfolgt, mit dem Ergebnis, daß von alldem im wesentlichen das akademische Placet ankommt.

   Natürlich lassen sich solche atmosphärische Vorgänge nicht beweisen oder gar zu jedem einzelnen in Beziehung setzen. Ich habe - welch groteske Vorstellung! - natürlich keine statistische Erhebung angestellt, sondern formuliere Stimmungen, Impressionen aus Unterhaltungen und Reaktionen des Publikums. Und was solche Gespräche am Rande oder auf dem Podium betraf, so dominierte neben einer fast schon pauschalen ästhetischen Verklärung zuweilen eine konfessorische Rigorosität, die betroffen machte. Nun gilt es dabei allerdings zweierlei zu unterscheiden. Ich war gefesselt und ergriffen durch sympathisch-couragierte Berichte von Teilnehmern, die einmal exemplarisch die therapeutische Funktion von Werken Karl Mays belegten. Dieser direkte Eindruck einer segensreichen literarischen Wirkung, einer ganz persönlichen Hilfe in prekären Lebenssituationen, überstieg alles, was üblicherweise in buchsoziologischen oder rezeptionsästhetischen Modellen wortreich ausgebreitet wird. Angesichts solch konkreter Leistungen führen sich Einwände - so skeptisch ich auch einem ›Vorbild‹ May gegenüberstehe - weitgehend selbst ad absurdum. Auf der anderen Seite erscheint es mir keineswegs unangebracht, dort Bedenken anzumelden, wo die Beschäftigung mit diesem Schriftsteller kultische Züge anzunehmen beginnt, wo May zum poetischen Weltgewissen erhoben oder coram publico als politischer Ratgeber für aktu-



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elle Konflikte ausgegeben wird, was er nun wirklich ebensowenig sein dürfte wie eine ernsthafte Argumentationshilfe vor Kriegsdienstverweigerungsausschüssen40 oder - auch das kommt vielleicht noch - gegen Tschernobyl.

   Daß dies alles im Rahmen der KMG bekundet und bekannt wird, begrüße ich ohne Vorbehalte und freue mich, daß man irgendwo Schriftsteller überhaupt noch ernsthaft in Beziehung zum eigenen Leben setzt, anstatt sie nurmehr philologisch zu sezieren. Aber richtig wohl fühlte ich mich erst in einer Vereinigung, wo man Ansichten dieser Art mit dem gleichen Freimut und ohne ›schlechtes Gewissen‹ als skurril oder verstiegen bezeichnen kann, wo man sicher ist, daß sich andere durch Kritik und Gegenmeinungen nicht den individuellen Spaß an der Sache nehmen lassen, für ihr persönliches Lese-, Sammel- oder Kombiniervergnügen keiner intersubjektiven Zustimmung bedürfen. Und was die Forschungsdiskussion betrifft, so wünschte ich mir eine KMG, in der ohne persönliche Gegnerschaft oder Cliquenfraktionszwänge, ohne kleinliches Gezänk und Rechthaberei, aber mit von der Sache her gebotener Deutlichkeit die unterschiedlichen Standpunkte noch sichtbarer zutage träten, wo ganz klar ist, daß manche Ansichten Minderheits- oder durch Beweise kaum gestützte Privatmeinungen sind, wo es weiterhin als keineswegs diskriminierende Selbstverständlichkeit empfunden wird, daß zwar viele ge-, aber nicht alle erhört werden, wo letztendlich eine Atmosphäre fröhlichen Streitens ein Gegengewicht zum Enthusiasmus bildet. Bisher jedenfalls scheint mir etwas von diesem fruchtbaren Meinungsdissens durch publizistische Geschäftigkeit und Organisationswut überlagert, vielleicht auch ein wenig verdrängt zu sein.


2.Z u r  ä s t h e t i s c h e n  W e r t u n g


Dabei müßte über viele Fragen mehr gesprochen und gestritten werden, nicht aus übergroßer Lust an Polemik oder Disharmonie, sondern weil es um essentielle (methodische) Probleme geht, die darüber hinaus auch für andere Bereiche der Literaturwissenschaft von Bedeutung sein könnten. Auch scheint mir die eigentliche Qualitätsdiskussion noch nicht einmal ernsthaft geführt worden zu sein. So berechtigt abweichende Wertungsstandpunkte sein mögen, wo intersubjektive Zustimmung jenseits der »Gemeinde« erwartet wird, sollte weniger geschwärmt und spekuliert, sondern müßten auch eigene Positionen überdacht werden, im Sinne von Staigers »Begreifen, was uns ergreift«. Gilt es doch, die Hochschätzung des Autors auch einem Nicht-



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›Jünger‹ einsichtig zu machen. Daß hierbei wichtige gegenseitige Vermittlungs- und Erkenntnisprozesse stattfinden könnten, daran zweifle ich nicht, doch ohne Abstriche an liebgewordenen Vorstellungen wird es nicht gehen. Und eben dies müßte zunächst einmal gerade i n den Reihen der KMG diskutiert werden, als Chance zur Einsicht. Widerstand sollte nicht nur von außen kommen in Form von meist spöttischer Ignoranz.

   Stattdessen herrscht zuweilen das, was man als totale May-Optik bezeichnen könnte. Da wird nicht nur alles und jedes zur Erklärung und Aufwertung des Autors herangezogen, da wird auch offenbar das literarische Umfeld nach Maßgabe des May-Verständnisses klassifiziert. Kisch z. B. wird ständig gepriesen, weil er May pries, Walser desgleichen, von Arno Schmidt übernimmt man den »Großmystiker« und verwirft die saloppen Urteile über das »klassische» Werk.41 Jedes Auftreten Loests wird registriert aus dem vornehmlichen Grund, weil dieser einen - übrigens nicht zu verachtenden - May-Roman geschrieben hat. KMG-Sendungen beigefügte Bücherkataloge ›kommentieren‹ Weltliteratur unter diesem offenbar alles dominierenden Gesichtspunkt, und es mag manchmal als Glück erscheinen, daß sich Tolstoj und Dostojewskij nicht mit dem Radebeuler beschäftigt haben, sonst würden uns diese Bände vermutlich via May-Relationen empfohlen.

   Natürlich beansprucht die KMG auch für solches Verhalten kein Monopol, und zu welchem Autorenbyzantinismus Literaturgesellschaften fähig sind, dafür böte, um beliebig eine der ganz großen herauszugreifen, die Geschichte der Shakespeare-Gesellschaft genügend Stoff zur Illustration. Was den deutschen Bereich betrifft, möge es sich um Gründungen aus literarischer Begeisterung oder um politische Interessenstiftungen handeln, gilt natürlich auch hier der »Pflege des Andenkens« im allgemeinen die erste Sorge. Und daß in der Heinrich-Mann-Gesellschaft z. B. weitgehend eine gewünschte Gesinnung prämiert und die Qualitätsfrage mit einer ans Tabu grenzenden Diskretion behandelt wird, ist mittlerweile nicht nur Insidern bekannt. Kaum eine der bekannteren Gesellschaften aber dürfte, abgesehen von den vielfältigen Gründungen zur (Wieder-)entdeckung regionaler Koryphäen oder den in obskuren Gewässern schwimmenden Vereinigungen wie etwa die Blunck-, Burte- oder Kolbenheyer-Gesellschaft, einen solchen geradezu existentiellen Nachdruck auf die (literarische) Resozialisierung und ästhetische Anerkennung ihres Autors gelegt haben wie die KMG.

   Darin treffen sich Mitglieder der unterschiedlichsten Herkunft und Ausrichtung. Nostalgische Schwärmer, die sich bei ihrer Maylektüre



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des besseren Teils ihrer Jugend erinnern, Jäger und Sammler, die auf der Basis immenser Textkenntnis beträchtliche Beute einbringen, während die Distanz zu ihrem verehrten Objekt dahinschmilzt, Adepten des Meisters, die in seinen Werken grundsätzliche abendländische Ideale gestaltet sehen und aus ihnen Trost und Hoffnung schöpfen, sind darunter. Folkloristen, die in May die heile Welt wiederfinden, und Puristen, denen Mays Leben als Exempel gilt, stehen neben Psychoanalytikern und Literaturpsychologen, die gerade im seelischen Defekt und der pathologischen Charakterstruktur die Essenz seiner literarischen Bedeutung ausmachen. Anhänger (religiöser) Erbauungsliteratur stehen ideologiekritischen Spürhunden gegenüber, und last not least errichtete das Arno-Schmidt-Dechiffriersyndikat in der KMG offensichtlich eine Dependance, wenn nicht eine selbständig gewordene Filiale.

   Kurios ist nun, daß sich solche unterschiedlichen, ja z. T. kontradiktorischen Wertvorstellungen nicht gegenseitig aufheben, sondern weitgehend sogar gegenseitig stützen. Mag den einen gerade die Trivialität fesseln, den anderen deren Widerlegung, den einen die oder das Ideale, den andern die Beschädigung im Unterbewußtsein, unterm Strich addiert sich alles gemäß der Vorstellung, daß, wo viel Rauch auch viel Feuer, und die ungeheure Aktivität bestärkt noch den Eindruck von May als dem Nabel der Welt.

   Im Ergebnis zeigt sich eine ästhetische Bewertung des Autors, die außerhalb der May-Zirkel teils Verständnis, häufiger aber wohl noch Spott oder Kopfschütteln hervorruft, und, wo sie nicht geteilt wird, die Kluft zwischen einer der Kritik entzogenen persönlichen und einer philologisch begründbaren Wertschätzung vertieft. Nun muß man allerdings eingestehen, daß die sog. wissenschaftliche Wertung das sicherlich Unwissenschaftlichste in dieser vertrackten, unter der Rubrik »Geisteswissenschaften« firmierenden Disziplin darstellt, und die Frage, was denn nun literarische Qualität sei, ähnlich schwer zu beantworten sein dürfte wie die des Pilatus nach der Wahrheit. Aber so sehr die Objektivität von Wertung Fiktion bleibt, so notwendig - und darauf reduziert sich letztlich der Wissenschaftsanspruch - ist eine weitgehende Klarheit über die Kriterien und Voraussetzungen von Urteilen. Und hier scheint mir allerdings bei der Karl-May-Forschung noch ein gewisser Nachholbedarf vorhanden zu sein.

   Manche Gründe der Attraktivität dieses Autors ließen sich fraglos viel nüchterner bestimmen. Es sind weitgehend gerade nicht »literarische«, und sie liegen wohl auch vorwiegend gar nicht darin, wie vermehrte Qualitätsbeteuerungen uns glauben machen wollen, daß May



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- was ganz gewiß auch vorkommt - eben anspruchsvoller ist, als wir dachten, sondern daß wir selbst in unseren Lesewünschen vielleicht »trivialer« sind, als wir uns eingestehen. Denn wäre es nicht illusionär anzunehmen, daß sich das Bedürfnis nach Plakativem allein auf den Politbereich beschränkte? »Wir Deutschen sind merkwürdige Leute«, sagte Tucholsky bereits 1918:


»Nicht etwa, daß wir uns ruhig gestehen: auch wir wollen uns einmal ausruhen und leichte Bücher lesen, (. . .) nein wenn wirs schon tun, dann lügen wir uns irgend ein Brimborium darum herummer. Es gibt Leute, denen dieser Karl May - mir ist der Bursche immer als Ausbund der Fadheit vorgekommen - lieb und teuer ist. Aber sie sagens nicht. Sie malen ihm eine Glorie an: ihr meint, das sei einfach ein Unterhaltungsschriftsteller für die reifere Jugend gewesen? Gott bewahre, ein Philosoph war das, (. . . ) ein schwerer, vollbärtiger, sächsischer Denker, weiland zu Radebeul, jetzt in der Unsterblichkeit.«42

   Und das trifft mit den an anderer Stelle43 formulierten Einschränkungen auch noch weitgehend heute zu. Es hat denn auch zuweilen etwas Verqueres, daß man einen fabulierenden Naturburschen, dessen epische Unbedenklichkeit Sympathie und Aufmerksamkeit erregte, nun partout in Frack und Zylinder vorzuführen gedenkt, um sich in seiner Gesellschaft nicht genieren zu müssen. Unterhaltung, Erholung beim Lesen, ein gewisser Verzicht auf Innovation zugunsten beliebter Fabeln und populärer Klischees. Ja, warum denn nicht? Die Wahl auch des Leichten bedarf viel weniger der Rechtfertigung, als gemeinhin unterstellt wird, und die Lust auf handfeste Lesekost braucht sicher nicht über die Esoterik des Spätwerks legitimiert zu werden. Es tendiert schließlich selbst der Aufgeklärteste zuweilen zu Vereinfachungen, und das Wesen entsprechender Unterhaltungsliteratur erlaubt es nun mal, daß man die »Guten« gut und die »Bösen« böse sein lassen darf, ungeachtet der Unangemessenheit eines solchen Weltbilds, daß man Überzeichnungen goutiert, Hyperbeln, Katachresen, die bei May in ihrer karikaturistischen Dimension schon fast wieder zu respektablen Stilmitteln werden, eindrucksvoll wie Reklametexte und von einer populärmythischen Qualität. Handelt es sich doch zu einem nicht unbeträchtlichen Teil auch um einen legitimen, uns lediglich vom Zeitstil ausgetriebenen Genuß an barocker Übersteigerung, der nur dem widerstrebt, der politische, pädagogische oder realistisch-mimetische Ansprüche erhebt. Daß solche Ansprüche zumindest nach heutigem Verständnis nur in ganz beschränktem Maße erfüllt werden, darf der Schmökernde übersehen, nicht aber der literarisch Wertende.

   Der Autor wird geschätzt ob seiner »Konsolationseffekte«, bei denen man sich in der Tat fragen müßte, ob sie »nicht notwendig sein kön-



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nen für das Glück von Individuen«.44 May legt dabei nicht den Finger auf die Wunde; er streichelt viel lieber den Patienten, was diesem zwar keine Heilung, aber seelische Linderung oder wenigstens einen gewissen Aufschub verschafft. Die Ausrichtung der Mayschen Erzählmodelle an Legenden- oder Märchenstrukturen kommt dem entgegen. Das Schema etwa des »häßlichen Entleins« tut uns wohl, weil soziale Anerkennung für viele Menschen eben höchsten Stellenwert besitzt, die Omnipotenzgebaren, gepaart mit Abenteuer- und Sinnsuche desgleichen, weil wir im Leben Monotonität und Unterlegenheit erfahren. Wer fühlte sich nicht verkannt, zurückversetzt, unter Wert eingestuft? Wer wünschte sich nicht gelegentlich Mäuschen zu spielen und wie Old Shatterhand alles zu erlauschen, was über ihn gesprochen wird? Die Identität und was damit zusammenhängt, Kleider, Länder, Sprachen Berufe und Stellungen zu wechseln? Sich in Höhlen zu bergen oder aus Gefängnissen aller Art auszubrechen? Weil dies Urwünsche sind, darf May sie so oft wiederholen. Weil er sie intensiver als andere empfindet und äußert, wird er in seinem Werk zum literarischen Medium. Denn trotz aller Bestsellerautomatik spürt man - und hier wären Ansatzpunkte zu differenzierender Wertung -, daß May immer auch persönlich engagiert ist, daß bei allem Humor, Überschwang und aller Groteske auch stets ein Moment von Tragik obwaltet.

   Manche Qualitätsversicherungen - um auch dies noch anzutippen - beruhen schlicht auf der Verwechslung von Indizien und Beweis. Die Aufwertung qua Masse, seien es Verkaufsziffern, das Quantum an Sekundärliteratur, die Fülle nahezu beliebig hergesteller Kultur- und Literaturbezüge, die man ebensogut als Beleg für Mays Epigonalität oder Eklektizismus auffassen könnte, oder die Anzahl von ─ußerungen schriftstellernder Kollegen45, überzeugt allerdings nur bedingt. Auch MacDonald-Gerichte sind in doppelter Wortbedeutung in aller Munde, wenngleich nicht nur ausgesprochene Feinschmecker sie für ungenießbar erachten. Desgleichen sollten die typischen Illusionen des Liebhabers vermieden werden, die aufgewendete Mühe für eine Sache dieser selbst oder das intellektuelle Vergnügen an einer Entdeckung der Wirkung des Textes zuzuschreiben. Gewiß gibt es bei May Versteckspiel als Kunst, doch diese stellt sich eben zumindest in den Texten, die ihn bekannt gemacht haben, im wesentlichen nur unfreiwillig ein, und der Genuß eigener detektivischer Leistung sollte nicht mit der Qualität des literarischen Objektes verwechselt werden. Handelt es sich doch meist um Assoziationskunst, die der Deuter kreiert. Und ganz zuletzt: Es bedeutet keinen Qualitätsgewinn für Mays Erzählkunst, wenn manches, was z. T. bereits früher bekannt war, nun durch



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größeren Aufwand an (interdisziplinärer) Terminologie (nochmals) vorgeführt wird, wenn nun von »Rolle« und »Ritual«, »Beschreibungsisotopie« und »Umkodierung« die Rede ist oder mit Begriffen wie »Initiation«, »object a« oder »anamnetisches Material« jongliert wird.46 - Dies alles mag neue Perspektiven und Aspekte der Problematik dieses Autors eröffnen, ästhetisch genommen, handelt es sich um Scheinbeweise, die so manche tatsächliche Qualität verdecken.

   Man gestatte mir zum Abschluß dieses Teils ein Bild, das zumindest atmosphärisch dem Wilden Westen angepaßt ist. Die KMG kommt mir manchmal vor wie ein Angler, der, mit den reichlichen Fischerträgen in Mays Bücherstrom unzufrieden, zum Digger ward und den einzelne Nugget-Funde dazu veranlaßten, den Fluß als ›Goldwasser‹ zu verklären. So berechtigt dies möglicherweise in Teilen auch sein mag, der literarische Goldsucher sollte, wenn er auf Dauer erfolgreich sein will, die wichtige Funktion des Siebes nicht vergessen.


3.Z u m  M e n s c h e n  M a y


Wir sollten auch endlich Abschied nehmen von der Legende einer grundsätzlich unberechtigten Verfolgung des idealen Philanthropen May, der, stets nur zum Heile der Menschheit wirkend, von einer Verschwörung erbarmungsloser Dunkelmänner zur Strecke gebracht wurde. May ist kein Märtyrer, kein Hiob oder gar Schmerzensmann, der stellvertretend für die Menschheit sühnt, und seine diesbezüglich autobiographisch verfochtenen Ansprüche sind reine Apologie. Natürlich bleibt es jedem unbenommen, sich mit dem Autor auf dieser Basis zu identifizieren, mit ihm zu bangen, zu leiden und die Niederlagen und Demütigungen seines Lebens als persönlich schmerzende zu empfinden, doch die Forschung sollte sich von solcher subjektiven Rechtfertiungsperspektive befreien.

   Gewiß, da gab es eine traumafördernde Jugend, ein Milieu, das wir uns heute wohl nur noch als Alptraum vergegenwärtigen können, barbarische Strafzumessungen und skrupellose Prozeßgegner, aber dies alles macht noch keinen Märtyrer. Abgesehen von der Problematik eines möglichen Justizirrtums zu Beginn seiner Laufbahn, ist May auch nur Opfer in dem Sinne, wie alle von der Umwelt Geschädigten zu sozialer Normabweichung tendieren, wie alle von der Justiz Erfaßten dieses Stigma letztlich nur exemplarisch erfahren für eine meist größere Zahl straflos Bleibender als intendierte Prophylaxe zum künftigen Rechtsgüterschutz. Ob man ihm später zu den tatsächlich begangenen Delikten noch einige hinzugedichtet hat (»Räuberhauptmann«), er-



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scheint mir in diesem Zusammenhang weniger bedeutsam als die Tatsache, daß er sie - und mit nicht geringer krimineller Energie - überhaupt beging. Und diese Täterschaft sollte nun auch von Wohlmeinenden nicht mehr oder minder bagatellisiert werden. Liegt das Besondere der Mayschen Vita doch eher in der geglückten sozialen Wiedereingliederung. Daß diese nach der Jahrhundertwende durch die Aufdeckungen der Vergangenheit in Frage gestellt wurde, bis hin zu der ungeheuerlichen Invektive vom »geborenen Verbrecher«, gehört in der Tat zur Tragik in Mays Leben. Aber auch hier trat das Verhängnis nicht ganz ohne Mays Verschulden ein.

   Was nun die Zerstörung seiner zweiten Existenz betrifft, so lag es einfach in der Konsequenz seiner überlebensgroßen Stilisierung, daß die ganze Herrlichkeit einmal an einem so tiefen Sturz ihren Abschluß fand. Wie amüsant oder sympathisch - da er ja stets von einer korrespondierenden Gesellschaft getragen wird - der Typus des genialen Hochstaplers auch immer erscheinen mag, ob im Leben oder der Literatur, von Wenzel Strapinski über Felix Krull bis zum Hauptmann von Köpenick, von einem, der den Eiffelturm verkaufte oder in Flensburg einen psychiatrischen Dienst einrichtete, ihre Entlarvung gehört mit zur Rolle, wenn sie nicht Fragment bleibt, und man sollte sie ebenso gelassen und ohne Larmoyanz akzeptieren.

   Und die »May-Hetze«, eine Vokabel die gleichermaßen vom Autor selbst geprägt und von seinen Anhängern teilweise ungeprüft übernommen wird? Natürlich gab es sie, doch gab es sie durchgängig und in dem Maße, wie sie die Sekundärliteratur pauschal verwendet? Ich gestehe z. B. freimütig, daß ich an Mamroths Stelle, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, May gleichermaßen journalistisch die Leviten gelesen hätte, aus öffentlichem Interesse wie aus persönlichem Spaß, und ich hoffte, das Gedankenspielchen zu Ende treibend, daß ich dabei ähnlich klassische Worte und klare Urteile gefunden hätte wie der Frankfurter Feuilletonchef:


»Der Streit spitzte sich schließlich in die Frage zu: Hat Karl May die fremden Länder, die er schildert, wirklich selbst betreten? Die andere Frage: Hat Karl May die unerhörten, schreckensvollen Abenteuer, von denen er behauptet, es seien persönliche Erlebnisse, wirklich selbst erlebt? konnte als dreiste Zumutung an die Leichtgläubigkeit von Kindern oder Idioten von vornherein ausgeschieden werden.«47


Ich wäre auch mit Wertungen einverstanden wie den folgenden, von denen ich in Königswinter zu meiner Genugtuung vernommen habe, daß auch Stolte sie teilt.48



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»Nun ein kurzes Schlußwort! Vielleicht könnte ein Leser, der von der in der deutschen Knabenwelt herrschenden Karl-May-Epidemie nichts weiß, meinen, wir veranstalteten hier ein Spatzenschießen mittels 160 Zentimeter-Geschützen. Dies hieße Herrn May unterschätzen, denn dieser Schriftsteller ist auf Wegen, die abseits von der politischen Tagespresse liegen, ein Faktor in den geistigen Strebungen der Gegenwart geworden, mit dem man zu rechnen hat. Nochmals: wir anerkennen sein Talent; er ist ein Fabulist von Begabung und beherrscht die Technik der spannenden Erzählweise. Der ethnografische Untergrund speziell seiner afrikanischen und asiatischen Geschichten ist nicht ohne Reiz und nicht ohne Verdienst. Sogar die Ungeheuerlichkeit der aufgetischten Abenteuer, mit denen er die jungen Köpfe und manchen alten konfus macht, würden wir hinnehmen. Die Jugend liebt Abenteuer, und wie wir ─lteren uns einstmals am seligen Lederstrumpf ergötzten, so wollen wir dem heranwachsenden Geschlecht von heute die Lust an ungewöhnlichen Begebenheiten nicht verkümmern. Die süßlich-frömmelnde Propaganda für den wahren Glauben ist uns widerwärtig; wir halten ihren Einfluß auf die Jugend für ebenso bedenklich, wie den der Rohheiten, von denen die Abenteuer Karl Mays unzertrennlich scheinen, - auch das soll uns heute nicht weiter genieren, wenngleich wir den Entschluß bayrischer Mittelschulen, die sich durch die katholischen Allüren des Autors nicht bestechen lassen, verstehen und billigen. Das aber, was wir unter gar keinen Umständen schweigend ertragen können, das, was alle sonstigen Eigenschaften des Erzählers Karl May in unseren Augen total entwertet, - das ist der Kultus der Unwahrheit, der in diesen für die deutsche Jugend bestimmten Geschichten betrieben wird. Man verstehe wohl: Würde Karl May die Abenteuer, die er schildert, von Anderen erzählen, oder würde er selbst die Ich-Form, die er wählt, derart begründen, daß sich supponieren ließe, er erzählte bloß wieder, was ein anderer ihm erzählt hat, so könnte man sagen, er ist ein Autor von überreizter Phantasie, aber immerhin ein Autor von Phantasie. Indem er jedoch auch im bürgerlichen Leben die Fiktion festhält und bestärkt, er selber habe das, was er darstellt, erlebt und vollbracht, werden seine Phantasmen zu Unwahrheiten, werden seine Erzählungen unmoralisch im strengsten Sinne dieses vielmißbrauchten Wortes. Und wir müssen gestehen, da flößt uns Herr Wippchen, der sich in Bernau seine Kriegsberichte aus den Fingern saugt, viel mehr Sympathie ein als sein Kollege in Radebeul, denn er ist ehrlicher als dieser und beansprucht wenigstens nicht, daß man seine tollen Einfälle glaube. (. . .) Herrn May aber würden wir, wenn an einen Erfolg zu denken wäre, den guten Rat geben: er möge darauf verzichten, Jules Verne und den Apostel Paulus in einer Person darzustellen, sich auf das erstere Genre beschränken und dabei, wenn eben möglich, seinen Stil verbessern. Sonst wird man von ihm sagen: ›Schade um den Mann, es hätte etwas Tüchtiges aus ihm werden können.‹«49

   Und die folgenden Jagden? Natürlich, jetzt ging es los, und wenn der Koloß am Boden liegt, kommen, wie z. B. Ernst Jünger es einmal ausdrückte, nicht nur die edelsten Tiere, um Beute zu machen. Es kommen, die es angeblich schon immer gesagt hatten, die rachsüchtigen Geprellten und nicht zuletzt die Spötter, an denen es in solchen Situationen noch niemals mangelte. Diese Ansammlung zu charakterisieren, dürfte nicht nur sozialgeschichtlich aufschlußreich sein; aber auch



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diese »Hetze« hat noch eine andere Seite, die es einem nicht leichtmacht, Mitleid im Überfluß zu spenden. Wenn ein »k« im Literaturkalender samt bischöflichen Empfehlungsschreiben zunächst einmal den Absatz förderten, so mußte es bei der Aufdeckung des wahren Sachverhalts, den man pathetisch als Vertrauensbruch, verhaltener als kommerzielle Schlitzohrigkeit einstufen kann, eben hingenommen werden, daß solche Vergünstigungen nun unterblieben. (Daß man diese Texte nun plötzlich als unsittlichen und für das christliche Haus unerträglichen Schund abqualifizierte, steht - als der Satire wert - auf einem anderen Blatt.) Und wenn katholische Literaturreformer im Kampf gegen ungeliebte Tendenzen, denen früher zu begegnen der Solidaritätsdruck des Kulturkampfes verhindert hatte, die Gunst der Stunde nutzten, so war dies, abgesehen von den verwendeten platten moralischen Klischees und persönlicher Unlauterkeit, zunächst einmal ihr gutes Recht. Und wenn May schließlich, anstatt nach 1900 nun wirklich die Karten auf den Tisch zu legen, sich zu immer abstruseren Schutzbehauptungen und Umbiegungen der Tatsachen verstieg, statt einer rückhaltlosen Selbstschau, wie er sie seinen Lesern in ›Mein Leben und Streben‹ vorgaukelte, die Stilisierung zum verfolgten Repräsentanten der Menschheitsfrage vorzog, so durfte es eigentlich nicht verwundern, daß seine ›literarisch-ethischen Großtaten‹ von der Öffentlichkeit schnöde mit den weniger eindrucksvollen Realitäten der Vergangenheit konfrontiert wurden. Mays hoffnungslos versponnene Rückzugsgefechte sind vielleicht das Peinlichste und Tragischste zugleich in seinem Leben, denn da - um in die Boxersprache zu wechseln - hier wirklich niemand das Handtuch warf, wurde der K.o.-Schlag unumgänglich. Und nur auf dieser Ebene, wenn man denn will, läßt sich die Leidens- und Opfer-Frage sinnvoll stellen, dann nämlich, wenn man vom Standpunkt des Determinismus aus, der ja philosophisch ohnehin manches für sich haben mag, bezweifelt, daß May von seiner psychischen Verfassung her überhaupt in der Lage war, anders zu handeln, als (milieugeprägter) phantastischer Pseudologe, der - wie Stolte es einmal schrieb - dem »Rollenspiel (. . .) sein Leben lang wie ein Süchtiger gefrönt« hat.50 Mays ›Passion‹ liegt weniger in der Reaktion auf seine Normverstöße und sozialen Verfehlungen als in der Unfähigkeit, seine eigenen Ideale zu leben, was ihm dann sicherlich auch einen Großteil seiner Leiden erspart hätte.

   Ich habe zuweilen das Gefühl, als ob sich das manichäische Weltbild des Autors bei einigen seiner Anhänger in der Beurteilung der May-Gegner oder -Kritiker fortgesetzt habe. Man analysiere einmal stichprobenartig den Wortschatz der Beiträge im ›Jahrbuch‹, den ›Mittei-



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lungen‹ oder Reprint-Vorworten, indem man die wertenden Adjektive im Zusammenhang mit Mays Erzählkunst notiert, und man hätte die Grundlage zu einem Wörterbuch des Schwärmens gelegt: »genial«, »überragend«, »verblüffend«, »exemplarisch« oder »beispielgebend«, »treffsicher«, »brillant«, »faszinierend«, »großartig«, »einmalig« usw., usf. Man mache das gleiche dann in bezug auf die Charakteristik seiner Gegner, und ein polemisches Glossar ersteht in nuce. Mays Leben wird in dieser Sicht zu einem Kampf des Lichts gegen das Dunkel. Man präsentiert einen einsamen Streiter, umgeben von lauter Böswilligen und Uneinsichtigen. Und auch hier sind es immer die anderen. Die Aufzählung dieser Personenliste, vom cholerischen Vater über die angeblich nicht liebende Mutter, über mitleidlose Richter und Dorfbewohner, den wirklichen oder vermeintlichen »Fälscher« Staberow, die Intriganten Münchmeyer und Fischer samt deren Anhang, die ›schlechtere‹ Ehehälfte Pollmer und die Erzbösewichte Lebius, Mamroth oder Cardauns gerät zu einem kaum noch irdischen Monsterkabarett. Ja, selbst Plöhn, der gutwillige Freund, und Fehsenfeld, der gutgläubige Verleger, tragen letztendlich durch ungeschickte oder »unsinnige« Verteidigungsschriften noch Schuld an Mays Altersmisere, als ob der in einer Welt »orientalischer Klondykes« Befangene von sich aus die rettenden Worte gefunden hätte.

   Und was ein echter Parteigänger ist, der beschränkt sich nicht darauf, Mays Standpunkt in den publizistischen und juristischen Auseinandersetzungen zum posthumen Sieg zu verhelfen, er erbringt auch über den konkreten Anlaß des Streits hinaus - nach Maßgabe des jeweils herrschenden Zeitgeists natürlich - den Nachweis, welch verworfenes Gelichter May zum Feinde hatte. Lebius z. B. werden die »Gelben Gewerkschaften« angekreidet, Pöllmann die Kriegsgedichte, wobei offenbar stillschweigend unterstellt wird, daß May sich auch 1914 nonkonformistisch verhalten hätte. Daß im übrigen damals 90 Prozent der sogenannten Elite des deutschen Geisteslebens - Schriftsteller aller Provenienz, Professoren, Pfarrer aller Konfessionen bis hin zum Judentum etc. - dem Begeisterungstaumel unterlagen, für den Sieg lehrten, predigten, beteten und reimten, geht wirkungsmäßig unter in einem impliziten »Da sieht man es mal wieder.«51

   »Liebend erkennen« - ein großes erkenntnisträchtiges Prinzip, das ebenfalls zu Jüngers Maximen gehört. Es wäre vermessen zu unterschätzen, was die mitfühlende Perspektive an Einsichten gefördert hat. Doch das Wort hat zwei Komponenten, und die zweite ist ebenso wichtig. Man wäre wohl ein allzu leichtfertiges Opfer Mayscher Selbstsstilisierung in Leben und Literatur, wollte man z. B. seinen pathologischen



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Rechthaberdrang übersehen, sich einreden, daß Länge, Anzahl und Ausgang aller Prozesse nur durch advokatorische Raffinesse oder Inkompetenz bedingt seien, ignorieren, daß manche von Mays publizistischen oder juristischen Methoden denen des Lebius würdig waren,52 oder daß in den Eigenlobschriften eine unnachsichtige Denunziationsgesinnung gegen den sogenannten Schund zum Ausdruck kommt, der auch auf ihn zurückfallen konnte. Ja, man verharmlost diesen Mann sicherlich, wenn man in keiner Sekunde dem Gedanken Raum gibt, was eigentlich geschehen wäre, wenn ein solcher Kulturmissionar seine Allmachtsphantasien hätte realiter ausleben können.53

   Es wäre sicherlich albern, indem man diese oder jene private Einzelheit hervorzerrt und überbelichtet, in alte Anti-May-Klischees zu verfallen, aber dies gilt natürlich auch für das Gegenteil.54 Und zu welch arrogant-kleinlicher Geste ein »Herr Dr. May« auf der Höhe seines Erfolgs immerhin auch fähig war, illustriert der jüngst publizierte Brief an seine Schwester vom 20. 1. 1899.55 Doch vielleicht findet auch dieses Dokument eine ähnliche beredte Verteidigung wie die 9 Jahre jüngere Korrespondenz mit dem ›Hausschatz‹:

   »Wie alle mit Selbstdeutung und Lebenserläuterung befaßten privaten Zeugnisse Mays wirken auch diese Briefe problematisch, ja oft befremdlich. Was in der Selbstbiographie lapidar in dem Satz Ich bin vollständig eingekreist zusammenfließt, zeichnet sich hier bereits in einem Gespinst von Fäden und Verbindungen ab, die Mays einzelne Gegner funktionell miteinander verknüpfen und ein wahres Verschwörungsnetz ergeben - eine Vorstellung, die gewiß verzerrte Züge trägt und der man,  m i t  d e n  F a k t e n  n u r  o b e r f l ä c h l i c h  v e r t r a u t,  leicht einen  k l i n i s c h e n  Namen zu geben bereit wäre. Gerade hier aber ist Vorsicht geboten, und eben deshalb auch wird dem ersten Abdruck der Briefe in diesem Jahrbuch die Aufforderung vorangestellt, sich noch einmal genau die verworrenen und verwirrenden Lebenserleidnisse Mays in den Jahren 1907-08 zu vergegenwärtigen: - wo die Wirklichkeit  a l l e  g e w o h n t e n  B e g r i f f e  v o n  › V e r f o l g u n g ‹  derart  ü b e r t r a f,  darf bei deren Opfer von  V e r f o l g u n g s w a h n  nicht einfach die Rede sein «56


Ich will mich angesichts der guten Absicht Wollschlägers aller Polemik enthalten, aber ich muß bekennen, daß mir seine Ausführungen wenig erhellend und letztlich euphemistisch erschienen. Verständlich wirkt sein vorheriger Hinweis auf die offenbar skandalösen untersuchungsrichterlichen Umtriebe von Larrass und Co. Deutlich wird, was den alten May so erschüttern und ängstigen mußte,57 und es wird sich hier wohl niemand dem Mitgefühl entziehen können. Aber so schrecklich das sein mochte, wo herrschte damals - für May selbst oder gar einen Durchschnittsangehörigen des 20. Jahrhunderts, wie »oberflächlich« auch immer »mit den Fakten (. . . ) vertraut«, - eine Wirklichkeit, »die



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alle gewohnten Begriffe von ›Verfolgung‹« übertraf? Bei aller Reserve gegen vorschnelle psychiatrische Klassifizierungen, was veranlaßt Wollschläger, Mays paranoische Konstruktionen als Ausdruck von »›Realitätssinn‹« in höherer Bedeutung58 anzubieten? Wie plausibel liest sich seine Weigerung, dem pathologischen Tatbestand einen ihm gemäßen - wo nicht medizinisch exakten, so doch landläufigen - Namen zu geben, zusätzlich gestützt auf die Prozeßschriften, die nun im Gegensatz zu so manchem Romantext, der schon als Demonstrationsobjekt psychoanalytischer Terminologiekenntnis herhalten mußte, in der Tat klinisches Material in Reinkultur darstellen? Warum findet sich im ›Jahrbuch‹ zuvor von Stolte eine zwar in sich stimmige, aber letztlich ebenso irritierende Verharmlosung der Pollmer-Studie zur »Erzählung«?59

   May war zumindest im Alter schwer neurotisch, und wer das zu seinen literarischen Produkten in kein rechtes Verhältnis bringen kann, möge sich nur die Metapher von der Kunst als Perle vergegenwärtigen, die lediglich in Folge lebensgefährdender Verunreinigung existiert, wofern er es nicht vorzieht, sich direkt beim poetischen Schöpfer der blauen Blume Belehrung zu holen: »Fängt nicht überall das Beste mit Krankheit an?« Geht es bei solch biographischen Beschönigungen also um ein »Wie sag ich's meinem Kinde«? Oder sind Literaturwissenschaftler ─rzte, die möglichst schonend auf ein schweres Leiden vorbereiten möchten? Und wenn ja, da es May selbst ja nicht mehr betrifft, wer wären dann die Kranken?


Die Lichtgestalt May existiert nicht, weder in psychischer noch in charakterlicher oder literarischer Hinsicht. Sie ist eine Fiktion, eine mehr oder weniger erwartbare oder verständliche Kontrastfolie zu den Verzeichnungen vom bösen, Kinder verführenden Schundliteraten und »geborenen Verbrecher«, in denen seine Leser und Interpreten, wie subtil auch immer (sozial-)psychologisch getarnt oder verklausuliert, aus schwarz nun weiß zu machen sich anschicken. Rehabilitation wird zum entscheidenden Stichwort für diesen Vorgang, das jedoch möglicherweise nur Peripheres erklärt. Es fragt sich doch, warum denn trotz aller Relativierungen in Details, trotz aller (scheinbaren) psychologischen Sezierung die gipserne Helden- oder wenigstens Märtyrerbüste noch gebraucht wird, wo es doch Old Shatterhand und Winnetou als Identifikationsfiguren ohnehin gibt. Bietet etwa die Person des Autors, so wie sie nüchtern betrachtet vor uns steht, keinen Ansatzpunkt zum Mit- und Einfühlen mehr? Offenbart sich in dieser weiterhin idealisierenden Sicht nicht einfach ein prinzipielles Bedürfnis nach dem Vorbild, eine Winneteu-Süchtigkeit, die Identifikation nur mit einer nahe-



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zu perfekten, Verständnis nur für eine weitgehend sympathische Persönlichkeit zuläßt? Mißlingt die Destruktion dieser zweiten, der innerlichen Old-Shatterhand-Legende, weil May für seine ›Gemeinde‹ ein in besonderem Maß auf persönliche Betroffenheit, auf Lebenshilfe und Selbstprojektion bezogener Autor ist und weil es eben dem eigenen Lebensgefühl mehrheitlich entspricht, das Beste zu wollen und dennoch ungerecht behandelt, verfolgt und mehr oder minder anonymen Mächten mehr oder minder schutzlos ausgeliefert zu sein? Wird May auch biographisch mythisiert, weil wir solche mythische Sicht nie ganz verloren haben?


*


Ich breche hier ab, habe ohnehin manches um der Deutlichkeit willen überspitzt, vielleicht sogar in Teilen ins nicht mehr Repräsentative verzerrt. Möglicherweise liege ich mit dem einen oder anderen Beispiel auch ganz falsch: dies sei prinzipiell zugestanden wie auch die Tatsache daß diese oder jene der von mir skizzierteri Tendenzen wahrscheinlich nicht Mehrheitsmeinungen oder auch anders interpretierbar sein dürften. Aber ich schildere Einzelbeobachtungen, die sich bei weitem vermehren ließen und zumindest nicht ganz ohne Aussagekraft zu sein scheinen. In der Intensität und dem Maß der Verbreitung lasse ich mich jederzeit von denen, die es gelassener und vielleicht auch besser beurteilen, belehren. An der Symptomatik glaube ich festhalten zu müssen, so überwiegend positiv mir insgesamt auch die Publikationstätigkeit der KMG erscheint.

   Ich bin überzeugt, daß erst dann von einem wirklichen - und übrigens berechtigten - Selbstbewußtsein der KMG die Rede sein, erst dann ihre ›Gründerphase‹ wirklich als abgeschlossen bezeichnet werden kann,

-wenn individuelle und intersubjektive Betrachtung, (Lese-)Spaß und Forschungsinteresse als souveräne Elemente der Beschäftigung mit Karl May in einem selbständigen und unverkrampften Verhältnis zueinander stehen,
-wenn Wertungsfragen zugunsten phänomenologischer (Struktur)-Analysen zunächst einmal zurücktreten,
-wenn tiefenpsychologische, polittaktische oder vermeintlich allegorische Ergiebigkeit nicht automatisch mit Qualität gleichgesetzt wird, genausowenig wie Publizität oder Höhe des methodischen Anspruchs,
-wenn bei allen Fragen der May-Forschung der Rehabilitationsaspekt die geringste Rolle spielt,



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-wenn in Sammlungen von Zeugnissen über May Wohlwollen oder Ablehnung diesem gegenüber keinen Einfluß auf deren Auswahl hat, zumindest aber Zitatverstümmelungen zugunsten des ›Meisters‹ unterbleiben,60
-wenn unhaltbare Positionen ästhetischer oder charakterlicher Beurteilung - auch verdeckt - nicht länger verteidigt werden,61
-wenn man endlich darauf verzichtet, sich für beinahe jede halbwegs kritische Bemerkung über May quasi zu entschuldigen bzw. den potentiellen negativen Eindruck durch anschließendes (überschwengliches) Lob zu beseitigen,62
-wenn man sich mit der - zumindest als zu diskutierenden - These anfreunden könnte, daß Mays psychische Beschädigung ihn zwar zum Künstler machte, die Intensität seiner (Alters-)›Krankheit‹ ihn aber, von Ausnahmen abgesehen, an höchsten Ansprüchen scheitern ließ.

   Ich schlage das Karl-May-Jahrbuch von 1978 auf, lese Stoltes Besprechung von Schmiedts Dissertation, und sehe, daß offenbar alles oder wenigstens manches schon einmal dagewesen ist:


»Auch hier konstatiert er freilich einen latenten Widerspruch zwischen der wissenschaftlich-objektiven Arbeit der an der Forschung Beteiligten und einer nostalgischen, Kindheitserinnerungen hegenden Liebhaberei sowie einem apologetischen Eifer, Karl May gegen Herabsetzungen zu verteidigen. Das ist ja vollkommen richtig. Aber wenn Schmiedt meint, solche Engagiertheit, solches Sympathisieren tadeln zu müssen, wird man ihm nicht zustimmen können. Ohne das nostalgische Quentchen unverwelkter Jugendliebe in  a l l e n,  die sich da zusammengefunden haben, gäbe es diese literarisch-wissenschaftliche Gesellschaft mit ihren heute über 800 Mitgliedern überhaupt nicht. Auch wohl nicht diese so beachtliche Dissertation von Helmut Heinrich Schmiedt. Und der Apologie, so meine ich, bedarf es sehr wohl angesichts der Tatsache, daß ein Autor wie dieser noch immer in seiner eigenen Heimat »vom Schauplatz gefegt« ist. So illegal es ist, einen Schriftsteller zu verbieten, so legitim ist es, sich für ihn zu engagieren.«63


Ja, ganz gewiß, aber immerhin wäre vielleicht jetzt, da Mays DDR-Renaissance ja inzwischen eingesetzt hat, der Zeitpunkt gekommen, endlich auch die Apologie-Phase zu beenden. Der Schriftsteller May als Gegenstand der Literaturwissenschaft bedarf ihrer nicht mehr. Die KMG selbst erreicht schließlich in diesem Jahr ihr Mündigkeitsalter.



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1Die Tatsache, daß sich viele Verfasser, die z. T. mit sehr sachkundigen Beiträgen publizistisch vertreten waren, in diesen Ausführungen namentlich nicht wiederfinden, beinhaltet grundsätzlich keine Wertung oder gar Abwertung. Der vorliegende Aufsatz soll schließlich kein Forschungsbericht sein, sondern lediglich bestimmte ihrer Tendenzen erfassen. Leitende Gesichtspunkte der Auswahl waren daher vorwiegend Exemplarität und Symptomatik für bestimmte Trends.
2Helmut Schmiedt: Karl May. Studien zu Leben, Werk und Wirkung eines Erfolgsschriftstellers. Königstein/Ts. 1979; Heinz Stolte: Ein Literaturpädagoge. Untersuchungen zur didaktischen Struktur in Karl Mays Jugendbuch ›Die Sklavenkarawane‹. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1972/73 S. 171-94; 1974 S. 172-94; 1975 S. 99-126; 1976 S. 69-91 u. a. Zu den übrigen genannten und weiteren Autoren vgl. die Bibliographie. In: Helmut Schmiedt, Hg.: Karl May. Materialien. Frankfurt a. M. 1983 S. 367 (Nr. 7)
3Adolf Droop: Karl May. Eine Analyse seiner Reise-Erzahlungen. Cöln/Weiden 1909
4Franz Kandolfs textgeschichtliche Aufsätze, z. B. zu Winnetou, enthalten en passant auch einige treffliche Ausführungen zur Form. Wieder zugänglich in den Fehsenfeld-Reprints. Bamberg 1983 Bd. 18 S. A 8-36 Bd. 19 S. A 9-63
5Viktor Böhm: Karl May und das Geheimnis seines Erfolges. Wien 1955, Gütersloh
6Harald Fricke: Karl May und die literarische Romantik. In: Jb-KMG 1981 S.142-77
7Z. B. Gert Ueding oder Wolfgang Wagner. In: Schmiedt: Materialien S. 369; vgl. auch die übrigen Nennungen unter Nr. 8 S. 367-69
8Z. B. die Aufsätze in den Karl-May-Jahrbüchern von 1922 (Kara Ben Nemsi auf den Spuren Layards. S. 197-207), 1924 (Krüger Bei und der »Vater der Fünflhundert«. S. 90-104), 1925 (Schrittmesser und Landkarten. S. 154-65), 1932 (Winnetou und Rayon Brûlant. S. 484-93), 1933 (Karl May und Gabriel Ferry. S. 191-98).
9Vgl. Schmiedt: Materialien S. 366f.; darin auch andere Beiträge zur Quellenforschung (Nr. 6)
10Karl May: Der Geist des Llano estakado. Stuttgart 1984, hg. von Bernhard Kosciuszko
11In: Schmiedt: Materialien S. 310-35
12Vgl. zur ideologischen Polemik der 30er und 40er Jahre: Gunter Scholdt: Hitler, Karl May und die Emigranten. In: Jb-KMG 1984 S. 60-91; zu neueren ideologiekritischen Ansätzen Schmiedt: Materialien S. 371f. (Nr. 10)
13s.Anm. 2
13aSo sind Solveig Ockenfuß z. B. (Tarzan für kleine Mädchen. In: Klaus Bergmann/ Solveig Ockenfuß, Hg.: Neue Horizonte. Reinbek 1984 S. 265) Erinnerungen an frühere Karl-May-Lektüre »peinlich, weil mir inzwischen klargeworden ist daß die Abenteuerei des Karl May eindeutig auf Männer zugeschnitten ist, und weil ich fürchte, daß Reste von Karl Mays patriarchalischem Indianermythos in meinem Kopf herumspuken.« Als Beispiel einer gelasseneren Betrachtung ist soeben erschienen: Barbara Sichtermann: Die Mayschen Reiseerzählungen als Jugendlektüre. In: Harald Eggebrecht, Hg.: Karl May der sächsische Phantast. Frankfurt a. M. 1987 S. 63-72.
14Vgl. z. B. Erwin Koppen: Karl May und China. In: Jb-KMG 1986 z. B. S. 74f., 78f.
15Vgl. zur Problematik die Bibliographie von Johannes Hoffmann: Stereotypen, Vorurteile, Völkerbilder in 0st und West in Wissenschaft und Unterricht. Wiesbaden 1986
16Vgl. die dpa-Meldung »Koloniale Demütigung«. In: FAZ 4. 4. 1986
17Als - zweifellos vorwissenschaftliche - Annäherung an die Problematik empfiehlt sich eine Art Ratespiel, wer denn nun tatsächlich als May-Anhänger zu klassifizieren sei, wobei ich persönlich dabei bislang wenig Überraschungen erlebte. Bei Hesse hatte ich es erwartet, bei Bergengruen, Fallada oder Albert Schweitzer regelrecht vorausgesagt. Eine Zustimmung Thomas Manns hingegen, die über wohlwollende Gesten hinausging, hätte mich doch sehr überrascht, wie es zunächst die Einschätzung Brochs getan hat. Nachdem ich nun dieses Wissen auf die Werkbetrachtung - nicht zuletzt des »Bergromans« - rückbezogen habe, erscheint mir Brochs Vorliebe mittlerweile begreiflicher als die Motive, die mich zunächst an ihr zweifeln ließen, und so



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könnte es sein, daß solche Überlegungen auch meinem Broch-Verständnis zugute gekommen sind.
18Ulf Abraham: Die Angst vor der Entdeckung und die Entdeckung der Angst. Ein Motiv bei Franz Kaflka und Karl May. In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 59/1985 H. 2 S. 313-40
19Vgl. Schmiedt: Materialien. Nr. 5 S. 365f.
20Zuletzt wohl von Helmut Schmiedt: Karl Mays ›Mein Leben und Streben‹ als poetisches Werk. In: Jb-KMG 1985 S. 99
21Gerhard Linkemeyer: Was heute noch möglich ist. In: M-KMG 66/1985 S. 3-26
22Bernhard Kosciuszko/Christoph F. Lorenz: Die alten Jahrbücher. Ubstadt 1984
23Vgl. Schmiedt: Materialien. Nr. 9 S. 369-71
24Vgl. z. B. die jährlich erweiterten Deutungen zum Giölgeda-padishanün-Zyklus vom Jb-KMG 1982 bis heute
25Dieter Ohlmeier: Karl May: Psychoanalytische Bemerkungen über kollektive Phantasietätigkeit. In: Materialien zur Psychoanalyse und analytisch orientierten Psychotherapie 4/1978 S. 337 - 60; Hans Wollschläger: »Die sogenannte Spaltung des menschlichen Innern, ein Bild der Menschheitsspaltung überhaupt.« Materialien zu einer Charakteranalyse Karl Mays. In: Jb-KMG 1972/73 S. 11 - 92
26Gert Ueding: Thesen über den gegenwärtigen Stand der Methodendiskussion in der Literaturwissenschaft. In: M-KMG 40/1979 S. 4
27Ebd.S.5
28Claus Roxin: Ein Wort zum Thema »Karl-May-Forschung und Psychoanalyse«. In: M-KMG 40/1979 S. 8
29Ebd. S. 9
30Dem unbenommen sind biographische Nachforschungen, die von Textpassagen im Sinne der Thesenbildung indiziert oder angeregt werden.
31Hier stimme ich mit Stolte (Stellungnahme zum Thema Literatur und Psychoanalyse. In: M-KMG 40/1979 S. 4) unbedingt überein.
32Rolf Vollmann: Einmal Winnetou und zurück. In: Die Zeit 14. 3. 75 S. 29
33Wollschläger wie Anm. 25 S. 69
34Vgl. Annette Deeken: »Seine Majestät das Ich«. Zum Abenteuertourismus Karl Mays. Bonn 1983
35Claus Roxin: Karl May zwischen Ardistan und Dschinnistan. In: Eggebrecht: Phantast S. 15
36Vgl. Heinz Stolte: Der Fiedler auf dem Dach. Gehalt und Gestalt des Romans ›»Weihnacht!«‹. In: Jb-KMG 1986 S. 26 - 28
37Die genaue Gegenposition vertrete ich in Teil II dieser Abhandlung, wo entsprechende Versuche mit der Schärfe eines advocatus diaboli zurückgewiesen werden. Ihr massiv vertretener Anspruch konnte dennoch die Notwendigkeit einer ernsthaften Überprüfung und vielleicht sogar großzügigeren wie angemesseneren Festlegung ästhetischer Normen begründen.
38Dazu gehören detektivische Entwirrungen wie topographische Glanzlichter, auch Träume (etwa ›Am Jenseits‹ oder ›Silberlöwe IV‹) und Anfänge (z. B. ›Der Scout‹, Durch Wüste und Harem‹). Vgl. dazu meinen Beitrag in dem für 1987 angekündigten Band von ›text und kritik‹.
39Karl May, Freiburger Erstausgaben Bd. 28 Bamberg 1984 S. 534f.
40Vgl. Claus Roxin: Politische Wirkungen Karl Mays. In: M-KMG 64/1985 S. 28f. Einem May-versierten Spruchkammer-Vorsitzenden wäre vielleicht eingefallen, z.B. aus dem ›Wilden Kurdistan‹ (Freiburger Erstausgaben Bd. 2 1982) zu zitieren, etwa S. 461 oder 504 (im Zusammenhang mit Wertungen über die Nestorianer auf S.460f., 471, 530), aber man wird natürlich anderweitig ebenso leicht fündig. Mit Karl May ist es offensichtlich wie mit der Bibel, die sich auch schon für manch tagespolitisches Anliegen ge- oder mißbrauchen ließ.
41Als im gewissen Sinne symptomatisch erscheint daher der Versuch eines - sonst eher skeptischen - Kenners wie Helmut Schmiedt (wie Anm. 20 S. 99), Arno Schmidts Kritik an May als mentale Reserve gegenüber allzugroßer Bewunderung zu interpretieren. Gibt es wirklich für das Naheliegende und übrigens auch klar Formulierte kei-



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ne weniger aufwendige Erklärung? Plausibilität scheint mir auch eine Folge von Deutungs-Ökonomie zu sein.
42Peter Panter: Nette Bücher. In: Weltbühne 14/1918 II. S. 196
43Günter Scholdt: »Angler im Zeitschriften-Strom«. In: M-KMG 63/1985 S. 40
44Vgl. Heinz Stolte (Wertung im Widerspruch. Ein Literaturbericht. In: Jb-KMG 1978 S. 278), der sich mit Schulte-Sasses oben formulierter These auseinandersetzt.
45Auch hier ließe sich wohl noch manche Legende zerstören, wenn die Suche nach May-kritischen Stellungnahmen mit dem gleichen Nachdruck betrieben würde wie das Fahnden nach positiven Rezeptionszeugnissen. Daß übrigens nicht aller Zulauf in ergriffener Anhängerschaft seine Begründung findet, sei mit einem kurzen Hinweis auf Friedells Brief angedeutet (Scholdt: »Angler im Zeitschriften-Strom« II. In: M-KMG 71/1987 S. 39). Ganz so ernst und weihevoll, wie Reaktionen und Motive der 3000 Jubelnden im Wiener Sophiensaal zuweilen beschrieben werden, ging es wohl nur in der Perspektive des May-Clans zu.
46Als jüngstes Beispiel einer Studie, deren Kompliziertheit und Anspruch sich weitgehend auf Kompliziertheit und Aufwand der psychoanalytischen wie textsemiotischen Terminologie reduzieren, dient: Johanna Bossinade: Das zweite Geschlecht des Roten. Zur Inszenierung von Androgynitat in der ›Winnetou‹-Trilogie Karl Mays. In: Jb-KMG 1986 S. 241 - 67
47Hansotto Hatzig: Mamroth gegen May. Der Angriff der »Frankfurter Zeitung«. In: Jb-KMG 1974 S. 115
48Stolte wie Anm. 36 S. 30
49Hatzig wie Anm. 47 S. 122 - 24
50Heinz Stolte: Mein Name sei Wadenbach. Zum Identitätsproblem bei Karl May. In: Jb-KMG 1978 S. 48
51Man mißverstehe mich nicht. Es geht mir nicht um eine Aufwertung oder Rehabilitierung von Lebius, Pöllmann oder anderer, sondern um Generalisierungen bei der Biographie.
52Man denke nur an Vorwürfe des Kalibers, Lebius habe eine Syphilisbroschüre veröffentlicht, mit der May seinen Prozeßgegner moralisch zu diskreditieren trachtete, während er selbst bei Münchmeyer am ›Buch der Liebe‹ mitgearbeitet hatte (Gernot Kunze: »Das Buch der Liebe«. In: M-KMG 71/1987 S. 47f.), an anonyme Traktate, die anderen zugeschrieben wurden, an Zitatfälschungen, Datenvertauschungen etc.
53lch habe seinerzeit im Aufsatz ›Hitler, Karl May und die Emigranten‹ (Jb-KMG 1984 S. 60ff.) May gegen unberechtigte und überspitzte Vorwurfe in Schutz genommen, die sein Werk ideologiekritisch versimpeln, und ich mochte in dieser Hinsicht auch heute keine Abstriche machen. Etwas verkürzt dargestellt war jedoch eine gewisse charakterliche Parallelitat: ein geradezu pathologischer Hang zur Rechthaberei und (geistigen) Dominanz, der sich in fast jedem dritten Old-Shatterhand-Dialog widerspiegelt.
54Hier scheint mir wirklich Skepsis nach allen Seiten angebracht, und eben deshalb könnte weitere nüchterne biographische Forschung sich als so wichtig erweisen. Es mag ja tatsächlich sein - wer wollte es von vornherein ausschließen -, daß etwa Staberow der »Sittenlose«, Münchmeyer der ewig nur Bettelnde oder Emma der häusliche »Drache« war. Man wüßte eben gerne vieles genauer. Auch das mit den »5 %« z. B. Wohler als ein wenn auch verhaltenes Argumentieren mit solchen Kolportagetext-Fremdanteilen wäre mir das beherzigte Eingeständnis, daß wir in dieser Sache noch nicht entscheidend weitergekommen sind: »In dubio pro reo« kann nicht als methodisches Prinzip gelten.
55Linkemeyerwie Anm. 21 S. 13
56Hans Wollschläger in seiner Einführung zu Karl May: Briefe an Karl Pustet und Otto Denk. In: Jb-KMG 1985 S. 17, Hervorhebung durch G. S.
57Ebd. S. 15
58Ebd. S. 18
59Heinz Stolte: »Frau Pollmer - eine psychologische Studie«. Dokument aus dem Leben eines Gemarterten. In: Jb-KMG 1984 S. 20
60So erfährt man z. B. bei Erich Heinemann (Über Karl May. Ubstadt 1980 S.92f.) un-



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ter dem Stichwort »Remarque« zwar von zwölfjährigen May-Begeisterten; die Tatsache aber, daß der Autor die Lektüre für bereits Fünfzehnjährige als »leicht lächerlich« einzustufen scheint, wird dem Leser vorenthalten.
61Zur Abwechslung mal ein Beispiel aus eigener Produktion: In meiner Kommentierung von Viertels Glosse (M-KMG 34/1977 S. 20) findet sich ein gerüttelt Maß militanter KMG-Gesinnung, aber der angeschnittenen Problematik wurde ich dadurch auch nicht gerechter. Wenn damals z. B. von Authentizitätsansprüchen der May-Kritiker als »rückständiger poetologischer Fixierung« die Rede war, klingt dies zwar forsch, übergangen wird aber zumindest die Tatsache, daß solche Ansprüche schließlich von May höchstpersonlich ausgegangen waren, der sie ja selbst bis ans Lebensende nie völlig aufgab, sondern höchstens modifizierte.
62Als geradezu idealtypisches Beispiel bietet sich stellvertretend Walther Ilmers Einführung zum KMG-Reprint ›Die Felsenburg‹ an (Regensburg 1980 S. 3): »Das 4. ›Hausschatz‹-Kapitel ›Unter der Erde‹ erstreckt sich über (. . .) 325 Seiten Buchtext (. . .). Da die Handlung nur auf etwa 20 Druckseiten wirklich ›unter der Erde‹ spielt, ist die Überschrift nicht sehr glücklich gewählt.
Mit dieser boshaften Bemerkung erschöpft sich aber auch schon die Mäkelei. ›Die Felsenburg‹ bietet ein so durchgehendes Lesevergnügen und ist von so gediegener Arbeit, daß einmal mehr Hochachtung am Platze ist vor Karl Mays quirligem Können und Leistungsvermögen.«
63Stolte wie Anm. 44 S. 289f.




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