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HEINZ STOLTE

Das zwanzigste Jahrbuch



Das hier vorgelegte Jahrbuch 1990 der Karl-May-Gesellschaft, der zwanzigste Band dieser Reihe, würde allein schon der runden Jahreszahl ebenso wie der runden Bandzahl wegen den Herausgeber veranlassen können, der so beliebten >Jubilitis< zu frönen -, und er hätte auch Grund dazu, der geleisteten Arbeit unserer literarischen Gesellschaft froh zu gedenken. Indessen drängt sich ihm und vermutlich auch den Lesern ein anderer Umstand vordergründig ins Interesse. Unser Buch enthält ja die literarisch-wissenschaftliche Ernte, die wir aus dem Jahre 1989 haben einfahren können, und daß d i e s e s Jahr in der deutschen Geschichte erregend gewesen ist wie kein anderes seit vier Jahrzehnten, läßt sich nicht verdrängen, auch wenn nur von sehr speziellen literarischen Angelegenheiten zu sprechen ist. Insbesondere ist dies der Fall, weil in der ersten Hälfte dieses Bandes die Texte der Vorträge stehen, die auf der Tagung der Karl-May-Gesellschaft in Augsburg in der Zeit vom 6. bis 8. Oktober 1989 gehalten worden sind. Man kann diese Daten nicht nennen, ohne daran erinnert zu werden, daß nur einen Tag später die Montagsdemonstration zu Leipzig den Beginn einer Bewegung auslöste, die - von allem anderen abgesehen dem kulturellen Leben in Deutschland völlig neue Perspektiven eröffnet hat. Nicht zu leugnen ist, daß die Augsburger Tagung untergründig von den im Gange befindlichen Ereignissen mit betroffen gewesen ist, was besonders die aus der DDR angereisten Gäste betraf. Ungewißheit bezüglich der Zukunft war besonders ihnen spürbar. Daß aber schon seit langem in der Karl-May-Gesellschaft >Einheit< vorweg praktiziert worden ist, bezeugten auch diesmal zwei Vortragende aus der DDR, deren Texte wir im folgenden bringen: Christian Heermann aus Leipzig (Neue Aspekte und offene Fragen der Karl-May-Biographie) und Hans-Dieter Steinmetz aus Dresden (Die russischen Karl-May-Ausgaben).

Welche Umstände es übrigens waren, die unsere Gesellschaft veranlaßt hatten, A u g s b u r g als Tagungsstätte zu wählen, darüber gibt der faktenreiche Aufsatz von Ulrich Schmid (Ein Vortrag zwischen den Fronten) interessante Aufschlüsse, indem er dokumentiert und erläutert, wie der Vortrag Karl Mays über das Thema >Sitara, das Land der Menschheitsseele<, den dieser am 8. Dezember 1909 im Augsburger


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Schießgrabensaal gehalten hat, mitten in die damals gerade höchst leidenschaftlich innerhalb des Katholizismus ausgetragenen Gegensätze zwischen einem als >Modernismus< verfemten liberalen und einem orthodoxen Flügel der Theologenschaft hineintraf; zumal auf rein literarischem Gebiet Kritisches zwischen den Kreisen um die beiden Zeitschriften >Hochland< und >Der Gral< ausgefochten wurde. Wie es in diesem Kräftespiel um den Schriftsteller Karl May stand und welche Rolle dabei die >Augsburger Postzeitung< mit ihrem tüchtigen und aufrechten Schriftleiter Hans Rost spielte, das hat der Verfasser an einem exemplarischen Stück Kulturgeschichte dargestellt. Zwei Texte aus der >Augsburger Postzeitung< sind seinem Aufsatz beigefügt: Euchar Albrecht Schmids Rezension >Babel und Bibel, arabische Fantasia in zwei Akten von Karl May< und der bis heute aktuell gebliebene Aufsatz >Karl May - Eine literarische Porträtstudie< von Amand Edler von Ozoroczy.

Ein besonderer, mit Ulrich Schmids Aufsatz zusammenhängender Umstand darf hier nicht unerwähnt bleiben. Ulrich Schmid hat darauf hingewiesen, daß die zeitgerecht zur Augsburger Tagung unserer Gesellschaft erschienene Broschüre des Karl-May-Verlages, >Karl Mays Augsburger Vortrag ... Eine Dokumentation für die Karl-May-Forschung<, herausgegeben von Roland Schmid, dasjenige enthält, was er selber in seiner Darstellung ausgespart hat, nämlich den Inhalt des von Karl May gehaltenen Vortrags. Wenn er in diesem Zusammenhang sowie für die Bereitstellung von Material aus dem Verlags-Archiv Roland Schmid seinen Dank »mit großer Herzlichkeit« ausspricht, so kann diesen eine solche Danksagung nun nicht mehr erreichen. Roland Schmid starb ganz plötzlich am 4. Januar 1990.

Die Rolle, die der Schriftsteller Arno Schmidt in der Rezeptionsgeschichte Karl Mays gespielt hat, ist von der Forschung zwar immer schon als bedeutend angesehen, aber auf sehr konträre Weise beurteilt worden. Sie war aber auch schon in sich selber zwiespältig: So erstaunlich entschieden sich Arno Schmidt dafür ausgesprochen hatte, May für sein Alterswerk einen bedeutenden literarischen Rang zuzuerkennen, so grausam und alles Maß des Satirischen überschreitend schlug er nur kurze Zeit später mit seinem Buch >Sitara und der Weg dorthin< auf denselben Autor ein. Das so ungewöhnlich Berserkerhafte dieses Buches hatte schon 1973 eine Gegenschrift aus dem Kreise der Karl-May-Gesellschaft provoziert: >Arno Schmidt und Karl May - Eine notwendige Klarstellung< (Hansa Verlag), in der von mir das erschreckend Inhumane, aber auch methodologisch Unrichtige, und von Gerhard Klußmeier der leichtfertige und verfälschende Umgang mit


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Belegzitaten moniert wurden. Daß das (von uns so genannte) >böse Buch< Arno Schmidts eben deshalb, weil es aus der gleichen Feder geflossen war, die sich zuvor so ausdrücklich positiv zu Karl May geregt hatte, seinen Kritikern als ein »psychologisches Rätsel« erschien, haben sie bei aller Polemik gegen dessen Verfasser betroffen eingestanden. Dieses Problem also war offen geblieben, die Frage nämlich, was in der Psyche eines Menschen vorgegangen sein könnte, um einen so radikalen Wandel zu ermöglichen: einen Wandel vom Hegenden ins Zerstörerische. War es das Gegenspiel von Libido und Todestrieb, das Sigmund Freud in allem Lebendigen wirken sehen wollte? Dieser Problematik hat sich nunmehr in einer exakten Analyse des Falles Hans Wollschläger angenommen (Arno Schmidt und Karl May). Daß es sich bei diesem Referenten um einen mit Arno Schmidt persönlich befreundet gewesenen und zudem mit dem Arno-Schmidt-Preis ausgezeichneten Schriftsteller handelt, könnte erwarten lassen, daß es dabei auf eine schönende Verteidigung der Sitara-Schrift Arno Schmidts hinauskommen würde. Das ist nun keineswegs der Fall. Im Gegenteil: das Destruktive, Totschlagerische, Berserkerhafte des >bösen Buches< hat Wollschläger womöglich noch eindeutiger charakterisiert, aber er geht dem Entstehungsprozeß des Phänomens auf die Spur, durch das ganze Leben dieses Autors hindurch, und psychoanalytische Beleuchtung erweist sich hier als erhellend. Sichtbar wird die frühe und langjährige Fixierung Arno Schmidts auf Karl May und was sich daraus folgerecht ergeben mußte. Ein schier kurioses Detail sei nur hier schon erwähnt: Der erste Versuch Arno Schmidts als Schriftsteller war ein Aufsatz, den er dem Karl-May-Verlag in Radebeul schickte und den der Verleger auch für das Jahrbuch angenommen und honoriert hatte, der aber nur deshalb nicht publiziert ist, weil das Karl-May-Jahrbuch sein Erscheinen unter dem Nationalsozialismus einstellen mußte.

Das speziell hermeneutische Interesse an den Werken Karl Mays, die den Inhalt von Texten auf ihren zur Schau gestellten oder verborgenen, gewollten oder ungewollten Sinngehalt deutende Analyse, findet sich diesmal wieder reichhaltig dokumentiert. Gert Ueding erläutert das >Spiel der Spiegelungen< als ein Grundgesetz in Karl Mays Werk. Heinz Stolte (»Stirb und werde!«) deutet die Winnetou-Tetralogie als mythisch-legendarische Dichtung von der Todesverfallenheit des Menschen und als die Suche nach einer Sinngebung des Sterbens. Und indem dabei deutlich wird, wie die scheinbar bloß vordergründig unterhaltsame Abenteuerwelt aus ihr zutiefst zugrundeliegenden religiösen Urmustern, einer endothymen, vorgegebenen Denkstruktur hervorgebracht und durchgeformt worden ist, erweist sich auch, daß es ein


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Irrtum wäre, Mays religiöse Sentenzen als bloße erbauliche und eigentlich entbehrliche Zutaten eines als fromm gelten wollenden Literaten zu bewerten. Es ist also vollkommen sachgerecht, wenn Hermann Wohlgschaft, wie schon in früheren Untersuchungen, hier in seinem Beitrag (»Was ich da sah, das ward noch nie gesehen«) ganz ernsthaft von der »Theologie« des >Silberlöwen III/IV< spricht und sich ausführlich mit dieser auseinandersetzt. Eng mit solcher religiös-ethischen Problematik hängt zusammen, was Rainer Jeglin in diesem Jahrbuch beigesteuert hat: den Aufsatz >Karl May und der antisemitische Zeitgeist<; ein wichtiges Thema ohne Zweifel angesichts der immer noch manchmal auftauchenden Vorwürfe gegen einen angeblichen Rassismus bei May. Daß der »Zeitgeist« in der Tat weithin antisemitisch gefärbt war, ist sicher richtig -, richtig aber auch, daß in Mays Erzählwerk zwar gelegentlich volkläufig gewesene Klischees des jüdischen Trödlers oder Wucherers erscheinen, daß er aber (auf den Spuren Nathans des Weisen!) eher philosemitisch eingestellt war. Walther Ilmer (Kara Ben Nemsi »im Schatten des Großherrn«) analysiert vor allem die autobiographischen Bezüge in den Orient-Romanen und Christoph F. Lorenz (Verwehte Spuren) die Handlungsführung und Motivverarbeitung in Karl Mays Roman >Die Juweleninsel<.

Zur Rezeptionsgeschichte, insbesondere zur Problematik der Übersetzung der Werke in fremde Sprachen hat uns Jürgen Hahn, ein Philologe aus Winterthur (Schweiz), mit einem Aufsatz erfreut, der auf eine amüsante Weise am Beispiel der französischen Fassung des >Winnetou< anschaulich macht, wie es in einem solchen Fall eben nicht einfach darum geht, einen deutschen Wortlaut durch einen identischen französischen zu ersetzen, daß es vielmehr >Identität< nicht geben kann, sondern mit der Verpflanzung in eine andere Sprache auch Stil, geistiger Gehalt (esprit), Stimmung und kulturelle Atmosphäre entschieden verändert werden. Schon der Titel seines Aufsatzes deutet das unmißverständlich an: Vom >Roten Gentleman< zum >Homme de la Prairie<. Den »Wechsel szenischer Illumination« nennt der Verfasser den Vorgang und illustriert ihn durch zahlreiche Gegenüberstellungen des Mayschen Textes mit dem französischen der Übersetzerin Nathalie Gara (1933).

Mit einigem Vergnügen werden unsere Leser, so hoffen wir, auch den Aufsatz von Annette Deeken zur Kenntnis nehmen, der zur Abwechslung einmal nicht Karl May und seiner exotischen Männer-Traumwelt gilt, sondern - kontrapunktisch - als >Etüde zu einer Geschichte der Frauenreiseliteratur< allerhand Wissenswertes bringt: Frauen reisen »im Schatten des Großherrn«. Und diese haben sogar


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vor Kara Ben Nemsi voraus, daß es sich bei ihnen nicht um bloße Phantasiegebilde, sondern um wirkliche Geschöpfe aus Fleisch und Blut handelt.

Was an Arbeiten zum Thema Karl May außerhalb der Gesellschaft während der Berichtszeit erschienen ist, erfassen sorgfältig Helmut Schmiedt und Bernd Steinbrink in den Literaturberichten I und II. Schließlich hat Erich Heinemann (Karl May in Augsburg) einen Bericht über die schon erwähnte 10. Tagung der Karl-May-Gesellschaft in Augsburg erstattet.

Der Herausgeber dieses Jahresbandes hat zum Abschluß der redaktionellen Arbeiten Ursache, nach vielen Seiten Dank zu sagen: den Autoren für ihre zur Verfügung gestellten Texte sowie für das wohlwollende Verständnis, wenn gelegentlich redaktionelle Auflagen erbeten wurden; den großzügigen Spendern unter unseren Lesern, die wieder den Druck eines so schönen Buches ermöglicht haben; dem Verleger Ingwert Paulsen jr. für aufmerksame Betreuung der Herstellung. Insbesondere gilt mein sehr herzlicher Dank meinen drei Mitarbeitern, Frau Ulrike Müller-Haarmann und den Herren Bernhard Kosciuszko und Dr. Martin Lowsky, ohne deren sachkundige, präzise und engagierte Tätigkeit in allen Aufgaben des Lektorats dieses Buch nicht hätte entstehen können.


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