//250//

SIEGFRIED AUGUSTIN

»Der beiden Quitzows letzte Fahrten« · Karl Mays literarisches Gesellenstück



I.

»Deutscher Patriotismus bedarf in der Regel, um thätig und wirksam zu werden, der Vermittlung dynastischer Anhänglichkeit; unabhängig von letzterer kommt es praktisch nur in seltenen Fällen zur Hebung, wenn auch theoretisch täglich, in Parlamenten, Zeitungen und Versammlungen; in praxi bedarf der Deutsche einer Dynastie, der er anhängt. (...) Die deutsche Vaterlandsliebe bedarf eines Fürsten, auf den sich ihre Anhänglichkeit concentriert.«(1)

   Von Anfang an war Otto von Bismarck, der Architekt des zweiten deutschen Reiches, bestrebt, im Volk eine Anhänglichkeit an das neue Kaiserhaus zu erzeugen. Bereits das Datum der Reichsgründung, der 18. Januar 1871, hatte in dieser Beziehung symbolischen Charakter, war dies doch der 170. Jahrestag der Krönung des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich III. von Hohenzollern zum König von Preußen. Auf diese Weise wurden die Entwicklungslinien preußischer und deutscher Geschichte miteinander verknüpft.

   In den Jahren nach der Reichsgründung versuchten die Exponenten des neuen Kaiserreiches auf mannigfache Art und Weise, die nunmehr vereinten Deutschen von ihrem unseligen Partikularismus wegzubringen und ihnen eine Identität zu geben. Eine wichtige Rolle spielten dabei – wie immer, wenn es um »education« oder »reeducation« geht – die Medien, speziell Bücher und Zeitschriften unterhaltenden und belehrenden Charakters, mit deren Hilfe ein breites Publikum angesprochen werden konnte: Jugendbücher, Unterhaltungsromane und Familienzeitschriften. Durch Berichte, Erzählungen und Romane aus der Geschichte der Hohenzollern sollte eine gewisse Vertrautheit und damit Anhänglichkeit an das aus dem Schwäbischen stammende Herrschergeschlecht bewirkt werden. Natürlich waren die Autoren solcher Werke bemüht, historische Ereignisse zu finden, die positive Schlüsse auf die Gegenwart zuließen.

   Der Pädagoge Richard Roth (1835–1915) war – sieht man von Willibald Alexis ab – wohl einer der ersten, die erkannten, daß die Befrie-


//251//

dung [Befriedung] der Mark Brandenburg zu Beginn des 15. Jahrhunderts durch Friedrich VI. von Hohenzollern, den Burggrafen von Nürnberg – als Kurfürst dann Friedrich I. –, ein sehr gut geeignetes Sujet dafür darstellte, Strenge und Güte der Hohenzollern, aber auch ihre Gabe, für Recht und Ordnung zu sorgen und ein Land zum Blühen zu bringen, deutlich zu machen. 1874 erschien Roths Buch »Der Burggraf und sein Schildknappe. Lebensbilder aus der Zeit des ersten Kurfürsten von Brandenburg, des Gründers der Macht Preußens« im renommierten Verlag Spamer, Leipzig und Berlin. Dieses Buch war sehr erfolgreich und erlebte bis zum Ende des Kaiserreichs zahlreiche Auflagen. Es schloß mit den Worten: »Ein ruhmreicher Sproß des Hauses Hohenzollern aber, ein Abkömmling des ersten Kurfürsten von Brandenburg, ziert gegenwärtig den deutschen Kaiserthron, unserem Volke ein Hort, so sicher und stark wie keiner der deutschen Kaiser alter Zeit. Ehre und Segen dem Andenken des Fürsten, der den Grund zu solcher Macht und Herrlichkeit unseres Vaterlandes legte!«(2)

   Bemerkenswert an diesem Buch ist die ausdrückliche Nennung von Quellenwerken, auf die sich Roth stützte, darunter

»Klöden, Die Mark Brandenburg unter Karl IV. bis zu ihrem ersten hohenzollerschen Regenten oder die Quitzows und ihre Zeit.«(3)

Auch andere Autoren, die sich damals mit diesem Stoff befaßten, gaben das Werk Klödens als Quelle an, etwa Ludwig Würdig (1818–89) in seiner Erzählung »Burggraf Friedrich von Nürnberg« (Otto Drewitz Nachfolger, Verlag von Volks- und Jugendschriften, Leipzig o. J.). Bis weit in unser Jahrhundert diente der Kampf des Nürnberger Burggrafen mit den trotzigen Quitzows als Sujet für Romane, Erzählungen und Dramen. Karl Friedrich von Klödens vierbändige Darstellung dieser Epoche ist das gemeinsame Fundament fast aller dieser belletristischen und dramatischen Ausformungen. Auch Karl May stützte sich bei seinem Quitzow-Roman auf Klöden, nicht anders als vor ihm Friedrich Axmann und nach ihm Dr. Heinrich Goldmann.

II.

Fünf Tage, nachdem Karl May aus Waldheim entlassen worden war, trat das Reichspreßgesetz vom 7. Mai 1874 in Kraft. Es führte zu einer starken Zunahme der in Deutschland erscheinenden Periodika und demzufolge auch zu einer Zunahme der Zahl an Schriftstellern, die auch durch das am 11. Juni 1870 in Kraft getretene Urheberrechtsge-


//252//

setz [Urheberrechtsgesetz] in ihrer Tätigkeit ermutigt wurden.(4) Beide Aspekte boten für Karl May positive Aussichten. Auch wenn er sich schon in den sechziger Jahren schriftstellerisch versucht hatte, so konnten dies allenfalls Fingerübungen gewesen sein; die für einen erfolgreichen Autor notwendige Routine konnte er sich dabei sicher nicht angeeignet haben. Er war, wie Plaul es treffend formuliert, ein »nur erst wenig entwickeltes literarisches Talent, zumindest, was die handwerkliche Seite betrifft.«(5) So mußte es für May durchaus verlockend gewesen sein, als Redakteur in den Verlag H. G. Münchmeyer einzutreten und gestützt auf ein sicheres Gehalt seine eigene schriftstellerische Karriere aufzubauen: Auch bestimmte mich der Umstand, dass mir hier eine gute Gelegenheit geboten wurde, mich als Redakteur auch nebenbei über den Satz, die Stereotypie, den Druck etc. zu informieren, was für einen Schriftsteller sehr förderlich ist.(6)

   Ursprünglich hatte er die Redaktion des bisher von Otto Freitag betreuten »Beobachters an der Elbe« zu übernehmen. Die Redaktion eines derartigen Wochenblattes nimmt höchstens einen Tag in Anspruch. Die übrigen Tage gehörten dann mir und meinen Manuskripten.(7) Doch so ganz erfüllte sich dieser Wunsch nicht, wie May in seiner Vernehmung am 6. April 1908 aussagte: »Bei Münchmeyer redigierte ich zunächst die Zeitschrift "Der Beobachter an der Elbe". Diese ließ ich eingehen, weil sie nichts taugte. Ich habe dann bei Münchmeyer die Zeitschriften "Schacht und Hütte", "Deutsches Familienblatt" und "Für alle Welt" gegründet und redigiert. Die erstere Zeitschrift war eine christliche, gegen die Sozialdemokratie gerichtete, die letzteren beiden waren gute Familienblätter, bei deren Gründung mir die Gartenlaube als Vorbild diente.«(8)

   Es war also doch weit mehr Redakteursarbeit zu leisten, als er ursprünglich angenommen hatte, zumal der Münchmeyer-Verlag sicherlich keine großen Redaktionsstäbe unterhielt. May selbst berichtet ja, daß es dem Verlag zum Zeitpunkt seines Eintritts im März 1875 wirtschaftlich schlecht gegangen sei. Ob allerdings seine Aussage »Ich kann wohl eigentlich behaupten, das Münchmeyersche Geschäft wieder in die Höhe gebracht zu haben«(9) in dieser Form zutrifft, ist angesichts der kurzen Lebensdauer der neugegründeten Zeitschriften unwahrscheinlich. Vielmehr könnte darin eher die Ursache der fast genau zwei Jahre später erfolgten Trennung Mays von diesem Verlag liegen.

   Jedenfalls war May voller Ambitionen, als er am 8. März 1875 seinen Posten in Dresden antrat, auch wenn er schon kurz darauf wegen der Polizeiaufsicht gezwungen war, seinen Aufgaben als Redakteur von Ernstthal aus nachzukommen. Ein geraumer Teil seiner Zeit war der


//253//

Konzeption der beiden neuen Zeitschriften gewidmet, die von September 1875 an erscheinen sollten. Es ist naheliegend, daß ein »Deutsches Familienblatt« auch im Sinne der eingangs beschriebenen Bestrebung zur Erzeugung einer stärkeren Anhänglichkeit an die Hohenzollern zu wirken versuchte. Auf diese Weise konnte der nicht eben angesehene Verlag Münchmeyer Pluspunkte bei den offiziellen Stellen sammeln, gerade weil es ein sächsischer Verlag war, der sich für die »preußischen« Hohenzollern einsetzte. Überdies hoffte wohl auch der Redakteur Karl May, durch solche Tendenzen einige Schatten der Vergangenheit abzuschütteln und positiv in Erscheinung zu treten. Der zweifellos aus seiner Feder stammende Text der Ankündigung des »Deutschen Familienblattes« im viertletzten Heft des »Beobachters an der Elbe« enthält folgenden Hinweis auf einen »Hohenzollernroman«:

»An die großen Bewegungen des jetzigen öffentlichen Lebens anschließend, wird der neue Jahrgang mit der meisterhaften Arbeit Friedrich Axmanns "Fürst und Junker, historischer Roman aus der Jugendzeit des Hauses Hohenzollern" beginnen und den Leser bekannt machen mit dem Boden, in welchem der aus dem Süden herauf versetzte Baum des jetzigen deutschen Kaiserhauses seine gewaltigen Wurzeln schlug, und mit den welterschütternden Ideen, welche der sandigen Mark die herrliche Blume eines einigen und mächtigen Deutschlands entlocken.«(10)

Anfang September des Jahres 1875 erschien die erste Nummer des »Deutschen Familienblattes« mit dem angekündigten Roman Friedrich Axmanns.

III.

Friedrich Axmann (1843–76) zählt zur großen Schar von Unterhaltungsautoren, von denen kaum biographische Details bekannt sind. In den letzten Jahren wurde mehrfach die Vermutung geäußert, »Friedrich Axmann« sei ein Pseudonym Karl Mays gewesen, möglicherweise auch ein Verlagspseudonym, das unter anderem Karl May gelegentlich verwendet habe.(11) Diese Vermutung stützte sich auf das Fehlen biographischer Details einerseits und auf gelegentliche stilistische Ähnlichkeiten zwischen Axmanns Romanen und manchen Texten Mays.(12) Um hier Klarheit zu schaffen, stellte Roland Schmid Nachforschungen über Friedrich Axmann an, die er leider nicht mehr abschließen konnte,


//254//

über die er dem Verfasser dieses Beitrags aber im September 1989 anläßlich eines Besuches in München berichtete. Demnach soll Friedrich Axmann tatsächlich der von Karl May in »Mein Leben und Streben« erwähnte Wiener Postbeamte, der sich an der Kasse vergriffen hatte(13) gewesen sein.

   Axmann wurde am 13. Januar 1843 in Thorn in Westpreußen geboren und lebte später in Wien, wo er Bahnbeamter war. Wie Karl Serden feststellte, ist im Adreßbuch der Stadt Wien 1876 Friedrich Axmann unter der Berufsbezeichnung »Schriftsteller« als wohnhaft im X. Bezirk (Favoriten), im Beamtenhaus der Südbahn, aufgeführt. Ein Jahr später fehlt dieser Eintrag, was die Richtigkeit der Meldung Münchmeyers vom Ableben Axmanns im »Deutschen Familienblatt«, Heft 52 und 53, bestätigt.

   Ob Axmann tatsächlich mit dem Gesetz in Konflikt gekommen war, konnte bisher nicht geklärt werden. Wenn es der Fall gewesen sein sollte, so kann es sich um nichts Gravierendes gehandelt haben, sonst hätte er nicht weiterhin im Beamtenhaus der Südbahn bleiben können. Andererseits ist es ungewöhnlich, daß ein hauptberuflicher Schriftsteller in einer derartigen Unterkunft wohnte. Soweit es bisher zu überblicken ist, kamen die ersten Veröffentlichungen des schriftstellernden Bahnbeamten 1870 im 2. Jahrgang der bei Hermann Schönlein in Stuttgart erscheinenden »Allgemeinen Familien-Zeitung« heraus. Es handelte sich vor allem um Skizzen und Erzählungen aus dem Volksleben und der Gaunerwelt Wiens.(14)

   Sein nach heutigem Wissen erster Beitrag für den Münchmeyer-Verlag, mit dem er wohl in Kontakt gekommen war, weil dieser auch die Zeitschriften des Schönlein-Verlages mitvertrieb, trug den Titel »Eine Nacht in der Brigittenau. Skizzen aus dem Nachtleben Wiens«. Er findet sich im 2. Jahrgang des »Beobachters an der Elbe«, und zwar in der Nr. 2, die im Januar 1875 ausgeliefert wurde, zu einer Zeit also, da noch Otto Freitag Redakteur bei Münchmeyer war. Nach Plaul hatte der 1. Jahrgang des »Beobachters« mit Nr. 52 im Dezember 1874 geendet,(15) so daß der 2. Jahrgang Ende Dezember oder Anfang Januar begann. Entgegen dem ursprünglichen Plan wurde er dann schon im September 1875 abgeschlossen, weil May mit den anderen, neugegründeten Zeitschriften im üblichen Turnus – ein Jahrgang begann Anfang Oktober und endete im September des Folgejahres – beginnen wollte. Von den fünf Beiträgen Axmanns im zweiten Jahrgang des »Beobachters« hat May somit mindestens drei als Redakteur betreut. Es mag sein, daß er gleich nach der Übernahme der Redaktion, wie er in »Mein Leben und Streben« schreibt, den Post- oder vielmehr Bahnbeamten Axmann


//255//

tatsächlich persönlich kennengelernt hatte, also im März oder April 1875.

   Der frischgebackene, unerfahrene Redakteur und Gelegenheitsautor Karl May wird dabei vermutlich mit Axmann, der wohl aus Wien angereist war, die künftigen Projekte besprochen haben. Vielleicht entstand dabei schon die Idee zu »Fürst und Junker«, mit deren Ausführung dann Axmann beauftragt wurde. Tatsache ist, daß dieser in den von May redigierten Zeitschriften der Paradeautor wurde, der in beiden Blättern jeweils die »Titelstory« lieferte; Tatsache ist aber auch, daß Axmann sich, soweit ersichtlich, erstmals mit der literarischen Form des Romans und erstmals mit der Bearbeitung eines historischen Stoffes auseinandersetzte. In »Schacht und Hütte« begann der Wiener Kriminal-Roman »Geheime Gewalten«, der ganz in der Tradition der »Geheimnisse von Paris« von Eugène Sue steht und dem Mays »Verlorener Sohn« unverkennbar in Handlung und Atmosphäre verpflichtet ist.

   Gleichzeitig erschien »Fürst und Junker«, ein sich über die Nummern 1 bis 50 erstreckender Roman, der den Streit zwischen dem  F ü r s t e n  Friedrich I. von Hohenzollern, der von Kaiser Sigismund mit der Befriedung der Mark Brandenburg betraut worden war, und den Junkern Dietrich und Johann von Quitzow, die sich dem Verlust ihrer Macht heftig widersetzten, zum Inhalt haben sollte.

   Da Friedrich Axmann zwar ein durchaus begabter Autor, aber sicher kein Kenner der Geschichte der Mark Brandenburg im 15. Jahrhundert war, mußte er erst recherchieren und sich in den Stoff einlesen. Es ist denkbar, daß er dabei auf Richard Roths Buch stieß und dort den Quellenhinweis auf Klödens »Geschichte der Mark Brandenburg« fand, die seinen Roman ebenso stark prägen sollte wie Karl Mays Fortsetzung »Der beiden Quitzows letzte Fahrten« und die Weiterführung durch Dr. Heinrich Goldmann. Klödens Spuren sind sogar noch in Franz Kandolfs für die Bearbeitung des Karl-May-Verlages neu verfaßtem Kapitel über Dietrich von Quitzows Tod zu finden.

IV.

Karl Friedrich von Klöden stammte aus einer der ältesten Familien der Altmark, des Stammlandes der Mark Brandenburg, und wurde am 21. Mai 1786 in Berlin geboren. Sein Vater war zuerst Unteroffizier, später Acciseeinnehmer in Preußisch-Friedland und schließlich Torschreiber in Märkisch-Friedland; bei einem Onkel mütterlicherseits absolvierte


//256//

Karl eine Goldschmiedelehre, bildete sich mit großem Eifer wissenschaftlich aus und verdiente seinen Lebensunterhalt als Graveur und Kartenstecher; damit wurde er als Geograph bekannt, gab Unterricht an verschiedenen Schulen und wurde 1824 Direktor der von ihm neugegründeten Friedrichswerderschen Gewerbeschule in Berlin, die er bis 1855 erfolgreich leitete. Er beschäftigte sich mit zahlreichen Themen und veröffentlichte Schriften über Geographie, Geologie, vor allem aber über Geschichte. 1831 faßte er den Plan, eine Geschichte der Mark Brandenburg zu schreiben: »Eine Provinz, die für die ganze Entwicklungsgeschichte des preußischen Staates von so unermeßlicher Wichtigkeit ist, daß sie nicht mit Unrecht das Herz derselben genannt werden kann, verdient auch wohl in ihren früheren Lebensepochen genau und sorgfältig erforscht zu werden.«(16)

   1836/37 erschien das vierbändige Werk »Die Mark Brandenburg unter Kaiser Karl IV. bis zu ihrem ersten Hohenzollerschen Regenten, oder Die Quitzows und ihre Zeit« bei C. G. Lüderitz in Berlin. Die ersten drei Bände kamen anonym heraus, erst am Schluß des vierten Bandes, in einem Epilog, lüftete der Autor das Geheimnis, durch den Erfolg ermuntert. Bereits 1846 erfolgte eine 2. Auflage in der Weidmannschen Buchhandlung, Berlin, die gegenüber der Erstauflage um ein Inhaltsverzeichnis und ein Register erweitert war, ansonsten aber satzgleich war. Der ungewöhnliche Erfolg von Klödens Darstellung der Quitzows und ihrer Zeit beruht auf der ungewöhnlichen Art und Weise, wie der Autor diesen Stoff aufbereitete. In seinem Epilog vergleicht er sein Werk mit einem Gemälde:

»Es läßt sich mit geschickter Hand ein Gemälde einzig und allein aus jenen alterthümlichen Bildern und Figuren zusammensetzen, indem man das Überflüssige abschneidet, das Wesentliche ordnet und am rechten Ort erscheinen läßt, ohne jedoch die leeren Stellen auszufüllen, die verblichenen Linien herzustellen, oder irgendeine Färbung anzubringen (...) Allein in den meisten Fällen ist es nicht genug, nur wiederzugeben, was zufällig stehen gebliebene Linien und Farbenmassen andeuten. Es gibt alsdann noch an jeder Figur alles das zu ergänzen, was nothwendig nicht fehlen darf, und vorhanden gewesen sein muß, auch wenn keine Linie oder Farbe etwas davon angäbe, und hier muß der Maler schon dem eigenen Genius vertrauen, und vermag nicht zu verbürgen, daß er vollkommen treu diese Stellen so ergänzt habe, wie sie ursprünglich gewesen sind. Auch Verbindungslinien muß er wohl ziehen, die kaum angedeutet sind, um Einheit in die getrennten Teile zu bringen, und es ist möglich, daß diese unter seiner Hand einen anderen Schwung erhalten haben. Solchen Ergänzungen vermag sich auch der strenge Historiker nicht zu entziehen, wenn sein Gemälde nicht lückenhaft und unvollständig sein und in bloße Fragmente zerfallen soll.«(17)


//257//

Kurz und gut, Klöden flocht in den reinen Sachtext Erzählungen, Geschichten und Dialoge ein, was die Lesbarkeit erheblich steigerte, ohne den dokumentarischen Wahrheitsgehalt zu senken. Leopold von Ranke zeigte sich von dieser Art, Geschichte zu beschreiben, allerdings nicht angetan: »Leider hat Klöden in seinem Buche "Die Quitzows" die Geschichte mit Roman versetzt: er besaß Talent für beides; er verstand Urkunden zu lesen und mit trefflicher Lokalkenntniß zu combiniren; in den Abschnitten, die Roman sind, hat er Scenen, die kein Walter Scott hätte besser erfinden können; aber die Verbindung von beiden ist unglücklich (...)«(18)

   Doch für Autoren, die diesen Stoff belletristisch bearbeiten wollten, waren die vier Bände geradezu eine Goldgrube, aus der sie sich reichlich und gerne bedienten – manchmal mehr als eigentlich zulässig.

   Klöden selbst erfuhr von dieser speziellen Beliebtheit seines Werkes wohl kaum etwas, obgleich er selbst von seinen Forschungen so angetan war, daß er seine Ferien mit Vorliebe auf Burg Plaue verbrachte und mit dem Haus Rochow freundschaftlich verbunden war. Er ging 1855 in Pension und starb hochgeehrt – er war Träger des Roten Adlerordens 3. Klasse und durfte seit 1853 den Adelstitel wieder tragen – am 9. Januar 1856 in Berlin. In seiner umfangreichen Bibliothek fanden sich 3900 Veröffentlichungen zur Geschichte Brandenburgs, 42 unveröffentlichte eigene Manuskripte und eine große Anzahl von Plänen und historischen Abbildungen. 1874 erschienen die von seinem Enkel Max Jähns herausgegebenen Jugenderinnerungen Karl Friedrich von Klödens, die starke Beachtung fanden und noch in den siebziger Jahren unseres Jahrhunderts neu aufgelegt wurden.(19)

V.

Während Schriftsteller wie Richard Roth, Ludwig Würdig oder Max Hübner, der Verfasser von »Kurfürst und Ritter« (Goerlich, Breslau 1915), sich nicht scheuten, ihr wichtigstes Quellenwerk offen zu nennen, erwähnten Axmann und nach ihm May und Goldmann Klödens Werk mit keiner Silbe. Diese Autoren hüteten sich, ihre »Bonanza« preiszugeben, zumal sie daraus ganze Passagen übernommen und als eigene Texte ausgegeben hatten.

   Friedrich Axmann schildert in »Fürst und Junker« die Erlebnisse von Botho Winß, des Sohnes von Niklas Winß, Ratsherrn in Berlin. Bothos Braut wird von den Quitzows geraubt, der Jüngling versucht verzweifelt, sie zu befreien, wobei ihm sein italienischer Freund Giambattista


//258//

ebenso hilft wie der zum Gefolge des Burggrafen von Nürnberg gehörende Konradin von Besigheim. Dietrich von Quitzow führt ein Doppelleben, einerseits als märkischer Ritter, andererseits als Räuberhauptmann, der von einer alten Wendenburg aus sein verbrecherisches Unwesen treibt. Als Spießgesellen dienen ihm die noch dem Heidentum verhafteten Wenden, deren Oberpriester Ystralowe ihn aus großer Gefahr errettet.

   Axmann kombiniert geschickt die unterschiedlichen Personen und Handlungen und bringt durch fremde und unheimliche Elemente, wie Zigeuner, Wenden, eine Hexe, Menschenopfer oder das Auftreten der Feme zusätzliches Kolorit in den Roman, der durchaus spannend zu lesen ist und ein Gemisch aus Ritter-, Räuber- und Schauerroman, garniert mit historischen Ereignissen, bildet. Die Anleihen bei Klöden sind vielfältig. Der überwiegende Teil der Ritter und Knappen stammt aus Klödens Chronik, praktisch alle historischen Überleitungen und Szenen, wie Ansprachen Friedrichs von Hohenzollern und anderer Persönlichkeiten, die Beschreibung der Schlacht auf dem Kremmener Damm oder der Belagerung von Friesack, die Flucht Dietrich von Quitzows, die fast wörtlich übereinstimmt mit der Flucht Johann von Quitzows bei Klöden. Auch die Beschreibung des Zigeunerlagers oder die Szene, in der Burschen aus dem Dorf einen Schatzgräber foppen, sind fast unverändert übernommen.

   So bunt und spannend Axmanns »Fürst und Junker« ist, man merkt beim Lesen, daß der Autor mit der literarischen Form des Romans noch nicht vertraut war und den Anforderungen, die sie an Konzeption und Komposition, an das wohldosierte Setzen von Höhepunkten und an die richtige Mischung von Reflexion und Spannung stellt, nicht gewachsen war.

   Als Rahmenbedingung galt – und nach allem, was wir von Gotthold Heinrich Münchmeyer wissen, dürfte er sich persönlich darum gekümmert haben –, daß die Hauptromane seiner Zeitschriften auch das richtige Maß an »sex and crime« enthalten mußten, um die Leser bei der Stange zu halten. Hohenzollern hin, Hohenzollern her – auch in einem historischen Roman zur Stärkung der Anhänglichkeit an die Dynastie durften bittersüße Liebesszenen, verfolgte Unschuld, finstere Verliese, geheime Gänge und sonstige Kolportage-Zutaten nicht fehlen. Nicht immer wird sich Münchmeyer Karl Mays als Verbindungsmann zwischen Verleger und Autor bedient haben, sondern diesem seine Wünsche unmittelbar und unverhohlen mitgeteilt haben. So garnierte Axmann seinen Ritterroman zusätzlich mit heidnischen Kulten, Beschwörungsszenen und Menschenopfern, ja er baute sogar Szenen aus


//259//

der urbanen Verbrecherwelt ein, die an Sue, und blutige Kampfszenen mit »Wilden«, die an Aimard und Mayne Reid erinnern – nur daß es sich bei den Wilden nicht um Apachen oder Oglala, sondern um Wenden handelt.

»Der erste seiner Verfolger war ihm direkt auf den Fersen, so nahe, daß er, wenn Botho strauchelte, nur hinzuspringen und ihm das Messer in die Brust zu stoßen brauchte. Seiner wollte Botho sich deshalb entledigen; er blieb plötzlich stehen und gab dem unaufhaltsam Heranstürmenden einen so wuchtigen Hieb über den Schädel, daß derselbe zerschmettert wurde; dann setzte er die Flucht fort. Die Wenden erfüllten die Luft durch ein ohrenzerreißendes Wuthgeheul, doch hielten sie sich nicht bei den Getötheten auf; vielmehr setzten sie dem kühnen Deutschen mit verdoppeltem Eifer und Kraftaufwande nach.« (Fürst und Junker, S. 23)

Es ist reizvoll, sich Gedankenspielereien hinzugeben, ob hier vielleicht der Redakteur May, der ja für dieselbe Zeitschrift gleichzeitig »Old Firehand« schrieb, von Axmann gelernt oder umgekehrt diesem einige nur schwach verfremdete Indianerszenen hineingeschrieben haben mag. Mit Sicherheit haben sich aber beide Jungautoren sehr intensiv an der zeitgenössischen Unterhaltungsliteratur orientiert.

   So mutet auch die Schilderung des grimmigen Kaspar Liebenow in »Fürst und Junker« wie eine Übernahme aus einem Trapperroman an, die ebenfalls allerlei Spekulationen zuläßt, gerade im Zusammenhang mit »Old Firehand«.

»Er stand, wie sein grauendes Haar bewies, bereits auf der Scheide zwischen Mannes- und Greisenalter, doch mußte ihm noch gewaltige Kraft zur Verfügung stehen, das bekundeten die mächtigen, musculösen Glieder seines wohlgenährten Körpers. Das Gesicht dieses Mannes war grob zugehauen, verwittert und erhielt dadurch, daß der gewaltige Schnauzbart mit Pech zusammengedreht war und zu beiden Seiten der Nase eine Handlänge in die Luft hinaus starrte, einen Furcht einflößenden, grimmigen Ausdruck. Die Tracht des Martialischen war aus ungegerbtem Leder gefertigt und bestand aus hohen Stiefeln, unsauberen Elennhosen, einem sehr abgenutzten Wamms und einem schäbigen Hut, der so breite Ränder hatte, daß man aus der Ferne nicht zu erkennen vermochte, ob der Gewaltige nicht einen Mühlstein auf dem Kopfe trüge.« (Fürst und Junker, S. 182)

Diese Beschreibung hat Karl May fast wörtlich in seinen »Quitzow«-Roman übernommen (S. 156). Hier wird deutlich, daß eine genaue Beschäftigung mit »Fürst und Junker« aus zwei Gründen notwendig und wertvoll ist: Zum einen ist sie unerläßlich für die Beurteilung von »Der beiden Quitzows letzte Fahrten«, zum anderen lassen sich daraus wichtige Schlüsse bezüglich Mays Arbeitsweise speziell bei seinen frühen


//260//

Werken ziehen; durch einen glücklichen Zufall ist hier die Möglichkeit geboten, Karl May bei der Behandlung eines vorgegebenen Stoffes unter Verwendung einer bekannten, bereits von seinem Vorgänger verwendeten Quelle über die Schulter zu schauen. Wenngleich eine gewisse Unschärfe in der Betrachtung dadurch begründet ist, daß der Text Axmanns von May redaktionell bearbeitet wurde, so tritt auf Grund der Personalunion von Redakteur und Autor bei den »Quitzows« der unverfälschte Karl May vor seine Leser – was vom Großteil seiner Werke nicht behauptet werden kann. Die hohe Anzahl von Druckfehlern, einige logische Fehler und Unstimmigkeiten und die eklatanten Schwächen im Aufbau von »Fürst und Junker« lassen mit einigem Recht vermuten, daß sich die redaktionellen Eingriffe Mays in Grenzen hielten. Beispielsweise gelang es Axmann nicht, seinen Roman so aufzubauen, daß Erfolge der »Hohenzollern«/Seite, der »Guten«, und Erfolge der »Quitzow«/Seite, der »Bösen«, einigermaßen ausgewogen sind.

   Hiobsbotschaften, wie Entführungen, Gefangennahmen und gescheiterte Fluchtversuche, folgen dicht aufeinander, ohne daß – wie bei Karl May – der Leser durch Erfolge »seiner« Helden zwischendurch wieder etwas optimistisch gestimmt würde. Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, daß Axmann weitgehend humorlos ist. Sogar dort, wo sich Ansätze zu etwas Humor zeigen – etwa bei der Gewohnheit Kaspar Liebenows, alle weichen »b« hart auszusprechen – springt der Funke nicht über. Der Wachtmeister bleibt ohne eine Spur Heiterkeit. Was sich aus einem derartigen schriftstellerischen Kniff machen läßt, zeigt May schon in den »Quitzows«, wo Liebenow natürlich dieselbe Eigenheit aufweist, plötzlich aber als Mensch von Fleisch und Blut dasteht. Der Schmiedegeselle Thomas Schubert in »Scepter und Hammer«, dessen Lebensziele in »Ampalema« und »Parpara« gipfeln, ist dann vollends eine Figur echt Mayscher Prägung. Eigentümliche Sprechgewohnheiten blieben eine »Masche« des großen Erzählers, die er virtuos einsetzte und zur Charakterisierung verwendete – von Sam Hawkens, dessen hihihihi May von Mayne Reids Old Rube übernahm,(20) bis zu Maksch Pappermann in »Winnetou IV«.

   Auch an anderen Stellen zeigt sich die Unfähigkeit Axmanns, humorvoll zu sein. So hätte die Szene, in der Botho Winß und sein abergläubischer Begleiter im nächtlichen Wald ein unheimliches Treiben beobachten, das sich schließlich als lustiger Streich der Dorfburschen an einem Schatzgräber entpuppt, einiges hergegeben. Axmann schreibt sie aber wörtlich aus Klödens Werk ab, wo sie in einem Abschnitt über Aberglauben und Weihnachtsspuk zu finden ist. Was sich


//261//

aus einem solchen Motiv machen läßt, zeigt May in der heiteren Schatzgräberepisode im »Weg zum Glück«.

   Auch nur mäßig heiter ist das Treiben des Knaben Götz, der zuerst Gehilfe des Spelunkenwirtes »Vater Dickkopf« ist – den May in der »Liebe des Ulanen« als »Vater Main« wiedererstehen läßt –, dann mit der Kasse verschwindet und sich als unerkannt reicher Pferdejunge bei Dietrich von Quitzow verdingt. Auch die in dieser originellen Figur liegenden Möglichkeiten versteht Axmann nicht zu nutzen.

   Ein charakteristisches Beispiel für die Schwierigkeiten, einer historisch vorgezeichneten Gestalt Eigenprofil zu verleihen, ist Dietrich von Quitzow. Die von Axmann entwickelte Idee, daß Dietrich einerseits als kühner, trotziger Ritter gegen den Burggrafen von Nürnberg kämpft, andererseits als gemeiner, heimtückischer Räuberhauptmann – also keineswegs als edler Räuber – Brandenburg unsicher macht, wird nicht als Spannungselement im Roman verwendet; vielmehr wird schon sehr früh, auf Seite 49, die Identität Dietrichs von Quitzow mit dem »Schwarzen Dietrich« aufgedeckt. In der zweiten Hälfte von »Fürst und Junker« kommt der »Schwarze Dietrich« gar nicht mehr vor; teilweise erhält Dietrich von Quitzow sogar ritterliche Züge, gerade im Umgang mit seiner Frau und angesichts der drohenden Niederlage gegen Friedrich. Die Figur des »Junker« ist also keineswegs konsistent und glaubhaft.

   Dieser Bruch in der Zeichnung eines seiner Haupthandlungsträger hängt sicherlich mit der gravierendsten Schwäche des Romans zusammen: mit der mangelhaften strukturellen Ausgewogenheit. Axmann kommt gegen Schluß des Jahrganges arg ins Gedränge. Hatte er vorher mit oft zu breitem Pinsel gemalt, so muß er nun die einzelnen Handlungsstränge fast gewaltsam zu Ende bringen. Auf Grund seiner Unerfahrenheit hatte er übersehen, für die historischen Ereignisse, auf denen ja nach wie vor ein Schwerpunkt liegen sollte, entsprechenden Platz vorzusehen. Mit Sicherheit hat der Redakteur May seinen Autor gemahnt – etwa um Kapitel 36 oder 37 herum –, nun langsam an das Finale des Romans zu denken. Die letzten Kapitel enthalten denn auch überwiegend historische Exkurse, die mehr oder weniger aus Klödens Werk entnommen sind. Auch in den Kapitelüberschriften wird das eigentliche Thema von »Fürst und Junker« nun auffallend deutlich herausgestellt: Kap. 38 heißt »Hie Hohenzollern, hie Quitzow!«, Kap. 41 »Quitzow fällt, Hohenzollern triumphiert«. Axmann wird ursprünglich nicht vorgehabt haben, das Thema mit der Eroberung von Friesack, der Burg Dietrich von Quitzows, zu beenden, sondern die Flucht und die weiteren Schicksale des Junkers (oder der Junker von Quitzow –


//262//

aus dem Titel läßt sich nicht entnehmen, ob mit »Junker« Ein- oder Mehrzahl gemeint ist) romanhaft zu schildern. Autor und Redakteur werden nun beraten haben, was zu tun sei. Dabei ist zu beachten, daß derartige Zeitschriftenromane üblicherweise in Portionen geschrieben und nicht zu Beginn des Abdrucks als vollständiges Manuskript dem Verlag übergeben werden. Meist beträgt der »Vorrat« an Material zwei oder drei Fortsetzungen, aus denen dann der Redakteur entsprechend dem zur Verfügung stehenden Platz die neue Fortsetzung gestaltet und dabei versucht, an einer möglichst spannenden Stelle sein »Fortsetzung folgt« zu bringen.

   Im zu Ende gehenden Jahrgang war Axmanns Konzept nicht mehr unterzubringen. Für den neuen Jahrgang des »Deutschen Familienblattes« war längst schon »Das Testament des großen Kurfürsten« geplant, ein neuer »Hohenzollernroman«, für den Axmann sich zweifellos schon eingehend vorbereitet hatte. Auch dieses Werk sollte ja hinsichtlich des historischen Hintergrundes einigermaßen zuverlässig sein, was genauer Recherchen bedurfte, ganz abgesehen davon, daß ein wirkungsvolles Handlungskonzept auch gründlich überlegt sein will. Jedenfalls wird sich der Verfasser außerstande gesehen haben, parallel zum »Testament« eine Fortsetzung zu »Fürst und Junker« zu schreiben. Das Problem, daß es nicht gut gewesen wäre, in ein und derselben Zeitschrift zwei Hohenzollernromane desselben Autors zu bringen, konnte der Redakteur May dadurch lösen, daß er die Fortsetzung in die neugegründeten »Feierstunden am häuslichen Heerde« übernahm, die er ebenfalls betreute. Offensichtlich hatte sich Axmann bereit erklärt, den Quitzow-Faden wiederaufzunehmen, nachdem er sich in den neuen Roman eingeschrieben hatte.

   Es wäre durchaus plausibel, wenn sich die beiden dabei auf die Nummer 20 geeinigt hätten – dann hätte die Fortsetzung noch vor der Mitte des Jahrgangs beginnen und sich über etwa 30 Nummern erstrecken können. In Nummer 49 (S. 770) wurde dies in einer Fußnote angekündigt: »Denjenigen Lesern des "deutschen Familienblattes", welche sich mit den späteren Lebensschicksalen Dietrichs von Quitzow bis zu seinem Tode bekannt zu machen wünschen, dürfte die Nachricht nicht unwillkommen sein, daß der Autor dieses Thema zum Gegenstande eines ebenso fesselnden wie ergreifenden Romans: "Dietrichs von Quitzow letzte Fahrten" gewählt hat, welcher in Nummer 20 der diesjährigen "Feierstunden am häuslichen Heerde", einer im Münchmeyerschen Verlage erscheinenden belletristischen Zeitschrift, beginnen wird.«

   Der nochmalige Hinweis auf den neuen, das Thema weiterführenden Roman in der darauffolgenden Nummer unterstreicht, daß


//263//

Axmann die Zeit davonlief. Es braucht nicht betont zu werden, daß beide Hinweise mit Sicherheit von May formuliert wurden. Ähnliche Wendungen gebrauchte er später gerne als Schlußfloskeln seiner Reiseerzählungen: »Und was geschah mit den übrigen Helden und Heldinnen, dem edlen Hans von Quitzow, seiner resoluten Agnes, der sanften Elisabeth, dem lustigen Schwalbe und dem verbissenen Liebenow, kurz mit allen jenen Persönlichkeiten, die dem Leser vielleicht lebhafteres Interesse eingeflößt haben? Auf diese Frage kann der Autor nur antworten, daß alle diese Personen noch überaus wechselreiche Schicksale erlebt haben, die sich nicht in wenigen Zeilen berichten lassen. Der Autor erlaubt sich nochmals auf den schon erwähnten Roman hinzuweisen; dort wird dem freundlichen Leser erschöpfende Auskunft zu Theil werden.«

   Axmann hingegen schloß »Fürst und Junker« mit dem markigen Satz (S. 790): »Wahrlich, es ist ein Titanenwerk, was die markigen Hohenzollern seit Kremmen zu Stande gebracht haben!«

VI.

Der 1. Jahrgang des »Deutschen Familienblattes« war mit Heft 50 im August 1876 zu Ende gegangen. Im September begann der 2. Jahrgang, in dem gleich von Anfang an Friedrich Axmanns Roman »Das Testament des Großen Kurfürsten« als Titelgeschichte lief. Gleichzeitig erschien der 1. Jahrgang der »Feierstunden«. Über die Gründe, warum nicht in Nummer 20 der geplante Roman »Dietrichs von Quitzow letzte Fahrten« veröffentlicht wurde, sondern bereits die Nummer 10 den »Roman aus der Jugendzeit des Hauses Hohenzollern« mit dem abweichenden Titel »Der beiden Quitzows letzte Fahrten« brachte, lassen sich ebenfalls nur Vermutungen anstellen.

   Es ist zwar nicht genau bekannt, wann Friedrich Axmann starb, es ist aber anzunehmen, daß es einige Wochen vor dem Jahreswechsel 1876/ 77 war. Dies läßt sich aus zwei Indizien ableiten: Zum einen wurde das »Testament« nach der Nummer 14 des »Familienblattes« für eine Fortsetzung unterbrochen – etwas, was bei Axmann bisher nie vorgekommen war. In der in den Nummern 52 und 53 des »Deutschen Familienblattes« veröffentlichten »Anzeige und Einladung zum Abonnement« ist zu lesen, daß »Herrn  F r i e d r i c h  A x m a n n  mitten im Schaffen und im ersten Mannesalter, bei Fortsetzung des Romanes in Nr. 16 dieses Blattes, der unerbittliche Tod« ereilte. Regelmäßiges Erscheinen vorausgesetzt, müßte Nr. 16 etwa Mitte Dezember 1876 ausgeliefert wor-


//264//

den [worden] sein. Das Adreßbuch der Stadt Wien führt für das Jahr 1876 Friedrich Axmann auf, für 1877 nicht mehr. Üblicherweise erscheinen Adreßbücher zu Beginn eines Jahres, also muß der Redaktionsschluß spätestens im Dezember liegen. Offensichtlich konnte die Nachricht vom Ableben Axmanns also noch berücksichtigt werden.

   Aus der Münchmeyerschen Anzeige ist allerdings nicht zu entnehmen, ob Axmann, der damals 33 Jahre alt war, an einer Krankheit gestorben oder durch einen Unfall ums Leben gekommen war. Man könnte vermuten, daß bei einem Unfalltod die Formulierung der Anzeige anders gelautet hätte, daß Axmann also wohl erkrankt war. In diesem Fall würde er May mitgeteilt haben, daß sich weitere Manuskriptlieferungen verzögern würden oder – was noch wahrscheinlicher ist – daß ihm eine Weiterführung der Arbeit nicht möglich sei und daß an die Aufnahme des »Quitzow«-Romans nicht zu denken sei. May hatte nur zwei Möglichkeiten: Entweder rasch jemanden zu finden, der einzuspringen bereit war, oder selbst einzuspringen. Für das »Testament des Großen Kurfürsten« fand er Ersatz, den jungen Schriftsteller Dr. Heinrich Goldmann. Für die Fortsetzung von »Fürst und Junker« war wohl keiner mehr prädestiniert als May selbst, der die Vorgeschichte ein Jahr lang redaktionell betreut hatte und daher in allen Einzelheiten kannte. Ob dieser Vorschlag von Axmann kam oder von May selbst, ist ungewiß. Auf jeden Fall bekam May Kenntnis davon, welches Quellenwerk Axmann benutzt hatte, und konnte auf dieser Basis den Sprung in eine für ihn neue Literaturgattung wagen. Daß der Redakteur und Verfasser von Erzählungen und Humoresken die Situation als Herausforderung und Chance empfand, ist aus folgender Überlegung abzuleiten: Karl May wollte sich offensichtlich nicht – wie Axmann – auf »Dietrich von Quitzows letzte Fahrten« beschränken, sondern auch noch das weitere Schicksal Hans von Quitzows behandeln, möglicherweise unter dem Eindruck der Materialfülle in Klödens Werk. »Der  b e i d e n  Quitzows letzte Fahrten« benötigten natürlich mehr Platz als diejenigen Dietrichs, über den Jahrgang hinaus war eine Verlängerung des »Quitzow«-Themas nicht denkbar – also mußte May früher beginnen als in Nr. 20. Er tat es in Nr. 10. Eine kurze Entscheidungs- und Konzeptionszeit vorausgesetzt, muß das Problem Axmann spätestens Mitte Oktober 1876 akut geworden sein. Anfang November begann der Abdruck von »Der beiden Quitzows letzte Fahrten«. Im folgenden wird ein Überblick über den Inhalt der 13 von May verfaßten Kapitel gegeben und dieser kurz kommentiert. Ergänzend werden einige gleichlautende oder ähnliche Passagen Klödens und Mays gegenübergestellt, die zeigen, wodurch May inspiriert wurde und was er durch seine »Bearbeitung« der Vorlage daraus machte.


//265//

1. Kapitel:  S u t e m i n n

Suteminn, der Einspänner, d. h. ein allein durch die Lande ziehender Ritter, kommt eines Abends in das Dorf Dechtow am Zotzen. Im Wirtshaus sitzen die Reisigen des Ritters Nymand von Löben und erzählen über den geheimnisvollen Suteminn. Plötzlich kommt ein Reiter zur Schenke und klopft an den Laden. Es ist Dietrich von Quitzow, der kurz zuvor aus seiner Burg Friesack geflohen ist. Suteminn erkennt ihn und versucht, ihn zum Waffengang zu stellen, um eine alte Rechnung zu begleichen, doch Dietrich flieht, unterstützt von den zufällig herbeigeeilten Knechten Werner von Holzendorffs. Suteminn reitet zum Lager des Markgrafen Friedrich von Hohenzollern, der Friesack belagert, und trifft mit diesem zusammen.

Obwohl sich Karl May anfangs sehr stark auf das Werk Klödens stützt – Beschreibung des Zotzens, Charakterisierung Suteminns –, bekommt der bei Klöden keine zentrale Rolle spielende Suteminn von Anfang an den Hauch des Geheimnisvollen. Im Zusammentreffen mit Dietrich von Quitzow wird geschickt auf ein früheres Zusammentreffen der beiden Ritter und eine alte Rivalität angespielt, was sofort Spannung erzeugt.

»Sie erreichten den Zotzen, einen Wald, der damals alle Erscheinungen eines Urwaldes in reicher Fülle bot. Im Sommer, wenn das Sonnenlicht durch seine Laubmassen glänzte und funkelte, war er ein herrlicher Aufenthalt, und Bären, Wölfe, Luchse, Schweine, Hirsche, Rehe und wilde Katzen reizten die Jagdlust in hohem Maaße, so daß alle Hindernisse des Bodens, umgefallene faulende Bäume, dichtes Zweiggewirre des Unterholzes, zwischen Farrenkraut und Besinggesträuch versteckte Vertiefungen, und lauernde giftige Schlangen, den Jäger nicht abhalten konnten, seiner Lust hier Tage lang zu fröhnen, Essen und Trinken zu vergessen, und alle Beschwerden für nichts zu achten. Jetzt streckten die mächtigen Ei- Westlich von dem kleinen Ländchen Bellin lag der Zotzen. Es war das ein Wald, welcher zu der Zeit, von der wir erzählen, alle Erscheinungen eines nur wenig begangenen Urwaldes bot. Im Sommer, wenn die Strahlen der Sonne ihren Weg durch das dichte Laubwerk nahmen und von den golden und purpurn umsäumten Blättern zitternde Reflexe wie sprühende Karfunkel um die riesigen Stämme und das knorrige Geäste blitzten, herrschte hier ein gar reges, thierisches Leben, denn Bären, Wölfe, Luchse, Schweine, Hirsche, Rehe, Füchse, wilde Katzen und anderes Wild trieb zwischen den umgestürzten und modernden Bäumen oder in den von Besinggesträuch und Farrenkräutern verdeckten Vertiefungen sein Wesen, giftige Schlangen


//266//

chen [Eichen], Buchen und Rüster die Zweige entblättert in die Luft, das dicht verschlungene Gewirr der Gesträuche war verschwunden, wenn man nicht etwa auf ein Brombeergebüsch stieß, und ohne große Mühe wand man sich hindurch.«

(Klöden III, S. 427)

lauerten im tiefen, feuchten Moose, und es bedurfte wohl eines nicht gewöhnlichen Muthes, in diesen wilden Gründen dem edlen Waidwerke obzuliegen. Jetzt aber war es Winter; die mächtigen Eichen, Buchen und Rüster streckten ihre Zweige entblättert in die Luft, und wenn auch eine Decke dichtliegenden Schnee's sich über die kahlen Wipfel und den hartgefrorenen Boden legte, konnte man doch leichter als zur schönen Jahreszeit den Wald passiren, da das dicht verschlungene Gewirr der Gesträuche der unerbittlichen Kälte hatte weichen müssen.

(Quitzows, S. 145)

»Kaum war Gans von Putlitzs imposanter Zug von den Straßen verschwunden, so kam ein einzelner Reiter, ein sogenannter Einspänniger, daher getrabt. Es war eine kolossale Gestalt auf einem eben so gewaltigen Streitroß. Seine Rüstung war von auserlesener Güte, in der Rechten hielt er eine baumstarke Lanze, die er aufrecht trug, und unter deren Spitze ein rothes Fähnlein flatterte, den linken Arm bedeckte ein mächtiges Schild, auf welchem Amor einen Bogen spannte, zur Seite hing ein ungewöhnlich breites und langes Schwerdt herab. So wie er in die Stadt einritt, zügelte er den Gang seines Pferdes, und ließ es langsam ausschreiten. Majestätisch und im Gefühle seiner Kraft blickte er um sich, und nicht ohne Wohlgefallen und mit kriegerischer Koketterie schien er sich an dem ungemeinen Anstaunen derer, welche ihn aus den Fenstern und auf den Straßen erblickten, zu sättigen.«

(Klöden III, S. 301)

Auch das Dorf herab ertönten jetzt die nahenden Hufschläge eines Pferdes, und bald war ein einzelner Reiter, ein sogenannter Einspänner zu sehen, welcher, vorsichtig Umschau haltend, sich dem Kruge näherte. Es war eine kolossale Gestalt auf einem ebenso gewaltigen Streitrosse. In der Rechten hielt er eine baumstarke Lanze, unter deren Spitze ein kleines Fähnlein flatterte, dessen Farbe aber bei dem ungewissen Lichte grad so wenig zu erkennen war, wie das Zeichen, welches den mächtigen Schild schmückte, der seine linke Seite bedeckte. Ein ungewöhnlich langes und breites Schwert hing ihm von der Hüfte nieder, und ein doppelschneidiges Messer, wegen seiner Gefährlichkeit »Gnadegott« geheißen, war in lederner Scheide durch eine Kette an den starken Leibgurt befestigt.

(Quitzows, S. 145f.)(21)


//267//

2. Kapitel:  L o c k e r e  G e s e l l e n

Auf Burg Garlosen, dem Sitz der raublustigen und trinkfreudigen Ritter von dem Kruge, werden neue Pläne ausgeheckt. Mit im Bunde sind der dicke Claus von Quitzow, der mit seinem Knappen Balthasar zu Besuch weilt, und der Wachtmeister Caspar Liebenow. Pater Eusebius, Burgkaplan von Garlosen und Spion der Raubritter, berichtet von einem Geldtransport von zweimal 150000 Goldgulden an den Markgrafen Friedrich, was natürlich auf größtes Interesse stößt. Vorerst will man sich aber auf den Wagenzug zweier jüdischer Kaufleute konzentrieren, der kommende Nacht nahe Garlosen vorbeikommen soll. Der Überfall gelingt, Claus von Quitzow nimmt Veit Schmuel, Aron Itzig und dessen Tochter gefangen.

Nach der Figur Suteminn führt May nun eine ganze Reihe gegenüber »Fürst und Junker« neuer Figuren ein, die mit Ausnahme des dem Geist des Kulturkampfes entsprungenen Pater Eusebius und des Knappen Balthasar sämtlich aus dem Werk Klödens stammen: Der alte und der junge Boldewin von dem Kruge, Heyso von Steinfurth, Claus von Quitzow, Veit Schmuel, Aron Itzig; Caspar Liebenow ist schon bei Axmann vorgekommen, gewinnt aber erst jetzt Eigenprofil, ebenso wie Dietrich von Quitzows Leibknecht Dietrich Schwalbe, dem May nunmehr den Vornamen Heinrich gibt, was zwar historisch falsch ist, im Roman aber Verwechslungen in den Dialogen vermeidet. Hier wird deutlich, worin Mays Stärke als Schriftsteller bestand: Nicht so sehr in der Erfindung völlig neuer Handlungsideen, sondern in einer später zur Reife der Unnachahmlichkeit gediehenen Ausformung bereits vorhandener Romangestalten: Winnetou, Old Shatterhand, Sam Hawkens, Hadschi Halef Omar, Kara Ben Nemsi – sie alle existierten mit vielen ihrer bekannten Eigenheiten und Attribute bereits bei anderen Autoren. Erst Karl Mays meisterliche Erzählerhand machte daraus die unverwechselbaren und gleich so vertraut wirkenden Protagonisten seiner Reiseromane und -erzählungen. Insofern darf Friedrich Axmann als einer der wichtigen Lehrmeister Karl Mays gelten, auch wenn ihn sein Schüler dann bei weitem übertraf.

   Übrigens entstand/erschien Karl Mays erste Indianererzählung »Old Firehand« fast genau ein Jahr vor den »Quitzows«. Sie enthält bereits die Figur des Sam Hawkens, zu der Mayne Reids Old Rube aus der »Kriegsfährte« und den »Skalpjägern« Pate stand. Sam Hawkens' Reittier Mary findet sich in Balthasars Gaul Grigorimanorosewitsch wie-


//268//

der [wieder], ein Name, bei dem es sich Karl May nicht entgehen läßt, ihn im Laufe des Romans immer wieder verballhornen zu lassen.

»Von je an hatte dies Schloß das Schicksal gehabt, von unruhigen Leuten besessen zu sein, die entweder dem Landesherrn, oder den Landstraßen gefährlich wurden. In früheren Zeiten hatte es zur Mark gehört.

   Dieses Schloß Gorlosen besaßen jetzt der alte und junge Boldewin von dem Kruge nebst ihrem Vetter Thomas von dem Kruge, und Claus von Quitzow zu Stavenow wohnhaft. Es war gefürchtet in der ganzen Gegend, denn es wurden eine Menge Räubereien von da aus verübt, und die Landstraßen in der Nähe waren stets unsicher. Eine Menge Kaufmannsgüter waren geraubt, und den Hansestädten verursachte es großen Schaden. Friedrich war nach der Priegnitz gegangen, und versammelte hier sein Heer, zu welchem auch Gans von Putlitz mit seinen Schaaren stieß. Mit ziemlicher Gewißheit konnte man darauf rechnen, daß er Gorlosen nicht unangefochten lassen würde. Claus von Quitzow hatte sich deshalb von Stavenow, seinem gewöhnlichen Wohnorte nach Gorlosen begeben.«

(Klöden IV, S. 280)

An dem Zusammenflusse der Elbe und des Mayen an der Mecklenburgisch-Priegnitzischen Grenze, anderthalb Meilen nördlich von Lenzen an der Elbe, lag das feste Schloß Garlosen, später Gorlosen genannt. Es hatte von je her das Schicksal gehabt, unruhigen Geistern die entweder dem Landesherrn oder den Landstraßen gefährlich wurden, zum Aufenthalte zu dienen und wurde jetzt besessen von vier Männern, die ihr Schwert gut zu führen verstanden und am liebsten den Wein tranken, den Andre bezahlt hatten. Es waren dies der alte und der junge Boldewin von dem Kruge, ihr Vetter Thomas von dem Kruge und der tapfere Claus von Quitzow, zu Stavenow wohnhaft.

(Quitzows, S. 149)

3. Kapitel:  I m  Z a u b e r h a u s e

Nach einem historischen Exkurs über die Quitzows läßt May den Ratsdiener zu Tangermünde verkünden, daß Friedrich von Hohenzollern das Faustrecht abgeschafft habe. Henning von Bismarck besucht Suteminn in dessen Heim in Tangermünde, das im Volksmund »Zauberhaus« genannt wird. Bismarck und Suteminn erörtern die politische Lage, vor allem das Treiben der Päpste und die Pläne Friedrichs, die


//269//

Wirren im Land zu beenden und Papst Johannes XXIII., den ehemaligen Seeräuber und Mädchenhändler, gefangen zu nehmen. In Costnitz soll dazu eine Beratung stattfinden. Vorher wollen Bismarck und der junge Detlef, der Schützling Suteminns, nach Garlosen reiten, um mit den Rittern von dem Kruge und Claus von Quitzow über deren jüngsten Überfall in Güte zu verhandeln.

Hinsichtlich der Historie lehnt sich May stark an Klöden an, nützt dies jedoch geschickt, um die Authentizität des Romans zu betonen. Die gegenüber der Kirche und den Päpsten sehr kritische Haltung erwächst zwar aus dem Kulturkampf, ist aber bei Friedrich von Klöden, der Freimaurer war, bereits vorgeprägt. In Suteminns »Zauberhaus« findet sich ein in »Mein Leben und Streben« erwähntes Requisit aus Mays Elternhaus: Das Kreutterbuch deß Hochgelahrten und Weitberühmten Herrn Doctor Petri Andrae Matthioli.(22)

»Wir haben oben erzählt, daß der abscheuliche Balthasar Cossa unter dem Namen Johann XXIII. den päpstlichen Thron bestiegen. Er war mit König Ladislaus von Neapel in Krieg gerathen, und ungeachtet er diesen in den Bann that, und einen Kreuzzug gegen ihn predigen ließ, mit dem Versprechen eines allgemeinen Ablasses, war der Erfolg doch äußerst gering, so daß er sich im Jahre 1412 genöthigt sah, den Frieden zu erkaufen.«

(Klöden III, S. 477)

»Aber Ihr wißt, daß Balthasar Cossa, welcher trotz seiner Abscheulichkeit unter dem Namen Johann XXIII. den päpstlichen Thron bestiegen hat, jüngst ein Concilium nach Rom berief, weil er den beiden Gegenpäpsten gegenüber die Nothwendigkeit erkannte, dem allgemeinen Wunsche nach Verbesserung der Kirche eine, wenn auch nur scheinbare Beachtung zu schenken.«

(Quitzows, S. 179)

4. Kapitel:  B e i  » M u t t e r  Q u a i l «

Bei Mutter Quail, der Wirtin der Taverne »Zum heiligen Menschenfresser« in Bristol, sitzen Piet Liebenow, der Kapitän der »Schwalbe«, und Sam Haberland, Constable auf demselben Schiff, zusammen. Die »Schwalbe« soll den Grafen von Warwick nach Hamburg bringen. Mutter Quail, zu deren bevorzugten Gästen die beiden gehören, warnt vor den »Victualienbrüdern«, die die Nord- und Ostsee unsicher machen. Piet Liebenow ist ebenso ein Quitzowscher Untertan wie Will Haberland (der Vorname variiert), der aus Stavenow stammt. Liebenow er-


//270//

zählt [erzählt], daß der Graf von Warwick, der mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in den Spreewäldern unterwegs war, von der Bande des »Schwarzen Dietrich« überfallen wurde. Während er mit dem Grafen, den er begleitete, entfliehen konnte, fielen Frau und Kinder in die Hände der Räuber. Sie sind seither verschwunden, ebenso wie der unbekannte Ritter, der überraschend zu Hilfe gekommen war.

Dieses Kapitel enthält eine jener typisch Mayschen Wirtshausszenen, die von einer dicken, resoluten Wirtin und rauhen, aber herzlichen Stammgästen geprägt sind und die sich in den »Dessauer«-Geschichten ebenso finden wie im kurze Zeit nach den »Quitzows« verfaßten Roman »Auf der See gefangen« oder in »Old Surehand II«. Es waren sicher Mays Eindrücke als Kegelbub, die ihn gerade Szenen in Gasthäusern mit sehr viel Atmosphäre schildern ließen.

   Piet Liebenow, »der alte Swalker«, in dem sich unschwer der Bruder Kaspar Liebenows erraten läßt, hat ebenfalls die Eigenheit, das weiche b hart auszusprechen. Auch Haberland hat ein besonderes Kennzeichen: die Hälfte seines Gesichts ist verbrannt, so wie bei Ben New-Moon in »Sohn des Bärenjägers« und bei Max Pappermann in »Winnetou IV«. Swallow, der wackere Mustang aus der »Mappe eines Vielgereisten«, wird hier zu einem anderen Transportmittel umgewandelt, das sich in Mays späteren Werken großer Beliebtheit erfreut: zum Schiff gleichen Namens. An Bord der »Schwalbe« ändert sich in den 450 Jahren, die zwischen der Handlungszeit der »Quitzows« und derjenigen des darauf folgenden Romans »Auf der See gefangen« liegen, relativ wenig. Das Steuer führt da Peter Polter, unverkennbar ein enger Verwandter des Piet Liebenow; auch Peter Polter hat einen Bruder in der alten Heimat, den Diener Heinz. Und das Schiff »Tiger« in »Scepter und Hammer« hat einen ähnlich knorrigen, aber lustigen Steuermann, den Balduin Schubert, der ebenso wie sein in der Heimat lebender Bruder Thomas Probleme mit der Aussprache des weichen b hat.

5. Kapitel:  A u f  d e r  F l u c h t

Werner von Holzendorff versteckt Dietrich von Quitzow in Schloß Neumühl. Der Schloßvogt erzählt Dietrich vom Fall Friesacks. Dieser belauscht kurz darauf ein Gespräch zwischen dem Vogt und einem Holzendorffschen Knecht, in dessen Verlauf die Identität des unbekannten Gastes auf Neumühl aufgedeckt wird. Dietrich fühlt sich an seinem Zufluchtsort nicht mehr sicher, worauf ihn Werner von Holzen-


//271//

dorff [Holzendorff] nach Grabsdorf, einer anderen Besitzung, bringt, wo der Junker als Bauernknecht arbeiten muß. Als sich Prinz Johann von Hohenzollern, der Sohn des Markgrafen, bei dem vermeintlichen Knecht nach dem Weg erkundigt, unternimmt Dietrich einen waghalsigen Streich. Er springt auf das Pferd des Prinzen, nimmt ihn als Geisel und entflieht.

Mit Ausnahme des Husarenstücks, das an den Wilden Westen erinnert, ist dieses Kapitel inhaltlich voll von Klöden übernommen, wenngleich es May gelingt, nicht nur eigene Formulierungen zu finden, sondern die nicht eben mitreißenden Szenen seines Kollegen aus dem Schuldienst spannend nachzuerzählen und ihnen dramatische Dichte zu verleihen.

6. Kapitel:  D e t l e v

Henning von Bismarck und Detlev reiten nach Garlosen, um dort die Ritter von dem Kruge zur Rede zu stellen. Während des Rittes erzählt Detlev seinem Begleiter von seinem Kindheitserlebnis, einem Überfall des »Schwarzen Dietrich« auf seine Eltern, die seither verschollen seien. Bismarck verspricht, ihm bei der Suche behilflich zu sein. Während er zur Burg reitet, wartet Detlev in einem Versteck. Dabei wird er Zeuge eines Gesprächs zwischen Kaspar Liebenow und Balthasar. Liebenow berichtet vom Besuch Bismarcks, von dessen Forderung, die gefangenen Juden freizulassen, und von der erbosten Reaktion der Ritter, die den unbequemen Mahner ins Verlies geworfen hätten. Liebenow erwähnt auch seinen Bruder Peter, der einem fremden Ritter beigestanden habe, als dieser vom berüchtigten »Schwarzen Dietrich« überfallen worden sei. Durch einen geheimen Gang kann Detlev in die Burg eindringen und die beiden Juden sowie einen ihm unbekannten alten Mann befreien. In der Burgkapelle versucht Pater Eusebius, die Tochter Itzigs auf seine Weise zu bekehren. Detlev schlägt den Pfaffen nieder und befreit auch das Mädchen.

In diesem Kapitel wird die schriftstellerische Eigenart Karl Mays besonders deutlich. Das Raubnest Garlosen gewinnt Eigenleben und bevölkert sich mit Gestalten echt Mayscher Prägung. Die Beschreibung Liebenows, der einen erlegten Rehbock durch den Wald trägt, erinnert an die Wildererszene im »Waldröschen«, als Trapper Geierschnabel sich bei Schloß Rheinswalden einen Rehbock erlegt. Unterirdische Gänge hatte ja schon Axmann gerne verwendet; Karl May bediente


//272//

sich dieses Requisits des klassischen Ritterromans nicht minder gern. In der »Liebe des Ulanen«, beim Treiben in und um Schloß Ortry, aber auch schon in »Scepter und Hammer« finden sich Szenen wieder, wie sie sich in und um Garlosen abspielen. Henning von Bismarck ist eine historische Figur, wird bei Klöden aber nur als einer der Schöppen in der Gerichtsverhandlung gegen Werner von Holzendorff am 30. April 1414 in Spandau genannt. Detlev ist eine Eigenschöpfung Mays.

7. Kapitel:  E i n  U c h t e n h a g e n

In Spandau wird im Rahmen eines Landtages über Werner von Holzendorff, der Dietrich von Quitzow zur Flucht verholfen und ihn versteckt hatte, Gericht gehalten. Unter den Schöppen befindet sich auch Hans von Uchtenhagen. Man legt fest, daß das Urteil am Tag nach Fronleichnam verkündet werden solle. Hans und Karl von Uchtenhagen reiten von Spandau nach Brandenburg. Als es dunkel wird, begegnet ihnen ein gespenstischer Reiter, Hans' Pferd scheut und geht durch, Karl wird von einer Horde Bewaffneter angegriffen, als sein Pferd über einen Strick stolpert. Er kann sich ihrer jedoch erwehren und bleibt als Sieger auf dem Platz. Von einem sterbenden Wegelagerer erfährt Karl, daß Hans lebt und in die Ruine gebracht worden sei. Er nimmt die Spur auf und findet das Waldschloß, eine alte Klosterruine. Aus Gesprächen von Gefangenen, die er belauscht, entnimmt er, daß der gespenstische Reiter der Nachfolger des »Schwarzen Dietrich« sei. Allerdings hätten sich nicht alle dem neuen Anführer anschließen wollen, weshalb er sie hatte einsperren lassen. Karl tötet den »Fliegenden Reiter«, befreit die Gefangenen und wird von Jobst Schwalbe, einem von ihnen, tiefer ins Innere der Ruine geführt. Als einer der Räuber eine gefangene Frau – es ist Walda von Löwenholm, die Frau Richards von Warwick und Mutter von Marie und Detlev – bedrängt, tötet Karl den Unhold, verhilft der Frau zur Flucht, muß sich den herbeieilenden Räubern aber nach hartem Kampf ergeben.

Die gesamte Gerichtsszene ist mehr oder weniger eine Bearbeitung des entsprechenden Kapitels aus dem III. Band Klödens. May hat dabei den fürstlichen Rat und Richter Hans von Thorgau im wesentlichen durch den bei Klöden als Schöppe vorkommenden Hans von Uchtenhagen ersetzt. Die Dialoge sind meist unverändert übernommen. Karl von Uchtenhagen, der jüngere Bruder Hans', trägt unverkennbar Züge eines frühen Old Shatterhand, nicht nur wegen des Fausthiebs; auch


//273//

die Beschreibung entspricht der Vorstellung, wie May sich selbst gerne sah. Das Motiv einer wahnsinnig gewordenen Frau verwendet May später in »Old Surehand«.

8. Kapitel:  D i e  R o s e  a m  G ü n t e r s b e r g

Ein junger Reiter beobachtet auf dem Weg nach Güntersberg eine Falkenjagd, an der auch Brunhilde beteiligt ist, die Tochter Simons von Güntersberg. Das Mädchen gefällt ihm, und er folgt ihr nach Güntersberg. Janeke von Stegelitz wirbt um sie, wird aber von Simon abgewiesen, weil er andere Pläne mit ihr verfolgt. Ein Falkenhändler kommt auf das Schloß und bietet sich als Falkenmeister an. Er trägt mit Janeke einen Probekampf aus und besiegt ihn. Elias Siebenhaut, der Wachtmeister Simons, ist vom Mut des Fremden sehr angetan, der sich Henning Friedländer nennt und dann auch als Falkenmeister für Brunhilde verpflichtet wird. Bei einem Ausritt, an dem auch Brunhildes Vater, Janeke von Stegelitz und Siebenhaut teilnehmen, begegnen ihnen Boten von Henning von Kremzow, die einen Fehdebrief ihres Herrn und der Herren von Wedel übergeben. Vom Jagdfieber gepackt, gelangt die kleine Reiterschar auf nunmehr feindliches Gebiet. Eine Gefangennahme durch Friedrich von Wedel kann der Falkenmeister abwenden. Als ihm kurz darauf Henning von Wedel und Heinrich von Bork begegnen, warnt Friedländer vor einem Kampf, doch der hitzige Janeke von Stegelitz läßt sich nicht zurückhalten. Der Falkenmeister bringt Brunhilde in Sicherheit, während ihr Vater und seine Leute in die Hand Henning von Wedels fallen.

Mit diesem Kapitel nimmt May einen neuen Handlungsfaden auf; im Gegensatz zu Klöden, der von der Spandauer Gerichtsverhandlung deshalb auf die Geschichte der von Wedel überleitet, weil sich Dietrich von Quitzow auf seiner Flucht dorthin wandte, baut May das Schicksal der Quitzows geschickt in eine Erzählung des Falkenmeisters ein. Mit dem Wachtmeister Siebenhaut führt May eine weitere Figur aus dem »zweiten Glied« ein, die durch eine besondere Gewohnheit unverwechselbar wird: Siebenhaut pflegt sich der stereotypen Redewendung wie ich höre zu bedienen. Bei seiner historischen Einleitung weist May vage auf eine Quelle hin, indem er den Text aus einer alten Chronik übernommen haben will. Die Idee zum »Falkenmeister« kam May wohl durch die in der »Chronik« erwähnte »Falkenburg«.(23)


//274//

9. Kapitel:  U n t e r  d e n  V i t a l i e n b r ü d e r n

Pater Eusebius kommt auf die Insel Neuwerk in der Elbemündung, um mit Rolf Vendaskiold, dem Kapitän der »Wiking«, zusammenzutreffen. Heinrich, Bewohner einer armseligen Hütte, versteckt ihn und läßt ihn am anderen Tag durch einen Bootsmann zu dem Kapitän bringen. Unterwegs wird eine dänische Galeote aufgebracht, auf der sich ein Gefangener befindet: Gert von Dönaborg. Eusebius verrät Vendaskiold, daß der Graf von Warwick mit einem reich beladenen Schiff aus England kommen werde. Die Ritter von Burg Garlosen verlangen für die Mitteilung einen entsprechenden Anteil an der Beute. Der Kapitän läßt den Pater gefangensetzen; in Gert von Dönaborg erkennt er einen alten Bekannten der Familie Moltke, der auch die zwei Söhne Moltkes gekannt hat; einer davon ist Rolf Vendaskiold. Dönaborg erhält das Kommando über das dänische Schiff mit dem Auftrag, die Ladung den von dem Dänen beraubten Holsteinern zurückzugeben.

Bereits in seinem ersten, thematisch und zeitlich nicht frei gewählten Roman versucht May, aus der Enge des bloßen Ritterromans auszubrechen. Er bringt die Hanse und die Vitalienbrüder, die beide in Klödens Werk kurz behandelt werden, ins Spiel und kann auf diese Weise sein Opus mit einem Schuß Seeroman versetzen. In »Auf der See gefangen«, »Scepter und Hammer« und »Die Juweleninsel« sollte er dann noch mehr Romangattungen miteinander kombinieren. Die Figur Rolf Vendaskiolds hat starke Ähnlichkeit mit Katombo alias Kapudan Pascha in »Scepter und Hammer«. Wenn die Trennung von Münchmeyer so erfolgt ist, wie May sie schildert, also mit Kündigung Ende Oktober/ Mitte November 1876 und Ausscheiden drei Monate später,(24) so verfaßte er den überwiegenden Teil  s e i n e s  Beitrags zu den »Quitzows« während seiner Kündigungszeit. Sicherlich war das Verhältnis zwischen Verleger und Redakteur bzw. Autor nicht mehr allzugut, weshalb es nicht unbedingt ein Zufall sein muß, daß der Mittelsmann zu Rolf Vendaskiold auf Neuwerk ausgerechnet Heinrich heißt und ein Krüppel ist, der ständig mit seiner abergläubischen Frau zankt. Der Vorname der Frau wird zwar nicht genannt, die starkknochige und schnurrbärtige Frau dürfte sich aber von Pauline Münchmeyer nicht sehr unterschieden haben.


//275//

10. Kapitel:  D i e  z w e i t e  T h a t

Dietrich von Quitzow reist mit Prinz Johann nach Angermünde. Dort soll der gefangene Sohn des Markgrafen beim Hauptmann Johann von Briesen Aufnahme finden. Zur selben Zeit reitet Detlev mit dem aus Garlosen befreiten Gefangenen, dem Fürst von Wenden, ebenfalls nach Angermünde. Während der Fürst den Hauptmann besucht, schlendert Detlev durch die Stadt und kann dabei dem Schneider Zademack aus der Patsche helfen. In der Herberge wird er heimlicher Zeuge eines Gesprächs zwischen Dietrich von Quitzow und Prinz Johann. Detlev kann den Prinzen befreien, sie werden aber von Dietrich verfolgt, der unterwegs Claus von Köppen, den Boten der pommerschen Herzöge, trifft, die ihm Freistatt anbieten. Es kommt zum Kampf zwischen Detlev und Johann und ihren Verfolgern. Als eine Reiterschar mit Nymand von Löben an der Spitze heransprengt und dem Prinzen beisteht, flieht Dietrich von Quitzow.

Hier nimmt May die beiden Handlungsfäden aus Kapitel 5 (die Entführung Prinz Johanns) und aus Kapitel 6 (die Befreiung der überfallenen Juden und des unbekannten Gefangenen) wieder auf und verknüpft sie. Mit dem Schneider Zademack läßt er – ausdrücklich darauf hinweisend – eine Figur aus »Fürst und Junker« wieder aufleben. Sowohl der Fürst zu Wenden, wie es korrekt heißen muß, als auch Johann von Briesen und Claus Köppen – May adelt ihn – stammen aus Klödens Werk, treten dort aber in anderem Zusammenhang auf. Nymand von Löben war einer der Schöppen beim Gerichtstag in Spandau.

11. Kapitel:  E i n  L e u  i m  K ä f i g

Caspar Gans von Putlitz wird vom Stiftshauptmann Hans von Röden gefangengenommen und zum Bischof von Brandenburg, Johann von Waldow, nach Schloß Ziesar gebracht. Der Bischof läßt ihn gefangensetzen. Märten Stelzer und Marie (Wildwasser), die Nichte des Bischofs von Brandenburg, kehren im Krug von Golzow ein.

   Ein fremder Reiter, der mit dem Wirt bedeutungsvolle Blicke wechselt, fragt die beiden nach deren Ziel aus. Ein fahrender Schüler beobachtet das. Der Reiter setzt seinen Weg fort; der Wirt macht sich an Stelzers und Maries Pferden zu schaffen, die daraufhin lahmen.

   Ein versuchter Überfall durch Knechte Wichart von Rochows wird von Stelzer und dem zu Hilfe eilenden Schüler, der sich Joachim Wolf


//276//

von Hagen nennt, abgewehrt. Sie reiten gemeinsam nach Wollin, wo sie sich trennen. In einem Gasthaus hört Joachim, wie Kriegsknechte mit der Gefangennahme Caspars Gans von Putlitz prahlen. Es kommt zum Streit mit dem Gefängnisvogt Matthias Schabegast, den Joachim zu Boden wirft. Märten Stelzer beendet den Streit und führt Joachim zum Bischof, dem Onkel des Mädchens. Es gelingt Caspar Gans von Putlitz, sich zu befreien. Der gewaltige Ritter packt den Bischof und hält ihn aus dem Fenster. Joachim, der in Wirklichkeit ein Sohn Caspars Gans von Putlitz ist, tritt dazwischen, der Bischof gewährt Caspar Ehrenhaft in Ziesar.

Die Gefangennahme Caspars und das Gespräch mit dem Bischof sind weitgehend aus dem III. Band von Klödens Werk übernommen. Interessant ist es, zu verfolgen, wie May diese Vorlage bearbeitete, wie er teilweise kürzte, aber auch, wie er manches ausbaute; so beispielsweise die Szene, in der sich die Gefängnistüre hinter dem Ritter schließt. May verkürzt auch den Gefängnisaufenthalt Caspars und erfindet eine hübsche Befreiungsgeschichte. Das Motiv, Reisende durch einen Spion auszuforschen, um ihnen auflauern zu können, und die unerwartete Hilfe in dieser Situation verwendet May später noch häufig, in den Orienterzählungen ebenso (»Durch das Land der Skipetaren«) wie im Wilden Westen (»Ein Dichter«, »Der Geist des Llano estakado«). Der Zigeunertrick, Pferde durch eine Nadel zum Lahmen zu bringen, taucht ebenfalls in den »Skipetaren« wieder auf. Märten Stelzer und Wildwasser sind Erfindungen Mays, während einer der drei Söhne Caspars Gans von Putlitz tatsächlich Joachim (Achim) hieß.

»Der Bischof ließt sich Caspar vorführen. Es thut mir leid Herr Caspar, sprach er, daß wir uns so wiedersehen. Aber ihr habt es nicht anders gewollt.

   C a s p a r .  Spart die Worte, Herr Bischof. Es wirds euch doch Niemand glauben, daß es euch leid thut. Sagt lieber die Wahrheit, daß es euch freut.

   B i s c h o f .  Bei eurer Unfriedfertigkeit allerdings. Daß sie euch aber in dies Unglück gestürzt hat, thut mir um euretwillen dennoch leid.

   C a s p a r .  Bestimmt mir lieber mein Lösegeld.

   B i s c h o f .  Davon kann für jetzt keine Rede sein. Ihr seid nicht allein mein, ihr seid auch des Burggrafen Gefangener.

   C a s p a r .  Des Burggrafen? Ich stehe ja mit ihm nicht im Kriege? Bin ich sein Feind?

   B i s c h o f .  Oeffentlich freilich nicht, ob ihr es im Geheimen waret, wird euch euer Gewissen sagen, vielleicht auch späterhin der Burggraf.

   C a s p a r .  In meinem Herzen kann keiner lesen, auch hat dazu Niemand das Recht. Für das was ich im Geheimen thue, kann ich nicht öffentlich bestraft werden.


//277//

   B i s c h o f .  Wer weiß? Indessen kommt es darauf nicht an. Ihr seid heimlich Feind des Burggrafen als obersten Verwesers der Mark gewesen, habt heimlich landesverderbliche Pläne geschmiedet. Steht euch dafür  ö f f e n t l i c h e  Bestrafung nicht an, so betrachtet euch vorläufig als des Herrn Burggrafen geheimen Gefangenen.

   C a s p a r .  Ich protestire – –

   B i s c h o f .  Warum soll es ihm nicht verstattet sein, heimlich gegen euch zu handeln, da ihr es euch doch gegen ihn erlaubt habt?

   C a s p a r .  Ich protestire gegen jede geheime Behandlung. Meine Gedanken sind zollfrei. Was ich gethan habe, ist öffentlich gewesen, und war gegen euer Stift gerichtet. Ihr könnt mir jetzt, da mich das Unglück in eure Hand gegeben, ein Lösegeld abfordern, und bis es abgetragen ist, ritterlich Gefängniß nach gutem Brauch geben, aber weiter habt ihr kein Recht.

   B i s c h o f .  Ihr fühlt wohl Herr Caspar, daß es euch nicht zusteht, hier Vorschriften zu geben. Mag es euch recht oder unrecht scheinen, so werdet ihr euch dennoch einen engen Gewahrsam gefallen lassen müssen, und ihr werdet gut thun, keine Worte weiter zu verlieren. Alles Andere wird sich später finden.

   Er winkte dem Wachtmeister, der Caspar herein geführt hatte, und flüsterte ihm einige Worte zu. Dann nahm er ihn mit hinaus. Zwei Lanzknechte geleiteten ihn, und ein Geistlicher folgte, um zu sehen, ob des Bischofs Befehle erfüllt würden. Die Thür eines engen Gefängnisses öffnete sich, und schloß sich hinter Caspar auf längere Zeit, als er fürchtete.«

(Klöden III, S. 300f.)

Die Freude des Bischofs über den Fang des gefürchtetsten seiner Feinde war natürlich keine geringe; er belobte den Stiftshauptmann wegen der Klugheit und Umsicht, mit welcher derselbe gehandelt hatte, und ließ sich Caspar Gans von Putlitz vorführen.

   »Es thut mir leid, Herr Caspar,« sprach er, daß wir uns in dieser Weise sehen. Ich bin Euch stets zum Frieden und zur Versöhnung geneigt gewesen, aber Ihr habt es nicht anders gewollt.«

   »Spart die Worte,« antwortete Putlitz kurz und rauh. »Es wird Euch kein Mensch glauben, daß meine Gefangennahme Euch leid thut. Ein ehrlicher Mann sagt stets die Wahrheit, und Euch bereitet mein Kommen nichts als Freude.«

   »Wenn Ihr Euch so bärbeißig geberdet, so muß es mir allerdings lieb sein, einen so unfriedfertigen Gegner in meiner Gewalt zu haben. Für mich seid Ihr hier bei mir besser aufgehoben, als auf Putlitz, Lenzen oder Wolfshagen bei den Eurigen.«

   »Das will ich Euch wohl glauben; doch hoffe ich, daß ich nicht lange hier aufgehoben sein werde. Bestimmt das Lösegeld, und man wird es Euch senden.«

   »Davon kann für jetzt keine Rede sein, denn Ihr seid nicht blos mein, sondern auch des Burggrafen Gefangener.«


//278//

   »Des Burggrafen? Wie meint Ihr das? Bin ich etwa sein Feind? Stehe ich mit ihm im Kriege? Habt Ihr mich gefangen genommen oder ist er es gewesen?«

   »Oeffentlich seid Ihr allerdings nicht sein Feind, ob aber nicht im Geheimen, das wird Euch Euer Gewissen sagen, vielleicht auch späterhin der Burggraf.«

   »Wer kann in meinem Herzen lesen? Oder darf und kann Jemand öffentlich bestraft oder angefochten werden für das, was er im Geheimen thut?«

   »Wer weiß! Indessen kommt es ja jetzt darauf auch gar nicht an. Der Markgraf ist oberster Verweser der Mark, und Ihr habt gegen ihn als solchen heimlich landesverderbliche Pläne geschmiedet. Steht Euch dafür eine öffentliche Bestrafung nicht an, so betrachtet Euch vorläufig als des Herrn Burggrafen geheimen Gefangenen!«

   »Ich protestire gegen diese – –«

   »Warum,« fiel ihm der Bischof in das Wort, »warum soll es denn gerade ihm nicht verstattet sein, heimlich gegen Euch zu handeln, da Ihr es Euch doch gegen ihn erlaubt habt?«

   »Ich protestire, sagte ich, gegen jede geheime Behandlung. Meine Gedanken sind zollfrei; was ich gedacht habe, geht also Euch nichts an, und was ich gethan habe, das war öffentlich und nur gegen Euer Stift gerichtet. Ihr könnt mir jetzt, da mich das Unglück in Eure Hand gegeben hat, ein Lösegeld abfordern, und bis es abgetragen ist, mich in ritterlichem Gefängnisse bei Euch halten, weiter aber habt Ihr kein Recht.«

   »Ihr fühlt wohl selbst, Herr Caspar, daß es Euch nicht zusteht, hier Vorschriften zu machen. Mag es Euch recht oder unrecht erscheinen, so werdet Ihr Euch dennoch einen engen Gewahrsam gefallen lassen müssen, und Ihr werdet gut thun, keine Worte weiter zu verlieren. Alles Andere wird sich später finden!«

   »In engen Gewahrsam?« donnerte Caspar, indem seine Fäuste sich ballten und seine Gestalt sich hoch aufrichtete. »Wer will mich hindern, Euch trotz der Fesseln diesen engen Gewahrsam hinter die Ohren zu schreiben?«

   Er maß den Bischof und die Anwesenden mit einem verächtlich zornigen Blicke, warf den stolzen Kopf in den kräftigen Nacken zurück und drehte sich dann ruhig um.

   »Pah! Ihr tragt die Tonsur, und was weiß ein Pfaffe von ritterlicher Pflicht und Schonung. Führt mich ab, und ich sage dasselbe, was Ihr mir sagtet: das Andre wird sich später finden!«

   Der edle Recke glich in diesem Augenblicke dem Löwen, welcher sich voll Verachtung von dem Schakal wendet, der ihn in seinem Lager gefangen zu haben meint. Johann von Waldow antwortete nicht; er winkte nur dem Wachtmeister, welcher den Gefangenen hereingebracht hatte, zu sich und flüsterte ihm einige Worte zu. Dieser trat zu Caspar und bedeutete ihm, zu folgen. Von einigen Landsknechten gefolgt, schritten die Beiden eine schmale Treppe hinab und standen nach kurzer Zeit vor einer kleinen, niedrigen Thür, welche der Wachtmeister öffnete. Ein enger, lichtloser Raum, kaum so


//279//

hoch, daß ein Mann in ihm zu stehen vermochte, lag vor Putlitz. Er verlor kein Wort, sondern trat hinein. Die Thüre wurde zugeschlagen; der Schlüssel rasselte unheimlich in dem Schlosse; die Riegel klirrten, die Schritte der Männer verhallten nach und nach in der Ferne, und dann, dann war es still. – – –

(Quitzows, S. 353f.)

12. Kapitel:  D i e  S ö h n e  d e s  G e ä c h t e t e n

Wieder einmal sitzen die Ritter von dem Kruge und Claus von Quitzow auf Burg Garlosen und zechen. Die Knechte erzählen einander Gespenstergeschichten. Da erscheint ein Bote des Burggrafen und mahnt die Ritter, ihre Räubereien aufzugeben. Die beiden Söhne Dietrich von Quitzows, Dietz und Cuno, reiten nach Stavenow zu Claus, dem Vetter ihres Vaters. Sie werden Zeugen, wie zwei Wenden einen Klosterbruder gefangennehmen. Von Claus erfahren sie, daß ihr Vater mit dem »Schwarzen Dietrich« identisch ist, und sind darüber zutiefst betroffen. Sie verlassen das Schloß. Heinrich Schwalbe und Caspar Liebenow, die sich nun als Knappen ihrer jungen Herrn fühlen, folgen ihnen. Die beiden Wenden, Wratislaw und Gieljuschken, ermorden den Mönch, der in Wirklichkeit der Jäger Günther ist, ein Mitwisser des Geheimnisses um die Abstammung Dietrich von Quitzows. Dietz und Cuno stürzen sich auf die Wenden, es kommt zum Kampf, in dem die Mörder ihr Leben lassen.

Dieses Kapitel nimmt einige Motive und Handlungsfäden von Axmanns »Fürst und Junker« wieder auf: Das Räuberleben Dietrichs von Quitzow, das Geheimnis um seine Abstammung, seine Kumpanei mit den Wenden, die alte Klosterruine und noch manches andere. Obwohl sich in Klödens Werk mancher Hinweis auf die Wenden findet, ist dieses nach heutigem Wissen(25) keineswegs slawische, sondern germanische Volk (Nachkommen der Vandalen), das lediglich eine slawische Sprache spricht, nicht in irgendeine Handlung eingebunden. Hier spann Karl May einfach den Axmannschen Faden weiter, wobei auch er die Minderwertigkeit dieser Menschen betont. Daß dies dramaturgische Gründe hatte und keineswegs einem Antislawismus zugerechnet werden kann, zeigt Mays Sympathie etwa für Wanda, die wilde Polin, in seiner gleichnamigen Novelle »Wanda« oder für den Polen Dozorca. Cuno und Dietz werden in die Handlung nunmehr als Hauptfiguren eingeführt – bei Axmann werden sie zwar erwähnt, spielen aber eine untergeordnete Rolle. In ihr Gespräch über die politische Lage ist auch der Text einer Urkunde des


//280//

Kaisers Siegmund (Sigismund) eingeflochten, die aus dem III. Band von Klödens Werk übernommen ist.

13. Kapitel:  D e r  S ü h n e  Anfang

Cuno, Dietz und die beiden Knappen finden Pferdekadaver und die Leichen der Wegelagerer, die Hans und Karl von Uchtenhagen überfallen hatten. Ein Verdächtiger, der sich am Kampfplatz umhertreibt, wird überwältigt, entpuppt sich aber als Jobst Schwalbe, der Bruder Heinrich Schwalbes. Gemeinsam suchen sie die Klosterruine auf, wo Dietz wagemutig als Abgesandter des »Schwarzen Dietrich« vor die Räuber tritt. Sein sicheres Auftreten überzeugt die wilden Gesellen. Die Brüder befreien die beiden Uchtenhagen. Jobst Schwalbe führt Dietz zu den Schätzen des »Schwarzen Dietrich«. Heinrich Schwalbe fällt im Kampf mit den Weglagerern.

An dieser Stelle endet die in Heft 28 abgedruckte Fortsetzung, die letzte, die Karl May als Verfasser nennt. Ab Heft 29 heißt es »begonnen von Karl May, fortgeführt von Dr. Goldmann«.

In einem Kästchen findet sich Geschmeide, von dem jedes Stück mit einem »W« gekennzeichnet ist. Dietz nimmt einen kostbaren Ring mit. Sie passieren einen Gang, der eine Sicherheitsvorkehrung enthält, die den Uneingeweihten in die Tiefe stürzen läßt. Als sie zurückkehren, ist gerade eine Meuterei unter Führung des seine Anführerrolle gefährdet sehenden Langen Thomas im Gange. Dietz und den Seinen gelingt es, die Oberhand zu behalten, Thomas findet den Tod. Aus dem Turm werden nun die Gefangenen, darunter die geistig verwirrte Gräfin, befreit. Die Uchtenhagen laden Dietz und Cuno zu sich auf die Burg ein. Plötzlich sind Liebenow, Schwalbe und die Befreiten verschwunden. Die Suche bleibt erfolglos.

Mit Kapitel 13 erfolgt der nominelle Wechsel des Verfassers, es ist jedoch die Frage, ob bereits die erste Zeile der Fortsetzung reiner Goldmann-Text ist. Da Karl May wußte, wann er aus dem Verlag ausscheiden würde, konnte er den von ihm verfaßten und wohl auch noch redigierten Text so dosieren, daß der Vorrat nicht allzuweit über den Zeitpunkt des Ausscheidens hinaus reichte. Andererseits dürfte er für einen geordneten Übergang zu dem neuen Autor gesorgt haben, wofür auch die Tatsache spricht, daß es keine Unterbrechung gab. Bei regel-


//281//

mäßigem Erscheinen müßte Heft 29 Mitte März 1877 erschienen sein. Ein inhaltliches Indiz dafür, daß die Fortsetzung in Heft 29 nicht von May stammt, ist die Befreiung der eigentlich schon in Kapitel 7 befreiten Gräfin; ein solcher Fehler wäre Karl May wohl nicht passiert.

VII.

Dr. Heinrich Goldmann wurde am 8. April 1841 in Liegnitz geboren, war also ein Jahr älter als Karl May.(26) Über seinen Werdegang ist nichts bekannt, lediglich, daß er im letzten Quartal des Jahres 1876 zwei Erzählungen im »Weltspiegel« veröffentlichte und in Dresden wohnte.(27)

   An ihn wandte sich Münchmeyer vermutlich im Zusammenhang mit der Krisensituation, die durch den Ausfall bzw. Tod Axmanns und die Kündigung Mays zu Ende des Jahres 1876 entstanden war. Möglicherweise wurde Goldmann damals schon die Übernahme beider Romane angeboten: ein kurzfristiges Einspringen für Friedrich Axmann beim »Testament des Großen Kurfürsten«, und eine geplante Ubernahme der »Quitzows« einige Monate später. Darauf würde auch die Tatsache hindeuten, daß das »Testament« ein Heft lang unterbrochen wurde, die »Quitzows« hingegen nahtlos weiterliefen. Es ist durchaus denkbar, daß Mays Kündigung mit der Bitte Münchmeyers oder dem Angebot Mays verknüpft war, für die Fertigstellung des soeben erst angelaufenen »Quitzow«-Romans zu sorgen. Vielleicht hat May Goldmann sogar schon vorher gekannt und ihn von sich aus vorgeschlagen. Dies würde auch für die kooperative Übertragung der Aufgabe und für eine spätere fallweise Konsultation Mays sprechen.

   Es ist anzunehmen, daß Karl May – schon aus Kollegialität – Goldmann ausführlich über seine Vorstellungen informiert und ihm seine Aufzeichnungen zur Verfügung gestellt hat. Gerade angesichts der Schwierigkeiten Axmanns mit der Romanstruktur wird sich May mit Sicherheit ein Strukturkonzept erstellt haben, in dem der geplante Verlauf der Handlungsfäden über die Fortsetzungen hinweg wenigstens grob festgehalten war. So zeigt der bisherige Handlungsverlauf eine Art zyklischen Wechsel der Schauplätze, der sich bei Goldmann in ähnlicher Art fortsetzt und erst gegen Schluß etwas zerfleddert.

   Goldmann wird sicher erfahren haben, wie sich May die Weiterführung der Falkenmeister-Episode vorgestellt hat, wie es mit Rolf Vendaskiold und dem Geldtransport, mit dem Grafen Warwick, der verwirrten Gräfin, Detlef und Marie, Dietz und Cuno weitergehen sollte. Überdies wird May Goldmann auch in das »Geheimnis« des Quellen-


//282//

werkes [Quellenwerkes] eingeweiht haben, dessen sich Goldmann aber bei weitem nicht so intensiv bedient hat wie seine Vorgänger. Eine der im Goldmannschen Teil neu hinzukommenden Romanfiguren ist etwa Heinrich von Strantz, der bei Klöden nur kurz erwähnt wird.

   J. Biermann hat sich mit der Frage, wo genau der Wechsel der Autoren stattgefunden haben könnte, eingehend befaßt und ist zu einem plausiblen Ergebnis gekommen.(28) Die Kriterien des unterschiedlichen Satzbaus und der Vorliebe Goldmanns für eine Genitivbildung mit Apostroph sind durchaus signifikant und lassen den Schluß zu, daß bis Heft 28 tatsächlich May und ab Heft 29 Dr. Goldmann der Verfasser ist.

   Dafür sprechen auch rein organisatorische Gründe: Goldmann legte sicher Wert darauf, von einer genau definierten Fortsetzung an honoriert zu werden. Somit dürfte er etwaigen Mayschen Text überarbeitet oder neu gefaßt haben; andererseits ist es schwer, sich vorzustellen, daß May seinerseits auf Honorar für eine fertige Fortsetzung verzichtet habe. Der Autorenwechsel kann also durchaus exakt zwischen Heft 28 und 29 liegen.

   Eine interessante Überlegung, allerdings mehr atmosphärischer Natur, soll in diesem Zusammenhang nicht verschwiegen werden: May hatte es in den Dialogen der »Sprachkünstler« Caspar Liebenow und Heinrich Schwalbe zu einer gewissen Virtuosität gebracht, die bereits auf die Wortkaskaden eines Hobble-Frank hinweist. Man kann annehmen, daß Goldmann sich in dieser Beziehung überfordert fühlte und deswegen Liebenow und seinen Pruder Schwalpe erst einmal verschwinden ließ, um der Sorge des Formulierens enthoben zu sein. Liebenow verschwindet in Heft 29 und tritt erst in Heft 34 wieder auf, bekommt aber von Henning von Bismarck einen Schlag auf den Kopf, der ihn etliche Seiten lang zum Schweigen verurteilt. Dann allerdings schlägt sich Goldmann ganz wacker, aber nur was Liebenow betrifft. Heinrich Schwalbe, der einen wesentlich komplexeren Satzbau pflegt, schon von Axmann her die Umschreibung mit dem Verbum »thun« liebt und obendrein berlinert, war indes schon in Heft 28 zum »ewigen Schweigen« verurteilt worden, und zwar etwas überraschend, so daß hier ein erstes Eingreifen Goldmanns vermutet werden könnte (vgl. Quitzows, S. 435, rechte Spalte).

   Dem offiziellen Registerauszug zufolge starb Goldmann am 9. Mai 1877 in Dresden und wurde dort am 12. Mai begraben. Über seine Todesursache ist bisher nichts bekannt. Münchmeyer spricht in seiner Todesanzeige davon, daß »die kalte Hand des Todes plötzlich eisern sich niederlegte«, daß Goldmanns Ableben also unerwartet erfolgt sein muß.


//283//

   Da sowohl das »Testament« als auch die »Quitzows« ohne größere Unterbrechung weiterliefen – der Zeitpunkt des Ablebens müßte etwa bei Heft 37 gelegen sein –, ist anzunehmen, daß Goldmann ausreichend Manuskript hinterlassen hat. Bei den »Quitzows« reichte es offensichtlich bis zum Schluß (Heft 41), oder es war wenigstens so weit konzipiert, daß ein Redakteur damit den Roman abschließen konnte. Darauf könnte auch eine gewisse Hastigkeit und strukturelle Verschwommenheit, speziell im abschließenden Kapitel 18 »Vergeltung«, hinweisen.

   Beim »Testament« reichte das Manuskript zwar zwei Hefte weiter – bis Heft 43 –, der Roman konnte damit jedoch nicht abgeschlossen werden. Ein in Münchmeyers Anzeige nicht näher bezeichneter »neue(r) Verfasser« nahm in Heft 49 den Faden auf und schrieb den Roman fertig, benötigte hierfür allerdings noch zwei zusätzliche Hefte, so daß der 2. Jahrgang des »Deutschen Familienblattes« 54 Hefte umfaßt.

VIII.

Um den Stellenwert von Mays »Der beiden Quitzows letzte Fahrten« innerhalb seines Werkes beurteilen zu können, ist es notwendig, dieses Romanfragment einerseits im Kontext mit Axmanns »Fürst und Junker« und der Fortsetzung durch Dr. Goldmann zu sehen, andererseits in engem Zusammenhang mit den anderen Frühromanen »Auf der See gefangen« (1878), »Scepter und Hammer« (1879/80) und »Die Juweleninsel« (1880/81).(29) In ihnen lotet May die stofflichen Möglichkeiten aus, um herauszufinden, was bei der Leserschaft am besten ankommt und welche Richtung er in Zukunft verfolgen solle. Bei den »Quitzows« sah er möglicherweise die Chance, die Tauglichkeit des historischen Ritter und Räuberromans zu testen, den er vorsichtig mit dem See- und Seeräuberroman verknüpft.

   In »Auf der See gefangen« behält er gewissermaßen das Personal bei, stellt es lediglich in einen aktuellen zeitlichen Zusammenhang und wagt den Sprung über den Ozean nach Nordamerika, an die Ostküste ebenso wie an die Westküste, aber auch in den Wilden Westen. Aus Wachtmeistern und Knappen werden Westmänner und Trapper, die kühnen Ritter verwandeln sich in »Helden des Westens«. Caspar Liebenow, Heinrich Schwalbe und Balthasar durchziehen nicht mehr die Wälder der Mark Brandenburg, sondern als Dick Hammerdull, Pitt Holbers und Bill Potter den Wilden Westen. Die Suteminn, Uchtenhagen und Warwick nennen sich nun Sam Fire-gun, Treskow und Max


//284//

von Schönberg-Wildauen. Sie kehren nicht mehr bei Mutter Quail ein, sondern bei Mutter Thick.

   In »Scepter und Hammer« und »Die Juweleninsel« testet May die Tauglichkeit des Schauplatzes Orient und kombiniert ihn mit den bisherigen Themenkreisen. Wieder ist das handelnde Personal dasselbe: Rolf Vendaskiold wird zu Katombo, dem schwarzen Kapitän, der May schon bei der Aufstellung seines Repertoriums fasziniert haben muß, Wachtmeister Liebenow steigt in die Kluft des Schmiedegesellen Thomas Schubert. Für das leibliche Wohl sorgt nunmehr die Wirtin Barbara Seidenmüller.

   Es würde den Umfang dieses Beitrages sprengen, wollte man alle Motive und Elemente, die diesen Frühromanen gemeinsam sind, aufzählen, mit den gleichzeitig entstandenen Erzählungen in Beziehung setzen und durch die Kolportageromane hindurch bis in die »klassischen« Werke Mays verfolgen. Bei nicht wenigen dieser Motive – und das macht den speziellen Reiz des »Quitzow«/Romans aus – stand Friedrich Axmann Pate, der, wie erwähnt, als ein wichtiger Lehrmeister Mays gelten kann. Deshalb ist es außerordentlich verdienstvoll, daß Karl Serden eine Reprintausgabe von »Fürst und Junker« herausgebracht hat.

   Aber auch Axmanns »Stamm«-Themen aus der Donaumonarchie haben Karl May stark beeinflußt: Die »Geheimen Gewalten« haben deutliche Spuren im »Verlorenen Sohn« hinterlassen; die Wien- und Triest-Episoden im »Weg zum Glück« weisen ebenso auf Axmann hin wie die Ereignisse in der Walachei im Zusammenhang mit dem Fex alias Baron Gulyan. Ein systematischer Vergleich von Motiven der beiden Schriftsteller wäre wirklich sehr aufschlußreich und brächte möglicherweise eine weitere Bestätigung der Erkenntnis, daß Mays Phantasie sich nicht durch das Erfinden phantastischer Handlungen auszeichnete – hierin waren ihm Kollegen wie Jules Verne oder Robert Kraft sicherlich überlegen –, sondern im wirkungsvollen Modifizieren und Kombinieren bereits vorhandener Romanfiguren und Handlungselemente bestand. Eine Ausnahme hiervon bildet allerdings das Spätwerk.

   Karl May hat später nie wieder einen historischen Roman verfaßt. Was uns heute historisch anmutet, waren zu Mays Zeit aktuelle politische Gestalten und Ereignisse, Benito Juarez wie Ludwig II. von Bayern, der Untergang der nordamerikanischen Indianer ebenso wie der amerikanische Bürgerkrieg oder der Mahdi-Aufstand. Lediglich in »Die Liebe des Ulanen« tritt Napoleon I. in einer umfangreichen Rückblende ins Geschehen, aber nicht als Haupthandlungsträger. Die immer stärker werdende Identifikation mit seinen Helden ließ keine zeit-


//285//

liche [zeitliche] Distanz in historischen Dimensionen zu, sie erforderte ein Denken und Handeln in der Gegenwart, bis hin zur offenen Gleichsetzung des Schriftstellers und Dichters mit dem »Ich« seiner Romane und Erzählungen. Erst in dieser Form hatte das Schreiben für May die Wirkung, die ihn die tragischen Entwicklungen seiner Jugend kompensieren und zu einem der großen Erzähler deutscher Zunge werden ließ.

*



Für wertvolle Hinweise und Diskussionen zu dem behandelten Thema möchte ich den Herren Anton Haider, Rüdeger Lorenz, Hainer Plaul, Roland Schmid (+), Karl Serden und Wilhelm Vinzenz danken.

1   Otto Fürst von Bismarck: Gedanken und Erinnerungen. Bd. 1. Stuttgart-Berlin 1919, S. 331f.

2   Richard Roth: Der Burggraf und sein Schildknappe. Leipzig 51913, S. 359

3   Ebd., S. VI

4   Hainer Plaul: Redakteur auf Zeit. Über Karl Mays Aufenthalt und Tätigkeit von Mai 1874 bis Dezember 1877. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft (Jb-KMG) 1977. Hamburg 1977, S. 114–217

5   Ebd., S. 115

6   Karl May: Ein Schundverlag. Ein Schundverlag und seine Helfershelfer. Prozeßschriften Bd. 2. Hrsg. von Roland Schmid. Bamberg 1982, S. 280

7   Ebd.

8   Rudolf Lebius: Die Zeugen Karl May und Klara May. Berlin-Charlottenburg 1910, S. 121 – Hier muß May ein Irrtum unterlaufen sein, denn er hat die Zeitschrift »Für alle Welt« weder gegründet noch erschien sie bei Münchmeyer. Gemeint sind die »Feierstunden am häuslichen Heerde«. (Eine Manipulation Lebius' ist an dieser Stelle wohl unwahrscheinlich, da diese »Falschmeldung« ihm keinen Vorteil brachte.)

9   Ebd.

10   Plaul, wie Anm. 4, S. 157

11   Karl Serden: Vorbemerkung. In: Friedrich Axmann: Das Testament des Großen Kurfürsten. Reprint hrsg. von Karl Serden und Wolfgang Dörr. Ubstadt 1988

12   Ebd. – Karl Serden bringt auch in: Vorbemerkung. In: Friedrich Axmann: Fürst und Junker. Reprint hrsg. von Karl Serden. Ubstadt 1990, eine Aufstellung stilistischer Ähnlichkeiten zwischen Axmann und May.

13   Karl May: Mein Leben und Streben. Freiburg o. J. (1910), S. 237

14   Bibliographie der Werke Friedrich Axmanns in: Serden, Vorbemerkung zu »Fürst und Junker«, wie Anm. 12, S. XIX

15   Plaul, wie Anm. 4, S. 152

16   Karl Friedrich Klöden: Über v. Ledebur's »Archiv für die Geschichtskunde des preußischen Staates«. In: Vossische Zeitung. Jahrgang 1831. Nr. 18

17   Karl Friedrich Klöden: Die Mark Brandenburg unter Kaiser Karl IV. bis zu ihrem ersten Hohenzollerschen Regenten, oder Die Quitzows und ihre Zeit. Bd. IV. Berlin 1846, S. 500/501 (Epilog)

18   Leopold von Ranke: Genesis des preußischen Staates. Leipzig 1874, S. 67

19   Karl Friedrich Klöden: Von Berlin nach Berlin. Erinnerungen 1786–1824. Hrsg. von Rolf Weber. Berlin 1976

20   Vgl. Siegfried Augustin: Karl May und der Wilde Westen. In: Karl May in Bildern. Buchers Sammelsurium. Bd. 1. Luzern o. J., S. 13


//286//

21   Weitere stark quellenabhängige Stellen dieses Kapitels: Gespräch der Reisigen über Suteminn (Klöden III, S. 301f. – Quitzows, S. 146); Auszug Elisabeths von Quitzow aus Burg Friesack (Klöden III, S. 355 – Quitzows, S. 148)

22   Hier unterläuft May ein Anachronismus: Pierandrea Mattiolus lebte von 1501 bis 1577 und war, nachdem er Italien verlassen hatte, Leibarzt des Erzherzogs Ferdinand und dann des Kaisers Maximilian II. Sein prachtvolles Werk zählte zu den erfolgreichsten Kräuterbüchern der Renaissance – und konnte unmöglich um 1414 bereits in Suteminns Zauberhaus vorhanden gewesen sein.

23   Den Text zur Geschichte der von Wedel übernahm May nahezu wörtlich von Klöden (III, S. 461ff. – Quitzows, S. 263).

24   Plaul, wie Anm. 4, S. 187

25   Franz Wolff: Ostgermanien. Tübingen 1977, S. 188ff.

26   Mitteilung von Hainer Plaul (Schreiben an den Autor vom 11.5.1986)

27   Joachim Biermann: Wer war Dr. Goldmann? In: Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft 74/1987, S. 39–46

28   Ebd.

29   Der Begriff »Frühromane« für diese Werke wurde im Beitrag des Verfassers zum Karl-May-Handbuch vorgeschlagen: Siegfried Augustin: Werkartikel: »Der beiden Quitzows letzte Fahrten«. In: Karl-May-Handbuch. Hrsg. von Gert Ueding in Zusammenarbeit mit Reinhard Tschapke. Stuttgart 1987, S. 369.


Inhaltsverzeichnis


Alle Jahrbücher


Titelseite

Impressum Datenschutz