[Leider konnten nicht alle bei den chinesischen Textproben verwendeten Akzente in HTML umgesetzt werden. Der umgedrehte Accent circonflexe wurde mittelst eines "echten" Accent circonflexe dargestellt.]
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WALTER SCHINZEL-LANG

Fundierte Kenntnisse oder phantasievolle Ahnungslosigkeit? · Die Verwendung der chinesischen Sprache durch Karl May(1)



»Erlaube mir, daß ich dich in der Sprache rufe, welche im Schin-tan (Anm. May: Schin-tan wird China von den Buddhisten genannt) gesprochen wird! Du bist ein Tao-dse; welchen Rang hat dir dein Kaiser gegeben?« »Ich reise in allen Ländern der Erde und schreibe dann Bücher über das, was ich gesehen habe.« »So bist du nicht bloß ein Hieu-tsai (Anm. May: »Blühendes Talent«, wie der Baccalaureusgrad genannt wird) oder ein Kieu-jin (Anm. May: »Beförderter Mensch«, ungefähr Licentiat), sondern ein Tsin-sse (Anm. May: »Vorgerückter Mann«, so viel wie Doktor. Auf diesen drei Graden beruht die Anstellungsfähigkeit in China, und nur einem Tsin-sse werden vornehmere Aemter übertragen) und hast Recht zu den höchsten Ehrenstellen deines Landes. Du bist groß und stark und klug; ich werde dich Kuang-si-ta-sse (Anm. May: Wörtlich: »Großer Glanz, Doktor aus dem Westen«) nennen, denn dein Land liegt im Ti-si (Anm. May: »Westliche Erde«). « (K 113f.)

   An diesem Eingangsbeispiel läßt sich der Rahmen, in dem sich Karl May mit der chinesischen Sprache beschäftigte, schon deutlich abstecken: da liegt Unverständliches neben Einwandfreiem, aus vorhandenem Vokabular Selbstzusammengestelltes neben Neugeschaffenem. Hier zu differenzieren, die Spreu vom Weizen zu trennen, bei aller – notwendigen – Kritik an dem von Karl May präsentierten Chinesisch auch die Gründe für seine Irrtümer zu analysieren und bei alledem dessen Bemühungen, seiner Leserschaft eine anschauliche Vorstellung dieser doch so fremden Sprache zu liefern, entsprechend zu würdigen, dies soll im vorliegenden Versuch unternommen werden.

   Der oben von Karl May verwendete Begriff »Shin-tan« ist nicht ohne weiteres verständlich; allenfalls wäre bei »Shin« an «chen» »Staub« zu denken, was im chinesischen Buddhismus als metaphorisches Epitheton für die »materielle Seinswelt«, für das »Sterbliche« schlechthin verwendet wurde; damit gebildet etwa «chen-fen» »staubiger Grabhügel« als Bezeichnung für die irdische Welt. Mit »tan«, also «dan» oder «tan», ist weder in dieser Beziehung noch in bezug auf China eine Assoziation zu


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finden. Die Bezeichnungen für die akademischen Grade im traditionellen chinesischen Prüfungssystem sind im Grunde richtig dargestellt: «Xiu-cai», «Ju-ren» und «Jin-shi»; allerdings bedeutet «Xiu-cai» im engeren Sinne die staatliche Prüfung auf der untersten Verwaltungsebene, während der dort errungene Titel «Sheng/yuan» lautet.(2)

   Der Titel, den Kong/ni für Mays Ich/Erzähler auswählt, ist aus den angegebenen chinesischen Worten erschließbar, entspricht aber nicht ganz der Mayschen »Übersetzung«: «guang/xi da/shi» ließe sich als »Großer Meister aus dem glanzvollen Westen« lesen. Die »westliche Erde« ist just vertauscht und müßte »si/ti« «xidi» heißen; der Begriff existierte als solcher aber nicht, denn auch im alten China gab es nur eine Erde als kosmologische Größe. Der politgeographische »Westen«, also Europa im weitesten Sinne, wurde als »westlicher Ozean« «xi-yang» bezeichnet.

   Daß der solchermaßen geehrte Ich-Erzähler also neben dem Rest der Welt auch das »Reich der Mitte« bereiste, ist für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts gar nicht mehr so außergewöhnlich, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag; es gibt aus dieser Zeit mehrere Beispiele für bestandene Expeditionen in diesen, so fremden Kulturerdteil am anderen Ende unseres Kontinents.(3) Denn spätestens seit dem im ersten sogenannten Opium-Krieg dem chinesischen Reich durch Großbritannien abgezwungenen Vertrag von Nanking im Jahre 1842 galt dieses nominell selbständige, aber »unterentwickelte« Land als willkommenes Explorationsgebiet für den wirtschaftlichen und politischen Ausdehnungsdrang aller Nationen europäischer Kulturprovenienz.

   So haben Reiseerzählungen Karl Mays ihren Schauplatz auch in China. Im einzelnen sind dies:

– Die Provinz Guangdong im Süden Chinas mit den Städten Kanton «Guangzhou» und der britischen Kronkolonie Hong Kong in »Der Kiang-lu«;(4)

– der Norden Chinas mit den heutigen Gebieten Liaoning, Innerer und Äußerer Mongolei in »Der Brodnik«, Kap. 3: »Om, mani padme hum!«;(5)

– nochmals Südchina mit den Provinzen Guangdong, Hunan und Jiangxi in »Kong-Kheou, das Ehrenwort«.(6)

Darüber hinaus spielen Chinesen eine Rolle in Südostasien in:

»Der Girl-Robber«(7) und »An der Tigerbrücke«;(8)

in Nordamerika in »Der schwarze Mustang«;(9)

im Nahen und Fernen Osten oder, wenn man so will, auf der ganzen Welt in: »Et in terra pax« bzw. »Und Friede auf Erden!«(10)


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Von diesen Erzählungen sind »Der Kiang-lu« und »Kong-Kheou, das Ehrenwort« die mit Abstand ergiebigsten, was die Verwendung chinesischer Sprachzitate betrifft, und sollen deshalb in erster Linie zur Grundlage der vorliegenden Untersuchung gemacht werden.

   Was an diesen Reiseerzählungen erstaunt, sind in erster Linie die von Karl May demonstrierten Chinesisch-Kenntnisse vor allem der Hauptfiguren, zumeist des Ich-Erzählers, und das ist in den China-Erzählungen wiederum Karl Mays Alter ego Old Shatterhand,(11) im Falle des »Methusalem«, des – bei allen Marotten – positiven Helden Fritz Degenfeld. Daß Karl Mays Romanhelden aufgrund ihrer außerordentlichen fremdsprachlichen Fähigkeiten an jedem Ort der Welt, an dem sie ihre Abenteuer erleben, sich ohne Schwierigkeiten verständigen können, ja oftmals nur aufgrund dieser profunden Sprachkenntnisse die meist lebensgefährlichen Situationen überhaupt zu überstehen in der Lage sind oder wenigstens damit die Dramaturgie der Erzählung verbessern helfen, ist aus den Erzählungen Karl Mays anderweitig hinlänglich bekannt. Nun galt aber die chinesische Sprache in den Tagen Karl Mays – und das hat sich bis heute eigentlich nicht sehr geändert – als ausgesprochen exotisch und schwer erlernbar. So heißt es in einer 1872 erschienenen populärwissenschaftlichen Veröffentlichung, die auch Karl May vorgelegen haben könnte: »Man beachte die ungeheuren Schwierigkeiten, die sich bloß durch Accentuation und Gestikulation dem Schüler, insbesondere dem ausländischen, bei Erlernung dieser Sprache, die das feinste musikalische Gehör erfordert, entgegen stellen! Der Aquarellmaler Hildebrandt, der bekanntlich seiner Studien wegen längere Zeit in China lebte und der zweimal in Hong-kong und Pe-king bei tüchtigen Sprachmeistern chinesischen Unterricht nahm, erklärte: »daß diese vermaledeite Sprache und Schrift in seinem Gedächtnis nicht haften wolle und daß ihm die zusammengeschnörkelten Schriftzeichen Schwindel verursachten.« Dabei hatte Eduard Hildebrandt Sprachtalent, sprach deutsch, englisch und französisch.«(12) Wenn demgegenüber dann Karl May als Ich-Erzähler oder auch der ewige Korpsstudent Degenfeld diese Sprache ganz vorzüglich beherrschen, so soll das natürlich ihre bewundernswerte Überlegenheit nur unterstreichen. Denn zur Zeit dieser Romanhelden gab es sicherlich nur wenige, die es ihnen gleichtun konnten.(13)

   Zwei Stellen aus dem »Kiang-lu« seien beispielhaft angeführt: Ich drehte mich ihm [Kong-ni, d. Verf.] zu und fragte im Kuan-hoa (Anm. May: Die Sprache der gebildeten Chinesen), da ich vermutete, daß er mich ja jedenfalls verstehen werde ... (K 108) »Lesen und verstehen lernte ich sie [die chinesische Sprache, d. Verf. ] in meiner Heimat, spre-


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chen [sprechen] aber im Lande der Yeng-kie-li [soll sein: »Yankees«, d. Verf.], wo viele chinesische Kuli sind, mit denen ich verkehrte, um ihre Sprache zu studieren.« (K279)

   Die bewundernswerte Leistung, mit der sich die Helden Karl Mays aufgrund ihrer Sprachkenntnisse an sich schon auszeichnen, wird dann von Karl May noch durch die Einschränkung gesteigert, daß jene angeblich das Chinesische nur beiläufig erlernt haben wollen oder daß ihre Kenntnisse darin nur recht unzulänglich seien: Er [der chinesische Teehändler, d. Verf. ] hatte mit dem Studenten Freundschaft geschlossen, von ihm sich in der deutschen Sprache, die er, als er sich hier niederließ, nur gebrochen sprach, unterrichten lassen und ihm dafür so viel vom Chinesischen beigebracht, daß der »Methusalem« desselben recht leidlich mächtig war. (M 12)

   Daß dies die sprachlichen Fähigkeiten Degenfelds, die er in nur zwei Jahren erlernt haben will (M 32), weit untertreibt, zeigt sich sowohl im weiteren Verlauf der Handlung, wenn er etwa ein nicht für seine Ohren bestimmtes, in leisem Ton geführtes Gespräch mithört und ohne Schwierigkeiten versteht (M 229), oder dadurch, daß er in der Lage ist, seinerseits selbst erfolgreich Chinesisch zu unterrichten (M 36).

   Dasselbe Understatement gilt für den Ich-Erzähler, der angeblich noch längst nicht ausgelernt haben will: Er [Kong-ni, d. Verf.] sprach den weicheren, wohllautenden südlichen Dialekt, ich aber hatte meine Uebungen im Dialekte von Peking gemacht. Deshalb behielt ich ihn fast während des ganzen Tages bei mir, um, ohne daß er es merkte, sein Schüler zu sein. (K 116) Und weiter: »Du [Charley, d. Verf.] sprichst unsere Sprache. Kannst du sie auch schreiben?« »Nur die Siang-hing, und das ist wenig genug.« (K 124)

   Diese Bescheidenheit wirkt geradezu lächerlich, wenn derselbe Held an anderer Stelle dann erzählt: Ich setzte mich an eine Lampe und schlug das Buch auf. Die Stelle war bald gefunden, und ich las. Sie erregte mein lebhaftes Interesse, einesteils wegen des warmen Stiles, in welchem sie geschrieben war, und andernteils auch infolge der Anschauungen, die sie von einem chinesischen Staatsmanne offenbarte und welche mit dem Bilde, das wir uns gewöhnlich von einem Chinesen zu machen pflegen, wenig harmonierte. In meiner Nähe stand ein Tisch mit Reispapier, Tusche und Pinsel. Ich nahm von dem Papiere, griff zum Bleistift und übersetzte den Text zum Andenken an den Aufenthalt bei einem chinesischen Grafen. (K 280)

   Was Charley hier, wohlgemerkt aus dem Stegreif und ohne Hilfsmittel, übersetzt, ist das Buch des Sse-ma-kuang «Sima Guang» (1019-1086), eines Literaten des «Gu-Wen»,(14) des klassischen, alten


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Stiles, der schon chinesischen Muttersprachlern der Gegenwart nicht ohne weiteres zugänglich, sicherlich jedoch für Ausländer ungleich komplizierter ist. Texte dieses Schwierigkeitsgrades zu lesen oder gar formvollendet zu übersetzen, erfordert sehr gute Kenntnisse der klassischen Schriftsprache und sicherlich mehr, als nur die »Siang-hing« zu kennen. Letztere sind nämlich nichts weiter als eine der sechs traditionellen Kategorien zur Einteilung der chinesischen Schriftzeichen nach deren graphischer Form: unter «xiang-xing» »Form der Bilder« versteht man einfache Piktogramme, also bildliche Darstellungen von konkreten Dingen, die Urform der Schrift. Mit der bloßen Kenntnis dieser Zeichen, deren Zahl naturgemäß sehr beschränkt ist, kann man so gut wie nichts anfangen, wollte man an die Übersetzung eines normalen chinesischen Textes gehen, da ihr Anteil am gesamten Schriftzeichenbestand nur etwa fünf Prozent ausmacht, abgesehen davon, daß niemand auf die Idee käme, Schriftzeichen nicht nach ihrer Bedeutung, sondern nach ihrer graphischen Form zu lernen.

   Nicht genug also, daß Old Shatterhand sich als vollendeter Kenner der chinesischen Literatursprache erweist, er beherrscht auch das gesprochene Chinesisch derart fließend, daß er jeder Konversation zu folgen in der Lage ist: Der Sprecher hatte sich seiner heimatlichen, also der chinesischen Sprache bedient und dabei sehr leise gesprochen; er war also vollständig davon überzeugt, nicht verstanden worden zu sein, denn selbst falls seine Worte an irgend ein Ohr gedrungen sein sollten, gab es doch hier, so weit von China entfernt und mitten in der Wildnis, gewiß keinen Menschen, welcher der chinesischen Sprache mächtig war. Er ahnte nicht, daß Old Shatterhand sich während seiner langen und weiten Reisen auch in China aufgehalten hatte, und nie ein Land besuchte, ohne vorher die Sprache desselben kennen zu lernen.(15)

   Jeder, der einer Fremdsprache auch nur leidlich mächtig ist, wie dies Karl May von Fritz Degenfeld im »Methusalem« (M 12) behauptet, kennt den deutlich höheren Schwierigkeitsgrad zwischen einer Unterhaltung mit einem visuell erfaßbaren Gegenüber und einer nur akustisch vernehmbaren Rede, etwa am Telephon oder in Nebenräumen. Außerdem läßt die Geläufigkeit ohne Übung der fremden Sprache rasch und deutlich nach; um wieviel mehr bei einer Sprache, die keinerlei Verwandtschaft zur eigenen aufweist. Karl May vollzieht so eine weitere Exaggeration der fast schon als wissenschaftlich zu bezeichnenden Fähigkeiten seines Helden, so daß es kaum mehr verwundert, daß dieser auch Mongolisch offensichtlich problemlos beherrscht: »Du [Charley, d. Verf.] sprichst die Sprache der Ta-dze (Anm. May: Tata-


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ren [Tataren], Mongolen) nicht gut, aber deinem Munde ist die Rede gegeben, wie dem Bache das Wasser ...«(16)

   Nun sind es aber nicht nur die Romanhelden Karl Mays, die mit ihren schier unglaublichen Sprachkenntnissen glänzen, indem sie das Chinesische an vielen Stellen seiner Erzählungen sprechen und verstehen, sondern es ist auch der Autor Karl May selbst, der ständig chinesische Termini in den Gang der Handlung einstreut, der landeskundliche wie geschichtliche Begriffe im Original vorstellt und der natürlich auch die Chinesen selbst in ihrem heimischen Idiom zu Worte kommen läßt. Auf diese Weise läßt Karl May in den Augen seiner Leserschaft sicherlich für viele eine wohl erste Rezeption und Konzeption von Sprache – und Kultur! – des »Reichs der Mitte« entstehen, wie er dies auch für die sonstigen Schauplätze seiner Romanhandlungen getan hat; für eine Einschätzung der Realitätsnähe dieser Vorstellungswelt stellen sich anhand der Verwendung der chinesischen Sprache durch Karl May folgende Fragen:

   Welcher Art ist das Chinesisch der Mayschen Sprachzitate? Wie korrekt sind diese? Das heißt, wie ist es um die angeblichen Sprachkenntnisse seiner Helden tatsächlich bestellt und wie verläßlich sind die Äußerungen der von Karl May geschilderten Chinesen? Im weiteren Sinne wird man neben der Korrektheit der chinesischen Terminologie auch danach fragen müssen, ob sie inhaltlich der Realität entspricht. Und erst dann wird sich die Frage beantworten lassen, ob und gegebenenfalls wie gut der Autor Karl May selbst Chinesisch konnte.

   Allerdings sind eingehende »Untersuchungen über das Problem, der fremden Sprachen bei Karl May (...) bezeichnenderweise noch nicht erschienen«, stellte Erwin Koppen einmal fest,(17) obwohl dies gerade ein Charakteristikum für das Werk Karl Mays sei, ein »damals noch durchaus ungewöhnliches und originelles erzähltechnisches Verfahren« anzuwenden, »den Fluß der deutschsprachigen Erzählung oder des deutschsprachigen Dialogs ständig durch fremdsprachliche Einschübe zu unterbrechen, die von einem kurzen Ausruf oder Fluch, über kleinere Satzfetzen hin bis zu ganzen Dialogen gehen können.«(18) Die chinesische Sprache macht hierbei keine Ausnahme, und es ist sicherlich zu einem guten Teil der für sich postulierten Weltläufigkeit und dem daraus beanspruchten Expertentum Karl Mays zu verdanken, daß gerade als besonders fremdartig angesehene Sprachen wie das Chinesische oder die Indianersprachen in seinen Erzählungen eine relativ weitläufige Darstellung gefunden haben. Dabei sollte man eigentlich nicht von vorneherein davon ausgehen, daß Karl May all diese Sprachzitate sich »offensichtlich aus den Fingern gesogen hat«,(19) sondern daß er wohl


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bestrebt war, Aussagen wie ich bin wirklich Old Shatterhand resp. Kara Ben Nemsi und habe erlebt, was ich erzähle(20) auch hieb- und stichfest zu untermauern. Entsprechend seinem gerade in den Jugenderzählungen gesetzten »Bildungsauftrag«, suchte er sich verläßlicher Quellen zu bedienen und die daraus entnommenen Informationen korrekt wiederzugeben, obwohl er davon ausgehen konnte, daß kaum einer seiner Leser imstande war, diese zu verifizieren.

   Eine angemessene Aussage über die Mayschen Chinesisch-Kenntnisse zu machen ist in der Tat allerdings ein recht diffiziles Unterfangen und von der Sinologie her keineswegs durch oberflächliches Sichten der chinesischen Sprachzitate im Werk Karl Mays zu erledigen. Aus einer kursorischen, stichprobenhaften Inspektion zu einem prozentualen richtig/falsch-Ergebnis zu kommen, wird, so geht aus dem vom Verfasser untersuchten Material hervor, weder der Sache noch Karl May und seinem erkennbaren Aufwand bei der Beschäftigung mit dem Chinesischen gerecht. Es bleibt letztlich nichts anderes übrig, als jedes einzelne chinesische Streusel zu untersuchen. Es würde allerdings den Rahmen der vorliegenden Arbeit bei weitem überschreiten, sämtliche solcher Sprachzitate aufzuführen und auch, alle erwähnten Sach-Termini einer inhaltlichen Überprüfung zu unterziehen, da dabei dann auch das gesamte Umfeld, sei es Landeskunde, Geschichte oder Soziologie berücksichtigt werden müßte.(21)

   Hier können nur die oben gestellten Fragen generell und anhand von einzelnen, konkreten Beispielen verdeutlicht und, wenn möglich, beantwortet werden; ein lückenloser Gesamtnachweis der chinesischen Sprachzitate bei Karl May muß einer etwaigen Monographie vorbehalten bleiben.

   Gewiß bringt Karl May neben zahlreichen Fehlern vor allem in der lateinischen Transkription des Chinesischen, die übrigens nicht nur ihm unterliefen, sondern auch den Autoren seiner Quellen, neben korrekten Sprachzitaten eine ganze Menge von fehlerhaften Angaben und unkorrekten Wortzusammenstellungen. Aber vor jeder Kritik am Chinesisch-Rezipienten Karl May müssen die von ihm verwendeten bzw. für ihn erreichbaren Quellen, die Reiseberichte und Sprachlehrbücher einer Betrachtung unterzogen werden. Dabei ist wohl eine hohe Dunkelziffer anzunehmen, denn es kann als sicher gelten, daß sich Karl May einer Reihe von Informationsquellen bedient hat, die nicht in den Buchbestand seiner Radebeuler Bibliothek Eingang gefunden haben; so etwa finden sich dort merkwürdigerweise überhaupt keine Chinesisch-Lexika oder systematischen chinakundlichen Werke. Letzteres könnte aber auch daran liegen, daß die zu Karl Mays Zeit verfügbaren


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und brauchbaren Lexika des Chinesischen(22) sämtlich in Englisch abgefaßt waren und Karl May trotz der von ihm reklamierten Fremdsprachenkenntnisse seine Quellen wohl in deutscher Sprache bevorzugte.

   Dabei dürfte es sich, wenigstens was die Abfassung des »Kiang-lu« und des »Methusalem« betrifft, zum einen um Sprachlehrbücher gehandelt haben wie Wilhelm Schotts »Chinesische Sprachlehre«,(23) Karl-Friedrich Neumanns »Lehrsaal des Mittelreiches«,(24) J. Heinrigs' »Ueber die Schrift der Chinesen«(25) sowie Georg von der Gabelentz' »Anfangsgründe der chinesischen Grammatik«.(26)

   Zum anderen benutzte Karl May landeskundliche Werke wie Wilhelm Harnischs »Amherst's Gesandtschaftsreise«,(27) J. F. Davis' »China«(28) und sicherlich die beiden Werke von Régis-Evariste Huc: »Wanderungen durch die Mongolei nach Thibet«(29) und »Das Chinesische Reich«.(30)

   Darüber hinaus sind sicherlich auch allgemeine Nachschlagewerke wie etwa »Mayers Conversations-Lexicon« von Bedeutung, aus denen der Verfasser aber bislang noch keine direkten Zitate nachweisen konnte.

   Läßt sich nun die chinesische Sprache, die uns bei Karl May begegnet, wirklich mit der Feststellung charakterisieren, »denn eines ist sicher: Dieses Chinesische ist dasjenige eines ahnungslosen Dilettanten«?(31) Natürlich fällt auf den ersten Blick die Inkonsequenz der Transkription auf, die nahelegt, daß sich der Autor mit der Phonetik des Chinesischen entweder nicht beschäftigt oder sie nicht verstanden hat. Allerdings ist auch die Transkription in den Quellenwerken Karl Mays recht unterschiedlich und teilweise auch fehlerhaft; so schreibt der sonst so verläßliche Huc z. B. »Kuang-ti« für den Kriegsgott des chinesischen Staatskultes, was Karl May auch in dieser Form übernahm;(32) richtig wäre jedoch »Kuan-ti« «Guan Di». Von daher läßt sich nicht unmittelbar auf eine einheitliche Systematik schließen, und zu einem Teil läßt sich auch die Abfassungsweise als Fortsetzungsroman für Inkonsequenzen verantwortlich machen; aber wenn bei zwei Sprachzitaten auf derselben Seite, ja auf derselben Zeile zwei unterschiedliche Umschriften für ein und dasselbe Wort gebraucht werden, dessen deutsche Bedeutung dem Autor noch dazu bekannt war, so gibt dies zu berechtigter Kritik Anlaß.

   »Ich fluche deinem Fo und deinem Buddha; ich will lieber verhungern, als meinem Tien tschu (Anm. May: »Herrn des Himmels«) untreu werden. Ich bete »Tsei thian ago-teng fu tsche, ago-teng yuan örl ming kian-schiny! (Anm. May: Wörtlich: »Bist-im Himmel unser Vater welcher; wir wünschen Deinen Namen heilig-sein.«)« (K 296) Hier stehen


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sowohl »tien« als auch »thian« für «tian» »Himmel«. Aus dem zweiten Zitat, den ersten Worten des chinesischen »Vaterunser«, läßt sich schließen, daß die Ungenauigkeit der Transkription einer gewissen Unbekümmertheit entspringt, mit den lateinischen Buchstaben einer Sprache umzugehen, die eigentlich nicht mit solchen geschrieben wird. Es stellt sich allerdings dabei die Frage, ob solche offensichtlichen Fehler als Fehler des Autors zu interpretieren sind, das heißt als Fehler, die ihm beim Abschreiben aus seiner Quelle unterlaufen sind, oder eher als Druckfehler, also Fehler des Setzers beim Übertragen des in deutscher Schrift abgefaßten Manuskriptes entstanden. Denn Karl May hätte sich im klaren darüber sein müssen, daß es Wörter wie »ago« oder »schiny« nicht geben konnte, weil sie den Regeln des chinesischen Silbenbaus nicht entsprechen. Gabelentz, Karl Mays wichtigstes Quellenwerk, stellt deutlich heraus: »Die chinesische Sprache ist einsylbig, d. h. jedes ihrer Stammworte besteht aus einer einzigen Sylbe« und »im Kuan-hoa [der chinesischen Hochsprache, d. Verf.] beginnt jede Sylbe mit einem Consonanten oder Vocal und endet mit einem Vocale oder einem der Nasale n oder ng.«(33) Obige Wörter müssen also wohl »ngo« bzw. »sching« heißen. Allerdings kann man wohl schon deutsches »a-« mit »n-« und »-y« mit »-g« verwechseln. Wenn man dies berücksichtigt, heißt der Satz korrekt «zai tian wo-deng fu zhe, wo-deng yuan er ming jian–sheng» und entspricht in etwa Karl Mays deutscher Übersetzung. Die Möglichkeit von Druck- oder Setzfehlern sollte also, gerade bei allzu großer Offensichtlichkeit des Fehlers, immer in Betracht gezogen werden.

   Ein weiterer Einwand, nämlich »daß Karl Mays »Blauroter Methusalem« in Südchina spielt, alle seine Chinesen aber im nordchinesischen Mandarin-Dialekt sprechen«,(34) was auch für den »Kiang-lu« gelten kann, liegt wie die Frage der Transkription bereits nach kurzem Durchblättern auf der Hand.

   Jedoch keiner von Karl Mays »Gewährsleuten«, weder von den Sprachlehrern noch von den Reiseberichterstattern, erwähnt ausgesprochene Beispiele südchinesischer Dialekte, insbesondere des Kantonesischen, der Umgangssprache in Kanton und Hong Kong. Erst Carl Arendt(35) bringt ausgiebige Vergleiche der verschiedenen lokalen Mundarten Chinas. Dieses Werk lag aber Karl May wohl nicht vor, und wenn doch, so spielte es für die Abfassung des »Kiang-lu« und des »Methusalem« keine Rolle. In unserem Zusammenhang ist jedoch eine Notiz Arendts(36) von Interesse: »Da der Ausdruck Kuánhua das gesprochene Chinesisch in zweien seiner Hauptformen, nämlich als Hochchinesisch und als Sprache des officiellen Verkehrs bezeichnet, so ist es


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nicht verwunderlich, dass er häufig (...) auch in dem Sinne von »Chinesisch überhaupt« gebraucht wird (...) Aber das ist schlieszlich nicht anders, als wenn wir sagen »er kann deutsch sprechen« und dabei auch zunächst oder vielmehr ausschlieszlich an das Hochdeutsche denken.« Dies ist ein Grund, weswegen sich chinesische Sprachlehrbücher der »Nordchinesischen Umgangssprache« bedienten und in ihren Beispielsätzen und Vokabularien deren Phonetik zum Ausdruck brachten. Ein weiterer Grund ist, daß diese im 19. Jahrhundert ja bereits seit mehreren Jahrhunderten Verwaltungssprache, »Beamten-Sprache« (dies nämlich bedeutet «guan-hua» wörtlich) war, und somit nach innen wie nach außen den verbindlichen Sprachstandard darstellte. In diesem Zusammenhang ist aber noch ein weiterer Umstand von Bedeutung: Die Chinesen, die im »Methusalem« zu Worte kommen, sind in erster Linie Beamte, also »Mandarine« verschiedenen Ranges, wie der »Tong-tschi«, der »Ho-po-so« oder der »Gefängnis-Gouverneur«, und sie bedienten sich sicherlich der Verwaltungssprache schon deshalb, weil sie aus anderen Gegenden des chinesischen Reiches an ihren jeweiligen Wirkungsort versetzt worden waren. Dies war die gängige Praxis und wohl ein Versuch, die Korruption in der lokalen Verwaltung einzudämmen. Auch im »Kiang-lu« sind die chinesischen Hauptfiguren Mitglieder der Beamtenschicht oder gar Angehörige eines nichtchinesischen Volkes, die sich im offiziellen Umgang selbstverständlich ebenfalls der chinesischen Hochsprache bedienten. Selbst der sich mehrfach chinesisch äußernde Abt des Kantoner Tempels, in dem sich der »Heidenspaß« mit den falschen/echten Götterfiguren abspielt, mag von anderswo, etwa aus Nordchina dorthin gekommen sein; Lehr- und Wanderjahre waren bei buddhistischen Mönchen durchaus üblich. Außerdem macht Karl Mays Ich-Erzähler gar keinen Hehl daraus, daß er nur der nordchinesischen Mundart mächtig ist. (K 116)

   Wenn Karl May sich also dieses Sprachstandards bediente, ist ihm das nicht als Fehler anzukreiden, denn er bewegte sich doch recht konsequent im realen Rahmen seiner fiktiven Wirklichkeit; höchstens könnte man ihm vorhalten, daß er seinem Anspruch,  s e l b s t  chinesisch 6 Dialekte(37) sprechen und schreiben zu können, zumindest was das Kantonesische betrifft, nicht gerecht wird.

   Die Transkription des Chinesischen oder die sprachliche (Dialekt-) Ebene sind also nur bedingt geeignet, zu einer gerechten Einschätzung von Karl Mays Chinesisch-Kenntnissen beizutragen, dies läßt nur eine genaue Untersuchung der Sprachzitate – und ihrer Quellen! – im einzelnen zu.

   Besonders gut informiert – und informativ – gibt sich der Autor


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Karl May, wenn er seinen »blau-roten Methusalem« Fritz Degenfeld über die chinesische Sprache dozieren läßt. Dies geschieht zumeist dann, wenn Karl May dessen fundierte, weit über bloße Kommunikationsfähigkeiten hinausgehende, ja wissenschaftliche Chinesisch-Kenntnisse dem drolligen »Kinder-Chinesisch« des sprachlichen Untalents Kapitän Turnerstick gegenüberstellt. Dieser sieht sich seinerseits aber als Fachmann für Chinesisch schlechthin und gibt damit für Karl May den willkommenen Gegenspieler als die personifizierte unbedarfte Volksmeinung ab, die es zu korrigieren und zu belehren gilt und an der sich der eigene Kenntnisreichtum um so trefflicher aufzeigen läßt. »Die Hauptsache ist, daß man sich eben an die Hauptsache hält, und das sind im Chinesischen die Endungen ... Ich sage Ihnen, daß ich im stande bin, Ihnen das ganze Chinesische mit allen neun Dialekten in fünf Minuten beizubringen!« »Unglaublich!« »Sie werden es gleich glauben müssen. Nennen Sie mir doch einmal die Namen von einigen chinesischen Städten oder Flüssen!« »Das ist sehr leicht. Da haben wir zum Beispiel Jang-tse-kiang, Ma-seng, Pe-king, Hong-kong, Wu-sung – –«(38) »Halt!« unterbrach ihn der Kapitän. »Das genügt vollständig. Da haben wir ja gleich fünf Endungen!« »Endungen? Wohl nicht!« »Was denn? Sie haben sie ja genannt, ang, eng, ing, ong und ung!« (M 33f.)

   Karl May rekurriert hier auf den zehn Jahre älteren »Kiang-lu«, in dem er den dort schon auftretenden Turnerstick sagen läßt: »Habt keine Sorge, alter Junge! Das Chinesische ist tausendmal leichter, als man glauben sollte. Kann- t o n g , Nan- k i n g , Hon- k o n g , Pe- k i n g , Gin- s e n g ; habt ihr aufgepaßt? Alles lautet auf ong, ing, eng, ung und so weiter; das ist doch kinderleicht.« (K 118)(39)

   Schließlich glaubt der wackere Kapitän, daß er durch einfaches Anhängen solcher auf -ng endenden Silben an deutsche Wörter chinesische Vokabeln herstellen könnte. Aufgrund der Phonologie des modernen Hochchinesisch, in dem alle Silben entweder vokalisch oder, wenn konsonantisch, nur auf -n oder -ng auslauten können, kann sich dem unbedarften Ohr schon der Eindruck aufdrängen, daß das Chinesische nur über ein paar Dutzend verschiedener Wörter verfüge. So auch für Turnerstick, in dessen Hirn solche unglückseligen philologischen Trümmer (M 30) steckten und der wie jeder seiner Schwäche eigentlich bewußter Mensch um so stärker an seiner Irrmeinung festhält.(40)

   Diese Vorstellungen Turnersticks sollen jedenfalls sowohl der Belustigung des Publikums in den Erzählungen selbst als auch der Leser dienen als auch dazu, die sprachlichen Fähigkeiten der Haupthelden deutlicher herauszustellen. Denn immer wieder sind sie es, die die


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natürlich auf völliges Unverständnis stoßenden »chinesischen« Ansprachen des Kapitäns, in »echtes« Chinesisch bringen müssen, um eine Kommunikation mit den Einheimischen und damit den Fortgang der Handlung zu ermöglichen.

   Degenfeld doziert aber auch regelrecht (M 304): »Aber die Stammworte, die Stammworte! So ein Wort hat oft eine gar vielfältige Bedeutung. So heißt zum Beispiel das Wort Tschu soviel wie Herr, Pfeiler, Stock, Küche, Stütze, Schwein, alte Frau, zubereiten, verrichten, brechen, spalten, reparieren, freigebig, wenig, geneigt, naß machen, Gefangener, Sklave etc., je nachdem es weicher oder härter, gedehnter oder rascher, leiser oder schärfer ausgesprochen wird. Und jede dieser verschiedenen Bedeutungen hat dann wieder ihre figürliche Anwendung, so daß es die allerfeinste Modulation erfordert, um wissen zu können, was gemeint ist. So hat das Grußwort sching [sic! d. Verf. ] noch weit über fünfzig andere Bedeutungen, unter denen Dinge, Eigenschaften und Thätigkeiten vorkommen, welche einander ganz und gar entgegengesetzt sind.«

   Den Begriff »Stammwort« dürfte Karl May von Gabelentz übernommen haben, der selbst allerdings einschränkend bemerkt: »Die Chinesen reden nicht von Stammwörtern, sondern von Schriftzeichen tsï [«zi», d. Verf. ] und teilen diese mit Rücksicht auf ihre Funktion (...) ein.«(41) Inhaltlich ist Karl May Harnischs Angabe gefolgt: »So bedeutet das Wort Tschu: Schwein, Herr, Küche, Pfeiler, je nachdem es weicher, härter, gedehnter oder schärfer ausgesprochen wird.«(42) Zur »Vervollständigung« hat er dann wohl noch eigene Funde und Ideen beigetragen. So ist die aus Harnischs Angabe erkennbare Erklärung der vier verschiedenen Tonhöhen, über die das moderne Hochchinesisch verfügt, und die zusammen mit den Silben erst ein sinnvolles Morphem ergeben, durch die zusätzlichen rascher, leiser verwässert worden. Die weiterhin gegebenen »Bedeutungen« – in Wirklichkeit handelt es sich aber nicht darum, daß ein Wort verschiedene Bedeutungen aufweist, sondern daß verschiedene Wörter homonym sind, ihnen also dieselbe Sprachsilbe zugrundeliegt – können nur zum Teil verifiziert werden: Harnisch liegt noch richtig mit «zhu» »Schwein«, «zhû» »Herr«, «chú» »Küche« und «zhù» »Pfeiler«, während von Mays Liste nur noch «zhu» »Stock«, «zhû» »zubereiten, kochen«, eventuell noch «zhu» »hinrichten«, «zhu» »winzig« und «zhu» »(Wasser) sich ansammeln« identifiziert werden können. Merkwürdigerweise sind andere, wichtigere Wörter mit der Lesung «zhu» oder «chu» wie »alle, Perle, Spinne, Bambus, wohnen, helfen, hervorbringen« nicht erwähnt. Ob dies wohl einer gewissermaßen selektiven Wahrnehmung und geringen Systematik zu verdanken


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ist, mit der Karl May seine Quellenwerke studierte? Es kann allerdings auch daran liegen, daß ein wichtiger »Gewährsmann« wie Gabelentz sich einer historisierenden Schreibweise bediente und damit die tatsächlich bestehende Homonymie verdeckte, indem er etwa für «zhu» »cuk« oder für «chu» »c'ut« angab.(43)

   Karl May erweckte jedenfalls gerne den Eindruck, sich mit geradezu wissenschaftlicher Akribie sein Quellenmaterial angeeignet zu haben. So läßt er an anderer Stelle (M 100f.) Degenfeld über die unterschiedlichen Frikative des Chinesischen schulmeistern: »Wie heißt Zopf in chinesischer Sprache?« ... »Pen-tse, zu deutsch Sohn des Gehirnes ...« »... Also Pen-dse?« »Nein, denn dse heißt "vier". »Also Pen-ße?« »Auch nicht, denn ße oder sse bedeutet den akademischen Grad eines Doktors.« »Wohl Pen-se?« »Bewahre, denn se heißt Liebe, Farbe, Figur, Malerei. Sie müssen ein hartes t vor das s setzen.« »Folglich Pen-tße?« »Unmöglich; tße bedeutet nämlich: sich, selbst, Eigenart, innere Beschaulichkeit, Identität und auch Identifikation.« »... Im Chinesischen ist ein großer Unterschied zwischen se, sse, sze, tse, tze, dse und dze.«

   Ganz so groß ist die Vielfalt nun auch wieder nicht, und Degenfeld/Karl May bringt die chinesischen Anlaute ein wenig durcheinander. Schon »Pen-tse« »Zopf« ist bei beiden Silben nichtaspiriert zu sprechen «bian-zi» und bedeutet auch nicht »Sohn des Gehirns«, sondern «bian» ist das Wort für »Zopf« und «zi», in der Grundbedeutung wohl »Sohn«, fungiert hier lediglich als Suffix ohne semantische Bedeutung. Die Zahl »Vier« hat mit «si» lediglich einen Reibe-, aber keinen Verschlußlaut im Anlaut, und der »Doktor« gehört mit «shi» in die Gruppe der Frikative, die nicht am Zahndamm, sondern am vorderen harten Gaumen produziert werden; die falsche Zuordnung kann aber auch als Dialekt-Abweichung interpretiert werden. Nur »se« «se» ist in Aussprache und Bedeutung richtig angegeben, denn »selbst« «zi» hat kein hartes t vor dem s, sondern ist nichtaspiriert zu sprechen. In der angegebenen Reihe entsprechen jeweils »sse« und »sze«, »tse« und »tze«, sowie »dse« und »dze« denselben Lauten und unterscheiden sich lediglich in den Transkriptionen.

   Wer, mit chinesischen Sprachkenntnissen versehen, daran geht, Karl Mays China-Erzählungen durchzuforsten, wird sehr rasch auf eine ganze Reihe von Sprachzitaten stoßen, die unverständlich oder falsch wirken und sich so auch nach näherer Untersuchung erweisen. Gleichwohl ergibt es sich, daß man nach Ausschluß von Schreib- oder Setzfehlern, wie oben gezeigt, nach Art der Fehler differenzieren muß in


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1. Fehlerhafte Sprachzitate, die bereits in Karl Mays Quellenwerken als solche auftreten und von ihm unverändert übernommen worden sind,

2. Sprachzitate, die zwar in der Quelle richtig notiert sind, aber von Karl May fehlerhaft kolportiert wurden,

a) aufgrund inhaltlicher Verwechslung,

b) durch Auslassung sinntragender Bestandteile,

3. Sprachzitate, die offensichtlich nicht direkt einer Quelle entnommen sind, sondern eigene Zusammensetzungen Karl Mays zu Wörtern oder Sätzen sind und bei denen

a) eine fehlerhafte Assoziation vorliegt,

b) die Wortzusammenstellung regelwidrig oder falsch ist,

c) grammatikalische Fehler vorliegen oder

d) die Bestandteile und die Zusammenstellung zwar grammatikalisch richtig sind, der Begriff aber nicht existiert,

4. Sprachzitate, die im Kern richtig wiedergegeben werden, aber von Karl May – teilweise aus dramaturgischen Gründen – eine nicht-lexikalische Bedeutungsänderung erfahren haben.

Natürlich gibt es auch »Mischformen«, also Fehler, auf die mehr als eine Kategorie zutrifft. Andererseits hat Karl May durchaus auch völlig korrekte Sprachzitate in seine China-Erzählungen eingestreut, sei es, daß er Wörter, oft Sachtermini, richtig vorgefunden und auch so übernommen hat, oder daß er eigene Wortkompositionen erstellt hat, wobei sowohl Einzelbestandteile als auch Gesamtergebnis sich als einwandfrei erweisen.

   Im folgenden soll versucht werden, die einzelnen Kategorien durch typische Beispiele zu erläutern, wobei die Arbeitsweise Karl Mays, soweit erkennbar, verdeutlicht wird.

1. Beispiele von Fehlern, die bereits in Quellenwerken vorkommen, und von Karl May übernommen wurden.

Das Boot, welches den jungen Mandarin von dannen trug, verschwand bald im Gewimmel der andern Fahrzeuge und wir machten uns nun daran, unsere Pakete zu öffnen. Sie enthielten allerlei Lack- und solche Waren, welche der Chinese Ku-tung nennt und die sowohl in China selbst als auch im Auslande sehr teuer bezahlt werden. Zu »Ku-tung« gibt Karl May die Anmerkung: Wörtlich »Altes Gefäß« = Altertümer. (K 136)

   Während »Ku-tung« «gu-dong» tatsächlich im Sinne von »Antiquitäten, Kuriosa« gebräuchlich ist, stimmt die Übersetzung »altes Gefäß«


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nicht: »tung« «dong» bedeutet nicht «Gefäß», sondern »(zum rechten Weg) anleiten«; ursprünglich sind mit dem Begriff Gegenstände gemeint, die den heutigen Betrachter an die Zeiten des chinesischen Altertums erinnern, in denen die Maßstäbe der heiligen Vorväter noch Geltung hatten und die deswegen von gebildeten Menschen hoch geschätzt wurden.(44) Der Fehler, der aus einer Verwechslung von »tung« «dong» »anleiten« mit »t'ung« «tong» »Kupfer (-Gefäß)« entstand, war mit den früher gebräuchlichen Transkriptionssystemen leicht möglich und wurde bereits von Huc gemacht, der zu seiner Aussage »Es gibt in China eine besondere Klasse von Kennern, welche gierig nach alten Porzellan- und Bronzearbeiten suchen, denen man den Namen Ku-tung gibt«, die Anmerkung »Altes Gefäss« macht.(45) Beim Rufe, den der erfahrene China-Missionar Régis–Evariste Huc seinerzeit hatte, war an seinen Angaben natürlich überhaupt nicht zu zweifeln.

   Ähnlich verhält es sich wohl mit dem ominösen »Tsching-tsching«: Einer der auffälligsten »Fehler« Karl Mays bei der Verwendung chinesischer Sprachzitate in seinen China-Erzählungen ist zweifellos die Verwendung des angeblich chinesischen Grußes »Tsching«. Er begegnet uns bereits im »Kiang-lu«: »Tsching-tsching« grüßte er uns kordial, indem er jedem eine seiner Hände reichte. Und Karl May merkt dazu an: So viel wie »Guten Tag« (K 152). Im »Methusalem« wird mit ihm gar der erste Dialog dieser Erzählung überhaupt eingeleitet: »Tsching!« grüßte der Theehändler, indem er sich verneigte. »Tsching tsching, mein lieber Ye-Kin-Li!« antwortete der Student in seinem tiefen Bierbasse. (M 12) Auch die Überschrift des ersten Kapitels schmückt der chinesische Gruß »Tsching tsching tschin!« (M 28). Von da an wird der chinesische Gruß noch bei vielen Gelegenheiten zu Gehör (besser: zu Papier) gebracht, meist ebenfalls in der verdoppelten Form »Tsching-tsching«: »Wissen Sie denn auch, wie man dieses gelobte Land der Zöpfe begrüßt?« »Nun, wie?« »Tsching tsching! muß man rufen. Das ist der echt chinesische Gruß.« (M 32) Sogar noch in »Und Friede auf Erden!« wird, allerdings bereits mit beigefügter »Textkritik«, präsentiert: Hier waren unsere Rikschahmänner nicht Singhalesen oder Tamilen, sondern Indochinesen, die er mit einem kräftigen »Tsching tsching«, was er aber »Tsing tsing« hätte aussprechen sollen, begrüßte. Angemerkt ist dazu: »Heil, heil!« der chinesische Gruß.(46) Im »Kiang-lu« wird auch noch das Gegenstück geboten: »... Lebe wohl, bis ich wiederkehre!« »Tsing leao!« antwortete ich, ihm die Hand reichend. (K 136) Beide Grüße werden dort von der Flußpiratenbande auch als geheime Parolen verwendet: »Es sind ja nur die beiden Grüße, und die kennt jeder: "Tsching-tschi-ng" und "Tsching-lea-o" ...« Also der Gruß war auch ein Erken-


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nungszeichen [Erkennungszeichen]; er wurde so ausgesprochen, daß die letzte Silbe eine Dehnung erhielt, also Tsching-tschi-ng statt Tsching-tsching und Tsching-lea-o statt Tsching-leao. (K 167f.)

   Nun gehört es zum Lehrinhalt einer jeden ersten Chinesisch-Unterrichtsstunde und zu den ersten Worten, die ein China-Reisender heutzutage zu hören bekommt, daß man sich in China mit «ni hao» (etwa: »geht es gut?«) begrüßt. Und ein paar Vokabeln weiter lernt man das chinesische Äquivalent für »bitte!«, «qing», das aber alleine so gut wie nicht gebraucht wird und beim Begrüßen keine Verwendung findet; allenfalls in Verbindung mit ergänzenden Verben kann es zu einer Begrüßungssituation gehören, etwa mit «jin» »eintreten« ergibt sich «qing jin» »bitte treten Sie ein!«; oder mit «zou» »sich setzen« dann «qing zou» »bitte nehmen Sie Platz!«.

   Bei einer solch offenkundig falschen Wortwahl ist die abwertende Einschätzung nicht verwunderlich: »Karl May (...) blamiert sich regelrecht, wenn es um die elementaren Kenntnisse der Alltagssprache geht.«(47) Nun ging Karl May zwar auf seine gewissermaßen eklektizistische Weise mit der chinesischen Sprache um, es schien ihm jedoch durchaus bewußt gewesen zu sein, daß er eigentlich dieser Sprache nicht mächtig war. So versuchte er immer, auch wenn ein »chinesischer« Terminus von ihm selbst »synthetisiert« wurde, ihn aus Grundelementen der realen Sprache zu bilden. Er hat sich seine Sprachzitate sicherlich nicht »aus den Fingern gesogen«,(48) sondern er hat sie – abgeschrieben! Abgeschrieben aus Sprachlehrbüchern und Reiseberichten, von denen er für seine Zeit recht verläßliche zur Verfügung hatte, die auch ausreichend Material boten. Damit ist gemeint: solch »blamable« Fehler wie der vorliegende müssen in Karl Mays Quellen gesucht werden – leichtere hingegen fabrizierte er schon auch selbst. Aber mit dem »Tsching-tsching« kann auch keine einfache Verwechslung stattgefunden haben, denn offenbar war ihm die Klangähnlichkeit zu «qing» »bitte« und auch dessen Bedeutung durchaus geläufig; so heißt es im »Kiang-lu«: »Tsing!« bat einfach der Wirt, und dann setzten wir uns. Karl May merkt dazu an: Hier so viel wie »ich lade euch ein« oder »greift zu!« (K 275) Letzteres entspricht auch dem tatsächlichen Sprachgebrauch. So notiert Mathews(49) unter «qing qing»: »after you; please help yourself.«

   Das fragliche »Tsching-tsching« nun wird 1843 bereits von Davis(50) folgendermaßen kolportiert: »Der gewöhnliche Gruß unter gleichen Personen bestehet darin, daß man die zugemachten Hände zusammen hält und sie zwei bis drei Mal bis gegen den Kopf erhebt, indem man sagt: Hao-tsing-tsing das heißt: wie geht es Ihnen? Ich grüße Sie! Ich grüße


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sie! Hiervon wird, wie wir glauben, der Ausdruck tsching-sching hergeleitet sein, der nach der Mundart in Canton gebräuchlich ist.«

   Da sowohl der »Kiang–lu« als auch der »Methusalem« in Südchina spielen, die Reiseroute der europäischen Besucher jeweils vom Eingangstor der Europäer, der britischen Kronkolonie Hong Kong ausgeht und von dort nach Kanton «Guangzhou» führt, das im 19. Jahrhundert Haupthandelsplatz Chinas mit Übersee war und Sitz bedeutender europäischer Faktoreien und Emporien, war Karl May sicherlich nicht schlecht beraten, seine Helden in einer Weise grüßen zu lassen, wie sie als »nach der Mundart in Canton gebräuchlich« von einem seiner »Gewährsleute« empfohlen wurde. Die besondere Häufigkeit, mit der in den beiden Werken Karl Mays das »Tsching-tsching« erwähnt wird, hängt zum einen wohl damit zusammen, daß es sich um die gängige Begrüßung handeln soll, zum andern aber vielleicht auch damit, daß Karl May von der Richtigkeit des Ausdrucks aufgrund seiner Quelle überzeugt war.

   Es ist allerdings ungewiß, ob die Information Davis' korrekt ist: Denn nach den Maßstäben der modernen chinesischen Hochsprache ergibt «hao qing qing» als Gruß keinen Sinn, es ist aber durchaus möglich, daß im Lokaldialekt Kantonesisch des 19. Jahrhunderts eine entsprechende Floskel üblich war. Mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln konnte der Verfasser dieses aber nicht nachprüfen. Immerhin gibt Giles:(51) »«qing an» to trust that a person is well – a Manchu salutation, accompanied by the bending of one knee to the person addressed.« Es gab also auch eine Grußformel, die mit »Tsching« «qing» gebildet wurde.

   Es ist des weiteren möglich, daß es sich, durch ungenaue Transkription verstellt, um zwei verschiedene »tsching« handelt. Giles gibt nämlich auch: »«jing qing tai an» I respectfully trust that you are well«,(52) wobei «jing» »Respekt (erweisen)« bedeutet; dies stellt sicherlich eine Begrüßungsformel dar und es steht durchaus im Rahmen der Möglichkeiten, daß im umgangssprachlichen Gebrauch eine verkürzte Form unter Weglassung der beiden letzten Worte üblich war. Mit letzterem «jing» wird übrigens auch der Begriff »Salut, Gruß« «jing-li» gebildet.

   Für die von Karl May präsentierten Abschiedsworte Tsching leao, also wohl «qing liao», ließen sich allerdings keine Belege finden. Bei der oben erwähnten Praxis der Flußpiraten, die mittels einer im Ton geänderten und gedehnten Aussprache der alltäglichen Grußworte geheime Parolen formten, scheint es sich aber doch um ein Phantasieprodukt Karl Mayscher Feder zu handeln. Er hatte wohl davon Kenntnis, daß die chinesischen Geheimgesellschaften, die oftmals zu mafia-ähnlichen


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Verbrecherorganisationen verkommen waren, sich wegen ihrer Illegalität, aber auch wegen ihres esoterischen Anspruches geheimer Zeichen und Sprachen bedienten, hatte aber die falschen Schlüsse daraus gezogen. Da das Chinesische eine Tonsprache ist, das heißt, daß der der Silbe unterlegte Wortton zur Bedeutungsunterscheidung wesentlich beiträgt, ist es nicht möglich, diesen zu verändern, ohne den Verlust der Wortbedeutung, ja des Wortes selbst in Kauf zu nehmen. Eine Verständigung, auch eine gruppeninterne, ist dann kaum mehr möglich. Das wäre gerade so, als wenn man bei deutschen Wörtern einzelne Buchstaben änderte. Die geheime Verständigung erfolgte auf anderen Ebenen: »Die Mitglieder von Geheimgesellschaften verständigten sich untereinander mit abgesprochenen Gesten und Erkennungszeichen.«(53) Oder einfach indem, wie auch aus anderen In-group-Jargons bekannt, normale Worte mit neuen Bedeutungen unterlegt wurden: »Zusätzlich zu diesen Gesten verwandten die Mitglieder der Triade eine Geheimsprache. Ein Beamter hieß »Feind«, Polizei »Luftzug«, die kaiserlichen Truppen »Sturm«. Die Kasse der Gesellschaft war der »Bruder der Nacht«, ihre Statuten die »Kleider«.«(54) Und noch eine weitere, typisch chinesische Methode gab es: »Die Geheimgesellschaften hatten außerdem noch eine Geheimschrift. Sie stellten Schriftzeichen zu neuen zusammen, die es in der normalen Schrift nicht gab.«(55) Vielleicht hatte Karl May letzteres vor Augen und auf die gesprochene Sprache übertragen; von den verschiedenen Möglichkeiten chinesischer Geheimsprachen scheint es aber gerade die von ihm skizzierte wohl nicht gegeben zu haben.

2. Gelegentlich entstellt Karl May aber auch Informationen, die ihm wohl in richtiger Form vorlagen.

a) So etwa, wenn Karl May (M 297) zu Tsau-fan die Anmerkung gibt: Abendessen, wörtlich: Abendreis. Tsche-fan Morgenreis, Frühstück. Hier hat er offensichtlich seine Informationen schlichtweg verwechselt: »Tsau-fan« «cao-fan» heißt wörtlich »Morgen-Reis« und somit »Frühstück«; »Tsche-fan« «che-fan» wörtlich »essen-Reis« und somit lediglich »essen, Essen« im allgemeinen. »Abendessen« hingegen hieße «wan-fan».

   »Werdet ihr die Güte haben, mir zu sagen, von welchem Tiere dieses Fleisch gewesen ist?« »Es war Dschi, das delikateste Essen, welches es nur geben kann.« ... »Ja, Hund ist es. Dschi heißt Hund.« (M 129f.) Auch hier liegt wohl eine Verwechslung vor: »Dschi« kann wohl ebenfalls nur «che» »Essen« sein, während das chinesische Wort für Hund entweder «gou» oder «quan» lautet; letzteres wird auch an anderer Stelle


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von Karl May erwähnt, während er aber den eben aufgezeigten Verwechslungsfehler beibehält: Die guten Leute waren außerordentlich bemüht, die beleidigenden Worte Dschi und Kiuen, welche Hund bedeuten, zu umschreiben. (M 411) Immerhin dürfte May die letztgenannte Information einer verläßlichen Quelle entnommen haben, denn Gabelentz(56) bringt »k-iuèn. Hund«; May hat nur, was seiner generellen Gepflogenheit entsprach, die diakritischen Zeichen des Originals nicht übernommen.

b) »T'eu«, der »Bettlerkönig«.

Ein gutes Beispiel für ein von Karl May fehlerhaft kolportiertes, in der ihm vorliegenden Quelle eigentlich korrektes Sprachzitat ist T'eu, der Bettlerkönig (M 310ff.). Die Figur des Bettlerkönigs ist deswegen von Bedeutung für die Romanhandlung im »Methusalem«, da der von ihm ausgestellte T'eu-kuan, also ein Paß des Bettlerkönigs (M 310), von seinem Schwiegersohn, dem Juwelier Hu-tsin, dessen Retter Degenfeld überlassen wird; die damit verbundene Protektion macht letzteren zu einem T'eu-kuan-kiün (M 317) und bewahrt ihn damit wenigstens einmal vor größerem Ungemach (M 455) und schafft wohl auch die Voraussetzung für die glückliche Transaktion am Ende, die dem Onkel Stein die Heimreise in die Heimat ermöglicht. Gleichzeitig läßt die Figur dieses »Bettlerkönigs« einen Einblick in Karl Mays Arbeitsweise zu, da er dabei den chinesischen Terminus, den er in der einen Quelle vorfand, mit der inhaltlichen Beschreibung einer anderen Quelle verband. Es ist nämlich Régis-Evariste Huc, der in seinem »Chinesischen Reich« das Phänomen eines »Bettlerkönigs« in China beschreibt:

   »Wenn die Wohlhabenden es unterlassen, Vereine zur Erleichterung und Unterstützung der Armen zu bilden, so vereinigen sich diese zu Gesellschaften, um die Reichen auszubeuten. Jeder bringt eine wahre oder erdichtete Schwäche mit, und versucht dann, so gut als möglich dieses entsetzliche Kapital menschlichen Elends zu verwerthen. Diese große Armee von Bettlern hat ein Oberhaupt, welches den Titel »Bettlerkönig« führt und vom Staate gesetzlich anerkannt wird. Dieser Bettlerkönig ist verantwortlich für die Aufführung seiner zerlumpten Unterthanen, und an ihn hält man sich, wenn unter ihnen Unordnungen und Störungen ausbrechen, welche die öffentliche Ruhe bedrohen. Der Bettlerkönig von Peking ist ein wahrer Herrscher.«(57)

   Diese Sachinformation, so scheint es jedenfalls, hat Karl May dann mit dem chinesischen Terminus verbunden, den er unter dessen deutschem Äquivalent »Bettlerkönig« bei Gabelentz vorgefunden hat.(58) Dieses Werk enthält einige Übungsstücke, die in senkrechten Zeilen


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mit chinesischen Schriftzeichen, interlinearer Transkription und Worterklärung aufgeführt sind; in den Fußzeilen erfolgt dann die deutsche Übersetzung. In der Geschichte »Pok-ts'ing lang« «bo-qing lang» »Der hart- (eigentl. dünn-) herzige Gatte« lauten der 5. Eintrag des 4. Abschnittes »T'uân- (rund)« und der 6. Eintrag danach »t'eû Bettlerkönig«. Wie aus dem großen Anfangsbuchstaben, dem Bindestrich und der eingeklammerten Wortbedeutung für »rund« ersichtlich, wollte von der Gabelentz damit ausdrücken, daß es sich hier um den  e i n e n  Ausdruck »T'uân-t'eû« «tuan-tou» als Bezeichnung für den »Bettlerkönig« handelt. Wie Morohashi(59) und Ciyuan(60) übereinstimmend angeben, bedeutet die aus «tuan» »rund, Kugel, Gruppe« und «tou» »Haupt, Kopf, Erster, Häuptling« bestehende Kombination tatsächlich »Oberhaupt einer Gilde, Zunft« oder »(Gangster-, Bettler-) Bandenchef«. Auch die Gabelentzsche Übersetzung in der Fußzeile gibt den Begriff als ein Wort wieder, wenn auch nicht richtig als »Rundkopf«. Karl May hat aber nur die (waagerechte) Gleichsetzung »t'eû Bettlerkönig« als solche aufgefaßt und sodann als Begriff im »Methusalem« kolportiert und damit als Ausgangswort auch noch weitere Begriffe gebildet, wie sie oben aufgezeigt wurden.

3. Zur ergiebigsten Gruppe fehlerhafter Sprachzitate gehören diejenigen, die Karl May nicht direkt seinen Quellen entnommen hat, sondern die er mit freien Assoziationen belegt oder durch eigene Wortkompositionen zum von ihm gewünschten Bedeutungsfeld geführt hat.

a) »Kuan«, der »Paß«

Eine der Kombinationen, die mit dem »Bettlerkönig T'eû« gebildet wurden, der Schutzbrief »T'eû-kuan«, wobei der zweite Bestandteil »kuan« also »Paß« (im Sinne von Reisepaß) bedeuten soll, verdient besondere Aufmerksamkeit. Das Wort »Paß« im Sinne von »Passeport, Ausweis« spielt im »Methusalem« eine nicht unwichtige Rolle, da sich Degenfeld zweier solcher Dokumente bedient, die es ihm eigentlich erst ermöglichen, sich frei im »Reich der Mitte« zu bewegen. Es sind dies ein offizieller Geleitbrief, ein kaiserlicher »Kuan«, den er als Dank des geretteten Mandarins »Tong-tschi« erhält (M 298) und der Degenfeld und seiner Reisegruppe kostenlose Logis, Verpflegung und Transportmittel verschafft (z. B. M 406ff.). Der zweite ist der oben erwähnte, auf andere Art und Weise äußerst wertvolle Schutzbrief des Bettlerkönigs, der »T'eu-Kuan«, dessen Bezeichnung übrigens eine nach den chinesischen Wortbildungsgesetzen korrekte Kombination darstellt.

   Karl May hat bei der Übernahme des Begriffes allerdings außer acht


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gelassen, daß das Wort »Paß« im Deutschen ein Homonym mit zwei ganz verschiedenen Bedeutungen ist: Einmal eben im Sinne von »Ausweis, Legitimation«, zum andern aber im Sinne von »Paßhöhe, Bergübergang«. May hat dabei dann wohl nicht berücksichtigt, daß »Kuan« «guan» das letztere, nämlich aus der verbalen Grundbedeutung »schließen« folgend (befestigter) »Bergpaß«, im weiteren Sinne jeden anderen Über- oder Durchgang wie Grenzübergang oder Grenztor bedeutet. Im modernen chinesischen Sprachgebrauch wird «guan» folglich auch für das Begriffsfeld »Zollbehörden« verwendet. »Reisepaß« andererseits hieß auch im 19. Jahrhundert bereits «hu-zhao» aus «hu» »beschützen« und «zhao» »Dokument« – analog zum deutschen »Schutzbrief«.

   Das Merkwürdige an Karl Mays Verwechslungs-»Fehler« ist, daß in seinen Quellen, etwa bei von der Gabelentz(61) deutlich »kuan« mit »Grenzpaß« gleichgesetzt wird, auch Wilhelm Schott bringt korrekt »verschließen, sperren«.(62) Sollte es denn so sein, daß Karl May in großzügig ausgelegter, »dichterischer Freiheit«, sich diese Homonymie absichtlich zunutze gemacht hat, um ein »richtiges« Äquivalent für den so wichtigen »Reisepaß« zu bekommen, das er anderweitig nicht finden konnte?

b) »Kong-Kheou, das Ehrenwort«

Karl May hat zwei offensichtlich eigene »chinesische« Wortschöpfungen auch in die Titel seiner, jedenfalls im Sinne der chinesischen Sprachzitate, reichhaltigsten China-Erzählungen aufgenommen: »Kong-Kheou« und »Kiang-lu«. Beide sind allerdings mehr oder minder unkorrekt.

   Bemerkenswerterweise hat Karl May am Anfang der Erstveröffentlichung von »Kong-Kheou, das Ehrenwort«(63) zusammen mit dem Titel auch die zwei dazugehörigen Schriftzeichen aufgeführt, nämlich

Die beiden Schriftzeichen sind in chinesischer Weise von rechts nach links angeordnet und damit «gong kou» zu lesen. So ist die phonetische Zuordnung gesichert, wenn auch die Transkription etwas befremdet. Immerhin gibt sie aber einen Hinweis auf die Quelle, derer sich Karl May bedient haben muß. Die beiden Schriftzeichen, die zu den 214 Radikalen des im Jahre 1716 auf Befehl des Kangxi-Kaisers fertiggestellten Standardwörterbuches gehören,(64) werden von Gabelentz und Schott mit »kung« und »k'eù« wiedergegeben,(65) während die fragliche Umschrift von J. Heinrigs,(66) dem Autor eines weiteren in Karl Mays


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Bibliothek vorhandenen chinesischen Sprachbuches, verwendet wird. Heinrigs bemerkt dabei, »daß ich die französische Rechtschreibung beibehalten habe, indem es überhaupt höchst schwierig, oft unmöglich ist, morgenländische Laute mit unsern Buchstaben genau wieder zu geben.«(67) Auch ein Vergleich der Graphik, die in diesem Fall von dem Europäer Heinrigs selbst stammt – der linke senkrechte Strich des linksstehenden Zeichens «kou» ist für chinesische kalligraphische Maßstäbe nämlich viel zu lang nach unten gezogen –, läßt den recht sicheren Schluß zu, daß Karl May sie dort entnommen hat, vielleicht abgezeichnet und zusammen mit seinem Manuskript zum Druck gegeben. Karl May hat sie jedenfalls in Heinrigs' Radikal-Liste (bei Heinrigs »Schlüssel«) deutlich mit einem Kreuzchen markiert.

   Was bedeuten nun die beiden Schriftzeichen? Heinrigs selbst gibt bei Radikal 55: »Kong, die Hände zusammenthun, Schachspiel, von oben herab einziehen, besiegen.« Und bei Radikal 30: »Kheou, Mund, und was damit zusammenhängt, wie reden, beißen, verschlingen.« Eine Nachprüfung bei Morohashis normativen Standardwerk(68) bestätigt Heinrigs' Angabe als korrekt; allerdings wird keine Kombination «gong-kou» angegeben. Karl May hat sich also wohl eine bildliche Konzeption für »sich ein Ehrenwort geben« zurechtgelegt, etwa wie »(sich) die Hände reichen und dabei (einen Schwur) sprechen«, und die in Heinrigs' Liste gefundenen und als passend erachteten chinesischen Schriftzeichen samt Aussprache dazu verwendet. Im vorliegenden Falle hat er allerdings übersehen, daß von den 214 Radikalen, die im Kangxi-Wörterbuch zur graphisch-lexikalischen Einordnung der 47021 darin verzeichneten Schriftzeichen dienen, eine ganze Reihe bereits ihre Funktion als selbständige Schriftzeichen verloren haben und nur noch graphischer und als Radikal auch signifikanter Teil von Schriftzeichen sind. Auch Gabelentz weist auf diesen Umstand hin, »manche Classenhäupter sind als selbständige Schriftzeichen nicht gebräuchlich«(69) und hat diese auch in seiner Radikal-Liste gekennzeichnet. Dazu gehört auch das Radikal 55: Sowohl Lesung «gong» wie Bedeutung sind nur noch historisch, allenfalls als Anhaltspunkt für die Erkennung oder Einordnung von damit zusammenhängenden Schriftzeichen von Bedeutung. Das heißt also, es gibt keine Vokabel »Kong« »die Hände zusammenlegen«, und daher kann es auch keine Kombination mit irgendwelchen anderen Schriftzeichen geben, womit Karl Mays Konstruktion, so sinnfällig sie scheinen mag, nicht möglich ist. Jedem, der das chinesische Radikalsystem kennt, und auch jedem, der etwa ein Buch wie das von Gabelentz aufmerksam liest, muß dieser Fehler sofort ins Auge fallen – die Leser des »Guten Kamerad« gehörten aber wohl nicht dazu.


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Im übrigen gibt es selbstverständlich im Chinesischen auch einen Begriff für »Ehrenwort« im Sinne einer eidesstattlichen Versicherung, nämlich «shi-yan» »Eid, Gelübde, Schwur« aus «shi» »schwören« und «yan» »Worte«. Wie man sieht, ist die original chinesische Komposition viel direkter und weit weniger figürlich, als sich das Karl May wohl ausmalte, etwa aufgrund der weitverbreiteten, und vielleicht auch von ihm geteilten Vorstellung des Chinesischen als einer »blumigen Sprache«.

   Auffällig ist auch der »Kiang-lu«. Der Titel mutet zunächst wie ein Fehler an, denn »Fluß-Drache« müßte korrekt heißen »Kiang-lung« «jiang-long» aus «jiang» »großer Fluß, Strom« (vgl. Yangtsekiang) und «long» »Drache«, der in der Erzählung häufig in Verbindung mit den Flußpiraten vorkommt, die sich angeblich »Lung-yin« «long-ren» »Drachen-Männer« nennen und ihre Dschunken »Lung-yan« «long-yan» »Drachen-Augen« (dazu unten). Karl May gibt aber selbst eine einleuchtende Erklärung ab, wenn er zu Kiang Fluß und zu Lu Drache anmerkt. (K 171) Danach hat für ihn dieses mongolische Wort ... also dieselbe Bedeutung wie das chinesische »Lung«. Kenntnis davon dürfte sich Karl May, und das gilt wohl auch für alle anderen Sprachzitate aus dem Mongolischen, wie sie im »Kiang-lu« und »Brodnik« vorkommen, wiederum aus Hucs »Wanderungen« verschafft haben.(70) Dort sind dabei die für die nach chinesischem Vorbild vorgenommene Zeitrechnung wichtigen zwölf Zyklustiere und fünf Elemente in mongolischer und tibetischer Sprache aufgeführt. Darunter also »Lu« »Drache«, aber auch »Bara« »Tiger«, der im »Brodnik«(71) als Name eines Mongolen, und »Mori« »Pferd«, das im »Kiang-lu« (K 303) als Bezeichnung für eine angebliche Pferderasse Mori-mori wiederkehrt. Den Worten nach ist die Anrede für den obersten Flußpiraten und damit der Titel von Mays Erzählung »Kiang-lu« also nicht falsch, gleichwohl eine solche »hybride« Wortbildung recht unwahrscheinlich anmutet. Es dürfte sich also ebenfalls um ein Eigenprodukt Karl Mays handeln, der aber diesen Einwand sicherlich mit dem Hinweis entkräften könnte, daß es eben eine Eigenheit bzw. Bestandteil der Geheimsprache der Flußpiraten sei, solche chinesisch-mongolischen Mischwörter zu verwenden, zumal ihr Oberhaupt ja Osttibetaner (K 288) bzw. Mongole (K 302) war.

   Was die Drachenmänner / Lung-yin (K 135) und ihre Dschunken, die Drachenaugen / Lung-yan (K 148) betrifft, so sind beide, »echt« chinesisch scheinende Begriffe aus richtigen Bestandteilen in korrekter Wortstellung zusammengefügt, gleichwohl vermutlich Phantasieprodukte: »Drachenmänner« «long-ren» sind bei Morohashi(72) nicht vorhanden.

   Kein Wasserfahrzeug, sondern die Bezeichnung einer Pflanze ist


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nach Morohashi(73) das »Drachenauge« «long-yan». Die im weiteren erwähnte Lung-tschuan / Drachenbarke (M 187) ist nun tatsächlich ein »Drachen-« «lung» »-Boot« «chuan». Allerdings ist es kein normales Verkehrsmittel zu Wasser, sondern ganz eingeschränkt die Bezeichnung für die langen, schnellen Paddelboote, die bei den »Drachenbootrennen« eingesetzt werden, jenen traditionellen Regatten, die am 5. Tag des 5. (Mond-) Monats allenthalben in China veranstaltet werden.(74)

c) Karl May bringt eine ganze Reihe von sprachlichen Einsprengseln, die durch ihre immer mitgelieferte Bedeutung durchaus erschließbar sind, gleichwohl aber nicht als treffend anerkannt werden können, weil sie nicht in allem den Regeln der chinesischen Grammatik entsprechen. Es ist vor allem ein wichtiges Gesetz der chinesischen Syntax, das Karl May zu wenig berücksichtigt, wenn er daran geht, aus vorhandenem Wortmaterial eine neue Vokabel zu erstellen, nämlich die Regel, daß das bestimmende Wort vor dem bestimmten steht. Es ist dies eine Stellungsregel, die für eine nichtreflektierende, isolierende Sprache wie das Chinesische ungemein wichtiger ist als etwa für das Deutsche, bei dem auch bei noch so ungeordneter Satzstellung die grammatikalischen Bezüge der Wörter untereinander durch ihre Endungen klar ersichtlich sind. Zwar gilt die genannte Grundregel im Prinzip auch im Deutschen, sie wird aber in der Alltagssprache nur bei der Bildung fester Begriffe angewandt und nicht bei Wortfolgen oder ganzen Sätzen. Dadurch ergeben sich etwa bei den Titeln, die Old Shatterhand im »Kiang-lu« seinen »Examensarbeiten« gibt, folgende Unstimmigkeiten:

   Hio thian-ti = »Studium des Himmels und der Erde.« (K 130) Die erschließbaren Bestandteile »hio« «xue» »Studium«, »thian« «tian» »Himmel« und »ti« «di» »Erde« wären im angegebenen Sinn korrekt angeordnet «tian di xue».

   Pen-tsao-y jin = »Naturgeschichte der Fremdlinge« – so nennen die Chinesen alle anderen Völker. (K 130) Auch hier wären die erkennbaren Bestandteile »pen« «ben» »Wurzel«, »tsao« «cao» »Gras«, »y« «yi» »fremd« und »jin« «ren» »Mensch« im Sinne der von Karl May angegebenen Bedeutung richtig «yi-ren pen-cao» angeordnet, wenn neben «yi-ren» »Fremde«(75) auch «ben-cao» im Sinne von »Naturgeschichte« richtig wäre. Aber Karl May hat dieselbe Konzeption von der chinesischen Wortstellung wie bei der Bildung seiner neuen Begriffe wohl auch bei der Entnahme von Wortbestandteilen aus seinen Quellen zugrundegelegt. So entnahm er vielleicht dem bei Schott als »naturgeschichte«(76) vorgefundenen Buchtitel des berühmten, 1596 erschienenen Kompen-


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diums [Kompendiums] der Pharmakologie von Li Shi-zhen, «Ben-cao gang-mu» allgemeine Grundzüge der »Wurzeln und Gräser« (= Materia Medica)«(77) den ersten Teil und setzte ihn dann im von ihm gewünschten Sinne von »Naturgeschichte« ein.

   Ein Fehler, der Anfängern des Chinesischen leicht unterläuft, tritt auch bei Karl May auf. Preisangaben wie »Y tsien ... das heißt: ein Tsien.« (K 127), »San tsien ... Drei Sapeken« oder »Ytschun ... Einen Tschun oder Tsian; das sind hundert Sapeken« (K 128) sind insofern grammatikalisch unrichtig, als dabei das sogenannte Zähleinheitswort fehlt. Im Chinesischen muß bei der Zählung von Dingen, deren Substantiv immer eine unbestimmte Menge bezeichnet, eine bestimmte Einheit zwischen Zahl und Substantiv angegeben werden, ähnlich wie man im Deutschen »drei Stück Vieh« oder »ein Blatt Papier« sagt. Da »Tsien« «qian» nur »Geld« im allgemeinen bedeutet, muß die Geldeinheit zusätzlich angegeben werden, im Falle der Kupfermünze mit dem typischen quadratischen Loch in der Mitte, von den Europäern als »Cash« oder »Sapeke« bezeichnet, ist dies «wen». Obige Angaben wären also richtig in der Form: «yi wen qian» und «san wen qian». Im Falle der größeren Einheit »Tschun« (so auch M 47) gilt dasselbe, außer daß Karl May bei der Gleichsetzung »Tschun oder Tsian« übersehen hat, daß »tsien« und »tsian« dasselbe Wort «qian» »Geld« darstellen, nur in unterschiedlichen Transkriptionen.

   Allerdings ist diese angebliche Geldeinheit weder mit «chun» noch mit «zhun» als solche zu identifizieren. Auch Karl Mays »Informant« Huc sagt lediglich: »Es gibt in China kein anderes gesetzlich anerkanntes Geld als kleine runde gegossene Stücke mit einem Zusatz von Kupfer und Zinn, die man tsien nennt; die Europäer haben ihnen allgemein den Namen Sapeke gegeben. Sie haben in der Mitte ein viereckiges Loch, damit man sie an einem Faden aufreihen kann; Tausend solche Stück bilden eine Reihe, welche im Durchschnitt einer chinesischen Unze Silber gleich steht; denn aus Gold und Silber prägt man in China niemals Geld.«(78) Letztgenannte Unze, das sei noch angemerkt, heißt chinesisch «liang», wie bei Karl May (M 47) richtig erwähnt, und wurde von den Europäern als »Tael« bezeichnet.

d) Karl May unternahm es aber auch, aus dem ihm zur Verfügung stehenden chinesischen Wortschatz völlig neue Begriffe gleichsam zu »komponieren« und ist dabei zu ganz beachtlichen Ergebnissen gekommen:

Huok-tschu-fang – »Gefängnis« und Pang-tschok-kuan – »Gefängnisgouverneur« (beide M 342).


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Bei ersten Durchsehen von Karl Mays Opus in Sachen chinesischer Sprache erscheinen die beiden genannten Begriffe unsinnig, da sie in keinem Lexikon zu finden sind, abgesehen davon, daß »fang« «fang» als »Haus« und »kuan« «guan» als »Beamter, Mandarin« zu erkennen sind. Es reizt also, näher hinzusehen, zumal man bereits beim zweiten Blick »huok« als «huo» »fangen« und »pang« als «bang» »binden« identifizieren kann. Eine Erklärung für diese Begriffe findet man in Gabelentz' Grammatik,(79) wo unter § 212 »huok–cú, fangen« und »pàng-cok, festbinden« aufgeführt sind, allerdings  n i c h t  die von Karl May aufgeführten Kombinationen. Für letztere gibt auch Morohashi(80) keinen Beleg. Es kann also nur so sein, daß Karl May selbst durch korrektes »Eindeutschen« der Gabelentzschen Umschrift des Chinesischen, der dazu allerdings Hilfestellung gibt,(81) aber wiederum unter Weglassung dessen diakritischer Zeichen die von ihm gewünschten Begriffe »Gefängnis« bildet, indem er an das Gabelentzsche »fangen« das anderweitig bekannte Wort »fang« »Haus« und an dessen »festbinden« das bekannte »kuan« »Mandarin« hinzufügt. »Fang-Haus« und »Festbinde-Mandarin« sind so unter Verwendung sinnentsprechender Einzelbestandteile und auch in korrekter chinesischer Wortstellung zu original klingenden »chinesischen« Termini geworden. Karl May glaubte wohl generell, in fremden Sprachen Wörter nach eigenem Empfinden und Verständnis zusammenfügen zu können, um so zu neuen Sinnkombinationen zu gelangen. Tatsächlich ist das im prinzipiell isolierenden Chinesischen sehr viel weitgehender und leichter möglich, als etwa in den europäischen flektierenden Sprachen; Karl May hat hierbei recht gefällig gearbeitet und nicht nur die reine Phantasie walten lassen. Vielleicht hat es ihm auch ganz einfach Spaß gemacht, wortschöpferisch tätig zu werden, denn für den Fortgang der Geschichte ist es ganz unerheblich, ob für die genannten Begriffe auch ihre chinesischen »Originale« aufgeführt werden.

   Im vorliegenden Fall hat Karl May nun wirklich eine ganz brauchbare »Lehnübersetzung« geschaffen, die seinem Anspruch an seine eigene Wirklichkeit, wie er sie in seinen Erzählungen darstellte, durchaus gerecht wird. Natürlich sind die Vokabeln lexikalisch  f a l s c h ,  weil sie so im Chinesischen nicht vorkommen, das als eigenständige Sprache bei Begriffen zumindest des alltäglichen Gebrauchs nicht auf Lehnübersetzungen angewiesen ist. Das Problem stellte sich allerdings mit der Öffnung des »Reichs der Mitte« nach außen, die mit der Übernahme einer Vielzahl von Begriffen aus Politik, Gesellschaft und vor allem aus Wissenschaft und Technik verbunden war und immer noch ist. Und hier können sich Karl Mays »Lehnübersetzungen« durchaus mit den tatsäch-


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lich [tatsächlich] vorkommenden messen: so wird etwa »Helikopter«, dessen deutsche Bezeichnung »Hubschrauber« ebenfalls bereits eine Lehnübersetzung ist, mit den Einzelwörtern »senkrecht-aufsteigen-fliegen-Gerät« «zhi-sheng-fei-ji» wiedergegeben. Insofern sind bei der Beurteilung von Karl Mays Wortschöpfungen nicht einfach die Kategorien richtig oder falsch angebracht, und daher sind auch Prozentangaben einer »Trefferquote« fragwürdig: inhaltlich sinnvoll und vor allem auch entsprechend der chinesischen Wortbildung strukturiert, lexikalisch jedoch falsch, weil nicht existent – welche Wertung soll man da vornehmen?

   Karl May hat allerdings bei aller erkennbaren Mühe übersehen, daß die von Gabelentz aufgeführten Begriffe nicht als festgefügte Worte zu verwenden sind, es sind vielmehr  g r a m m a t i k a l i s c h e  Konstruktionen, bestehend aus einem Verbum, das mit einem Hilfsverbum verbunden wird in der Funktion eines »Komplements«, das dann ähnlich wirkt wie im Deutschen das Präfix bei ein-fangen oder fest-binden. Anders als hier werden solche Komplemente aber nicht als dauerhafte Bildungen angesehen, so daß sie etwa eine neue lexikalische Einheit ergäben, sondern sie werden von Fall zu Fall erst konstruiert. Dieser Umstand und der zugrundeliegende grammatikalische Bezug bringen es mit sich, daß weitere Verbindungen mit dem sinntragenden Hauptverbum ohne komplementäres Hilfsverbum erfolgen, so etwa mit «huo» »fangen« und «li» »Nutzen« die neue Einheit «huo-li» »Profit« oder «bang-fei» »Kidnapper« aus «bang» »binden« und «fei» »Bandit«. Karl May konnte dieser Fehler schon deswegen unterlaufen, weil Gabelentz den grammatikalischen Charakter der fraglichen Suffixe nicht ausreichend deutlich gemacht hatte.

   Andererseits war es abwegig anzunehmen, daß zwei Begriffe wie »Gefängnis« und »Gefängnisaufseher«, die begreiflicherweise zur Grundausstattung des Vokabulars eines seit zwei Jahrtausenden bestehenden und durchorganisierten Staatswesens gehörten, eine ähnliche Etymologie aufwiesen, wie die entsprechenden Begriffe im Deutschen. Die Etymologie chinesischer Termini ist ohnehin nicht so leicht faßbar und meist nur aus dem Schriftzeichen, nicht aus dem Wort zu erklären. Die gebräuchliche chinesische Bezeichnung für »Gefängnis« ist «yu», und das Schriftzeichen zeigt zweimal das Zeichen für »Hund«, das links und rechts das Zeichen »Worte« umgibt: das Bild zeigt also zwei Kläger, die einander schmähen.(82) Die Verwendung des Zeichens »Hund« hierfür mag ein Hinweis darauf sein, in welch geringer Wertschätzung es bereits im alten China stand, Streitigkeiten vor Gericht auszutragen. Dies geht auch aus Karl Mays Beschreibung zweier Gerichtsverhandlungen hervor (M 316, 317), in denen sowohl Kläger als auch Beklagte


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den Richter nur »belästigen« und so auch beide von ihm bestraft werden, womit gezeigt wird, daß es wenig Erfolg versprach, privater Streitigkeiten wegen einen Prozeß anzustrengen. Insofern wird auch die Bedeutungserweiterung von ursprünglich nur »Rechtsstreit« auf »Gefängnis« einsichtig, worin nämlich des öfteren beide Prozeßbeteiligten gerieten. Die überspitzt erscheinende Darstellung Karl Mays geht also am zivilrechtlichen Bereich gar nicht so weit vorbei, für den strafrechtlichen trifft sie allerdings nicht zu. Dazu gab es seit jeher vom zuständigen kaiserlichen Ministerium abwärts über strafrechtliche Vorschriften und Prozeßordnungen ein umfangreiches und verbindliches Instrumentarium. Karl May spricht so auch richtig vom Gericht als Kriminalgebäude, wobei er als chinesische Bezeichnung Sing-gu angibt (M 315). »Sing« «xing» steht dabei für »Bestrafung, Strafrecht«; »gu«, das so keinen Sinn ergibt, ist wohl ein Abschreibefehler, und muß für »pu« «bu» »Abteilung, Ministerium« stehen: «Xing-bu» ist aber gerade der Terminus für das zentrale Justiz- (besser: »Straf-«) Ministerium im kaiserlichen China. Die Vernachlässigung des zivilrechtlichen Bereichs setzte sich in China übrigens auch nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs fort: erst in den 80er Jahren begann man in der Volksrepublik China mit der Entwicklung eines bürgerlichen Gesetzbuches.

   Die amtliche chinesische Bezeichnung für »Gefängnis« war bis zum Ende des Kaiserreiches «Si-yu-si»,(83) zusammengesetzt aus »verwalten-Gefängnis-Amt«, wobei «Si-yu» dem »Gefängnisaufseher« entsprach. Der Titel stand mit Rang 9a auf der vorletzten Stufe der neun-, genauer achtzehnteiligen Skala der Beamtenlaufbahn, es war aber immerhin ein »offizieller« «guan» Status, und insofern trifft Karl Mays Beschreibung für die hierarchische Situation seines Pang-tschok-kuan auch für dessen tatsächliches Pendant zu.

4. Karl May erlaubte sich bei der Darstellung von chinesischen Worten und Begriffen, wie oben dargestellt, gewisse Freiheiten in der Komposition; er hat andererseits aber auch bestehende Wendungen mit eigenen Bedeutungen belegt:

»Mein Name wird also genügen, so daß ich diejenigen meiner anderen Begleiter nicht zu nennen brauche. Jeder von ihnen ist ein Tao-kuang (Anm. May: Glanz der Vernunft) in unserem Vaterlande, und wenn wir mit euch fahren, werdet ihr alle ihre zehntausend Vortrefflichkeiten kennen lernen.« (M 109)

   Nun mag es ja verständlich sein, wenn die Teilnehmer einer »lustige(n) Studentenfahrt nach China« (so der spätere Untertitel des »Methusalem«) sich gegenüber dem chinesischen »Personal« etwas wichtig


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machen, aber daß sie sich gleich die Regierungsdevise eines chinesischen Kaisers als Ehrentitel zulegen, erscheint nun doch etwas übertrieben. Um nichts anderes nämlich handelt es sich beim »Glanz der Vernunft«. »Tao-kuang« «Dao-guang», »Glanz des "Weges"« war die Devise, unter die der sechste Kaiser der mandschurischen Qing-Dynastie mit den persönlichen Namen Min Ning oder mandschurisch Doro Eldengge seine Regierung stellte, die von 1821 bis 1851 währte. Karl May dürfte diese Information wiederum Huc(84) entnommen haben: »Er [Kaiser Tao-kuang, d. Verf.] starb 1851 und war der sechste Kaiser aus der Mandschudynastie. Ihm folgte sein neunzehnjähriger Sohn, welcher seine Regierung als Hien Fong, allgemeine Glückseligkeit, bezeichnet. Tao-kuang bedeutet Glanz der Vernunft.«

   Ähnlich steht es um die im »Kiang-lu« eingeführte Bezeichnung Tao-dse = »Sohn der Vernunft«, ein Deutscher. (K 110) Natürlich läßt sich »Tao-dse« «Dao-zi» mit »Sohn der Vernunft« übersetzen, wenn man »Tao« «Dao» mit »Vernunft« gleichsetzt, wie es oben Huc getan hat. «Dao», wörtlich »Weg«, ist einer der Kernbegriffe der altchinesischen Philosophie und bedeutet eigentlich die Richtung, in die der Kosmos sich entwickelt, und damit auch dessen innere Ordnung und Gesetzmäßigkeit.(85) In diesem Sinne ist es das Grundideal des philosophischen und später religiösen »Daoismus« und damit könnte ein «Dao-zi» allenfalls ein »Sohn des Dao«, also ein Anhänger des »Daoismus« sein. Nur: in diesem Sinne wird der Begriff im Chinesischen nicht gebraucht.(86) »Daoist« wäre richtig «Dao-shi» »Dao-Meister«.

   Die chinesische Bezeichnung für »deutsch« erfolgt nicht mit «Dao», sondern ist zunächst eine phonetische Transliteration mit «De-yi-zhi». Daraus ergibt – gewissermaßen als Abkürzung – die erste Silbe «De» verbunden mit dem chinesischen Wort «guo» für »Land« die Bezeichnung für »Deutschland«.

   Ein »Deutscher« ist demnach ein «De-guo-ren», ein »Mensch« «ren» aus Deutschland. Diese Bezeichnung war bereits zur Zeit der Entstehung des »Kiang-lu« gebräuchlich.(87) Das Schriftzeichen, mit dem dieses «De» geschrieben wird, ist nun allerdings dasjenige des zweiten altchinesischen Kernbegriffes, gern mit »Tugend« übersetzt, und ist aus dem kanonischen Werk des Daoismus, dem «Dao-de-jing», bekannt (die ältere deutsche Transkription gibt »Tao-te-king«). So ist Karl Mays »Deutscher« vielleicht aus einer Verwechslung dieser beiden Begriffe entstanden.

   Bei all solchen mehr oder minder schweren »Fehlern« lassen sich doch eine ganze Reihe von Sprachzitaten, gerade solche der Alltagssprache, als ziemlich korrekt identifizieren. Allerdings muß man, wie


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oben erwähnt, gelegentlich Verstellungen bemerken, die sich durch inkonsequente Transkription, Lese- und Setzfehler ergeben.

   Dazu gehören z. B. die chinesischen Redeteile, die recht ausgiebig im »Methusalem« in der später ein Tempelbesuch und seine Folgen genannten Szene präsentiert werden: »Ngo yen huo t'a-men – ich werde mit ihnen sprechen.« (M 329) Mit: »Ngo« «wo» »ich« / »yan« «yan» »sprechen« / »huo« «he» »mit« / »t'a-men« «ta-men» »sie« [3. Pers. Plur.]; Worte und Wortstellung sind völlig korrekt. – »Thian-na, nguot-tik – o Himmel, o Wunder!« (ebd.) mit: »Thian-na« «tian-na» »Himmel!« / »nguot-tik« «wu-de» »oh!«; beide Interjektionen werden bei Gabelentz gegeben, der allerdings »Himmel!« mit »t'ien-ná« transkribiert und »nguot-tik« nur mit »o!« übersetzt.(88) »T'a-men put tschian–tse, t'a-men ti-jin – es sind nicht Himmelssöhne, sondern irdische Menschen!« (M 330) mit: »T'a-men« «ta-men» »sie« / »put« «bu» »nicht« / »tschian-tse« muß wohl sein «tian-zi» »Himmelssohn« / »ti« «di» »Erde« / »jin« «ren» »Mensch«; im Satz fehlt das chinesische Äquivalent für »sind«, das Hilfszeitwort »sein« «shi». Zumindest originell ist auch die Verwendung der Devotionsbezeichnung »Himmelssohn«, die nur dem chinesischen Kaiser gebührte, für die angeblichen Lamas. »T'ein-ti-jin – o Himmel, Erde und Menschen. Miao-ya, miao-ya – Wunder über Wunder!« (M 353): «tian-di-ren» führt Gabelentz(89) als »t'ien tí zîn Himmel, Erde und Mensch« und «miao-ya» als »Miaò-ya! Wunderbar! Vortrefflich!«;(90) letzteres wurde von Karl May leicht in der Bedeutung verschoben, indem er «miao» »Wunder« in mehr religiösem Sinn verwendet, während es hier eigentlich »(wunder)schön, herrlich« bedeutet.(91) »Jip-mo t'a yuet, jip-mo t'a yuet – was hat er gesagt, was hat er gesagt?« (M 353f.) mit: »Jip-mo« «shen-me» »was?« / »t'a« «ta» »er, sie, es« / »yuet« «yue» »sprechen«; die merkwürdige Transkription »Jip« könnte wiederum durch fehlerhaftes Lesen von handschriftlich »sip-mo«, so nämlich bei Gabelentz,(92) entstanden sein. Die Wortstellung ist nicht korrekt, sie ist »deutsch«; richtig wäre «ta yue shen-me».

   Der Vorwurf, es zeige sich, »daß Karl May noch nicht einmal das chinesische Wort für »nein« richtig wiederzugeben imstande ist«,(93) läßt sich bei näherem Hinsehen vielleicht entkräften. Die angesprochene Stelle (M 212) »yu, yu – nein, nein!« erscheint allerdings unsinnig, aber sie korrespondiert in auffälliger Weise zu (M 354): »Vu, vu! Ngo put yuk ngo; put kam; ngo kiao – nein, nein! Ich will das nicht; ich mag das nicht; ich schrei'!« Da Karl May in anderen Beispielen die korrekte Verneinung »put« «bu» verwendet, kann die inkriminierte Stelle nicht einfach auf Unvermögen zurückzuführen sein. Heinrigs' »Schlüssel«-Liste nun bringt unter Nr. 80(94): »Mou, Mutter, bei Thieren das Weib-


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chen [Weibchen]. Als Vou gesprochen, heißt es nein, ohne«; in Karl Mays Handexemplar ist »Vou« unterstrichen und angekreuzt. Es könnte daher durchaus möglich sein, daß er sich dieser Angabe bedient hat und dabei die französische Transkription von Heinrigs' »vou« «wu» der deutschen Rechtschreibung angeglichen hat. So könnte es zu »vu« gekommen sein und, wenn man zu Karl Mays Gunsten wiederum einen Lese- und Setzfehler annimmt, schließlich zu »yu«. Das Sprachzitat wäre dann unter Berichtigung eines Interpunktionsfehlers «wu, wu! wo bu yao; wo bu gan; wo jiao» und somit weitgehend korrekt, abgesehen davon, daß »kam« «gan» »wagen« bedeutet und nicht »mögen«.

   Auch im später verfaßten »Schwarzen Mustang« sind die Worte der chinesischen Bahnarbeiter durchweg korrekt: »Du weißt es, denn du hast gehört, daß er leise zu dir »schuet put tek« sagte!« – »Ja, das hat er gesagt.« – »Nun, was bedeuten die chinesischen Worte?« – »Sie heißen: »Komm, wir gehen mit!« Er sagte das, weil wir mit Euch gehen sollten.« – »Höre, du bist ein Pfiffikus, aber mich täuschest du nicht. Kommen heißt »lai« und gehen heißt »k'iu«; schuet put tek aber heißt: »es darf nichts gestanden werden.« Willst du das etwa auch leugnen?«(95) Mit: »shuet« «shuo» »sprechen« / »put« «bu» »nein« / »tek« «de» »dürfen« / »lai« «lai» »kommen« / »k'iu« «qu» »gehen«; sämtliche Sprachzitate finden sich bei Gabelentz:(96) »suet put tek, kann oder darf nicht gesagt werden.« Ebendort auch: »lâi, kommen, her; k'iü, gehen, weg, hin«.

   Put yen put jii, put yen put jii!« schrie der erste Chinese vom Schanktisch her. Dieser ängstliche Zuruf heißt soviel wie: »Kein Wort reden, kein Wort reden!«(97) Damit kann nur die Redewendung «bu yan bu yu» mit der Bedeutung »kein Wort sagen, schweigsam« gemeint sein(98) und Gabelentz gibt auch richtig »put yên put jü, kein Wort reden.«(99) Offensichtlich wurde wieder einmal falsch gesetzt und aus »jü« »jii« gemacht.

   Bestätigen läßt sich die von anderer Seite gemachte Feststellung, daß die chinesischen Sprachzitate in »Und Friede auf Erden!« »sich als fehlerfrei erwiesen« hätten.(100) Allerdings lassen die dortigen zentralen Begriffe mehrere Deutungen zu: Der von Karl May gewählten Bezeichnung »Shen« für die große Bruderschaft der »Menschlichkeit« muß nicht unbedingt «ren» »Mensch« zugrunde liegen, viel wahrscheinlicher wäre das (mit einem anderen Schriftzeichen geschriebene) «ren» mit der Bedeutung »Menschlichkeit« im Sinne von »Nächstenliebe« – im übrigen eine der fünf konfuzianischen Grundtugenden. Denkbar wäre auch, gerade bei der erkennbaren Genauigkeit der Wiedergabe des Chinesischen in diesem Werk, daß Karl May an «shen» »Gott, Geist, Seele« gedacht haben konnte.(101) Die dort erwähnte Antagonistin »Hen«, sie war die Königin, Oberpriesterin der Hölle, ist mit der Worterklärung


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»Selbstsucht, Haß« deutlich als «hen» »Haß, hassen« zu erkennen. In auffälligem Gegensatz dazu entbehrt »Yin«, von Karl May mit »die Güte« gleichgesetzt,(102) eines Äquivalents im Chinesischen: »gut« wäre «shang». Auf der Hand liegt natürlich «yin», eine der beiden kosmischen Ur-Wirkkräfte, die zusammen mit ihrem Pendant «yang» aus dem Ur-Anfang «wu ji» die Zweiheit, die Welt der Gegensätze schafft und im Wechselspiel beider Kräfte für den Fortgang der Welt schlechthin verantwortlich ist.(103) In der altchinesischen Kosmologie umfaßt «yin» einen Bezugsrahmen u. a. von »Erde, empfangend, gebärend, feucht, dunkel, unten, tief, Mond, weiblich«, also »Yin«, das »ewig Weibliche«?

   Korrekt sind schließlich auch die drei Beispiele aus dem »Dreiwörterbuch Santszö-king«, die Karl May im »Methusalem« (M 307f.) gibt, auch wenn sich nicht ermitteln ließ, aus welcher Quelle er hierbei schöpfte. Das «San-zi-jing« ist zwar bei Neumann abgedruckt,(104) aber Karl Mays Übersetzung weicht davon ab, dort ist auch keine Transkribierung vorhanden. Es spricht natürlich für Mays »Bildungsauftrag«, wenn er gerade Beispiele wie dieses auswählt: Tszö pu hio, / feï so i; / Yeu pu hio / Lao ho weï? «zi bu xue / fei suo yi / you bu xue / lao he wei» ... Wer als Kind nicht lernt, der wird ein Taugenichts; wer als Knabe nicht lernt, was soll der im Alter treiben? ...

Aus dem Gesagten ergibt sich die Frage, ob der Vorwurf an die Adresse Karl Mays nun haltbar sei, er habe in seine China-Erzählungen »Wendungen und Sätze« eingestreut, »die in einem völlig unverständlichen Kauderwelsch abgefaßt sind, das mit der chinesischen Sprache nicht das geringste zu tun hat«?(105) Ganz sicher wird ein solch einseitiges Urteil dem Autor Karl May nicht gerecht. Als Fazit dieser kleinen Studie kann vorerst konstatiert werden, daß Karl May offensichtlich versuchte, einen intensiven Zugang zur chinesischen Sprache zu finden. Als Laie allerdings, ohne Sprachausbildung, mit einer relativ geringen ihm zur Verfügung stehenden Literatur, konnte er sich dem Chinesischen eben nur in einer dilettantisch anmutenden Weise nähern. So kam er nicht umhin, seinen Quellenwerken blindlings zu vertrauen, und bei der Vielfalt, Inkonsequenz und mangelnden linguistischen Korrektheit der zu seiner Zeit gebräuchlichen Transkriptionssysteme des Chinesischen waren Wiedergabefehler unvermeidbar. Kritikwürdig ist sicherlich die Konzeption Karl Mays, sich des Vokabulars einer fremden Sprache wie der Klötzchen eines Baukastens zu bedienen und damit gleichsam kompositorisch Wörter und Sätze nach eigenen etymologischen Vorstellungen zu schaffen. Dies macht aber verständlicherweise fast jeder, dessen Zugang zur Sinologie ebenfalls zunächst


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von Neugier und erst später von Fachausbildung geprägt wird. Um die von Karl May präsentierten chinesischen Sprachzitate differenziert würdigen zu können, bedarf es, neben einer genauen Kenntnis der Sinologie des 19. Jahrhunderts und ihrer Transkriptionssysteme, Erfahrung beim Aufspüren von Fehlermöglichkeiten, die bei der Umschrift des Chinesischen via deutsche Handschrift auftreten können, dazu vielleicht auch einer gewissen findigen Phantasie, um dem gleichermaßen phantasievoll-schöpferischen Umgang Karl Mays mit dem Chinesischen nachzuspüren.

   Es erscheint deshalb notwendig, diesen sachlich und menschlich interessanten Aspekt des Mayschen Ouvres weiterhin zu bearbeiten, um so aus sinologischer Sicht umfangreichere Kenntnisse über diesen Autor zu erhalten. Allerdings werden wohl erst im Verein mit grundlegenden, sprachwissenschaftlichen Untersuchungen über die Verwendung anderer Sprachen durch Karl May schlüssigere Antworten darüber gegeben werden können, welche fremdsprachlichen Fähigkeiten Karl May tatsächlich hatte.



1   Diese Abhandlung schließt sich an die Untersuchung: Bernhard Kosciuszko: China im Werk Karl Mays. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft (Jb-KMG) 1988. Husum 1988, S. 322–340, und 1989. Husum 1989, S. 146–177, an. Darin wurde 1) der historische Hintergrund der China-Erzählungen Karl Mays behandelt und 2) dessen Darstellung von Chinas Staat, Gesellschaft und Religion.

Zitiert wird hier in der Folge ebenso mit den Siglen K und M aus: Karl May: Der Kiang-lu. In: Karl May: Gesammelte Reiseromane. Bd. XI: Am Stillen Ocean. Freiburg 1894, S. 67–318 (künftig: K);

Karl Mays Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. III Bd. 2: Kong-Kheou, das Ehrenwort. Hrsg. von Hermann Wiedenroth und Hans Wollschläger. Nördlingen 1988. (Künftig: M; das Sigle bezieht sich auf den bekannteren Titel der Erzählung »Der blau–rote Methusalem«.)

In der vorliegenden Abhandlung hat der Verfasser zur Verdeutlichung die heute international verbindliche, offizielle »Pinyin«-Transkription verwendet, die im Text mit «» gekennzeichnet wird.

2   China-Handbuch. Hrsg. von Wolfgang Franke u. Brunhild Staiger. Düsseldorf 1974, Sp. 1072

3   Insbesondere bemerkenswert waren sicherlich die Reisen des französischen Lazaristen-Missionars Régis-Evariste Huc (1813–60) durch China, die Mongolei und Tibet in den Jahren 1844 bis 1846 und nochmals 1849 bis 1851. Huc hat seine Erlebnisse in mehreren Reiseberichten niedergeschrieben, die auch Karl May als Vorlage gedient haben. Berühmter war vielleicht noch der deutsche Gelehrte Ferdinand Freiherr von Richthofen (1833–1905), der von 1868 bis 1872 die meisten Teile Chinas bereiste.

4   Karl May: Der Kiang-lu. In: Deutscher Hausschatz. VII. Jg. (1880/81); zusammenhängend in: May: Am Stillen Ocean, wie Anm. 1, S. 67–318

5   Karl May: Der Brodnik. In: Deutscher Hausschatz. VI. Jg. (1879/80), zusammenhängend in: May: Am Stillen Ocean, wie Anm. 1, S. 362–382

6   Karl May: Kong-Kheou, das Ehrenwort. In: Der Gute Kamerad. III. Jg. (1888/89) zusammenhängend als: »Der blau–rote Methusalem«. Stuttgart (1892); siehe Anm. 1.

7   Karl May: Der Girl-Robber. In: Deutscher Hausschatz. VI. Jg. (1879/80); zusammenhängend in: May: Am Stillen Ocean, wie Anm. 1, S. 383–476


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8   Karl May: An der Tigerbrücke. In: May: Am Stillen Ocean, wie Anm. 1, S. 477–607

9   Karl May: Der schwarze Mustang. In: Der Gute Kamerad. XI. Jg. (1896/97); Buchausgabe: Der schwarze Mustang. Stuttgart 1899

10   Karl May: Et in terra pax. In: China. Schilderungen aus Leben und Geschichte, Krieg und Sieg. Ein Denkmal den Streitern und der Weltpolitik. Hrsg. von Joseph Kürschner. III. Teil. Leipzig 1901 – Karl May: Gesammelte Reiseerzählungen Bd. XXX: Und Friede auf Erden! Freiburg 1904

11   Daß es sich beim Ich-Erzähler »Charley« im »Kiang-lu« um Old Shatterhand handelt, wurde bereits von Kosciuszko, wie Anm. 1 (1989), S. 324, angedeutet, es geht aber auch zweifelsfrei aus einer Aussage von Mays Ich-Erzähler hervor: ... dennoch behielt Turnerstick die Waffe in der Hand und öffnete den Mund zu einer Antwort. Er kam aber zu keinem Laute, denn die mächtige Faust des Dschiahur traf ihn so an die Stirne, daß er lautlos zusammenbrach. Das war ja mein eigener Jagdhieb, der mir zu dem Beinamen »Old Shatterhand« verholfen hatte! (May: Kiang-lu, wie Anm. 1, S. 185)

12   C. Müller: Sprache, Schrift und Literatur der Chinesen. In: Aus allen Welttheilen. (1872), S. 298–303 (S. 299)

13   Neben dem obenerwähnten Régis-Evariste Huc wäre an Sinologen-Missionare wie James Legge oder F. S. Couvreur zu denken, deren Übersetzungsarbeiten als Gesamtleistung auch heute noch nicht überholt sind.

14   Eugen Feifel: Geschichte der chinesischen Literatur. Darmstadt 41982, S. 510

15   May: Der schwarze Mustang (1899), wie Anm. 9, S. 88

16   May: Kiang-lu, wie Anm. 1, S. 373

17   Erwin Koppen: Karl May und China. In: Jb-KMG 1986. Husum 1986, S. 69–88 (S. 83)

18   Ebd., S. 83f.

19   Ebd., S. 84

20   Brief Karl Mays vom 15.4.1897, zit. nach Hans Wollschläger: Karl May. Grundriß eines gebrochenen Lebens. Zürich 1976, S. 91

21   In einer weiteren Abhandlung sollen die aus der Verwendung der chinesischen Terminologie sich ergebenden Sachgebiete wie Landeskunde, Geschichte, Soziologie, Literatur, Musik u. a. noch gebührend Berücksichtigung finden.

22   Zu denken wäre an die Wörterbücher von R. Morrison, Macao 1815–22; W. H. Medhurst, Shanghai 1847–48, und S. W. Williams, Shanghai 1874. Auch waren zu der Zeit, als Karl May seine erste China-Erzählung verfaßte, bereits einige realienkundliche Werke zu China erschienen, u. a.:

Ernest J. Eitel: Handbook of Chinese Buddhism. Hong Kong 1870; William F. Mayers: The Chinese Reader's Manual. Shanghai 1874, Ders., The Chinese Government. Peking 1877; G. M. H. Playfair: The Cities and Towns of China. Shanghai 1879.

23   Wilhelm Schott: Chinesische Sprachlehre. Zum Gebrauche bei Vorlesungen und zur Selbstunterweisung. Berlin 1827 – Karl-May-Bibliothek Nr. 620 – die Angaben »Karl-May-Bibliothek« beziehen sich auf den im Karl-May-Museum, Bamberg, befindlichen Bestand der privaten Bibliothek Karl Mays – gelegentliche Anstreichungen, handschriftliche Ziffern (Seitenzahlen) auf dem hinteren Vorsatzblatt von Karl May

24   Karl-Friedrich Neumann: Lehrsaal des Mittelreiches, enthaltend die Enzyklopädie der chinesischen Jugend und das Buch des ewigen Seins und der ewigen Materie. München 1836 – Karl-May-Bibliothek Nr. 437: gelegentliche Unterstreichungen

25   J. Heinrigs: Ueber die Schrift der Chinesen, nebst Uebersetzung und Erläuterung ihrer Schlüssel, welche auf der hierzu gehörigen Tafel figürlich dargestellt sind. o. O., o. J. (Köln 1848) – Karl-May-Bibliothek Nr. 610: mit ovalem Stempel »Carl May / Redacteur.« – Daraus läßt sich ableiten, daß der Zeitpunkt des Erwerbs der Schrift noch in den 70er Jahren gewesen sein muß (persönliche Mitteilung von Roland Schmid, Karl-May-Verlag, Bamberg). Zahlreiche Anstreichungen in Form von ein- oder mehrfachen Kreuzchen, Ausrufe- und Fragezeichen, Unterstreichungen sowie handschriftliche Anmerkungen belegen die Intensität von Karl Mays Studium.


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26   Georg von der Gabelentz: Anfangsgründe der chinesischen Grammatik. Leipzig 1883 – Karl-May-Bibliothek Nr. 899: Auf der Titelseite von Karl Mays Exemplar befindet sich ein Stempel »Dresden / Karl May / Dr. phil. / Schnorrstraße 31«. Wie die Anschrift »Schnorrstraße 31« verrät, muß Karl May also dieses Werk irgendwann zwischen Frühjahr 1887 und Herbst 1888 erworben haben, somit genau in der Entstehungszeit des »Methusalem« (persönliche Mitteilung von Roland Schmid). Das Buch enthält auch wiederholt Anstreichungen und mitunter kurze Bemerkungen am Rande, die jedoch nur den daneben stehenden Inhalt deutlich machen.

27   Amherst's Gesandschaftsreise nach und durch China. Macartney's Reise von Peking nach der Tartarei, die Reisen eines Kaufmannes durch Hainan und Südchina, und Hall's Reise nach Korea und den Lutschu-Inseln. Hrsg. von Wilhelm Harnisch. Leipzig 1824 – Karl-May-Bibliothek Nr. 443

28   J[ohn] F. Davis: China, oder allgemeine Beschreibung der Sitten und Gebräuche, der Regierungsverfassung, der Gesetze, Religion, Wissenschaften, Literatur, Naturerzeugnisse, Künste, Fabriken und des Handels der Chinesen. Deutsch v. F. Wesenfeld. 2 Bände. Magdeburg 1843 – Karl-May-Bibliothek Nr. 449/450: Beide Bände bieten auf den hinteren Vorsatzblättern verschiedene Stichworthinweise Karl Mays die sich auf Seitenzahlen des Werkes beziehen.

29 Évariste-Régis Huc/Joseph Gabet: Wanderungen durch die Mongolei nach Thibet zur Hauptstadt des Tale Lama. In dt. Bearb. hgg. v. Karl Andree – aufgeführt in der Inventarliste in: Franz Kandolf/Adalbert Stütz/Max Baumann: Karl Mays Bücherei: In: Karl-May-Jahrbuch 1931. Radebeul 1931, S. 212–91 (S. 225), jedoch nicht aufzufinden

30 Évariste-Régis Huc: Das Chinesische Reich. Deutsche Ausgabe. 2 Teile. Leipzig 1856 – in Karl Mays Bibliothek nicht vorhanden.

31   Koppen, wie Anm. 17, S. 84

32   Huc, Wanderungen, wie Anm. 29, S. 326 – May: Kiang-lu, wie Anm. 5, S. 69

33   Gabelentz, wie Anm. 26, S. 3f.

34   Koppen, wie Anm. 17, S. 85

35   Carl Arendt: Handbuch der Nordchinesischen Umgangssprache. Stuttgart/Berlin 1891

36   Ebd., S. 420f.

37   Brief Karl Mays vom 2.11.1894; zit. nach Wollschläger, wie Anm. 20, S. 91

38   Das unbekannte »Ma-seng« erscheint als Wortschöpfung Karl Mays; »Wu-song« ist der Name eines Flusses in Shanghai «Wu-song jiang».

39   Bemerkenswert ist die Schreibung von Hong Kong (fehlendes -g); bei der chinesischen Heilpflanze «Ren-shen» hat die übliche europäische Schreibung ein -g hinzugefügt.

40   Diese eigentümliche Ernsthaftigkeit der Chinesisch-»Kenntnisse« Turnersticks wurde übrigens durch die Bearbeiter der späteren »Methusalem«-Ausgaben ein wenig in Frage gestellt. So geben M 30 und die erste Buchausgabe (Stuttgart 1892), S. 22: Wehe demjenigen, der es wagte, darüber zu lächeln! Er hatte es für immer mit dem Kapitän verdorben und wurde niemals wieder zu Gnaden angenommen.

Stattdessen dann in: Karl May's Gesammelte Werke Bd. 40: Der blaurote Methusalem. Bamberg, 603. Tsd., S. 27: »Zuweilen allerdings schien es, als ob auch eine leise, leise Selbstironie dabei im Spiele sei, denn der Kapitän liebte es sehr, lachende Gesichter um sich zu sehen.«

41   Gabelentz, wie Anm. 26, S. 19

42   Harnisch, wie Anm. 27, S. 207

43   Gabelentz, wie Anm. 26, S. 64 bzw. S. 117

44   Ciyuan [»Quell der Worte«]. 4 Bde. Peking 41979–1983. Bd. I, S. 459: im entsprechenden Sinn erstmals in «Shut hu chuan» [»Die Räuber vom Liang shan Moor«], Kap. 66

45   Huc: China, wie Anm. 30, Teil II, S. 235

46   May: Et in terra pax, wie Anm. 10, Sp. 139

47   Koppen, wie Anm. 17, S. 84f.

48   Ebd.


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49   R. H. Mathews: Chinese-English Dictionary. Cambridge, Mass., 1943, Nr. 1172. 40

50   Davis, wie Anm. 28, Band I, S. 329

51   Herbert A. Giles: A Chinese-English Dictionary. Shanghai u. London 1912, Nr. 2190

52   Ebd., Nr. 2144

53   Jean Chesneaux: Weisser Lotus, Rote Bärte – Geheimgesellschaften in China. Berlin 1976, S. 41

54   Ebd., S. 44

55   Ebd., S. 183, Anm. 12

56   Gabelentz, wie Anm. 26, S. 13

57   Huc: China, wie Anm. 30, II, S. 200 – zitiert nach der deutschen Originalausgabe, die eine vollständige Übersetzung des französischen Originals enthält; sie liegt auch als Reprint des Verlags Stroemfeld/Roter Stern, Basel/Frankfurt a. M. 1987; vor. Im Unterschied dazu hatte Karl Andree eine Bearbeitung, d. h. eine einbändige, gekürzte Fassung besorgt und unter dem Titel »Wanderungen durch das Chinesische Reich« bereits 1855 in Dresden veröffentlicht. Daß Karl May das Werk Hucs als Quelle benutzt hat, kann durch Textvergleiche bewiesen werden; welche Ausgabe er dabei aber verwendet hat, läßt sich nicht feststellen, da er sich derer wohl nur leihweise bedient hat. In seiner Bibliothek ist sie jedenfalls nicht vorhanden. Gerade der Begriff des »Bettlerkönigs« läßt es aber wahrscheinlich erscheinen, daß Karl May die zweibändige Originalausgabe benutzt hat, da dort ebenfalls von einem »Bettlerkönig« die Rede ist und nicht von einem »König der Bettler« wie in der Andreeschen Ausgabe, S. 322.

58   Gabelentz, wie Anm. 26, S. 111ff.

59   Morohashi Tetsuji: Dai Kann-Wa Jiten [»Großes Chinesisch-Japanisches Wörterbuch«]. 13 Bde. Tokyo 1955–60, Nr. (3) 4834. 57

60   Ciyuan, wie Anm. 14, Band I, S. 580: Der Begriff wird hier zum ersten Mal nachgewiesen als Bezeichnung für He Jiu-shu, einem der Anführer der »Räuber vom Liang shan Moor«, Kap. 25.

61   Gabelentz, wie Anm. 26, S. 114

62   Schott, wie Anm. 23, S. 73

63   May: Kong-Kheou, wie Anm. 6, Der gute Kamerad, S. 41 – vgl. M 7

64   Kangxi-Zidian [»Kangxi-Schriftzeichenlexikon«]. Peking 1716. Reprint Hong Kong 1977, S. 281 bzw. S. 99

65   Gabelentz, wie Anm. 26, S. 12, Schott, wie Anm. 23, S. 41f.

66   Heinrigs, wie Anm. 25, S. 1

67   Ebd.

68   Morohashi, wie Anm. 59, Nr. (4) 9583 bzw. (2) 3227

69   Gabelentz, wie Anm. 26, S. 11

70   Huc: Wanderungen, wie Anm. 29, S. 302f.

71   May: Am Stillen Ocean, wie Anm. 1, S. 367

72   Morohashi, wie Anm. 59, Nr. (12) 48818

73   Ebd., Nr. (12) 48818.75; die »Longane« (Euphorbia longana) ist ein zur Familie der Seifennußgewächse gehörender Strauch, der pflaumengroße, fleischige, eßbare Früchte trägt.

74   Ebd., Nr. (12) 48818.389-2

75   Giles, wie Anm. 51, Nr. 5505: »strangers; foreigners«

76   Schott, wie Anm. 23, S. 36; für seine Zeit bemerkenswert, verwendet Wilhelm Schott konsequent Kleinschreibung, nur für Auszeichnungsstellen (Satzanfänge, Namen) Majuskeln.

77   vgl. China-Handbuch, wie Anm. 2, Sp. 1022.

78   Huc: China, wie Anm. 30, Band II, S. 95

79   Gabelentz, wie Anm. 26, S. 97

80   Morohashi, wie Anm. 59, Nr. (7) 20758 und (8) 27483

81   Gabelentz, wie Anm. 26, S. 5

82   Leon Wieger: Chinese Characters. o. O. 1927, S. 305

83   Charles O. Hucker: A Dictionary of Official Titles in Imperial China. Stanford 1985, Nr. 5835


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84 Huc:   Wanderungen, wie Anm. 29, S. 4, Anmerkung – in Karl Mays Bibliothek (Nr. 447) befindet sich auch Karl Gützlaff: Das Leben des Tao-Kuang, verstorbenen Kaisers von China. Leipzig 1852. Es enthält aber keine Anstreichungen o. ä.

85   Vgl. Kosciuszko, wie Anm. 1 (1989), S. 168–171.

86   Morohashi, wie Anm. 59, Nr. (11) 39010.215

87   Mayers: The Chinese Government, wie Anm. 22, S. 143

88   Gabelentz, wie Anm. 36, S. 107

89   Ebd., S. 22

90   Ebd., S. 106

91   Chinesisch-Deutsches Wörterbuch. 2 Bde. Hrsg. von Horst Dieter Gasde. Berlin 1985, Band I, Nr. 4001

92   Gabelentz, wie Anm. 26, S. 94

93   Koppen, wie Anm. 17, S. 85

94   Heinrigs, wie Anm. 25, S. 2

95   May: Der schwarze Mustang (1899), wie Anm. 9, S. 90

96   Gabelentz, wie Anm. 25, S. 98

97   May: Der schwarze Mustang (1899), wie Anm. 9, S. 90f.

98   Gasde, wie Anm. 91, Band I, Nr. 0438

99   Gabelentz, wie Anm. 25, S. 87

100   Koppen, wie Anm. 17, S. 85

101   May: Und Friede auf Erden!, wie Anm. 10, S. 581ff.

102   Ebd., S. 243

103   vgl. Kosciuszko, wie Anm. 1 (1989), S. 168

104   Neumann, wie Anm. 24, Text des «San-zijing» S. 1–15 (von rückwärts)

105   Koppen, wie Anm. 17, S. 84


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