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REINHOLD WOLFF


Dallas und Denver aus Dresden:
Ein Versuch über expansive Phantasiewelten bei Karl May und andern*





I. Vorbemerkung: Karl-May-Forschung als Spiegel der Literaturwissenschaft


Wenn man als ein der Karl-May-Gesellschaft außenstehender Literaturwissenschaftler (der ich vor nicht allzu langer Zeit noch war) auf die Karl-May-Forschung der letzten 30 bis 40 Jahre blickt, dann stellt man mit einiger Verblüffung fest, daß diese Karl-May-Forschung wie in einem Spiegel als eine Art Mikrokosmos ein sehr getreues Abbild des Makrokosmos Literaturwissenschaft insgesamt darstellt. Es ist tatsächlich alles vorhanden, was der professionelle Literaturwissenschaftler auch sonst aus der Geschichte oder Gegenwart seiner Zunft her kennt. Ganz so etwa, wie die systematische Beschäftigung mit Literatur, die wir uns etwas voreilig angewöhnt haben, ›Literaturwissenschaft‹ zu nennen, vor fast zweieinhalbtausend Jahren, im 3. Jahrhundert v. Chr., in der alexandrinischen Philologie einsetzt mit dem Bemühen um den authentischen Text der griechischen Klassiker: ganz ebenso ist die Karl-May-Gesellschaft vor 30 Jahren aus der Sorge und dem Bemühen um den originalen May-Text entstanden. Und ganz so, wie - ebenfalls seit den Tagen der alexandrinischen Philologie - das Interesse am Autor, als Autorenbiographik, das Interesse an den Texten begleitet: ganz genauso hat auch die Karl-May-Gesellschaft in vielen ihrer Vertreter ganz wesentliche Beiträge zur Erforschung von Mays Biographie geleistet. Ganz zu schweigen von den großen Deutungsgefechten der letzten beiden Generationen: dem psychoanalytischen, dem soziologischen und sozialgeschichtlichen, gelegentlich dem marxistischen, dem strukturalistischen Interpretationsparadigma und anderer, und neuerdings auch von Dekonstruktion und Postmoderne -: in jenem prekären, immer instabilen Gleichgewicht von Beschreiben und deutendem Aneignen einerseits (das wir dann Verstehen nennen) und von Beschreiben und Erklären andererseits,1 in dem meine merkwürdige Wissenschaft sich unausweichlich realisiert, hat die Karl-May-Forschung den ganzen Umkreis des Denkbaren und Machbaren aus-




* Vortrag, gehalten am 15. 9. 1999 auf der 15. Tagung der Karl-May-Gesellschaft in Hohenstein-Ernstthal.


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geschritten und bietet ein getreues Abbild ›en miniature‹ der Möglichkeiten meiner Zunft.

   Man könnte deshalb, so will mir manchmal scheinen, aus den Aktivitäten dieser kleinen Welt der Karl-May-Gesellschaft ohne weiteres ein klassisches Methodenkompendium der Literaturwissenschaft zusammenstellen und mit diesem Kompendium auch demonstrieren, daß die Wissenschaft von der Literatur (wenn sie es denn nicht vorzieht, den geistigen Freistil-Ringkampf zu praktizieren oder die alten Wege einer mit Aha-Erlebnissen gepflasterten Alltags- und Populärphilosophie zu verfolgen) sehr wohl über ein elaboriertes Instrumentarium von expliziten (und explizierbaren) Verfahren verfügt, mit denen sie sich ihrer Wahrheit (oder: ihren Wahrheiten) annähert.

   Auch das Gedankenspiel, das ich im Folgenden vorschlagen möchte, ist ein solches Verfahren und hat System - und im Grunde wiederum ein sehr altes System: das Verfahren der Typologie und Klassifikation nämlich, das, soweit ich sehe, in der Literaturwissenschaft zum ersten Mal Anwendung findet, als (wiederum im 3. Jahrhundert v. Chr.) der Alexander-Nachfolger Ptolemaios II. den Dichter und Gelehrten Kallimachos beauftragt, einen Katalog der alexandrinischen Bibliothek anzulegen - damals und bis zum Brand der Bibliothek bei der Einnahme Alexandrias durch Julius Caesar der größten der Welt mit annähernd einer Million Buch-Rollen. Der Katalog des Kallimachos ist uns nicht überliefert, aber wir kennen ihn, weil er von Zeitgenossen vielfach kommentiert und gepriesen und für spätere Jahrhunderte zum Muster eines Bibliothekskatalogs überhaupt geworden ist. Kallimachos entwirft zum ersten Mal ein System von Gattungen (literarischen und nicht-literarischen) und damit auch ein Klassifikationssystem des gesamten vorhandenen Wissens, indem er die Autoren und Texte nach Merkmalen der Ähnlichkeit und - innerhalb der Ähnlichkeitskategorien - nach Differenz sortiert. Das Wichtigste für einen Dichter sei, so hatte Aristoteles2 zwei Generationen früher formuliert, »Ähnlichkeiten zu finden«, und für einen Literaturwissenschaftler gilt offenbar das Gleiche: Die Literaturwissenschaft hat, wie jede andere Wissenschaft, ein fundamentales Bedürfnis nach Strukturierung und Übersichtlichkeit ihres Gegenstandsbereichs und löst, wie jede andere Wissenschaft, dieses Problem über die Verfahren von Ähnlichkeitseinschätzung und Kontrastbildung, also über die Verfahren der Klassifikation und Typologie, die ihrerseits auf den seit Aristoteles bekannten, fundamentalen kognitiven Operationen der Äquivalenz- und Kontrast-Assoziation3 beruhen. Der Typus wird faßbar, wenn signifikante Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Texte in bezug auf bestimmte Kategorien/Merkmale wahrnehmbar sind, und die Wahrnehmbarkeit von Ähnlichkeiten oder Unähnlichkeiten ist so universell, daß die Psychologie seit Aristoteles nie versucht hat, dieses Phänomen selbst zu erklären, sondern es in vielfachen Erklärungszusammenhängen bis heute immer vorausgesetzt hat: in der Gegenwart etwa in einer Vielzahl von empiri-


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schen Tests aller Art, die auf Ähnlichkeitseinschätzungen oder Ähnlichkeitsskalierungen der Versuchspersonen aufbauen. Daß die (Re-)Konstruktion von Typologien in den empirischen Sozialwissenschaften längst auch über die Anwendung spezifischer Statistikmodelle4 auf empirisch erhobene Merkmalsräume geschieht, sei nur am Rande erwähnt. In der Literaturwissenschaft haben wir uns seit etwa 30 Jahren angewöhnt, bei der Anwendung solch typologiebildender Verfahren von Strukturalismus zu sprechen.

   Darüber hinaus aber leisten Klassifikation und Typologie selbstverständlich nicht nur die Strukturierung des Datenraums einer Wissenschaft, sondern tragen auch unmittelbar zur Erkenntnis bei: Die Einordnung z. B. eines textuellen Phänomens, eines Textes oder einer Serie von Texten in Verwandtes, also etwa eine Gattungszuschreibung, erläutert auch das so Eingeordnete neu, indem es als Variante eines Typus verstehbar wird und sich damit auch in seinem Eigencharakter neu erschließt. Eben dies soll im Folgenden versucht werden.



II. Expansive Phantasie-Welten


Dazu sei nun zunächst das Ausgangsproblem skizziert und dabei erläutert, was hier unter dem Begriff der expansiven Phantasien verstanden werden soll, der ein wenig aufs Geratewohl gewählt wurde, weil eigentlich kein Fachterminus zur Verfügung steht. Es geht um folgendes:

   Im Februar 1897, also vor etwas mehr als 100 Jahren, beginnt in der Wochenzeitschrift ›Deutscher Hausschatz in Wort und Bild‹, die vom Verlag Pustet (Regensburg, Rom, New York, Cincinnati) herausgegeben wird, die Erzählung ›Im Reiche des silbernen Löwen‹ zu erscheinen. Untertitel: ›Reiseerzählung von Karl May‹.5 Die Fortsetzungen der Geschichte reichen bis in den Herbst 1898 und liefern den wesentlichen Baustein für die Bände XXVI und XXVII von Karl Mays ›Gesammelten Reiseerzählungen‹. Diese erscheinen, wie bekannt, seit 1892 in zügiger Folge bei Fehsenfeld, Freiburg im Breisgau, und zwar gleichzeitig als Lieferungsromane und als gebundene, ›seriöse‹ Buchausgaben. Die Lieferungsausgaben ›Im Reiche des silbernen Löwen‹ erscheinen von September bis Dezember 1898, die beiden gebundenen Ausgaben zeitnah noch im gleichen Jahr: Offenbar haben auch der seriöse Verleger Fehsenfeld und der inzwischen seriös gewordene Autor May das lukrative Weihnachtsgeschäft im Auge.

   Die Bände III und IV des ›Silberlöwen‹ werden dann, wie wir wissen, um so länger auf sich warten lassen, und zwar bis 1902, resp. 1903. Dazwischen liegt (1899/1900) Mays Orientreise, in der er vor genau 100 Jahren zum ersten Mal die Schauplätze seiner Phantasien selbst wirklich betritt. Dazwischen liegt aber auch die große Wende im schriftstellerischen Selbstverständnis von Karl May, die Hinwendung zur Symbolik des Spätwerks usw. Aber davon später mehr.


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   In den beiden ersten Bänden des ›Silberlöwen‹ nun passieren merkwürdige Dinge. Die Handlung beginnt damit, daß Old Shatterhand unterwegs ist von den Gros-Ventre-Bergen, wo er seinen Freund Winnetou in aller Form zur letzten Ruhe gebettet hat, zu den Apachen am Rio Pecos, um ihnen die Nachricht vom Tod ihres Häuptlings zu bringen. Das mag für den Leser noch hingehen, hat er sich an die Männerfreundschaft Winnetou/Old Shatterhand doch längst gewöhnt und weiß er spätestens seit dem Erscheinen von ›Winnetou III‹6 im Jahr 1893, und möglicherweise auch schon seit 1883, d. h. seit dem ersten Erscheinen der Erzählung ›Ave Maria‹7, vom Tod des berühmtesten Indianerhäuptling(s) Nordamerika's und hervorragendste(n) unter allen Indianern.8 Und irgend jemand muß den Apachen ja die Nachricht vom Tod ihres Häuptlings bringen: warum dann nicht der Blutsbruder Old Shatterhand!

   Aber das ist erst der Anfang: Die Querverweise und Rückbezüge nehmen zu und strukturieren zunehmends die Erzählung. Old Shatterhand trifft zunächst auf die beiden Snuffles, zwei Zwillingsbrüder und Westmänner, die wegen ihrer langen Nasen bekannt sind, die aber der geübte Karl-May-Leser auch kennt, wenn er die ursprünglich 1888 erschienene Erzählung ›Der Geist der Llano estakata‹9 gelesen hat. Die drei Helden geraten zur Rettung eines Persers namens Dschafar in mancherlei Wechselfälle mit feindlichen Comanchen, deren Häuptling To-kei-chun heißt und den der Leser wiederum aus der Erzählung ›Deadly dust‹ kennt, erschienen 1880 in Pustets ›Deutschem Hausschatz‹ und seit 1893 in den Band ›Winnetou III‹ der ›Gesammelten Reiseromane‹ eingegangen. To-kei-chun, Häuptling der Racurroh-Comanchen, ist nun deutlich gealtert, hat weißes Haar, und auch sein Naturell hat sich entwickelt, allerdings eher ungünstig - zu Mißgunst und Hinterhältigkeit. Es ist übrigens hier nicht der letzte Auftritt To-kei-chuns: In ›Winnetou IV‹10 schreibt er, nun uralt - auch Old Shatterhand braucht übrigens in ›Winnetou IV‹ eine Brille, wenn er einen schwierigen Schuß auf weite Entfernung aus seinem Bärentöter abgeben will -, aber immer noch unversöhnlich, einen Fehdebrief nach Radebeul, in dem er Old Shatterhand auffordert, sich dem großen Endkampf, dem ›Harmageddon‹ sozusagen, auf dem Mount Winnetou zu stellen. Im ›Silberlöwen I‹ jedoch ist der erste Höhepunkt dieser Nostalgie-Tour im Wilden Westen zunächst erreicht, als sich Dschafar als quasi alter Bekannter erweist: Er kennt Hadschi Halef Omar gut, hat von allen Heldentaten des Kara Ben Nemsi auf der Halbinsel Arabiens und in der Türkei gehört und ist gar ein Verwandter jenes flüchtigen Prinzen Hassan Ardschir-Mirza, den Kara Ben Nemsi erst ein paarmal gerettet hat, der aber dann doch in der Nähe des Turms von Babel mit seiner ganzen Familie getötet worden ist, als Kara Ben Nemsi und Halef an der Pest erkrankt und deshalb in ihren Möglichkeiten zur Hilfeleistung stark eingeschränkt waren. Jedem May-Leser ist deutlich, daß Karl May damit an die Phantasie-Welt der Reise ›Von Bagdad nach Stambul‹11 im dritten Band des sog. ›Orientzyklus‹ anknüpft,


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mit dem die ›Gesammelten Reiseromane‹ bei Fehsenfeld 1892 begonnen haben.

   Das hier erwähnte Element des Romans ist übrigens wiederum älter und reicht noch zehn Jahre weiter zurück ins Jahr 1882: in die Erzählung ›Die Todes-Karavane‹,12 erschienen in Pustets ›Deutschem Hausschatz‹. Fast immer läßt sich das Entstehen der Phantasmen so in die frühen 80er Jahre datieren, und fast immer haben sie dann eine wichtige Fixierung in der Fehsenfeld-Ausgabe der 90er Jahre erhalten, bevor sie Teil dessen werden, was ich hier ›expansive Phantasien‹ nenne.

   Im ›Silberlöwen I‹ ist damit eine Nostalgie-Dichte zumindest der Personen erreicht, die zunächst einmal auffällt. Aber es geht in dieser Richtung noch um einiges weiter: In der nächsten Steigerung sind die Schauplätze betroffen. Dazu wechselt die Handlung zunächst, zu Beginn des dritten Kapitels, in den Orient. Daß Old Shatterhand innerhalb der gleichen Erzählung, innerhalb des gleichen Phantasmas also, sich in Kara Ben Nemsi verwandelt, wird in den 80er Jahren sorgfältig vermieden, hat aber zu diesem Zeitpunkt schon eine Parallele: Etwa zur gleichen Zeit, in der die Erzählung ›Im Reiche des silbernen Löwen‹ in Pustets ›Deutschem Hausschatz‹ erscheint, kommen bei Fehsenfeld die drei Bände ›Satan und Ischariot‹ auf den Markt, die ihrerseits auf ›Hausschatz‹-Erzählungen der Jahre 1893-96 zurückgehen. Und hier schon gehen zum ersten Mal die Traumwelten ineinander über: Winnetou erscheint als unerwarteter Überraschungsgast auf der wöchentlichen Sitzung eines Dresdener Männergesangsvereins, dessen Ehrenmitglied Karl May ist:


»Scharlieh!« rief es da unter der offen gebliebenen Thür.

Ich sprang schnell auf. Scharlieh pflegte Winnetou meinen deutschen Vornamen auszusprechen. Und da stand er unter der Thür! Winnetou, der berühmte Häuptling der Apachen in Dresden! Und wie sah der gewaltige Krieger aus! Eine dunkle Hose, eine eben solche Weste, um welche ein Gürtel geschnallt war, einen kurzen Saccorock; in der Hand einen starken Stock und auf dem Kopfe einen hohen Cylinderhut, den er nicht abgenommen hatte!13


Und das ist nur der Anfang: Wenig später reitet Winnetou neben Kara Ben Nemsi mit wehendem Langhaar - nicht etwa über die Prärien Nordamerikas, sondern durch die ägyptische und tunesische Wüste; zwar nicht gerade in Begleitung Hadschi Halefs, aber immerhin. Kommentar des Erzählers: Ein Apatschenhäuptling in Kairo! Welch ein Gedanke! So etwas war noch nie dagewesen.14 In der Tat: die Expansion der Welten im Sinne eines Ineinander-Übergehens und -Verfließens ist perfekt. Galt früher im Werk Mays nur der Welten-Switch in Prärie oder Orient, der totale Wechsel also in die andere Phantasie-Welt, bei dem nur der Held und seine Attribute (Gewehre usw.) ein Minimum an Kontinuität garantierten, so beginnen die diversen Phantasiewelten nun offenbar zu einer kontinuierlichen Welt zusammenzuwachsen.


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   Doch kehren wir zum ›Silberlöwen I und II‹ zurück, wo in der Folge dieses neue Phantasiekontinuum eine zusätzliche Dimension gewinnt. Denn was als nostalgische Reminiszenz von Personen im Wilden Westen begonnen hat, gerät ab dem dritten Kapitel im Orient zu einer immer intensiveren, veritablen Nostalgie-Tour. Dschafar, der Old Shatterhand zur Erinnerung einen wertvollen persischen Dolch schenkt, löst einen Erinnerungsschub aus, welcher der nun folgenden Orient-Fahrt (die übrigens in den beiden ersten Bänden nie ins Reich des silbernen Löwen selbst gelangt) eine neue, eine Zeit- und Erinnerungsdimension verleihen wird. Immer wieder treten Personen auf, die aus dem früheren Leben - des Orientzyklus - bekannt sind: Halef und Hanneh selbstredend, aber auch der türkische Bimbaschi polnischer Herkunft namens Dozorca mit seinem unendlich dicken und gefräßigen Diener, in dessen Haus in Bagdad Kara Ben Nemsi einst den Prinzen Hassan Ardschir-Mirza und seine Familie untergebracht hat -; und ein türkischer Oberst, der bei der Militäraktion bei den Dschesidi noch Leutnant war und nun den Ruf Kara Ben Nemsis laut verkündet -; und nicht nur Marah Durimeh, die geheimnisvolle Greisin, deren Enkelin Kara Ben Nemsi einst von einer Tollkirschenvergiftung geheilt und die sich am Ende des Orientzyklus gar als der einflußreiche und friedensstiftende ›Geist der Höhle‹ entpuppt hat, sondern auch Randfiguren der Marah-Durimeh-Handlung wie die alte Dienerin Madana, die ›Petersilie‹, oder die schöne Ingdscha, die ›Perle‹, Stieftochter Nedschir-Beys, usw.: Das Bedürfnis nach einem Karl-May-Figurenlexikon, wie es Bernhard Kosciuszko und sein Team vor ein paar Jahren dankenswerterweise geliefert haben,15 erklärt sich nicht zuletzt aus solcher Rekurrenz der fiktiven Personen.

   Und auch vertraute Motive der alten Phantasiewelt tauchen wieder auf: Ein Geheimbund, der hierarchisch strukturiert ist und sich an einem Geheimzeichen (diesmal nicht einer Agraffe, sondern einem Ring) erkennt; Leichentransporte, deren Geruch an die Pestkarawane von einst erinnert -; Pferdediebe, die zurechtgewiesen werden -; Kelleks, die auf dem Tigris treiben, usw.

   Und immer wieder sind es die Schauplätze von einst, die frappieren und in denen nun das Geschehen wieder spielt: Es ist wirklich so, als kehre jemand in einer Art Reise in die Vergangenheit an Stätten und in Landschaften zurück, die ihm vor vielen Jahren ans Herz gewachsen sind; obwohl es sich doch hier um innere Landschaften und eine imaginierte Topographie handelt, in der sich Karl May bisher nie bewegt hat, wohl aber seine Phantasiefiguren Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi.

   Wieder, wie einst auf der Reise ›Von Bagdad nach Stambul‹, beschließen die Helden, in Bagdad bei Dozorca zu übernachten, als wäre hier etwas nicht zu Ende gebracht worden beim ersten Mal, und in der Tat erzählt der polnische Emigrant diesmal seine Familiengeschichte und löst das Rätsel seiner übertriebenen Nachsicht gegenüber seinem dicken Diener. Und wiederum ist ein wesentliches Zentrum des Geschehens der Birs Nimrud, also


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der biblische Turm von Babel -; und wieder reitet man an den Ufern des Tigris und in die Kurdenberge, diesmal allerdings zunächst auf der Suche nach einer kosmetischen Salbe für Halefs Frau Hanneh.

   Und diese Welt von ehedem, deren Vorstufen diesmal auf Hausschatz-Erzählungen aus dem Anfang der 80er Jahre zurückgehen,16 ist nicht nur präsent wie die Einrichtung eines Zimmers, das man lange nicht mehr betreten hat: Sie hat auch deutlich Eigenleben, ist etwa gealtert wie die reale Welt und dabei immer wieder auf diese bezogen. Halef ist nicht nur glücklicher Vater, sondern seine Ehe hat sich auch insofern entwickelt, als die Machtverhältnisse nun geklärt sind und er unter dem Pantoffel steht. Kara Ben Nemsi seinerseits ist, zur grenzenlosen Verblüffung Halefs, verheiratet - mit einer Frau namens Emmeh, was sich ohne Zweifel als Arabisierung von Emma, Mays erster Frau, geriert. In der äußeren, der realen Welt existiert diese Ehe zwar schon seit 1880, und in dieser realen Welt hat sie sich inzwischen hoch krisenhaft entwickelt und ist gerade dabei, auseinanderzubrechen; aber auch im Bereich der expansiven Phantasien ist dies jetzt angekommen. Kara Ben Nemsi selbst erfreut sich traumhafter und ungebrochener Jugendlichkeit, wie es uns ja allen bisweilen ergeht in unsern Selbst-Phantasmen, wenn wir vergessen, in den Spiegel zu schauen. Aber der emigrierte Pole und türkische Bimbaschi hat nun eine Brille und ist fast blind; usw. usf.

   Kurz: Da sind Räume der Phantasie, ausgestattet mit Bauten und Landschaften und bevölkert mit Menschen: Räume, in die man eintreten oder auch, sogar Jahre später, wieder zurückkehren kann; die sich mischen, entwickeln, die altern, und dies alles in einem immer wieder spannenden Verhältnis zur wirklichen Welt. Eben das also, was ich hier behelfsweise ›expansive Phantasien‹ nenne, weil diese fiktiven Räume quasi von Natur aus dazu neigen, sich immer mehr zu erweitern, ineinander zu verfließen, sich auszudehnen und am Ende gar die Wirklichkeit selbst zu überlagern: Wir alle wissen, daß May ab 1896, also wieder gerade in den Jahren, von denen hier die Rede ist, bei seinem Verleger darauf besteht, den Reihentitel ›Gesammelte Reiseromane‹ in ›Gesammelte Reiseerzählungen‹ umzuwandeln - im Bestreben also, das Fiktionssignal zu tilgen -; daß im gleichen Jahr17 der Jurastudent und Amateurphotograph Alois Schießer bei ihm auftaucht und jene berühmten Kostümphotos anfertigt: Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi mit Bärentöter oder Silberbüchse und einer Halskette aus Bärenkrallen -; Old Shatterhand auf allen Vieren, sein berühmtes Anschleichen übend -; oder Kara Ben Nemsi in Burnus und deutschen Reiterstiefeln und wieder die Bärenkrallen-Kette um den Hals. Jener Alois Schießer also, der die heute eher komisch wirkenden Maskerade-Photos macht, die bald den Fehsenfeld-Bänden beigegeben und auch in alle Welt verschickt werden. Wir alle wissen, daß May18 ab etwa 1892 schon immer wieder suggeriert hatte, er und seine Helden seien ein und dieselbe Person; und daß er ab 1894 immer wieder laut und wörtlich erklärte: Ja, ich habe das Alles und noch viel


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mehr erlebt ...19 Und daß er dies 1897 vor der Münchner Presse und ein Jahr später vor dem versammelten Wiener Kaiserhof und dem Bayerischen Königshaus mit Erfolg als Wahrheit verkauft hat.20 Er muß, die Welt seiner expansiven Phantasien im Herzen, in dieser Rolle sehr überzeugend gewesen sein, zumindest läßt die journalistische Berichterstattung auch seriöser Zeitungen von damals dies vermuten. Alles verhält sich so, als wäre Mays Orientreise von 1899/1900 nur der Versuch gewesen, auch einmal physisch zurückzukehren in dieses Reich der expansiven Phantasien, in denen er sich immer schon wußte - ohne Erfolg freilich, wie wir als Normale und Erwachsene ihm hätten vorhersagen können, schaffen doch unsere Phantasien üblicherweise nicht diese Art von Übergang in die Realität. Aber auch ich werde mich natürlich immer an meine tiefe Enttäuschung erinnern, als ich mir beim ersten Besuch in Radebeul sagen lassen mußte, daß die dort ausgestellten Gewehre - Bärentöter, »Henrystutzen«21 und Silberbüchse, also die drei besten und berühmtesten Gewehre des wilden Westens22 - nicht nur von einem Dresdener Büchsenmacher stammen (das hatte ich schon vermutet), sondern auch nicht schußfähig sind: Karl May hatte als Vorbestrafter natürlich keinen Waffenschein.



III. Ähnlichkeiten I: Karl May und andere


Ich kann mich nun erinnern, daß ich vor vielen Jahren beim ersten Lesen diese Expansion der Welten mit einem gewissen Unbehagen, aber auch mit Faszination registrierte. Andern scheint es ähnlich zu gehen: Bisweilen überwiegt die Faszination, gelegentlich jedoch auch das Unbehagen. »Die Erzählung [sei] ohnehin eine grobe Klitterung«, sagt Hans Wollschläger,23 andere bestätigen ihren latenten Hang zum immer erneuten Wiederlesen dieser Phantasie-Webstücke. Aber nicht werten wollen wir hier, vielmehr verstehen und erklären.

   Da mag zunächst auffallen - schon bin ich zum ersten Mal bei dem Aufsuchen von Ähnlichkeiten, bei der Operation der Klassifikation -, daß expansive Phantasien dieser Art so singulär nun auch wieder nicht sind:

   - Auch andere Autoren bauen offenbar expansive Welten dieser Art auf, oder genauer: erleben, wie ihre Phantasien in ähnlicher Weise expandieren. James Fenimore Cooper etwa feiert 1823 einen großen literarischen Erfolg mit dem Roman ›Die Ansiedler an den Quellen des Susquehanna‹, in dem ein alter Jäger namens Natty Bumppo und ein ebenso alter Indianer namens Chingachgook (der übrigens ganz unrühmlich dem Alkohol zuspricht) erleben, wie die heroische Welt von einst, von der man nur noch träumen kann, der Zivilisation gewichen ist. Am Ende stirbt der alte Indianer, und Natty sucht in einem durchaus zeitgenössischen ›Go west!‹ eine unberührte Welt jenseits des Mississippi, in den großen Prärien, in der die Zivilisation noch nicht angekommen ist. Drei Jahre später (1826), in dem Ro-


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man ›Der letzte Mohikaner‹, holt Cooper die frühen Abenteuer dieser beiden Helden im ›Alten französischen Krieg‹ von 1757 nach, ein weiteres Jahr später (1827) folgen die letzten Abenteuer Natty Bumppos in ›Die Prärie‹. Es folgt dann eine lange Pause, in der sich Coopers Phantasie in andern Gefilden bewegt (Seeroman, Historischer Roman, politischer Journalismus und Essay), aber 1840 läßt er sich dann wieder - mit dem ›Pfadfinder‹, der von der Chronologie des Romangeschehens her zwischen dem ›Letzten Mohikaner‹ und den ›Ansiedlern‹ liegt - auf die Phantasien seiner literarischen Anfänge ein, die er 1841 mit der fünften der ›Lederstrumpferzählungen‹ abschließt: mit dem Band ›Der Wildtöter, oder der erste Kriegspfad‹, der nun, ganz zum Schluß, die Jugend der Helden liefert. Auch da ist offenbar ein Phantasieland betretbar geworden, ist eine Phantasie expandiert, hat sich über Zeitmarken und Räume entwickelt. Cooper wird in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts diesen Raum noch weiter entfalten und auch mit andern Figuren bevölkern - etwa in der ›Littlepage-Trilogie‹ von 1845/46. Was dabei entsteht, ist eine literarische Gattung: der Indianerroman. Und selbstverständlich wäre Cooper nicht das einzige Beispiel, das mir einfiele.

   - Charakteristisch für das Feld dieser ›expansiven Phantasien‹ ist offenbar auch, daß sie fortsetzbar sind: daß also auch andere diese Räume betreten können und sie dann nicht nur passiv betreten, sondern sie auch weiterentwickeln, oft über Generationen. Die Gattung des Indianerromans habe ich schon genannt: Keiner ihrer späteren Vertreter war nicht irgendwann auch in Coopers Land. Aber ich denke etwa auch an Reinhard Marheinecke, der an den Phantasien von Karl May weiterarbeitet; ich denke an den Schweden Björn Larsson, der in seinem ›Long John Silver‹ (dt. 1996) die Phantasien von Stevensons ›Schatzinsel‹ weitergesponnen hat; ich denke natürlich auch an Günter Grass, der sich vor wenigen Jahren, wenn auch auf kompliziertere Weise, mit seinem Roman ›Ein weites Feld‹24 und seiner Figur ›Fonty‹ gleichzeitig in die Phantasiewelt Fontanes wie auch des Ostberliners Hans Joachim Schädlich begeben hat: »Die Gestalt des Tallhover, die in dem vorliegenden Roman als Hoftaller fortlebt, entstammt dem 1986 bei Rowohlt/Reinbek erschienenen Roman ›Tallhover‹ von Hans Joachim Schädlich«,25 heißt es da, solchermaßen die Expansion einer Phantasie trocken und quasi handwerklich deklarierend.

   - In der Komparatistik, um wenigstens noch ein weiteres Beispiel zu geben, kennt man einen ganz eigenen Typus von expansiven Phantasien: die sog. ›Stoffgeschichte‹, den Sachverhalt also, daß Erzählkerne und relativ stabile Kombinationen von Erzählkernen über die Jahrhunderte immer wieder bearbeitet, abgeändert und weiterentwickelt werden. Eine von Wolfgang Schadewaldt betreute Ausgabe von Sophokles' ›König Ödipus‹26 etwa weist über 200 Belege solch kreativen Eintretens in jene Motivkombination von Vatermord und Mutter-Sohn-Inzest nach, die sich im Stoff des ›König Ödipus‹ literarisch fixiert hat.


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   - Die vermutlich bekanntesten zeitgenössischen Beispiele expansiver Phantasien schließlich sind wohl die sog. ›soap operas‹ vom Schlage der ›Denver‹ und ›Dallas‹, die seit den 70er Jahren unsere Fernsehbildschirme bevölkern und die mich auch für die Titelformulierung dieser Arbeit inspiriert haben. Was da seit 1929 im amerikanischen Rundfunk, und seit Anfang der 50er Jahre im amerikanischen, und wenig später auch im europäischen Fernsehen als ›soap opera‹ über die Bühne geht - so genannt übrigens, weil ursprünglich zur besten Hausfrauenzeit gesendet und deshalb von den großen Seifenherstellern gesponsert (und von Waschmittelreklame aller Art unterbrochen) -: auch diese ›soap operas‹ sind Räume, die man betreten und wieder verlassen kann; Räume voller Eigendynamik und Melodramatik, mit prinzipiell endlosen Handlungsstrukturen, überzeichneten Charakteren und in einer komplizierten Beziehung zur Wirklichkeit. Da arbeiten dann freilich nicht mehr einzelne Autoren, sondern ganze Teams von Skript-Schreibern in einer Besetzung, die sich über die Jahre entwickelt und auch verändert; bewegen sich mit einem fiktiven Personal in fiktiven Topographien und Landschaften, die ebenfalls in Entwicklung sind, aber immer auch auf charakteristische Weise konstant bleiben; unverkennbar und doch ineinander verfließend. Der Höhepunkt dieser Art von expansiven Phantasien scheint dann erreicht, wenn sich Fernsehzuschauer hinterher gestehen, daß sie nicht ganz sicher sind, ob sie an diesem Abend in die Welt von ›Dallas‹ oder von ›Denver‹ eingetaucht waren. Man mag solche Produkte der Phantasie als Machwerke verurteilen, den kulturellen Untergang des Abendlandes an die Wand malen, und in der Tat bin ich selbst, wie viele andere, in diesem Fall total genußunfähig, aber man kann nicht bestreiten, daß diese Art von expansiven Phantasien ein Publikum von vielen Millionen Fernsehzuschauern immer erneut fasziniert und sich zu einem der haltbarsten Bestandteile unserer audiovisuellen Phantasiewelt entwickelt hat.



IV. Ähnlichkeiten II: Karl May und die Kolportage


Läßt sich also das, was wir als expansive Phantasien bei Karl May antreffen, in gewissem Umfang auch generalisieren, so deuten sich damit auch erste Verstehensmöglichkeiten an. Das naheliegendste Verstehensmodell ist dabei zunächst ein historisches und literatursoziologisches, und läßt sich dann zunächst für Karl May formulieren als: Da kann es einer nicht lassen und verfällt wieder in den Diskurs der Kolportage, den er gerade erfolgreich hinter sich gelassen zu haben schien. Hermann Wiedenroth und Hans Wollschläger haben in ihrem editorischen Bericht zur ›Liebe des Ulanen‹ die »arbeits-ökonomische Erfahrung mit dem Kolportage-Roman« und ihre Auswirkungen auch auf die Reiseromane schon angedeutet: »Er ließ sich wesentlich leichter fortschreiben; er ersparte immer neue Kulissen- und Personenentwürfe; er ermöglichte ein gleichsam automatisches Weiterle-


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ben der Handlung innerhalb der einmal gegebenen Invention - eine Erfahrung, die von da an, erst unsicher, dann durchaus kunstvoll auch für die Reiseerzählungen formproduktiv wurde.«27

   Erinnern wir uns: Die Kolportage des 19. Jahrhunderts ist zunächst nur eine spezifische Form des Vertriebs von Druckerzeugnissen, die sich aber relativ schnell umsetzt auch in Stil und Struktur dessen, was geschrieben wird. Das alles ist für Karl May nicht unbekannt bei den Kundigen der Karl-May-Forschung, hat sich aber doch in den letzten Jahren auf erstaunliche Weise präzisiert, so daß ich einen Augenblick dabei verweile.

   Die Kolportage ist, wie wir wissen, zunächst einfach eine Vertriebsform, allerdings eine, die in der Geschichte und der Demokratisierung der Lesekultur eine ungeheure Rolle spielt. Der Kolporteur - das Wort und möglicherweise auch die Sache stammen aus dem Französischen - ist der Mann mit dem Bauchladen, der seine Ware am Hals spazieren trägt: »Il la porte au col«.28 Er ist der Mann, der die Dienstbotenaufgänge benutzt (daher der Begriff ›Hintertreppenroman‹), weil Hausierer über den Vorderaufgang der gutbürgerlichen Häuser nicht geduldet werden: Wer noch in einer Großstadt mit alter Bausubstanz aufwuchs, kann sich gewiß an die Schilder ›Betteln und Hausieren verboten‹ in den alten Treppenhäusern erinnern. Den Kolporteur, d. h. den ambulanten Buchhandel gibt es seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts29 - der erste bekannte (französische) Beleg für das Wort stammt von 1819 -, und die Bauchläden sind gefüllt mit ganz heterogenen Dingen, denen nur gemeinsam ist, daß sie eine bestimmte, populäre Lesekultur umschreiben: »In der Hauptsache billige Kleinschriften und Bildmaterial (Gebet- und Kochbücher, Kalender, Ratgeber, Liederbücher, Spiel- und Wahrsagekarten, fromme Traktate und Traumbücher, populärmedizinische Schriften, ›Volksschriften‹ unterschiedlichster Thematik von ein bis sechs Bogen Umfang, Bilderbogen usw.)«.30 In den 20er und 30er Jahren des 19. Jahrhunderts beleben risikofreudige Jungverleger wie Meyer und Brockhaus diesen ersten ›Auchbuchhandel‹,31 übrigens nach angelsächsischem Vorbild, mit großangelegten Lieferungseditionen, die von den Kolporteuren zum Teil im Abonnement vertrieben werden: ›Brockhaus' Conversations-Lexikon‹ erscheint erstmals ab 1830 in 240 Lieferungen à fünf Groschen, ›Meyers Großes Conversations-Lexikon‹ für die gebildeten Stände ist zwischen 1839 und 1852 auf 1000 Lieferungen angelegt. Zu diesem Zeitpunkt gibt es am Hals des Kolporteurs längst auch Belletristik: Romanbibliotheken, Klassiker-, Familien- und Groschen-Bibliotheken. Die Texte werden in diesem Fall noch nicht eigens für den Vertriebsweg der Kolportage geschrieben, sondern nur quasi technisch für ihn zubereitet: in kleinen Häppchen für die Abonnenten der Lieferungen. Denn im Grunde leistet dies alles nur, was zur gleichen Zeit Honoré de Balzac in Paris sich vornimmt, indem er in scheinbarer Gigantomanie sein Romanwerk der ›Comédie Humaine‹ auf mehr als 130 Bände anlegt: Der literarische Markt, von dem Verleger und Schriftsteller der ›bürgerlichen Gesellschaft‹ nun le-


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ben, ist hart umkämpft, die Zahl der Verlage und Autoren ins Ruinöse gewachsen, und es gilt, sich in den krisengeschüttelten Zeiten eines von der französischen Revolution entfesselten Kapitalismus am Markt zu behaupten, indem man bei sinkender Profitrate die Produktion ausweitet und neue Märkte erschließt. Die Epoche des »Kunstwerk(s) im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« (Benjamin) hat schon damals begonnen.

   Der Schritt zu einer eigens für diesen Markt geschriebenen Literatur wird dann in Frankreich getan: in der Erfindung des Fortsetzungsromans, des Romans ›en feuilleton‹, Urzelle des Kulturteils unserer heutigen Tageszeitungen, durch Eugène Sue, Alexandre Dumas und andere. Dieser Romantypus ist seit etwa 183632 langsam belegbar und hat seinen ›Durchbruch‹ mit Sues ›Mystères de Paris‹. Als Eugène Sue am 19. Juni 1842 im ›Journal des Débats‹ seinen Großherzog Rudolf von Gerolstein eine vulgärromantische Höllenfahrt in die Pariser Unterwelt antreten läßt, hat er vielleicht eine ungefähre Vorstellung von der Phantasiewelt, in die er sich begibt, und die ersten 300 Seiten seines Manuskripts sind auch in einem Zug geschrieben und quasi als klassische Erzählung konzipiert. Aber da er sich dann fast eineinhalb Jahre ›von Tag zu Tag‹ weiterschreibt, entwickeln sich Roman und sein eigenes Leben in ganz unvorhersehbarer Weise.33 Zwar bleiben die Inhalte stabil: eine intensiv emotionale, mit tiefen Ambivalenzgefühlen besetzte, trivial- und sozialromantische, kitschig-erhabene Bilder- und Figurenwelt voller Melodramatik und - so Karl Marx und Friedrich Engels im VIII. Kapitel der Schrift ›Die heilige Familie‹34 - ›falschem Bewußtsein‹. Aber formal entsteht, in Verarbeitung der Publikationssituation, etwas ganz Neues: ein Romantyp neuer Art. Nicht nur, daß der große Spannungsbogen einer Romanhandlung sich auflöst in eine Vielzahl »je für sich spannungsträchtige(r) Szenen«35 und eine Fülle von »parallel nebeneinanderlaufenden Handlungen und Einzelmomenten«,36 braucht doch jeder Tag, wie einst jede Geschichte der Scheharazade in den ›Tausendundein Nächten‹, jenen kurzen Höhepunkt, der auf die jeweils folgende Fortsetzung gespannt macht und nicht auf das Ende des Romans. Zudem ist dieser Romantyp nicht nur offen auf sein Ende, sondern auch auf die Realität und Aktualität hin. Sue läßt sich inspirieren vom politischen Tagesgeschehen und reagiert im Roman darauf, und er hält über den Roman seine Plädoyers in der Nationalversammlung; er reagiert auf Ereignisse aus dem Pariser Polizeibericht und steht über seinen Roman im Dialog mit dem Volk von Paris. Und der Erfolg dieses Romans wird legendär: Die Nationalversammlung setzt ihre Termine aus, bis alle Abgeordneten die neue Fortsetzung gelesen haben, und ganze Dorfgemeinschaften pilgern dem Briefträger entgegen, der die neue Nummer des ›Journal des Débats‹ bringt, um sich vom Schullehrer oder einem anderen Lesekundigen die neueste Folge vorlesen zu lassen.37 Das grelle und unrealistische Schwarz-Weiß bzw. Gut-Böse der Charaktere stört dabei - außer Marx und Engels - keinen, und auch nicht die Unübersichtlichkeit der Handlungsstruktur oder eines nicht mehr überschaubaren


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Personals. Der Roman findet schnell Übersetzungen in alle europäischen Sprachen und eine Vielzahl von Fortsetzungen des Typs ›Die Geheimnisse von Berlin, Petersburg, Moskau‹ usw.

   In Deutschland bringt Wigand in Leipzig die Übersetzung der ›Mystères de Paris‹ fast zeitgleich als Lieferungsroman heraus,38 und damit hat sich mit einem Schlag jener Typ von Lieferungsroman durchgesetzt, an dem der Autor noch schreibt, während er schon veröffentlicht wird, und der zunehmend, mit allen gerade beschriebenen Charakteristika, zum Hauptgeschäft der Kolporteure wird. Dabei stehen oft - wie übrigens noch später in der Fehsenfeld-Ausgabe von Mays Reiseromanen - neben den Lieferungsausgaben noch gebundene Buchausgaben, die aber im wesentlichen für die gewerblichen Leihbibliotheken bestimmt sind. Das Auftreten der neuen Familienzeitschriften im Wochen- oder Monatsrhythmus seit den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts - Typ ›Gartenlaube‹ - begünstigt ebenfalls den Fortsetzungsroman, denn - wie etwa an der ›Gartenlaube‹ gut nachzuweisen wäre - diese Familienzeitschriften, die natürlich ebenfalls am Hals der Kolporteure hängen, drucken nicht nur kurze Prosastücke, sondern bald auch Fortsetzungsromane ab, hält dies doch die Kunden und Abonnenten bei der Stange. Der Terminus ›Kolportage-Roman‹ wird deshalb schnell identisch mit dem Typus des Fortsetzungsromans. Zielpublikum dieses Romans sind die bürgerlichen und kleinbürgerlichen Schichten: Er stellt die eigentlichen Inhalte der Massenkommunikation im 19. Jahrhundert dar. Die verkauften Exemplare von Baudelaire oder Flaubert gehen in die Hunderte, die Leser der Kolportageliteratur zählen nach Hunderttausenden oder Millionen. Für die 60er Jahre des 19. Jahrhundert läßt sich grob schätzen, daß die Kolportage-Romane inhaltlich zu etwa einem Drittel Räuberromane (wie der ›Rinaldo Rinaldini‹), zu einem weiteren Drittel Historische Romane (wozu übrigens dann auch die Indianerromane zählten), und zu etwa einem Viertel Sozialromane vom Typ der ›Mystères de Paris‹ ausmachen: Die thematische Herkunft aus Präromantik und Romantik ist deutlich. Die Literaturwissenschaft weiß von dieser Kultur der populären Lesestoffe wenig oder nichts, die Germanistik, um die Welträtsel bemüht, hat sich fast immer mit anderem beschäftigt: Ernst Bloch, Rudolf Schenda oder Gert Ueding waren für die Germanistik nie repräsentativ.

   Die Blütezeit des Kolportageromans, sowohl im Transportmittel des Lieferungsromans wie auch dem der Familienzeitschriften, liegt zumindest in Deutschland in der Zeit zwischen der Reichgründung von 1871 und dem Ersten Weltkrieg,39 und erst vor diesem Hintergrund wird die Karriere des vorbestraften Lehrers Karl May aus Ernstthal richtig verständlich. Denn als May, im ersten Anlauf kriminalisiert und ruiniert in seiner bürgerlichen Aufsteigerkarriere, noch aus dem Zuchthaus Waldheim einige Bagatellen veröffentlicht und dabei in Kontakt mit dem Dresdener Kolportage-Verleger Münchmeyer kommt, der ihn dann 1875, fast ein Jahr nach seiner Entlassung aus der Haft, in Ernstthal besucht und ihm die Redaktion seiner


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Zeitschrift ›Beobachter an der Elbe‹ anträgt, ist das nicht irgendein Kontakt und dieser Heinrich Gotthold Münchmeyer nicht irgendein Kolportage-Verleger: Das Bild des hoffnungslosen Banausen, permanenten Fast-Bankrotteurs und Möchtegern-Lebemanns ist in den Kontroversen mit May geprägt worden, bei denen immer May imagebildend wirkte und die Interpretationshoheit besaß und auch die Sympathien des Publikums auf seiner Seite hatte:


Das war der später noch viel zu erwähnende Kolportagebuchhändler H. G. Münchmeyer in Dresden. Er war Zimmergesell gewesen, hatte bei Tanzmusiken auf dem Dorfe das Klappenhorn geblasen und war dann Kolporteur geworden. In dieser Eigenschaft kam er auch nach Hohenstein-Ernsttal und lernte in einem benachbarten Dorfe eine Dienstmagd kennen, die er heiratete. Das fesselte ihn an die Gegend. Er wurde da bekannt und erfuhr auch von mir. Was er da Tolles hörte, schien ihm außerordentlich passend für seine Kolportage. Er suchte meinen Vater auf und machte sich vertraut mit ihm. So kamen ihm meine Manuskripte in die Hand. Er las sie. Einiges war ihm zu hoch. Anderes aber gefiel ihm so, daß es ihn, wie er sagte, entzückte.40


Gewiß hatte der so eingeführte gelernte Zimmermannsgeselle und ehemalige Dorf-Tanzmusikant nicht die literarische Kultur eines klassischen Verlegers, aber erfolgreich war er allemal, und einer von den ganz Großen seines Metiers: Dresden ist, neben und vor Berlin, die Hauptstadt des deutschen Kolportage-Romans; von den acht größten Verlagen der Kolportage sind zwei in Berlin und vier in Dresden angesiedelt,41 und Münchmeyer ist, neben und vor Große in Berlin, der mit dem »größten Titelausstoß«42 von ihnen. Er fängt 1868 an mit Groschenheften und Kalendern, die er mit einer Handdruckpresse herstellt und noch selbst in der umliegenden Region verhökert; 1874 besitzt er schon eine komplette Druckerei, die nun, etwa mit der Einwerbung des Redakteurs May, am Laufen gehalten werden muß. Von den etwa 880 deutschen Kolportage-Romanen, die für den Zeitraum 1871-1900 belegt sind43 (die Quellenlage ist denkbar schlecht, von vielen Titeln ist nur noch ein Exemplar erhalten, viel ist vermutlich verloren): von diesen etwa 880 Titeln also gehen, zwischen 1874 und seinem Tod 1892, über 100 auf Münchmeyers Konto.44 May mag, zunächst als Redakteur und zwischen 1882 und 1887 als Verfasser von fünf voluminösen, jeweils mehrbändigen Romanen - ›Waldröschen‹, ›Die Liebe des Ulanen‹ usw. - an dieser Erfolgsstory des Hauses in entscheidenden Momenten maßgeblich beteiligt gewesen sein: Er ist offenbar genau der Erfolgsschriftsteller, den Münchmeyer an bestimmten Punkten der Entwicklung braucht. Aber er arbeitet nicht allein für den Erfolg des Hauses Münchmeyer: Sein Anteil bleibt unter fünf Prozent und damit eigentlich eher gering. Was May zu Münchmeyer und dessen Frau zu sagen hat, ist bekannt, läßt aber gelegentlich auch andere Interpretationen zu: Mays Eifersucht, die ihn Münchmeyer als unangenehmen Schürzenjäger empfinden ließ, mag auch projektiv und persön-


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lichkeitsstrukturell bedingt gewesen sein; Münchmeyers Knauserigkeit bezüglich der Honorare war zumindest branchenüblich (May war da eher besser gestellt als andere), und auch das von May als unsittlich empfundene und mit sofortiger Flucht beantwortete Angebot, Münchmeyers Schwester zu heiraten, mag unter andern Umständen (und bei anderer persönlicher Reaktion) auch eingeschätzt werden als besonders subtiler Fall von Autorenpflege durch einen Verleger. Man könnte sogar, und diesmal ernsthaft, noch sehr viel weiter gehen in der Aufzählung der Münchmeyerschen Verdienste: Das Münchmeyersche Redakteur-Angebot durchbricht den klassischen ›circulus vitiosus‹ von Delikt, Vorstrafe, Anpassungserschwernis nach der Haftentlassung und Rückfalldelikt -; und auch den in unzähligen Kriminellenbiographien belegten Kreislauf von ›guter Führung in der Haft‹, aber diffus-chaotischer Desorientiertheit nach der Entlassung und unbewußter Konfliktlösung in einer Rückkehr in die ›Geborgenheit‹ des Gefängnisses, wie sie für May zu dieser Zeit längst erkennbar sind. Münchmeyer leistet damit den entscheidenden Beitrag zu Karl Mays Resozialisierung.

   May aber erlernt das Metier, von der Pike auf und unter extremen Bedingungen. Er lernt, mit den psychischen und physischen Belastungen umzugehen, die mit der Herstellung der Lieferungsromane verbunden sind. Fünf Romane in fünf Jahren, oder, wie Hans Wollschläger einmal nachgerechnet hat: »5 dicke Romane - gleich 513 Hefte mit 12 390 Seiten - gleich 24 382 Seiten im Satzspiegel der Freiburger Ausgabe - gleich 41 816 000 ›Anschläge‹«.45 Das ist, Kaffee und Tabak eingerechnet, auch eine sportliche Leistung. Dabei internalisieren sich stilistische Verfahren, Strukturen und Phantasiewelten der Kolportage wie von selbst.

   Auch die Übernahme seines Werks durch den Verleger Fehsenfeld - Fehsenfeld ist im Haus des einflußreichen Publizisten und Literarhistorikers Julian Schmidt aufgewachsen, in dem die bedeutendsten Germanisten und Literaten der Zeit verkehrten,46 und ist schon ein anderes Kaliber als Münchmeyer -: auch die Übernahme seines Werks durch Fehsenfeld also erlöst May im Grunde nicht aus dem Streß der Terminlieferungen. Zwar geht es jetzt im wesentlichen darum, alte, in Zeitschriften verstreute Erzählungen zu größeren Handlungen zusammenzufügen, aber immer noch drängelt ein ungeduldiger Verleger im Hintergrund. Die erste Erzählung, die May überhaupt als Buch konzipiert, ist ›Winnetou, der rote Gentleman‹ von 1893, und May löst seine ungewohnte Aufgabe hervorragend mit der Initiationsstruktur der Handlung, dem ungewöhnlichen Variationsreichtum der Figuren usw. Aber schon ›Winnetou II und III‹ sind dann wieder Montagen älterer Texte, und nun, ab etwa 1896, in der Phase der expansiven Phantasien, mündet der Druck der Lieferungs-Romane wie von selbst in die alten Strukturen der Kolportage. Und bis weit ins allegorische Spätwerk bleiben Verfahren indirekt präsent, die Eugène Sue der Gattung eingepflanzt hat: Analog der Art, wie Sue mit seinem Fortsetzungsroman auf die


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politische und soziale Aktualität reagiert und auf sie eingewirkt hat, verarbeitet May die je einwirkende Aktualität seiner Ehekrise und seines Kampfes mit seinen Verleumdern und Widersachern.

   Wiederkehr der verdrängten Kolportage also in den expansiven Phantasiewelten des Spätwerks? Im Prinzip ja, aber als ich vor ein paar Jahren schon bis zu diesem Punkt gekommen war, schien mir dies als Erklärung doch nicht ausreichend, und ich ließ, wie das bisweilen so geht, die Arbeit erst mal liegen.



V. Ähnlichkeiten III: Die Entdeckung der expansiven Phantasien


Der Anstoß zum Weiterdenken an diesem Problem kam dann viele Monate später, und aus einer ganz unvermuteten Richtung: Ich bereitete ein Seminar über Montesquieu, den großen Juristen und Aufklärer, vor und geriet dabei an dessen von ihm selbst in den 30er Jahren des 18. Jahrhunderts entworfenen Bibliothekskatalog47 - also wieder einen Katalog, wieder ein Klassifizierungssystem.

   Was mich an meiner Konzeption der expansiven Phantasien vorher irritiert hatte, war - wie einleitend schon angedeutet -, daß ich sie plötzlich überall gesehen hatte und daß sich das mit meinen internalisierten literaturwissenschaftlichen Maßstäben und Kategorien nicht vereinbaren ließ. Ich hatte, sozusagen, als Literaturwissenschaftler ein schlechtes Gewissen.

   Denn ganz deutlich sind einerseits die schon erwähnten ›soap operas‹, strukturell gesehen, die Fortsetzung der Kolportage mit andern Mitteln. Und die Welt der populären Lesestoffe insgesamt im 19. Jahrhundert, mit ihrer Rekurrenz der Motive und Monotonie der Handlungen, wie sie Schenda48 so eindringlich herausgearbeitet hat: sind sie nicht ein einziger, großer Endlos-Text, an dem unzählige Autoren mitarbeiten - schon vor der Erfindung der eigentlichen Kolportage? Also auch sie: eine einzige kollektive expansive Phantasie? Was wäre beispielsweise etwa von dem folgenden Rezept zu halten: »Man nehme etwa eine junge, unglückliche, verfolgte Frau. Ferner einen blutrünstigen, brutalen Tyrannen, einen gefühlvollen tugendhaften Pagen und einen heimtückischen, boshaften Vertrauten. Wenn man diese Personen beieinander hat, so mische man sie rasch in sechs, acht oder zehn Fortsetzungen zusammen und serviere sie warm.«49

   Nein, es handelt sich nicht um Pamela, J. R., Bobby und Pams nichtsnutzigen Bruder, sondern um die ironische Kritik des Pariser Kritikers Louis Reybaud über die Welt der populären Lesestoffe aus dem Jahr 1842.

   Aber wie stand es dann andererseits mit dem schon erwähnten, auf über 130 Bände angelegten Werk von Balzacs ›Comédie Humaine‹, in dem ebenfalls ein so dichtes Netz von Schauplatz- und vor allem Personenrekurrenzen entsteht, daß dem, wie bei Karl May, ohne ein Figuren-Lexikon50


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nicht mehr beizukommen ist? Gehörte das nicht, nach tradiertem Werturteil, in eine andere Kategorie? Und wie war es gar mit der Geschichte von der verfolgten bürgerlichen Unschuld und dem adeligen Wüstling, an der das ganze 18. Jahrhundert quasi kollektiv arbeitet: Wäre auch dies dann eine expansive Phantasie, die etwa mit den Romanen Richardsons beginnt und über Lessing, Schiller und anderen bis zu de Sades ›Justine‹ reicht und an der die meisten Klassiker des 18. Jahrhunderts mitarbeiten?

   Ich war verunsichert, weil meine Idee das Korsett der traditionellen literaturgeschichtlichen Werturteile deutlich zu sprengen schien.

   In dieser Situation half mir nun erstaunlicherweise Charles Louis de Secondat, Baron de la Brède et de Montesquieu aus der Bredouille. Wenn Montesquieu, Exponent der französischen Frühaufklärung, seine Bibliothek katalogisiert - 3236 Werke, zum Teil ererbt und zum Teil erworben -, dann geht er an diese Aufgabe zunächst mit einem für die damalige Zeit traditionellen Verständnis: Es gibt eine Hierarchie des Wissens, die - ganz oben - anfängt mit dem Buch der Bücher, der Bibel, gefolgt dann systematisch von den Wissensgebieten der Theologie und Jurisprudenz, Medizin usw., und die endet bei der ethnologischen Beschreibung und Sachliteratur über fremde Völker und Kulturen. Und irgendwo mittendrin ist das, was wir heute als ›Literatur‹ oder ›Belletristik‹ bezeichnen, auch wenn es den Begriff der ›Schönen Künste‹ und der ›schönen Literatur‹ zu dieser Zeit noch nicht gibt und wenn innerhalb dieser Welt andere Gewichtungen gelten als heute. Jedenfalls: ›en gros‹ hat Montesquieu kein Problem, ein Klassifikationssystem des Wissens seiner Zeit zu entwerfen.

   Wohl aber ›en détail‹ - und gerade mit den Romanen hat er seine Probleme. Nicht das gleiche Problem, das wir heute haben, nämlich: zu unterscheiden zwischen wertvollen und nicht-wertvollen Romanen, zwischen trivialen und nicht-trivialen Traumwelten. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist noch alles trivial, was Roman heißt, läuft es doch außerhalb der Dignität jenes Literarischen, mit der sich die antiken Poetiken befaßt haben, und besteht - trotz des Franzosen Pierre-Daniel Huet, der 1670 als erster Theoretiker versucht hat, den Roman poetologisch und moralisch zu verteidigen51 - Einvernehmen darüber, daß man Romane zwar liest, aber nicht von ihnen redet. Die Romane stehen für Montesquieu deshalb systematisch nach den Versdichtern, nach Epos und Tragödie - den Gattungen mit dem höchsten Prestige -, aber auch nach dem, was wir heute Lyrik nennen. Insofern hat es Montesquieu also sogar leichter, als wir es heute haben.

   Schwerer hat er es insofern, als sich für diese Gattung ohne jeden ästhetischen Nimbus offenbar keine eigene Schublade aufmachen läßt, oder vielleicht ist es einfach so, daß er von Anfang an die Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten dieser Gattung mit andern Bereichen der ›litterae‹ für entscheidend hält. Jedenfalls folgt auf die - gerade erwähnte - Gruppe der ›poetae‹ und vor der (auch durch antike Muster in ihrer Eigenständigkeit


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gestützte) Gattung der ›epistolae‹ eine - für den heutigen Blick - seltsame Mischgattung der ›mythologici, fabularum scriptores, romanenses, amatoria, satyrici, etc.‹,52 also ein scheinbares Sammelsurium von Mythologie-Handbüchern, Fabel-Kompilationen, Romanen und Satiren, das hochbedeutsame ›et cetera‹ nicht zu vergessen.

   Eine genauere Analyse dieses Katalog-Abschnittes würde tief hineinführen in die Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts und ist hier weder zu leisten noch von Interesse: Es geht mir hier ausschließlich um die Systematik der Klassifikation. Und da steht dann eben an dieser Systemstelle des Katalogs der ›Amadis-Roman‹ in mehreren Editionen neben Swifts ›Gullivers Reisen‹ und anderen Utopien der Frühen Neuzeit, aber auch neben den hellenistischen Reise- und Liebesromanen eines Heliodor und Barclays barockem Staatsroman ›Argenis‹, oder den voluminösen Barockromanen eines La Calprenède oder einer Madeleine de Scudery; es steht da Rabelais' Romanwerk von den Riesen ›Gargantua und Pantagruel‹ und die Geschichte von der ›Landstörzerin Justina‹; es stehen da diverse Tierfabel-Autoren von Aesop bis ins 17. Jahrhundert; ein reiches Spektrum erotischer Literatur von Boccaccio über den Aretino und Deschamps ›Mémoires du Sérail sous Amarat second‹ bis zu Robert Challes' ›Histoires franšaises galantes et comiques‹; und es stehen da nicht nur die griechischen und römischen Göttergeschichten des Hesiod, Apollodor und Hygin, sondern auch John Seldens ›Mythologie der Syrer‹ u. v. m. Und wenn man versucht, das alles zusammenzusehen und zwischen all diesem scheinbar Kunterbunten Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten zu finden, dann ist die gemeinsame Schnittmenge all dessen eben das, was wir gerade am Phänomen der expansiven Phantasien bei Karl May beschrieben haben.

   Die ›Geschichte des Ritters Amadís de Gaula‹ etwa, jenes späten Nachfahren der mittelalterlichen Artusritter - begonnen vermutlich im 14. Jahrhundert in Portugal, zum ersten Mal gedruckt in einer auf fünf Büchern erweiterten Fassung Ende des 15. Jahrhunderts in Spanien, dann im 16. Jahrhundert weitergesponnen in Frankreich, Deutschland und den Niederlanden bis zu einem Umfang von 24 Büchern und Anfang des 17. Jahrhunderts in Cervantes ›Don Quijote‹ parodiert: was wäre dieses Zeiten- und Grenzen-überschreitende Ungetüm eines Romans anderes als eine gigantische expansive Phantasie, eine Phantasie also, in die man eintreten kann wie in einen langst bekannten Raum, Phantasie über Phantasien, in denen man immer schon orientiert ist, weil man längst in ihnen war? Und die Geschichten der Götter und Halbgötter der antiken Mythologie, an denen die Dichter über Jahrhunderte weiterphantasieren, nachdem sie längst vorher in mündlicher Überlieferung ausgesponnen wurden? Und die Reisen ins Land Utopia oder die Reisen ins Reich der Erotik und Sexualität?


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VI. Ähnlichkeiten IV: Karl May und die anderen


Viele dieser expansiven Phantasien der Vergangenheit sind im Werk von Karl May noch indirekt präsent: wenn schon nicht das Reich der Erotik, so doch die Phantasmen des Ritterromans, der Mythologie oder der Utopie.

   So kommt es etwa im ersten Band des Orientzyklus, der einmal ›Durch Wüste und Harem‹ hieß - und da hätten wir einmal doch das schüchterne Einwirken erotischer Phantasien -: so kommt es also beim ersten Zusammentreffen mit Mohammed Emin zu folgendem Dialog:


»Ich bin ein Sohn der Uëlad German und reise durch die Länder, um Abenteuer zu suchen.«

   »O, jetzt weiß ich es. Du thust, wie Harun al Raschid gethan hat; du bist ein Scheik, ein Emir und ziehst auf Kämpfe und auf Abenteuer aus.«53


Und daß diese Assoziation kein Zufall ist, bestätigt ihr vielfaches Wiederauftreten. Im ›Land der Skipetaren‹ sagt ein Wirt und Dorfbürgermeister:


»Ihr seid ja Leute wie die Gepanzerten des Kalifen Harun al Raschid, die im ganzen Reich umherritten, um die Bösen zu bestrafen und die Guten zu belohnen.«54


Daß dies nicht nur ein Fremdbild, sondern auch ein Selbstbild ist, beweist etwa Halefs Selbstdarstellung am Ende des gleichen Bandes:


»Du weißt nicht, mit welchen Tieren und Menschen wir gekämpft haben. Wir haben den Löwen, den Herrn der Wüste, getötet und mit Feinden gekämpft, bei deren Anblick du dich da in den Kasten zu dem geräucherten Hinterteil des Schweines verkriechen würdest. Wir haben Thaten verrichtet, die uns unsterblich machen. Von uns wird geschrieben stehen in den Büchern der Helden und in den Schriften der Unüberwindlichen.«55


Und einer der Höhepunkte dieses Anknüpfens an die expansiven Phantasien des Ritterromans ist erreicht, als - im ›Schut‹ - Halef einen mittelalterlichen Panzer aus altem Familienbesitz erhält und sich begeistert:


»Wie wird Hanneh, die Blume der lieblichsten Frauen, staunen und sich freuen, wenn ich so silberfunkelnd bei ihr ankomme! Wenn sie mir entgegenblickt, wird sie meinen, ein Held aus den Erzählungen von Scheherezade oder der berühmte Feldherr Salah ed din nahe sich ihr. Die tapfersten Krieger des Stammes werden mich beneiden; ich werde die Bewunderung der jungen Frauen und Töchter besitzen, und die Matronen werden in die Lobgesänge der Kühnheit einstimmen, sobald sie mich erblicken. Die Feinde aber werden bei meinem Anblick von dannen fliehen vor Angst und Entsetzen, denn sie werden an dem glänzenden Panzer erkennen - mich, den unbezwinglichen Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah!«56


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Und auch die expansiven Phantasien des Mythos sind den expansiven Phantasien Mays nicht fern. In ›Satan und Ischariot‹ treffen sich Winnetou und Old Shatterhand:


Er kam gleich einem Halbgotte dahergesaust. Stolz und aufrecht, wie angewachsen, saß er auf dem fliegenden Rappen, den beschlagenen Kolben der Silberbüchse auf das Knie gestemmt. Sein edles Gesicht mit den gebräunten, fast römischen Zügen strahlte vor Freude; seine Augen glänzten.57


In ›Am Jenseits‹ wird Kara Ben Nemsi, wenn auch durch Ironie gemildert, in Halefs Erzählung zum Halbgott:


Ich muß gestehen, daß wir jetzt allerdings ein Meisterstück zu hören bekamen, freilich ein Meisterstück nach Halefs Art. Er verstand es, das Unbewegliche beweglich und das Tote lebendig zu machen; alles bekam durch ihn Gestalt, Farbe und Inhalt; er wußte selbst das Einfachste, und wenn es nur das Sandkorn der Wüste war, in einer Weise zu beschreiben, die ihm Interesse verlieh. Natürlich wurde der Sperling zum Albatroß und der Tropfen zur Ueberschwemmung umgewandelt. Aus Hanneh machte er eine Göttin, aus mir wenigstens einen Halbgott, aber aus sich eines jener unbegreiflichen, paradiesischen Wesen, wie sie, alle Mächte, Kräfte und Gesetze beherrschend, in der Poesie des Morgenlandes leben und Wunder über Wunder thun.58


In ›Winnetou IV‹ verehren Young Surehand und Young Apanatschka Mays unvergleichlichen Winnetou fast als einen Halbgott.59

   Und in ›Winnetou I‹ hält Sam Hawkens zum Abschluß des Initiationsgeschehens eine große Rede, in der er, wenn auch wiederum in ironischer Verfremdung, Old Shatterhand endlich Gerechtigkeit wiederfahren läßt:


»Anstatt gestern so recht hübsch am Pfahle geschmort und gebraten zu werden und heut in den lieblichen Jagdgründen der abgeschiedenen Indianerseelen zu erwachen, sind wir gar nicht für wert gehalten worden, umgebracht zu werden. Nun sitzen wir bei vollem Leben und guter Gesundheit hier in diesem abgelegenen Pueblo, wo man sich alle Mühe giebt, uns mit Leckerbissen den Magen zu verderben und aus einem Greenhorn, welches Ihr doch seid, einen wahren Halbgott zu machen. Dieses Unheil haben wir nur Euch zu verdanken, besonders deshalb, weil Ihr ein so ganz und gar niederträchtiger Schwimmer seid.«60


Was wäre schließlich, am Ende von ›Durch die Wüste‹, die Erzählung des Badinan-Kurden von der Errettung der Haddedihn anderes als die Phantasie einer veritablen Apotheose:


»Mohammed Emin, der Scheik der Haddedihn, saß vor seinem Zelte, um Rat zu halten mit den Aeltesten seines Stammes. Da that sich eine Wolke auf, und ein Reiter kam herab, dessen Pferd grad mitten im Kreise der Alten die Erde berührte.

   ›Sallam aaleïkum!‹ grüßte er.

   ›Aaleïkum sallah!‹ antwortete Mohammed Emin. ›Fremdling, wer bist du, und woher kommst du?‹


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   Das Pferd des Reiters war schwarz wie die Nacht; er selber aber trug ein Panzerhemd, Arm- und Beinschienen und einen Helm aus gediegenem Golde. Um seinen Helm war ein Shawl gewunden, den die Houri des Paradieses gewebt hatten; denn tausend lebendige Sterne kreiseten in seinen Maschen. Der Schaft seiner Lanze war von reinem Silber; ihre Spitze leuchtete wie der Strahl des Blitzes, und unter derselben waren die Bärte von hundert erlegten Feinden befestigt. Sein Dolch funkelte wie Diamant, und sein Schwert konnte Stahl und Eisen zermalmen ...«61



VII. Allgemeine Charakteristika expansiver Phantasien


Das ›Finden von Ähnlichkeiten‹ (Aristoteles) führt somit in sehr ungewohnte Gedankengänge und, ausgehend von Karl May, in sehr unterschiedliche Phantasienwelten. Ich will nun versuchen, abschließend wenigstens einige Gemeinsamkeiten hervorzuheben, also einige Merkmale, unter denen das, was ich in meinem kleinen Gedankenspiel ›expansive Phantasien‹ genannt habe, vergleichbar ist.



A. Phantasie-Welten


Bei diesen expansiven Phantasien handelt es sich prinzipiell immer um Welten, nicht einfach um isolierte literarische Motive oder Figuren: um einen komplexen Zusammenhang von Schauplätzen, Personen und Handlungen also; um Orte, an die man zurückkehren, und Personen, denen man darin wiederbegegnen kann; um Räume, in denen man sich bewegt und orientiert wie im Traum, und wie im Traum meist über eine spezifische Identifikationsfigur.

   Welten dieser Art werden gelegentlich wie auf dem Reißbrett entworfen, in einer großen Konzeption. Seit dem Beginn der 30er Jahre des 19. Jahrhunderts entwickelt Balzac den Gedanken, seine Romane und Erzählungen in einem einzigen großen Romanwerk zu verweben, aus dem sich ein Gesamtbild der französischen Gesellschaft seiner Zeit ergeben soll. Im ›Avant-Propos à La Comédie humaine‹ von 1842 - denn er nennt sein gewaltiges Unternehmen in Anlehnung und Kontrast zu Dantes ›Divina Commedia‹, die durch Hölle und Fegefeuer in den Himmel führt, ›Comédie humaine‹ - liefert er die Theorie und großflächige Beschreibung seines Vorhabens. In einem Werkkatalog, drei Jahre später, legt er den Umfang seiner expansiven Phantasien auf 137 Bände an (von denen er immerhin 91 fertigstellen wird im Lauf der Jahre, die ihm bleiben) und benennt die Landschaften seines Reiches: ›Études de mours‹, ›Études philosophiques‹ und ›Études analytiques‹; und die erste dieser Landschaften erhält eine differenzierte Mikrostruktur (›Scènes de la vie privée‹, ›Scènes de la vie de province‹, ›Scènes de la vie parisienne‹, ›Scènes de la vie politique‹, ›Scènes de la vie militaire‹ und ›Scènes de la vie de campagne‹).


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Auch Karl May entwirft, durchaus Balzac ähnlich, zu Beginn seiner literarischen Tätigkeit eine solche Geographie seiner expansiven Phantasien: Im Zwickauer Arbeitshaus Schloß Osterstein (1865-68), in dem May nach einiger Zeit ungewöhnliche Vergünstigungen erteilt werden und er unter anderem auch mit der Betreuung einer großen Anstaltsbibliothek betraut wird,62 setzen sich die Evasionswünsche und -träume des Inhaftierten um in literarische Welten. Erhalten ist (vermutlich) aus dieser Zeit ein Schriftstück mit der Überschrift ›Repertorium C. May‹,63 das offenbar Einfälle, Pläne und zum Teil auch skizzenhaft ausgeführte Ideen zu literarischen Projekten enthält, die vielfach offensichtlich auch im systematischen Zusammenhang stehen, ohne daß die Systematik, ohne genaue Kenntnis der »populären Lesestoffe« (Schenda) der damaligen Zeit und vor allem ohne Kenntnis der Ostersteiner Anstaltsbibliothek, heute noch verständlich wäre. Die Karl-May-Forschung hat eine Passage aus Mays Autobiographie immer auf dieses Schriftstück bezogen:


Ich legte mir eine Art von Buchhaltung über diese Pläne und ihre Ausführung an; ich habe sie mir heilig aufgehoben und besitze sie noch heut. Jeder Gedanke wurde in seine Teile zerlegt, und jeder dieser Teile wurde notiert. Ich stellte sogar ein Verzeichnis über die Titel und den Inhalt aller Reiseerzählungen auf, die ich bringen wollte. Ich bin zwar dann nicht genau nach diesem Verzeichnisse gegangen, aber es hat mir doch viel genützt, und ich zehre noch heut von Sujets, die schon damals in mir entstanden.64



B. Mehrfach betretbar


Freilich zeigt Mays autobiographischer Rückblick im Vergleich mit dem Text des ›Repertoriums‹ auch, wie die Phantasien von Schloß Osterstein längst eine andere Wendung genommen haben und sich zum Zeitpunkt der Niederschrift von ›Mein Leben und Streben‹ restlos in die expansive Phantasie im Stadium des allegorischen Spätwerks integriert haben: »Man kann nicht zweimal in denselben Fluß steigen« (Heraklit). Denn für die in der Autobiographie rückwirkend postulierte Aufteilung der fiktiven Welt in einen amerikanischen und einen asiatischen Raum bietet das Ostersteiner ›Repertorium‹ noch wenig Anhalt:


In Amerika sollte eine männliche und in Asien eine weibliche Gestalt das Ideal bilden, an dem meine Leser ihr ethisches Wollen emporzuranken hätten. Die eine ist mein Winnetou, die andere Marah Durimeh geworden. ... Die Hauptperson aller dieser Erzählungen sollte der Einheit wegen eine und dieselbe sein, ein beginnender Edelmensch, der sich nach und nach von allen Schlacken des Animamenschentumes reinigt. Für Amerika sollte er Old Shatterhand, für den Orient aber Kara Ben Nemsi heißen, denn daß er ein Deutscher zu sein hatte, verstand sich ganz von selbst. Er mußte als selbst erzählend, also als »Icherzähler« dargestellt werden. Sein Ich ist keine Wirklichkeit, sondern dichterische Imagination. Doch, wenn dieses


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»Ich« auch nicht selbst existiert, so soll doch Alles, was von ihm erzählt wird, aus der Wirklichkeit geschöpft sein und zur Wirklichkeit werden.65


Sehr viel zutreffender ist diese rückwärts gewandte Prophezeiung über die Entwicklung der eigenen expansiven Phantasie, wenn May sie dann auf den eigentlichen Beginn seines literarischen Schaffens als Redakteur bei Münchmeyer projiziert, denn für die nun einsetzende Produktion ab Mitte der 70er Jahre ist die Erinnerung an die Zweiteilung der Welt der Phantasmen halbwegs korrekt:


Ich begann gleich in den ersten Nummern der drei neugegründeten Blätter mit der Ausführung meiner literarischen Pläne. Ich habe bereits gesagt, daß ich in dieser Beziehung mein Augenmerk auf die Bewohner zweier Erdhälften, nämlich auf die Indianer und auf die islamitischen Völker richten wollte. Das tat ich nun hier. Ich bestimmte das »Deutsche Familienblatt« für die Indianer und die »Feierstunden« für den Orient. Im ersteren Blatte begann ich sofort mit »Winnetou«, nannte ihn aber einem andern Indianerdialekt gemäß einstweilen noch In-nu-woh.66


In der Tat gehen auch die Mayschen Phantasmen, die ich hier zum Ausgangspunkt meiner Überlegungen nahm, literarisch fast immer auf das Ende der 70er Jahre oder den Beginn der 80er Jahre zurück. Sie erhalten dann eine wichtige Fixierung in der Arbeit an der Fehsenfeld-Ausgabe und gehen schließlich, wenigstens teilweise, ein ins allegorische Spätwerk. Auf ein analoges Geschehen bei dem Entstehen von Coopers Lederstrumpfgeschichten und der Welt des Indianerromans habe ich ebenfalls schon hingewiesen. Es gäbe, von Chrétien de Troyes bis zur Gegenwart, unzählige weitere Beispiele. Expansive Phantasien sind also offenbar sowohl lebens- wie auch lebensabschnittsbegleitend und passen sich in ihrer Entwicklung der des Individuums an.

   Und auf der Leserseite gilt ähnliches. Wir wissen aus vielfältiger Erfahrung, daß die meisten Menschen eine ganz strikte Unterscheidung treffen zwischen Büchern, die sie nur einmal lesen (aus Informationsbedarf, Neugier, Berufszwängen usw.), und solchen, die sie immer wieder lesen. Jeder von uns baut sich, salopp gesagt, sein kleines Privat-Kinoprogramm zusammen aus den Büchern und Texten, in die er sich immer wieder versenkt - bisweilen lebenslang, bisweilen nur für eine bestimmte Lebensphase, mitunter aber auch, indem er nach langer Pause und Abwesenheit in einer späteren Lebensphase wieder zurückkehrt in eine Phantasiewelt, die ihm von früher her vertraut ist. Auch hier aber gilt: »Man steigt nicht zweimal in denselben Fluß.«



C. Kollektive Phantasien


Es handelt sich darüber hinaus um Welten, die vielfach, d. h. von vielen (Autoren wie Lesern) betreten werden können, also um kollektive Phantasien.


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   Auch wo einer sie, in mythenschöpferischem Vermögen, individuell entwirft, bezieht er sich - wie auch bei Karl May leicht zu zeigen wäre - auf einen Fundus kollektiver Phantasien, die längst vorhanden sind, und gibt sie weiter an andere, die seine Phantasien weiterentwickeln und weiter entfalten. Karl May etwa setzt natürlich den Fundus des populären Romans des 19. Jahrhunderts voraus, wie ihn Schenda67 so großartig beschrieben hat, und stellt auch einen der Höhepunkte dieses Populärromans dar. Und nicht nur Marheinecke, sondern auch die Karl-May-Filme seit den 30er Jahren und natürlich auch die Bearbeitungen des Karl-May-Verlags und vielleicht sogar die ganze Karl-May-Gesellschaft sind solche Fortsetzungen und Fortentwicklungen der expansiven Phantasien von Karl May.

   Chrétien de Troyes nimmt, im 12. Jahrhundert, in ganz ähnlicher Weise die Legendenstoffe der Bretagne auf und schafft eine ganz neue Welt und einen ganz neuen Typus von Roman. Und in seiner Nachfolge träumen ganze Generationen, bis hin zum ›Amadis-Roman‹ und zu Cervantes, von diesem Land der ›matière de Bretagne‹. Homer und Hesiod weben, wie viele andere, an der Textur der Geschichten von Göttern und Heroen: Von König Ödipus wissen wir fast ausschließlich durch Sophokles - aber er ist doch, schon für die Antike, ein fester Bestandteil der griechischen Mythologie. Expansive Phantasien sind, wie der Psychoanalytiker Sachs das einmal genannt hat, »gemeinsame Tagträume«:68 Das Millionenpublikum der ›soap operas‹, die Millionenleserschaft Mays sprechen eine deutliche Sprache.



D. Dualismus


Die Welt der expansiven Phantasien ist ausgeprägt dualistisch: extrem gespalten in Gut und Böse, kraß überzeichnet in Schwarz und Weiß, in ›goodies‹ und ›badies‹, Old Shatterhands und Santers, Winnetous und Tanguas usw. Expansive Phantasien sind - wie Träume, Tagträume und Mythen und wie übrigens auch manch ähnlich dualistisches philosophisches System oder Interpretationsmuster - infantil strukturiert. Die dualistische, genetisch gesprochen: infantile Struktur solcher Welten ist noch am besten bekannt und am meisten diskutiert. Ich verfolge diesen Gesichtspunkt deshalb hier nicht weiter.



E. Projektives Verhältnis von Phantasie und Realität


In expansiven Phantasien herrscht ein projektives Verhältnis von Phantasie und Realität: Aus dem Verhalten der Ritter aus König Artus' Tafelrunde Auskunft zu erwarten über das reale Verhalten mittelalterlicher Ritter und Höflinge ist ungefähr so sinnvoll, als wollte man von ›Denver‹ oder ›Dallas‹ Auskunft erwarten über das reale Verhalten amerikanischer Ölbarone,


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oder als wollte man sich aus Arztromanen informieren über das reale Verhalten von Ärzten: Reale Menschen, aber auch gebrauchte und als neu verrechnete Herzschrittmacher oder getürkte Laborrechnungen kommen da nicht vor. Die Faszination etwa der expansiven Phantasie ›Indianerroman‹ steht in einem deutlich umgekehrten Verhältnis zur Sachkunde und Realitätskenntnis der Autoren: Der alte Möllhausen, der seinen Wilden Westen kannte, mochte sich wundern über den jungen May, der ihm da die Publikumsgunst raubte, obwohl er nie in den USA gewesen war; und das Verhältnis von Ferry und Chateaubriand in Frankreich war ganz ähnlich.



F. Direkte oder indirekte Einwirkungen der Außenwelt


Gleichwohl weisen expansive Phantasien immer wieder direkte oder indirekte Einwirkungen der Außenwelt auf. Am bekanntesten ist der Sachverhalt aus den ›soap operas‹, wo man einen Schauspieler einfach sterben läßt und damit aus der Handlung entfernt, wenn er nicht mehr mitmachen will oder seine Gagenforderungen zu hoch werden. Sues und Mays Wirklichkeitsbezüge über ihre Romanwelten wurden schon erwähnt. Balzac hat ganze Systeme von Zeitmarken und Zeitskalen in seine Phantasmen eingebaut, denn auch er setzt sich vehement und hochemotional mit seiner Gegenwart auseinander.

Auch im Zusammenhang mit dem Werk Karl Mays gibt es solche Zeitmarken. So hat Karl May etwa in seiner autobiographischen Beichte behauptet, im Gefängnis Zwickau (1865-68) sei der Gedanke »Winnetou« geboren. Wohlverstanden, nur der Gedanke, nicht aber er selbst, den ich erst später fand.69 Und es könnte so scheinen, als täuschte er sich wieder in seiner Erinnerung, denn nachweislich tritt die Winnetou-Figur zum ersten Mal auf in der Erzählung ›Inn-nu-woh, der Indianerhäuptling‹70 von 1875, während Mays Gefängnisaufenthalt in Zwickau-Osterstein rund 10 Jahre früher stattfand. Aber vielleicht weiß May es diesmal wirklich besser, und vielleicht hat sich diese expansive Phantasie Winnetou - allerdings noch im ›vorliterarischen‹ Stadium - tatsächlich zu dem von ihm angegebenen Zeitpunkt entwickelt. Denn zum einen ist 1865/68 der Gedanke, ›nach Amerika zu gehen‹, ein durchaus naheliegender Gedanke für einen, der sich in der Heimat für endgültig gescheitert halten muß, und zum andern sind - wie einer meiner Studenten gerade in Zeitungsarchiven eruiert hat - die Zeitungen auch in Europa seit Mai 1867 voll von Nachrichten über Indianerüberfälle auf Vermessungstrupps. Der Bau der Central Pacific läuft seit 1862, die Vereinigung von Central Pacific und Union Pacific bei Promotory Point findet 1869 statt, und die eine der Bahnlinien verläuft zwischen dem Quellgebiet des Rio Pecos und des südlichen Canadian River, also eben dort, wo Old Shatterhand seine Initiation als Westmann erlebt und beim Vermessen der Eisenbahn auf Winnetou trifft ...


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G. Genaue Geographie


Eine der merkwürdigsten Eigenschaften der fiktiven expansiven Phantasien ist schließlich, obwohl sie nie besonderen Zweifel lassen an ihrer Fiktivität und ihrem Phantasie-Charakter, ihre geographische Präzision:

   - Die griechischen Götter sitzen nicht einfach auf den Wolken, sondern auf dem Olymp, wo sie wie kleine Feudalherren auf ihren Ansitzen leben und sich gelegentlich zum Götterklatsch treffen.

   - König Artus hält nicht im Nirgendwo Hof, sondern in Camelot oder Tintagel, und wird in Caerleon gekrönt. Und seine Ritter reiten nicht einfach in den tiefen Wald, sondern in den Wald von Brocéliande.

   - Alle Utopien, so irreal ihre Inhalte sein mögen, geben - von Thomas Morus bis Defoe - sehr genau die Route an, auf der man die Schauplätze des Geschehens erreicht, oder die Koordinaten der Schauplätze im weiten Meer.

   - Bei Karl May ist dieser Zug besonders interessant, gibt es doch eine hohe Konzentration auf bestimmte Regionen. Zwar zeigt ein Blick in den Karl-May-Atlas des Karl-May-Verlags,71 daß Mays Welt sich nahezu deckungsgleich verhält zur Welt der Kolonialinteressen des Wilhelminischen Kaiserreichs,72 aber innerhalb dieses Weltbildes gibt es deutliche Redundanzen: Die Hazienda del Erina des ›Waldröschens‹ ist, geographisch gesehen, nicht so weit entfernt von Winnetous Pueblo am Rio Pecos, und beide liegen nicht weit vom Llano Estacado, in dem viele Geschichten von Karl Mays Wildem Westen spielen. Ähnliches gilt für die Kurden- und Golf-Region.

   Eine Besonderheit dieser geographischen und topographischen Präzision ist überdies immer wieder die traumwandlerische Sicherheit, mit der man sich von weither punktgenau trifft in den scheinbar unendlichen Räumen des Phantasmas. Ödipus trifft, von Delphi her kommend, in Phokis in einer engen Wegscheide auf seinen Vater Laios, den er nicht kennt - eine andere Route, oder auch nur eine kleine Zeitverzögerung des einen oder andern, und das Schicksal nähme nicht seinen Lauf; der giftwunde Tristan überläßt sich - in der Phantasie des Eilhard von Oberge - einem steuerlosen Schifflein, das den Wehrlosen zielsicher nach Irland trägt, exakt in die Familie seines getöteten Gegners Morolt, der ihn auf den Tod verwundet hat und dessen zauberkundige Schwester Isolde (Ysalde) ihn nun heilt. Oder, nicht ganz so schicksalhaft, aber genauso präzise: Old Shatterhand und Winnetou reiten auf dem unendlich weiten Weg von St. Louis zu einem ›Finding-hole‹ im Stihi-Creek am Medecine-Bow-River entlang und treffen am Rande eines Waldstreifens auf einen Späher der Shoshonen, der mit ihrem Kommen gerechnet hat und ihnen einen vollständigen Lagebericht über die entstandene Kriegssituation gibt ...73


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H. Familiengeschichten


Expansive Phantasien sind dann ganz wesentlich Familiengeschichten: Auch dies zeigt wiederum ihre infantilen Wurzeln, nämlich ihre Nähe zu (und Herkunft aus) dem, was die Psychoanalytiker den ›Familienroman‹ nennen. Wie sich in der mittelalterlichen Artusepik, scheinbar ohne Notwendigkeit, komplizierte Verwandtschaftsstrukturen und Genealogien entwickeln,74 zwischen Artus und Gauvain oder zwischen Lancelot, Tristan und Isolde; wie die antiken Götter eigentlich in Familien-Clans existieren, so daß schon Hesiod eine Art Götter-Genealogie entwirft - ganz ebenso steht in Mays ›Waldröschen‹75 der Clan der Cortejos dem Familien-Clan der Sternaus gegenüber, und wird im Kurdenland des ›Silberlöwen‹ wie im Indianerland von ›Winnetou IV‹ das ganze Geschehen endgültig zur ›Familiengeschichte‹. Ich belasse es bei diesen Andeutungen.



I. Monotonie und Wiederholung


Expansive Phantasien sind monoton, aber gerade das macht ihren Reiz aus: Sie handeln eigentlich immer vom gleichen. Anschleichen, Auskundschaften, sich erst spät und überraschend zu erkennen zu geben, sich als listenreich und überlegen erweisen, Meister aller Waffen sein, im Zweikampf auf ganz unwahrscheinliche Weise siegen, alle Bewegungen des Feindes schon vorher berechnen usw. usf.: Das Repertoire Karl Mays in Orient und Okzident ist, nimmt man alles nur in allem, doch reichlich begrenzt. Ich erinnere mich denn auch lebhaft der mahnenden Worte meines Vaters, der vor vielen Jahren meine Karl-May-Lektüre eindämmen wollte mit dem Argument: Er könne gar nicht verstehen, was ich an diesem Karl May habe, diese Geschichten seien doch immer dasselbe.

   Damals hat mich das furchtbar geärgert, und zwar vor allem auch deshalb, weil mir gegen dieses Argument nichts einfiel. Heute weiß ich, daß mein Vater nicht recht hatte: Gerade weil diese Geschichten sich immer wiederholen, sind sie, nach Art einer meditativen Übung, faszinierend. Es ist die Typik der Erzählwelten mündlicher Überlieferung, die in der Erzählforschung zu einigen Dutzend Motiv-Indizes geführt hat, die da durchschlägt und die Karl May mit anderen expansiven Phantasiewelten gemeinsam hat. Oder wären etwa die ewigen Seitensprünge von Gottvater Zeus und die ewige Eifersucht seiner Ehefrau Hera, wären die ewigen Flirts Aphrodites nicht monoton? Oder wäre es wirklich so innovativ und abwechslungsreich, wenn Ritter Ivain mal einen, mal drei oder gar mal sieben Bösewichte totschlägt oder gar, zur größten Abwechslung, einen Drachen? Von den Überraschungen bei ›Denver‹ und ›Dallas‹ ganz zu schweigen.

   Vermutlich hat es damit zu tun, daß man in dieser Welt der expansiven Phantasien sich Anstrengung und Aufmerksamkeit erspart und sich damit


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tiefer einlassen kann in die Welt der eigenen Bilder als etwa im Fall eines lyrischen Gedichts oder anderer konzentrierter Lektüre: »Die Dauer des poetischen Produkts und die Aufmerksamkeit des Publicums stehen in umgekehrtem Verhältniß«,76 beschrieb der große Germanist Wilhelm Scherer diesen Unterschied der Leseweisen. Gerade weil man immer schon weiß, was passiert, kann man mit halber Aufmerksamkeit der Handlung des Mayschen Romans, und mit unterschwelliger Aufmerksamkeit den eigenen Phantasien folgen, die vom Roman ausgelöst werden.



J. Symbolismus strukturinhärent


Ich komme zu meinem letzten Punkt: Ich denke, daß expansive Phantasien dieser Art, und also auch die Karl Mays, von Natur aus und quasi von Anfang an dazu neigen, sich symbolisch zu verstehen und eine symbolische Bedeutungsebene zu entwickeln. Aus den Seitensprüngen des Zeus werden quasi von selbst Fruchtbarkeitsmythen, aus seinen Händeln mit den Titanen Mythen von der Entstehung der Welt. Aber auch aus den Mut- und Tapferkeitsproben eines Ivain oder Amadis wird über kurz oder lang eine symbolische Welt idealen ritterlichen Verhaltens; aus den Gehversuchen eines Robinson Crusoe auf seiner abgelegenen Insel wird ein bürgerlicher Gründungsmythos, und auch Balzac schildert nicht einfach realistisch die ihn umgebende Pariser Welt, sondern liefert einen wirklichen Mythos der kapitalistischen Welt voller Haß und Verachtung. Selbst ›Dallas‹ und ›Denver‹ beschränken sich nicht darauf, reiche Schufte oder liebesbedürftige Damen der High Society vorzustellen, sondern tun auch dies mit dem latenten Unterton, die typischen, die allgemeinen Leiden und Freuden der kapitalistischen Welt im texanischen Süden zur Darstellung zu bringen: J. R. ist nicht einfach ein Ekel, sondern ein typisches, oder auch: ein symbolisches Ekel.

   Wenn diese Beobachtung richtig und damit die symbolische Ebene notwendiger Bestandteil expansiver Phantasien ist, dann müßte dies auch auf Karl May zutreffen. Und würde dann bedeuten: Die Entwicklung zum symbolistischen Spätwerk käme nicht von ungefähr und hätte ihre Motive nicht in den biographischen Motiven der Zeit nach 1902, sondern wäre von Anfang an angelegt in Karl Mays spezifischer Art des Erzählens. Dies wäre insofern nicht uninteressant, als wir gemeinhin davon ausgehen, daß es der ›Realitätsschock‹ der Orientreise vor jetzt genau 100 Jahren (1899/1900) und die decouvrierenden Prozesse der darauffolgenden Jahre waren, die Mays Wendung zum Symbolismus des Alterswerks ausgelöst haben. Ausgelöst vielleicht schon, aber möglicherweise nicht verursacht: Immerhin erscheint ›Am Jenseits‹, eigentlich das erste in der Reihe der Alterswerke, schon vor dem Beginn der Orientreise. Vielleicht ist es also nicht die Ent-Täuschung, die aus der Realitätserfahrung der Orientreise erwächst, die das


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Alterswerk provoziert, sondern vielleicht ist dies, bei aller zwanghaften Lügnerei und Realitätsflucht des Pseudologen May, von langer Hand so angelegt; vielleicht läßt sich die infantile Traumwelt der expansiven Phantasien vor dem Erwachsenenbewußtsein nie durchhalten und erzwingt irgendwann ihre eigene Deutung. Und in den vier Bänden aus dem ›Reiche des silbernen Löwen‹, deren beiden erste 1898 und deren Fortsetzungsbände dann erst 1902/03 erscheinen -: in diesen vier Bänden würde möglicherweise nicht nur die Diskontinuität, sondern auch die Kontinuität dieser Entwicklung am besten sichtbar.

   Aber dies wäre nun gewiß schon ein neues Thema.



1 Vgl. Norbert Groeben: Handeln, Tun, Verhalten als Einheiten einer verstehend-erklärenden Psychologie. Wissenschaftstheoretischer Überblick und Programmentwurf zur Integration von Hermeneutik und Empirismus. Tübingen 1986, S. 202ff.

2 Aristoteles: Poetik, 1459a

3 Reinhold Wolff: Strukturalismus und Assoziationspsychologie. Empirisch-pragmatische Literaturwissenschaft im Experiment: Baudelaires ›Les chats‹. Tübingen 1977, S. 36ff.

4 Neben den ›klassischen‹ typologiebildenden Verfahren wie Faktorenanalyse, Clusteranalyse, Konfigurationsfrequenzanalyse etc. neuerdings auch stark elaborierte Verfahren; vgl. Susann Kluge: Empirisch begründete Typenbildung. Zur Konstruktion von Typen und Typologien in der qualitativen Sozialforschung. Opladen 1999.

5 Karl May: Im Reiche des silbernen Löwen. Erste Abteilung. Die Rose von Schiras. In: Deutscher Hausschatz. XXIII. Jg. (1897); Fortsetzung in: XXIV. Jg. (1898); Reprint der Karl-May-Gesellschaft. Hamburg/Regensburg 1981

6 Karl May: Gesammelte Reiseromane Bd. IX: Winnetou, der Rote Gentleman III. Freiburg 1893

7 Dieser Erstabdruck hat den Titel ›Im »wilden Westen« Nordamerika's‹ (In: Feierstunden im häuslichen Kreise. 9. Jg. 1883); vgl. Karl May: Ave Maria. In: Fuldaer Zeitung. 17. Jg. (1890). Reprint in: Karl May: Der Scout / Deadly Dust / Ave Maria; Hrsg. von der Karl-May-Gesellschaft. Hamburg (2. erweiterte Auflage) 1997

8 Karl May: Der Scout. In: Deutscher Hausschatz. XV. Jg. (1888/89), S. 251; Reprint in: May: Scout, wie Anm. 7

9 Karl May: Der Geist der Llano estakata. In: Der Gute Kamerad. 2. Jg. (1887/88). Reprint in: Karl May: Der Sohn des Bärenjägers / Der Geist der Llano estakata; Reprint der Karl-May-Gesellschaft. Hamburg 1983

10 Karl May: Gesammelte Reiseerzählungen Bd. XXXIII: Winnetou IV. Freiburg 1910

11 Karl May: Gesammelte Reiseromane Bd. III: Von Bagdad nach Stambul. Freiburg 1892

12 Karl May: Die Todes-Karavane. In: Deutscher Hausschatz VIII. Jg. (1881/82); Reprint in: Karl May: Die Todes-Karavane / In Damaskus und Baalbeck / Stambul / Der letzte Ritt. Reprint der Karl-May-Gesellschaft. Hamburg/Regensburg 1978

13 Karl May: Krüger Bei. In: Deutscher Hausschatz. XXI. Jg. (1895), S. 55; Reprint der Karl-May-Gesellschaft. Hamburg/Regensburg 1980 - Buchausgabe: Karl May: Gesammelte Reiseerzählungen Bd. XXI: Satan und Ischariot II. Freiburg 1897, S. 248

14 Ebd., S. 262

15 Großes Karl May Figurenlexikon. Hrsg. von Bernhard Kosciuszko. Zweite, verbesserte und ergänzte Aufl., Paderborn 1996


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16 Vgl. May: Todes-Karavane, wie Anm. 12.

17 Claus Roxin: Mays Leben. In: Karl-May-Handbuch. Hrsg. von Gert Ueding in Zusammenarbeit mit Reinhard Tschapke. Stuttgart 1987, S. 62-123, hier S. 102ff.

18 Ebd.

19 Zit. nach ebd., S. 102

20 Ebd., S. 103

21 In Wirklichkeit handelt es sich um eine Winchester, Modell 1866.

22 Karl May: Der schwarze Mustang. In: Der Gute Kamerad. 11. Jg. (1896/97), S. 173; Reprint der Karl-May-Gesellschaft. Hamburg 1991

23 Hans Wollschläger: Karl May in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek 1965, S. 94

24 Günter Grass: Ein weites Feld. Göttingen 1995

25 Ebd., unpag. (S. 784)

26 Sophokles: König Ödipus. Hrsg. und übertragen von Wolfgang Schadewaldt. Frankfurt a. M. 1975, S. 123ff.

27 Hermann Wiedenroth/Hans Wollschläger: Editorischer Bericht. In: Karl Mays Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. II Bd. 13: Die Liebe des Ulanen V. Hrsg. von Hermann Wiedenroth und Hans Wollschläger. Bargfeld 1994, S. 2527f.

28 Französisch ›le col‹ = der Hals, der Kragen, und ›porter‹ = tragen

29 Günter Kosch/Manfred Nagl: Der Kolportageroman. Bibliographie 1850 bis 1960. Mit einer Beilage: Der Kolportagehandel. Praktische Winke/von Friedrich Streissler (1887). Stuttgart u. a. 1993 (Repertorien zur deutschen Literaturgeschichte 17), S. 11ff.

30 Ebd.

31 So der heute gängige Begriff für jene zweite Ebene des Buchhandels, in der, im Unterschied zum Sortimentsbuchhandel, eigenständiges Sortiment ausgebildeter Buchhändler keine Rolle spielt.

32 Vgl. Hans-Jörg Neuschäfer: Der französische Feuilletonroman. Die Entstehung der Serienliteratur im Medium der Tageszeitung. Darmstadt 1986, S. 2; Georg Jäger: Fortsetzungsroman. In: Literaturlexikon. Hrsg. von Walther Killy. Berlin 1998, S. 24405 (Digitale Bibliothek Bd. 9).

33 Vgl. Norbert Miller/Karl Riha: Eugène Sue und die Wildnis der Städte. In: Eugène Sue: Die Geheimnisse von Paris. Band 2. München 1974, S. 665-85.

34 Karl Marx/Friedrich Engels: Weltgang und Verklärung der ›kritischen Kritik‹, oder ›die kritische Kritik‹ als Rudolph, Fürst von Geroldstein. In: Marxismus und Literatur. Eine Dokumentation in 3 Bänden. Hrsg. von Fritz J. Raddatz. Bd. I, S. 98ff.

35 Miller/Riha, wie Anm. 33, S. 668

36 Ebd.

37 Vgl. ebd., S. 665f.

38 Kosch/Nagl, wie Anm. 29, S. 12

39 Ebd., S. 23ff.

40 Karl May: Mein Leben und Streben. Freiburg o. J. (1910), S. 175; Reprint Hildesheim-New York 21982. Hrsg. von Hainer Plaul

41 Kosch/Nagl, wie Anm. 29, S. 38

42 Ebd., S. 28 u. 38

43 Vgl. ebd., S. 25.

44 Ebd., S. 38

45 Wollschläger, wie Anm. 23, S. 52

46 Ebd., S. 60

47 Publiziert von Louis Desgraves: Catalogue de la Bibliothèque de Montesquieu. Société de Publications Romanes et Franšaises XLIII. Genf 1954

48 Rudolf Schenda: Volk ohne Buch. Studien zur Sozialgeschichte der populären Lesestoffe 1770-1910. München 1977


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49 Zit. nach Mario Praz: Liebe, Tod und Teufel. Die schwarze Romantik. München 21981, S. 96

50 Anatole Cerfberr und Jules Christophe haben schon 1887 ein ›Figurenlexikon‹ von fast 2000 fiktiven Figuren im Werk Balzacs erarbeitet (Répertoire de ›La Comédie humaine‹. Paris). Das derzeit gültige Instrument der Balzac-Forschung ist das ›Dictionnaire biographique des personnages fictifs de ›La Comédie humaine‹. Edition revue et augmentée‹. Paris 1968, von Fernand Lotte, das 2472 fiktive Biographien in ihren Verzweigungen im Werk zur Darstellung bringt.

51 Durch Ableitung vom Epos, Hinweis auf den Kunst-Charakter (Rhetorik, Stilistik) und den Nachweis, daß auch die Romane moralische Lehren enthielten - Lehren über die rechte Art zu lieben nämlich: »was man aber heut zu Tage Romans heisset / sind auß Kunst gezierte und beschriebene Liebes Geschichten in ungebundener Rede zu unterrichtung und Lust des Lesers« (Traité de l'Origine des Romans, 1670; hier in der deutschen Übersetzung Eberhard Werner Happels von 1682; zit. nach Killy, wie Anm. 32, S. 26164).

52 ›Romanenses‹ = ›Romanschriftsteller‹ als seltsamer neulateinischer Kunst-Terminus: die Gattungsbezeichnung Roman stammt, wir erinnern uns, nicht aus der antiken Poetik und nicht einmal aus dem Lateinischen, sondern aus dem Altfranzösischen, wo sie eine ›Geschichte in der Volkssprache‹ (›romanice dictu‹) bezeichnet. Der von Montesquieu und andern Neulateinern benutzte Begriff stellt die Rück-Latinisierung eines genuin altfranzösischen Begriffs dar. - Desgraves, wie Anm. 47, S. 159-62, Nr. 2222-2273

53 Karl May: Gesammelte Reiseromane Bd. I: Durch Wüste und Harem. Freiburg 1892, S. 346

54 Karl May: Gesammelte Reiseromane Bd. V: Durch das Land der Skipetaren. Freiburg 1892, S. 293

55 Ebd., S. 587f.

56 Karl May: Gesammelte Reiseromane Bd. VI: Der Schut. Freiburg 1892, S. 437

57 Karl May: Gesammelte Reiseerzählungen Bd. XX: Satan und Ischariot I. Freiburg 1897, S. 254f.

58 Karl May: Gesammelte Reiseerzählungen Bd. XXV: Am Jenseits. Freiburg 1899, S. 162

59 May: Winnetou IV, wie Anm. 10, S. 12

60 Karl May: Gesammelte Reiseromane Bd. VII: Winnetou, der Rote Gentleman I. Freiburg 1893, S. 430

61 May: Durch Wüste und Harem, wie Anm. 53, S. 630

62 Vgl. Roxin, wie Anm. 17, S. 81.

63 Karl May: Repertorium C. May. In: Jahrbuch der Karl-May-Gesellschaft 1971. Hamburg 1971, S. 132-43

64 May: Leben und Streben, wie Anm. 40, S. 152

65 Ebd., S. 144

66 Ebd., S. 185

67 Schenda, wie Anm. 48

68 Hanns Sachs: Gemeinsame Tagträume. In: Literatur und Psychoanalyse: Ansätze zu einer psychoanalytischen Textinterpretation. Hrsg. von Wolfgang Beutin. München 1972, S. 65-77

69 May: Leben und Streben, wie Anm. 40, S. 136

70 Karl May: Aus der Mappe eines Vielgereisten. Nr. 1. Inn-nu-woh, der Indianerhäuptling. In: Deutsches Familienblatt 1. Jg. (1875/76); Reprint der Karl-May-Gesellschaft. Hamburg 1975

71 Vgl. Hans-Henning Gerlach: Karl-May-Atlas. Bamberg-Radebeul 1997.

72 Vgl. Reinhold Wolff: Projektive Träume. Karl May und der Wilde Westen der Wilhelminischen Epoche. In: Studies in the Western, vol. 7, 1999 (im Druck).


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73 Karl May: Gesammelte Reiseerzählungen Bd. XXIV: »Weihnacht!« Freiburg 1897, S. 391

74 Danielle Régnier-Bohler: La légende arthurienne. Paris 1991, LIIIff.

75 Karl May: Waldröschen oder Die Rächerjagd rund um die Erde. Dresden 1882-84; Reprint Leipzig 1988f.

76 Wilhelm Scherer: Poetik. Mit einer Einleitung und Materialien zur Rezeptionsanalyse. München 1977, S. 128




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