["An eine Malerin" und "Für Valerie Arlt" von Karl May (35,9-Kb-Gif)]


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I. Aufsätze zu einzelnen Werken Mays


Vorbemerkung

Die Abteilung I enthält Aufsätze bzw. Abhandlungen zu einzelnen Werken Mays. Dabei bestand die Schwierigkeit darin, diese Gruppe sauber von der Abteilung III zu trennen; während in Abteilung III Aufsätze aufgenommen werden, die besondere Einzelprobleme oder summarische Einschätzungen von Mays Leben und Werk behandeln, finden sich in Abteilung I nur Aufsätze, die einzelne Texte Mays zum Gegenstand haben. Die Ausnahme bildet das Jahrbuch 1926, wo zwei Texte das lyrische Werk Mays in überblicksartiger Weise bewerten; ebenso wurde Max Finkes vierteiliger Text "Aus Karl Mays literarischem Nachlaß" in die Abteilung I aufgenommen, weil er nicht nur der Edition, sondern vor allem auch der Interpretation nachgelassener Texte Mays gewidmet ist. Auffallend ist, daß die "Werkinterpretationen" in späteren Jahrbüchern (ab 1929) in Quantität und Qualität deutlich nachlassen. Interessant wäre es, sich einmal mit der Frage zu beschäftigen, welche Texte in diesen Aufsätzen am häufigsten aufgegriffen werden. Der absolute Spitzenreiter (mit gutem Grund) ist da der "Winnetou"; hier sind besonders Kandolfs Aufsatz über den "werdenden Winnetou" (1921), Biedermanns Klekih-petra-Studie (1924), Kandolfs Abhandlung über die Frühfassung von "Winnetous Tod" (1925) und Josef Höcks schematische Gliederung der "Winnetou"-Handlung (1926) zu nennen. Andere Reiseerzählungen werden hauptsächlich passim behandelt. Der Verteidigung der "Münchmeyer-Romane" sind die Texte von Beissel und E. A. Schmid in den Jahrbüchern 1920 und 1926, der Ankündigung der Radebeuler Fassungen die Ausführungen von E. A. Schmid zu "Waldröschen" und von Otto Eicke zu der "Liebe des Ulanen" (wobei die beiden letzteren Texte auffällig unergiebig sind) gewidmet. Fritz Prüfer war so etwas wie der Spezialist für ausgefallene Dinge im KMJB; seine Aufsätze über den "Blauroten Methusalem" (1918) und die "Geographischen Predigten" (1921) sind geradezu musterhaft zu nennen, während seine Ausführungen zum "Alten Dessauer" (1922) etwas zu einseitig nur auf das Bild von May als Volksschriftsteller abzielen.


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Zum Spätwerk finden wir immerhin drei recht allgemeine, aber doch auch bemerkenswerte Abhandlungen von Willi Schlüter (1923), Werner von Krenski (1928) und Josef Höck (1929). Otto Eickes Aufsatzserie "Der Bruch im Bau" (1930) bildet eine "Welt für sich" (in jeder Hinsicht) und bleibt daher Abteilung III vorbehalten.


Karl-May-Jahrbuch 1918

F r i t z  P r ü f e r :  Die Jugendschrift "Der Blaurote Methusalem". Methodisch-psychologische Streiflichter (S. 98–112).

Zu Beginn seines Aufsatzes betont Prüfer ausdrücklich, daß er Mays "Jugendschrift" 'Der blaurote Methusalem' nicht unter literaturästhetischen Gesichtspunkten, sondern ausschließlich "methodisch-psychologisch" behandeln wolle. Dabei steckt er allerdings seinen theoretischen Rahmen recht eng ab, indem er sich im wesentlichen von den pädagogischen Vorstellungen  H e r b a r t s  leiten läßt. Dieses einseitige Vorgehen (Prüfer schreibt am Ende dezidiert: "Meine Untersuchung ist einseitig, soll einseitig sein" (S. 112)) ist Schwäche und Stärke des Aufsatzes zugleich. Der Vorteil dieses Verfahrens beruht darin, daß der Verfasser seine Arbeit, eigentlich die erste ernstzunehmende Analyse des "Blauroten Methusalem", gleich auf eine solide methodische Grundlage stellt. Allerdings besteht dabei die Gefahr der einseitigen Festlegung auf eine zu enge theoretische Basis, der Prüfer aber weitgehend entgeht.

Zunächst behandelt er den bemerkenswerten Titelwechsel zwischen Erstdruck und Union-Buchausgabe (erst hieß die Erzählung 'Kong-kheou, das Ehrenwort'). Er zeigt einleuchtend, daß der ursprüngliche Titel, der "einen abstrakten Begriff ethischen Inhalts" darstellt (S. 98), die Absicht des Verfassers zu deutlich erkennen läßt. Dabei beweist Prüfer vielmehr, daß Mays Kunst darin besteht, seine didaktischen Absichten nicht zu deutlich erkennen zu lassen. Er unterscheidet zwei "Erziehungsziele" (im Sinne Herbarts): das sittliche ("aus dem verbummelten Studenten wird ein strebsamer, arbeitsfreudiger Mann" – "Umbiegung der Abenteurerlust in Arbeitslust" (S. 100) und ein zweites, das er als "Einführung in die kulturgeographischen Verhältnisse Chinas" bezeichnet (S. 101).

Im folgenden gibt Prüfer eine einleuchtende, dem Aufbau einer Unterrichtsstunde nachempfundene Gliederung des Mayschen Buches. Von der Radebeuler Bearbeitung ausgehend, entwickelt er folgendes Schema, das sich von den 18 Kapiteln der Radebeuler Fassung unschwer auf


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die 19 Kapitel der Union-Buchausgabe übertragen läßt:

"Kap. 1 dient der Zielstellung,
Kap. 2 - 17 weist die Hindernisse auf dem Wege zum Ziel nach,
Kap. 18 zeigt das erreichte Ziel" (S. 101).

Zur  Z i e l s t e l l u n g  bemerkt Prüfer mit Recht, daß May "uns nicht schon auf den ersten Seiten mit dem Ziel" überrasche (S. 102). Vielmehr lasse er sich Zeit und bringe in kunstvolle Weise die beiden Zielvorstellungen in Gestalt des Studenten, der sich sittlich "bessern" soll zum arbeitsamen, fleißigen Mann, und in Gestalt des fernen Reiseziels China, das den Lesern nahegebracht werden soll, miteinander in Verbindung. "Den Zweck der Reise bilden zwei wichtige, methodisch gleichwertige Teilhandlungen: 1. Aufsuchen eines Erbonkels, 2. Auffinden der Familie und der vergrabenen Schätze des Kaufmanns" (S. 104). Prüfer zeigt, daß May das Ziel aus den Ereignissen herauswachsen läßt, wobei er eine Parallele zur  A r b e i t s s c h u l e  seiner Zeit erblickt, weil dort ebenfalls der Nachdruck auf die aktive Tätigkeit des Schülers gelegt werde. Dieser Vergleich ist sicher etwas weit hergeholt.

Ausführlich beschäftigt sich Prüfer mit den Mittelkapiteln. Er versucht darzulegen, daß May an den Verlauf seiner Handlung die systematische Darstellung chinesischer Kulturverhältnisse knüpfe, und zwar in Form verschiedener "Bilder". Er nennt in diesem Zusammenhang folgende Bilder bzw. kulturgeographische Themen: Über Sprache und Schrift, Ahnenverehrung, Kastenwesen, Straßenleben, Bettlerwesen, Räuberunwesen, Soldatenwesen, Religion, Körperkultur, Essen und Trinken, Zeiteinteilung, Opium, Kunstwerk, Kunstfertigkeit, Jugenderziehung (S. 109). Auf gefährliches Gebiet begibt er sich wiederum, wenn er im Anschluß an Lessings "Laokoon" behauptet, May "male" im Sinne Lessings "nichts als fortschreitende Handlungen" (S. 107). Der Griff nach anerkannten Autoritäten der Kulturgeschichte, Ästhetik und Pädagogik zur Rechtfertigung Mays erklärt sich wohl aus der damaligen Situation, in der noch um May "gekämpft" werden mußte.

Schließlich zeigt Prüfer, daß May in seinem Schlußkapitel das "hohe Lied der Arbeit" singe, ohne zu stark zu moralisieren, was zweifellos das Richtige trifft.

Am Ende des Aufsatzes weist der Verfasser nach, daß May in seinem Buch die Forderungen der Herbartschen Pädagogik, nämlich die Erzeugung eines "vielseitigen Interesse" beim Schüler, erfülle. "Durch die vorliegende Erzählung werden alle sechs Interessen gleichmäßig erregt: 1. Das empirische Interesse (Wißbegierde) durch die Kultur-


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bilder [Kulturbilder], 2. Das spekulative Interesse (Grund und Ursache) durch die Handlungen, 3. Das ästhetische Interesse (Freude am Schönen) durch manche gemütstiefe Handlung, 4. Das sympathetische Interesse (Teilnahme für eine andere Person) durch das Motiv des Methusalem, 5. Das soziale Interesse (Teilnahme für Familie, Staat usw.) durch die Kulturbilder, 6. Das religiöse Interesse (Verhältnis zur Gottheit) durch die Schilderung der chinesischen Religionsverhältnisse" (S. 111). Hier könnte man freilich mit Recht einwenden, daß Prüfer zu wenig darauf eingeht, daß der "Blaurote Methusalem" als literarisches "Kunstwerk" im weiteren Sinne nicht einfach mit einem anderen "Unterrichtsstoff" gleichgesetzt werden kann.

Insgesamt muß man betonen, daß Prüfers Aufsatz eine beachtliche Pionierleistung darstellt. Karl Mays literaturpädapogischen Fähigkeiten sind durch die gründlichen Forschungen  I n g r i d  B r ö n i n g s  (Die Reiseerzählungen Karl Mays als literaturpädagogisches Problem, Ratingen-Kastellan-Düsseldorf 1973) und  H e i n z  S t o l t e s  (Ein Literaturpädagoge. Untersuchungen zur didaktischen Struktur in Karl Mays Jugendbuch 'Die Sklavenkarawane'. 4 Teile in Jb-KMG 1972/73–1976) inzwischen einem breiten Leserkreis erschlossen worden. Auch wenn insbesondere Stolte die Sonderbedingungen der Literaturpädagogik naturgemäß besser berücksichtigt als Prüfer, so lobt doch gerade Stolte mit vollem Recht den "noch immer lesenswerten Aufsatz" Prüfers (Jb-KMG 1974, S. 178).

E .  A .  S c h m i d :  Karl May und der "alte Dessauer" (S. 254–260)

Dies ist einer der wenigen Jahrbuchaufsätze, die sich mit dem Frühwerk Mays befassen. Schmid erwähnt zunächst die 'Geographischen Predigten', die er einige Zeit vorher (1916) wiederentdeckt hatte und meint, sie bildeten für ihn "die Grundlage und den Ausgangspunkt für Mays gesamtes Schaffen" (S. 254), was vielleicht doch eine zu weitreichende Aussage ist. Des weiteren beschäftigt er sich kurz mit den Dorfgeschichten Mays, ohne auf Einzelheiten einzugehen. Unerwähnt bleiben Mays späte Dorfgeschichten wie 'Das Geldmännle'; nicht ganz einleuchten will auch, daß Schmid auf der einen Seite die große Bedeutung der Dorfgeschichten in Mays Werk erwähnt, sie auf der anderen Seite aber gegenüber den Reiseerzählungen abwertet: "Der nüchterne Alltag bürgerlichen Lebens vermag der romantischen Begabung des Dichters unmöglich die Bewegungsfreiheit zu sichern, deren seine Phantasie bedurfte, die ein Vergessen von der grauen Wirklichkeit suchen und geben wollte. Somit bleibt auch


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das Ergebnis, daß die "Erzgebirgischen Dorfgeschichten" zwar hübsche Erzählungen mit einem nicht geringen Einschluß von Heimatkunst und Romantik sind, daß sie jedoch gegen die "Reiseerzählungen" zurücktreten mußten" (S. 256). Dabei muß allerdings betont werden, daß May auch in Erzählungen, die in der Heimat spielen, seine Phantasie voll entfalten konnte (vgl. den "Samiel", den "Waldkönig" oder den "Verlorenen Sohn").

Schmid kommt sodann auf die Humoresken zu sprechen und erwähnt besonders die Dessauer-Anekdoten, ohne auf die Gattung der Anekdote im allgemeinen und auf die Eigenheiten von Mays Dessauer-Geschichten im besonderen einzugehen. Interessant ist lediglich seine Feststellung, er vermute, "daß der Dichter in jungen Jahren, vielleicht schon auf der Schulbank, eine alte Chronik oder auch ein Anekdotenbuch über den alten Dessauer gelesen hat" (S. 257). Ansonsten bringt Schmid wenig Erwähnenswertes, ausgenommen den Brief von May an Fehsenfeld (16.10.1892), in dem dieser seinen Plan, einen dreiaktigen Schwank über den "Alten Dessauer" zu schreiben, näher erläutert:

"Vorher aber wird eine dreiaktige Posse fertig, deren Hauptheld der alte Dessauer ist. Dieses echt deutsche, zwerchfellerschütternde Stück will ich dem französischen Schund entgegensetzen, der mit seinen Ehebruchsünden und Unwahrscheinlichkeiten alle unsere Bühnen moralisch versumpft (!). Wir brauchen  d e u t s c h e  Zugstücke und haben keine; ich weiß genau, daß diese meine Posse rasch über alle Bretter gehen wird" (S. 259).

Bücher über den "Alten Dessauer" befanden sich auch in Mays Bibliothek (vgl. KMJB 1931, S. 275).

An neuerer Literatur über die Dessauer-Humoresken sind besonders zu erwähnen der Aufsatz Erich Heinemanns über eine Studienreise Mays nach Gartow (Dr. Karl May in Gartow, Jb-KMG 1971, S. 259–268), Hainer Plauls knappe Bemerkungen in Jb-KMG 1977, z. B. S. 130, und die Interpretationsansätze von Christoph F. Lorenz (Landesherr und Schmugglerfürst, in: Jb-KMG 1981, besonders S. 362–368).


Karl-May-Jahrbuch 1919

E .  A .  S c h m i d :  Die Münchmeyer-Romane (S. 147–164).

Wesentliche Teile dieses Aufsatzes sind von Roland Schmid im Vorwort zur Bamberger Reprintausgabe der "Deutschen Helden"-Erstausgabe (Bamberg 1976) wiederabgedruckt worden. Daher sollen hier nur einige wenige Bemerkungen zu Schmids Text folgen, der auch in verschiedene Ausgaben des Bandes "Ich" eingegangen ist.


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Der Verfasser geht von einem Gedicht aus, das Oskar Gerlach, der Rechtsanwalt Pauline Münchmeyers, wenige Tage nach Mays Beisetzung verfaßte (vgl. KMJB 1919, S. 146) und aus dem hervorgeht, daß Gerlach May im Grunde genommen positiv gegenüberstand, aber sein Prozessieren für falsch hielt. Auch E. A. Schmid meint, May hätte besser die "beiden Münchmeyer-Prozesse dadurch vermieden, daß er außergerichtliche Vergleiche bzw. Verträge mit den zwei Parteien (...) anstrebte" (S. 149), betont aber auf der anderen Seite, May sei es vor allem darum gegangen, sein Ansehen wiederherzustellen und die "Verfälschungen" und von ihm immer wieder behaupteten "Interpolationen" in seine Texte ("unsittliche Stellen") gerichtlich beweisen zu lassen.

Im folgenden gibt Schmid einen Auszug aus seiner Aussage vom 12. Dezember 1912. Dort konstatiert er unter anderem, daß im Münchmeyer-Verlag auch in Werken anderer Autoren, wie z. B. Robert Kraft, "erhebliche Einschiebungen" vorgenommen worden seien (S. 157). Er demonstriert auf recht überzeugende Weise anhand einer Stelle der "Deutschen Helden", wie die von Cardauns beanstandeten "Unsittlichkeiten" durch wenige Streichungen beseitigt werden können. Daß in Mays "Münchmeyer-Romanen" von Seiten des Verlages Interpolationen und Streichungen vorgenommen worden sind, ist auch von der modernen May-Forschung als zumindest sehr wahrscheinlich bezeichnet worden (vgl. das Nachwort Klaus Hoffmanns zum Reprint des "Waldröschens", Hildesheim 1971, besonders S. 2651–2667 und Christoph F. Lorenz, Karl Mays zeitgeschichtliche Kolportageromane, Frankfurt/M./Bern/Las Vegas 1981, S. 31–36). Auf der anderen Seite ist ebenfalls mit hoher Wahrscheinlichkeit zu vermuten, daß May nach dem "Waldröschen" Münchmeyers Geschmack durch Einbau stärkerer "pikanter Stellen" entgegengekommen ist (Lorenz, a. a. O., S. 32).

Danach geht Schmid noch auf Mays Gegner ein, besonders auf Hermann  C a r d a u n s ,  den er ausgesprochen positiv beurteilt (wohl zu positiv, wie durch Analyse der Cardaunsschen Schriften noch bewiesen werden muß). Schmid schreibt, Cardauns suchte – "von seinem Standpunkt aus" – "stets Gerechtigkeit (...)" und habe niemals versucht, "die Lichtseiten und das Gute in den übrigen Werken Mays in den Staub zu ziehen" (S. 160). Hier wird Schmids Bemühen sichtbar, durch eine versöhnliche Haltung gegenüber Mays Gegnern den Weg zu einer "Rehabilitation" auch der "Münchmeyer-Romane" frei zu machen. Er kündigt am Ende die "von Fremdkörpern und Weitschweifigkeiten" befreite und in "ihren Schwächen verbesserten" Bearbeitungen der "Münchmeyer-Romane" an, verweist aber darauf, daß mit ih-


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rem [ihrem] Erscheinen erst "nach Friedensschluß und Wiedereintritt geordneter Verhältnisse" zu rechnen sei (S. 163 f.). Das Jahrbuch 1919 ist ja noch vor Kriegsende 1918 ausgedruckt worden, was man sich bei seiner Beurteilung immer vor Augen halten muß.

D r .  R u d o l f  B e i s s e l :  Ein Schlußstrich. Abschließende Betrachtung zum Streit um Karl Mays Münchmeyer-Romane (S. 165–194).

Mit seinen Anmerkungen möchte Beissel die Diskussion um Mays Kolportageromane, die besonders in den Jahren des "May-Kampfes" besonders heftig war, durch ein besonnenes, "abschließendes Urteil" beenden, denn – so Beissel – "jetzt aber ist es an der Zeit, einmal den Schlußstrich unter alle diese Streitigkeiten zu setzen (...). So kann denn unser Urteil, wenn auch scharf und ohne Beschönigung, so doch vor allen Dingen  g e r e c h t  sein" (S. 169).

Nach diesen einleitenden Sätzen untersucht Beissel die Behauptung, May habe in seiner "Münchmeyer-Zeit" "nach zwei Seiten geschrieben." Beissel, der übrigens die von Gustav Urban aufgebrachte und von Klaus Hoffmann widerlegte "Frühreisen"-Legende, also die Angabe, May habe bald nach seiner Haftentlassung eine oder gar zwei Reisen nach Amerika bzw. in den Orient unternommen, ungeprüft akzeptiert, stellt klar fest, daß "ein bitteres Muß" May an die Firma Münchmeyer gekettet habe. Ferner erwähnt er Emma Mays "Freundschaft" mit Pauline Münchmeyer und schreibt über Mays erste Ehe: "Diese Heirat war überhaupt einer der größten Irrtümer Karl Mays; sie kam zustande unter dem unseligen Wahn des sinnlich verliebten Mannes, seine Frau zu seinem Gedankenkreis emporziehen zu können" (S. 171).

Im folgenden versucht er zu beweisen, daß May "es stets ernst mit seiner Aufgabe als Volksschriftsteller genommen" habe (S. 173), wobei als Beleg neben den 'Geographischen Predigten' der Entwurf 'Mensch und Teufel' aus dem 'Repertorium C. May' angeführt wird. Beissel zitiert den auch im Jb-KMG 1971, S. 136–138 abgedruckten Text originalgetreu, läßt aber den deutlich an den zeitgeschichtlichen Sensationsroman des 19. Jahrhunderts gemahnenden Zusatz ("Socialer Roman in 6 Bänden"; vgl. etwa Gregor Samarows "Höhen und Tiefen", ein "socialer Roman in 20 Bänden", der allerdings etwa 10 Jahre später entstand) fort. Zu dieser Skizze bemerkt der Verfasser: "Man sieht, es ist das alte Thema "Gott, Mensch und Teufel", von dem Karl May beherrscht wurde, seit der neunjährige Knabe das Puppenspiel von Dr. Faust gesehen, und das er hier zu einem großen


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sechsbändigen Romane verarbeiten wollte" (S. 176).

Ferner geht er auf den Vorwurf ein, May habe in seinen späteren Jahren "katholisierend" geschrieben und widerlegt ihn recht geschickt: "Es war das seine innerste Überzeugung und kein geschäftliches Mäntelchen, wenn May im Laufe der Zeit mehr und mehr in seiner Weltanschauung nach der katholischen Kirche hinneigte" (S. 177). Und weiter heißt es, ganz kühn: "Seinen katholischen Gegnern sollte die Tatsache zu denken geben, daß nur ihre Angriffe ihn abhielten, um die Jahrhundertwende aus seiner Überzeugung die Konsequenzen zu ziehen" (ebd.). Dies ist reine Spekulation, denn nichts deutet darauf hin, daß May ernsthaft erwogen habe zu konvertieren.

Danach befaßt er sich endlich etwas genauer mit den "Münchmeyer-Romanen" und widerlegt zunächst Cardauns' Ansicht, die Romane seien "unsäglich schmutzig" unter Hinweis auf den voranstehenden Aufsatz von E. A. Schmid. Die folgenden Bemerkungen zu den einzelnen Romanen sind wenig interessant und beschränken sich im wesentlichen auf Anregungen für eine spätere Bearbeitung. Da Beissel auf die Radebeuler Bearbeitungen offenbar einen recht starken Einfluß ausgeübt hat und er nach dem Krieg auch den Band 73 ('Der Habicht') aus der A1berg-Episode des "Weg zum Glück" formte, sollen hier einige Auszüge aus seinen Anmerkungen folgen. "'Waldröschen' ist ein Meisterstück Mayscher Fabulierkunst; Schlacken beeinträchtigen es leider nur zu sehr. Die Helden sind allzu große Helden; die Verbrecher allzu schlecht. Echt kolportagehaft ist Sternaus gänzlich nebensächliche Abstammung von dem spanischen Herzog von Olsunna"(vgl. dazu die vollkommen gegensätzliche Analyse von Volker Klotz, Ausverkauf der Abenteuer, in: Probleme des Erzählens in der Weltliteratur, Stuttgart 1971, S. 169–173) "(...) Nach Vornahme aller nötigen Kürzungen, Streichungen usw. dürften wohl drei bis vier Bände im Format der Gesammelten Werke entstehen. Der I. Band würde die jetzigen beiden ersten Bände (der "Neuen Illustrierten Ausgabe", Anm. d. Verf.) fassen (...). Der II. Band enthielte den jetzigen 3. Band sowie aus dem 4. Band die Ereignisse in Härrär und die Befreiung von der Insel. Der III. Band fände seinen Abschluß mit der abermaligen Gefangennahme Sternaus, umschlösse also den Rest des jetzigen 4. Bandes sowie Teile des 5. Bandes. Und endlich würde der neue IV. Band mit der Reise des originellen Trappers Geierschnabel in Deutschland beginnen und so den Rest des jetzigen 5. Bandes und den jetzigen 6. Band umfassen. Selbstverständlich ist (bei allen fünf Romanen!) eine Änderung des Titels nötig (!) (...)" (S. 184f.).


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"An das "Waldröschen" schloß sich im Jahre 1884 als zweiter Roman 'Der verlorene Sohn oder der Fürst des Elends' an (...)." Das ist sachlich falsch, denn die "Liebe des Ulanen" erschien in ihren ersten Lieferungen schon vor dem "Verlorenen Sohn". "Der Roman besteht eigentlich aus mehreren Erzählungen, deren Handlung durch die gleichen Personen miteinander verwoben sind" (S. 185). Bei der neuen Bearbeitung müssen natürlich diese einzelnen Romane getrennt werden. Die Haupterzählung wird vielleicht zwei Bände füllen (...). Sie dürfte sich aus dem jetzigen 1. Band, geringen Teilen des 2. und 3. Bandes und größeren Teilen des 4. und 5. Bandes zusammensetzen. Der jetzige 2. Band wird eine Paschergeschichte bilden, die (...) das armselige Leben der erzgebirgischen Weber schildert. Aus den übrigen Bänden wird man noch eine Theater- und eine Falschmünzergeschichte herausschälen können" (S. 186).

"'Die Liebe des Ulanen' hat wohl von den fünf Romanen den straffsten Aufbau; die Bearbeitung wird infolgedessen auch am leichtesten fallen und sich fast nur auf Änderung einiger kitschiger Stellen, Kürzungen und Umstellungen beschränken. In der jetzigen Ausgabe setzt die Handlung kurz vor dem Kriegsbeginn 1870 ein und springt erst später in die Zeit der Befreiungskriege zurück; hier wird die einfache historische Reihenfolge herzustellen sein" (S. 187). Die letztere Ansicht ist von Christoph F. Lorenz, Karl Mays zeitgeschichtliche Kolportageromane, S. 57 ff, widerlegt worden.

Zu "Deutsche Herzen" bemerkt Beissel: "Der Aufbau ist sehr flüchtig, und eine Erklärung für die Möglichkeit des grundlegenden Ereignisses (die Familie Adlerhorst wurde in alle Welt zerstreut und wird nun langsam wieder zusammengeführt) bleibt der Verfasser seinen Lesern schuldig." Dazu äußert sich zustimmend auch Walther Ilmer, "Mißratene Deutsche Helden", S. 8 (Sonderheft der KMG, Nr. 6, Hamburg 1977) (...). "Vielleicht ist es möglich, die Geschichte von Hiluja und Haluja ("Die Königin der Wüste") aus dem Rahmen des Ganzen zu lösen und als besonderen Roman herauszugeben" (S. 188). Das ist ja im Band 60 der "Gesammelten Werke" auch geschehen.

Zum "Weg zum Glück" äußert sich der Verfasser u. a.: "Neben dieser Haupthandlung (Leni-Anton-Handlung, Anm. d. Verf.) läuft noch eine zweite, in deren Mittelpunkt der "Geigenfex" steht, und einige leicht abtrennbare Nebenhandlungen, die Geschichte vom "Geldprotz" im 3. und "Samiel" im 4. Band, schließen sich an (...). Völlig außerhalb des Rahmens dieses urwüchsig naturfrischen Romans steht gegen Ende des 4. Bandes ein [in] Triest spielender Zwischenakt, der ohne Schaden unter den Tisch fallen kann (...). Der "Geldprotz" und der


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Samiel", die nicht in das straffe Gefüge hineinpassen, könnten in einem Band für sich getrennt herausgegeben werden (...)" (S. 189). Dagegen hat Christoph F. Lorenz bei der Untersuchung der episodischen Struktur des Romans und der Verknüpfung der Episoden miteinander feststellen müssen, daß die Episoden zwar recht lose verknüpft sind, aber nicht auseinanderfallen (Lorenz, a.a.O., S. 306 und 317–323).

Am Schluß seiner Bemerkungen äußert Beissel den Wunsch, man möge May seine Verfehlungen verzeihen; "Die Münchmeyer-Romane in ihrer jetzigen Gestalt als "Schundromane" verschwinden ja nunmehr und damit ist der eigentliche Anlaß zu all dem Streit endgültig beseitigt" (S. 192). Auch hier fällt auf, daß Beissel keinen ernsthaften Versuch unternimmt, die Stellung der "Münchmeyer-Romane" innerhalb der Trivialliteratur ihrer Entstehungszeit näher zu beleuchten, obwohl er selber zugegeben hatte, daß sie dabei gar nicht so schlecht abschneiden (vgl. S. 178: "Die Mayschen Münchmeyer-Romane stehen hoch über dem Durchschnitt der sogenannten Hintertreppenromane").

L i s a  W i n k l e r :  Die Gestalten des Buches 'Winnetou' (S. 366–383).

Wer hier eine gründliche Durchleuchtung der Personenstruktur der Winnetou-Trilogie erwartet, sieht sich enttäuscht. Lisa Winkler gibt nur in einer schwärmerisch-sentimentalen Sprache ein recht grobmaschiges Charakterbild der Hauptpersonen. Zur Kenntnisnahme genügen einige Proben aus dem Aufsatz; es fällt auf, daß die Autorin so gut wie nie ihre Interpretation durch bestimmte Textpassagen belegt. Außerdem scheint sie weit mehr an der Charakteristik der weiblichen als an der der männlichen Personen interessiert zu sein. Einige Zitate mögen Form und Tendenz des Textes illustrieren: "Der "Schöne Tag" ist – eine Deutsche! Indianisch im Aussehen, im Charakter, im Schicksal – aber ihr Gemüt ist deutsch, ist des Dichters eigenes, oft fast frauenhaft zartes, inniges Gemüt" (S. 367). "Man forscht nach Winnetous und Nscho-tschis Mutter (...). Die Mutter Winnetous und Nscho-tschis, die Squaw des berühmten Apatschenhäuptlings Intschu-tschuna, muß etwas von jener überragenden inneren Größe solcher Frauen gehabt haben, die einem Lande große Menschen schenken (...). Wir wissen nichts von ihr, weder Intschu-tschuna noch Winnetou erwähnen sie (!)" (S. 369f.) Ähnlich spekulativ äußert sich Lisa Winkler auch über Ribanna: "Winnetous Liebe! Wie zart, wie keusch und innig muß dieser Jüngling lieben können. Fast begreift man es nicht, daß Ribanna sich ihm verwei-


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gert [verweigert] (...). Sie weist ihn ab. Und Winnetou entsagt, wird Old Firehands Freund, Beschützer seines Sohnes. Ohne Weib geht er durchs Leben, wie auch Nscho-tschi niemals einem Krieger in sein Wigwam gefolgt wäre, wenn ihr Leben nicht überhaupt ein so jähes Ende gefunden hätte" (S. 370). Am Ende ihres Aufsatzes gibt Lisa Winkler übrigens eine Probe aus ihrem unveröffentlichten 'Winnetou'-Drama, eine Szene, in der eine von der Autorin imaginierte Begegnung zwischen Ribanna und Nscho-tschi geschildert wird – im "hohen Stil" und in Blankversen! Es erschien sinnvoll, auf Zitate aus dieser Szene zu verzichten, damit kein schiefes Bild vom Rang der Verfasserin, die auch durchaus ernstzunehmende Aufsätze in den "Karl-May-Jahrbüchern" verfaßt hat, entsteht. Interessant ist in dem vorliegenden Text lediglich der kurze Hinweis auf 'Winnetou IV': "Winnetou ist nicht mehr Körper, nicht mehr Form, nur noch Seele; aufgegangen in dem Gedanken der Schutzengel-Clans. Sein menschlicher Vertreter ist der junge Adler; man könnte ihn als den Sohn Winnetous ansprechen" (S. 373). Eine exakte, wissenschaftlich fundierte Analyse der Personenstruktur der "Winnetou"-Tetralogie steht noch aus; verwiesen sei an dieser Stelle auf die Aufsätze von Gunter G. Sehm ("Der Erwählte", in: Jb-KMG 1976, S. 9–28), in der die Erzählstrukturen des "Winnetou" mit der der mittelalterlichen Heiligenlegende in interessanter Weise verglichen werden, und von Peter Uwe Hohendahl ("Von der Rothaut zum Edelmenschen", in: Amerika in der deutschen Literatur, Stuttgart 1975, S. 229–245), der einen mehr literatursoziologischen Ansatz wählt. Für den 'Winnetou IV' hat Dieter Sudhoff eine mustergültige Monographie vorgelegt ("Karl Mays 'Winnetou IV'", Ubstadt (KMG-Presse) 1981).


Karl-May-Jahrbuch 1920

M a x F i n k e :  Aus Karl Mays literarischem Nachlaß (S. 53–88).

Zu den wichtigsten und verdienstvollsten Beiträgen der alten Karl-May-Jahrbücher zählt ohne Zweifel Max Finkes in vier Teilen von 1920–1923 erschienener Aufsatz über den schriftlichen Nachlaß Karl Mays. Mit Absicht wurde der Terminus "Aufsatz" gewählt; eine Edition des sehr umfangreichen Notizen- und Planmaterials, das sich in Mays Nachlaß vorfand, hat Finke nämlich hier nicht vorgelegt, jedenfalls keine nach streng wissenschaftlichen Prinzipien erarbeitete. Was Finke in den vier Beiträgen publizierte, ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem gesamten Material. Trotz aller Hochachtung vor der Leistung Finkes, der es immerhin mit einem Berg an Materialien zu tun hatte, wird man sich teilweise dem Urteil Hans Wollschlägers an-


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schließen [anschließen] müssen: "Die Edition ist ungenügend; ein genauer Druck des gesamten, sehr umfangreichen Notizen- und Planmaterials aus Mays letztem Jahrzehnt wäre sehr zu wünschen" (Wollschläger, Karl May, Zürich 1976, S. 200, Anm. 120). Es steht zu hoffen, daß der KMV, der sich im Besitz des schriftlichen Nachlasses befindet, doch noch einmal seine Zustimmung zu einer kritischen Edition der erwähnten Nachlaßtexte gibt. Bis dahin wird man sich mit Verlegenheitslösungen begnügen müssen. In meinem auf mehrere Teile geplanten Beitrag über Mays Nachlaßgedichte (der erste Teil erschien unter dem Titel "Dialog und Rollengedicht" in M-KMG 51-1982, S. 23ff.) wird teilweise auf Fehler bzw. Lücken der Finkeschen Edition, die als Textgrundlage benutzt werden mußte, hingewiesen. Im folgenden sollen Finkes Ausführungen im KMJB 1920 in zusammengefaßter Form wiedergegeben werden.

Finke beginnt seine Ausführungen über Mays literarischen Nachlaß mit einem Hinweis auf die bekannten Worte des Dichters:

"Erst jetzt beginne ich! Erst jetzt will ich dichten!" (S. 53).

Es folgt eine knappe Übersicht über den Inhalt des schriftlichen Nachlasses: "Neben einer Reihe von Bruchstücken unvollendeter Dramen – darunter 'Schetana' und 'Kyros' – liegen Stoffsammlungen und Vorarbeiten für frühere und noch geplante Werke vor. May wollte zum  D r a m a  übergehen" (S. 54f.). Diese These Finkes ist so zumindest nicht ganz akzeptabel; es ist unbestritten, daß sich May (bei der Arbeit an 'Babel und Bibel') ernsthaft mit der Kunstform des Dramas auseinandergesetzt hat. Auch weisen Teile der "Nachlaßmappen" darauf hin, daß es sich hier tatsächlich um Vorarbeiten für Dramen handeln könnte; dies gilt besonders für die Mappen 'Kyros', 'Weib' und 'Wüste'. Die Mappen in ihrer Gesamtheit als Dramenfragmente zu bezeichnen, ist aber sicher nicht statthaft (vgl. dazu Wollschläger, Karl May, S. 123, und Christoph F. Lorenz, Dialog und Rollengedicht). Im übrigen widerspricht sich Finke selbst etwas später, wovon noch die Rede sein wird.

Im folgenden skizziert Finke die Gedankenwelt von 'Babel und Bibel' und kommt zu folgendem Urteil: "'Babel und Bibel' sollte nach seinem (d. i. Mays, Anm. d. Verf.) eigenen Worte der 'Schneepflug' werden, der die seiner Geistesart versperrte Bahn freimachen sollte (...). Wie May sich entsühnte, indem er die ihm auferlegten Freiheitsstrafen rechtschaffen abbüßte, im 'Zucht'-Haus den Keim zur Güte züchtete, den er dann während eines arbeitssauren langen Lebens immer mehr entfaltete, so muß auch unser Volk durch Aufruf


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aller lebensgläubigen Kräfte aus dem Tiefenpurpur des Echt-Religiösen seine völkische Orestie erleben, seine seelisch-sittliche Genesung finden" (S. 55). Dies klingt nun freilich recht pathetisch, ist aber aus dem Zeitgeist um 1920 heraus durchaus zu verstehen. Was Finke freilich nur am Rande erwähnt, ist der völlige Mißerfolg von 'Babel und Bibel', der May schwer getroffen haben muß. Zur Charakterisierung des Dramas zitiert Finke dann aus Mays "'Babel und Bibel'. Skizze" was hier übergangen werden kann.

An Vorarbeiten zu 'Babel und Bibel' erwähnt Finke das Manuskript "Babel und Bibel. Plan. Ein dramatisches Vorspiel aus zwei Welten." und eine Reihe von Notizen, die sich May während der Arbeit an dem Drama zum sogenannten "Babel und Bibel-Streit" machte. Diese Texte sind von Finke im Jahrbuch 1920 auf den Seiten 58–61 und 62–64 abgedruckt worden. Aufgrund typisch Mayscher Stilmerkmale scheint es so, als seien die Texte weitgehend unbearbeitet wiedergegeben worden. Ähnliches hat Bernhard Kosciuszko in seiner maßgeblichen Arbeit über "Karl May's Drama 'Babel und Bibel'" über die "Skizze zu Babel und Bibel" in Finkes Edition von 1921 festgestellt (vgl. Sonderheft der KMG Nr. 10, S. 43). Über das von Finke edierte "Vorspiel" zu 'Babel und Bibel' findet sich bei Kosciuszko ein sehr interessantes Kapitel (Sonderheft KMG Nr. 10, S. 7ff.), wo er unter anderem versucht, die offensichtlich in verwirrter Reihenfolge vorliegenden Fragmente zu ordnen. Seltsam ist es, daß Finke die Erstfassung von 'Babel und Bibel' nicht erwähnt, die (leider in unvollständiger Form) immer noch im Archiv des KMV unter Verschluß gehalten wird. Um so interessanter ist das, was Finke anläßlich seiner Edition der Notizen Mays zum "Babel und Bibel-Streit" zu vermerken hatte: "Ein aufschlußreicher Beitrag zu der Arbeitsweise Mays. Er verband mit schöpferischem Zeugungsdrange eine außerordentliche Aufnahmefähigkeit für die scheinbar entlegensten Stoffkreise, sammelte mit Bienenfleiß alles Zweckdienliche, verarbeitete es, nahm es in seinen seelischen Chymus und Chylus auf, um seine Idealwelt ganz mit Wirklichkeitsgeist sättigen, sie mit realen Bausteinen aufbauen zu können. Gerade der Vergleich dieser Aufzeichnungen mit dem ausgeführten Zweiakter zeigt, wie wenig May den gegen ihn erhobenen Vorwurf des Plagiates, also des literarischen Diebstahls, verdient" (S. 57). Dies ist ein durchaus berechtigtes Urteil, dem freilich ein genauer Vergleich zwischen Mays Quellen und dem Drama 'Babel und Bibel' folgen müßte (einige Andeutungen finden sich bei Kosciuszko, S. 5ff.).

Im zweiten Abschnitt seines Textes bringt Finke eine Edition des


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zu Mays Lebzeiten unveröffentlichten 6. Kunstbriefes, der nicht zum Druck gelangte, da Leopold Gheri, der Adressat der Briefe, zu dieser Zeit gerade aus der Redaktion des "Kunstfreundes" ausgeschieden war. Die Edition Finkes unterscheidet sich beträchtlich von der im Bamberger Band "Lichte Höhen" (Gesammelte Werke, Bd. 49, S. 328–334) und scheint im Gegensatz zu der Bamberger Fassung einen weitgehend unbearbeiteten Text zu bringen (vgl. Abt. VII).

Der nächste Abschnitt enthält Mays Gedicht "Kennst Du die Nacht", das in einer frühen Handschrift (möglicherweise aus der Haftzeit) erhalten ist. Die Handschrift findet sich im Jahrbuch faksimiliert wieder; die KMG veröffentlichte den Text und das Faksimile im Rahmen des Abschnitts "'Hinter den Mauern' und andere Fragmente aus der Haftzeit" im Jb-KMG 1971, S. 122f, mit der Anmerkung "Die vorstehenden Fragmente gehören zu den frühesten uns erhaltenen Arbeiten Karl Mays (...). Leider war eine genaue Datierung all dieser Fragmente bisher nicht möglich" (Jb-KMG 1971, S. 143, vgl. dazu auch Plaul in Jb-KMG 1977, S. 128). Finke weist darauf hin, daß dieses Gedicht in 'Winnetou II' eine wichtige Rolle spielt. Im folgenden geht er auf das erhaltene Manuskript ein: "Das Original ist sehr vergilbt und anscheinend uralt. Dieser Umstand und vor allem die Beurteilung der Handschrift und des Inhaltes legen den Schluß sehr nahe, daß es während der schlimmsten Zeit entstanden ist, die May erlebte, nach Abbüßung seiner zweiten Freiheitsstrafe in den 60er Jahren (...). Dieses Gedicht scheint mir eine unmittelbare Bestätigung für die Auffassung zu geben, daß May, wie viele andere Dichter, in seiner dichterischen Tätigkeit die Entspannung seines reizsamen Trieblebens, den Ersatz der Tat-Wirklichkeit, die ihn emporhob und entsühnte, nicht nur suchte, sondern auch fand" (S. 75). Diese Worte wirken erstaunlich modern und weisen bereits voraus auf die doch merkwürdigerweise besonders von den Anhängern der "alten" Schule der May-Freunde so hart kritisierten psychoanalytischen May-Deutungen etwa eines Hans Wollschläger ... Finke urteilt des weiteren: "Ich zweifle nicht daran, daß wir in dem Gedicht einen Stimmungsniederschlag aus der seelischen Entwicklung Mays selbst und keineswegs nur ad hoc verfaßte Verse vor uns haben. Auf diesen subjektiven, unbewußt selbstbiographischen Charakter des Gedichtes weist schon das Zittrige, Beengende und Beängstigende der Urschrift hin. Man vergleiche nur damit die sonst fast kalligraphische Handschrift Mays (...)" (S. 77). Diese Beobachtungen sind ohne Zweifel sehr scharfsinnig; zu Recht verweist Finke in diesem Zusammenhang auch auf die von May später in 'Mein


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Leben und Streben' angeführte Behauptung, er sei zur Zeit seiner Straftaten seelisch krank, aber nicht geisteskrank gewesen und führt das Gedicht "Die fürchterlichste Nacht" mit "seiner scharfen logischen Dreizeilung" (S. 78) als Beweis dafür an. Wenn Finke aber Mays lyrisches Werk mit dem eines Arno Holz oder Stefan George vergleicht und es als "steifleinen, altfränkisch" (S. 79) bezeichnet, so hat er sich wohl lediglich in der Wahl seiner Vergleichstexte vergriffen. Wenn überhaupt, läßt sich Mays Lyrik am besten mit der Geibels, Geroks und anderer Epigonen vergleichen; eine erste umfassendere Darstellung von Mays lyrischem Ouvre findet sich bei Christoph F. Lorenz, "'Als lyrischen Dichter müssen wir uns Herrn May verbitten'? Anmerkungen zur Lyrik Karl Mays", Vortrag, gehalten auf der Tagung der KMG in Berlin am 02.10.1981 (abgedruckt in Jb-KMG 1982).

Am Ende des ersten Teils seiner Ausführungen zum Nachlaß Mays behandelt Finke die Pläne, die May in seinem letzten Lebensjahrzehnt mit sich herumtrug und erwähnt besonders das Motiv des ""Ahasverus", des "Ewigen Juden", in dem May das eigene Ich nicht weniger als die ganze innerlich unstet schweifende, leidende, irrende Menschheit erblickte. Der Schlüssel zum Verständnis des Schriftstellers und des Menschen Karl May liegt in seinem triebartigen Drang nach Selbsterlösung" (S. 81). Ferner spricht Finke davon, daß May zwar einen 2. Teil von 'Am Jenseits' einen Roman "Marah Durimeh" und einen Band "Winnetous Testament" geplant habe, daß von diesen Werken aber "nicht das geringste vorhanden sei (...). Betreffs der Werke 'Am Jenseits', II. Teil, und "Marah Durimeh" ist nur nachzutragen, daß sich eine Mappe fand, die auf der Vorderseite die Aufschrift

Ich suche!
von
Marah Durimeh

und auf der Rückseite die Worte

Im Jenseits

trägt. Inliegend fand sich nur der mottoartige Zweizeiler:

Ich seh den Busch im heil'gen Feuer brennen
Und Moses zog die Schuhe aus,

sonst nicht das geringste. Es ist unwahrscheinlich, daß May die beiden Werke schon tatsächlich in Angriff genommen haben soll. 'Ich suche' war vielleicht als eine lyrische oder didaktische Dichtung geplant, die dem Roman 'Marah Durimeh' an passender Stelle einge-


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gliedert [eingegliedert] werden sollte" (S. 82). Außerdem erwähnt Finke die Mappen 'Wüste', 'Weib' und 'Erlöst', die sich zu den bereits bis 1916 gefundenen Mappen 'Kyros' und 'Schetana' hinzugesellt hätten, läßt aber unerwähnt, daß May für diese Mappen eine Sammelmappe mit dem aufschlußreichen Titel "Bruch I" angelegt hatte. Außerdem spricht er auch hier wieder von Dramenentwürfen, gibt aber immerhin zu, daß 'Schetana' "nichts Greifbar-Dramatisches" (S. 85) enthalte. Einziger Bestandteil des von May geplanten Werkes 'Ahasver', über welches wir nur durch Auskünfte Klara Mays (und die sind bekanntlich immer mit einiger Vorsicht zu genießen) wissen, ist eine Mappe 'Erlöst', die nur wenige Zeilen enthält. Finkes Edition dieses Textes ist offenbar zuverlässig, wie ein Vergleich mit einer Abschrift ergab; auch seine Interpretationsansätze sind recht interessant: "Die schweifende Unrast des Ruhelosen schlüpft immer wieder in andere Hüllen, hinter andere Masken, immer auf der Flucht vor sich selbst. Selbst unter die Erde treibt es ihn. Nur eine Wandlung versuchte oder erzielte er nicht: die in das Weib. Soll dieses zu Deutungen reizende Geständnis besagen, daß es May nie gelang, sich in die Wesenheit des Weiblichen einzufühlen?" (S. 86f.). Finke widerspricht dem mit Blick auf einige besonders intensive Frauengestalten Mays, übersieht aber offenbar, daß auch der Satz "Doch niemals war ich ––– Weib!" aus dem 'Erlöst'-Fragment aus der Situation der Mayschen Ehekrise heraus zu verstehen ist. "Christus steht dem Ewigwandelnden als ruhender Pol gegenüber. Als sein 'Erlöser' nimmt er ihm die Kreuzeslast ab (...). Aus den Schlußworten etwas Antisemitisches herauszulesen, wäre angesichts des noch in Band 30 von May vertretenen Rassenversöhnungsgedankens ganz abwegig. Daß Christus und Jude (= Ahasver) sich als Heerführer gegenüberstehen, soll wohl nichts anderes als den Wesensgegensatz des Alten und Neuen Testamentes symbolisieren (...). In dem Gegenspiel Christus-Ahasver kommt wieder der alle Werke Mays beherrschende Kampf der beiden Weltanschauungen (...) zum Austrag. So sehen wir auch in diesem winzigen Torso 'Erlöst' die Einheit der Mayschen Gedankenwelt gewahrt" (S. 87f.). Dem ist kaum etwas hinzuzufügen.

K l a r a  M a y :  Winnetous Testament (S. 98 [89]–93).

Hier berichtet die Verfasserin "aus meiner Erinnerung" über die von Karl May geplante Fortsetzung der Winnetou-Tetralogie mit dem Arbeitstitel "Winnetous Testament". Nach Angaben Klara Mays sollte das Werk zwei Teile umfassen, "in denen Winnetou selber in der Ich-Form zu seinen Testamentsvollstreckern sprach" (S. 89). Den ersten


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Teil charakterisiert sie als "geschichtsphilosophischen Rückblick"; "ein weites Zurückgreifen auf die in grauer Sage vernebelnde Zeit der Entstehung der Indianerberichte, die sich forterbten von Geschlecht zu Geschlecht und meldeten, daß die ersten Besiedler Amerikas auf eine Inselkette von China herüberkamen (...). Der Kultur der hochentwickelten Tolteken, die nur  e i n e n  Gott anbeteten, war ein breiter Raum zugedacht, ebenso den grausamen Azteken (...). Der Eroberung Amerikas durch die weiße Rasse sollte ein besonderer Platz eingeräumt werden, denn es ist eine tiefe Schuld des alten Europas, daß es gerade die Religion der Liebe und Güte mit den blutigsten Grausamkeiten über den Ozean trug" (S. 90). "In vielen Beispielen sollte nachgewiesen werden, daß der kriegerische Weg zur Macht in Wirklichkeit nur der Weg zur Vernichtung der Nationen war. Vergehen wird alles, wenn nicht endlich der erlösende Gedanke siegt, daß der Krieg für immer verbannt werden muß. Zwistigkeiten unter den Völkern müssen durch ein Schiedsgericht geschlichtet werden" (S. 91).

Im zweiten Teil des Testaments sollten nach Klara Mays Worten "verschiedene Wege gezeigt werden, wie in Zukunft eine neue Welt aufgebaut werden kann, deren Grundpfeiler aus Liebe bestehen und deren Kuppel wirklich dauernder Friede ist (...). Ein Hauptgedanke war, daß jede Nation neben ihrer Muttersprache eine durch Wahl zu bestimmende Verständigungssprache haben müßte. In dieser hätte das Völkergericht zu richten, in ihr hätte das Organ dieser Gerichtsbarkeit zu erscheinen, und jedem künftigen Menschen müßte es möglich sein, in ihr die Berichte zu verfolgen und die eigenen Gedanken zum Ausdruck zu bringen"(S. 92). Am Ende faßt Klara May die Grundgedanken des geplanten Werks wie folgt zusammen: "Das Völkerfriedensproblem lag dem ganzen Testament zu Grunde; es sollte der Schlußstein zu Karl Mays Werken werden. Die unerforschlichen Mächte hatten es anders beschlossen. Der Friedenskämpfer wurde abgerufen, und kurz darauf entbrannte der Weltkrieg"(S. 92f.).

Dies sind ohne Zweifel interessante und kühne Gedankengänge, die einerseits das in 'Winnetou IV' und den anderen Alterswerken errichtete Ideengebäude fortsetzen und andererseits eine Wendung hin zu einer Utopie mit festumrissenem theoretischen Fundament erkennen lassen, die in dieser Form im Alterswerk Mays noch nicht durchgeführt wurde (2. Teil des Testaments mit der allgemeinen "Verständigungssprache"). Dennoch wird man mit Klara Mays Angaben vorsichtig sein müssen; von Karl May liegt keinerlei authentisches Material zu "Winnetous Testament" vor. Es muß bezweifelt werden, daß


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May dieses Werk so stark theoretisch-geschichtsphilosophisch gestaltet hätte, wie das nach Lektüre von Klara Mays Aufsatz den Eindruck macht.


Karl-May-Jahrbuch 1921

M a x  F i n k e :  Aus Karl Mays literarischem Nachlaß (Fortsetzung) (S. 16–40)

Zu Beginn dieses Teils seiner "Nachlaß"-Notizen bringt Finke einen Abdruck des Fragments 'Kyros' (Erster Auftritt des ersten Akts und einige Notizen unter der Überschrift "Gesammeltes"), der offenbar originalgetreu ist und entscheidend vom späteren Abdruck in Bd. 49 "Lichte Höhen", abweicht. In der späteren Fassung (Bearbeiter: Roland Schmid) ist z. B. die Reihenfolge, in der die einzelnen Repräsentanten der Natur sprechen (original: Stein-Erde-Metall-Pflanze-Tier-Luft), recht willkürlich verändert worden (vgl. Bd. 49 der Bamberger Ausgabe, S. 300f., siehe auch Abt. VII).

Max Finke greift in seinem Kommentar zu diesem fragmentarischen Prolog weit aus und erwähnt zunächst Mays Neigung zu geschichtlichen Exkursen auch in seinen Reiseerzählungen (anhand von Beispielen aus 'Durch die Wüste'). Es folgen dann Bemerkungen zu Gestalt und Form der erhaltenen Texte aus der 'Kyros'-Mappe: "Die mit 'Kyros, dramatisches Porträt' überschriebenen Blätter enthalten nun leider keinen Anhaltspunkt dafür, in welcher Weise er die Gestalt des großen Babylon-Eroberers, die in der Ruine Kala-i-Dara unweit der Stadt Darabjerd vor ihm lebendig wurde, gezeichnet hätte. Was wir in Händen halten, ist nur eine Art Vorspiel zum 1. Akt, in dem die 'Ideale' des Steines, der Erde, des Metalls, der Pflanze, des Tieres und der Luft sprechend auftreten" (S. 18). "Tier und Pflanze beseelt zu denken, ist im Zeitalter der Francé, Krall und Paula Mökel nicht weiter verwunderlich. Die anschauliche Art indes, wie im Geiste einer mehr als Fechnerschen Naturmystik die unbelebte Natur hier redend eingeführt wird, zeigt die Beseelungsfähigkeit des echten Dichters" (S. 19). Der Hinweis auf Fechner ist hier besonders bemerkenswert (vgl. dazu auch das KMJB 1931, S. 258), er wird später in den Anmerkungen zu Mays "Skizze zu Babel und Bibel" noch konkretisiert. Finke fährt fort: "Man kann darüber streiten, ob der Gesichtswinkel, unter dem May hier den Perserkönig zu sehen scheint, nämlich daß er als eine Art Erlöser als Erfüllung elementarer Sehnsucht gekommen sei, geschichtlich begründet ist. Nach der Sage, die Herodot wiedergibt, stand Kyros im Rufe einer so blutdürstigen Grausamkeit, daß Tomyris dem Leichnam des im Kampf


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mit den skythischen Massageten Gefallenen den Kopf abgeschnitten und in einen Schlauch voll Blut geworfen haben soll, damit er seinen Blutdurst stillen könne. Möglicherweise aber hatte May den Plan, Kyros zunächst als Sehnsuchtserfüller der hoffenden "Ideale" hinzustellen, der nachher um so grausamer die gehegten Erwartungen enttäuschen sollte (...). Ein auffälliger inhaltlicher Widerspruch besteht darin, daß in den Worten des "Tieres" der Mensch als  s c h o n  vorhandenes und im Schlußtext als erst zu  e r w a r t e n d e s  Glied in der Kette der Entwicklung erscheint" (S. 20). Diesen scheinbaren Widerspruch eliminierte Roland Schmid, indem er den erwähnten Schlußtext einfach fortließ. Finke schließt seine ausgezeichneten Darlegungen mit dem Abdruck des 'Kyros'-Fragments ab (S. 20 ff.).

Der ganze zweite Teil von Finkes Text ist Mays "Skizze zu Babel und Bibel" gewidmet, die Finke im Anschluß daran abdruckte (S. 41–80). Über diese Edition hat Bernhard Kosciuszko, der sie Wort für Wort mit der Bamberger Fassung (Bd. 49, S. 251-82) verglichen hat (vgl. Sonderheft KMG Nr. 10, S. 43–1) folgendermaßen geurteilt: "Der Jahrbuchtext scheint mir aufgrund der typisch Mayschen Stilmerkmale (...) und der grammatischen, orthographischen und stilistischen Flüchtigkeiten (...) unbearbeitet zu sein" (Sonderheft 10, S. 43).

Schon allein aus diesem Grund wäre ein Neudruck des Finke-Textes längst fällig, und zwar nicht nur seiner Edition der "Skizze", sondern auch der Erläuterungen, die er vorher dazu gibt. Es sind bisher so wenig Versuche unternommen worden, die Genese der Mayschen Gedankenwelt, wie sie sich im Spätwerk vorfindet, nachzuprüfen, ihre Herkünfte aus anderen Gedankenwelten zu erschließen (eine Ausnahme bildet Wolfgang Wagners ausgezeichnete Arbeit "Der Eklektizismus in Karl Mays Spätwerk", Sonderheft KMG Nr. 16, Hamburg 1979), daß schon allein deswegen Finkes Ausführungen einen (kommentierten) Neuabdruck verdienten. Es ist nicht unsere Absicht, den interessierten Forschern die Lektüre der wichtigen unter den alten Jahrbuch-Aufsätzen zu ersparen, sondern lediglich, auf besonders interessante Texte aufmerksam zu machen. Daher sollen hier lediglich einige ausgewählte Zitate aus Finkes Text als "Appetitanreger" folgen.

"Ob Karl May die – schon von Gustav Jäger in den achtziger Jahren aufgestellte, später von Nußbaum und vor allem von Weismann begründete Lehre von der sog. 'Kontinuität des Keimplasmas' gekannt hat, geht aus seinen Schriften nicht hervor. Sicher ist, daß seinem


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Innern das geistige Gegenstück, die gedanklich wirksame und nicht minder gefühlsmächtige Entsprechung jener naturwissenschaftlichen Tatsache, nämlich der 'Humanitäts'-Begriff unverlierbar eingebettet war" (...) (S. 25). Im folgenden vergleicht Finke Mays Friedens-Thesen unter anderem mit den Ansichten Mary Baker G. Eddys, der Begründerin der "Christian Science"-Bewegung (vgl. W. Schönthal, Sonderheft KMG Nr. 5, S. 28f). Dann charakterisiert der Verfasser Mays Auffassung des "Friedensproblems" in 'Babel und Bibel' recht ausführlich: "Die Auffassung, als sei der rücksichtslose Ich-Trieb, der den Nebenbuhler um Nahrung, um Lebensziele, um einen 'Platz an der Sonne' unter die Füße zu treten sucht, eine Ersttatsache, etwas von der Natur allen übrigen Trieben und Empfindungen schlechthin Uebergeordnetes (...) (Finke spielt hier auf den Darwinismus an, Anm. d. Verf.) hält den heutigen Forschungen der Gesellschaftslehre (Soziologie) und Seelenkunde nicht mehr stand" (S. 32). Finke erwähnt in diesem Zusammenhang die Forschungen Eugen Dührings und fährt fort: "Mit dieser Auffassung von der waffenfeindlichen Harmonisierbarkeit gegenläufiger Belange (Interessen) und der Notwendigkeit vernunftgemäßen Dauerfriedens außen wie innen wetteifert an Tiefe und Ueberzeugungskraft Mays in den Vorarbeiten zu 'Babel und Bibel' (...) weltweise Grundansicht, daß das menschliche Leben unmöglich zur Tragödie bestimmt sein kann" (S. 33). Des weiteren beleuchtet er das Drama vom literarischen Standpunkt her und gelangt zu der interessanten Erkenntnis: "Ein Drama im strengen Sinne liegt nicht vor, es ragt schon allerlei Neuestes-Allerneuestes aus dem Reich heutiger Bühnenkunst hinein; wenn man will, ist es schon als eine Vorstufe des heutigen sog. 'Expressionismus' anzusehen" (S. 34f). Das ist ein Gedanke, dem die neuere May-Forschung unbedingt einmal nachgehen sollte.

Aber noch ein weiterer Punkt der Finkeschen Überlegungen ist erwähnenswert: einem so scharfsinnigen Beobachter wie Finke entgeht es natürlich nicht, daß insbesondere die Maysche Auffassung von "Seele" und "Geist" stark an die Erkenntnisse der Theosophie bzw. der Antroposophie Rudolf Steiners gemahnen. "Wenn man May nicht, wie es Droop tut (...), den Vorwurf einer heillosen Vermengung der Begriffe Seele, Geist, Anima, Intelligenz machen will – (...), so bleibt nur übrig, wie es die Buddhisten und Theosophen tun, eine  S t u f e n l e i t e r  der Entwicklungsformen anzuerkennen, in der den Begriffen 'Seele' und 'Geist' ein sehr unterschiedlicher, ja gegensätzlicher, sich ausschließender Sinn, je nach der Entwicklungshöhe, gegeben wird" (S. 37). An anderer Stelle


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wird Finke noch deutlicher: "Zweifellos hat sich May nicht ablehnend mit dem Okkultismus beschäftigt, wenn er ihn auch gelegentlich verspottet. Zu denken gibt auch der Ausdruck 'menschheitskindliche Imagination und Inspiration' (...), deren ganze Summe er in dem ehrwürdigen  H a k a w a t i  verkörpert. Die Zusammenstellung dieser Ausdrücke erinnert an Steiner" (S. 39).

An dieser Stelle ist ein Kommentar dringend vonnöten. Zunächst: wenn gewisse Passagen in Mays Spätwerk mit den Erkenntnissen der  G e i s t e s w i s s e n s c h a f t  Rudolf Steiners übereinstimmen, so heißt dies nicht unbedingt, daß May Steiners Schriften, die bis 1912 ja noch gar nicht alle erschienen waren, überhaupt gekannt hat, sondern belegt lediglich die Aussage des Evangeliums, daß "der Geist weht, wo er will." Zum anderen muß gewarnt werden vor einer bedenkenlosen Vermengung der esoterischen Strömung der Theosophie, deren Hang zum irrationalen Okkultismus Rudolf Steiner dazu geführt hat, sich scharf von ihr abzugrenzen, mit der Geisteswissenschaft und Antroposophie Steiners, die geistige Erkenntnisse auf verstandesmäßigem Wege, nicht auf einem rein okkulten-irrationalen Pfad zu erlangen sucht. In diesem Zusammenhang soll auf einen der neuesten Texte zu May hingewiesen werden: in dem Sammelbuch "The Turn of the Century. German Literature and Art, 1890–1915, Bonn 1981 (ed. by Gerald Chapple and Hans H. Schulte)" findet sich ein Beitrag von Klaus Jeziorkowski mit dem Titel "Empor ins Licht. Gnostizismus und Licht-Symbolik in Deutschland um 1900" (S. 171–196). Der Verfasser versucht hier Karl Mays Theorie vom "Edelmenschen" in bezug zu setzen zu der esoterischen Jugendstilkunst eines Fidus, der Theosophie einer Helen P. Blavatsky, der Antroposophie Rudolf Steiners und dem nationalistischen Elitedenken jener Zeit bis hin zum Rassenwahn der Nazis. Jeziorkowski erblickt in Mays Werken der Spätperiode ein elitäres Denken mit nationalistischer Basis und warnt mit Blick auf den Rassenwahn der Nationalsozialisten vor "dem gänzlichen Eintauchen in neue Mysterien der Irrationalität" (S. 196). Damit ist sicherlich ein Hinweis auf Jugendsekten mit "esoterischer Tarnung" verbunden, wie sie heute immer zahlreicher auftreten. Doch Jeziorkowskis brillant geschriebener Vortrag ist nur ein elegantes Täuschungsmanöver: der Verfasser wirft Theosophie, Jugendstil, Antroposophie, Karl May, Stefan George, Fin-de-siècle-Literatur und nationalistische bzw. nazistische Ideen derart unbekümmert in einen Topf, daß man an der Wissenschaftlichkeit seines Ansatzes zweifeln muß. Und: bei der Darlegung der von ihm aufgestellten These von Mays angeblich rein nationalistisch gefärbtem Denken


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bedient er sich grober Täuschungsmanöver; so wird die Existenz von "May-Clubs" wie in München ebenso zur Beweisführung gegen May herangezogen (S. 179) wie seine Behauptung in größter Prozeßnot, Lebius sei Sozialdemokrat gewesen (S. 180). Der bedauernswerte Jeziorkowski weiß allerdings hier wohl kaum, daß Lebius als "gelber Gewerkschaftler" geradezu ein Feind der SPD war und daß May in der Zeit des "May-Kampfes" von SPD-nahen Zeitschriften gegen die Angriffe von Lebius und aus dem "katholischen Lager" verteidigt wurde. Für ihn ist May ein Anti-Sozialdemokrat in der Linie Kaiser Wilhelms II., ein Reaktionär und Nationalist dazu. Dies alles kann von der heutigen May-Forschung überzeugend widerlegt werden. Dennoch bleiben Jeziorkowskis Überlegungen interessant und diskussionswürdig.

F r i t z  P r ü f e r :  Karl Mays 'Geographische Predigten': – ein Programm (S. 94–114)

In seiner Abhandlung versucht Prüfer nachzuweisen, daß sich in Mays 'Geographischen Predigten', die E. A. Schmid erstmals 1916 im Band 'Ich' veröffentlicht hatte, die "volksbildnerischen" Absichten des späteren May bereits deutlich zeigen. Die einleitenden Ausführungen zur Wiederentdeckung dieses frühen Textes können wir hier unbeschadet übergehen. Interessant wird es, wenn Prüfer anhand einer Analyse des ersten Kapitels der "Predigten" Mays Vorgehensweise in diesen Texten erläutert: "Wir überschauen die Inhaltsangabe und erkennen deutlich eine Dreiteilung des Stoffes. Das Rückgrat der Ausführungen bilden die wissenschaftlichen Darlegungen. Die religiösen Darlegungen geben die "Aufschau nach einer lichteren Welt". Die Kunst vermittelt zwischen beiden. So zeigt das erste Kapitel, daß May auf drei großen Hauptwegen seinem großen Erziehungsziel zusteuert: Wissenschaft, Kunst und Religion" (gesperrt gedruckt, Anm. d. Verf.) (S. 102).

Daraus folgert Prüfer: "Die drei großen Linien, die wir im ersten Kapitel freilegten, finden wir in allen Kapiteln der 'Geographischen Predigten' wieder." Auch für die Reiseerzählungen meint Prüfer die genannten drei Hauptthemen nachweisen zu können und erläutert das am Beispiel des "Mahdi" und anhand von 'Durch die Wüste'.

Im folgenden beschäftigt er sich mit den länderkundlichen Teilen der 'Geographischen Predigten' und kommt zu dem Schluß: "Zusammenfassend können wir sagen: sein Augenmerk richtet sich auf den


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nächtlichen Sternenhimmel, auf das wildbewegte Wasser, den stürmenden Wind, auf das Gebirge, auf die Pflanzen, die Tiere und die Menschen in ihrem Verhältnis zueinander und zu der leblosen Natur. Länderkundlich bevorzugt er das Morgenland (den Orient) und den "neuen Erdteil". Untersuchen wir daraufhin die Werke, so wird jeder Kenner die Uebereinstimmung bestätigen" (S. 106). Diese Feststellung ist zweifellos nicht ohne weiteres zu widerlegen; freilich läßt Prüfer außer Acht, daß es sich bei den genannten Themen ja um die allgemeinsten geographischen Fragen überhaupt handelt. Insofern kann es nicht besonders verwundern, wenn May sie sowohl in den 'Geographischen Predigten' als auch in den Reiseerzählungen behandelt. Überzeugender sind Prüfers Ausführungen allerdings, wenn er die Hauptgedanken der 'Geographischen Predigten' hinauszukristallisieren versucht. Hier ist in der Tat die Gedankenwelt des späteren Reiseschriftstellers bereits präsent. Die acht "Hauptideen", die Prüfer anführt, lauten wie folgt (vgl. S. 108–110 des KMJB 1921):

1. Alles Leben ist zielstrebend über sich hinaus.
2. Ueber die Naturgewalten siegt des Menschen Geist.
3. Den großen Weltzusammenhang regiert allein die Hand des Einen.
4. Der Mensch ist ein Glied in der Kette der Natur.
5. Pflanzen und Tiere sind beseelte, dem Menschen innerlich verwandte Wesen.
6. Die Menschen sollen die Erde geistig beherrschen.
7. Die Menschheit kann ihr Ziel nur erreichen durch Zusammenschluß.
8. Durch Humanität zum Völkerfrieden!

Die enge Beziehung dieser Leitgedanken zu den zentralen Ideen etwa auch des Spätwerks ist unübersehbar; dennoch verzichtet Prüfer leider darauf, die Herkunft dieser "Leitideen" aus dem Text der 'Geographischen Predigten' anhand von Zitaten exakt zu belegen. Wenn er aus den festgestellten und unbestreitbaren Übereinstimmungen zwischen den 'Geographischen Predigten' und dem späteren Werk Mays allerdings direkt den Schluß zieht, man sei berechtigt, "seine 'Geographischen Predigten' als ein Programm für seine schriftstellerische Tätigkeit anzusprechen" (S. 112), so wird man dem doch nur mit einiger Vorsicht zustimmen können. Jedoch ist Prüfers Aufsatz durchaus lesenswert und interessant und verdiente einen kommentierten Neuabdruck, in den auch das am Ende gegebene, von Felix Ozlberger erstellte Verzeichnis von Parallelstellen in den 'Geographischen Predigten' und den Reiseerzählungen einbezogen werden sollte. Der Urtext der 'Geographischen Predigten' ist dankenswerterweise 1979 von der Olms-Presse im Rahmen eines kompletten Reprints des 1. Jahrgangs von 'Schacht und Hütte' wieder vorgelegt worden; zu dieser Ausgabe vergleiche die Rezension von


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Christoph F. Lorenz "Unterhaltung und Belehrung" in M-KMG 47 1981), S. 39ff.

K l a r a  M a y :  Marah Durimeh. Wie hätte Karl May die Fortsetzung von "Jenseits" und "Ardistan und Dschinnistan" gestaltet? (S. 115–119)

In diesem Aufsatz setzt Klara May den Gedankengang ihrer entsprechenden Abhandlung aus dem KMJB 1920 fort, ohne indes konkrete Anhaltspunkte dafür geben zu können, wie May sich die Fortsetzung seiner Alterswerke vorstellte. Aus den recht nebulös gehaltenen Darlegungen sollen hier die wenigen Passagen folgen, die etwas Greifbares enthalten: "Also reine Phantasiegebilde hätten diese letzten Werke enthalten. Innerlich Erschautes, wenn man so sagen darf. Der Grundton dieser überirdischen Symphonie wäre aber wieder 'Friede' gewesen, denn dieses Thema umschwebte alle seine Bilder, die er mir zeigte (...). Sein "Friede auf Erden", sein "Ardistan und Dschinnistan" sollten vor allen Dingen vom Kaiser, von den Diplomaten, vom (sic!) einflußreichen Menschen gelesen werden; das war seine mir angedeutete Hoffnung" (S. 117).

J a r o m i r  M o r a v e c :  Die tschechischen Übersetzungen Karl Mays (S. 262 –263)

Moravec, einstmals Redakteur bei dem tschechischen May-Verleger Vilimek, gibt im ersten Teil seiner Darlegungen eine zuverlässige Bibliographie der tschechischen May-Ausgaben; im zweiten Teil versucht er, die Gründe für die Tatsache anzuführen, daß May auch in anderen Ländern so gern gelesen wird: "Ich zähle zu seinen Vorzügen z. B. das, daß er nie, abgerechnet wenige Ausnahmen, in Aggressivität gegen eine andere Rasse gerät" (S. 265). Manfred Hecker und Hans-Dieter Steinmetz haben in den Mitteilungsheften der KMG 22–27 die Bibliographie der tschechischen May-Ausgaben auf den neuesten Stand gebracht und um eine Fülle weiterer interessanter Informationen zur May-Rezeption in der Tschechoslowakei bereichert.

L i s a  W i n k l e r :  Ketten und Flügel (S. 310–315)

Lisa Winkler entwickelt hier anhand des im KMJB 1919 auf S. 175 erstmals publizierten "Mensch und Teufel"-Fragments des jungen May eine Reihe von Gedanken zur psychologischen Verfassung des Dichters Karl May, die ungeachtet der mystisch-verschwommenen Sprache nicht uninteressant sind. Die wichtigsten sollen als Zitat folgen: "Im heidnischen Altertum war Luzifer, der "Leuchtende", die Gottheit des Lichts, im Abendstern angebetet. Das Christentum verwandelte den Lichtgott in Satan. Zu "Satan" gesellte sich Schêtana,


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die Teufelin: Karl May durchlebte seine erste Ehe. Seine Frau ist sein böser Geist (...). Nun beginnt die Verwandlung.  ' E r k e n n t n i s  wandle meinen Fluch in Segen!' Karl May baut unablässig, aus tiefster, innerer Not, bitter ringend, ein Bollwerk gegen die Finsternis: seine Bücher (...). Aber er ist ein Erdgebannter; sein Leib ist die Maske, die er vor sich selber trägt und hinter der er sich vor der Welt verbirgt. Karl May spiegelt sich in seinen Hirngestalten – Old Shatterhand, Kara Ben Nemsi. Das  b i n  ich – sagt er. Er ist abermals geblendet. Er will es werden – aber er spricht zu früh von noch nicht Vollendetem" (S. 313). Lisa Winkler versucht in Mays Leben einen Antagonismus von Gebundensein und Wieder-Frei-Werden ("Ketten und Flügel") zu entdecken; sie verweist darauf, daß alle Ur-Religionen Antagonismen kennen. Am Ende setzt sie ihr Bild von den Ketten und Flügeln über May hinaus weiter fort im Hinblick auf die Menschheitsentwicklung: "Erdgebannt ist der Menschengeist: All-Luzifer durch die Ketten des Irrtums gebunden. In Freiheitsträumen stößt und zerrt er die Flügel los. Aber der heilige Höhenflug wird erst dann beginnen, wenn der Erdenball keine 'Nationen' mehr trägt, sondern  e i n  Volk, durch Erkenntnis und Wissen befreit" (S. 315).

F r a n z  K a n d o l f :  Der werdende Winnetou (S. 336–360)

Unter den Beiträgen der Karl-May-Jahrbücher nehmen die Aufsätze von Franz Kandolf zweifellos eine besondere Stellung ein. Fast alle sind inhaltlich und stilistisch auch heute noch ausgezeichnet zu nennen und verdienten einen Nachdruck. "Der werdende Winnetou" befaßt sich mit den verschiedenen Fassungen der Winnetou-Erzählungen und ist bis heute die einzige Gesamtdarstellung dieses Gebietes Mayschen Schaffens geblieben. Zunächst beschäftigt sich Kandolf mit den beiden frühen Erzählungen 'Inn-nu-woh' und 'Old Firehand', die er als den "Ur-Winnetou" bezeichnet. Aus seiner Charakterisierung dieser Texte sei kurz einiges Wesentliche zitiert: "Nachdem wir unter Inn-nu-woh den späteren Winnetou zu verstehen haben, ist die Feststellung interessant, daß er in der frühesten Vorstellung Mays nicht als Apatschen-, sondern als Siouxhäuptling lebte, berühmt als der beste Schwimmer in den United States (...). In ein näheres Verhältnis tritt der Erzähler nicht zu ihm, er spielt nur die Rolle des Zuschauers. May hat später diese Episode als Winnetouerzählung fallen lassen und zu einem Erlebnis des 'kleinen Bären' für den "Schatz im Silbersee" verarbeitet" (S. 338).

Nun zu 'Old Firehand': "In dieser Erzählung werden wir zum erstenmal ausführlich mit Winnetou bekannt, der sich aber in mehr als


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einer Hinsicht von der späteren Heldengestalt scharf abhebt. Wir wollen ihn den Ur-Winnetou nennen. May bezeichnet ihn zwar als den 'berühmtesten und gefürchtetsten Indianer zwischen Sonora und Columbien', er ist ein tapferer Held, ein Freund der Bleichgesichter und Mittelpunkt einer romantischen Liebesgeschichte, aber zu unseren Herzen spricht er nicht" (S. 339). Kandolf erwähnt, daß Winnetou in der 'Old Firehand'-Erzählung nicht mehr jung ist, und schreibt ferner: "Was May sonst noch über Winnetou berichtet, vermag kein wärmeres Gefühl in uns hervorzulocken, dafür ist dieser Held zu unkultiviert, zu sehr Indianer, zu sehr ein Wilder" (S. 340). "Und wenn sich Winnetou in den Kampf stürzt, dann ist es nicht bittere Notwendigkeit, nein, wilde blutige Kampfesfreude, sogar eine förmliche 'Wonne', die die Waffen führt und aus den funkelnden Augen leuchtet" (S. 341). Etwas anders sieht das Bild des "Ur-Winnetou" in der Erzählung 'Deadly Dust' aus: "Das Gesamtbild Winnetous ist bedeutend anziehender geschildert (...). Und doch ist er immer noch nur ein edler Indianer, aber noch kein  E d e l m e n s c h  (...). Dieser Vollblutindianer zeigt auch ganz indianische Denkart" (S. 342/343). "Etwas unangenehm berührt es uns, wenn wir Winnetou das Henkeramt in eigener Person ausüben sehen (...). Der spätere Winnetou hätte derartiges nicht getan. Auch die Freundschaft Winnetous mit Old Shatterhand kann nicht besonders innig sein" (S. 344).

Nach dem Ur-Winnetou untersucht Kandolf dann das Winnetou-Bild in der Erzählung 'Der Scout' und im 'Winnetou I'. Dabei läßt sich eine erhebliche Wandlung in der Darstellung dieser Figur feststellen, die mit einer generellen neuen Tendenz in Mays Reiseerzählungen Hand in Hand geht: "Aus dem unbarmherzigen, kategorischen 'Entweder ich oder du' ist das feierliche, versöhnliche 'Weder ich noch du' geworden" (S. 347). Derartige Tendenzen konstatiert Kandolf bereits im "Scout". "Der Häuptling steht vor uns nicht nur als Indianer von reinstem Wasser, sondern auch als Gentleman, ausgerüstet mit einem hohen Grade von Bildung" (S. 348). Ferner meint der Verfasser bereits Ähnlichkeiten mit dem Winnetou-Bild des Spätwerks 'Winnetou IV' feststellen zu können (Kandolf spricht in diesem Teil seiner Arbeit vom "Edelmenschen" Winnetou). Er verweist darauf, daß die Erzählung 'Der Scout' noch nicht von einer tiefen Freundschaft zwischen Winnetou und Old Shatterhand spricht, und macht [weist] auf die Änderungen in der Buchausgabe (Winnetou II, Anfang) hin: "Alle Stellen, aus denen hervorgeht, daß May Winnetou noch nicht gekannt habe, werden gestrichen (...)" (S. 350). Ferner spricht Kandolf im Zusammenhang mit dem 'Winnetou IV' davon, daß Winnetou erheblich


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jünger ist als in den frühen Fassungen wie der 'Old Firehand'-Geschichte: "Da die Fabel des ersten Bandes im Jahre 1864 spielt, so käme, da May 1842 geboren ist, für den Winnetou des ersten Bandes ein Alter von 24 Jahren heraus. Da ferner nach der Vorstellung des Dichters Winnetou 1874 starb, so erreichte er ein Alter von 34 Jahren" (S. 351). Allerdings sind Kandolfs Datierungen grundsätzlich mit Vorsicht zu genießen; Näheres siehe bei den Bemerkungen zu seinem Aufsatz "Die Handlungszeit der May-Erzählungen". Interessant ist, daß Kandolf bereits vermutete, es habe für Winnetous Tod schon eine frühe Fassung gegeben; diese Erzählung "Im 'wilden Westen' Nordamerikas" ist aber erst in unseren Tagen (1976) vom KMV im Reprint des in den "Feierstunden im häuslichen Kreise" erschienenen Urtextes wiederveröffentlicht worden.

Im letzten Teil seines Aufsatzes befaßt sich Kandolf recht knapp mit dem "symbolischen Winnetou" und vor allem mit dem "zweiten Testament" Winnetous, das im 'Winnetou IV' eine große Rolle spielt: "Damit bricht May in gewissem Sinne den Stab über seine frühere Auffassung Winnetous, ebenso wie über die betreffenden Winnetou-Bände, indem er bekennt, daß er seinen eigentlichen, tieferen Wert nicht erkannt habe. Dieser Wert liegt nicht in den Äußerlichkeiten seiner Person (...), sondern in seinem Geiste, in seiner Seele, die ganz andere als materielle Güter zu geben habe" (S. 357). Kandolf deutet vage an, wie May sich die späteren Fortsetzungen des "Winnetou" gedacht haben mag, und vergleicht dann die früheren "Winnetou"-Erzählungen mit dem Winnetou-Bild des Spätwerks: "Für Winnetou glaube ich den Beweis erbracht zu haben, daß er als ein anderer in der Idee des gereiften Dichters, als ein anderer in der Vorstellung der Mannesjahre lebte (...). Indes soll damit den früheren Bänden nicht jede symbolische Bedeutung aberkannt werden. Sie ist ihnen sicherlich eigen, aber nur in dem Maße, als man jeden Roman, der eine gewisse Tendenz verfolgt, mit Symbolik in Verbindung bringen kann" (S. 359). Zweifellos zieht sich Kandolf hier, wo es um die Frage geht, ob Mays spätere Behauptung, auch die frühen Reiseerzählungen seien symbolisch zu verstehen, berechtigt sei, recht geschickt aus der Affaire. Sein Aufsatz ist eigentlich bis heute die einzige Gesamtdarstellung aller großen Winnetou-Erzählungen geblieben; in unseren Tagen hat die KMG in ihrer Reprint-Serie der frühen Zeitschriften ("Deutsches Familienblatt") die 'Inn-nu-woh' und die 'Old Firehand'-Geschichte wiederveröffentlicht. 1977 erschien als Band 2 der "Hausschatz"-`Reprints der KMG der Reprint der Erzählungen 'Der Scout/Deadly Dust'. Außerdem


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gab die KMG als Sonderveröffentlichung 1976 Anton Haiders gründliche Vergleichslesung "Der Scout auf dem Wege zu Winnetou" heraus, in der alle Varianten zwischen dem "Scout"-Text und der Buchveröffentlichung in 'Winnetou II' aufgeführt sind. Der Abdruck einer frühen Winnetou-Erzählung Mays von 1878 (Jb-KMG 1980) wird an anderer Stelle noch erwähnt.


Karl-May-Jahrbuch 1922

M a x  F i n k e :  Aus Karl Mays literarischem Nachlaß (Fortsetzung) (S. 28–54)

Dieser Teil von Finkes Nachlaßaufsatz ist den Mappen 'Scheitana', 'Weib' und 'Wüste' gewidmet, die Finke auf den Seiten 42–54 ediert. Über die Editionsprinzipien wird am Ende dieser Ausführungen noch etwas gesagt werden. Zunächst versucht Finke so etwas wie eine Interpretation der doch recht heterogenen Entwürfe, wobei der Akzent auf der Darstellung Emma Pollmers in diesen Notizen liegt: "Eine gründliche Durchmusterung aller noch erhaltener Nachlaßhandschriften erbrachte keinen Beweis dafür, daß mit der Scheitana Frau Emma Pollmer  v o n  A n f a n g  an gemeint sei. Abgesehen davon, daß der unbefangene Blick in dieser mitleidswürdigen Frau ausgesprochen satanische Züge vielleicht gar nicht entdeckte, war es auch nicht Mays Art, literarische Hinrichtungen vorzunehmen (...). Es sind auch später – so 'Im Reiche des silbernen Löwen' – immer nur  a l l g e m e i n  menschliche Laster und Fehler, die er zu Typen verdichtet, nicht seine Feinde in individueller Zeichnung (...). Eigentliche Schlüsselromane oder 'Schlüsseldramen' zu schreiben, war May unfähig" (S. 28 f.). Diese Behauptung ist sicherlich nicht ganz schlüssig; eine genaue Analyse des "Silberlöwen III und IV" etwa würde zeigen, daß May es vielmehr verstanden hat, die zum Teil recht eindeutigen "Portraits" auf biographischer Ebene geschickt symbolisch zu "verschleiern". Im übrigen ist es ganz interessant, was Finke über die Bruchstücke der Mappen "Scheitana", u. s. w. zu sagen hat: "Was 'Scheitana', 'Weib' und 'Wüste' anlangt, so finde ich nicht, daß May in den hierher gehörigen Handschriften etwa die Verdrängung seines Eheerlebnisses geäußert, 'abreagiert' hat. Es ist seltsam: (...) dieser Mann hat seine Ehe nicht eigentlich erlebt" (S. 30). Es folgen lange Ausführungen über Mays erste Ehe, die wenig ergiebig sind (vgl. dazu: Bernhard Kosciuszkos Anmerkungen in Abteilung VI der vorliegenden Arbeit). Interessant sind allerdings Finkes Interpretationen der Mappentexte auf der angedeuteten biographi-


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schen [biographischen] Grundlage: "Es war nicht ohne Reiz, in dem umfangreichen, nicht mehr viel Zusammenhängendes bergenden literarischen Nachlaß Mays nach Aeußerungen über seine erste Ehe und Frau zu forschen. Dabei stieß ich auf drei Mappen (...)" (S. 40). "Was ich fand, ist nicht aus Leidenschaft geboren. Es sind meist sehr gedämpfte, eine allgemeine Gottergebenheit atmende Zeilen, die sich kaum unterfangen, auch nur eine Ansatzform für die aufschreiende Qual der Kreatur zu finden (...). Die genannten Mappen hätten mich kaum durch ihren Mangel an dramatischem Leben so enttäuschen können, wenn ich mir schon vorher die Weichheit, die Beeinflußbarkeit und im Grunde unheldische Schamhemmung Mays vergegenwärtigt hätte" (S. 41). Das steht immerhin in einigem Widerspruch zu dem, was Finke im Jahrbuch 1920 behauptete, als er die Mappentexte als "Dramenfragmente" bezeichnete und widerspricht auch einer späteren Bemerkung in der Edition dieser Texte, wo Finke (vielleicht doch zu voreilig) "Verwirrung und sonstige krankhafte Züge" konstatiert (vgl. KMJB 1922, S. 45). Auch seiner Ansicht: "der literarische Wert der Bruchstücke ist weit geringer als ihre Bedeutung für die Erforschung der Seele und ihrer Krankheiten" (S. 41) wird man nur bedingt beipflichten können. Im übrigen vgl. zu dem ganzen Komplex "Nachlaßmappen" die Aufsätze von Christoph F. Lorenz in M-KMG 51, 52 und 54. Ein Vergleich der Finkeschen Textedition mit den im Archiv des KMV aufbewahrten Texten ergab weitgehende Sorgfalt in der Wiedergabe der Bruchstücke. Man muß dabei berücksichtigen, daß nicht ganz geklärt ist, welche Texte in welche Mappen gehören und daß ein Teil von Fragmenten, u. s. w. als lose Blätter im Archiv aufbewahrt wird und bisher noch nicht veröffentlicht wurde. Was sich in den Mappen 'Scheitana', 'Weib' und 'Wüste' befindet, hat Finke jedoch relativ getreu ediert. In der Mappe 'Scheitana' sind heute nur noch die beiden ersten Texte (das Gedicht "Es kam eine Klage ..." und der Text "Laßt hoch die Fahne des Propheten wehn") zu finden. Die übrigen, von Finke auf S. 42/43 veröffentlichten Fragmente gehören möglicherweise in andere Mappen; von den kurzen Sprüchen auf S. 44 hatte Finke ja bereits behauptet, daß sie zu 'Kyros' gehören. An Abweichungen sind nur die Änderung der Strophenzahl im Gedicht "Es kam eine Klage" (im Original hat es vier Strophen) und eine Auslassung eines einzelnen Wortes im selben Gedicht zu konstatieren. In der Mappe 'Weib' hat Finke vier kurze Sprüche (im Ms. auf den Seiten 5, 7 und 11) fortgelassen und kurioserweise die Farben in der "Aufstellung" (S. 44) konsequent vertauscht. Die Edition der Texte in der Mappe 'Wüste' ist, zwei


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fortgelassene Bruchstücke und einige Druckfehler abgerechnet, korrekt und vollständig.

E .  A .  S c h m i d :  Wie ich die 'Geographischen Predigten' auffand (S. 97–100)

E. A. Schmid berichtet in diesem kurzen Aufsatz, wie er im Jahre 1916 den "1. Jahrgang" der Zeitschrift "Schacht und Hütte" mit dem Erstdruck der 'Geographischen Predigten' im Verlagsarchiv des (ehemaligen Verlages Münchmeyer) entdeckte: an der Hinterwand eines alten Kassenschranks. Dieser Beitrag ist recht amüsant zu lesen, bringt für die Karl-May-Forschung aber nichts wesentlich Neues.

F r i t z  P r ü f e r :  Das Volksbuch vom "alten Dessauer" (S. 208–216)

Prüfer beschäftigt sich in diesem Beitrag mit den Dessauer-Geschichten Mays; er geht aus von der Beobachtung, daß diese Stücke nicht so recht in das Gesamtbild des Mayschen Werkes passen wollen. Dennoch konstatiert er: "Dieser Mann (der "alte Dessauer", Anm. d. Verf.) wurde Mays  e r s t e  l i t e r a r i s c h e  G r o ß - G e s t a l t .  Die Teilnahme an dieser Figur ist bei ihm wohl nie erloschen, wenn sie auch oft von anderen Plänen verdrängt wurde. In den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts (...) hatte er dichterische Pläne über den alten Dessauer, die jedoch nicht zur Ausführung kamen" (S. 210). Es folgt ein längeres Zitat aus Mays bekanntem Brief an Fehsenfeld vom 16.10.1892. In der Folge behandelt Prüfer die Frage, warum May die Gestalt des "alten Dessauers" so fasziniert habe. Als ersten Grund nennt er Jugenderinnerungen (etwa an eine frühe Lektüre von Dessauer-Anekdoten), als zweiten ein besonderes Interesse Mays an dem "alten Dessauer" als Charakterfigur. Ferner zieht er Parallelen zwischen den Mayschen Dessauer-Anekdoten und den sogenannten "Volksbüchern". "Im 'alten Dessauer' ist Mays Gestaltungskraft und Formwille zu vergleichen mit den Kräften der Schöpfer der Volksbücher. Insbesondere 'Till Eulenspiegel' ist zum Vergleich heranzuziehen" (S. 214). "May setzt die Ueberlieferung des Volksbuches fort. Es ist nicht die Volkskunst gemeint, die von 'Gebildeten' für das 'Volk' gemacht wird. Es ist jene Volkskunst, die aus dem Volke selbst kommt, die in allen Ständen und Klassen wirksam ist, bis schließlich Einer als gestaltende Kraft zusammenfaßt, was in der Masse lebte, aber seine künstlerische Form (...) nicht finden konnte" (S. 214).

Weiter setzt sich Prüfer mit den Thesen des Kultursoziologen Alfred Weber auseinander (S. 214); er konstatiert, daß in der deut-


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schen [deutschen] Kulturgeschichte stets zwei Strömungen nebeneinander hergegangen seien: die "Kultur der 'Gebildeten"' und die 'Volkskunst'. May zählt er zu den Volkskünstlern und erwähnt Peter Rosegger und sein Eintreten für May (S. 215 f.).

Insgesamt wird man sich heutzutage von der These vom "Volksschriftsteller May", wie sie Prüfer hier – immerhin überzeugend – vertritt, ein wenig distanzieren müssen, da uns der harmonisierende Volksbegriff, von dem auch Prüfer ausgeht, fragwürdig geworden ist (vgl. die heutige "Volksliedforschung" und ihre wissenschaftstheoretischen Probleme). Allerdings ist Prüfers Aufsatz durchaus im Zusammenhang mit der damaligen Zeit zu sehen und so zumindest von historischem Interesse; zur Interpretation der "Dessauer"-Geschichten trägt er freilich wenig bei, und dies ist bedauerlich, da bisher eine zuverlässige Gesamtdarstellung dieses Werkkomplexes noch aussteht.

A d a l b e r t  S t ü t z :  Die Bedeutung des Wortes "Winnetou" (S. 255– 263)

Zu den beliebten Problemen der frühen May-Forschung gehörte die Frage nach der Bedeutung des Namens "Winnetou". May selbst hat in seiner "Old-Shatterhand-Zeit" in den 90er Jahren mehrfach behauptet, der Name sei der Apachensprache entnommen. Dazu gibt es eine hübsche Geschichte, die Stütz nach den Erinnerungen des May-Freundes Ernst Abel zitiert: May soll erzählt haben, daß Winnetou und sein Vater Intschu-tschuna von einem feindlichen Unterstamm der Apachen gefangengenommen wurden. "Das Dorf, in dem die Gefangennahme stattfand, lag an einem kleinen See, dessen Oberfläche mit einer Naphthaschicht bedeckt war" (S. 256). Um die Freiheit wiederzuerlangen, mußte Winnetou den See durchschwimmen, nachdem die Naphthaschicht in Brand gesteckt worden war. Winnetou gelang dieses Wagestück; er wurde daraufhin mit dem Ehrennamen "Brennendes Wasser" (Winnetou) ausgezeichnet und sein Vater wurde Häuptling aller Apachen (S. 257). (Für diese Geschichte gibt es übrigens auch noch andere Quellen.)

Dieser phantasievollen Selbstdeutung stellt Stütz seine Behauptung entgegen, daß das Wort "Winnetou" der Diggersprache (und nicht der Apachensprache) entnommen sei und "der Indianer" bedeute. Um seine These zu unterstützen, widerlegt er zunächst die Ansicht, das Wort Winnetou sei wirklich mit "Brennendes Wasser" zu übersetzen. Dafür gibt er zwei Begründungen: zum einen, "daß Karl May, als er seinen Anhängern die Erklärung "Winnetou = Brennendes Wasser" gab (vgl. dazu auch Franz Kandolf in KMJB 1932, S. 484–


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493 (Anm. des Verf.) einen romantisch-spannenden Hintergrund brauchte; die Deutung "Winnetou = Der Indianer" hätte zu jener Zeit auf seine Freunde wahrscheinlich stark ernüchternd gewirkt" (S. 257). Zum anderen widerlegt Stütz die Ansicht, in dem Namen "Inn-nu-woh", den May in seiner ersten Indianererzählung verwendet, sei die Wurzel für den Namen "Winnetou" zu suchen. Er zeigt recht überzeugend, daß als Erklärung für den Namen "Inn-nu-woh" höchstens die in zwei verschiedenen Indianerdialekten vorkommenden Wörter "sinuwoh" (das Auge) oder "inuwa" (Wigwam) in Frage kämen, was keine Beziehung zu der angenommenen Wortbedeutung "Brennendes Wasser" hat. Daraus folgert Stütz, daß "Winnetou" ein selbständiges Wort sei, und er meint auch, es gefunden zu haben, und zwar in dem nachweislich von May benutzten Buch von Albert S. Gatchet, "12 Sprachen aus dem Südwesten Nordamerikas" (Weimar 1876). Dort ist auf S. 99 als Wort der Diggerindianer für "Indianer" "vintu" angeführt. In diesem Sinne interpretiert auch Stütz das Wort "Winnetou" wobei er sich an Mays späterer Bemerkung orientierte, alle seine Werke seien symbolisch zu verstehen: "Der 'Edelvertreter' der roten Rasse, der Indianer, in dem Karl May alle Tugenden, guten Eigenschaften und Anlagen des indianischen Volksstammes verkörpern wollte und auch tatsächlich verkörperte, der 'Indianer der Indianer', (...) kann nur wirken und verstanden werden als: 'Winnetou = Der Indianer'" (S. 263).

Diese Schlußfolgerung von Stütz wirkt sehr überzeugend und logisch, vielleicht doch ein wenig zu logisch für Karl May. Werner Poppe hat nämlich in seinem Aufsatz "'Winnetou'. Ein Name und seine Quellen." (Jb-KMG 1972/73, S. 238–253) schlüssig bewiesen, daß May 1875, als er die 'Old Firehand'-Erzählung schrieb, das Buch von Gatschet, das 1876 erschien, noch nicht gekannt haben kann. Stütz war fälschlicherweise davon ausgegangen, der 'Old Firehand', in dem der Name "Winnetou" zum erstenmal erscheint, sei 1876 erstmals erschienen (so glaubte man damals im KMV). Damit fällt seine ganze Deutung in sich zusammen, und als Quelle für den Namen Winnetou bleibt doch nur, wie Poppe feststellt, "die Phantasie" (Jb-KMG 1972/73, S. 252). Dennoch irrt auch Poppe sich in einem Punkt (und dies ist vielleicht eine Art Rechtfertigung für den an und für sich bei seiner Beweisführung recht sauber operierenden Stütz): Poppe meint, "Inn-nu-woh" habe "in Mays Vorstellung damals noch nichts mit Winnetou zu tun" gehabt (ebd., S. 250). Diese These konnte Ekkehard Bartsch widerlegen, als er im Jb-KMG 1980 eine bisher unbekannte Erzählung "Winnetou" von Karl May aus


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dem Jahre 1878 veröffentlichte, die nichts anderes ist, als eine Neufassung der Erzählung 'Inn-nu-woh' (vgl. Jb-KMG 1980, S. 190). (Vgl. zum Thema noch W. Poppe 'Das Dörfchen Winnetoon' in KMJB 1978 (Graff/KMV.))


Karl-May-Jahrbuch 1923

M a x  F i n k e :  Aus Karl Mays literarischem Nachlaß (Schluß) (S. 17–35)

Der letzte Teil von Finkes Nachlaß-Aufsatz bringt eine Interpretation der Parabel 'Der Zauberteppich' (Titel von Finke), die im KMJB 1923 auf den Seiten 12–16 erstmals abgedruckt wurde. Finkes erläuternder Text und die Maysche Parabel wurden in der Bamberger Ausgabe der gesammelten Werke, Bd. 48 (Das Zauberwasser) mit geringen Änderungen wiederveröffentlicht (vgl. Bd. 48, S. 317–327); ein näherer Kommentar dazu erübrigt sich also. Daß Finke den Begriff "literarischer Nachlaß" weiter faßte, als man annehmen könnte, beweist die Tatsache, daß er sich im folgenden mit Karl Mays Vorwort zu der Buchausgabe der 'Erzgebirgischen Dorfgeschichten' befaßt (die Ausgabe von 1903 wurde 1976 von Olms-Presse als Reprint wiederveröffentlicht). Finkes Erläuterungen zu diesem Vorwort sind nicht sehr umfangreich und bringen wenig Neues. Ferner bringt Finke auf den Seiten 35–37 eine 17strophige Fassung von Mays bekanntem Weihnachtsgedicht, das in 'Weihnacht' eine zentrale Rolle spielt. Finke bemerkt dazu: "Die Sichtung des Nachlasses förderte noch eine Fassung des Weihnachtsgedichtes zutage, die im ganzen 17 vierzeilige Strophen enthält, darunter also 7 noch unbekannte" (S. 30). "Die vorliegende Fassung ist offenbar in der Strafzeit entstanden. Abgesehen von den Zeilen 'An den kalten Eisenstäben kühlt er seine heiße Stirn', stützt sich diese Annahme auf den Umstand, daß sich die Handschrift auf einem vergilbten Bogen fand, auf dessen Innenseite unter der Ueberschrift 'Offene Briefe eines Gefangenen' eine zugehörige kleine Stoffeinteilung steht (...). Es sind zwei Möglichkeiten: Entweder ist das eigentliche Weihnachtsgedicht ganz hinter Mauern entstanden, und May hat später bei der Abfassung des Bandes 'Weihnacht' alles fortgelassen, was auf die Strafzeit Bezug hat. Diese Annahme ist wahrscheinlicher, als etwa die andere, nach der May hinter Eisengittern die in früher Jugend verfaßten Strophen vermehrt hätte durch solche, die er als Gefangener erlebte, obwohl die abgedruckte Fassung die rechte innere Verbindung der Strophen vermissen läßt. Wir hätten also in dem vergilbten Blatt eine ergreifende Erinnerung an jene Zeit des Dichters, die er im 5. Kapitel seiner


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eigenen Lebensbeschreibung unter der Ueberschrift 'Im Abgrund' so erschütternd schildert" (S. 31 f.). Ergänzend muß noch gesagt werden, daß diese Fassung des Weihnachtsgedichts im Jb-KMG 1971 (vgl. auch die Ausführungen Hainer Plauls im Jb-KMG 1977) im Abschnitt "'Hinter den Mauern' und andere Fragmente aus der Haftzeit" auf den S. 125 ff. abgedruckt ist (mit kleinen Abweichungen gegenüber dem Finke-Text, die auf Änderungen Finkes schließen lassen). Finke erwähnt ferner die Rolle, die dieses Weihnachtsgedicht in Mays anderen Werken spielt.

Auf der S. 39 hat Finke unter der Überschrift: "Hiob" zwei weitere Bruchstücke aus Nachlaßmappen abgedruckt. Er bemerkt dazu: "Anschließend an die Verse (das Weihnachtsgedicht, Anm. d. Verf.) wird zum erstenmal ein Schmerzensschrei Mays wiedergegeben, offenbar aus der Zeit seiner schlimmsten Bedrängung durch Prozeßsorgen, ein Gedicht: 'Hiob', das durch seine freiere odische Form seltsam aus Mays Lyrik herausragt. Etwas wie der Trotz seiner Prometheusnatur ringt hier nach Ausdruck. – Zum Schluß eine kleine Handschrift, die der Mappe für 'Winnetous Erben' (...) entstammt" (S. 35). Mit dem zweiten Text meint Finke den Spruch:

"Ja, das Weh, das Weh! Es ist die Krone, die goldene Krone, die so schwer ist zu tragen von all den Edelsteinen ...",

der im Band 49 der "Bamberger Ausgabe" auf S. 294 abgedruckt ist, leider in einer in Versform gedruckten und zu diesem Zweck sprachlich überarbeiteten Fassung. Auch "Hiob" findet sich in diesem Band (auf S. 295), ebenfalls gegenüber Finkes Edition leicht bearbeitet.

Mit dem im KMJB 1923 abgedruckten Teil beschloß Finke seine Edition der Nachlaßtexte, die zwar im Ganzen gesehen nur einen Bruchteil der im Nachlaß aufgefundenen Texte bringt, aber im wesentlichen auf eine Bearbeitung der Texte verzichtet und sich so wohltuend von anderen Ausgaben (auch dem Band 'Lichte Höhen' in der Bamberger Ausgabe) abhebt. Finkes Kommentare sind, selbst wenn er sich gelegentlich widerspricht, gehaltvoll und interessant. Insgesamt eine verdienstvolle Arbeit also, die eine Ergänzung in Finkes Sinne verdiente!

W i l l y  S c h l ü t e r :  "Ardistan und Dschinnistan": eine Denkerbotschaft (S. 64–75)

Hier wird der Versuch unternommen, die Gedankenwelt des Mayschen Spätwerks in Zusammenhang zu bringen mit den Erkenntnissen der


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Kulturanthropologen Spengler, Schultz-Schultzenstein und Krause. Dabei kommt der Verfasser aber nur zu ganz allgemeinen Ergebnissen, die dennoch für eine Interpretation von 'Ardistan und Dschinnistan' von Interesse sind. Besonders fallen Schlüters Erläuterungen zu den vier Inschriften, von denen in "Ardistan I" die Rede ist, ins Auge. "Als Wort der Schöpfung leuchtet im Süden der Spruch:

"Keine Seele kam zur Erde nieder, die nicht vorher Geist im Himmel war!"

Der Grundsinn und die Grundrichtung unseres Seelentums sind vom Allganzen her dem Leben eingepaßt und zugegliedert. Von obwaltender Allführung des Gesamtlebens wird uns das Bewußtsein eingestrahlt (...). Nach Norden richtet sich unter der Überschrift 'Erlösung' der Spruch:

"Es stieg kein Geist zum Himmel auf, der nicht vorher Seele auf der Erde war."

Nur durch Eininnigung des Ganzen kommen wir wirklich mit unserem Bewußtsein ins Ganze, das mehr als die Summe seiner Teile ist und daher in und über ihnen webt. Nach Osten zu steht unter der Überschrift: 'Sünde' das Wort:

"Nur ein Einziger weigerte sich Seele zu werden."

Das Einzelsein ist nötig. Wir müssen uns erst aussondern, um unsern Eigenwert zu erleben. Aber solche Vereinzelung und Versonderung ist nur ein Ansatzerdünknis, eine Hilfe des Lebens, um die Fortentfaltung rege zu halten (...). Wir verfallen der Sünde. Aus diesem Grunde heißt es auf der nach Westen gerichteten Seite von dem, der sich weigerte, seinen Geist der Liebe mit ihrem Seelentum einzugliedern, unter der Überschrift 'Strafe':

"Darum kam er nicht zum Himmel zurück. Das ist der Teufel!"

Der Geist, der zu vornehm ist, die Nächstwerte der Durchsittigung dem Leben als ein Heiligtum einzugliedern, der Geist daher, der auf den Gedanken der Vollkommenheit pocht und in seinem Namen die langsam aufstufende Kleinarbeit einfühligen Vervollkommnens verachtet, wird zum Opfer seines eigenen Hochmuts. Er verliert den Zusammenschluß mit dem Ganzen. Er wird gerade infolge seines Gedankenstolzes zum Teufel. Pessimismus, Fatalismus oder ein pantherwildes Erfolgstrotztum sind seine Strafe" (S. 74). Diese Probe aus Schlüters Text zeigt, daß es dem Verfasser darum geht, Grundlinien des Mayschen Denkens aus dem 'Ardistan und Dschinnistan'-Text heraus zu entwickeln. Dabei bedient er sich einer schwierigen, manchmal mystisch-verschleiernden Sprache. Der Versuch, dem


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Kulturpessimismus Spenglers May optimistischen Blick nach Dschinnistan gegenüberzustellen, konnte Schlüter freilich nicht ganz gelingen; dafür war das Vergleichsobjekt (May) denn doch zu verschieden von dem Philosophen und Antropologen Spengler. Überhaupt wird man 'Ardistan und Dschinnistan' von der "poetischen" Seite, wenn man das Buch unter literarischen Gesichtspunkten betrachtet, wohl näher kommen als von dem philosophisch-gedankengeschichtlichen Blickwinkel her.


Karl-May-Jahrbuch 1924

A l f r e d  B i e d e r m a n n :  Klekih-petra (S. 105–115)

Mit diesem Aufsatz wird die Reihe der Charakterstudien zu "Winnetou", die Lisa Winkler mit ihrem Aufsatz "Die Gestalten des Buches 'Winnetou"' eröffnete, fortgesetzt. Biedermann beschäftigt sich mit der Figur Klekih-petras, wobei er ein persönliches Erlebnis Mays (auf seinen angeblichen Frühreisen) als mögliche Quelle der Inspiration voraussetzt (vgl. S. 106). Er skizziert zunächst relativ anspruchslos die Vorgeschichte der Ereignisse in Amerika mit Klekih-petras Flucht aus Deutschland; dies ist alles genauso und besser im 'Winnetou I' nachzulesen. Interessant ist der Vergleich zwischen dem "Viejo Desierto" und Klekih-petra: "Karl May hat auch den Desierto lebenswahr gezeichnet, und doch macht dieser auf uns nicht jenen tiefen Eindruck wie Klekih-petra. Dieser wurde den Apatschen in Wahrheit, was sein Name sagt: der 'weiße Vater', der seinen roten Kindern Vater und Lehrer ist und der bei ihnen stirbt, der alte 'Desierto' aber verläßt die Tobas und geht in den Ruhestand" (S. 111 f.). Dabei übersieht Biedermann freilich, daß dies auch durch den unterschiedlichen ethnologischen und geographischen Hintergrund beider Erzählungen bedingt sein mag: die Tobas brauchen den Desierto nicht mehr, die Apatschen aber benötigen geistige Führerschaft (sie bekommen sie später durch Winnetou). Gelungen ist auch Biedermanns Vergleich zwischen Klekih-petra und Tatellah-satah, diesmal ohne Abstriche: "Auf der Schwelle zwischen Zivilisation und dem 'wilden Westen' steht Klekih-petra; er bildet die Vermittlung zwischen Weißen und Indianern. Auf der Schwelle zwischen materialistisch gesinnter Menschheit und reiner Geistigkeit steht Tatellah-Satah. Dieser hat sich von der Menschheit, Klekih-petra vom Europäertum zurückgezogen" (S. 112). "Wir sehen klar Mays Entwicklungsgang: der Old Shatterhand aus den Zeiten Klekih-petras ist der dichterische Künder des Edelmenschen geworden" (S. 113).


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Der Schluß des Aufsatzes bringt nichts Wesentliches mehr, nur die Bekräftigung, daß May Volksschriftsteller im wahrsten Sinne gewesen sei. Es fällt auf, daß Biedermanns Vergleiche wesentlich aufschlußreicher sind als seine Charakteranalyse Klekih-petras; eine politische Wertung dieser facettenreichen Gestalt fehlt völlig. Demgegenüber hat Klaus Lindemann im Jahrbuch der Eichendorff-Gesellschaft, "Aurora" (34/1974), einen Aufsatz vorgelegt, in dem er die Gestalt Klekih-petras völlig falsch als Beweis für die reaktionäre Einstellung Mays interpretiert, und zwar aufgrund einer nicht von May stammenden Interpolation der Bamberger Fassung! Mit Lindemann setzt sich Claus Roxin in seinem Beitrag "Vernunft und Aufklärung bei Karl May" (M-KMG 28, S. 25–30) kritisch und fundiert auseinander.

F r a n z  C o r n a r o :  Der Märchenerzähler (S. 173–198)

Dr. Franz Cornaro ist einer der wenigen Mitarbeiter der alten Karl-May-Jahrbücher, die auch in den "Jahrbüchern der KMG" heute noch vertreten sind. Mit diesem Aufsatz lieferte er einen ersten grundsätzlichen Beitrag zu der Klärung der Frage, inwieweit May Strukturen und Erzählweisen des Märchens übernimmt. Cornaro nennt den Aufsatz bescheiden eine "Plauderei"; in der Tat ist sein Aufbau etwas locker, aber nicht beliebig. Deshalb kann man auch gut einzelne Gedanken herausgreifen, ohne den Zusammenhang zu zerstören. Cornaro beschäftigt sich ausführlich mit der Rolle des Wunderbaren in Märchen und Abenteuererzählung. "Wunder als solche werden also im allgemeinen weder von der Abenteuererzählung noch vom Märchen erzählt. Das nach unseren Kenntnissen natürlicherweise Unmögliche unter Ausschaltung der ersteren bloß in das Reich des Märchens zu verweisen, schien uns jedoch ebenfalls nicht richtig. (...). Der hl. Thomas unterscheidet je nach dem Maß, in dem ein Ereignis die natürliche Möglichkeit überschreitet, drei Stufen des Wunderbaren (...). Auf der höchsten stehen Geschehnisse, die ihrem eigenen Wesen nach die natürliche Möglichkeit hinter sich lassen, indem sich ein Ereignis vollzieht, das die Natur gar nicht kennt, z. B. die Verklärung des Menschenleibes. Ist aber ein Ereignis wunderbar nicht an und für sich, sondern nur in Hinsicht auf den Gegenstand, an dem es geschieht, so ist es ein Wunder des zweiten Grades. Ein drittes, weites Feld nehmen dann diejenigen Wunder ein, die die natürliche Möglichkeit bloß in bezug auf das Maß und die Ordnung des Geschehens überschreiten (...)" S. 185. "Von Wundern des ersten Grades dürfte wohl nur in den Lehren der


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Religionen berichtet werden, sie scheiden also für unsere Untersuchung aus" (S. 186). "Während (...) das Merkmal, daß das Wunder schon seinem Grund nach die natürliche Möglichkeit überschreitet, zum allgemeinen Inhalt des theologischen Wunderbegriffs gehört, schafft es beim Märchenwunder eine besondere Abart, die wir, wie gesagt, der zweiten Stufe einordnen wollen. Die hierdurch enger begrenzte dritte Stufe wäre dann jenes Gebiet des Wunderbaren, aus dem auch die Abenteuererzählung Kunde bringt, während das Märchen Wunder dieser beiden Stufen unterschiedslos durcheinandermengt" (S. 188).

Begriff und Funktion des Wunderbaren in der Abenteuererzählung sind somit hinreichend geklärt. Nun beschäftigt sich Cornaro mit den Traumphantasien, die ebenfalls eine gewisse Affinität zu der Erzählwelt Mays, aber auch zu der Sprache der Märchen aufweisen: Immer wieder taucht von Zeit zu Zeit in unseren Träumen die beglückende Empfindung eines der Erdenschwere entrückten Schwebens auf. Was da, den Wünschen gütig gewährend, die Traumphantasie uns schauen und ahnend empfinden läßt, das trachtet in willkürlich gestalteten Bildern die wache Phantasie zurückzurufen" (S. 189). Und damit erfolgt der Übergang zur Erzählwelt Mays: "Ja, Karl Mays Pferde fliegen nicht wirklich, ihr Leib verläßt nicht den Boden, nur um die Geschwindigkeit ihres Laufes handelt es sich, wenn der Dichter von ihrem Flug spricht. Rihs Galopp ist zwar noch nicht allegorisch, sein Fliegen aber gewiß nur bildlich zu nehmen und das Zauberpferd, dem schon eine gefährliche Konkurrenz im Fliegen erstanden schien, darf getrost den Lorbeer für seine wunderbarere Leistung beanspruchen (...). Aber jenem sich auch in unseren Träumen ankündigenden Wunsch wird doch in beiden Fällen zu Willen getan" (S. 191). Mit dieser Erkenntnis vom Traumcharakter mancher Handlungen in den Büchern Mays und von der wunscherfüllenden Funktion seiner phantastischen Begebenheiten ist Cornaro den May-Exegesen Blochs schon ganz nahe. Am Ende seines Aufsatzes fordert er eine genauere Untersuchung der märchenhaften Züge bei May. "Es wäre eine unterhaltsame Fleißaufgabe, aus Mays Werken alle schon aus dem Volksmärchen bekannten Grundgedanken zusammenzustellen und an den einzelnen Beispielen die Wandlung vom Märchenhaften ins bloß Abenteuerliche zu zeigen. Zum Beweis der Verwandtschaft trägt freilich mehr als das Auffinden gemeinsamer Gedanken bei, wesensverwandte Züge bei beiden Dichtungsarten aufzuzeigen" (S. 195). In der Tat wäre hier ein lohnendes Betätigungsfeld für mutige Karl-May-Forscher; einen ersten Anstoß


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dazu hat Klaus r. Meichsner gegeben, als er in seinem Buch "Der Hakawati. Die Märchen von Karl May" (Heidelberg 1978) märchenhafte Texte aus dem Gesamtwerk Karl Mays auswählte und zusammenstellte.

F r i t z  P r ü f e r :  Kandolf in Mekka (S. 199–205)

Wie Prüfers Aufsatz über die Dessauer-Anekdoten soll auch dieser Text der Vorstellung bzw. Wertung eines neuen Bandes der Radebeuler "Gesammelten Werke" dienen, und zwar der von Franz Kandolf verfaßten Fortsetzung von 'Am Jenseits' ("In Mekka", Band 50). Prüfers Darlegungen sind eher allgemeiner Natur, so daß hier einige wenige Zitate genügen mögen: "Es steuert alles auf Mekka zu. Das ist klar. Eine Entlarvung des Ghani muß stattfinden. Es scheint auch, als solle der Münedschi von seiner Blindheit geheilt werden. Aber nicht ist zu schließen, in welcher Weise das geschehen solle. Ja, Kandolf mag recht haben: May hat es selbst noch nicht gewußt (...). Kandolf konnte wohl auch nicht anders arbeiten. Dazu gehörte allerdings als Voraussetzung, daß er 'Am Jenseits' genau kennt und darüber hinaus sich so in Karl May hineingefühlt hat, daß sich bei ihm der gleiche Ausdruck bildete wie bei seinem Vorbild. Es ist überraschend, manchmal verblüffend, wie Kandolf die Ausdrucksweise Mays mit fast photographischer Treue wiedergibt (...). Das geht sogar so weit, daß Kandolf Unebenheiten in der Sprache Mays festgehalten und sich angewöhnt hat"(S. 200f.). Es folgt eine kurze Auswahl aus den Pressestimmen sowie eine Ankündigung des KMV, wonach Kandolf sich bereit erklärt habe, in ähnlicher Weise auch die Fortsetzungsbände "Winnetous Testament" und "Marah Durimeh" zu verfassen. Daß es dazu nicht kam, mag bei Lage der Dinge nicht verwunderlich sein, zumal Kandolf auch "In Mekka" so verfaßt hat, als habe sich May nach 'Am Jenseits' nicht der symbolischen Schreibweise zugewandt. (s. auch Sonderheft KMG Nr. 39.)

E m i l  S e h l i n g :  Old Shatterhand und die Schwester Winnetous (S. 294–302)

Hierbei handelt es sich nicht um eine Abhandlung zu Mays Werk, sondern nur um eine "juristische Plauderei", deren Reiz bis heute sicherlich sehr nachgelassen hat. Sehling behandelt mehr oder weniger scherzhaft und mehr oder weniger geistreich die Frage, welche juristischen und gesellschaftlichen Probleme durch eine Hochzeit von Old Shatterhand mit Winnetous Schwester Nscho-tschi aufgetreten wären. Wer sich an solchen Gedankenspielen ergötzt, dem sei der Aufsatz zur Lektüre empfohlen; Zitate daraus erübrigen sich hier wohl.


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L i s a  B a r t h e l - W i n k l e r :  Das Drama des sterbenden Volkes (S. 338–343)

Auch dies ist kein "analytischer" Text; die Verfasserin stellt hier in einer Art Reimprosa Bilder aus der Winnetou-Trilogie Mays zusammen, um zu zeigen, daß Mays Erzählwerk dramatische Züge aufweist. Bei aller Hochachtung vor dem Ernst ihrer Darlegungen: die Frage, warum May "nicht den Weg zum Indianer-Drama der Bühne" (S. 342) gefunden hat, läßt sich ganz schlicht beantworten: weil er der geborene Erzähler war, kein genuiner Dramatiker.


Karl-May-Jahrbuch 1925

F r a n z  K a n d o l f :  Winnetous Tod (S. 69–74)

Dieser Aufsatz ist als Ergänzung zu Kandolfs Ausführungen im KMJB 1921, "Der werdende Winnetou", gedacht. Kandolf befaßt sich hier mit dem in der Zwischenzeit aufgefundenen Text "Im 'wilden Westen' Nordamerikas", der Urfassung von "Winnetous Tod". "Sie (diese frühe Fassung, Anm. d. Verf.) unterscheidet sich zunächst von der späteren Fassung dadurch, daß mit keinem Wort die Rede ist von einem Testament, dessen Vollstreckung Winnetou seinem weißen Bruder anvertraut hätte. Ferner weiß er zum Unterschied von späteren Darstellungen nur von einer zweimaligen Reise durch die Prärien zu berichten, derart, daß es sich bei den Erlebnissen, die den Tod seines roten Freundes im Gefolge hatten, um eine dritte Amerikafahrt handelte" (S. 70). Kandolf geht ferner auf andere Änderungen der Buchausgabe ein: "Nun hat May freilich in seiner Buchausgabe jene zirkusmäßige Schilderung des Äußern Winnetous weggelassen, aber vergessen, andere Härten zu mildern" (S. 71). Er verweist darauf, daß an einer Stelle die Rede davon sei, daß Winnetou noch Skalpe nehme und zeigt auf, daß dies zum "Edelmenschentum" Winnetous in Widerspruch steht. Dieser Widerspruch läßt sich aber nur auflösen, wenn man – wie Kandolf es tut – zugibt, daß die Gestalt Winnetous in der Vorstellung des späteren May sich gegenüber der Trilogie aus den 90er Jahren doch erheblich gewandelt hat, daß sie im Sinne des Spätwerks "erhabener" geworden ist. Dennoch nennt Kandolf mit Recht die Erzählung von Winnetous Tod "eine Perle Mayscher Erzählungskunst" (S. 73).

O t t o  E i c k e :  Wesen und Werk (S. 177–186)

Eicke versucht hier, in einem Überblick über Mays Werk aufzuzeigen, daß man May als typischen Volksschriftsteller bezeichnen müsse. Die


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wichtigsten Punkte seiner Darstellung seien hier zitiert: "Daß auch das typische Kennzeichen des Volksromans, die Vorliebe für Episoden, das Verweilen an einem Punkte der Handlung, das Übergehen einer anderen Strecke, den Werken Karl Mays anhaftet, weiß jeder Kenner dieser Erzählungen" (S. 178). "Von einer bedachten Kunstform kann bei Karl Mays Romanen nicht die Rede sein. Höchstens, daß in seinen späteren Schaffensjahren der Aufbau des Stoffes überlegt und einigermaßen geordnet ist" (S. 180). Diese Passage zeigt, welch gefährliche Folgen es haben kann, wenn man Karl May einseitig als Volksschriftsteller versteht und darüber den Blick für die doch recht kunstvolle und verschlüsselte Anlage der Spätwerke, aber auch für den verzwickten Aufbau der meist analytisch erzählten Kolportageromane verliert. Ansonsten bringt Eicke nichts mehr von Belang.


Karl-May-Jahrbuch 1926

O t t o  T i t u s  E l k a n :  'Das Geldmännle' (S. 186–197)

Dies ist ein recht interessanter Text, denn es handelt sich hier um keinen Jahrbuchaufsatz im eigentlichen Sinne, sondern um einen Schülervortrag eines vierzehnjährigen Untersekundaners aus Berlin. Zweierlei ist hierbei bemerkenswert: einmal, daß Elkan sich überhaupt mit dem "Geldmännle", einer wenig bekannten und darüber hinaus noch symbolischen Erzählung Mays, befaßt, zum anderen, daß dieses Thema vom Klassenlehrer gutgeheißen und der Vortrag in einer "kritischen Schlußbemerkung" als sehr gut bezeichnet wurde, wobei Elkans Klassenlehrer bekennt, Karl May nicht gelesen zu haben (S. 197). Ansonsten bringt Elkans Text keine überwältigenden Erkenntnisse, aber doch einige schöne "Bilder" aus Mays Erzählung, wie überhaupt manche der alten Jahrbuchaufsätze nicht so sehr in der Textanalyse, sondern in der "Herausfilterung" einzelner Bilder und Gedanken der May-Werke ihre Vorzüge haben. Hier sollen nur die Hauptgedanken des Elkanschen Textes angeführt werden. Der Verfasser stellt sich zwei zentrale Fragen: 1. Was will Karl May in dieser Erzählung zeigen? 2. Was bedeuten die einzelnen Gestalten? Seine Antworten lauten wie folgt: Zu 1. "Karl May will erstens die Weberbevölkerung charakterisieren, deren Fleiß trotz ihrer Armut bewunderungswürdig ist. Ferner will er die falsche Freundschaft, das Elend, die Tragödien im wahrsten Sinne des Wortes, zeigen" (S. 195). (Die Analyse ist sicher zu schlicht, um die "Doppelbödigkeit" der Geschichte begreiflich zu machen.) Zu 2. "Aus alledem sehen wir schon, das Herzle ist, sozusagen, der gute


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Geist der Novelle im Gegensatz zu Rosalie. Über diese Person habe ich mich schon genügend geäußert; sie ist dazu da, um das Herzle desto besser hinzustellen, also ihr Spiegel, ihr Reflex. Genau so steht es mit dem Musterwirt und dem Neubertbauern (...)" (S. 195).

"Nun bleibt noch die Ziege übrig (...). Karl May wollte die Ziege als das Symbol der allgemeinen Gerechtigkeit hinstellen" (S. 196).

Insgesamt eine brave Deutung, die der Geschichte freilich ihre Doppelgestalt, die raffinierte Verschlüsselung autobiographischer Details, schuldig bleibt; aber woher sollte Elkan auch den Schlüssel für diese vertrackte Erzählung, die uns ein kenntnisreicher Exeget (Hans Wollschläger?) schleunigst umfassend interpretieren sollte, haben?

Interessant ist die Nachbemerkung der Herausgeber, in der der häufige Fremdwortgebrauch bei Elkan bemängelt wird ("Sprecht deutsch, ihr deutschen Jungen! (S. 197)); hier deuten sich die Eindeutschungstendenzen an, die unter dem Einfluß des auch im KMJB 1926 vertretenen "Sprachreinigers" Eduard Engel zunehmend Eingang in die Bearbeitungs-Konzeption der Radebeuler (und später der Bamberger) Ausgabe fanden.

E .  A .  S c h m i d :  Die Vorgeschichte der Münchmeyer-Romane (S. 223–237)

Der Leiter des Karl-May-Verlags wiederholt hier aus doppeltem Anlaß die wichtigsten Teile seines im Jahrbuch 1919 erschienenen Aufsatzes über die Münchmeyer-Romane: einmal weist Schmid darauf in, daß die ersten drei Jahrbücher ausverkauft seien und auch nicht mehr neu aufgelegt werden könnten, zum anderen bot sich eine knappe Repetition des damals Gesagten auch daher an, weil 1925 die Radebeuler Fassung des "Waldröschen" erschienen war und Schmid auf diese Neuausgabe in Form eines kurzen Aufsatzes aufmerksam machen wollte. "Die Vorgeschichte der Münchmeyer-Romane" enthält also noch einmal Schmids eidliche Aussage während der "Münchmeyer-May-Prozesse" sowie seine kritische, aber von einer gewissen Wertschätzung geprägte Auseinandersetzung mit dem inzwischen (im Juni 1925) verstorbenen Cardauns.

E .  A .  S c h m i d :  "Waldröschen" (S. 238–244)

Schmid beginnt seine Ausführungen mit dem Hinweis darauf, daß im Februar 1914 ein Vertrag zwischen dem KMV und dem Verlag Münch-


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meyer [Münchmeyer] abgeschlossen wurde, eindeutig zu dem Zweck, die alte (also doch im Grunde Mays) Fassung aus dem Buchhandel "verschwinden" zu lassen und durch eine neue Ausgabe zu ersetzen, "von Fremdkörpern, Weitschweifigkeiten und Unstimmigkeiten befreit" und "in einwandfreier Fassung" (S. 239). Daß sich hinter dieser harmlosen Formulierung Kürzungen von bis zu 60 % des Gesamttextes und andere Bearbeitungen verbergen, wird auch in diesem Text nicht deutlich gemacht. Überhaupt findet man lediglich einen Auszug aus Beissels altem Aufsatz aus dem KMJB 1920 ("Ein Schlußstrich"), Exzerpte aus Pressekritiken (vorwiegend positive, auch enthusiastische) und eine Auseinandersetzung mit den negativen Kritiken, die recht pauschal ausfällt: "Es gibt aber auch heute noch Zeilenschreiber, die (...) ihr Urteil am liebsten und am breitspurigsten dann abgeben, wenn es durch Sachkenntnis und Nachprüfung nicht getrübt ist" (S. 294).

E .  A .  S c h m i d :  Die verfälschte Handschrift (S. 245–256)

Eine wichtige Rolle bei den Rechtfertigungsbemühungen des KMV in Hinblick auf die "Münchmeyer-Romane" als im Grunde "sittenreinem" Werk Mays spielte die schon von May vehement vorgetragene Behauptung, Münchmeyer habe Mays Handschriften verfälscht. Nun muß festgehalten werden, daß Änderungen an Autorenmanuskripten bei der Kolportage durchaus üblich waren; im Falle der "Münchmeyer-Romane" ist es mehr als wahrscheinlich, daß solche Änderungen, auch Streichungen und – möglicherweise – Interpolationen vorgenommen wurden (vgl. C. Lorenz, Karl Mays zeitgeschichtliche Kolportageromane, a.a.O., S. 31–36). Allerdings schlüssig bewiesen worden sind solche Änderungen bisher noch für keine einzige Textstelle der umfänglichen Romane, wie Jürgen Wehnert in seiner ausgezeichneten textkritischen Studie "Gestalt und Verunstaltung der Werke Karl Mays (Magisterarbeit. Göttingen 1981, S. 4) zeigt. Dem muß man jedoch entgegen halten, daß die Änderungen zwar nicht beweisbar sind, aber doch sehr wahrscheinlich; ob Mays Originaltext dadurch jedoch so einschneidend "verfälscht" wurde, wie manchmal behauptet wird, muß freilich offen bleiben. Die Beweislage wird durch das Fehlen der Manuskripte erheblich erschwert, überhaupt sind nur relativ wenige May-Manuskripte (von größeren Werken) erhalten. Es war für E. A. Schmid ein wahrer Glücksfall, im Nachlaß die Handschrift des 'Krüger Bei', des 2. Teils von 'Satan und Ischariot' in der "Hausschatz"-Erstfassung, aufgefunden zu haben. Hier zeigte sich nämlich, daß der Schriftleiter Heinrich Keiter


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erheblich in den Text eingegriffen hatte, als er den Erstdruck vorbereitete: "Die Handschrift des Romans 'Krüger Bei', also des II. Teils von 'Satan und Ischariot' beginnt mit Seite 1679 der Gesamterzählung und endet auf Seite 2888. Von diesen 1210 Seiten hat der Hausschatz-Schriftleiter Heinrich Keiter 440 Seiten, also 36 %, gestrichen und den Rest durch entsprechende Übergänge und Abschnitte verkleistert, damit die Leser die Lücken nicht bemerken sollten! (...) Welcher Art waren nun die Streichungen Keiters und inwiefern haben sie den Gang der Handlung beeinträchtigt? Die Hauptsache bestand darin, daß Karl May eine zartsinnige Liebesgeschichte zu Martha Vogel in seinem Roman verwoben hatte, die Keiter völlig beseitigte (...). Franz Kandolf hat auf meine Bitte jene von Keiter gestrichenen 440 Seiten derart neu verwendet, daß er daraus zwei in sich abgeschlossene Novellen schmiedete, die unsre Leser nunmehr in Band 47 von Karl Mays Gesammelten Werken finden (...)" (S. 249 f).

Leider hat sich der KMV bis auf den heutigen Tag nicht dazu entschließen können, das 'Krüger Bei'-Manuskript in irgendeiner Form der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Darüber hinaus scheint es nicht ganz zulässig, aus den nachweisbaren Eingriffen Keiters auf Kürzungen bzw. sogar Interpolationen im Text der "Münchmeyer-Romane" zu schließen. Dennoch ist Schmids Argumentation überzeugend: "(...) wenn der Schriftleiter eines so hoch angesehenen Blattes, wie es der "Deutsche Hausschatz" ist, entgegen den herrschenden Gepflogenheiten, ohne Befragen des Verfassers aus einer Handschrift von 1210 Seiten 36 % streicht und noch weitere verändert: um wieviel wahrscheinlicher bleibt es, daß sich der Kolportageverleger (...) ähnliche Eigenmächtigkeiten erlaubt, die in seinem Bereich vielleicht nicht einmal als Eigenmächtigkeiten betrachtet werden?" (S. 255 f). Ergänzend muß noch erwähnt werden, daß Schmids Text noch heute im Band 34, 'Ich', mit geringen Änderungen nachzulesen ist.

M a x F i n k e :  Zu Mays Lyrik (S. 316–321)

Zu den umstrittensten Bereichen des Mayschen Schaffens und zu den am wenigsten bekannten gehört sein lyrisches Werk. Es ist erstaunlich, daß sich die meisten Exegeten mit wenigen Gedichten begnügen und über den Rest erstaunlich einhellig (ob Max Finke oder Hans Wollschläger der Verfasser ist) ein vernichtendes Urteil fällen. Immerhin bringt das KMJB 1926 zwei recht gute Beiträge zu Mays Lyrik; Max Finke beschäftigt sich in seinem nachgelassenen


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Aufsatz mit dem lyrischen Werk Mays insgesamt, wobei er den künstlerischen Wert der Gedichte niedrig veranschlagt, ihnen aber eine besondere psychologische Bedeutung (in Hinblick auf die menschliche Entwicklung Mays) zuerkennt: "Die Verse rollen, nur schwach gebremst von der Hemmung der Rücksicht auf die Endungsreime, zwangsläufig ab. Sie sind erstarrte, kristallartige Gefüge ohne neuschöpferische Eigenschaften. Eine allgemeine, innerer Handlung bare Lebensgefühlstönung untermalt diese – mit Füllseln und Abgebrauchtheiten reich geschmückten, als Poesie unmöglichen – Reimschmiedereien (!!!)" (S. 317). "Mays Lyrik hat an sich geringen Wert. Ihre Abfassung dagegen, das muß immer betont werden, als Erlebnis, als Vorgang neuer seelischer Einstellung, Klärung und Festigung in Zeiten innerer Wenden und Heilungen hatte für ihn selber einen Wert, der seelenkundlich kaum überschätzt werden kann" (S. 319).

A l f r e d  B i e d e r m a n n :  Ist Karl May Lyriker? (S. 322–332)

Die im Titel des Aufsatzes enthaltene Frage ist mehr rhetorisch zu verstehen; auch Biedermann hält wie Finke wenig vom künstlerischen Wert der Mayschen Lyrik. Ein Vergleich der beiden Aufsätze zeigt, wie pauschal die Urteile über Mays poetische Versuche ausfallen; dennoch hat sich Biedermann (der bezeichnenderweise das 'Ave Maria' für "die Krone der Mayschen Lyrik" (S. 331) hält, den Sinn für manches besondere Gedicht, etwa der Nachlaßmappen, bewahrt: "Das Jahrbuch 1923 vermittelt uns das Bruchstück 'Hiob', und ich stehe nicht an, dieses Gedicht – selbst wenn es tatsächlich nur ein Bruchstück sein sollte – als hervorragend geglückt zu bezeichnen. Weder Disposition, noch Flickwörter. Hier schreit eine namenlos gequälte Seele auf zu ihrem Schöpfer. Es steckt Titanentrotz in diesen Versen" (S. 327). Das letztere hatte freilich schon Finke festgestellt, wie überhaupt die Kritik an Mays Lyrik nicht nur im KMJB 1926, sondern bisher überhaupt recht pauschal wirkt. Biedermann: "Den Gedichten Karl Mays kommt keine überragende Bedeutung zu. Er ist in seinem lyrischen Schaffen mehr Gedanken- als Stimmungsdichter, mehr Tat- als Gefühlsmensch. Er behandelt ein Gedicht wie einen Roman, legt sich zunächst die Grundgedanken klar, zimmert dann mit Hilfe einer "Disposition" den Aufbau und schiebt, um unter allen Umständen das Versmaß einhalten zu können, unpoetische Füllwörter ein" (S. 331 f). Demgegenüber ist der Vortrag von Christoph F. Lorenz, "Als lyrischen Dichter müssen wir uns Herrn May verbitten?". Anmerkungen zur Ly-


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rik [Lyrik] Karl Mays, gehalten auf der Berliner Tagung der KMG 1981 (abgedruckt im Jb-KMG 1982), ein erster Versuch, aufgrund einer Analyse einzelner Gedichte und eines genauen Überblicks über Mays lyrisches Schaffen und seinen Stellenwert im Gesamtwerk zu objektiveren und umfassenderen Urteilen zu gelangen.

F r a n z  K a n d o l f :  Von Hassan el Kebihr bis Hadschi Halef Omar (S. 357–368)

Kandolf setzt mit diesem Aufsatz den Versuch fort, den er im KMJB 1921 mit dem "werdenden Winnetou" so erfolgreich praktiziert hatte, nämlich anhand verschiedener May-Texte die "Entwicklung" einer Gestalt in der Phantasie des sich ja ebenfalls weiterentwickelnden Dichters aufzuzeigen. Im Hassan el Kebihr der frühen Erzählung 'Die Gum' (1878 im "Deutschen Hausschatz" erschienen) erblickt Kandolf das Vorbild für den späteren Hadschi Halef Omar: Ganz besonders (...) fordern die Ruhmredigkeit und Prahlsucht Hassans und seine Vorliebe, Reden zu halten, zum Vergleich auf. Man glaubt manchmal den späteren Halef zu hören, so sehr sind sich die beiden in dieser Beziehung ähnlich, wenn auch die Übertreibungen Hassans, weil mit seiner sonstigen Feigheit in Widerspruch stehend, nicht die überwältigende Komik besitzen wie die Halefs" (S. 359). Als weiteres Vorbild für den Hadschi nennt Kandolf den Diener Sawab (im Original: Ali) aus 'Scepter und Hammer'; Kandolf zitiert den Roman nach der Radebeuler Bearbeitung, die allerdings die meisten Ali betreffenden Passagen relativ unangetastet läßt (man vergleiche das zweite Zitat bei Kandolf auf S. 361 f - "Also! Bab er Run, Effendi", u. s. w. – mit dem Originaltext, 'Scepter und Hammer', Reprint der KMG 1978, S. 121 f). Kandolf urteilt: "Während Hassan nur unsere Lachlust weckt, innerlich aber uns fremd bleibt, gelingt es Sawab, auch unsre Teilnahme zu erregen (...). Und Hadschi Halef Omar ist die Summe von beiden (...). Nun, wir nehmen von Hassan seine Ruhmrederei und Prahlsucht und seinen Fanatismus in Glaubenssachen, von Sawab seine Gestalt, seine Schlauheit, Tapferkeit, Lebhaftigkeit und seinen Witz, und wir haben Halef, wie er leibt und lebt (...)" (S. 363).

Kandolf skizziert im folgenden die Gestalt Halefs etwas näher und geht dann auf den "symbolischen" Halef ein: "Reizvoll wäre es zu wissen, was Karl May mit Halef in seinen späteren symbolischen Werken gemacht hätte. Da diese die Entwicklung des Gewaltmenschen zum Edelmenschen hätten zeigen sollen, so hätte er Halef, die Anima, der er durch Marah Durimehs Mund jede Kraft zur Entwicklung


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nach oben absprach, folgerichtig sterben lassen müssen (...). Aber hier zeigt es sich nun, daß der Dichter nicht die Kraft findet, sich von Halef zu trennen" (S. 367). Diese Tatsache veranlaßt Kandolf dazu, anzunehmen, daß auch die Gestalt Halefs (wie Winnetou) durch den Tod Mays "nicht zur Vollendung gekommen" sei (S. 368). Kandolf erzählt eine von Klara May stammende Anekdote:

"Es ist bekannt, daß der Dichter während der Arbeit mit seinen Gestalten und mit sich selber sprach. In einem dieser Zustände, in denen sich für ihn die Grenzlinie zwischen Dichtung und Wahrheit verschob und verflüchtigte, eilte er einmal in großen Schritten und händeringend in seinem Arbeitszimmer auf und ab und klagte: "Ich bringe es nicht über mich, meinen Halef sterben zu lassen, ich kann nicht, es geht über meine Kraft, ich habe ihn viel zu lieb dazu." (S. 368)

Kandolf schließt seine Studie mit der Vermutung:

"Wir dürfen annehmen, daß May die Kraft hierzu in einem seiner späteren Werke doch noch gefunden und das Halefproblem ähnlich wie das Winnetouproblem zu einem Abschluß gebracht hätte. Der Tod ist dem Dichter allzufrüh in den Arm gefallen und hat uns um eines der erschütterndsten und rührendsten Kapitel gebracht, und der unsterbliche Hadschi Halef Omar ist ganz so wie Winnetou nicht zur Vollendung gekommen.–––" (S. 368)

J o s e f  H ö c k :  Zum Aufhau des Romans "Winnetou" (S. 423–437)

Höck gibt hier eine einleuchtende und sinnvolle Gliederung der "Winnetou-Trilogie". Der Verfasser faßt (mit einigem Recht) "Winnetou" als "biographischen Roman" auf: "'Winnetou' ist eine Lebensbeschreibung in Romanform. Des Helden Auftritt und sein Ende sind genau geschildert, während aus der Zwischenzeit nur einzelne Ereignisse herausgegriffen sind, die einen besonderen Fortschritt im Entwicklungsgang des Helden bedeuten" (S. 425). Dabei übersieht Höck allerdings, daß die beiden letzten Bände der Trilogie ('Winnetou IV' wird von ihm nicht untersucht) durch ihren episodischen Aufbau (z. T. aus früheren Erzählungen Mays zusammengestellt) keinen ganz stringenten Erzählablauf mehr bieten. Gegen Ende faßt Höck seine Ergebnisse in folgender schematischer Übersicht zusammen:

"A. Einführung Winnetous (1. Band)

I. Ansteigende Handlung:

1. Vorhandlung: 'Prüfung' (Kap. 1)
2. Vorhandlung Bewährung
3. Vorspruch und erregende Momente
4. Steigerungsstufe:

a) Kampf mit den Kiowas
b) Kampf mit Winnetou und den Apatschen

II. Erster Höhepunkt: Freundschaftsbund

III. Zwischenhandlung mit Nscho-tschis Liebeserklärung

IV. Zweiter Höhepunkt: Katastrophe am Nugget-tsil

V. Fallende Handlung (Kap. 6)


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B. Abschnitte aus Winnetous Leben (2. Band sowie 3. Band, erste Hälfte)

I. Winnetou als Häuptling (2. Band, Kap. 1-4)

II. Winnetou als Mensch (Höhepunkt, Kap. 5-6)

III. Winnetou als Rächer (Kap. 7)

IV. Winnetou als Freund in der Not (3. Band, Kap. 1-4)

C. Ausgang (3. Band, zweite Hälfte)

I. Winnetous Läuterung und Tod:

1. Los vom Erdengut! (3. Band, Kap. 5)
2. "Näher zu dir, mein Gott!" (Kap. 6)
3. Doppel-Höhepunkt: am Ziel (Kap. 7)

II. Ausklang und Überleitung zu 'Winnetous Erben' (Kap. 8 und Nachwort) (S. 436 f)

Bei allem Respekt vor Höcks Leistung entsteht doch der Eindruck, daß er hier (vor allem im Falle von 'Winnetou II' und 'Winnetou III') May Gliederungsabsichten unterstellt, die dieser gar nicht hatte. Immerhin weist auch Höck selbst auf diese Möglichkeit hin: "Diese Darlegung zu 'Winnetous' Aufbau kann freilich den Vorwurf des Mehrhineinlegens als Herausholens nicht ganz abschütteln" (S. 437).


Karl-May-Jahrbuch 1927

J o s e f  H ö c k :  Geierschnabel als Reiseonkel (S. 296–300)

Höcks kurze Skizze versteht sich als Charakterstudie zu der Gestalt des Trapper Geierschnabel aus Mays "Waldröschen", das Höck seltsamerweise als "Nachlaßroman" bezeichnet (S. 296). Interessant sind Höcks Charakterisierung der einzelnen Abschnitte der Geierschnabel-Handlung als "Akte" (wie beim Drama) sowie die Tatsache, daß nirgendwo eindeutig vermerkt ist, ob Höck sich nun auf die Münchmeyer-Ausgabe oder die Radebeuler Bearbeitung beruft. Ansonsten ist der Text unergiebig.

A l f r e d  B i e d e r m a n n :  Über Karl Mays "Mahdi" (S. 304–325)

Biedermann, der in seinen Einleitungsworten Karl May als einen  " v e r e d e l t e n  Cooper-Sealstield" bezeichnet (S. 304), gibt hier einen verläßlichen Überblick über Aufbau und einzelne Momente der "Mahdi"-Handlung. Den ersten Band faßt er in knapper Form so zusammen: "Um drei Aufgaben dreht sich die Handlung des ersten "Mahdi"-Bandes: a) Was will Murad Nassyr? b) Der Kampf mit der heiligen Kadirine. c) Die Sklavenjäger"(S. 306). Der Abschnitt schließt mit einer kurzen Zusammenfassung: "1. Murad


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Nassyr ist Sklavenhändler und Mays Feind. 2. Die heilige Kadirine und die Sklavenhändler sind Verbündete. 3. Der heilige Fakir ist – Abd Asl, der Vater des berüchtigten Sklavenhändlers Ibn Asl. 4. Ganz in Dunkel gehüllt bleibt das Schicksal von Hafid Sichar" (S. 308). In ähnlicher Weise faßt Biedermann auch die Geschehnisse des zweiten Bandes zusammen: "1. Abd Asl, der heilige Fakir und Vater des Ibn Asl, ist gerichtet. 2. Hafid Sichar ist gefunden. 3. Murad Nassyr lebt in der Gefangenschaft des Reis. 4. Ibn Asl, dessen Karawanen so vernichtende Schläge empfingen, Abd el Barak und der Muza'bir sinnen neue Übeltaten aus" (S. 310). Im folgenden behandelt der Autor die Handlung des dritten Bandes in einem kurzen Überblick und fährt mit Charakterportraits der Hauptgestalten fort, aus denen wir das Wichtigste zitieren wollen: "Im heiligen Fakir, dessen wirklicher Name Abd Asl ist, geißelt Karl May jene Scheinheiligkeit, die sich den Mantel der Frömmigkeit umhängt, um so sichere Geschäfte zu machen (...) Da lernen wir in seinem Sohn, dem Sklavenjäger Ibn Asl, eine ganz andre, fast möchte man sagen, ehrlichere Natur kennen. Ob der Koran ihm erlaubt, ob er ihn nicht erlaubt, der Sklavenhandel ist sein Handwerk. Furchtlos wagt Ibn Asl die kühnsten Unternehmungen" (S. 314). "Besitzt Ibn Asl immer noch Züge, die ihn in gewissem Sinn groß erscheinen lassen, so wenden wir uns doch mit Abscheu von Leuten wie Abd el Barak, dem Mokkadem der heiligen Kadirine" (S. 315). Recht gut ist Biedermanns Schilderung des Reis Effendina: "Religiös ist der Reis Effendina äußerst duldsam, ein lebenskundiger Mann, der gern jede Gelegenheit ergreift, um seine nicht geringe Bildung zu erweitern. Seine Freundschaft mit May geht allerdings in die Brüche, und hier setzt die Beurteilung mit der Behauptung ein, diese Wandlung im Charakter des Reis Effendina sei nicht genügend begründet" (S. 317). Dem widerspricht Biedermann im folgenden und weist auf das "Nationalbewußtsein" des Ägypters, seine echte Gekränktheit und die schlechte Charaktereigenschaft des Neides hin (S. 317). Von einer autobiographischen Deutung der Gestalten des Buches, wie sie Walther Ilmer unternimmt (Murad Nassyr als Karikatur H. G. Münchmeyers, Reis Effendina als Idealbild eines künftigen Verlegers, das sich aber bald wandelt) ist Biedermann noch weit entfernt (vgl. dazu Walther Ilmers Einführung und Nachwort zu 'Der Mahdi/Im Sudan', Reprint der "Hausschatz"-Erstausgabe, Hamburg und Regensburg 1979). Schön ist seine Deutung der Gestalt Marbas, der Tochter des Scheiks der Fessarah: "In der


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Zeichnung der Marba geht May aber noch viel weiter, als er es sonst tut: diese Marba hat 'Rasse', Schwung, heißes Blut (...). In Marba hat Karl May wohl seine leidenschaftlichste Frauengestalt geschaffen" (S. 320 f).

Während Biedermanns Vermutung, der Reis Effendina könne eine geschichtliche Gestalt sein (vgl. S. 321) – auch Kandolf äußerte in seinem Aufsatz über den "Vater der Fünfhundert" Ähnliches –, bis heute nicht eindeutig bestätigt werden kann (vielmehr dürfte feststehen, daß May die Figur erfunden hat), sind der "Vater der Fünfhundert", der Scheich Amr el Makaschef und natürlich der Mahdi historische Figuren. Biedermann beschäftigt sich etwas näher mit der Figur des Mahdi in Mays Zeichnung und erwähnt auch den Mahdi-Aufstand vom Jahre 1881 (S. 324). Seine diesbezüglichen Ausführungen sind durch Bernhard Kosciuszkos Quellenstudie "'In meiner Heimat gibt es Bücher ...' Die Quellen der Sudanromane Karl Mays" (Jb-KMG 1981, S. 64–87) weitgehend überholt worden, zumal Kosciuszko Mays Hauptquelle, das Buch von Ernst Marno, "Reisen im Gebiete des blauen und weißen Nil, u. s. w." (Wien 1874) gründlich ausgewertet und mit May verglichen hat. Dies schmälert aber nicht den Wert von Biedermanns ordentlicher Leistung.


Karl-May-Jahrbuch 1928

C a r l  B a l l :  Harfenklänge zu 'Babel und Bibel' (S. 163–175)

Dieser Aufsatz gehört eigentlich nicht hierhin; als rein persönliche Erinnerung eines Militärkapellmeisters, der später Kriminalkommissar wurde (!), könnte man ihn in die Rubrik "May-Rezeption" aufnehmen oder gar nicht berücksichtigen. Dennoch ist er in einem Punkt auch für das Kapitel "Werkanalyse" interessant und relevant: im Zuge seiner persönlichen Erinnerungen an Karl May berichtet Ball, wie er nach der Lektüre von 'Babel und Bibel' eine Komposition für Harfe, passend zu diesem Drama, entwarf: "Allmählich formten sich beim Studium von 'Babel und Bibel' in mir die Harfenharmonien, bis dann endlich die ganze Komposition fertig vor mir lag, von der ich eine Probe diesem Aufsatz beifüge" (S. 171). Diese Harfenklänge dienten als Ausführung der szenischen Vorstellungen Mays, der sich an mehreren Stellen des Stückes "Harfenklänge, die aus dem Innern des Turmes erklingen sollen" (S. 170) gewünscht hatte. So sind Balls Erinnerungen zugleich eine wertvolle Ergänzung zu unserem Wissen über Mays 'Babel und Bibel'.


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E m i l  S e h l i n g :  Die Eheschließung Halefs (S. 392–401)

In gewisser Weise knüpft Sehling hier an seinen früheren Aufsatz "Old Shatterhand und die Schwester Winnetous" an, nur daß er diesmal nicht von einer bloßen Spekulation ausgeht, sondern recht geistreich und doch ernsthaft die Eheschließung Halefs, wie May sie erzählt, von ihrer juristischen Seite her betrachtet. Ob dies heute noch interessant und relevant ist, die Frage vermag der Verfasser dieses Resümees nicht zu beantworten. Ein paar Zitate mögen darum für den ganzen Text stehen. Sehling geht auf den merkwürdigen Handel ein, den Halef mit Hannehs Großvater abschließt; er untersucht besonders, ob diese "Scheinehe" bereits gültig gewesen sei und kommt zu dem interessanten Schluß, es habe sich um eine voll gültige Ehe gehandelt: "Es liegt also eine voll gültige Ehe vor, die sich in nichts von irgendeiner andern gültigen Ehe unterscheidet. Nur hat der Ehemann eine Nebenverpflichtung übernommen, nämlich die Frau zurückzugeben, d. h. an den Stamm wieder unentgeltlich abzutreten, richtiger gesagt: sich wieder zu scheiden" (S. 399). Nun geht Sehling noch darauf ein, wie May das juristische Problem löst: "Wie fein hat Karl May den juristischen Faden geschlungen und um wie viel feiner noch gelöst (...). Mit dem Zerreißen des Vertrages entfällt die obligatorische Verpflichtung Halefs, die Frau an den Stamm wieder herzugeben. Die Ehe wird durch das Zerreißen des Ehevertrags, da sie nun einmal gültig geschlossen war, nicht berührt, sie könnte nur durch eine Ehescheidung gelöst werden" (S. 401).

So weit, so gut. Aber leistet dieser ganze Aufwand wirklich etwas in bezug auf eine Analyse der Mayschen Erzählung?

W e r n e r  v o n  K r e n s k i :  Der Weg nach Dschinnistan (S. 419– 428)

Werner von Krenski gibt hier einen Überblick über die Gedankenwelt von "Ardistan und Dschinnistan", der noch gehaltvoller ausfällt als die an anderer Stelle besprochenen Ausführungen von Willy Schlüter. Am Anfang greift Krenski freilich etwas zu hoch: "'Ardistan und Dschinnistan' gehört in eine Reihe mit dem 'Faust' und 'Also sprach Zarathustra': Werke, die man nicht  l e s e n  darf, sondern  e r l e b e n  muß" (S. 419). Im folgenden ist der Aufsatz allerdings sachlich-objektiv gehalten. "Der Mir von Dschinnistan ist der vollendete Edelmensch, der, frei von allen Gebrechen und ledig jeder menschlichen Schuld, in seinem Tun nur noch von der unirdischen übermenschlichen Weltseele geleitet wird, der die Menschheitsfrage


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für sich und sein Reich gelöst und überwunden hat, in dessen Reich 'jeder der Engel seines Nächsten' ist. Es wäre die Frage, inwieweit May hierin vielleicht von Dostojewskis 'Alle sind an allem schuldig' beeinflußt ist" (S. 421). Freilich dürfte May Dostojewski kaum gekannt haben. Weiter geht Krenski auf die "Befreiung" des "Gewaltmenschen", des Mir von Ardistan, aus den Ketten dumpfer Erdenschwere ein: "Das 'Ich' allein, der erweckte Mensch, der die Menschheitsseele in sich trägt, hat diesen Kampf auf sich genommen und ist im Begriff, in ihm zu siegen: darum ist er der zur Menschheitserlösung bestimmte Held Faust. Der reife Mensch findet einen Helfer in der Gestalt des Dschirbani (...). Das 'Ich' und die Anima verlassen das Reich der Weltseele und brechen nach Ardistan auf. Das erste bewohnte Gebiet, das sie betreten, ist das der Ussul, die die unterste, die Kindheitsstufe der Menschheit, versinnbildlichen (...). Da erscheint die Menschheitsfrage. Die Naturmenschen, in ihren Führern, dem Sadahr und Amihn, besiegt, von allem, drückendem Zwang plötzlich befreit, nehmen die Menschheitseele bei sich auf" (S. 422). "Der Dschirbani wird aus dem Zwinger erlöst, die  s u c h e n d e  Jugend, von einem alten, erstarrten und überlebten Vorurteil niedergedrückt, kommt jetzt zu ihrem Recht und kann nun, frei von seelischen Hemmungen, ihre Heimat, ihr Dschinnistan aufsuchen" (S. 423).

Es ist nicht möglich, alle Gedanken Krenskis hier wiederzugeben; Bei der Begrenzung des Raumes läßt sich nur andeuten, wieviel in diesem Text komprimiertester Form zusammengefaßt ist (unter anderem in einer Fußnote auf S. 423 auch ein Hinweis auf Max Stirner, der sehr interessant ist). Wir greifen aus dem Folgenden nur das Wichtigste heraus: "Gegen die Ussul ziehen die Tschoban zu Felde, ein bereits auf höherer Stufe stehendes Volk: die Verkörperung des Islam. Die Dschunub, Vertreter der auf buddhistischer Grundlage sich aufbauenden Religionen Asiens, wollen als lachende Dritte am Kampf teilnehmen; doch das 'Ich' und der junge Mensch machen den Plan zu schanden. Der Islam wird durch die allerbarmende Güte bezwungen, und auch die erstarrten, versteinerten Religionen lassen neues Leben ahnen. Nur einer bleibt ungebrochen, unbekehrt: Palang, der "Panther". Eine überragende Gestalt" (S. 425). Besonders eindrucksvoll beschreibt und analysiert Krenski den Schluß des Romans: "Der Verzweiflungskampf des Gewaltmenschen ist lächerlich und vergeblich: an der Gottesidee zerschellt seine Macht, und er kommt in den Fluten des von El Hadd herabströmenden Flusses, der der Erde Frieden und Segen bringen wird, elend um. Der Dschirbani findet seine Eltern: die suchende Jugend kommt zur Erkenntnis des


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Edelmenschentums, das für sie Wurzel und Krone zugleich ist. Die Menschheitsseele wird von der Weltseele aufgenommen, der Dschebel Muchallis verkündet das Nahen des Paradieses: Menschheitsseele, Weltseele und Gottesidee stehen vor ihrer Vereinigung" (S. 427).

Es gibt so wenig ernstzunehmende Literatur zum Spätwerk Mays, daß man den Neudruck dieses kurzen Aufsatzes dringend empfehlen muß.


Karl-May-Jahrbuch 1929

J o s e f  H ö c k :  Stufen auf den Mount Winnetou (S. 86–108)

Höck gibt hier eine ausgezeichnete, wenn auch nicht unanfechtbare Gliederung des 'Winnetou IV'. Er unterscheidet fünf Stufen, die zum Höhepunkt der Handlung, auf den Mount Winnetou führen. Wir wollen seinen Gedankengang in kurzen Zitaten andeuten: Das erste Kapitel bezeichnet Höck als ersten Teil der "Vorstufe": "Damit betritt die Handlung eine langgestreckte, große  V o r s t u f e ,  man kann sie vielleicht nennen: das Heranrücken an den Mount Winnetou, das erstmalige Auftauchen dieses Berges. Die aus den drei vorhergehenden Winnetou-Büchern gewonnenen Gedanken und Vorstellungen werden allmählich ins Licht des Sinnbildlichen getaucht" (S. 87 f). 'Nach der Teufelskanzel' bringt zunächst den  z w e i t e n  T e i l  d e r  V o r s t u f e .  Vorangestellt ist ein gewaltiges Stimmungsbild: die beiden Enters voll trotzigen Machtwillens (...)" (S. 91).

"Dann geht es höher hinauf an den Vorbergen des Mount Winnetou zum 'Ohr des Manitu'. Mit Old Shatterhand ist die Kraft und Treue der alten Ehrlichkeit (Pappermann), und mit ihm ist auch die stolze Kraft der Jungen (Junger Adler)" (S. 93 f). "Nun führt  d i e  e r s t e  g r o ß e  S t u f e  empor, die wiederum in zwei kleinere Unterstufen zerfällt. Die erste Unterstufe besteht in der Erzählung Pappermanns am Kanubisee" (S. 94). "Die Ereignisse am Kanubisee, geschehen bei Sonnenaufgang, sind einerseits die Erfüllung für das unmittelbar durch die Erzählung Vorausgehende, und andrerseits auch eine gleichsam schon vorausgenommene Erfüllung der Ereignisse am Mount Winnetou selber. Und das bildet die zweite Unterstufe der ersten großen Hauptstufe. Aschtas gleichnamige Tochter schaut nicht mehr in die aufgehende Sonne, sondern auf die Stelle, wo Old Shatterhand erscheinen soll" (S. 94 f). "(...) Wir treten voll Zuversicht an  d i e  z w e i t e  g r o ß e  S t u f e  heran. (...) Aus der Beratung wird klar, worum es sich eigentlich handelt: Old Surehand und Apanatschka wollen den Vorschlag eines Gold- und Steindenkmals für Winnetou wirklich ausfüh-


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ren. Das erfährt nun Old Shatterhand. Die Indianer hinwiederum erfahren mit voller Sicherheit die Ankunft Old Shatterhands, und die beiden Enters sind gedungen, ihn auf die Seite zu schaffen" (S. 95 f).

"Und nun kommt die  d r i t t e  S t u f e .   Sie ist zugleich ein gewisser Höhepunkt in der Handlung und wesentlich ausschlaggebend für deren weitere Entwicklung: das Auffinden des Winnetou-Testaments am Nugget-tsil!" (S. 96). "Doch was ist's mit dem eigentlichen Komitee, das vorläufig noch, ob berufen oder nicht, Herr der Lage ist? Darauf gibt die  v i e r t e  S t u f e  die Antwort. Antonius Paper und seine Genossen werden genauer vorgeführt" (S. 98). "Und nun steigt die Handlung auf einer großen  f ü n f t e n  S t u f e  empor auf den Gipfel des Mount Winnetou. Höck teilt diese Stufe in neun Unterstufen auf:

1. "Die beiden Professoren Bell und Summer (...) werden von Athabaska und Algongka moralisch geschlagen (...)" (S. 100).

2. "Der Junge Adler bringt an Tatellah-Satah die Botschaft von Old Shatterhands Ankunft" (S. 101).

3. "Besichtigung des Kampfschauplatzes. Das 'Ohr des Teufels' und der geheimnisvolle Schleierfall" (ebd.).

4. "Versuche mit der Liebe. Sie dringt immer siegreicher vor und macht die Gewalt immer entbehrlicher" (S. 102).

5. "Damit sollen die 'Kämpfe' (7. Kapitel) beginnen!" (S. 103).

6. "Die Zwischenschilderung des herdbegeisterten Herzles und ihrer Kochkünste bietet eine willkommene Abwechslung und spannt die Erwartungen auf die unmittelbar fällige Entscheidung noch mehr" (5. 105).

7. "'Der Sieg'. Der Kampf wird angesagt" (S. 105).

8. "Der Sieg über die alten Häuptlinge, freilich noch sehr äußerlich"(S. 106).

9. Höck unterscheidet hier zwei verschiedene Phasen: den "Gewaltsieg" mit dem Tod der Enters und den "Liebessieg" mit der Erscheinung der Edelbilder (S. 107).

Insgesamt erweist sich der Verfasser hier wieder als ein geschickter Gliederer; die umfassendste Arbeit über 'Winnetou IV' hat aber in unseren Tagen Dieter Sudhoff vorgelegt ("Karl Mays 'Winnetou IV'", Ubstadt, KMG-Presse, 1981).

K a r l  K o n r a d :  Der blaurote Methusalem (S. 150–156)

Kein besonders ergiebiger Text; Konrad gibt einen sehr allgemeinen Eindruck von Mays Buch, der gegenüber Prüfers Studie im KMJB 1918


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uninteressant wirkt. Höchstens Konrads Schlußbemerkung verdient es, zitiert zu werden: "Das ist freilich kein Studentenroman herkömmlichen Schlages, durchwachsen von der blauen Blume der Romantik (...). Eine neue Art der Romantik ist jedoch gleichfalls darin enthalten. Ist diese Stegreiffahrt nach dem Lande der Mitte nicht ganz von dem Fernweh der Dichtung umspielt, tauchen nicht Wunder vor uns auf (...)?" (S. 155 f).

F r i t z  P r ü f e r :  An der Schwelle zur Gleichnisdichtung (S. 421–427)

In knapper Form zeigt Prüfer, wie sich in Mays Werk allmählich die Schreibweise verändert hat: von den undeutlichen Traumbildern seiner früheren Werke bis hin zur bewußten Symbolik des Spätwerks. Der Aufsatz lohnt eine aufmerksame Lektüre in toto; darum soll hier nur ein einzelnes Zitat folgen: "May hatte sich das Ziel gesetzt, mit großen, reinen Symbolen die Schicksalsfragen der Menschheit zu lösen. Hätte er sich ganz ruhig entwickeln können, würde er sicherlich auch diesen Symbolen so viel Kraft mitgegeben haben, daß sie nicht ganz blutleer erschienen wären. Ganz langsam hätte er den neuen Kurs genommen und dennoch zu schnell. Denn ich glaube, er täuschte sich im Erziehungserfolg, den er bei seinen Lesern voraussetzte" (S. 426).


Karl-May-Jahrbuch 1931

O t t o  E i c k e :  Die Schicksale der Familie Greifenklau (S. 491–501)

Dieser Text ist eine unverhohlene "Werbung" für die Radebeuler Bearbeitung der "Liebe des Ulanen"; geradezu hymnische Töne findet Eicke, wenn es darum geht, die "Tat" des KMV zu preisen: "Der üble Ruf ist endgültig von ihm (dem bewußten May-Werk, Anm. d. Verf.) genommen, ein ehrbarer Name wurde ihm erstritten, und es ist sogar zum Liebling vieler aus dem Kreis der May-Leser geworden" (S. 491). Leider bietet Eicke wenig Konkretes zur Deutung des Romans und so gut wie gar keine Informationen über die Bearbeitungskriterien des KMV; auch die Namen der Bearbeiter (mit Ausnahme von Dr. E. A. Schmid und Franz Kandolf) werden schamhaft verschwiegen (vgl. S. 492). Lediglich gegen Ende finden sich einige verwertbare Hinweise auf Quellen und Vorbilder Mays; wenn Eicke allerdings beim Schloß Ortry daran erinnert, "was deutsche Soldaten im Weltkrieg in alten Schlössern Polens erfahren haben" (S. 499), so geht hier wohl doch die Phantasie etwas mit dem Verfasser durch (vgl. dazu Christoph F. Lorenz, Kolportageromane, S. 114). Interessant ist


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freilich eine Entdeckung, die Eicke allerdings nicht selber gemacht hat, sondern einem Hinweis Hugo Lautenschlägers verdankte: "Der Bösewicht in Mays "Spion von Ortry", der giftige Alte, der Deutschenfresser, Kapitän Richemonte (...), hat sein geschichtliches Urbild in der Person des Großindustriellen Henry de Wendel, der tatsächlich als Organisator der Franktireurbanden des Kreises Diedenhofen auftrat. Die 'Geschichte des Hannoverschen Jäger-Bataillons Nr. 10' (...), schildert die Festnahme de Wendels durch eine Abteilung dieser Truppe. Es finden sich da verblüffende Übereinstimmungen mit der Dichtung Karl Mays" (S. 499).


Karl-May-Jahrbuch 1933

A f r e d  B i e d e r m a n n :  Zufall oder Fügung? (S. 416–420)

Biedermann stellt in knapper, aber übersichtlicher Form die wichtigsten Stellen aus Mays Reiseerzählungen zusammen, in denen er sich zu dem Glauben an die Allmacht Gottes und an die "göttliche Fügung" bekennt. Biedermann zitiert aus Band 2, Band 4, Band 5 (S. 417), Band 9, Band 11, Band 18 (S. 418), Band 23 und besonders ausführlich aus Band 24 der "Gesammelten Werke" Karl Mays. Diese Zitate dienen dem überzeugenden Nachweis, "daß Mays Frömmigkeit echt ist, d. h. aus dem Herzen kommt (...)" (S. 420). Im übrigen enthält Biedermanns Text nichts Bemerkenswertes mehr.


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