Bernhard Kosciuszko

Helden des Westens.
Vorschläge zu einer Interpretation

Sonderheft der Karl-May-Gesellschaft Nr.42/1983


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[Digitale Fotokopie von Sonderheft 42]

Zu unserem Titelbild

Die Miniaturen zeigen: Jemmy, Davy, Hobble - Old Shatterhand - Bloody Fox - Bob, Martin (Ausschnitte aus den Tafeln der Union-Ausgabe).

Inhaltsverzeichnis

I. Einführung Seite 3

II. Interpretation 'Der Sohn des Bärenjägers'

Kapitel 1 Seite 4
Kapitel 2 Seite 6
Kapitel 3 Seite 8
Kapitel 4 Seite 9

III. Interpretation 'Der Geist des Llano estakata' Seite 11

Anmerkungen zu I. - III. Seite 14

IV. Das Personal der "Helden des Westens"

Martin Baumann Seite 16
Bloody Fox Seite 17
Bob Seite 20
Burton Seite 23
Davy und Jemmy Seite 24
Hobble-Frank Seite 27
Juggle-Fred Seite 31
Old Shatterhand Seite 33
Snuffels Seite 35
Winnetou Seite 38
Wokadeh Seite 39


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Bernhard Kosciuszko

Helden des Westens
Vorschläge zu einer Interpretation

"Innerhalb unserer Kategorie, innerhalb der Kunst, treiben wir Künstler echte sublimatio, und nicht aus Willen und Ehrgeiz, sondern aus Gnade."

(H. Hesse (Brief an C.G. Jung.. Sept. 1934))

I

Karl May schrieb seine ausdrücklich als Werke für die Jugend gestalteten Romane für "Spemann's Illustrirte Knaben-Zeitung 'Der gute Kamerad'" (1). Der Gesamttitel der Zeitschrift verweist eindeutig auf die Zielgruppe dieser Romane: auf die männliche Jugend. Dem trägt May Rechnung, indem er das Personal um jugendliche Helden - meist Paare: ein Weißer - ein Einheimischer - erweitert. Die Zielgruppe läßt sich noch näher eingrenzen: Die Zeitschrift - und damit die Romane - wandte sich an die männliche Gymnasialjugend. Anders ist der hohe Bildungsanspruch der Romane nicht zu erklären, die May sehr geschickt mit gymnasialem Bildungsgut (Hobble Frank!) versetzt. An den heute kursierenden Ausgaben ist das nicht mehr nachzuvollziehen, da die Bearbeiter alle diesbezüglichen Textstellen rigoros gestrichen haben (schon in der Radebeul-Fassung).

Mays Gestaltungskonzept geht über die erwähnten formalen und didaktischen Aspekte noch hinaus. Gleich die beiden ersten Romane berühren in außerordentlich geschickter Weise die entwicklungspsychologische Situation der Zielgruppe. Bringt man die Handlung auf einen lapidaren Nenner, so geht es im "Sohn des Bärenjägers" um einen Sohn, der auszieht, seinen Vater aus einer tödlichen Gefahr zu erretten, und im "Geist des Llano estakata" um einen Jugendlichen, der seine ganze Kraft einer hohen Aufgabe widmet, der sich ein eigenes, von Erwachsenen ungestörtes Reich geschaffen hat. Das aber sind die Träume aller Jugendlichen im Pubertätsalter: den mächtigen Vater "zur Hölle" (in die Hände der Sioux) wünschen (Haßkomponente) und ihm gleichzeitig (Verbundenheitskomponente) beweisen, was für ein toller Kerl man schon ist (indem man ihn aus der mißlichen Lage triumphierend befreit). Oder: Den Erwachsenen endlich einmal zeigen, wie man diese so unvollkommene Welt ins rechte Lot bringt.

In fast allen Karl-May-Romanen wird eines dieser Gedankenspiele - oft sogar beide - angeregt; allerdings, indem sie erwachsene Identifikationspersonen anbieten. Die grundsätzliche Übereinstimmung ist wohl ausschlaggebend dafür, daß alle Romane Mays auch von Jugendlichen intensiv erlebt wurden und werden. In den Jugendromanen werden die Jugendlichen jedoch direkt angesprochen, die Identifikationspersonen sind auf sie zugeschnitten. Im "Bärenjäger" und im "Geist" thematisiert die Handlung als solche zudem noch ausdrücklich die Eltern-Kind-Beziehung, ein Hauptproblem der Pubertierenden.

Daß Karl May damit gleichzeitig sein eigenes, ganz spezielles Verhältnis zu seinem Vater zur Sprache bringt, interessiert den Leser


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natürlich weniger. Dieser partizipiert jedoch daran insofern, als Mays Gestaltungskraft immer dann am eindringlichsten wirkt, wenn seine eigene innere Beteiligung besonders intensiv ist. Für die May-Forschung ist die Erkenntnis nicht neu, daß Mays Schreiben Abfuhr eigener psychischer Problemkreise ist; für sie ist interessant welcher Problemkreis in welchem Roman berührt wird. Für den "Bärenjäger" ist das eindeutig die Vater-Sohn-Beziehung. Eine erschöpfende Untersuchung hierzu steht noch aus; soviel ist jedoch allgemein festzuhalten: Sobald May sehen konnte, war er der rigorosen, unqualifizierten - ja brutalen - Erziehungsgewalt des Vaters ausgeliefert; der Vater wollte in seinem Sohn den gesellschaftlichen Aufstieg nachholen, der ihm selbst versagt war. Aber der Sohn enttäuschte den Vater schwer, was sicherlich harte Vorwürfe und quälende Gewissensbisse bewirkte, die wiederum auf Dauer die Haßkomponente in der Haß-Liebe-Beziehung zum Vater verstärkte.

Welch ein Ereignis also, als 1886 Mays Vater einen Schlaganfall erlitt, der ihn halbseitig (links) lähmte (2). Der (psychisch) so übermächtige Vater ist "gefallen", ist hilflos; seine Macht ist gebrochen: Die Haßkomponente kann dem Mitleidsdenken weichen, das in unmittelbarer Nähe des Identifikationsdenkens angesiedelt ist. Es ist sicher nicht allzu spekulativ, die Wurzeln der als Old Shatterhand-Legende bekannten Entäußerung der inneren Identifikation Mays mit seinen Helden schon hier zu suchen.

II

Ich versuche, den "Sohn des Bärenjägers" in vier großen Schritten, der Kapiteleinteilung Mays folgend, zu interpretieren. Diese vorsichtige Formulierung bitte ich ernst zu nehmen: Mehr als ein (oft recht spekulativer) Versuch kann aufgrund des immer noch sehr lückenhaften biographischen Materials nicht unternommen werden!

Kapitel 1

Handlung: Wokadeh, ein junger Mandane, der unfreiwillig bei den Sioux lebt, hat sich von diesen getrennt und bringt Martin Baumann die Nachricht, daß sein Vater, der Bärenjäger, mit seinen Gefährten von den Sioux gefangen wurde und zu Tode gemartert werden soll. Wokadeh wird unterwegs von weißen Pferdedieben gefangen, aber von Jemmy und Davy mit Unterstützung des Hobble Frank und Martins befreit. Man beschließt gemeinsam die Befreiung des Bärenjägers. Während der Reisevorbereitung erzählt Martin sein Bärenerlebnis.

Zwei Episoden ragen aus dem Geschehen heraus: die Pferdediebszene und die Bärengeschichte.

Auffällig an der Pferdediebszene ist, daß die Diebe nicht bestraft werden. Obwohl Pferdediebstahl im Westen ein todeswürdiges Verbrechen ist, läßt man die Gauner laufen. Dieses Faktum ist der Ausgangspunkt für meine Deutung. Es geht also offensichtlich um eine Strafverfolgung, eine Untersuchung, die ohne gravierende Folgen bleibt. Das verweist auf die Lichtwochner-Affäre. Dazu stimmt das Alter Wokadehs, das mit ''vielleicht achtzehn Jahre" angegeben wird (das ist für eine Identifikation der jugendlichen Leser etwas zu hoch. Martin ist erst 16, was eher paßt). Läßt man sich auf diese - zugegebenermaßen spekulative - Interpretation ein, entspräche der Botschaft Wokadehs das Vorhaben Mays, den armen Verwandten zu Weihnacht eine Freude zu machen; das Pferd strauchelt jedoch, kurz vor dem Ziel kommt der Reiter zu Fall, wird gefangen und dann befreit. Die Befreiung spiegelt das Ergebnis des Gnadengesuches; während dieses selber in der Skalpierszene gezeichnet wird. Kleinere Beobachtungen am Text lassen sich ebenfalls in bezug auf die Lichtwochner-Affäre deuten. Davy betont


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unnötigerweise bei der Entdeckung des Lagers, daß "freilich nicht ein jeder auf einem Gymnasium gewesen sein (kann) ---" (drei Gedankenstriche zeigen oft Mays innere Beteiligung an!); (möglicherweise stark überinterpretiert:) die Lagerbeschreibung könnte auch ein Bild des Seminardachbodens ("Boden" taucht auf!) sein, auf dem Mays Koffer mit den Lichtern lag; der Name des Pferdediebs Walker ist lautlich nicht weit von "Talglichter" entfernt. Wokadeh hat Prügel erhalten, was einmal auf reale Prügel durch den Vater verweisen könnte, zum anderen der "Demüthigung und Züchtigung" (so Pfarrer Schmidt in seinem Begleitschreiben zu Mays Gnadengesuch) entspräche, die May durch den Seminarbeschluß zuteil wurde. Als Einleitung zu der Vater-Thematik des Romans paßt diese Episode ebenfalls. May hatte seine Eltern schwer enttäuscht; es muß ein schwerer Schlag für die Familie gewesen sein, daß die jahrelangen Opfer auf diese Weise entwertet wurden. Pfarrer Schmidt deutet das in seinem Schreiben an, wenn er bittet, "durch Genehmigung des Gnadengesuches nicht nur einen tief gebeugten Jüngling und dessen bekümmerte Eltern wieder aufzurichten ..." (3). Kehren wir zurück zur Situation des Jahres 1886: Da spiegelt sich in Wokadehs Ritt wohl die Nachricht von des Vaters Schlaganfall, die dann Erinnerungen an die erste große Enttäuschung aufkommen läßt, die dem Vater bereitet wurde.

Das erste Bärenabenteuer Martin Baumanns gehört zu den eindringlichsten Geschichten, die May je schrieb: Dieser Alptraum muß aus den tiefsten Schichten seiner wunden Seele stammen; dafür spricht die Verwendung archetypischer Bilder: Bär, Zermalmtwerden, Hund, Verlassenheit. Wir haben hier wohl die Urszene vor uns, die allen Schilderungen Mays zugrundeliegt, in denen Menschen von Bären gefressen werden. Eine psychologische/psychoanalytische Ausdeutung der Erzählung muß ich den Fachleuten überlassen, erlaube mir aber, einige stichwortartige Lesenotizen anzuführen: Martin ist vier, seine Schwester ist drei Jahre alt (Christine Wilhelmine Schöne wurde 1844 geboren, Mays "Lieblingsschwester"); zwei entsetzliche Schreie ertönen: erst von der Mutter, dann vom Vater: "Gebe Gott, daß ich niemals wieder etwas Aehnliches zu hören bekomme!"; zweimal wird die schauerliche Erzählung äußerst unpassend durch Erläuterungen unterbrochen; am unverständlichsten die Worte: "das Gehirn ist sein größter Leckerbissen" nach der Schilderung, wie der Bär mit einem Biß den Kopf der Schwester zermalmte; der Bär wird mit "böser, lieber Bär" angesprochen; zweimal tauchen Mehrfach-Bindestriche als Zeichen großer Anteilnahme auf: "das Malmen und Krachen - heavens, ich kann es nicht vergessen, nie, nie ---!" (S. 40) "Aber eure Mutter, mein junger Sir?" "Die -- oh, ich habe sie nicht wieder gesehen" (S. 41).

Spontan fiel mir nach der Lektüre folgendes Bild zu der Geschichte ein: Vater May kommt (im nassen Pelz?) eines Winterabends, als die Mutter gerade nicht im Hause ist, betrunken (schrecklich penetranter Atem) heim; der kleine Karl (eventuell noch blind: er steht mit dem Rücken zur Szene, sieht also zunächst nichts) und sein Schwesterchen stehen dem Wüterich hilflos gegenüber, der Mobiliar umwirft (Krachen) und um sich schlägt. Ob meine Phantasie hier mit mir durchging, mögen die Fachleute entscheiden. Sicher erscheint mir, daß in dieser Geschichte mehrere Erlebnisse verarbeitet wurden. So wird wohl die Nachricht vom Fall des Vaters Erinnerungen an den Tod der Mutter wachgerufen haben. Die Beschreibung des Verhaltens des Vaters nach dem Kampf und nach der Beerdigung wirkt äußerst realistisch, so als berichtete May, was er unmittelbar nach dem Tode der Mutter (1885) im Vaterhaus erlebte: "Dann war er still. Er setzte sich auf die Bank und legte das Gesicht in die Hände. Auf meine liebkosenden Worte antwortete er nicht; als ich ihn nach der Mutter fragte, schüttelte er mit dem Kopfe; aber als ich dann hinausgehen wollte, um nach ihr zu suchen, faßte er mich


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beim Arme, daß ich vor Schmerzen laut aufschrie. 'Bleib.' gebot er mir. 'Das ist nichts für dich!'" (4)

Prof. Roxin bringt das Zermalmtwerden als Motiv bei May in Zusammenhang mit dem "Zerbröckeln der alten Charakterpanzerung" (5) und Hans Wollschläger schlägt die Brücke zum Tod der Mutter: "Der Tod der Mutter bezeichnet die Peripetie in Mays Werksentwicklung: kein anderes Datum könnte die Folgeerscheinungen plausibel erklären. Mit ihm wurde die dunkel gebändigte Macht der ersten Identifizierung schlagartig frei, der einst so ersehnten, durch Verweigerung in die Ambivalenz gedrängten und darin gefesselten Anlehnung an die Mutter; und ihre Ansprüche begannen nun immer drängender in das Gefüge der zweiten, der mit dem Vater, einzugreifen, die das Ich-Ideal aufgebaut hatte" (6).

Kapitel 2

Handlung: Unterwegs zum Yellowstone-Park, der Opferstätte der Sioux, trifft ein Teil der Gefährten auf Old Shatterhand und Winnetou. Der andere Teil fällt in die Hände der Schoschonen. Old Shatterhand und Winnetou nehmen den Häuptling der Schoschonen, Tokvi-tey, der inmitten seiner Krieger in seinem Zelt sitzt, gefangen und können auch noch den Häuptlingssohn Moh-aw (Moskito) als Geisel mitnehmen. Die Schoschonen werden von den beiden Westmännern zum Frieden überredet, lassen die Gefangenen frei und ziehen mit gegen die Sioux. An einem Lagerplatz erlebt Martin ein Bärenabenteuer; eine Rast weiter erzählen Jemmy und Frank Abenteuer mit Bären. Bob fällt einem Skunk zum Opfer: Interpretationswürdig sind die Verhandlung mit dem Schoschonenhäuptling, die Sintflutsage und die Bärengeschichten.

Tokvi-tey "der schwarze Hirsch", und Moh-aw spiegeln Vater May und seinen Sohn. Beide sind in Schande gefallen: Der Sohn wurde gefangengenommen; der Vater im eigenen Wigwam vom Unglück getroffen: Am 26.12.1861 wurde Karl May im Hohensteiner Gasthof "Drei Schwanen" wegen des Uhrendelikts verhaftet (7), was gewiß großes Aufsehen, besonders wohl in der Nachbargemeinde Ernstthal erregte. Mays Vater, stolz darauf, daß sein Sohn Lehrer geworden war, damit gewiß auch in den Gaststätten geprahlt hatte, erhielt einen empfindlichen Schlag gegen sein Ehrgefühl: Tokvi-tey "hat seine Ehre verloren; er kann nicht leben." Und der Sohn: er "hatte das Gefühl, als habe mich jemand mit einer Keule auf den Kopf geschlagen" (8): "Schande über den Vater und Schande über den Sohn ... (S. 97). Wir sollen sehen, daß die alten Squaws mit den Fingern auf uns zeigen ...Unsere Namen sind befleckt" (S. 99). May hatte seinem Vater einen zweiten Schlag versetzt: "Sollte die kaum begonnene Laufbahn meines Sohnes schon eine andere werden, und vielleicht eine solche, welche mit der größten Ungewißheit umgeben ist, welch unüberwindlicher Schmerz würde das für uns alle werden" (9).

Der Weg der Befreier führt am "Berg der Schildkröte" vorbei, was Anlaß gibt, die Sintflutsage der Krähenindianer zu erzählen: Das überlebende Menschenpaar fand Zuflucht auf dem Rücken einer riesigen Schildkröte, die es dann auf einer Bergspitze absetzte. May flocht gerne Märchen und Sagen - oft selbst erfundene - in seine Romane ein (10). Zu klären ist, welche Funktion die Sage an der jeweiligen Stelle über die ethnologische Information hinaus hat. Hier symbolisiert die Sage m.E. den Neuanfang, den May als Redakteur versucht, nachdem die allzugroße Sündenlast der Vergangenheit im Arbeitshaus und im Zuchthaus gesühnt wurde: May hatte seine Rettungsinsel gefunden. In der Darstellung des Vater-Sohn-Verhältnisses hat die Sage insofern ihren rechten Platz, als mit dem sozialen Aufstieg Mays das Vater-Sohn-Verhältnis sich sicherlich


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ebenfalls neu gestaltete, wenn auch wohl kaum so überschwenglich, wie May es in seiner Autobiographie beschreibt (11).

Geradeso wie die Sintflut die böse Vergangenheit wegschwemmt, scheint Mays Gestaltung von dem Bewältigungsdruck der Vater-Sohn-Problematik nun für einen Augenblick befreit zu sein: War der Roman bislang geprägt von Tragik und Spannung, so folgt nun ein heiteres Intermezzo, das mit dem unfreiwilligen Bad Franks und Jemmys beginnt und mit den drei Bärenabenteuern und der Skunkgeschichte endet. Die Idylle ist May allerdings zu lang geraten, sie hält die spannende Handlung allzusehr auf und stört in der Struktur des Romans. Das ist May selbst bei der Redigierung der Buchausgabe aufgefallen; er hat die beiden Jemmy-Geschichten gestrichen.

Die erste Geschichte erzählt, "wie Jemmy mit dem Bären schlief". Da die Handlung der Geschichte weder besonders lustig, noch spannend, noch sonstwie interessant ist - eine Anekdote ohne Pointe -, ist ihre Bedeutung in der Tiefenstruktur auszuforschen: Klaus Eggers faßt zusammen: "Jemmy auf der Insel. May, Pferdedieb und Pelzschwindler, kommt ins Gefängnis. Eine Liebesbeziehung scheitert" (12). Mit dieser Liebesbeziehung könnte die Verbindung mit Auguste Grässler angesprochen sein, mit der May 1869 "ging". Nach der Entlassung aus Waldheim hat er sie nicht wiedergesehen. Zwei weitere Deutungen sind möglich: Nimmt man das Bild der Insel aus der Sage auf, so ist die Insel der Münchmeyer-Verlag. May teilt dort die Wohnung mit einem Wesen, mit dem er "schlafen" soll: mit Münchmeyers Schwägerin Minna Ey. Doch Jemmy schläft nicht mit dem Bären - May zieht ob der Zumutung bei Münchmeyers aus und verläßt schließlich ganz den Verlag. Ein letzter Deutungsversuch: Möglicherweise hat hier ein sehr frühes Erlebnis seine Spuren hinterlassen: Jemmy hat mit dem Bären nicht "geschlafen": er hat "ihn" nur gesehen (womöglich heimlich: der Bär konnte ihn nicht wahrnehmen). Arno Schmidt (der diesen Text nicht kannte, er hätte sonst seine speziellen (Fehl)-schlüsse daraus gezogen) bemerkt: "jedesmal, wenn MAY eine 'Neue Frau' interessierte, stellte sich ein, MUßTE sich einstellen, als Leit- und Überleit-Bild die Erinnerung an jenes erste weibliche Genitale, das er intensiv erblickt & studiert ... hatte, und folglich auch dessen Besitzerin: kaum ist die 'Puppe' in der Nähe, ragt auch schon MD im Hintergrund" (13). Diese Deutung geht gewiß einen Schritt zu weit, trifft aber im Prinzip wohl zu: Der Bär symbolisiert nach Jung die alte, weise Frau; die in der Hütte vermuteten Klapperschlangen verweisen auf Mays Worte: der Frauen "Zunge ist voll Gift wie die Zunge der Natter" (14).

Großmutter, Bär und Münchmeyer tauchen auch bei Jemmys zweiter Bärengeschichte auf, die Old Shatterhand als Anekdote bezeichnet, die aber eher eine Posse oder ein Schwank ist. Klaus Eggers: "Der Bärenhund sucht in einem ABC-Buch nach der Abbildung des Bären - die Dresdner Polizei sucht bei Münchmeyer nach dem "Venustempel" (mit den nackt gemalten Genitalien) und wird 'gemünchmeyert'" (15). Die Konstellation Rittergutsbesitzer mit bedeutendem Jagdrevier, Großmutter, altes Buch deutet darauf hin, daß eine weitere Dimension dieser Geschichte zu erschließen ist, was ich jedoch nicht zu leisten vermag.

Das Bärenabenteuer Franks beschließt auf der biographischen Ebene die Impressionen aus Mays Redakteurszeit: Klaus Eggers: "Franks Bärenabenteuer schildert Mays Zusammentreffen mit Emma. Als May beim Zimmermann Münchmeyer das (Geschäfts-)Haus vor dem Zusammenbruch bewahrt (16), sieht er sich einer Frau konfrontiert, vor der er die Flucht ergreift: auf den hohen Baum (Hohenstein) wo er auf eine Frau hereinfällt ... Bald sitzen Karl und Emma in Dresden im Schlammassel, Karl halb blind vor Liebe, halb klarsichtig. Man arbeitet sich heraus: Emma kostet die Süßigkeit der Liebe anderswo.


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Im Zeichen des Todes des alten Pollmer finden sie sich wieder zusammen, der Pelz wird gewaschen, die Ehre wiederhergestellt." (17) Den Hinweis auf einen drohenden Zusammenbruch des Münchmeyer-Verlages und Mays Rettungsfunktion halte ich im Rahmen eines anderen Aspektes dieser Geschichte für passender: Irgendwie klingt nämlich auch die Kolportageroman-Affäre mit an: Unverhofft treffen May (und Emma) mit Münchmeyer zusammen, May will die Bekanntschaft nicht erneuern, fällt aber dennoch "rein", er steckt bis über den Kopf in der Kolportage, der süße Geldregen überdeckt den Schmutz, aber der Gedanke an eine endgültige Trennung, an eine Waschung des beschmutzten Pelzes, liegt schon nahe.

Erwähnenswert ist, daß der Ort des Geschehens am Ufer des Purgatorio angesiedelt wird. Purgatorio ist das Reich der erlösbaren Sünder in Dantes "Göttlicher Komödie". Lateinisch "Purgatorio" steht für "Reinigung" und "Rechtfertigung"; purgo, das entsprechende Verbum hat zusätzlich die Bedeutung "heilen, entschuldigen, freisprechen, wegschaffen", was auf die Sintflut-Sage zurückverweist und andeutet, daß Münchmeyers Verlag in mehrfacher Hinsicht ein "Reich der Sünder" war (Vorbestrafte als Mitarbeiter, sittenwidrige Schriften) und für May die Durchgangsstation auf dem Weg ins Paradies (Hausschatz?) war. Daß noch eine andere Erinnerungsschicht in dieser Geschichte aufgehoben ist, deuten Franks Worte "Farewell bigmuddy beast!" an, die an die "Lehm-Episode" aus 'Mein Leben und Streben' erinnert: "Mein Kopf war wie von einer dicken Schicht von Lehm und Häcksel umhüllt ... Wie siehst du aus! Schnell wieder fort, fort, fort!" (18).

Klaus Eggers interpretiert Franks Geschichte "im Lichte des Ödipuskomplexes" (die Klammeranmerkungen dazu stammen von mir): "Dargestellt wird die Verlassenheit des liebebedürftigen Kleinkindes, daraus resultierend Autoerotik und Masturbation - Frank mit der Stange beschäftigt, als Konsequenz Konsistenz. ... Anblick des weiblichen Genitales (Bär), Schreck, Bestehen auf der eigenen Genitalität (Baum), Inzestwunsch (Aufeinanderrutschen), Gefühlsverwirrung, Untergang des Ödipus-Komplexes (Lehmgrube) durch die Kastrationsdrohung, Entwicklung der Indifferenz der Mutter gegenüber (jeder zieht in eine andere Richtung ab), Zurücklassen der Kinderschuhe, Vateridentifikation, Charakterpanzerung aus feuerfestem Lehm, Aufbau des Überich. Es schaltet sich Old Shatterhand als Inkarnation des Überich ein, lobt die Moral Franks: "'Jeglicher Unverschtand findet seine gerechte Schtrafe ...' 'Das ist eine sehr ernste Nutzanwendung,' sagte Old Shatterhand. 'Sie macht Ihnen alle Ehre'" (S. 136) (19).

Kapitel 3

Im dritten Kapitel trifft die Gesellschaft auf einen Trupp Upsaroka-Indianer, denen die Medizinen gestohlen wurden. Sie werden in eine Falle gelockt; Old Shatterhand und Winnetou lassen sich auf ein Gottesurteil ein. Sie siegen, schenken den Upsarokas das Leben und gewinnen in ihnen neue Verbündete gegen die Sioux, die - wie sich herausstellt - die Medizinen stahlen.

Kurz vor dem Kampf mit den Upsarokas sitzt Old Shatterhand abseits auf einem Steine: "Mit auf die Brust gesenktem Kopf saß er stundenlang unbeweglich da. Woran dachte der berühmte Jäger? Vielleicht ließ er die Tage seines vielbewegten Lebens wie ein hochinteressantes Panorama an sich vorüberziehen" (S. 156). Eine Reflexion, die zeigt, daß May sich schon damals intuitiv bewußt war, was das Schreiben für seine Seele bedeutete. Deuten wir auf dem Hintergrund dieser Bewußtwerdung den Kampf mit dem Riesen Kanteh-petah (Feuerherz), jetzt "Der Tapfere, der seine Medizin sucht": Die mächtige Vergangenheit ("Ich -- lag -- am Boden"), die Narben und Verstümmelungen (Ohr, Schulter) hinterließ, tritt zum Entschei-


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dungskampf mit der neuen Seelenlage (Old Shatterhand) an: Der neue Karl May gewinnt, bewältigt die Vergangenheit ("Ich bin nicht mehr der ich war.") Bewältigung der Vergangenheit bedeutet hier auch: Auseinandersetzung mit dem Vaterbild: Der große Medizinmann ist eine Vaterfigur (Behinderung links), die im Kampfe besiegt, aber geschont wird.

Kapitel 4

Handlung: Kurz vor dem Ziel trennen sich Martin, Wokadeh, Jemmy, Davy, Frank und Bob vom Haupttrupp, der ihnen zu langsam agiert. Sie geraten in die Hände der Sioux. Old Shatterhand und Winnetou gelingt es jedoch mit Hilfe der Verbündeten, die Gefangenen zu befreien und die Sioux zu befrieden.

Die Befreiungsapotheose beginnt mit einem großartigen Landschaftsbild. Die Beschreibung des Yellowstone-Parkes enthält noch einmal alle mit der Vater-Imagination verbundenen, bedrohlichen Bilder: Feuer, Wasser und Vulkan (20): "Brennende Prärien und Berge, kochende Quellen, Vulkane, welche flüssiges Metall auswürfen ..." Aber May ist nun (21) stark genug für eine Auseinandersetzung mit den eruptiven Gewalten der Seelenschicht, die vom Vaterbild beherrscht wird. Ohne Übertreibung darf gesagt werden, daß diese für May so brisante Landschaft auf eine Art und Weise in die äußere und innere Handlung integriert wurde, daß das Prädikat "Meisterwerk" für den Schluß des "Bärenjägers" (in der Buchfassung) angemessen ist.

Das erste zu deutende Objekt ist die "italienische Villa". Sie erinnert mich an Mays Einzug in Dresden: Er zog im April 1883 von Hohenstein nach Dresden-Blasewitz um. Dort wohnte er ein Jahr lang in einer Villa (Sommerstr. 7). Münchmeyer, dessen Bruder Fritz und Pauline "überfielen" May dort, indem sie ständig zu Besuch kamen und mit den Mays aßen; auf diese Weise versuchten sie May (speziell wohl eher Emma) im Auge zu behalten und an sich zu fesseln. Die "Entfernung von der Truppe" wäre dann als die vom Pfade der (literarischen) Tugend abweichende Tätigkeit für Münchmeyer zu deuten, die zwar schnelleres (finanzielles) Vorwärtskommen bewirkte, aber letztendlich doch eine Fesselung bedeutete.

Das Motiv "Gefangennahme" weckte in May ungute Erinnerungen. Daß es sich bei Wokadehs Verhör um eine Spiegelung einer der Verhandlungen, Festnahmen, Verhöre handelt, die May über sich ergehen lassen mußte, scheint mir sicher. Der Ort des Geschehens hat Gefängnischarakter: "ein Gebilde ..., welches einem langen, von hohen Mauern umschlossenen Hofe glich, der durch Querwände in mehrere Abteilungen zerlegt wurde". Die Verhandlung gliedert sich in Anklage, Verhör, Gegenüberstellung, Zeugenvernehmung und Verurteilung. Es ist jedoch nicht auszumachen, um welches biographische Ereignis es sich hier handelt, da nähere Anhaltspunkte (Symbole) fehlen (ob die wegweisenden Pelzstückchen Jemmys eine Spur sind?).

Vor die Befreiung hat Karl May noch eine Gerichtsszene gesetzt: Old Shatterhand beobachtet aus der Ferne: "Der Häuptling sprach zu Martin Baumann, mit der Hand nach dem Schlammkrater deutend. Old Shatterhand sah ganz deutlich, daß Martin totenbleich wurde. Zu gleicher Zeit ertönte ein schriller Schrei, wie ihn die menschliche Kehle nur im Augenblicke des größten Entsetzens ausstoßen kann. Einer der Gefangenen hatte ihn ausgestoßen, der alte Baumann. ... Das, was der Häuptling gesagt hatte, mußte etwas geradezu Fürchterliches sein. Und das war es auch, etwas so Teuflisches, daß ein Vater wohl aus Angst um seinen Sohn einen solchen Schrei ausstoßen konnte" (S. 210). May schildert diese schreckliche Szene noch einmal aus der Perspektive des direkt Anwesenden: Baumann schreit abermals entsetzt auf: "Jetzt aber, als er hörte, was seinem Sohne


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drohte, war es mit aller seiner *) Selbstbeherrschung vorüber. 'Das nicht, das nicht!' rief er. 'Werft mich in den Krater, mich, mich, nur ihn nicht, ihn nicht!' ... 'Martin, Martin, mein Sohn,' schrie der Vater in verzweiflungsvollem Tone. 'Vater, mein Vater!' antwortete dieser weinend" (S. 214f). Der Aufschrei des Vaters (der an den Schrei zu Beginn des Romans erinnert), das ganze Leid ausdrückend, das May seinem Vater antat (und dieser ihm?), ist das Zeichen, daß die Mitleidskomponente in der Vater-Sohn-Beziehung die Haßkomponente verdrängt hat: Die Rettungsaktion beginnt. - Old Shatterhand gibt das Zeichen zum Angriff.

Die nun folgende atemberaubende Kampfszene wird dramaturgisch geschickt durch den Perspektivwechsel auf Winnetou und seine Begleiter unterbrochen. Der Spannungsbogen wird jedoch durch das lange Gespräch zwischen Winnetou und Tokvi-tey empfindlich gestört. Für die Buchausgabe hat May diese Passage dann auch gestrichen (22). So störend das Gespräch in der Struktur des Romans wirkt, so interessant ist es aber als solches: Die Vaterfigur Tokvi-tey erkundigt sich nach dem berühmten Sohn, der das Verhältnis zwischen beiden schildert, wie er es sich wünscht: "Er, der viel ältere Mann, widmete dem Deutschen eine Verehrung, wie er sie noch für keinen Menschen empfunden hatte. Zu dieser Verehrung gesellte sich eine Scheu, wie man sie nur für höhere Wesen hat, und doch, trotz der Schranke, welche diese Scheu zwischen ihm und Old Shatterhand errichtete, fühlte er sich mächtig zu dem gewaltigen Jäger hingezogen - er liebte ihn."

Vor das Bild vom guten Vater schiebt sich noch eine letzte dunkle Wolke: Tokvi-tey erzählt die Sage vom Feuerwasser und der Entstehung des Yellowstone-Gebietes (23). Winnetou zerstört den "Zauber" der Geschichte und berichtet vom ersten Zusammentreffen mit Old Shatterhand: ein mörderischer Kampf, der mit ewiger Freundschaft endete (also das erhoffte Ende der ganzen Auseinandersetzung mit dem Vaterbild spiegelnd): Die Wolke ist verschwunden, die Vaterbilder steigern sich zu höchsten Höhen: Winnetou singt das Hohe Lied vom guten Kaiser Wilhelm und predigt dann vom Großen Geist, der die Liebe ist.

Das Finale, das in der Buchausgabe ein eigenes Kapitel ausmacht, trägt dort die Überschrift 'Rettung, Sieg und Friede'. Old Shatterhand und Winnetou tragen zu Rettung und Sieg durch ihre taktischen Arrangements bei (damit ihrer Rolle als Über-Ich-Projektionen gerecht werdend); der eigentliche Befreiungskampf wird gegen den Sioux Hong-peh-te-keh ("Schwerer Mokassin") geführt (psychologisch richtig: von Repräsentanten unbewußterer Seelenschichten), und zwar in zwei Anläufen: zunächst besiegt der tapfere Hobble Frank im Alleingang den athletischen Häuptling, erst zu Pferde (dabei gleichzeitig Vater Baumann befreiend), dann im Wasser; eine Heldentat, die sonst Winnetou und Old Shatterhand vorbehalten ist.

Deutet man den Sioux als das böse Alter Ego Karl Mays, das dem Vater - und dem Sohn (Martin!) - übel mitspielte, und den Hobble Frank als den mit reicher Phantasie begabten Schriftsteller, der diese Gabe jedoch nicht immer im rechten Sinne einsetzt (Kolportage, Hochstapeleien) (24), so symbolisiert der Kampf die Bewältigung der wilden Vergangenheit durch die literarische Tätigkeit; Heilung durch Phantasie. Damit aber ist das spezielle Thema dieses Romans noch nicht zur Lösung gebracht worden. Ein erster Schritt ist zwar getan, der "Feind" ist entscheidend geschwächt, aber der

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*) Guter Kamerad: mit all seiner

(Herr W. Vinzenz hat sich die Mühe gemacht, die in dieser Arbeit nach der Union-Ausgabe zitierten Textstellen mit der Gute-Kamerad-Fassung zu vergleichen. Abweichungen werden künftig in Klammern in die Zitate eingefügt.)


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Entscheidungskampf darf nicht vom distanzierteren Schriftsteller geführt werden, sondern vom Sohn. Dieser faßt sich ein Herz und stürzt das Bedrohliche in die Tiefe. Das bislang ängstigende Bild "Vulkan" dient nun der Erlösung, wie überhaupt in diesem Finale die Naturgewalten den Befreiern im Kampfe beistehen.

Wie glücklich May über die gelungene Selbstheilung war, läßt sich aus dem inbrünstigen Dankgebet ersehen, das als ein Fremdkörper in die wilde Handlung ragt: einem inneren Bedürfnis folgend, Glück und Befreiung - Wort geworden in dem Ausruf: "'Mein Kind, mein Sohn!' ... 'Wir besitzen uns von neuem, und nichts soll uns wieder trennen!" - auf einer "höheren" Ebene Ausdruck zu verleihen. Es sei mir erlaubt, die Interpretation des "Bärenjägers" in gleicher Weise zu schließen wie Karl May: mit einem umgestalteten Zitat aus Schillers 'Ode an die Freude':

Deine Zauber binden wieder,
was die Umstände geteilt;
Sohn und Vater sind nun Brüder;
Ihre Feindschaft ist geheilt.

III

Die gewaltige Bewältigungsarbeit am "Sohn des Bärenjägers" hatte May soviel Energie abgefordert, daß er eine "Abfuhrpause" einlegen mußte (konnte). "Offensichtliche Freude, mit der sich May ... seinem erzählerischen Handwerk hingibt" kennzeichnet das "Erzählklima" des Großromans 'Durch das Land der Skipetaren' (25) - und das des gleichzeitig entstandenen "Geist des Llano estakata" (26): Nicht Seelendramen, sondern "puerile, wunscherfüllende Tagträume" (27) werden ausgesponnen.

Zentralpunkt der Handlung und der Lokalität des "Geist des Llano estakata" ist die Oase Bloody Fox' (28): Ein Paradies, durch Kaktus und Wüste doppelt gegen Fremdeinflüsse geschützt. Diese Oase, dieser Zufluchtsort, das sind Mays "gute" Werke, das sind die exotischen Abenteuergeschichten, die im Deutschen Hausschatz und nun im Guten Kameraden erschienen sind und noch erscheinen sollen, die May zum angesehenen Schriftsteller machten. Aus dieser Position heraus verfolgt und vernichtet May - im Phantasiegewande des weißen Felles des heiligen Büffels - die aus den öden Tiefen der Vergangenheit drohenden Gespenster seines Vorlebens: ein Kabinettstückchen, diese Gespenster im Roman teilweise als (Luft-)Spiegelungen (sogar mehrfach gespiegelt) auftreten zu lassen.

Gleich der Höhepunkt des ersten Kapitels führt zur Exekution einer dunklen Gestalt. Dieser "Geier" darf als der Betrüger (führt andere in die Irre) und der wegen der Uhrenaffäre (Indizienprozeß) in einer regelrechten Nacht- und Nebelaktion in einem Wirtshaus verhaftete May gedeutet werden.

Das zweite Kapitel tippt noch einmal die Vaterthematik an. Es fällt auf, daß die Totenwache zwar eindrucksvoll bearbeitet ist, daß aber eine tiefere, innere Beteiligung Mays nicht erkennbar ist (obwohl Thema und Bildwelt das nahelegen). Die Vaterproblematik ist so kurz nach dem "Bärenjäger" kein drängendes Problem mehr. Meines Erachtens gehört dieses zweite Kapitel zu den besten Abenteuergeschichten, die May je schrieb; er konnte hier, ohne von dräuenden Gesichtern unterbrochen zu werden, bestes Wild-West-Sujet gestalten: Unterricht im Fährtenlesen, der gleichzeitig Erzählung eines indianischen Heldenstückes ist.

Das dritte Kapitel stellt abermals einen Geier in den Mittelpunkt des Geschehens. Der bärtige Stewart (29), der sich als Dragoneroffizier ausgibt, von Old Shatterhand entlarvt und von Eisenherz skalpiert wird, steht m.E. für die Stollberg-Affäre. Nachdem alle Sünden der Vergangenheit gebüßt sind (1. Kapitel) gerät May noch


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einmal in die Mühlen der Justiz; er gibt sich als "höherer, von der Regierung eingesetzter Beamte" aus, ist "Eklaireur" (!), wird als Vorbestrafter angezeigt (vgl. Old Shatterhands Anspielung auf Los Animas), versucht sich durch Beibringen von Zeugen aus der Schlinge zu ziehen (Stewarts Papiere) und wird letztendlich zu drei Wochen Gefängnis verurteilt (skalpiert) (30).

Das Kapitel "Im Yuavh-Kai" thematisiert die ebenfalls als Bedrohung für die errungene Reputation empfundene Tätigkeit für die Kolportage. Darauf deuten in erster Linie die Parallelen zum Roman 'Das Waldröschen' hin: die beiden als Mexikaner auftretenden Geier tragen die Namen der Hauptschurken des Riesenepos: Cortejo; darüber hinaus sind auch sie Brüder. Ihre (jetzigen) Vornamen Carlos und Emilio verweisen auf autobiographische Züge. Der Handlungsort, die "Shears", liegt in unmittelbarer Nähe einiger Waldröschen-Schauplätze (dort tauchen ja auch ein Prä-Bloody-Fox, der "schwarze Gerard", und ein Prä-Helmers-Home, die Venta Pirneros auf). Die Säulenkakteen im "Singenden Tal" lassen zudem recht deutlich das Bild "Mexiko" anklingen. In Ben New-Moon wäre dann das Bild des (vom finanziellen Anreiz) geblendeten May, der durch die Kolportageromane ein dunkles Mal eingebrannt bekam (Arno Schmidt deutet das schwarze Gesicht als Maske: das Unerkanntbleiben symbolisierend, das May von Münchmeyer forderte). Münchmeyers Konterfei ist dann der Stealing-Fox, der May dieses Mal zufügte, der May betrog. Der Komet ließe sich als Illustration des Erfolges des "Waldröschens" deuten, wie May ihn in der "Studie Emma Pollmer" darstellt: "Das 'Waldröschen' mußte geradezu eingeschlagen und einen Bombenerfolg haben." Eine Lösung des Kolportageproblems kann May allerdings nicht bieten: Die Cortejos läßt man fliehen, man will sie im Auge behalten: sie fallen erst bei der radikalen Endabrechnung mit allen Geiern, die durch ihre Gnadenlosigkeit von sonstigen Strafaktionen, die Old Shatterhand und Winnetou leiten, absticht: "'Schießt nicht auf die Pferde, sondern auf die Reiter' gebot Old Shatterhand."

Im Finale des Romans werden also die Geier bis auf den letzten Mann ausgerottet; May hat seine Vergangenheit sorgfältig ausradiert. Der Kaktus wird angezündet: Damit verschafft man den verschmachtenden Auswanderern erquickenden Regen: Die Abschirmung der Vergangenheit führt zu inneren Verarbeitungsprozessen, die sich in Romanen niederschlagen, die die Leserschaft begierig aufnehmen (Die irregeführte Karawane darf in diesem Zusammenhang dann als die Kolportageleserschaft gedeutet werden, die May (Burton) auf den falschen Weg, auf eine "geistige Durststrecke" brachte, die nur der Ausbeutung der Leser diente.) Ob sich in der Öffnung der Oase andeutet, daß May sich in Zukunft nicht mehr so gänzlich (Deutscher Hausschatz Nr. 6, Nov. 1885: ... Wann K.M. geboren ist, wissen wir nicht" (31)) vor der Leserschaft versteckte (im Nov. 1888 wird sein Wohnsitz "preisgegeben", im Juli 89 sogar seine vollständige Adresse; 1890 berichtet man über seine Ehe (32)), kann nur Hypothese bleiben, m.E. aber eine naheliegende. Spinnt man diesen Gedanken weiter, so könnte sich im Angriff auf die Oase in 'Old Surehand I' die bedrohlichen Leserzuschriften spiegeln: Jan. 1894: "Ist einem von den geehrten Lesern bekannt, von wem der Roman 'Deutsche Herzen, deutsche Helden' geschrieben ist? Von demselben Verfasser soll auch "Waldröschen und 'Der Fürst des Elends' stammen." (33) (die das Pseudonym wahrende Antwort dazu erfolgte im Juli 94).

Biographisch kann die Szene im "Singenden Tal" mit "Weihnachten" in Zusammenhang gebracht werden. Als Winnetou mit seinen Gefährten die Karawane erreicht, jubelt der Hobble-Frank: 'Winnetou? Da sei Viktoria getrommelt und gepfiffen; denn wo der Apache ist, da muß ooch der Bärenjäger und sein kleener Martin sein! Laßt mich


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'naus; ich muß sie alle beede angtukah umärmeln! Nee, so eene Weihnachten! Hier mitten in der Sahara und bei fast schtockdunkler Nacht mit meinen besten Freunden zusammenzurennen, da is doch die Freude (Guter Kamerad: doch die Freede) gar zu groß!" (S. 441).

Anhaltspunkte (Dunkelheit, Trommel) deuten darauf hin, daß es um ein Kindheitserlebnis Mays geht. Das Schlüsselwort ist wohl "Weihnachten". Trommeln und Pfeifen passen zu diesem Fest. Von diesem Deutungsstandpunkt aus ist die Szenerie des "Singenden Tals" als Erinnerung an ein Weihnachtsfest zu entschlüsseln: Man ißt Feigen, das Sankt Elmsfeuer im Kaktus kann als Weihnachtsbeleuchtung gesehen werden ("jeder Leuchterarm schien ein solches Flämmchen auf seiner Spitze zu haben"), die Orgelmusik und der am Himmel erscheinende Komet (Stern) runden das Bild ab. Interessant ist, daß das Bild durch die Erzählung Ben New-Moons von seinem Unglück, von dem Verbrechen Burtons unterbrochen wird. Hier schiebt sich zwischen die Erinnerung an ein frohes Weihnachtsfest in der Kindheit der dunkle Schatten späterer Weihnachtsfeste (Talglichter-Affäre, Uhrengeschichte).

Psychoanalytisch interpretierbar sind die "Geist"-Landschaften "Das singende Tal" und die Oase. Beiden hat Arno Schmidt seine spezielle Aufmerksamkeit gewidmet. Er faßt seine Interpretation des singenden Tals zusammen: "Ein nackter Felsenkessel als Modellhintern. Der Harnblasen-Weiher. Säulen-Kakteen als Phallen, auf jeglichem sein bleichzüngelndes Sankt-Elms-Feuer. Die Hemisfärenmusik sublimierter Blähungen. Und zum Abschluß 'kommt es' noch wie ein SITARA-mäßiger Gestirn-Hintern I. Ordnung aus dem Himmelreich herangefegt. Die hier vollbrachte seelische Leistung der Umformung ist überaus erstaunlich: Verachtet mir den MAYster nicht!" (34). Die Deutung der Symbolik des Yuavh-Kai im einzelnen vorzunehmen, steht mir nicht zu. Schmidt, der sich in diesem Fall (bis auf eine Stelle (35)) an den korrekten Text hält, versteift sich wieder allzusehr auf seine "Homo-Theorie". Meines Erachtens handelt es sich hier eher um eine verschlüsselte Onanierszene.

Die "Oase im Kaktus" nimmt sich Schmidt ebenfalls besonders ausführlich vor (36); leider wieder nur seiner speziellen Theorie folgend, und dieses Mal zudem, ohne akzeptable Deutungen anzutippen. Was geschildert wird, verbalisiert May bei der Umbenennung des letzten Kapitels für die Buchausgabe: ein Geister-NEST. Ein Nest, das man nur durch einen schmalen Eingang betritt oder verläßt, und das eine besondere, lebenswichtige Beziehung zu Wasser hat: Ohne Zweifel ein Mutterschoß. Gestützt wird diese Deutung durch die hervorgehobene Präsenz einer Mutter, die ein Wiegenlied singt und die die "Wiedervereinigung" mit ihrem Kind erlebt. Eine vergleichbare Fötalphantasie finden wir in Mays bedeutendstem Roman, dem "Mir von Dschinnistan". Auch da steht eine Mutter (Marah Durimeh) im Mittelpunkt, auch da wird eine Idylle gezeichnet: "Nach Süden dehnt sich die blaue, von silbernen Fäden durchzogene See, leise atmend, wie ein schlafendes, glückliches Kind, welches im Traume lächelt. Und wie köstliche, schimmernde Perlen, die von einer reichen, kunstsinnigen Fee aus der Meerestiefe emporgeholt und am Ufer in grünende Gärten gebettet wurden, so haben sich die Häuser der Untergebenen dem Palaste der geliebten Gebieterin zu Füßen hingestreckt. Die Seeluft mildert die Glut der strahlenden Sonne. Schattige Wege führen vom Tale zu Berge, vom Berge zu Tal. Goldige Früchte winken aus dunklem Laub. Jede Bewegung der Luft spendet süßen Blumenduft" (37). Das Thema Geburt taucht dann noch ausdrücklich im Namen des Schiffes auf, das die Verbindung zur Außenwelt herstellt. Die Ähnlichkeit im Motiv und in der Bedeutung ist groß: Aber die ausgedrückte Seelenlage ist völlig verschieden: Im "Geist des Llano estakata" wird Flucht, Regression ausgedrückt; im "Mir von Dschinnistan" geht es um Aufbruch.


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Anmerkungen

1 Hainer Plaul weist darauf hin, daß May auch für andere Verlage ausdrückliche Jugenderzählungen schrieb: 1886 'Unter der Windhose' im 'Buch der Jugend' des Thiemann-Verlages, Stuttgart; auch "- 'Im fernen Westen' und 'Der Waldläufer' - waren ausgesprochene Jugendbücher ... Auch der Verleger Liebau und in der Nachfolge A. Weichert, beide in Berlin, stellten jetzt zwei Jugendbücher von ihm vor: 'Der Karawanenwürger' und 'Aus fernen Zonen'": Klußmeier/Plaul: Karl May. Biographie in Dokumenten und Bildern - Hildesheim/New York - 1978 - S. 113.

2 Vgl. Hans Wollschläger: Karl May - Zürich - 1976 - S. 71 - und Th. Ostwald: Karl May. Leben und Werk - Braunschweig 1977 - S. 344.

3 Nach Klaus Hoffmann: Der 'Lichtwochner' am Seminar Waldenburg. - Jb-KMG 1976 - S. 103.

4 Zum Tod der Mutter siehe auch H. Wollschläger: 'Die sogenannte Spaltung des menschlichen Innern, ein Bild der Menschheitsspaltung überhaupt' - Jb-KMG 1972/73 - S. 50f.

5 C. Roxin: Dr. Karl May, genannt Old Shatterhand. Zum Bild Karl Mays in der Epoche seiner späten Reiseerzählungen - Jb-KMG 1974 - S. 59. Vgl. auch Ingeborg Bröning: Die Reiseerzählungen Karl Mays als literaturpädagogisches Problem - Düsseldorf - 1973 - S. 140.

6 Hans Wollschläger: Die sogenannte Spaltung ... - a.a.O. - S. 51f.

7 Eine zweite Verhaftung (3.7.69) fand in Hohenstein im Kegelhaus statt. Ich setze hier die erste Verhaftung an, da die zweite Hohensteiner nach Zwickau nicht mehr so viel Gewicht hatte.

8 Karl May: Mein Leben und Streben - Reprint der Erstausgabe - hgg. von H. Plaul - Hildesheim/New York - 1975 - S. 106.

9 Hans Wollschläger: Karl May - a.a.O. - S. 30.

10 Die genaue Quelle dieser Sage ist nicht bekannt. Doch hat Karl May die Sage nicht erfunden. In dem Buch Basil Johnstons 'Und Manitu erschuf die Welt. Mythen und Visionen der Ojibwa' (Diederichs-Verlag) wird eine ähnliche Geschichte wiedergegeben.

11 Karl May: Mein Leben und Streben - a.a.O. - S. 178ff.

12 Klaus Eggers: Hobble und Ödipus - M-KMG Nr. 57 und Nr. 58. Ohne die inspirierende Vorarbeit Eggers', dem ich an dieser Stelle meinen Dank für seine Hilfe ausspreche, wären mir die folgenden Deutungen nicht möglich gewesen.

13 Arno Schmidt: Sitara oder der Weg dorthin - Frankfurt/M. - 1969 - Fischer-Taschenbuch 968 - S. 190.

14 Karl May: Durch Wüste und Harem - Freiburg - 1892 - S. 7.

15 Klaus Eggers - a.a.O. -.

16 'Rettung vor dem Zusammenbruch' erscheint mir in diesem Zusammenhang (in anderem nicht - s.u.) zu stark: aber Lücken hat May bei Münchmeyer schon ausgefüllt (Freitag) und auch welche hinterlassen.

17 Klaus Eggers - a.a.O.

18 Karl May: Mein Leben und Streben - a.a.O. - S. 165f.

19 Klaus Eggers - a.a.O.

20 Vgl. W. Vinzenz: Feuer und Wasser. Zum Erlösungsmotiv bei Karl May - Sonderheft Nr. 26 der KMG.

21 Den gleichen Text hat May schon 1883 in der Erzählung 'Im wilden Westen Nordamerikas' verwandt (später auch Winnetou III), sich der Dramatik der Bilder damals aber noch nicht stellen können. Vgl. dazu meinen Aufsatz 'Eine gefährliche Gegend': Der Yellowstone-Park bei Karl May - in Jb-KMG 1982.

22 Die erste Begegnung Winnetou/Old Shatterhand mußte zudem für die Buchausgabe gestrichen werden, da inzwischen (1888) im Deutschen Hausschatz 'Der Scout' erschienen war, in dem eine andere Version vorgestellt wurde.


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23 Vgl. meine Ausführungen im Jb-KMG 1982.

24 Siehe hierzu Kapitel IV.

25 Claus Roxin: Einführung zum Reprint 'Durch das Land der Skipetaren' - Regensburg - S. 3.

26 Auf die besondere handwerkliche Qualität des "Geist" weist H. Schmiedt: Helmers Home und zurück in Jb-KMG 1982.

27 C. Roxin - a.a.O. - S. 3.

28 Vgl. Schmiedt - a.a.O.

29 Der Name Stuart/Stewart erinnert an den Vornamen des Emil E-duard Pollmer.

30 Vgl. dazu die Darstellung der Stollberg-Affäre bei Wollschläger: Karl May - a.a.O. - S. 54f und bei Stolte: Die Affäre Stollberg in Jb-KMG 1976.

31 G. Klußmeier: Karl May und Deutscher Hausschatz II - M-KMG 17 - S. 19.

32 Vgl. G. Klußmeier: Karl May und Deutscher Hausschatz II - a.a.O. - S. 20 und Karl May und Deutscher Hausschatz III - M-KMG 18 - S. 17.

33 G. Klußmeier: Karl May und Deutscher Hausschatz IV - M-KMG 19 - S. 17.

34 Arno Schmidt: Sitara und der Weg dorthin - Frankf./M. - 1969 S. 47.

35 Vgl. Stolte/Klußmeier: Arno Schmidt & Karl May - Hamburg 1973 - S. 33.

36 A. Schmidt - a.a.O. - S. 7 (Paragraph 7).

37 Der Mir von Dschinnistan: Reprint der KMG - Regensburg 1976 S. 5.


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IV. Biogramme: Das Personal der 'Helden des Westens'

"Da ist mir folgendes eingefallen: Ihre große Registerarbeit dadurch brauchbar zu gestalten, daß Sie sie zu einem kompletten mächtigen MAY-Lexikon ausbauen. Wo also jeglicher Figur ein Biogramm mitgegeben würde ..." So schrieb Arno Schmidt am 6.12.1962 an Hansotto Hatzig (vgl. H. Hatzig: Register zu Bd 10, 11, 23 - Sonderheft der KMG Nr. 27/1980).

Schmidts Anregung brachte mich auf den Gedanken, das Projekt anhand des Personals der Romane 'Der Sohn des Bärenjägers' und 'Der Geist des Llano estakata' durchzuspielen. Ich hoffe, mit der vorgelegten Arbeit eine Diskussionsgrundlage für ähnliche Unternehmungen geschaffen zu haben. Die Inhalte der von mir erarbeiteten kleinen Studien verstehe ich als Deutungshypothesen, die vielfach sicherlich überinterpretiert, im Bereich der psychologischen Ausdeutung von Fachleuten zu ergänzen / zu revidieren sind.

Ich habe nur das Personal der beiden Romane "Helden des Westens" bearbeitet. Personen, die in anderen May-Romanen ebenfalls auftreten, müßten - zeitlich geordnet - für jeden weiteren Roman einen eigenen Abschnitt erhalten. Die Nebenfiguren wurden nicht durchgängig berücksichtigt; sie werden dann aufgeführt, wenn sie in den ersten Kapiteln dieser Arbeit interpretiert werden.


MARTIN BAUMANN, der Sohn des Bärenjägers, "mochte ungefähr das sechzehnte Jahr zurückgelegt haben, doch war sein Körper über dies Alter hinaus entwickelt. Heller Teint, blondes Haar und blaugraue Augen wiesen auf germanische Abstammung hin. Er war barhäuptig und ganz in blaues Leinen gekleidet. In seinem Gürtel steckte ein Messer, dessen Griff von seltener indianischer Arbeit war, und das Doppelgewehr, welches er in der Hand hielt, schien für ihn fast zu schwer zu sein. Seine Wangen hatten sich im Kampfe hoch gerötet, aber er stand doch so ruhig da, als ob es etwas für ihn ganz Gewöhnliches gegeben hätte. Wer ihn jetzt betrachtete, war jedenfalls geneigt, anzunehmen, daß solche Szenen, wie die eben vergangene, für ihn nichts Seltenes seien." (S. 24)

Im Alter von vier Jahren mußte Martin ein grausiges Erlebnis mit einem riesigen Grizzly durchstehen: Er war mit seiner dreijährigen Schwester Luddy allein. Ein Grizzly, der die vor der Hütte weilende Mutter getötet hatte, drang in die Hütte ein und griff die Schwester an; "(er) zermalmte ihr mit einem einzigen Bisse das kleine, süße, blonde Köpfchen." (S. 40) Der Bär ging dann auf Martin los, der sich auf einen Balken retten konnte. Der verzweifelte Kampf gegen den Bären wurde durch das Eintreffen des Vaters, der den Grizzly erlegt, beendet. Martin und sein Vater zogen nach diesem Schicksalsschlag aus Colorado fort und ließen sich als Bärenjäger nieder.

Im weiteren Verlauf der Handlung erlegt Martin einen Grizzly und verführt aus Sorge um seinen Vater seine Gefährten, den Haupttrupp zu verlassen. Sie fallen daraufhin in die Hände der Sioux, die Martin und Wokadeh im Schlammloch grausam vor den Augen des Bärenjägers zu Tode martern wollen. Sie werden jedoch befreit und Martin verfolgt den flüchtigen Siouxhäuptling. In einem dramatischen Kampf besiegt er den "Schweren Mokassin".

Im Roman 'Der Geist des Llano estakata' wird Martin als "blonder, bartloser Jüngling, welcher wohl noch nicht zwanzig Jahre zählte" (S. 398) beschrieben: er hat in diesem Roman jedoch keine Funktion.

Schon im Namen Martin ist deutlich das May auszumachen. Die Beschreibung stimmt mit der Mays in Steckbriefen überein: "Haare blond" (18.6.1869), "dunkelblondes Haar, graue Augen" (31.7.1869) (1). Rechnet man das Alter Martins vom Zeitpunkt der Niederschrift zurück, ergibt sich das Jahr 1870. Möglicherweise wurde May durch


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die Pferdediebszene an sein eigenes Auftreten als Pferdedieb 1869 erinnert, was sich dann im Äußeren Martins niederschlug.

Die Nachricht, die Wokadeh zu übermitteln hat, spiegelt die Schreibgegenwart. Der Vater schwebt in Gefahr (Schlaganfall). Die Gefahr des Verlustes dieses Elternteiles läßt den Tod der Mutter ins Bewußtsein steigen: Die inneren Kräfte verknüpfen dieses sicher noch nicht überwundene Ereignis mit einem (nicht eindeutig identifizierbaren) Kindheitserlebnis zu einem schrecklichen Alptraum, den erlösende Tränen - der Romanfiguren wie sicher auch des Schreibenden - beenden

Die nächste Szene, in der Martin im Mittelpunkt steht, ist der Kampf mit dem Grizzly. Sie glaube ich als Kompensation der gleichzeitig ablaufenden Bob-Handlung deuten zu können: Bob (das Kind May), die biegsame Birke (birkener Hans), der bedrohliche Bär (Vater) sind Bilder einer Züchtigungsszene (oder der Androhung einer Züchtigung: Bob flüchtet nach oben (zur Großmutter?)). Martin repräsentiert hier den Tagtraum des Halbwüchsigen, der dem Vater die Schmach, die Schmerzen, die Angst heimzahlen möchte.

Als gegen Ende des Romans die Bewältigungsarbeit ihrem erfolgreichen Abschluß zustrebt, gewinnt die Vater-Sohn-Beziehung der Schreibgegenwart stärkere Bedeutung: "Ich sterbe vor Sorge um den Vater." (S. 183) "Ihr steht eine reelle Angst um Euren Vater aus" (S. 184, Hervorh. d. Verf.) Sohn und Vater werden befreit, erlöst und sinken einander in die Arme (spekulativ: Versöhnungsszene zwischen May und seinem Vater 1887??): "Mein Kind, mein Sohn! ... Wir besitzen uns von neuem und nichts soll uns wieder trennen." (S. 235)

Der Roman hätte hier eigentlich mit dem allgemeinen Friedensschluß enden können. Aber May läßt Martin noch eine letzte Heldentat vollbringen: Er verfolgt den flüchtigen Siouxhäuptling und kämpft mit ihm auf einem schmalen Felssims. Schließlich schleudert er den "Schweren Mokassin" in das "Maul der Hölle": Karl May hat die Haßkomponente in der Beziehung zu seinem Vater überwunden. (Siehe auch S. 4, S. 10, Biogramm Winnetou)

37 Vgl. Klußmeier/Plaul: Karl May - a.a.O. - S. 58f.


BAUMANN (Bärenjäger) (Mato-poka) - Vater von Martin Baumann. (Siehe S.5f, S. 9f, Biogramm Winnetou)

BAUMANN (Frau des Bärenjägers) - Mutter von Martin Baumann. (Siehe S. 5f)

BAUMANN, Luddy - Schwester von Martin Baumann. (Siehe S.5f)

BEN NEW MOON - Prärieläufer. (Siehe S. 12)


BLOODY FOX, der Held des Romans 'Der Geist des Llano estakata', wird direkt auf den ersten Seiten vorgestellt als ein 'kaum dem Knabenalter entwachsenen Jüngling... Er war genau so wie die bekannten kalifornischen Cow-Boys ganz in Büffelkuhleder gekleidet, und zwar in der Weise, daß alle Nähte mit Fransen versehen waren. Auf dem Kopfe trug er einen breitkrempigen Sombrero. Eine breite, rotwollene Schärpe umschlang statt des Gürtels seine Hüften und hing an seiner linken Seite herab. In dieser Schärpe steckten ein Bowiemesser und zwei mit Silber ausgelegte Pistolen. Quer vor sich auf den Knieen hielt er eine schwere, doppelläufige Kentuckybüchse, und vorn zu beiden Seiten des Sattels waren nach mexikanischer Weise Schutzleder angebracht, um die Beine zu bedecken und vor Pfeilschüssen oder Lanzenstößen zu bewahren.

Sein Gesicht war von der Sonne tief gebräunt und trotz seiner Jugend von Wind und Wetter gegerbt. Von der linken Seite der Stirn ging ihm eine blutrote, zwei Finger breite Wulst quer bis auf das rechte Auge herab. Das gab ihm ein äußerst kriegerisches Aussehen.


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Ueberhaupt machte er keineswegs den Eindruck eines jungen, unerwachsenen und unerfahrenen Menschen. Die schwere Büchse so leicht in der Hand, als ob sie ein Federkiel sei, das dunkle Auge groß und voll auf die beiden gerichtet, saß er stolz und fest wie ein Alter auf dem Pferde, welches sich unter ihm nicht bewegen zu können schien" (S. 249).

Aus dieser Beschreibung sind zwei Anhaltspunkte für eine Deutung der Gestalt zu entnehmen: Daß Bloody Fox die schwere Büchse "leicht wie einen Federkiel" in der Hand hält, ist ein eindeutiger Verweis auf den Autor Karl May, der sich per Federkiel auch mit schweren Buchsen ausstaffiert hat. Auffallend an der ansonsten neutralen Beschreibung ist die überdimensionale sofort ins Auge fallende Narbe. Die Herkunft der Narbe und damit Bloody Fox' Schicksal wird dem Leser nicht vorenthalten: Eine Auswandererkarawane war von Llano-Geiern überfallen worden. Bloody Fox' deutsche Eltern wurden ermordet. Der achtjährige Knabe hatte einen schweren Hieb über den Schädel erhalten, von dem die Narbe zurückblieb, und war für tot liegen gelassen worden: "Helmers fand mich im Kaktus liegen, nahm mich auf das Pferd und brachte mich heim zu sich. ich habe monatelang im Fieber gelegen, und als ich erwachte, wußte ich nichts mehr, gar nichts mehr. Ich hatte selbst meinen Namen vergessen, und ich kann mich selbst heute noch nicht auf denselben besinnen. Nur der Augenblick des Überfalls ist mir klar im Gedächtnisse geblieben. Ich wäre glücklicher, wenn auch das mir entschwunden wäre, denn dann würde nicht das heiße Verlangen nach Rache mich wieder und immer wieder durch die schreckliche Wüste peitschen" (S. 251). Den Namen Bloody Fox erläutert er so: "Weil ich über und über mit Blut bedeckt gewesen bin und während meiner Fieberphantasien oft den Namen Fuchs genannt habe. Man hat daraus schließen zu müssen geglaubt, daß er der meinige sei" (S. 252f).

Die Beschreibung der Verwundung und der Rekonvaleszenz stimmt bis in Einzelheiten hinein mit den Worten überein, mit denen May die schrecklichste Stunde seines Lebens darstellt: "Ich stand vor Schreck wie im Fieber und handelte wie im Fieber ... Jene Tage sind aus meinem Gedächtnis entschwunden, vollständig entschwunden. ... Ich weiß nur, daß ich mich vollständig verloren hatte und daß ich mich dann in der Pflege der Eltern und besonders der Großmutter wiederfand (1). "Die ... Begebenheit hatte wie ein Schlag auf mich gewirkt, wie ein Schlag auf den Kopf, unter dessen Wucht man in sich selbst zusammenbricht. Ich stand zwar wieder auf, doch nur äußerlich: innerlich blieb ich in dumpfer Betäubung liegen; wochenlang, ja monatelang" (2). Einige Seiten weiter erzählt May, daß er in der Zeit nach der ersten Haft innere Stimmen hörte, eine davon, die böse, riet: "daß ich mich rächen sollte, rächen an ... der Menschheit, überhaupt an jedermann! Ich war ein Mustermensch, weiß, rein und unschuldig wie ein Lamm. Die Welt hatte mich betrogen um meine Zukunft, um mein Lebensglück" (3).

Mays Angabe, nach Verhaftung und Verhör wieder an den 'Tatort', in die Wohnung in Altchemnitz zurückgekehrt zu sein, ist mit Bloody Fox' Worten verwandt: "ich erkannte nichts, weder die Fabrik, noch meine damalige Wohnung, noch irgendeine Stelle, an der ich ganz unbedingt gewesen war" (4). "Ich habe hinaus gemußt in die Wildnis wie der Falke, dem die Geier die Alten zerrissen haben, und der nun um die blutige Stätte kreisen muß, bis es ihm gelingt, auf die Mörder zu stoßen" (S. 252). May traf in Altchemnitz noch einmal seinen 'Mörder': der verruchte Buchhalter begegnete ihm auf der Straße.

Bloody Fox' erstes Abenteuer, das Präriegericht, in dem ich eine mögliche Spiegelung der Gerichtsverhandlung 1862 sehe (5), paßt zu der vorstehenden Deutung der Gestalt. Dieses Abenteuer bleibt die einzige Episode, die Bloody Fox in Aktion zeigt. Am Ende des sech-


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sten Kapitels treffen wir wieder auf ihn, als 'Geist des Llano estakata' wird er von Llano-Geiern gejagt. Old Shatterhand hält die Verfolger auf und bietet seine Hilfe an: Der stolze 'Geist' lehnt jedoch jegliche Hilfe ab.

Im letzten Kapitel 'Geisternest' wird das Heim Bloody Fox' vorgestellt, das inmitten der von Kaktusfeldern umgebenen Oase steht: "Von außen konnte man nicht sehen, aus welchem Materiale das Häuschen erbaut worden war, denn sowohl seine vier Seiten als auch das Dach wurden vollständig überdeckt von dem dichten Gerank der weißen, rotfädigen Passionsblume, deren gelbe, süße, dem Hühnerei gleichende Früchte lebhaft aus der Fülle der gelappten Blätter hervorleuchteten. " (S. 425)

"Das Innere bestand aus einem einzigen Raume. Die vier Wände waren aus Schilf und aus dem feinen Schlamm des kleinen Sees errichtet und mit langem, trockenem Rohr gedeckt. Ueber einem aus Erde gebauten Herde öffnete sich der ebenso aus Schilf und Schlamm bestehende Rauchfang, unter welchem ein eiserner Kessel hing. In jeder der drei anderen Wände gab es ein kleines Fenster, welches von dem Blumengerank frei gehalten wurde.

Unter dem Dache hingen Stücke geräucherten Fleisches und an den Wänden alle Arten von Waffen, welche in dem Westen zu sehen und zu haben sind. Der Fußboden war mit Fellen belegt. Die zwei Bettstellen bestanden aus an Pfählen befestigten Riemen, über welche Bärenfelle gebreitet waren. Den größten Schmuck der Stube bildete die dickzottige Haut eines weißen Büffels, an welcher der Schädel gelassen worden war. Sie hing der Thür gegenüber, und zu beiden Seiten von ihr steckten wohl über zwanzig Messer in der Wand, in deren Horn- oder Holzgriffen verschiedene Zeichen eingeschnitten waren.

Ein Tisch, zwei Stühle und eine Leiter, welche bis zur Decke reichte, bildete das ganze Ameublement des Passiflorenhäuschens" (S. 427).

Bei den Passionsblumen handelt es sich nach Arno Schmidt um ein 'botanisches Leitfossil' bei May (6). Die Deutung Passion = Leidenschaft gehört jedoch zu den Willkürdeutungen der Schmidtschen Studie. Die Übersetzung 'Leiden' ist angebrachter: Das 'Unschuldslamm' May wurde 'gekreuzigt'.

Das spärliche Mobiliar des Häuschens läßt an eine Zelle denken, die oberflächlich zum Wohnraum hochphantasiert wurde. Dazu paßt, daß Bloody Fox, als er in das Zimmer tritt, das seltene Fell des weißen Büffels als 'Uniform' bezeichnet; die die Bildern begleitenden heimlichen Gedanken und Assoziationen drängen in unbedachten Augenblicken in die Formulierungen. Und auch das 'geräucherte Fleisch' ist ein auf Gefängnis verweisendes 'Symbol' in Mays Romanen - nach Arno Schmidt (7).

Bloody Fox bricht nach kurzer Ruhe auf, um den Auswanderern Wasser und Nahrung zu bringen, er wird von den Geiern verfolgt, erschießt deren zwei, muß die kostbare Last fahren lassen und stößt auf Old Shatterhand und dessen Gefährten. Am großen Finale hat Bloody Fox nur geringen Anteil. Er trifft Burton, den einzigen Geier, der Angriff und Verfolgung überlebte, in der Oase, doch kommt es nicht zum lang ersehnten Racheakt, da Burton sich zuvor den Hals bricht.

Bloody Fox ist also keine Figur, die das Abenteuergeschehen aktiv trägt und weiterführt. Seine Bedeutung ist mehr im Bereich der symbolischen Handlung anzusiedeln. Beides gilt übrigens auch für Old Surehand, dem Titelhelden der 'Fortsetzung' des "Geist des Llano estakata".

Welche Funktion die Figur Bloody Fox auf der symbolischen Ebene des Romans hat, habe ich zu Beginn dieses Biogramms anhand des verräterischen Wortes 'Federkiel' angedeutet. Bloody Fox steht


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für den Schriftsteller Karl May, der die tiefe Verletzung seiner Seele dadurch heilt, daß er die dunklen Schatten der Vergangenheit unter dem Deckmantel der Phantasie (heiliges Büffelfell) auslöscht und damit gleichzeitig das Wohl anderer Menschen befördert ('Lehrer meiner Leser').

1 Karl May: 'Mein Leben und Streben' - a.a.O., S. 106f.

2 ebd. - S. 109.

3 ebd. - S. 117f.

5 Vgl. S. 11.

6 A. Schmidt: Sitara oder der Weg dorthin, Frankf./M - 1969, S. 38. Zum Thema Passiflorenhäuschen vgl. auch Dieter Sudhoff: Karl Mays 'Winnetou IV' - Ubstadt 1981, S. 127f.

So wie es eine deutliche Verbindung zwischen den Romanen 'Der Geist des Llano estakata' und dem ersten Band der Old-Surehand-Trilogie gibt, so ist eine - 'feinere' Verwandtschaft des Jugendromans mit Mays letztem Werk, dem Roman 'Winnetou IV', festzuhalten: der Name Burton taucht dort auch exponiert auf, das Passiflorenheim und auch das Fell des weißen Büffels werden bei Tatellah Satah geschildert.

7 A. Schmidt - a.a.O., S. 38.

8 ebd. S. 37.


BOB, der Neger, (der nicht mit dem gleichnamigen Schwarzen aus 'Deadly dust' identisch ist, aber mit ihm - wie Klaus Eggers zeigt (1)- einige Züge gemeinsam hat) lebt mit Vater und Sohn Baumann und dem Hobble Frank zusammen. Er ist ein "freier Neger" (S. 31), den man "von St. Louis mitgenommen" (S. 30) hat. Bob ist von "herkulischer Gestalt", "zwischen den breit gezogenen wulstigen Lippen waren zwei Reihen von Zähnen zu sehen, auf welche ein Jaguar hätte stolz sein können" (S. 31). "Er trug einen weiten Anzug aus dem einfachsten Kaliko und war nicht mit einer Kopfbedeckung versehen. Das hatte seinen Grund. Der gute Bob war nämlich ein wenig eitel; er wollte nicht als reiner Afrikaner gelten. Leider aber war sein Kopf mit einem dichten Walde kurzer, krauser Locken versehen, und da gerade (Guter Kamerad: grad diese Wolle) diese Wolle seine Abstammung auf das überzeugendste verriet, so hatte er sich alle Mühe gegeben, glauben zu machen, daß er keine Wolle sondern schlichtes Haar besitze. Er hatte darum den Kopf sehr fett mit Hirschtalg eingerieben und das kurze, unbändige Wollgewirr in unzählige dünne Zöpfchen geflochten, welche wie die Stacheln eines Igels nach allen Richtungen von seinem Kopfe abstanden. Das gab bei der Beleuchtung durch das Herdfeuer einen wirklich grotesken Anblick" (S. 33).

Weitere Charakteristika Bobs sind die radebrechende Redeweise und die Schwierigkeiten, die er mit dem Reiten hat, weshalb die Indianer ihn 'Sliding-Bob' (Rutsch-Bob) nennen.

Das erste Erlebnis Bobs ist die Begegnung mit Winnetous Pferd, das er für ein Gespenst hält: Bob sucht am Rande des Lagers nach Feinden, er hat einen "wohl zehn Zoll starken" Fichtenstamm in den Händen. In der Dunkelheit trifft er auf Winnetou, dessen Pferd scheut, als Bob sich nähert. Bob reißt unter Geschrei aus. Auch das zweite Abenteuer Bobs endet mit Geschrei und Flucht. Bob glaubt, ein Opossum zu jagen und trifft auf einen Grizzly, vor dem er sich auf eine junge Birke (!) rettet. Martin erlegt den Bären und rettet damit Bob das Leben. In seinem dritten Abenteuer jagt Bob abermals ein Opossum. Er folgt einem Tier, steckt seine Hand in das Schlupfloch und kann seine Hand nicht mehr herausziehen, da


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das Tier sich darin verbissen hat. Als er das Tier herauszieht, spritzt es ihn mit einer überriechenden Flüssigkeit an: Bob hatte ein Stinktier verfolgt. Er muß seine Kleider fortwerfen und sich in den Teich setzen. Als Ersatz für die Kleider erhält er zunächst das Fett des erlegten Grizzly, später eine alte Saltillodecke.

Bob greift erst wieder in der Szene am Feuerlochfluß in die Handlung ein. Als er sieht, daß Martin in das Schlammloch geworfen werden soll, stürzt er gegen den Befehl Old Shatterhands in den Fluß, ergreift dort einen dicken Ast, arbeitet sich durch eine Schilfinsel und greift die Sioux an. Nach der Befreiung des Bärenjägers wird er trotz seines Stinktierabenteuers von diesem umarmt.

Die psychologische Deutung Klaus Eggers' (2), Bob sei das Kind May in seiner oralen und pubertären Phase, die sich im wesentlichen auf die Anhaltspunkte 'Sliding-Bob', unbezähmbare Eßlust und Hantieren mit Pfählen stützt, versuche ich durch eine Deutungshypothese auf biographischer Ebene zu ergänzen. Daß ein Schwarzer die Kindheitserinnerungen Mays darstellt, könnte damit zusammenhängen, daß die frühe Kindheit Mays wegen seiner Blindheit mit Dunkelheit, mit Schwärze assoziiert ist; sodann auch damit, daß er zunächst wegen seiner Behinderung, später wegen seiner Verfehlungen das "schwarze Schaf" der Familie war.

Dunkle Erinnerungen aus der Kindheit sind in den drei Abenteuern Bobs Bild geworden. Beginnen wir mit dem dritten Abenteuer, mit der Skunkgeschichte. Sie endet damit, daß Bob im Teich sitzt und schreit: "Soll Masser (Guter Kamerad: Massa Bob*) Bob verbrennen und versaufen? Soll er werden gekocht wie Karpfen? Warum es dunkel werden? Oh, oh, Masser Bob sehen gar niemand mehr!" (S. 146) Das Dunkelwerden verweist auf die frühen Kindheitsjahre, und das merkwürdige Motiv 'Verbrennen im Wasser' interpretiert Wilhelm Vinzenz (3) als "Bedrohung durch Väter oder Rivalen". Diese Bedrohung wird auch im Bärenabenteuer thematisiert: Gellende Hilferufe, ein riesiger, angreifender Bär und - die schlanke, biegsame Birke lassen wieder die Angstassoziation 'Vater' entstehen. Von diesen beiden Episoden aus ist die nächtliche Begegnung Bobs mit Winnetous Pferd ebenfalls als Erinnerung an schlimme Stunden der Kindheit zu entschlüsseln: Das zweimalige dreifache 'help' (S. 70) verrät höchste Angst, und der folgende Aufschrei benennt das Bedrohliche: "A giant, ein Riese, ein Gespenst, ein Geist wollen Masser Bob erwürgen!" (S. 70) Die Schilderung der Szene: "schlug mit den Vorderhufen nach Bob. Dieser sah ... eine hohe, riesige Gestalt vor sich. Er bemerkte die funkelnden Augen und hörte das drohende Schnauben; einer der Hufe sauste an seinem Kopfe vorüber und im Niederfallenlassen schleuderte ihn das Pferd zur Seite" (70). - kann auch als Bild 'schlagender (betrunkener?) Vater' gelesen werden.

Im Skunkabenteuer ist noch eine zweite Erinnerungsschicht auszumachen. Ich rekonstruiere die Episode in groben Schritten, wobei ich den Text im Hinblick auf die Korrespondenzstelle auswähle: In nahegelegenen 'Steintrümmern' jagt Bob ein Tier. Das Tier beißt sich fest: "'Hast du das Tier?' ... 'Nein, sondern es haben den Masser Bob.'. (S. 138) Bob zieht das Tier heraus: "'Ein Skunk, ein Skunk! Fort, fort, ihr Leute!' ... das amerikanische Stinktier ... lebt von Eiern, kleinen Tieren, wird aber auch dem Hasen gefährlich, geht nur des Nachts auf Raub aus und bringt die übrige Zeit in Erdlöchern und hohlen Bäumen zu. ... 'Kerl, bist du toll! ... Wer kann dir zu nahe kommen! ...' ... 'Sein denn niemand da, kein gut, liebevoll Mensch, der wollen helfen armen Masser Bob?'

*) Alle entsprechenden Stellen auf dieser Seite lauten im "Guten Kameraden": Massa Bob.


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... 'Warum wollen totschießen arm gut Masser Bob?' 'Weil du uns ansteckst, wenn du uns berührst. Lauf schnell fort, am Wasser abwärts hin, möglichst weit, und wirf alle deine Kleider von dir ab"' (S. 138ff).

Diese Textteile erinnern an die 'Abweisungsszene' aus 'Mein Leben und Streben': Die Szenerie: May irrt im Steinbruch umher, er versteigt sich: "Da hatten sie mich fest ...". Er hat Hunger, zieht eine Rübe, hört Stimmen: "Du bist ein Vieh geworden ..." May lebte zu jener Zeit in der sogenannten 'Karl-May-Höhle' im Wald. Die Dialoge: "... fort, fort, fort! ... Um Gottes Willen, laß dich nicht erwischen, vor allen Dingen nicht hier bei uns im Hause ... geh ... wenn es verjährt ist, kommst du wieder!" May berichtet dann, daß er seine schmutzigen Kleider ablegt und einen 'anderen, sauberen Anzug' anlegt, bevor er sich aus dem Haus schleicht (4).

Daß Bob auch diese Erinnerungsschicht anspricht, ist dadurch zu erklären, daß die Verarbeitung der Verletzung der Kinderseele durch den Vater die tiefe Verwundung der Seele des Sohnes durch die Mutter wachrief. Motivlich sind beide Schichten durch das Brandmotiv, das zum einen mit 'Vatervorstellungen' zum anderen aber auch mit der geschilderten Abweisungsszene, "dem Schiffbruch seiner Liebesbedürftigkeit" (5) in Zusammenhang steht, wie Wilhelm Vinzenz nachweist.

Betrachtet man die Abenteuer Bobs in Zusammenhang mit der letzten Aktion des Schwarzen, so verblüfft die 'Stimmigkeit' der Romankonzeption: In den Abenteuern ist Bob der von einem Gespenst (6), einem Riesen Bedrohte - ist Symbol der Kindheitsängste. Nun aber, im großen Befreiungsfinale dreht sich das Bild:

"Sie sahen eine schwarze, riesengroße Gestalt herbeigesprungen kommen, welche einen langen, starken Astknorren in den Fäusten schwang. Diese Gestalt triefte von dem schmutzigen, gelbgrünen Schaume des Flusses und war von einer ganzen Masse verworrener Binsen und halb verfaulten Schilfes behangen. Der brave Bob ... bot also einen Anblick, der ihn kaum als ein irdisches Wesen erscheinen ließ. Dazu sein Gebrüll, seine rollenden Augen, das starke, leuchtende Gebiß, welches er zeigte - ... und da warf er sich auch schon auf sie, brüllend und mit Keule um sich schlagend wie ein Herkules" (S. 219). Hier ist Bob der Riese, das Gespenst. Hier ist er nicht mehr der Bedrohte. Er hat Teil an der allgemeinen Befreiung: "'Hurra! Das ist Bob!' rief Jemmy. 'Der Sieg ist da! Hurra, hurra!'" (219) So wie sich Sohn May (Martin) und Vater zum Schluß erlöst in die Arme fallen, so ist auch das Kind May mit dem Vater versöhnt: "'O Massa, mein lieb, gut Massa Baumann! Endlich endlich haben Masser Bob wieder sein von Herzen geliebten Massa. Nun Masser Bob gleich gern sterben vor Wonne. Nun Masser Bob singen und springen vor Freude und platzen und zerspringen vor Entzücken! O, Masser Bob sein froh, sein glücklich, sein selig!"' (S. 234f) Und auch der Vater vergißt die üble Vergangenheit: "'Ach was, Stinktier! Du bist zu meiner Rettung ausgezogen, und ich muß dich umarmen!'" (S. 235)

Der Roman 'Der Sohn des Bärenjägers' endet mit der Umarmung des schwarzen, 'anrüchigen' Bob, also mit der Versöhnung zwischen Vater/Kind/Sohn (7). Im nächsten Roman, im "Geist des Llano estakata" darf Bob ein noch beglückenderes Ende erleben: Die wiedergefundene Mutter schließt ihren verschollenen Sohn, um den sie viele Tränen vergossen hat, in ihre Arme. Klaus Eggers dazu: "Hier geht Bob geradezu ins Paradies der Kindheit ein" (8). Eine solche Kontinuität der Figur Bob war jedoch m.E. zunächst nicht von May geplant. Bob wird zu Beginn des 'Geist' so vorgestellt:

"Der Schwarze war eine riesige, breitschulterige Figur. Auch er trug Mokassins und dazu indianische Leggins von jener Art, welche aus


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zwei voneinander getrennten Hosenbeinen bestehen, so daß man eigentlich Haut gegen Haut auf dem Pferde sitzt. Das ist aber freilich nur dann von Vorteil, wenn man ohne Sattel reitet. Zu dieser Bekleidung des Unterkörpers wollte freilich diejenige des Oberkörpers nicht recht passen, denn sie bestand aus dem Waffenrocke eines französischen Dragoneroffiziers. Dieses Kleidungsstück war wohl bei der französischen Invasion nach Mexiko gekommen und hatte sich dann auf unbekannten Umwegen auf den Leib des Schwarzen verirrt. Der Rock war dem herkulischen Neger viel zu kurz und viel zu eng; er konnte nicht zugeknöpft werden, und darum konnte man die breite, nackte Brust des Reiters sehen, welcher wohl deshalb kein Hemd trug, weil es im Westen keine Wäscherinnen und Plätterinnen gibt. Dafür aber hatte er ein großes, rot und weiß kariertes Tuch um seinen Hals gebunden und vorn zu einer riesigen Schleife zusammengezipfelt. Der Kopf war unbedeckt, damit man die unzähligen kleinen, fettglänzenden Löckchen, die er sich anfrisiert hatte sehen und bewundern könne. Bewaffnet war der Mann auch mit einem Doppelgewehre, außerdem mit einem Messer, einem irgendwo entdeckten Bajonette und einer Reiterpistole, deren Geburtsjahr jedenfalls auf Anno Tobak zu setzen war"(S. 247f).

Das ist nicht mehr der 'Sliding-Bob'. Wer ihn so nennt, wird zurechtgewiesen: "'Warum schimpfen Massa Bloody Fox gut, brav Masser Bob?' ... 'Jetzt ... Masser Bob reiten wie ein Teufel !'" (S. 253) Indizien der 'Reifung' sind der Waffenrock, der an die Stelle der ärmlicheren Kalikokleidung getreten ist, sind die respektablen Waffen und ist das gute Pferd. Das allerdings immer noch kindliche Gemüt wird durch die riesige rot-weiß-karierte Schleife und den Hinweis auf die Löckchen signalisiert.

Die erste Abenteuerhandlung des Romans wird von Bob eingeleitet: Er beschuldigt Burton, Weller zu heißen und Baumann bestohlen zu haben. Bob versucht, von Helmers davon abgehalten, sofort Maßnahmen gegen Burton zu ergreifen, Burton zu bewachen, was ihm aber wegen des Zwischenfalles mit dem Geier nicht gelingt. Parallelen zu dieser Szene sind in einer Begebenheit des Jahres 1869 zu erkennen: Am 15.6.69 war May in Mülsen St. Jakob in Sachen 'amerikanische Erbschaft' und als Falschgeldfahnder tätig. Bei seiner Verhaftung am 2.7.69 fand man bei ihm ein Schriftstück "'Acta betreffend in Sachen der Erbschaft des Particuliers ...'" das "die Unterzeichnung 'Dresden, am 24. Mai 1869 / Vereinigtes deutsch-amerikanisches Consulat / G.D. Burton, amerikanischer Generalkonsul / Heinrich von Sybel, sächs. General-Consul' (trägt)" (9). Es steht zu vermuten, daß May dieses Schriftstück in Mülsen St. Jakob benutzte. Nach der Verhaftung transportierte man May an die Orte seiner Untaten. Er wurde dort sicher den Geschädigten gegenübergestellt, die gegen ihn zeugten. Gerade nach dem Lokaltermin Mülsen St. Jakob (15.7.) zerbrach May seine Fesseln und entfloh. Was auch immer May diese Szene in Erinnerung brachte, sie dürfte Anregung zur Gestaltung der Eingangsszene auf Helmers Home gewesen sein.

Im weiteren Verlauf des Romans wird Bob nur noch nebenher erwähnt. Erst in der schon besprochenen Wiedersehensszene im letzten Kapitel tritt er wieder in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, allerdings erst auf der vorletzten Seite und auch nur 11 Zeilen lang. War das selbstbereitete Glück so überwältigend, daß die Worte fehlten, es auszumalen?: "Sie ... vermochten längere Zeit ihrem Entzücken nur durch unartikulierte Laute Ausdruck zu verleihen. Es ist nur weniges hinzuzufügen ... " (S. 447).

Zwei Beobachtungen zur Mutter-Sohn-Beziehung des letzten Kapitels möchte ich noch ansprechen. Das Wiegenlied, dessen Quelle bislang noch nicht ausfindig gemacht werden konnte, verdeutlicht das Verhältnis der Mutter May zu ihrem Problem-Kind Karl auf frappierende Weise:


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Mein Liebling, mein Liebling,
mein über alles geliebtes Kind,
meine Freude und mein Lächeln,
mein Leid und meine Träne!

Mein Herzblatt, mein Herzblatt,
mein Leben und mein Stern,
meine Hoffnung und meine Wonne,
mein Gram, meine Sorge!

Die zweite Beobachtung betrifft die Photographie. Sanna fragt Bob: "'Haben du schon einmal sehen dieses Bild mit Sanna und ihr klein Smalling-Bob?'" (S. 447) Bob erkennt auf den ersten Blick, daß er dort mit seiner Mutter abgebildet ist. Aber: Er wurde doch schon als kleines Kind verkauft, konnte also das Bild und das Aussehen der Mutter damals gar nicht so genau wiedererkennen, zumal zuvor gesagt wurde, "daß nur ein sehr scharfes Auge noch zu erkennen vermochte, wen oder was das Bild vorgestellt hatte, nämlich eine Negerin mit einem schwarzen Knäbchen im Arme. Der Kopf des letzteren fehlte ganz; er war hinweggeküßt und von den Thronen hinweggewaschen worden" (S. 426). Der Widerspruch in einer emotional so bedeutsamen Angelegenheit deutet darauf hin, daß die Episode noch ein Geheimnis enthält, das ich allerdings nicht zu enthüllen vermag.

1 Klaus Eggers: Hobble und Ödipus, M-KMG Nr. 57 u. Nr. 58.

2 Klaus Eggers: Ein Abenteuer aus Californien - M-KMG 54, S. 8f und Hobble und Ödipus

3 Wilhelm Vinzenz: Feuer und Wasser - Sonderheft der KMG Nr. 5, S. 51. Vgl. dazu auch die Ergänzungen Ernst Seybolds in M-KMG 48, S. 35.

4 Karl May: Mein Leben und Streben - Reprint der Erstausgabe Freiburg 1910, hgg. v. H. Plaul, Hildesheim, 1975, S. 163ff.

5 Wilhelm Vinzenz, a.a.O., S. 12ff.

6 Die Bedeutung dieser Episode zeigt sich darin, daß die für die Handlung völlig nebensächliche Begebenheit dem ganzen Kapitel den Namen gibt.

7 Meine Ausführungen erwecken den Anschein, als handle es sich um endgültige "Heilungsprozesse", die durch die Arbeit am "Bärenjäger" verursacht wurden. Daß es sich nur um zeitweise wirkende seelische "Beruhigungen" handelt, zeigen die weiteren Romane Mays, die immer wieder auch das Vater-Sohn-Problem ansprechen.

8 Klaus Eggers - Hobble und Ödipus, M-KMG Nr. 57 und Nr. 5A.

9 Zitiert nach Hans Wollschläger: Karl May, Zürich, S. 41.


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TOBIAS PREISEGOTT BURTON ist einer der zentralen Erzschurken, die so oft den eigentlichen Mittelpunkt mayscher Romane ausmachen. Auch in 'Der Geist des Llano estakata' ist der Böse die Figur, auf die sich alle Aktivitäten beziehen und von dessen Handlungen alle übrigen Personen direkt (als Opfer seiner Verbrechen) oder indirekt (als Helfer der Opfer) betroffen sind. Das ist insofern nicht verwunderlich, als die Bösewichter in Mays Romanen stets Teilaspekte des Autors sind, also Gegenstand von Mays Versuchen, die dunkle Vergangenheit zu bewältigen.

Tobias Preisegott Burton "war durchaus in schwarzes Tuch gekleidet und trug ein kleines Päckchen in der Hand. Seine lange Gestalt war sehr schmal und engbrüstig, sein Gesicht hager und spitz. Der hohe Chapeau claque, welcher ihm tief im Nacken saß, gab ihm, zumal er eine Brille trug, im Verein mit dem dunklen Anzuge das Aussehen eines Geistlichen" (S. 262) (1).

Eine gewisse Ähnlichkeit mit dem jungen May ist nicht abzustreiten, und auch die Verbrechen Burtons - er bestahl unter dem Namen Weller den Bärenjäger Baumann; als Stealing-Fox beraubte und versengte er Ben New-Moon; er ist der Anführer der Llano-Geier, die ungezählte Raubmorde auf dem Gewissen haben; und er ist der Mörder der Eltern Bloody Fox' - diese Verbrechen sind mit Mays, allerdings erheblich harmloseren Untaten verwandt: Mit und bei seinen Betrügereien hat May Geld unrechtmäßig an sich genommen, hat Menschen in die Irre geschickt, hat sich für jemand anderen ausgegeben als er war und ist nach einer Identifizierung entflohen.

Über "den berüchtigten Spitzbuben" Stealing-Fox erfahren wir: "Der Kerl hieß Henry Fox, wenigstens nannte er sich so. Ob dies sein wirklicher Name war, weiß ich nicht, denn es ist zu vermuten, daß er sich verschiedener Namen bedient hat. Wo er auftauchte, war kein Mensch seines Pferdes (!), seiner Biber(!)fallen, überhaupt seines Eigentums sicher, und niemals gelang es, ihm das Handwerk zu legen, denn er entwickelte eine Schlauheit, welche geradezu ihresgleichen suchte. Er verschwand stets so schnell, wie er gekommen war" (S. 393, Ausrufezeichen von mir). Auffallend an dieser Beschreibung ist der Name Henry, der darauf hindeutet, daß dunkle Erinnerungen unterschwellig - und sei es auch noch so vage - immer auch mit dem Vater (Heinrich) in Verbindung gebracht werden.

Die Nähe der Straftaten Mays zu der Figur Burton wird besonders deutlich durch den Namen, der die zeitliche Einordnung der zu bewältigenden Erinnerung ermöglicht, und durch Burtons Vorgabe, Heiliger der letzten Tage zu sein: Auch May trat als angeblicher Dr. Heilig auf.

Der in Mays Werk häufiger vorkommende Name Burton (vgl. hierzu auch meine Ausführungen zu Bob) ist mit zweifacher Bedeutung beladen: Er repräsentiert die Erinnerung an schmerzlich unerfüllte Hoffnungen auf eine Chance zum neuen Leben in Amerika, und er ist behaftet mit dem Geruch ungesetzlicher Machenschaften, die May mit dem Mißbrauch dieses Namens betrieb.

Im Mittelpunkt der Handlung des "Geist des Llano estakata" steht das Verbrechen, das Burton als Stealing Fox an Bloody Fox und seinen Eltern beging. Auch hier ist eine Paralelle zu Mays Leben zu ziehen: Burton ermordet Bloody Fox' Eltern und fügt Bloody Fox eine schwere Wunde zu: Der auf die schiefe Bahn geratene May hat seinen Eltern größten Schmerz zugefügt und dem hochstrebenden jungen Karl May eine nicht mehr tilgbare seelische Narbe, das Mal des Zuchthäuslers, geschlagen.

Burtons Ende - er bricht sich beim Erreichen der Oase den Hals - paßt in die symbolische Deutung, die ich zu Beginn dieser Arbeit für den gesamten Roman vorgeschlagen habe: Die bedrohliche Vergangenheit dringt in die Oase - Symbol der "guten " Werke, der Phantasiewelt Mays - vor, aber dort wird mit ihr abgerechnet. Nicht im Sinne einer Rache, sondern im Sinne der Bewältigung; die Hetze durch den


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Roman, durch die Phantasie nimmt der Vergangenheit die Kraft, sie stürzt von selbst, bricht sich den Hals von alleine. (Siehe auch S. 12 und den Artikel BOB.)

37 Zum Requisit "Zylinder" siehe meine Ausführungen zu den Snuffels.


CORTEJO, Carlos und Emilio - Llano-Geier

(Siehe S. 12, auch W.-D. Bach: Fluchtlandschaften in Jb-KMG 1971 - S. 68.)


Der LANGE DAVY und der DICKE JEMMY gehören zu den bei May häufig vorkommenden Westmannpaaren. Sie lernten sich dadurch kennen, daß Davy von Jemmy aus der Gefangenschaft einiger Sioux befreit wurde. Vorläufer im Werk Mays sind die 'two Sams' - Sam Thick und Sam Thin - der Erzählung 'Die Both Shatters'.

Davy, dem langen, widmet May eine auffallend lange Beschreibung (was unter anderem darauf zurückgeführt werden kann, daß May sich - wie stets zu Beginn eines Romans - in die Atmosphäre eines Handlungsraumes langsam hinversetzt):

"Weit über sechs Fuß hoch, war die Figur ... fast beängstigend dürr". Er sitzt auf "einem niedrigen, scheinbar schwachen Maultiere" und benötigt keine Bügel, "denn seine großen Füße hingen so weit herab, daß es von ihm nur einer kleinen, seitlichen Bewegung bedurfte, um mit dem einen oder dem anderen Fuße den Boden zu erreichen, und zwar ohne dabei aus dem Sattel zu kommen. Freilich war von einem wirklichen Sattel ... keine Rede ... der Dürre hatte eine alte Santillodecke untergelegt, welche aber so arg zerfetzt und zerrissen war, daß er eigentlich auf dem bloßen Rücken seines Maultieres saß.

Der Lange trug eine Lederhose, die jedenfalls für einen viel stärkeren Mann zugeschnitten und gefertigt worden war. Sie war ihm viel, viel zu weit. Unter dem abwechselnden Einflusse von Wärme und Kälte, von Trockenheit und Regen war sie außerordentlich eingegangen und zusammengeschrumpft, leider aber nur in Beziehung auf ihre Länge, und so kam es, daß die unteren Säume der Hosenbeine dem Träger kaum bis über die Kniee reichten. ... Die nackten Füße steckten in ganz unbeschreiblichen Lederschuhen. Sie hatten ganz das Aussehen, als ob sie bereits von Methusalem getragen worden seien und als ob seitdem ein jeder Besitzer einige Lederstücke aufgeflickt habe. ... Der hagere Leib des Reiters steckte in einem ledernen Jagdhemde, welches weder Knopf noch Heftel hatte und also die braune Brust unbedeckt ließ. Die Ärmel reichten nur wenig bis über die Ellbogen vor, von wo aus die sehnigen, fleischlosen Vorderarme zu sehen waren. Um den langen Hals hatte der Mann ein baumwollenes Tuch geschlungen... Das Kapitalstück des Anzugs war ... der Hut, der auf dem hohen, spitzen Kopfe saß. Er war früher einmal grau gewesen und hatte diejenige Gestalt gehabt, welche von unehrerbietigen Leuten "Façon Angströhre" genannt wird. Vielleicht hatte er vor undenkbaren Zeiten den Kopf eines englischen Lords gekrönt; dann aber war er auf der Schicksalsleiter unaufhörlich abwärts gestiegen und endlich in die Hände des Präriejägers gekommen. Dieser besaß nun keineswegs den Geschmack eines Lords von Altengland; er hielt die Krempe für sehr überflüssig und hatte sie daher einfach abgerissen. Nur vorn hatte er ein Stück gelassen, teils zur Beschattung seiner Augen und teils als Handhabe, um die Kopfbedeckung bequem abnehmen zu können. Außerdem hatte er die Meinung, daß der Kopf eines Prairiemannes auch der Luft bedürfe, und so hatte er mit seinem Bowiemesser verschiedene Stiche in den Deckel und die Seiten des Hutes gemacht, so daß nun im Innern desselben der West- und 0st, der Nord- und Südwind einander "guten Tag" sagen konnten.


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Als Gürtel trug der Lange einen ziemlich dicken Strick, den er einigemal um seine Taille geschlungen hatte. In demselben steckten zwei Revolver und das Bowiemesser. Außerdem hingen daran der Kugelbeutel, eine Tabaksblase, eine zusammengenähte Katzenhaut, zur Aufnahme des Mehles bestimmt, das Prairiefeuerzeug und noch verschiedene andere Gegenstände, deren Bestimmung für jeden Uneingeweihten ein Rätsel war. Auf der Brust ruhte, an einem Riemen hängend, die Tabakspfeife - aber was für eine! Sie war das eigene Kunstwerk des Jägers, und da er sie schon längst bis vor den Kopf abgebissen hatte, so bestand sie jetzt nur noch aus dem letzteren und einem Holunderstück, aus welchem das Mark entfernt worden war, um es hohl zu machen. Der Lange hatte nämlich als sehr leidenschaft1icher Raucher die Gewohnheit, das Rohr zu kauen, wenn ihm einmal der Tabak für längere Zeit ausgegangen war.

... er trug außerdem noch ein Stock, welches sich nicht jedermann beschaffen kann, nämlich einen Gummimantel, und zwar einen echt amerikanischen, nämlich von der Sorte, welche gleich beim ersten Regen auf die halbe ursprüngliche Länge und Weite zusammenschrumpft Weil er ihn aus diesem höchst einfachen Grunde nicht mehr anziehen konnte, hatte er ihn wie eine Husarenjacke höchst malerisch an einer Schnur um die Schultern gehängt. Außerdem trug er ein zusammengeschlungenes Lariat (Lasso), welches von seiner linken Achsel nach der rechten Hüfte herabhing. Vor sich, quer über die Beine gelegt, hatte er eine Büchse in der Hand, eine jener langen Rifles, mit denen der erfahrene Jäger niemals sein Ziel verfehlt.

Wie alt dieser Mann war, das konnte man ihm unmöglich ansehen. Sein hageres Gesicht zeigt unzählige Falten und Fältchen, und doch hatte es einen beinahe jugendlichen Ausdruck. Aus jedem Fältchen schien ein Schälkchen, aus jeder Falte ein Schalk herauszublicken. Das Gesicht war trotz dieser Runzeln und Runzelchen und trotz der unwirtlichen Gegend, in welcher er sich befand, vollständig glattrasiert ... Die großen, himmelblauen, weit geöffneten Augen hatten jenen scharfen Blick, den man bei Seeleuten und Bewohnern weiter Ebenen zu beobachten pflegt, und doch hätte man diesen Blick gern mit dem Ausdrucke "kindlich-treu" bezeichnen mögen" (3ff).

Mit bürgerlichem Namen heißt der lange Davy David Kroners. Er wird als "Vollblut Yankee" (S. 6) bezeichnet, der erst durch den Einfluß Jemmys seine inhumanen Ansichten über die Indianer änderte (S. 9). Davy spricht wenig; May nennt als Eigenart, daß er stets 'Ay' statt 'Yes' sagt. An der Handlung hat Davy nur wenig Anteil; er steht im Schatten Jemmys.

Für eine Deutung dieser Figur sind Name, Zylinder und Rauchleidenschaft Anhaltspunkte. Der nahezu identische Name 'Kroner' taucht in Mays Werk mehrfach auf: 1878 in der Erzählung 'Ein Self-man' heißt eine Mulattin, die Geliebte Tim Summerlands, Betty Kroner; in den späteren Fassungen dieser Geschichte - 1879 'Three carde monde' und 1894 Old Surehand II, Kap. 1 - trägt der Held (der dem langen Davy äußerlich sehr ähnlich ist) den Namen Tim Kroner. In allen drei Fassungen ist an den Namen Kroner eine unglückliche Liebesgeschichte geknüpft. Die Geschichte der Erstfassung läßt an die "Anna-Pressler-Episode" denken, die sich zu Mays Seminarzeit abspielte (1). Das Kapitalstück der Ausrüstung Davys, dem May einen ganzen Abschnitt widmet, ist ein arg demolierter Zylinderhut. Die an diese Kopfbedeckung geknüpfte Scherzbezeichnung "Angströhre" beschwört die Assoziation "Prüfung" herauf: In 'Mein Leben und Streben' (S. 103) erzählt May, daß für die Abschlußprüfung im Lehrerseminar ein Frack gekauft werden mußte. Dazu war auch ein Zylinder gefordert (2). Der Bezeichnung "Angströhre" folgt die bedeutungsschwere Passage: "dann war er auf der Schicksalsleiter unaufhörlich abgestiegen", eine Bemerkung, die auf den jungen May nach seinem Examen leider nur allzu gut übertragbar ist. Auch die Anmerkung, daß Davy ein "sehr leidenschaftlicher Raucher" ist und eine verstümmelte Ta-


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bakspfeife bei sich führt, läßt sich auf die Seminarzeit beziehen, da man May anläßlich einer Durchsuchung im Rahmen der Talglichtaffäre ein Zigarrenpfeifchen abnahm und herausbekam, daß May entgegen dem Rauchverbot im Seminar des öfteren rauchte (3).

Die Anhaltspunkte für eine Entschlüsselung des langen Davy sind recht knapp. Doch glaube ich, daß in David Kroners Erinnerungen an die Seminarzeit anklingen.

Den DICKEn JEMMY, den aktiveren Teil des Duos, beschreibt May weniger aufwendig: Er "(war) bedeutend kleiner (sc. als Davy), dabei aber so dick ..., daß sein Leib beinahe die Gestalt einer Kugel angenommen hatte... der Kleine ritt einen sehr hoch gebauten, starkknochigen Klepper ... Daher kam es, daß die Lederriemen, welche dem Dicken als Steigbügel dienten, nicht einmal die Bauchlinie des Pferdes erreichten ..." (S. 3). Der 'Sattel' "des Kleinen bestand sehr einfach aus dem Rückenstücke eines erlegten Wolfes, an welchem das Fell gelassen worden war'' (S. 3). Jemmy trägt stets - auch bei größter Hitze - einen Pelz: "Freilich ... zeigte es sich, daß der ... ganz bedenklich an hochgradiger Haarlosigkeit litt. Es gab nur stellenweise ein kleines, lichtes Büschel ... Selbst Kragen und Aufschläge waren so sehr gelichtet, daß es mehr als thalergroße nackte Stellen gab. Unter diesem Pelze blickten rechts und links riesige Aufschlagstiefeln hervor. Auf dem Kopfe trug der Mann einen breitrandigen Panamahut, der ihm viel zu weit war, so daß er ihn, um nur aus den Augen sehen zu können, weit in das Genick hinunter schieben mußte. Die Aermel des Pelzes waren so lang, daß man die Hände nicht sehen konnte. So war also das Gesicht des Reiters das einzige, was man von ihm sah; aber dieses Gesicht war es auch wert, daß man es genau betrachtete.

Es war ... glatt rasiert; keine Spur von Bart war zu sehen. Die roten Wangen waren so voll, daß das Näschen nur einen fast erfolglosen Versuch machen konnte, zwischen ihnen zur Geltung zu kommen. Ebenso erging es den kleinen, dunklen Aeuglein, die zwischen Brauen und Wangen tief versteckt lagen. Ihr Blick hatte einen gutherzig-listigen Ausdruck. Ueberhaupt stand auf dem ganzen Gesicht geschrieben: 'Schau mich mal an! Ich bin ein kleiner, prächtiger Kerl, und mit mir ist sehr gut auszukommen, aber brav und verständig mußt du sein, sonst hast du dich in mir verrechnet ..." (S.5f). Unter dem Pelz "(trug) er eine blauwollene Hose und eine ebensolche Bluse. Um seine starke Taille war ein Ledergürtel geschnallt, in welchem außer den Gegenständen, welche auch der Lange besaß (Guter Kamerad: auch ein indianischer Tomahawk), noch ein indianischer Tomahawk steckte. Den Lasso hatte er vorn am Sattel hängen und dabei eine kurze, doppelläufige Kentuckybüchse, der man es ansah, daß sie schon in gar manchem Kampfe als Angriffs- oder Verteidigungswaffe gedient hatte "(S. 6).

Der dicke Jemmy heißt eigentlich Jakob Pfefferkorn. Er stammt aus Deutschland und befindet sich seit "fast dreißig Jahren in der Savanne" (S. 11). Über den Auswanderungsgrund erfährt man nichts, wohl aber, daß Jemmy in Deutschland drei Jahre lang ein Gymnasium besucht hat (S. 28). In die Abenteuerhandlung greift der dicke Jemmy nur zu Beginn des Romans ein, indem er das Gespräch mit dem Pferdedieb Walker und mit Wokadeh führt. Später tritt er noch durch die Erzählung seiner zwei Bärenabenteuer hervor. Seine eigentliche Funktion im Roman ist didaktischer Art: Er bildet das Gegenstück zum Hobble Frank, berichtigt dessen verdrehtes und verworrenes Bildungsgut und provoziert dadurch humorvolle Szenen.

Der Name Pfefferkorn verweist auf einen Schulfreund Karl Mays: Carl Ludwig Ferdinand Pfefferkorn, geboren am 5.8.1841 in Ernstthal als Sohn eines Meisters (Bäckermeister? vgl. S. 27). Pfefferkorn war Barbiergeselle, wanderte 1859 (1887: fast dreißig Jahre!) in die Vereinigten Staaten aus und läßt sich dort ab 1883 als Arzt


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nieder (4). Die Bilder Pfefferkorns im Klußmeier-Plaul-Bildband (S. 129, 252, 253, 256) lassen eine gewisse Ähnlichkeit mit der Beschreibung des dicken Jemmy erkennen. Insbesondere, daß Pfefferkorn nicht groß war: S. 256: Der kleine May ist noch gut einen halben Kopf größer.

In der rundum positiv gezeichneten Figur des "Dicken Jemmy" hat May seinem Jugendfreund ein Denkmal gesetzt. Eine nebenher fallende Bemerkung - "In der Prairie ... wird nicht nach dem Geburts- und Taufschein gefragt; da erhält ein jeder sehr bald einen Namen, der seinen Erlebnissen oder Eigenschaften entspricht und auch sehr bald weiter verbreitet wird" (S. 6) - deutet darauf hin, daß die Erinnerung an Pfefferkorn May an die eigenen gescheiterten Auswanderungspläne (1869) wehmütig denken läßt. Auch Erinnerungsfetzen an die "Eigenschaften-Namen" (Dr. Heilig, Hermes), die (auf Steckbriefen) verbreitet wurden, tauchen auf. Ob auch der Pelz Jemmys in diesen Zusammenhang gehört, kann nur vermutet werden.

Die von Jemmy erzählten Bärengeschichten zeigen, daß die Verarbeitung eigner biographischer Erlebnisse mehr und mehr die Reminiszenz an den Jugendfreund überlagert: "Ich hielt euch bis jetzt für einen ehrlichen Kerl" (S. 181), sagt Old Shatterhand zu Jemmy.

Im Roman 'Der Geist des Llano estacado' spielen Jemmy und Davy keine Rolle mehr, sie sind lediglich Mitläufer.

1 Vgl. Ludwig Patsch: Karl Mays erste Liebe in KMJB 1979, Bamberg/Braunschweig 1979, S. 190.

2 Karl May: Mein Leben und Streben, a.a.O., S. 103. Vgl. auch Klaus Hoffmann: 'Nach 14 Tagen entlassen' im Jb-KMG 1979, S. 338ff.

3 Klaus Hoffmann: Der 'Lichtwochner' am Seminar Waldenburg, Jb-KMG 1976, S. 97.

4 Vgl. F. Maschke: Karl Mays Schulfreund Pfefferkorn, M-KMG 41.


FEUERHERZ (Kanteh-pethah) - Medizinmann der Upsarokas. (Siehe S. 8f.)

FOX, Henry - siehe Burton.


HOBBLE-FRANK ist von May speziell für die in Nordamerika spielenden Jugendromane geschaffen worden. Erich Heinemann vergleicht ihn mit Hadschi Halef Omar (1); wie dieser ist der Hobble-Frank ein Aufschneider, ein Prahler - aber eben auch ein liebenswürdiger: Seine Marotte, sich für eine umfassend gebildete Kapazität zu halten, verleiht ihm über seine moralische Integrität hinaus eine menschliche Note, die ihn zu den beliebtesten Kindern der Mayschen Phantasie werden ließ.

Hobble-Frank "war ein kleiner, schmächtiger Mann, dessen Gesicht von einem dichten, schwarzen Vollbarte umrahmt war. Er trug indianische Schuhe und Lederhosen und dazu einen dunkelblauen Frack, welcher mit hohen Achselbuffen, Batten und blank geputzten Messingknöpfen versehen war. Dieses letztere Kleidungsstock stammte wohl aus dem ersten Viertel des gegenwärtigen Jahrhunderts. Damals wurde ja ein Tuch fabriziert, welches für eine Ewigkeit gemacht zu sein schien. Freilich war der Frack außerordentlich verschossen und an den Nähten fleißig mit Tinte aufgefärbt, aber es war noch kein einziges Löchlein darin zu bemerken. Solchen alten Kleidungsstücken begegnet man im "far West" sehr oft. Dort geniert es keinen, ein altmodisches Habit zu tragen, denn bei den dortigen Verhältnissen gilt der Mann mehr als das Kleid.

Auf dem Kopfe trug der kleine Mann einen riesigen schwarzen Amazonenhut, den eine große, gelb gefärbte, unechte Straußenfeder


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schmückte. Dieses Prachtstück hatte jedenfalls vor Jahren irgend einer Lady des Ostens gehört und war dann durch ein launenhaftes Schicksal nach dem fernen Westen verschlagen worden. Da seine außerordentlich breite Krämpe sehr gut gegen Sonne und Regen schützte, so hatte sich der jetzige Besitzer gar keine Skrupel gemacht, ihm die gegenwärtige Bestimmung zu geben. Bewaffnet war das Männchen nur mit Büchse und Messer" (S. 24ff).

Im "Geist des Llano estakata" wird die gleiche Beschreibung gegeben, ergänzt durch den Satz: "Die langen Schöße (sc. des Frackes) hingen flügelartig rechts und links an den Seiten des Pferdes hernieder" (S. 247).

Dieses Männchen könnte einem Gemälde von Spitzweg nachempfunden sein, auf dem Szenen "aus dem ersten Viertel des gegenwärtigen Jahrhunderts" liebenswürdig dargestellt werden. Der gleichen Zeit entstammt der Frack des Hobble-Frank. Dem zeitlichen Hinweis entsprechen die symbolischen Zeichen: die Farben blau und gelb und die Feder am Hute lassen deutlich die Assoziation "Romantik" entstehen. Durch die Feder und die mit Tinte (!) gefärbten Nähte des Frackes wird das Bild komplett: Ein romantischer Dichter stellt sich vor. Die Ergänzung im "Geist" bestätigt das. Der Dichter reitet standesgemäß ein geflügeltes Pferd. Daß es sich beim Hobble-Frank um ein Selbstporträt Karl Mays handelt ist, evident. Interessant ist jedoch, wie May sein Dichtertum darstellt: Wenn der Hobble-Frank auch ein lieber Kerl ist, so ist er doch keinesfalls - und das macht ihn so liebenswürdig - eine Idealfigur. Er wendet seine Geisteskraft und seine Beredheit nicht im rechten Sinne an: Er verdreht Daten und Fakten. Ob May das Bild bewußt selbstironisch gestaltet hat, ist nicht auszumachen, doch sind die "hängenden Flügel" des Pegasus ein überaus gelungenes Bild.

Franks Gehbehinderung muß zur Abrundung der Deutung noch in Betracht gezogen werden. Er wurde angeschossen, und zwar in Zusammenhang mit einem Diebstahl: Die Beschreibung dieser Episode enthält biographische Spuren: Eine Uhr wird unnötigerweise erwähnt ("Wenn wir eene Uhr gehabt hätten"), es geht um einen Handel mit Biberfellen ("Ehen brilliantes Geschäft") und Frank bemerkt: "ersucht nach Monaten habe ich den Fuß wieder gebrauchen können, aber der Hobble Frank bin ich geworden."

Fazit: Frank ist der mit Phantasie begabte May, der wegen seiner Verurteilung (Verwundung) am Fortkommen gehindert wurde und seine Talente an ungeeigneten Objekten (Straftaten) übt.

Über diese "allgemein-biographische" Deutung hinaus sind spezielle Bezüge zu Mays Leben und Wirken festzustellen:

1. Klaus Eggers hat sich mit der psychologischen Dimension der Figur in seiner Arbeit "Hobble und Ödipus" eingehend auseinandergesetzt.

2. Hobble-Franks Lebensgeschichte (S. 28 f) ist aller Verschlüsselung zum Trotz als Mays Schicksal erkennbar: Er ist Sachse, geboren in der Mitte zwischen Pirna und Meißen (= Dresden), "und nachhero schpäter hab' ich ganz in derselbigen Gegend meine Karriere angefangen." Frank war Forstgehilfe in Moritzburg: "Ehen wirklich angeschtellter Beamter ... mit zwanzig Thaler Monatsgage. Mein bester Freund war der dortige Schulmeester (Guter Kamerad: Schulmeister) ... Dort hab' ich mir eene ganz besondre allgemeene (Guter Kamerad: allgemeine) Bildung angeeignet." Bei einer Wirtshausdiskussion über die Aussprache des Wörtchens "mehrschtenteels" geriet Frank in Rage, da seine Kundigkeit nicht anerkannt wurde:

"Jetzt freilich gab es verschiedene Szenen ohne Kulissen, und das Ende war, daß ich wegen Schtörung der öffentlichen Unruhe und wegen Verletzung eenes (Guter Kamerad: eines) beabsichtigten Körpers in Anklagezuschtand versetzt wurde. Ich sollte beschtraft und abgesetzt werden. Die Beschtrafung und Absetzung hätte ich mir wohl


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gefallen gelassen, aberst daß ich ooch (Guter Kamerad: auch) meine Anschtellung verlieren sollte, das war mir zu viel; das konnte ich nich (Guter Kamerad: nicht) verwinden. Als ich die Schtrafe und die Absetzung überschtanden hatte, ging ich auf und davon."

Franks Bärengeschichten (S. 129 f) (2) haben Klaus Eggers (a.a.O) und ich (vgl. S. 7 f) an Ereignissen der Münchmeyer-Zeit festzumachen versucht.

3) Durch beide Romane ziehen sich biographische Einsprengsel in Hobble-Franks Äußerungen und in Aussagen über ihn. Die wichtigsten davon liste ich (eine Vorarbeit von Hedwig Pauler benutzend) auf:

Der Sohn des Bärenjägers:

S. 109: "Hören Sie, Herr Pfefferkorn, es is sehre gut, daß wir noch keene Brüderschaft mitnander gemacht haben, denn jetzt würde ich sie off der Schtelle wieder offheben (Guter Kamerad: aufheben), und das wäre doch eene Blamage und Ehen ewiger Schandfleck für Ihr bürgerliches Wappenschild."

S. 111: "Die Quellen meiner Kenntnisse fangen an zu schprudeln und zu schpritzen, daß es zum Erschtaunen is. Ich wundre mich manchmal über mich selber, wenn ich so höre, was für Schätze in mir schtecken ... Dieser ganzen Wissenschaft bin ich weit überlegen. Ich schpiele mehrschtenteels bloß noch mit ihr."

S. 129: "Ich hatte ersucht in verschiedenen Schätzten Verschiedenes getrieben und mir een kleenes Sümmchen geschpart. Damit wollte ich eenen Handel nach dem Westen anfangen ..."

S. 136: "das Schicksal schreitet schnell, und jeglicher Unverschtand findet seine gerechte Schtrafe, und wem nich schon das Morgenrot zum frühen Tode geleuchtet hat, der kann dann am Nachmittage bereits an der Ahornzuckerkrankheet verscheiden."

"Das ist eine sehr ernste Nutzanwendung," sagte Old Shatterhand. "Sie macht Ihnen alle Ehre. Ueberhaupt habe ich die Bemerkung gemacht, daß Sie sehr interessant zu erzählen verstehen. Ich habe noch keinen gehört, dem es so wie Ihnen gelungen wäre, den Stoff in ein so geistreiches Gewand zu kleiden."

"Is das etwa een Wunder? Denken Sie an den Moritzburger Schulmeester, der sein ganzes, außerordentliches Wissen off mich übertragen hat, und denken Sie ooch an die Leihbibliothek und an die Lieferungswerke, deren treuer Abonnent ich gewest bin! Dazu war ich zweeter Tenor in unserem Gesangvereine und Schpritzenführer bei der freiwilligen Feuerwehr und Rettungsschar. Und ooch schpäter hab' ich schtets die Ohren geschpitzt, wo und wenn es was zu lernen gab. Unter solchen Umschtänden wird man klassisch, ohne daß man's selber merkt ...

Der Geist des Menschen muß nach oben schtreben, denn nur dort zwischen den Schternen hören die zeitlichen und unterirdischen Kalamitäten off. Leider muß sich selbst eene ideale Natur, wie ich bin, mit ordinären Dingen befassen. Das is der Kampf ums Dasein."

S. 155: "Off die Kunst (Guter Kamerad: KunschtJ und off die Wissenschaft lasse ich eemal nichts kommen. Diese beeden sind mein tägliches Brot, mein Anfang und mein Ende ... "

S. 184: "... er hat ein ganz entschiedenes Pech. Was er am besten anzufangen meint, das gelingt ihm am allerwenigsten. Solche Unglücksvögel sind die besten Geschöpfe, aber man muß sie meiden."


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Der Geist des Llano estakata:

S. 266: "Die höhere, intensive Forschtwissenschaft war die Leiter, off welcher ich mit Armen und Beenen emporgeklimmt wäre, wenn mich nich mein Fatum hinten angepackt und herüber nach Amerika gezogen hätte. Ich habe es glücklicherweise nich zu bereuen, daß ich der Schtimme des Schicksales mein musikalisches Gehör geschenkt habe. Ich bin von den zwölf Musen emporgehoben worden off diejenige Zinne der subtellurischen Gesittung, off welcher dem Eingeweihten alles Niedrige wurscht und schnuppe is."

S. 273: "Ich will's ja gern zugeben, daß mir die reenen Herkulesse und Minotaurusse gewesen sind, aberst mehr, als wahr is, das laß ich mir nich gern nachsagen. Den Helden ziert die Tugend der rückhaltlosesten Bescheidenheet. Darum muß ich alles Hinzugefügte offs schtrengste von mir abweisen und mich mit dem Krönungsmantel meiner eegenen persönlichen Würde und Vorzüglichkeet begnügen. Wenn man das nich thäte, so getraute es sich zuguterletzt keen Mensch mehr, mit unsereenem zu schprechen und zu reden."

S. 276: "'Sogar in der Dichtkunst sind Sie unser Meister. ...'" "' ... Bei mir kommen die Jamben eben nur so gesäuselt. ... ich weeß doch, wer ich bin, und denke im Schtillen bei mir: Ubi bene, ibi patria, zu deutsch: Ohne Beene kann man nich aus dem Vaterlande"'. (Ubi bene, ibi patria: Wo es mir gut geht, da ist mein Vaterland)

S. 347: "Juvenis mendax, homo fur". Die korrekte Ubersetzung lautet: Als Jugendlicher ein Lügner, als Mann ein Dieb.

S. 382: "In der Lehre von den Luftspiegelungen bin ich der bedeutendste unter den Meestern."

S. 448: "Schpäteren Geschlechtern bleibt's dann vorbehalten, mich und den Geist in Eisen zu gießen oder in Marmor zu hauen, damit mein Name hier ebenso in goldenen Lettern schtrahlt, wie droben im Nationalparke, wo hoffentlich bald die Welt mein Monument beschtaunt!"

Die Figur Hobble-Frank hat in beiden Romanen die dramaturgische Funktion, durch spaßhafte Äußerungen Entspannungszonen zwischen den Spannungsszenen zu schaffen. Gleichzeitig vermittelt er mit den (damals für Gymnasiasten) durchschaubaren Verdrehungen und Verwirrungen Wissen. In die Handlung selbst greift der Hobble-Frank kaum ein: Nur im Finale des "Bärenjägers" steht er für kurze Zeit im Mittelpunkt des Abenteuergeschehens. Im "Geist des Llano estakata" tritt er als Westmann gar nicht in Erscheinung, nur als Humor- und Bildungslieferant.

1 E. Heinemann; Einleitung zum Gute-Kamerad-Reprint der KMG.

2 Die erste Bärengeschichte (s.S. 6 f dieser Arbeit) hat May nicht in die Buchausgabe übernommen. In den M-KMG Nr. 28 hat Wilhelm Vinzenz sie veröffentlicht.


HOFMANN, Jim und Tim siehe SNUFFELS

HONG-PEH-TE-KEH siehe "Schwerer Mokassin".

JEMMY ('der dicke Jemmy', Jakob Pfefferkorn) siehe DAVY.


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JUGGLE FRED, ein Deutscher, ist eine "auffallende Erscheinung. Das erste, was man an ihm bemerkte, war ein bedeutender Höcker, welcher seine sonst wohlgegliederte Gestalt verunzierte. Sein Körper war von mittlerer Größe und sehr kräftig gebaut, nicht kurzleibig, engbrüstig und langarmig, wie es bei den meisten Buckeligen der Fall zu sein pflegt. Sein rundes, volles, glatt rasiertes Gesicht war tief gebräunt, aber auf der linken Seite arg zerrissen, als ob da einmal eine fürchterliche Wunde kunstwidrig zusammengeflickt worden sei. Und sonderbarerweise waren seine Augen ganz auffallend verschieden gefärbt, denn das linke war vom schönsten Himmelblau, während das rechte die tiefste Schwärze zeigte. Er trug hohe Büffelkalbstiefel von braunem Leder mit großräderigen mexikanischen Sporen, schwarze Lederhose mit eben solcher Weste und darüber ein blusenartiges Wams von starkem blauem Tuchstoffe. Um seine Lenden war ein breiter Ledergürtel geschnallt, welcher einer sogenannten Geldkatze glich und neben den Patronen, dem Messer und einem Revolver von bedeutendem Kaliber allerhand Kleinigkeiten enthielt, deren ein Westmann so notwendig bedarf. Weit über die Stirn herein, so daß man diese gar nicht sehen konnte, saß eine ziemlich neue Bibermütze, von welcher der präparierte Schwanz des betreffenden Tieres hinten bis über den Nacken hernieder hing. Hätte der Mann den Höcker nicht gehabt, so wäre seine Erscheinung eine kräftig angenehme, ja vielleicht eine imponierende gewesen" (S. 270 f). Anhaltspunkte für eine Deutung des Juggle Fred sind neben den verschiedenfarbigen Augen der Höcker und die Gesichtsnarbe. Höcker und Narbe symbolisieren Verunstaltung, Behinderung: man braucht keine tiefschürfenden psychoanalytischen Theorien zu bemühen, um vom Äußeren des Bildes auf das Innere des Originals zu schließen: Ist es doch bei Karl May durchgängig so, daß die innere Qualität seiner Figuren sich im Äußeren widerspiegelt. Im Juggle Fred sind demnach ungute Charakterzüge verkörpert. Den körperlichen Blessuren entspricht der abwärts führende Lebenslauf: "Erst besuchte ich das Gymnasium ... 'Also so eene kleene Art von Schtudium haben Sie ooch durchgemacht?' Ja. Vom Gymnasium weg widmete ich mich auf den Rat meiner Gönner hin der Malerei (1) und besuchte die Akademie. Ich hatte recht gute Anlagen, aber leider keine Ausdauer. Ich ermüdete und stieg von der wirklichen Kunst zu einer sogenannten herab - ich wurde Kunstreiter" (S. 276 f). Hier darf man übersetzen: Ich besuchte das Seminar, hatte gute Anlagen, mußte aber leider die Lehrertätigkeit aufgeben und stieg von der wirklichen pädagogischen Tätigkeit zu einer minderen herab: ich wurde Rezitator, Hauslehrer. - Doch damit nicht genug; aus dem Kunstreiter wird der Juggle Fred: "ein anerkannter Gauner ... Sein Name muß es Euch ja schon sagen: Er treibt allerlei betrügerische Künste und ist als falscher Spieler weit und breit bekannt" (S. 325). Nomen est omen: to juggle heißt "gaukeln, betrügen"; Fred ist die Kurzform von Friedrich - (Karl) Friedrich, der Betrüger, der "Hunderte von Kunststücken zu machen versteht, über welche man in das größte Erstaunen geraten kann" (S. 269), gibt sich die Ehre: "Ich war ein flotter Kerl, aber ohne Kraft und inneren Halt. Mit einem Worte, ich war leichtsinnig. Tausend und tausendmale habe ich es bereut. Was könnte ich heute sein, wenn ich es fest gewollt hätte" (S. 277).

Kein Zweifel also, daß der Juggle Fred ein "May-Ableger" ist; ich glaube, daß man noch weiter gehen kann und ihn als den Karl May der Zeit zwischen Zwickau und Waldheim bezeichnen darf. Diese Präzisierung begründe ich zweifach:

1. Der Juggle Fred hat ein Geheimnis: "ich (habe) hier eine Aufgabe zu lösen, welche mich im Westen festhält... Ich spreche nie davon und will Ihnen nur sagen, daß ich eine Person finden will und finden muß, nach welcher ich bisher vergeblich gesucht habe" (S. 277). Übersetzungsversuch: Auch May hatte ein Geheimnis:


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Zwickau: "Wo die jugendliche Elasticität verloren gegangen ist" (S. 277) und nicht nur dort war er festgehalten worden, der geplante Neuanfang, die Auswanderungspläne (mit den Burtons!) scheitern, wegen fehlender Papiere wird er in Bremen (von Sachsen aus: im Westen) zurückgehalten. - Anmerkenswert ist, daß entgegen der Erwartung des Lesers das Geheimnis des Juggle Fred nicht gelüftet wird (daß er den Stealing-Fox wegen des Ben-New-Moon-Verbrechens sucht, ist keine "geheimniswürdige" Angelegenheit, zudem er nur indirekt daran beteiligt ist). Hier ist noch eine psychische Dimension auszudeuten, was ich aber Berufeneren überlassen muß.

2. Die Zeitangabe wird gestützt durch eine Figur aus der "Fortsetzung" des "Geist", dem Old Surehand. Auch dort treffen wir auf einen Escamotteur, auf Mr. Lothaire Thibeau, "the king of conjurers" (König der Zauberer), "von dessen Tricks man behauptete, daß sie nicht nur unvergleichlich, sondern geradezu unerreichbar seien ", so unvergleichlich, daß der Fall Thibeau der Polizei als "Unterrichtsgegenstand zur Belehrung" dient. Dieser Medizinmann ist: "ein Kreole aus Martinique" (2).

Mit der Deutung des Juggle Fred als May des Jahres 1869 ist die Figur aber noch nicht vollständig interpretiert: Bisher habe ich gewissermaßen nur das tiefschwarze Auge des Westmanns beachtet. Er hat aber noch ein himmelblaues, das wohl seine positiven Seiten charakterisiert: Er ist "ein ausgezeichneter Fährtenläufer" (S. 269 f), ist "der deutschen Sprache vollständig mächtig" (S. 270) (bei May auch stets ein Positivum), ist bescheiden (Begrüßungsgespräch mit Old Shatterhand) und hilfsbereit: er pflegt den verletzten Ben New-Moon wochenlang aufopferungsvoll. Old Shatterhand nennt ihn einen "braven Mann" (S. 350) und widmet ihm besondere Aufmerksamkeit (S. 258 f); eine Sympathie, die auf Gegenseitigkeit beruht, ist doch ein Treffen mit Old Shatterhand dem Juggle Fred "lieber, als ob ich eine Goldbonanza entdeckt hätte" (S. 271). Zur positiven Seite des Juggle Fred darf auch seine Funktion im Roman gezählt werden: Er ist der Gegenpart zum Hobble Frank, dessen Halbbildung er nachsichtig und humorvoll kommentiert und korrigiert, wozu er in der Lage ist, denn er besitzt "mehr als gewöhnliche naturwissenschaftliche Kenntnisse" (S. 376). Die enge Verbindung seiner Romanfunktion mit dem Hobble Frank ist nicht von ungefähr. Der Hobble Frank ist der mit Phantasie begabte, diese aber nicht immer im rechten Sinne einsetzende May, in dem sich schon die Schriftstellerprofession abzeichnet. Wenn Hobble Frank also dem Juggle Fred zugesteht, "daß die Natur Sie ooch mit eenigen Gaben bedacht hat, welche noch zur schönsten Entwicklung kommen können, wenn Sie sich entschließen wollen, die westgotisch-byzantinische Loofbahn zu betreten, welche ich mit siegreichen Schritten zurückgelegt habe" (S. 274), so erhellt daraus, daß die positive Seite des Juggle Fred darstellt, daß May seine "Verbrechen" zur relativieren im Stande war: Sie betrafen nicht sein ganzes Wesen: er war kein "geborener Verbrecher", trotz Höcker konnte er noch ein Westmann werden; trotz Vorstrafen war er ein anständiger Mensch geworden.

1 Paralelle zu Otto von Rodenstein im "Waldröschen".

2 Ich verweise auf die Wadenbach-Episode.


KANTEH-PETAH siehe "Feuerherz".

KRONERS siehe "der lange DAVY".

MOSKITO (MOH-AW) Schoschone, Sohn des Häuptlings "Schwarzer Hirsch" - siehe S. 6.

NEW MOON - siehe BEN NEW MOON


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OLD SHATTERHAND tritt uns im "Sohn des Bärenjägers" als "berühmtesten Westmann, den nur jemals die Sonne beschienen hat" (S. 73) gegenüber. Sein "Bärentöter" ist so berühmt, daß Jemmy ihn allein daran erkennt. Jemmy weiß auch, daß der Held schon oft für ein Greenhorn gehalten wurde, da sein Äußeres so gar nicht in den Wilden Westen zu passen scheint:

"Er war von nicht sehr hoher und nicht sehr breiter Gestalt Ein dunkelblonder Vollbart umrahmte sein sonnenverbranntes Gesicht (Guter Kamerad: Sonnverbranntes Gesicht). Er trug ausgefranste Leggins und ein ebenso an den Nähten ausgefranstes Jagdhemd, lange Stiefel, welche er bis über die Knie emporgezogen hatte, und einen breitkrämpigen Filzhut, in dessen Schnur rundum die Ohrenspitzen des grauen Bären steckten. In dem breiten, aus einzelnen Riemen geflochtenen Gürtel steckten zwei Revolver und ein Bowiemesser; er schien rundum mit Patronen gefüllt zu sein. An ihm hingen außer mehreren Lederbeuteln zwei Paar Schraubenhufeisen und vier fast kreisrunde, dicke Stroh- oder Schilfgeflechte, welche mit Riemen und Schnallen versehen waren. Von der linken Schulter nach der rechten Hüfte trug er einen aus mehrfachen Riemen geflochtenen Lasso und um den Hals an einer starken Seidenschnur eine mit Kolibribälgen verzierte Friedenspfeife, in deren Kopf indianische Charaktere eingegraben waren. In der Rechten hielt er ein kurzläufiges Gewehr, dessen Schloß von ganz eigenartiger Konstruktion zu sein schien, und in der Linken eine --- brennende Cigarre, an welcher er soeben einen kräftigen Zug that, um den Rauch mit sichtlichem Behagen von sich zu blasen.

Der echte Prairiejäger gibt nichts auf Glanz und Sauberkeit. Je mitgenommener er aussieht, desto mehr hat er mitgemacht. Er betrachtet einen jeden, der auf sein Aeußeres etwas gibt, mit souveräner Geringschätzung. Der größte Greuel ist ihm ein blankgeputztes Gewehr. Nach seiner festen Ueberzeugung hat kein Westläufer Zeit, sich mit solchem Schnickschnack zu befassen. Nun sah an diesem jungen fremden Manne alles so sauber aus, als sei er erst gestern von St. Louis aus nach dem Westen aufgebrochen. Sein Gewehr schien vor einer Stunde aus der Hand des Büchsenmachers hervorgegangen zu sein. Seine Stiefel waren makellos eingefettet und die Sporen ohne eine Spur von Rost. Seinem Anzuge war kaum eine Strapaze anzusehen, und wahrhaftig, er hatte sogar seine Hände rein gewaschen"(S. 56/57).

Auffallend - auch im Textbild - ist die Betonung der brennenden Zigarre. Da feindliche Indianer in der Nähe sind, muß das Rauchen einer Zigarre als große Unvorsichtigkeit angesehen werden. Ob May ausdrücken wollte, daß sein Old Shatterhand sich solche Sorglosigkeit leisten kann? Oder kennzeichnen die drei Gedankenstriche an dieser undramatischen Stelle nur eine Schaffenspause des Schriftstellers, der ja während der Arbeit in großen Mengen Zigarren verbrauchte (1)?

Die übergroße Sauberkeit des berühmten Westmannes ist bemerkenswert genug. Auch die ausdrückliche Angabe, daß er "sogar seine Hände rein gewaschen hatte" fällt in besonderer Weise aus dem Rahmen. Die Wendung ist dem biblischen "Seine Hände in Unschuld waschen" verwandt. Moralische Integrität wird so demonstriert. In den "Ich-Romanen" ist Old Shatterhand Karl Mays Über-Ich, eine phantasievoll übersteigerte Selbstdarstellung. Das ist Old Shatterhand selbstverständlich im "Sohn des Bärenjägers" ebenfalls. Aber ich glaube, ihn in diesem "Er-Roman" auch als Über-Ich im psychoanalytischen Sinne deuten zu dürfen. Die Funktionen des Über-Ichs (nach Freud) sind:

1. "die Billigung oder Mißbilligung von Handlungen und Wünschen aus Gründen der Redlichkeit" (2): Old Shatterhand bewertet recht häufig die Pläne und Ansichten seiner Gefährten (die ja meist


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Teil-Ich Karl Mays sind): Kritik an Jemmy (S. 76, 83, 148, 154), Lob Martins S. 120, Franks Erzählkunst wird gepriesen und seine moralische Einstellung bestätigt, Jemmy gegenüber moralisiert er in der Upsaroka-Episode.

2. "kritische Selbstbeobachtung" 2: Diese Funktion ist bei May nicht sehr stark ausgeprägt, aber einige Äußerungen Old Shatterhands lassen sich in dieser Richtung deuten: "So kommt es, daß man für ein Wunder gehalten wird, während man doch nur das ist, was jeder andere auch ist" (S. 61). Zweimal (S. 58, 62) läßt Old Shatterhand erkennen, daß er sich für die mißliche Lage des Bärenjägers mitverantwortlich fühlt.

3. "Selbstbestrafung" 2: Jede Aktion Old Shatterhands gegen Bösewichter, die als Personifikation der "dunklen" Seelenteile Mays gedeutet werden können, ist als Selbstbestrafung anzusehen. Da es im "Sohn des Bärenjägers" eigentlich nicht um eine Verbrecherjagd geht, wird diese Funktion hier nicht angesprochen. Einzig die Knieschuß-Episode wäre in dieser Richtung zu interpretieren (vgl. Klaus Eggers: Hobble und Ödipus).

4. "das Verlangen nach Wiedergutmachung oder Reue, wenn Unrecht getan wird" 2. Das ist eine grundlegende Haltung der Figur Old Shatterhand.

5. "Selbstlob oder Selbstliebe als Belohnung für tugendhafte oder erwünschte Handlungen" 2: Die ganze Figur ist als Selbstbestätigung Mays anzusehen, darüber hinaus läßt May seinen Old Shatterhand, also sich selbst, ständig als berühmt, edel, gut, unübertrefflich etc. etc. bestätigen. Auch der Dank der Geretteten darf hier angeführt werden.

Als Teil des psychischen Apparates repräsentiert das Über-Ich "die introjezierten Eltern" (3). Da die Über-Ich-Bildung sich im 5./6. Lebensjahr vollzieht, darf bei Karl May, der in diesem Alter in besonderem Maße dem Einfluß des Vaters unterworfen war, eine starke Übernahme der "Über-Ich-Inhalte" des Vaters angenommen werden. Insofern ist Old Shatterhand also der "Vater im Sohne". Hedwig Pauler hat das am Auftrittsarrangement deutlich aufgezeigt: "Old Shatterhand (hinterläßt) beim ersten Vorstellen Vexierspuren, die nicht ohne Grund mit denen eines Mammut verglichen werden: Mammut - das Urtier - das Alter - der Alte" (4).

Die beiden großen Abenteuer Old Shatterhands (Überwältigung und Gefangennahme von Tokvi-tey und Zweikampf mit Kanteh-petah) sind Auseinandersetzung mit Vaterbildern. Beide Male wird der Vater durch den Sohn besiegt, dann aber geschont und dem eigenen Anhang "einverleibt".

In diesen Zusammenhang paßt die Betrachtung der Autoritätsfrage. Old Shatterhand ist von seinem Auftritt an der Anführer. Selbst Winnetou tut, was Old Shatterhand anordnet (S. 223: "Old Shatterhand hat es uns geboten, und so müssen wir es tun") oder er bestätigt - meist wortlos oder einsilbig - dessen Befehle oder Pläne. Diejenigen, die der Führerschaft des Helden skeptisch gegenüberstehen, sehen ihren Irrtum bald ein (S. 77: "Winnetou ... hat Euch ... sozusagen als unseren Anführer proklamiert, und das hat mich im Stillen so ein klein bißchen wurmen wollen; nun gebe ich zu daß er recht gethan hat. Ihr seid uns gar gewaltig überlegen, und ich will mich in Zukunft gern unter Euer Kommando stellen.") Fehlt diese Einsicht, dann enden Widerspenstigkeiten mit Gefangennahme durch grausame Feinde (5).

Gelegentlich nimmt die Old-Shatterhand-Figur christusähnliche Züge an. So, wenn der Westmann den besiegten Upsarokas das Leben mit der an biblische Worte erinnernde Wendung "Steht auf! Geht hin, nehmt eure Waffen und Eure Pferde!" (S. 174) schenkt. Das von May


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für die Buchausgabe ausgelassene Gespräch zwischen Winnetou und Tokvi-tey enthält ebenfalls Anhaltspunkte für eine solche Deutung. "Er, der viel ältere Mann, widmete dem Deutschen eine Verehrung, wie er sie noch für keinen Menschen empfunden hatte. Zu dieser Verehrung gesellte sich eine Scheu, wie man sie nur für höhere Wesen hat ..." "Ich habe in stillen Nächten an seiner Seite gesessen und seinen Worten gelauscht; es sind Worte des großen, guten allmächtigen Geistes gewesen, Worte der Liebe und Milde, der Versöhnung und Erbarmung. Seit ich sie gehört habe, thue ich so wie Old Shatterhand - ich töte keinen Menschen." "Und seit Winnetou seinen Bruder Old Shatterhand gefunden hat, ist ihm die Erkenntnis gekommen, daß der große Geist die Liebe ist ... Der Schöpfer der Erde hat seinen Sohn Je-su gesandt, um seinen roten und weißen Kindern wissen zu lassen, daß Friede sein soll in allen Ländern " (6). Das sind Textstellen, die - daran sei erinnert - nicht im Deutschen Hausschatz, sondern im Guten Kameraden stehen.

Im "Geist des Llano estakata" wird Old Shatterhand nicht mehr vorgestellt. Er hat in diesem Rahmen auch keine eigentliche Funktion. Bei seinem Eintreffen auf Helmers Home entlarvt er kurz den Dragoner, dann findet er das Kleiderversteck der Geier, er übernimmt das Kommando beim Endkampf gegen die Geier und verschafft den verdurstenden Siedlern Wasser, indem er den Kaktus anstecken läßt.

Geriet die Gestalt deshalb etwas in den Hintergrund, weil es im "Geist des Llano estakata" dank der Bewältigungsarbeit am "Sohn des Bärenjägers" nicht mehr um das Vater-Problem ging, sondern mehr um die Beziehung zur Mutter?

1 Vgl. dazu: Fritz Maschke: Karl May und Emma Pollmer, Bamberg 1973, S. 41.

2 Charles Brenner: Grundzüge der Psychoanalyse, Frankf./M, 1981, (Fischer-Taschenbuch 6309), S. 108.

3 Ebd., S. 113.

4 Hedwig Pauler: Der Held des Westens oder The Life and the Opinions of Mister Pen-man in the dark and bloody Grounds, unveröffentl. Manuskr., S. 9.

5 die Betonung, alle hätten in der Prärie gleiches Recht (vgl. S. 77 f) ist - wie immer bei Old Shatterhand - reines Lippenbekenntnis.

6 Zitate nach Wilhelm Vinzenz: Winnetou und Old Shatterhand in M-KMG Nr. 28, Reprint der ausgelassenen Stelle, S. 21 ff.


PFEFFERKORN, Jakob (der "dicke Jemmy") - siehe "der lange DAVY".

SANNA, Bobs Mutter - siehe Bob.

SCHWARZER HIRSCH (Tokvi-tey), Schoschonen-Häuptling, siehe S.6 , S. 10.

SCHWERER MOKASSIN (Hong-peh-te-keh), Ogallalla-Häuptling, siehe S. 9 , S. 10.


SNUFFELS; diese beiden gehören zu den bei May häufig vorkommenden Westmannpaaren. Es handelt sich um die Zwillingsbrüder Jim und Tim Hofmann, zwei Deutsche: "lange, außerordentlich schmächtige Gestalten, von denen man hätte annehmen mögen, daß sie wochenlang Gäste des Hungers gewesen seien. Daß dem aber nicht so sei, zeigte ihre gesunde Hautfarbe und kräftige Haltung, welche sie im Sattel behaupteten... Überraschend war die außerordentliche Ähnlichkeit, welche zwischen ihnen herrschte. Wer sie erblickte, mußte sie sofort für Brüder, vielleicht gar für ein Zwillingsbrüderpaar (Guter Kamerad: Zwillingspaar) halten (1). Diese Ähnlichkeit war so bedeutend, daß man sie, zumal beide ganz gleich gekleidet waren, nur mit Hilfe einer Schmarre unterscheiden konnte, welche dem ei-


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nen von ihnen quer über die linke Wange lief. Sie trugen bequeme, dunkelgraue, wollene Überhemden und ebensolche Hosen, starke Schnürschuhe, breitrandige Biberhüte und hatten ihre schweren, breiten Lagerdecken wie Mäntel hinten von den Schultern herabhängen. Ihre ledernen Gürtel waren mit Klapperschlangenhaut überzogen und trugen die gewöhnlichen Kleinwaffen und sonstigen Requisiten des Prairienmannes. Flinten hatten sie auch, aber direkt aus dem Laden des Gewehrhändlers kamen dieselben jedenfalls nicht; ihr Aussehen war vielmehr ein solches, daß sie den Namen "Schießprügel" mit vollem Recht verdienten ... Leider war diesen beiden Reitern keine allzugroße männliche Schönheit zuzusprechen, was seinen Grund in dem Umstande hatte, daß der hervorragendste Teil ihrer Gesichter auf eine ganz ungewöhnliche Weise entwickelt war. Sie hatten Nasen, aber was (Guter Kamerad: und eben was für welche!) für welche! Man konnte getrost darauf schwören, daß zwei solche Geruchsorgane im ganzen Lande nicht wieder zu finden seien. Nicht die Größe allein, sondern auch die Form war außerordentlich, ebenso die Farbe. Um sich diese Nasen vorstellen zu können, müßte man sie gesehen haben. Denkt man sich den in Gestalt einer Weintraube verholzten Saftausfluß einer Birke, in allen möglichen Farben schimmernd, welche sich jemals auf einer Malerpalette befanden, so kann man sich einen ungefähren Begriff von diesen Nasen machen. Und dabei waren auch sie einander geradezu zum Erstaunen ähnlich. Es gab kein gleicheres Brüderpaar als diese beiden Männer, welche wohl bereits manchen Sturm erlebt hatten, da sie wenigstens in der Mitte der Fünfziger standen. Nun darf man aber nicht denken, daß der Eindruck ihrer Gesichter ein abstoßender gewesen sei, o nein! Sie waren sorgfältig glatt rasiert, so daß kein Bart den wohlwollenden Ausdruck derselben verbarg. In den Mundwinkeln schien ein heiteres, sorgloses Lächeln sich für immer eingenistet zu haben, und die hellen, scharfen Augen blickten so gut und freundlich in die Welt, daß nur ein schlechter Menschenkenner behaupten konnte, man habe sich vor ihnen in acht zu nehmen" (S. 295 f). Weiter erfahren wir über die Brüder Hofmann, daß sie zwei wohlabgerichtete Rosinanten, die Maultiere Molly (Jim) und Polly (Tim) reiten und daß sie ständige Redensarten im Munde führen: "Das ist das höchste der Gefühle" läßt Tim in seine Reden einfließen (2) und sein Bruder Jim, der die Schmarre im Gesicht hat, charakterisiert alle Bewegungsvorgänge als ein sich von außen um etwas herumschlängeln (3).

Die beiden Snuffels sind hervorragende Westmänner. Den Beweis dafür liefern sie anläßlich des Unterrichts im Fährtenlesen, den sie den aufgeblasenen Diamantboys geben - besser hätte es Old Shatterhand auch nicht machen können - und durch ihr kluges Verhalten bei dem Zusammentreffen mit den Mördern Feuersterns (S. 304-313, S. 328 ff) (4). Ihre moralische Integrität zeigt sich an ihrem engagierten Eintreten für die Rechte der Indianer (S. 314 f) und ihrer freundschaftlichen und hilfsbereiten Beziehung zu Eisenherz.

Anhaltspunkte für eine Deutung der beiden Snuffels sind Name, Nase und Alter. Die biographische May-Forschung ist bisher auf den Namen Hofmann noch nicht aufmerksam geworden - daß er von einiger Bedeutung ist, zeigt seine Verwendung im stark autobiographisch gefärbten 'Der verlorene Sohn' -, so daß biographische Elemente augenblicklich noch nicht an den Snuffels festzumachen sind.

Auf der psychologischen Ebene hat die auffallende Nase Schlüsselfunktion. Arno Schmidt wies darauf hin, daß "Nasenmenschen " bei May recht häufig vorkommen (Trapper Geierschnabel, Vogelnazi, Lord Lindsay, Sam Hawkens, Methusalem u.a.). Die Deutung der Nase als Phallussymbol, die Arno Schmidt nach Freud angibt, wird von Ingeborg Bröning (nach Jung) bestätigt: in der Betonung des Phalli-


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schen sieht sie "den Aspekt der Reife des Helden, da die Geschlechtsreife allgemein als Zeichen der Reife gilt" (5). In engem Zusammenhang mit der Nasensymbolik steht bei May und Bröning die Haar-/Bartsymbolik: "Die Behaarung, auf die Träume und Phantasien aufmerksam machen, 'meint ganz ursprüngliche Kräfte'"(6): Die Snuffels sind sorgfältig glattrasiert und es wird ausdrücklich nochmals betont, daß sie bartlos sind. Wichtig für eine psychoanalytische Deutung ist zuguterletzt die Form der Nasen: sie haben die Gestalt des traubenförmig verholzten Saftausflusses der Birke (7).

Wegen der außerordentlichen Ähnlichkeit dürfen die Snuffels als Verdoppelung einer Spiegelung angesehen werden, die aus dramaturgischen Gründen vorgenommen wurde. Deutungshypothese: Ein reifer Mann (May: 45 Jahre/Snuffels 55 Jahre) bei dem die ursprünglichen (sexuellen) Antriebe und Kräfte nicht mehr im Vordergrund des Interesses stehen (bartlos) und deshalb nachlassen (Form der Nase: Potenzschwierigkeiten: die Diamantboys nennen die Snuffels: two snub-noses: Zwei STUMPF-Nasen (S. 299)). Mays häusliche Situation macht diese Deutung recht wahrscheinlich: Er arbeitete "wie ein Pferd" und mußte zusätzlich mit der äußerst lärmgestörten Wohnsituation fertig werden (Wohnung über einer frequentierten Gaststätte) (8).

1 Im Roman 'Im Reiche des silbernen Löwen' werden die Snuffels eindeutig als Zwillinge eingeführt: Jim ist nur 5 Minuten älter als Tim (Deutscher Hausschatz, 23. Jg. (1896), S. 466). Sie werden allerdings nicht mehr als Deutsche geschildert: weder heißen sie Hofmann, noch sprechen sie mit Old Shatterhand deutsch.

2 Dieser Ausspruch könnte der "Zauberflöte" entnommen sein: 2. Aufz. 29. Auftr.: Duett Papageno : Papagena: "Es ist das höchste der Gefühle, wenn viele, viele, viele Pa-Pa-Pa-gena, Pa-Pa-Pa-Pa-gena, Der Eltern Segen werden sein." Die weiter unten aufgestellte Hypothese zur psychoanalytischen Deutung der Snuffels erhielt durch den Zusammenhang mit dieser Szene eine Stütze: Dieses höchste der Gefühle war May versagt geblieben.

3 Im "Silberlöwe I" hat May Tims Redewendung "vergessen".

4 Daß die Snuffels im ersten Kapitel des Romans 'Im Reiche des silbernen Löwen' ganz und gar keine guten Westmänner mehr sind, hat m.E. nur den Grund, daß sie das Pech haben, mit Old Shatterhand zu reisen, da May diesen ja stets mit Gefährten ausstattet, die ihm zu Abenteuern und Ruhm verhelfen. Im "Geist" stehen sie nicht so sehr in seinem Schatten.

5 Ingeborg Bröning: Die Reiseerzählungen Karl Mays als literaturpädagogisches Problem, Ratingen, 1973, S. 135.

6 ebda., S. 143.

7 Die merkwürdige Form der Nase wird im "Silberlöwe" nicht mehr beschrieben, auch das glattrasiert und bartlos fehlt dort.

8 Arno Schmidt gibt an, daß es "Prä-Snuffels" bei May gibt: Im Roman 'Deutsche Herzen - Deutsche Helden' treten die beiden Westmänner Tim und Jim Snaker, die allerdings weder bezüglich ihrer Kleidung, noch ihrer Nasen den späteren Snuffels gleichen, auf: Jim hat überhaupt keine mehr; sie wurde ihm abgeschnitten, und Tim hat eine dünne, spitze, scharf gebaute und gebogene Nase. (DH-DH, KMV-Reprint, S. 830.)


STEALING-FOX siehe Burton.

STEWART, Llano-Geier, siehe S. 12 f.

TOKVI-TEY, siehe Schwarzer Hirsch.

WELLER, siehe Burton.


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WINNETOU tritt im "Sohn des Bärenjägers" als "Edelindianer" auf: "der Apachenhäuptling, der herrlichste der Indianer. Sein Name lebte in jeder Blockhütte und an jedem Lagerfeuer. Gerecht klug, treu, tapfer bis zur Verwegenheit, ohne Falsch, ein Freund und Beschützer aller Hilfsbedürftigen, gleichviel ob sie rot oder weiß von Farbe waren, so war er bekannt über die ganze Länge und Breite der Vereinigten Staaten und deren Grenzen hinaus"(S. 64).

Der große Häuptling steht jedoch im Schatten Old Shatterhands. Dieser ist der Anführer des Zuges (von Winnetou dazu "proklamiert", vgl. S. 77), Winnetou stimmt den Befehlen und Plänen seines weißen Bruders stets - meist wortlos - zu. Deutlich dominiert Old Shatterhand auch bei den Abenteuerhandlungen. "Old Shatterhand voran und Winnetou hinter ihm ... Der Weiße hatte den Boden Zoll für Zoll tastend zu untersuchen, und der Indianer hatte sich zu bemühen, sich ganz genau in den Eindrücken, welche der erstere hervorgebracht hatte, zu halten" (S. 86). Beim Schoschonenabenteuer überwältigt Old Shatterhand den "Moskito" und holt Tokvi-tey aus seinem Zelt; Winnetou hält ihm lediglich die Zeltdecke hoch. Im Zweikampf mit den Upsarokas tritt Winnetou gegen den unbedeutenderen Gegner und im weniger gewichtigen ersten Kampf an. Geradezu als Befehlsempfänger Old Shatterhands sieht sich Winnetou im Endkampf (vgl. Biogramm Old Shatterhand). Auch die Erzählung vom ersten Zusammentreffen der beiden Blutsbrüder betont die Überlegenheit des Weißen.

Zu den vorangegangenen Ausführungen paßt, daß Winnetou in seinem Äußeren dem Erscheinungsbild Old Shatterhands angepaßt ist: "Er war ganz genau so gekleidet wie Old Shatterhand, nur daß er anstatt der hohen Stiefel Mokassins trug. Auch eine Kopfbedeckung hatte er nicht. Sein langes, dichtes, schwarzes Haar war in einen hohen, helmartigen Schopf geordnet und mit einer Klapperschlangenhaut durchflochten. Keine Adlerfeder schmückte diese indianische Frisur. Dieser Mann bedurfte keines solchen Zeichens, um als Häuptling erkannt und geehrt zu werden. Wer nur einen Blick auf ihn richtete, der hatte sofort die Ueberzeugung, einen bedeutenden Mann vor sich zu haben. Um den Hals trug er den Medizinbeutel, die Friedenspfeife und eine dreifache Kette von Bärenkrallen, Trophäen, welche er sich selbst mit Lebensgefahr erkämpft hatte. In der Hand hielt er ein doppelläufiges Gewehr, dessen Holzteile dicht mit silbernen Nägeln beschlagen waren. Dies war die berühmte Silberbüchse, deren Kugel niemals ihr Ziel verfehlte. Der Ausdruck seines ernsten, männlich schönen Gesichtes war fast römisch zu nennen; die Backenknochen standen kaum merklich vor, und die Hautfarbe war ein mattes Hellbraun mit einem leisen Bronzehauch"(S. 63 f).

Die Winnetou-Gestalt des Romanes 'Der Sohn des Bärenjägers' vermag ich nicht biographisch oder psychologisch zu deuten.

Im Roman 'Der Geist des Llano estakata' wird Winnetou zunächst als dominante Persönlichkeit geschildert. Er tritt gegen die beiden falschen Mexikaner auf, schließt das Bündnis mit den Komantschen und verfolgt die flüchtigen Geier. Sobald er jedoch mit Old Shatterhand zusammentrifft, übernimmt dieser die Führerrolle. Nach der recht kurzen Begrüßung der beiden Helden wird Winnetou nur noch einmal (Anfeuerungsruf des Hobble-Frank) erwähnt.

Die Deutung des Winnetou im "Geist" ist an der Personenbeschreibung und einem Ausruf des Hobble-Frank festzumachen:

Winnetou reitet einen "prachtvollen Rappen, welcher auf indianische Weise aufgeschirrt und gesattelt war. Indianisch war auch der Anzug des Mannes, indianisch sein Gesicht, welches keine Spur von Bart zeigte. Dafür aber hing ihm eine Fülle langen, schwarzen Haares weit über den Rücken herab; in der Hand hielt er eine zweiläufige Büchse, deren Holzteile mit silbernen Nägeln beschlagen waren" (S. 404).


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"Winnetou? Da sei Viktoria getrommelt und gepfiffen; denn wo der Apache is, da muß ooch der Bärenjäger und sein kleener Martin sein! Laßt mich 'naus; ich muß sie alle beede angtukah umärmeln! Nee, so eene Weihnachten! Hier mitten in der Sahara und bei fast schtockdunkler Nacht mit meinen besten Freunden zusammenzurennen, da is doch die Freude (Guter Kamerad: Freede) gar zu groß!" (S. 441). Die Beschreibung enthält das verräterische Wort "Weise", sie zeigt uns darüber hinaus ziemlich eindeutig das Bild eines Frauengesichtes (der Hinweis auf Winnetous "Helm" fehlt übrigens): ein Bild von Mays Mutter. Franks Ausruf ist in gleicher Weise zu deuten: der Bärenjäger, sein kleiner Martin und Winnetou, das ist die Familie May (man achte auf die Formulierung "wo der Apache is, da muß ooch ... sein") (1).

1 Peter Krauskopf hat in einer kurzen Studie ("Mutter Winnetou" in M-KMG 32, S. 28 ff, schon auf die Möglichkeit hingewiesen, Winnetou als Mutterimago zu deuten (siehe auch S. 41 ).


WOKADEH, der "Weiße Büffel", ist ein Mandane. Charakter und Aussehen sind Winnetou nachgebildet: "Er war jung, ... vielleicht achtzehn Jahre alt. Sein dunkles, schlichtes Haar war lang; keine Frisur zeigte an, zu welchem Stamme er gehöre. Das Gesicht war nicht bemalt, und sogar die Scheitellinie seines Kopfes war nicht mit Ocker oder Zinnober gefärbt. Er trug ein weichledernes Jagdhemd und hirschlederne Leggins, beide an den Nähten ausgefranst. Zwischen diesen Fransen war kein einziges Menschenhaar zu sehen, ein Zeichen, daß der junge Mann noch keinen Feind getötet habe. Die zierlichen Mokassins waren mit Stachelschweinsborsten geschmückt ... In dem roten Zeugstücke, welches er als Gürtel um die Hüften geschlungen hatte, war keine Waffe zu sehen; aber drüben am jenseitigen Ufer, wo das Pferd sich jetzt wieder aufgerichtet hatte ..., lag ein langes Jagdmesser und am Sattel hing ein mit Klapperschlangenhaut überzogener Köcher und ein Bogen, welcher aus den Hörnern des Bergschafes verfertigt war und vielleicht den Preis von zwei oder drei Mustangs hatte ...

Seine Züge waren noch jugendlich weich. Die Backenknochen traten zwar ein klein wenig hervor, doch that dies der Physiognomie nicht den mindesten Eintrag ... (die Augen) ... waren schwarz wie glänzende Kohle ..." (S. 20). Wokadeh ist der letzte seines Stammes: "Der Bruder meiner Mutter war der große Häuptling Mah-to-toh-pah. Er trug diesen Namen, weil er vier Bären auf einmal getötet hatte. Die weißen Männer kamen und brachten uns die Blattern. Mein ganzer Stamm erlag denselben bis auf wenige, welche, um den Vorangegangenen nach den ewigen Jagdgründen zu folgen, die Sioux reizten und von denselben erschlagen wurden. Mein Vater, der tapfere Wahkih (Schild), wurde nur verwundet und später gezwungen, ein Sohn der Sioux zu werden. So bin ich ein Dakota, aber mein Herz gedenkt der Ahnen, welche der Große Geist zu sich gerufen hat" (S. 21). Etwas später differenziert Wokadeh: "Wokadeh wurde von den Sioux-Ponca erzogen, welche Freunde der Bleichgesichter sind. Später wurde er gezwungen, ein Ogallalla zu sein, aber er wartete nur auf die Gelegenheit, die Ogallalla zu verlassen" (S. 36).

In zwei Episoden des Romans steht Wokadeh im Mittelpunkt der Handlung: Zu Beginn, als er mit der Unglücksbotschaft zu Martin unterwegs von den Pferdedieben gefangengenommen und von Jemmy und Davy befreit wird (bis zum Auftreten Old Shatterhands und Winnetous zeigt er dann ein vorbildliches, ja teilweise überlegenes Verhalten) und am Schluß des Romans, in der "italienischen Villa", wo er vom "Schweren Mokassin" als Verräter an den Sioux entlarvt wird. Zwischendurch erzählt er kurz von seiner Teilnahme am Kleider- und Medizinenraub der Sioux und bietet sich zum Zweikampf mit dem "Hundertfachen Donner" an.


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Das bei May einmalige Auftreten eines Mandanen ist darauf zurückzuführen, daß May das Buch "Die Indianer Nordamerikas" von George Catlin als Nachschlagwerk benutzte, in dem das Leben der Mandaner (u.a.) geschildert wird: Im 19. Kapitel wird der besondere Wert der Haut des weißen Büffels hervorgehoben - der Übersetzer H. Berghaus merkt dazu an (S. 440), daß man diese Haut Wokadeh nennt und erzählt, wie der Mandane Wah-kih (Schild) vergebens versucht, Regen herbeizuzaubern. Das 21. Kapitel ist Mah-to-toh-pah (Vier Bären) gewidmet, den Catlin im Häuptlingsornat zeichnet. Es ist bemerkenswert, daß May nicht den obersten Häuptling der Mandanen in die Verwandtschaft Wokadehs eingliedert, der als "strenger, trotziger" Mann "mehr gefürchtet als geliebt wird" (S. 84), während Mah-to-toh-pah, der zweite Häuptling, als edelmütig, fein, wohlgesittet in seinem Benehmen, schön, brav, tapfer und "gewiß der außerordentlichste Mann unter allen jetzt lebenden Indianerhäuptlingen" (S. 85) charakterisiert wird. Der Idealisierungstendenz Mays entspricht, daß er bewußt von der Quelle abweicht, indem er betont, daß Wokadehs Scheitel nicht mit Ocker oder Zinnober gefärbt ist, was nach Catlin bei den Mandanern üblich war.

Die tragische Geschichte Wokadehs und seines Stammes hat May dem Anhang A, Kapitel "Aussterben der Mandaner" entnommen: "Im Herbst des Jahres 1838 brachten die Herren Mackenzie, Mitchell u.a. vom oberen Missouri die Nachricht nach New York, daß im Sommer des genannten Jahres durch die Pelzhändler die Blattern unter die Mandaner eingeschleppt worden seien, daß in zwei Monaten der ganze Stamm bis auf 30 oder 40 ausgestorben und daß der feindliche Stamm der Riccarier, der etwa 20 Meilen weiter stromabwärts wohnte, nach dem Aufhören der Krankheit das verödete Dorf in Besitz genommen und die wenigen übriggebliebenen Mandaner zu Sklaven gemacht habe ... Nachdem die Riccarier bereits einige Monate in dem Dorfe der Mandaner gewohnt hatten, wurden sie von ihren Feinden, den Sioux angegriffen, und während sie sich tapfer verteidigten, hatten die gefangenen Mandaner den Entschluß gefaßt, gemeinschaftlich den Tod zu suchen. Sie verließen daher die Verpalisadierung, liefen auf die Prärie hinaus und forderten die Sioux, sowohl Männer als auch Frauen auf, sie zu töten; sie seien Hunde der Riccarier, sagten sie, alle ihre Freunde seien gestorben, und sie wollten nicht mehr leben. Sie drangen darauf voll Verzweiflung mit ihren Waffen auf die Sioux ein, um diese zu reizen, und wurden sämtlich getötet" (S. 419). Catlin berichtet dann, daß Mah-to-toh-pah überlebte, aber aus Kummer über den Untergang seines Volkes beschloß, den Hungertod zu sterben. Er schließt mit den Worten: "Dies sind die glaubwürdigsten Nachrichten über das Aussterben der freundlichen und gastlichen Mandaner; es ist möglich, daß noch einzelne von ihnen leben, obwohl ich es nicht für wahrscheinlich halte, aber selbst wenn dies der Fall wäre, so haben sie doch als Nation aufgehört zu existieren" (S. 420).

So wie Cooper in Unkas den letzten Mohikaner verherrlichte, so hat May in seinem Roman 'Der Sohn des Bärenjägers' dem letzten Mandaner ein Denkmal gesetzt.

Eine so positive Figur ist bei May stets auch mit autobiographischen Zügen versehen. Zunächst darf Wokadeh analog zu Teilaspekten der Winnetougestalt als Wunschbruder Mays (Martin ist "ein kleiner weißer Bruder" (S. 21)) interpretiert werden. Darüber hinaus deutet das Stichwort "Blattern" auf konkrete biographische Elemente (vgl. 'Mein Leben und Streben', S. 19). Auffällig ist, daß Wokadeh in "seinen" beiden Episoden jedesmal in Gefangenschaft gerät. Das erste Mal: Er will Gutes tun, wird entdeckt, verfolgt, gefangengenommen, erhält Schläge, wird befreit, bringt seine Aufgabe doch noch zum guten Ende. Bei der Interpretation der Handlung habe ich diese Szene auf die Lichtwochner-Affäre bezogen.


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Zwischen den beiden Gefangennahmen erzählt Wokadeh vom Kleiderraub, der Erinnerungen an Mays diverse Kleiderschwindeleien wachruft. Dann wird er wieder gefangen: Wokadeh ist gegenüber seinen "Schlafgenossen" unkorrekt gewesen, hat Vertrauen mißbraucht, wird plötzlich vom "eigenen Stamm" (zu Hause, Hohenstein) verhaftet, sagt beim Verhör ungeschickt die Unwahrheit; Gegenstände, deren Herkunft er nicht zufriedenstellend legitimieren kann, überführen ihn, er wird verurteilt, soll in ein dunkles Loch geworfen werden: Das alles - auch das Alter Wokadehs - läßt an die Verhaftung 1861 denken (siehe auch S. 4, S. 9).


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