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VIII. Geld


Emma in ihrer Eigenschaft als Furie taucht in der ›Studie‹ neben den bereits erörterten Frauen-Kampfbund-Szenen noch bei der Schilderung ihrer Wutausbrüche, ihrer Schimpfworte und, vor allen Dingen, im Rahmen der Beschreibungen des alltäglichen Kampfes um das Geld auf. Die Einstellung der beiden Protagonisten zum Geld hätte auch nicht unterschiedlicher sein können.

   Auf der einen Seite die Frau, die mangels attraktiver Lebensentwürfe für Frauen im wilhelminischen Zeitalter eigenen Erfolg nur über den sozialen Aufstieg des Mannes definieren kann und bei einer schuldhaften Scheidung völlig leer ausgeht. Eigenes Geld hat sie nicht, auch keinen Rechtsanspruch darauf. Auf Gedeih und Verderb verbunden mit einem Ehemann, der zunächst finanziell dürftige Zeiten erlebt, bevor für ihn ab 1892, dem Erscheinen der Fehsenfeld-Buchausgaben, goldene Zeiten anbrechen; ein Ehemann, der aber dann von einer Großzügigkeit (insbesondere für andere) ist, daß Emma angst und bange wird.

   Dann aber erkannte ich es, das Geld, als einen Dämon, den man förmlich aus dem Hause jagen und damit zwingen muß, Gutes zu tun, sonst bleibt es faul daheim und legt sich auf das Böse, schreibt May in seinem Schriftsatz an Dr. Larrass im Dezember 1907.248

   Und Emma reagiert von Anfang an unnachsichtig und kleinlich, jedenfalls, wenn es um Karls unverständliche Bedürfnisse geht: Es war mir jede


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Gabe an sie [seine Geschwister], sogar auch zu Weihnacht, streng verboten. Aber für ihre Sinnlichkeit konnte sie zur Verschwenderin werden. (Studie, S. 829) Obwohl Emma als seine Universalerbin eingesetzt gewesen sei (und daher gar nicht nötig gehabt habe, Geld beiseite zu schaffen, so May, der den Scheidungsfall nicht bedenkt), habe Emma ihm fortgesetzt, in Einzelfällen Summen von 3 und 6 und 12 Tausend Mark auf einmal, unterschlagen. Um den in May aufsteigenden Argwohn von sich abzulenken, habe sie den Verdacht des Betruges auf seinen Verlagsbuchhändler gerichtet, den maßgeblichen Verlagscontract aus dem betreffenden Schreibtischkasten gestohlen und ihn versteckt (Studie, S. 887f.). Hierzu hat May in seiner Eingabe an das Landgericht Berlin von 1911 noch näher ausgeführt, daß er zur Untersuchung des Verdachts mit Emma nach Freiburg (zum Verleger) und Stuttgart (zum Drucker) gefahren sei und Detektive eingeschaltet habe; diese völlig überflüssige Reise habe nur hohe Kosten verursacht, tatsächlich seien die Herren völlig unschuldig gewesen.249

   Die Kosten der Leser-Besuchsreisen, vor allem aber die der Orientreise von ca. 50.000 Mark, das sind für Emma unnütze Geldausgaben, während er ihr die alte Pollmersche Geldgier vorhält, die während der Orientreise dazu geführt habe, daß sie begann, nachzurechnen, zu zählen, zu feilschen, zu handeln, zu schimpfen, zu raisonniren. Sie blamirte uns täglich, oft sogar fast stündlich. Sie drohte, mir dies Alles daheim wieder abzusparen. (Studie, S. 898) Als das Reisegeld nur noch 5.000 Mark betrug und May auch aus diesem Grund eine Weiterreise nach Bagdad ausschloß, brüllte (sie) mich an, daß daran meine bisherigen Ausgaben schuld seien. Wenn ich besser gewirthschaftet hätte, so würde ich jetzt Geld genug haben und nicht wie ein dummer Junge dastehen ... (Studie, S. 901) Obwohl er ihr vor der Entscheidungsreise im Juli 1902 einen Tausendmarkschein zur Erfüllung eigener Wünsche überreicht haben will, stiehlt sie ihm noch 6.000 Mark und gibt sie Klaras Mutter zur Aufbewahrung. Zwei oder drei Tage später in Berlin entnimmt sie geschickt aus einem mehrfach umhüllten Geldbündel einen Hundertmarkschein und, so May in seiner ›Studie‹, sagt zu Klara: »Siehst Du, Mausel, so muß man es machen! Nur immer so viel Geld nehmen wie möglich! Es ist besser, wir habens!« (Studie, S. 917) Und dann kauft sie sich auch noch ständig luxuriöse Seidenblusen die man nur 3-4 mal tragen könne (Studie, S. 918). Auf der Reisestation in München kommt es dann zu Klaras Geständnis, daß Emma ihrem verstorbenen Mann 36.000 Mark zur Aufbewahrung gegeben habe, die Emma über die Jahre heimlich an sich genommen hatte (Studie, S. 922).

   Ein schmutziger Kleinkrieg um die wirtschaftliche Dominanz bei völlig unterschiedlichen Einstellungen zum Geld also, den May da schildert, und er schildert ihn zutreffend.

   Zu der Reise nach Freiburg, die zwecks Untersuchung der Betrugsvorwürfe gegen Fehsenfeld im Sommer 1893 unternommen worden war, schreibt May am 17. September 1893 an Fehsenfeld:


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Der Hauptgrund, daß ich nichts fertig brachte, ist meine gegen früher hochgradig gesteigerte Nervosität, auf welche meine Frau nicht die mindeste Rücksicht nimmt, und dann ein familiärer, über den ich nicht schreiben kann. Meine Frau ist seit der unglückseligen Reise eine ganz andere geworden.250


Zu ehelichen Zwistigkeiten rund ums Geld berichtet Pauline Fehsenfeld, die das Ehepaar anläßlich ihrer Reise nach Freiburg und in die Schweiz im Sommer 1893 erstmals kennengelernt haben will:


(...) doch schon auf der Reise war Karl May launisch und reizbar. Frau Emma, eine so gute sparsame Hausfrau sie auch war, verstand nicht, ihren Mann zu nehmen, so wie er war, und seine Psyche war ihr vollständig verschlossen. Sie wußte nicht zu schweigen am richtigen Platz, sie war kleinlich sparsam, er großzügig und verschwenderisch. In Bönigen, am Brienzer-See, wo wir zusammen Unterkunft hatten, kaufte May viele schöne Ansichtskarten. Darüber machte ihm Frau Emma eine Scene. Er stürmte im Zorn davon, rannte in der Gegend umher und kam erst spät nachts zurück.251


Nachdem Fehsenfeld an Emma am 12. März 1894 eine genaue Abrechnung über Soll und Haben geschickt hat, antwortet May, relativ verzweifelt, am 21. März 1894:


Ich habe Ihnen mitgetheilt, daß ich arme Verwandte unterstütze, was meine Frau nicht will. ... Ein Mann hat ja überhaupt oft Ausgaben, für welche die Frau kein Verständnis hat, wie oft z. B. kaufe ich mir teure Bücher, deren Preis ich meiner Frau auf das Viertel oder Fünftel angeben muß, damit sie nicht zankt! ... Ich gab Ihnen die 150 Mark [die May Fehsenfeld zur Entlohnung eines Kopisten nebst großzügigem Geschenk schuldete] heimlich. Das hat mir über Weihnacht hinaus Zank, Verdruß und schlechte Zeit gemacht. ... Und jetzt am 12-ten März, richten Sie wieder einen Brief an sie, in welchem Sie ihr mein ganzes Soll und Haben mittheilen, so daß mir alle Hände gebunden sein würden und ich in pecuniärer Beziehung geradezu auf lange Zeit hinaus ihr Sklave wäre, wenn das Hausmädchen nicht so gnädig gewesen wäre, den Brief mir statt meiner Frau zu geben!252


Einen köstlichen Fund machte Hans Grunert bei Durchsicht von Mays Brockhaus: unter dem Stichwort ›Schöne‹ hatte May - daß Emma dort nichts nachschlagen würde, mußte ihm als sicher genug gelten - einen Posteinlieferungsschein über eine am 13. Oktober 1896 bei der Post in Oberlößnitz-Radebeul eingezahlte Summe von 100 Mark für seinen Schwager Schöne in Hohenstein-Ernstthal versteckt.253

   Vor einer Urlaubs- und Lesereise schreibt May am 9. Mai 1897 an Emil Seyler: Ich liebe Checkbücher pp nicht, will mich auch nicht mit Geld schleppen; erlauben Sie, inliegende 2000 Mrk (Reisegeld von Deidesheim an) bei Ihnen niederzulegen!254 Eine Taktik, die auch dazu taugt, Emma gegenüber die Reisekosten zu minimieren.

   In der 2. Hälfte 1897 beklagt sich May gegenüber seinem Schwager Heinrich Selbmann:


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... leider aber hat meine Frau mir diesen Brief auch nicht gezeigt. Darum habe ich auch sofort dafür gesorgt, daß die Maschine vollends bezahlt werden kann. Die 40 Mark von Frau Trultzsch will ich der Anna schenken.255


Und noch während der Orientreise, am 15. Oktober 1899, pumpt er seinen Verleger an:


Mein Reisegeld wird wahrscheinlich grad nur bis Egypten reichen, und da das eine Summe von gegen 30.000 Mark beträgt, so möchte ich meiner sparsamen Hausfrau nicht den Schmerz bereiten, direct noch tiefer greifen zu müssen. Sie soll gar nichts davon merken, und so darf das, was ich noch entnehme, nicht von den neuen Auflagen sein. Bitte, haben Sie die Güte, und kreditiren Sie mir 6.000 Mark auf die beiden neuen Bände, welche ich vorhin erwähnte! Die schreibe ich so, daß Emma nichts weiß ...256


Am 7. Mai 1901 schickt Karl May 100 Mark an Marie Hannes und schärft ihr ein: Kein einziger Mensch, auch Tante Emma nicht, soll ahnen, daß ich mich zu Deinem Bankier emporgewachsen habe.257

   Und Emma?

   Hat das Beiseiteschaffen des Geldes natürlich nicht bestreiten können, aber nach Rechtfertigungsgründen gesucht: durch Verschwendung des Ehemannes erforderlich gewordene (gemeinsame) Notgroschen für schlechte Zeiten einerseits, eigene Ersparnisse vom Wirtschaftsgeld andererseits, wahlweise auch Geburtstagsgeschenke des großzügigen Ehemannes,258 Varianten mithin, die sich ausschließen: denn entweder war sie die umsichtige Hausfrau, die fürsorglich dem traumtänzelnden Künstlergatten mit unregelmäßigem Einkommen eine gemeinsame Altersvorsorge verschaffte; oder es war ihr eigenes, sauer erspartes Geld, mit dem sie machen konnte, was sie wollte. Nach der Scheidung jedenfalls verlangte sie mit Schreiben vom 19. März 1903 an Wilhelmine Beibler, Klaras Mutter, die vor der Reise anvertraute Summe zurück und verklagte später May auf Rückzahlung jener 36.000 Mark, die Klara Plöhn an May zurückgegeben hatte.259

   Die Höhe der letztlich heimlich beiseite gelegten Summe von ca. 42.000 Mark übersteigt das durchschnittliche, von Fehsenfeld bezogene Jahreseinkommen zwischen 1892 und 1907, das May mit 30.000 Mark angab, erheblich. Der Kaufpreis für die Villa Shatterhand in Radebeul, eine 10-Zimmer-Villa mit großem Garten und in guter Wohnlage, fertiggestellt Ende 1894, erworben am 30. Dezember 1895, betrug 37.300 Mark.260 Emma selbst erhielt nach der Scheidung eine Rente von 3.000 Mark jährlich, Anhaltspunkte, die einen ungefähren Kaufkraftvergleich der beiseite geschafften Summe ermöglichen.

   Unabhängig von einer juristischen, moralischen oder gesellschaftlichen Wertung dieses, nennen wir es neutral, Sicherheitsdenkens von Emma: der durch Streitigkeiten und Zank vergiftete Alltag und der zutage getretene


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Vertrauensmißbrauch allein dürften eine hinreichende Grundlage auch für starke Worte bieten.




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